Die Kommune in Paris.

103

den wären, kann nicht behauptet werden. Trotzdem wird sich
der Verschmelzungsprozeß, wenn auch langsam, vollziehen, weil
das ganze Elsaß und der größte Teil Lothringens eben
doch kerndeutsches Gebiet sind.
In Frankreich folgte unmittelbar auf den unglücklichen
Krieg eine Erhebung der in den Junikämpfen von 1848 be—
siegten radikalen RKichtung gegen die nach Napoleons Sturz
(4. September 1870) eingesetzte republikanische Regierung.
Vorübergehend geriet Paris gänzlich unter die herrschaft eines
Ausschusses der „Internationale“, der „das Ende der alten
Regierungs- und Kirchenwelt, des Soldaten- und Beamten⸗
tums, des Börsenspiels, der Monopole und Privilegien“ prokla—
mierte. Erst Ende Mai wurde der Aufstand niedergeschlagen.
Als am Husgang des Kampfes nicht mehr zu zweifeln war,
beschloß der Gemeinderat auf Antrag des Diktators Deles—
cluze, es sollten alle öffentlichen Gebaͤude in Paris, die von
Victor hugo vielbesungenen „Wunder der Welt“, zur „Leichen⸗
feier“ der Kommune in Brand gesteckt werden. Wirklich wurde,
als die Regierungstruppen am 21. Mai durch das Tor von
St. Cloud in die Stadt eindrangen, der wahnwitzige Beschluß
ins Werk gesetzt. Während des siebentägigen Barrikaden—
kampfes sanken die Tuilerien, das Palais Koyal, das Hotel
de Ville und andere Staatsgebäude, Kirchen und Theater in
bAsche. Endlich gelang es aber, auch die letzten Barrikaden
einzunehmen. 50000 Communards wurden als Gefangene
nach Versailles gebracht, doch gelang es den meisten, durch
Flucht sich der Strafe zu entziehen. Die kühnsten Führer der
Kommune, Delescluze, Dombrowsky u. a. hatten im Straßen⸗
kampfe den Tod gefunden, andere wurden standrechtlich er—⸗
schossen oder deportiert, von der internationalen Arbeiter—
schaft als „Märtyrer des Zukunftsstaates“ gefeiert.
Doch auch in Deutschland stellten sich schwere Krisen ein.
Es galt, die Ströme neuen Lebens, die das neue Reich durch—
rauschten, im Bett einer gesunden Fortentwicklung zu er—
halten.
Ein schweres Werk, das wohl schon in den Anfängen ge—
scheitert wäre, wenn nicht der an der Spitze stehende Staatsmann
 in allen Sätteln gerecht, ein immer sachlicher und dabei
doch mächtig anregender Parlamentsredner, ein rastloser Ar⸗
beiter, ein scharfblickender, mit allen Künsten vertrauter und