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        <title>Die politische Oekonomie vom Standpunkte der geschichtlichen Methode</title>
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            <forname>Karl</forname>
            <surname>Knies</surname>
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        Feier.
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yolitifche Dekonomie.,
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politifdhe Dekonomie

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Standpunkte der gefchichtlichen Methode

Karl Knies,

DBraunfdhweig,
C. A. Schweifhtke und Sohn.
(NM. Bruhn.)
18583,
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Herrn Wilhelm Rofcher!

Sch Fenne Sie nicht perfönlich;. auch trete ich mehreren An:
üchten und Urtheilen, die Sie Fundgegeben, entgegen und muß
gewärtig fein, Ihre Zuftimmung zu diefen Ausführungen nicht zu
erlangen. Doch glaube ich mir erlauben zu dürfen, Ihnen durch
die Widmung bdiefes Buches einen Beweis meiner großen Hoch:
Ichäßung der Verdienfte zu geben, die Sie Sich um die politifche
Dekonomie in einer Reihe von Schriften erworben haben, welche
in der Sefchichte diefer Wiffenfchaft nach meinem Ermeffen für immer
eine ausgezeichnete Stelle einnehmen werden.

Rarl Knies.
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YNorrede.

Nicht ein Lehrbuch der politifchen Dekonomie vom Stand:
punkte der gefchichtlichen Methode habe ich mit diefer Schrift Kiefern
mollen, mein Zweck war, die fundamentalen Wahrheiten, welche fich
cheils al8 die bedingenden Urfachen, theils als die unabweisbaren
Ergebniffe jener Auffaffung erfennen laffen, mit entfcheidender Be:
weisführung aufzuftellen, fie als ein Ganzes in ihrer befonderen
Figenthümlichfeit und in ihrem Segenfaße zu anderen Anfhauungen
oorzuführen und zu einer Anwendungsfähigkeit auf dem Sebiete der
zinzelnen Lehrfäße hinauszubilden. Wie fern mir der Sedanke verblieben
 ift, Die Bedeutfamkeit, welche die Löfung diefer Aufgabe in
meinem Urtheile hatte, durch Schmälerung der bereits wohlerworbenen
Verdienfte Anderer vor dem fremden Urtheile zu erhöhen, hoffe ich
an Feiner Stelle irgendwie zweifelhaft gelaffen zu haben.
Mit dem erften Blike auf die zu behandelnden Fragen wird
man die Maffenhaftigkeit des fich andrängenden Stoffes erfennen;
wegen der Natur der gefchichtlichen Nachweife, möge man mit ihnen
hekräftigen ober widerfprechen, ift für die Behandlung eines um:
fangreichen Sebietes innerhalb des Raumes der vorliegenden Schrift
eine allfeitige breitere Entfaltung der Beweisführung im Einzelnen
nicht möglich. Sch habe deshalb, wo es mir nöthig erfchien, eine
folche immer nur beifpielöweife für einen einzelnen Punkt eintreten
faffen: daß ich bei der Wahl deflelden nicht willfürlich verfahren

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        VI
bin, wird man überall Leicht erkennen. Ich werde in der nächften
Zeit anderweitige Punkte in derfelben Weife nach Muße und Kraft
auszuführen fuchen. Doch will ih nicht in AWbrede ftellen, wie ich
anfänglich eine größere Ausdehnung diefer Schrift wenigftens fo:
weithin beabfichtigte, daß ich die beiden lebten AUbfchnitte jener um:
faffenderen Behandlung unterziehen und zugleich die Srundlinien für die
Bolfswirthfchaftspolitif im Allgemeinen in der Weife ausführen
wollte, wie es beifpiel8weife insbefondere nur für die Beurtheilung
der. Streitfrage über die modernen Syfteme der Handelspolitit ge
fchehen ift. Daß ich auch diefe Arbeit auf eine fpätere Zeit verfchoben
 habe, daran find freilich nur äußere Verhältniffe fhuld, eben:
diefelben, deren Ergebnif es i{ft, daß ich ein Buch, welches ich als
Univerfitätslehrer in Marburg gefchrieben, als Symnafiallebrer in
Schaffhaufen bevorworte. Auch an Ddiefer Stelle Fann ich mich,
gerabe weil ich mich gegenwärtig: im YAuslande befinde, nicht ent:
fehließen, perfönliche Erlebniffe vorzuführen, welche obendrein ohne
eine ausführliche Mittheilung faft wie ein Ergebniß irrationaler Kraft:
wirkungen erfheinen dürften. Wie ich e&amp;amp; jedoch noch in der frifcheften
Erinnerung habe, daß diefes Buch überhaupt inmitten der erbitterndffen
 Erfahrungen und in der beunruhigendften äußeren Lage ent:
fanden ift, fo halte ich auch durchaus nicht das Seftändniß zurück,
wie Dasjenige, was ich wirklich geleiftet, in einem mehr al8 ge:
wöhnlichen Srade hinter Demienigen zurücgeblieben ift, was mir
bei dem Beginne der Arbeit vorfchwebte. Nur will ich, indem ich
meine Ueberzeugung befenne, daß ich unter anderen Verhältniffen
Manches befriedigender und anfprechender hätte zu Ende führen Konz
nen, in Feiner Weife zu der Vermuthung Anlaß geben, als trage
diefe Schrift nach meinem eigenen Urtheile nicht die volle Rechtferti:
gung ihres Erfcheinens in fich felbft, auch vor dem firengen wiffen:
Tchaftlichen Urtheil. ;
Sch bedaure, daß mir die bedeutenden Werke aus dem verflofz
fenen Sabre erft während des Druckes diefer Schrift, welche ohne
die Veränderung meines Aufenthaltsortes ficherlich fchon im vorigen
Herbft erfhienen wäre, zu Seficht gekommen find. Ich würde mich
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        insbefondere auch veranlaßt gefehen haben, auf die Methode und
die Nefultate in dem Buche £. Stein’s einzugehen. Segen
Rofcher bin ih zu dem Seftändniß verpflichtet, daß ich erft vor
Kurzem auf feinen Heinen aber werthvollen Auffaß in der Deutfchen
Vierteljahrfchrift von 1849 aufmerkfam gemacht worden bin; ich
mürde Denfelben fonft jedenfalls gleich in den Anfangsabfchnitten
nach den NMotizen über den Grundriß als Beleg einer bedeutfamen
Weiterentwicklung der Grundfäge für die gefchichtlihe Methode be:
grüßt haben.

Schaffhaufen, am Neujahrstage 1853.

Der Berfoffer,
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        YInbaltsanzeige.,

Wi. Einleitendes.
L, Die gefchichtlide Entwicklung der politifhen Dekfonomie als Aufgabe
ber Hiftorie . . 2... ; . » . &amp;amp; Won
Die Leiftungen der »SGefchihte der politifhen Yekonomie«. Der
gefichtlidhe Stoff als eine Gefammtmafjfe bei einigen neueren
Theoretikern. Hemmniffe und Ausfichten der gefhichtlihen For
fung.
2. Die gefHihtliche Entwicklung der politighHen Dekonomie als Grund»
fag der nationalöfonomifchen Theorie . . 2.0.0100 +
Abfolutienus der Theorie. »Kosmopolitiemus«. Anfhauungen
aus früherer und jeßiger Zeit. Die Conreffionen und die Forderungen.


XI. Volkswirth{chaft..
Concrete Grundbedingungen der gefhihtlicdhen VBolfswirkhihaft.
1. Das individuelle Territorium . . . u.
2. Der nationale Menfih . .

Die Bewegung in der Zeitz Einwirkung und conerefe SGeftalt
gefchichtlidher Mächte,
3. Die Sinflüffe der Zeit auf das Territorium und den Menfchen.
Das Capital . . 2 . ®
4: Die Bolkswirkhfhaft unter dem Sinfluffe der politifHen Staatsgewalt,
 der Meligion und Kirche, der Herrfhenden Ideen und geifti:
gen Strömungen . . . . - AA „0.
Die VBolkswirthihaft im einheitliHen Zufammenhange mit dem gefammten.
 gefhihtlichen Bolfsleben. Das Generelle und Analoge
neben dem Individuellen und Concreten. Zweifadhe gefchichtliche Bes
wegung einer Bolfswirthfhaft, innerhalb des Lebens einzelner Bölfer
 und als eines Öliedes in der ununterbrodhenen men{heitlichen
Entwidlung . .

3

Seite

1 17

17-— 33

35— 57
57-— 70

70— 89

89—— 109

109-—123

IL. VBolkswirthihHaftsliehre.

i. Feftftellung des Unterfudhungsgebietes :. . . . .
2. Abfolute Borausfebungen, Das Privateigenthum. Das Privat
eigenthum bei den Griechen, den Mömern, den alteften Germanen .
3. Der Eigennuß und das unwandelbare TVerhältniß des Menfehen zu
den Sachgütern. Das Dogma vom Eigennug bei Adam Smith
(Salfhes in der Tradition); bei Man. Kritik und Ergebnif aus
der Gefhichte, ver PfyHhologie und der fittlihen Beftimmung des
Menfhen. . ;

123—129

130—147

147—168
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        Aal

1. Die Volfswirthfehaftslehre in gefchichtlidher Bewegung und im Zu:
fammenhange mit der Periode ihrer Entftehung. Die Mercantiliften
und Der erfie Zeitraum der modernen SGefhihte. Die Phyftokraten
und die Grundlegung der franzöfifhen Revolution. Adam Smith
und der Tiers tat in der Mevolution. Adam Müller und die
KReftauration. Spaltung des fiegreichen dritten Standes: die Ge:
werbtreibenden und Friedrich Lift, der Handelsftand und die
Freihandelsiehre. Größte Weiterung des Gegenfaßes: Die Capita:
Tiften und das Syftem der abfolutfreien Privatthätigkfeiten gegen:
über dem Sociafigmus als der Theorie des vierten Standes. .
Bedeutung der Aufnahme qualitativer Begriffe. Die »qute« Berthei:
[ung neben der »größten« Summe der Güter. Der Privateigennuß
und das allgemeine wirthfchaftlidhe Wohl. Confumentens und Pros
ducenten:Eigennuß. Das eigennüßige Intereffe der Gewerbtreibenden
 an Schugzöllen und des Handelsitandes an der Verkehröfvreihett.
Sinflüße des Territoriums und der Nationalität auf die Theoretiker,
Der erdige Beige[Hmack der Zheorieen und die nationalen Unterfchiede
in den Theorieen der Engländer, Franzofen, Italiener und Deutfchen
5, Die naturgefeblihen Erfheinungen der realen Welt. Das perfo:
nale Clement in den wirthfhaftlihen Thatfachen. Die national
öfonomifchen Gefege als Functionen. Entwiclungsgefeße der Bolfe
wirthfhaft.. Die gebräuchlichen Entwicklungsfiufen. — Lift; Nan
Noflher. . x . Hk NER Wr UM RR RM
7, Fortfekung; über die Anficht von einem Kreislauf der Sionomifchen
Entwicklung aller Bölfer; Berichtigung und Ergänzung; die Be
weife für die fypifche Bedeutung der Bolkfswirthfhaft bei den alı
U SR
3. Der Abfolutiemus der Löfungen und das Sefeß der RMelativitäl
Anwendung auf die Frage über aroße und Heine Landgüter, Schuß:
3ölle und Freihandel . . . 0.004000 0 HH
D. Der einhettliHe ZufammenhHang In den Beftrebungen und Thätig:
feitgäußerungen der Individuen und der Völker. Bedeutung der
nichtöfonomifhen Factoren und Güter für die Erledigung Sfonomt
[cher Fragen, EntfhHeidungsnorm nad den Orundfägen der Pi
tencollifton. Anwendung auf die Streiffragenr-der modernen Han:
delgpolitit . . Se HR 8
10. Die Methode der Unterfuchung, Beweisführung und Schlußfolger
ung. Die Hiftorifche und die philofophifche Methode. Denkevolutionen
und Thatfachen. Der Unterfhied in der Methode für die Gewin.
nung der Gefeße der realen Welt und für die Feftftellung volkswirthfchaftlicher
 Gefebe , . . ws
{1. FortfeBung. Die Principien und die Methode der Analogie. Cre
gebnifie aus dem Charakter der Nationalökonomie als einer moraz
Lifch-ynokitifchen Wiffenfchaft für die Methode .

5

Seite

168-—206

206 —235

235 _ 268

268——284

984... 302

303—9321

321-341

241—355
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        L.

Wer die Fundamentaltriebe und die Entwieklungsbahnen des Wölkerz
(ebens in der neueften Zeit mit aufmerffamer Beobachtung fidh zu vergegen:
wärtigen fucht, gewahrt bald, daß fidhh auf dem Gebiete der öfonomifchen
Dinge die wichtigften Fragen der Segenwart wie der nächften Zukunft con:
centriren. Die unermüdlichen Fragen der Beforgten, die emfigften Forfchun:
gen der Scharfblikenden Haben diefelbe Nichtung, in welcher fich der mäch»
tige Zug der in der Malfe herrfhenden Intereffen bewegt und die lebhafteften
Strebungen der allgemeinen Staatsgetwalten fich anftrengen. Die Bedeut:
[amfeit der mwirthfhaftlihen Zuftände und ihrer bevorftehenden Entwicklung
mußte das Augenmert forwohl Derjenigen, welche aus den Skonomifchen
VBerwicklungen und Uebelftänden in den Verhältniffen der Segenwart nach
nem Yusmweg innerhalb der Bahnen des modernen Culturlebens . fuchten,
als auch Derjenigen , welche ein Zerhauen aller Knoten mit dem Schwerte
oder durch die Correctur der SEonomifchen Fundamentalbegriffe und grund:
[üglihen Uriome als unerläßlih befürwbrteten, auf die wiffenfchaftlichen
Ergebniffe der politifihen Dekonomie immer wieder Hinlenken, fei es, daß
man fe als eine lautere Zuelle der Wahrheit und Weisheit ehrte, fei es,
daß man das »Gift« in ihren Früchten verfluchte, ja ihr Dafein felbft als
das mo 0roV HEVOOS brandmarkte. Da gerade die Entfaltung der modernen
 Cultur diefe Verhältniffe theils hervorgerufen, theil$ menigftens erft zu
der Bedeutung entwickelt Hat, welche ihre Tragweite nachhaltig und unge:
tüm zugleich geltend macht, fo ift es erklärlich genug, weshalb insbefondere
die vier größeren Nationen, welche wir Überhanpt die geiftige Entwicklung
in Europa vorzugsweife fördern fehen, Engländer, Franzofen, Italiener und
Deutfche, mit faft. gleihem Eifer und in ununterbrochener Thätigkeit die
mwiffenfchaftlichen Aufgaben der politifchen DYekonomie bearbeiten fehen. Die
Befragung der Sefchichtg, die Uusbeutung der Lehren vergangener Zeiten
und Sefchlechter, die fruchtbringende Verknüpfung des Seienden mit dem
Servefenen pflegt in den Disciplinen- obenanzuftehen, welche fich mit den
Seftaltungen des praktifchen Lebens in unmittelbare Verbindung feßen und
Knies, polit. Dekonomie.
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        7

bemfelben die Erträgniffe der MWiffenfhaft nusbar und Heilbringend machen
wollen. Um fo mehr muß e8 bei dem erften Blicke als auffallend erfheinen,
baß auf die Erforfhung und Darftellung der gefchichtlichen Entwieklung der
politifchen Dekonomie, auf die hiftorifche Vorführung der wirth[chaftlichen
Manifeftation des Bölkerlebens nur eine verhältnißmäßig fehr geringe Aufz
merEjamfeit gerichtet gemwefen ift; bei näherer Erwägung ftellt fidy jedoch
diefe Erfeheinung al8 fehr natürlich heraus. Die große Spannung, mit
weicher heutzutage die gebildeteren Individuen in allen vorgefchrittenen
Nationen auf die Ffonomifchen Zuftände der Völker, die volkswirth[haftliche
Praris und Intention der Staatsgewalten und die Hervorbringungen der
nationalöEonomifchen Theorie blicken, hat fid) eben erft in der neueften Zeit
dahin entwidelt, daß fie fih mit nachhaltigem Ernfte an die Ergebniffe der
Wiffenfchaft vermeift und dadurch die ausgedehntere Arbeit derfelben anregt,
wie denn auch die planmäßige Berfelbfiftändigung und foftematifihe Durchs
arbeitung der vollswirthfchaftlihen Probleme in der Wiffenfchaft felbft erft
von fehr Furzem Datum if, Bon diefem Zeitpunkte an hat fich in rafcher
Folge eine große Zahl werthvoller, zu einem guten Theile ausgezeichneter
Leiftungen auf diefem Gebiete eingeftellt, unter denen auch die unferes Wolz
es eine ehrenwerthe Stelle einnehmen. In diefer kurzen Zeit aber hat
ficherlich auch die ffeigende Erkenntnig in die ungemeine Schwierigkeit der
Löfung voll$wirthfchaftlicher Aufgaben das Yufarbeiten mwmahrgenommener
Arbeitsrückftände nicht gefördert. Daß wir unter ihnen die genügende Er.
forfhung und Darftelung der gefchichtlichen Entwicklung der volkswirth=Tchaftlichen
 Theorie und Praxis vorfinden, dazu Haben freilidh auch noch be:
fondere Urfachen mitgewirkt. Man kann Feineswegs behaupten, daß die Zahl
fühiger Männer, welche fich die Foifenfchaftliche Bearbeitung SFonomifcher
Hragen zur Lebensaufgabe gemacht haben, der Erwartung entfprochen hätte,
welche ihre Urgumente auf den Umfang und die Wichtigkeit der Disciplin
früßen Fann. In der erften Zeit aber nach der foftematifchen Srundlegung
und bei den anfänglichen Anfirengungen, den gegliederten Aufbau einer Wif:
fenfehaft herauszuarbeiten, werden immer die meiften Arbeitskräfte zu den
nächftliegenden Aufgaben hingezogen, welche fidh dann bei dem Vorfchreiten
ber Erlenntnif immer mieder erneuen. Gerade auf unferem Sebiete wirkte
diefes thatfächliche Verhältnif um fo ftärker, als die Seiten und Sebiete im
Bolksleden, welche das fpecielle und nächfte Terrain für die Forfhungen darboten,
 in einer wie flüffigen Beweglichkeit und faft vermwirrenden Wandelung
auftraten. Nachdem eine mächtige Umgeftaltung in den Ideen der Menfhen
eingetreten war und eine durchgreifende Beränderuyg in den Mechtsnormen
für das äußere Leben nach fich gezogen hatte; nachdem der Befit fachlicher
Büter neue Unziehungsfräfte entfaltet hatte und jeder einzelne Menfch für
fein wirthfchaftliches Sorgen, Hoffen und Erlangen fich felbft verantwortlich
        <pb n="12" />
        zrfchien, marf die taufendfältige und taufendgeftaltige Manifeftation der
Kräfterichtung und Kräfteentwiklung , welche man den Indufkrialismus der
neueften Zeit genannt hat, aus unerforfchter Tiefe immer neue Erfcheinungen
und Combinationen an die Dberfläche des wirthfchaftlidhen Lebens, und fort
und fort traten neue Fragen hervor, welche durch ihren unmittelbaren Zus
fammenhang mit den wichtigften Intereffen des Tages der Erledigung zU:
nächft zu bedürfen {chienen. Der Widerftreit in den Strebungen und For:
derungen des praktifchen Lebens erhielt fein Abbild in den Gegenfäßen der
wiffenfchaftlichen Theorieen, und hier fchienen allgemein befriedigende ends
giltige Nefultate um fo rafcher erreicht werden zu müffen, als fidh auch die
allgemeinen Staatsgewalten zu einer principiellen und ebenfo umfaffenden
wie einheitlichen Thätigkeit in der volksmwirthfchaftlichen Sefeßgebung ge:
drängt fahen, und auch die allgemeine Politik ihre mächtigften und dauernds
fen Impulfe nicht mehr von dynaftijhen oder nationalpolitifhen, fondern
von. Sfonomifchen Intereffen erhielt. Indem fo die an die unmittelbarfte
Segenwart -fich- anfchließenden Aufgaben fih in fo großer BZahl und in fo
ftarfer Bedeutung einftellten und die Sefchike der Zukunft fich immer eilenz
der zu erfüllen fhienen, trat die Betrachtung und felbft die Beachtung der
Vergangenheit ganz in den Hintergrund. Die wirthfchaftlihen Zufände
und Entwicklungen früherer Völker und Menfhengefchlechter, die Fntentionen
und Erträgniffe der politifchen Dekonomie in den vergangenen Zeiten erfehies
nen mie bedeutungslos, und weil fie fo erfchienen, mag auch das gefchicht:
Tide Studium bei Seite gefebt worden, damit aber auch die Wirkung und
bie Frucht deffelben. ausgeblieben fein. Hat doch felbft ein fo ausgezeichneter
Volkswirthfchaftsgelehrter wie €. Baumftark noch 1838 vor einer bes
deutenden nationalö£onomifchen Arbeit hierüber ein fehr“ offenes Bekenntniß
abgelegt 1) und noch neuerdings ein anderer Nationalöfonom 2) die Haupt:
urfache des zeittweiligen Erfolges der nationalifonomifchen Theorie Friedrich
£ift’s auf die Unbekanntfchaft der zahlreichen Gegner diefes Schriftfteller®
mit der Sefchichte zurü&amp;amp;geführt.
Die Aufgabe der Hiftorie, welche die wirthfhaftliche Sefchichte der
Bölfer Kiefern will, umfaßt ein größeres Gebiet, als dasjenige ft, welches
mwenigftens in Deutfehland gewöhnlich mit dem Namen der politifchen Dekos
nomie bezeichnet zu werden pflegt 3). Sie hat nicht nur die gefchichtliche

»

Volkswirthfhaftlidhe Erläuterungen, vorzüglich über D. Nicardo’s Syftem.
Leipzig 1838. S. 3 u. 4.
B. Hildebrand: Die Nationaldkonomie der Gegenwart und Zukunft.
Srankfurt 1848. S. 70.
Nad) der Terminologie Rau’s. Vergl. die Einleitung in deffen »Grundfäge
Ser Bolkswirthfichaftslehre«. BVierte Auflage. Heidelberg 1841. (Auf diele
Xuflage beziehen fich alle folgenden Gitate.)

A
        <pb n="13" />
        Entwicklung der nationaldkonomifchen Theorie, die Intentionen und die
Praxis der allgemeinen Staatsgewalten für die Sewinnung ihres Bedarfes
an fachlichen Gütern und zur Förderung der wirthfchaftlichen Volksintereffen,
fondern auch die öfonomifchen Zuftände und Entwicklungen in dem wirt
lichen Leben der verfchiedenen Nationen und Zeiten zu erfaffen und darzus
ftellen. Allerdings wird, wie das gefhichtliche Leben feibft die innige Bere
bindung und gegenfeitige Durchdringung diefer einzelnen Momente darftellt,
fo aud) die mwiffenfchaftliche Erforfchung und Finftlerifche Reproduction diefes
einheitliden Ganzen als die höchfte Xufgabe anerkannt werden ‚müffen. Wie
weit wir aber noch gegenwärtig von der Erreichung diefes Zieles entfernt
find, wird Leicht erkannt werden, fobald man beherzigt, wie Lckenhaft noch
die Vorarbeiten auch für die einzelnen Elemente des Sanzen find, Und dies
Eann man nicht verfennen, fobald man fich auf den Boden der allgemeinen
Sefchichte ftellt. Es liegt in der Natur des Segenftandes, daß über die
wirthfchaftlidhen Zuffände des gefchichtlichen Bolksiebens und ihre Entwick
lung in den verfchiedenen Zeiten bei weitem der geringfie und zufammen:
hanglofefte Yuffchluß gegeben ift, und wo deshalb in einer »Gefchichte der
politifjchen Dekonomie« diefes Clement in die Darftelung eingewebt it, da
tritt das Fragmentarifche und Zufammengewürfelte des Stoffes oder vielz
mehr der. Notizen in der auffälligften Weife zu Tage; fie dienen meift nur
dazu, Leere Stellen des erffrebten Bildes auszufüllen, und e&amp;amp; macht fich
weniger ‚eine bewußte planmäßig durchgeführte Zufammenfaffung des Zu:
[ammengehörigen, als eine unterfcheidungslofe Vermifchung des Verwandten
bemerkbar, Gefördert wird diefer Migfkand durch den Außerft (hwankenden
Sebrauch der Bezeichnung »politiflhe Dekonomie« in dem Sprachidiom der
vier genannten Nationen; doch kann man fi auch bei ganz allgemeiner
DVetrachtung über die Mangelhaftigkeit der bemerfenswertheften Leiftungen
für eine »Gefchichte der politifchen Dekonomie« nicht tufhen. So hat in
Stalien der Graf I. Pechio im Anfchluß an die Sammlung Cuftodi’s !)
eine Ge[dhichte der »Economia publica« in feinem BVaterlande geliefert ?)
und £. Cihrario die »politifche Dekonomie« des Mittelalters 3) gefchildert;
aber der allgemeine Charakter des von dem Einen ausgewählten Stoffes hat
mit dem bes Anderen wenig gemeinfam. Die Leiftung des Erfteren wird
dadurch noch fehr verfümmert, daß er: politifche Herzensergießungen an die
Stelle gefchichtlicher Erpofitionen treten läßt; des Mitters Cihrario Hand
ift viel unficherer, wo fie, den fpecififchen Stoff der politifichen Dekonomie er:

*‘) Scrittori classici Italiani di Economia politica, Milano 1803-—1804. 50 Bbe.
”) Storia della Economia pubblica in ltalia, ossia epilogo:critico degli Economisti
 italiani, preceduto da un’ introduzione. Lugano 1829. Sec, ed. 1832.
*) Della economia politica del medio evo libri Ill. Torino 1839.
        <pb n="14" />
        faffen will, al8 mo er ‚allgemeingefchichtliche Segenftände dem befriedigten
Sefer vorführt. Bei dem Engländer Travers Twiß, der neuerdings
nad) einer untergeordneten Arbeit I. N. M’Culloch’s 1) die Entwieklung
der »politifchen Dekonomie in Europa feit dem fechszehnten Iahrhundert«
behandelt hat 2), tritt auch für die nur überfichtliche Darftellung und den
fragmentarifhen Stoff die VBefchränkung des binnenländifchen Seficht$Ereife®
mißlid) hervor. Das Werk des Franzofen U. Blanqgut 3) wie das von
X. de Villeneuve:Bargemont 4), insbefondere aber das erftere, hat
zivar eine meite Verbreitung auch ber das Vaterland des VWerfaffers hinaus
gewonnen, auch in Deutfchland, aber gerade hier gewiß nur in Ermangelung
eines befferen. Denn daß auch diefe beiden Werke Feinestwegs der zu ftellen:z
den Aufgabe genügen, darlber werden weder die deutfchen Volkswirthfchafts:
gelehrten noch die deutfhen Hifkoriker, welche jene Fennen gelernt haben, im
Zweifel -verblieben fein. Gerade in dem Werke Blanqui’s mird die zu:
fammenfaffende Beachtung verwandter Segenftände zu einer ganz Eraufen Ber:
mifchung, angefichts. deren auch dem deutfchen Ueberfeßer 5) der Vorwurf, den
Blanqui gegen den Mangel an Unterfcheidungsvermögen bei den deutfchen
Volkswirthfchaftsgelehrten erhebt, wunderlich genug erfchienen if, Villes
neuve. Bargemont fowohl als Blanqui kommen zu ihrer »Sefchichte«
mit einer verfefteten, wenn aud) faft entgegengefeßten Neberzeugung: über das
Entfaltungsprincip und den Entwidlungsmodus derfelben, wonach fie auss
legen und einlegen, [oben und tadeln. In mandhem Punkte thut der in dem
Öffentlichen Urtheil minder begünftigte Rivale Blangui’s einen glückliches
ten Wurf. Man kann fagen, daß beide Schriftfteller fich in vieler Beziehung
ergänzen, faft überall aber hauptfächlidh nur im Naifonnement. Den hiftos
tifchen Stoff der Darftelung entnehmen Beide, wenn man von den aller:
befannteften Autoren abfieht, faft nur fecundären Yuellen, und diefe fließen
eben nicht fehr reichlich; wo fie reichlicher fließen, fchwillt die Darftellung
unverhältnifmäßig an; man fieht genau, an welcher Stelle fie nur fickern.
Mit (ehr empfindlicher Störung tritt die Außerft mangelhafte Bekanntfchaft
mit den Literaturerzeugniffen des Auslandes entgegen, den nationaldkonomifchen

*) The litterature of political economy, A classified catalogue of select
publications with historical notices. London 1845.
?) View of the progress of political economy in Europe since the 16th
century, London 1847.
% Histoire de l’economie politique en Europe. Paris 1839. Varis 1846 {ft
eine dritte Auflage erfchienen.
*) Histoire de l’economie politique ou etudes historiques philosophiques et
religieuses sur l’economie politique des peuples anciens et modernes,
Paris 1841.
”) Buß, Carlsruhe 1840 und 18441. Siche die Vorrede des Neberfehers.
        <pb n="15" />
        tote den hiftorifchen, die fie Kaum fomweit Fennen, al8 die franzöfiflchen Ueber:
feßungen reichen. € ift charakteriftifh genug, daß fich Blanqut in feiner
planlofen Zufammenftellung aus der Literatur 1) von einem Deutfehen die
Enappen Fritifirenden Sägchen auch für die wenigen von ihm angeführten
nationalöfonomifchen Werke deutfher Schriftfteller machen ließ.
Steichwohl beanfpruchen die Leiftungen der Franzofen auf dem Sebiete
der allgemeinen Sefchichte der yolitifchen Dekonomie noch immer die
erffe Stelle und, man muß eingeffehen, zur Stunde noch mit vollem Rechte,
Berade die Deutfchen, welche von jeher und mit fo großem Erfolge die Ge:
Thichtsforfhung gehegt und gepflegt und ihre auf mandcherlei Gründen bes
ruhende vorzügliche Befähigung für diefelbe hinlänglich bewiefen haben, find
hinfichtlich diefes Gegenftandes — wir meinen den Verfuch zur Löfung jener
umfangreichen Aufgabe — weit hinter den erwähnten Leiftungen des Aus:
Landes zurückgeblieben. Zwar N. Boffe 2) fchrieb frühzeitig in franzöfilcher
Sprache ein Fragment einer »Sefchichte der politifchen Dekonomie«, aber
mit einem Erfolge, welcher das Werk bald der Beachtung der Späteren ent:
eückte; Andere lehnten fi fo unbedingt an die Leiftungen des Ausiandes
an, daß von einer Selbftftändigkeit der Forfhung und Darftellung gar nicht
die Mede fein Kann 3. Auch wenn man die noch ganz AHaotifche Maffe abs
fcheidet, welche die gigantifche Bildnerkunft eines Sefchichtfchreibers der wirth:
fehaftlichen Zuftände zu bewältigen haben würde, und nur das befchränEte
reinliche Gebiet der gefchichtlichen Entwicklung der theoretifchen MWiffenfchaft
in’s Yuge faßt, zeigt fich diefelbde Leere. Denn der Ueberblit der gefchicht:
lichen Entwicklung der politifchen Dekonomie, welchen man vor den meiften
foftematifhen Darftellungen der Nationalökonomie durch deutfche Volkswirth:
fchaftsgelehrte findet, macht wohl nach dem eigenen Urtheil der Verfaffer, auch
wo er in einem etwas ausgedehnteren Umfange auftritt, gar nicht den An:
fpruch, etroas Anderes als einleitende Gapitel liefern zu wollen, die jedoch
natürlichertweife aud) den ganz befchränkten Stoff nur regifterartig vorführen;
aud) beziehen fie fi faßt nur auf die nationaldtonomifche Theorie. Anderer:
feit$ ift jedoch von den Deutfehen eine große Anzahl ganz vortrefflicher
Monographien geliefert worden, welche auf einem Fleineren Sebiete auch
verhältnifmäßig eine viel ftärkere und beffere Ausbeute errungen haben, als
die Leiftungen des Yuslandes auf dem ausgedehnten Terrain der »Gelchichte

) 3% ann nicht beurtbeilen , 9% in den fpäteren Auflagen an ihre Stelle die
verfprocdhene methobdifdhere Claffification getreten ift.
*) Essai sur V’histoire de l’6conomie politique, Paris et London 1818.
*) So ift 3. B. die Darftellung SGrieb’s (in der neuen SneyFopädie der
Künfte und Wiffenfbaften, welche im Verlage der Franckh {chen Buchhandlung
zu Stuttgart erfcheint) hinfichtlidy des hiftorifdhen Stoffes falt nichts als ein
überfeßender Auszug aus Vianaui.
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        der politifchen Dekonomie«. Manche Punkte in der hiftorifchen Entwieklung
der politifchen DYekonomie und viele Felder aus. -der Sefchichte des wirth-(chaftlichen
 Wolkslebens haben eine fo fehr genügende gefchichtlihe Behands
lung gefunden, daß fie Demjenigen, der fie als Borarbeiten zu einer Dar
ftelung des umfaffenderen Sebietes braucht, wenig zu wünfchen übrig laffen,
Sie find von den überfichtlich refümirenden SGefchichtfhreibern der nolitifchen
Dekonomie im Auslande gar nicht benußt worden.
Un diefer Stelle dürfen jedoch einige deutfche Volkswirthfchaftsgelehrten
nicht ganz unermähnt bleiben, weiche den hiftorifhen Stoff für eine Darftelung
 der gefhichtlichen Entwicklung der voltswirthfchaftlihen Zuftände
mwenigffens parcellenweife in die wiffenfchaftlihe Verarbeitung der National:
Sfonomie eingerwebt haben, fo daß wir gewiffermaßen in diefer zugleich einen
Berfuch zur Löfung der gefchichtlichen Aufgabe anerkennen müffen. Bon
diefem Sefichtspunkte aus würde fchon hier SG. %. Kraufe zu ermähnen
fein, der fehon vor zwei Jahrzehnten einen »Verfuch eines Syftemes
der National: und Staatsdikonomie mit vorzüglidher Bes
eäcfichtigung Deutfhlands aus dem Gange der Bölkers
cultur und aus dem praktifdhen Leben entwickelt« veröffent:
lichte 1). Doch finden wir in diefem Buche nichts weniger als eine gefchicht:
liche Entwicklung des Sanges der Bölkercultur. Von vorn herein tritt an
die Stelle einer an die hiftorifchen Yuellen — nicht an die FEritiklofe Ueberlieferung
 fpät geborener Nachfchreiber — fi anfchließenden gefchichtlichen
Darftellung ein conftrutrter Schematismus mit dem bekannten Anfangs:
capitel über den faft thierifch rohen Urzuftand auch derjenigen Völker, welche
die größte Bildungsfähigkeit bewiefen haben. Aus jenem haben fie fih, nach
Kraufe, fo herausgearbeitet, daß fie immer über die Formen der höheren
wirthfchaftlichen Entwiklungsfiufen Übereinkamen. Die abfiracte generas
lifirende Erörterung, wie fi Jägerz und ‚Hirtenteben, Uckerbau, Semwerbe
u. f. ®. nad) und aus einander entwickelt Haben, Fann mohl nur als eine
bis dahin ungewöhnliche Einleitung für den Hauptzwedk des Buches: die
herrfchenden AUnfichten von der NMationaldkonomie populär zu machen, ange:
feben werden. Doch ift es, wie fi noch zeigen wird, aus einem anderen
BSrunde auffällig genug, daß Kraufe’s Werk gar Eine nachhaltigere
Beachtung gefunden hat,
Sn fpäterer Zeit war e8 zunächft befonders Friedrich Lift, welcher
— in feinem nationalen Syfteme der politifghen Dekonomie —
die gefhichtlihe Entwiklung volfswirthfchaftlicher BVerhättniffe bei den grö:
Beren Nationen zum SGegenftande einer hefonderen Darftellung gemacht hat,
aus deren Mefultaten er Beweisgründe für fein handelspolitilches Spftem

1) Leipzig 1830. 2 Bände.
        <pb n="17" />
        3

zu geminnent fuchte. Wie groß aber auch der augenblickkiche Eindruck diefes
netten Argumentes bei Vielen getwefen fein mag, wie viel fih auch Lift
[ebft auf feinen RMecurs an die SGefchichte und feine Kenntniß derfelben gegen
die von ihm unverffändig und unziemlich zugleich angegriffene »Schule« V,
5. 5. beinahe‘ gegen alle früheren und gleichzeitigen nationalöFonomifchen
Schriftfteller zu Sute thut, e&amp;amp; Fann doch gegenwärtig ‚als Überflüffig ange:
eben werben, auch nur Anleitungen zu dem Beweife Kiefern zu wollen, daß
Lift bet fehr mittelmäßigen hiftorifchen Kenntniffen die Sefchichte nach einem
von vorn herein adoptirten Schema verlaufen ließ, und, ftatt bei ihr in die
Sehre zu gehen, ihre Lehren nach dem VBedürfnif feiner theoretifchen Doctrin
einrichtete:?), Aber e&amp;amp; wäre ganz ungerecht, wollte man ihm das bedeutfame
Berdienft abfprechen, daß er durch den Fräftigen Hinweis auf die gefchicht:
liche Entwielung der Wolkswirthfchaft, durch die herausfordernde Berufung
auf die unwtderfprechlichen Lehren der Vergangenheit mehr als irgend einer
feiner Vorgänger der Bedeutfamkeit des gefhichtlidhen Studiums für die
richtige Löfung der Aufgaben der politifchen Dekonomie in einem weiteren
Kreife Anerkennung verfhafft hat; aud) war e8 Lift, welcher in Deutfchland
 mit Nachdruck wenigftens auf die enge Verbindung des Dekonomifchen
und des Politilchen in der wirthfchaftlihen Entwieklung der Völker hinwies,
wodurch gleichfalls der Beachtung der Sefchichte Vorfchub geleiffet werden
mußte.
Und in diefen Beziehungen hat Wilhelm Nofcher in der vortreff:
lichen Mecenfion des Lift’ {chen Buches 3) den verurtheilten Segner feinem
verwandten Streben zur Seite geftellt. EA aud) vornehmlich
unter den NMationalökonomen der Gegenwart als Derjenige zu bezeichnen,
welcher in dem Befige ausgezeichneter SefchichtsEenntniffe, insbefondere auch
mit der nothwendigen Einficht in das Detail, feit längerer Zeit mit großem
Erfolge feine ununterbrochene Thätigkeit insbefondere der biftorifchen Dar.
ellung wichtiger Verhältniffe und Sragen in der politifchen Dekonomie zuz
gewendet hat, und zwar in der Art, daß ‚er faß immer der theoretifchen

') Daß Lift felbft in mandjer Beziehung zu einer befferen Einficht über feine
Beurtheilung der »Schufe« u. 1. w. gefommen ift, davon geben feine gefam:
melten, von Häußer In drei Bänden (3. 6. Cottadher Verlag 1850 und
1851) berausgegebeifen Schriften manche Belege. |
BVergal. zur Beurtheilung der gefHidhtlidhen Stüßen der Lift’ chen Theorie die
Mecenfion von Rau, in deffen YUrchiv der politifden Dekonomie Band V.
GBeft 2 und 3, fowie die dort Seite 350 in der zweiten Note angeführten
Rritifen Anderer; dazu nod) etwa: die Theorie des Dr. tif vom Fabrik:
faate und ihre gefhichtliden und fkatiftifchen Stüßen. Berlin 1844; und
Bildebrand a. a. OD. S. 72.
GSötting. gelehrte Anzeigen 1842. St, 118 fl.

)
        <pb n="18" />
        Erörterung die gefchichtlidhen Ergebniffe zur Seite free. Er fheint mit
Allem ausgerüftet zu fein, um auf diefer Bahn die wichtigffen und fchwierigs
fen Yufgaben zu {öfen. Wir hefigen von ibm eine Reihe vortrefflicher
Schriften, welche allerdings immer nur auf einem Eleineren Sebiete. und
deshalb in einer definitiv zu befeitigenden Sfolirung die Darftellung der ges
fhichtlichen Entwikelung der politifchen Dekonomie — diefe Bezeichnung im
Sinne der ausländifhen Sefchichtichreiber der Politifchen Dekonomie genom:
Men — zu verwirklichen fuchen 1), Doch hat Nofcher auch bereitg für
die Löfung einer umfangreicheren biftorifchen Aufgabe einen Außerlich zwar
ganz unfdheinbaren, im Grunde aber fehr werthoollen Beitrag geliefert 2),
in welchem freilich nur auf die gefchichtliche Entwicklung der einzelnen, ifolirt
vorgeführten, in der politifchen Dekonomie auftretenden Sujets hingewiefen
wird, während das Parallele in der Entwicklung, der allgemeine Zufammen:z
hang der gefammten volfswirthfchaftlichen Verhältniffe unter einander nicht
in den Kreis der Betrachtung gezogen wird. In diefer Beziehung erfcheint
der hiftorifhe Inhalt diefer Schrift wie eine Zufammenlegung parcellirender
Monographieen, und man Kann diefelbe etwa einer ethnographifchen Ge
fhichtsbarftellung vergleichen, in welcher das Synchroniftifche unbeachtet ges
Slieben iff, Auch fo ift das Schriftchen jedoch für die Sefchichtfehreibung
werthvoller als die Notizen über die wirthfhaftlidhen Zuftände in den »Ge:
(hichten der politifchen Dekonomie«, ingbefondere dadurch , daß NRofcher
nicht bloß Angaben über einzelne äußere Erfcheinungen giebt, fondern auch
auf ihre innerliche Bedeutung hinweift und fie al$ Cinzelnmanifeftationen
allgemeiner Srundwirkungen begreifen lehrt.
Immerhin wird es indeffen al8 befremdend erfcheinen, daß fich auch
Unter ‚den deutfchen Volkswirthfchaftsgelehrten froß der faßt unüberfehbaren
Uusdehnung des Arbeitsgebietes und wegen des offenbar reichlich [ohnenden
Ertrages der Anftrengungen berhältnifmäßig nur äußerft Wenige in diefer
Richtung thätig gezeigt haben. Aber man wird auch nicht verlennen. dürz
fer, daß fich gerade. für derartige Leitungen weit mehr und größere Schwies
tigEeiten in den Weg ftellen, als man im Hinblic auf die Verhältniffe der
Segenwart erwarten mag.

Ai

7) Vergl. z.B. »Ueber den Lurus« in Nau’s Archiv Bd. VI. (1843) Heft 1. —
»Ideen zur Politik und Statiftit der YUeerbaufyfteme, « Chendafelbft neue
Folge Bd. NN. »Betrachtungen über Socialiemus und Communigmus« in
Schhmidt’s Zeitfhrift für SefHihtswiffenfkaft Bd. IL. und IV. — »Neber
Korntheuerungen.« Ein Beitrag zur Wirkhfchaftspolizei. Stuttg. u. Tübingen
1847; feitdem mehrmals neu aufgelegt. ‚Auf andere Schriften Nofcher’s
werden wir noch zurücfommen.
Srundrif zu BVorlefungen Über die Staatgwirthichaft, Nad) gefhichtlicher
Methode, Göttingen 1843.
        <pb n="19" />
        Wer die gefhichtliche Entwicklung zunächft volksmwirthfchaft:
Lidher Zufände und Lebensverhältniffe audy in den früheren
Zeiten gewinnen will, findet an den fecundären Yuellen Feine fehr erBebliche
Unterftügung. Bei aller Anerkennung des epochemachenden Umfehmungs,
welcher für die neuefte Sefchichtfchreibung iInsbefondere durch Spittler
und Heeren ?) eingeleitet worden if, muß man e8 doch entfchieden in Ubvede
 fielen, daß auch die hervorragendften Hiftorifer der neueften Zeit, vote
fehr fie aud) den SefichtsEreis der allgemeinen Sefchichte über die lange feftz
gehaltenen engen Srenzen hinaus erweitert haben, den wirth{haftlichen Zu:
ftänden und Entwicklungen der Völker diejenige Beachtung gewidmet haben,
welche ohne allen Zweifel die Bedeutfamkeit des SGegenftandes dringend ers
fordert. Es Läßt fich ja freilich auch aus den allgemeingefchichtlichen Dar:
ftelungen manches Material für einzelne Punkte und Seiten in der wirth-[chaftlichen
 Entwicklung der Völker zufammenlefen, aber gerade der Umftand,
daß es zumeift ganz atomiftifch verftreut fich findet, Überhaupt nur als ein
ganz untergeordneter Beffandtheil der gefchichtlihen Ausführung auftritt,
beweift fchon die Stelle, welche e&amp;amp; in dem Urtheil des Hiftorikers einnimmt.
Ob die getroffene Auswahl eine glückliche zu nennen fei, ift dann noch eine
andere Frage. Faft immer aber hat man nur Notizen, einzelne Data vor
fi, die wenig genug befunden, fobald fie aus dem allgemeinen Lebens
grunde, der fie trägt und den fie deuten, Herausgelöft werden. Ein Beweis,
wie er nur gewünfcht merden Fann, liegt fehr nahe, €, Baum ftarEk hat
feinen »volfswirthfchaftlihen Erläuterungen vorzüglich über D. Ricardo’s
Syftem« eine mit vielem Fleiße aus den Darftellungen der Sefchichtfchreiber
zufammengefuchte Sammlung wirth{haftliher Notizen über das Leben der
verfchiedenen Völker in der alten Zeit vorausgefchickt. Dochy wird fchon auf
ben erften Blie Yedermann den fehr fragmentarifchen Charakter diefer Zu:
fammenftellung erkennen. Viele der roichtigften Fragen, weiche in uns bei
dem erften Gedanken an den Segenftand auffteigen, bleiben ganz unbeant:
mwortet, die Notizen find, um nur einigermaßen eine Ausfüllung zu ermög:
lichen ,. aus fehr verfchiedenen Zeiten zufammengeftellt, fo daß die gleichwohl
[parfamen Nachweife aus einem über mehrere Sahrhunderte ausgedehnten
Beben zu einem Eeinen »gefdhichtlidhen« SGefammtbilde mitwirken müffen,
modurch aerade mieder der CSinblif in eine agefchichtliche Entwicklung inner:

') Obwohl Beide unter einander ftarke Sontrafte zeigen. Indem Spittler
mit genialer Birkuofität den‘ älteren befihränkteren Gefichtskreis beherrfcht,
überliefert er das Dauernde aus demfeliben wie gereinigt und verklärt der
neuen Periode, weldhe Heeren einleitet; es ift als ob ein Sanuskopf den
Markftein einer neuen Epoche der Sefhichtfchreibung bilde. Hier zu ers
mähnen find befonders Heeren’s Ideen über die Molitik, den Verkehr und
ben Handel der Mölker der alten Melt.
        <pb n="20" />
        halb deffelben Volkes verloren geht. Dabei ift e8 ganz unerheblidh, daß
Baumftark durch eine unfchwere Vermehrung der von ihm ausgebeuteten
hiftorifhen Werke die Summe feiner Notizen hätte vergrößern Fönnen.
Allerdings muß zugefianden werden, daß in diefer Beziehung die moderne
 Sefchichtfchreibung nur das Urtheil wiederfpiegelt, welches insgemein
6i8 in die neuefte Zeit hinein über die QYualification »hiftorifh wichtiger«
Thatfachen im Leben gegolten hat; ja man Fann fagen, fie ftand unter dem
Banne deffelben. Selbft in dem »materiellen« Frankreich ftarb noch in dies
fem Jahrhundert der Verfaffer der Histoire des Frangais des divers Stats,
YUmand Aleris Monteil, ein viel größerer Sefchichtsforfcher als mancher
bielbetunderte Häuptling, in unbeachteter Armuth. Aber ein paar Yahrzehnte
 haben jenes Urtheil umgeffaltet und e&amp;amp; wird nicht [Anger verabfäumt
werden dürfen, einen jeßt in feiner Wichtigkeit erkannten Einfhlag auch in
die allgemeingefchichtliche Darftellung zu bringen, der gar wohl geeignet ift,
nicht bloß böfe Lücken auszufüllen, fondern auch an mancher Stelle die feitz
her gewonnenen NMefultate bedeutfam umzugeftalten. Freilich wird fich vor:
erft die Ueberzeugung allgemein Bahn brechen müffen, daß das Studium
der politifchen Dekonomie für den Hiftoriker ganz unerläßlich iff. Hätten
die deutfchen Sefhichtsforfcher, denen wir fo vortrefflihe Monographieen,
3. B. über manche Punkte des mittelalterlichen Lebens, verdanken, eine ebenfo
fharfe Yufmerkfamkeit für die wirthfchaftlichen BVerhältniffe gehabt wie für
bie rechtlichen, mit derfelben Feinheit und Sicherheit den Caufalnerus Skonos
mifcher Dinge herausgearbeitet, wie fie die Functionen Heinerer Lebensfreife
organifch dem politijhen Gefammt£örper einfügten, ihre bereitwillig anetz
fannten Leijtungen würden doppelten und dreifachen Dank verdienen. Ich
überfehe nicht, daß e8 neben den Merken, an welche wir uns zunächft erinnern,
wenn von den Leiftungen der Sefhichtfhreibung in unferer Zeit die Nede
ff, allerdings eine Neihe von Schriften giebt, welche fi auf ausgedehnterem
Sebiete die gefonderte Darlegung volkswirthfchaftlicher Zuftände oder von
Sebensverhältniffen, die mit ihnen im unmittelbarften Zufammenhange ftehen
oder fie als einen ausdrücklich heroorgehobenen Theil der Darftellung umfchlie:
Ben, zur eigentlichen Aufgabe gemacht haben; es beweift aber hinlänglich die
Stelle, welche jene Zuftände fammt ihrer Entwicklung für die Sefchichtfehreis
bung in dem Urtheile der Schriftfteller einnehmen, wenn man folche Schriften,
fei e8 gerade wegen des in ihnen behandelten Stoffes, fei e8 weil fie Zuftände
[childern wollen und nicht Entwikungen vorzuführen (heinen, entweder ganz
von der SGefchichtfhreibung ausgefchloffen oder zu derfelben nur in ein gewiffes
BVerhältnif gefeßt und als Statifktiken abgefondert und verfelbftftändiat hat 1).

an

) Val. meine Schrift: Die Statiftik als felbftftändige Wiffenfhaft, Zugleich ein
Beitrag zu einer Lritifhen Gefhichte der Statiftil feit Xhenwall. Kaffel 1850.
        <pb n="21" />
        4

Freilich (äßt fi nicht in Wbrede ftellen, daß die fehr fragmentarifchen
Notizen der neueren allgemeinen Sefchichtfchreibung über die Entwicklung
der mwirthfehaftlichen Zufände der Bölker his zu einem gewiffen Srade durch
den Inhalt der gefchichtlichen Yıuellen felbft, wenn man will, entfehuldigt
und erklärt werden. Es zeigt fich ja auch in den lebteren weder eine durchs
gehende noch eine umfaffende Beachtung der betreffenden BVerhältniffe, und
häufig vermißt man alle und jede Uufmerffamteit für fie; den Schriftftellern
vergangener Jahrhunderte fehlt eben noch weit mehr als denen der nächft»
beroffenen Zeit die rechte Erkenntniß in die Bedeutung diefer Seite des
Wölkerlebens. Indeffen handelt es fi doch hier Feineswegs nur um die
Benugung eigentlich fehriftftellerifcher Documente, und felbft aug ihnen wer:
ben fich die wünfchenswerthen Nachweife in weit größerer Zahl und Bedeuz
tung einffellen, wenn fie emfiger und in einem weiteren Kreife gefucht fein
werden. Eine Menge von Schriften, welche von Demjenigen, der nach
Notizen über die politifche und Lirchliche BSefchichte fucht oder einen zu Enappen
 Mafftab für den Umfang der Culturmanifeftation des Menfchengefchlech»
fe8 handhabt, oft ganz unbeachtet zur Seite gefhoben werden, ftellen {ich
hier aus dem Gebiete der Literaturzweige ein, welche allerdings mit den ges
fchichtlichen Ereigniffen im überlommenen Brauche des Wortes gar nichts
gemein zu haben fcheinen, und manche »todte Zahl« wird mißachtet, welche
leicht in ein lebendiges und bedeutfames Wort umgefchaffen werden Fönnte,
Sn der hat liegt gerade für die gefchichtliche Erforfchung der wirth(haftlichen
 Momente des Volkslebens in den »allgemeinen Weltgefchichten«, die
bon dem Urfprunge und dem Fortgange aller Länder und Reiche, von den
Kriegen und Eroberungen großer Könige u. f. w. Handeln, eine viel geringere
Ausbeute al8 in den taufenderlei »Kleinigkeiten der Literatur«, mit denen
auch fehon in vergangenen Zeiten die große Familie der namenlofen oder
nur in ihrer Zeit genannten Schriftfteller ihr Scherflein neben die umfang:
veichen Werke der ruhmyekrönten Koryphäen gelegt haben. Hinfichtlich
andermweitiger Documente zögere ich Feinen Augenblick es auszufprechen, baß
die Quellen, welche z. B. die »hiftorifchen Bereine« in Deutfchland erforfcht
und ausgebeutet haben, fehon jet für die Darftellung einer Sefchichte der
volFswirthfchaftlichen Zuftände und Entwicklungen über allen Vergleich wich:
tigere Sundgruben find, als jene von Öffentlichen Autoritäten verbrieften und
verfiegelten Pergamente ; jenes Eraufe, an »Ereigniffen« leere Sefchreibfel ift
niemals aus den Schränken der Schlöffer und Stiftungen, von den Böden
der Nentfammern und Nathshäufer u. f. w. in die Staatsarchive gewanbdert,
Bis jeßt haben dergleichen Materialien verhältnismäßig noch weit mehr bie
FücEmärts arbeitenden Statiftiker al8 die eigentlichen Sefdhichtsforfcher ange:
vegt und zu umfaffenderen Combinationen veranlaßt, Aber auch die Yuellen-[hriften,
 welche wir in den Sefchichten der »Nationalliteraturen« behandelt
        <pb n="22" />
        L 4

finden, find fafßt zu allen Zeiten reich an Notizen Für eine Sefchichte der
wirth{chaftlidhen Zuftände.
Das BVerdienft, einen ficherlich dauernden Impuls der Sefchichtsfor:
hung nach den hiftorijhen DZuellen über die wirthfchaftliche Entwicklung
der Völker hin gegeben zu haben, wird man zu einem guten Theile den
foctaliftifchen Schriftftellern zugeftehen müffen, mögen fie auch ihre laute und
anhaltende Appellatian an die Beweife des gefchichtlichen Lebens nur in dem
Wahne von der progreffiven Berfchlechterung des Loofes der hHandarbeitenden
Claffen eingelegt haben; fie haben gerade auf diefen Theil des BVolkslebens
in der Vergangenheit wie in der Segenwart das Hauptgewicht gelegt 1).
Und ftände e$ auch um den Gehalt der Duellen viel fhlimmer, als es in
Wirklichkeit der Fall ifk, welchen Ertrag würden wir uns doch in Ausficht
fielen Eönnen, wenn ‚fich derfelbe Fleiß, diefelbe Combinationstraft und Divinationsgabe,
 die auf dem Felde der Sefchichtfchreibung bereits fo bemwunderns:
werthe Früchte getragen hat, auch der Erforfchumg unferes Stoffes zuwendet.
Wie Fein ift der Boden, von welchem aus Guerard ?) ein fo großes Feld
angebaut hat. Daß fich Alles, was wünfchenswerth erfcheint, fo wird ficher:
fteilen Laffen, Fann allerdings nicht erwartet werden, da die Folgen der bis
in die neueften Zeiten hineinragenden Unaufmerkfamkeit der Schriftfteller
für die Gebiete des volfsmwirthfchaftlichen Lebens nun einmal nicht mehr
ganz zu befeitigen find; daß wir aber einer ganz unbemeßbaren VBerftärkung
der gefchichtlichen Ausbeute in diefem Punkte. noch gemwärtig fein Eönnen,
wird man umfoweniger in Zweifel ziehen dürfen, al8 mandhe Monographie
bereits den Beweis geliefert hat, wie ergiebig die rechte Arbeit auch in den
bielbenußten Duellen fehr früher Zeiten ausfällt. Beifpielsweife erinriere ich
nur an das bekannte Meifterwert X, BEgEH’sS 3), durch welches der Ges
fehichtfehreibung ein größerer Dienft geleiftet worden ift, al&amp;amp; durch die »Ge:
fhichten der politifchen‘ Dekonomie« des Auslandes zufammengenommen.
Wer der gefchichtlichen Entwicklung ver Theorie der politifhen
Dekonomie nachforfht, hat begreiflicherweife zunächft eben auch die vor:
ber erwähnten Schwierigkeiten vor fich; e8 treten hier aber noch eigenthlm:
liche neu hinzu, YUllerdings finden wir erft.in der neueren Zeit da, wo wir
getoöhnlich die Anfänge der nationalöfonomifchen Wiffenfchaft hinverlegt
feben, bei den theoretifchen Schriftftellern ein ausgebildetes Bewußtfein von
sinem zu verfelbftftändigenden wiffenfchaftlichen Terrain, eine geordnete Zus
Tammenfaffung des gefammten Gebietes und eine foftematifche Sliederung

) Das »Ex ungue leonem« hat fi au an Sigmondi’8 histoire des Tepubliques
 italiennes bewährt. .
‘) Le Poiyptique de l’abbe Irminon, Paris 1844. 4°, 2 voll. 54
3) Die Staatshaushaltung der Athener. Berlin 1817. Zweite YXuflage 18
        <pb n="23" />
        in der Stellung und Verknüpfung der Aufgaben wie in der Ordnung der
Erpofition. Indeffen muß e8&amp;amp; doch als ganz unhaltbar erfcheinen, wenn wir
mit unpaffender Untoendung des für die Leiftungen unferer Zeiten mit Recht
gilfigen Maßftabes auf die früheren Zeiten die Sefchichte der nationaldkono:
mifchen Theorie erft da beginnen laffen wollten, wo mir fie in der Form
zine$ verfelbftftändigten wiffenfchaftlichen Syftemes fi geltend machen feben;
bas märe ebenfowenig an fich recht, al$ bem andermwärts giltigen Brauche
gemäß. Die Arbeitstheilung hat fich auch auf dem Gebiete der geiftigen
Production erft in der neueren Zeit in einem größeren Maße verwirklicht,
fie hat fich zunächft als eine Ybgrenzung verfelbftffändigter, aber verwandter
Diseiplinen gerade auf dem Sebiete der Stantswiffenfchaften verhältnigmäßig
’fpät vollzogen. Die Sfolirung der. nationaldfonomifchen Theorie gehört zu
den großen Ergebniffen der neueren Zeit; in den früheren Jahrhunderten
teitt fie zumeift neben und unter anderen Ausführungen in einem ununter:
fehiedenen Sefammtgebiete auf, ohne daß man fie deshalb als nichtvorhanden
Eurzer Hand überfehen darf, Und fobald man jene gleichfam ftillfchroeigende
Vorausfeßung, es handele fich für die Befchichte der politifchen Dekonomie
auch in den felheren Jahrhunderten nur um innerlich wie äußerlich fcharf
abgegrenzte wiffenfhaftliche Syfteme nad dem Mufter etwa diefes oder
auch des Leßtverfloffenen Jahrhunderts, als unberechtigt zurückweift, wird man
boch von vorn herein geneigt fein müffen, der Meinung über einen ganz
mwüffen und leeren Raum in aller Zeit auch vor den nächften Vorläufern
des Mercantilfyftemes fich zu entfhlagen und dem Wahne abzufagen, als
hätten ein Paar Taufend Jahre europäifcher Cultur gar Feine Zeugniffe von
Dem Hinterlaffen, was in mwirthfchaftlicher Hinficht die gebildeteren Jndividuen
 unter fo vielen Völkern gedacht und geiftig erarbeitet, oder al8 hätten
auch die Böller felbft auf diefem wichtigen Gebiete nicht einmal etwas Beftimmtes
 erfirebt, während wir doch nach faft allen anderen Seiten hin den
Haden der geiftigen Entwicklung bis tief in das Alterthum hinein nachgehen
Fönnen. Sleichtwohl hat diefe fonderbare Annahme ihre Släubigen in gro:
Ber Zahl bis auf den Heutigen Tag gefunden. Weil fie bei einer vorurtheils:
freien Ueberlegung der allgemeinen Sachlage fi als höchft unmwahrfcheinlich,
i@ wie mwidernathrlich herausftellen muß, fo mag bie Entftehung und Feft:
haltung derfelben bei Vielen durch die Thatfache zu erklären fein, daß uns
zben die vorhandenen Gefchichtswerke von nationalöfonomifchen Grundfägen
und Ausführungen bei den hervorragenden Schriftftellern der früheren Zeiten
fo gut mie gar nichts berichteten, und der Umftand, daß der zu erobernde
Stoff Feinestwegs in einer mühelos zu gewinnenden Volftändigkeit und in
offenfundiger Selbftanzeige fi darbot, mag dann die Befeftigung jener
Unficht entfhieden haben, Lange Zeit gab man fich derfelben Meinung ja
auch binfichtlich des claffifchen Alterthums hin, obwobl in unferem aewöhns
        <pb n="24" />
        13

lichen Bildungsgange die Hochfhäsung der antiken Leiftungen auf jedem
Sebiete genügend vorbereitet if, Dody Eann diefe Meinung wenigftens
gegenwärtig für mehr als erfchüttert gelten, nachdem mehrere Schriftfteller
ihre entgegengefeßte Anficht aus den Zuellen hinlänglich documentirt haben 1).
Natürlich fkritt jedoch auch in den Werken altelaffifcher Schriftftkeller die Bez
handlung von Yufgaben der politifchen Dekonomie nur in der eben ange:
deuteten Weife auf, alfo insbefondere ohne die fpäter erfolgte Wogrenzung
ber einzelnen das Staatsleden in feinen verfchiedenen Aeußerungen behansı
delnden Diseiplinen. Um fo allgemeiner verbreitet ift dagegen auch jebt
noch die Meinung; daß in den vielen Jahrhunderten, welche zwifchen den
eömifchen Schriftffellern und den modernen Schriftftellern über die politifche
Dekonomie liegen, Feine Tortfegung der theoretifchen Entwicklung auch nicht
in der Behandlungsart der altclaffifchen Schriftfteller wahrzunehmen {fet.
Diefes Borurtheil ift ingbefondere auch durch Blanqui’s und Billes
neuve:Bargemont’s Histoire de l’&amp;amp;conomie politique genährt mors
den, die an diefer Stelle noch dürftiger find, als fich nach den allerdings fehr
fpärlichen Vorarbeiten Anderer erwarten läßt 2). Unter diefen ift, aber auch
nur für die erften Jahrhunderte der neueren Zeit, die Sammlung Cuftodi’8
bemerFfensiwerth, welche die ununterbrochene Meihe der italienifchen Theoretiker
bis auf das Ende des fechszehnten Sahrhunderts zurück vorführt. Die Collection
 des prineipaux Economistes, welche Eugene Daire heraus:
gegeben hat, geht nur bis auf den Beginn des achtzehnten Jahrhunderts
zurück 3). Doch ift e8 ein verdienftliches Nefultat diefer Sammlung, daß
fie wenigftens zwei vorher ebenfo unbekannte, als gefchichtlich bedeutende
Theoretiker: VBauban und Boisguillebert, der Bergeffenheit entzogen
hat. Erft neuerdings hat Uber volkswirthfcdhaftlihe Theoretiker in England
während des fechszehnten und fiebzehnten Jahrhunderts W. Nofcher aus:
führlichere Nachweife geliefert 4). Ueber die früheren Zeiten haben wir nur

‘) Vgl. außer den älteren bekannten Schriften aud) befonders NRofcher: Ueber
bas BVerhältnif der Nationalskonomie zum claffiichen Alterthume. In den
Verhandlungen der Leipziger Gefellfchaft der Wiffenichaften (pbilol. =: biftor.
Siaffe) 1849.
Insbefondere kann e6 bei dem Lobrebner des mittelalterlihen Katholicismus
auffallen, daß ihm feldfit der Sprung in der Indication des principaux
ouvrages etc, von Ariftoteles auf Sully nicht zu groß vorgekommen if.
°) Economistes financiers du XVIIL. sie&amp;amp;cle. Paris 1843.
N Beiträge zur Gefchihte der englifdhen Volkswirthichaftstehre. Leipzig 1851.
Ih habe diefe Notiz nur aus einer Anzeige des rafch verariffenen befonderen
Ubdruckes diefes Uuflaßes in den Abhandlungen der Leipziger Sefellfchaft der
Wiflenfhaften (hönfen Finnen.

