100 VI. Abschnitt. Das Seitalter Bismarcks.

gemacht. Es wäre ein Frevel gewesen, diese glückliche Stunde
nicht zu benützen, um die Zukunft des deutschen Volkes sicher⸗
zustellen!
So zogen im Juli 1870 Bayern und Schwaben Schulter
an Schulter mit Märkern und Pommern über den Khein.
Es folgten die Schlachten bei Weißenburg und Wörth, am
4. und 6. August 1870. „Daß die Bayern“, schrieb Blanken⸗
burg frohlockend an Roon, „unter unseres Kronprinzen Füh—
rung den ersten, entscheidenden Schlag mitgetan haben, ist die
cösung der deutschen Frage!“
Die schwierigste militärische KRufgabe, die Verhinderung des
Anschlusses Bazaines an Mac Mahon, wurde von der II. Armee
gelöst. In 3 Doppelschlachten bei Colomben-Nouilly, bei Vion⸗
ville-Marslatour und entscheidend bei Gravelotte-St. Privat
(14., 16. 18. August) wurde Bazaine von der Straße nach Ver⸗
dun abgedrängt und in die Festung Metz zurückgeworfen.
Es folgt die Katastrophe von Sedan (1. und 2. September).
Tine ganze Armee von mehr als 100 000 Mann wird gefangen
genommen, Napoleon, vor kurzem noch der Diktator Euro—
pas, ist gezwungen, seinen Degen auszuliefern und seine Su—
kunft der Gnade des Siegers anheimzustellen — die Welt—
geschichte hat kaum einen zweiten Sieg von solchem Glanze
und solcher Wirkung aufzuweisen!
Während Paris von deutschen heeresabteilungen umklam—
mert wurde, bezog der Uönig von Preußen das Königsschloß
in Versailles. Wieder ein märchenhaftes Ereignis! In den
Prunkhöfen des stolzesten aller französischen Schlösser ertönt
der preußische Fahnenmarsch; unter dem Erzbild des Roi
soleil verteilt „unser Fritz“ Eiserne Ureuze an die deutschen
Ssoldaten.
Das kluge horazische Nil admirari! hat seine Grenzen.
„Kriegsglück!“ sagt der dekadente Lump, der kein Ideal hat,
als sein liebes, schwächliches, wertloses „Ich“. Die Braven,
die damals hundertmal im Kugelregen standen, die glänzend
den Beweis lieferten, was Ausbildung, Mannszucht, weise Ver—
teilung der Kräfte und unvergleichliche Tapferkeit zu leisten
vermögen, die wissen es besser: nicht das Lager übermütiger
Candsknechte war jenes Versailles, sondern das Kapitol, auf
dem ein treues Volk für seine Leiden und Kämpfe endlich den
mmergrünen Kranz empfing!