Politische und wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands. 121

Übergang zu anderen Lehren und Einrichtungen würde nur
schwer vonstatten gehen. Dazu kommt die Abneigung der Be—
völkerung gegen den Kriegsdienst. Die obligatorische Dienst—
pflicht wurde bisher immer noch als Attentat auf die persön⸗
liche Freiheit abgelehnt. Das Weltreich bedarf aber unab—
weisbar einer umfassenderen heranziehung der Volkskraft zum
militärischen Dienst. In der Lösung dieses Problems beruht
geradezu die Zukunft des Reiches. Wenn England das Band
zwischen sich und den Kolonien fester knüpfen und eine stram—
mere staatliche Einheit herstellen will, muß es zuerst eine für
Mutterland und Rolonien gemeinschaftlich wirtschaftliche und
politisch-militärische Grundlage schaffen. Ein Imperium ist
nur möglich, wenn ein Wille das Ganze beherrscht und leitet.
Da liegt der Gedanke nahe, daß solche Gleichmacherei ebenso
im Mutterland wie in den Kolonien auf Widerstand stoßen
wird. Möglicherweise hatte doch Kichard Cobden, der „große
Kaufmann“ des 19. Jahrhunderts, nicht unrecht, wenn er
vor Überschätzung eines allzumächtig ausgedehnten Kolonial—
besitzes warnte. Mit schweren Opfern, so erörterte Cobden,
ziehe das Mutterland die Kolonien groß, um sie zu verlieren,
sobold sie zu wirtschaftlicher Blüte herangereift wären —
man erinnere sich nur an die Jugendgeschichte der Vereinigten
Staaten Amerikas!
Jedenfalls war aber die imperialistische RKichtung eine not⸗
wendige Folge der vorausgegangenen Entwicklung. Wie die
Römer der KRaiserzeit, so mußten auch die Briten angesichts
des unglaublichen Wachstumes ihrer Macht und ihrer Reich—
tümer als Herrenvolk — in Nietzsches Sinn — sich fühlen. Der
Imperialismus, in welchem Eroberung und handel zusammen⸗
fließen, war der logische Schluß der grandiosen Entwicklung
des Viktorianischen Zeitalters. —
Nicht Amerika oder England dürfen zum Vergleich heran—
gezogen werden, wenn von einer Weltpolitik des neuen Deut⸗
schen Reiches gesprochen werden will, doch sind wir wenigstens
auf dem Wege, achtbare Nebenbuhler zu werden.
Es wäre ungerecht, wollte man das gegenwärtige Oberhaupt
unseres Reiches allein für den neuen Kurs der deutschen Po—
litik verantwortlich machen: die Verhältnisse haben den Um—
schwung erzwungen. Des Raisers Verdienst ist es, aus der
Erkenntnis dieser Weltlage die nötigen Lehren gezogen zu