2)
        <pb n="25" />
        3

einzelne Andeutungen Y. So ift es erElärlich genug, daß die in der Ybilos
fophie der Sefchichte bereits fraditionelle Formel über die » unmittelbare
Naivetät« des Mittelalters, insbefondere auch die Unfhauung über einen
vegetativen Lebensproceß jenes Zeitalters binfichtlich aller die wirthfchaftlichen
Verhältniffe angehenden Dafeinsbedingungen allgemein gemacht hat. Und
doch feheint jene NMaivetät gerade an diefer Stelle fchon durch die eine ge:
[Hichtliche Thatfache wie unmöglich gemacht, daß fich durch alle mittelalter:
lichen Jahrhunderte hindurch communiftifche Cheoreme wie Berfuche zu einer
communiftifchen Praris hindurchziehen, deren fich die Kirche des Mittelalters
vie die ftaatlihe Sefellfhaft zu erwehren hat ?). Wie wäre e$ nur mög:
lich, daß fich gegenüber ganz fcharf ausgeprägten Angriffen auf die wirth-(Haftlihen
 Grundbedingungen der Sefellfchaft biefe felbft in der »unmittelbaren
 NMaivetät« fort und fort hätte erhatten Finnen! Doch e8$ wird eben
die gefchichtliche Forfhung felbft hier die möglichen Erträgniffe zu gewinnen
haben 3%. Mur verlange man fie auch bei den Schriftftellern der mittel:
alterlihen Zeiten nicht in einer Form nachgeriefen zu fehen, welche fich
gerade als eine Eigenthümlichkeit eben erft der neueften Zeit eingeftellt hat.
Wenn das vereinzelte und verfireute Material gefammelt und geordnet fein
wird, dann werden auch die zu Grunde liegenden allgemeinften Sedanken, die
NMichtung, der Fortfchritt wie die geographifche Verbreitung derfelben genügen:
der feftzuftellen fein. Zu dem Urtheil, daß die volfsmwirthfchaftliche Theorie
in den Zeiten zwifchen den altelaffilchen Völkern und den Völkern der neuen
Beit überhaupt »gerubt« habe, rwhrden wir ung erft dann berechtigt halten
dürfen, wenn die Schollen auf den weiten Latifundien des mittelalterlichen
Bodens fo oftmals umgemwendet und verarbeitet wären, wie e8 in dem ztwergs
wirthfhaftlichen Anbau der altelafjifhen Sefchichtsfelder längft der Fall ift;
während hier das Zufammenlegen der Grundftücke wünfchenswerthere Erträg:
niffe Kefert, ft dorten die Gütertheilung nöthig. Gerade für manche Beit:
zäume des Mittelalters wird endlich nicht unerheblich fein, da weniaftens

9)

So hat I. Schön (Neue Unterfuchung der Nationalskonomie und der natürlien
 VBolkswirthfhaftsordnung. Stuttgart 1835 im Y.) auf die voltswirth:
ihaftlihen Anfichten des Thomas von Xauino (im breizehnter Sahrhundert)
aufmerffam gemacht, .
Val. weiter unten die Ausführung über die aefchichtliche MWandelung in der
Xuffaffung des Privateigenthums.
As ein erftes SErgebnif meiner eigenen Studien auf biefem Felde liegen be:
reits die Nachweife aus den kaufendmal verarbeiteten Werken eines Schrift:
ftellers aus der Zeit des Uebergangs des Mittelalters in die neue Zeit vor.
Siehe meinen Yuffaß: MNiccolo Machiavelli als volksmwirthfchaftlicher
Schriftfieller, in der Tübinger Zeitichrift für die gefammte Staatswiffen:
ichaft. 1852. Heft 2.
        <pb n="26" />
        zu fupplementarifcher Stellvertretung die theoretifche Ueberzeugung für die
Öffentlich verkündete Theorie eintreten kann. In manderlei CThätigkeitsz
Äußerungen der Sefeßgebung und Verwaltung fpricht fidh die Intention der
Volkswirthfhaftspolitik aus, und aus ihr ergiebt fich eine Art ungefdhriebener
nationaldfonomifcher Theorie, welche unmittelbar in der Praxis fteht oder
ihr nur um wenige Schritte voraus if. Kann auch das Ergebnif, das auf
biefem Wege gewonnen wird, nicht als ein unmittelbarer Ertrag für die
Befchichte der nationalitonomifchen Theorie angefehen werden; gewinnen
wir fo auch nur Documente über den geiftigen Urfprung praftifcher Maßtegeln
 in Denen, von welchen diefelben ausgehen, fo hat uns doch auch die
Heutere Zeit felbft, in welcher wir der gefhichtlichen Entwicklung beffer auf
den Grund fehen Können, einen fchlagenden Beweis von dem Zufamnmens
hange gegeben, ber hierbei die Bafıs der Schlußfolgerung abgiebt. Denn
wenn wir auch das fogenannte Mercantilfyftem nicht bloß einer Zufammens
feilung und Verarbeitung der volkswirthfchaftlichen Sefeßbeftimmungen und
Bertwaltungsmaßregeln, beziehungsweife der denfelben zu Grunde liegenden
wirthf{haftlichen Intention eines begabten Finanzminifters verdanken, fo hat
e$ fich doch mindeftens auf fie geffüßt und an ihnen in die Höhe gerankt.
Wir würden auch heutzutage noch, fofern wir jene wiffenfchaftlichen Aus:
führungen der Schriftfteller nicht befäßen, aus der Thätigkeit Colbert’8
die mercantiliftifhe Theorie in ihren wefentlichften Punkten aufftellen Ennen.
Kaum aber dürften {ich irgendwo in der Gefchichte Veränderungen und Neuz
geffaltungen in den Maßregeln der Bolkswirthlhaftspolitit von Ähnlicher
Bedeutung finden, über deren beabfichtigte Wirkung wir fo fehr aller
Nachweife entbehrten, daß wir — mit unferer befferen Einficht über den
Caufalnerus in wirthfchaftlichen Dingen — zu irrthümlichen Schlüffen über
bas Ziel der Urheber jener Maßregeln zu gelangen Sefahr liefen.

zZ.

Die gefhihtlidHe Entwidlung der politilden Deko:
nomie if bisher nur als ein Gegenftand der Hiftorifchen Forihung und
Darftellung in Betracht gezogen worden. Wir haben den Machweis zu
führen gefucht, daß fie al® folcher verhältnißmäßig nur wenig und mit einem
dem heutigen Stand der Sefchichtsforfhung im Allgemeinen Feinestwegs gez
nügenden Erfolg bearbeitet worden ift, auch die allerdings nicht geringen
Schwierigkeiten erwogen, die fi hier in den Weg ftellen.
Wenn man nun auch wohl ficher fein Fan, daß der Hinweis auf die
nöthige Ausdehnung oder Verftärkung der gefchichtlidhen Forfhung auf dem
Knies, polit. Dekonomie,
        <pb n="27" />
        i8

Sebiete der vollswirthfchaftlichen Lebenserfcheinungen nicht anders als ordnungsmäßig
 befunden werde, weil ja gerade auch in den Sfonomifchen Verhältniffen
 Zeiten und Völker eine ebenfo charafteriftifche al$ inbaltsvolle
Manifeftation ihrer Eigenthlmlichkeit ausgeprägt haben, fo wird man doch
auf die Frage gefaßt fein müffen, wozu denn aber das Auffpüren gefchicht:
licher Zeugniffe über die theoretifhen Meinungen und Anfichten, Zielpunkte
und Begründungsweifen in früheren Zeiten heutzutage dienen follen, wo man
Über alle dergleichen fragmentarifche Leiftungen längft weit hinaus ft und
auf fie nur mit Lächeln und Kopffchütteln zurückblicken Enne. Und wenn
auch der Hiftoriker feinerfeitg Über einen foldhen Einwand lächeln wird, fo
feht er am Ende nichtsbeftoweniger von nationalöfonomifcher Seite her zu
erwarten, nachdem ihn I. BB. Say !) in einer äußerft allgemeinfaßlichen
Weife formulirt‘ hat. Die Antwort auf diefen Einwand in vollem Um:
fange wird im ganzen weiteren Verlaufe diefer Schrift gegeben. Sch be:
merfe hier zunächft nur, daß gerade die mangelhafte Beachtung der hiftoz
sifchen Entwicklung fowohl der volkswirthfchaftlichen Zuftände als auch der
nationalö£onomifchen Theorie, weiche, wie fich zeigen wird, mit jenen in
zinem ganz engen Berbande fteht und ebendeshalb felbft einen ergänzenden
Einblit in die unvollftändig bezeugten Lebensverhältniffe gewährt, nur von
nachtheiligem Einfluffe für die Haltung und Leiftung einer MWiffenfchaft
fein fann, welche heute wie immer mitten in den Lebenszuftänden febt,
ftets auf die Erforfhung der empirifchen Wirklichkeit angewiefen if und
gerade fich felbft auch als eine gefchichtliche Entwicklung begreifen muß.
Schon in einer früheren Stelle diefes Buches ft der Ausdruck: gefchicht:
liche Entwicklung der politifchen Dekonomie, fo verffanden, daß er zugleich als
Hormel für einen theoretifhen Sab dient. Die ibm zu Grunde liegende
Anfehauung über die Aufgabe der politifchen Dekonomie bildet den Gegen:
faß zu dem Übfolutigsmus der Theorie. Sch verftehe unter dem
AUbfolutismus der Theorie den Anforuch, Unbedinates, für alle Zeiten, Län:

) Cours complet d’economie politique pratique, Paris 1840 II. p. 540:
L’histoire d’une science ne ressemble point A une narration d’evenements,
 — Que pourrions-nous gagner ä&amp;amp; recueillir des opinions absurdes,
des doctrines decriees et qui meritent de V’&amp;amp;tre? Il serait &amp;amp; la fois inutile
 et fastidieux de les exhumer. — Ainsi dans le cas ol nous connaitrions
 parfaitement l’&amp;amp;conomie des societes, il nous importerait assez
peu de savoir ce que nos. predecesseurs ont r&amp;amp;ve sur ce sujet, et de
decrire celte suite de faux pas qui ont toujours retarde ]a marche de
lhomme dans la recherche de la verite. Les erreurs ne sönt pas ce
qwil s’agit d’apprendre, mais ce qu'il faudrait oublier. Mit »Cependant
loute espece d’histoire est en droit de flatter Ia curiosite« [eitet er dann
die Gründe ein, weshalb aud) er troßdem eine histoire abregee des progres
de V’economie politique aeben mil.
        <pb n="28" />
        der und Nationalitäten in gleicher Weife Siltiges in der wiffenfhaftlichen
Verarbeitung der AYufgaben der politifhen Dekonomie darzubieten, worauf
aud) das Streben diefe Aufgabe zu Iöfen, die Forderung fie gelöft zu fehen,
zurücßgeführt werden muß. Der Ubfolutigmus der Theorie Kann fich auf
umfaffendem Gebiete wie auf einem Heinen Terrain darftellen, er wird
grundfäglich feftgehalten oder ift (tilfchweigende VBorausfekung, tritt in diefer
und in jener Form auf, confequent und inconfequent, immer aber ift fein
Wefen daffelbe, auch wo die Schärfe des Ausdrucks abgeftumpft ift oder
partielle Conceffionen die Billigung entgegengefekter Principien zu befunden
(heinen,- Cbhendeshalb wird die Discuffion auf den Kern der Frage, die
Natur des nationalskonomifchen Sefzkes und die ausführliche Darlegung
der Methode der Wiffenfchaft einzutreten haben. Man Hat hin und wieder,
um die Nichtberückfichtigung der durch die Verfchiedenheit der Territorien
und der Zeiten gegebenen Bedingungen zu bezeichnen, von einem » Kos:
mopolitismus« ber Lheorie gefprochen, auch in diefem Sinne offenbar
unpaffend, da in diefem eine NMichtigFeitserklärung der Nationalverbände und
Schranken innerhalb der menfhheitlichen Gefammtheit ausfprechenden Worte
die Nichtberückfichtigung der durch die Verfchiedenheit der Zeit bedingten
Unterfchiede — gleichviel ob eS fich dabei um ein und daffelbe Volk oder
um alle Bölker handelt — gar nicht angedeutet ift; hätten wir ein Wort,
wie etwa Perpetualismus, fo würde diefes ebenfo einfeitig das zweite Moment
ausdrücken. Im Gegenfaß zu dem Abfolutiemus der Seel berabt die
Hiftorifche Auffaffung der politifchen DYekonomie auf dem SGrundjaße, daf
wie die wirthfchaftlihen Lebenszuftände, fo auch die Theorie der politifchen
Dekonomie, in welcher Form und Seftalt, mit welchen Argumenten und
Refultaten wir fie auch finden, ein Ergebniß der gefhichtlichen Entwiklung
ft; daß fie in lebendiger Verbindung mit dem SGefammtorganismus einer
menfchheitlichen und völlergefchichtlichen Periode mit und aus den Bedinz
gungen der Zeit, des Raumes, der Nationalität erwächft, mit ihnen befteht
und zu fortfchreitenden Entwicklungen fich fortbildet; daß fie in dem gefchicht:
lichen Leben den Fond ihrer Argumentationen hat, ihren Refultaten den
Charakter gefchichtlicher Löfungen beilegen muß; daf fich aud) die »allgemet:
nen Gefeße« in dem allgemeinen Theile der Nationaldkonomie nicht anders
denn als eine gefhichtlidhe Erplication und fortfchreitende Manis
Feftation der Wahrheit darftellen, auf jeder Stufe nur als die Verallges
meinerung der bis zu einem beftimmten Punkte der Entwieklung erkannten
Wahrheiten daftehen und weder der Summe noch der Formulirung nach für
abfolut abgefaloffen erklärt werden Ennen und daß der ÜWbfolutismus der
Theorie, wo er fich auf einer Stufe der gefhichtlichen Entwicklung Seltung
verfchafft hat, felbft nur als ein Kind diefer Zeit dafteht und eine beftimmte
Stufe in der gefhichtlichen Entwicklung der politifhen Dekonomie bezeichnet.
        <pb n="29" />
        20

Indem ich diefe Auffaffung der politifden Dekonomie hier vorläufig
kur ganz allgemein formulire und die weitere Ausführung und Begründung
bes allgemeinen Srundfakes mie die Verfolgung der GConfequenzen deffelben
der folgenden Darftellung überweifen muß, fühle ich mich durch den Gedanz
fen ermuthigt, daß von einem Theile der zeitgenöffifchen nationaldtonomifchen
Schriftfteller insbefondere in Deutfchland bereits manche gedeihlihe Keime
zur Geltendmachung jener Yuffaffung gelegt find, wenn auch der Aofolutig:
mus der Doctrin in den hervorragendften Schöpfungen der jüngften Ber:
gangenheit wie in bedeutenden Leiftungen der Gegenwart vorherrfcht, und der
Umftand, daß allgemeinen Srundanfchauungen faft nur allgemeine. Grund»
anfhauungen gegenübergeftellt worden find, die Srage unentfchieden genug
zrhalten hat, und der Ausbau im Einzelnen, das Eintreten auf die entfcheiz
dende Beweisführung, das Verfolgen der Confequenzen nicht durch die Se:
wißheit der Zuftimmung fich im Voraus gefichert fühlt.
E83 liegt nicht in meiner Abficht, hier einen ausführlichen Nachweis
Über die feitherige Haltung der Theorie der politifchen Vekonomie gegenüber
unferer Frage zu geben, der fchließliche Zweck diefer Schrift würde dadurch
wenig gefördert werden; es mögen deshalb hier nur einige überfichtliche Anz
deutungen über das Verhältnig im Allgemeinen eine Stelle finden, ergänzende
Machweife über die Urfachen der Verbreitung des theoretifchen AUbfolutigmus
werben ohnedies in einem fpäteren Abfchnitte und MNachweife feiner Dar
fellungen im Einzelnen überall gegeben werden; auch vermeide ich es hier,
auf Detaiifragen einzugehen.
Die Schriftfteller, welche die Lehren des Mercantilfyfiemes zu
begründen fuchten, nahmen vornehmlich die Verhältniffe je eines einzelnen
Landes in’s Auge, und wenn man auch nichts weniger behaupten Lann, als
daß fie von der Ueberzeugung durchdrungen gewefen wären, daß die Grunde
fäße, welche fie etwa ihrem Baterlande zur Befolgung angelegentlich empfahs
len, nicht aud) jedem anderen Lande diefelben von ihnen für das Vaterland
erwarteten Früchte zubringen würden, fo bot fich ihnen doch zu einem be:
mußten Bordringen zu ganz allgemeingiltigen Lehren und zur Betonung
biefes Arioms um fo weniger Beranlaffung, als die durch die mercantiliftifchen
Srundfäße zu erzielende Bereicherung eines einzelnen Landes entweder direct
nur auf Unfoffen eines zweiten oder nur fo fich einftellen Eonnte, daß man
die vermeintlichen Yuellen der Bereicherung anderen Ländern verfhloß. Wo
deshalb die Fefthaltung Zer Grundfäge des Mercantilfoftems verhältnifmäßig
länger andauerte, wie z. B, in Italien, da hat fich felbft in die fpätere
Entwicklung der Theorie eine beachtenswerthe NMückfichtnahme auf die (ne
ciellen Verhältniffe des einzelnen Landes übertragen.
Die Phyfiokraten dagegen bereiteten zuerft in umfaffenderer Weile
das Yriom von der abfoluten Wahrheit eines zeitlichen Ergebniffes in der
        <pb n="30" />
        N

Entrviklung der nationalöfonomifchen Theorie und von der allgemeinen
Siltigkeit und Anwendbarkeit ihrer Ausfprüche vor und documentirten diefe
Unfhauung in mancherlei Formen der Argumentation auch indirect, ins:
befondere auch in ihrem Naifonnement über politifche, rechtliche und ethifche
ragen. &amp;amp;$ mar dies eine natürliche Folge einestheils aus der Natur des
Sauptfächlichften Beweifes für die Berechtigung ihrer Polemik und eines
ganz allgemeinen, in den gefamımten CulturentwielungsFreifen jener Zeit
herborfpringenden Triebes (fiehe unten), anderntheils$ des Umftandes, daß die
YhuftoFraten gerade die allgemeinften Brundlagen der Theorie aufzufuchen
und ficherzuftellen fuchten und ihre einzelnen Lehren nur als eine natürliche
und unabmweisbare Confequenz derfelben verkündeten. Aber wie fehr auch
die allgemeine Strömung der geiftigen Bewegung in dem Leben jener Zeit das
Streben nach abfoluten Löfungen wiffenfchaftlicher und praktifcher Probleme
Unterftüßte, gegen das Mefultat der Phyfiokraten legten die Beftrebungen
mie die Ergebniffe auf dem Gebiete der SEonomifchen Dinge ein getvaltiges
Veto ein, deffen Kraft auch in der bald hervortretenden UngerechtigFeit des
Urtheil® über die Leiftungen der Phofiokraten nachhallte.  Wag dem Staus
ben an die Allgemeingiltigkeit der phyfiokratifchen Theorie in dem Leben ent:
gegentrat, förderte den Glauben an die Annahme ihres Ueberwinders.
Wenn auch die Arbeit des Schotten Udam Smith weit mehr durch
die Leiftungen feiner Vorgänger vorbereitet mar, als man gewöhnlich zuge:
ftehen mag, fo ftellt fie fich doch auch fo al$ dag eminente Mefultat eines
ausgezeichneten Denkers dar. Die Wiffenfchaft that. einen jener großen
Schritte vorwärts, durch welche eine große Maffe von neuer Einficht plöglich
verbreitet und zugleich das Öffentliche Urtheil allgemein überzeugt wird; ebenz
deshalb gewann die neue Theorie bereitwillige Anerkennung, und bewundernde
Zuftimmung. ine höhere Einheit der Betrachtung fhien errungen zu fein,
in welcher die der Zeit nach vorhergehenden, mit getheiltem Intereffe aufge:
tommenen Theoreme als einfeitige Segenfäße aufgehoben und zu einer all
gemein befriedigenden Synthefe gelangt waren. Die Arbeit Smith’s war.
dem Studium des wirFlichen Lebens und feiner wirthfchaftlichen. Kräfte und.
Strebungen entquollen, und was als. der. Beleg. für. eine echtgefchichtliche.
Beiftung hätte dienen Ennen, erfhien als Beweis der abfoluten. Wahrheit
und Siltigkeit für die Wirklichkeit, ‚Kene war nicht bloß den bevorftehenden
Entwicklungen des Lebens befreundet, fondern förderte fie au) und zeigte
ihnen den Fürzeften Weg zu dem erfirebten Ziele. Mit dem yolitifchen
Siaubensbekenntniffe der Zeitgenoffen, welche die öffentliche Meinung be:
herrfchten, war Feine Differenz vorhanden. Die Lehren und die Nachweife
der neuen Theorie fanden mitten im englifhen Leben und auf den Wegen
leiner Zukunft, auf dem Continente aber wurde Alles, was Smith über
Die Nuellen des NMationakreichthums, über die Bahnen und das Ziel der
        <pb n="31" />
        12

Production, die Haltung der Staatsgewalt in Öfonomifchen Fragen ut, f. to.
augeinanderfeßte, um fo bereitwilliger als aUgemeingiltige, überall anmendbare
 Wahrheit aufgenommen, al$ man fih der Unerkennung jener Feinbheit,
Schärfe und Klarheit der auf das empirifche Leben zurückgeführten Beweis:
führung nicht entfdlagen Eonnte, auch die Zuftände und Entwielungsbahnen
Großbritanniens längft als nachahmungstolrdige Mufter in der Öffentlichen
Meinung und insbefondere für die wiffenfchaftliche Doctrin der das Staats:
Jeben behandelnden Disciplinen galten. Für Udam S mith felbft mar
die Hingabe an den theoretifchen Abfolutigmus eine natürliche Folge einmal
ber von jener Zeit überhaupt aufgenommenen Anfchauung über die natio:
nalen Gemeintwvefen, in denen er nur durch die Landesgrenzen zwar gefchies
dene, unter verfhiedenen Mechtsverhältniffen Lebende, Übrigens aber ganz
gleiche, fummarifche Aggregate allgemein menfchlicher Individuen erfannte,
fodann aber vielleicht mehr noch des Umftandes, daß das fundamentale Ges
biet für feine Unterfudhungen die menfchliche Arbeit abgab, in welcher
am Tleichteften die Beachtung des Melativen, Sefchichtlichen, Concreten ent:
gebt 1) und eine allgemeingiltige Srundlage abfoluter Ergebniffe gegeben
feheint; ift doch noch zur Stunde der an die nationale Verfchiedenheit diefes
SFactors der Gütererzgeugung fich anfchließenden Begründung einer dem Ab.
folutismus der Theorie gegenüberzuftellenden YAuffaffung am mwenigften Mech:
nung getragen. Aber auch die Bedeutung, weiche die Verfchiedenheit des
Raumes und der Zeit auch für die Löfung voltswirthfchaftlicher Aufgaben
hat, ward nur fehr allmalig herausgeftellt, indem felbft die bemerkenswerthe:
ften Gegner des dam Smith fich theils für die NMefultate ihrer Unter:
fuchungen demfelden Glauben hingaben und gleichfalls ihre Aufgabe in die
Yuffuchung des abfolut Richtigen und Siltigen legten, theil8 nach einer
ausdrücklich hervorgehobenen Berwerfung jenes Krrthums denfelben fofort
wieder unter anderer Form und in einer nur mobificirten Yuffaffung ver:
theidigten,
So trat Udam Müller 2), welcher die öfonomifchen Zuftände und
Normen des Mittelalters, wie. er eich bachte und wie e8 freilich gefchicht:
lich nicht dagerwefen war, zurücführen wollte 3), allerdinas infofern dem

*) Sinen feinen Beleg flehe auch unten {n der Note über die Einleitung
und das erfte Capitel der Inquiry.
Bergl. insbefondere die »Slemente der Staatskunfk.« Berlin 1809, 3 Bbde,,
und die »Verfuche einer neuen Theorie des Geldes mit befonderer Rückficht
auf Sroßbr.ttanien«. Leipzig und Altenburg 1816.
BVBerfuche u f. mw. Vorrede S. 4: Die Gegenwart (mit ihren politifhen Ber:
cütt ingen u. f. w.) war bloßer Swirchenzuftand, Nebergang aus einem Zu
ftande in den anderen, oder vielmehr wie fi) nunmehr ausgewiefen hat:
»Nebergang der natürlichen aber bewußtlofen Sfonomifchen Weisheit der MNMäter

&amp;amp;
        <pb n="32" />
        33

Xofolutiemus der Smith’ {hen Lehre entgegen, als er — wenn aud) aus
ganz anderen Gründen als wegen der Unterfchiedenheit der territorialen
Brundlagen der Völker — die AUngemeffenheit jener Lehre höchftens für
England anerfennen wollte, während die Lebensbedingungen der feftländifchen
Staaten in Europa ganz andere wirthfchaftlihe Formen und Intentionen
zu betahren oder wiederzugewinnen hätten 1). Aber es zeigt fich, daß weder
bie Mefultate noch die Motive der Polemik Adam Müller’s irgendivie
uf den von uns Hhervorgehobenen Segenfaß zu dem Abfolutismus der
Theorie zurückzuführen find. Die conereten Unterfchiede in der Malle der
feftländifchen Staaten, welche ebenfo gefchichtlich find wie die befonderen
Eigenthümlichkeiten Englands, finden gar Feine Beachtung; e$ Handelt fich
gar nicht um die in den phyfifchen Grundbedingungen. der Territorien und:
des Menfchen in den verfhiedenen Völkern gegebenen. Elemente: den Unter
ichied der Zeiten überficht Müller gänzlich, obwohl er fogar ein eigenes
Sapitel über »die Dekonomie in der Bewegung betrachtet« gefchrieben hat 2);
ze Fann oder will nicht begreifen, daß auch die Eriftenz der mittelalterlichen
Wirthfhaftsformen eben nur eine gefchichtliche war, für welche in einer
durchaus veränderten allaemeinen Situation kein Boden wieder gewonnen
merden Fann.
Auch in den Angriffen Friedrich Lift’s 3) gegen die Doctrin des
Xdam Smith wird man den Ausgangspunkt und das MRefultat der Pole:
mi€ fehr verfchieden beurtheilen müffen. Lift griff bekanntlich den Adam
Smith ausdrücklich auch wegen des Kosmopolitismus der Lehre
deffelben an. Doch kann man wenigftens hinfichtlid der für uns haupt:
Üchlidh in Frage Eommenden Punkte nicht fagen, daß Lift in dem, was er
hauptfächlih bekämpfen will, mit A. Müller übereinftimme, wie dies auch
neuerdings wieder Hildebrand %), der auf den »Kosmopolitigmus« in
den Lehren des Smith, Müller und Lift hinweift, behauptet hat, Diefe
Meinung kann nur dann fejtgehalten werden, wenn man die einzelnen Seiz
en in dem Abfolutismus der Theorie nicht unterfcheidet. Es zetat fich viel:

durch den Vorwik der Kinder zu der verftändigen Anerkennung jener Weis:
Jeit von Seiten der Enkel.« In diefen paar Worten Hedt der Hauntfache
1a das SFonomifche SGlaubensbekenntnif AU, Müller’s.
Elemente der Staatskunft IL S, 226: »Die bisherige Wiffenfhaft von der
Nationalökonomie — — {ft größtentheils in England ausgebildet worden.« — —
Die englifchen, SEonomifchen Autoren dürfen eher ausfdließend die Vroduction
WS Auge faffen, als wir Nedner des Sontinents u. f. w.
VBerfuche einer neuen Theorie des Geldes. Einleitung. Fünftes Capitel
Bergl. insbefondere die Einleitung in das »Nationale Syftem der volitifchen
Dekonomie«.
ı X. a. 9. S. 59 fl. -

)
5
        <pb n="33" />
        44

mehr, daß Lift rückfichtlich unferer Srage den U, Müller ergänzt, SNeder
von Beiden eigenthümliche Ausftellungen macht. Müller bekämpft, wenn:
gleich inconfequent und mit mangelhaften Argumenten, bei Xdam Smith
das Ueberfehen geographifcher Unterfchiede, räumlicher Diffes
venzen, alfo dasjenige, was man eigentlich Kosmopolitismus nennen Eann,
Lift dagegen das AWofehen von den durch die BVerfchiedenheit der Entwicklung
in der Zeitfolge gegebenen Bedingungen, für welchen Begriff jenes Wort
gar nicht paßt. Während AU. Müller fefthält, was Lift bekämpft, ift der
Lehtere in der entgegengefeßten Stellung. Lift fucht nachzuweifen, daß die
Völker eine in verfchiedenen Zeiten verfchiedene wirthjhaftliche Stufe einnehmen,
 daß Großbritannien auf einer ‚Stufe angelangt ift, welche die ans
deren Völker noch nicht erreicht haben, daß deshalb den Lebteren noch nicht
zufage, mag dem erfieren Beilfam if. Aber er behauptet, / daß alle Völker
froß der geographifchen Verfchiedenheit der Territorien 11. f. m. diefelbe Bahn
durchlaufen und durchlaufen müffen, daß jedes denfelben Weg auf daffelbe
Biel hin mandelt und die einzelnen gegen einander nur fo fi unterfheiden,
baß das eine noch am erften Meilenzeiger fteht, das andere am ztveiten, dritz
ten oder Yen] Nur indem U. Müller an einen Normalzuftand der
Volkswirthfchaft glaubt und der Stetigkeit deffelben feine Theorie Leiht, tritt
er näher an Lift heran, der zwar die BVerfchiedenheit der von den einzelnen
Völkern erreichten wirthfchaftlidhen Stufe al® ein gefchichtliches Ergebniß
anfieht, aber die fchließlich zu erreichende für alle ebenfo identifch fein läßt,
als den Weg, auf welchem fie fich durch fein confkruirtes Stufenfchema zu
derfelben Hinbewegen. Und umgekehrt macht der Lebtere eine Segenbemer:
fung gegen den eigentlichen Kosmopolitismus, indem er den Ländern der
gemäßigten und denen der heißen Zone eine verfchiedene wirthfchaftliche Auf:
gabe ftellt., Man fühlt fich aber geneigt, dem Urheber einer folchen Ein
Hheilung einen größeren Vorwurf zu machen, als Demjenigen, welcher die
Verfchiedenheit der räumlichen Bedingungen gar nicht in Betracht zieht.
Denn wer an die Verfchiedenheit der Einwirkung territorialer Srundlagen
auf die Geftalt und die Richtung der Volkswirthfhaft überhaupt einmal
gedacht hat und fich auf die Gefchichte der Völker beruft, von dem begreift
man nicht einen Schematismus, deffen Fachwerk durch den Wendekreis des
Steinbocks und des Krebfes normirt wird und welches der erffe Blie in die
Sefchichtsbücher der Bölker über den Haufen wirft,
Weit weniger aber noch wie in den gegen U. Smith polemifirenden
nationalöfonomifchen Theorieen AU, MülLer’s und S. L2ift’s ift in den
zahllofen und größtentheils erbitterten Angriffen, welche von den focialiftifchen
Schriftftellern her gegen den Begründer der »nationalöfonomifhen Schule«
ausgegangen find, ein Fortfchritt zu unferer YAuffaffung der politifchen Dekohomie
 hin vermittelt worden, vielmehr fteht zu ihr in der bat die dem
        <pb n="34" />
        25

Soctalismus zu Grunde liegende Menfhen= und Weltanfhauung, wie das
die focialiftifchen Wirthfehaftstheorieen erfüllende Grundprincip von vorn
herein in einem contradietorifchen Segenfaße. Das grundfäglihe Uriom,
die principielle Durchführung der Sfeichheit ift auch auf dem Gebiete des
Büterlebens und feiner wiffenfchaftlichen Bearbeitung an fich felbft der feharf
ausgeprägte Widerfpruch zu der grundjäglihen Hingabe an den concreten
Individualismus der empirifchen Wirklichkeit und das unterfchiedsvolle Leben
der gefchichtlihen Menfchheit. Was für ung die Yusgangs= und Stüß:
punfte abgiebt, das muß die confequente focialiftifche DYrganifation der Wirth=(haft
 vernichten oder als nicht vorhanden anfehen; zu der Drganifation der
Arbeit bildet die Organifation des Bodens der Erde, die Organifation der
Menfihen= und Völkernaturen, die Organifation der Zeit nicht ein zur lÄcher»
lichen Ergänzung Herbeigezogenes, fondern ein nothwendiaes Complement.
Die Thatfache, daß der Socialismus im alleinigen Hinblict auf die Yrganifation
 der menfchlihen Arbeit den Abfolutismug der Theorie in der craffelten
Form ausgebildet Hat, beftätigt unfere obige Annahme, daß A. Smith
aud) durch die vormviegende Inbetrachtnahme der menfchlichen Arbeit zu dem
Ueberfehen insbefondere der in der BVerfchiedenheit der Zeit und des Raumes
gegebenen Bedingungen des SGüterlebens hingeleitet worden fei, wie denn
Auch nicht zu leugnen ffeht (vergl. unten X. Smith und feine Zeit), daß
er den Irrthum der Socialiften über die von Natur ganz gleichen, nur durch
die Erziehung verfchieden entwickelten Anlagen und Talente des Menfchen
heilt, Daß fihH Proudhon auch in diefer Beziehung von den von ihm
bekämpften focialiftifchen Schriftftellern bemerfenswerth unterfcheidet, ift, wie
fich zeigen wird, fehon von anderer Seite her bemerkt worden.
Ueberhaupt aber wird man nicht in Abrede ftellen dürfen, daß wenig:
tens im Allgemeinen bereits von manchen nationalöfonomifchen Schrift:
ftellern die Anerkennung der gefchichtlichen Entwicklung der politilchen Deko:
nomie in ihrer Beziehung zu der Haltung und den Aufgaben der theoretifchen
DWiffenfchaft theilg vorbereitet, theils mit beftimmter Entfchiedenheit gefördert
worden iff. Man wird ja an diefes Zugeftändnif auch fhon durch die
Schriften U. Müllers und F. Lifk’s gemahnt. Ih meinerfeits muß
indeffen auch bekennen, daß fich insbefondere bei A, Smith felbft, dann
aber auch, wenngleich in niederem Grade, auch bei den hervorragendften feiner
älteven Schüler — wenn man etwa Dayid Nicardo und deffen fchrofffte
Anhänger ausnimmt — Hinweife und Andeutungen auf die gefchichtliche
Uuffaffung ‚der nationaldfonomifchen Theorie in Menge vorfinden; auch im
Serthum bewährt fich der begabte Menfch, fein Irethum ift iInconfequent.
Auch hat man ja überhaupt nur zu berichten, nicht zu verurtheilen, fo lange
noch nicht eine bedeutfame Frage in beftimmter Formulirung der wiffen-“haftlichen
 Discufiion überaeben worden if. ECbendeshalb aber wird man
        <pb n="35" />
        26

freilich auch jene Yndeutungen und Hinweife nicht fehr hoch anfchlagen
dürfen. Haben fie doch nicht ihren Urfprung in der entfehiedenen Gemwißheit
des Geiftes, welche des Segenfaßes fih wohl bewußt if , vielmehr wird ihre
Bedeutung gerade mieder durch den Widerfpruch, in welchem fie mit ftare
betonten entgegengefeßten Anfchauungen eben, ftart vermindert, oft ganz
aufgehoben 1). Das wird man fich gegenwärtig halten. müffen, wenn man
wahrnimmt, daß U. Smith felbft öfter in meifterbaft fEizzirten Cpifoden
auf bie gefhichtlihe Entwieklung und Heranbildung einzelner Erfheinungen
auf dem Gebiete der Volkswirthfhaft eingeht und hin und wieder, wenn
auch nur mit den allgemeinften Bezeichnungen, von verfchiedenen Bildungs:
und Entwicklungsfkufen der Völker redet. Ehenfo einfache als wichtige Schluß:
Folgerungen lagen hier fehr nahe, forwie fhon in dem Umftande überhaupt,
daß Smith zum Fundament für feine allgemeinen Betrachtungen Großs
Sritannien auf feiner damaligen tvirthfchaftliden Entwicklungsftufe nahm,
und immer wieder concrete Verhältniffe zum Nachweis heranzieht. Unter
Smith’s Schülern ift felbft der oft fo ungerecht beurtheilte Malthus
Hervorzuheben, der fogar Andeutungen giebt, daß man Feine Vorwürfe gegen
X. Smith richten folle, wenn derfelbe Erfheinungen nicht in Ermägung
gezogen habe, welche erft in Folge einer vorgefehrittenen gefchichtlichen Ent:
widlung an den Tag getreten feien 2),
Indeffen Können wir doch auch im Kreife der Unhänger des A. Smith
erft unter den etwas fpäter auftretenden deutf chen NMationalökonomen eine
Elarere Einficht und entfchiedenere Beftimmtheit über diefen SGegenftand
nachweifen. Der begabte H. Storch 3) lieferte eine werthvolle, „anregende
Vorarbeit; er hat vielfältig und fafßt immer mit fcharfer Beobachtung des
wirklichen Lebens insbefondere auf die in der nathrlichen Verfchiedenheit der
Territorien und des Klimas beruhenden Bebdinaunaen hinaemiefen. Der

Y Hier nur ein Beifpiel. AU. Smith ermähnt glei) in dem Sinleitungscapitel
bedeutfamer concreter Bedingungen (whatever he the soil, climate, or extent
 of territory of any particular nation), wenn aucd) nur um ihre urfäcdh:
liche Kraft an diefer Stelle zurüczuweifen, aber {chon gleich im erften Capitel
der Inquiry führt er den Preis des Kornes in den verfchiedenen Ländern
nur auf die verfchiebenen Syfteme des Vodenanbaues, d. h. alfo zuleßt auf
bie menfhlidhe Arbeit zurück und Läßt 3: B. die Fruchtbarkeit des Bodens
ohne allen Einfluß fein. E€8 Kann aber in jebem Lande daffelbe Bebauungs:
foftem möglichermeife angewendet, nicht aber der Unterfchied in der Boden:
Fruchtbarkeit aufgehoben werden. YAehnliche Segenüberftellungen laffen {ich
zu den fehr markirten Notizen, z. B. im Cap. 3 und 7, machen.
An essay on the prinviple of population. The third edition. Lond. 1806.
Vergl. 3. B. HL, 6.
‘) Cours d’&amp;amp;conomie politique. Petersburg 1815. Deutfch mit Zufäßen von
Rau. Hamburg 1819 und 1820.
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        „A

minderb:gabte Kraufe aber wollte (hon geradezu eine Volkswirthfhafts:
ehre »aus dem Gange der Völkercultur und aus dem praktifchen Leben ent:
wicfeln«, Freilich hat er felbft entweder nicht die Tragweite des Sedankens,
den diefer Titel andeutet, erkannt oder nicht die Kraft der Ausführung be:
jeffen; e8 iff fehon angedeutet worden, wie wenig der Inhalt des Buches der
Erwartung entfpricht. Immerhin aber bleibt 08 eine auffällige Erfcheinung,
Jaß die angekündigte Intention Kraufe’s keine größere Anregung bei (tät:
feren Kräften in der nächften Zeit nach demfelben gebracht hat, und daß ins:
Sefondere in den vielen und werthvollen Lehrblchern der politifchen Dekonomie
nicht einmal ein Verfuch zu einer ausführlicheren Auseinanderfekung einer
fo wichtigen Frage hervorgerufen worden ift. Auch nicht in dem beften, mit
ivelchem der Hochverdiente Beteran der deutfhen Nationaldkonomen, X. H.
Rau, fih und der deutfchen Wiffenfchaft ein bleibendes Denkmal gefichert
hat; aud) in ihm find die zahlreichen Andeutungen Über eine concrete gez
hichtlihe Entwicklung der Volkswirthfchaft Feineswegs zu den Refultaten
Herausgeführt worden, die gerade durch die Kraft des Meifters hätten erzielt
werden Fönnen, Ich fühle mich gedrungen, diefen Yusfpruch in Kürze zu
begründen; ich Fann dabei zugleich auf einige fundamentale Differenzen, um
deren Erledigung e$ fich auch handelt, hinweifen.
Bet der Wichtigkeit und den bedeutfamen Folgerungen, welche die
Beachtung des »hifkoriflchen« Momentes in der Volkswirthfhaft wie in der
VBolkswirthfchaftstehre darbietet, Fann man e8 doch wohl nur von vorn herein
8 eine Unterfhäßung der in Frage Fommenden Principien anfehen 1), wenn
man in NMau’s Schriften und insbefondere in deffen Lehrbuch der politifchen
Dekonomie die Andeutungen und einzelnen Bemerkungen zufammenfuchen
muß, welche die Anerkennung auch nur der durch bie Zeit und den Raum
gegebenen concreten Bedingungen und ihrer gefchichtlichen Entwicklung her:
oortreten laffen. Nur in der Beurtheilung des Lift’ chen Werkes hat Rau
[ich etwas ausführlicher zum Behufe einer Vertheidigung des AU. Smith
gegen den Vorwurf des »Kosmopolitigsmus« ausgefprochen 2). Daß jedoch
durch diefe Vertheidigung diefer Vorwurf nicht als unbegründet nachgewwiefen
ft, bat bereits Hildebrand ) bemerkt. Xch Fanıt jedoch hei dieler Ent:

) So ift e8 aud) bezeichnend, daß Mau in der Unführung des Kraufe fchen
Werkes gerade den bedeutungsvollen SZufaß »mit vorzügliher Berückfichtigung
Deutfchlands aus dem Sange der Völkercultur und dem praktifhen Leben
ntrwicelt« wegläßt. (Tehrbud) der Volkswirthichaftslehre S. 43.)
Urcdhiv der politifhen Dekonomie V. (1843) Heft 2 u. 3. Veral. bhefonders
S, 262 —266.
X. a. ©. S, 28 in der Note. Vergl. indeffen überhaupt hier den ganzen
3. 6. diefes Werkes. Ueber das auch hier wiederholte Urtheil jedoch, daß
insbefondere U. Smith von dem Grundfake ausgehe; »der Mrivateaolen: us

\
        <pb n="37" />
        25

gegnung, obwohl fid der Inhalt derfelben natürlich auch gegen den Ver-£heidiger
 des U. Smith Fehrt, nicht ftehen bleiben, weil e8 fich einestheil$
für mich um eine erweiterte Frage handelt, anderentheils aber auch wiederum
Rau felbft in diefem Falle leicht in einem zu ungünftigen Lichte erfcheinen
würde. € [äßt fich durchaus nicht in Abrede ftellen, daß Nau wiederholt
und genügend den aus der Verfchiedenheit der praktifchen Situationen her:
borgehenden Motiven für die Befchlußnahme über Maßregeln der Wolls:
wirthfchaftspolitit Rechnung trägt 1); fchon feine Cintheilung der politifchen
Dekonomie in Volkswirthfchaftslehre und Volkswirthfchaftspolitit (nebft
Hinanzwiffenfchaft) will gerade nach diefer Seite hin der Wahrheit Raum
verfchaffen und er wik durchaus nicht ein gefhloffenes Sefammtergebniß feiner
Lehre auf alle Staaten und Völter gleichmäßig angewendet wiffen. Gleich:
wohl fcheint er mir die Bedeutung jenes gegen Smith gerichteten Bor:
mwurfs und die Tragweite einer Anerkennung feines Segenfabes nicht in voller
 Sröße abgefchägt zu haben und durch Fundamentalbeftimmungen , an
denen er fefthält, daran gehindert zu werden.
Dahin rechne ih Rau’s Unfiht von dem Volke, die er feiner
Nationaldtonomie zu Grunde legt. »Der Staat befteht«, fagt er 2), »(abz
gefehen vom Stantsoberhaupte) aus einer Anzahl von Menfchen, welche in
gefeblicher Drdnung beifammen leben. Sie heißen Staatsbürger, fofern fie
al$ Genoffen der Staatsverbindung angefehen werben und als folche gewiffe
Rechte genießen; ihre Sefammtheit ift das Volk, die Nation im ftaatswif:
fenfhaftlichen Sinne des Wortes.« Bon dem Volke in diefem Sinne unterfcheidet
 er (in der Note) ein Volk »im hiftorifch genealogifhen Sinne, in
Beziehung auf Abftammung und Abfonderung«, Aber gerade der Begriff
des Volkes in diefem Sinne ift es, deffen Bedeutung für die politifche Deko:
nomie und ihre gefchichtliche Entwiklung geltend gemacht werden muß und
die Zugrundelegung des Volkes »im fraatswiffenfchaftlichen Sinne« zeigt fich
als eines der unhaltbaren Fundamente für den Übfolutismus der Theorie. —
Nicht minder die von NMau entfchieden feftgehalktene , miederholt vertheidigte
Unficht, daß »das Verhältnik des Menfchen zu den fachlichen Gütern, als

führe immer von felbft mit Nothmwenbdigkeit zum Gemeinwohl«, fiehe wei:
ter unten. .
Bergl. die Anfichten der Volkswirthfhaft, Leipzig 1821. — De vi naturae
in rempublicam. Heidelberg 1831. Die Recenfion des Buches von Lift
im Archiv von 1843, insbefondere S. 266 fl., wo fih freilich au Belege
für bas finden, was in unferem Terte weiter unten gegen Mau bemerkt ift;
dazu Fommen die Stellen im Lehrbuche der politifchen Dekonomie, wo Rau
die praktifhen Rückfichten der Volkswirthfchaftspolitit der allaemein theore:
tijden Haltung der. Nationalbfonomie gegenüberftellt.
) SGrundfäße der- VBolkswirthfchaftsiehre 8. 4. Veral. auch 8. 5.
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        29

den unentbehrlichen Hülfsmitteln zur Erreichung Teiner meiften Zwerke, uns
wandelbar fei«. Diefer Sag {ft einer von den beiden, auf weichen, nach
Rau, die Möglichkeit beruht, überhaupt vollswirthfchaftlihe Negeln und
Sefege aufzuftenlen 1). In der That, man kann nicht genug auf die außerz
ordentliche Bedeutung diefes Sahes hinweifen. Wäre er wahr und zwar in
dem Sinne, in dem Umfange wahr, wie ihn Nau Fefthält, fo wäre e® die
Hauptaufgabe, die ergiebigfte Arbeit für die Nationaldtonomie, eine für alle
Zeiten und alle Bölker abfolut giltige Lehre zu gewinnen, und alle Conz
ceffionen an gefhichtlihe Bedingungen, welche über die Berlckfichtigung der
vis naturae in rempublicam abfeiten der Bolkswirthfchaftspolitit hinausgehen,
 müßten als durchaus unberechtigt erfheinen. Bei Nau vermiffe ich
denn au ganz insbefondere die Anerkennung der vis hominis in rempublicam.
 (Einen einzelnen pofitiven Beleg dafür erkenne ich darin, daß mit
zanz richtiger Confequenz aus jener Annahme eines »unwandelbaren Vers
ltniffes ‚des Menfehen zu den Sachgltern« der Menfch felbft auf dem
oolfswirthfchaftlichen Gebiete als eine fich immer und überall ganz gleich:
öleibende Größe deshalb auftritt, weil audy Mau die Öfonomifhe Thätigkeit
deffelben auf den unwandelbaren Inftinct des perfönlichen Intereffes, des
Privategoismus, auf die undezwinglichen Antriebe der Cigenliebe zurück
führt 2). Nau will damit Feinesmwegs den Cigennug empfehlen, er fieht
ion nur al eine Thatfache an, die, abgefehen von aller fittlihen Beurtheiz
lung, anerfannt werden müffe 3), und auch wir weifen hier auf diefe Anficht
durchaus nicht in dem Hinblik auf eine Discuffion aus ethifchen Motiven,
fondern nur deshalb hin, weil überhaupt ein unwiderftehlicher, immer und
äberall fich gleich bleibender unwandelbarer Snftinet des Menfchen als eine
nothiwendige Borausfegung für die Gewinnung ‚der nationaldfonomifchen
BSefeße zu Grunde gelegt wird. - Chenfo fcheint Nau fich FeinestwegS gegen:
wärtig zu halten, daß die Berfelbfiftändigung des wirthfehaftlichen Clementes,
die Loslöfung deffelben aus dem Gefammteompler aud) des Bolks= und
Staatslebens für die begriffliche Unterfcheidung des Theoretikers zwar alferdings
 möglich ift, ja immerhin nothwendig werden Kann, dem Leben gegen:
Äber jedoch immer als ungefchichtlidh und unwirklich dafteht und darum die
Urfache irrthümlicher NMefultate werden muß, f{obald von jenem Standpunkte
aus die volle Wahrheit des wirklichen Lebens durch die Wiffenfchaft reprodus
tirt werden fol. Ih meine nicht, daß man Überfähe, wie die Volkswirth-IchaftspolitiE
 den Zufammenhang der wirthfchaftlichen Kräfte und Hervorz
Srinaunaen mit der Befammtaufaahe des Sitaateg und des Volkstebens

‘) Srundfäße der Volkswirthfchaftslehre $. 11. 2.
‘) Vergl. z. B. ebendafelbft in der Vorrede S. XI fl.
’) Cbhendafelbit 8. 7. nn. 6.
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        30

beachten müffe; auch nicht daß man die »bhefondere BWolkswirthihaftslehre«
neben dem allgemein giltigen Theile der Nationalökonomie nicht in Betracht
ziehe, fondern daß man glaubt, eben diefer allgemein giltige Theil mit feinen
„Sefehen und Regeln« Eönne und müffe auf der ifolirten und immer gleiz
hen Bafis »rein wirthfchaftlicher Elemente« auferbaut werden und ftelle
aud) fo Sefeße der Erfheinung dar, während man doch, weil man zum
Fundament nur Theile von der Grundlage nimmt, die in der Wirklichkeit
für die BVerhältniffe gerade der Vollswirthfchaft gegeben if, auch im
beften Falle nur zu Factoren der Erfcheinung gelangen Fann und auch die
leßten NRefuktate der Theorie gar nicht der wiffenfHaftlichen Sefammtverarbei:
tung der Aufgaben des Staats: und Bolksiebens fo zu Überweifen vermag,
daß fie darin unmittelbar ihre Stellung nach den Entfheidungsgründen der
Pflichtencollifion angewiefen erhalten Ennten. Dies ift der Punkt, von
dem aus die mannigfaltigen und heftigen Angriffe vieler Schriftfteller gegen
den Materialismus, das Utilitätsprincip, das Unfittliche 1t. f. m. der National:
SEonomie auch dem Unbefangenen gewiffermaßen verftändlich merden; denn
wenn fie nicht darauf zurückzubeziehen find, fo ann man fie im beften Falle
nur für ein Migverftändnif anfehen, fobald man die offenen Erklärungen
und Auseinanderfegungen über diefen SGegenftand von Mationalskonomen
mie Nau lieft;z wie fonderbar erfcheint es, Schriftfteller, für die e8 fich nur
um Thatfachen handelt, vor das Forum der ethifhen Beurtheilung zu ziehen,
ftatt die Wahrheit der Ihatfachen anzugreifen.
Sch trage Fein Bedenken, einer Feinen Arbeit Wilhelm Nofcher’8
— Brundrig zu Borlefungen ber die Staatswirthfchaft nach gefhichtlicher
Methode — das Berdienft zuzuerkennen, daß durch fie die gefhichtlihe Ent
wicklung der Bolkswirthfchaft und der Wolkswirthfchaftslehre unter Anerz
Bennung auch des theoretifchen Sabes, der in diefem Ausdrucke liegt, der
wiffenfchaftlidhen Discuffion übergeben worden ift. Sin in Ausficht geftell:
te8 größeres Werk, weiches »das bloße Serippe mit Sleifh und Blut beklei:
den« follte, {ft zwar noch nicht erfhienen, aber Nofcher hat feitdem doch
in mehreren Yuffägen und Schriften bewiefen, wie thätig er für die weitere
Darlegung feiner Anfichten arbeitet. Jene Schrift aber giebt uns deutliche
Anhaltpunkte zur Zuftimmung wie zur Segenrede 1).
Nofcher erklärt in der Worrede zu dem »Srundrif« unter Anderem
Folgendes: Die hiftorifche Methode zeigt fich nicht bloß dufßerlidy in der,
wo e$ iraend angeht, hronoloaifchen Aufeinanderfolae der Segenftände, fon:

\ Nofdyer erklärt e8 in der Vorrede als felbftverffändlich, daß jedes Urtheil
über feine Darlegung der hiftorifhen Methode u. f. w. fo Lange aufgefchoben
werden müffe, bis größere Werke von ihm darüber erfchienen feien; er wird
e8 aber nicht anbers als natürlich finden, daß id) hier den »Srundriß« un:
möalic unbeachtet und unbeutrtheilt laffen kann.
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        521

dern auch vornehmlich in folgenden Grundfägen: 1) Unfer Ziel ft die Dars
ftellung deffen, was die Wölker in mirthfchaftlicher Hinficht gedacht, gewollt
und empfunden, mas fie erfirebt und erreicht und marum fie es erreicht
haben. — 2) Das WolE ift nicht bloß die Maffe der heute Lebenden Iudivtduen.
 Wer deshalb die Wolkswirthfchaft erforfchen will, hat unmöglich genug
an der Beobachtung bloß der heutigen Wirthfchaftsverhältniffe. — 3) Die
Schwierigkeit, aus der großen Maffe der Erfcheinungen das Wefentliche,
Sefehmäßige herauszufinden, fordert ung dringend auf, alle Völker, deren
wir irgend habhaft werden Eönnen, in wirthfchaftlicher Hinficht mit einander
ju vergleichen. Insbefondere find die alten Völker belehrend, da ihre Ent
wicklungen jedenfalls ganz beendigt vor uns liegen. Wo fich alfo in der
Aeuen VolEswirthfchaft eine Richtung, der alten Ähnlich, nachweifen ließe,
da hätten wir für die Beurtheitung derfelben in diefer Parallele einen un:
(häßbaren Leitfaden. — 4) Die hiftorifche Methode wird nicht leicht irgend
im wirthfchaftliches Infkitut fchlechthin loben oder fchlechthin tadeln: wie es
denn auch gewiß nur wenige Inffitute gegeben hat, die für alle B&amp;amp;lEer, alle
Sulturftufen heilfam oder verderblich wären. — Vielmehr ift es eine Haupt:
aufgabe der Wiffenfchaft, nachzuweifen, wie und warum allmalig aus Bernunft
 Unfinn, aus Wohlthat Plage geworden. In der Einleitung fagt
dann noch Nofcher über die hifforifhe Methode im Segenfaß zur philos
Iophifhen: der Hiftoriker will eine Schilderung menfchlicher Entwicklungen
und BVerhältniffe, möglichft getren dem wirklichen Leben nachgebildet. Er
hat eine Thatfache erklärt, wenn er die Menfchen gefchildert hat, von denen
und an denen fie verrichtet ift. In der hiftorifchen Methode der Staats:
wiffenfchaften überhaupt wird der politifhe Trieb der Menfchen, der nur aus
ziner Vergleichung aller bekannten Völker erforfht werben Fann, unterfucht
und das Sleichartige in den verfhiedenen Volksentwicklungen als Entwick:
[ungsgefeß zufammengeftellt. Ihr höchftes Ziel beffeht darin, die politifchen
Refultate der Menfhheit in wiffenfchaftlicher Verarbeitung fortzupflanzen
$. 1.). Die Staatswirthrehaft ft die Lehre von den Entwickkungsgefeben
der Bolkswirthfchaft ($. 3.).
Es fann Niemand die großen VBerdienfte, welche fih Nofcher über:
haupt und insbefondere auch durch diefes unfcheinbare Schriftchen um die
politifche DYekonomie erworben hat, bereitwilliger anerkennen als ich felbft;
ja e$ ift fogar meine Ueberzeugung, daß mit der Aufftellung der vorher angeführten
 Grundfäge eine neue Periode der nationalsfonomifchen Theorie fich
einleiten wird; um fo entfhiedener will ich jedoch hier auch auf dasjenige
hintweifen, mas mir in jenen Süßen mangelhaft oder unrichtig zu fein
heint; wodurch, mie und wohinaus das gegebene Fundament auszudehnen
Mt, fann ich nur mit dem SGefammtinhalte diefer Schrift zeigen.
Man wird wohl aleich gemwahren, daß Nofcher den Beariff der
        <pb n="41" />
        32

„Methode« in einem ungewöhnlichen, erweiterten Sinne auffaßt, Wenn
man die obigen Srundfäse in’s Auge faßt, fieht man gleich, daß es nicht
6loß SGrundfäge find, welche fih auf die Art und Weife beziehen, wie
Nofcher zu wiffenfchaftlichen Refultaten gelangen will, fondern daß fie auch
Anfichten und Ariome über das Gebiet und die Refultate felbft ausdrücken.
Sndem nun Nofcher die Bezeichnung »gefhichtlihe Methode« mehr nur
zur Charakterifirung feines allgemeinen Standpunktes wählt, ft er aber auch
über den Zufammenhang der Methode im gewöhnlichen Brauche des Wors
te$ mit der Wiffenfchaft, in welcher fie angewendet wird, und über die Bes
deutung der Methode für die Refultate 1) nicht in’s NMeine gekommen. Er ift
„weit entfernt, diefen Weg für den ‚einzig richtigen oder auch nur für den
abfolut Eürzeften zu halten«, und zweifelt nur nicht, »daß er durch eigen
thümlid) {höne und fruchtbare Gegenden führt«. In dem $. 1. der Eins
feitung wird unter 1. gar nichts über den »Unterfchied der hifkorifchen und
der. philofophifchen Methode« gegeben, fondern es wird der Arbeitsgegenfiand
des Philofophen und des Hiftorikers gegenübergeftellt. Das, was »der
Mbilofoph will, ein Syftem von Begriffen oder Urtheilen«, AHarakterifirt [0
wenig feine Methode, als die Methode, z.B. Hegel’s und Herbart’$,
diefelbe ift oder für die Arbeit der Naturwiffenfhaften die conftruirende und
die empirifhe Methode zufammenfällt, In der That zeigt fich aber dann
auch im weiteren Verlaufe, daß Rofcdher vorzugsweife auf die Darlegung
des gefchichtlichen Stoffes, der bei den einzelnen Capiteln zu erwähnen wat,
jein Augenmerf richtet und die Verwirklichung der hiftorifchen Merhode der
VBolkswirthfchaftsiehre insbefondere demgemäß in die Erpofition der gefehicht:
lichen Formen febt, in welchen fih die wirthfehaftlihe Seite in dem Volks:
[eben manifeftirt hat. Nur fo eröffnet fih auch neben der NMational-Sfonomie,
 welche etwa dem Ybfolutiemus der Theorie huldigt, ein fruchts
bares und fchönes Feld, aber es wird dann auch — und wäre e$ in yroßartiger
 Weile — Jah die Sefchichtfchreibung ergänzt als die NMational-Stonomie
 berichtigt. | Diefer Anficht über die »Hiftorifche Methode«, beruhe
fie nun auf der Unterlaffung einer Eritifchen Prüfung des eigentlichen Bez
griffes der Methode und des Zufammenhanges derfelben mit der Löfung der
wiffenfchaftlichen Probleme, oder erfaffe fie abfichtlid, und bewußt diefelbe in
dem gemißbilligten Sinne, if e$ wohl hauptfächlich zuzufhreiben, daß
Rofcher nicht fhon hier fkärkere Schritte vorwärts gethan hat, nachdem
er mit Siäßen, mie: die hiftorifche Methode mird nicht Leicht ein wirthfchaftch

 habe diefe Fragen ausführliher in meiner Schrift: »Die Statiftik als
felbftftändige Wiffenfchaft. Kaffel 1850,« behandelt. Vergl. übrigens aud
weiter unten die. Ausführung über die Methode der Nationalökonomie. In
der Yuffchrift diefes Buches ift der Ausdruck »hiftorifche Methode« als ein
bereitg aufaenommener beibehalten worden.
        <pb n="42" />
        33

jiches Snftitut fchlechthin loben oder tadeln; die Staatswirthfhaft (Kbrigens
ine auffallende Terminologie) ift die Lehre von den Entwiklungsgefeben der
Volkswirthfchaft — eine fo viel verfprechende Pofition eingenommen hatte,
YUuf die Art und Weile, wie dann Nofcher felbit aus der gefhichtlichen
Manifeftation des wirthfhaftlichen Lebens Entwicklungsgefeße der VWolkswirth-Tchaft
 zu gewinnen fucht und wie er ffe formulirt, werde ich fpäter zurückommen.
Nach Nofcher hat in der Lebtverfloffenen Zeit insbefondere noch
Hildebrandindem fhon erwähnten Buche: Die Nationalökonomie der
Segentvart und Zukunft Band I, fich für die »Hiftorifche Methode« und
gegen den »Kosmopolitigmus der nationalslonomifchen ETheorie« ausgefpros
hen und namentlich in der Eurzen Kritik der Smith’ {hen Schule treffende
Wahrheiten zufammengeftellt. Leider liegt auch jeht noch, nach einem Zeitz
faume von vier Jahren, nur diefer erfte mehr einleitende und polemifche
Theil vor. Hildebrand weift in allgemeinen Zügen den »Kösmopolitig:
mus« des Adam Smith und feiner Schüler, fowie in den Theorieen
Ydam Müller’s$ und Friedrich Lift’s nach; doch fcheint e&amp;amp; ihm mehr
darum zu thun zu (ein, die von ihm bekämpften Ideen als Analogieen zu
den von ihm vertheidigten aus der Gefhichte der Theorie beizubringen.
Wenn ec mit Recht zwar den Franzofen Proudhon als einen Gegner
des Kosmopolitigmus der Theorie nennt und von demfelben ausfagt, daß er
den relativen Werth aller nationaldEonomifchen Inftitutionen und dadurch
gleichfam wider Willen (?) 1) die UnhaltbarFeit jeder abftracten Theorie feftz
zeftellt habe, fo muß doch wenigfiens Das höchlich befremden, daß felbft troß
ber technifchen Ausdrücke »volEswirthfchaftlihe Entwidlungsgefeße«, »hiftos
rifhe Methode«, »ethifche Wiffenfhaft«, »Naturalwirthfchaft«, »Seldwirth:
Ichaft« u. f. w. NRofcdher’$ mit Feiner Sylbe erwähnt wird, der doch durch:
3u$ nicht wider Willen weder irgendwelche wirthfchaftlidhe Inftitution {Alechtz
hin gelobt ober getadelt wiffen will, noch die Unhaltbarkeit jeder abftracten
Theorie bekämpft und den meiften Anfichten, welche Hildebrand darlegt,
[on feit längerer Zeit Geltung zu verfhaffen fucht. Und wie beftimmt
hat, Anderer nicht zu gedenken, auch €. Baumftark fhon lange vor
Hildebrand auf die Hiftorifche Methode und auf die NationaldEonomie,
al8 die Lehre von den Entwieklungsgefegen der BVolkswirthfchaft, hingewiefen,
wie wenig berEannte Schlß die »ethifche MWiffenfhaft«, al8 er (chon 1844
ben weit verbreiteten Auffaß über das fittliche Princip in der Volkswirth:
Tchaft veröffentlichte, Und die Namen diefer Schriftfteller find doch unter
Jen MNMationaiikonomen der Seagentmwart gerade nicht die unbekannteften.

