102 VI. Abschnitt. Das Zeitalter Bismarcks.

dürfnissen der Gegenwart als eine aus der Erbschaft des alten
Reiches entspringende Pflicht aufdringen möchte. Ein pro—
testantisches Kaiserhaus wird nie den Anspruch auf eine Welt—
herrschaft erheben, nie auf die Idee sich stützen können, daß in
gleicher Weise, wie durch das Christentum die Menschheit
zu einem Glauben und zu einer Kirche vereinigt ist, auch ein
oberstes weltliches Reich zum Schutze des Kirchentums alle
Völker umschlingen soll. Nichtsdestoweniger war es, wie sich
auf Grund einer vierzigjährigen Erfahrung feststellen läßt,
eine staatskluge Berechnung, mit einem ehrwürdigen Titel an
die Crinnerung einer großen Zeit zu appellieren; insbesondere
im deutschen Süden war der Kaisertitel, wie Bismarck es ge—
wünscht und erwartet hatte, ein werbendes Element für Eini—
gung und Vereinheitlichung.
Die Kaiserproklamation in der prunkenden Spiegelgalerie
(18. Januar 1871) angesichts der Bilder, welche die Kieder—
lagen Deutschlands verherrlichen, war der Schlußgesang eines
Epos ohnegleichen. Der ganze Gegensatz zwischen dem theo—
kratischen römisch-deutschen Kaisertum und der neuen Würde
trat in jener weltgeschichtlichen Szene im Königsschlosse Cud—
wigs XIV. zutage. Die Kaiserkrone sollte nur das Symbol
der Zentralgewalt sein, sonst wurde auf keine Weise an das
alte Kaisertum des römisch-deutschen Keiches angeknüpft. „Die
Krone des neuen Reiches“, schrieb Gustav Freytag am Fest⸗
tage der Deutschen, „ist und bleibt der Helmn!“
sAm 10. Mai 1871 unterzeichneten Bismarck und Jules Favre
im Hotel zum Schwan in Frankfurt a. M. den Frieden, nach
welchem Frankreich an das neue Deutsche Reich Elsaß und
Deutsch⸗Lothringen mit Metz und Diedenhofen abzutreten, so—
wie eine Kriegskostenentschädigung von 5 Milliarden Francs
zu zahlen hatte.
Die Umwandlung der mit den Waffen zurückeroberten West—
mark in wirklich deutsches Cand konnte sich natürlich nicht
von heute auf morgen vollziehen. Die Behandlung einer Be—
völkerung, die sich jahrhundertelang von der Verwelschung
freigehalten, die aber der Ruhm Frankreichs an dieses Keich
gefesselt hatte, war eine sehr schwierige Sache, obwohl oder
vielleicht gerade, weil so starke altdeutsche Clemente in den
neugewonnenen Provinzen sich ansiedelten. Daß auf deutscher
Seite dabei viel Takt und Geschick an den Tag gelegt woͤr—⸗