84 V. Abschnitt. Der Sieg des Nationalitätsprinzips.

der Anerkennung einer tschechischen Nationalität, ja nicht ein—
mal eines Tschechentums begnügen; nirgends wird der Idee
des Panslawismus, der Zusammengehörigkeit und der herr—
schaft aller Zweige des ssawischen Stammes so überzeugungs—
treu gehuldigt, als bei den Enkeln der hussiten. Da der sla—
wische Stamm mit seinen 70 Millionen der zahlreichste in
Europa, so gehöre ihm die Zukunft:

Spät erst treibt die CLinde Blüten,
doch sie duften süß und hold
und Arznei wird draus gewonnen,
und sie bergen Honiggold.
So auch wird dem Slawenstamm
spät des Blühens Glück zuteil,
doch aus seinen Blüten kommen
wird der ganzen Welt erst Heil!

Jablonsky.

In Böhmen errang die nationale Propaganda, obwohl der
deutsche Teil der Bevölkerung kräftig widerstrebte, über—
raschende Erfolge. Es rächte sich bitter, daß die Volkskraft
des Tschechentums, obwohl sie schon im 15. und 17. Jahr—
hundert so furchtbar zutage getreten war, lange Seit unter—
schätzt, „der Böhm'“ vom deutsch-Osterreicher nur als komische
Figur verspottet worden war. Dagegen richtete sich nun das
Tschechentum seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als
eine Macht auf, die den Deutschen nicht bloß in Böhmen, son—
dern auch in rein deutschen Provinzen bedrohte.
Wie die Tschechen auf die Wiederkehr des Königtums des
heiligen Wenzel, setzten die Südslawen des österreichischen
Kaiserstaates auf die Auferstehung des Königreichs Illyrien
ihre hoffnung. Sie verstehen darunter das Gebiet, das Na—
poleon 1810 als illyrische Provinzen an Frankreich an—
gliederte: die südlichen Teile von Steiermark, Kärnten und
Krain, Görz, Gradiska, Kroatien und Dalmatien. In den
Tagen der deutschen Schillerfeier huldigten die in diesen Erb—
landen lebenden Slawen dem Andenken des kroatischen Rechts⸗
gelehrten Lindewit Gaj, der gleichzeitig mit dem napoleo—
nischen Illyrien das Licht der Welt erblickt hatte und, zum
Manne gereift, der feurigste Prophet des Illyrismus gewor—⸗
den war. Ihm verdanken die Südslawen die einheitliche Schriftsprache
 (nach dem serbischen Dialekt von RKagusa) und die