') Di ivd ü werlids. von Proudhon gefagt werden Fönnen, frei:
) © Et Me fi Briefwechfel mit Baftiat Über die Capital
vente vorliegt, wenn auch Proudhon in demfelben nur einen fhon von
Bodaskins präcis formulirten Saß hin und her wendet,
Runies, polit. Dekonomie. x
        <pb n="43" />
        34

In der That gerade im Ueberblie der nationaldkonomifchen Literatur,
welche die Lebtverfloffene Zeit in Deutfchland gebracht hat, wird man fich
von der Meinung fern halten müffen, als ob der Übfolutigmus der Theorie
oder, wie man gewöhnlich gefagt hat, der Kosmopolitigmus derfelben in un:
beftrittener Geltung wäre. In der Geftalt von Behguptungen, wie: daß es
die eigentliche Aufgabe der politifichen Dekonomie feifein für alle Zeiten und
Völker überall und immer unmittelbar anmwmendbares und anzu:
wendendes, in fidhh abgefhloffene$ Syftem von naturnothmwendigen Se:
leben aufzuftellen, Kann man ihn nur noch in nachzüglerifchen Schriften inz
mitten zahlreicher Inconfequenzen nachweifen 1). Worauf e$ ankommt, das.
ift die Beweisführung, der Yusbau im Einzelnen, der Nachweis der Confes
quenzen, die SGeftaltung der allgemeinen Prineipien an denjenigen Stellen,
wo die Cardinalfragen der Wiffenfchaft ruhen, Und hier giebt e&amp;amp; allerdings
au Naum genug zur SGegenrede. Denn wie die Poftulate und Affirmas
tionen in Bezug auf eine hifforifhe Methode und die Herausarbeitung
SEonomifcher Entwiklungsgefeße nur in fehr allgemeinen Worten und mehr
mit fechnifhen Ausdrücken als‘ mit detaillirten Erörterungen und Propofis
tionen aufgeftellt worden find, fo geben aud) die Ausweichungen und Con:
ceffionen von der anderen Seite über ihre eigentliche Bedeutung und Srenze
Feineswegs genügende Auffchlüffe. Gerade in Deutfehland jedoch, wo unfere
Frage Überhaupt erft in entfchiedener Beftimmtheit zur Verhandlung gekomz
men ift, während Ricardo?) wie Say 3) mit ihren Schulen fich noch weit
mehr als Ydam Smith *) felbft der Löfung derfelben entfeemden, trägt ein
eigenthümliches Ergebniß der Literatur über die politifche Dekonomie viel zur
Bereinfachung der Sachlage bei. Ich meine die vielfach Hbliche Verfelbftz
kändigung der »Nationaldkonomie« nebem der »Volkswirthfhaftspolitik«
oder »VBolkswirthfchaftspflege«, neben welche dann noch die Lehre von der
Regierungswirthfchaft oder die Finanzwiffenfchaft tritt. Wo und fo lange
man in der »NMationalöfonomie«, oder welchen Einzelnnamen man fonft
aufftellte, dag Befanıntaebiet diefer drei Disciplinen zufammenfaßte, (ei es,

\

Bergl. 3. B. Carl Arnd: Die naturgemäße Volkswirthfchaft mit befonderer
Rückficht auf die Befteuerung und Handekspolitik, Zweite Ausgabe. Frank:
furt 18531 und meine Recenfion diefes Buches in den Göttina. aelehrten
Anzeigen 1851. St. 144 fl.
Ss ift jeboch Faum begreiflih, wie. man bdiefem ausgezeichneten Denker hat
oorwerfen Fönnen, er überfehe überhaupt das Vorhandenfein geographifcher
und Fimatifdher Unterfchiede. Ih verweife nur etwa auf das fünfte Capitel
ver Principles über den Arbeitsiohn, insbefondere die Stelle, wo er die Aus:
führungen in R. Torrens’ Essay on the External Corn Trade lobt:
Id verweife hier nur auf die oben angeführte Stelle, welche die Anficht
Say’s über den Werth der SGefchichte der politifchen Dekonomie enthält.
Manche Stellen der Inquiry beweifen, daß X. Smith in feinem Urtheil über
Inftitutionen der Vergangenheit von einer echt gefchichtlichen Betrach:
tunasweife geleitet murde.
        <pb n="44" />
        BAD

daß man dabei die Thatigkeit der allgemeinen Staatsgewalt in volkswirth:
[chaftlidhen Dingen ganz abwies oder auf das Wegräumen von Hinderniffen
Für die ungehemmte Entfaltung der Privatthätigkeiten befchränkte und epifodifch
 die Folgerungen aus der geftend gemachten Theorie auf die BVerhältniffe
des Steuermefens einfhaltete; fer e$, daß man jene Thätigkeit nur als eine
Thatfache anfah, deren Einfluß auf das SEonomifhe Wohl des Ganzen und
der Einzelnen darzulegen fei, nicht aber fie unter den Gefichtspunkt der Ers
trebung des Staatszmweckes ftellte — wo und fo Lange diefes gefchah, war
das in Betracht Fommende Sebiet fo groß und fo verfchiedenartig, daß e$
für die Erledigung unferer Streitfeage zunächft der Befeitigung vieler
Borfragen bedürfen würde, ehe man zur Hauptfache gelangen Eönnte.
Wenn es auch ganz nothwendig ift, daß die Geltendmachung des gefehichtfichen
 Standpunktes für die politilche DYDekonomie für alle Theile derfelben
ihre Bedeutung entfalte, fo ift doch durch die bereits vollzogene Unterfchetz
dung die Sachlage fo zu fagen vereinfacht. Gerade hier aber müffen wir
nun bemerken, daß fich bei den meiften Schriftftellern die Zugeftändniffe zu
Bunften des SGrundfases über die gefhichtliche Entwieklung der politifchen
Dekonomie und die Ausfprüche gegen die abfolute Geltung der volkswirth:
fchaftlichen Theorieen nur auf die Grundfäße der »Wolkswirthfhaftspolitik«
und nicht auf die »Nationalökonomie«, d. h. alfo nicht auf den »allgemeis
nen«, »theoretifchen« Theil der politifchen Dekonomie beziehen. Yndem man
bereitwillig der Praris die Berückfichtigung der hiftorifchen Situation und
aller aus der conereten Sachlage des einzelnen Falles Hervorfpringenden
zigenthümlichen Verhältniffe nicht bloß erlaubt, fondern auch empfiehlt, hält
man um fo entfchiedener feft an der unbedingten ANgemeingiltigkeit und
abfoluten Wahrheit der Ergebniffe aus den in den erften Theil, in die Nas
Konaldkonomie im engeren Sinne verwiefenen Unterfuchungen. Ya, diefe
Tolf gerade im Segenfake zu den Grundfägen der Volkswirthfchaftspolitik,
zu deren Praris und Entfheidungsgründen das abfolut Wahre auf abfolut
feften Grundmauern aufftellen und der principiellen Auffaffung gemäß ein
abfolut abfchließbares Gebiet darftellen, wenn auch wegen der NMeuheit der
Wiffenfchaft noch mancherlei Arbeit zum Ausbau im Einzelnen erforderlich
jheint. Dies gilt insbefondere auch von Mau; von diefem Sefichtspunkte
aus find bei fo vielen und fo bedeutungsvollen Ausfprüdhen, die fich in den
Schriften diefes BVolkswirth{haftsgelehrten zu Sunften einer gefhichtlichen
Yuffaffung der politifchen Dekonomie finden, die auf dem eigentlichen Ge:
biete der »Nationaldkonomie« jede Nachgiebigleit ftriet zurkcdweifende Uusdrücke,
 wie »Naturlehre«, »Naturgefeke der Votkswirthfchafte, »Naturgefchichte
 des Mermönaens« u. f. w., zu erflären 1), Ausdrlicke, mit weichen

') Vergl. z. B. auch den Ausfpruch Kau’s im Archiv für politifche Dekonomie
1843 S. 263: »Die natürlichen Selebe — da fe in dem Berhältnik des
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        30

nicht etwa die aus dem natürlichen Wefen des Segenftandes hervorgehenden
Sefege bezeichnet werden follen, fondern Sefege, die an fich fo ftabil find wie
die gefeßmäßigen Erfcheinungen des phufifhen Dafeins. Gerade derartige
Bezeichnungen *) find freilich denn auch die eigentlichen Stichwörter für alle
Diejenigen, welche ohne alle Unterfcheidung auf dem Sebiete der politifchen
Dekonomie dem AWbfolutismus der Theorie hHuldigen. Die Schwäche der
Bezeichnungen liegt fhon in dem Umffande angedeutet, daß fie übertragene,
mithin bildlidhe Ausdrücke find, und deshalb ihre urfpränglidhe und eigent:
lie Bedeutung auf dem Gebiete der Nationaldlonomie eben nicht haben
Fönnen 2). Nimmt man jedoch nun eine foldhe »Mationalikonomie« im
engeren Sinne des Wortes zur Hand, fo gewahrt man gleichwohl fofort,
daß fie auch nach der Meinung und dem Willen ihrer Urheber felbft. Feines:
weg$ lauter Maturgefebe und ganz allgemein und abfolut giltige Säge ent:
Hält. Nur.ein Theil, der allgemeinere Theil in diefem allgemeinen Theile,
beanfprucht diefen Charakter, und felbft diefer zeigt fich jedoch thatfächlich
immer wieder fo fehr in das Menfchliche und Veränderliche verfhlungen,
daß fich die Berfuche, ihn unter gänzlicem Übfehen von demfelben in alge:
braifchen Formeln auszudrücken, doch immer noch Feiner verbreiteten Aner:
Eennung haben erfreuen Eönnen. Ia während es ficherlich für jenen Stand:
punkt der Theorie als ein Fortfchritt zu erachten wäre, wenn das ganz AUgemeingefeßliche
 fchärfer als bisher verfelbftftändigt würde, fucht man ihm
die Elemente der »befonderen BWolksmwirthfchaftsiehre« vielmehr näher zu
rücken, enger zu verbinden; ein thatfächlicher Beweis für die Invafion der
hiftorifchen Methode, follte man fich deffen auch nicht Far bewußt fein. Ich
weiß, e&amp;amp;$ handelt fich. hier darum, auf einen neuen Boden einzutreten; der
Sicherung deffelben wird der Nachweis über die Unficherheit des alten vor:
hergeben müffen.
Sm Verlaufe diefer Darftelung wird es fi dem Lefer als die natürliche
 Ordnung von felbft zeigen, wenn ich nunmehr zunächft zu den gefchicht:
lichen Grundlagen der Volkswirthichaft überaehe.

Menfechen zu den Sachgütern gegründet find, ftehen bei allem Wechfel der
Srfdheinungen feft, wofern fie nur einmal richtig erkannt find. Die Wiffen:
[haft von diefen SGefeken hat man Volkswirthfchaftslehre oder National:
dfonomie {m engeren Sinne genannt.«
Selbit NofdhHer giebt in einem Auffaße »Umriffe zur Naturkehre der drei
Staatsformen« in Schhmidt’s Zeitfchrift für Sefchichte Bd. VIL., der zu man:
hen Bedenken Veranlaffung darbietet.
So fpridt Nau felbft in der Borrede zu den »Srundfägen der Volkswirth:
fehaftspolitif« 2. Aufl. Heidelb. 1839 S. XI von der NMationaldkonomie nur
als »der den fogenannten eracten Wiffenfhaften näher ftehenden Erforfchung
ber volkswirthfchaftlidhen Sefehe«.

A)
        <pb n="46" />
        IL.

Die allgemeinften Srundbedingungen , auf denen. die gefhichtlihe Eri:
tenz und Entwicklung der einzelnen Völker überhaupt beruht, zeigen einen
ntfchieben beftimmenden Einfluß auch auf die Seftaltung der Skonomitfchen
WBerhältniffe der Nationen und die Veränderung, welche diefelben im Laufe
der Zeit erfahren. Wenn wir die eine jener Srundbedingungen in’s Auge
faffen, das Territorium, auf welchem ein Volk feßhaft ift, fo erkennen
mir e$ fogleich al8 eine von der Natur gegebene Bafıs, durch weiche die
Erfolge der wirthfhaftlichen Anftrengungen, fowohl der Art als dem Srade
nach, bebingt werden. Mag auch der Menfech auf dem Boden, welchen er
bewohnt, nicht fo feft mwurzeln wie die Pflanze, er erfcheint doch in viel:
geftaltiger AbhängigFeit von der Scholle, deren Kräfte er feinem Willen
unterthan zu machen fucht, und die Macht des »freien Herrfchers über die
Natur« reicht wenigftens hinfichtlich feiner tirthfchaftlichen Anffvengungen
nicht über gewiffe Grenzlinien hinaus, die Hm von der Natur vorgefchrieben
werden. Die in dem Territorium gegebene natlırliche Bafıs für die okonomifchen
 Verhältnife ift überall nur in concreter Eigenthüm-(ih
 Eeit vorhanden, und wenn es aud in der großen NMeihe von einzelnen
Bändergebieten fkärkere und geringere Grade der Verfchiedenheit giebt, fo if
doch auch noch die größte Wehnlichkeit unendlich von der Gleichheit entfernt,
welche als Urfache derfelden Wirkungen erkannt werden könnte. Wenn
deshalb auf natürliche und nothmendige Beziehungen zwifchen dem Terriz
torium und den für die volkswirthfhaftlidhen Berhältniffe in nächfter Reihe
118g maßgebend erfcheinenden Bedingungen Hingewiefen wird, fo find damit
überall natürliche Unterfhiede und Gegenfäße in den mwirth:
Thaftlihen Fundamenten der einzelnen Bölker zugleich feftz
zeftellt. Diefes erfheint um fo wichtiger, als ein Volk, wie energifch, un:
rmüdlich und mannigfaltig e&amp;amp; auch feine ArbeitsEräfte regen und bewähren
mag, doch an den SGrundbedingungen des von ihm bewohnten Territoriums
im Großen und Allgemeinen nur fo Geringes zu Ändern vermag, daß diefes
aeben den dem menfchlichen Willen ganz entrückten Wirkunaen der Natur
        <pb n="47" />
        8

faum in Betracht gezogen werden fann. Ausbeuten Fann der Menfch die
Sunft des Territoriums, nicht aber fie fehaffen, er Fann Nachtheile mildern,
aber nicht aufheben.
Bei einem erften Blicke über die Oberfläche der einzelnen Länder:
territorien gemwahren wir alsbald eine unendliche Mannigfaltigkeit der Fors
mation, die ung zunächft nur die Unterfchiede in den SGraden der Landfchaftlien
 Schönheit zur Anfchauung bringt. Hier dehnen fih ganz plane
Ebenen aus, dort erfcheinen fe wie verfeftete Wogen oder wie zerhackt, durchs
[öchert und zerfhnitten. Einzelne Bergkegel wechfeln mit langen Sebirgs:
zügen, diefe felbft find hier fhmalgeftreckt, dort tragen fie weitgedehnte Plaz
teaus oder umfchließen zwifchen den wie eingeftockten Berggipfeln eine Menge
Heiner und großer Thaler. Yuch die heimathlidhen Sebirgszüge befchauen
wir am liebften in den Stunden des Aufgangs oder des Niedergangs der
Sonne, je nach der Richtung, in welcher fie fich reden; hier fteigen wir
mählig auf über fanftes Gelände und der warme Shdwind bringt von
rückwärts her nur geringe Kühlung; auf der Höhe aber fhmwindelt ung vielleicht
 bei dem Anblick der jähen Sebirgsfenkung, während ein fchneidender
Nord die Glieder durchfehauert. Und fo wechfeln in taufendfältiger Vers
[chiedenheit die Eindrücke des länder[hauluftigen Wanderer$ und vielleicht
denkt er Faum einmal daran, wie fhon in diefen Unterfchieden der Boden:
oberfläche die Unterfchiede des NMahrungswefens der Völker von der Natur
feloft mit Lapidarfchrift aufgezeichnet find 1). Die Höhe der Lage eines
Landes erweitert gleichfam die Entfernung vom AWequator, welche die Breite:
grade anzeigen; ein Sebirgszug von Often nach Weften fcheidet die freiz
überminternde Rebe von der Kartoffel, die wohl auch einmal noch im Wonne:
monat erfriert, den üppigen Weizen von dem dürftigen Hafer und vielleicht
obendrein die fieben fetten Jahre von den fieben mageren. Selobft die Miß:
ernte Eann einmal dem Bewohner der fruchtbaren Cbhenen wenig anhaben,

X

Vergal. im Allgemeinen hierzu auch den Abfehnitt über die »Naturkräfte als
Süterguellen« in Rau’s »Srundfäge der Volkswirhfchaftslehre« $. 86 fl.
[owie die dort angeführte Literatur; audy Mendelsfohn: das germanifche
SIuropa. Zur, gefhichtlihen Erdkunde. Berlin 1836 und Arndt: Anleitung
zu bhijtorifchen Charakterfchilderungen. Berlin 1810. Sine weit reichere Uusbeute
 liefern jedoch die zahlreichen Schriften der neueren SGeographen, To:
pographen und Statiftifer, weiche in detaillirter Darftellung die concrete
SFigenthümlichkeit der Bodenoberfläche in den verfchiedenen Völkerterritorien
mit vielfältiger Nückfidhtnahme auf das Nahrungswefen vorführen. Wir
begnügen uns, beifpielsweife auf die Schriften von Neden’s zu verweifen
und beben aus ihnen hervor die: Allgemeine vergleidende Handels: und Se:
werbssSeographie und Statiftik, Berlin 1844, und die: Vergleichende Kultur:
[tatifti£t der Gebiets: und Bevdikerungsverhältniffe der Großftaaten Eurovas.
Merlin 1848.
        <pb n="48" />
        39

mährend die dürftigen Gebirgsbemwohner auch im reichlidhen Jahre nur
or dem Hunger gefehüißt find. Der Lebendige Verkehr auf den Straßen
biefes Landes hat fich eingeftellt, weil {ich die Thäler an wohlgelegener Stelle
Öffnen und die ebene Fläche des Bodens den Transport bequem macht; eben
Siefe {ft 08, welche die Arbeit des Uckerbauers vielfältig erleichtert.
Freilich ift e8 Eeineswegs die Oberfläche des Territoriums allein, welche
im ebenfo maßgebender al8 concreter Weife auf das NMahrungswefen ber
Bölker einwirkt. Die Tiefe der Ackerkrume und insbefondere die Hemifche
Mijchung des Bodens, von welcher auch zum Theil der FeuchtigFeitsgrabd
deffelben bedingt erfheint, iff in ihrem unmittelbar bedingenden Einfluß auf
die Art und die Stärke des Bodenerträgniffes erkannt worden; die Naturz
wiffen{haften haben hier erft in der newveften Zeit für die fichere Erfenntniß
der Fundamente der Bodenproduction die eigentlidhe Bafis geliefert. Indem
bie Chemie ebenfo die Beftandtheile der Semwächfe alg die des Bodens,
auf welchem fie gedeihen, unterfuchte, firebte fie nad) der Beweisführung
über die Nothwendigkeit beftfimmter unorganifcher Stoffe für das Wachsthum
der Pflanzen, woran fich dann als eine unmittelbare Folgerung eine natur:
wiffenfchaftliche Theorie der Bodencultur anreihte 1). Die für das Nahrungsmefen
 der Völker unermeßliche Bedeutung diefes Ergebniffes Fann das
durch nicht gemindert erfcheinen, daß die Bodenanalyfen der großen Chemifer
unferer Zeit in ihren Mefultaten die- erftrebte abfolute Uebereinftimmung
nicht gezeigt haben; Eleine Differenzen find wohl ein natürliches Ergebniß
von Unterfuchungen, die an fehr Eeinen Bodenmengen aus verfchiedenen
Stellen eines SGrundfiücks gemacht werden; die Hauptfache bleibt zudem
immer die Erlenntnif des rechten Weges, auf welchem vorzufchreiten if.
Yud) ift gleichwohl bereits eine Fülle von pofitiven Refultaten zu Tage ge
Fördert worden, fowohl dadurch, daß die Bodenproduction von Irrivegen abs
zemahnt, als dadurch, daß fie auf die rechten Zielpunfte hingeleitet wurde.
Die Ugriculturchemie hat den Willen des Menfchen gebrochen, welcher wähnte,
durch die menfhliche Energie allein dem Boden, ohne Rückficht auf deffen
innere Befchaffenheit, etwas abzwinaen zu Eönnen, hat aber zualeich die

\

Val. Schübler: Grundfäße der Agriculturchemie in ihrer Beziehung auf
jand- und forftwirthfchaftliche Gewerbe. 2 Bde, Leipzig 1831. Sprengel:
Bodenkunde u. |. w. Leipzig 1837. Bruhn: Bodenkunde u. f. mw. Dres:
Sen 1841. Liebig: Die Chemie in ihrer Anwendung auf Aaricultur und
Yhyfiologie, Ste Auflage. Braunfchweig 1843. Krußfch: Populärer Ub-:iß
 der Bodenkunde u. f. w. Dresden und Leipzig 1842. Vergl. auch
in dem SKournal für praktifdhe Chemie von ESrbmann und Marchand
Bd. 21 Heft 6): Mulder, über die Humusfubftanzen, und Schmalz:
über die Theorie des Fruchtwechfels, und die Unterfuchung des Kürften von
Zalm: Horitmar (Bs. 46 Hit. 41.
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        J

fiheren und nothwendigen Bedingungen der Befferung, ja fo zu fagen der
Erziehung deffelben durch Anwendung einer ganz neuen Form und Art des
Düngens an die Hand gegeben; die Zunahme des fruchtbaren Bodens eines
Territoriums ohne Weiterung der Landesgrenzen ift jeßt möglich geworden.
Schon hierdurch ift die politifche Dekonomie an den Ergebniffen des An:
baus auf jenem unermeßlichen Felde, welches fich in der neueften Zeit vor
den Naturwiffenfhaften eröffnet hat, nahe betheiligt, und für jet IÄßt fich
die Menge und die Bedeutung der Refultate aus den zahlreichen Forfchungen
und Verfuchen 1) gar nicht abfehen. .
Zu der Chemie hat fich aber auch noch die Seologie gefellt. Die
Bedeutung der Geologie für die Auffindung und die Gewinnung der Metalle
im Bergbau ift frübe erkannt worden; auf die Wichtigkeit der geologifchen
Srundlage für die Pflanzengewächfe ift erft in unferm Jahrhundert hinz
getwiefen worden; es {ft Fein 3weifel, daß fi neben der Agriculturchemie
eine Bodenculturgeologie herausbilden wird. Schon 1812 wies
Crome ?) auf die agronomifche Bedeutung des geologifchen Untergrundes
hin, in der neueffen Zeit ift von verfchiedenen Seiten her 3) die dort ange:
regte Sedankenreihe weiter verfolgt und zu bedeutfamen NMefultaten hinges
leitet worden. Segenwärtig Kann man e8 wohl fhon als eine Aufgabe der
insbefondere in England, Nordamerika, Belgien, Frankreich und Deutfchland
hervorgetretenen geologifchen Societäten bezeichnen, die Ubohängigkeit der
Pflanzenvegetation von der geologifken Unterlage mit. Erfahrungsbeweljen
darzulegen. Freilich haben fich die Nachiwveife zumeilt noch auf die wilde
Vegetation *) befhränkt, oder man hat diefe doch wenigfiens vorzugsweife
zum Segenftand der Unterfuchung gemacht; indeffen haben doch auch fo er:
hebliche Nefultate für die Gewächfe des Bodenandaues nicht ausbleibden Einnen,
 wie denn hierfür fhon Crome mit feinen Schluffolgerungen voran
gegangen if. E$ hat fich gezeigt, daß die Bodenformation, welche die oberfte

y

Val. 3. B. den Verfuch des preußifchen Landesökonomiecollegiums über die
SErfchöpfung des Bodens durch mehrjährige Bebauung mit derfelben Yflanzengaftung,
 von welchem in Erdmann’8 und Marchand’s Journal für
praftifdhe Chemie, Band 48 Heft 7, und 8., berichtet wird.
Der Boden und fein Verhältnif zu den Semächfen. Hannover 1812.
Zahlbrudner: Beiträge zu Landeskunde Deftreichs unter der Enns,
Wien 1832. von Teffin: Ueber den Einfluß der Gebirgs- und Boden:
arfen auf den Feld: und Waldbau (Allgemeine Forfi= und SIJagdzeitung.
Srankfurt 1835 S. 45 fl). Unger: Ueber den Einfluß des Bodens auf die
Bertheilung der Gewächfe, nachgewiefen in der Vegetation des norbäftlichen
Zirols. Wien 1836.
gl. indeffen Watfon: Remarks on the geographical Distribution of
British Plants. London 1835.
        <pb n="50" />
        Bodenfchicht bildet, immer 1) im Zufammenhang und Berhältnig mit dem
unteren Seftein fteht, mas denn auch für die den angebauten Serwächfen zus
träglichfte Bodenmifchung eben fo gut gilt, wie für die, auf welcher die ein:
jenen milden Pflanzen am meiffen vorkommen. Wir haben bereit$ geoz
znoftifiche Karten, auf denen wir in Hberrafchender Weife den Wald und die
BWiefe, den Ackerboden, und demgemäß auch die Wahl des Ortes für die
Unlegung der Dörfer und Flecken in einem gar nicht mehr zu bezweifelnden
Zufammenhang mit der Art und dem Zuge des Sefteines, welches unter der
oberen Bodenfchicht liegt, uns vergegentwärtigt fehen 2). So ift die yolitifche
Dekonomie auch an den Ergebniffen der Geologie betheiligt, welches Ver:
Dältniß, wenigftens von nNaturwiffenfhaftlicher Seite her, bereits, wie 08
“heint, mit. Sicherheit erkannt worden ift3), und das um fo mehr zur An:
erfennung gebracht werden muß, als die Geologie allem Anfchein nach die
Chemie in vielen Fällen zu erfeßen im Stande if.
Schon oben, wo von dem Zuge der Gebirge und der durch ihn bedingten
Hemmung der Windfirimungen die Rede ‚war, ift der natürliche Einfluß
der Elimatifhen Wärme und Feuchtigkeit der atmofphärifchen Luft auf
die Bodenproduction eines Landes angedeutet worden. Es ift diefer fchon
larıge allfeitig anerkannt worden %), wenn fich auch die Bedeutung und Aus:
dehnung diefer Anerkennung durch die Arbeiten von Naturforfchern, wie
Humboldt u. A., in der neueften Zeit fehr bedeutend gefteigert Hat. Und
auf jene Thatfache Fann e8 ja zunächft allein anfommen, da das Befolgen der
viffenfchaftlihen Nefultate und die Nachweife ihres Zutreffens in dem ein:
seinen Falle fih dann im weiteren Verlaufe von felbft ergeben. Sicherlich
ft e8 auch hier wiederum die Hauptfache, daß die Naturwiffenfchaft auf den
Weg zu diefem Ziele hin eingetreten ift, weder das Maß noch die Wichtig-Feit
 der endlichen Eraehniffe LÄßt ich auch heutzutage iraendmie abfehen, und

X

Mit felbftoerftändlider Uusnahme folder Fälle, wo z. B. dur Uebers
Hwemmung ein zufälliges Alluvium aufgefchicdhtet ft.
Die belgifhe Negierung hat durch Dumontk &amp;amp;ine geognoftifde Karte im
Maßftabe von 9000 anfertigen laffen, welde dem Ackerbau und der In
uftrie zu Gute Fommen foll (1850), die Frucht einer vierzehnjäyrigen Ar:
seit. Seßt hat derfelbe fogar den erneuerten Auftrag zur Anfertigung einer
Karte im Maßftabe von or00 (die Meile alfo länger als ein Fuß!) Sor
oiel ich weiß, genügt ber franzöftichen Regierung die Karte nicht, an welcher
feit 18 Sahren gearbeitet worden ift. Ich Habe auch die trefflihe — nod
nicht publicirte — geognoftifde Karte von Weftfalen einfehen Fönnen, welche
Sirard im Auftrag des preußifhen Gouvernements angefertigt hat,
Nöree Boubee ift der Verfaffer eines von mir felbft nicht eingefehenen
Buches: Geologie dans ses rapports avec Agriculture et l’6economie nrlitique,

Rau, a. a. DO. 8, 87.
        <pb n="51" />
        nur Das feheint fiher und ausgemacht zu fein, daß wir-nocdh wichtige Res
fultate für die politifhe Dekonomie von diefer Seite her zu erwarten haben.
Bis in die neuefte Zeit hinein Hatten fich die Forfhungen der Naturwilfens
fhaft mehr auf die Erkenntniß der Wärme als auf die der Feuchtigkeit der
atmofphärifchen Luft in ihrer Beziehung zu der Bodenproduction gerichtet,
Das umfangreiche Werk von Ferdinand Gobbhil) hat jedoch diefe Lücke
zu ergänzen und den Einfluß des atmofphärifhen Waffers nicht bloß auf
die MWärmeverhältniffe felbft, fowie auf das Licht; fondern auch insbefondere
auf das Wachsthum der Vegetabilien feftzuftellen unternommen. FE ift
diefe Ausführung dadurch um fo wichtiger geworden, daß ‚nicht die wilden
Pflanzen, fondern gerade diejenigen Gemwächfe, welche die Hauptfächlichen
Nahrungsmittel des Menfchen bilden, den Segenftand der Unterfuchung ab
gegeben haben.

Selbftverftändlicher Weife ift der Ausgangspunkt wie das Endrefultat
aller diefer Forfchungen über die elementaren Beftandtheile des Bodens, die
geologifche Unterlage deffelbden und die Wärme und Feuchtigkeitsverhältniffe
der atmofphärifchen Luft, die unendliche Verfchiedenheit diefer Bedingungen
der Bodenproduction in den einzelnen Völkerterritorien und zwar der Art
wie dem Srade nach. Die Merkmale der Berfhiedenheit, welche fich aus
den Forfhungen einer Disciplin ergeben, werden in ihren Wirkungen für
das Endergebnig dadurch noch verftärtt, daß fie für daffelbe fich mit den ihrerfeits
 gleichfalls befonderen NMefultaten der übrigen in taufendfältig abgeftufter
Mifjchung verbinden, fo daß z. B. felbft die Wirkungen eines mehr Ähnlichen
geologifchen Untergrundes dadurch aufgehoben werden, daß fich zu dem einen
andere Flimatifche Verhältniffe gefellen, als zu dem anderen. E8$ ift wahr,
wir Eönnen, auch wenn wir von den Differenzen des Klimas dabei abfehen
müßten, doch eine ähnliche Gegenüberffellung concreteigenthümlicher Grunds
lagen nicht bloß zwifchen den einzelnen Provinzen deffelben Volksterritoriums,
fondern mitunter auch von Privatgrundbefig zu Privatarundbefik verfolgen,
wie denn auch die Landesgrenze ebenfowohl Ähnliche Parcellen fheiden als
verbinden may; aber das Ändert an dem Mefultate durchaus nichts, Kedes
:inbheitlich Zufammenaefaßte Gefammtterritorium, welches man in voll:

\

Ueber die UbhängigFeit der phyfifchen Vopulationskräfte von den einfachften
Srundftoffen der NMatur mit fpecieller Anwendung auf die Bevölkerungs:
ftatiftit von Belgien. Leipzig und Paris 1842, Doc ift auch zu vergleichen
Reuter: Der Boden und die atmofphärifhe Luft in allfeitigen, materiellen,
gasförmigen und dbynamifhen Einwirkungen auf Ernährung und Gedeihen
ber Pflanzen mit Bezug auf Land: und Forfiwirthfchaft. Frankfurt 1833, und
Hartia’s Luft-, Boden: und PYflanzenkunde. Stuttaart und Fübinaen 154U.
        <pb n="52" />
        wirthfchaftlicher Beziehung in’s Auge faßt, ermwächft gleichwohl zu einem bes
fonderen ‚Ganzen neben den Übrigen, und es if nur zu warnen, daß man
nicht die oftenfibelften Wirkungen farker. Gegenfäße anerkennt, dagegen
innerhalb derfelben für die Meihe von unabfehbaren Iwifchenftufen, durch
welche die Natur immer die extremen Abffände in ihren Hervorbringungen
verbindet, Feine erheblichen Motive zur Unterfheidung zugefteht. ;
Suchen jene naturmiffenfchaftlichen Disciplinen zunächft die Urfachen
für die taufendfältigen Unterfchiede in den natürlidyen Bodenverhältniffen
der einzelnen Wölkerterritorien zu gewinnen, fo gewährt dagegen die Lebens
zrfahrung felbft unmittelbar von Tag zu Tag die Wirkungen derfelben,
mag fie nun gegenwärtig ein BolE als ein Haben oder als ein Können des
von ihm bewohnten Landes vermerken. Nur im Allgemeinen wollen wir
auf die auffällige Manifeftation der für die BVolkswirthfchaft wichtigen
Bodenunterfchiede einzelner Territorien in aller Kürze hintwveifen, da es fich
gegenwärtig um eigentlidhe Meinungsdifferenzen über den objectiven Chatz
beftand im Allgemeinen gar nicht mehr handeln kann.
Was e8 audy für Vorgänge gewefen fein mögen, durch welche die
mannigfaltigen Stufenunterfchiede vom Neichthum bis zur Leere an SEonomifd)
 brauchbaren Gegenftänden in dem inneren Schooß der Erde für
die verfchiedenen Bolksterritorien herbeigeführt wurden, fie gehören zu den
zinfach thatfächlichen und unabänderlichen Bedingungen für das wirth{haftliche
 Leben und MWeben der Völker. Man gewahrt hier freiwillige, aber
Locale Sefchenke der Natur, die in ihren anorganifchen wie in ihren 0tganifchen
 Gebilden durch Individualifirung das Sefeß der Ungleichheit hervor:
treten läßt. So verfchieden wie die geognoftifchen Grundlagen der Terriz
torien, ift der Gehalt des Bodens an allen den Erd= und Steinarten, welche,
wie der Kalk, der Gyps, der Marmor, das Steinfalz, die Bruchfteine der
Thon 1) u. f. w., einen brauchbaren, meaen des EFoftfyieligen Transnportes

Nur beifpielsweife mögen ein paar Angaben hier Ylag finden, weiche die
Bedeutung diefer Rohftoffe erläutern Fönnen. In Preußen gab 1845 der
Steinbruchbetrieb 10,029 Arbeitern mit 23,113 Familiengliedern Lebens:
anterhalt und ergab am Urfprungsorte einen Geldwerth von 1,265,564
Thalern (1836: 346,276, alfo in 10 Fahren über 265 Yrocent Zu:
nahme). In der Production des verfchiedenartigen TIhones (Ziegel:
‘hon, Töpferthon, Thonmergel, feuerfefter Thon, Porzellanerde u. f. w.)
tagen England, Frankreid und Deutfchland hervor. Den Sefammtwerth
ber englifchen Thonwaaren Hat man zu 15'/, Millionen Ihaler gefchäßt;
der Werth der Ausfuhr war 1835: 837,774 Yrd. St. In dem gewerbs:
armen Kurheffen haben gute Ihonlager einen fhrwunghafteren Betrieb in der
Thonwaarenverfertigung erhalten; in dem Freife Marburg Lamen (nach Hit)
1843 auf 238 361 Finmobner 105 Fönfermeifter und Seiellen, und doch find Lie
        <pb n="53" />
        bormwiegend im Productionslande verarbeiteten Nobhffoff für Semwverkswaaren
oder Segenftände des unmittelbaren wirthfhaftlichen Berbrauches abgeben;
auch wenn fie fich hier wie dort vorfinden, zeigt fich die Gabe der Natur
verfchieden nach Güte und Menge.
In unvergleichlich größerer Wichtigkeit für die ökonomifchen Lebens:
bedingungen tritt das foffile Brennmaterial hervor, deffen Bedeutung zwar
erft in der neueften Zeit erkannt werden Eonnte, das aber dann auch in
möhrchenhaft rafcher Ausdehnung den mannigfaltigften Verbrauch überall
gefunden hat. Wenn fehon in der Zeit, ehe es zur Anwendung gelangte,
ziner weiteren Ausdehnung und felbit dem Fortbetrieb mancher SGetverbe,
welche des Brennmateriales in größerer Ausdehnung bedürfen, in ihrer das
maligen Seftalt fich unüberffeigliche Hindernife in den Weg fellten 1), weil
die zunehmende Bevölkerung eben fo fehr gegen den weiteren Verbrauch des
für den gewöhnlichen Bedarf, unzureichenden Holzes als für eine weitere
YUusdehnung des Ackerlandes über den für jenen entbehrlichen Waldboden
andrängte; menn die ganze moderne Indufkrie anerFanntermaßen ohne das
Subffrat des foffilen Brennmateriales gar nicht gedacht werden Fan; wenn
diefes gegenwärtig felbft in die NMeihe der Befriedigungsmittel nothwendiger

beften Zhongruben in Niederheffen (Großalmerode); die Behinderung der
Ausfuhr des Pfeifenthones war das Einzige, was in dem benachbarten
Preußen nad dem Eurheffiffidhen Retorfionstarif von 1819 gegen den Zoll:
vereinstarif von 1818 übel empfunden wurde. Der große NMeichthum Deft:
reichs an Steinfalz ift bekannt. Nach einer Berechnung des Öftreichifchen
Mond über die gefammte Salzproduction in Suropa führte Rußland etwa
31% Millionen, Schweden und Norwegen 1% Millionen Wiener Str. 1844
ein, während Großbritannien über 4%  Mill., Portugal 4V, Mill., Spa:
nien 4% Mill, Sardinien 1%, Mil. ausführte. Au von Reden hat
berechnet daß zu der Sefammtproduction Suropas von 52,436,000 Gir,
Kochfalz, England allein 24,4%, die deuten Staaten 18%, Spanien 15%
u. f. w. beitragen. Val. übrigens audh: Karften: Ueber das Vorkommen
und die Gewinnung des Kochfalzes auf der Dberfläche der Erbe oder Lehr:
buch der Salinenkunde, Thl. I. Berlin 1846.
Man wird wohl in vielen Ländern aus der SGefdhichte der Sifenhütten,
Hammerwerke. u. f. w. Belege hierzu finden Fönnen; in Kurheffen find fie
Fehr bezeidhnend. Auch innerhalb der einzelnen Eohlenreidhen Länder pflegt
die Zopographie der induftriellen Etabliffements auch durch den Zug der
Kohlenlager bedingt zu fein. Leonhard nennt (Deutfdhe BierteljahHrfchrift
1838 I.) die Anwendung der Steinkohlen ftatt der HolzEohlen in den Sifen:
Hütten und Hammermerfen »bie bedeutendfte aller Verbefferungen, welche
die metallurgifhen Arbeiten erfahren haben«. Gegenwärtig darf man die
Steinkohle nicht mehr fo fharf von der Braunkohle trennen, naddem auch
bie leßtere mehrfach für den Fabrikbetrieb, die Locomotivenheizung u. f.w.,
vereitg eine befriedigende Anwendung gefunden hat. Daffelbe gilt vom
Anthracit, der insbefondere für Nordamerika wichtig aemorden ft.
        <pb n="54" />
        ar

Bebensbedürfniffe für mande Länder eingetreten ift und aus derfelben ohne
furchtbare Krifen gar nicht wieder verdrängt werden Fann — fo muß doch
bie Eoloffale BVerfchiedenheit der Steinkohlengewinnung in den einzelnen Länz
bern 1) einen außerordentlich ftarken Einfluß auf den Stand der Bevölferung,
 auf den Erfolg der wirthfchaftlihen Anftrengungen der einzelnen
Völker, wie für die Wahl und die Bahnen derfelben ganz außer Zweifel geftellt
 erfcheinen (affen. Länder, weiche einen bedeutenden Kohlenreichthum
yaben, erfcheinen aus einer zweifachen, zufammenwirkenden und eben dadurch
den Erfolg erhöhenden Urfache geeignet, eine dichtere Bevslkerung zu bergen,
inmal weil viel Waldboden dem Ackerbau überwiefen werden kann, wie e8
denn auch die Erfahrung beftätigt hat, daß mit der Zunahme der Bevölz
ferung ber Waldarund, welcher für einen weit geringeren Stand derfelben
früher nothmwendig mar, in folchen Länder immer mehr abgenommen hat,
und fodann, weil für die NMahrungswege aller derjenigen Semerke, welche
zur Verfertigung ihrer Fabrikate eines beträchtlicheren Verbrauches von
Brennmaterial benöthiagt find, weaen der ardßeren Wobhlfeilheit des Stein:

X

Hier nur ein paar NMachweife über die insbefondere aud für. die Entwick:
‚sung der Induftrie fo wichtige Steinkohle, Während Holland, die Schweiz,
Schweden, Dänemark u. f. w. nur fehr unbedeutende Yuantitäten produs
siren und bedeutende Mengen einführen, it England insbefondere im Be:
TB unerfhöpfliher Flöße und producirt jährlich Foloffate Zuantitäten, durch
welche vorzngsweife der riefige Bedarf der einhHeimifchen Induftrie gedeckt
vird. Schon Blaife berechnete den Durchfhnitt der jährlichen Yusbeute
auf 28,498,192 ons (Mac Culloch giebt 1837: 227, Mil. Tons an)
im Werthe von 14,249,091 Pf. St., von denen 26,649,899 Tonnen in England
 felbft verbraucht würden. Die Ausfuhr betrug 1830: 505,421 Tonnen,
1844: 2,410,000 im Werthe von etwa 800,000 Pf. St. (ä 65% Ihlr. unge:
jähr). Mach officiellen Mittheilungen producirte Frankreich 1842: 35,920,843
and confumirte 52,034,156 metıifche Str. (1787: 2,150,000 und 4,035,919);
Belgien 1844: 84,232,420 Str. (1831: 42,800,000) von denen gegen 1,050,000
Tonnen (da 21 Etr.) zum Werthe von ungefähr 6 Mill. fl ausgeführt wur:
den; Preußen 1845: 17,332,651 Tonnen im Werthe von 6,371,771 Ihlr.;
Deftreich 1845: 12,358,L09 Etr. von NMeden bemerkt, daß zu der Ges
Tammtprobuction Curopas an Stein: und Braunkohlen England allein 71%,
Belgien 117%, Deutfhland‘ 9, Frankreich 8% Bbeitrage. E8 braucht wechl
Taum bemerkt zu werden, wie Überall eine entfprechende Menge von Arz
deitern bei der Kohlengewinnung ihren Unterhalt findet; in Preußen waren
e8 1844 bei der Steinkohlengewinnung allein 24,160 Arbeiter mit 51,282
Kamiliengliedern, in Belgien 1842: 39,902 Arbeiter; vom englifhen Stein:
Fohlenhandel giebt Blaife an, daß er 1400 Schiffe, 15,009 Schiffer (in einem
tüchtigen Vorbeveitungsdienft für die englifche Marine), 21,000 Bergleute,
5000 Fuhrleute u. f. w., u. f. w., befhäftige; die Gefammtzahl Derer, welche
mit dem Steinkohlenverkehr zu thun haben (jet Colliers genannt), fchäßt
man auf über eine halbe SDiillion.
        <pb n="55" />
        Eohlenfeuers$ auf den Märkten des Weltverkehres ein bedeutfamer Borfprung
durch die territoriale Grundlage des Landes an fich gewonnen {ft Daß fi
Siefer Borfprung gerade im Fortfchritt der Cultur vergrößert, werden wir
weiter unten feben.

Freilich Fann ein Volk, wenn es auch wegen des Bedarfes un Heues
rungsmaterial fowie an Aekerboden *) für die Befriedigung der allernoth»
wendigften Lebensbedürfniffe dem Fortgange des Holzverzehres durch be:
ftimmte Gewerke ein Biel feßen muß, diefelben doch dann weiter betreiben
und wohl auch immer mehr ausdehnen, wenn e$ foffiles Brennmaterial von
dem durch die Natur felbjt in diefer Beziehung mehr begünftigten Wolke
gegen andere Boden= oder Semerbsproducte eintaufcht; aber dadurch wird
die an diefer Stelle hervortretende Differenz in dem Bolksvermögen von
‚Haus aus natürlicherweife durchaus nicht aufgehoben, und um fo weniger,
alg der NMeichthum eines Landes an mächtigen Kohlenlagern Feineswegs den
gleichzeitigen Befiß folcher Naturproducte ausfchließt, weiche alg Segeniverthe
gegen das foffile Brennmaterial dargeboten werden fönnen. Allerdings haben
toir dabei immer den Sefammtbefig eines Wolkes als eines Ganzen einem
eben folchen gegenüber geftellt. Wird nicht die Lage der beiderländifchen
einzelnen SGerwerbetreibenden wenigftens dadurch eine gleiche, daß die
Kohlenlager in das Privateigenthum einzelner Srundbefiker oder in das
Figenthum der allgemeinen Staatsgewalt übergegangen find, welche fich
von dem einheimifhen Semerbsmanne eben fo gut die Kohlen bezahlen Laffen,
als von dem Ausländer? Offenbar nicht, weil der lektere allein obendrein
die TransportEoften zu zahlen hat. Und die Transportfoften diefes volumi:
nöfen Hilfsftoffes ” überfteigen außerordentlid) die Transportfoften der mit
Anwendung deffelben gefertigten Fabrikate, fofern diefe etroa eben denfelben
Weg wie die Kohlen bis zu den Productionsorten der Snduftrie des Aus:
landes zurücklegen follen. Auf den Weltmärkten aber, die für beide Länder
Ausland find, Fann nicht einmal diefe Berringerung der Differenz in An:
Tchlaq Fommen.

€ braucht wohl Faum erinnert zu werden, daß fi auch noch zwifchen
yen Ländern, die alle zu den Eohlenveichen gerechnet werden müffen, auch
wenn fie abfolut gleich viel foffiles Brennmaterial hätten und producirten,
5och noch durch den verfchieben aroßen Brennftoffaehalt, die immer für ein:

X

Zur Einfiht in diefe Verhältniffe hier nur ein Beifpiel. Man hat berech:
net, daß felbft Preußen und zwar fhon dur den Durchichnitt der
Steinkohlenproduction von 1827—1831 (6,908,759 Tonnen &amp;amp; 4 Gentner) das
durchfhnittlihe Holzerträgniß einer Waldfläche von 266 Quadratmeiken er:
leßte. Karften, Archiv für Mineralogie, Bd. VL... S. 208 fl
        <pb n="56" />
        ‚eine Berbrauchsarten befonder$ geeignete Nualität der Kohlen 1), das gleich»
‚eitige Vorkommen anderer NMaturgaben des inneren Bodens 2), deren geiverfz
liche Verarbeitung mit Steinkohlenverbrauch verbunden ift, heachtenswerthe
Unterfchiede herausftellen, und daß ‚andere Brennftoffe, wie Torf u. fIw., wes
nigftens forweit fie al Feuerungsmaterial ftatt des Holzes dienen, und wenn
zuch in unverhältnißmäßig weit geringerer Bedeutung, zu ähnlichen Unterz
(heidungen Beranlaffung geben.
Insbefondere find wir auch im Hindblik auf die mineralifhen Er:
trägniffe des Bergbaus gezwungen, die ftarke Berfchiedenheit anzu
erfennen, in welcher die einzelnen Territorien der Völker durch die Natur
ausgeftattet erfcheinen. Cbenfowohl die Menge der für den erften Blick
Mehr zurüctretenden Mineralien, an deren Gewinnung fich überall vielfültige
 Germerksarbeiten anzufchließen pflegen, als die mit ihrer allgemeinen
Bedeutung fich zunächft hervorhebenden »nlklihen« und »edlen« Metalle,
zeigen fich nach Art, Menge und Güte Außerft verfchieden in den Gebirgs8:
fchichten der einzelnen Länder vertheilt und begründen dadurch überall die
zoncrete Eigenthümlichkeit des von‘ der Natur felbft für die Sfonomifche hä:
tigFeit der Völker gegebenen Subftrates. Und wenn man etwa im Hin:
blict auf die wirthfchaftlihen Berhältniffe der neueften Zeit eine vorzügliche
Berankaffung finden follte, die Bedeutung des Soldes, des Silbers und
des Eifens insbefondere hoch anzufhlagen; wenn man unbedingt zugeftehen
mag, daß jedes Bolk großer Mengen diefer Metalle bedarf, fo ift e8 doch
auch gerade hinfichtlich ihrer längft fehr empfindlich vermerkt worden, daß
die Natur der einzelnen Territorien diefem allgemeinen Bedürfen in dußerft
berfchiedener Weile entivricht Y.

)

Beides fteht wenigftens für die meiften Fälle in einem natürlichen Zufam:
menhang. Die Unterfheidung vieler einzelner Kohlenforten- {ft gerade des:
5alb wichtig, weil fi die einzelnen, wegen ihres verfchiebenartigen Ver:
haltens bei dem Verbrennen, für diele ober iene tehnifche Vermendung
befonders geeignet zeigen. .
Hier ft befonders die Mächtigkeit, in welder der das Nohlenlager beglei:
tende Shon-Sifenftein auftritt, zu erwähnen. »Nicht felten wird die Gewin:
zung der Zhon: Sifenfteine befonders erleichtert, indem man fie mit den
Kohlen zugleid) in einem Bau fafjen Fann. Unter den Kohlen-Ablagerungen
Englands Kiefern zwei allein drei Viertheile des Materials für fämmtlihe
Bußmaaren, die gefertigt werden, und das Zufammenvorkommen von Sifjen:
fteinen mit Kohlen, mit feuerfeftem Thon und mit Kalk, gewährt dem
Sifenhüttengewerbe in Süd: Wales Vorzüge vor allen übrigen Gegenden
Englands nicht nur, fondern vor allen! bekannten Erbtheilen.« Leonhard
a. a. ©., S, 57.
Bei der großen Maffe und leichten Zugänglichkeit der ftatiftifhen Ungaben,
burch welche die enorme Berfchiebenheit in der Production der Metalle inner:
        <pb n="57" />
        4Öö

Die Unterfchiede unter der Erde werden über der Erde zu bedeutungs:
yolleın Unterfchieden in den SEonomifchen Pofitionen der einzelnen Völker
und zeigten fidh in mannigfaltiger Weife als Urfachen meittragender Wir-Eungen
 für die wirthfchaftlichen Erfolge des Menfchen. Yuch hier werden
bie durch das natürliche Befigthum mineralreicher Länder unmittelbar gegebenen
 Vortheile noch erhöht und verftärkt durch die auch bei ganz freiem
Austaufchhandel bevorzugte Stellung der die Mineralien verarbeitenden In:
dufkrie auf den Märkten des Weltverkehrs; es ft ein VBorfprung, der nur
durch eine andere Gunfkt wieder ausgeglichen werden ann, wenn die Ge:
werfsarbeit ihre Defen und Effen über den reichhaltigen Adern der Landes:
gebirge aufrichten ann. E6$ eröffnen fid befondere Ermerbswege für die
handarbeitende Claffe und um fo breitere, je mehr troß der Ausdehnung der
inländifchen Sewverksverarbeitung noch die Bedürfniffe des Uuslandes bes
Friedigt werden Fönnen u. f. w.%). Doch darf auch hier neben den am ftärften
 Hervorfpringenden Wirkungen der extremen Segenfäße Feinesfalls der
verhältnifmäßig eben fo ffarfe Effect der einander näher gerückten
Mittelftufen überfehen werden.
MWie der innere Schooß der Erde in den Territorien der einzelnen Völfer
 alle Gradunterfchiede von der reichften Fülle bis zur dürftigften Leere
an wichtigen Gegenftänden für den wirthfhaftlichen Sebrauch mahrnehmen
Läßt, fo erkennt man eine nicht minder mannigfaltige und bedeutfame Ber-‚fehiedenheit
 auch hinfichtlich des Grades der Fruchtbarkeit und der
Art der Production der Bodenoberfläche. Die Wirkung diefer
VBerfchiedenheit macht {ih um fo unmittelbarer geltend, als für den Men:
(chen dag zum Leben zunächft und undedinat Nothmwendiae immer zuerft in

halb der einzelnen Länder bekräftigt wird, erfheint es überflüffig, auch nur
einzelne Data zur Vergleihung hervorzuheben.
Mancherlei ganz fpecielle Ergebniffe in den gewerblihen Verhältniffen eines
Randes find, wiervohl fie entferntere Wirkungen zu fein feinen, doch nur
die natürlidje Wirkung einzelner in dem Territorium hHauptfächlich gege:
benen Bedingungen, So verftärkt z.B. gerade der Bergwerksbetrieb durch
Private die Concentration des Capitals, die fihon eine Morausfekung dess
jelden ift, und wenn der NMeihthum des Bodens fogar nod) die unmittel:
bare NMückfidhtnahme auf den Handel mit dem Ausland geftattet , ber auch
für fi fhon eine ähnliche Borausfeßung und Kirkung hat, fo muß fid) das
oließlihe MRefultat no auffälliger Herausftellen. In Großbritannien,
beffen Sifenproduction faßt die Hälfte der Sefammtproduction Curopds
uefert, wo gegen 300,000 Arbeiter durd die Eifengewinnung und Berarheitung
 befhäftigt, werden, producirte denn auch ein einzelnes, wenn aud)
das größte Sifenwerk (Dowlais Ironwork) des Baronets S. Nueft 1845:
1,560,000 Str. Noheifen, d. h. mehr wie halb fo viel als Deftreih, und
mehr als ein Drittheil von der Production der Zollvereinsftaaten.
        <pb n="58" />
        27

Betracht Eommt. Freilich finden wir in Feinem Lande einen gleichförmigen
Ertrag aller Parcellen des Bodens, aber gleichwohl erwächft aus allen
diefen in fich unterfehiedsvollen Theilen ein großes Sanze, das fich In bes
jonderer Eigenthümlichkeit neben dın Übrigen Heraushebt, Auch hier muß
e$ als überflüffig erfheinen, eine bereits allgemein anerkannte und immer
wieder von Neuem die aufmerffamfte Beachtung fich erzwvingende Thatfache
mit Nachweifen zu belegen oder mehr als andeutungsweife hervorzuheben.
Nur einige einzelne Punkte verdienen noch eine befondere Bemerkung.
Um die Wirkungen der Unterfchiede in der Bodenfruchtbarkeit der. ein:
selnen Länder feftzuftellen, darf man nicht dabei ftehen bleiben, daß man
etwa nur auf das VBerhältnif der Saat und Pflanzung zur Ernte hin
weiff. Bunächft Eommt noch die allgemeine Gattung des Productes in
Betracht; denn da das vorzüglihe Sedeihen aller einzelnen Pflanzengewächfe
von fehr beftfimmten Verhältniffen des Bodens und des Klimas ab:
hängig erfheint, fo Fönnen zwei Territorien gleichmäßig fehr fruchtbar fein,
aber jedes nur für den Anbau befonderer Sewächfe. Wie verfhieden aber
ift die Bedeutung diefer Gewächfe, je nachdem fie als Nahrungsmittel,
alg Brenn: und Baumaterial oder als Rohftoffe für die Fabrikation
dienen, nach der Stufe, welche fie in der Reihe der Befriedigungsmittel
der nothmendigen und entbehrliheren Lebensbedürfniffe einnehmen; nach
den befonderen Borzlgen, mit welchen fie fich in ihrer allgemeinen Eigen
fchaft als Nahrungsmittel u. f. w. darftellen. Die Abgrenzung der Pros
buetenzonen, welche für die Waldbäume wie für die Setreidearten und fons
figen NMahrungsgewächfe Seltung haben, mweift auf die räumlichen Schranz
fen für den gedeihlichen wie für den möglichen Anbau ‚der einzelnen Vegetabilien
 hin und vertheilt die Territorien in eine neue Meihe unterfchiedsvoller
 Gruppen. Gerade diefe Productenzonen für die einzelnen Pflanzen:
gemwächfe begründen eine weitere Unterfheidung zwifchen foldhen Ländern,
deren Productionsbedingungen die reichlihe Gewinnung mannigfaltiger Bes
getabilien ermöglichen, fei e&amp;amp; ganz im Allgemeinen, fei e$ nur innerhalb der
einzelnen Kreife, in welchen fih die Pflanzengewächfe durch ihre verfchiedene
Verbrauchsbeftimmung gegen einander abgrenzen, und foldjen, deren Pros
ductionsbedingungen nur den gedeihlihen Anbau einer geringeren Anzahl
wichtiger BVegetabilien ermöglidhen — eine Unterfcheidung, auf deren unmittelbare
 Bedeutung für das Leben weiter unten hingemwiefen werden wird. Ferner
wird man nicht überfehen dürfen, daß auch folche Länder immer noch als
jeht verfchieden angefehen werden müffen, weiche, obwohl fie vielleicht that-Tächlich
 ein gleich großes Nefultat des ‚Bodenerträgniffes liefern, doch dafür
die Anwendung verfchieden großer Arbeits und Capitalmengen erfordern.
Die Erfahrung hat e8 vielfach beftätigt, daß das reichliche Erträgniß, wel:
hes hier bei einer verhältnißmäßig nur’ geringen Nachhülfe des Menfehen
Rnies, volit. Dekonomie.
        <pb n="59" />
        JU

fich einftellt, dort zwar auch gewonnen, aber nur durch die weit größere AUn-Erengung
 des Menfehen gewonnen wird. Es Eommt hier zunächft nur auf
die Erkenntnif der Differenz anz ihre Bedeutung für die allgemeine Lebens»
entwicklung der Völker Kann in einem wirklichen oder in einem {fheinbaren
Segenfab zu dem Berhältnif ftehen, welches fih auf den erften Blick als
das Sfonomifch günftigere herausftfellt. Mag man nun aber aud) im vers
gleichenden Hinweis auf die Tropenländer und die gemäßigten Zonen einen
extremen Ueberfluß in der natürlichen Productionskraft des Bodens als etwas
ebenfo NMachtheiliges hinftellen, wie den extremen Mangel in den Polar
(ändern 1), — wir müffen doch auch an diefer Stelle darauf aufmerkfam
machen, daß man nimmermehr die Wirkungen der unterfchied8vollen natürlichen
 Grundlagen nur in den extremen Segenfäßen anerkennen darf. End»
lich ift darauf hinzuweifen, daß auch für alle die Völker, welche zur Steigerung
 der Bodenerträgniffe durch Verftärkung der Capital und YUrbeitsan:
wendung von felbft geneigt oder Hingedrängt find, doch rückfichtlich des Erz
folges eine beftimmte Grenze gefteckt if, weil jene nicht in’ Unendliche erhöbt
werden Eann. Es ftellt fich alfo hier wenigftens für die Unterfcheidung der
Territorien in je einer beftimmten Zeit ein weiterer, auch gerade in unferer
Zeit bebeutungsvoller Gegenfaß heraus, nämlich durdy die größere oder ges
ringere Möglichkeit, die Bodenproduction durch eine verftärkte Anwendung
von Capital und Arbeit noch erheblich zu ffeigern. Selbftverftändlicher
MWeife Handelt e&amp;amp; fich dabei durchaus nicht um Gradunterfchiede in einer
temporären Erfhöpfung des Bodens, welcher durch die Brache oder durch
Düngmittel abgeholfen werden kann.
Sn der unmittelbarften und ununterbrochen empfundenen Weife wird
fi freilich die Ungunft des Territoriums dadurch bewähren, daß die Se:
treideähre in (pärlihem Wachschum Faum ein zehnfältiges Korn heroorhringt,
auch diefes dürftige Erträgnif von dem Menfchen nur im reichlichen Schweiße
des Ungeficht® dem Boden faßt abgeztwungen wird und die einzige Ernte
des Yahrs Öfters mißräth. Völker, welche derartige Territorien bewohnen,
f£reben fchon in den früheften Zeiten dahin, den Nahrungserwerb durch den
emfigen Anbau des Bodens in den Hintergrund treten zu laffen, und fobald
e8 die Zunahme des Verkehrs erlaubt, die Erwerbswege durch Handel und
Sewerksarbeit zu betreten. Doch Fann fo die Ungunft des Territoriums
nur gemildert, nicht aufgehoben werden. Die Freiheit in der Wahl der
Ermerbswege ift befchränkt wie die Unabhängigkeit von außen her auch in
ziner nur vorübergehenden Fritifchen Zeit, nachdem einmal die Bevölkerung
und die Bodenproduction in demfelbden Lande in erheblichem Grade außer
Berhältniß getreten find. Der Austaufchverfehr bildet wohl eine aeaqenz

EEE EEE

N Nolcher, Grundriß.
        <pb n="60" />
        51

feitige Abhängigkeit heraus, aber fie ift Feine dem Grade und der Art nach
gleiche, und die Zeiten, in denen das für das menfchlihe Leben undedingt
Nothtwendige vorzugsmweife oder allein in Betracht fommt, befräftigen un:
miderlegbar die von Matur günftigere Situation folcher Völker, welche im
veichlicheren Befig der unumgänglich nothmwendigen Erdfrüchte der entbehrz
licheren AUrbeitsproducte gewerblich induftrieller Länder bensthigt find 1).
Der Einfluß des Klimas auf die wirthfchaftlihen Verhältniffe der
Völker darf nicht auf die urfächliche Beziehung deffelben zu der Fruchtbarkeit
des Bodens und der Art der Erzeugniffe deffelben befehränkt werden, viel
mehr wird insbefondere auch die Einwirkung des Klimas auf die Arbeitsiuft
und die Arbeitsfähigfeit des Menfchen nicht zu überfehen fein. Hibe, ges
mäßtigte Wärme oder Kälte, eine reine und hHeitere Luft oder eine dumpfe
und feuchte Atmofphäre wirken fehr verfchiedenartig auf den Seift und das
Semüth des Menfchen, wie fie feine Eörperliche Arbeit anregen und ‚erleichtern,
oder erfchiveren und lähmen. Zur Arbeit wie zum Genuß, zur Frperlichen
wie zur geiftigen ThätigFeit mird er in die (kärkende und erhebende freie Luft
gerufen oder in die verfchloffenen Räume gebannt; eine einförmige Tem:
peratur erweicht oder verhärtet ihm die Lebensfafern des Seiftes und des
Körpers, während ein heilfamer Wechfel immer wieder auffrifchende Gegen:
wirkungen und Spannungen herbeiführt.
Es hat gar feinen Sinn, die Einwirkungen des Klimas auf den Men:
(chen für die Entwicklung der Cultur und der SGefjchichte der Bölker im AUzemeinen
 anzuerEennen und ihnen für das Gebiet der wirth{haftlichen Bes
Krebungen und Erfolge, welche durch geiftige und Förperliche Unftrengungen
ugleich bedingt erfcheinen, nicht in einer ganz befonders ftarken Weife Rech»
nung fragen zu wollen. Und wir dürfen uns hierbei nicht einmal bloß auf
die Mobdificationen in der wirthfchaftlich producirenden Kraft des Menfchen
befchränfen; auch die Confumtion der Güter ift unter die Bedingungen des
Slimas geftellt. Um ftärkften tritt das hinfichtlich des Verbrauches an Kleiz
ungsfihcken, Wohnungen und Feuerungsmaterial hervor, fo daß wir durch
das Klima unmittelbar rückfichtlich ihrer auch den nothmendigen Bedarf der
zinzelnen Völker fehr verfchieden anfegen ?), und Manches als eine noth
mendige Folge natürlicher Bedingungen hinftellen müffen, was häufig nur
al8 ein wie freies Ergebniß der gefchichtlichen Sitte anaefehen wird. Die

) € mag bier bemerit werden, daß diefe Wahrheit fchon von Machiavelli
mit voller Schärfe und Beftimmtheit ausgefprochen worden ift, Vergl.
meinen Yuffaß über Machiavelli als vollswirthfchaftlihen Schrift:
feller, a. a. D.
Man mag immerhin etwas zur Ausgleihung in Abrechnung bringen, indem
An unter rauherem Klima lebendes Volk Leichter eine Höhere durchfchnittliche
Kälte erträgt; dadurd wird der Unterfichied nicht aufgehoben.
        <pb n="61" />
        I

Folgerungen der Anerkennung diefer Wahrheit hat man fid) weniger im
Sroßen und Allgemeinen für den Haushalt der Völker im Ganzen vers
gegenwärtigt, alg auf dem FHeinen Gebiete, auf welchem es fih um die bez
Himmenden Größen für den natürlichen oder nothtwendigen Sag des Arbeits
{ohnes handelt; da jedoch find fie auch von Ricardo!) mit voller Beftimmtheit
 zugeffanden morden; die Ausgaben für Wohnung, Kleidung und Feuerung
bilden einen bedeutfamen Beftandtheil in den zur Erhaltung und Fortdauer
der handarbeitenden Claffe nothmwendigen Bedlrfniffen, das Maß deffelben
aber wird durch das Klima (auch durch die durchfehnittliche Regenmenge)
verfchieden beftimmt. Weit minder anerkannt iff dagegen die Thatfache,
daß fih nach der durchfchnittlichen Sahresmärme und denr Feuchtigkeitsgehalt
der Atmofphäre eine verfchieden große nothwendige — von der Sitte ganz
unabhängige — Confumtion aud) der Nahrungsmittel hHerausftellt, weil die
von der Temperatur der Atmofphäre abhängende Ausathmung und Yu8:
dünftung des menfchlichen Körpers eine unterfehiedene Menge von Nahrungsftoff
 zur Erhaltung des Körpers nothtwendig macht ?). Auch hier zeigen
wohl die extremen SGegenfäge die Differenzen am auffälligften; die Wirkung
diefes Berhältniffes ft aber eine ganz allgemeine und gilt ebenforvohl für die
einander näher ftehenden mittleren NMegionen, Demnach ergiebt fich, daß der
Bewohner wärmerer Länder, um das Leben zu erhalten, nicht bloß weniger zu
arbeiten braucht, meil die freiwillige Productionskraft des Bodens an fich
mehr gewährt, fondern er braucht aud) weniger zu yroduciren, weil et we
niger Nahrungsmittel confumirt.
Boden und Klima treten bet der Erwägung der Bedeutfamkeit der
territorialeh Grundlage für die wirthfchaftlichen Berhältniffe eines Bolkes
allerdings zunächft in den Wordergrund, doch find fie Feinesmwegs die einzigen
durch die Natur unbedingt gegebenen Bebingungen, tvelche einen beftimmenden
 Einfluß auskben. Neben die Erde und die Luft. tritt das Waffer. Wir
feben an diefer Stelle ganz ab von dem veichlichen oder fyarlichen Vorhans
denfein der Gewäffer und von allen Erfheinungsformen derfelben, foweit das
durch die Kruchtbarkeit des Bobens bedinat if. Während der innere NMeich-)



Principles, chap. 5.
Ziebig: Die organifhe Chemie in Ihrer Unwendung auf Phyfiologie und
Pathologie. Braunfkhweig 1842. Die »Nahrungsmittellehre« von Mole:
[hott, Falk, Liebig, Chemifhe Briefe. Braunfhweig 1852; dazu jedoch
audy Molefchott: Der Kreislauf des Lebens. Phyfiologifhe Untworten
auf Liebig’s dhemifhe Briefe. Mainz 1852. Die Unterfchiede der Nah:
zungsquantitäten wegen verfchiedener Förperlidher Anftrengungen Fommen
hier natürlich nicht in Betracht; e® handelt fi nur um die zehrendere
Wirkung der Fälteren und der feuchteren (d. b. Leichter die menfchliche Körs
perwärme abfleitenben) Luft.
        <pb n="62" />
        53

hum des Bodens vorzugsweife für die Gerwerksarbeit, die Fruchtbarkeit der‘
Erdoberfläche aber für den Landbau wie eine von der NMatur dargebotene
SapitalEraft fich darftellt, ftellen fi die Sewäffer eines Landes alg die mächige
 Maturhilfe zur Förderung des Handels und Verkehrs dar. Ob {Hifbare
 Slüffe und. Ströme in einem Lande. vorhanden find, welche Nichtung
der Lauf derfelben verfolgt 1), welche Stärke ihr Falk hat, wie groß die
Dauer ihrer jährlichen Eisdecke ift u. f. w., das find Lebensfragen für den
inneren und äußeren Verkehr der Völker. Von der Leichtigkeit des Trans:
port$ von einem Lande in das andere, oder auch von einer Provinz in die
andere, hängt immer viel, oft aber beinahe Alles ab für den Faufchwerth der
Waanren auf den einheimifhen Märkten der Völker, indem durch eine auch
nur fchrmierige und Foftfpielige Communication die Güter, die man hat, gleich:
Jam entmwerthet, und die, welche man wünfcht, vertheuert oder zu Preifen
hinaufgetrieben werden, welche zur Stärke des Bedürfniffes in keinem‘ Ber:
Hältniß mehr ftehen. Allerdings zeigen die natürlichen Verkehrsftraßen ihre
hedeutendffe Kraft, fo lange nicht die Fünftlichen des Menfehen neben fie
treten, fie zu erfeßen ober auch zu verdrängen fuchen, und deshalb find die
Wirkungen des Mangels an Wafferftraßen auf Flüffen und Strömen, welche
wir noch aus den gefhichtlihen Zeugnifjen über eine Faum verfloffene Zeit
zufammenftellen Fönnen 2), heutzutage faßt unglaublich, nachdem fich mit fo
ungeheurtem Erfolge die ftärkften Kräfte unferer induftriellen Zeit auf die
Erleichterung des Verkehrs durch Fünftlihe Communicationswege geworfen
haben. Doch haben felbft diefe die Capitalkraft, welche ein Land in feinen
Sewälfern für den Verkehr hat, nur vermindert ,‚ um fo weniger aber
aufgehoben, als fich fogar neben dem Schienenweg auch noch der Fünftkliche
Canal behauptet 3. Für alle Fünftlihen Berkehröftraßen, forwie für den gewöhnlichften
 Verkehr zu Lande, fritt dann wieder die Befchaffenheit der Dber-Näche
 des felten Landes bedeutfam hervor, indem die Ebene und das offene
Thal die Communication erleichtert, das Gebirge und das durchbrochene
Terrain aber fie erfchtwert oder unmSglidy macht. Für die indufkrielle Arbeit
in der neueffen Zeit ift außerdem die treibende und bewegende Kraft der flie:
Senden Semwäffer in anderer Weite wichtig aenua aemorden, um die Bebeut:

)

