Konfessionelle und soziale Kämpfe. 105

tig und die deinen falsch; mein Glaube ist Gott wohlgefällig,
dein Unglaube führt zur Verdammnis. Werfe man nicht immer
Tiraden von der Rednertribüne dem gleich achtbaren Gegner
ins Gesicht, die man im gesellschaftlichen Leben sich schämen
würde, zur Verwendung zu bringen!“ Der Ton macht die
Musik.
Noch gefährlicher als der religiöse Zwist schien die soziale
Frage das neue Reich zu bedrohen. Oft wird in staatstreuen
Kreisen als schwerer Fehler Bismarcks bezeichnet, daß er in
die Derfassung des neuen Reiches das allgemeine Wahlrecht
aufnahm. Tatsache ist, daß dieses Zugeständnis an den besitz—
losen Teil des deutschen Volkes der sozialistischen Bewegung
erst zu Kraft und Ausdehnung verhalf. Trotzdem war die EAb—
sicht, die den Schöpfer der Keichsverfassung zu seinem Wagnis
bewogen hatte, sicherlich die richtige. Nicht bloß wurde die
Neuordnung der Dinge durch die Erfüllung einer alten libe—
ralen Forderung mit einem Schlage populär, — es sollten
durch die Freigebung des Wortes auch die elektrisch gespann—
ten Lüfte entlastet werden. Das nächste Ergebnis war freilich
nur, daß das organisierte Proletariat nun auch im Parlament
den Staat als leidenschaftlicher Feind bekämpfte. Nachdem un—
mittelbar auf den siegreichen Krieg ein schimmernder wirt—
schaftlicher Aufschwung gefolgt war, trat 1873 ein trauriger
Rückschlag ein. Auf den Gründerschwindel folgte der Gründer—
krach. Das war Wasser auf die Mühle des seit 1848 immer
mächtiger aufgewachsenen Sozialismus. Das Grundeigentum, so
wurde, wie schon erwähnt, von Marr und Engels und Lassalle
gefordert, muß verschwinden, die Grundrente zu Staatsaus—
gaben verwendet, das Erbrecht abgeschafft, gleicher Arbeits—
zwang für alle eingeführt, die Arbeit systematisch eingeführt
werden. Dieses Programm fand in Deutschland eine philo—
sophische Vertiefung und eine praktische Bedeutung, wie sie
bisher die Ledru Rollin, CLouis Blanc, Raspail für ihre Lehre
nicht zu erringen vermocht hatten. Unter den sozialen und
moralischen Wirkungen der finanziellen Krisen gelang es, die
unzufriedenen Massen dem Bürgertum abwendig zu machen
und in eine frondierende Sonderstellung zu treiben. Wie die
Kitter im 12., die Humanisten im 15., die Galanthommes
im 18. Jahrhundert in gemeinsamen Interessen sich zusammen—
fanden, so organisierte sich das Proletariat im 19. Jahrhun—