Kultur und Sittlichkeit. 57 8 25. Die Steigerung des Verbrecherlebens mit der Kultur ist an sich eine betrübende Tatsache; allein tröstlich ist, daß sie sich mit der aufstrebenden Kultur verträgt und durchaus nicht der Weiter— entwicklung der Menschheit im Wege steht. Die Zeit von Dante bis Michel Angelo war eine Zeitspanne unerhörter Kraftentwicklung menschlichen Geistes; aber ebenso gewiß ist es, daß damals in Florenz die Zahl der Verbrechen eine geradezu haarsträubende Zunahme erfahren hat. Auf der anderen Seite müssen wir daraus die Belehrung schöpfen, daß die Kultur durchaus nicht zur Ver— weichlichung in der Strafrechtspflege führen darf: es handelt sich für uns nicht etwa bloß darum, die Kultur zu entwickeln, sondern auch die mit der Kultursteigerung im Zusammenhange stehenden gesellschaftswidrigen Verhältnisse möglichst zu bekämpfen. Das ist, wie bereits bemerkt, bisher nur in geringem Maße geschehen. Man glaubte, mit der Beförderung der geistigen Anlagen alles getan zu haben, weil man der Meinung war, als ob die Erhöhung der Bildung von selber das Verbrechertum schwinden lasse. Das ist der größte Wahn, der je die Gesetzgebung irregeleitet hat. Man muß zur Erkenntnis gelangen, daß mit steigender Kultur die Triebe zum Verbrechen nicht ab-, sondern zunehmen, und man muß darum bedacht sein, diesen Trieben möglichst entgegenzuwirken. Wie es die Menschen anstellen sollen, um die Pflanzstaͤtten des Verbrechens möglichst zu vernichten, wie sie auf der anderen Seite dem zum Unheil Geneigten unter den Arm zu greifen haben, um ihn in seiner schlüpfrigen Lage zu unterstützen, ist bereits ent— wickelt worden (S. 46 f.) Dort wurde besonders hervorgehoben, daß die Zwangsverschickung Tausende und Abertausende gefährliche Elemente in Verhältnisse bringt, in denen sich ihre verbrecherische Tätigkeit abstumpft und ihre unheilvollen Pläne in Ermangelung der nötigen Nahrungsstoffe von selbst absterben. Tun wir das Unserige, um derartige Milderungen herbei— zuführen! Die Menschheit der siebziger Jahre, die uns einst Treitschke als das Muster heroischer Vaterlandstugenden darstellte, war gerade in dieser Beziehung völlig unfruchtbar. Man wirt— schaftete damals mit vorhandenen gesellschaftlichen Mitteln, ohne zu beachten, daß die Neuzeit mit all ihren Anforderungen und Bestrebungen auch in diefer Beziehung neue Wege einschlagen müsse. Nichts tat man, um die wirtschaftlichen Gegensätze zu