Eine gerade für unfere Zeit intereffante Bemerkung über die Donau fin:
det fich fhon bei Xdam Smith I, 3.
So 3. B. über die außerordentliche Verfchiedenheit der Preife für die noth
mendigften Lebensmitteln in ben einzelnen Vroninzen eines und deffelben
Neiches,
Val. aus einer ziemlich umfangreichen Literatur über diefen Segenftand
beilpielsweife die intereffanten Zufammenftellungen, welche I. Proudhon
ziebt in der Schrift: De la concurrence entre les chemins de fer et les
70ies navigables. Paris 1845.
        <pb n="63" />
        Je
tung derfelben auch für die Völker der Gegenwart ungemindert erfcheinen
zu laffen. |
Kaft noch wichtiger als der Befig fehiffbarer Flüffe ft für ein Land
bie Lage an der Meeresküfte. In Küftenländern wird felbft der binnen:
(ändifhe Handelsverkehr mindeftens zum Theil durch die Küftenfchifffahrt
bemwerFftelligt. Für den Weltverkehr aber ift das Meer die eigentliche Straße,
ja e8 trägt nicht nur den Handel, fondern Lockt ihn auch, wie e&amp;amp; ihm Übers
allbin den Zugang eröffnet. Chen weil auch jeßt noch der Handelsverkeht
im Sroßen und in die Weite hauptfächlih über das Meer hin fich vollzieht,
fo ift die unmittelbare Theilnahme an demfelden für jedes Wolk durch die
Lage feines Territoriums faft bedingt, und damit HE ihm alfo unmittelbar
durch die Natur ein bedeutfamer und reichlich Lohnender Ermwerbszweig dargeboten
 oder verfagt. Und wie bedeutfam ift es für ein Volk, daß es felbft
die Abofanpläge in der Weite auffuche, wenn auch immerhin im anderen
Falle feine Erzeugniffe Kberallbin ausgeführt werden follten. Doch Fönnen
wir auch nod) zwifchen folchen Ländern, welche Überhaupt eine MeeresEüfte
befigen , bedeutende Unterfhiede in der natürlihen Begünftigung der Lage
gewahren, welche aus der verfhiedenen Befchaffenheit der Meevesküfte herz
vorgehen. Denn die Bedeutung des Meeres für den Handelsverkehr eines
Volkes geftaltet fich fehr verfchieden groß nad) der Befchaffenheit des nächften
Meeresgrundes wie der nächften Landesküfte, nach der AUusdehnung der
Waffergrenze und der Linie, welche fie bildet u. f. w., wie e$ denn auch von
Wichtigkeit if, ob die Verbindung des inneren Landes mit dem Meere durch
fruchtbare Niederungen und Fiüffe erleichtert oder durch ödes Klachland oder
Sebirgszüge erfchtwert if.
Mir haben bisher nur die Dualität des, geographifchen Territoriums
‚in’s Auge gefaßt; e&amp;amp; ergiebt fich jedoch Togleich, daß auch die Größe, der
Umfang eines Landes, zu welchem wenigftens die abfolute numerifche Stärke
der BeuslEerung in einem natürlichen Berhältniffe fteht, für die wirthfchafts
lichen Berhältniffe eines Volkes von großer Bedeutung ift, Die politifdhe Selbftfeändigleit
 und geficherte Machtftellung hängt zu einem großen Theile doch
auch von der Größe eines Volkes und feines Sebietes ab. Diefe allgemeine
Wahrheit im Hinblick auf eine einzelne Zeit und ein einzelnes WolE verken:
nen zu wollen, wäre ebenfotwenig verffändig, als wenn man z. B. die Kraft
des großen Capitals in der modernen Induftrie leugnen wollte im Hinweis
auf manche Erfolge des Heinen, bei denen der Kopf des Unternehmers faft
Alles gethan hat. Durch die nolitifche Selbftftändigkeit eines Bolkes aber
ift der ungefährdete Beftand, die ungehinderte Entwicklung der SFonomifchen
Zuftände bedingt. Nur in einem politifch felbfiftändigen Staate gehen die
wirth(haftlichen Intereffen aus ihm allein heraus und in ihn allein Zurück,
Much ift ein höherer Grad von SEonomifcher Selbftftändigkeit dem Aus:
        <pb n="64" />
        55

ande gegenüber natürlicherweife nur bei einem umfangreicheren Territorium
in Ausficht zu ftellen, melches für den Unbau der verfchiedenartigen noth:
wendigen Bodenproducte und die mannigfaltige Umformung der Nohftoffe
zine verhältnismäßig größere Möglichkeit in einem ausgedehnteren NMaume
dacbietet.. Nur wo eine Mannigfaltigfeit reichlicherer Hilfsquellen dargeboten
tt, Eönnen einzelne derfelben Leichter auch mit vorlibergehenden Opfern der
zroßen Gefammtheit einer dauernden Stärkung zugeführt werden, — wie
denn Überhaupt alle diejenigen Unternehmungen und Leiftungen, für welche
die Kräfte Einzelner unzureichend erfcheinen, nur in einem großen Staate
durch die Kraft der Gefammtheit in der förderlichften Ausdehnung und beften
DBefchaffenheit erzielt merden Fönnen. Nur ein größerer Staat kann zu einer
Telbftftändigen Handelspolitif fchreiten. Das Mißgefchick, welches in Folge
Anabmendbarer Maturereigniffe eintritt, Frifft ihn im Ganzen weniger hart.
Selbft die Mifernte ft, wenn auch weniger Häufig nur Local, fo doch ges
mwöhnlid) nur partiell, fo daß, menn nicht die verfhiedenen Provinzen, fo doch
die verfchiedenen Sewächsarten eines ausgedehnten Territoriums die Wirz
fungen des Unfalles erträglicher machen.
Die Merkmale für die Eigenthümlichkeit der territorialen Grundlagen
eines Volkes müffen wir jedoch zweifelsohne auch auf die Befchaffenheit der
angrenzenden Länder und den Charakter der Umwohnerfchaft ausdehnen.
Beide find für den Verlauf nicht nur der politifchen Sefchichte, fondern auch
der SEonomifchen Entwicklung eines Volkes von größter Bedeutung. Weil
Fein Wolk zu vollftändiger SEonomifcher Ifolicung berufen und befähigt ers
Üheint, ft gar viel daran gelegen, ob der Nachbar eines Volkes hat, was
diefem fehlt, und zum Nehmen deffen bereit oder genöthigt ift, was e8 ab:
geben Fann. Die Armuth deffelben an Taufhgütern im Allgemeinen oder
ein Ueberfluß an folchen, die e8 felbft in den Verkehr bringt, müffen den
Yustaufch wenigftens infofern erfehweren, "als er in bdiefen Fallen auf entz
fernteren Märkten fich vollziehen muß. Diefer Verkehr in die Ferne hat
immer eigenthümliche mirthfchaftliche Erfcheinungen, wie Concentration des
Defives durch die nothmwendig werdende Yusdehnung der Unternehmungs:
capitalien u. f. w., zur Folge, von denen Feineswegs alle vortheilhaft für die
Sefammttoohlfahrt wirken; die Stellung eines auf fernen Märkten verkaus
fenden Volkes wird zum Theil durch unbeftimmbare Werhältniffe und Zus
Fälle von mancherfei Art bedingt, und jedenfalls fehlt dann einem Volke ein
ausländifcher Markt, auf dem e8 unbedingt die geographifhen Vortheile für
fich hat, Diefe Verhältniffe insbefondere des Uustaufhverkehrs eines Volz
%8 mit den benachbarten Mationen werden durch die für den Handel überz
yaupt bedeutfame Configuration eines Landes oft fehr vervielfältigt, wenn
daffelbe, obwohl räumlich nicht größer als andere, deren Flächeninhalt Freis:
Iefig zufammenaedränat {ft, fich in langer Streuung zwifchen vielen Grenz:
        <pb n="65" />
        Jo

(ändern hindehnt. Endlich wirkt die geographifhe Situation eines Landes
offenbar auch auf die Stellung eines Volkes in dem allgemeinen Weltvyer:
Eehre und zu ihm in flarker Weife ein... Wir fehen hier ganz ab von den
oben erwähnten Bedingungen für den auswärtigen Berkehr und die Theil
nahme am Seehandel, und heben vorzugsweife die geographifhe Stellung
eines Landes zu denjenigen Ländern hervor, welche die Angel= und Knoten:
punkte für den Weltverkehr bilden. Die Süter der Erde, die Arbeitspros
durcte der Bölker find mannigfaltig, wie die Bedürfniffe der Menfhen. Ob
diefe Bedürfniffe nothwendige, angewöhnte oder. durch das Berderbniß der
Sitte und des Sefhmackes herbeigensthigte find; ob die Befriedigungsmittel
in der Nähe und in compacter Malfe oder in entlegener Ferne und über
weite NAume verffreut fich finden, der Handelsverkehr folgt dem Impulfe des
Begehrs und belebt die Weltfirafen zu Waffer und zu Lande. ZIwifchen
den Hauptmärkten für Kauf und Verkauf entfteht ein reges anhaltendes
Treiben, das für feine Wege insbefondere die Sicherheit, die Kürze und die
MWohlfeilheit des Transportes in Berechnung zieht. Ie nad) der Lage eines
Landes an einer folchen Weltftraße für den Handel oder fern von ihr, je
nach der Befchaffenheit des Territoriums, das mit Flugthälern und Ebenen
die Bahnen des Verkehrs Lockt oder durch Sebirgszüge, Moore und dde
Steppen ihn abweift, nimmt ein Volk an den Vortheilen der Paffageländer
für den Weltverkehr Theil oder muß fie an den von der Natur beffer bedachten
 Nachbar übergehen fehen. Eine Wenderung in diefen aroßen Straßen
für den Welthandel ift für alle dabei betheiligten Völker immer eine Lebens:
frage gemwefen. In diefer einzigen Thatfache liegt der Schlüffel zu mancher
wichtigen Erfcheinung in der Sfonomifchen Sefchichte der Völker und ihre
Anerfennung am gehörigen Orte wird noch manchen Sak in den Traditionen
der politifhen Sefchichte umgeftalten. .
Sewiß wird nicht leicht die NMeihe derjenigen Punkte, in welchen fich
die Kraft der von der Natur ausgehenden. Wirkungen‘ für das SEonomifche
Beben der Bölker berührt, erfchöpfend vorgeführt werden Fönnen. Noch we
niger wird fich eine Bollftändigkeit der Erörterung gewinnen [affen, wenn
man auf das mannigfaltige große Detail eingeht, welches fich überall darz
bietet, fobald man einen größeren Kreis in dem wirthfchaftlichen Leben und
Weben der Voller einmal näher in’8s Auge faßt. Zu welcher Reihe von
Erwägungen regt der Wald an, das Hausthier — und fehen wir nicht auch
hier überall fofort die beftimmende Macht natürlicher Cinflhffe des Tertiz
toriums? Stellt fich nicht wiederum fogleidh die concrete EigenthümlichFeit
ihrer Seftaltung entgegen? Das aber ift — wenn wir den Blick von dem
Einzelnen auf das Sanze zurüclenkfen — allem Zweifel entzogen, daß die
Natur felbft in dem Territorium, auf welchem die einzelnen Völker wohnen,
individualifirte Grundlagen für die Zuftände und die Entwicklung der ökono:
        <pb n="66" />
        57

mifchen Verhältniffe dargeboten hat, welche einen beftimmenden Einfluß auf
die Bahnen und die Erfolge der wirthfchaftlihen Strebungen aushben
müffen. Im Hinblik auf das räumliche Ganze, das fich aus den großen
heilen, welche wir vereinzelt einer Betrachtung unterzogen haben, überall
;u einer concreten Totalität zufammenbildet, müffen wir es eingeftehen, daß
bie einzelnen Völker gleich Erbföhnen, die von Haus aus mit einem der
Urt und dem Grade nach. unterfehiedenen Vermögen für das Leben in der
dürgerlichen Sefellfchaft ausgerüftet erfheinen, von der Natur fecbft für ihre
durch Iahrhunderte hindurdy dauernde Eriffenz und ihren Beruf in dem
Weltverkehr und auf der Lebensbühne der Menfchheit in einer ungemein
unterfchiedsvollen Weife ausgeftattet worden find.
Sleichwohl bildet Alles, was bisher gefagt worden ift, im Ganzen nur
ein großes Argument, welches auf dem Gebiete des voltswirthfchaftlichen
Rebens zur Individualifirung zwinat.

Bon wirth{haftlicher Thätigkeit und wirthfhaftlihen Er.
frägniffen fann immer nur fo die Rede fein, daß fie als das Ergebniß eines
Zufammentretens oder Zufammenwirkens der durch die Natur dargebotenen
Kräfte und der ThHätigkeit des Menfchen erfheint. Ohne allen Zwei:
fel {ft deshalb die Unterfuchung der menfchlidhen Natur, forweit diefelbe
für die wirthfhaftliche Thätigkeit des Menfhen in Betracht kommt,
nur die nothwendige Ergänzung zu der Unterfuchung über die productive
Kraft der Natur; fie Fann für die Erwägung, die Combination, welche fich
mwirthfchaftlidhen Berhältniffen zuwendet, nicht nur nicht bei Seite gefeßt
werden, wird nicht bloß fupplementari{dy und beiläufig in Betracht gezogen
werden dürfen, fondern ffellt fo zu fagen die andere große Hälfte des Gebietes
der allgemeinen Unterfuchung dar.
Die Unterfuchungen über die durch die Natur des Menfchen gegebenen
Bedingungen find jedoch nicht bloß in der politifchen DYekonomie, fondern
zewöhnlich in allen Diseciplinen fehr vernachläffigt worden, die auch von den
abfiracteften Erörterungen doch immer wieder auf den conereten und ges
Thichtlichen Menfehen zurüctfommen müffen. Man mag diefe Unterfuchung
für Überflüffig, das zu erwartende Nefultat derfelben nicht nur für allgemein
Sefannt, fondern auch in ganz gleicher Weife anerkannt gehalten haben.
Darin irrt man fich aber fo fehr, daß vielmehr im Segentheil die BVerfchie:
Denheit, in welcher die Natur des Menfchen von den einzelnen Theoretikern
zufgefaßt wird, der innerfte Grund für die Verfchiedenheit des Sraebnifics
        <pb n="67" />
        JO

ift, zu welchem fie durch eine fcheinbar allein auf abftracte Begriffe geftellte
Kdeenverbindung gelangt find. Es ift nicht zu viel behauptet, wenn man
jagt, daß felbft die verfchiedenartige YAuffaffung der algemeinge[chichtlichen
Entwicklung und der Unterfhied der Syfteme der Philofophte eben fo gut
wie der Unterfchied der Syfteme der Politik zu einem fehr wefentlichen Theile
auf die befondere Yuffaffung der Natur des Menfchen in der Erkenntnif des
Hiftorikers, des Politikers, des Mbhilofophen zurückgeführt merden muß; wie
unmittelbar beantwortet fich darnach felbft die Frage nach der Beftimmung
des Menfchen, nach den Motiven feiner Thätigkeit. AYuch ft jener Zufams
menhang in der Chat zumeift fo erfichtlich, daß er den eigentlichen Schlüffel
dem Beurtheiler abgiebt, wobei e8 Feinen Unterfchied macht, ob der Theore:
Hfer, z. B. der Politik oder der politifchen Dekonomie, fich diefes Zufammens
hangs EHar bewußt gemwefen iff, oder nicht. Ein Politiker wie Machtavelli
roird immer unrichtig bewrtheilt werden, wenn man nicht mit ihm von fe
ner Auffaffung des Menfchen ausgeht; in wie enger Verbindung fteht die
Anfehauung Adam Smith’s einmal über die Natur des Menfchen im
Allgemeinen, und fodann über die Motive der toirthfchaftlichen ThätigFeit
des Menfchen insbefondere mit den Ergebniffen der vollswirthfchaftlichen
Unterfuchungen deffelben Schriftftellers. Und fürtwahr gerade in dem wirth=Fhaftlihen
 Weben und Leben des Menfchen Fommt ja der Leib und die
Seele, das Begehren und das Erkennen des Menfehen in Thätigkeit, und
deshalb zugleich ganz unmittelbar als eigentlicher Unterfuchungsgegenftand
in Betracht. Und fo ift es gekommen, daß U. Smith gerade dadurch, daß
ze den ThätigFeitstrieh des Menfchen, welcher in deffen wirthfhaftlichem
Schaffen hervortritt, fharf in Erwägung 309, eine der hHauptfächlichften
Sroßthaten vollbrachte, durch weiche er fich über feine Vorgänger weit hin:
aushob, und daß das Refultat diefer feiner Ermägung mit dem Sefammtergebniß
 feiner Erörterungen in der wefentlichften Verbindung ffeht. Troß
diefem bedeutfamen Unftoße if an diefer Stelle die Unterfuchung wenig
weiter gefördert worden. Zwar drängte die MNMöthigung communiftifchen
MWirthfchaftsfhematigsmen und focialiftifchen Arbeitsorganifationen entgegen:
zutreten, zur Erwägung des anthropologifchen Ciementes in einem wichtigen
„Factor der Ghütererzeugung«, und die Frage, ob der Privategoismus als das
der Bolkswirthfehaft zu Grunde zu Legende ThätigFeitsmotiv im einzelnen
Menfchen zu betrachten fet oder nicht; wurde häufig discutirt. Doch if
man Baum über ein Ja und Nein auf die bereits dur U. Smith geftellte
Alternative hinausgekfommen, und die Verhandlung ift nicht anders geführt
worden, alg wie er fie gewiffermaßen inftruirt hatte, alfo ingbefondere ohne
alle Nückjicht auf die in der Nationalität, in dem Volke im hiftorifch»
genealogifchen Sinıte gegebenen Unterfcheidungsmomente, Diefer Punkt
allein, die concrete Cigaenthümlichteit desg nationalen Men:
        <pb n="68" />
        59

hen, welcher in der Volkswirthihaft mit Leib und Seele, mit ErFennen
and Begehren thätig wird, fteht Hier zu etörtern.
Wie vielfältig auch X. Smith auf die Bewegung in der Zeit, wenig:
tens Hinfichtlih der Vergangenheit, Nückficht nimmt, wie häufig er auch
genthümliche BVerhältniffe in dem Boden der Territorien hervorhebt, der
nationale Charakter des Menfchen, beziehungsweife die Manifeftation deffelben
in der BVolkswirthfhaft, ft nirgends von ihm in Betracht gezogen worden.
Sr fpricht fehr häufig von den verfchiedenen ftaatlihen Infkitutionen der
Völker und ihHrer Bedeutung für die SEonomifhen Dinge in einem Lande,
von dem Einfluffe befonderer Außerer Ereigniffe, wie des Krieges u. f. w. —
d. 5. von Dingen, weiche, wie er fie auffaßt, hier mie dort vorkommen,
Sleiben oder fih Ändern Ennen; von einem maßgebenden Cinfluffe des aus
der Aofkammung und der gefehichtlichen Entwielung hervorgewachfenen
nationalen Charakters der Bölker auf die Seftaltung der wirthfchaftlichen
BVerhältniffe fpricht er nirgends. Die feinen pfochologifchen Beobachtungen,
welche den Lefer oft hinreißen, beziehen fi immer nur auf die menfchliche
Natur der Individuen ganz im Allgemeinen, ja manchmal glaubt man,
Smith fräube fich wie bewußt gegen die Anerkennung irgend eines Eins
Auffes des nationalmenfchlichen Elementes, Wenn er gewiffe wirthfhafts
Ace Chatfachen in Holland auf die Öffentliche Meinung in diefem Lande
surücführt, fo läßt er diefe doch nur als das Ergebnif einer überall gleichen
NMothtwendigFeit erfheinen 1); die Thatfache, daß die Regierung in Frankreich
Anleihen beffer durch BVerausgabung von Leibrenten, in England dagegen
beffer durch immermwährende Menten zu Stande bringt, erfheint ihm zulebt
doch nur als eine Folge des Umftandes, daß London eine große Handelsftadt
ft, Paris aber nicht ?) u. f. w. 3. Daß man aber im Wefentlichen und
Allgemeinen Über diefen Standpunkt des X. Smith nicht hinausgegangen
ift, dafür haben wir (hon oben aus dem Lehrbuche von Nau ein Beifpiel
beigebracht, Auch die Discuffion über die in der wirthfhaftlihen ThätigEeit
98 Menfchen heroortretendben Triebe und Motive hat Über diefen Punkt
nichts Erhebliches gebracht, da man gerade darin fo zu fagen nur die allge
meinmen{hlihe Pfycholoaie und Phofiologie, nicht die nationale in Erwäzung
 309.
Wir Können die nationale Cigenthümlichkeit der Völker nicht als ein
dloßes Ergebniß des Bodens, auf welchem fie feßhaft find, und des Klimas,

‘) I, 9: It is there unfashionable not to be a man of business. Necessity
makes it usual for almost every man to be so. and custom every where
regulates fashion.
V, 3,
Bergl. aud) unten die Darftellung des Zufammenhanges, in welchem Adam
Smith fi mit der allgemeinen geiftigen Richtung feiner Zeitaenofen befand.
        <pb n="69" />
        U

unter dem fie leben, auffaffen, wie groß auch immerhin die Einflüffe des
Bodens und des Klimas auf den Charakter der MNölFerindividualitäten ans
gefchlagen werden müffen. Wäre das Gegentheil wahr, fo würde allerdings
die Wirkung des Unterfchiedes in den nationalen Charakteren für die Erwägung
 wirthfchaftlicher Berhältniffe gleichwohl diefelbe bleiben, er würde
nur das Ergebniß einer anderen Urfache fein, al® wir meinen, würde ebenz
forwohl auf Lage und Klima des Landes zurückgeführt twoerden müffen, al
ztrua die Thatfache, daß der MNordländer mehr Nahrungsmittel confumiren
muß, weil er in einer fauerffoffreicheren Atmofphäre weit mehr Kohlenftoff
aushaucht, der Isländer behaglich und gedeihlih enorme Huantitäten von
Tbhran genießt, die wir nicht bloß mit Widerwillen anfehen, fondern auch
gar nicht wlrden verdauen fönnen. Offenbar aber verbleiben auch nach
Abrechnung der gewaltigen Cinflüffe, welche Boden und Klima auf den
Charakter und die GSefchichte der Bewohner eines Landes ausüben, Feine
gleiche Größen zurück. Iene Kräfte beftimmen, hemmen oder begünftigen
nur im Allgemeinen, fie entfheiden aber Feineswegs aud) die SGeftaltung
und Bewegung im Befonderen. Unter fehr ähnlichen Bedingungen des
Bodens und des Klimas, hin und wieder fogar unter denfelben, erhalten fidh
die nationalen Charaktere der Völker in unvermifchter Selbftftändigkeit, in
dauernder Eigenthümlichkeit; der nationale Charakter des Menfchen bleibt
areennbar audh nach einem Wechfel des Territoriums und des Klimas; er
wandelt fich nicht in die Eigenthümlichteiten etwa degjenigen, der bei dem
früher denfelben Boden bewohnenden Wolke erkenntlich mar; wie er fi in
den Zeiten der Einwanderung eines Bolkes in ein neues Territorium, unter
zine andere Sonne zeigt, fo wird er auch noch manches Jahrhundert fpäter
erkannt. Sit der nationale Charakter des Sermanen und des Romanen
in Amerika mindeftens eben fo gut erfichtlich wie in Suropa, fo ertennen
doch auch wir nicht bloß in den alten Bewohnern Germaniens unfere Bor:
yäter, felbft der Franzofe fühlt fich in den älteften, der Cigenliebe nicht in
Allem fchmeichelnden Denkmalen feiner Landesgefchichte zu Haufe und vers
feugnet nicht die Berwandtfhaft des Blutes 1). Ja wir gewahren fogar,
daß, wie wenig auch irgend ein Volk die beftimmenden Einflüffe des Bodens
und des Klimas überhaupt aufheben Fann, doch gerade in der Art, wie es
fi zu diefen Bedingungen feines Dafeins ftellt, die nationalen Unterfchiede
fcharf hervortreten. Und beruht nicht felbft auf ber rein phnfifchen Sigens

\ Je ne sais, mais en tracant les r6cits de ce long ouvrage, plus d’une
fois je me suis arrete d’emotion; plus d’une fois jai cru voir passer
devant mes yeux l’image d’hommes sortis d’entre nous; et j’en al conclu,
 que nos bonnes et nos mauvajses dispositions ne sont point, nees
d’hier sur cette terre, ol ‚nous les laisserons. X. Zbierrn am Schluffe
ber Histoire des Gaulois,
        <pb n="70" />
        1

[chaft, das verfchiedbenartigfte Klima ertragen zu Fönnen, zu einem guten
Theile der Beruf zur Colonifation und die weltbeherrfchende Stellung der
fauFafifchen Nace im Allgemeinen und des germanifchen Völlerftammes ins:
befondere?
Während nun wohl nicht zu keugnen ffeht, daß die einzelnen‘ Völker
sermöge ihrer aus der gefchichtlichen Aoftammung und Entwicklung hervor:
gerwachfenen Nationalität in befonderer Eigenthämlichkeit mit Harakteriftifchen
Merkmalen neben einander fi herausheben, if andererfeits wohl von ‚Feiner
Seite her in Abrede geftellt worden, daß die befondere geiftige wie Förperliche
Eigenthümlichkeit des Individuums in dem unmittelbarffen Zufammen:
hange mit den Erfolgen wie auch mit der Wahl der wirthfchaftlichen ThätgEeit
 deffelben ftehe; wenn auch nicht Alles, fo if doch fehr Vieles in der
Vrivatwirthfchaft durch die rein perfönlichen Eigenfchaften des Menfchen be:
dingt, indem die Erwerbung und Erhaltung wie der Verzehr und die Berz
wendung wirthfhaftliher Güter taufendfältig abhängig erfcheint von der
Neigung, der FähigFeit, der ausdauernden Kraft zu Eörperlichen und geiftigen
Unfirengungen, von der Sparfamkeit und dem Unternehmungsgeifte , von
der Zahl und der Stärke der Bedürfniffe des Einzelnen. Wenn man aber
den Zufammenhang zwifchen gewiffen Förperlichen und geiftigen Eigenthüm»
lichfeiten des Menfhen mit dem Nefultate der Privatwirthfchaft anerkennt;
wenn man die fundamentale Beziehung, in welcher die Privatwirthfchaft zu
der Wolkswirthfchaft fteht, aus mannigfaltigen Gründen zu erhärten fucht,
aud) das Vorhandenfein nationaler Eigenthämlichkeiten und Charakterzüge
in den verfchiedenen Völkern nicht in Frage ftellt, fo wird fi der Umftand,
daß man aus diefen BVorderfägen die unmittelbar fidy ergebende Schluß:
Folgerung auf eine aus Der nationalen Natur des Menfchen hervorgehende
concrete Seftaltung der Wolkswirthfhaft zu ziehen unterläßt, nur fo erklären
“offen, daß man Alle diejenigen perfönlichen Cigenfhaften des einzelnen Menz
chen, welche in der wirthfchaftlichen Thätigkeit deffelben in Betracht kom:
men, außer aller Beziehung zu den nationalen Merkmalen der Völker febt
und bdiefe andererfeits ohne jeglichen Einfluß auf die wirthfchaftlichen Berz
Hältniffe verbleiben Äßt, Diele Meinung wird aber durch das lebendige
Beugnif der gefhichtlihen Wirklichkeit von den Alteften Zeiten an bis auf
diefe Stunde zurücgerwiefen. Es zeigt fich obendrein, daß manche aus ber
perfönlichen Natur des Menfhen heroorgehende, für die wirthfehaftlichen
Verhältniffe wichtige Bedingungen erft dann zum Vorfhein Eommen, wenn
man den Blie auf die Sefammtmaffe der einer Nation anaehöriqen Inz
dividıen wirft.
Zweifelgohne treten in den unterfcheidendften Merkmalen und charakteri:
Rifchen Cigenthämlichkeiten der einzelnen Menfchenracen die Factoren
im perfönlichen Menfchen, welche mit der Seftaltung der wirthfchaftlichen
        <pb n="71" />
        52

Berhältniffe in einem bedeutfamen Caufalnerus ftehen, in den ftäreften
Segenfägen hervor. Ale Eörperlichen und geiftigen Eigenthümlichkeiten des
Menfchen, von denen der Erfolg feiner SFonomifchen ThätigFeit abhängig
gemacht werden muß, zeigen fih hier in augenfälligen. Gradunterfchieden
wie in mächtigen qualitativen Contraften als Ergebniffe und Merkmale der
phyfifchen Abftammung. Für die gewaltigen Unterfchiede in der Förperlichen
Kraft und Ausdauer des Negers aus Afrika und des Indianers in Umerita
hat die Faufafifche Mace felbft ebenfo traurige als helehrende und unmwiderfprechlihe
 Belege gefanımelt. Auch der ungebildetfte Kaufkafier hat bald
erkannt, wo er mit anderen NMacen zufammentraf, daß dem verfhiedenen
Kreife von Befriedigungsmitteln der Bedürfniffe eine Verfchiedenheit des
Erwerbs: und Senußtriebes zu Grunde lag. Doch kann man über eine fo
allgemein anerEannte Thatfache ebenfo rafd hinweggehen als über den Hinz
weis auf die aus der phyfifchen Natur hervorgehenden -Unterfchiede der einz
zelnen NMacen in Bezug auf die intellectuellen TähigEeiten des Menfchen.
Den eigentlichen Mafßftab für die Refultate der Racenunterfchiede für die
wirthfchaftlihen Berhältniffe wird man erft dann befißen, wenn man ermägt,
 daß — wie fich zeigen wird — das wirthfchaftlidhe Element im Volks:
(eben und feine Fortbildung und Eutwicklung in der Sefhichte gar nicht
aus dem Zufammenhange mit dem Gefammtzuftande eines Bolkes herausgeriffen
 werden darf, weshalb die mit den Naceneigenthümlichkeiten eng zUfammenhängenden
 Höheren und niederen Stufen des Gefammtzuftandes ber
einzelnen Völker in fi zugleich die RMefultate der NRacenverfchiedenheit für
die volkswirthfchaftlichen Verhältniffe darftellen. Auch in der neueften Zeit
ift Selegenheit genug geboten worden, die augenfälligen Ergebniffe da feftz
zuftellen, wo verfhiedene NMacen auf demfelben geographifchen Terrain oder
in nächfter Nachbarfchaft neben einander wirthfhaften. Das Uebergewicht,
welches die Eaukafifche Mace über die anderen befibßt, mag fie vielleicht zuerft
durch phofifhe Gemaltmittel zur thatfächlichen Anerkennung bringen; fie ev
hält es aber für die Dauer insbefondere aud) durch ihre unverhältnifmäßig
höhere SEonomifche Entwicklung, die ganz zu erreichen allen übrigen felbft
bei gegebenem Unterrichte durch Lehre und Leben die FähigEeit abgeht. Das
gegen wäre e&amp;amp; durchaus falfch, wollte man die Verfchiedenheit der einzelnen
Racen nur in der verfchiedenen Entwicklungs fähig Feit erkennen , ‚wenn
fie fich darin aud) in der bedeutfamfien Weife ausprägt: wie Vieles auch
mit idyllifcher Befchaulichleit oder von mwillEürlichen allgemeinen Principien
aus über die anmuthige und bedeutungsvolle Gleichheit in den Urzuftänden
aller Völker gefchrieben worben ift, foweit die gefchichtlichen Zeugniffe der
Menfchheit reichen, nach allen Bergleichungen, zu denen die geographifchen
Entdekungsfahrten in der neueren Zeit reichliches Material geboten haben,
finden wir auch fchon zwifhen den fogenannuten Urzuftänden der Völker von
        <pb n="72" />
        63

hoher und geringer EntwicklungsfähigFeit fehr bedeutende Ubftände und nits
gendS mweder dem Grade noch der Art nach eine Beftätigung jener geträums
en oder erfonnenen Gleichheit, .
Uber erft innerhalb derfelben NMace treten die eigentlich nationmalen
 Eigenthlmlichkeiten der einzelnen Bölkerindividualitäten hervor,
nicht als Gegenfäge zu den Macencharakteren | nicht neben ihnen, fondern
wie die befonderen Yefte eines gemeinfamen Stammes. Auch hier zeigen
lich folche Unterfchiede und Segenfäbe in der geiftigen Anlage und Befäs
higung, in den Trieben‘ des inneren Lebens wie in den Edrperlichen Eigen:
Ichaften und Kräften des Menfchen, daß wir die Verfchiedenheit des d£onos
mifchen Effectes, forweit derfelhe überhaupt von der Bethätigung rein menfchlicher
 Kräfte abhängig erfcheint, nothmwendig erwarten müffen. Wohl wird
#8 anzuerkennen fein, daß die Unterfchiede hier nicht fo derb und fchroff herz
borfrefen, wie zwifchen den verfchiedenen Macen, dagegen verdient e8 auch
befondere Beachtung, daß fie innerhalb der gebildetften Mace, der Eaukafifchen,
meitab am ftärkften fich geltend machen. Wie unter gebildeteren einzelnen
Menfehen der Unterfchied der Charaktere größer iff als zwifchen ungebildete
ven, und bei jenen auch fchon geringere Nüancen eine große Verfchiedenheit
in den von ihnen ausgehenden Wirkungen und Folgen bemerken laffen, fo
ellt fi auch innerhalb eines Kreifes von Völkern „die fich mit einander
auf einer höheren Culturftufe befinden, ‚eine größere Menge Harakteriftifcher
Segenfäße und Divergenzen heraus, indem jede Eigenthlimlichkeit, die auf den
unteren Entwiklungsfiufen vielleicht nur in fhwacher Undeutung vorhanden
ft, durch die höhere Civilifation ein fcharf hervortretendes Gepräge erhält;
zbenfo erhalten auch hier geringere Differenzen dadurch eine große Bedeuz
tung, daß fie in der vielfältigen Gliederung und in der mannigfaltigen Vers
iclungenheit der S£onomifchen Zuftände taufendfältige Gelegenheit finden, fich
geltend zu machen, während zugleich in fehr entwickelten Verhältniffen auch
aus Fleinen Urfachen große Wirkungen Hervorzugehen pflegen.
Die verfchiedenen Voltsitämme der Eaukafifchen RNace zeigen in der
That Feineswegs jene Homogenität in dem Menfchen und deffen Strebunz
gen, Leiftungen, Bedärfniffen, weiche die unerläßliche Vorausfegung mancher
abffracten Fictionen ift, denen fich auch fehr begabte: Seifter hingegeben
haben — unerläßlich, fobald man den Wahn zurückweift, daß die gefammte
geiftige und Körperliche Eigenthümlichkeit des Menfchen in gar Feiner Be:
stehung zu der Seftaltung der Sfonomifchen Dinge ftehe. Nichts zeigt deutficher
 den Irrthum.,..für die politifHe Dekonomie die Völker. als. Summen
Unter [hiedslofer Individuen zu Grunde zu legen, als wenn man ‚die. wirks
ächen Individuen der gefchichtlihen Völker als wirthfchaftende Kräfte neben
sinander ftellt, Wir pflegen meift dergleichen Unterfheidungen nur zwifchen
Einzelnen anzuftellen und führen fie, audh wo fie fi uns mit auffälliger
        <pb n="73" />
        54

Stärke bemerkbar machen, viel zu wenig auf nationale Eigenthümlichkeiten
und Stammesunterfchiede zurüg, So fchon die fo bedeutfamen Unterfchiede
der Förperlichen Kraft und Ausdauer in dem Menfehen der verfhiedenen
zuropätfchen Völker. Und doch bringen hin und wieder die Völkerzüge auf
ben Heerfiraßen des Krieges auch einmal einen Gefammteindruc über die
Leibesunterfchiede der einzelnen Nationen Hervor. AÜber fie müffen fich gewiß
hinter dem Pfluge, in der Werkftätte, auf dem Waffer mit größeren Wir-Eungen
 geltend machen, als in dem Waffenrocke. Bei gleichem Winde und
gleicher Sonne muß doch auch in dem »friedlichen Wettkampfe« der Erwerbswege
 der Eifenarbeiter dem Eifenarbeiter unterliegen, der Bauer hinter
dem Bauer zurückbleiben, und in einem Streite um den Weltmarkt muß
bier der Sieg ebenfo ficher fein als dort die Niederlage, fo lange in dem
fraglichen Ertwerbszweige der Handarbeiter nach den bedingenden Conjune:
turen des Weltverkehr8 hier wie dort täglich zwölf bis fechszehn Stunden
mit voller Anffrengung der KörperFräfte thätig fein müßte.
Während die Chemie und die Geognofie in der neueften Zeit in viel
fältiger Weife die Erkenntnif der concreten Eigenthümlichkeiten der terri
torialen Grundlage der Völker gefördert haben, {ft die Einficht in die Körpers
lichen Unterfchiede des Menfchen in den einzelnen Nationen einestheil®$ von
der Heilkunde, anderntheils von der eracten Statiftik wenigftens angebahnt
worden; denn auch noch jebt läßt fih nur von Anfängen reden, die, fo viels
verfrechend fie auch fein mögen, doch noch gar Feine abfhließende Ausficht
auf die Menge und Bedeutfamkeit der zu erringenben Refultate möglich
machen. Häufig ift auch in den noch fehr fragmentarifhen Unterfuchungen
der Einfluß der Dertlichkeit und des Klimas oder auch eines möglicherweife
zu verpflanzenden. Lebensbrauches und Herkommens auf bie Eörperliche Bes
jchaffenbeit des nationalen Menfhen von den Wirkungen feiner Stammes:
abftammung nicht gefchieden, vielfach wird felbft diefe Scheidung unmöglich
erfcheinen; für die Beherzigung der thatfächlihen Wirkungen eigenthümlicher
Urfachen ift das ohne Belang: im einen wie im anderen Falle erfcheint fie
nothwendig.
Nach manchen vereinzelten Vorarbeiten hat der Belgier U. Yuetelet
in einem {ehr bedeutfanen Werke 1) unter Anderem auch die Entwicklung
der Größe und der Muskelkräfte des menfehlihen Körpers an einer großen
Rabl von Individuen durch eracte Beobachtung und Berechnung feftzuftellen

iy Neber den Menfchen und die Entwicklung feiner Fähigkeiten‘ oder Verfuch
einer Pbhyfik der Sefellfchaft (Paris 1835). Deutfch mit Anmerkungen von
Riecke, nebit einem Anhange, enthaltend die (zum Iheil fehr bemerkens:
werthen) Zufäße Suetelet’s zu diefer Ausgabe. Stuttg, 1838. Veral.
bag Zweite Buch.
        <pb n="74" />
        4

gefucht. Es {ft ihm freilich dabei immer um die NMefultate für den »mitt:
‚eren Menfhen« zu thun, und wenn e&amp;amp; auch für die VWerhältniffe gerade der
Bo LES wirthfchaft fi um die Beftimmung von Durchfhnittsgrößen bei die:
fer Frage handelt, fo find doch für fie auch nur diejenigen von Belang,
velche fich innerhalb der nationalen Grenzen bewegen, für welche Befchränz
ung Nıuetelet in vielen Fällen Kein Intereffe zeigt. Doch hat auch fo
biefes Buch gedeihlihe Nefultate für unfere Frage gebracht, und man fieht
durch Änztweifelhafte Nachweife nicht nur die durchfhnittliche Größe, fondern
auch die durchfchnittlihe Stärke der Mustelkräfte des Engländers, des Schotz
jen, des Srländers, des Belgiers in bedeutfamen Unterfchieden erhärtet. Und
äberhaupt giebt Nuetelet, wie Vieles man auch gegen Cinzelnes in feinen
Ausführungen einzuwenden haben mag, doch nad) mandjen Seiten hin dem
Nationalskonomen , welcher auf die BVerfchiedenheit des Menfehen in den
inzelnen Völkern Überhaupt Sewicht legt, reichlichen Stoff zum Nachdenken,
Ich will hier aus der Menge der dargebotenen Hingerzeige nur noch darauf
aufmerffam machen, daß Nuetelet auf die Verfchiedenheit einestheils der
durchfchnittlichen Lebensdauer, anderntheils auf die Verfchiedenheit der Ber:
Sältnifzahlen hinweift, in melchen fich die einzelnen AltersEaffen, alfo z. BD.
aud) die der Individuen in ihrem Fräftigften, arbeitfühigften Alter unter
den in der Gefammtfumme vielleicht ganz gleichen Bevölkerungen einzelner
Länder finden. Es ift aber ganz offenbar zur Beurtheilung der in dem
Menfhen beruhenden wirthfhaftlichen ArbeitsEraft der Nationen Äußerft
wichtig, welches durchfAnittliche Lebensalter die einzelnen Individuen erreichen,
auf welche die Sefellfchaft die materiellen und — man kann auch fagen —
die immateriellen Erziehungsausgaben verwendet hat, mie fich andererfeits
nicht bloß die Friegerifhe Stärke, fondern auch die wirthfchaftliche Arbeits:
Sraft auch fummarifch gleicher Beostkerungen durchaus verfchieden zeigen muß,
je nachdem eine größere oder geringere Zahl der Lebenden fi in den Kinder:
und Sreifenjahren oder in dem Fräftigen Alter von etwa 20 — 50 Fahren
befindet. Und Kberhaupt eröffnen fich bei einem fhärferen Blicke auf alle
diejenigen Momente des menfchlich perfönlihen Dafeins in den einzelnen
Völkern, auf welche eine umfichtige und umfaffende Bevölkerungsftatiftik
Ihe Uugenmerf zu richten hat, nach vielen Seiten hin neue Ausfichten auf
die aud) für die Sfonomifchen Dinge dußerft wichtige Verfchiedenheit des
nationalen Menfehen. Auf diefem weiten Gebiete find kaum die erften An:
fänge gemacht; die phufiologifchen Unterfuchungen und die Beobachtungen
der eracten Statiftit werden an vielen Stellen in einander greifen, fich
unterftügen und ergänzen müffen. Auch die officielle Statiftit ft wenig:
tens in einzelnen Ländern — bei ung befonders in Preußen — auf die
nationale Confumtion vieler Berbrauchsgegenftände aufmerffam geworden,
und wenn die phyfiologifchen Unterfuchungen das Maß und die Sattung
Kuies, yolit. Dekonomie.
        <pb n="75" />
        3B

des aus phyfifchen Sründen, insbefondere auch des Klimas, Nothwendigen
feftgeftellt haben werden, wird fih Maß und Sattung des auf rein nationale
Urfachen Zurüczuführenden Leicht gewinnen laffen. Sicherlich hängen weder
die quantitativen, noch weniger aber die qualitativen Unterfchiede vieler Confumtionsartifel
 immer mit dem Maße der Förperlichen Anftrengung und
Bewegung oder mit den EHimatifchen und territorialen Bedingungen zufammen,
 und mit anderen eigenthümlichen Körperverfchiedenheiten des Menfchen
in den einzelnen Völkern, wie mit der Hand: und Fingerfertigkeit, mit dem
hefonderen »Gefchick« für einzelne beftimmte Sewerksarbeiten !), ftehen fie
ohnedies in gar Feiner Verbindung.
Taft noch augenfälliger wie die Eörperlihen Berfchiedenheiten des Men:
(chen in den einzelnen Nationen treten die Unterfchiede der inneren Anlagen
und Triebe, der geiftigen Befähigung. hervor. Innerhalb des allgemeinen
Kreisringes, welcher den geiftigen Culturftand der Eaukafifchen Nace gegen
die übrigen abgrenzt, Eönnen wir die mannigfaltigften Stufen der geiftigen
Begabung und nicht minder die Berfchiedenheit der Richtung “in welcher
fich diefelbe vorzugsweife auszuprägen pflegt, nachweifen. Die allgemeine
Sefchichtfchreibung hat vielfach darauf hingewiefen, daß bei dem einen Bolke
der Hang zur Befchaulichkeit und eine paffive Hinnahme äußerer Eindrücke
vorherrfcht und bei dem anderen ein reger Trieb zum Forfechen, Crkennen
und Begreifen; daß neben einem fchwer erregbaren, am Hergebrachten zäh
fefthaltenden Volke heißes neuerungsfüchtiges Blut wohnt; daß die Landes:
grenze genügfame und gleichgiltige von genuß= und erwerbsluftigen, inbolente
von rührig emfigen Menfchen fcheidet, . Aber alle diefe Merkmale find doch
ganz offenbar nicht bloß charafteriftifche Züge für die Darftelung der allge:
meinen Sefchichte der Nationen, fondern fie müffen auch gerade auf dem
Velde der Skonomifchen Dinge ihre großen und dauernden Wirkungen hervorbringen.
 Selbft die Semandtheit in der Anwendung, der Takt und die
Umficht in der Berbefferung der Technik ftehen ebenfo wie der Zleiß und der
STortfehritt in den wiffenfchaftlichen Disciplinen, deren Refultate Hauptfächlich
der wirthfhaftlichen Thätigkeit zu Gute Eommen, in einer engen Beziehung
zu der Perfönlichkeit des Menfchen im Allgemeinen, und wenn fih im Hinz
lic auf die großen Gefammtheiten ganzer BWölker Unterfchiede der Semüths:
affecte, des Temperamentes, der geiftigen Fähigkeit und NMichtung erkennen
{affen, fo mülfen fie für die NMefultate des Ganzen ebenfowohl ihre aroßen

A

Diefe nationale Befähigung für mande Gewerksarbeiten ift audh von Rau
(Archiv 1842 S, 363 fl.) bei Gelegenheit der Beurtheilung des Lift’ {hen
Buches beftätigt und mit paffenden Nachweifen belegt worden; auffällig ift
nur inmitten diefer Ausführung felbfit der unbewiefene Sag: FIede Ge:
Fchiektichteit LÄGt ich mit bebarrlichem Willen endlich ermerben.
        <pb n="76" />
        Wirkungen haben wie für die Erfolge der individuellen Wirthfchaften.
Wenn e8 überhaupt eine gefchichtliche Wahrheit ft, daß ir England der
rechnerifche Eigernus im Privatverkehr neben mächtigem Nationalftolz und
großer Seringfhägung der undritifchen Welt, der Sinn für (kändifche Slies
derung und das überfommene NMecht, wie der Arbeitgeifer und Muth und
Kraft zum Selfzovernment heimifch ift; der Steichheits: und der Genuß:
drang, die Neuerungsfucht und der gute Sefchmad in Srankreichy ebenfo
Surch alle Stände geht, wie Bedachtfamkeit, genügfamer Fleiß, Humanität
und Billigkeit im Einzelverkehr neben activemt wie paffivent weltblrgerlichen
Sinne in Deutfchland; daß die Ehnfklerifche Begabung und der Sinn für
die Freuden des füßen Nichtsthung dem Italiener ebenfo angeboren ft wie
dem Holländer der Sinn für den hausbacenen: Nußgen:, die SGenkgfamfkeit,
der reinliche Fleiß, oder dem Polen die Behaglichkeit im Schhmuge, dem
Spanier die Habfucht, der indofente‘ Stolg nd die befhränkte Verachtung
der Fremde — wenn das überhaupt eine gefchichtliche Wahrheit ift oder
immerhin aud) ein Anderes, wodurch diefe Züge ergänzt oder berichtigt werden,
 fo muß ebenfo unzweifelhaft die Haltung und Bewegung der Volks:
wirthfhaft in diefen Ländern dureh folche nationale Eigenthümlichleiten
des Menfehen einen fpecififchen Charakter erhalten, wie etwa die große Ver:
Ichiedenheit des Maßes; in welchem der Yndividualismus in den germanifchen
und‘ romanifchen Wölkern gegenüber den Natoifchen ausgebildet ift, die gewalz
tigen Wirkungen: der Stammeseigenthümlichkeit des Menfchen auf dem Ser
biete der SEonomifhen Dinge deutlich erkennen LÄßt. Auch wenn man nur
bie Activität und Neceptivität des geiftigen Faffungsvermögens in’s Yuge
faßt, getuahet man, wie verfchieden der Genius auch der Nationen ift und
Welche Folgen diefe Berfhiedenheit für die wirthfchaftlichen Verhäktniffe unz
mittelbar nach fich zieht. Die Sefchichte wie die geographifche Verbreitung,
bie vafchere‘ oder Langfamere Yufnahme der für das mwirthfchaftliche Leben
wichtigen. Erfindungen und Entdeungen giebt einen merEmürbdigen Yufs
icluß Über das Locale Heimaths» und Niederlaffungsrecht derfelben, und wie
fie bier fehtwer und. dort Leicht Eingang finden und nüglich merden Fönnen
Würde e8 möglich fein, die Ertheilung einzelner Patente zu einem Schub:
und Prohibitivfoftem für die Errungenfchaften des geiftigen Fort(chrittes im
Allgemeinen. und für die Dauer wirkam zu erweitern, fo würden daraus
sweifelsohne unmeßbar größere Folgen: für das wirthfchaftlide Lehen der ein:
zelnen Wökker gegen einander hervorgehen, als durch eine Erfhwerung oder
Verhinderung des internationalen Beikehrö mit materiellen Sachgütern.
Daß diefes durch die Berkehröverhältniffe unmöglich gemadt wird und im
Segentheit die Communication der Producte der etfindenden und erkennenden
Seiftesträfte nur immer leichter und in weiteren Kreifen fich vollzieht, Eann
weder: die Folgen des Unterfchiedes zwifchen voranfchreitenden und nachfolgen:
        <pb n="77" />
        A

den Nationen aufheben, noch auch die eben in dem Volksgeifte felbft liegen:
den, oft geradezu entgegengefeßten Neigungen und Strebungen bei dem Herz
vortreten tichtigerer Neuerungen wirkungslos machen. Und nehmen endlich
wicht in der That die Sfonomifchen Dinge überhaupt in der Gefammt:
anfchauung menfchlicher und ftaatlicher Einrichtungen und IhätigFeitsEreife
bei den einzelnen Mationen eine ganz verfchiedene Stelle ein? Treten fie
nicht hier in den Vordergrund und dort zurück? Beftimmen fie nicht hier
eben fo fehr andere Kreife des Volkslebens, wie fie anderswo unter dem
maßgebenden Einfluffe anderer Mächte ftehen? Man wiederholt e&amp;amp; immer
und immer, daß die altelaffifchen Bölker die SEonomifche Thatigkeit des Ein
zelnen, wie die wirthfchaftliche Seite im Staats: und Wolksleben in eine
ganz andere Berhältnifftelung zu den Übrigen Manifefkationen des privaten
wie des Öffentlichen Lebens eben wegen ihres nationalen Bolkscharakters ges
bracht hätten — aber liegen nicht folche Unterfchiede ebenfowohl zwifhen dem
Nordamerikaner und dem modernen Staliener, dem Engländer und dem
Deutjchen, dem Holländer und dem Spanier vor? Und wenn wir nur
nach der überfommenen Terminologie ein politifhes und ein religiös Firchliches
 Intereffe und Schaffen neben dem wirthfchaftlichen Leben unterfcheiden,
wo find die beiden Völker, deren nationales Leben und Weben diefe Kreife
in denfelben NMapport zu einander und zu fich felbjft gefeßt hat? Vielmehr
wird fich die Tragweite des Unterfchiedes in dem nationalen Charakter der
Bölker für die Haltung und die Bewegung der SEonomifhen Dinge in einem
Rande dann noch deutlicher Herausftellen, wenn wir die Einflüffe einzelner
Knftitutionen und Thätigkeitsäußerungen des volklihen Lebens auf die wirth:
fchaftliche Entwicklung wahrgenommen haben; denn auch fie erhalten ihre
gefchichtliche concrete Seftaltung durch die nationale Eigenthümlichkeit der
Völker. Wenden wir aber hier den Blie&amp;amp; auf die einzelnen Glieder der
VBolksganzen zurück, fo müffen wir eingeftehen, daß für die Erwägung im
Sroßen und Allgemeinen der Menfeh in den verfhiedenen Völkern, wenn
man ihn al8 eine wirtbfchaftlihe Kraft betrachtet, - eine durchaus verfchiedene
Bedeutung hat. Es it nur auch hier wohl zu beachten, daß man nicht
bloß da die Wirkung der Unterfchiede anerkenne, wo man etwa fieht, daß
der Neger den Indianer in der Bergwerksarbeit ablöfen mußte und in dem
Anbau des Zuckerrohres von dem Tode verfchont bleibt, der den Kaukafier
leicht hintvegrafft; daß die amerikanifchen NMothhäute inmitten der weißen
Bevölkerung den Tod der Civilifation erben; auch darf man. felbft dabei
nicht {tehen bleiben, die Werfchiedenheit der SEonomifchen Kräfte zweier Eautz
Eafifchen Wölker gelten zu laffen, von denen das eine den geborenen Colos
niften für den Urwald fellt, in dem jeder Einzelne eine felbfiftändige Größe
ift, die das Befte vollbringt, wenn fie für fich allein ungehemmt fchalkten
und walten Fanın — während die Glieder des Anderen Überall augarten,
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        üy

wo fie nicht die angeborene Umgebung hebt, wo der Einzelne felbft in der
Menge wenig bedeutet und immer nach einer Krheke ficht, die ihn aufrecht
erhalte und Leite, Auch in allen Mittelftufen, welche die Außerften Segen:
ße mit einander verbinden, zeigt fih immer eine unterfchiedsvolle Natur
9es nationalen Menfchen, die unter allen Umftänden in einem urfächlichen
and bedingenden Verhältniffe zu den Erfheinungen des wirthfhaftlichen
Cebens eines Volkes fteht. So ergiebt fih, daß neben der territorialen
Srundlege auch durch die nationale Natur des Menfchen die SEonomifche
Pofition der einzelnen Bölker fo zu fagen von Haus aus eine verfchiedene,
ine concrete eigenthümliche if, Ein Maßftab für die auf den Menfhen
surückuführende Verfchiedenheit der wirthfehaftlichen NRefultate zweier Na:
Honen wird fi da am beften gewinnen laffen, wo wir beide unter Übrigens
ziemlich gleichen BVerhaltniffen diefelben Erwerbszweige vorzugsweife betreiben
jehen oder wo nur durch die menfchliche Arbeitstraft Nachtheile, die aus
dem Unterfchiede der Territorien hervorgehen, ausgeglichen oder mehr als
arfeßt werben, während andererfeits die VWortheile des Territoriums ohne die
zu berechnende Wirkung verbleiben. Der nationale Factor in dem Men:
ihen der einzelnen Völker ift das Ergebnif einmal der YUoffammung, in
meldher eine Berfchiedenheit der natürlichen Begabung nicht bloß für die
Slieder einzelner Familien, fondern auch und zwar fchärfer abgegrenzt, wenn
zuch von einer weit ausgedehnteren BSrenzlinie umfchloffen, für ganze Völker
zegeben ift, und fodanın‘ der gemeinfamen Erlebniffe, welche jedes Bolk durch
ven eigenthümlichen Verlauf feiner gefchichtlichen Entwicklung erfährt und
deren nachhaltige Eindrücke auf dem befonderten Gebiete allgemein empfunz
ben werden. Gemeinfam find die Sefchike des Friedens wie des Krieges;
der anhaltende Druck einer aufgeziwungenen Sremdherrfchaft mirkt auf alle
lieder ebenfo hHemmend und niederdeückend, wie die geficherte felbfiftändige
Unabhängigkeit des Landes belebend und entfaltend. Diefelden Sitten und
Setvohnheiten beherrfchen die Einzelnleben, und wenn die einen im Verlaufe
der Zeit felbft als Erinnerungen verfchmwinden, fo gewinnen andere Allgemein:
giltigfeit. Auf dem Grunde einer Ähnlichen Denk: und Sinnesart der Ein:
jeinen, bei einer analogen Neceptionsfähigkeit, durch das Medium einer ges
meinfamen Sprache werden die Fortfchritte der Erfenntnig, die Erweiterung
des Sefichtsfreifes, die Tonds der Erfahrung, welche eine Generation der
anderen überliefert, ein gemeinfamer Erwerb. Die Landesgewohnbheiten ent:
wickeln die Fertigkeit umd SGefchieklichkeit in manchen Erwerbsbefchäftigungen
der Landesbewohner und manche in der befonderen Stärke, welche nur nach
vieljähriger Uebung fich einzuffellen pflegt. Zn einem reinen Stammvolfe
verbindet {ich die Gemeinfamkeit der Anlage mit der Gemeinfamkeit der Er-‚ebniffe;
 aber auch in einem Mifchvolke wird entweder durch das Zufammen:
Mießen der früher gefhiedenen Beftandtheile und die Semeinfchaftlichkeit der
        <pb n="79" />
        X

faatlichen Eriebniffe eine einheitliche Berfehmelzung zu einem neuen Bolkss
ganzen herbeigeführt, oder es umfchließt die gemeinfame Landesgrenze mehrere
VolEsindividualitäten, weiche neben einander den einheitlihen Charakter
von Stammvölfern im Berlaufe ihrer Sefchichte erkennen laffen und gleich:
wohl in ihrer figatlichen Bereinigung ein gigenthlimliches Ganze mit harakteriftifchen
 Merkmalen anderen Staaten gegenüber darffellen. Darum kann
e$ auch nicht Wunder nehmen, daß neue Ideen und geiflige Strömungen,
welche in diefer oder jener Zeit mit vorherrfchender Sewalt zu Tage treten,
in verfchiedenem Srade und in unterfchiedener Art der Bolksgefammtheiten
fich bemächtigen, und daß wir felbft bei ber concentrirten Hingabe des Ges
müthes an eine beffimmte Idee, in der Zufammenfaffung der energifcheften
Thätigkeit, welche fich auf die Erreichung eines einzelnen Zielpunktes richtet,
die Einzelnen in einem allgemeinen Zufammenklang mit der Nation finden,
deren Slieder fie find. Dergleihen Ideen und geiftige Michtungen üben
aber, fo lange fie das Leben beherrfchen, wie wir fehen werden, einen bedeutz
famen Einfluß audy auf die wirth(haftlichen Berhältnifje aus, fo fehr fie
auch auf den erften Blick allen Beziehungen zu der mwerbenden Arbeit fern
zut {teben fcheinen.

3

Die Geftaltung und die Ergebniffe der Bolkswirthfhaft find nothwen:
digermeife bedingt durch die fundamentalen Kräfte, weiche bei der wirths:
Fhaftlichen Thätigkeit überhaupt von beftimmendem Einfluffe find. Unter
ihnen ffehen die productiven Kräfte der Natur und des Menfchen fo voran,
daß fih alles Uebrige an fie anfhließt. E$ {t nachgemwiefen worden, daß
die einen wie bie anderen Überall in eigenthümlicher concreter Geftalt auf:
treten, mit anderen Worten, daß die vorzugsmweife. in Betracht Fommenden
Mittel, durch. welche die Sfonomifchen Mefultate zu erzielen find, überall in
harakteriftifcher Befonderheit fih darfielfen. Wenn nun aber auch im Hin
lic auf das Territorium und auf den Menfchen die mwirthfchaftliche Stellung
der einzelnen Völker fo zu fagen von Haus aus überall als eine ganz fpecielle
{ich heraushebt, fo ift doch zuzugefiehen, daß diefe Stellung Feine ftationäre
ift, weil aud) jene Grundbedingungen dee mwirthfchaftlichen Thätigkeit felbft
unter dem Einfluffe der gefchichtlichen Bewegung ftehen. Uber diefe Wirk:
famFeit der Zeit, wie fehr fie auch ganz im Allgemeinen für die Er.
Fenntnif der gefchichtlichen Entwicklung der politifjden Dekonomie zu bes
herzigen ift, zeigt fich zwar fm der That auch an dem Territorium wie an
dem nationalen Menfchen, Feinesmengs jedoch in einer folcdhen Weile, daß die
        <pb n="80" />
        Berfchiedenheit in den wirthfchaftlichen Srundbedingungen der Völker aus
geglichen würde. Vielmehr wird durch fie nur die BVerbältnigftellung in den
Sontraften und Differenzen verändert, und während an der einen Stelle fich
Manches, wenn auch niemals zu einer vollen Gleichheit, doch zu einer all:
gemeineren Yehnlichkeit herausbildet, merden an der anderen Stelle Weite:
sungen der Segenfäße herbeigeführt. Indem aber überhaupt durch jegliche
Yenderung in den elementaren Bedingungen die Bolkswirthfchaft gleichfam
zuf ein anderes Fundament geftellt erfcheint, mird man fi eben jenen Einz
Muß der gefchichtlichen Zeit auch auf das Territorium und den Menfchen,
jotoie die Mannigfaltigkeit der Ergebniffe deffelben bei den verfchiedenen
Bölkern zu vbergegenwärtigen Haben, wodurch die Anerkennung der concreten
Seftaltung der Volkswirthfchaft in allen gefchichtlidhen Beitverioden am
Seffen vorbereitet wird.
Uuch die territoriale Grundlage der Wölker, wie fie in geographifcher
Befonderheit als eine Sundamentalbedingung der Volkswirthfchaft bingeftellt
worden ft, erfährt fo ftarke Yenderungen in der Zeit, daß wir uns oft ges
neigt fühlen, die gefchichtlichen Zeugniffe über eine frühere Befchaffenheit der-Telben
 angeficht® der {päteren in Zweifel zu ziehen. Man wird hier weniger
auf diejenigen Veränderungen zu merken haben, welche fich wie ein allgemeiz
nes Ergebniß der vorfchreitenden Cultur und Bevölkerungszunahme heraus:
ftellen, in Folge deren vielleicht der umfangreiche Wald mit feinem Wild
fand den Grastriften mit ihren Vichheerden und diefe den Ackerfeldern mit,
ihren Saatfekchten immer mehr Terrain abgeben müffen, Sümpfe außget
trocenet, mancherlei Verkehrswege eingerichtet werden und was man fonft
dahin rechnen mag. Mur wird man auch fchon hier nicht vergeffen dürfen,
wie fich gewiffermaßen die Berhältnifftellung der einzelnen Territorien auf
den verfchiedenen Entwicklungsftufen der wirthfchaftlidhen Benusung des
Bodens fortwährend Ändert, fo daß z. B. ein Land, welches, fo lange etwa
die Weidewirthfehaft in dem Vordergrunde der NMahrungswege fteht, eine
beneidete Stellung unter den Übrigen einnimmt, für das zum vorwiegenden
Ueferbau vorgefchrittene Volk im Berhältnif zu den Territorien anderer Böl:
Ser weit geringere Vortheile darbietet , und eben diefelbe Wahrheit verdient
zudh in weit fpectelleren Punkten Beherzigung, fobald man etwa an die
wohlberechtigte Verbreitung einer neuen Sruchtgattung, an die erhöhte Be:
deutung des Werkehrs u. f. w. denkt, Aber wie bedeutungsvoll auch diefe
gefchichtliche Thatfache für das wirthfchaftliche Leben der Völker ift, man
witd doch in ihr weniger eine in dem Territorium felbft eingetretene Werz
Änderung erblien dürfen, als eine Natürliche Folge der verfhiedenen Bez
nußung deffelben, während e&amp;amp; an fich in dem einen wie in dem anderen
Salle ganz daffelbe geblieben, diefelbe wirthfehaftlich productive Kraft bewahrt
habe. Macht man jedoch auch diefelbe Benupunagsart des Bodens zur

/

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        <pb n="81" />
        192

Bedingung einer berechtigten Vergleichung der wirthfhaftlihen Bedeutung
des Territoriums in verfchiedenen Zeitperioden, fo zeigen fich dennoch alsbald
wefentlide Veränderungen und folche Umgeftaltungen, deren Wirkungen
Eeinestwegs immer aufgehoben werden Fönnen. Es ift für unferen Zweck
bei diefem Nachtweis ganz gleichgiltig, aus welchen Urfachen jene Verändes
rungen hervorgegangen find, wie wichtig auch für eine fpätere Generation,
welche durch bie eingetretene Veränderung fih gedrückt fühlt, der Unterfchied
zwifchen Urfachen, die fich aufheben Laffen, und folchen erfcheinen mag, denen
gegenüber der menfehliche Wille nichts vermag.
Welche Veränderungen treten hier oder dort im Verlaufe der Zeit in
dem Erträgnif der Waldflächen ein! Das erfheint noch als das Unbedeutendffe,
 daß wohl Hier oder dort eine durchgreifende Veränderung in der
Holzgattung *) wahrgenommen wird, ohne daß immer die Nückkehr zu der
früheren mit Leichtigkeit bewerkffelligt werden Fönnte. Bedeutfam aber find
die Folgen, wenn der Wald an unrechter Stelle ganz verfchwindet, um in
Srasweiden oder Ackerboden verwandelt zu werden. Nicht Hberall ift die
Wiederherffelung des Waldes möglich, oder fie erfordert mindeftens manche
Sahrzehnte, nachdem einmal [Ängere Zeit Sonne, Wind und Regen ganz
ungehemmt auf den Boden eingewirkt haben und diefer der Laubdüngung
beraubt gewefen if. Und doch zeigt es fich bald, daß mwenigfiens der foges
nannte abfolnte Waldboden 2) die erwarteten Ackerfrüchte nicht gedeihen läßt
und felbft der Srastwuchs hernach verkmmert, nachdem die dünne Erdkrume
rafch ausgetrwafchen und ausgetrocknet, vielleicht gar bei dem Umgraben zum
Theil vertweht worden ft; denn gerade an Abhängen und auf Höhen rächt
fo die Natur die Habfucht und den übertriebenen Cultureifer des Menfchen 3),
und vielleicht muß mit der Zeit ein Bodenproduct, das früher wie werthlos
erfchien oder zur Laft fiel, durch die Früchte eines fauren Sichmeißes einaes

‘) Eine folde zeigt fih 3. BB. recht auffällig auch in dem alten bheffifhen
»Buchenlande«; es ift gegenwärtig ein Kiefernland.
©. dh. nicht bloß gewiffe SGebirgsländereien, fondern audy Ebenen, weldhe
ber Neberfchüttung mit Alugfand ftark ausgefeßt find, (cher zu entmäffernde
Niederungen,
Wie fehr das auch für Sebirgsgegenden gilt, zeigen die lehrreiden Erfah:
cungen über die Cultur der Alpen und Betrachtungen über die Veränderun:
gen in dem Klima des Bernifhen Hochgebirges von RK. Kafthofer. Warau
1822. Dergleihen Erfahrungen Können aber wohl in allen Ländern ge:
fJammelt werden. Sin BVeifpiel von einer großen Waldfläche in Frankreich,
don weldier der Wald, der auf gutem Waldboden (fandige, etwas IhHonige
Srde mit Eifengehalt) ftand, hinweggeräumt wurde, um einem weit mins
ber ergiebigen Uderbau zu weichen, wird in einer Abhandlung in dem
Bulletin de Ia Societe geologique de France, II. Serie Tome V, p. 355—366
mitaetbheilt,

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        <pb n="82" />
        {ö

taufcht werden. Auch Ändert fih nad) einer Bloßlegung größerer Wald»
Hächen das Klima; au dann noch, wenn der Elimatifche Nebergang von
dem maldbedeckten in das angebaute Land fhon in eine frühere Periode
Fällt 1), Und weil nach Norden hin der Wald am längften auf großen
Slächen ftehen zu bleiben pflegt, fo findet gewöhnlich eine Eiltere Luftftrds
mung Eingang. Es mindert fich die Waffermenge des Landes und nicht
immer in einem Grade, durch welchen die Fruchtbarkeit des Bodens nicht
nachtheilig "alterirt wird; denn felbft der Yuellenreichthum der waldleeren
Ebene ift durch das Verfchwinden benachbarter Waldungen alsbald gefährdet.
Obwohl der Wald neben der Production des Brenn z und Baumateriales,
Towie des Sewerksholzes noch vielfältige anderweitige Nukungen darbietet ?),
Io giebt jene doch den Hauptgefichtspunkt ab, von welchem aus fein Werth
xbgefchäßt wird. Der Beftand jedoch, in welchem fih der Wald in einzel:
nen Zeiten heranbildet, ift um fo verfchiedbener 3), als darauf, abgefehen von
Srtlichen Bedingungen, insbefondere auch die überall verfchiedbenen gefeblichen
Beftimmungen der Eigenthumsverhältniffe und Berechtigungen fowie über
ben Holzhandel fehr entfcheidend einwirken und an diefer Stelle wenigftens
auch von der Theorie der Gegenfaß zwifchen den Intereffen des Privatnusens
und des Gemeinwohles anerkannt ift, fo daß eine fortfchreitende Befeitigung
aller. Hinderniffe der Geltendmachung deffelben hier Feinestmwegs® auf eine
BVerähnlichung der thatfächlichen Ergebniffe hinwirkt %). € zeigt fich aber
»%ie Macht zeitlicher Einflüffe gerade hier fo ftark, weil natürliche Bedingun:
zen der Verwirklichung eines einfichtsvolleren menfchlichen Wollens die (tärkten
 Hinderniffe in den Wea leaen.

