Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71. 99

Erwerbung Venetiens nur den preußischen Siegen in Böhmen
zu danken gehabt hatte, war es 1870 nicht einen Augenblick
zweifelhaft, daß die Sympathien Viktor Emanuels und der
großen Mehrheit des italienischen Volkes den romanischen
Stammesgenossen gehörten. Und auch in Wien war die Hoff⸗
nung, die neue Ordnung in Deutschland zu zerstören, noch
nicht aufgegeben; bei der Zusammenkunft Napoleons mit
Franz Joseph im Sommer 1867 in Salzburg waren Ent—
würfe zu einer Tripelallianz angesponnen worden. Daß es
aber über Besprechungen und Versprechungen nicht hinaus—
kam, das ist Bismarcks größter diplomatischer Erfolg.
Auch Napoleons hoffnung, die von Preußen „geknechteten“
süddeutschen Staaten auf seine Seite zu ziehen, schlug fehl. Die
Beleidigung des ehrwürdigen Königs Wilhelin, der „still und
heiter“ in Ems sein UKraͤnchen getrunken hatte, durch den
französischen Geschäftsträger Benedetti wurde nicht nur im
Norden zornig empfunden. auch Bayerns König teilte das
Gefühl, daß damit dem ganzen deutschen Volke ein Schimpf
zugefügt sei, für den mit vereinten Kräften Genugtuung ge⸗
fordert werden müsse.
Heftige Angriffe erfuhr die handlungsweise Bismarcks nach
dem Cinlaufen der vielbesprochenen Emser Depesche. Eigen—
mächtig und nur, um sich seiner Feinde im Innern zu erwehren,
— so wurde dem Kanzler vorgeworfen — habe er eine harm⸗
lose, höfliche Antwort des Königs in eine zum Kampfe her⸗
ausfordernde Fanfare verwandelt. Doch auqͤ die schärsste kri⸗—
tische Prüfung des Aktenstücks läßt die redaktionelle Ande—
rung nicht als Fälschung erscheinen. Eine entschiedene Ab—
weisung des französischen Ultimatums wollte ja auch der
Rönig; nur in der Schärfe des Tones griff die Bismarcksche
Fassung über die Absicht des Königs hinaus. Der Streit der
beiden Mächte war eben schon zu leidenschaftlich geworden;
die Abwehr der Beleidigung konnte nur noch im Angriff be⸗
stehen. Nachgiebigkeit war ausgeschlossen, wenn nicht die
Würde des KRönigs und die Ehre des Staates demütigende
Tinbuße erleiden sollten. Überdies konnte jeder Tag die Macht
des Gegners verdoppeln; man war in Berlin über die Ver—
handlungen Napoleons in Wien und Slorenz wohl unterrichtet.
Und endlich — die Anmaßung des Franzmannes hatte, was
niemand für möglich gehalten hatte, ganz Deutschland einig