12 J. Das Problem der Rechtsphilosophie. schrittes von Anfang bis zu Ende, und gerade sie ist das Vernünftige: denn Fortschritt ist das Wesen der Welt. Eben weil das Ewige sich im Zeitenschoße zutage ringt, so muß eine Entwicklung walten; denn sonst wäre der ganze Prozeß kein Entwicklungsprozeß und das Walten der Gottheit wäre nicht ein dem Prozesse entsprechendegß, es wäre im Widerspruch mit ihrem vernünftigen Sein. Das hat allerdings Spinoza noch unvollkommen erkannt: allein Spinoza ist auch nicht das Musterbild unseres Pantheismus, sondern nur ein unvollständiger Vertreter; unser Pantheismus reicht in die geweihten Zeiten der großen indischen Philosophie hinein und berührt sich mit den Ideen der Sufiten, des Averroes und des Mystikers Ekkehard! Des weiteren kann ich auf meine Schrift „Geist des Christentums“ verweisen. 85. Mit der Kulturentwicklung nun tritt das Recht in Verbin— dung: hier zeigt sich sofort seine gewaltige Aufgabe. Wie es keine Kultur ohne Religion gibt, so keine Kultus ohne Recht. Das Recht beruht auf der genossenschaftlichen Natur der Mensch— heit, welche von selber dazu führt, daß das Einzelwesen sich den Entwicklungsgesetzen der Gesamtheit fügt, so daß die Gesamtheit der Elemente eine gewisse Ordnung darstellen muß. Nur der—⸗ jenige kann nach der inneren Begrundung des Bestehens einer Rechtsordnung fragen, der die Menschheit atomistisch als eine Schar von Einzelwesen betrachtet und jedes dem Einzelwesen auf— liegende Gesetz als eine Beschränkung und Fessel fühlt. Wer aber den Einzelnen als Glied des Ganzen erkennt, wer die Gott⸗ heit in seinen Willen aufnimmt, der kann die Frage nach dem Grunde des Rechts gar nicht mehr aufwerfen, denn er weiß, daß th solche Ordnung zu den Daseinsbedingungen der Menschheit und der menschlichen Kultur gehört. Auf der andern Seite ist sofort ersichtlich, daß nicht jedes Recht, welches irgendwie denkbar ist, einc Kulturperiode ent⸗ entspricht, sondern nur ein Recht, das dahin abzielt, gerade die in der betreffenden Kultur liegenden Keime zu ent— wickeln und dem Ideal dieser Kultur nahe zu kommen. Und hierbei werden nicht etwa bloß, wie man vermeinte, die öko⸗ nomischen Verhältnisse, sondern es wird die ganze Denkweise der Menschheit von Bedeutung sein, namentlich auch die religiösen