Politische und wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands. 123

„Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, unser Seitalter sei
infolge des Aufschwunges des Maschinenwesens die schmerzens—
reichste aller weltgeschichtlichen Cpochen. Allein es wäre erst
festzustellen, welches Los menschenwürdiger zu nennen, das⸗
jenige des geringsten Arbeiters von heute oder dasjenige eines
französischen hörigen Bauern vor der Revolution? Schon die
fast ins Unbeschränkte erweiterte Möglichkeit der Auswande—
rung hat die unerläßliche Grausamkeit der industriellen Ent—
wicklung wesentlich gemildert.
Welch ungeheure Steigerung der produktiven Energien der
Nationen hat der große Zusammenhang mit dem Außenbereich,
der ganze Vorgang der Expansion herbeigeführt! Wie sind
neue Bedürfnisse zunächst des Konsums in seinen einfachsten
Formen, in Ernährung und Kleidung, dann aber auch in der
Produktion, in jeder Art von gewerblicher und Fabrikarbeit
aufgetaucht! Die Wirkung erstreckt sich auch nicht bloß auf
die materielle Seite des Lebens. Wie hat das Bedürfnis nach
erhöhter Beschäftigung des Geistes, nach Belehrung und Unter—
weisung auf allen Gebieten der Natur und des Menschenlebens
sich verallgemeinert! Das Wort: Wissen ist Macht! ist heute
zum Dogma für die breitesten Schichten des Volkes geworden.
Auch die Ausbreitung des Bildungstriebes steht in innigem
Zusammenhang mit der Erweiterung des politischen Gesichts—
kreises. Wie eine frische Brise weht es von unseren Rüsten,
die binnenländischen Nerven stählend und die nationale Spann—
kraft steigernd. So wird zur Wahrheit das vielverspottete Wort
Friedrich Lists, daß der Ozean nicht bloß berufen sei, Kampf—
platz im friedlichen Wettbewerb der Nationen, sondern auch
Wiege einer neuen Freiheit zu werden.
Von abenteuerlichem Wagemut ist der Deutsche auch in den
Tagen der Weltpolitik nicht angesteckt. Ja, es läßt sich nicht
einmal sagen, daß das deutsche Kapital so willig upd reichlich
den neuen HAufgaben entgegenkäme, wie es wünschenswert
wäre. Immerhin regt sich wieder etwas vom Unternehmungs—
geist und Selbstgefühl der alten Hanseaten. Wie im Mittel—
alter die Lübecker und Kölner Livland und Kurland koloni—
sierten, dem Deutschen Orden bei der Unterwerfung und Ger—
manisierung Preußens halfen, in Bergen, London und Brügge
ihre Kontore hatten, so gibt es wieder deutsche Handelshäuser
in den meisten europäischen Hafenstädten, in China, in Ma—