78 III. Probleme des Strafprozesses. dem Eide Gesagte ohne weiteres als wirklich annimmt. Er muß genau erwägen, ob nicht derartige täuschende Momente möglich sind, und wenn die Möglichkeit vorliegt, ob so viel andere Gründe für die Schuld sprechen, daß trotz dessen die Tat als erwiesen gelten kann. Widersprüche muß er auf diese Weise zu verstehen lernen, und es ist nichts ungerechter, als solche Gegensätze ohne weiteres auf bösen Willen und absichtliche Täuschung zurück— zuführen. Namentlich ist es völlig verkehrt, wenn der Straf— richter sich allmählich in eine Schablone hineinarbeitet und die Aussagen von ein oder zwei Zeugen ohne weiteres als bare Münze annimmt, jede Erklärung des Angeklagten und jede Ein— wendung der Verteidigung ohne weiteres als verdächtig oder doch als unglaubwürdig betrachtet und nicht von dem Grundgedanken der menschlichen Irrtumsmöglichkeit ausgeht. Eine der ersten Aufgaben der modernen Rechtspflege ist die Berücksichtigung der Seelenlehre bei Beurteilung menschlicher Be⸗ obachtungen und menschlicher Gedächtnisäußerungen. Wie viel ist in diesen Beziehungen gefehlt und gesündigt worden! Leute sind auf Grund falscher Zeugenaussagen verurteilt worden, und oft hat man Leute, die in gutem Glauben erzählten, als falsche Zeugen behandelt. Sehr schlimm ist nun aber auch der Umstand, daß man so— zar den fahrlässigen Falscheid bestraft und den Menschen, der nach redlichem Bemühen seine Aussage machte, ins Gefängnis sperrt, weil man annimmt, er hätte bei größerer Ausdauer der Gedächtnisprüfung ein richtigeres Ergebnis herausbringen können. Man zwingt dadurch den Zeugen oder die Partei zu einer Ge— dächtnisgymnastik, welche durchaus nicht der Wahrheit förderlich ist, denn eben bei einer solchen Mißhandlung des Ge— hirns treten alle jene Ergänzungsfehler ein: der Aussagende wird gerade durch das ständige Bestreben, ja alles genau zu sagen, von der Natürlichkeit der menschlichen Geistesübung ab⸗ gelenkt, und die Unnatur führt zur Trübung und Unrichtigkeit. Man darf dem Gedächtnis nicht mehr zumuten, als es leisten kann; überquält man eine Maschine, so wird sie schlechte Arbeit liefern. Die ganze Lehre von dem fahrlässigen Falscheid beruht auf unrichtigen Vorstellungen in der Seelenlehre; sie beruht auf dem unzutreffenden Gedanken, als ob etwa unser Gehirn eine