Nationale Bestrebungen und Kämpfe in den österreichischen Erblanden. 85

einheitliche Schriftart (nach tschechischem Muster). Sein Pro⸗
gramm war die Schaffung eines Großillyriens von der Drina
dis zur Drau mit Einschluß von Bosnien und der herzegowina.
Diese Pläne leben noch fort; noch heute gibt es Anhänger
eines „Trialismus“, der neben Osterreich und Ungarn als
gleichberechtigtes drittes Glied der Habsburgischen Monarchie
Anen nationalen Verband aller Südslawen ohne Unterschied
des Stammes und des Bekenntnisses aufstellen will.
Während aber solche Wünsche in Böhmen und Illyrien nur
in Versammlungen und Zeitungen laut wurden, gab sich die
nationale Strömung bei einem andern slawischen Stamme das
ganze Jahrhundert dindurch in immer wiederholten Aufständen
kund, in Polen. Die deutschen Liberalen haben lange Zeit eine
moralische Pflicht darin erblickt, von der „Beraubung des
ritterlichen Polens“ mit Entrüstung zu sprechen. heute wird
kaum noch behauptet werden, daß nur sträfliche Raubgier
Friedrichs des Großen die Katastrophe von 1772 verschuldet
habe. Wenn nicht König Friedrich eine Verteilung von nicht
mehr lebensfähigen polnischen Provinzen angeregt und durch⸗
gesetzt hätte, so wäre die ganze Kepublik unrettbar dem Zaren⸗
reiche verfallen. Etwas anderes war es mit der zweiten und
dritten Teilung. Bei der ersten hatte Preußen nur Gebiete
gewonnen, die früher von Polen dem Deutschherren⸗Orden ab—⸗
genommen, die durch deutsches Schwert und deutschen Pflug
der Barbarei abgeruugen waren. In diesen Gebieten hätte sich
leicht die Assimilierung an die alten deutschen Candesteile voll⸗
zogen. Die Minister Friedrich Wilhelms II. begnügten sich
aber nicht mit diesem Erwerb, sondern gingen unbedenklich
auf die von Rußland angeregte weitere Aufteilung ein. Der
polnische Staat wurde gänzlich aufgelöst. Ob es nicht vorteil⸗
hafter gewesen wäre, ein geschwächtes, durch seine sprichwört—⸗
uͤche Uneinigkeit ungefährliches Polen als Pufferstaat zwischen
Deutschland und dem russischen Koloß zu belassen? Diese Frage
kann wohl aufgeworfen werden, aber kein deutscher Patriot
wird daraͤn die Forderung knüpfen, es müsse wieder zurückge—
geben werden, was seit mehr als hundert Jahren in deutschem
Besitz sich befindet.
Per Gewaltakt hat seine Kechtfertigung gefunden durch das
zivilisatorische Werk, das Preußen und Osterreich in den ein—
derleibten Gebieten durchgeführt haben. Wie wenig trotz aller