überseeische Politik der europäischen Nationen. 111

in der Politik nachgab, und von Napoleon III. der leicht
ein Übermaß von politischen Ansprüchen sich erlaubte. Jeder
phantastische Uberschwang lag Bismarck fern; das Unerreich—
bare und Uferlose lockte ihn niemals; er wünschte für Deutsch—
land nur eine Machtstellung, wie sie vom deutschen Volke ge—
fordert, eingenommen und behauptet werden konnte. Er war
demgemäß von Hhaus aus durchaus nicht darauf erpicht, Unter—
nehmungen ins Leben zu rufen oder zu fördern, die über den
Rahmen deutscher oder doch europäischer Politik hinausreich—
reichten. So stand er denn auch den Anfängen der kolonialen
Bewegung eher widerstrebend als freundlich gegenüber, An—
fängen, die ja auch in ihren Zielen keineswegs klar waren. Auch
war nicht unrichtig, was ebenso von der freisinnigen Partei wie
vom Sentrum gegen eine selbsttätige kultivatorische Kolonial—
politik eingewendet wurde: der Gewinn einiger kulturloser tro—
pischer Gebiete konnte vorläufig nur wenig Nutzen bringen.
Den deutschen Raufleuten und Fabrikanten wäre es für den
fugenblick vorteilhafter gewesen, ihre Absatzgebiete in den
riesig ausgedehnten, der Kultur schon lange erschlossenen eng—
lischen Kolonien zu suchen.
Doch der Kanzler blickte zu scharf in die Welt, als daß
ihm entgangen wäre, daß eine neue Seit gekommen sei, eine
SZeit, in der viele von den Schranken, welche die Völker des
Weltalls trennten, ebenso fallen mußten, wie die mMautschranken
zwischen den deutschen Zollvereinsstaaten in der Mitternachts⸗
stunde zu Neujahr 1834. Er sah, daß die Welt aufgeteilt
werde, daß eine allzu ängstliche Politik, die am allgemeinen
Wettbewerb um die besten Plätze in den neuerschlossenen Welt—
teilen nicht teilnehmen wollte, das Ansehen einer Großmacht
schädigen würde. Wenn England ügypten unter seine Botmäßigkeit
 gebracht hat und dort, wie in hinterindien, am Senegal
und am Kongo, im Mittelmeer und im Indischen Ozean mit
Frankreich um die Herrschaft streitet, wenn in Asien die eng⸗
lische und die russische Interessensphäre, wie von geheimen
Naturgewalten getrieben, immer weitere Ausdehnung suchen,
so kann das stärkste Mitglied des mitteleuropäischen Bundes
nicht tatenlos beiseite stehen; das „Nichts zu fuchen“ hätte
wahrlich keinen Sinn. Das nationale Kraftgefühl verlangt
Betätigung, das Anwachsen der Population einen Abzugskanal.
Der Widerspruch parlamentarischer Gegner war für den