33 und der Flucht der Feinde von ihren Schrecken erlöst, hatte, auch von dem allgemeinen Siegesmut angesteckt, dem Minister Stein gegenüber hre stolzen württemberger Lippen ungefähr mit den Worten aufgetan: „Wenn jetzt noch ein französischer Soldat durch die deutschen Grenzen entrinnt, so werde ich mich schämen, eine Deutsche zu sein.“ Bei diesen Worten, so erzählt Uwaroff, sah man Stein im Gesichte rot und längs seiner großen Nase vor Zorn weiß werden, sich erheben, verneigen und in geflügelter Rede also erwidern: „Ew. Majestät haben sehr unrecht, solches hier auszusprechen, und zwar über ein so großes, treues, tapfres Volk, welchem anzugehören Sie das Glück haben. Sie hätten sagen sollen, nicht des deutschen Volkes schäme ich mich, sondern meiner Brüder, Bettern und Genossen, der deutschen Fürsten. Ich habe die Zeit durch— lebt, ich lebte in den Jahren 1791, 1792, 1793, 1794 am Rhein; nicht das Volk hatte schuld, man wußte es nicht zu gebrauchen: hätten die deutschen Könige und Fürsten ihre Schuldigkeit getan, nimmer wäre ein Franzose über die Elbe, Oder und Weichsel, geschweige über den Dnestr gekommen.“ — Und die Kaiserin hatte die Rede aufgenommen, vie sie nicht anders konnte, und mit aller Fassung gedankt: „Sie mögen gielleicht recht haben, Herr Baron; ich danke Ihnen für die Lektion.“ Doch genug von Petersburg. Der Weltkampf zog von dem Osten jetzt gegen Westen; wir blickten jetzt mit dreifacher Sehnsucht in diesen Westen und in die geliebten Heimatlande hinein: wir wollten und mußten mitziehen. Wir hatten große und gewaltige Tage, wir hatten auch manche fröhliche Tage in Petersburg verlebt; wir hatten unter vielem Traurigen und Widerlichen doch viele Erscheinungen eines tapfern und ehrenhaften Volkes gesehen. In den ersten Tagen des Wintermonds des Jahrs 1813 war unser Gepäck geschnürt, des Ministers Kutsche ward auf einen Schlitten gestellt, ein mächtiger Packwagen, ebenso gestellt, mit unserm Gepäck, fuhr hinter ihm; ich saß neben dem Minister, wir beide nach hiesiger Landesüblichkeit leidlich in Pelzwerk gehüllt. So fuhren vir in der dunkeln Abendstunde — es läuteten eben alle Petersburger Türme die Abendbetstunde — gegen Südwesten hinaus der Düna zu. Wir gelangten bald auf die große Straße, welche das fliehende fran— zösische Heer gezogen war; man konnte sie wohl ein Leichenfeld des Kriegs nennen. Die Schlitten rollten hie und da über Leichen, links und rechis lagen Leichen, Pferde, Trümmer von Kanonenlafetten, auch standen ein⸗ zelne verlassene Wägen und Karren im Schnee festgefroren; Raben flogen und krächzten, und Wölfe heulten ein grauliches Konzert darüber her. O schaurig waren die Nächte, wo der Mond und die Sterne auf den grausen, kalten Jammer herabschauten. — In Königsberg gab es nun ein ganz neues, gewaltiges Leben der Freuden und Wonnen und auch des bunlesten Getümmels, Lärms und Wirrwarrs, in dessen großen Knäul ich gottlob nicht eingewickelt war.