Nationale Bestrebungen und Kämpfe in den österreichischen Erblanden. 83

herrschaft der magyarischen Minderheit zu bringen und für
die Stephanskrone volle Selbständigkeit zu erringen. Da zur
Durchführung dieses Programms die Konservativen, die Sec—
zenyi und Eötvös, mit den gemäßigt Liberalen unter Deaks
Leitung und mit dem allgemeinen Schutzverein, dem radi—
kalen Vedegylet unter Kossuth einmütig Hand in hand gingen,
war die Bewegung von unwiderstehlicher Uraft. 8war der
Aufstand von 1848-1849 wurde von den vereinigten Oster—
reichern und Russen niedergeschlagen; auch hier folgte eine
Reaktion auf staatsrechtlichem und kirchlichem Gebiet, doch die
nationale Partei wuchs immer mächtiger empor. Als der
österreichische Minister v. Schmerling 1861 das schon einmal
gescheiterte Experiment der Errichtung eines Zentralparla—
ments für sämtliche Teile der österreichischen Monarchie im
ungünstigsten Zeitpunkt wieder aufnahm, setzten die Ungarn
passiven Widerstand entgegen. Nach dem unglücklichen Feldzug
von 1866 erfolgte unter wenig glücklicher Vermittlung des
österreichischen Ministerpräsidenten Grafen Beust die Bei—
legung des langen Streites wesentlich im Sinne der Deakpartei.
sAm 20. Sebruar 1867 wurde ein selbständiges ungarisches
Ministerium berufen, am 8. Juni die Stefanskrone, welche einst
Joseph II. als historisches Kuriosum in die Wiener Schatz—
kammer hatte bringen lassen, dem „König von Ungarn“, Franz
Joseph, aufgesetzt. Der Staat jenseits der Leitha erhielt volle
Unabhängigkeit. Mit EOsterreich sollte das neue Königreich
nur noch die Vertretung der auswärtigen Angelegenheiten und
die wechselseitige Landesverteidigung gemein haben.
In Osterreich gibt es zwei große flawische Gruppen, im
Süden die Illyrier, die sich zu fast gleichen Teilen aus Ser—
ben, Slawonen und Kroaten zusammensetzen, im Norden die
Tschechen, die mit den hannaken in Mähren und den Slo—
waken an der Tatra fast 19 Prozent der Gesamtbevölkerung
ausmachen. Bei der politischen Wiedergeburt des Tschechen—
tums spielen literarische Verhältnisse eine große Rolle, die
Entdeckung der sogenannten Königinhofer handschrift mit
ihren altböhmischen Heldenliedern und anderer künstlerischer
und literarischer Keliquien, eines nationalen Schatzes, dessen
Gold und Edelsteine an blendendem Schimmer nichts zu wün—
schen übrig lassen, nur daß sie die Probe auf Echtheit nicht
ausgehalten haben. Die Böhmen wollten sich auch nicht mit