Politische und wirtschaftliche Entwicklung Englands.117

Die Gefahr eines Sieges der amerikanischen Erpansionspoli—
tik verringert sich wieder im nämlichen Maße, je selbstbewußter
der amerikanische Imperialismus in alle Welthändel eingreift
und je stärkere Schutzmittel einer Aggressivpolitik er nötig hat.
Daß noch nicht von Abgelebtheit Curopas gesprochen wer⸗
den darf, beweist schon ein Blick auf Großbritannien. Wenn
wir Deutsche mit berechtigtem Stolz von einem Bismarckschen
Zeitalter sprechen dürfen, weil unser Kanzler nicht bloß der
Schöpfer eines geeinigten Deutschlands war, sondern vermöge
seiner Autorität eine führende Rolle in Europa innehatte,
kann der Engländer von einem Viktorianischen Seitalter
sprechen, weil sich unter der herrschaft Viktorias Großbritan—
nien zum mächtigsten aller Weltreiche entwickelt hat. Frei⸗
lich ist der Umschwung nicht das eigene Werk der Herrscherin.
Nicht als ob schon die englische Verfassung dies unmöglich
gemacht hätte; die Beschränktheit der monarchischen Gewalt
hat die geniale Elisabeth nicht zu hindern vermocht, ebenso—
viel wie ihre Staatsmänner und Seehelden dazu beizutragen,
daß England die erste Seemacht Curopas wurde. Von Viktoria
ging weder auf politischem, noch auf künstlerischem und wissen⸗
schaftlichem Gebiet ein direkter Cinfluß aus; weder Palmerston
und Begaconsfield, noch Darwin und Dickens verdanken der
Rönigin Anregung und Förderung. Dennoch verbreitete sich
von dieser Frauenherrschaft ein merkwürdiger Glanz und
Schimmer über das gesamte Leben der Nation; alle frucht—
baren Keime der Entwicklung entfalteten sich voller und
reicher, eine außerordentliche Fülle von Talenten und Kräften
führte jenen Aufschwung der gesamten Kultur herbei, der die
Bezeichnung des Viktorianischen ZSeitalters rechtfertigt.
Auf den von der großen Elisabeth geschaffenen Widerlagen
beruht die Stellung Cromwells und Wilhelms III.; diese
großen Staatsmänner haben die politischen und wirtschaft—
lichen Tendenzen jenes Zeitalters nur weiter ausgebaut. Huch
Viktoria trat schon ein reiches Erbe an; durch Nelsons Siege
und die zielbewußte Auslandspolitik des jüngeren Pitt war die
herrschaft Englands auf den Ozeanen gesichert worden. Die
Bevölkerungszahl hat sich nahezu verdoppelt, und in gleichem
Verhältnis ist das gesamte Nationalvermögen gewachsen. Das
Staatseinkommen hat eine Steigerung auf das Dreifache er—⸗
fahren, während die infolge der Napoleonischen Kriege zu