Eindrücke in die Menschenseele. 75 und vor allem von dem Interesse, das man der Sache entgegen— bringt; und so kommt es, daß vielleicht eine Einzelheit, die anderen ganz unwichtig ist, einem Beobachter fest in das Bewußtsein tritt. Diese Unvollstäͤndigkeit aber steht im Widerspruch mit dem mensch— lichen Bedürfnis, ein vollständiges Bild, ein Phantasieganzes zu gewinnen, und die Folge ist, daß man unwillkürlich das eine oder das andere hinzufügt, und so wird das Vorstellungsbild verzerrt und wird, als in gefälschtem Zustande im Geiste haftend, zum Gegenstand der Aussage werden. Das kommt für den Zeugen in Betracht, kommt aber ins— besondere in Betracht auch für den Parteieneid, namentlich wenn das Gericht auf Ergänzung der Aussage drängt; solches ist immer sehr gefährlich: der Zeuge oder die Partei wird dem Drucke unter⸗ liegen und unwillkürlich das Bild in der Vorstellung ergänzen, insbesondere wenn ihm noch gedroht wird, daß die unvollständige Aussage als falscher Eid erscheinen könnte. In Betracht kommt ferner der Automatismus des Tuns. Vieles geschieht von uns einfach reflektorisch aus alter Gewohn— heit, und mit Tausenden von Handlungen belasten wir unser Vor— stellungsvermögen nicht, sondern wir vollziehen sie halb unbewußt in täglicher Übung, so daß kaum ein oder der andere Zug in den Daͤmmer des Bewußtseins tritt. Das schlimmste ist dabei, daß, wenn wir auch etwas tausendfach reflektorisch tun, wir doch ein oder das andere Mal gleichfalls unbewußt von der Übung ab— weichen aus Gründen, die in der augenblicklichen Stimmung, in einem raschen Wechsel der Eindrücke, in einem plötzlichen Auf— flackern der Gedanken oder in anderem beruhen. Werden wir nun über diese Dinge befragt, so antworten wir vielfach in bester Überzeugung, daß die Sache in einer oder der anderen Weise geschehen sei, und schließlich stellt sich heraus, daß die Aussage irrig war; zum Beifpiel wenn ich beschwören soll, ob ich das Haus geschlossen, ob ich im Stehen oder Sitzen den Fahrstuhl gefahren, ob ich im Raucher⸗ oder Nichtrauchercoupé gesessen bin. Der Zufall kann es nun herbeiführen, daß gerade ein derartiger, an und für sich ganz neutraler Umstand eine grundsätzliche Be— deutung gewinnt, indem man zur Schlußfolgerung gelangt: wenn das so doder so geschehen ist, so ist das eine oder andere möglich oder unmöglich gewesen. Gerade dieser furchtbare Widerspruch zwischen der wirklichen Bedeutung des Umstandes und zwischen der auto— matischen Bedeutungslosigkeit, in welcher sich die Sache abspielte,