116 VII. Abschnitt. Weltpolitik.

mit der Besetzung Portorikos und der Philippinen. Was seit—
dem im Tun und Treiben der Vereinigten Staaten, vor allem
in der neuen Panamafrage, in charakteristischen Zügen her—
vorgetreten ist, beweist das stetige Anwachsen der imperialisti—
schen Idee. Der Hankee will auch Brasilien und Argentinien,
Kuba und Venezuela nicht bloß unter seinen großmütigen
Schutz, sondern unmittelbar unter seine Leitung nehmen. Die
Idee eines in sich abgeschlossenen, aber sich nicht mehr auf
sich beschränkenden Pan-Amerika gilt vielen amerikanischen
Politikern nicht mehr als Utopie.
Europa ist jedoch von diefer Gefahr wohl kaum ernstlich
bedroht. Schon der nationale Gegensatz der romanisch⸗indi—
anischen Kasse in Mexiko und den südamerikanischen Staaten
zur angelsächsisch-keltischen in der Union ist ein hindernis
der engeren vereinigung. Der Zeitpunkt, daß die europäischen
Staaten die amerikanische Konkurrenz nicht mehr aushalten
könnten, steht jedenfalls noch fern. Die Macht der Amerikaner
auf dem Weltmarkt findet Schranken in den inneren Zustän⸗
den des Landes. Mit dem schnellen Wachstum der Bevölkerung
verringerten sich auch dort die Entwicklungsfreiheit des ein—
zelnen und der Reichtum an unbebautem CLand; der stärkere
Verbrauch im Inland wird die Ausfuhr einschränken. Nichts
erschöpft sich leichter, als scheinbar unerschöpfliche Kornkam—
mern; das hat schon das Altertum an Sizilien und ügypten
erfahren. Dazu kommt die Einwirkung der politischen Ver—
hältnisse. Seit die Union in eine imperialistische Periode ein⸗
getreten ist, will sie auch im europäischen Konzert eine domi—
nierende Rolle spielen, und spielt sie: das Liebeswerben der
europäischen Staaten um die Gunst der Regierung in Washing—⸗
ton erreicht nahezu den Wettlauf des europäischen hochadels
um die Gunst reicher amerikanischer Erbinnen. Es konn nicht
mehr von einer hexarchie, es muß von einer Heptarchie der
Großmächte gesprochen werden. Damit hat aber auch für
Amerika die ausschließliche Verwendung der nationalen Kraft
für Anbau des Landes und Entwicklung der Industrie ein
Ende; es wird fortan seiner Machtstellung immer bedeutendere
Opfer zu bringen haben, und die Verstärkung der Kriegs—
mittel zu Wasser und zu Lande erfordert in Amerika noch
weit größeren Aufwand, als in den europäischen Staaten, wo
der Militarismus historisch organisiert ist. Man darf sagen: