— 34 meisten Bürger noch ihr Vieh hielten, das sie auf die Gemeindeweide trieben. In den ersten Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es in den preußischen Städten noch einige 60000 Scheunen. Es ist die Zeit der kleinen Ackerstädtchen, die uns Goethe in „Hermann und Dorothea“ anschaulich hingestellt hat: .... „Und heil dem Bürger des kleinen „Städtchens, welcher ländlich Gewerb mit Bürgergewerb paart! „Auf ihm liegt nicht der Druck, so ängstlich den Landmann beschränket; „Ihn verwirrt nicht die Sorge der vielbegehrenden Städter, „Die dem Reicheren stets und dem Höhern, weniqg vermögend, „Nachzustreben gewohnt sind.“ Wir wollen nun noch das Einzelbild eines solchen behaglichen Städtchens, seines Marktes und seiner Bewohner, wie es Goethe unserer Phantasie lebendig gemacht hat, durch eine allgemeinere Darstellung er— gäͤnzen. Wir wählen dafür wieder meist Freytags bedeutende kultur— historische Schilderungen und versetzen uns mit ihm in die zweite Hälfte des ablaufenden 18. Jahrhunderts. Eine mäßig große Stadt. Noch immer stehen die alten Ziegel⸗ mauern und die Türme, nicht nur über den Toren, auch hier und da über den Mauern. Aber schon wird darüber verhandelt, die Eingänge, die für Menschen und Lastwagen zu enge sind, von dem alten Ziegeljoch zu befreien und mit leichtem Gitterwerk zu schließen, an anderen Stellen der Mauer neue Pforten zu öffnen. Der Stadtgraben auf der Außen⸗ seite liegt trocken, wird mit breitgegipfelten Bäumen bepflanzt und im dichten Schatten der Linden und Kastanien halten jetzt die Städter ihren Spaziergang. Auch die kleinen Gärten an der Stadtmauer sind ver— schönert. Vielfach strecken schon die Vorstädte ihre Häuserreihen über die alten Mauern weit in die Ebene hinaus. Die Torakzise ist eingeführt und ein abgedankter Unteroffizier treibt sich, den Rohrstock in der Hand, in der Nähe des Tores umher, um die Karren und Körbe der Land— leute zu untersuchen. Im Innern der Stadt stehen die schmucklosen Häuser nicht so zahlreich als in früheren Jahrhunderten; die bisherigen wüsten Stellen dazwischen haben sich in Gärten verwandelt. Bald vermehrt sich die Zahl der Häuser; mit breiter Front Giebel an Giebel gelehnt, stehen sie da, große Fenster, helle Treppen, weite Räume umschließend. Noch sind die Zieraten ihrer Front von Gips und Kalk nüchtern angeklebt; helle Kalkfarben in allen Schattierungen sind fast das einzige Charakteristische und geben den Straßen ein buntes Aussehen. Die Zeit des Rokoko ist im Schwinden: ... denn alles soll anders sein und geschmackvoll, Wie sie's heißen, und weiß die Latten und hölzernen Bänke, Alles ist einfach und glatt; nicht Schnitzwerk oder Vergoldung Will man mehr, und es kostet das fremde Holz nun am meiften.