Alkohol und Prostitution. 59 Aber auch gegen den Alkoholismus wußte man kaum etwas vorzukehren.*) Dieser ist der größte Feind der Menschheit, er ist des Verbrechertums mächtigstes Förderungsmittel, welches aller— dings nicht der Kultur eigen ist, sondern sich auch schon zu Zeiten der Unkultur die Menschheit unterjocht hat. Hier hat man jahr⸗ zehntelang eigentlich die Hände in den Schoß gelegt. Das Wirtschaftswesen ließ man aufkeimen, aber für alkoholfreie Ge— tränke sorgte man nicht. Man gestattete, daß die Wirtschaften immer noch den Weinzwang aufrecht erhielten und damit den Menschen den Genuß der geistigen Getränke geradezu aufdrängten. Man wußte, daß der Mensch, namentlich auch der familienlose, gesellschaftlich leben müsse; aber niemand sorgte für echte Klub— lokale: man trieb dadurch den Menschen in die Schenke, und hier gedieh anstatt der gesellschaftlichen Bildung das Schlemmen und Zechen; und den Trieb nach Vereinsentwicklung, anstatt ihn möglichst zu fördern, pflegte man durch außerordentliche polizeiliche Beschränkung des Gesellschaftswesens zurückzudämmen, und doch ist gerade das Vereinswesen einer der mächtigsten Zügel der Menschheit, ein außerordentliches Zuchtmittel gegenüber dem ungesunden Eigentriebe des Einzelnen und eine Pflanzstätte für das Aufkeimen des Verantwortlichkeitsgefühls. Die Frau drängte man von den Stellungen geistiger Arbeit zurück, und doch ist der Ver⸗ brechertrieb der Frauen viel geringer als der der Männer, und der Zugang der Frauen zu den früher den Männern vorbehaltenen Stellungen ist von selbst ein Mittel, die Roheit zu mindern und die gewalttätigen Triebe zu Grabe zu tragen. Was endlich die unentbehrliche Prostitution betrifft, so hat man nichts getan, um die Schäden zu heilen, sondern im Gegenteil: man hörte auf, die Prostitution zu verörtlichen; dadurch verbreitete sie sich von Straße zu Straße und durchseuchte die Gesellschaft; und mit dieser Ver— einzelung der Prostitution war einer der schlimmsten Ausläufer unserer heutigen Entwicklung, das Zuhältertum, untrennbar ver⸗ bunden, da ohne Zuhälter eine Prostituierte ihr Gewerbe eben einfach nicht betreiben kann. Das Zuhältertum aber ist eine der größten Geißeln unserer heutigen Zeit, und die Zuhälter sind eine der schlimmsten Sorten des lichtscheuen Gesindels unserer Tage, ein Gezücht, geradezu angelegt zum Müßiggang, zur Arbeitsscheu, Trunksucht und zum Verbrechertum aller Art. Einzelne Bestrebungen * Val. oben S. 47.