30 des deutschen Volkes vergegenwärtigen: Daß die höhere bürgerliche Schicht die Traͤgerin aller geistigen Arbeit war, ist schon oben erwähnt; von diesem Boden aus war der großartige neue Aufstieg des deutschen Geisteslebens im 18. Jahrhundert erfolgt. Aber noch ein anderes ist es, was das deutsche Volk besonders dem mittleren Buͤrgertum jener Tage stets zu danken hat: daß das bürgerliche Familienleben glücklich der Ver— sumpfung durch die von Frankreich ausgehende Frivolität widerstanden hat. W. H. Riehl hat hierauf mit folgenden Worten hingewiesen: „Der Bürgerstand der Perüclen- und Zopfzeit erscheint freilich in keinem vdesonders vorteilhaften Lichte, wenn man ihn für sich allein betrachtet. Er hebt sich aber um so glänzender ab, wenn man ihn mit der gleichzeitigen Gesunkenheit der höheren Stände zusammenhält. Gerade in diesen trübseligen Tagen bewährte sich das konservative Element, welches namentlich dem kleineren Gewerbestande ein⸗ wohnt. Er blieb wenigstens sittlich konservativ, während die Aristokratie in sittlicher Auflösung unterzugehen drohte. In treuer, stiller Arbeit, im ehrenfesten, frommen Familienleben war und blieb der deutsche Handwerker damals national, ob ihm zleich das klare nationale Bewußtsein erloschen war. Das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert zeigte den Sondergeist des deutschen Bürgerstandes inmitten trostloser Besamtzustände in seiner größten Glorie. Daß uns heute noch die Begriffe des bürgerlichen‘ und des ‚ehrbaren‘ als sehr nahe verwandt, wohl gar als identisch gelten, datiert von daher.“ Politisch allerdings war der Bürger jener Tage „eben nicht mehr »der minder auf dem Hund wie alle anderen Stäͤnde“. Und bei dem „politischen“ Bürger müssen wir noch einen Augen— blick verweilen, da er uns hier am meisten interessiert: Die absolute Monarchie hatte sich in alle Lebensverhältnisse gemischt, in große, wie in kleine. Das beste Beispiel hierfür haben wir an dem Zeitalter Friedrichs des Großen. In die wirtschaftliche, in die gewerbliche Tätigkeit, in die jetzt neu auftretende Industrie, in alles wurde ein— gegriffen. Reglementiert wurden alle Lebensäußerungen. Die staatliche Polizei mit ihren zahlreichen Verordnungen herrschte. Wie sollte da das Bürgertum einen selbständigen, freien, unternehmenden Geist schwellen fühlen, wo es seit langem gewöhnt worden war, alles von oben zu er⸗ warten. Hatte auch der große Friedrich in eiserner Arbeit, ja mit Härte gegen sich selbst immer seinem hohen Staatsideale nachgestrebt, sein Volk glücklich zu machen — zur Selbständigkeit hatte er es nicht erzogen. Im absolutesten Sinne hatte er seine Herrscherstellung aufgefaßt und mit seiner übermächtigen Persönlichkeit alle, Minister, Beamte und Offiziere nieder— gedrückt. Die Untertanen vollends waren ganz auf den Gehorsam an— gewiesen. Über ihre Interessen verfuüͤgte der König nach seinem Ermessen. So drängte das Bürgertum sich vom öffentlichen Leben zurück. Noch stehen wir aber auch in der Zeit, in der auf dem Wirtschafts— leben, auf Handel und Gewerbe, Fesseln lasten, teils selbstgeschaffen durch einseitige volkswirtschaftliche Anschauungen, teils als Reste einer noch nicht abzuschüttelnden Vergangenheit. Noch ruht das Spiel der freien