82 V. Abschnitt. Der Sieg des Nationalitätsprinzips.

neue italienische Staat sich etwa einmal der päpstlichen Au—
torität zu politischen Swecken bediene, wie im 14. Jahrhun—
dert die Könige von Frankreich den Einfluß der Päpste in
Avignon für sich ausgebeutet hatten. Auf Andringen auch der
protestantischen Mächte bot die italienische Krone nach der Be—
setzung Roms (20. September 1870) dem Papst Pius IX. die
leoninische Stadt, das Trastevere, als souveränen Besitz an.
Natürlich war es aber der Wunsch der Regierung, daß dieser
Dorn möglichst bald aus dem Fleisch gezogen werde. Un—
ruhen, welche Gott weiß wer angeregt hatte, boten Anlaß,
die Entscheidung einer Volksversammlung zu übertragen:
80 Prozent der Stimmberechtigten, 98 Prozent der Abftim⸗
menden sprachen sich gegen das päpstliche Regiment aus. Da—
mit war dem Kirchenstaat ein Ende gemacht. Den Päpsten ver—
blieb der souveräne Besitz der Peterskirche, des Vatikans
und des Lateranischen Palastes in Kom, sowie der Sommer-⸗
wohnung Castell Gandolfo am Albanersee. Trotzdem wurde
die angebliche „Gefangenschaft“ des Papstes von vielen Katho—
liken auch außerhalb Italiens als Gefährdung der Selbständigkeit
 des Papsttums beklagt. Inzwischen hat jedoch eine vier⸗
zigiährige Erfahrung jene Besorgnis als unbegründet
erkennen lassen. In keinem anderen Jahrhundert hat die
katholische Kirche so mächtig in das politische Leben einge—
griffen; nie hat der katholische Kultus in und außer Curopa
eine so weite, in alle Höhen und Tiefen eindringende Ver—
breitung gefunden; nie hat die Ehrerbietung der Monarchen
und der Völker gegenüber dem Oberhaupt der römischen Kirche
eine solche Steigerung erfahren, als seit der Entäußerung der
Päpste von der allezeit nur mit sehr weltlichen Mitteln auf—
recht zu haltenden Herrschaft über einen Kleinstaat. Die auf
Wiederherstellung der weltlichen Macht der Paͤpste zielenden
hilferufe sind denn auch immer schwächer geworden und haben
heute nur noch eine akademische Bedeutung. —
Osterreich verlor durch Solferino und Röniggrätz seine ita—
lienischen Provinzen, aber in den österreichischen Erblanden
war auch sonst an vielen Punkten eine nationale Bewegung er—
wacht, wobei die Forderung: Los von Osterreich! mehr oder
weniger laut als Losung diente. In Ungarn wurde nichts
Geringeres angestrebt, als die Kroaten, Walachen, Deutschen
und alle anderen Volkselemente im Lande völlig unter die