Bismarcks politische Anfänge. 91

zahlreichen anderen Faktoren und Faktörchen zu rechnen hatte.
Seine tägliche Arbeit glich einem Gewebe, das aus vielen
hundert von allen Ecken des Webstuhles zusammenlaufenden
Fäden gewirkt werden mußte, und in das immer wieder fremde
hände von links oder rechts störend eingriffen. —
Der Eintritt Bismarcks in die Laufbahn eines Politikers
hatte sich mit seiner Wahl in den sog. Vereinigten Candtag
in Berlin 1847 vollzogen. Er selbst verwahrt sich in seinen
„Gedanken und Erinnerungen“ gegen die gäng und gäbe An—
heftung von Vorurteilen des Junkerstandes an seine Jugend—
zeit. Er habe schon damals eine „ständisch-liberale“ Gesinnung
in sich getragen, meint er, und wenn er sich in seinen Reden
Außerungen erlaubte, die damit nicht übereinstimmten, so sei
es nur geschehen im Unwillen über die abgedroschenen Kedens—
arten und den Mummenschanz der Opposition, über die
falsche Sentimentalität Beckeraths, den rheinisch-französischen
Ciberalismus der Heydt und Mevissen und die polternde Hef—⸗
tigkeit der Vinckeschen Emanationen.
Gewiß, der Bismarck vom Vereinigten Landtag war nicht
der welterfahrene und weltmüde Bismarck, der seine Denk—
würdigkeiten Lothar Bucher in die Feder diktierte, und doch
kein anderer, nur ein jüngerer, ein Feuerkopf, von höchstem
Ehrbegriff, aber unbedenklich in der Wahl der Mittel, um
die „perbannte Ehre“ der Krone zurückzuholen. So ist es zu
verstehen, daß Friedrich Wilhelm IV., als auf einer ihm vor—⸗
gelegten Ministerliste auch Bismarcks Name sich befand, dazu
schrieb: „Nur zu gebrauchen, wenn das Bajonett schrankenlos
waltet.“ Bismarck war auch entschieden gegen die von den
„Frankfurter Zungendreschern“ angebotene Krone, weil „ihr
Gold erst durch das Einschmelzen der preußischen Königskrone
gewonnen werden müßte“, doch fügt er in den „Gedanken
und Erinnerungen“ dazu: „und hauptsächlich, weil es zweifel⸗
haft war, ob damals der Umguß gelungen wäre, und ob
Friedrich Wilhelm 1V. der geeignete Träger dieser Krone ge—
wesen wäre. Die Kriege, welche Wilhelm J. geführt hat,
würden nicht ausgeblieben sein, nur würden sie nach der Kon—⸗
stituierung des Kaisertums als Folge derselben, und nicht vor⸗
her, das Kaisertum vorbereitend und herstellend zu führen
gewesen sein. Ob Friedrich Wilhelm IV. zur rechtzeitigen
Führung derselben hätte bewogen werden können, weiß ich