122 VII. Abschnitt. Weltpolitik.

haben. Deutschland kann sich, wenn es vorwärts kommen will,
vom allgemeinen Wettbewerb nicht ausschließen; es muß rast—
los trachten, über See neue Absatzgebiete für die Erzeugnifse
seiner Industrie zu erlangen und auch sonst am Welthandel
sich zu beteiligen. Eine solche gewinnbringende Stellung ist
aber ohne den Schutz einer Kriegsflotte nicht zu erringen.
Gewiß, der deutsche Handel hat sich im 19. Jahrhundert
nicht ungünstig entwickelt, ohne daß das Kauffahrteischiff und
die Fischerbarke von deutschen Panzerschiffen geschützt waren,
allein der immer steigende Verkehr einerseits und die Rück—
sicht auf die Chre des Vaterlandes andrerseits mußten es end—
lich geboten erscheinen lassen, „das auswärtige Deutschland“
unter eigenen Schutz zu stellen. Die friedlichen Eroberer, die
nächst und neben dem unvergleichlichen Heere die Ehre des
deutschen Namens mächtig gehoben haben, die mit dem eigenen
Vorteil auch den Nationalreichtum fördern, die Kolonisten in
UAamerun und an der Kiautschoubucht und die Kaufleute am
Jangtsekiang und Orinoko durften nicht länger in Abhängig—
keit von den fremden Seemächten verbleiben. Nachdem die
Deutschen als das letzte unter den großen Völkern sich zu einem
mächtigen Staatswesen zusammengeschlossen hatten, mußte das
Bücken und Buckeln ein Ende nehmen. DdDie Weltstellung der
Nation erheischte auch eine selbständige Stellung zur See.
Wenn das politisch geeinte Deutschland nicht hinter den anderen
lebensfähigen Nationen zurückbleiben wollte, mußten Kolo—
nien gegründet, mußte eine Flotte gebaut, mußte ein größeres
Deutschland aufgerichtet, mußte Weltpolitik getrieben werden.
Weshalb sollten die Deutschen, die ein halbes Jahrtausend
lang über die gefürchteten Galeonen der hansa verfügten, die
sich im Besitze langgestreckter Ufer an Ost- und Nordsee mit
trefflichen Häfen befinden, nicht ebensogut Anspruch haben auf
die See und damit auf die Welt, wie Engländer und Fran—
zosen? Berechtigten nicht die Anfänge der neuen Entwicklung
zur Hoffnung auf gedeihlichen Fortgang? Ist nicht schon jetzt
das Wachstum des handelsverkehrs und der industriellen Tätig—
keit für das ganze deutsche Volk eine Quelle des materiellen
Wohlstands und der intellektuellen Stärkung geworden? Frei—
lich, die neue Zeit ist die Sklavin eines Ungeheuers geworden,
das sie selbst geboren hat, der Maschine. houston Stewart
Chamberlain meint deshalb in seinem phantastischen Buche