) ES ift befannt (vergl. Liebig: Die organifhe Chemie in ihrer Anwendung
auf Phyfiologie und Pathologie. Braunfkhweig 1842, in den Anfangsabz
(nitten), daß der Pflanzenreichthum, d. h. vorzugsweife der MWaldbeftand
:ines Bandes auch auf die Sigenfchaft der Luft für die Mefpiration des
Menfchen einwirkt. .
Waldfireu, Schweinemaft, Borke, Baft, Theer, Terventin, Votaldhe, Lob:
rinde u. |], mw.
S8 find 3. B. gegenwärtig in Deutfehland Unterfhiede der Art vorhanden,
baß das Waldareal in dem einen Lande 7 Proc, G3. B. Didenburg), in
anderen 30— 40 (3. B, Naffau, Kurbeffen, Braunichweia) des Gefammt:
areals ausmacht.
Sehr lehrreih ift die Gefhichte Frankreichs über diefen Yınkt. Zur Zeit
ludwigs XIV. war noch 1 des Landes Waldfläche; nachdem aber in der
evolution die ftrenge Ordonnanz diefes Königs von 1669 abgefchafft war,
wurden die Waldungen dur Sypeculanten fo vermindert, daß Kaum 11;
des Bodens mit Wald bedeckt blieb und die Deputirtenkammer nach frucht:
lofen Debatten im Jahre 1838 fünf Jahre fpäter (1843) das Singreifen
des Staates zum Behufe der Wiederbewaldung von BVlößen und Dedungen
und der Nebermwachung der Waldhbenukung aefeblich machte.
        <pb n="83" />
        ‚a

Sobald das foffile Brennmaterial aufgefunden wurde und eine ausgedehntere
 Anwendung erhielt, mußte fich die Stellung, weldje der Wald in
der Bolfkswirthfchaft einnimmt, fehr fark ändern; e$ {ft das eines der
Ereigniffe, welche in der Öfonomifchen Sefchichte der Völker eine Epoche
bezeichnen. Man Fann fagen, daß es eine NMevolution in dem Vermögen
und in dem Befige der cultivirten Nationen in fich fchloß. Hier liegt ganz
deutlich einer jener Uebergänge von einer Benugung des Bodens in eine
andere vor, durch welche unmittelbar die feitherige Verhältnifftelung der
Territorien zu einander rückfichtlich der Ertragsfähigkeit des Bodens verändert
wird. Durch die Anwendung der Kohlen anftatt des Holzes ward eine Ver:
ringerung des Vermögens und Befiges der vorzüglihen Holzländer herbeiz
geführt, welche — ein relatives Berhaltnif bezeichnende — Thatfache da:
durch in Feiner Weife entEräftet wird, daß fich die Holkzpreife auf ihrem
feheren Stande erhielten oder auch immerhin Kber denfelben erhoben. Indem
bon da an größere Waldflächen der Wiefen= und Uekercultur übergeben wer:
den Eonnten oder mußten, tritt für die wirthfhaftlihe Entwidlung der Län:
der das SGrößenverhältnif bedeutfam hervor, in weldhem der Umfang des
fogenannten abfoluten Waldbodens zu der noch fernerhin nothwendig ver:
bleibenden Waldfläche fteht. Es Ändern fih die ÜWbfaßwege und Conjune:
turen, das Holz hat als Brennmaterial einen Concurrenten erhalten; die
Rückficht auf Sewerks= und Bauholz tritt für die Sefichtspunkte der Wald:
cultur ftärfer hervor u. f. ww. Wir würden. die Wirkungen diefer Revolution
in dem. Vermögens: und Befigftande auch im Großen und Allgemeinen
weit augenfälliger hervortreten gefehen haben, wenn nicht der neue Fund
fich am ergiebigften zunächft in denfelben Ländern gezeigt hätte, welche bereits
durch indufirielle Cultur und »Nationalreichthum« am weiteften voranftanden.
Uber diefle Stellung wurde jekt noch geficherter; während fie in der Berfolz
gung ihrer breiteften Nabhrungsmwmege von einer hHemmenden Feffel befreit
wurden, verloren die Länder. der vorwiegenden Rohproduction eine Stüße
des Steichgewichtes; und nicht überall ließ fich der Waldboden mit gleichem
Vortheil in AUekerboden ummandeln. Auch unter den Ländern, welche in
der gewerblichen Indufkrie voranftanden und die zunächft vorzugsweife von
dem neuen Brennmaterial Bortheil zu ziehen fchienen, bildeten fich die
Srade der Berfchiedenheit ftärker und rafcher Heraus; abgefehen von einem
neuen Element für die Ungleichheit tkerritotialer Begünftigungen, gab die
Befeitigung eines gleichen Druckes ungleichen Kräften einen freieren Spiel»
raum, fich geltend zu machen.
Es wird nicht nöthig fein, aus der Sefchichte der Bergwerke, welche
nüßliche und edle Metalle Hieferten, an analoge Thatfachen zu erinnern und
an fie Ähnliche Ermägungen anzufchließen. Die metallreichen, insbefondere
die gold und (berreichen Länder der alten Zeit find nicht die, welche in
        <pb n="84" />
        ar

der neueren Sefchichte hHervortreten, und die Gegenwart fcheint eine aber-Malige
 YAenderung menigftens zum Theil herbeizuführen. Das Falfhe in
dem Seldaberglauben früherer Jahrhunderte if längft erkannt, nichtsbeftos
meniger find auch die edlen Metalle gleich den nüglihen nothwendige Güter
für den BVölkerhHaushalt verblieben. Obwohl alfo die wirthfhaftliche Bedeuz
tung diefes natürlichen Befigthumes der Territorien fih immer und überall
bewährt, ja bis jebt eher zu= als abgenommen hat, verfiegen die Yuellen
beffelben an der einen Stelle zu derfelben Zeit, wo.fie fich an einem anderen
Drte erfhließen, wodurch eine Aenderung in der Stonomifhen Stellung der
zinzelnen Völker herbeigeführt wird. Die Sefchichte der metallifchen Berg:
werfsausbeute macht für alle Länder einen bedeutfamen Theil in der voll:
wirth{chaftlidhen Sefchichte aus. Freilich auch deshalb, weil fich an diefelbe
in mittelbarer Verbindung eine Menge anderweitiger Erfheinungen auf dem
Sebiete des Sfonomifchen Lebens anfchließt. Wie wäre die Sefchichte der
Sewerbe und des Uckerbaues, der Verwaltung und Befleuerung Spaniens
unter den Habsburgern feit Carl 1. zu verftehen, außer im fteten ‚Hinblice
zuf die Bergwerksausbeute in den amerikanifhen Colonialländern!
Die Schmälerung und das Verfechwinden der Bergwerksausbeute in
nem Territorium wird Hauptfächlich durch Bedingungen der Natur des
Bodens herbeigeführt, wenn auch der Menfch hin und wieder einen Theil
ber Schuld — durch Raubhau — auf fich kaden mag. Umgekehrt fcheint
bei den 'gefhichtlich nachweisbaren großen Veränderungen in der
Produckivität des Akerbodens einzelner Länder der Menfch einen
größeren Theil der Schuld zu tragen, während die Natur fich wenigftens
Aicht in dem Grade geändert hat, daß die großen Wirkungen Kolgen diefer
Xenderung fein Fönnten. Die Thatfache felbft ift unbeftreitbar. Was über
die frühere Fruchtbarkeit mancher Länder in Mittelafien, VBorderafien, NordafeiEg,
 über Sieilien, Mittelitalien von allen Schriftftellern gleichmäßig bes
sichtet wirb, ift mit unferen heutigen Beobachtungen ganz unvereinbar, ja
Sie Veränderung ift {hon vor mehreren Jahrhunderten aufgefallen 1). In
mancher »SKornfammer« früherer Zeiten ift heutzutage die Setreideeinfuhr
än wichtiger Segenftand des Handels und der forgenden Volkswirth{hafts:
politif. Diefer Umfehrung if aber Feineswegs überall durch die geroshn:
lichen Urfachen, etwa eine unverhältnifmäßig gefliegene Bevölkerung, eine
Veränderung des relativen Bodenerträgniffes gegenüber anderen Ländern,
deren Bodencuktur indeffen ftark vorgefchritten ifk, zu erklären, fondern Häufig
egt eine Minderung des abfoluten Ertrages des Ackerhodens vor, welche
um {o arößer gefhüßt werden muß, als {ich die Anbaumethodben doch im

) Vergl. z. B. rückfichtlidy Mittelitaliens meinen oben erwähnten Yuffag über
Machiaveltli.
        <pb n="85" />
        Allgemeinen überall verbeffert haben. Auch hier Kommt es für ung Haupt:
fächlich auf die Thatfache felbft an und ihre Folgen für die wirthfchaftliche
Stellung eines Bolkes in einer beftimmten Zeit. Ob die Urfache deffelben
etwa in einer fchlehten Verwaltung und Regierung des Landes, oder in
einer Berfchlechterung des Volkscharakters und einer üblen Wenderung der
Erwerbswege, in einer Erfchöpfung des Bodens durch einen forge und ges
bdankenlofen oder durch einen zu raffinirten Anbau, durch eine Üübelangebrachte
Ausrodung von Waldfireken oder durch eine Ueberfluthung mit Jiugfand 1)
oder ein falfches Berhältnig des Weidelandes zum AUekerboden zu fuchen ft,
Ändert die Macht der in einer beftimmten Zeit wirkfamen Bodenverhältniffe
nicht, mie bedeutfam auch, um e$ zu wiederholen, der Unterfchied zwifchen
Urfachen, die möglicherweife befeitigt werden Fönnen, und folchen ift, die fich
in Feiner Weife aufheben Laffen. Wäre auch eine Wenderung, etwa durd
die Unmendung des Lift’ fhen Principes der Stetigkeit oder Werkfortfekung
auf den Landbau herbeizuführen, fo mindert diefe Möglichkeit doch nicht die
Kraft des SGegebenen für die Zeit vor der Verwirklichung derfelben, während
allerdings mit NMückficht auf diefe Möglichkeit fih neue Unterfheidungen
zwifchen. den einzelnen unfruchtbarer gewordenen Territorien hHerausftellen.
Auch wird man felbft in den Ländern, in welchen die rationellften Anbau:
methoden und die vortrefflichffen, alle Specialverhältniffe berückfichtigenden
Düngungsfyfteme verbreitete Anwendung gefunden haben, fich niemals über
die Einflüffe täufchen Fönnen, welche durch die Zeitdauer der Bodenbearbeitung
unabtweisbar herbeigeführt merden und die fih am färkften zwifchen der
Bodenkraft alteultivirter und »jungfräulicher« Territorien bemerkbar machen.
Denn je intenfiver und ununterbrochener die Ausbeutung des Bodens ftattfindet,
 um fo weniger Eann ihm auch durch die tationellfte Düngunas:
methode Alles zurkücgegeben werden, mas er abgegeben hat.
Die durch die Einwirkung der Zeit erfolgenden Beränderungen der
territorialen Grundlage Fönnen aber nicht auf den feften Grund und Boden
des Landes befchränkt werden, fie zeigen fich auch Hinfichtlih der von den
Sewälfern abhängigen Berhältniffe. Seringeres Semwicht mag man dabei
darauf legen, daß im Verlaufe der Zeit fich hier und dort ftarke Beränderungen
 in dem Meichthum der Flüffe oder des angrenzenden Meeres an
nugbaren Fifchen gezeigt haben, obwohl doch auch diefe für einzelne Länder
oder beitimmte Küftenaeaenden eine ÖEonomifche Lebensfrage umfchließen 2).

)

Einige Thatfachen über diefe unleugbare Wirkung des Flugfandes in einzel:
nen Segenden Preußens findet man in dem Auffaße: Boden, Arbeit und
Ertrag (Mefultate praktifgher Beobachtung), in Ranke’s hift.:polit. Zeit:
fchrift. HI. SFahrgang 1832. S, 775 fl.
Man denke z. MB. nur an die Verhältniffe in der Heringsfifcherei an den

„
        <pb n="86" />
        27

Bon allgemeinerer und folgenfchtwerer Bedeutung find dagegen die Uendes
ungen im allgemeinen Weltverkehre, durch welche die einträglihe Benugung
der Seräffer für den Handel fo fjehr gefhmälert werden Kann, daß eine bes
yeutfame Umgeftaltung der Ertwerbsiwege nothwendig wird. Die {chiffbaren
Ströme wie das nahe Meer, durch welche ein Bolk zur activen Theilnahme
an dem Weltverkehre befähigt wurde, Fönnen diefe ihre SEonomifhe Bedeus
tung ganz verlieren, wenn durch irgend eine gefchichtlidhe Beranlaffung,
deren Befeitigung für das betroffene Bolk in Feinerlei Weife möglich ift,
eine andere Straße von dem Kaufmanne vorgezogen wird. Eine derartige
gefchichtliche Thatfache ift für die einzelnen Völker von um fo größerer Ber
deutung, al8 nicht nur eine reiche Einkommensquelle mit dem Uusfchluß
von einer lebhaften Theilnahme am Welthandel verfiegt, fondern auch eine
Ermwerbsthätigkeit außer Land geht, welche zu der gefammten Cultur: und
Kraft: Entwicklung einer Nation immer in der lebendiaften Beziehung ge
itanden hat.
Weitere Veränderungen in den natürlichen Grundlagen der Volks:
wirthfchaft. zeigen fi während der gefchichtlihen Entwicklung; wenn man
erwägt, welche Bedeutung insbefondere auf den Höheren wirthfchaftlichen
Sulturftufen die Antwendung der hHemifchen und mechanifchen Naturkräfte
hat. Denn auch die Leichtigkeit oder die begünftigtere Art ihrer Verwendung
iteht mit den gegebenen Bedingungen des Territoriums in enger Beziehung.
Deshalb tritt, fobald insbefondere die wirkungsreicheren zur Anwendung gez
langen, ein neuer Factor in dem Kreife der mitwirkenden Thätigkeiten der
Natur hervor, welcher, eben weil er immer unter concreten Bedingungen ‚in
Wirkfamkeit gefeßt wird, die von der Natur gegebenen Unterfchiede für die
Wirthfchaft der Nationen vermehrt oder verftärkt. Die erfolgreichere An:
wendung der Kraft des treibenden Waffers, des Windes, des Dampfes u. f. w.
weift auf Bedingungen des Territoriums zurück, Auch darf nicht überfehen
werden, wie durch die Entwicklung der volkswirthfchaftlidhen Cultur eine
YUenderung in der Unmwendung jener an Locale Bedingungen gefnüpften
NMaturkräfte eintreten Kann, die einen analogen Wechfel in dem Vermögen
Ainzelner Völker hervorzubringen vermag, wie er oben bei der Erwähnung
der Erfegung des Holzes durch das foffile Brennmaterial angedeutet wurde.
Sobald die bewegende Kraft des Dampfes zur Anwendung Fam, wurde der
Werth der natürlichen Bevorzugung, welche einzelne Länder durch ihren
Reichthum ‚an treibenden Sewäffern befaßen, außerordentlich ffark verminz
dert; es änderte fich zugleich die natürliche Anziehungskraft, welche auf die
Zopoaraphie der Ynduftrie entfcheidend einzumwirken nfleat. Der abfolute

Küften, etwa Norwegens, wo fchon der periodifhe Wechfel in dem Ertrage
ie SEonomifchen Leiden und Freuden bedingt.
        <pb n="87" />
        Sebrauchswerth. folcher durch. den Fortfchritt der Technik gewiffermaßen. zurüc:
oder bei Seite geflellten natürlichen Kräfte bleibt ja im Grunde genommen
derfelbe, aber. in dem Weltverkehr treten immer die Bedingungen für die
Beftimmung des Preifes der erzielten Producse mit entfheidendem Gewichte
auf und aud die binnenländifhe Nugung der producirenden Kräfte Fann
fich dann der Einwirkung. der Conjuncturen des Weltverkehres nicht entziehen.
Weil die wirthfchaftlidhe Stellung eines Volkes niemals eine ganz
ifolirfe iE-murde ja bereits der Worzug oder der Nachtheil der territorialen
Srundlage deffelben auch mit der Befchaffenheit der Ummwohnerfchaft in Be:
Ziehung gefeßt, fotvie mit den wirthfchaftlichen Berhältniffen aller der Länder,
mit. welchen: e$ durch den allgemeinen Verkehr unmittelbar oder mittelbar
in Berührung Fommt. Ebendeshalb kann. auch die Nückwirkung nicht ausbleiben,
 wenn in dem natürlichen Grundlagen für den Haushalt diefer
Völker im Verlaufe der Zeit bedeutfame Umgeftaltungen eintreten:
Wenn man die vorfiehenden Andeutungen über die Veränderungen,
welche in der territorialen Grundlage der Völker durch Einflüffe der Zeit her:
beigeführt. werden, zu Demijenigen fellt, was über die von Anfang an und
für immer gegebenen Unterfchiede. gefagt worden tft, fo wird fich Heraus:
ftellen, daß die wirthfchaftliche Stellung der Völker für fich und zu einander
im dem einzelnen gefchichtlichen. Perioden eine befondere , corcrete if, Diele
Thatfache wird bekräftigt und ihre Bedeutung wird verftärkt, wenn man
ermägt, daß ebenfo der Menfch ,. deffen Arbeit fi mit der Naturkraft ver:
bindet und von deffen gefammtem: wirthfchaftlichen Sebahren die NRefultate
der Wirthjchaft abhängig gemacht werden. müffen, nicht minder die Einfüffe
ber Zeit an fich erkennen läßt. Wir gewahren dies, welche Einzelnverhältniffe
 e&amp;amp; auch fein mögen, auf welche wir die Blicke richten.
Man wird-den Einfluß der. gefhichtlichen Zeit auf den Menfehen als
wirthfchaftliche Arbeitsfraft forvohl dann erkennen, wenn man eine Nation
im verfchiedenen Perioden mit. fich felbft vergleicht, als auch im HinblieE auf
die Umgeflaltungen; welche. durch den Fortfchritt der Zeit ganz im Ulgemei:
nen herbeigeführt worden find, was wir durch die BVergleichung verfchtedener
gefhichtlicher Perioden feftftellen Fönnen.. Yuch hier IÄßt fich in jenen Ver:
Änderungen durchaus Fein Clement erkennen, welches eine volle Ausgleichung
der internationalen Unterfchiede. herbeizuführen geeignet wäre, und wenn auch
immerhin zugeftanden werden Kann; dafı in der obigen Ausführung über die
thatfächliche Berfchiedenheit der. menfehlichen Anlagen und Kräfte, weiche mit
ber Sfonomifchen Thätigkeit des Menfchen in Verbindung ftehen, wenigftens
zum. Theil‘ vorzugsmweife auf Marakteriftifche Unterfchiede des‘ Menfchen in
den Völkern der gegenwärtigen Zeit Nückficht genommen worden if, fo be:
Fräftigt doch fchon der Hinweis auf die nationale Wurzel diefer Unterfchiede
aud) ibr Borhandenfein in der veraanaenen. Zeit, Mur die Stärke, in
        <pb n="88" />
        u.

melcher fie fich geltend machen, ann allerdings als das Ergebnif einer Län:
geren gefchichtlihen Entwicklung daftehen.
Auch der Menfdy als eine wirthfhaftlihe Arbeitskraft fteht unter dem
Sinfluffe der allgemeinen Ereigniffe, durch welche im Verlaufe der gefchicht:
lichen Zeit das Leben der Völker berührt und bewegt wird. Wir finden es
jo oft in den allgemeinen Sefchichtsbüchern im Hinblik auf die Geftaltungen
des ffaatlihen und politifchen Lebens bekräftigt, daß in Folge hiftorifcher
Berhältniffe die Friegerifche Tapferkeit und Füchtigkeit eines Volkes hinges
(Owunden und an ihrer Stelle BVerweichlihung und fhlaffe Schwäche herr:
(hend geworden fei; e$ zeigt fih, daß auf gute Sitten und Gewohnheiten
eine Fläglihe BVerderbnif folgt, der aufopfernde Patriotismus und Gemein:
finn vor dem fchrankenlofeften Eigennuß weicht; daß hier die Luft des Ein:
jeinen an freier Selbfiftändigkeit, Kaum noch in den Erinnerungen aus ver:
gangenen Zeiten bewahrt ift.oder an einer anderen Stelle der. Fühne Unter:
nehmungsgeift, weicher die Seehelden begeifterte. Ganz offenbar Eommen aber
babei Feine anderen Menfhen in Betracht als ebendiefelben; welche auch die
mirthfchaftlidhen Arbeitsfräfte darftellen; e8 erwuchfen alle, in wie verfchiedes:
nen IhätigEeitsEreifen fie fich auch bewegten, auf demfelben Boden, in der:
felben Umgebung, unter denfelden allgemeinen Einflüffen. Chendeshalb kann
aber ohne allen. Zweifel ebenforwenig wie auf dem Sebiete der politifchen
Thaten und Zuftände auf dem Öfonomifchen der wirthfchaftlich fchaffende
Menfch im Verlaufe der gefhichtlichen Zeit innerhalb der verfchiedenen Nas
onen als eine conftante Größe angefehen werden. &amp;amp;$ bedarf das in der
That Feiner weiteren Ausführung, und nur um eines anderen Sefichts:
ounftes willen werden wir auf diefen Punkt noch einmal. zurücdtommen; da
wird es fich auch zeigen, daß die BVerhältnifftellung, in welche die wirthfchaft
liche ThätigEeit und die Verfolgung wirthfchaftlichet Sntereffen zu den übrigen
Cebensfreifen, in denen einzelne Menfchen wie ganze Wölker das menfchliche
Dafein zu verwirklichen pflegen, nicht bloß bei verfchiedenen Völkern, fon:
dern auch innerhalb deffelben Volkes in verfchiedenen Zeiten in unterfchiedener
Weife fidh heraushebt. Durch die gefamımte gefchichtliche Zeit hindurch fteht
aud) der mwirthfchaftlich fhätige Menfch unter den in der Zeit fich verändern:
den Einwirkungen ftaatlicher und gefellfchaftlicher Einrichtungen, quantitative
mie qualitative BVerhältniffe in der arbeitenden Bevölkerung erfheinen dadurch
bebingt. Die nie raftende Bevölkerungsbewegung, die Verhältnifzahlen der
AUltersfiufen, der Berufsarten und Befchäftigungsweifen zeigen fi fket8
auch durch zeitliche Verhältniffe beftimmt. Das Ergebnif der fatifkifchen
Beobachtung, daß fich niemals auch nur durch ein paar Sahre hindurch eine
Bevölkerung in ihrer Gefammtzahl, wie in den Verhältniffen der Elemente
und Perfonenkategorieen, aus denen fie zufammengefeßt ift, gleich bleibt; die
DBeweife der ethnographifchen Sefchichte, daß fich die geiftige wie die Eörper-
        <pb n="89" />
        30

liche Kraft des Menfhen in den Nationen, die ftärkften Strebungen feiner
Seelenthätigkeit, feine Affecte und Wilensrichtungen in einer nicht minder
conftanten Bewegung und Fortentwicklung erkennen laffen, brauchen nur
in ihrer Bedeutung für die Zuflände und die Entwicklung der gefhichtlichen
Volkswirthfchaft Anerkennung zu finden; e8 bedarf nur der Kenntnifnahme
von einer Wirkung, nachdem bereits hinlänglich Alles nachgewiefen if, was
für die urfächlichen Kräfte in Frage Eommen Eann.
Es ifft eine viel verbreitete Anficht und namentlich die Anficht von
Manchen, welche bereit find, die concrete Eigenthümlichkeit der durch die
natürlichen Grundlagen gegebenen befonderen Fundamente der Wolkswirth:
fehaft bei den einzelnen Nationen anzuerkennen, daß eben diefe Eigenthlm:
lichleit der natürlichen Grundlagen im Verlaufe der fortfhreitenden Ent:
wicklung an Bedeutung verliere und insbefondere gegen die neuefte Zeit hin
durch die allgemeine Verbreitung wiffenfhaftliher Einficht und technifcher
Vervolllommnung, durch die großartige Erleichterung des Verkehr8 und die
Berähnlichung der Zielpunkte der nationalen Entwicklung eine mehr und
mehr fich fteigernde Uebereinffimmung in den allgemeinften Grundlagen der
Öfonomifhen Dinge herbeigeführt werde. Diefe Anficht ift fo irrig, daf
man, fofern man nicht im Einzelnen unterfcheidet, eher das volle Gegentheil
ausfagen Eann, d. h. daß im Verlaufe der Zeit und durch den Vorfchritt der
Gultur die Surd die Natur und den Menfchen. gegebenen Uuterfchiede eine
immer ftärfere Bedeutung erlangen. Offenbar entroicelt zunächft der Fort
jchritt der allgemeinen Cultur in der menfchlihen Natur eine immer größere
Sahigkeit zu Segenfägen; die größere Aehnlichkeit auf den unteren Cultur:
ffufen ift eben nichts als ein Mangel an entwickelten Unterfhieden,
Die Sradunterfchiede der‘ Arbeitsluft und Arbeitskraft müffen {(tärker her:
austreten, fobald durch das natürliche Wachsthum der Bevölkerung die
Menge der Verzehrenden im VBerhältnif zu der Maffe der von der Natur
faßt unmittelbar dargebotenen Producte fi fteigert und die Arbeit in diefer
und jener Geftalt alg Nöthigung an den Menfchen Hherantritt; umgekehrt
erfcheint die Arbeitsiuff und Kraft der Einzelnen von bedingendem Einfluß
auf die Zunahme der Bevölkerung, in deren Bewegung mannigfaltige Ver-Hältniffe
 der Wolkswirthfchaft eng verflochten find. Indem fich insbefondere
durch den ffeigenden Verkehr der Kreis der bekannten und dargebotenen
Senüffe erweitert, mehren fich die Triebe zur Arbeit, und es treten die Unter:
[chiede der intenfiven Stärke zu Tage, in welcher der Menfch Senüffe fich zu
verfchaffen und auch andere als die allernothwendigften Bedürfniffe zu befries
digen ffrebt, Ie größer die Anzahl Derjenigen wird, welche von dem Er:
gebniffe der gefammten Production einen erreichbaren Iheil gewinnen wollen,
um fo mebhr zeigt fi ein unmitteldares Erträgnif für alle die Kräfte und
Eigenfchaften der Individuen, weiche in der wirthfchaftlichen Thätiakeit in
        <pb n="90" />
        81

Betracht Fommen, wie Sparfamteit, Jleiß, Combinationstraft, Sorge für
die Zukunft, nüßliche Verwendung der gewonnenen MRefultate 11. f. w.; ein
freierer Spielraum tritt zugleich mit einer MNöthigung zur Entfaltung für
alle Nüancen des menfchlichen Seiftes, Körpers und Charakters hervor.
Cbendaffelbe Ergebnif muß fich einftellen, wenn bei zunehmendem Verkehr
ganze Völker mit einander zu wetteifern beginnen. Werden auch die Neful:
tate der wiffenfchaftlichen Forfhung, die Fortfchritte der Technik, die Ergebs
aiffe neuer Methoden in einzelnen Zweigen der Wirthfchaft durcy die Zuz
nahme des Verkehrs immer und bald zu einem Semeingute, fo wird dadurch
der Unterfchted in der NMafchheit, in dem Tacte, in der felbftftändigen Combination
 der Anwendung wie zwifchen immer vorfchreitenden und immer nur
nacheifernden Völkern nicht aufgehoben. Und fobald eine geregelte und all:
gemeine Zheilnahme an dem Weltverkehre eingetreten if, müffen nothmendig
auch geringfügigere Unterfchiede eine entfcheidende Wirkung herbeiführen.
Se gleicher verhältnifmäßig, wenigftens durd) die zunehmende Berallgemeine:
sung aller praftifcher Erfahrungen und aller wiffenfhaftlichen Sorfhungen,
die induffrielle Erziehung des Menfchen fich geftalten Eann, um fo nothwens
diger müffen die Unterfchiede der natürlichen Begabung des Menfchen erficht:
lich werden und zur vollen Wirkung gelangen. St aud) das Ziel jenes
communiftifchen Agitators ein verrücktes, fo liegt doch in dem angepriefenen
Mittel Verftand, nach welchem, um die volle Gleichheit der Menfchen zur
Thatfache zu machen, begabte Menfchen eine fehlechte Erziehung, dumme
eine vortreffliche erhalten follen. Durch die Tortfchritte und die Berbreitung
der allgemeinen Cultur wird nur das tiefffe und das durchfchnittliche Niveau
gehoben, aber Höhen und Tiefen nichts weniger als nivellirt. Man glaubt
das aber, weil man auf dem Gebiete des SEonomifhen Lebens wenigftens
ganz andere Erfeheinungen damit verwechfelt wie die, daß auch ein felher
orzugsiweife Ucerbau treibendes Volk fpäter in die Neihe der Völker einz
tritt, welche in der gewerklichen Verarbeitung der NMobhftoffe einen Nahrungs:
#rwerb fuchen. Erkennt man dagegen an, daß gerade in vorgefchritteneren
Verhältniffen die Verfchiedenheit der natürlichen Anlage und Begabung des
Menfhen fich mehr Geltung verfchaffen Fann, fo muß man fid) zugleich
jergegenwärtigen, daß, wenn auch in jedem wirth{chaftlichen Sute ein Er:
zebniß der Natur und ber menfechlichen Arbeit unterfchieden werden Eann,
doch fort und fort mit der Zunahme der VBevölkerung und im Fortfchritt der
Cultur der Antheil der menfchlichen Arbeit in den unter Mitwirkung der
Natur erzielten Producten immer größer wird. ‚Das gilt auch für den Lands
dau; im cultivirteren Ländern wird zur Erzielung der Bodenrente immer
Ane größere Menge von Arbeit — zu der man das Anlage= und Betriebs:
zapital binzuzurechnen hat — auf gleich große und gleichartige Boderiflächen
Dertwendet, als in weniger cultivirten, Auch die Wirkung der Unterfchiede
Anies, polit. Detonomte. 2
        <pb n="91" />
        32

in der Naturqualität der Territorien wird durch die fortfchreitende und allge:
meiner fich verbreitende Cultur verffärkt. Die Erfolge einer rationelleren
Bewirthfhaftung und Unbauungsmethode find freilich fehr groß, aber gerade
die Zunahme des Ideen: und Erfahrungenaustaufches bei gefteigertem und
zrleichtertem Verkehre fichert jeder Befferung für die Dauer die allgemeinere
Verbreitung ; ein Voranfechreiten in der Verftärkung der Bodenausbeutung
in’s Ungemeffene ift nicht möglich, weil die vortheilhafte Vermehrung der
Capital» und Arbeitsmenge zur Steigerung des Landertrages eine nothwendig
einzuhaltende Grenze findet. Das bleibt unter allen Umftänden der Vorzug
des befferen Bodens, daß er fchon bei minder Eoftfpieliger Bearbeitung einen
gleichen Ertrag wie der fchlechtere liefert. Indem nun mit dem Vorrhcken
ber Cultur und bei der Zunahme der Bevölkerung immer mehr jener Srenze
für die vortheilhafte Berftärkung der Capital= und Arbeits : Berwendungen
auf den Boden zugeftrebt wird, müffen gleichzeitig die Unterfchiede der natürlichen
 Bodenkraft immer ftärker hervortreten. Nicht anders, wennaleich in
Folge eines etwas verfchiedenen urfächlichen Berhältniffes, zeigt fichh die Wirfung
 der vorfchreitender Cultur in Beziehung auf die Unterfchiede, welche in
dem natürlichen Neichthume des inneren Bodens, z. B. an Kohlen oder
Sifen, gegeben find. Hier feßt die Matur der Ausbeutung des von ihr in
viel früheren Zeiten hHervorgebrachten Productes Feine Grenze durch das an
einem beftimmten Punkte eintretende Verfagen ihrer Mitwirkung zur Stei:
gerung der Production, fo lange Überhaupt nicht die abfolute Schranke in
der vollen Erfhöpfung der Gruben erreicht ift, Ne ferner deshalb durch die
Eigenthümlichteit des Territoriums diefe Grenze ift, je mehr e&amp;amp; nur auf eine
umfaffendere und intenfivere Bethätigung der menfchlichen Arbeit ankommt,
um immer mehr Producte zu gewinnen, um fo mehr muß jeder Fortfchritt
in der Technik, welcher durch den Culturfortfchritt vermittelt wird, den natürlichen
 Neichthum eines foldhen Landes ffärker hervortreten, von größeren Fol:
gen begleitet erfheinen laffen, was in der auffäligften Weile da erkannt
wird, wo die Erfahrung gezeigt hat, daß jeglicher Steigerung in der Nach:
frage nach einem beftimmten bergmännifchen Producte durch eine Berftätfung
 der auf die Production verwendeten Arbeit ohne Kehl genügt werden
Fann D.

‘) Hier nur ein Beifpiel. Es ift bekannt, daß die Sifenproduction Englands
ganz außer BVerhältnif zu anderen Ländern zugenommen hat. Diefe Zu
nahme hat zwar faft ununterbrochen ftattgefunden, aber die Hauptmerfkjteine
 berfelben zeigen fi da, wo die oben erwähnten urfächlidhen Bedingungen
 eintrefen. Gegen 1740, als noch Holzkohlen allein bei den Eifen:
fümelzproceffen angewendet wurden, wird die Production auf jährlich 1700
Tonnen angegeben. Gegen die Mitte des Jahrhunderts kamen Steinkohlen
zur Anwendung und nach 1770 wurde ohne Verfchledhterung der Waaren:
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        Ss |

‚Indem der Verkehr Alles gleicher geftaltet, was gleich gemacht werden
fann, muß die Wirkung deffen, was ungleich verbleibt, um fo ffärker herz
Dortreten. Die fteigende Theilnahme aller Völker am Weltverkehre, die Zu
nahme der Bevölkerungen, durch welche ein vervielfältigter Andrang zum
Erwerb durch die von den — begrenzten — Erträgniffen der einheimifchen
NRohproduction unabhängige oder die lebtere im Inlande umformende Arbeit
herbeigeführt wirb, bürgt dafür, daß jene natürlichen Borzlge, fo viel als es
möglich ift, geltend gemacht werden. Bei näherer Erwägung ftellt {ich
jedoch heraus, daß jede mit dem Sortfchritte der Sultur hHerbeigeführte Erleichterung
 des Transportes doch auch die Erträgniffe der reichliheren und
wohlfeileren Rohproduction eines von der Natur bevorzugten Landes für
andere Nationen leichter zugänglich macht, fo daß man den allgemeinen
Sag aufftellen Fanın, daß durch die Fortfchritte in der Communication der
Bortheil, welchen die Völker durch Ihre Territorien rückfichtlih der Noh- uns
Hilfsftoffe für die ‚Habrikation befiben, gemindert, dagegen andererfeits
aus Dderfelben Urfache die Wirkungsfraft der Vorzüge, welche einem Volke
in der menfchlichen Urbeitsfraft und in den erhaltenen Nefultaten der Pros
Buction in früheren Zeiten (in dem Capitale) gegeben find, erhSht wird.
Dies ergiebt fi einfach daraus, daß Erleichterung, Vermehrung der Com:
munication und Minderung des unter den früheren Verhältniffen nothwen:
digen Grades der Sfolirung gleichbedeutend if und die Noh- und Hilfsftoffe
das erfte Erfordernif der SGewerksarbeit find, ohne deren Befik eine Seltendmachung
 perfönlicher, felbft vorzüglicherer, Arbeitsbefähigung nicht möglich
ift. Der erleichterte Transport mindert die Wirkung jenes durch den Boden
zetwährleiffeten Vorzuges; er hebt ihn aber natürlich nicht ganz auf; deshalb
muß er immer noch, aud) abgefhmwächt, durch ein YAequivalent ausgeglichen
werden, und fofern diefes fehlt, muß der Vorzug des Bodens allein über den
Yusaang eines etwaigen Wetteiferg entfcheiden. Sobald andererfeits die

qualität Nobheifen mit Steinkohlen verfrifcht. 1788 producirte fhon Engs
lanb 61,300 X., Schottland 7000; 1796 aber, d. h. nad Einführung der
DS att’fhen Verbefferung der Dampfmafchinen, England 108,993 T., Schott:
land 16,086. Von da an wuchs die Production im größten Maßftabe: 1806
England 234,966 X., Schottland 23,248; 1823 zufammen 482,066; 1830
578,417 3. In diefem Jahre gelang durch die Einführung des Sebläfes
mit ermärmter Luft u. f. w. eine Erfparnif an Brennmaterial bis auf
72 Proc, Dazu kam die rafhe Erhöhung der Preife in Folge der Sifen:
bahnbauten (1834 6% ©; 1835 7% ©; 1836, wo eine Sifenbahnwuth
graffirte, 11 £.). So finden wir eine Production 1839 von 1,248,260 &amp;amp;.
Der Rückfchlag der Preife bis 1843 gab fidh audy in der Production kund;
noch 1844 wurden producirk: 1,210,000 X. (England und Wales 856,000,
Schottland 354,000). Zwei Jahre fpäter Kommen auf Schottland allein,
weldhes noch 1830 nur 37,500 X. erzeuat Hatte: 500,000 Z. u. 1. w.

0X
        <pb n="93" />
        +

Unmöglichteit, jene nothwendigen Stoffe zu erlangen, aufgehoben, weiterhin
die Größe der Opfer, mit welchen fie erfauft werden müffen, mehr und mebr
vermindert wird, muß gleichzeitig und in gleichem Verhaltnif die Wirkungs:
Eraft der Vorzüge der Arbeit und des Gapitalbefißes fich ffeigern.
Da auch auf dem Sebiete der Sfonomifchen Thatfachen die Erfcheiz
nungen von den fie hHeroorbringenden urfächlichen Kräften nothwendig abs
hängig find und die für jegliche wirthfhaftliche ThätigFeit elementaren Factoren
 der Naturkraft und der menfchlichen Arbeit überall und immer in be:
fonderer Eigenthümlichkeit fich darftellen, fo_iff der nach Ländern und Zeiten
concrete Charakter der Volkswirthfchaft nicht zu bezweifeln. Es ift jedoch
mit den gegebenen Nachweifen die Menge und das Maß der Einwirkungen
zeitlicher Einflüffe und gefchichtliher Bedingungen auf die in Zeit und Naum
[ich vermirkflichende Bolkswirthfchaft Feineswegs erfchöpft, im Segentheile
zeigt fich bei jedem weiteren Schritt, welchen man von den allereinfachften
Bedingungen zu Erfheinungen von zufammengefehterer Natur thut, die
bedingende Einwirkung zeitlich gefchichtlicher Verhältniffe immer fkärker und
folgenreicher. E€$ mag genügen, hier nur noch beifpielsweife einen einzelnen
Segenftand zu befprechen, der in der Volkswirthfchaft fotwohl als in der
VBolkswirthfchaftslehre eine fehr bedeutende Nolle fpielt,
Man pflegt neben der Natur und der Arbeit des Menfchen als dritten
Factor der Gütererzeugung das Capital Hinzuftellen. In wie mannigfaltigen
 Formen auch das Capital auftreten mag, die Wichtigkeit ‚der Sröße
wie der Art deffelben für die Mefultate der Volkswirthfchaft if unbeftritten.
In beiderlei Hinficht {ft es, wo e&amp;amp; au vorhanden fein mag, das Ergebniß
befonderer concreter Verhältniffe, die mitten in der allgemeinen gefchichtlichen
Entwicklung der Völker ftehen. Ka es zeigt fih unmittelbar der Unterfchied
der Capitalfraft bei verfchiebenen Völkern oder auch bei demfeiben Bolke zu
verfchiedenen Zeiten als eine nothwendige Folge der in dem Territorium und
in der menfehlichen Arbeitstraft durd Zeit, NMaum und Nationalität nach:
zetoiefenen Unterfchiede. Denn. die Sammlung des Sehrauchs: und des
Productiv= Capitales hängt, weil fie entweder durch Erfparung oder durch
Fortfchritte der Cultur bewerkftelligt wird, unmittelbar von der DBefchaffenheit
des Menfehen, von dem Srade feiner Einficht, von feinem Arbeitsfleiße, von
der Stärke feiner Bedhrfniffe und Senußtriebe, von feiner Borforge für die
Zukunft u. f. mw. ab, während in der Befchaffenheit des Territoriums die
Möglichkeit, Leichtigkeit oder Schwierigkeit der GCapitalgewinnung zugleich
gegeben ift. € bedarf dies Feiner weiteren Yusführung, auch nicht der
Hinweis, daß von denfelben Bedingungen nicht bloß die Größe, fondern auch
die Urt des gefammelten Capitals beftimmt mird. Freilich find dies nicht
die einzigen Bedingungen, welche für den gedeihlichen Erfolg der auf Ca:
bitalfammlung gerichteten Thätiakeit in Frage Eommen. Aber alle ander.
        <pb n="94" />
        85

mweitigen Berhältniffe, an weiche man hier denken Fann, wie etwa die Dauer
de8 Friedenszuftandes in einem Lande, die Stellung, welche. ein Bol in den
Productionszweigen einzunehmen vermag, deren Erträgniffe auf den Märkten
9e8 Weltverkehrs einen ftarken und gewinnreichen Ubfaß gefunden haben,
önnen fo zu fagen nur in einem potenzirten Sinne als Ergebniffe von zeit:
‘chen oder Örtlichen Situationen bezeichnet werden, die unter dem Einfluß
ganz allgemein gefchichtlicher Bedingungen ffehen. Auch fie murzeln jedoch
jum Theil in eben jenen allgemeinften Fundamenten der Volkswirthfchaft,
in dem Charakter eines Wolkes und feiner Ummohnerfchaft, in der geogras
phifden Lage und Befchaffenheit des Territoriums. Die gefhichtliche Er
fahrung bemweift überall, wie groß der Unterfchied der Friedens: und der
Kriegsjahre in einem von der Natur felbft gegen außen bin gefhüßten Ciland
oder auch in einem Küftenftaat und einem folchen Lande ift, das, inmitten
oteler anderen Völker gelegen, den natürliden Tummelplat für die Aus
Fämpfung aller Völker und FürftenftreitigFeiten abgiebt. Weil der Krieg
nothtwendiger Weife eine große Mafie gefammelter wirthichaftlicher Güter
vernichtet und während feiner Dauer durch Minderung der Productionskraft
die Production vereingert, fo muß die Capitalmaffe in doppelter Weife durch
ihr vermindert werden. In dem Hinweis auf eine thatfächliche Erfheinung
it Fein Uetheil über den Werth einer folchen Aufzehrung twirthfhaftlicher
Süter mit Nücficht auf andere als wirthfhaftliche Intereffen ausgefprochen,
wie denn auch der Krieg felbft die wirthfchaftlihen Intereffen des einen
Landes auf Koften des anderen fördern Fann, &amp;amp; find zu allen Zeiten 1)
Kriege um SEonomifcher Gründe willen geführt worden, nicht bloß in den
:ebten Jahrhunderten, in welchen man fie gemeiniglich nachgewiefen hat, und
n vielen Kriegen, welche nicht aus SEonomifchen Motiven entfprangen,
jaben die Parteien gleichwohl wirthfchaftliche Intereffen zugleich zu verfolgen
Befucht. Bei der Beendigung folder Kriege wurde 6 wohl dem einen Theile
möglich, ffarfe »Getoinnfte« für fich zu ftipuliren, und während der Dauer
des Krieges gelangen vielleicht die vortheilhafteften Befibergreifungen, Aus:
gezahlte »Entfchädiqungsfummen« {fellen jedoch immer nur die berechenharen

‘) Die gefammte Völkerwanderung, durd weile das römifche Reich geftürzt
murbe, war (ebenfo wie der Zug der CGimbern und Teutonen, der Helvetier
nad Gallien u. f. w.), foweit nicht ein Stamm durch den anderen zur Wan:
derung gezwungen wurde, das Sragebnig Sfonomifcher Motive; immer ver:
langte man »Land zum Anbau«, theilweife fogar unter Anerbietung einer Segen:
leiftung durch Kriegsdienfte. Schon Yıiniws meinte (Hist. natur. 37, 11)
das Verlangen der Deutfhen nad den römifchen Provinzen fei durch den
Bernfteinhandel erregt worden. Auf diefe Kriege um Land folgen fpäter die
Kriege um den Handel und zuleßt Kriege um gewerblidh induftrieller In:
tereffen millen.
        <pb n="95" />
        30

Ausgaben der NMegierung dar, nicht aber einen gleichen Werth für jene
taufendfältigen Störungen und Verlufte der Privatwirthfchaften. Eine Stelle
in dem Werke des Wdam Smith !) hat Veranlaffung gegeben, daf enge
life Schriftfteller auf die wohlthätigen Wirkungen der langen und Koft
fpieligen Kriege Englands feit den lekten amerikanifchen Unruhen und
namentlid) des großen Krieges gegen Frankreich eben für die englifche In:
duftrie felbft und auf die Verftärkung und Ausdehnung der Production
Sroßbritanniens während diefer Zeit hingewiefen haben, Das Kann die
wirthfhaftliche Wirkung des Krieges, bei welcher beide Parteien in
Betracht Eommen, nicht in ein anderes Licht ffellen, wenn e während
beffelben dem einen Theile gelingt, Vortheile durch das Fauftrecht des Stärs
feren mittelbar ober unmittelbar fo zu erobern, daß der andere mehr als
das von feinem Gegner Semwonnene einblift; die Ausdehnung der Pro:
duction Fann in abnormen Zuftänden und fo lange e&amp;amp; den Nachkommen
überlaffen wird, die reale Minderung des Nationalcapitales auf ihre
Schultern zu nehmen, zugleich mit einer für die laufende Zeit thatfäch:
lichen Minderung des Capitales verbunden fein, abgefehen davon, daß
die unabhängig vom Kriege eintretende Mehrung des Capitales die quanz
titative Minderung deffelben durch den Krieg überbieten Fann. Indem die
englifche Regierung zur Bezahlung der großen Subfidien u. f. w. zum
Theile Kaufmannswaaren gebrauchte, verffärkte fie ungemein die Nachfrage
und führte dadurch eine für die Dauer unnatürliche Ueberreizung der Production
 herbei, und indem diefe Nachfrage gleichzeitig mit der gewaltfamen
Protection und Prohibition der Kriegsmaßregeln aufhörte, mußte die Krifig
— mit ihren Verluften — eintreten. Belehrend über das Mefultat im
Sanzen ift die Entwicklung der Ackerbauverhältniffe Englands zu jener Zeit,
Man hat nachgewiefen, daß in Folge der inneren und Äußeren Verhältz
niffe Englands, insbefondere aber in Folge des induftriellen Auffchwunges
und ber Kriegsereigniffe von 1760— 1815 gegen 9 Millionen Ueker Landes
in England urbar gemacht waren; aber die Krifis von 1815 brachte die
firenge Kornbill zu Wege, welche fammt ihren Modificationen durch Can:
ning 1828 und Peel 1842 die Capitalfammlung Englands wahrlich
nicht gefördert hat. Immerhin wird e$ jedoch im Allgemeinen, fchwwerlich
deftritten werden, daß in einem Lande, das fi eines dauernden Friedens
zu erfreuen hat, die Capitalmaffe nothtwendig weit ftärker fid vermehren
fann, als in einem anderen, das wiederholt von Kriegen hHeimgefucht wird,
und im Befonderen bleibt e8&amp;amp; ganz außer Frage geftellt, daß, wenn zwei Län:
ber zualeich an einem Kriege theilnehmen, doch nothwendiaermeile die Laae

) Bid. IM. GC. 3. Unter den Polemitkern gegen diefe Stelle ift namentlich
M’ Cullocdh zu erwähnen.
        <pb n="96" />
        37

bes Landes, für weiches der Krieg ein ausmwärtiger bleibt, unvergleichlich beffer
{ft al® die desjenigen, auf deffen Feldern die Heere fich lagern und die
Schlachten gefchlagen werden.
Wir finden bei allen einzelnen Nationen in fofern eine Unalogie der
Entwicklung, als Kberall das Capital. feine wirthfchaftliche Kraft erft nach
ber Einführung und der verbreiteteren Anwendung des Metaligeldes {kärker
mitwideln, feine ausgebehntere Macht erft auf den höheren Culturftufen
entfalten fann, Das gefchichtliche Eintreten auch diefer Bedingungen if
der Zeit nach bei den einzelnen Nationen nicht gleich; daher ift auch die Ca
bitalerfparung auf dem Grunde gefammelter Capitale von Anfang an von
gefchichtlidien Conjuncturen abhängig.
Es ift ein für das wirthfehaftliche Leben der Völker und ganz befonders
derjenigen, welche in Berkehr mit einander getreten find, hochwichtiger Sab,
daß die Capitalkräfte zweier Nationen zu Feiner Zeit als ganz gleich ange:
fehen werden Fönnen, weder in ihrer Gefammtmenge noch in ihrer Art oder
Bertheilung unter die einzelnen Befiger. Selbft wenn es jedoch gelingen
jollte, vielleicht durch einen ungewöhnlichen Vorfchritt, den eine feltene Sunft
der Berhältniffe vermittelt, den Unterfchied gegen ein capitalreicheres Land
auszugleichen, ift die Kraft des neugewonnenen Capitales nicht dem alten,
zewwiffermaßen eingeübten Capitale gleich zu fchäßen. Die producirende
Kraft des Capitales anerkennen und die wirthfhaftlihe Stellung zweier
Völker, von denen das eine im Verlaufe der Zeit eine bedeutende Capital»
Sraft errungen hat, während das andere auf die Hilfsmittel befhränkt if,
welche die Gegenwart allein bietet, für gleich erklären oder überhaupt auch
nur die folgenreiche Wirkfamtkeit eines Gradunterfchiedes der Capitalkräfte
für gleichgültig anfehen — das ift ein contradictorifcher Widerfpruch. Han:
delt e8 fi etwa um einen Wetteampf zwifchen folden Völkern auf dem
mirthfhaftlichen Sebiete, fo ift — wenn der BVortheil des capitalveichen
Landes nicht durch einen anderen Vorzug des capitalärmeren ausgeglichen
wird — das Nefultat eben fo fiher zu erwarten, als etwa der Ausgang
zines Kampfes zwifhen zwei gleichftarfen Männern, von denen der eine zu
Bertheidigung und Angriff wohlgerüftet feinem nackten Gegner gegenüber fteht.
Indem, das Capital den zeitlichen Zwifhenraum aufhebt, welcher die
Ergebniffe der natürlichen und menfchlichen Kräfte in der Vergangenheit von
der ThätigEeit derfelben in der Gegenwart trennt, verftärktt e&amp;amp; für die Beit,
in welcher e8 zur AUntvendung gelangt, die Tragweite des Unterfchiedes, wel:
Her zwifchen den verfihiebenen Völkern in Beziehung auf die territoriale
Srundlage und den nationalen Menfchen ftattfindet; er macht {id durch
das Capital in einer höheren Potenz geltend. Auch Hierdurch beftätigt {ich
der Sab, daß im natürlicheMortfchritt der Cultur die unterfcheidenden Merkmale
 in den fundamentalen Bedinaungen der Bolkswirthfchaft mit verftärkter
        <pb n="97" />
        $3

Wirkung fi geltend machen. Daffelbe zeigt fich, wenn man ertvägt, daß
das größere Capital alle feine Bortheile gegen das Heinere geltend machen
wich, fobald die Theilnahme an der Production für den MWeltverkehr allge:
meiner und durch die Befferung der Communication erleichtert wird, die
Zunahme der Bevölkerungen kberall zur Gewerksarbeit hindrängt und die
gefanımte Male der Ubfag fuchenden Production, durch das große Capital
und das FMeinere zugleich, nicht mehr nebeneinander Lohnenden AbfaB finden
fann. Mit anderen Worten, die Vortheile des größeren Capitales kommen
um fo ficherer in Wirkung, je mehr in dem allgemeinen Culturfortfchritt
fich die Zahl der gewerblich producirenden Völker vermehrt,
Der beftimmende Einfluß der allgemeinen Bewegung in der Zeit und der
befonderen gefchichtlichen Ereigniffe und Conjuncturen, welcher rücfichtlich
jener allgemeinften Factoren der SGütererzeugung hervorgehoben wurde, zeigt
fih überall auch an allen einzelnen Punkten, welche wir um ihrer Bedeutung
für die wirthfchaftlihen Berhältniffe willen in’s Auge fallen mögen. Bon
welcher Wichtigkeit find unter allen Umftänden alle das Privateigenthum in
feiner Berechtigung, in feiner Vertheilung, in feinen verfchiedenen Formen
angehenden thatfächlichen Verhältniffe; gerade auch die Anfammlung des
Capitales in einer Nation fteht in enafter Beziehung zu ihnen, und überall
und zu allen Zeiten finden wir jene in befonderer Eigenthümlichkeit, mit
bedeutfamen Unterfchieden — nicht willkhrlich gemacht, wähleri[dh um wirths
fhaftlicher Zwecke willen formulirt, fondern als ein Ergebnif der allgemeinen
Sefchichte !) an ihrem Orte, zu ihrer Zeit. Niemand bezweifelt, daß die
bürgerliche und politifche Stellung der arbeitenden Klaffen, die Uusficht auf
den in dem Mefultat der perfönlihen Anffrengung für fie abfallenden Se:
winn u. f. w. einen ffarfen Einfluß habe auf das Gefammtergebniß der
Bolkswirthfchaft wie auf ihre mMatakteriftifhe Haltung und Bewegung.
Welches Gericht legen wir in dem Heinen StheE Zeit, welches unfer näch:
tes Sedächtnig umfaßt, auf den Unterfchied zwifchen der Arbeit auf Tag:
Cohn und der Arbeit auf Stücklohn; an die Verfuche einzelner Unternehmer,
den Arbeitern einen AUntheil an dem Sewinn zukommen zu laffen, werden
große Hoffnungen gefnüpft. Aber durch die ganze Sefchichte hindurch geht
eine Wandelung diefer Bedingungen, unter denen die wirthfchaftliche Arbeit
vollzogen wird, auch Hier ftellen fich in Herkommen, Sitte und Sefeß Bölker
Völkern und Zeiten Zeiten geaenküber. Welcher Unterfchied zwilchen einem

') Um ein Beifpiel zu erwähnen — von dem Boden wirthfhaftliher Motive
her ift ein Sreignif wie die eintretende Succeffionsfähigkeit der Weiber au
für das ererbte unbeweglidhe Eigenthum oder die Seftattung von Schen:
fungen von Grund und Boden an die Kirche nicht zu erklären, und doch
wurden dadurdh die gefammten Grundbefigverhältniffe bei den Germanen
durchaus umaeftaltet.
        <pb n="98" />
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Berhältnif, in welchem der Arbeitsherr über Sclaven verfügt, einem folchen,
in welchem Knechte und Hörige ihm Folge leiten müffen, und wiederum
nem dritten, wo er nach freiem Bertrage die Arbeit perfönlich freier Mens
fchen bezahlt. Und welche Meihe Fälle unterfchiedsvoller Abftufungen und
mannigfaltiger Berhältniffe bietet fich erft einem Bi in das Einzelne dar;
wie verfchiebenartig find die Beziehungen, in weichen Diejenigen, welche den
Boden anbauen, zu demfelben oder dem eigentlichen Eigenthlümer deffelben
geffanden Haben, Es ift, als ob in der gefchichtlichen Zeit, weldhe hinter
ang liegt, alle möglichen Combinationen, welche der. grübelnde Verftand des
Menfehen nur auszufinnen vermag, in der Wirklichkeit bereits befanden
Hätten. Und nicht bloß in dem Bodenanbau, auch in Setwverken und im
Handel find die von außen her Eommenden Bedingungen für die Perfonen,
welche der Arbeit fich unterzogen oder unterziehen mußten, in einer ununter:
drochenen und folgenreichen Bewegung und nicht minder das Öffentliche Ur:
heil über die auf Sachgüter gerichtete Arbeit im Allgemeinen oder über ein:
jene Arbeitsztweige insbefondere. Auch hier hat man fich namentlich zu
gergegentuärtigen, daß alle diefe Formen und Bedingungen, unter welchen
fich die perfönlihe, auf Sachglter gerichtete Arbeit vollzieht, das Ergebnif
ganz allgemein gefchichtlicher BVerhältniffe find, wie vielfach auch im Laufe
der Zeit veinwirthfchaftlihe Gründe auf die Veränderung der Sachlage mit
zingewirtt Haben; meiftentheils find aber diefe dann felbft wieder in allge:
mneingefhichtliche Berhältniffe oder Creigniffe verfehlungen 1). ;
E8 mag die Erwähnung diefer beiden Punkte genügen, da man doch
;mmer wieder zu demfelben NMefultate gelangt, fobald man andere Einzeln:
serhältniffe, deren unmittelbarer Zufammenhang mit den SEonomifchen. Dinzen
 eines Volkes allfeitig anerkannt if, in ihrer Seftaltung und Bewegung
durch die gefhichtliche Entwielung hin in’s Auge faßt. Ohnehin mülfen
wir noch etwas näher die gefchichtliche Einwirkung "allgemeinerer Setvalten
in dem Leben der Nationen auf die Volkswirthichaft in Betracht ziehen.

— Sihon in den vorhergehenden Ausführungen hat der Erwähnung einer
Einwirkung der allgemeinen Staatsgewalt auf die Haltung und
te Entwicklung der Volkswirthfchaft bei den aefchichtlichen Nationen ins:

\

Beifpielsmweife mag hier erinnert werden an die Hungeröndthe im XI. Kahr:
Jundert, in Folge deren ganze Maffen unfreier Bauern von den Ebelleuten
in Frankreich freiaelaffen wurden.
        <pb n="99" />
        30

befondere durch die gefeßgebende und verwaltende Thätigkeit derfelben nicht
immer aus dem Wege gegangen werden Fönnen. Es Fann undedenklic
als durchaus überflüffig erfheinen, die Möglichkeit diefer Einwirkung und
das thatfächlihe Borhandenfein derfelden in allen Zeiten und Völkern auch
nur in Kürze nachzuweifen. Auch Diejenigen, welche der Wolkswirthfchafts:
lehre die Yufftellung eines unbeweglichen, in fi abgefhloffenen, unter
allen Umftänden mit gleicher Wirkfamkeit geltenden Syftemes naturnoth:
mendiger SGefene Üübermweifen, erhärten daffelbe, wenn fie wegen der Einmwirung
 der Staatsgetwwalt auf die Volkswirthfchaft eine vielhundertjährige Irrmwanderung
 der Nationen bis auf die Tage hin, wo die Megierungen auf
alles Eingreifen verzichten, zu beklagen fi veranlaft fehen, ja gerade fie ers
fennen den Staatsgewalten noch eine unendlich größerere Einwirkung auf
die SEonomifchen Dinge zu, als die ift, welche wir im Hinblick auf die ges
fehichtliche Erfahrung im Auge haben. Und Andere Haben, wenn fie auch
Feineswegs den Zufammenhang der wirthfhaftlichen Erfheinung mit allen
in Betracht kommenden Elementen des gefchichtlichen Bolkslebens erfaßten,
gerade die urfächliche Kraft der ThatigFeitsäußerungen der allgemeinen Staats:
gewalten auf dem Gebiete der politifhen Dekonomie am wenigften Über:
fehen. Sa es {ft auch die BVerfchiedenheit der Art und des Maßes, in wel:
chem diefe urfächliche Kraft in verfhiedenen Zeiten und Nationen und im
Zufammenhang mit dem in ihnen herrfchenden Seifte in Anwendung ges
Eommen ift, längft anerlannt. Ich begnüge mich damit, ein paar Bemer:
Eungen hier einzureihen, deren Wahrheit noch nicht die aenügende Behetrziqaung
 gefunden hat.
Sowohl die Form als die thatfächliche Macht der allgemeinen Staat$z
gewalten ruht auf den allgemeinen Bedingungen des gefhichtlihen Lebens
eines Bolkes; was fie erffreben und vermögen, liegt im Horizonte der Zeit.
Sie Bönnen deshalb nicht als etwas rein WinEhrkiches oder außerhalb des
allgemeinen Boltsiebens Stehendes angefehen werden. Thatfächlich zeigt
fi) immer die Wirkfamkeit einer allgemeinen Staatsgemwalt als eine Wirk
Jamfeit in den mannigfaltigften Lebensfreifen, und es ift ihr Beruf, bei jeder
in einer einzelnen Richtung fichh bewegenden Thätigkeit das Sanze nicht
aus dem Auge zu verlieren. Serade da, wo z. B. die Gefeßgebungsthätig:
Feit der allgemeinen Staatsgewalt für ihre Zeit durchaus gefund und fach:
gemäß tft, wird fie auf dem Sefammtarunde der gefchichtlihen Situation
beruhen; e$ wird da die allgemeine Staatsgewalt bei allen ihren befon:
deren Handlungen die Löfung einer Gefammtaufgabe auch durch die einzelnen
 Theile und Kreife des Lebens wie durch ihre einzelnen Actionen im
Auge behalten. Es ift eine durchaus ungefhichtliche und, wie wir fpäter
zeigen werden, auch überhaupt durchaus unberechtigte Anficht, wenn man
alle Thätiakeitsiußerungen der allaemeinen Staatsgewalten fo auffaßt und
        <pb n="100" />
        beurtheilt, als hätten fie Feinen anderen Zweck und follten au nach der
Ubficht der Urheber Feinen anderen haben als den, die wirthfhaftlichen Thäz
HgEeiten möglichft zu fördern, damit nur immer die erreichbaren SEonomifchen
KRefultate gewonnen werden. Ia es ift durchaus ungefhichtlich und unge:
rechtfertigt, nach demfelben Maßftabe auch nur diejenigen ThätigFeitsäuße:
sungen der Staatsgewalten und diejenigen gefeblihen Inftitutionen des Les
dens zu beurtheilen, welche fich ganz fpeciell und unbeftreitbar unmittelbar
auf die wirthfchaftlichen Berhältniffe beziehen und beziehen follen. €E$ hat
nicht jede Zeit und auch nicht jedes Volk felbft durch feine wirth[Hhaftliche
Thätigkeit das gewollt und erfirebt, was unferen Willen zu beftimmen pflegt 1).
Sicherlich läßt fi aus der Sefchichte eines jeden Volkes eine lange NMeihe
nicht bloß von Vermaltungsmaßregeln der Staatsgewalten, fondern auch von
gefeßlichen Infkitutionen aufzählen, deren Einführung oder Fortbeftand in
der feliheren Zeit nur durch die Sanction der allgemeinen Staatsgewalt
möglich war und welche man in der neueren Zeit, fet e8 wegen ihrer 0fos
nomifchen Schädlichkeit überhaupt, fet e8, weil für fie der felte Srund und
Iufammenfchluß mit den übrigen Formen des Lebens abhanden gefFommen
war, befeitigt hat. In diefer Thatfache liegt jedoch nicht der geringfte Bes
Deis tweber dafür, daß fie in früheren Zeiten von der allgemeinen Staats:
zetwalt wegen ihrer vermeintlichen‘ S£onomifchen Nüßlichkeit eingeführt und
zufrecht erhalten worden feien, noch dafür, daß fie früher nicht in durchaus
Jarmonifhem Zufammenklange mit den gefammten Formen des Staats:
und Bolkslebens geftanden Hätten, Man hätte immerhin auch fhon fehher
von ihrer GEonomifchen Schädlichkeit oder Unzwerkmäßigkeit gerade fo gut
mie heutzutage überzeugt gewefen fein Fönnen, ohne daß diefes als ein Hinz
derniß ihres Fortbeftandes erfchienen wäre, obgleich ja freilich der Nachweis
Ührer wirthfchaftlichen Nachtheile zumeift nur auf dem Grunde der heutigen
allgemeinen Lebensverhältniffe verfucht worden if, und alle Beweisgründe
dann alsbald das Gegentheil bekräftigen, wenn man auf den Sefammtverband
 der Lebensformen in der Periode des wirkfamen Beftandes jener als
Ichädlidh erkannten Inftitutionen (haut. Wenn wir heutzutage auch im
Hinblick auf die ganz allgemeine Haltung der Staatsgewalten möglicher»
meife mit Recht würden fagen Ennen: die allgemeine Politik, die friedliche
Diplomatie und felbft der Krieg fei gerade bei den vorgefchrittenften Nationen
unferes Continentes vorzugsweife beftimmt, den volkswirthfchaftlichen Ynterz
fen zu dienen; wenn auch die Wölker jedes Gefeg zunächft und hauptfächz
‘ich auf denfelben Sefichtspunkt hin anfehen; fo würde dies eben nur als
in Merkmal der neueflten Zeit anaefehen werden Eönnen, und ficherlich kann

) Sin recht derbes Beifpiel hat
unferen Vorfahren aufbewahrt.

