Politische und wirtschaftliche Entwicklung Amerikas. 115

möchte fast sagen: ohne Anstrengung und Opfer, denn was be—
deuten die Opfer der Kriege gegen Mexiko und Spanien, ja
sogar die des Bürgerkrieges zwischen dem Norden und Süden
(1861- 1865) im Vergleich zu den Jahrhunderte währenden
Kämpfen, wodurch England und Frankreich, Italien und
Deutschland ihre Weltstellung und ihre Kultur erlangt haben.
Die Union ist der durch die Natur und das Glück begünstigte
Emporkömmling unter den Nationen, was auf Lebensgewohn—
heiten und Anschauungen des einzelnen wie auf die Politik
des Staates auffälligen Einfluß geübt hat.
Noch unter der Präsidentschaft Abraham Lincolns (1860
bis 1865) schien die Union entschlofsfen, ihr Sonderdasein
zu bewahren. Präsident Monroe (1816-1825) hatte den
Grundsatz aufgestellt: Amerika den Amerikanern! 1823 hatte
er sich jede Cinmischung Europas in die Verhältnisse der neuen
südamerikanischen Kepubliken verbeten und den Interventions—
gelüsten der Hl. Allianz das Veto eines neuen amerikanischen
Völkerrechts entgegensetzt. An dieser Doktrin wurde festge—
halten, aber auch jede Einmischung in die Streitigkeiten der
Alten Welt vermieden. Die demokratische Verfassungsform
ohne jedes Zugeständnis an Militarismus und der geschlossene
Merkantilstaat, der alle seine Bedürfnisse selbst erzeugt und
seinen Markt durch hohe Zölle gegen die Einfuhr des Aus—⸗
landes schützt, waren das politische und wirtschaftliche Ideal
der Amerikaner.
Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts vollzog sich
aber eine Wandlung. Die Vereinigten Staaten wollen sich
nicht mehr mit ihrer politischen und wirtschaftlichen Unab—
hängigkeit innerhalb ihrer Grenzen begnügen; ihre Industrie
trachtet nach der Croberung der Märkte in Europa, und zu
diesem Zweck soll auch die Union zur Weltmacht aufgerichtet
werden. Die Monroe-Doktrin, erklärte Präsident Roosevelt,
soll nach wie vor als Grundgesetz der auswärtigen ameri—
kanischen Politik angesehen werden, aber die Durchführung
dieses Grundsatzes erheischt eine Flotte ersten Ranges und ein
ausreichendes Heer. Was dieser Umschwung in den Anschau—
ungen und Absichten der Amerikaner zu bedeuten hatte, trat
in ihrem Krieg gegen Spanien (1898) zutage. Angeblich galt
er der Befreiung Kubas vom spanischen Joche; tatsächlich
endete er nach einer fast ohne Verluste gewonnenen Seeschlacht