76 V. Abschnitt. Der Sieg des Nationalitätsprinzips.

des Hasses,“ sagt Sybel, „der dankbaren Liebe und der wilden
Derachtung! Ein unfähiger Politiker, ein Wohltäter Europas,
ein Abenteurer und Bandit, ein Meister der Regierungskunst:
so schallen die Urteile durcheinander und werden von den
Vslkern und den Parteien in lebhafter Bewegung verhandelt.
Er selbst hat schweigsam gelebt und ist schweigsam geftorben,
ein unbequemes und aufregendes Rätsel für die öͤffentliche
Meinung der Zeitgenossen.“ Noch ist die Möglichkeit nicht ge⸗
boten, dieses Rätfel zu lösen; die Quellen für die echte Ge—
schichte des merkwürdigen Mannes sind noch nicht genügend
erschlossen; dankbare neue Kunde werden ohne Z3weifel ein⸗
mal die Aufzeichnungen der noch lebenden Kaiserin bieten.
Ein unbedeutender Mensch, wie man wohl auch behauptet
hat, ist er sicherlich nicht gewesen; wer so wie er die Politik
eines Erdteils fast zwei Jahrzehnte hindurch beherrscht oder
doch auf den Gang der Ereignisse bestimmenden Einfluß geübt
hat, muß, abgesehen von seiner Machtstellung, auch über eine
nicht gewöhnliche Kraft des Willens und des Geistes ver—
fügt haben.
Ein Franzose im eigentlichen Sinne des Wortes war Na⸗
poleon III. ebensowenig, ja noch weniger als sein großer
Oheim. Napoleon Bonaparte, Italiener und bis zu seinem
zwanzigsten Lebensjahre von Haß gegen die Zwingherren seiner
heimatinsel erfüllt, wurde Franzose, als die Revolution
seinem Ehrgeiz Bahn öffnete; er wurde Franzose, um fortan
Frankreichs Volkskraft als Mittel für seine Pläne zu ver—
werten. Der Neffe war zwar in Paris geboren und hatte
französisches Blut wenigstens von mütterlicher Seite in den
Adern, doch vom sechsten bis zum vierzigsten Jahre, also in
der Lebensperiode, welche für die Gestaltung des menschlichen
Charakters entscheidend ist, lebte er in aller herren Ländern,
nur nicht in Frankreich. Er sah von Frankreich nichts als die
Wände der Gefängnisse, in welche er nach seinen Putschen ge—
steckt wurde. Seine Schulbildung erhielt er in Deutschland, seine
militärische Erziehung in der Schweiz; die Cehrzeit der revo—
lutionären Demagogie machte er in JIlalien durch; staats⸗
männische Anregung erhielt er in englischer und amerikanischer
Umgebung. Er lernte mithin von allen Kulturvölkern, außer
vom französischen. Zu SFrankreich fühlte er sich nicht durch
baterlandsliebe hingezogen, sondern weil der Thron seines