Die großdeutsche und die kleindeutsche Idee. 87

drossen die Ausbreitung ihrer Ideen angelegen sein. Solange
Friedrich Wilhelm IV. die Krone trug, war an eine Ver⸗
wirklichung ihrer Pläne nicht zu denken. Nach einer Skizze, die
er Dahlmann im Jahre 1849 mitteilte, wünschte dieser Mon⸗
arch nichts anderes als einen mit Fürftenrat und Parlament
ausgestatteten Staatenbund, an dessen Spitze der Kaiser von
Osterreich als „Ehrenhaupt deutscher Nation“ stehen sollte,
Neben ihm sollie ein „eutscher König“, wie weiland zu Frank⸗
furt im Konklave der alten Bartholomäuskirche, gewählt
und, wenn katholisch, durch den Erzbischof von Köln, wenn
evangelisch, durch einen eigens zu ernennenden evangelischen
Erzbischof von Magdeburg gesalbt und gekrönt werden; der
Rönig war aber nur als Keichserzfeldherr gedacht, dem in
Kriegszeiten die übrigen deutschen Könige und Großherzoge als
Keichswehrherzöge“ untergeordnet sein sollten.
Wie man sieht, war gerade derjenige Fürst, dem nach klein⸗
deutschem Programm die deutsche Krone zukam, ein überzeug⸗
ler Hertreter großdeutscher, recht eigentlich mittelalterlicher
Anschauungen.
Ein Umschwung der deutschen CLage war also erst möglich,
seit am 7. Oktober 1858 an Stelle des von Geisteskrankheit
ergriffenen Rönigs dessen Bruder, Prinz Wilhelm von
Preußen, die Regentschaft übernahm. Sybel vergleicht den
vbom Geschick zur Lösung der deutschen Frage ausersehenen
Fürsten glücklich mit Rudolf von Habsburg, von dem ein gleich⸗
zeitiger Chronist sagte, er sei vor allem ein „aufrichtiger und
auf die Sache sehender Mann“ gewesen. Die altpreußische
Partei hatte in ihm ihr Oberhaupt verehrt, das übrige Deutsch⸗
iand hatte ihm bisher wenig Neigung entgegengebracht. Er
war nicht so geistreich, beredt und belefen wie sein Bruder; im
foldatischen Dienst war bisher sein Tagewerk so ziemlich auf⸗
gegangen. Allein er war eine praktische Natur; er hatte die
natürsliche Gabe, das Erreichbare wahrzunehmen, und eine
nicht gewöhnliche Klarheit der Auffafsung, die sich namentlich
in einer fast irrtumslosen Menschenkenntnis bewährte. Dazu
kam eine günstige Verbindung von Festigkeit und Biegsamkeit
des Geistes, wie sie im Gegensatz zum Doktrinär dem prak—⸗
tischen Staatsmann eigen ist. Bis an sein LCebensende blieb
er unerschütterlich seinen konservativen Grundsätzen treu, ge⸗
stand aber ohne widerstreben zu, daß in veränderten Zeiten