74 III. Probleme des Strafprozesses. teidiger auf solche Weise unterbunden wird, entspricht meines Er— achtens auch nicht einmal dem Wortlaute des 8 148. Daß die Strafprozeßordnung geändert wird, ist wohl ein Bedürfnis. Ein größeres Bedürfnis aber ist es, daß sie im Geiste der Neuzeit gehandhabt wird, und daß einem jeden Jünger der Rechtswissenschaft die zwei Sätze eingeprägt werden: Niemand ist gehalten, sich selber zu beschuldigen, und die Ver— teidigung ist ebenso heilig wie Anklage und Untersuchung. Wird dies gewahrt, dann kann man auch noch eine Zeitlang mit unserer heutigen Strafprozeßordnung auskommen; wird dies nicht gewahrt, so wird auch eine neue Strafprozeßordnung nicht leisten, was man von ihn erwartet. 2. Weweiserhebung und Seelenlehre. 830. Ganz besonders kommt die Seelenlehre bei Beurteilung der Angaben sowohl der Partei als auch der Zeugen in Betracht, namentlich auch der letzteren. Die naive Vorstellung von der un— trüglichen Richtigkeit unserer Beobachtung und unseres Erinne— rungsbildes ist vollständig zerstört worden. Man weiß jetzt, daß jede Beobachtung durch unzählige subjektive Elemente beeinflußt ist, daß wir unwillkürlich zu den Eindrücken, die auf uns einstürmen, neue Dinge hinzufügen, daß je nach unserer Stimmung gerade der eine oder andere Teil der Beobachtung uns so überwältigt, daß infolgedessen ein verzeichnetes und falsches Bild in unserem Innern steht, namentlich was die Entfernung betrifft, die Reihen⸗ folge der Erlebnisse, die örtliche Richtung, die Klangfarben, die Dynamik des Tones. In allen diesen Beziehungen ist das Bild, das wir gewöhnlich empfangen, ein ungenaues, einzelpersönlich ge— färbtes, und jeder Forscher, der feinere Beobachtungen zu machen hat, weiß, wie sehr er an sich halten muß, um ja im möglichen Ein⸗ klang mit den Geschehnissen außer sich zu bleiben. Diese Ungenauigkeit liegt zum guten Teil in der Unvoll-⸗ ständigkeit. Die Forschungen in der neueren Seelenlehre zeigen, daß niemand einen Vorgang ganz in seinen Einzelheiten in sich aufnimmt, sondern der eine nimmt den einen Eindruck mit sich, der andere den anderen, wobei viel von der Stimmung abhängt