36 Die Mehrzahl der Honoratioren aber gehörte in jeder Stadt dem Gelehrtenstande an: Theologen, Juristen, Ärzte. Dazu die VLehrer der Stadtschulen; sie waren meist studierte Theologen, größtenteils arme Kandidaten. Ein rührendes Geschlecht, an Entsagungen gewöhnt, häufig mit einem kränklichen Körper behaftet, die Folge eines harten, entbehrungsvollen Lebens, durch das sie sich heraufgearbeitet hatten. Die Schule einer ansehnlichen Stadt war eine lateinische. Reichte sie hoch, daß ihre oberen Klassen für die Universität vorbereiteten, dann schieden sich aus der Quarta die Knaben, die ein Handwerk lernen sollten. Diese Einrichtung half dazu, den Bürgersmann in Berührung mit der gelehrten Bildung zu halten. Daß die Bildung in der Auf— klärungszeit von intelligenten Bürgern so schnell aufgenommen wurde, beruht auf dieser Art Schulen. Denn bald beginnen Männer wie Leibniz, Thomasius und vor allem Christian Wolf in Halle zu wirken. Bald sind viele aus dem höheren Bürgertum — Gelehrte, Beamte, Geistliche, große Kaufleute und Industrielle — Schüler des großen Philosophen von Königsberg. In diesem letztgenannten Kreise, der sich äußerlich durch Tracht und Lebens— weise vom Bürgersmann unterschied, war im letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts der beste Teil der nationalen Kraft zu finden. Er war im Besitze der freiesten Bildung jener Zeit. Er umschloß Dichter und Denker, erfindende Künstler und Gelehrte, kurz alle, die auf irgend einem Gebiete des geistigen Lebens als Fuüͤhrer und Bildner Einfluß gewannen. — Fuür das gesellige Leben der Honoratioren der kleinen Städte war in den späten Morgenstunden die Apotheke ein schätzenswerter Mittel⸗ punkt. Dort wurden bei kleinem Glase Aquavit Politik und Stadt— neuigkeiten besprochen und von der Decke und den oberen Gesimsen sahen Gerippe von Haifischen, ausgestopfte Affen und dergleichen gleichgültig auf die eifrige Unterhaltung der Gesellschaft herab. Denn schon wurde außer dem Stadtgespräch mit Vorliebe — und oft mit leidenschaftlichem Streit sogar unter Familienmitgliedern — Politik verhandelt. Die Neuigkeiten der Stadt selbst und des Privatlebens darin beschäftigen große und kleine Leute so ernsthaft, so leidenschaftlich, daß es uns gar nicht leicht wird, diese tätige Anteilnahme zu begreifen. Der Klatsch war unaufhörlich. Unter den Tagesereignissen ist das interessanteste die Ankunft und Abfahrt des Postwagens. Gern bewegte sich der Spazier—⸗ gänger um diese Zeit in der Nähe der Post. Die gewöhnliche Land— post ist ein sehr langsames, unbehilfliches Beförderungsmittel, ihr Schneckengang ist berüchtigt. Es gab erst wenige und kurze Kunststraßen in Deutschland. Doch schon verläßt der Deutsche häufiger Haus und Stadt, ein bescheidenes Stück seines Vaterlandes zu durchreisen. Das gewöhnliche gesellschaftliche Vergnügen war genügsam; es war der Besuch öffentlicher Kaffeegärten. Sie blieben charakteristisch für die