{hon Cäfar de hello Gallico VI, 22 von
        <pb n="101" />
        7)

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A

in anderen Zeiten von demfelben Verhältnif nicht die Rede fein. Der rich:
tige gefchichtliche Standpunkt zur Beurtheilung der durch die Thätigkeit der
allgemeinen Staatsgerwalten auf dem Sebiete der Volkswirthfchaft hervor:
gebrachten Erfcheinungen kann nur durch die Feftftelung der Intentionen
berfelden und durch Erforfehung der allgemeinen Fundamente und NMichtungen
einzelner Zeiten und Völker gewonnen werden, alfo mit Hilfe allgemein:
hifforifcher Unterfuchungen. Was für das Ziel gilt, das gilt auch für die
zur Erreichung bdeffelben aufgebotenen Mittel, Mabhnt doch felbft ein Bli
auf die neutefte Zeit zur Beherzigung diefer Wahrheit, obwohl durch Adam
Smith fo allgemein anerkannte Grundmauern für den Neubau der Natioz
nalö£onomie gelegt wurden, die wirthfchaftlichen Sntereffen in den Vorder:
grund des Lebens traten und die Staatsgewalten für die RNRefultate der wifs
fenfchaftlichen Theorie nicht unzugänglich blieben. Eine bedeutfame Wende,
tung der Anfichten über das lente Ziel der Volkswirthfchaft im Allgemeinen
und ebendeshalb auch über das Biel der eingreifenden Staatsgewalt hat fich
gleichwohl in der verhältnifmäßig Eurzen Zeit Bahn gebrochen; troß dem
allgemeinen Austaufche der Jdeen und der wiffenfchaftlichen MNefultate zwiz
fehen den verfchiedenen Nationen fehen wir in den einzelnen Ländern auch
zur Löfung derfelben Aufgabe verfchiedene Mittel in Anwendung gebracht;
fehon jeßt Eönnen wir einen: tief eingreifenden Umfchlag des Urtheils über
die Stellung der wirthfchaftlichen Strebungen zu der Sefammtaufgabe des
Staatslebens nicht überfehen, obwohl jene nach wie vor auf dem Wege zur
ausgedehnteffen Entfaltung ihrer Kräfte begriffen find und immer größere
Refultate erreichen. Wie verkehrt und Haltlos müffen die Schlüffe und die
Motive eines Urtheils erfheinen , welches davon ausgeht, daß man der Be:
feßgebung und BVerwaltungsthätigkeit der allgemeinen Staatsgewalten in
aller. früheren Zeit ein und daffelbe Biel vorgefeßt glaubt, etwa wie man e8
im Augenblife ihnen vorgefebt ficht oder feben möchte.
Wie fehr man fich hüten muß, einer willfürlichen ThätigFeit allgemeiz
ner Staatsgetwalten Etwas zuzufchreiben, was nur das Ergebniß concreter
und allgemeiner. Lebensbedingungen ift, die durch Zeit, Raum oder Bolks:
Harakter gegeben find, oder ihnen Abfichten unterzufchieben, an welche fie
gar nicht denken Fonnten — fo wenig wird man doch den Einfluß, welcher
dur) Regierungen auf die vollswirthfchaftlichen VBerhältniffe thatfächlich
auggelibt worden ift, gering anzufehen haben. Die Träger und Werkzeuge
ber Staatsgewalten find Menfehen, fie vermögen auf dem Gebiete der Skos
homifchen Dinge im beflen Falle fo viel als Menfchen vermögen, wenn
umfangreiche Mittel einem einheitlichen Willen zur Berfügung geftellt werden,
Uber weit mehr noch, als fie vermögen, Eönnen fieanftreben, und wenn
fie das Unmögliche nicht möglich machen Eönnen, fo Finnen fie doch das
Mögliche unterlaffen; wenn fie das Befte nicht vertwirklichen Fönnen, fo
        <pb n="102" />
        93

Bönnen fie doch immer das Befte wie das Gute hindern und erfchweren.
Die Wirkungen der allgemeinen Staatsgewalt auf die Volkswirthfchaft find
weit größer, als ihre die SEonomifchen Dinge unmittelbar und beabfichtigter:
weife erfaffende Thätigkeit; auch von allen Übrigen ErfcheinungsFreifen des
Lebens her werden die lekteren berührt. Der Srad und Umfang, wie die
Urt, in welchen eine allgemeine Staatsgemwalt auch auf die wirthfchaftlichen
Verhältniffe eines Volkes einwirkt, wird allerdings, wie die Form und die
Macht der Staatsgewalt im Allgemeinen, immer in einem erfichtlihen Zu:
Tammenhange mit dem VBolkscharakter und der Bolksgefchichte einer Nation
gefunden werden, aber dadurch allein würde man die taufendfältig abgeftufte
und vielfältig entgegengefeßte Geltendmachung der Macht einer Regierung
aud) auf dem voltswirth[haftlichen Gebiete, wie wir fie in den Blättern der
Sefchichte mit ihren weittragenden Wirkungen aufgezeichnet finden, nicht er:
Hären Eönnen. Man wird fidh vergegenwärtigen müffen, daß die Träger
der allgemeinen Staatsgemwalt, wie die BWollftrecker ihrer Intentionen, Indiviz
duen find, und daß deshalb eine ebenfo große Berfchiedenheit in der Richtung
und Handhabung der Staatsgewalt auf dem wirthfehaftlichen Gebiete möglich
 ift, al8 die Verfechiedenheit der Individuen it, welche innerhalb einer
Nation zu einer Zeit auftreten Eönnen N).
Derfelde Grund, aus welchem wir die in die Berhältniffe der Volks»
mirthfhaft ebenfo ftetig als überall eigenthümlich eingreifende Thätigkeit der
Wlgemeinen Staatsgewalten nur in Kürze berührt haben, veranlaßt ung,
auf die thatfächlichen Einwirkungen einer zweiten Lebensmacht etwas aus:
führlicher einzugehen, nämlich auf die Einwirkungen der Kirche und bezies
hungsweife der Meligion;z denn es find diefelben auffälligerweife Feines:
weg genügend gewürdigt und überhaupt kaum wahrgenommen worden 2),
Der Einfluß der Religion if ein Einfluß auf den inneren Menfhen, und
da für uns das pfnchologifche Element in einem »Factor der Gütererzeugung«
on febr erheblicher Bedeutung i{t, fo {chäßen wir die Einwirkung der reli:

N

Sin Mehres fiehe unten, wovon der Volkswirthhaftspolitik die Rebe ift.
Daß das oben berührte Zhema, auf deffen Bedeutung in neuerer Zeit Lift,
Nofdher, Schüz u. AU. hingewiefen haben, die Thätigkeit der Theoretiter
mehr wie früher in Anfprucdh nehmen wird, ift durch die Zollvolitik der
modernen Regierungen außer Frage geftellt. .
In Villeneuve’8 histoire de Vecon. pol. wird zwar aud) gewöhnlid
von der Religion der Völfer in ven einzelnen Abfjdhnitten gehandelt, aber
in ganz dürftiger Weife und wie in einer allgemeingefhichtlidhen Studie,
Paffendes und Unpaffendes fteht neben einander audy in den verhältnißf:
mäßig nodj beften Bemerkungen über den Sinfluß des Chriftenthums, wo
ber Zufammenhang mit der »politifhen Dekonomie« etwas fhärfer heraus:
tritt. Irogdem und obwohl zumeift nur ganz Bekanntes Wiedergost wich,
{ft ibm die Aufmerkfamkeit für diefen Gegenftand nadhzurähmen.
        <pb n="103" />
        d4

giöfen Lehre auf die wirthfhaftlichen Verhältniffe hoch genug. Die Kirche
ift ihrem Berufe nah Irkgerin und Pflegerin diefer Einwirkung auf den
inneren Menfchen. Sie tritt aber zugleich mit gefeßlich berechtigter Macht
al® ein Öffentliches fichtbares Infkitut auf und greift als folches auch un:
mittelbar in die äußeren SFonomifchen Verhältniffe ein. Als folches hat fie
die augenfälligften Wirkungen hervorgebracht, wo fie in einer Stellung war,
bie man gewöhnlich als die eines Staates im Staate bezeichnet hat. In
biefer wirkte fie theil® neben und mit der allgemeinen Staatsgewalt, theils
im Widerfpruch mit ihr, immer aber als eine befondere urfächliche Kraft
auch auf die Volkswirthfchaft ein; e8 brauchen Feine weiteren Gründe ange:
führt zu werden, weshalb wir die Fatholifche Kirche in den Jahrhunderten
des Mittelalters bei den chriftlichen Nationen Europas neben dem Islam
in den arabifch-türkifhen Ländern zu derfelben Zeit den mächtigften Einfluß
auf das gefammte BVolksleben in allen feinen Erfcheinungsfreifen ausüben
fehen. Für die äußere Bedeutung der Kirche ift immer die Bedeutung der
Religion in der von der Kirche fanctionirten Auffaffung für den inneren
Menfchen entfcheidend gewefen.
Ih kann auch hier die Gefammtmaffe des fih zur Ermägung andrän:
genden Materiales nicht von fern erfchöpfen. Ich begnüge mich hier damit,
um bie Sache felbft außer Zweifel zu feben, den Einfluß des Chriftenthums
auf die VBolkswirthfchaft gegenüber der Meligion der altelaffifchen Völker in
Kürze vorzuführen und daneben eine Skizze über den Umfang und die Art
der Einwirkungen zu liefern, mit welchen die Fatholifche Kirche in den erften
Seiten ihres Aufbaues in die Seftaltung der SEonomifchen Dinge eingriff.
Alle vorchriftlichen Religionen treten als Nationalreligionen auf;
fie ftehen deshalb mit dem politifchen Semeinwefen und der allgemeinen
Staatsgewalt in einer fo engen Verbindung, daß man eine felbfiftändige
Wirkung der Kirche auf das Äußere Leben unabhängig von den politifchen
Sewvalten Faum gewahrt, außer etwa dann, wenn die ftändifchen Intereffen
der priefterlihen Senoffenfchaften innerhalb des politifchen Semeinwefens in
Yuftegung gerathen, oder die fkaatlichen Semwalten von der MNationalreligion
und dem NMationalcultus abbiegen; aber auch nicht auf den inneren Menfchen;
 denn es fällt die Moral der Nationalreligion und die Moral des
Nationalffaates zufammen. Der Staat identificiet fich mit der Meligion
und die Religion mit dem Staate; die veligiöfen Gebote find Staatsgefeße
und die Staatsgefeße find als folche geheiligt durch die Religion. Die theo-Fratifchen
 Staaten des alten Orients —. wie auch fpäter die arabifch-türkifchen
Khalifate — zeigen eine fo enge Verbindung des religiöfen Lebens mit dem
politifchen und der Kirche mit der Staatsgewalt, daß wir Sfter fogar bie
Eirchliche und die politifche Dbergewalt in eine Spibe fich zufammenfehließen,
und die Beherrfchung der Sebiete heider wie in einer Merfonal: Union auf
        <pb n="104" />
        dö

baffelbe Fndividuum übertragen fehen. Da macht es denn durchaus Einen
Unterfchied, ob wir an der einen Stelle diefes, an der anderen jenes Clement
316 das vorherrfchende finden. In den altelaffifchen Staaten tritt aud) an
diefer Stelle die AUWes beherrfchende Macht des politifchen SGemeintwefens
fenntlich hervor. Die Religion ift nicht nur, mie anderwärts, auch bei den
Sriechen und Römern national, fie ift eine Inftitution des politifchen Se:
meinwefens mit der erklärten Aufgabe, die ftaatlihen Imecke des politifchen
Semeinwefens zu fördern, der Cultus fol die Kraft der Staatsgewalt vers
frärken, die NMeligion und der. Cultus blüht und finkt mit der Yuelle feines
Dafeins. Diefes ift ein fo hervorftechender Zug in dem altclaffifchen Leben,
daß wir 3. B. zu den Zeiten der fogenannten Meftauration der altelaffifchen
Riteratur in den Klagen der italienifchen Patrioten Kber den politifchen VBer-Fall
 ihres Baterlandes feit dem Verfall der römifchen Weltherrfchaft haupt:
jächlich auch diefen Borwurf gegen die Kirche hervorgehoben finden, daß die
Hriftliche Kirche die für die Größe Noms fo bebeutungsvolle Stellung der
alten Religion im Dienfte des Staates aufgegeben habe. Die religiöfe
Moral war nur eine Weihe der politifhen Moral des ftaatsbürgerlichen
Cebens, d. h. fie beruhte auf der Idee des Nechtes und der Berechtigung im
gefeßlichen Sinne. Die Neligion hHeiligte die nationale Fdee, daß das Boll
aut fich ferbft und fich allein gewiffermaßen in vollberechtigter Erxiffenz anerEannte.
 Wie fich die Juden als das augermählte Volk Gottes angefehen
hatten, dem alle anderen zu dienen beftimmt feien, fo erfchienen den Gries
hen alle ungriechifhen Wölker als barbarifche, die der griechifhen Cultur
und Herrfchaft zu unterwerfen feien (Bxoßagav EAiLNvas XOXEI Elu06),
und bei dem Römern war e&amp;amp; ohne alle praktifche Folge, daß fie ihre Lehtmeifter
 in der Cultur neben fih nicht auch zu den gentes Barbarorum
zählten. Nach außen hin tritt diefer Volksegoismus als Eroberung Fraft
Rechtes des Stärkeren auf, als Erftrebung einer thatfächlihen Beherrfchung
der Welt, wie fie fi im vmiithen Staate in voller Confequenz heraus:
zebildet Hat. Und mit den Völkern eroberte man ihre nationalen Gott:
heiten; wenn jene dem römifchen Staate einverleibt wurden, fo führte man
diefe auf das Capitol, »RMecht und Sefepe fchüßen nach den Begriffen des
Alterthums nur die, die fie binden, die Bürger des nämlichen Staates unter
zinander; Ausländer und Feind ift in den Sprachen des Alterthums ein
und daffelbe Wort. Ale Staaten befinden fich einander gegenüber rechtlich
in einem ewigen Kriegsflande, deffen thätliche Yusbrüche Alles, was dem
Menfchen heilig und theuer ift, bedrohen, Fein Mittel fhenen, felbft des
Wehrlofen nicht (honen und nur durch pofitive Verträge in Schranken ge:
halten werden. — Außer der Srenze feiner Heimath fteht der Menfch fofort
auch außer dem Sefege und als ein vSllig rechtlofer da, der nicht allein, um
‘tegendes But und Eiaenthum in einem fremden Staate zu befigen, eine
        <pb n="105" />
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Blrgerin deffelben zu hHeirathen u. f. w., fondern felbft zu feiner perfönlichen
Sicherheit der ausdrücklichen Zufage deffelben bedarf; und felbft die allge:
meine Erfheinung der Sclaverei, die felbft von den Weifejten der Nation
gebilligt und rechtlich begründet wird, ft nur eine natürliche Folge diefes
Srundfabes, der die Perfönlichkeit des Menfchen wefentlih an fein Bürger:
thum bindet; fowie fich daraus auch die Anficht erFlärt, die ein emwiges Eril
al8 bürgerlichen Tod der wirklichen Todesffrafe gleich ftellte« 1).
Nicht fcharf genug Fann man den entfhiedenften Segenfaß des Chri
feenthums gegen die Herrfchaft und Seltendmachung diefer Ideen hervor:
heben. Chriftus ffellte dem Mechte und der Berechtigung die Pflicht und
die Verpflichtung gegenüber, dem Egoismus die Nächftenliebe, nach welcher
man den Anderen lieben foll gleich wie man fich felbft liebt 7). Mit diefem
für die altelaffifche Welt nicht aufnehmbaren Gedanken war die Moral des
Einzelnen auf ein durchaus neues Fundament geftellt. Die Formel für die
praftifche Ausibung diefes Gedankens war nicht nur — wie man fonderbarer
 Weife fo oft mit größter Beftimmtheit gefagt hat, um dem Chriftens
thume den Charakter der bloßen Paffivität nachzuweifen — in dem Sabe
gegeben: was dur nicht wilft, daß dir die Leute thun follen, das thue ihnen
auch nicht, fondern auch — und zwar fogar auch In der Bergpredigt: was
dur willft, daß dir die Leute thıun, das thue ihnen auch 3. Das Chriftenthum
 hob die Weihe auf, mit welcher die NMationakreligionen den politifchen
Volksegoismus verklärt hatten, indem es fich fogleich als Weltreligion, "als
Meligion für alle Menfchen und Völker, Heiden und Juden, hinfellte; es
verfehmte den Volksegoismus; indem es die Sleichberechtigung aller Men:
[hen und Völker vor Sort ausfpradh, Es bedarf Feiner Undeutung, welche
Umgeftaltung dadurch auch unmittelbar für die volE$wirthfchaftlichen Vers
Hältniffe vorbereitet war, wie der innere und der Äußere Verkehr, das Ber:
Hältnif der Einzelnen wie der Völker zu einander, auf eine durchaus neue
Bafis geftellt erfcheint. Alles, was fi mit der Pflicht, der Billigkeit, der
Sleichberechtigung aller Völker der Menfchheit in Berbindung bringen läßt,
fchließt fich Hier unmittelbar an. Man Kann vielleicht die Folgen diefer
Srundfäge auf Feinem Lebensgebiete Höher anfhlagen, als auf dem wirthfchaftlichen.
 Das Chriftenthum ftellte weiterhin dem zeitlichen Leben ein
ewiges, den Erdenforgen himmlifche Shter, den irdifhen Intereffen des Leibes
 die berirdifchen der Seele gegenüber, und legte auf die Lebteren das Haupt:
gewicht. Indem e$ dadurch wohl die volitifch bürgerliche und namentlich

3]

So E. F. Hermann, Lehrbuch der griechifchen Staatsakterthümer, 3. Yufl.
Heidelberg 1841. S. 28 mit den nöthigen Belegen,
Matthäus 22, 40 u. fi w. .
Matthaus 7, 12, Lucas 6, 31,

)
3
        <pb n="106" />
        37

aud) die mwirthfchaftlihe Thätigkeit des Menfchen Herabfeßte 1), ficherte es
doch zugleich eben dadurch um fo mehr die thatfächlichen Wirkungen jener
Ideen der Pflicht, der Nächfkenliebe, der Sleichberechtigung aller Völker der
Menfchheit. Indem das Chriftenthum von Anfang‘ an entfchieden als
Weltreligion auftrat, hob es die Befchränkung der NMeligion auf das Gebiet
einer einzelnen Nation auf, Iöffe damit aber auch zugleich den engen Zufam:
menhang der Neligion mit der faatlidhen Gewalt. - In dem Yusfpruche
Shrifti, daß fein Neich nicht von biefer Welt fei, war die Emancipation der
Religion von den politifchen Jdeen und Trieben begründet, und wenn die
veligiöfen Ideen und Motive nicht durchaus die politifchen fih unterordneten
und erfüllten, fo war auch von da ab ein Segenfaß zwifchen der religiöfen
Moral und der politifchen und bürgerlichen möglich, der fo lange unmöglich
mar, als die Politit die Moral beherrfchte, weshalb wir die Aufhebung der
Rttlichen Moral in der Politik bei jedem Begeifferten römifchen Pojthumus
alsbald wieder hervortreten fehen (Machiavelli), Kndem auf der Hriftz
lichen Meligion fih eine hriftliche Kirche auferbaute, trat der Segenfaß
zwifhen den, politifhen und religiöfen Zdeen auch in das Äußere Leben und
in die verfhiedenen Formen deffelben; fobald die Hriftliche Kirche auch infos
fern eine römifche wurde, al8 fie die Kdee der Eroberung und der Herrfchaft
Äber die fichtbare Welt in fih aufnahm ; mußte der Gegenfaß zum Kampfe
um die ÖYbergewalt werden. Diefer Segenfag und Kampf zwifchen Staat
und Kirche bewegt insbefondere das Mittelalter der hHriftlichen VELEer Europas.
Hier Fönnen wir deshalb auch die vergleichweife ftärEften Einwirkungen der
Kirche auf die Volkswirthichaft wahrnehmen, welche mit den von der allge:
meinen Staatsgewalt ausgehenden Feineswegs zufammenfallen; aber fie
gehen durch alle Zeiten hindurch und treten auch fpäter, wiervohl theiltweife
in anderer Form, hin und wieder ffar£ genug hervor. Die Kirche des Mit:
tefalters aber hat nicht nur mittelbar auf die politifche Handhabung der
allgemeinen Staatsgewalt, namentlich auch in der. Sefeßgebung derfelben
#ngewirft, fondern auch von fich felbft aus manche in das voltswirthfchaft:
che Gebiet tief eingreifende Normen feftgeftellt, deren Befolgung fie durch
ve ihr zu Sebote ftehenden Mittel aufrecht zu erhalten fürchte. Werfen wir
Bier nur einen Blie auf die für ung wichtige Thätiakeit der Kirche, welche

6 ift bekannt, daß die Kirche bald einem fi entwicdfelnden Fanatismus
gegen den irdifchen Befiß überhaupt entgegentraf. Sehr Lehrreidh über die:
en Punkt ift die Ubhandlung des Ciemeng Ylerandrinus über die
Erage: Tis 6 owidusvos 6 1A000L0S, in welcher er die Anficht Dertheidigt,
&amp;gt;aß Chriftus den irdifchen Befig an fi nicht verwerfe, und die Cbhriften
ültın nur die Meinung vom Selde und die Megierbe nad) demfelben ab:
zuthun.
RES, polif. Deklonomie.
        <pb n="107" />
        JO

für die mittelalterlichen Staaten von Anfang ihrer Entfiehung an maßgebend
werden mußte.
Eine fehr aroße Zahl von Staatsgefeken, welche für die vollswirth:
jchaftlichen Verhältniffe von großer Wichtigkeit waren, wurden durch die
Kirche geheiligt und gefeftigt. Segliche Art von Betrug und Semaltthat,
Gefährdung der Sicherheit der Perfon und des Eigenthums und überhaupt
des Öffentlichen Friedens, Untreue in Handel und Wandel; {hlechte Serechtig:
Feitspflege, falfch Beugnifgeben, Unredlichkeit im Leihen, Kaufen und Ver:
Eaufen, in der Haltung der Berträge 1) u. f. w. wurde nicht bloß von Uns
fang an von der Kirche auch verpönt und mit den für fie anmendbaren
Strafen belegt, fondern fie nahm faft ausnahmelos einen firengeren Stand:
punkt ein als die politifche Staatsgewalt ?). Man muß auf diefe Thatigfeit
 der Kirche um fo mehr aufmerkam machen, als ihr offenbar für jene
Zeit die größere Hälfte des Erfolges zuzufprechen ift und als fie den Sehors
fam unter das Äußere Sefeß, welcher fih von Strafen fern hielt, in die
Sewiffenspflicht des inneren Menfehen erhob, der nach dem höchften Gute
trachtete, Maäßigkeit, Sparfamkeit und Arbeitfamkeit, d. h.. Sonne und
Regen für die wirthfehaftlihen Thätigkeiten, wurden von der Kirche empfohs
Jen und als hrifflihe Tugenden eingefehärft; der Müßiggang als die Muts
ter des Diebhitahls, das Gitesfpiel als die Gelegenheit und Beranlaffung
zu Betrug verpint 3), ja der Setvinn aus demfelben wie eine Art Raubes
hingeftellt 4) u. fü w.
Sewiß muß man jedoch weit über diefe und Ähnliche einzelne DBeftim:
mungen hinaus die folgenreiche Wichtigkeit einzelner ganz neuer Gefichtspunkte
 anfchlagen, welche die Kirche in Bezug auf mehrere bedeutfame Fras
gen aufftellte; fie ftellen fich mitten in das wirthfehaftliche Getriebe auch
unferer Zeiten. Wir vermeifen zunächft auf die Firchliche Beurtheilung des
Handelsgewinnes. In der älteren Zeit wurde mit Hintveis auf das Ber
Fahren Chrifti gegen die Wechsler im Tempel hin und wieder der Handel

Selbft Hinfichtlid der Stipulationen bei Heirathsverträgen heißt e6 im Ca:
non 54 des Concilii Mliberrit. (a. 305): Si qui parentes fidem fregerint
sponsaliorum triennii tempore abstineant a communione.
So führt Xuguftin den Diebftahl unter den letalia et grandia peccata
neben homicidia et adulteria auf (Tract. 12 in Evang. Joann. ed. Basil,
1569. IX. p. 112), und ebendafelbft p. 308 (Track. 41) ftellt er als crimina
neben einander homicidium, adulterium — furtum, fraus, sacrilegium.
Yehnlig Tertullian. de pudicit. 19,
C£. Coneil, lliberrit. can. 79. — Can. apostol, 42 et 43: ‘O0 xvßors
oyohdtwr xal udn — N navodada, N ApopKkEOd m,
5) Ambrosius de Tobia ce. 11,
        <pb n="108" />
        +4

überhaupt als ein des Chriften unmürdiger Erwerbszweig hingeftellt 1). Noch
Ceo der Große unterfchied mit Rückficht auf diefe Anficht den ehrbaren und
den fehändlichen Handelsgewinn 2). Allgemeine und bleibendere Anerken:
nung fand jedoch die AUnficht, nad) welcher von dem Handelsverkehre nur
dann ber Makel des Betruges fern gehalten erfchien, wenn die Preife der
Büter nicht nach der Nückficht auf das, was man erhalten Eonnte und geben
mußte, wenn fie, um mich fo auszudrücfen, nicht nach dem Marktpreife
feftgeftellt erfchienen, fondern wenn fie nach ihrem eigentlichen inneren Werthe
(Justum pretium) ge= und verkauft wurden. Erhebt man nicht den An:
[pruch, daß die Kirchenväter ihre Worte in die präcifen Formen moderner
Difkinctionen der tehnifhen Worte und Begriffe einkleiden follen, fo Kann
man fagen, bie Kirche wollte eine Seftftellung der Güterpreife im Handel
nach ihrem Sebrauchswerthe und den Herftelungskoften, und nicht nach
ihrem Zaufchwerthe und mit NüEkficht auf den möglichft großen Gewinn,
Der Käufer wie der Verkäufer kann fich deffelden Vergehens eines Betruges
fhuldig machen, je nachdem der eine oder der andere von der Unwiffenheit
feines Partners Vortheil zieht. Auguftin tadelt das Princip der Welt, nach
welchem fie nur immer billig Eaufen und theuer verkaufen wolle (»vili emere
et caro vendere«), und feilt ihm in einem Beifpiel das riftliche Berfahven
 eines Mannes entgegen, der als Käufer das justum pretium gegeben,
bgleich e&amp;amp; vom unwiffenden Verkäufer nicht verlangt war 3). Cbenfo wer:
ben die mannigfaltigen Arten, mit welchen ein Verkäufer von der Unkennt:
niß der Käufer Eigenvortheil ziehen Fann, verworfen; ja er foll diefe Un:
Fenntnif auch nicht fo weit benußen, daß er den Schaden, der ihm felbft
droht, von fich auf Andere abwälzt 4).
Es wird nicht nöchig fein, auf die Bedeutung diefer Gedanken, obwohl
fie nur als Forderungen auftreten und Ffeineswegs in ihrer mannigfaltigen
Wechfelwirkung mit allen Lebensverhältniffen erörtert werden, aufmerkam

)

Seloft Zertullian fagt noch: De idololatr. 11: Negotiatio servo Dei
apta est? Ceterum si cupiditas abscedat, quae est causa acquirendi:
CESSANiE CaUsa acquirendi, non erit necessitas negotiandi.
Epist. ad Rusticum ce. 9: Qualitas Iucri negotiantem aut excusat aut
arguit: quia est honestus quaestus aut turpis.
De trinit. XII, 3: Mimus ille — vili velle emere et caro vendere
 omnibus id credidit esse commune. — Scio ipse hominem, quum
venalis codex ei fuisset Oblatus pretiique ejus ignarum et ideo quidlam
 exiguum poscentem cerneret venditorem, justum pretium. quod
multo amplius erat nec opinanti dedisse etc.
Vergl. die Xusführung des Lactantius (V, 17 und 18 der Institutiones
Jivinae) gegen Carneades über die Verheimlihung der Sigenfhaften eines
Servus fugitivus und eines domus pestilens.

;)
        <pb n="109" />
        100

zu machen. € mag genügen, anzumerken, daß hier ein anderes Princip
als das der Verwirklichung des Eigenvortheils in dem Handelsverkehre fich
Seltung zu verfchaffen fuchte 1. - .
Allgemein bekannt ift die Stellung, welche die Kirche, ausgehend von
den Lehren und Mahnungen Chrifti, zu den Armen einnahbm. Um den
Contraft in feinem ganzen Umfange wahrzunehmen, muß man fich die chrifte
lichen Gebote der Nächftenliebe um SGotteswillen und die Unterftügung des
Armen um der freien Pflicht. willen den nothgedrungenen Staatsfütterungen
und den eigennügigen Einflußkäufen der Privaten in den altclaffifhen Zeiten
gegenüberffellen. Von Anfang an fah fi die Kirche als den Anwalt und
Bormund der Armen. an, wie fie die Unterfihgung des Nothleidenden durch
die Befigenden zum Sebote der Pfliht erhob. Während die Kirche alle
Schenkungen von Sütern verfhmähte, welche durch Beraubung oder Unter:
drückung der Yemen gewonnen waren 2), ercommunicirte fie dagegen Dies
jenigen, welche die Herausgabe der ihr vermachten Erbfehaften vermweigerten
oder fhmälerten, als »Mörder der Dürftigen« 2%. Dabei wurde jedoch der
Beruf des Menfchen zur Arbeit nirgends verfkannt und vor einer mit fchädz
lichen Folgen für die Arbeitfamkeit und die eigenen Erwerbsanftrengungen
der Armen verknüpften unbedachten Wohlthätigkeit ausdrücklich gewarnt.
Nur was die Menfchlichkeit und die Nothwendigkeit verlange, folle der Chrift
dem Nothleidenden geben, nicht was diefen zum betrügerifchen Faullenzer
mache 9).

a1

Der Verfaffer wird ausführlicher in einer eigenen Schrift den Einfluß der
KirdHe auf die politifhe Dekonomie im Mittelalter. zu begründen fuchen.
Die vorhandenen Sefchichtsdarftellungen geben über diefen Punkt wenigftens
Hinfichtlich der NMationaldkonomie fo gut wie gar nichts. Am meiften fällt
die gänzlidhe Leere bei dem fo Hriftlichen BVilleneuve-Bargemont auf,
obwohl er weitläufig albekannte Bibelftellen ausfchreibt.
Concilium Carthagin, IV. (a. 399) can. 94: Eorum qui pauperes opprimunt
 dona a sacerdotibus refutanda. Chrysost. homil. 86: 03 Bodietaı
Xot0r66 nieovekig toEmeodar,
Conc. Carth, IV. can. 95: Qui oblationes defunctorum aut negant ecclesiis
 aut cum difficultate reddunt tanquam egentium necatöres excommunicentur.
 .
Ambrosius de officiis II, 16: Liquet debere esse liberalitatis modum
ne Bat inutilis largitas: cujus sobrietas tenenda est, maxime sacerdotibus,
ut nom: pro jactantia sed pro justitia dispensent. — — Veniunt validi,
veniunt nullam causamı nisi vagandi habentes et volunt subsidia vacuare
pauperum, exanire sumtum: nec exiguo contenti majora quaerunt, — _—
Hi — — cito exaniunt pauperum alimoniis profutura compendia, Modus
adsit largijendi, ut nec illi inanes recedant neque transcribatur vita pauperum
 in spolia fraudulentorum. Ea ergo mensura sit ut neque humanitas
 deseratur nec destituatur necessitas.
        <pb n="110" />
        101

Sewviß if 08 auch eben die NMüEficht auf die Armen und Nothleidens
den gemefen, welche die Kirche im Unfhluß an altteffamentlidhe Stellen’ zu
wiederholten Verboten des Zinsnehmens von Darleihen bewog.
Die Unkenntniß über die werbende Kraft des Capitales 1) hat wohl gar
nichts dazu beigetragen, da auf allen damaligen Kirchenverfammlungen zus
mal aud) Glerifer aus griechifchen Ländern waren, und der erffe Bli auf die
gefeßlichen . wie . thatfächlichen Zinsverhältniffe fchon der alten griechifchen
Staaten (vergl. nur Bökh a. a. OD. IS. 173 ff.) eine folge Annahme
yurüchweift 2). Cbenfo finden wir, daß ausdrücklich wenigftens fchon die
Suftinianeifchen Sefebe gerade in gewerblichen und Faufmännifchen Sefhäften
acht Procent (»usque ad bessem centesimae«) Zinfen zu nehmen geftattes
fen, während bei andertweitigen Darleihen nur fechs, von graduirten Perfonen
aber nur vier Procent genommen werden follten 3). Die Hauptfache war,
daß Anleihen Hauptfächlich ‚zur Confumtion und von Armen aus Noth ges
fücht wurden, und die Hriftlihe Nächftenliebe in einen folchen Verhältniß
nur zur Hilfleiftung aufzufordern fchien. Cbhendeshalb befchränkte auch die
Kirche ihre Verbote des Zingnehmens nicht bloß auf-die ungewöhnlich hoben
3infen %), und auch. nicht bloß auf die getfklichen Släubiger, mwierwohl fie
mehrmals jene und diefe härter bedrohete 5). Doch 1ä6t (ich nicht vecht abs

)
\

Rau, Srundfäge der Volkswirthfhaftspolitik. Heidelb. 1839, 2. Aufl. 8. 319.
Xu Solon, ber doch die Seifachtheia anordnete, hatte ausdrücklich jede
Befchränkung des Zinsfußes unterfagt: TS &amp;amp;0ydor0p GrdoLuOp era Em’
Öncow dv Bodknıar d davellwr, Lysias adv. Theomn. 18.
Codex Justin. lib. IV tit. 32 de usuris leg. 26. Die Centesima, 5, bh.
00 für jeden Monat, alfo 12%; bhessis centesimae ober hinae trientes,
d. h.. zweimal Y, der Centesima. i
Wie die Centesima und über fie hinaus das sescuplum, Yurdias, wobet
bie Rückzahlung von Capital und Zine in % des Capitals beftand. Nebris
3ens waren in Griechenland mie in Mom die Wucherer und Geldverleiher
wegen der Hohen Zinfen, die fie nahmen, immer bei dem Volke verhaßt.
Sc habe die Preisfchrift von Jul. Müller: Ratio et historia odii quo
loenus habitum est, 1821, nit einfehen Fönnen, und weiß deshalb nicht,
ob auf fie geftüßt Nofher (Grundrif u. 1. w. S. 21) den irrigen Aus:
"pruch thut: nur die fpäteren Nirdhenväter Hätten das 3Zingnehmen gemiß:
silligt. Wenigftens it es gegen den gewöhnlichen Brauch, einen Cyprian
‚de lapsis. edit, Paris 1684. p. 170), Hieronymus (Com. in Ezech.
edit, Francof, 1684. t. V. p. 367 C), Umbrofius (de Tobia ec. 12)
u, f. mw. zu den fpäteren Kirhenvätern zu rechnen. Eine große Zahl von
Soncilien hat die Beftimmung der Sache nad) nur wiederholen Können,
veldhe fchon das allgemeine erfte NicänifkHe Soncil ganz allgemein im
17. Canon gegeben hatte: ”Kdıxalworv 4 avvodos we el tıc EUgeTEln Meta
töy 6g0v ToUTOV TÖXOUE ACUßarwV Ex METOYELOLGEWS T} EÄAWS METEQXOUEVOS
6 nQEyur | Yusohlas dhandr % Ölws Frepöy tı Anıwvodv «lo yo0V
        <pb n="111" />
        102

fehen, aus welchem Grunde manche Schrifefteller an der unumtvundenen
Arterkennung diefer gefhichtlichen Thatfache etwas abzuziehen geneigt et
feheinen 1). Wir Fönnen auch hier fowohl in Bezug auf die bereits er:
wähnten Punkte, wie rücfichtlich der noch zu erwähnenden Thatfachen e8
nicht ftarE genug betonen, daß aud) die Gewalt, welche die Kirche über das
gefhichtliche Leben ausübte, durchaus nicht weder Zwecke noch Mittel mit
Nückficht auf die Förderung der vollswirthfhaftlichen Intereffen und
Strebungen ausmwählt, daß fie vielmehr die eben ihr eigenthümlichen Ten:
benzen verfolgt und in Allem, was fie will und thut, nur auf die Erreichung
ihres Zieles blickt. Es ft hier auf rein vollswirthfchaftlidem Gebiete weder
etwas anzugreifen noch zu vertheidigen, fo oft man auch beides verfucht hat.
Disparat fellt fi das religiöfe Intereffe dem wirthfchaftlichen gegenüber,
und jedes mürde des Sieges gewiß fein Fönnen, wenn e8 die Anfprüche zur
Ynerfennung bringen Fönnte, daß auf feinem Boden allein die Streitfrage
erledigt werden müffe. Und gewiß läßt fich nicht behaupten, daß die voll
wirthfchaftlihen Schriftfteller vorzugsweife geneigt gemwefen feien, die gefchicht:
lichen Mächte und ihre Wirkung für die allgemeine menfchheitliche Entwick:
fung von einem allgemeinen Standpunkte aus, der die neben einander fich
geltend machenden Strebungen zugleich überfchaut, zu würdigen und abzu:
Tchäben.
Wir unterlaffen e&amp;amp; hier, auf eine große Zahl einzelner Punkte hinzu
weifen, ‚in denen fich der fo fehr überfehene gefchichtlihe Einfluß der Kirche
auf die ÖEonomifchen BVerhältniffe manifeftirt hat, wie in der Heiligung der
Sonn: und Fefktage, in dem Prieftercslibat, in der Umbildung des Urtheiles
über die twerkthätige Arbeit, in der Verbreitung der Gewerbe und des Lurus,
in der Einfhränkung des regelmäßigen Fleifchverbrauches ut. f. w. u. f. w.
Nur Eines möge hier noch eine Kurze Erwähnung finden, der wirthfchaft:
liche Einfluß, welchen die Kirche auf die Geftaltung der SGrundeigenthums:
verhältniffe auskbte, Bei der großen Bedeutung, welche fchon die Art der
Bertheilung des Grundeigenthums auf das Wolks- und Staatsleben anetr-Zanntermaßen
 immer gehabt hat, wird man nicht umbhin Eönnen, dem ge:
waltigen Einfluffe der mittelalterlihen Kirche auf diefelbe neben der gefchicht:
lichen Bokksfitte und den maßgebenden Normen der Sefeßgebungsgetwalt des
Staates eine bedeutfame Stelle einzuräumen.

xE0dovs Evsxa xadaıgedNosraL Tod xAngor ab AMOTOLOS TOU KAVdvog
foraı. Schon zwanzig Jahre vorher hatte das Concil. Miberrit. (can. 20)
bag 3inenehmen bei Laien wie bei Seiftlidhen gemißbilliat. Cbhenfo Erfteg
Soncik zu Carthago (348) im can. 13 etc.
Baal. z.B. die Öffentlichen Briefe über Capital und NMente zwifhen Baftiat
und Yroudhon, insbefondere den Brief Baftiat’s8 vom 24. Dec. 1849.
        <pb n="112" />
        103

Wie es fihh au mit den thatfäclichen Zuftänden der Kirche in den
Zeiten vor Conftantin verhalten haben mag, gewiß hat fich an Fein Sefeß
biefes chHriftlichen Kaifers eine fo folgenreihe Entwiklung angefhloffen als
an dasjenige, durcy welches der Kirche als folcher Schenkungen, die in ihr.
Sigenthum übergingen, zu hbermachen ausdrücklich geftattet wurde 1). Denn
von da ab war bei der immer eifeigen und mwerkthätigen Dankbarkeit neus
hefehrter Völker gegen die das Seelenheil fpendende Kirche die Selbfiftändig:
Bett der Hriftlichen Kirche von der weltlichen Gemalt und ein großer NMeichs
um derfelben namentlich au an Srunddbefig in fichere Ausficht zu ftellen,
während zugleich eine Grundanfchanung der germanifchen Völker über das
Privateigenthum an Grund und Boden durch die Schenkungen an die Kirche
durchbrochen murde (fiehe unten). Auf dem Concil zu Ariminum 359 fpraz
hen fich alle Bertreter der Kirche, mit Yusnahme dreier Bifchöfe der damals
noch fo armen englifchen Kirche, gegen den Srundfag aus, daß die Glieder
der Kirche von dem Staate erhalten und verforgt werden follten. Aus der
weiteren Entwicklung der Sefeßgebung und der thatfächlihen Verhältniffe
machen wir hier eben nur auf den einen Punkt aufmerkfam, daß die Kirche
im Laufe der nächffen Jahrhunderte fafßt in allen AHriftlihen Landen eine
ganz ungeheure Maffe von Grund und Boden in ihrem Befige vereinigte,
welcher fich zum Theil felbft über ein Drittheil des gefammten Landes erhob 2).
Wie rafh fi z. B. felbft die römifche Kirche in England zur Zeit der angel
Tächfifchen Herefchaft erhalte, dafür Fnnen die erhaltenen Schenkungsurkunben
 wenigfiens annähernd eine Anfchauung liefern 3. Die Centralifation
des Grundbefiges in den Händen der Kirche befchleunigte daffelbe Ergebniß
hinfichtlich der Latengüter in den germanifchen oder germanifirten Lehens:
ÄHaaten; mit Mecht kann man die Auflöfung des Standes der Freien und
einer. auf unentgeldliche Dienftleiftungen der Unterthanen gegründeten
Staatsverfaffung auf die Unhäufung eines Foloffalen SGrundbefikes in todter
Hand zurückführen. Sm Allaemeinen aber merden wir auch hier daran et:

X

Habeat Wnusquisque licentiam sanctissimo catholicae (ecclesiae) -venerabilique
 concilio decedens bonorum quod optaverit relinquere. Cod.
Thend. lib. XVI. tit. 2, de episc. leg. 4. — Cod. Justin, lb. I. tit. 2.
de sacrosanct. eccles. leg. 1.
Bgal. 3. B. über die Verhältniffe im fränkifdhen Reich den AbfHhnitt »vom
Kirchengut« in P. Roth: Sefdhichte des Beneficialwefens von den älteiten
Zeiten bis in’s8 zehnte Jahrhundert, Srlangen 1850.
Codex diplomaticus aevi Saxonici, Opera J. M. Kemble. Published hy
authority of the Historical Society of London. 6 Bde. London 1839—
1848; wozu man nod) die gewöhnlichen Sinkommensquellen des angelfächfifchen
 Clerus in jener Zeit Hinzuredhhnen muß. (Kemble: The Saxons in
England etc. London 1849. Vol. II. chap. 10.)
        <pb n="113" />
        104

innert, wie ungefchichtlich die Anficht Derjenigen ift, welche die Wirkungs-Eraft
 der von der Kirche gepredigten Grundfäge dadurch entfräftigt wähnen,
daß in Bertretern der Kirche felbfifüchtige Motive nachgewiefen werden Können.
&amp;amp;8 mag bei. diefer Undeutung über diefen Bruchtheil 1) des Cinfluffes
der Kirche auf die wirthfchaftlichen Verhältniffe des Mittelalters fein Bewen:
ben haben. €$ iff bekannt, wie eng fich alle politifchen und Skonomifchen
Bedingungen jener Zeit an den Srundbefig und feine Formen an[chließen.
Die Kirche ft in diefe BVerhältniffe durchaus nicht aus wirthfehaftlichen
Sründen gefebt worden; Kräfte aus einer anderen Sphäre tragen ihre Wir:
Tungen auf das Gebiet der SEonomifchen Verhältniffe hinüber; fie flehen
unter dem Einfluffe derfelben, fo lange die Kirche die ‚einmal -errungene thatz
Tächliche Macht über die Gemüther zu behaupten vermag, auch wenn vielz
leicht die mwirthfhaftlichen Schäden fich Längft  offenfundig bewiefen haben
und fhmerzlich empfunden worden find. Wenn ein ungünftiges SEonomifches
NRefultat hervortrat, fo muß der gefhichtliche Caufalnerus da ganz verkannt
erfcheinen, wo man Feine andere Alternative fennt, als daß man enttweder
die Erftrebung folcher Folgen oder die NichtEenntnig und Nichtbeachtung
derfelben als wirthfchaftliche Sünde anredhnet, Der ganze Zufammenhang,
in welchem wir jene Erfcheinungen treffen, Harakterifirt eine befondere, von
der unfrigen ganz verfchiedene gefchichtliche Periode, in der wir den Einfluß
der Kirche auf die BVolkswirthfchaft feftftellen Fönnen, ohne daß wir an die
Stelle der Motive jener Zeit die in der Segentwart herrfchenden feßen, für die
allgemeine Grundlage aller Verhältniffe in der erfteren die Fundamente der
leßteren eintreten [affen dürften.
Sanz allgemein aber wird man den Einfluß der Kirche auf die wirthfhaftlichen
 Verhältniffe insbefondere auch deshalb hervorheben müffen, weil
die Pflege der religiöfen Intereffen und die Mahnung zu ihrer Bethätigung
ig dem praktifchen Thun und Treiben des Menfchen ihr eigentlicher und
fortdauernder Beruf ift. Es wird wohl Heutzutage darauf ein großer Nach»
druck gelegt werden dürfen, nachdem e$ wenigffens gefchichtlich beurkundet
ift, daß der Theorie nach die Moral der wirthfchaftlichen Thätigkeit und die
Moral der Religion zwei fehr verfhiedene Dinge find. In der That ift
diefer Gegenfaß fehr groß, wenn man als den Kern jener die Verfolgung des
Cigennubes und Privatvortheils, wenn auch immerhin des foa. »richtig verz

a

Es mag hier nur nod) beifpielsweife erwähnt werden, daß die gefhichtliche
Entwicklung der perfönlihen Arbeit (altclaffifche Sclaverei, germanifdhe Knecht:
[aft, Knechtfchaft der Scholle, Leibeigenfchaft u. f. w.) gar nicht zu tren:
nen ift von ben gefhichtlihen Einflüffen der Kirde. Auch UWdam Smith
erwähnt einmal (III, 2) einer Bulle Xlerander’s IN.; aber es find gar viele
Bullen, Kirhenverfammiunasbefchlüäffe 1t. f. m. zu erwähnen.
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        105

tandenen« feßt, Die Religion identificirt die Selbffliebe mit der Nächftenz
jebe, den Eigennuß mit der Hingebung, und treibt nicht nıre zur Dämpfung
der Selbfifucht, zu Entäußerungen durch Wohlthätigkeit, fondern auch zur
Energie für den Anderen felbft bei eigenem Schaden, zu einer Art von
Heterismus im SGegenfabe zum Egoismus. Es iff aber offendar durchaus
unangemeffen, diefe religiöfen Triebkräfte nur da zu ftatıiren oder nur da
ju finden und in Betracht zu ziehen, wo der Privategoismus gewiffermaßen
al$ laesio enormis auftritt,‘ in »Uebertreibungen« fich geltend macht, welche
Oo zu fagen allen Anftand verlegten 1), vielmehr handelt e$ fich hier natlırz
Ächerweife um ein, continuirlich mwirkendes Motiv in dem Menfchen, das zu
Tärken und Febendig zu erhalten die Kirche berufen erfcheint. Und hiermit
übt fie einen, wenn auch mathematifch unberechenbaren, ficherlich jedoch fehr
3roßen Einfluß auf die öfonomifchen Verhältniffe aus, der gewiß weit höher
in feinen Erfolgen anzufdlagen ift, al8 die Erfolge der negativen vor Ber:
legungen, Beraubungen u. f. w. fchlisenden Staatsmaßregeln, und welcher
am fo ficherer in Anrechnung gebracht werden muß, wenn man in die Ent:
Faltung der Kräfte des Tigennubes die Förderung der Volkswirthfhaft febt.
Diefer Einfluß wird natürlich größer oder geringer fein, je nachdem die
Kirche ihres Berufes mit Kraft und Lauterkeit eingedent {ft oder nicht, und
ie nachdem die religiöfen Triebkräfte des Menfchen in einer Zeit in lebens:
voller Thätigkeit wach und rege find oder nicht. Auch an biefer Stelle wer
den wir gemahnt, die volkswirth[haftlihen Agentien und Erfcheinungen
unferer Zeit al8 ein gefchichtliches Fragment zu begreifen und fie weder als
das Ganze und Allgemeine noch als den Typus aller SEonomifchen Yhafen
und Evolutionen hinzuftellen. Und wenn e8 doch einmal, um das Berhältz
iß in feiner vollen Allgemeinheit zu faffen,. nicht geleugnet werben Fann,
daß die energifche Thätigkeit des Menfchen- für Sewinnung von Sachgütern
nicht an fih mit der Verfolgung der Intereffen zufammenfällt, welche man
— gleichviel ob paffend oder unpaffend — als die »höheren« jenen gegenüber
su ffellen pflegt, fo wird man auch dann die Kirche im Auftrage der Religion
einen. gewaltigen Einfluß auf die Erfolge der wirthfchaftlichen Thätigkeiten
dadurch ausüben fehen, daß fie fortwährend den Menfehen auf die lebendige
Ergreifung jener höheren Intereffen als auf ‚die Hauptfache zur Erreichung
feiner ewigen Beftimmung antreibt, fo daß fie Hier gewiffermaßen ein conz
änuirlih wirkendes Gegengewicht gegen die Mahnungen und Wünfche der
Volkswirthfchaftslehre aufftellt.
Es führt uns diefes unmittelbar zur Ermägung und Beherzigung der
Siftorifchen Thatfache, daß wir in verfchiedenen Perioden der menf{chheitlichen
Sefchichtsentwicklung beftimmte Xdeenrichtunaen und geiftige Strömungen,

” Rau. Ausführliches über dieflen Yunkt fiebhe weiter unten.
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        106

welche Feinesmegs den‘ wirthfchaftlidhen Intereffen der Einzelnen wie der
Bölker zu dienen befähigt erfheinen, mit einer vorherrfhenden Stärke, oft
mit hinreigender Semalt fih Seltung verfehaffen fehen. Denn auch die ges
waltigen Einflüffe, die vorherefchende Sewalt der religtöfen Ideen rechnen
wir hierher, welche an fich Eeinesweg&amp;amp; mit der beftimmenden Macht der
Kirche zufammenfallen. Sie Eönnen fich neben und.mit der Kirche, forie
auch gegen fie Geltung zu verfchaffen fuchen, wenn auch durch das Verhälts
niß, in weichem die Kirche zu ihnen fteht, das Maß des Einfluffes der lebs
teren auf das Leben  wefentlich bebingt erfheint. So müffen wir ebenfalls
bon einer Herrfchaft politifcher Ideen in gewiffen Zeiten und Völkern neben
dem. Einfluffe reden, welchen die Staatsgewalt überhaupt auf die volf$wirths
fehaftlichen Berhältniffe auszuüben vermag und wirklich aushbt. Denn es
handelt fich hier um die affectvollen Strebungen und inftinctiven Triebkräfte
des inneren Menfehen, die in einem unfichtbaren Boden ihre faftigften Wurjeln
 treiben. Offenbar beruht der eigenthümliche Charakter der einzelnen
gefhichtlichen Perioden hHauptfächlich eben darauf, daß fich beftimmte Kdeen
und geiftige Strömungen Bahn ‚brechen, die Herrfchaft Über die Gemüther
zu erringen und zu behaupten vermögen. Der eigenthümliche Charakter der
einzelnen Völker, die beftimmte Stufe ihrer Entwicklung fpricht fih dann
im Befonderen durch die Art und Stärke aus, mit welcher bei ihnen die all
gemeine NMichtung. eine fpecielle Geftalt annimmt. Ueber alle Seiten des
Lebens erftreckt fich dann die Wirkung jener Strömung der SGeifter, alle etz
halten von ihr merkliche Eindrücke, Freilich pflegen Ideen, welche neue
Wahrheiten mit ergreifender Stärke verkünden und ebendeshalb weit ver:
breitete Unerfennung finden, fich weit über ein fachgemäßes Ziel hinaus
BSeltung zu verfhaffen; die Leidenfhaftlihen Affecte erfaffen, was fie tief
bewegt, mit einfeitiger Energie, und felbft für die ruhigere Neflerion fcheint
e8 Pflicht der Confequenz zu fein, nad) den Forderungen einer netten als
allgemeingiltig angenommenen Wahrheit überall das Alte und Hergebrachte
umzugeffalten, Aber der almälig eintretende Nückfchlag, welcher die natur:
gemäßen Grenzen feßen hilft, Leitet eben eine andere Zeit ein und vermag
doch nicht die Machwirkungen des Uebermaßes aufzuheben. Doch twohrde
man die Wahrheit und die Tragmeite diefes Gedankens ganz ungebührlich
beeinträchtigen, wenn man feine Siltigkeit nur auf die Fälle befchränkte,
too wir die Herrfchaft gewilfer Ideen in den Tafeln der Sefchichte mit
Eoloffalen Schriftziügen aufgezeichnet finden. Yu in den »ftillen« Zeiten
ift e8 nicht anders, auch in ihnen herrfchen eigenthümliche Srundtöne vor,
die fich aus der Gefammtmaffe der Erfcheinungen heraushören laffen. Nur
mag e8 dann fchivieriger fein, die befondere Nichtung der geiftigen Strömung
feftzuftellen, da ihre Bewegung mit geringerer Kraft auftritt, ihre Spuren
leichter find, obmobl fie fich auch fo in dem Thun und Treiben, wie in dem
        <pb n="116" />
        107

‚Dichten und Denken« bekundet. Darum ift die Literatur einer jeden Zeit
in fo bedeutendes Merkmal des Seiftes, der in ihr waltet, fotwohl in ihrem
Yuftreten an fich, ihrer Gattung nach, als durch die Art und Weife, wie fie
ich einführt und den Strebungen der Zeitgenoffen »das Wort vom Munde
nimmt...

SFegliche allgemeine Schematifirung des empirifchen Lebens wird immer
durch die Detailforfehung gebrochen. Diefe führt immer zur Einficht in die
Mannigfaltigfeit und in das Concrete der Verhältniffe und Entwicklungen.
Uuc) mit der Charakterifirung der drei großen gefchichtlichen Perioden mit
Rückficht auf eine Herrfchaft der politifch = ftaatlichen, der religiös = Firchlichen
und ettoa der individuell: bürgerlichen Intereffen ift wenig gewonnen, wenn
man damit den Sedanken an eine ausfchließliche Wirkfamkeit der entfpre:
chenden Factoren in jenen Zeiträumen oder auch an eine Befhränkung der:
jelben auf fie allein verbindet. Es find immer allgemein menf{chliche, in
der gefhichtlichen Entwicklung nirgends ganz zurücktretende Intereffen, die
fi in einzelnen Zeiten eine vorwiegende Bedeutung zu verfhaffen vermögen
und die auch dann nur wie Strebepfeiler auf dem gefchichtlich fich Ändern:
den allgemeinen Lebensgrunde ficdh erheben, Daher rührt dann die Verfchie:
denheit der Wirkungen und Erfheinungen, wenn wir eine im Allgemeinen
homogene Michtung der geiftigen Strebungen in anderen Zeiten aufs Neue
mit großer Stärke hervortreten fehen. Cbhendeshalb erfcheinen jedoch die Zeiz
;en der Blüthe z. B. des römifchen Staatslebens in der Älteren Zeit immer:
hin trefflich geeignet, ung die weittragenden Wirkungen der auf die politifche
Sröße und Macht des NMationalitaates gerichteten Ideenftrömung zu vers
gegenwärtigen. Ale Triebe, alle Formen, in denen fich das individuelle
menfchliche Leben wie das Leben ganzer Völker zu manifeftiten pflegt, ftehen
unter dem Einfluffe einer gewaltigen Strebekraft, Was gilt die Verwandtenliebe
 und der Jamilienverband gegen die Hingabe an die Sffentlihen
Inteveffen, was der Neichthum aus der Ermerbthätigkeit und der mit ihm
Derbundene Genuß gegen die Mühen und Laften des Kriegsdienftes und das
Andenken der für die Größe des Semeintwvefens auf dem Schlachtfelde Ges
fallenen. Neben der Foloffalen Größe des Staatseigenthums gewahrt man
Baum den geringfügigen Privatbefig mit feinen befhränkten Mechten; den
Staat reich, die Einzelnen arm zu erhalten, gilt alg Weisheit; damit der
Bürger ganz Bürger fein Fönne, erfcheint die Sclaverei nothwendig und gut.
Die Religion und der Firchlihe Nitus dient den yolitifhen Intereffen, der
Krieg ft Eroberungskrieg und Kampf um die Weltherrfchaft, das BVöllerrecht
 ift das NMecht des Stärkeren. Wie ein Makrokosmus fteht das Ges
meintvefen da und auch die getwaltigften Einzelnleben regen fidh nur als
Muskeln deffelden.
Die religtöfen Ideen des Chriffenthums zerfekten ihn, Wie eine Wur:
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        108

zelfafer fich in die dünne Spalte eines mächtigen Felfens drängt, fich dehnt
und dehnt, bis fie die gewaltige Steinmaffe fprengt, fo hatte das Chriftens
um fih in den Koloß des römifchen Staates gedrängt und ihn gefprengt,
ehe die Kraft der Barbarenvölker in ummwarf. Alle feine BSrundgedanken
der Nächftenliebe, der freien Pflicht, der Hingebung, des Neiches von jener
Welt fanden im confradictorifhen Segenfaße zu den Lebenskräften des
römifchen Reiches, ‚Doch bedurfte e8, um die volle Tragweite einer Herr:
fehaft der religiöfen SJdeen zu entfalten, eines Subftrates, das eben die get
manifchen Barbarenvölker darboten. Dann aber gewahren wir auch die
total veränderte Seftaltung aller der Erfheinungen, die. wir vorher erwähnten.
Selbft der Sermane entfagte dem Sihcke des Samilienlebens, um fich ganz
dem überirdifchen Heile zu ‚Leben, die religiöfen Ideen beherrfchen die natio:
nalen, und während man die UArmuth um Chrifti willen fuchte und alle
Büter diefer Welt geringfehäbte, ertwuchs die Kirche zum reichten Befiber,
fo daß felbft die Könige Hagen, wie ihnen fo wenig übrig verblieben ft.
Die Kirche erftrebt mit Erfolg die Herrfchaft Kber den Staat, feine Kraft
dient der Verbreitung des Chriftenthumes aud) mit dem Schwerte, der Krieg
wird zum Kreuzzuge, der Papft fchlichtet die NRechtsftreitigkeiten der Völker,
während fich alle politifche Sefammt£fraft immer mehr durch die internatio:
nalen Mikrokosmen paralufirt.
Wenn jedoch objective Mächte ihren. beherrfchenden Einfluß verloren
Haben und der Individualismus fi Bahn bricht, dann treten an die Stelle
freudiger Opfer für das Allgemeine ungeftüme Unfprüche an daffelde. Der
mächtige Trieb der Einzelnen, Überallbin ihre unbegrenzte Selbftftändigkeit
auszudehnen, ffemmt fi auch gegen die Schranken, welche zum Wohle der
Sefammtheit dem Einzelnwillen auferlegt find. Die Sffentliche Freiheit
wird dann wohl dem Einzelnen gleichbebeutend mit der Herrichaft feiner
Meinungen und Intereffen. Selbft die Hingabe pflegt. fich auf den dem
Einzelnen näher ffehenden Kreis zu befchränken, fie zeigt fich als Hingabe
des Einzelnen für das Wohl feiner Familie, MNMirgends kann fich der nz
dividualismus durchgreifender Senüge thun, als in dem Gebiete des Privat:
eigenthums;. darum fühlt fich SYeder in ibm mehr und mehr recht und
allein zu Haufe; darum wird der Erwerb von Sachgütern zur Lebens:
aufgabe der Menge, der Egoismus die mächtige Triebfeder zu den gewaltig
ten Kraftanfirengungen. Fa durch ihn erfcheint Leicht das öffentliche Wohl
am beften gefördert, wenn von einem folchen überhaupt noch in einem an:
beren Sinne die Rede ift als fo, daß e&amp;amp; mit dem Wohle aller ifolirten Ein
jenen zufammenfällt. Die allgemeine‘ Staatsgewalt fol nur alle Schranz
Sen der individuellen privatrechtlichen Sreiheit, forwwie des individuellen Erwerbs
befeitigen, im Frieden die Wege des Erwerbens fhirmen und ausdehnen,
Krieg nur um der materiellen Intereffen willen führen, in Allem aber die
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        109

Wohlfeilheit ihrer Leiftungen zum bedingenden Mugfkab ihrer CThätigkeit
machen, d. h. den Privatbefiß unter allen Umftänden wenig für Sffentliche
Zwecke anftrengen. Die Freiheit der religiöfen Ueberzeugung erfcheint dem
Einzelnen wie ein über allen Wergleich höheres Sut als die Semeinfchaft
ve$ Eirchlichen und confefficnellen Verbandes. Ueberall fegt fich an die Stelle
allgemeiner und objectiver Normen das Einzelnintereffe der fpröden Subjec:
Hvität. Der Monadismus fucht alle Firmen der Semeinfchaftlichkeit zu
Üprengen und die, welche er im Intereffe der Einzelnleben auferbauen will,
lollen den ganz freien Willen derfelben nirgends befchränken. .
Es hat für die Löfung unferer Aufgabe Fein Yntereffe, diefe fragmen:
sarifchen Andeutungen aus den Blättern der SGefchichte zu vervollftändigen ;
auch fo genügen fie unferem Zwecke, den erften Srundgedanken in der Aus:
führung des- nächften Abfchnittes einzuleiten und zu ffüßen. . ECbendeshalb
anterlaffe id) es, hier den Nachweis zu führen, wie einzelne in einer Zeit
leidenfchaflidh aufgenommene Ideen, etwa von einer abfoluten Steichheit
aller Menfehen, die Principien einer determiniftifchen und. fataliftifchen Welt:
anfchauung oder des Humanismus u: f. mw., auch auf dem wirthfchaftlichen
Bebiete die Spuren ihrer Kraftäußerung Fenntlich genua ausgedrückt haben.

