94 VI. Abschnitt. Das Zeitalter Bismarcks.

fast alle deutschen Fürsten zum lang ersehnten Werk der Bun—
desreform in Frankfurt a. M. um Kaiser Franz Joseph von
Osterreich sammelten.
Das stolze Wort König Wilhelms, daß es wider die Würde
eines Uönigs von Preußen sei, an einer Staatshandlung teil—
zunehmen, die man ohne ihn vorbereitet und vorberaten habe,
wurde von manchen bedauert, von vielen verhöhnt, von
wenigen verstanden und gebilligt. heute wissen wir, wie
schwer es dem König geworden ist, sich von der Gemeinschaft
der deutschen Fürsten zu lösen. Doch er brachte der Staats
kunst des Mannes, dem er sich aus Achtung vor einer genialen
Überlegenheit unierordnete, auch dieses Opfer.
In neue Seelenkämpfe zog den Rönig die nach dem Tode
König Friedrichs VII. von Dänemark im November 1863
wieder aufgetauchte Schleswig-Holsteinsche Frage. Mit der
Mehrheit des deutschen Volkes und der deutschen Fürsten
wünschte Wilhelm die Anerkennung der Augustenburgischen
Erbfolge; Bismarck aber erklärte, ein Staat wie Preußen dürfe
nicht der Gefühlspolitik der Mittel- und Kleinstaalen Vor—
spann leisten.
Doch die deutsche Pflicht, die Schleswig⸗Holsteiner im Kampfe
gegen die ihnen von König Christian IX. aufgedrungene Ver⸗
fassung zu schützen, erfüllte Preußen hand in Hand mit Oster⸗
reich mit Mut und Kraft. Beim ersten Kanonenschuß erwachte
die alte germanische Kampffreude, und einem tapferen Fürsten
blieb der Deutsche auf die Dauer niemals gram. Und als bei
Düppel — wo der preußische General von Raven, von der
todbringenden Uugel getroffen, gelassen sagte: „Es ist hohe
Zeit, daß wieder einmal ein preußischer General für seinen
König stirbt!“ — und am Alsensund Epril 1864) der Sieg
auf die deutschen Fahnen niederrauschte, wurde denn doch schon
vielen klar, daß diefe Sühnung alter deutscher Schmach nicht
möglich gewesen wäre, wenn nicht der Rönig von Preußen und
seine Getreuen so fest auf der Neugestaltung des Hheerwesens
bestanden hätten.
Allein die Rückgabe des befreiten Landes an seinen recht⸗
mäßigen Herrn verlangte die öffentliche Meinung jetzt erst
recht; Bismarck dagegen blieb bei seinem Veto; der König
schwankte, denn er achtete und liebte den Erbprinzen von
Augustenburg. Schon klagte Bismarck, daß das „herz des