112 VII. Abschnitt. Weltpolitik.

Kanzler mehr ein Ansporn, denn ein hindernis, und so wurde
schon von ihm, wenn auch immer maßvoll und wachsam, in
jene Pfade eingelenkt, die man heute als Weltpolitik bezeichnet.
Ein Land, dessen Bewohnerzahl sich alljährlich nahezu um
eine Million Köpfe vermehrt — so hoch beläuft sich heute
der Überschuß der Geburten in Deutschland —, defsen wirt—
schaftliche Entwicklung die Verbindung mit dem Weltmarkt
nötig hat, das auf die Zufuhr von Rohstoffen aus aller herren
Ländern und auf eine entsprechende Ausfuhr der eigenen Fabri—
kate nach allen Teilen der Welt angewiesen ist; ein Land, das
seine Konkurrenzfähigkeit nur aufrecht erhalten kann, wenn
die geistige und technische Pildung der breiten Volksmassen
es zu wirksamen Wetteifern mit den übrigen Welthandels—
mächten befähigt; ein Land, dessen Bevölkerung auf verhält—
nismäßig engem und wenig reichem Boden nur mittelst größter
Anstrengung und schwerster Arbeit sich behauptet, — ein
solches Land kann unmöglich auf die Dauer regiert werden
nach den Prinzipien und Tendenzen von gestern.
Auch Bismarck, wiewohl ihn die Konsequenzen überseeischer
Erpansion immer noch beängstigten, konnte sich nicht ver—
hehlen, daß ein aktiveres und intensiveres Verfahren in diesen
Fragen eingeschlagen werden müsse. Als Markstein dieses Um—
schwunges ist das Celegramm Bismarcks an den deutschen Kon—
sul in Kapstadt (April 1884) anzusehen. Die Firma Lüderitz
in Bremen hatte in Angra Pequena an der ,Küste des süd—
lichen Westafrika einen hafen, auf welchen keine andere Nation
rechtlichen Anspruch erheben konnte, nebst einem Gebiet von
10 deutschen Geviertmeilen erworben. Als von den deutschen
Nolonen eine weitere Ausdehnung angestrebt wurde, die eng—
lische Kapkolonie aber Miene machte, dem Nachbarn den Platz
streitig zu machen, telegraphierte Bismarck an den Konsul in
Kapstadt: „Nach Mitteilungen des herrn Lüderitz scheinen
die englischen Kolonialbehörden zu bezweifeln, daß seine Er—
werbungen auf deutschen Schutz Anspruch haben. Erklären Sie
amtlich und nachdrücklich, daß Herr Lüderitz und seine Nieder—
lassungen unter dem vollen Schutz des Reiches stehen!“
Fortan wandte sich die lang zurückgehaltene deutsche Volks—
kraft beherzter und häufiger der kolonialen Tätigkeit zu, ja,
das Reich selbst schritt zu Erwerbungen in Afrika und in Poiynesien.
 Außer Südwestafrika vom Oranje bis zum Kunenefluß