Die Handlungen und Befchäftigungen des einzelnen Menfchen zeigen
‚war dem Gegenftande nach, welchem fie fich zuwenden, forvie hinfichtlich
9e8 Grades und der Art von Kraft, welche thätig wird, eine große Mannig:
faltigFeit und BVerfchiedenheit ; aber fie laffen fich alle auf einen gemeinfamen
Urfprung in dem einheitlichen Seifte des Individuums zurückfhhren. Daher
fommt ihre Analogie, aus welcher der Beobachter die Charakteriftik und
Würdigung des einzelnen Menfchen gewinnt, daher die Einwirkung ganz
Ipecieller. Influenzen auf das gefammte Thun und Treiben des Individuums.
&amp;amp;8 ift anerkannt und auch oben hervorgehoben, daß ein Ähnlicher Zufammen£lang
 aud) aus den Lebensäußerungen eines ganzen Volkes hHeraustönt,
welcher zur Erfenntnif feines Charakters leitet; auch der radicalfte Kosmos
politismus Hofft erft von der Zukunft, daß Volksgeift und Nationalität ein
leerer Schall fein werde; wie von einem einheitlichen Kern aus umfaßt das
gefhichtliche Dafein eines Bolkes die verfhiedenen Lebenskreife, und gerade
deshalb, weil durch alle diefe ein einheitlicher Seift weht und alles Einzelne,
Son einem gemeinfamen Kreisring ‚umfehloffen, in einer Sefammtbeivegung
üch entwickelt, ift ein Bolk. etivas Anderes als eine beliebige Summe von
einzelnen Xndividuen.
        <pb n="119" />
        410

Auch die wirthfhaftlihen Zußände und Entwidlungen
der Bölker dürfen nur als ein mit dem gefammten Lebens:
Organismus derfelben eng verbundenes Glied angefehen
werden... Die Volks mwirthfchaft ft in der Wirklichkeit nichts Sfolirtes,
in fich Berfelbfiftändigtes, für fih Eigenthümliches, fie ft nur die SEono:
mifche Seite des einheitlichen Volkslebens, e&amp;amp; handelt fich immer. um daffelbe
WolE, hier nur in feiner wirthfchaftlichen ThätigFeit, deren Art und Charakter,
deren Zuftand und Wandelung unter dem Einfluffe des einheitlichen Spring:
quelles für das gefammte Bolksleben und im verwandten Zufammenhange
mit‘ allen ThätigFeitsäugerungen deffelben ffeht, mit ihnen fich einheitlich ent:
wickelt und wandelt. E$ ift eine natlırliche Folge diefes Sachverhältniffes,
und umgeFehrt wird das leßtere naturgemäß dadurch begründet, daß diefelben
Eiementarfactoren für die Bolkswirthfchaft, wie wir fie oben hingeftellt haben,
zugleich die Grundbedingungen für die gefchichtlihe Eigenthlmlichkeit des
gefammten Bolksiehens find, wo und wie fich daffelbe immerhin bethätigen
möge; wir haben nur ihre mwirthfchaftlidhe Bedeutung außer Frage zu ftellen
gefucht. Ehenfo wirken alle gefhichtlichen Wandelungen diefer Factoren wie
auf die Volkswirthfhaft fo auf das nationale Gefammtleben, und es erhält
fich perpetuirlich die Analogie und der innere Zufammenhang zwifchen allen
Eebensäußerungen eines Volkes. Man kann durchaus nicht die wirthfchaftlichen
 Lebensfreife von den politifhen oder den religiös-Firchlichen oder irgend
anderen trennen, welche man fidh als SGegenftand einer befonderten Betrachtung
 herausgreift. Sie ftehen alle in verwandtfchaftlidhem Zufammenhange
und bedingen einander gegenfeitig.. Wenn oben, um den ftet$ concrefen
Zuftand der gefhichtlichen Bolkswirthjhaft feftzufiellen, auf die immer ges
[chichtlich conerete Einwirkung der ftaatlichen und Eirchlihen Berhältniffe,
bes Capitales, des Eigenthumes, der perfönlichen Arbeit hingewiefen wurde,
fo ift ausdrücklich hinzugefügt worden, daß man, um den Beweis vollftän:
dig zu führen, eigentlich auf alle Erfeheinungsfreife hintwveifen müffe, in denen
fich das gefchichtliche Leben eines Volkes Fund gebe. Keiner hat eine iolirte
Eriftenz und eine für fich beffehende, aus dem allgemeinen Zufammenhange
abzulöfende Nufgabe; wie AUe zufammenhängen, fo wirken Alle auf einander
ein und entwickeln fich mit einander. Es Eönnen fich wohl Neugeftaltungen
als die Ergebniffe einer vorgefchrittenen Entwielung im allgemeinen Bolksjeben
 auf einem einzelnen Sebiete zuerft in deutlicherer Seftaltung, mit
fcharf ausgeprägtem Charakter herausbilden, aber diefes partielle Dafein ift
nur die Erfcheinung des allmäligen Werdens, das fich in einer das Sefammtleben
 umfaffenden Reihe nicht bloß gleichzeitiger, fondern auch auf einander
folgender Umbildungen vollzieht. Die Verhältnigftelung der einzelnen. Thäz
tigFeitsEreife eines Wolkslebens zu einander ift durch die Beziehung bedingt,
in melcher fie zu den FTriebkräften und Lebensfäften der einheitlichen Ge:
        <pb n="120" />
        111

fammtbewegung ftehen. Der Einzelne wird dem Anderen gegenüber vor: oder
yüurlcktreten, fich über=, neben: oder unterordnen, je nachdem fich gerade in
ihm fpeciell das Allgemeine zu manifeftiren vermag oder nicht. Ebendeshalb
giebt e8 in dem Leben der Völker gefchichtliche Perioden, in denen fich Ideen,
welche fi vorzugsweife auf dem fpeciell politifchen Gebiete bewegen, und
andere, in denen fich religtiöfe Iutereffen mit vorwiegender Stärke geltend,
machen; zu der einen Zeit reißen die Erinnerungen an vergangene gefell-[haftliche
 Zuftände die Seifter fort, zu einer anderen brechen fih Ahnungen
ziner zufünftigen Geftaltung derfelben mit erfchütternder Stärke Bahn. Andere
ErfheinungsEreife des Bolkslebens werden dann einestheils hinter die präs
ponderirenden zurücktreten oder fich nur um fie gruppiren, anderentheils wird
jich die Nachwirkung in ihnen fo erkennen laffen, daß die auf ihnen walten:
den Kräfte und deren Mefultate nur im Dienffe der vorherrfchenden Thätig4
Feiten verwendet werden, oder daß die gefchichtlihe Manifeftation jener nad}
Principien fich verwirklihen muß, die nicht zunächft aus ihnen felbft heraus
geboren find. Auch die SEonomifchen VBerhältniffe der Wölker zeigen fich
durchaus in biefem Zufammenhange mit dem Allgemeinen. Nicht bloß; daß
alle fpecielle Particen der Volkswirth[haft unter einander in einem auf die
Haltung und den Charakter der Gefammtwirthfchaft, als auf ihre Erklärung
hinweifenden Zufammenhang ftehen, fondern eben diefes Sanze fteht auch
feinerfeit$ in unlöslicher Berbindung mit dem Sefammtleben des Wollkes.
Yuf diefe Verbindung wird man immer wieder hingewiefen, fo oft man fich
bie Frage nad den Urfachen vorlegt, aus denen twirthfchaftlihe Zuftände herz
borgewachfen find, und umgekehrt wird man, wenn man die Wirkungen der
leßteren nachzuweifen fucht, auch auf die Erfcheinungen der übrigen Lebens:
Freife eintreten müffen. Mächtige Impulfe, deren Kraft fich gerade in der
Einfeitigkeit der nächften Wirkung und in dem Herefhenden Hervortreten
vereinzeiter Thätigkeitsfreife darftellt, zeigen ihre Spuren audy auf dem
SEonomifdhen Gebiete, und die nächften Intereffen, welche auf dem lebteren
wirkfam find, wirken umgekehrt, wenn fie die SGeifter gefangen nehmen, auf
alle übrigen Lebenserfcheinungen. Daher bleibt immer die Gemeinfamkeit
de8 allgemeinen Charakters erhalten, der in den verfchiedenen Erfheinungs:
gebieten herbortritt; alle Formen des kußeren Lebens fiellen fich als Gebilde
einheitlicher TriebFräfte dar, die (ich Überall zur Geltung zu bringen fuchen
und deren Entwicklungen die Wandelungen diefer Formen vermitteln, dies
felben nach einer Nichtung hin zu bewegen fichen. So nehmen auch die
mirthfchaftlichen Berhältniffe, wie Alles, worin ein Boll fein gefhichtliches
Leben bezeugt, Theil an der allgemeinen und einheitlichen Bewegung und
Entwiektung. Mit dem Laufe diefer Ändren fich jene bald; wie es fcheint,
langfam, bald in eilender Haft. Na langen Zwifchenräumen treten fie in
ganz veränderter Seftalt entgegen, aber die AWenderung erfolgte für alle
        <pb n="121" />
        112

Lebensfreife insgemein und if in continuirlichem Wachsthume entffanden.
In continkzirlihem Wachsthume — denn alle lebendige Entwicklung
ift continuirlich, die geläufigen Epochen der Sefhichte find auch Mittels und
Hochpunkte von Perioden, für welche fidh gleichfalls eine eigenthümliche
Charafkteriftit gewinnen (Äft; felbft diejenigen, welche man als die erfchütternd:
ten Krifen der menfchheitlihen Gefchichtsentwicktung hinftelt, führen nicht
das BVolksleben wie fprungweife Kber einen unterbrochenen Untergrund hin:
weg, fo wenig als das ftetige Wachsthum der Pflanze in dem Augenblicke
unterbrochen wird, wo die Knospe mit brennender. Farbe aus der grünen
Biätterkrone an das Licht hervorbricht.

Wir. finden in der allgemeinen SefchichtfHreibung Feine Epochen auf:
gezeichnet, deren hHervorragendfte Charaktermerkmale aus den Markfteinen
der mwirthfchaftlichen Entwicklung der Völker entlehnt wären; felbft in den
feltenen Fällen, wo der lebteren Erwähnung gefchieht, pflegt ihre Bedeutfamı:
feit nicht innerhalb der SEonomifhen Sphäre felbft feftgeftellt zu werden.
Es ift ein Beleg für den engen BZufammenhang, in weldem das voll:
wirthfchaftliche Eiement in dem Leben der Nationen mit der ganzen gefchicht:
lichen Eriftenz der Völker und der hiftorifchen Entwicklung der Menfchheit
fteht, daß fich die hervortretendften Umbildungen in den Formen des Güter:
lebens an die »erfechlitterndffen Krifen« der politifchen und Firchlichen Ge:
Fchichtsentmicdlung anfchließen.

Wenn e8 aber als feftftehend betrachtet werden fann, daß fich die
Öfonomifchen ThätigFeitsäußerungen der Völker immer im organifhen Zu:
Fammenfehluß mit der Sefammtentwicklung ihres allgemeingefchichtlichen
Lebens erhalten und nur mit ihm fich fort und fort bewegen; wenn man
zrfehen fann, daß die politifchen Zuftände mit den Firchlichen, die Firchlichen
mit den fittlichen, die fittlihen mit den wirthfchaftlichen, oder wie man nun
jonft Befonderes dem Befonderen gegenüber ftellen mag, auf einen alle Ein:
zeingliederungen des Wolkslebens in fich zufammenfaffenden Sefammtcharakter
hinweifen, fo ift damit auch fhon die Öfter bei Sfonomifchen Schriftftellern
herborgetretene Frage beantwortet, ob die Formen eines ifolirt in’s Auge ges
faßten Lebensfreifes, alfo z. B. ob die politifhen Formen und Zuftände des
Staatslebens für die wirthfchaftlichen Zuftände, Strebungen und Erfolge
gleichgiltig feien oder nicht. Zwar die Frage felbft,” wie fie gewöhnlich ges
ftelt und verffanden wird, zeugt ebenfo fehr von der Ungenauigkeit der Bes
griffe, die hier auftreten, als von einer mit dem wirklichen gefchichtlichen
Leben unvereinbaren Borausfegung. . Lektere [Auft darauf hinaus, daß man
fich auch hier die politifhen Zuftände oder die fie beftimmende politifche Ge:
walt wie ein freies und für fich beftehendes Etwas denkt, von dem aus; wie
von einem ifolirten Subftrat her, auf die wirthfchaftlichen Thätiakeiten fo
        <pb n="122" />
        113

ober fo eingewirkt werde, während doch auch eben diefe politifhen Zuftände
und Formen nur innerhalb der Gefammtentwieklung herangediehen find und;
beftehen. Einen Mangel an begriffliher Unterfheidung aber muß man dal
reennen, wo man auf die irrelevante Segenüberftellung etwa eines einzigen
Yutofrator$ und eines unumfchränkt maltenden. republikanifhen Wohlfahrts:
ausfchuffes fich hingewiefen fieht, während bei beiden Gewalten das Wefentliche:
 die willEürliche Durchführung des Einzelnwillens, die Aufhebung all
zemeingiltiger Nechte und der freien individuellen Thätigkeiten, gemeinfam
hervortritt. Einer folchen Verhüllung der allein wefentlichen Unter[heidungs-Momente
 hat fidy die Neihe von foctaliftifchen Schriftftellern fhuldig gemacht,
welche — faft mie zur Empfehlung ihrer patriotifchen und unpatriotifchen
Yhantafieen bei den Gemalthabern der Völker — es wiederholt anpriefen,
daß fi ihre SEonomifchen Organifationen durch den ruffifchen GCzar ebenfo
gut. verwirklichen ließen, als durch einen Congreß der vereinigten Freifkaaten
in Nordamerika, d. H. wenn der lebtere die Macht des erfieren handhaben
würde. Bei $. B. Say dagegen, der von einem ganz ‚anderen Boden
aus die voliftändige Trennung des politifchen Lebenskreifes von dem $kono:
mifchen als eine unerläßlihe Nöthigung für die Wiffenfchaft der politifchen
Dekonomie anfieht, ift diefe Anficht auf einer Berkennung des gefchichtlichen
Sebens entfianden, wie er denn auch nicht zur Erlenntniß deffelben dadurch
jurückgeleitet wurde, daß er e8 in feinen Briefen, anı MalthHuws als die
Hauptaufgabe jener hinftellte, fie habe den Caufalnerus zwifchen Urfache und
Wirkung zu erklären, indem er für wirthfehaftliche Wirkungen nur wirth:
Tehaftliche Urfachen fand und umgekehrt. Die große Mehrzahl der italienifchen
VBolkswirthfchaftsgelehrten verliert dagegen nach der anderen Seite hin das
Steichgewicht, indem fie die SEonomifchen Verhältniffe nicht nur in eine ein:
feitige Verbindung nur mit den politifhen bringen, fondern jene auch von
biefen mehr oder weniger ganz abhängig erfcheinen laffen, obendrein aber
noch die Bikthe der Bolkswirthfchaft auf ihr fires Ideal von yolitifcher Frei:
heit zurückführen.
Sicherlich fteht vielmehr aud) ‚jede Form des politifchen Staatslebens
in einem ganz befonderen Baufalnerus zu den wirthfchaftlidhen Dingen und
legt fih in ein befonderes Berhältnif zu der Skonomifchen Wufgabe des
Bolkstebens. Es ift dies um fo natlrlicher, al® die politifchen‘ wie die
virthfhaftlichen Strebungen und Zuftände der Völker ftets das Ergebniß
ner immer concreten gefchichtlichen Entwicklung ‚find und beide zufammen
zuf dem SGefammtgrunde derfelben  gemeinfam fi auferbauen. Wenn des:
Balb auch im Laufe der Zeiten. fich beftimmte Formen des Staatslebens zu
wiederholen (cheinen, fo find fie eben wegen der Veränderung der allgemeinen
Sachlage im fie wefentlid neu und deshalb auch in ihrem Verhältnif zu
Sem wirthfchaftlichen- Sebiete alterirt. “Cine antike Nepublik oder Monarchie
ES, Bolt. Setonomie
        <pb n="123" />
        L

{+4

und eine moderne NMepublik oder Monarchie Fönnen, wenn man ihre Ver:
hältnifffellung zu den SEonomifchen Zuftänden vergleicht, die gewaltigen
Spuren einer vielhundertjährigen allgemeingefchichtlichen Entwicklung nicht
verfennen laffen. Nur eine beftimmte Formation und Haltung .der allge:
meinen politifchen‘ Staatsgewalt Fönnte e8 fein, die es als ihre Natürliche
und gefchichtlidh gegebene Aufgabe anfehen würde, den individuellen Thätig-Feiten
 auf dem Sebiete der Volkswirthjchaft undedingt freien Spielraum zu
laffen, oder umgekehrt fie alle und durchgreifend einem von außen an dies
Tetben herantretenden Willen zu unterwerfen.
Was vorftehend beifpielsweife von dem Verhältniß gefhichtlich politifcher
Formen und Zuftände zu den volEswirthfchaftlichen gefagt ft, gilt, wie wir
[bon mehrmals ermähnt haben, ganz allgemein. In jeder gefhichtlichen
Periode, bei einem jeden Volke ffehen die Zuftände und Formen des Staats:
jebens, der Kirche u. f. w. in einem einheitlichen Berbande mit den wirth-[haftlichen
 Berhältniffen. Sie bilden zufammen und insgemein ein Sanzes,
bas fich zufammen und insgemein weiter bildet und entwickelt. Ude diefe
Manifeltationen des Lebens führen auf den einheitlichen Charakter einer Zeit
und eines Volkes zurück, aus welchem fih nichts Bereinzeltes. herausreißen
und nichts disparat gegenüberftellen Iäßt. Möge auch im Fortgange der
Beit die Triebkraft der Entwieklung fih in einzelnen Gebieten zuerft weiteren
Raum verfchaffen und ‚die Wandelung fih in nach und nach erfolgenden
Umbildungsmomenten darftellen, e&amp;amp; wird immer die Fortbewegung über das
Sanze fich erftrecken und alle Theile in Homogenität zu erhalten ffreben.
Daher erklärt fi denn auch die zweifellofe Ihatfache, daß auf dem engeren
Gebiete der volkswirthfchaftlichen Erfheinungen allein derfelbe Zufammenhang
und diefelbe Gemeinfhaftlichkeit der gefchichtlichen Entwicklung zwifchen allen
einzelnen Stiedern fich wahrnehmen [äft, welche zufammen den Inbegriff der
fpeciell SEonomifchen Dinge ausmachen. Auch bei ihnen Ffann man ja wohl
die gefchichtliche Entwicklung, etwa des Handels, der Setwerbe, des Uckerbaues
 u. f. w., in befonderter Betrachtung zu erfaffen fuchen, und man hat
ja auch noch in diefen größeren Ganzen (pecielle Segenftände, ganz einzelne
Theile in ihrer zeitlichen Beränderung vorgeführt, immer. aber wird man fie
zu jeder Zeit in einer engen Verbindung mit der allgemeinen Haltung der
Wolkswirthfchaft finden und ebendeshalb auch leicht die Unalogie der Zu:
frände und der Entwieklung zwifhen allen einzelnen Theilen der Dekonomie
zu gewinnen vermögen. Wie man heutzutage den Srundfaß der individuellen
Ermerbsfreiheit in Handel, Ackerbau und Serverben mit gleich großen Schrift
zügen ausgefprochen ficht, fo zeigen fid) in früheren Zeiten andere Gedanken
zugleich in den ftädtifchen Zünften, in den privilegirten Handelsgefellfchaften,
im Güterfchluß u. f. w. gemeinfam erkennbar. Nur durch das Auftreten
neuer Grundaedanker von allaemein mirthfchaftlicher Art Eann eine Umbil:
        <pb n="124" />
        115 .

dung in dem Charakter des Süterlebens einer Veriode erfolgen; eben diefe
juchen fi auf allen einzelnen Gebieten des Skonomifchen Lebens zur Geltung
u bringen. Doch nehmen wir auch hier wahr, daß fich. folche ebenforwohl
früher als vorzugsweife auf einzelnen Parcellen Sfonomifcher Territorien
Raum zu verfchaffen fuchen und vielleicht nur fehr allmälig nach allen Set
ten hin durchbrechen; wie denn Überhaupt das gefhichtlüche Leben auch gegen
die Neuerungen einer braufenden: Sturm und Drangperiode eine Menge
widerffandsboller, für das Ueberkommene eintretender Kräfte und Mächte
aufweiff. Wie man die Einficht in die voltswirthfhaftlichen Zuftände einer
Zeit im Allgemeinen erft dann erlangt haben wird, wenn man diefelben in:
\hrer Verbindung mit den Gefammterfcheinungen des gefchichtlichen En
lebens erfaßt hat, fo wird man auch innerhalb des SEonomifchen Ningkreifes
insbefondere die gefchichtlihe Bedeutfamfkeit einer einzelnen Entwieungsform
nur durch die Erfaffung des Parallelismus, der aus der analogen Seftaltung,
aller übrigen Hervorblict, zu erkennen vermögen. Ihn Harzuffellen, fieht
fi nicht bloß Derjenige aufgefordert, welcher in dem ‚gefchichtlichen Detail
ber Bolkswirthfchaft arbeitet, fondern — und noch mehr — der Sefchicht:
ichreiber der politifdhen Dekonomie im Allgemeinen, weil er nur auf diefem
Wege die praktifchen Belege im Einzelnen für die charafteriftifchen Züge der
Perioden in der volkswirthfhaftlichen Sefichtsentwicklung zu gewinnen ver:
mag. Gerade an diefer Stelle ift freilich noch viel Arbeit zu thun, da man,
jofern Überhaupt die wirkliche und nicht eine conffruirte gefchichtliche Ent:
wicklung der Wolkswirthfchaft in’s Auge zu faffen gefucht wurde, weit mehr
auf die Entwieklung der Dinge in der Zeit, auf das Macheinander, als auf
508 charafteriffifche Mebeneinander der mirthfchaftlichen Erfheinungen
zeachtet hat:
Die Erkenntnif des innigen Zufammenhanges zwifchen der wirthfchaftlichen
 ThätigFeit eines Volkes mit der Sefammtbheit feiner Lebensäußerungen
führt unmittelbar zur Erwägung eines thatfächlichen Verhältniffes, das ge:
wiffermaßen nach einem Schritte weiter vorwärts fich darftelle.
Yuf das Individuelle und Concrete in den wirthfchaftlichen Berhältz
niffen der einzelnen Völker ift genügend aufmerffam gemacht worden. Die
zeften Borausfegungen und Grundlagen der VWolkswirthfchaft, weiche mit
allen Manifefkationen des VWolkslehens ‚in einer gefchichtlihen Sefammtbewegung
 begriffen find: die Natur des Territoriums und der auf ihm arbei:
tende Menfch, find nach Ländern und Nationen verfchiedene gegebene Srößen,
deren beftimmender Einfluß weder durch freie Wahl noch durch den Verlauf
der Zeit an fich aufgehoben wird. Ale die gefchichtlichen Einflülfe und
Momente, durch welche und in welchen fi die Harakteriftifhe Eigenthlım:
lichfeit der Nationen ausfpricht, zeigen ihre befonderen Wirkungen auch in
der Bewegung und in den Refultaten der VolEswirthfchaft. Auch die übers
3
        <pb n="125" />
        116

allbin wirkenden Urfachen wirken nicht univerfell gleich weder dem Maße
noch der Art nach, und überall treten fie mit concret unter[chiedenen Ver:
häktniffen in Verbindung. Darum entwickelt ein befonderer Volksgeift auf
dem Boden einer eigenthämlichen Natur. feine Eigenthümlichkeit auch auf
dem wirthfchaftlichen Gebiete; indem ihn auf den Bahnen feiner Entwick
lung befondere Schütkfale treffen oder die allgemeinen in befonderer Art, geht
er feinen eigenen Weg in eigener Weife und felbft das eigenthümliche Erbe,
welches fid) in der Tradition der geiftigen, in dem Capital der materiellen
Arbeit hHeranbildet, überträgt zu den fpäteren Generationen eine Kraft, durch
welche die individuelle Befonderheit in den Seftaltungen des BVolkslebens
noch verffärtt wird und durch welche die Macht ntimitiver Einflüffe noch
vergrößert erfcheint.
€ bleibt jedoch daneben noch ein Anderes zu erwägen. Gerade wenn
man fich) den organifchen Zufammenhang der wirthfchaftlichen mit der allge:
meingefchichtlihen Entwicklung der Völker vergegenwärtigt, wird man fich
auch auf Analoges und Semeinfames in dem gefchichtlichen Leben der
Nationen hHingemwiefen fehen. Worauf beruht e$? Offenbar zuvörderft auf der
aligemeinmenfchlichen Homogenität der einzelnen Individuen, in
weichen allen nicht bloß das Walten derfelben phufilhen Naturgefeße und
mancher inffinctiven Triebe, fondern auch. das im Allgemeinen gleiche Streben
 erkannt wird, fich zur Vollendung zu. bringen, geiftige und materielle
Bedlrfniffe zur Befriedigung gelangen zu laffen und den Fortfchritt der
Sultur aud) durch die rechte Verhäktnifftellung der verfhiedenen Kreife un$
Seiten zu vollziehen, in welchen fich das menfchlidhe Leben manifeftict, Die
Analogie in den Einzelngliedern der nationalen und gefchichtlichen Gemein:
wefen bringt in die allgemeinen Berbände felbft einen Ähnlichen Lebenskeim,
der dann im Laufe. der Zeit wegen der im Allgemeinen ähnlichen Kräfte und
Säfte in Ahnlidhem Wachsthume nach Entfaltung ‚in die Höhe und Breite
ftrebt, und auf welchen in mannigfaltger Weife allgemeinere Sefchicke
des menfchlidhen Sefchlechtes in den gefehichtlichen Bahnen feiner Entwick:
lung ähnlich einwirken. In je ftärkerem Grade die allgemeinmenfchliche
VBerwandtfchaftlichkeit der Kndividuen in verfchiedenen Völkern dann noch
durch eine gewiffe Gleichheit der geiftigen und Eörperlichen Naturanlage, der
Bildungsfähigkeit, fowie auch der territorialen NMaturbafis unterftübt wird,
um fo entfchiedener. wird fich die Analogie im Berlaufe der gefhichtlichen
Entwicklung geltend zu machen vermögen. Wie ftark diefe auf dem ertwähn:
ten Fundamente beruhende Analogie in der völkergefhichtlichen Entwieklung
ift, Läßt fich fhon daraus erfehen, daß Manche hauptfächlich wegen des in
der Gefchichte Sichgleichbleibens der menfchlichen Natur in allen fpäteren Zeiz
ten nichts als eine ewige Wiederholung des bereits Dagewefenen zu erbliden
vermögen. GE ift Feine zwinaende Kolae des angeführten Grundes für die
        <pb n="126" />
        117

Unalogie der Bolksentwieklungen, und e8 wird thatfächlich durch die Ges
hichtserfahrung widerlegt, daß fich die analogen Entwieungsftufen in dem
eben auch der gleichzeitigen Nationen innerhalb derfelben Sahre verwirk
lichen; vielmehr durchfchneiden fie oft, ifothermifchen Linien gleich, welche die
Parallelfreife hier und dort Ereuzen, die fynchroniftifihen Epochen der allge:
meinen Sefchichte, fo daß fich in verfchiedenen Zeiten diefelbe Zeit in der
Entwiklung zweier Völker findet. Während nun in dem inneren Lebens:
getriebe der einzelnen Völker eine die Wehnlichkeit der nationalen Sefchichts:
mtmwidlung fchon an fich bedingende Kraft unausgefebt wirkt, wird biefelbe
von außen her burch den Verkehr mit anderen Völkern mächtig gefördert;
das mannigfaltige Spiel von Wechfelwirkung, welches er zwifchen den vers
Ichiedbenen Bolksorganismen hervorruft, Fann nur eine größere Uebereinftim:
mung in vielem Zuftändlichen, wie in der Bervegung auf: der Bahn zu
neuen Entwieklungen zur Folge haben, möge nun durch den Verkehr ein
Nehmen und Geben zugleich oder, wenn e&amp;amp; fo möglich wäre, ein Nehmen
oder Geben allein hHüben und drüben vermittelt werden, Sitten und SKenntniffe,
Bedürfniffe und Senüffe, Stredungen und Ueberzeugungen, Zielpunkte und
Mittel werden aus: und eingetaufkht, bis viele Unterfchiede des Habens und
Mangelns ausgeglichen find. Gewiß war die SIfolicung und Abgefchloffen:
heit der Völker gegen einander niemals. unbedingt vorhanden, und wo fie
mit Beroußtfein erffrebt wurde, da erlahmte bald vor dem Sefebe der Natur
und dem Inftinete des Menfehen audy der eiferne Wille des unverfändigen
Sefeßgeber&amp;amp;; aber weil es günftige und ungünftige Bedingungen für den
Verkehr giebt, fo Eann er in fehr verfchieden großem Srade vorhanden fein,
und von großer Bedeutung {ft die Thatfache geworden, daß er, wenn er auch
in Feiner früheren Zeit zwifchen den Völkern unferes Continentes ganz ges
fehlt hat, doch gegen die neuere Zeit hin ununterbrochen zugenommen hat,
bis er fih in unferen Tagen zu einer ungeahnten Stärke herangebildet hat,
Daher Fommt e8, daß das Steichartige und Uebereinftimmende in der Ent:
miclung bei den modernen Völkern fo fehr zugenommen Hat und felbft der
Synchrontsmus in den erreichten Stufen immer fichtlicher Heroortritt. Kann
28 doch aud) als ein Ergebnif des gefteigerten Verkehres zwifchen den Völfern
 angefehen werden, was als eine weitere Urfache für diefelbe Kolge auf:
tritt, daß in dem geiftigen Fortfhritte immer mehr an die Stelle einer naiven
Entwicklung die Fritifche Erkenntnif und das Überlegende Bewußtfein von
Ziel und Mitteln der Strebung eingetreten ift, Denn insbefondere kam
de Erleichterung und Berftärkung des Verkehres auch den Denkern in
den verfhiedenen Bölkern zu Sute, die Erplication der wiffen[haftlichen
Disciplinen regte zu allfeitiger Betheitigung an und führte erft zu einer
Weltverftändlichkeit des mwiffenfchaftlichen Denkens und dann zu einer Loss
MoPolitifchen Anerkennung und Benukung der fichergeftellten Mefultat,e
        <pb n="127" />
        ‚18

weiche die nationale Färbung auch der theoretifchen Ueberzeugungen ftart ab:
[chwächte. .
Die Analogie und das Uebereinftimmende in den Zuftänden und in der
Entwicklung. der volkswirthfchaftlichen Berhältniffe verfchiedener Nationen
beruht auf denfelben Fundamenten. Auch auf diefem. Sebiete wirken allge:
meinmenfchlidhe Strebungen, allgemeinmenfchlidhe Bedürfniffe fuchen zur
Befriedigung zu gelangen, alle gemeintwefenlichen Berbände müffen fidh bis
auf einen gewiffen Punkt. hin in diefelbe Beziehung zu den SEonomifchen
Dingen febsen, auf denfelden Stufen der geiftigen Entwiklung ftellt fich eine
analoge Berhältnifftellung der wirthfhaftlihen Befhäftigungen zu anderen
ein, naturgefebliche Mächte, inftinctive Triebe machen fich in derfelden Weife
geltend u. f. w.; eine größere Homogenität der wirthfchaftlichen Fundamen:
falbedingungen, die von außen her Eommenden Bolkserlebniffe, die Steigerung
des Berkehres laffen eine ftärkere Analogie der Sfonomifchen Zuftände refulz
tiven. Die Bedeutung des Verkehres mit feinen oben bemerkten Wirkungen
tritt befonders ftarE hervor, weil er durch jede Stunde feiner Dauer die
wirthf{haftlihen Intereffen verfhiedener Völker mehr verkettet und durch das
gegenfeitige Bedlrfen thatfächlid) troß des Kortbeftandes der nationalen Lanz
desgrenzen ein. großes SEonomifches Sefammtterritorium herffellt. Chendes:
halb hat die in der neueften Zeit eingetretene außerordentliche Berftärkung
des Verkehres inshefondere in den SFonomifhen Verhältniffen der Völker eine
vergleichtveife ftärkere Uebereinftimmung der Zuftände, der Entwicklungs:
bahnen und der erffrebten Ziele verwirklichen Fönnen, was dadurch nothwendig
 noch geffeigert werden mußte, daß fich die energifchefte Thätigkeit, die
vegffe Aufmerffamfeit der Zeitgenoffen vorzugsmeife auf dem wirthfchaftlichen
Sebiete bethätigt, und deshalb gerade auf diefem die Local gewonnenen
Refukltate und gemachten Erfahrungen zum Gemeingute aller Völker zu etheben
 trachtet. Sndem der. Verkehr hinwiederum die Lebhaft verfolgten
Sfonomifchen Yntereffen verlettete, führte er zu einer Uber alle Länder fich
erftreckenden Solidarität. der Erwerbsclaffenbeftrebungen, melche biefelben Zu
ftände überall einzubürgern trachtefen.
Die Bedingungen, auf weldhen das Individuelle und Eigenthümliche,
forvie das Analoge und SGemeinfame in den volkswirthfhaftlihen Zuftänden
und Entwicklungen der verfchiedenen Nationen beruht, geben auch über die
wahre Srenzlinie zwifhen beiden Auffchluß. Das SGemeinfame zeigt fich
nur neben und auf dem Befonderen, nicht aber fo, daß cS diefes aufhebt,
Chendeshalb befteht die Analogie in der volkswirthfhaftlihen Entwicklung
der Nationen nicht in der gleichen Stufenfolge folcher Evolutionen der
wirthfchaftlichen Production, bei welcher die Verfchiedenheit der natürlichen
Bafis ganz wirkungsios verbleibt, woran überall nur dann gebacht werden
Eönnte, wenn die gefammten ProductivEräfte, die in der BVolkswirthfchaft in
        <pb n="128" />
        119

Thätigkeit Eommen, jeder Nation in gleicher Art und in einem genügenden
Umfange zur freien Dispofition geftellt wären. Nur in der Gleichheit des
Strebens, in der Michtung der Bahn, in der Uuffaffung der Zielpunkte, in
ber Merhältnigftellung der SEonomifchen Dinge zu anderen Erfcheinungs:
Freifen und zu dem SefammtEreife volklicher Lebensäußerungen, in der Mani:
Feftation des Allgemeinmenfchlidhen und Allgemeinnatürlichen tritt die AUnas
logie hervor, und um fo folgenreicher machen fich daneben die concreten Unter:
Fchiede des Territoriums in dem früher feftgeftellten umfalfenden Sinne, der
mirthfchaftlichen Nualität des nationalen Menfchen und der allgemeingefhichtz
lichen Conjuncturen und Erledniffe geltend. Je größer die Uebereinftimmung
deffen wird, mas durch den Berkehr, die Gleichheit‘ der Bildungsftufe, die
Beharrlichkeit der NMacheiferung übereinftimmend gemacht werden Fann, um
[jo fchärfer treten die von der Natur gefebßten Unterfchiede- zu Tage. Auch
wird, wo die lekteren von der vergleichenden Betrachtung fih auf ein Sez
ringes zurückführen Laffen, gleichwohl die Uebereinftimmung nur im Allgez
meinen erfichtlich werden, weil auch die Fleinen, aber taufendfältig zur Wirk:
jamfeit gelangenden Unterfheidungsmomente Feine Ydentität des Allgemeinen
und Feine Uebereinftimmung im ganz Speciellen aufkommen laffen.
UnwikFärlich wird man hier an einen anderweitigen viel befprochenen
Begenfaß erinnert. Man hat fo oft in der allgemeinen Entwicklung der
menfchheitlichen Sefchichte ein Element der Nothwendigkeit und ein Clement
der Freiheit erkannt. Wofern man ffritt, {tritt man Hauptfächlich nur über
die Stellung und die Grenzen beider, oder fo, daß nach der Verwerfung des
fo. formulirten SGegenfaßes ein anderer das eigentlich Wefentliche fefthaltender
BSegenfaß zugeftanden wurde. Es fchien, als od man darauf nicht verzichten
önne, ohne entweder das Wefen einer auf fich felbft geftellten, das Indivis
duum mächtig überragenden Entwicklung, oder die Freiheit des menfchlichen
Willens und deren Bedeutfamkeit in Frage zu fteilen. Mit demfelben
Rechte menigftens, mie für die allgemeingefhichtliche Entwidklung, ann man
auch. in der Bewegung der Wolkswirthfchaft das Mebeneinander: und Zu:
fammenwirfen beider Factoren herausftellen. Elemente der Nothwendigkeit
für die Entwiklung der BVolkswirthfchaft werden uns überall da begegnen,
»o e8 fid um bie durch die Natur des Territoriums und des Menfchen,
und die aus den allgemeingefdichtlichen. Berhältniffen hervorgehenden geges
benen. Größen und deren unvermeidlihe Wirkungen handelt. Yemehr man
jedoch diefe Elemente beherzigt, um fo entfchiedener wird man den Gedanken
zurüchveifen, daß aus ihnen eine Uniformität der Entwicklung hervorgehen
Bnne; denn es fkritt vielmehr das, was alg nothwendige Urfache und Wirz
Ang auf dent volEsmwirthfchaftlichen Gebiete zu bezeichtten ift, überall in einer
toncreten und individuellen Seftalt auf; nur der Caufalnerus ift derfelbe
und die Sattung der Factoren, nicht aber auch die concvete Beftimmtheit
        <pb n="129" />
        120

derfelben. Immerhin wird auch hier eine freie Ausficht auf das Analoge
in der völFergefchichtlichen Entwicklung der wirthfchaftlichen Dinge gewonnen.
Nur darf man dabei noch ein fehr bedeutungsvolles Moment in diefer Ent:
wicklung nicht überfehen.
In den vielen Jahrhunderten, aus welchen uns die gefchichtlihe Entwicklung
 des menfchlidhen Sefchlechtes beglaubigt vorliegt, unterfheiden wir
neben der allgemeinen Bewegung des Sanzen eine Bewegung in den Ihellen
 und Sliedern deffelben; neben die allgemeine menfchheitliche Sefchichte
tritt das Leben der einzelnen Völker, Iene ift unendlich in ihrer Bewegung,
das gefchichtliche Leben der einzelnen Völker hat einen Aufgang und einen
‚Niedergang. Manche Nationen, wie bedeutfam auch die Stelle war, welche
iffe. in der Entwicklung des menfchlichen Sefchlechtes einnahmen, find vom
Schauplabe der gefchichtlichen Lebensbühne abgetreten, nachdem fie die ganze
SigenthümlichFeit ihres Lebens und Wefens zur vollftändigen Darftellung
und Entfaltung gebracht zu haben feheinen, andere . erlagen wohl auch
fchon vorher Äußeren Sinflüffen, verfhwanden unter der lebensEräftigen
Wucht eines jugendlichen erobernden Naturvolkes oder wuchfen mobhl auch
mit einem folchen zu einem Mifchvolke zufammen. Zum Theil alfo Fönnen
wir in den Bölkergefchichten, welche die menfchheitliche Gefchichtsentwicklung
tragen, etwas Bollendetes, in fich Abgefchloffenes wahrnehmen, und ein folz
cher abgefchloffener. Lebenslauf einzeiner Völker hat für die Betrachtung aller
übrigen Völkerleben manches Typifche wegen der vorher angeführten analogen
Momente in dem Leben der. Nationen: Sleichwohl aber ft die menfchheitliche
Sefhichtsentmicklung. nicht eine Aneinanderreihung identijdher Glieder, fo
daß wir in ihr nur eine ewige Wiederholung des. Dagewefenen erblicken
müßten. Eine folche Annahme muß von der Ableugnung alles Individuellen
und Befonderen in den verfhiedenen Nationen ausgehen, eine ewige durch
gefchichtliche Einflüffe in Feinerlei Weife modificirte oder weiter entrickelte
Natur des menfehlichen Individuums annehmen und jeglicher Veränderung
der allgemeinen Weltlage alle Einwirkung auf die gefhichtlihen Ereigniffe
abfprechen. Wo fich. eine folche Sefchichtsanfchauung findet, fehen wir fie
immer inconfequent und mwiderfpruchsvoll fich geltend machen. Auch täufcht
die Lehre von einer ewigen identifchen. Wiederholung derfelben Ereigniffe und
deffelbden Caufalnerus in den Erfheinungen, von einem ftetigen Kreistaufe
der menfhlihen Dinge in denfelben Bahnen ‚fich felbft, indem fie fih Unter:
fchiede im Wefen der Dinge hinter eine kußerliche Aehnlichkeit der Formen
zu verdecfen fucht, die verfhiedene Bedeutung analoger Erfcheinungen gering:
fchäbt und die gewaltfame Interpretation nicht verfhmäht, wenn fich dem
nach) der Identität energifh fuchenden Willen immer wieder fpröde Ausnah:
men in den Weg werfen. Alles Bergangene hat die Kraft einer Wirkung
für die Zukunft. Weder die Ergebniffe phufifcher Kräfte noch die Nefultate
        <pb n="130" />
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der geiffigen Erfahrung gehen, fobald fie einmal Hervorgetreten find, ganz
wieder verloren. Wenn deshalb, auch abgefehen von dem individuellen
Sharakter, den jedes einzelne Volk hat, und abgefehen von den immer fich
Ändernden Einflüffen der wechfelnden ‚allgemeinen Weltlage, etwa neue rohe
Naturvölfer auf dem Boden abgeftorbener Culturvöller auftreten, welche auf
ner Bildungsftufe ftehen, die mit den Anfängen der niedergeworfenen Nas
äorten zufammenzufallen fcheint, fo. bleibt doch für ihre Entwielung die
Kraft, welche in der Ueberlieferung der Ergebniffe einer vor ihnen gemwonnenen
 Cultur liegt, für fie in Wirkung, mag fie auch nur allmälig fi) geltend
machen Fönnen. Es giebt Feine Station in der Gefhichter-welche-hinter
Wn8 liegt, wo roir neue Wolfer auf einer vollftändigen tabula Tasa der vor
‘bnen gewonnenen Culturergebniffe ein vollffändig neues Nationalleben Bon
oorn an begründen fähen; — der Zufammenfturz des römifchen Weltreiches,
die Zeiten der Neugründung von Barbarenreichen. in den Sahrhunderten der
Völkerwanderung erinnert am meiften an etwas Derartiges — und noch
heute ift felbft die Erneuerung der Einflüffe der römifchen Cultur auf unfer
VBolksleben ein ununterbrochen wirkendes Element für die Steigerung unferer
Sultur und die Mehrung unferer Lebenserfahrung. Yuc die gefhichtliche
Entwicklung derjenigen Bölfer, deren, Lebenslauf wie ganz vollendet und in
lich abgefehloffen erfeheint, fteht doch al$ ein der Entwierlung des Ganzen
(ich einfügender heil da; über das Leben und Sterben der einzeln Ob
Äonen gebt der Zug” der Menfchheitlichen Sefchichte unaufgehalten weiter,
und wo wir denfelben von Höhen in Tiefen hinabeilen fehen, müffen wir!
uns an die Bewegung der Welle erinnern, die, mag fie fich heben, mag fiei
lich fenten, immer weiter rollt.
Die Unterfcheidung des gMchichtlichen Berlaufes in dem Leben der ein:
jelnen Völker von der Betwegung der allgemeinen menfchheitlichen Sefchichte,
welche ununterbrochen durch alle Zeiten fich fortbewegt, ft für die rechte Er.
faffung der gefchichtlichen Bewegung der Bolkswirth[Haft von großer Be:
deutung. Yuch die Lebtere vollzieht fich alfo einmal in dem Heineren Kreiss
raume. der einzelnen Völker und ift mit dem gefchichtlichen Sefammtleben
biefer eng verbunden, und fodarin in der ununterbrochenen, durch alle Zeiten
hindurch in allen Einzelngliedern zufammenhängenden Entwicklung, in wel:
Her fie im Zufammenhange mit der Sefchichtsentwieklung des menfchlichen
Selchlechtes und der auf einander folgenden Nationen auftritt; wir haben,
eine ethnographifhe Bewegung der Volkswirthfchaft von der durch alle Zeist
fen hindurd) ‚dauernden. ZU. Unter heidenz Dir eefkete it etwas gefhichtlich
in fih Abgefhtoffenes und Eann zugleich etwas in fich Bollendetes darftellen,
in der Leßteren find alle gefhichtlihen Manifeftationen der Volkswirthfchaft
zur Ringe in einer ununterbrochenen Kette, und die gefammte frühere Zeit
bietet. nur VBorftufen zu der jebigen dar, möge nun in jener der Blig
        <pb n="131" />
        122

bes Sefchichtsforfchers auf das Leben abgefchiedener Nationen oder auf ein
jugendliches Aiter noch lebender fallen. Die gefhichtlihe Darftellung der
WolESwirthfchaft hat mnothwendig diefe doppelte Bewegung derfelden in’s
Auge zu faffen und fih dabei die Unterfchiede in derfelben gegentoärtig zu
halten. Denn auch hinfichtlidh des gefchichtlichen BVerlaufes der Bolksroirthfchaft
 hat fich derfelbe Serthum Seltung verfchaffen Fönnen , welcher oben
hinfichtlich. der allgemeinen Sefchichte angedeutet wurde; auch auf dem $Eos
nomifchen Gebiete glaubt man theil$ an denfelben Kreislauf der Erjcheinun:
gen, an bdiefelben Hervorbringungen deffelben Caufalitätsverhältniffes, oder
Jäßt doch irgend eine frühere Zeit im ganz frengen Sinne typifch für die
odtere fein. Freilich treten AUnalogieen in der gefchichtlichen Bewegung der
volFsmirthfchaftlichen Berhältniffe bei verfhiedenen Nationen in verfchiedenen
Zeiten unverkennbar hervor, aber auch nur Analogieen, Die Gleich:
heit der Erfheinungen wird dadurch unmöglich gemacht, daß fich alle dies
jenigen urfächlichen Kräfte in den Volksieben, welche als gleich angefehen
werden Eönnten, immer nur neben anderen, Überall verfchiedenen, einzelnen
Völkern und Zeiten eigenthlmlichen Kräften zur Erfheinung bringen Ennen,
und diejenigen Urfachen, welche ftärkere Analogieen in den Zuftänden gleich:
zeitiger Völker herbeiführen, feßen fie doch zugleich in einen Segenfaß zu
früheren Generationen und Nationen. Wenn insbefondete in allen menfchs
lichen nationalen Verbänden ein ähnlicher Lebenskeim fich zu entfalten ftrebt,
fo find doch Boden, Sonne und Regen immer andere für ihn, und durch
die Wenderungen in der allgemeinen Weltlage u. f. mw. Fann er, audh wenn
ein Paralleligmus der NMichtung in der Entwicklung bemerkbar wird, doch
immer nur in eigenthümlicher Weife fich felbft geftalten und in einer neuen
Beftalt der Bewegung des Sanzen fich einrelhen. Weil wir die Gefammts
bewegung der Sefchichte in einem ftetigen Vorfchteiten begriffen fehen, muß
auch die Entwoieklung, der wirthfhaftlichen Berhältniffe der Nationen fchon
Sadırcch als eine andere erfheinen, daß fie In ein früheres oder fpüteres Stas
bin“ der Gefammtbewegung fallen... Gerade derjenige Volksroirthfchafts:
gelehrte, der fich dılech wiederholte und nachdrückliche Hinweife auf die Schäbe,
welche die gefhichtliche Entwicklung der BVolkswirthfhaft für die national
SEonomifhe Theorie birgt, fo große und bleibende Berdienfte erworben hat,
Wilhelm Rofcher, hat fihh meinem Erachten nach zu fehr und faft
confequenter als der hierfür typifche Maciavelli der Anficht von dem
Kreislaufe der menfchlihen Dinge auch auf dem SEonomifchen Gebiete hin:
gegeben 1), in dem regen Eifer, Wahrheiten aus der Selchichte vorzuführen,

‘) Daß bei Nofcher fidh diefelbe gefchichtlide Anfhauung audy hinfichtlich
anderer Lebensgebiete geltend gemacht hat, zeigen 3. B. die Uuffäge: Umriffe
zur NMaturlehre der drei Staatsformen In Schhmidt’8 Zeitfchrift für Ges
(hichtemwiffenihaft. Bd. VII. 1847.
        <pb n="132" />
        123

die Mahnungen vergangener Zeiten zu unbedingt und unvermittelt hingeftellt
and in den Hinweifen auf den gefhichtlichen Verlauf der BVolkswirthfchaft
dei früheren Nationen nicht genügend die yerpetuirliche Weiterentwiklung
zuch der wirthfehaftlichen Berhältniffe im Allgemeinen im Auge behalten.
E8 beziehen fich nicht einmal auf legtere allein Ausdrücke Nofcher’s$, wie:
Naturalmirthfchaft, Regaltwirthfchaft, Seldrwirthfchaft u. f. mw. Wir werden
weiter unten, wo von der Beweisführung aus der SGefchichte die Nede fein
wird, insbefondere noch darauf zurückkommen, ob man berechtigt fei, in dem
Umfange, wie Nofcher meint, eine typifde Bedeutung des Berlaufes der
oolEsmwirthfchaftlichen Berhältniffe der altelaffifchen Völker, inshefondere der
Römer, für die Bewegung der Stonomifhen Zuftände moderner Völker an:
zunehmen.
        <pb n="133" />
        HL.

Das- eigenthümliche Wefen jeder einzelnen MWiffenfchaft wird durch das
Gebiet für ihre Unterfuchungen, die Aufgabe, welche ihr geftellt
it, und durch die Methode beftimmt, in welcher fie diefelbe Löfen muß;
ich fage Töfen muß, meil die Methode der Unterfuchung und VBeweisfüh:
eung mit dem Segenftand der FTorfchung und der Befchaffenheit der geftells
ten Aufgabe ein einheitliches Banze bildet, Auf diefe drei Punkte laffen
fich immer die Hauptfragen jeder Diseiplin zurückführen. Es erfeheint an:
gemeffen, die folgenden Erörterungen über die Volkswirthfhaftslehre
an diefe Eintheilung im Augemeinen anzulehnen. Doch Fönnen wir uns
hinfichtlich des erfien Punktes im Hinweis auf die vorhergehenden Yusfüh:
yungen über die VolEswirthfchaft auf einige Bemerkungen befchränfen.
Wie unbeftritten e&amp;amp; auch ift, daß die Volkswirthfhaft das Unterfutz
Hungsgebiet für die Volkswirthfhaftslehre abgiebt, fo zeigt fich doch algbald
auch hier, daß mit einem allgemein gebrauchten Worte hier und dort ver:
fehiedene Begriffe verbunden werden Eönnen, und bei dem erften Schritte zu
erläuternden Verftändigungen folgenreiche Unterfchiede der Unfchauung her:
portreten. Vor dem Sanzen ein paar Worte über die Theile.
Unferer Anfchauung nach Fann nur das gefchichtliche WolE, das Volk in
der Wirklichkeit und nach der Erfahrung des Lebens in SHrage Fommen, das
Volk, wie es oben in feinem hifforifchen Dafein hingeftellt wurde, nicht als
ein fummarifches und Äuferlich abgegrenztes Aggregat hier mie dort gleicher
Kndividuen, fondern als ein ingbefondere auch durch Nationalität und ge
fchichtliche Eriebniffe überall eigenthlmlidy beftimmtes, einheitliches Sanze.
Daraus folgt Feineswegs, daß fo viele nationalöfonomifche Wiffenfhaften
aufzuftellen feien, als e&amp;amp; Staaten giebt; e8 liegt im Wefen der Wiffenfchaft
Äberhaupt, daß fie über die SGefammtheit der Dafeinskreife, in denen die von
ihr zw erforfhenden Erfheinungen des Natur-, und Menfchenlebens zum
VBorfchein Fommen, ihre Unterfuchungen augdehnt. Auch die Volkswirth:
[chaftslehre hat es deshalb mit der Wirthfchaft aller Völker zu thun, und
mit NMuückficht auf die Nusdehnung des Unterfuchungsges
hbietes Bnnte man immerhin wie von einer Weltftatiftik (Satterer), fo auch
        <pb n="134" />
        125

von einer Weltwirthfchaft oder Weltökonomie reden, wenn nicht — gleich
mie dort fo auch hier — die Wilfenfchaft in ihrer Beweisführung und für
die Berwerthung ihrer NMefultate an die gefchichtlichen Lebensordnungen des
Menfchengefchlechtes gewiefen wäre, während gleichwohl das Hber alle einzel:
nen Landesgrenzen Hinausgreifende unverkimmert Berlekfichtigung finden
muß. ur darf es die Bolkswirthfchaftslehre eben nicht vergeffen, daß die
Theile des Gefammten, die Völker in der Menfchheit für fich eigenthlmliche
Sanze darftellen, daß jedes einzelne Volk den allgemeinen Begriff des Bolkes.
in einer für fi befonderten Geftalt zur. Lebendigen Erfeheinung ‚bringt. Auch,
ift e8 wichtig, nicht außer Acht zu laffen, daß ein VolE nicht ein nur mo:
Mentan, irgendivann gegenwärtig Dafeiendes ift, fondern ein- durch Zeiten
and Generationen durchdauerndes Dafein hat, in dem das Leben von geftern
and morgen ein ag ift, wie das Leben von heute. Wenn in der That
jegliche jemweilig gegenwärtige Generation nur einen, Punkt indem „continuirs.
lichen Leben des gefhichtlichen Volkes darftellt, fo Lann auch die Volkswirth:
haft ihrem eigentlichen und umfaffendften Begriff nach nur als ein mit
dem Leben des Volkes zufammen dauerndes Erfheinungsgebiet fih darftellen,
innerhalb welchem die mwirthfchaftlichen Berhättniffe jeder einzelnen und ver:
Ainzelt betrachteten Zeit nur als Theile des Ganzen gleich einem Ringe in
ner großen ununterbrochenen Kette daftehen. Wird das Unterfuchungs:
gebiet der. Wolkswirthfchaftslehre nicht durch einen einzelnen Zeitabfchnitt ab:
gegrenzt, fo Eann auch ihre Beweisführung nicht auf ihn allein befchränEt
erden, fo muß auch die ihr zu ftellende Aufgabe auf einen ausagedehnteren
Boden bezogen: werden.
E€8 giebt Segenftände, für deren begriffliche Feftftellung aus der allge:
meinen, Lebenserfahrung alle nöthigen Elemente unwiderlegbar. dargeboten
merben, fo-daß fie immer gefunden werden, wenn auf fie verwiefen wird, und
andere, deren Feftftellung in gewiffer Beziehung nur Sache des Ueberein:
fommens ift, fo daß fie nur unter beftimmten VBorausfekungen allgemein:
giltig werden Eann. Zu den erfferen gehört der Begriff des Volkes, zu den
lebteren der der Wirth aft, namentlich deshalb, weil der Begriff der.
Wirthfhaft abhängig Mt von. dem Begriffe des. »Gutes«, Die Zahl der
verfchiedenen Begriffsbeftimmungen des Gutes ift weit größer j al8 die Zahl
der wefentlich unterfchiedenen nationaldEonomifchen Theorieen. Der Sprach:
zebrauch des gewöhnlichen Lebens bietet. Leinen NMückhalt, weil gerade da weentlich
 Verfchiedenes als ein »Sut« bezeichnet wird. Die für das Verftändz
niß jeder wiffenfchaftlichen Leiftung nothwendige Feftftellung der Terminologie
ft an diefer Stelle erfchwert worden, weil früher die nationalökonomifche
Theorie dem gefammten Bolksleben gegenüber einen‘ ungebüht:
‚chen Yusfpruch über die Unproductivität gewiffer Arbeiten gethan hatte,
und fpäter die beffere Einficht auch an einem falfhen Orte fih Ausdruck
        <pb n="135" />
        126

verfchaffte; nur aus einer Berkennung und Nichtberückfichtigung des Zu:
fammenhanges der BVolkswirthfechaft mit dem gefammten Volksleben Fann
man der Theorie einen Vorwurf machen, nicht deswegen, weil fie das ihr
eigene Sebiet mit feinen Grenzen fefthält. Sm Allgemeinen giebt e&amp;amp; nichts
zu fcheiten und zu rechten, wenn der Begriff des »Gutes«, hier fo und dort
anders aufgefaßt wird; beides Fann unter verfhiedenen Morausfegungen
richtig fein; die Wiffenfchaft muß dann entfheiden, welche Borausfegungen
nothtwendig find. Daß für die BVolkswirthfchaftsiehre nur. die wirth[Hhaftlichen
 Güter in Betracht Eommen, führt einen Schritt weiter; aber auch
hier zeigt fich noch, daß »SGut« wie »Werth«, wie Kälte und Hise, Höhe
und Tiefe u. f. mw. nur durch die Beziehung auf etwas Anderes, vorher Feftz
zuffellendes einen beftimmten Inhalt gewinnt. FIragt man nach dem, was
Alles für die Unterftügung, Förderung u. f. w. der wirthfhaftlichen Thätig:
Beiten al8 ein Gut angefehen werden müffe, fo ift das eine Hrage nach den
fämmtlichen Natur: und Culturelementen des Bolkslebens; fragt man das
gegen nach den »Sütern«, auf deren Herftellung und VBertheilung die wirth:
fchaftlichen ThätigFeiten gerichtet find, fo Fann es fich nur um fachliche Siz
ter handeln, die menfehliche Bedürfniffe zu befriedigen geeignet find. In
jedem diefer beiden Fälle Fann jedoch die wirthfehaftliche Thätigkeit nicht als
etwas überall und immer unbedingt Sleiches und SFeftfiehendes betrachtet
werden; denn während die »Güter«, durch welche fie fick getragen und ges
fördert fieht, überall und immer in unterfchiedsvoller EigenthümlichFeit vor:
handen find, fo find auch die »Güter«, welche zur Befriedigung der Bedürf:
niffe beflimmt find, nicht etwas unveränderlih GSegebenes, weil die Bedhrf:
niffe felbft weder Überall gleich find, noch immer fich gleich bleiben. Wie
die wirthfchaftliche ThätigEeit, wenn fie an verfhiedenen Orten auf die Hers
fekung derfelben »Süter« gerichtet ift, hier auf einem rechten und dort auf
einem ganz falfhen Wege fein Eann, fo haben fih auch diefelden Dinge zur
zinen Beit als werthvolle »SGüter« für die Förderung wirthfhaftlicher ThdtigEeit
 erwiefen, welche zu einer anderen NUG = und gebrauchlos waren. Mit
anderen Worten: e&amp;amp; wird in dem einen wie in dem anderen Falle bei der
für die Volkswirthfhaftslehre nöthigen Ausdehnung des Sefichtspunktes
Aber die Verfchiedenheit der Zeit, und des Naumes hinaus eine folche Bes
griffsbeftimmung für das »wirthfchaftlidhe Gut« gewonnen, daß fie nur un:
ter beffimmter Einfchränkung in dem einzelnen Falle Antwendung finden Kann.
Die wirth/haftliche Thätigkeit zeigt fich nicht bloß in der Herporbringung
 und Gewinnung von wirthfhaftlichen Sütern, fondern auch in
der Verwendung und dem Verbrauch von foldhen. Der Erfolg einer Wirth:
fchaft ift nicht nur durch den Arbeitsfleiß, die Umficht u. f, m. bedingt,
welche auf die Herftellung oder Erlangung von Sachgltern verwendet werden,
fondern auch durch das richtige Verwenden, durch die rechte »Dekonomie«
        <pb n="136" />
        127

be8 Verbrauchs, in welchem ebenfowohl unrichtige Verhättniffe im Einzel
nen, mie geizende Enthaltfamkeit oder Verfchwendung im UAkgemeinen nach
heilig find. Hat die Privatwirthfchaft borzugswveife fich felbfit im Auge, fo
fommen dagegen für die Volkswirthfchaft die Einzelnwirthfchaften vorzugSweife
 in ihrem Verhältnif und in ihrer Beziehung zu der Gefammtheit
in Betracht. In der VolEswirthfchaft fteht nicht bloß gleichfallg neben der
Dervorhringung der Güter der Verbrauch derfelben als ein zweiter Haupttheil
 der wirthfhaftlichen Thätigkeit da, einen weiteren Gegenftand ihrer
Unterfuchung bildet auch einmal die Vertheilung der Gefammtmaffe der herz
vorgebrachten wirthfchaftlihen Shter zum Berbrauche an den einzelnen
Stellen, und fodann die Vertheilurig der gefammten productiven Thätigkeiten
unter bie im Allgemeinen thätigen Volksglieder. Lekteres nicht bloß des:
Jalb, weil Überall ein Verbranch wirthfhaftlicher Güter ftattfindet, auch
wohl Fein Erfcheinungsgebiet des BWolkslebens, Leine Thätigkeitsrichtung ohne
eine wirthfchaftliche Seite tft, fondern auch deshalb, weil von der förderlichen
Vertheilung der gefammten productiven Thätigkeiten die förderliche BVerhält:
nifftellung der wirthfchaftlich productiven im Kreife derfelhen abhängig iff.
Die Bolkswirthfhaftslehre erfaßt die Gefammtheit der rwirthfhaftlichen Thdz_
tigfeiten_al8 einen Zheil in der durch Arbeitstheilung fich vollziehenden Ges
"ammtbeit aller für das Volksieben productiven ThAHGEEN: TANehälb Dar
Sefammtheit der wirthfhaftlich productiven Thätigkeiten allein ftellt fich im
FHleineren Kreife eine vegleund eine perfonale Arbeitstheilung dar, die Ars
beitstheilung in Rücficht auf das Product, und die Arbeitstheilung in Rück:
fcht auf den thätigen Menfchen; der Verzehr der wirthfchaftlichen Güter
aber, deffen alle Volksglieder benöthigt find, erftreckt fich als ein genußtheis
ger Confum über alle. Während alfo auf dem Gebiete der Production
wirthfchaftliher Güter für die Volkswirthfchaftsiehre nur ein Theil des ars
deitstheilig productivthätigen Bolksganzen zunächft in Betracht Fommt, hat
fie e$ bet der Vertheilung und dem Verzehr der wirthfhaftlichen Güter an
fid) mit der Gefammtheit aller, aud) der nicht wirthfchaftlich productiven
Thötigkeiten zu thun. Auch hier zeigt e8 fich, daß die »Wolkswirthfchaft«,
[elbft wenn fi die Fundamente, die Bahnen und die Bielpunkte der eigentlich
wirthfchaftlich producirenden Thätigkeiten Hberalle und immer gleich bleiben
Fönnten und gleich geblieben wären — was nicht der Fall ift —, do durch
die ftets über das Ganze fich erftreckende VBertheilung und Berzehrung der
Güter, welche thatfächlih durchaus nicht durch wirthfchaftliche Motive allein
beftimmt wird, ffetig in die Gefammtbemwequna und Entwicklung des Volks.
Ranzen verfhlungen erfcheint.
Wie der Sefichtspunkt der Privatwirthfchaft, welche fich al$ eine felbft:
tändige Einheit erfaßt, und der Sefichtspunkt der Volkswirthfchaftstehre,
welche immer die Gefammtheit aller Cinzelnwirthfchaften in ihrer Berbinz
        <pb n="137" />
        i28

dung unter einander im Auge hat, ein verfchiedener ift, fo ergiebt fich auch
dadurch ein tief eingreifender Unterfchied, daß der Einzelne auch in feinem
wirthfhaftlidhen Streben und Leben nur ein momentanes Dafein hat, wäh
vend das. durch alle Generationen. hindurch dauernde ‚Dafein eines Bolkes
aud) in der Betrachtung feiner wirthfehaftlichen Berhältniffe Beachtung fins
den muß. Daher ift für die Volkswirthfchaftskehre die-Rücficht auf die
continuirliche Dauer der gefammten wirthfchaftlihen ThätigFeiten eben fo
febr an fi) nothwendig, als fie dem Einzelnen in feiner wirthfhaftlichen
Thätigkeit fern ftehen oder ganz fremd fein Eann. Der Sefichtspunkt der
Cinzelnwirthfhaft tritt da verhältnigmäßig näher an den Standpunkt der
Volkswirthfchaftslehre heran, wo fich jene als eine Wirthfchaft auch für die
Familie und das Sefchlecht zu bemähren fucht; noch mehr jedoch dann, wenn
in den Einzelnen der Bolksfinn lebendig iff, fo daß. an diefer Stelle eine
Ergänzung des »hiftorifchen Sinnes« zu Tage tritt, das thatkräftige Bes
mwußtfein einer SGemeinfhaft. der Intereffen mit den SGefchlechtern der Zu:
Eunft. Die auf den Tag und das »Laufende« geftellte Wirthfchaft unterfheidet
 fih von den SGefichtspunkten einer für die Dauer eines Bolkes bes
vechneten Wirthfhaft nicht viel anders, alg wie der Wilde, der den Brotbaum
 um feiner augenblidlidhen Früchte willen umhaut, von dem forglichen
Hausvater, der nicht bloß die Stämme erhält, fondern auch den Nachwuchs
pflanzt, deffen Früchte er felbft nimmermehr fehen Fann.
Die volkswirthfchaftlichen Lebenserfheinungen müffen dann in ihrer
eichtigen Beziehung zu ‚dem Sanzen des Volkslebens erkannt werden, wenn
man fic) die Bedeutung der Arbeitstheilung und ‚der Arbeit vergegenwärtigt.
Nedes BWolk Fan, fobald es die rohefte Form des Dafeins hinter fich hat,
nur fo leben, nur fo feine höhere Beftimmung und den von ihm aufs
genommenen Beruf zur Erfüllung bringen, daß 08 die zu Löfende Gefammts
aufgabe arbeitstheilig zu vollziehen fucht; einen fo arbeitstheilig befonderten,
wenn auch im engften Gefammtverband mit allen Übrigen ftehenden Kreis
ftellen die wirthfchaftlichen ThätigEeiten dar; aus diefem Verhältnif entfprinat
zin Titel der Verpflichtung aller wirthfchaftlichen Thatigkeit der einzelnen
Volksgenoffen, ebenfo der Berechtigung. Wirthfhaftlihe Süter zu produciren,
in Girculation zu feßen, ift hier Lebensberuf und Thätigkeit für das Ganze,
mie dort die Erziehung der Jugend, die Belehrung des Mannes, die Uufrecht:
haltung der Sffentliden Sicherheit, des NMechtes; eines ift für das andere und
jedes für das Ganze nothtwendig. Der Iweck der wirthfchaftlihen Thätigkeit
liegt in diefer ihrer Beziehung zu dem Sanzen, immer ift dabei an fie Ihrem
ganzen Umfange nach zu denken. Man kann, um Anderer Meinungen zu
übergehen, nicht mit A. Smith 1) lagen: der einziae Imwec aller Production fei

IV, 8. .
        <pb n="138" />
        129

die Confumtion. Der Landbauer, der Gemerksmann, der Kaufmann findet
in feiner wirthfchaftlichen ThätigEeit ebenfo die Erfüllung feines Berufs zur
Urbeit und den Weg, fich zur Vollendung zu bringen, wie der Gelehrte, der
Dichter, der Richter in der feinigen. Für jede dritte Perfon liegt ihnen ges
zenüber immer nur der ZmerE ihrer Thätigfeit in dem Nefultate, für jeden.
Confumenten_in_ dem _wirthfchaftlichen Producte; für den Thätigen felbft
liegt in der Thätigkeit an fich ein eben fo hoher Werth; es ift der Segen
der Arbeit felbft, den Jeder durch die Wahl eines Berufes für fich möglichft
3roß zu machen fucht... Für ein Volk im Sanzen aber, in welchem der gez
[ammte große Segen, der in der Arbeit beruht, nur arbeitstheilig erzielt werz
den Fann, hebt fich das Sefammtintereffe an der Arbeit als folcher 1) in allen
Kreifen nicht minder hervor, wie das Intereffe an den Nefultaten der Arbeit.
Es mürde nicht als ein Segen erfheinen EFönnen, wenn einem Volke die
mirthfchaftliche Arbeit ganz erlaffen würde, nicht einmal eine aus der Sunft
der_MNatur herorgehende augenfälige Verringerung derfelben Hat fich in der
gefhichtlichen Erfahrung al8 vortheilhaft für die Entwicklung des gefamm:
ten_Volksiehens-betwährt. — Die Volkswirthfchaftstehre ift Feine Wiffenfchaft,
in welcher e8 auf nichts als auf die richtige Logit der Gedankenverbindungen
und auf ein der allgemeinen Zuftimmung ficheres Ariom al$ Ausgangs:
punkt ankommt; fie hat ein in dem objectiven Leben gegebene$ Unterfus
Hungsgehiet, welches die Grundlagen aller Erörterungen darbietet, Wenn
man darüber Feinen Zweifel Hegt, daß die Volkswirthfhaftslehre als Wiffens
[Haft nicht bloß auf ein einzelnes Land und Volk bezogen werden darf, {fo
fann man auch umgefehrt nicht in Frage ftellen, daß fie die in der Erfah»
tung des wirklichen Lebens Hervorgetretene Wirthfhaft aller Völker und
Zeiten grundfäglich als das unbedingt gegebene Unterfuchungsgebiet anzuers
fennen hat, welches in Feiner Weife durch ein Erzeugnif auf fich felbft geitellter
 begrifflicher Abftraction erfeßt werden Fann. Für den NMationaldlonomen
 ift deshalb die Befragung der Sefchichte nicht etwas Accefforifches,
jelbft nicht ein bloßes Hilfaftudium, das feine eigentliche Arbeitsaufgabe un:
terfiüßt, fondern fie fieht mitten in feinem eigenften Berufe. Es wird fih
das im weiteren Verlaufe unferer Darftellung immer deutlicher Herausftellen.
Und gleich bei der Befprechung von zwei für die Wolkswirthfchaftsiehre wich
tigen Punkten, auf welche id jest übergehen will, wird es fich zeigen, daß
än Mangel an Beachtung des gefhichtlihen Lebens nicht auf den rechten
Weg führt. Der eine diefer Punkte ift die Infkitution des Privateigenz
hums als Borausfekung der Volkswirthfchaftsiehre, der andere der Eigen: ı
nuß als Grundlage für die Gewinnung nationalökonomifcher Sefebe.

f { { { 1 urück
{ erden au diefe bedeutungs Wa Ip ch einma 3
Wir w volle Hrheit äter no
Äommen.

