Das neue Deutsche Reich.

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Nach solchen gemeinsamen Gefahren und Erfolgen war eine
Trennung von Nord und Süd nicht mehr denkbar. Auch der
bayrische Minister Graf Bray, ein überzeugungstreuer Partikularist,
 konnte sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß die
Einzelstaaten zugunsten der Einigung und Zentralisierung
Opfer bringen müßten.
Die Verhandlungen über die künftige Gestaltung Deutschlands
 wurden in Versailles geführt. Ein neues Deutsches Keich
entstand, freilich ein anderes Staatsgebilde, als es die Freunde
der preußischen Hegemonie bisher gewünscht hatten. Nicht der
von Sybel geforderte „deutsche König“, sondern der von Görres
und Arndt ersehnte „Kaiser“ wurde Oberhaupt des Reiches.
Doch nicht eine romantische Laune rief die geschichtlichen
Namen Kaiser und Reich wieder wach, machte den „Sommer⸗
nachtstraum eines deutschen Kaisertums“, wie Treitschke 1865
gespottet hatte, lebendig. Bismarck und alle jene, denen das
mittelalterliche Gebilde bisher mehr ein ärgernis als ein an—
zustrebendes Ziel gewesen war, mußten anerkennen, daß unter
den gegebenen Verhältnissen das Kaisertum die einzig mögliche
Form der Zentralisierung der deutschen Lande sei.
Wie unter Otto J. war wieder durch gemeinsam vollführte
zlückliche Kriegstaten die Idee der Zusammengehörigkeit der
deutschen Stämme, der Notwendigkeit einer einheitlichen Zu—
sammenfassung ihrer Kräfte neu gestärkt worden.
Nichtsdestoweniger hat sich der Sonderungstrieb nicht mit
einem Mal verflüchtigt, weil er eben im deutschen Volkscharakter
wurzelt. Auch jetzt ist für die Bürger der einzelnen Staaten
die Erhaltung, die Bedeutung der partikularen Dynastien eine
herzenssorge. Die Reichsverfassung von 1871 gewährt Scho—
nung dieser Interessen und schafft dennoch einen Bund, dessen
Gliederung ihn dem Ausland als einen geeigneten Staat er—
scheinen läßt. Als Krönung dieses bundesstaatlichen Aggregats
bot sich nichts anderes dar, als die Kaiserwürde. Von einer
Kontinuität mit dem 1806 zusammengebrochenen, alten Keiche
kann nicht gesprochen werden. Bismarck selbst hat wiederholt
erklärt: „Unser Keich ist ein neues Reich, keine Fortsetzung
des alten, keine Restauration einer verflossenen Cpoche!“ Das
neue Reich hat weder Kechte noch Pflichten vom alten über—
nommen, ünd in voller Freiheit können seine Bürger alles
zurückweisen, was man ihnen im Widerspruch mit den Be—