114 VII. Abschnitt. Weltpolitik.

Staaten und des britischen Reiches. Den Vereinigten Staaten
war im Laufe des 19. Jahrhunderts ungeheurer Bevölkerungs—
zuwachs zuteil geworden. Auf die französischen Flüchtlinge
der Kestaurationszeit und die mit dem heimischen Regiment
unzufriedenen Iren war eine starke Woge deutscher Einwan—
derung gefolgt. Insbesondere in der Keaktionsperiode nach
1848 wurden dem amerikanischen Freistaat tüchtige Volks—
elemente zugeführt, Tausende von Deutschen, die, mit der Bil—
dung der alten heimat ausgerüstet, — es sei nur an Karl
Schurz und seinen Kreis erinnert —, in der neuen den Samen
deutscher Geisteskultur ausstreuten. Die durch die wachsende
Slut der Ansiedlung ermöglichte Urbarmachung der unge⸗
heuren westlichen Gebiete steigerte ihre politische und wirt
schaftliche Bedeutung so ins Unermeßliche, daß ängstliche Wirt—
schaftspolitiker in diesem jugendlichen Wachstum Amerikas
schon den Untergang für das alternde Europa erblickten. Nicht
die Waffen Amerikas, sagte der englische Parlamentarier Dilke,
wohl aber das amerikanische Getreide, Fleisch und Eisen auf
der einen, die amerikanischen Zölle auf der andern Seite wer—
den Europa besiegen und die NYankees zu Herren der Welt
erheben. Der Aufschwung der Union hat in der Tat etwas
Märchenhaftes. Um das Jahr 1850 konnte noch auf keinem
wirtschaftlichen Gebiete von einer Ebenbürtigkeit Amerikas
gesprochen werden; Europa versorgte die Union mit Menschen
und Waren, mit Büchern und Erfindungen; der einzige Stapelartikel
 Amerikas war die Baumwolle der Südstaaten. In den
sechziger Jahren aber wurden auf Carenys Betreiben die
strengen Schutzzölle eingeführt, die das Entstehen und Wachs—
tum der verschiedensten Industrien überraschend förderten. Un—
geheure Steppen und Urwälder, bis dahin nur Jagdgründe
der Indianer, wurden durch Eisenbahnen dem Verkehr eröffnet
und durch die nach Westen wandernde Volksmenge in Getreide—
land umgeschaffen; auf die Dauer erwiesen sich Getreidebau
und Viehzucht lohnender als selbst die kalifornische Gold—
gräberei. Der wilde Westen hat sich mit blühenden Feldern
und Gärten, mit zahllosen Dörfern und Städten, der sonst
so einsame Stille Ozean mit Schiffen aller Art bedeckt. In—
folge dieses wunderbaren materiellen Aufschwunges wandelte
sich auch der Staat, der 1850 von den politikern noch gar
nicht in Rechnung gezogen wurde, in eine Weltmacht. Man