108 VI. Abschnitt. Das Seitalter Bismarcks.

das die Opfer des Jahres 1871 nicht verschmerzen kann, die
hilfe Osterreichs nötig, während Osterreich der deutschen Hilfe
zur Lösung der Balkanfrage bedarf. Schon 1876 hatte Bis—
marck den sonst so hochverehrten Saren auf eine Anfrage, ob
Deutschland, wenn Kußland über dem Ronflikt mit der hohen
Pforte auch mit Osterreich in Krieg geriete, neutral bleiben
würde, nicht im unklaren gelassen, daß er Deutschland an
Osterreichs Seite finden würde. Der Susammenbruch der Türkei
nach dem Fall von Plewna, der Vormarsch der KRussen über
den Balkan gegen Konstantinopel, der die russische Macht in
gefährlicher Weise erweiternde Friedensvertrag von Santo Ste—
fano ließen erkennen, daß auf die eine Karte der Freundschaft
mit einem Reiche, das allzeit nur auf Erweiterung seines
Gebiets, nicht auf gesunde Fortentwicklung der nationalen
Kräfte bedacht ist, nicht alles gesetzt werden dürfe. Das in
Santo Stefano erschütterte europäische Gleichgewicht sollte der
Berliner Kongreß von 1878 wiederherstellen. Wie vorsichtig
sich auch Bismarck auf der schmalen, Krieg und Frieden schei—
denden Linie bewegte und im allgemeinen die russischen Forde⸗
rungen eher begünstigte als beeinträchtigte, erlitt doch die
historische Freundschaft zwischen Rußland und Preußen einen
gefährlichen Riß. Der Sturz des den Deutschen freundlich ge⸗—
sinnten russischen Botschafters Schuwalow, die Rüstungen der
Russen an der Westgrenze, die Angriffe der russischen Presse
bewogen Bismarck zu engerem Anschluß an Osterreich. Das
österreichisch-deutsche Bündnis wurde 1883 durch den Beitritt
Italiens erweitert; gerade diejenigen zwei Mächte, die im
Juli 1870 drauf und dran gewesen waren, Deutschland in
den Rücken zu fallen, sollten ihm fortan die gefährdeten Gren—
zen decken. Bei alledem dachte Bismarck nicht daran, die Brücke
nach Petersburg abzubrechen; um das Sarenreich über den
friedlichen Zweck seines Zusammengehens mit Osterreich zu
beruhigen, schloß er 1884 mit Rußland einen geheimen Rück—
versicherungsvertrag, der den Bundesgenossen verpflichtete, für
den Fall des Angriffs einer dritten Macht auf Deutschland
wohlwollende Neutralität zu bewahren. Zweifelsohne war es
ein politischer Fehler, daß nach Bismarcks Entlassung diese
Rückversicherung aufgegeben, daß, wie Bismarck klagte, der
Draht nach Rußland abgeschnitten wurde. Erst infolge dieser
Abschwenkung kam die von Frankreich angestrebte Annäherung