Kultur und Verbrechen. 55 Man sollte doch glauben, daß der Gedanke der Zwangsverschickung mit Lebhaftigkeit aufgegriffen würde; aber in Deutschland dauert es immer längere Zeit, bis man sich zu solchen Neuerungen versteht. Im übrigen aber ist zu bemerken: Es ist zunächst unrichtig, anzunehmen, daß die gesteigerte Kultur ein Abnehmen der Ver— brecherschaft bewirke; denn die Erhöhung der Bildung ist vor allem eine Erhöhung der Verstandeskräfte und eine Steigerung des Geistesinhaltes, sowie eine Entwicklung des Schönheitssinnes in Verbindung mit einem Emporwachsen der Wirtschaft und einer Vermehrung der wirtschaftlichen Güter und der Lebensbedürfnisse. Alles dieses enthält durchaus nicht die notwendige Hemmung gegenüber dem Überwuchern gesellschaftswidriger Bestrebungen, höchstens insofern, als die Beschäftigung den Einzelnen von ver— derblichen Gedanken abbringt oder ihm die Notwendigkeit der Unterwerfung unter staatliche Verhältnisse eindringlich klarlegt. Gewisse Arten des Verbrechertums werden allerdings aufhören: das Banditentum ebenso wie die Blutrache; allein, wie noch zu zeigen, setzt sich das Banditentum in anderer Gestalt fort, und an Stelle der Blutrache treten andere schwere Entartungen. Anderer⸗ seits wieder gibt die Steigerung der geistigen Bildung reiche Gelegen⸗ heit zum Aussinnen von Tausenden von verbrecherischen Plänen, und die Mittel der Verbergung und Verschleierung werden immer durchdachter und undurchsichtiger; vor allem aber bewirkt die Steigerung der wirtschaftlichen Kultur eine scharfe Kluft zwischen arm und reich, und die erhöhten Genußmittel erhöhen zugleich die Begehrlichkeit und rufen eine Reihe ungesunder Triebe wach; auch wird die Beschäftigung mit dem Schönen vielfach eine ge— wisse geschlechtliche Erregung nicht vermeiden lassen, und was die durch gesteigerte Bildung herbeigeführte Blutscheu betrifft, so wird sie, wie noch zu zeigen, durch andere Umstände nieder— gehalten. Vor allem aber enthält die Kultur ein Bestreben nach Verselbständigung des Einzelwesens und nach einer gewissen Loslösung aus der Gesamtheit und ihren gesellschaftlichen Be— ziehungen. Jedes Wesen wird mehr und mehr sich selbst der Nächste und will sich in seiner Weise entwickeln und sein Geschick ge— stalten; da stößt es natürlich vielfach auf Hemmnisse und Schwierigkeiten, und so steigt die Unzufriedenheit und das Miß— trauen gegen die herrschenden Zustände. Außerdem aber enthalten die Kräfte, welche die Menschheit zur Kultur führen, einen großen Gehalt von Unzufriedenheit mit den vorhandenen Verhältnissen