88 ja wo nur, wie im leichten Gespräch geschieht, darüber hingewinkt oder nur gelächelt ward, Stein immer als der Fürst und der andere oft nicht viel über dem Diener zu stehen schien. Da empfand man klar, dies war ein Gebiet, auf welchem der Herzog sich fremd fühlte, oder vielmehr, wo er sich mit allen Sitten und Gewohnheiten auf sein gemeines Feld ver⸗ lief und verlor. Der Herzog erzählte eine Menge anstößlicher Geschichtchen von dem Dichter Zacharias Werner, welcher eine Zeitlang unter seinen Augen gelebt hatte, alles in seiner leichtfertigen, lockern Weise, so daß dem Freiherrn der Kamm schwoll: „Der arme, dünnschälige Kerl,“ sagte der Herzog, „hatte sich eingebildet, er könne und müͤsse in einer Art körper⸗ licher Seelenwanderung durch alle möglichen weiblichen Naturen den Durchgang machen, bis er die finde, welche Gott recht eigentlich für ihn geschaffen habe. Das war so seine poetische Naturlehre.“ Stein fiel ihm hier ein: „Sie sollten sagen, es war eine fürstliche.“ Der Herzog schloß mit Nutzanwendung, daß eigentlich jeder Mann Ähnliches duch zemacht habe, „und Sie — wendete er fich zu Stein — haben auch wohl nicht immer wie Joseph gelebt.“ — „Wenn das wäre,“ erwibert Stein, „so ginge das niemand etwas an, aber immer habe ich Abscheu vor schmutzigen Gesprächen gehabt und halte es nicht für passend, daß ein deutscher Fürst dergleichen vor jungen Offizieren — es saßen mehrere solche neben älteren Männern da — so ausführe.“ Der Herzog ver⸗ stummte, und es erfolgte eine Totenstille. Nach einigen Minuten fuhr der Herzog mit der Hand über das Gesicht und setzte, als sei nichts vor— gefallen, die Unterhaltung fort: den Anwesenden aber war heiß und kalt geworden. — Stein trat nicht wieder in die große, weite, bunte öffentlichkeit des Lebens hinaus; er blieb zu Hause. Aber er blieb nicht zu Hause, um den Reft seiner Tage im Genuß gemeinen Müßiggangs zu verleben. Ihm waren für eine fernere Wirksamkeit höchste Ehren angetragen worden. Metternich wollte ihn zum Präsidenten des deutschen Bundestags machen, Preußen zu seinem Syrecher und Vertreter bei demselben:er lehnte das ab. Stillsitzen, im stillsitzenden Genuß eines reichen Schloßherrn, der sich mit Reiten und Jagen, mit Schmäusen und Festgelagen zu Hause und bei den Nachbarn der guten Tage genug machen gekonnt hätte — das konnte dieser Mann nicht. Da er keine große, ministerliche oder diplomatische Tat mehr tun konnte noch tun wollte, so sann er sogleich, als ihm ein erster Ruhetag des getümmelvollen Lebens erschienen war, doch wieder auf eine recht tüchtige, deutsche Tat: auf die Samm— lung und Herausgabe der Urkunden und Schriftdenkmäler der deutschen Geschichte des Mittelalters — der Monumenta Germaniae. Da habe ich den Mann gesehen in seinem nassauischen