und Knicken besetzt, die Feinde abzuhalten. Über die Baumgipfel des Waldes und auf den benachbarten Höhen ragen einzelne Warttürme, schmucklose Steinbauten, zuweilen mit hochgelegener Tür, die nur durch eine Leiter zugänglich wird; oben mit Umgang oder Plattform. Hinter der Landwehr zeigt sich die Stadt; die Morgensonne glänzt von hoher Kuppel der Stadtkirchen, von dem riesigen Holzgerüst des neuen Doms, an welchem gerade gebaut wird, und von vielen großen und kleinen Türmen der Stadt. Sie stehen, aus der Ferne betrachtet, dicht gedrängt, nicht nur an Kirchen und Rathaus, auch zwischen den Häufern, als Überreste alter Befestigung. Sehr groß ist die Zahl der Mauertürme, und die Menge wird noch vermehrt — München hatte damals gegen 100, Frank— furt zwischen 60 und 70, kaum eine menschenreiche Stadt weniger. Diese Türme, quadratisch oder rund gebaut, von ungleicher Höhe und Dicke, sind bei einer reichen Stadt mit Schiefer oder Ziegeln gedeckt, vielleicht mit zinnernen Knäufen versehen, die im Sonnenlichte wie Silber glänzen, kleine Fahnen darauf und hier und da ein vergoldetes Kreuz. Auch Erker springen aus der Mauer vor nach dem Stadtgraben; sie sind zum Teil heizbar, zierlich gedeckt und mit metallenen Kugeln geschmückt. So wird die alte Stadt gewaltig dem Anblick; und der Buschreiter, welcher von seinem Klepper auf den ungeheuren Steinkasten schaut, denkt begehrlich bei blinkenden Kreuzen und Knöpfen an die tausend herrlichen Dinge, welche die Stadtmauer seinem Wunsche vorenthält. Die Zeitgenossen des ausgehenden Mittelalters können sich nicht satt genug sehen an der Pracht ihrer Städte, an den Dächern, dem flutenden Leben der Straßen, den ragenden Türmen, der Warenfülle in Hafen und Speicher. Kaum eine größere Stadt ist ohne ein zierliches Lob geblieben, meist in Versen aus humanistischem Munde; einer der ersten großen Vertreter des Humanismus in Deutschland, üneas Silvius, der spätere Papst Pius II., beginnt diesen Chorus (etwa 1450) mit einem feurigen Lobe Kölns: über seine „Pracht an Kirchen und Bürgerhäusern, seinen Reichtum, seine Wehrhaftigkeit geht nichts in Europa. In Wahr— heit kann man behaupten, daß kein Volk in Europa bessere und freund— lichere Städte bewohnt als das deutsche; ein schottischer König würde wünschen so zu wohnen, wie ein mittelmäßiger Bürger von Nuͤrnberg“. — Uns Nachgeborenen freilich tritt aus den Quellen nach manchen Rich— tungen hin ein weniger anmutendes Bild mittelalterlichen Stadtlebens entgegen; vieles will uns noch in den ersten Anfängen befindlich erscheinen. Wer am Morgen die Stadt betritt, der begegnet sicher zuerst dem Stadtvieh. Denn auch in den großen Reichsstädten treibt der Bürger Landbau auf Wiesen, Weiden, ückern, Weinbergen der Stadtflur; die meisten Häuser, auch vornehme, haben in engem Hofraum Viehställe und