Die Ernennung Bismarcks zum Ministerpräsidenten. 93

Bei seinem Eintritt in das Bundeskollegium wünschte er noch
loyales Zusammengehen mit dem Raiserstaat, da die beiden
großen Mächte im Herzen Europas den Beruf hätten, den um⸗—
stürzlerischen Zeitgeist zu bekämpfen. Als Kollege Rechbergs in
Frankfurt bekehrte er sich aber rasch zur Ansicht, daß die
habsburgisch-lothringische Monarchie zu viel fremde Volks—
elemente in sich vereinige, um noch als deutscher Staat gelten
zu können, daß also weder von Osterreich selbst noch von
einem anderen Staate im Bunde mit Osterreich eine nationale
Einigung Deutschlands durchzuführen sein werde. Von diesem
Augenblick an wirkte er gegen die Freundschaft mit Osterreich,
deren Pflege bisher in Preußen trotz aller Rivalitätsgelüste
als oberstes Gesetz gegolten hatte.
Der panische Schrecken, den Bismarcks Ernennung zum Mi—⸗
nister im September 1862 in Wien verursachte, beweist, daß
seine Bedeutung im Ausland früher erkannt wurde, als von
der großen Mehrheit seiner Landsleute. Sein politisches Pro—
gramm stand fest: Einigung Deutschlands ohne Osterreich, und
da dieses Ziel nicht ohne Kampf zu erreichen war: Verstär—
kung der Wehrkraft Preußens um jeden Preis. Fast alles war
ihm entgegen; die feindlichen Strömungen im In- und Aus—⸗
land drohten ihn zu überfluten. Er mußte die Heeresreform
gegen die leidenschaftlich widerstrebenden Volksvertreter ver⸗
teidigen, ohne daß er seine großen Pläne auch nur ahnen
lassen durfte; er mußte sich mit den preußischen Torys, die in
ihm einen verdächtigen Verehrer Napoleons erblickten, wie mit
den Liberalen, die ihn den preußischen Polignac nannten,
herumschlagen. Er hatte immer aufs neue zu kämpfen gegen
die Ränke von Damen und herren in der unmittelbaren Um—
gebung des Königs, die ihn nicht verstehen wollten oder ver—
stehen konnten. Wie wurde damals über den genialsten Staats—
mann des Jahrhunderts geurteilt! Der ihm persönlich wohl—
gesinnte Bernhardi, der Freund des herzogs Ernst von Koburg,
tadelte seine „Planlosigkeit“, die immer nur aus der hand in
den Mund lebe. Der geistvolle Max Duncker sagte: „Dieser Bismarck
 ist ein Spieler, der die Existenz Preußens, die Existenz
der Dynastie unbedenklich einsetzt.“ Fürst Anton von Hohen⸗
zollern prophezeite dem verwegenen Roturier ein Ende mit
Sschrecken. Peinlich auffällig war die Vereinsamung Preußens,
als sich am 15. August 1863 unter dem Jubel der Liberalen