104 VI. Abschnitt. Das Seitalter Bismarcks.

doch im entscheidenden Augenblick nur durch verblüffende Ein—
fachheit und Offenheit wirkender Diplomat gewesen wäre.
Das Werk hätte aber auch nicht gelingen können ohne die
Bundestreue der deutschen Fürsten, deren Eintracht — wo—
für es in der ganzen deutschen Geschichte kein Gegenstück gibt —
untereinander und mit dem Kaiserhaufe schon ein volles Men—
schenalter hindurch kaum einen Augenblick getrübt wurde.
Doch andre staatsfeindliche Mächte erschwerten die Aufgabe,
das im Krieg Erworbene im Frieden auszubauen.
Der vom ökumenischen Konzil zu RKom im Juli 1870 in
Glaubenssachen für unfehlbar erklärte und seit der Cinnahme
von Rom durch die Piemontesen freiwillig als Gefangener im
Vatikan lebende Papst Pius IX. wandte sich energisch gegen
die neuen Gesetze der preußischen Regierung, welche das staat—
liche Aufsichtsrecht über die Diener der Kirche sichern sollten.
Es entspann sich zwischen den Anwälten staatlicher Autorität
und den Verfechtern der Machtansprüche der Kurie der soge—
nannte „Kulturkampf“, der jeden Augenblick in erbitterte kon—
fessionelle Fehde übergehen konnte.
Bismarck, der sich mit der hoffnung getragen hatte, im
Geiste und mit den Waffen des Protestantismus die Bewegung
unschwer zu bewältigen, — „Nach Canossa gehen wir nicht!“
— trug im Kampfe mit diesen Mächten nicht den Sieg davon:
es trat vielmehr eine deutliche Wandlung im Auftreten der
Keichsregierung gegenüber der katholischen Kirche und ihren
Bekennern zutage. Doch die nämliche Erscheinung ist bei der
zum Schutze der Papstkirche gebildeten Partei im Keichstage
wahrzunehmen; die anfänglich offen hervorgekehrten parti—
kularistischen Bestrebungen traten mehr und mehr in den hin—
tergrund und werden nur noch gelegentlich als Wahlmittel
gebraucht.
In Deutschland leben evangelisches und katholisches Bekennt—
nis gleichsam in einer gemischten Ehe. Da ist Verträglichkeit
unumgänglich geboten. Es ist heute ebensowenig eine Mög—
lichkeit gegeben, an die Gegenreformation wieder anzu—
knüpfen, wie es an der Zeit wäre, den Kampf gegen Kom
als den Erbfeind des evangelischen Glaubens zu eröffnen.
„höre man doch wenigstens endlich auf“, sagt Bismarck in den
„Gedanken und Erinnerungen“, „das alte Starenlied immer
wieder abzuleiern: meine politischen Überzeugungen sind rich—