76 III. Probleme des Strafprozesses. ist oft tragisch geworden, er war schon die Quelle von tausenden von Irrtümern. Sofern aber auch der Eindruck genau war, bleibt er in unserem Jnnern nicht unangetastet. Auch was scheinbar verborgen in unserem Innern ruht, nimmt an unserem Seelenleben regen Anteil, und wenn es nach einiger Zeit hervorbricht, erscheint es vielfach umgestaltet und umgewandelt, namentlich dadurch, daß Teile des Erinnerungsbildes verwischen, andere bestehen und haften bleiben, und unser Geist unwillkürlich überall da, wo durch die Vergeßlichkeit Lücken entstehen, das Fehlende ergänzt: dies geschieht unbewußt, also unterhalb der Schwelle unseres Erkennens, so daß wir sicher vermeinen, etwas aus dem Gedächtnis hervor⸗ zuholen, was unangetastet, von der Zeit der Beobachtung an, darin ruhte. Namentlich Dinge, die uns viel beschäftigen, werden in unserem Innern umgewandelt: mit jedem Male, wo wir das Bild zurückrufen, treten die einen Momente mehr hervor, die anderen zurück, und es entsteht schließlich ein Subiektipbbild statt der Wirklichkeit. Bei dieser ganzen Umwandlung kommt das Bedürfnis unserer Phantasie sehr wesentlich in Betracht. Der phantasiebegabte Mensch hat die dringende Sehnsucht, in seinem Innern fertige, gefestigte Bilder zu schauen. Er will nichts verschwommen und halb, er will alles klar und rein sehen; deshalb wird gerade das Streben phantasieerregter Naturen unwillkürlich dahin wirken, daß die Erinnerungsbilder geändert und verschoben werden. Es ijt ebenso, wie wenn ich aus dem Gedächtnis etwas abzeichne: habe ich es dann abgezeichnet, dann wird das Erinnerungsbild mehr und mehr dem gezeichneten Bilde weichen, und so muß des Phantasiebild schließlich obsiegen. Hierbei kommt auch der Einfluß des Traumes auf die Vor⸗ stellung des Wachenden in Betracht. Vielfach haften Traumbilder so fest in uns, daß wir das hier Geschaute als ein wirklich Beob⸗ achtetes ansehen und es uns wie ein sinnlich wahrgenommenes Begebnis erscheint. In vielen Fällen können wir das wirklich Gesehene von dem Geträumten nicht unterscheiden, und diese Ver— wechslung wird um so verhängnisvoller sein, als das Geträumte vielfach mit den wirklichen Bildern zusammenhängt, so daß das Traumgeschaute und das Wirklichgeschaute nicht schon durch seinen Inhalt voneinander geschieden ist oder auch hur duseinauder ge⸗ halten werden kann