31 kürzungskrücken, die ich allmählich lernen mußte, und deren Entchifferung und Berichtigung meinen Augen oft ebenso viele Mühe machte, als das Nachschlagen und Nachsuchen unseres Chiffernschlüssels; aber inhaltreich, lehrreich für mich, oft entzückend erfreulich waren diese Steinschen Auf⸗ sätze und Briefe durch die Einblicke in das ganze, volle, stürmische Herz des Mannes und in die Großartigkeit, womit er die Dinge vor dem Kaiser Alexander behandelte, um das ganze seit dem Tilsiter Frieden befolgte, zugleich ebenso schwächliche als treulose System zu lockern und zu brechen. Für das englische Kabinett ging alles an den Grafen Münster. Begreiflicherweise stand er mit Stein auf dem allerfreundlichsten Fuße. Stein war überhaupt mit seinen Gefühlen und Ansichten ein so ohne alle Berechnung voll natürlicher Mensch, daß, wo Großes auf dem Spiele stand, alles Kleine und alle kleinen, alltäglichen Rücksichten bei ihm zu— sammenfielen und nur ein großer Grundgedanke herrschte. Wer mit ganzer Seele die Franzosen und Napoleon und ihre Herrschaft haßte und verabscheute, den umhalste er sogleich mit voller Herzenswärme. — Ich habe angedeutet, wie ich im Zuge war, wie Stein mich im Zuge hielt, und was zunächst um und mit ihm stand. Mein Peters— burger Leben fing lustig an und ward durch Gottes Gnade noch lustiger. Ich ward, als wäre ich fast sein Familiengenoß gewesen, mit größter Freundlichkeit in die Paläste und Häuser eingeführt, die von seinen Gesinnungsgenossen bewohnt wurden. Ich weiß nicht, ob in ihnen immer so gelebt worden, und glaube das kaum; aber es war in den Sälen der Minister, Grafen und Barone dort eine solche Ungezwungenheit, Leichtig⸗ keit und Freiheit, als ob es in Gesellschaft und Rang keine Unterschiede und Stufen gäbe; es ward offen, frei und fröhlich gelebt, offen, frei and fröhlich gesprochen und geredet. Stein aber ging nur über die Schwellen der Paläste von Gleichgesinnten, und ich hörte auch zu meinem Erstaunen den gewaltigen Mann über viele Dinge, worüber man in Kaiser⸗ und Koͤnigshäusern wohl meistens kaum zu flüstern wagt, sich mit solcher Offenheit aussprechen, als hätte man in Petersburg nimmer die Lauscherohren einer geheimen Polizei gekannt. Stein war in Petersburg ein hoher Namen geworden, der meine Kleinigkeit mit hob, und in der Art und Weise, wie die Menschen mich aufnahmen und einluden, begriff ich, daß sie mich auch für etwas hielten, veil ein solcher Mann mit mir zugleich die Treppen hinaufstieg oder auf den Gassen umherspazierte. Er war der erste Maun des Augen⸗ blicks, er bei den Seinigen, das heißt allen, welche seine Gesinnungen teilten und etwas von seinem Mut in der Brust hatten. Wenn ich nun zurückdenke an alle die Orte, wo ich den Gewaltigen habe wirken und wandeln gesehen, an Petersburg, Königsberg, Breslau, Dresden, Frankfurt usw. so ist er mir nie und nirgends als ein Glücklicherer