Imperialistische Bestrebungen und Irenäen. 125

im haag zusammentrat. Aus der ganzen Welt trafen Ver—
treter der Staaten und verschiedener Friedensligen in der
niederländischen Residenzstadt ein, hoffnungsvoll die einen,
zweifelnd die anderen, doch alle erfüllt von dem edlen Ver—
langen, daß den Schrecken des Krieges nach Möglichkeit ge—
steuert und den Friedensbestrebungen der Menschheit ein wei—
teres und freieres Feld der Tätigkeit eröffnet werde.
Wie bescheiden auch das praktische Ergebnis des Kongresses
war, — nur die Einführung des Haager Schiedsgerichts für
Streitigkeiten zwischen einzelnen Staaten kann als solches be—⸗
zeichnet werden — der Gedanke einer solchen Vereinigung
ist eine edle Frucht der modernen humanität, und die Zustim—
mung der gesamten Kulturwelt beweist, welche Anerkennung
die Lehren der Bergpredigt auch bei solchen Völkern finden, die
sich nicht zum christlichen Dogma bekennen.
Freilich, der Friedenskongreß hat, wie zu erwarten war,
den Krieg nicht aus der Welt geschafft. Unmittelbar danach
kam es ja zu den blutigen Kämpfen zwischen Buren und Briten,
und wenig später entspann sich im äußersten Osten der Alten
Welt zwischen RKußland und dem mit zauberhafter Schnellig—
keit in den internationalen Wettbewerb um handelsmacht und
politische Geltung eingetretenen Japan einer der furchtbarsten
Kriege der Weltgeschichte. Es kann also nicht im Ernst ge—
fordert werden, daß ein Staat, der seine Machtstellung und
damit seine Ehre aufrecht erhalten will, dem Kufe schwärmen⸗
der Friedensfreude: Die Waffen nieder! Solge leisten soll.
Trotzdem darf in der Tatsache, daß die Geschichte des
19. Jahrhunderts mit einem Friedenskongreß abge—
schlossen hat, ein freundliches Vorzeichen erblickt werden. Wie
vor nahezu zweitausend Jahren aus dem unscheinbarsten
Samenkorn ein mächtiger Baum des Lebens aufgewachsen ist,
kann wieder einmal eine CLichterscheinung niedersteigen, um
der Menschheit den langersehnten Frieden zu bringen.