58 II. Probleme des Strafrechts. lindern, und ein Schultze-Delitzsch vermeinte noch mit den Kräften einer genossenschaftlichen Mittelstandspolitik die ungeheuren Aufgaben zu erfüllen, die sich aus den unerhörten Änderungen der wirt⸗ schaftlichen und seelischen Zustände und aus den neuen gesellschaft— lichen Verhältnissen von selbst ergaben. Nur von kirchlicher Seite, von der Seite des Katholizismus zeigten sich die Anfänge groß— zügiger gesellschaftlicher Bestrebungen; allein die Kirche wurde durch den unseligen Kulturkampf in ihren Bestrebungen zurück⸗ gedrängt, und anstatt ihre Tätigkeit zu fördern, glaubte man der Kultur zu dienen, indem man sie niederhielt und bekämpfte. Und so nahm die Ruchlosigkeit überhand, um so mehr als die Arbeiter— bewegung leider in den Hafen der Sozialdemokratie einmündete, in der, statt einer gesunden, die Kultur fördernden Opposition, ein ungesunder Gegensatz gegen die ganze vorhandene Gesellschaftsordnung heranwuchs. Schwer haben wir an diesen Fehlern vergangener Jahrzehnte zu leiden. Es fehlte uns damals ein Staatsmann, der es ver⸗ mocht hätte, die innere Entwicklung mit genialem Blicke zu durch— schauen; denn diese läßt sich nicht mit den Mitteln einer virtuosen Diplomatie beherrschen. Auch viele andere Fehler wurden gemacht. Im Unterricht sorgte man mehr und mehr für die Verstandesbildung, während die eigentliche Erziehung des Charakters und der sittlichen Wesen— heit des Menschen darniederlag. Es war vielfach, als hätte ein Pestalozzi vergebens gelebt. An Stelle der Erziehung trat in den Schulen eine ungesunde Entwicklung des Ehrgeizes und eine Förderung der Schadenfreude, die bei der ganzen Art der Züchtigung und den demütigenden Strafmitteln undermeid⸗ lich war.*) Ein flacher Materialismus glaubte, mit dem vorhandenen religiösen Gefühl aufräumen zu dürfen; mit dem Aberglauben wurde auch der Glaube zerstört, die kirchlichen Ubungen mu Hohn behandelt und die Meinung verbreitet, daß derjenige, der den leeren Unglauben lehre, den Höhepunkt geiftiger Entwicklung er— reicht habe. *) Zu unserer Zeit (in den 60er Jahren) war jeden Sonnabend „Zahltag“. Die Schulklassen kamen zuͤsemmen und die Missetäter der Woche wurden zur großen Unterhaltung der Zuschauer à posteriori behandelt.