Rnies, potit. Detonomie.
        <pb n="139" />
        301

Die Infkitution des Privateigenthums hat auf dem Gebiete der
wirthfchaftlihen Dinge eine fo tiefgreifende Bedeutung, daß man das that
fächliche Vorhandenfein des Privateigenthums und die rechtliche Ynerben:
nung und Aufrechthaktung deffelben durch die allgemeine Stantsgewalt in
der Volkswirthfchaftslehre als eine fich von felbft verftehende VBorausfegung
anfieht. Chen deshalb findet in der nationalbfonomifchen Theorie eine Er
Erterung über das Privateigenthum für fich Feine Stelle, wie eng auch 3. SB.
die Enticheidung über das Maß und die Art, mit welcher die allgemeine
Staatsgerwalt in die Thätigkeiten der Privatwirthfchaften eingreifen fol, mit
der Auffalfung und mit der Geltung der Rechte des Privateigenthums zus
fammenhängt. Wenn gleichwohl an diefer oder jener Stelle eine Erörte:
rung und Entfheidung über Sfonomifche Fragen, welche fichtlih das Privat
eigenthum nahe berühren, fi andrängt, fo HPflegt man diefes Privat
eigenthum mie einen abfoluten und firen Begriff, welcher überall und zu
allen, Zeiten diefelbe Bedeutung habe, zum Mittelpunkte aller Bezüge zu
nehmen. Sm Grunde genommen if es ein Ausfluß derfelben Unfchauung,
wenn man jede in der Sefchichte bezeugte Ubtveichung von. der begrifflichen
YUuffaffung des Privateigenthumsrechte8 bei den Zeitgenoffen und von den
Lebensverhältniffen der Gegenwart nur als eine Berirrung des Menfchengefchlechtes
 zu begreifen vermag. Sicherlich Fan e8$ gar Feinem Zweifel
unterworfen werden, daß die Inftitution des Privateigenthums , welche in
der Theorie der politifchen Dekonomie als eine fich von felbft verfiehende
VBorausfegung angefehen wird, eine durchaus gefhichtliche Größe ift, ver:
fehieden nach Zeiten und Völkern; daß fich, obwohl wir bei jedem nicht unz
termenfchlih rohen Bolke die Snftitution des Privateigenthums im Allge:
meinen vorfinden, doch nicht nur die Rechte des Eigenthümers im Einzelnen
überall in befonderer Eigenthümlichkeit und in einer fortwahrenden gefhichtlichen
 Bewegung zeigen, fondern auch die begriffliche Auffaffung des Privateigenthums
 fich mit unterfchiedevollen Merkmalen an die Nationalität anfchließt,
 und mit der Entwicklung der allgemeinen Bolksgefchichte in fich
Mandelunaen erfährt 1); eS erfeheint zunächft jede nationalöfonomifche

X Auch Troplong, der (in den Unfangscapiteln des Yuffaßes in den Memoires
 de PAcademie des Sciences morales et politiques de lInst. de
France T. VIL. Paris 1850: De la propriete d’apres le code civil), wenn
au) mit fehr dürftiger Uusrüftung auf einem guten Mege war, Fommt
bo nur dahin, eine defpotijhe, politifdhe, ariftofratifhe, feudale 20. Uuffaffung
 des Eigenthums der allein natürlichen und gerechten des Code civil
entgeagenzufeßen.
        <pb n="140" />
        131

Theorie, welcher thatfächlicdh eine verfchiedene Vorausfeßung zu Grunde liegt,
auf einem eigenthümlihen Boden, und aus ihm zu einer befonderen Form
naturgemäß ermwachfen. Daß die Nechtsgelehrten immer wieder darauf zus
ückommen, der Begriff des Eigenthums fei immer — namentlich
3. B. auch bei Nömern und Deutfehen — ganz derfelbe gewefen, e$ fei hier
wie dort ein unbefchränktes dingliches Necht, eine Sache zu gebrauchen gewefen,
 Fann in dem für die Wolkswirthfchaftstehre hauptfächlich zur Frage
Fommenden Punkte nichts Ändern. Die einzelnen Privateigenthümer haben
in Wirklichkeit ein foldjes Recht eben zu Einer Seit, bei Feinem Volke, auch
nicht in Europa feit der erften franzöfifchen Revolution gehabt, und die ges
Thichtlihen Unterfhiede machen fih dann fo bemerkbar, daß man gewahrt,
mie hier und dort die Privateigenthümer in fehr verfchiebenen Abfiänden an
diefes Eigenthumsrecht herantreten , oder daß an der einen Stelle der Staat,
an der anderen die Markgenoffenfchaft, hier die Familie und dort — ange:
nommener Weiße — ein Einzelner oder auch mehrere Einzelne als Träger
jenes Cigenthumsrechtes angefehen werden müffen. Saffen wir aber
Äberall nur den einzelnen Privateigenthämer als die elementare Cinheit des
mirthfhaftlidhen Thätigkeitskreifes ing Yuge, fo hat es gewiß gar Feine Bes
deutung, zu fagen, daß einem jeden Volke zu jeder Zeit das Necht des Privateigenthums
 eigentlich als ein unbefchränftes vorgefhtwebt habe, und daß
das, was wir in der Wirklichkeit als ein Spiegelbild der begrifflichen Aufs
faffung finden, immer nur als eine Befchränkung des eigentlichen Begriffes
angefehen werden müffe., Warum foll nicht, wenn wir in einer früheren
Zeit nichts als Befhränkungen des wahren und eigentlichen Privat
#igenthumsrechtes finden, von dem Standpunkte jener früheren Zeit aus fich
die Entwicklung fpäterer Verhältniffe als eine Erweiterung ihres Pri
Yateigenthumsrechtes (id) darftellen dürfen ?
Immer aber ift im Auge zu behalten, daß die das Privateigenthum
Setreffenden Verhältniffe und Zuftände einer einzelnen Zeit oder der verfchtes
denen Völker fammt ihrer Bewegung in der Sefchichte durchaus nicht
ls das Ergebnif nur wirthfchaftliher Triebe und Bedin:
zungen daffehen, obgleich e8 immerhin alg Harakteriftifdher Zug einer
inzelnen Zeit beobachtet werden Fan, daf fie alle das Privateigenthum bes
Ireffenden BVerhältniffe eben nur nach S£onomifchen Gründen entfhieden fehen
mil. Serade auch an diefer Stelle tritt die weithin fich erfirefende Wirfung
 der allgemeinften Grundlagen des Volkslebens auf das eigentliche wirths
ihaftliche Gebiet recht erfichtlich zu Tage. Ich habe auch hier ein beftimm:
te6 Intereffe, zum Behufe einer Beweisführung der hier in Srage Fommen:
den gefchichtlihen Thatfache beifpielsweife die altclaffifhen Böoölker den bei
dem erften Aufbau der chriftlichzgermanifchen Staaten des Mittelalters hers
Sortretenden Anfhauungen geaenlüberzuftellen.
        <pb n="141" />
        132

Meberall im hellenifchen Staatsleben tritt jene nationale Srundan-(hauung
 Fenntlich hervor, nach welcher jeder Einzelne fih zum Staate wie
zin Theil zum Sanzen fo verhält, daß der Staat die Bedingung des indi:
viduellen Dafeins ift 1) und die Normen deffelben feftftellt 27). Von einer
auf fi felbft geftellten Berechtigung des Einzelnen gegenüber dem Se:
fammtwilen Fann nicht die Mede fein, er macht fih nur In diefem geltend.
8 läßt fich erwarten, daß diefes allgemeine Nationalbewußtfein auch in dem
Sebiet des Eigenthumsrechtes um fo mehr zur Erfheinung gekommen fei,
al8 das in den Vordergrund tretende Erfordernif für die Theilnahme an
der bürgerlichen BVollberechtigung nur in der Abftammung lag. Derfelbe.
Gedanke, den Herodot 3) in Bezug auf die Freiheit der Einzelnen gegens
über dem Willen der Gefammtheit ausfpridht — Ei&amp;amp;UdE900 AO E6vres
00 even Meddegol slaı Emeotı YA GgL ÖSGROTNS VOLOS, ÖV
DrodaeyalvovcL KoAdd Erı MaAkov N Ol Gol GE — findet fich felbft
bei dem nüchternen Yriftoteles 4) auf das Gebiet des Süterlebens in der
Korm übertragen, daß der Staat als der eigentliche und urfprüngliche Eigen:
thiümer dafteht, und der einzelne Privateigenthümer nur eine Verwaltung
feines Befiges auskbt, und nur fo weit, als e den Zwecken des Semeinz
wefens entfpricht. Es fteht in voller Harmonie mit diefer Anfhauung, daß
nur eingeborene Vollbürger Kiegende Güter eigenthümlich befigen Fonnten,
Und diefes Grundeigenthum, Uber deffen Bezug zum Semeinwefen Uriftotele
 einen fo fcharfbeftimmten Ausfpruch gethan hat 5), machte bei dem
hauptfächlich in Frage Fommenden. Unterfchied zwifchen »offendarem« und
„nicht offendarem« $), fteuerbarem und nicht feuerbarem Cigenthum auch
in dem griechifchen Staatsleben den wichtigften Beftandtheil des wichtigeren
— offenbaren — Eigenthums aus. Wenn man bedenkt, daß die Sraatsideale
abftracter Theorieen doch faßt immer nur eine Verklärung deffen find, was
fich zu einer beftimmten Zeit und bei einem einzelnen Volke, wenn auch nur
am fernften NMande des Horizontes von dem Boden der Wirklichkeit aus
zeigen Bann, fo wird man hier auch auf die (hmärmerifchen Theorieen eines
Plato, Hippodamus, Phaleas von einer durchgeführten SGütergemein:
[haft meniaftens um deswillen hinmweifen dürfen, weil diefelben im Hinblick auf

)

Val. Aristot. Politic. I, 1, 11.
Xenoph. Mem. Socr. I, 2, 43. Vgl. im Allgemeinen die weiteren Belege
bei Hermann Lehrbuch der artechifchen Staatsalterthümer &amp;amp;. 51.
Herod, VII, 104.
Politie. II, 2, 4.
Ibidem 111, 7, 7: 05 miovor0r ep Ött ThElOr METEOTE INS YWQnS AÜTOLS
Ü de ywon xoLVÖp.
Mal. GC. F. Hermann Lehrbuch der griechifhen Privatalterthümer mit
Einfluß der Nechtsalterthümer. Heidelberg 1852. 8. 14.

8
)
        <pb n="142" />
        133

ine vollendete Durchführung der Zwecke des — hellenifchen — Staatslebens
yegründet wurden.
Daß das praktijche Staatsleben und die pofitive Gefekgehung bei den
griechifchen Bolksftämmen durchweg, wenn auch in abgeftuften Unterfchieden
yiefe Srundanfhauung miederfpiegelt, {ft hinlänglich bekannt. Man braucht
nur auf die LyEurgifche an die Vergangenheit fich anlehnende Sefekgebung
mit ibren Beftimmungen über die Gleichheit, Untheilbarkeit und Unveräu:
BerlichFeit des Grundeigenthums und die mannigfaltigen Befhränkungen
des Mechtes Über die bewegliche Habe zu erinnern 1); aber nicht minder zeiz
gen fich zahllofe Belege in dem gefchichtlichen Leben der ionifchen Staaten,
und insbefondere auch des freien Athen von der Solonifchen Seifachtheia an
di8 zu den Verpflichtungen der NMeicheren zu den eneyklilchen Liturgieen, der
Trierarchie und den Borfchüffen der Vermögensfteuer 2). CEbenfo zeigt das
Erbrecht die durchgreifende Nückfichtnahme auf das Intereffe des Staates,
dem gegenüber die Yufrechthaltung eines freien Dispofitionsrechtes des Ein:
zelnen über fein Vermögen in den Hintergrund trat 3. Selbft das auch in
Athen Sfter hervorgetretene Verlangen des Volkes, durch ZImangsmaßregeln
der Stantsgemwalt die drückend gewordene Ungleichheit des Befiges ausgeali:
Hen zu fehen, wird nicht nach dem für andere Zeiten und Völker giltigen
Maßftabe beurtheilt werden dürfen. Es Fanız als Kberflüffig erfheinen, hier
weiter auf Einzelnes einzugehen. Audy wird e8 Kaum der Ermähnung bes
dürfen, wie fehr die Theorie der politijchen Dekonomie durch eine folche nas
Honale Auffaffung des Privateigenthums, wenn auch fie diefelbe als eine
id) von felbft verffehende Vorausfesung annahm, geradezu bedingt erfheinen
muß, felbft wenn man ganz von dem Übrigens fo folgenreichen Umftande
abfieht, daß fich bei den Griechen wie bei den Nömern jene befondere Art
von fachlichem Eigenthum findet, die oVolc Ev GOUAaOL, TA AvÖOATOTC, die
Sclaven. BSckh*) führt mit Recht auf jenes griechifche Gemeinberwußtfein
nicht nur das unbeftrittene Eingreifen der Staatsgewalt in den Handel und
Verkehr, die unanftößige Geltendmachung von Monopolen u. f. w. zurück,
fondern auch die Thatfache, daß die griechifchen Schriftfteller über die poli
tifche Dekonomie Feine Ahnung von einer Theorie des abfoluten Freihandels
erkennen laffen; denn die Wahrheit des urfachlichen Verhältniffes wird ja
dadurch nicht geändert, daß B Sch in lebterer Beziehung zugleich die nas

\

Hermann griechiihe Staatsalterthimer 8. 28. Verbot der Veräußerung
bagegen zu timofratifden Zweden in Lokri Aristot. Politic. IL, 4, 4.
Val. aud) die Grundfäge des pykhHagoräifhen Bundes in großgriehifchen
Solonieen. Hermann a. a. D. 8. 90.
Hermann a, a. OD. 8. 161. 162.
Hermann a. a. OD. 8 120, 121,
U a. DD. SS. 74.

)
)
        <pb n="143" />
        tionale Anfchauung der Griechen über das Berhältnip der barbarifchen Volks:
ftämme zu der hellenifchen hätte in Unfhlag bringen müffen.
Ich wiederhole e$, man darf fi die heruorgehobenen Thätigkeitsäuße:
sungen der griechifchen Staatsgewalten nicht wie Eingriffe und Imangsmaß:
regeln gegen das Privateigenthum denken, fondern eg hatte nach hellenifcher
Unfhauung der Begriff des Privateigenthums_ in fich diefe Befchränkung,
die ZuläffigEeitgerElärung folcher Staatsmaßregelit, Dbfhon fich felbft in der
griechifchen Gefchichte nicht verkennen [Aßt, daß der Fortfhritt der allgemet:
nen Cultur mit Nothmwendigkeit zur felteren Sicherung des Privateigen:
humsrechtes hindrängt.
Wenn auch die bei dem römifhen Volke hervorgetretene Seftal:
tung des Privateigenthums fich mit der Anffaffung und Praris der Hellenen
in mancher Beziehung zu einem gemeinfamen Segenfaße gegen andere Bölfer
 zufammenfchließt, fo [äßt fidh doch noch weniger die große Verfchiedenheit
wifdhen Hellas und Rom an diefer Stelle verkennen. Die ausgedehnten
Eroberungen der Nömer ftellten dem Staate frühzeitig eine ungeheure Lands
maffe al$ ager publicus zur Verfügung, an deffen Befig das Staats:
eigenthum und das Privateigenthum in eine langdanernde NMeibung gerie
then; die vielfältig abgefkuften ‚politifhen Nechtsverhältniffe der unterworfes
nen und verbündeten Bölker führten auch zu mannigfaltigen Unterfchieden
im Privatbefiß und Eigenthum; im Sanzen genommen bietet die SGefchichte
des römifchen Volkes ein Beifpiel einer bedeutfamen Entwicklung in der be:
grifflichen Auffaffung und in der gefeßlichen Feftftellung des Privateigen:
thumsrechtes innerhalb des Lebens derfelben Nation. Am Schluffe der
Entwicklung, in der Iuftinianeifchen Sefeßgebung, finden wir volle Unbes
fchränftheit des Privateigenthums und die gefammte Landmaffe als ager
privatus,;; ununterbrochen geht der Zug der Bewegung auf diefes Ziel hin,
unleugbar aber ift die große Verfchiedenheit des Uusgangspunktes von dem
[hließlichen Ergebnif, und fortwährend aqewahren wir den Einfluß der natio:
nalen Lebensprincipien 1).

}

Die das Sigenthum betreffenden Verhältniffe bei dem römifchen Volke find
durd) den Fleiß und den Scharffinn der Yhilologen und mehr noch der
Suriften bei Weitem am beften gefchichtlich feftgeftellt worden, obfdhon zur
Stunde Feineswegs alle wictigeren Streitpunkte als erledigt angefehen wer:
ben Eönnen. Die bekannten rechtsgefchichtlichen und dogmatifhen Schriften,
insbefondere der Iuriften Deutfchlands, haben auch über diefen Iheil des
vömifchen Lebens das mögliche Licht zu verbreiten gefudht. Dennody muß
gerade an diefer Stelle das Berdienft Niebuhr’s8 befonders hervorgehoben
merden, und vielleicht noch) mehr wegen ber von fm ausgegangenen Anvegung,
 als wegen der von ihm gewonnenen Mefultate; wir verdanken fei:
nen Unterfuchungen über das aararifhe NMecht die Sntftehung feiner römi:
        <pb n="144" />
        135

Der römifhe Staat war durch Eroberung gegründet; der Privatgrunds
befiß war nicht, wie bei den Hellenen, urfprünglich gegeben, fondern entftand
yurch eine Vertheilung von erobertem Srund und Boden an Einzelne durch
yie Staatsgewalt. Auf diefen Urfprung führen die Yuellen der Sefchichte
und der Tradition des römifchen Volkes das Privateigenthum zurück, wie fehr
8 auch zweifelhaft bleiben mag, ob von NMomulus oder von Numa das
zrfte divisit agros viritim civibus ausgegangen ift 2), ob nur ein Theil oder
alle Staatsgenoffen fogleich eine Fläche als Privateigenthum erhielten ?).
Was nicht zur Bertheilung Fam, blieb im Eigenthum des Staates, blieb
Semeinland, ager publieus, im Gegenfaß zum ager privatus; auch der den
Söttern geweihte Boden (ager sacer) blieb im Eigenthum des Volkes. Wie
hier das erffe, fo entftand auch in der Folge alles weitere Privateigenthum
an Grund und Boden durch eine Handlung des Staates, fei es, daß der
Staat Grundftücke aus dem ager publicus an Einzelne als Eigenthum über:
wies (ager assignatus) oder fie verkaufte (a. quaestorius) oder den Privat

hen Sefchichte (2. Auflage IL S. 694 Note 1). Dazu find dann auch in
neuerer Zeit Monographieen, wie Gerfterding’s Lehre vom Eigenthum,
Savigny's Necht des Befikes, die fhäßbare AWbhandlung Hufchke’s
über die Stelle des Varro von den Liciniern u. f% w., gekommen. Zu
ehr ergiebigen Srörterungen hat namentlidh auch das AUeFergefeB vom Jahre
343, die fogenannte lex Thoria, geführt. BVergl. U. A, F. Rubdorff:
Das Adergefeß des Spurius Thorius in dem erften Hefte des zehnten Ban:
bes der Zeitfchrift für- gefhichtliche Rechtswiffenfchaft, herausgegeben von
Savigny, Eihhorn und Nudorff, Berlin 1842; dazu die Necenfion
diefer Abhandlung von Hufcdhke in NidHter’s und Schneider’s Fritifhen
Sahrbüchern für deutfche Wiffenihaft, V. Iahrg., 10. Bd., Leipzig 1841,
5. 579—620 und über beide Mommfen »GHber das thorifhe Udergefeß«
in den Berichten über die Verhandlungen der KönigliH Säcfijhen Sefell:
"haft der Wiffenfhaften zu Leipzig, Bd. IL, Leipzig 1850, S. 89— 101.
taboulaye’s Histoire de la propriete chez les Romains habe ih nicht
zinfehben Fönnen; nach dem zu urtheilen, was Troplong in der angeführe
ten Xbhandlung: De la propriete d’apres le code civil p. 86 n. 1), aus
Ihr mittheilt, früßt fie fih auf die Ergebniffe der Niebuhr’ [hen Un:
terfuchung, Wwenigftens rückfichtlich eines bei NMiebuhr Hervorgetretenen
Irrthums, den (don SHufdke in ber oben angeführten AWbhandlung über
die lex Licinia widerlegt Hat. Auf ältere Schriften verweift Hufchke
lex Lic, u. f. w. S. 179 N. 60, vergl. au S. 18 N, 35.
Val. 3. B. die Ausführung bei Niebuhr a. a. OD. 1. S. 176 ff. oder
SufhEe: Meber die Stelle des Varro von den Liciniern und über Festus
 v. Possessiones und Possessio, Heidelberg 1835. S. 52,
Xuch Hufchke a. a. DO. entfheidet fid insbefondere im Hinblick auf Livius
IV, 48. für die ältere und von Miebuhr wieder aufgenommene Anficht, da:
‘in ber älteften Zeit) die patres vorzugsweife den ager puhlicus in Benuß
gung Hatten, die plebs dagegen im Beft@ von (wenig ausgedehntem) ager
Driyatus par.
        <pb n="145" />
        136

eigenthumsbefiß einer in das römifche Bürgerrecht aufgenommenen Gemeinde
(den ager privatus in dem ager municipalis) zum Privateigenthum nach
vömifchem Necht erhob. Auch nicht in der Heftigften Neaction der mächtigen
langjährigen Befiger von weiten Streden des SGemeinlandes während der
Berhandlungen Hber die Agrargefeße ift das Eigenthumsrecht des römifchen
Bolkes am ager publicus in Frage geftellt worden. . Doch darf man auch
das Eigenthumsrecht des Einzelnen an feinem ager privatus und feine Bes
fugniffe in Beziehung auf foldhen nicht nach dem Maßftabe der fpäteren
Zeit meffen. Nicht bloß, daß auch gegen den ager privatus der Nechts:
geundfaß, nach welchem einer lex nichts unerreihbar war, wenig{tens durch
Erpropriation gegen Entfhädigung zur Anwendung Eommen Fonnte, und man
noch bei den Schriftftellern der Kaiferzeit, nicht nur bei einem Seneca, fondern
auch bei einem Livius Grundanfhauungen ausgefprochen findet, die denen
etroa bes Uriftoteles und des Zenophon, über die Macht der Staatsgewalt
gegenüber dem Einzelnen ganz gleich find 1), e war auch aus Nückfichten
des Stantsmwohles der Erwerb wie die Veräußerung und felbft die Benußung
bes römifchen Privateigenthums befchränkt, Es follte nach gefeßlichen Borfehriften
 der äÄlteften Zeit Niemand mehr Grundeigenthum haben, als er mit
Weib und Kindern ohne Sclaven bauen Fönne, Auch die lex Licinia be:
ftimmte noch, wenngleich ein größeres 2), doch eben auch ein feftes Maß
für den Candbefiß wie für die Zahl des Viehes; fie umfaßte mit dem Maße
der 500 jugera das Privateigenthum wie den ager publicus 3); fie (chrieb
die Unmwendung einer beftimmten Zahl freier Landarbeiter vor. Die lex
Sempronia, deren Urheber fich auf die alten Sefeße über das Marimum
des Grundbefikes berufen Eonnte, verlangte zwar nur ein feftes Maß für
ben Befiß von Staatsländereien, aber fie verlangte die Herausaube des lanaz

y

Man vgl. 3. B. Xenophon Mem. I, 2, 43: Mauro don Y dp td xQarodp
THs mdhews Bovkevaduısvov &amp;amp; yon noviv yodıln voduos Kaksiraı mit Li:
vius (VIM, 33): Populus penes quem potestas omnium rerum est —
Aristoteles (Polit. IN, 3, 7): to's mAovalors Tieloy METECTL TÄC ons
j di ywoa xowdr mit Seneca (de benef, VII, 4): la quorum ad regem
 pertinet universa possessio in singulos dominos descripta sunt et
unaquaeque res habet ppssessorem suum, Ad reges potestas omnium
pertinet, ad singulos proprietas.
Ylinius, welder (H. N. 18, 7) meint: Modum agri in primis servandum
 antiqui pulavere, quippe ita censebant satius esse minus serere et
melius arare — hält die Zahl der Licinifhen jugera fhon für eine mensura
 luxuriantis jam reipublicae (18, 3), während Siculus Flaccus
(de condit, agrorum Cap. II. (7) doch au noch von Srachus, der nichts
über das Maß der Privatäcder beftimmte, »qui legem iulit, ne quis in
Italia amplius quam 200 jugera possideret,« rühmt: Intelligebat contra jus
esse majorem modum possidere, quam qui ab ipso possidente coli possit,
Diefe Anfiht ift von Hufchke a. a. D. gegen NMiebuhr mit Erfola ver:
        <pb n="146" />
        137

jährig cultivirten Mehrbefikes (in ihrer zweiten Form) ohne Entfchädigung,
 aud) follte nach ihr das eingezogene Land als unveräußerlicher
Befiß an die Wermeren ausgetheilt werden 1). - Dergleichen Beftimmungen
rückten und veizten nicht als Neuerungen, fondern dadurch, daß durch fie
jumeift Veraltetes in einer veränderten Zeit feftgehalten oder wieder herges
teilt toerden follte. Wenn aber gleichwohl von Anfang an doch das Priz
batgrundeigenthum für den Einzelnen dem Staate gegenüber in einer fo
frühen Stufe der Entwicklung verhältnismäßig fehr gefichert erfcheinen muß,
[o darf man nicht vergeffen, daß die Größe des ager privatus im Vergleich
zw dem ager publicus in der älteren Zeit Außerft gering war, und thatfächs
lich deshalb der Staat Uber die große Mafje des Landes ein gefeblich unbe:
chränktes Berfügungsrecht befaß, fo daß er in der Ausübung einer getvaltis
gen Macht über die fonft in dem Privateigenthume befindlichen Gegenftände
auch durch die Abgabenfreiheit und die geringe Befchränktheit des quiritati:
jchen Privateigenthums Faum irgendwie behindert erfcheinen Eonnte, Und
auch in den agrargefehlichen BVorfchlägen der Tridbunen handelte e$ fich doch
nur um das Gemeinland bis an den Rubicon und die Macea, und felbft
von diefem waren noch bebeutende Strecken ausgenommen, die erft Cäfar
595 als Privateigenthum vertheilte 2). Es war wider alle Ermartung auch
der Plebejer, daß Tiberius Grachus, nachdem er durch Widerftand
gereizt war, fein Augenmerk auch auf die pergamenifche Erbfchaft richtete ;
daß aber andererfeits felbft noch der jüngere Grach us nur eine fteuerpflichtige
possessio und nicht eine Ueberweifung zu abgabenfreiem Privateigenthum
für die Plebejer im Auge hatte, erfieht man daraus, daß er gerade mit einem
folchen Borfchlag durch den gedungenen Livius Drufus überboten werden
Eonnte, und der Hauptztwwec des Ackergefekes vom Yahre 643 (der »lex
Thoria«) war: »Die Befreiung des feit den Srachen zwecks der Berwen:
dung zum Beften der Einzelnen angetafteten ager publieus vom vectigal

Peidigt worden. Nur geht er zu weit, wenn er auszuführen fucht, aud) Xp
pian (de bell. civ. I, 8) beziehe das Licinifche Sefeß nicht auf den ager
publicus, was vielmehr audy durch das, was Appian cap. 9 von Zib.
Brachus Arskalpıla zöv »duoV clt. fagt, unzweifelhaft gemadt wird.
Die Haupffellen der altclaffifhen Schriftfteller über die lex Licinia (über
biefe vgl. jedoch namentliH Hufchke’s Abhandlung), und die lex Semoronia
 finden fich zufammengeftellt bei Nudborff a. a, OD. S. 27 md S.
30. Niebuhr (UM, 316) vermuthet wohl nicht unrichtig, daß in der ältes
iten Beit zwifchen Patriciern und Plebejern Fein commercium agrorum
tattgefunden habe, vgl. aud) deffen Annahme binfichtlid des Erbrechtes
3. 178.
Das campanifche Gemeinland, das Sellatifhe Feld, die Silva Scantia, die
Salicta ad Minturnas; dazu das SGemeinland in Unteritalien.
        <pb n="147" />
        138

— wodurch erft diefer Ucker, der bisher immer noch ager publieus getwefen,
in ager privatus umgewandelt wurde« (Hufchke in der atgef, Recenfion
S, 586). Eine Cinfhränkung für den Erwerb von Privateigenthum ge:
mahrt man auch) in der ganzen fpäteren Zeit bis auf Juftinian noch
darin, daß die fundi provinciales zu den res nec mancipi gehörten, und
nur über die fundi Italici (d. H.'die fundi mit dem jus italieum, mochten
üe nun in oder außer Stalien liegen), welche das Commercium im objectiven
Sinne befaßen und zu den res mancipi gehörten, das volle römifche Ci:
genthum, das dominium ex jure Quiritium, erworben werden Fonnte.
Der gefammte ager privatus, fo weit er in italifchen Srundfikcken beftand,
mar abgabenfrei; gleichwohl haben die Mömer noch ein zweifaches volles
Privateigenthum unterfchieden, beides censui censendo, vererblich, verkäuf:
‘ich, nur dem Tributum unterworfen, das eine als ager optimo jure privatus,
 oder als fundus optimus maximus bezeichnet, das andere als ager
jure privato, hereditario, mancipi etc. !) — eine Unter[heidung, welche,
wenn aud) vielleicht nur auf ‚die thatfächliche Belaftung mit Servituten
zurückzuführen, doch hier zu erwähnen ift, weil der Staat felbft (z. B. im
Uchergefeß von 643) diefe zwei Arten von Eigenthum bei der Uebertveifung
ber Ländereien unterfchied.
Der nationale Grundzug in den römifdhen Verhältniffen des Privat:
zigenthums und Befibes geht aus dem Lebensprincip diefes friegerifch
»robernden Volkes hervor, Wie man das mit dem Kriegsfpeer gerwwnnz
nene Eigenthum als das am beften geficherte in der älteften Beit anzufeben
pflegte ?); mie bie Beftimmung, nach weicher Inhaber arößerer Ländereien
ine gewiffe Anzahl freier Villick anwenden follten, aus der Nückficht ent:
iprang, daß die Meichen durch die Verwendung von Sclaven, welche nicht
in den Krieg auszuziehen brauchten, fich am erften noch mehr berei:z

Cicero de lege agrar, II, 2. de harusp. 7. Vgl Nudorff a. a. DO. S.
58. Mommfen a. a, OD. S, 95. Auch in der Benugung des ager publicus
 zeigt fi eine bedeutfame gefchichtliche Entwicklung nicht nur hinficht:
td) der Abgaben und der Berechtigung, fondern audh infofern, als in ber
Mlteften Zeit der ager publicus ungefdhieden benußt (gemeinfames Recht an
dem usus), dann in abgegrenzten heilen befeffen wurde (gem. N. auf die
&amp;gt;ccupatio et possessio), neben welchen noch Gemeinland (pascua publica)
jur Benußung in der früher allein gebräuchlidhen Weife beftehen blieb.
Während fhon unter Domitian beinahe der ganze Boden von Italien in
Privateigenthum übergegangen war, erkannten die Iuriften unter den An:
‚oninen aud) Fein Privateigenthum nadı freemdem und allgemeinem Nechte
mehr an, fondern fchrieben das Sigenthum am Boden in den Provinzen
der römifhen Staatsgewalt zu. Niebuhr M, 171. 175,
Dionys. VI, 32.36. VII, 10. Vgl. Hufch Fe über Festus v. Possessio
ett, S. 100,
        <pb n="148" />
        139

ern Fonnten 1); wie die geleiffeten Kriegsdienfke vorzugsweife ein An:
recht auf Acferanmeifungen begründeten ?), und gegen das in den Nöthen
des Krieges erforderliche Tributum auch die Abgabenfreiheit des quiritarifchen
Cigenthums nicht fchüßte 3); wie der immertoährende Krieg, welcher durch
die mafedonifche Beute ein thatfächlihes Uufhören des Teibutum (167-—43)
herbeiführte, doch auch die Ztoangsanleihe; nach der gallifchen Piünderung,
und 544 *), fowie die vigesima manumissionum (a. u. 396) und die von
Sratian wieder befeitigten vicesima hereditatis des Yuguftus 5) ent
ftehen ließ — fo werden auch die gefeßlich abgeftuften Befigverhältniffe ar
dem ganzen nicht zum Privateigenthume gehörigen Grund und Boden durch
den Gang der Kriegseroberung beftimmt. Obwohl wir das römifche Wolt
immer auf den Bahnen der Eroberung finden, fo wurde doch die Yusdehs
nung des Landesgebietes unter mannigfach verfihiedenen Umftänden bewirkt,
bald durch gemwaltfame Befiegung des Feindes, bald durch einen abgenöthig:
ten Vertrag, bald durch »freiwilligen« Anfchluß vorforglicher Nachbarn
u. f. 0. — €$ mar aber eine almalig erfolgende, durch Yahrhunderte fich hinz
durchziehende Erweiterung des Gebietes, deren Form im einzelnen Falle
unter dem Einfluffe der Menfehen, der Zeit, der allgemeinen Lage der
Dinge frand. Diefer Sang der Eroberung, und nicht etwa ein SEonomi-[cher
 Sefichtspunkt entfcheidet ebenfowohl über das Maß, welches der rd:
mifche Staat von dem neu gewonnenen Territorium als freies Gemeinland
an fich 309g, als audy über die Art, wie er e zur Nugniegung als bleibenden
DBefig mit einer nominellen oder reellen Abgabe Überließ (ager privatus
vectigalisque) ©) — oder als ager municipalis in Erbpacht gab; in den
Provinzen al8 ager stipendiarius mit einer feften Grundfteuer, oder als
ager vectigalis mit einem nad) der Ernte fich mwandelnden Naturalzehnten
belegte u, f. w. Die cives Romani felbft freilid) drängten frühzeitig darauf
 bin, nicht nur die NMechte des eigentlidhen Eigenthums immer ficheret
und feflter hinzuftellen, fondern auch den Unterfchied zwilchen dem thatfächli:

)

Vgl. z. B. Appian de b. co. I, 7: (0$ miovos0r) Wuntols &amp;amp;c to media
unkgd Kal yEewoyols xal NOoLUECL KOWGLEVOL TOD UN TOUC FÄEUPEOOUS ES
Eds GTOCTELAS NO ThS VEWOVICE NSMLOTÄV
Niebuhr IL 185.
Die Mittel zum Sold zu erhalten, war audy der Zweck des vectigal von
den Befigern des ager publicus (Liv. IV. 36), über welches fich Lanadauern:
der Streit erhob.
Festus v. tributorum. Liv, XXVI, 36. Cf. XXXI, 13.
Plininus Panegyr. 37. Dio LV.
Val. jedoch über diefe Benennung die Bemerkung Mommfen’s a, a. D.
3. QR

)
        <pb n="149" />
        1U

hen Befig des für den Staat, felbft ohne alle Entfchädigaung, rüziehbaren
ager publieus und dem vollen Cigenthum am ager privatüs immer mebht
zu befeitigen. @Serade auch die Zeiten der Gracchen waren e8, in welchen
DBefiß und Eigenthum in einander ‚Hberzugehen trachteten, und wie die Grac:
hen felbft ager publicus in ager privatus zü- verwandeln ftrebten, fo ges
(hab e8 auch durch die drei nächften Meactionsgefeße ihrer ffegreichen Seg:
ger, nur daß das Land durch diefe in andere Hände gelangte. Schon das
Berfchtwwinben des alten einfachen Gegenfates zwifhem dem einen dominium
ex jure Quiritium und dem ager publieus, und die Yufftelung eines
neuen jus in bonis mit einem nudum jus Quiritium 1) bahnte zu jenem
Uebergang den Weg, während ihn felbft die wachfende Rückfichtnahme auf
das Hamilienleben gegenüber dem Alles beherrfchenden Staatswillen erleichs
terte; fchon die lex Sempronia gab über das allgemeine Maß von 500
jugera nodj weitere 250 für den Hausfohn zu. War es eine altrömifche
Marime: man müffe den Staat reich, den Einzelnen aber arm zu erhalten
“uchen ?), fo wird dagegen in der fpäteren Zeit das Eigenthum immer mehr
sein privatrechtlicher Natur; und je mehr das altrömifche Eroberungsprincip
und der Sinn für die Kriegsherrfchaft des Staates (hwindet, um fo mehr ver:
‚teren fich auch die nationalen Befchränkungen des Privatbefiges zu Sunften des
Semeinwefens, bis die Befeitigung aller Unterfchiede des Befiges und die volle
UnbefchränFtheit des Privateigenthums durch Sufßfinian’s Sefeßgebung be:
Üegelt wird. Auch jene gleichfallg von IJuftinian aufgehobene rechtliche Unter:
Ideidung der res mancipi (praedia Italica, servitutes praediorum rusticorum
 Italicorum, servi et animalia, quae colle dorsove domantur)
bon ben res nec mancipi [äßt, mie wichtig fie in wirthfhaftlicher Bezie
hung auch war, doch nur den aus der Befteuerung heroorgehenden Sefichts.
punkt des Staates als beftimmend erkennen, und eben darauf weift die Bes
jchränkung in der Veräußerung zurück, nach welcher die res mancipi, über
bie allein volles Römereigenthum erworben werden fonnte, nur durch eine
eivilrechtliche abalienatio, durch) mancipatio oder in jure cessio, niemals
aber, tie die res nec mancipi, durch eine bloße traditio übertragen wer:
den Eonnten 3). (Erklärlih genug tritt andererfeitg die Befchränkung in der
Bererbung des Eigenthums in den Hintergrund; erhielt doc auch die
[taatsbürgerliche Freiheit ihren pofitiven Inhalt nur durch die Nechtsfähig:

‘) Gajı institut, I, 40, 41.
‘) Die Begeiflerung, mit welcher Maeccdhiavekli in feinen Discorsi von diefer
Maxime fpricht, ift ihm von Niebuhr (rm. Gefdh. 2. Ausg, Il, S, 148)
venigftens infofern, als biefer die lex Licinia für eine lex agraria hält,
mit Unrecht als ein »Mißverftändnif der Ackergefeße« angerechnet worden.
5 Gajt institut. II, 19.
        <pb n="150" />
        Feit des Subjects, nicht durch eine Beziehung zum Eigenthum 1. Wie in
Uthen. Eonnten auch in Nom das volle Eigenthumsrecht nur die Bürger des
Staates befigen, die Quirites und Latini, und im Verkaufe der Zeit folche
peregrini, denen dag commercium ausdrücklich war verliehen worden.
BSerade weil in Nom ‚wohl die Kibertas, nicht aber das Privateigenthum
causa publica mar, und deshalb fhon bei dem Beginne. der Kaiferzeit von
allen politifchen Veränderungen unberührt blieb, Eonnte es fich auch in den
Seiten der größten öffentlichen Wirren immer fchärfer ausbilden. Doch darf
natürlich auch hier der ffeigende Einfluß des Städtelebens mit der Zunahme
der Maffe und der Bedeutung des beweglichen Eigenthums im Gefolge def
felben gegenüber ‚den Älteren mehr auf die Uekerbauverhältniffe gegründeten
Normen 2) nicht überfehen werden; mit der Zunahme des Handels und der
Serwerbe trat das »prätorifhe« Eigenthum nothwendiger Weife mehr in den
Bordergrund und fuchte die für es giltigen oder ihm nöthigen DBeftimmungen
mehr und mehr für jegliche Art von Eigenthum in Seltung zu bringen.
Im Mebrigen wird man doch nicht überfehen dürfen, daß, wie gering auch
die gefeblichen allgemeinen Befchränkungen des Cigenthumes in dem fpäteren
aber vorjuftinianeifchen römifchen Nechte waren 2%), fie doch, und gerade weil
in der Entwicklung des römifchen Rechtes ein fo entfhiedener Bug nach der
vollen Unbefchränktheit des Privateigenthumes wahrgenommen wird, als ein
genügender Beleg dienen Fönnen, wie man auch damals Fein Bedenken trug,
folche Befhränkungen aus Gründen der Nothwendiakeit und Nüßlichkeit in
Anwendung zu bringen.
Gerade auch an diefer Stelle treten die nationalen Unterfchiede der
Bermanifdhen Volksftämme von den altelaffilchen Völkern fehr bedeutz
fam hervor 4). Wie frühe ich auch hier der Unterfchied zwifchen bewealichem

)
°

Liber est homo cum capite, servus est homo sine capite.
Bol. die Bemerkungen Möfer’8, Denabrük. Gefchihte. 3. Aufl. I. S, 12.
UYeber ben zwifchen den Gebäuden nöthigen Zwifhenraum, bie Höhe der
Häufer (vol au Sueton Octavian 89), die Verbauung der Zugluft zu
einer Area, den Verkauf der Häufer auf Abbruch, die Wegnahme marmor:
ner Sierrathen aus Gebäuden, die Weihung und (nach Auguft) Beräußerung
 der res litigiosae, die Benußung der Srundftücke innerhalb Nom’s zu
Todtenbegräbniffen (Cie. de leg. I, 24. 25) u. dgl.
Die Lehre vom Sigenthum gehört nicht zu denjenigen Munkten, über welche
durch die deutfhen Mechtsgefchichten ein befonders helles Licht verbreitet
worden ift. Na Albrecdht’s Gewähr hat ©. Zh. Pütter (die Lehre
dom Eigenthume nach deutfhen RNechten aus den Nuellen dargeftellt und
mit den römifchen NMechtsgrundfäßen verglidhen. LFerlin 1831) eine fhäßbare
Monographie unter Benugung der bekannten älteren Schriften geliefert.
Indeffen Hat feitdem der Nuffchwung und die weite Uusdehnung des germas
natitilchen Stubiums viele neue Früchte gebracht. Unter den vielen bekannten
        <pb n="151" />
        =

und unbeweglihem Eigenthume heroorhebt, fo liegt doch in der Älteren Beit
der ganze Machdruck auf dem lebteren; wir finden die Germanen fogleich
als ein acferbaufreibendes Volk, und auch die Bemerkungen Cäfar’8 über
den fuevifchen Bolksftamm widerfagen nicht dem Uekerbau, fondern nur einer
ärkeren Pflege deffelben bei einem Theile der Germanen 1). Gerade in
Betreff der Eigenthumsverhältniffe an Grund und Boden find jedoch die
Nachrichten GC äfar’8 von denen des Tacitus [ehr abweichend. Nach Cäfar
hat der Einzelne Fein feftffehendes Grundeigenthum, fondern er bebaut nur
ben ihm von der Obrigkeit in jährlidhem Wechfel zugewiefenen Theil des
Bodens; bei Tacitus erfolgt zwar die. Yccupation des Bodens gemeinfam
yurd) die Gemeinde, dann aber tritt alsbald eine BVertheilung ein, jedem Einseinen
 bleibt das Zugetheilte als Cigenthum; die Einzelnen wechfeln nur
‚ährlich die Saatfelder, da fie zu einem folchen MWechfel Land genug haben
und nur auf den Anbau der Saatfelder Arbeit verwenden ?). Man würde
ine fo bedeutfame Verfchiedenheit zwifchen den Mittheilungen des Cäfar

Schriften verdient SG. Waiß: Deutfche Verfaffungsgefchichte (I. Bd. Kiel
1844 mit der Beilage: das alte Necht der Salifdhen Franken. Kiel 1846,
I. Bd. Kiel 1847) und namentlich der I. Bd. eine befondere Erwähnung.
Wie das Agriculturae Germani (Suevi) non student (de bello Gallico
VI, 22) zu verftehen fei, geigt nicht nur VI, 29: Ut supra demonstrayimus,
 minime omnes Germani agriculturae student, fondern auch
VI, 1: Sic (apud Suevos) neque agricultura nec ratio atque usus
velli intermittitur.
Da bdiefe Uuffaffung der in mandjer Beziehung wichtigen Stelle in Waci:
tus’ Germ. 26 in einem erheblidjen Punkte von der Waiß’hen Anficht
abweicht, will id) fie Kurz begründen, Waiß Hätte feine richtige Anficht,
daß Tacitus zuerft von der einmaligen erften Occupation des Gefammt:
bobens fpriht, dagegen von arva an von den einzelnen Feldeigenthümern
noch ficherer bearünden Können, wenn er auf die Gegenüberftellung von agri
und arva (mit folgendem ager) gemerkt Hätte; aber fowohl die von ibm
hit ganz mißbilligte Ueberfeßung Hanffen’s8 (der Worte Arva per annos
 mutant et superest ager): »Sährlid) wechfeln fie die Felder und es
bleibt Acker übrig«, ale die feinige »und ein Zheil des Uekers VKiegt braca
H{t unrichtig, wenn bie lebßtere auch) den Sinn trifft. Gegen diefe Mrechen
grammatifche, gegen jene äfthetifhe, d, hH. bei Tacitus eben fo entfhei
Sende Gründe, Die Stelle ift fo zu Überfeßen und zu erläutern: Von den
Semeinden im Ganzen wird der SGefammtboden (agri) occupirt — — den
fie alsbald unter fich vertheilen — (fhon bier ift die Sefammtmaffe der
Einzelnen Subject des Saßes). — — Die zum Uekerbau beftimmten Felder
(Arva, agri ad arandum destinati) mechfeln (die Einzelnen) jährlich, und
dazu {ft der (dem Einzelnen zugefallene) Boden (ager) mehr als genügend
aroß (superest); denn — — {fe verwenden Feine Arbeit darauf, Obftpflan:
jungen anzulegen, Wiefen abzufondern, Gärten zu bewäflern, nur Saat:
Früchte heifhen fie (durch Bodenbearbeitung) von der Erbe; deshalb (denn
efe Saatfrüchte reifen im Sommer) kennen fie weder den Namen noch die
        <pb n="152" />
        143 _

und des Tacitus auf eine Entwicklung in der — anderthalbhundertjähtigen
 — Zeit zurückführen müffen, wenn fich nicht fehon aus Cäfar felbft
Unleugbar ergäbe, daß er die ihm felbft gerade bei einem der Friegerifcheften
Stämme der Germanen als befondere Eigenthümlichkeit auffälligen Zuftände
nicht auf alle Germanen ausgedehnt wiffen will, weshalb man mit Necht
hervorgehoben hat 1), daß es fi bei Cäfar um die ganz befonderen Vers
hältniffe eines hauptfächlich auf das Kriegführen eingerichteten Militairftaates
handele, Tritt bei Cäfar die GSefammtheit gleichfam al8 alleinige Eigen:
thlmerin des in folchen Zuftänden allein als wichtig hervortretenden Grunds
befibßes auf, fo iff fie doch auch bei Tacitus fo zu fagen die Yuelle des
Privateigenthums an Srund und Boden; das Privateigenthum entffeht durch
ine That der Gemeinde, der Einzelne erhält es als ein Glied derfelben; die
ganze Ermerbsart und der Titel der Berechtigung macht das Eigenthum des
Einzelnen zu einer causa publica, der Einzelne hatte Eigenthum als Mitglied
 der Gemeinde und nur Mitglieder der Gemeinde hatten Eigenthum.,
Es ift wunderbar, wie auf diefen Centralpunkt das ganze Wefen des germas|
nifchen Eigenthumes in der Alteflen Zeit zurücweift. Wie nur der freie
Mann — der Bollbürger der Gemeinde -— echtes Eigenthum haben und
verwalten Fonnte, fo mar auch mit diefem Eigenthume feine Mitaliedfchaft
in der Bolksverfammlung, feine Fähigkeit zum NMechtfprechen, feine Ber:
pflichtung als Glied des Bolksheeres verbunden. Echtes Eigenthum war
nur im echten Thing Übertragenes Grundeigenthum, und jegliche Ueberz
tragung von Grundeigentum Fonnte nur in der Volksverfammlung ftattz
finden, Nicht ein Weib Eonnte folches Eigenthum befiken; der Mann,
Welcher e$ vor dem Tode feines Vaters erhielt, mußte aus dem Mundium
bes Vaters herausgetreten fein, um die mit dem Eigenthume verbundenen
Rechte geltend machen zu Eönnen. Vergegenwärtigen wir ung die Ent:
fehung des Eigenthumes, fo fällt auch alsbald das rechte Licht auf die Bes
fhränkungen diefes Eigenthumes bei den Germanen. Die Uebertragung
beffelben war unter die Aufficht der Gemeinde in ihrer Eigenfchaft als Sez
vichtsverfammiung geftelltz der Einzelne Hatte e8 urfprünglich auch als Ver:
treter feiner Samilie erhalten; diefe Hatte deshalb ein Anrecht an das in den
Frbaang aekommene Srundeiaenthum: die Familie — beziehunasweife die

Früchte des Herbfites. Ueber die entfheidende Bedeutung von: et superest
ager vgl. Hist, I, Sl: Viri, arma, equi ad usum et ad decus supererant;
83: Adfectus vestri etc. egregie supersunt Agricola; 44: Gratia oris
supererat; 45: Omnia superfuere honori tuo; in der Germania felbft c. 26:
ne ferrum quidem superest. — Durd) den GSegenfaß von arva zu agri
wird e8 unmöglich gemacht, au den erften Saß von einem jährlichen
Wechfel zu verftehen.
Yaißs a. a. D. 1. S. 24.
        <pb n="153" />
        Sefchlechtsglieder — wurden gegen eine, ohne ihre Zufimmung erfolgende
Beräußerung oder Schenkung fichergeftellt, aber über das von dem Lebenden erft
zerworbene Gut hatte diefer freies BVerfügungsrecht, über das bewegliche Eigen:
tum überhaupt, und diefes Fonnte auch an Frauen ungehemmt übergehen.
Die Semeindegenoffen, welche, weil fie ein gemeinfames NMecht an dem nicht
an die Einzelnen vertheilten Gemeindeländereien haben, das Eindringen
Sremder in die Gemeinde hindern Fönnen 1), hatten ein NMecht darauf, daß
von den Einzelnen die allgemeingiltig gewordenen SGrundfäße der Bodens
dewirthfchaftung eingehalten wurden (Markrechte).
S$ Eönnen diefe Undeutungen genügen, um zu beweifen, daß bei den
Sermanen in ihrem erffen gefchichtlihen Auftreten das echte Eigenthum eine
ganz andere Bedeutung hatte als bei den Nömern; es ift mit der Ausübung
aller politifchen Rechte eng verbunden, if causa publica; die Befchränkungen
ind, abgefehen..von dem VBerhältnif des Einzelnen zu den Markgenoffen,
hauptfächlid Befhränkungen in Nückficht auf die Familie, nicht auf den
Staat... Diefe Verhältniffe Kommen in eine gefchichtlihe Bewegung und
Entwicklung „durch die germanifchen Eroberungen und..das Eindringen des
römifchen NMechtes. Durch das immer allgemeiner werdende Beneficialwefen
mtftehen in vielfältigen Abgliederungen ganz neue Befig = und Eigenthums:
verhältniffe, in melden das alte echte Eigen mehr und mehr verfhwindet.
Die Schenkungen und Beräußerungen an die Kirche, welche von Anfang an
nad) römifchem Rechte lebte 2), durchbrachen die alten Befchränkungen in
der Veräußerung des Grundeigenthumes zu Sunften der Verwandten und
den Grundfag der Succeffiongunfähigkeit der Weiber im Grundeigenthume 3).

Ich erkläre mir die merkwürdige Stelle in dem Edictum Chilperici (561—
584), nad) weicher das Grundeigenthum für den Fall, daß die Söhne des
Srblaffers geftorben find, die Tochter erben foll, und wenn Kinder fehlen,
der Bruder, »non vicini« (Pertz Leges IL. p. 10), unter Hinzunahme der
Srläuterungen von Waiß (Das alte Necht der Salifhen Franken S. 130)
fo, daß der vom Sefeß abgefchaffte Brauch einestheils auf dem Srundfage der
lex Salica fußte: De terra nulla in muliere hereditas est, und anderen:
‘hHeils da in Anwendung zu bringen gefucht wurde, wo der frater alter
superstitutus nicht mehr zum vicus gehörte und von den vicini des Vers
torbenen als Sindringling in den vicus angefeben wurde, obwohl er. nur
als Srbe eintreten wollte.
Lex Ribuar. LY1II, 1: Secundum legem Romanam qua ecclesia* vivit.
Ss heißt bald felbfit in der lex Saxon. XV, 2: Nulli liceat traditionem
hereditatis facere praeter ad ecclesiam vel regi ut heredem suum
sxheredem faciat. Was der rex bei diefer Uusnahme gewann, zeigt die
merkwürdige Klage Chilperich’s fhon 584 (Gregor v. Zours VL, 46):
Ecce pauper est fiscus noster! ecce divitiae nostrae ad ecclesias sunt
iranslatae! — (Haec aiens assidue testamenta, quae in ecclesia conscripta
erant plerumque disrupit.)

}
X
        <pb n="154" />
        145

Wie Überall nach Kriegszügen fpielt bald der »SchaB« aus werthvollem bes
weglichen Gute eine bedeutende Molle; mit der ftärkeren Verbreitung des
gemünzten Geldes. und der Heranbildung des Städtelebens mit feinen Er.
werbsarten und feinem Berkehre tritt der mobile Befig in fteigender Widhtigleit
 hervor, während das Grundeigenthum auf vermindertem Befibtitel
beruht und andere Nechte und Pflichten umfchließt.
Ununterbrochen und vielgeftaltig geht diefe Entwicktung dur alle Sahır-Hunderte
 hindurch bis auf die Gegenwart hin und deren Jahrzehnte, in
denen die Eigenthumsverhältniffe insbefondere auch des Srundbefigthumes
ihre Normen vorzugsweife aus wirth{haftlihen Gründen und in
Rückficht auf die Einzelnperfon des lebenden Befigers erhielten. Wenn für
ihn auch das Srundeigenthum wieder zum ganz freien Eigenthum wurde,
5. b. in unferem Sinne feiner Verfügung, insbefondere feiner wirthfchaftlichen
 Verwendung undefhränkt übergeben wurde, fo SEE On
fammtmaffe_ ber, Befigenden, cite gewiffe, Dispofitionsfähigkeit Uber Bas
Srundeigenthum jedes Einzelnen, nachdem daffelbe im AUNgemeinen auf das
Hundament des beweglichen geftellt war, fo zu fagen. den. Charakter ber
Münze erhielt. _ Wenn wir unter echtem oder vollem Eigenthume nur dasjenige
 verftehen Eönnen, über welches wir unbefhränkt verfügen Eönnen, fo
waren die res mancipi, aus denen das volle Nömereigenthum, das dominium
 ex jure Quiritium, beftand, oder das echte Eigenthum der alten Gerz
manen gerade befchränkfter für die Dispofition des Inhabers überhaupt oder
für den Umfag, ihr Werth, ihre Bedeutfamkeit wurde nicht nad) einem
wirth{chaftlichen Maßftabe aufgefaßt und beftimmt. AYuch das muß man
Äberfehen, wenn man fich heutzutage mit »fühlagenden Beweisgründen«,
3. B. über die »SEonomifhen Dummbeiten des Mittelalters« erluftigen will.
Man muß e$ nicht minder überfehen, wenn man glaubt, die nationalsfonos
mifdhe Theorie Habe, indem fie die Inftitution des Privateigenthums vorausfeße,
 immer diefelbe Vorausfegung, oder es hätten ihre Schlußfolgerungen
für das Leden immer diefelbe Bebeutung, wenn fie die Jormen des Privateigenthums.
 in der Wirklichkeit des Lebens überall einer In fi aus wirth-[chaftlichen
 Gründen unangreiflichen Beurtheilung unterworfen habe, Und
freilich wer auf den allgemeinen Untergrund nicht achtet, auf welchem {ich
die begriffliche Auffaffung und die rechtlichen Normen der Berhältniffe des
Privateigenthums erheben, wer z.B. von der Annahme ausgeht, daß die
BVerhältniffe des Grundeigenthums im Mittelalter für fich ifolirt betrachtet
werden Fönnen, das Ergebnif einer willkürlichen Wahl der Zeitgenoffen und
auf die Erzielung des höchftmöglichen Ertrages durch die Kandbauproduction
gerichtet gemwefen feien, beffen Fritifche Dialektik kann weber um Gründe
noch um das Refultat des Urtheils in Berlegenheit gerathen,
Aus der Menge der an diefer Stelle fich andrängenden Betrachtungen
nies, Dolit, Dekonomie, Mn
        <pb n="155" />
        15

möchte id wenigftens$ noch auf eine Thatfache hinweifen, welche geeignet
erfeheint, die Beziehung: der wirth{haftlihen Beftrebungen zu der gefammten
geiftigen Anfhauung der Menfhen und der Zeiten darzulegen. Ich meine
die Berfchiedenheit des Standpunktes und der Begründung, von denen aus
in diefen und jenen Zeitabfhnitten der Sefchichte das Eigenthum des
Einzelnen verworfen und die Gütergemeinfchaft und das Sefammt:
eigenthum Aller angepriefen und erffrebt worden ift, Mögen immerhin zu
allen Zeiten die Ideen der Ghtergemeinfchaft aufzutauchen pflegen, »in denen
ber Unterfchied zwifhen Reich und Arm befonders drückend geworden ifk;«
mag fich die rafhe und weite Verbreitung derfelben unter der Maffe ins:
befondere dann einftellen, wann übertrieben demokratifche Ideen und SInftitu:
onen in dem Staatsleben fidy Seltung verfchafft haben, man wird darüber
doch nicht vergeffen dürfen, daß das Privateigenthum von verfchtedenen Zeiz
fen und Menfehen aus fehr verfhiedenen Gründen für fhädlich oder verderbli
 erflärt worden if, bald aus Gründen des politifchen SGemeinwefens,
Sald aus Gründen der Religion 1) und bald aus Gründen der Dekonomie ?).
Immer hat der eine Angriff mit dem anderen nicht nur nichts gemein, fon:
dern e8 febt fi auch gewöhnlich der eine mit den Motiven und Intereffen
des anderen in einen ganz entfchiedenen Gegenfaß. Ein von dem Chams
pagner und dem Braten entlehntes Argument Weitling’s paft fo wenig
zur den Sefichtspunkten einer ftrengen Mönchsregel, wie die Motive des
platonifchen Sdealftaates zu der fetten Faulheit der Staatgromane 3). Auch
innerhalb jener brei Gruppen finden wir in den Beweisführungen von Unter:
abtheilungen das Spiegelbild der verfhiedenen Zeiten oder Individuen und
Nationen. Innerhalb des politifchen Communismus ftehen z. B. die
Sründe zur Förderung der antiken Staatsaefammtkraft der modernen Sehnz

)

Der werthvolle Xuffaß von Hundeshagen: »Der Communismus und die
ascetifche Socialreform im Laufe der AHriftlidhen Fahrhunderte« in den £heos
Togifdhen Studien und Kritiken; herausgegeben von Ullmann und Um:
breit 1845 — entfaltet nur einen Theil diefer Eirchengefchichtlihen SEr{heiz
Aungen. Yu in ibm muß man namentlid zwifden Beftrebungen für
Sigenthumslofigkeit und denen für gütergemeinfchaftlihe Verbände unters
iHeiden.
Bildebrand a, a. OD. S. 98. Nur kann e&amp;amp; dem Verfaffer durchaus nicht
zugegeben werden, daß der politifhe Communismus nur dem claffifhen Alter:
‘hume, der religiöfe ebenfo dem Mittelalter, der dkonomifhe der Neuzeit
eigenthümlich fei, wie er zu meinen fcheint. Vergl. übrigens außer den bes
;annteren Schriften auch den: Lehrreichen‘ Yuffaß Nofcdher’8 über den Sor
:jalismus und Communiemus in Schmidt’s Zeitfhrift für bie Gefchichts:
viffenfchaft. Band III. und IV. 1845 und 1846.
Robert Mohl: Die Staateromane. In der Tübinger Zeitfchrift für die
zefammte Stagtswiffenfchaft. 1845.
        <pb n="156" />
        7

fucht nach »confequenter Sleichheit« und »unbedingter Freiheit« aller Eins
zelnen geradezu entgegen; in der BVerwerfung des Sondereigenthums aus
religiöfen Gründen Eommen die Einen von der Nichtigkeit des irdifchen Bes
fißes für den Menfchen zur Entfagung, die Anderen von der Gleichheit der
Menfchen vor Gott und dem Elend des Staubes zur Sinnesiuft und Ueber:
fättigung des Leibes, und innerhalb des Öfonomifchen Communismus wider:
fagen die Beweisführungen zu Sunften einer Steigerung der Production,
der Capitalerfparung und einer Ausdehnung der Wohlthaten der Bildung
von vorn herein den wilden. Trieben Derjenigen, für welche Leden und mög:
lichft viel confumiren gleichbedeutend if.
Für ung ift hierbei die Hauptfache, daß die Wirkungen des Privat
zigenthums von den in der. gefchichtlichen Situation liegenden Haupttrieben
aus auch vermorfen werden, daß der Widerfpruch, die Yuflehnung gegen das
Privateigenthum , von fehr verfchiedenen Standpunkten her, mit wefentlich
unter[hiedenen Gründen erfolgt, die fich immer und Kberall aus den in dem
Reben herrfchenden Srundtönen ergeben haben.

Der Privategoismus, der Cigennußb, fpielt in der Theorie der
Nationaldkonomie eine fo bedeutfame Mole, er ift in eine fo unmittelbare
und tief eingreifende Verbindung zu der Methode, Sefeke der Voltswirth:
fchaftslehre zu gewinnen, gebracht worden, er hat eine fo bedingende Eins
wirkung auf die ganze Stellung unferer Wiffenfchaft ausgekbt, daß eine
umfaffendere Befprechung gerechtfertigt erfheint. Auch ffeht die hiftorifche
Methode der polififhen DYekonomie in ganz befonderem Verhältnif zw dem
Dogama von dem unwandeldaren Cigennuß.
As UYdam Smith das Privatintereffe der Einzelnen als den Hebel
ber wirthfchaftlichen Thätigkeiten hinftfellte, führte er eine, wie wir fehen werz
den, in feiner Zeit allgemein verbreitete Anfchauung über das innerfte Motiv
der menfchlihen Thätigkeit überhaupt auch auf das Sfonomifche Gebiet Über.
Sn diefem Üunkte blieb er fih an jeder Stelle feines Werkes gleich. Dagegen
ift ibm die Meinung, daß durch das ungehemmte Wirken, das. fich felbft
allein überlaffene Schalten und Walten des  Privategoismus das Gemein:
wohl nothmendig und in der beften Weife gefördert werde, durch die Tradition,
die fich nun fehon in die dritte Generation hbertragen hat, wie manche andere
aufgebürdet worden; noch neuerdings hat fie Hildebrand mit befremdlicher
Beftimmtheit wiederholt. Ic) will dagegen nur einige‘ Stellen aus AUdam
Smith’8 Inquiry hier anführen. Book XI, Chap. X, Part IT. heißt es:
10%
        <pb n="157" />
        +5

»Die Landderwohner werden Leicht durch das SGefchrei und die Sophismen der
Kaufleute und SGemwverbtreibenden überredet, daß das Privatintereffe. eines
Theiles und obendrein eines untergeordneten Theiles der Sefellfchaft das all
gemeine Intereffe des Ganzen fei.« Im folgenden Chap. (XI), Part IM.
am Schluffe: »Die Ueberlegenheit (der Kaufleute und Sewerksvorftände) über
die Sandedelleute beffeht nicht fo fehr im ihrer Kenntnif des Öffentlichen Inter:
2fje8, als darin, daß fie eine beffere Kenntnif von ihrem eigenen Intereffe
haben als diefe. Bei diefer befferen Kenntnif ihres eigenen Intereffes haben
He oft den Landadel überredet, fein eigenes und das Intereffe des AUNgemeinen
aufzugeben, indem fie in ihn den einfältigen aber ehrenwerthen (very simple
out honest) Glauben beibrachten, daß ihr Intereffe und nicht das feinige das
öffentliche fei. Gleichwohl ift das Intereffe der Verkäufer in jedem Zweige
1e8 Handels und der Gewerbe immer in gewiffer Beziehung von dem öffent:
lichen verfchieden, ja fogar ihm entgegengefebt (is always in some respects
lifferent from and even opposite to that of the public), — — —
Seder von jenem Stande ausgehende Borfchlag (in der Handelsgefeßgebung)
ft Äußerft vorfichtig aufzunehmen, da fein Intereffe niemals ganz mit dem
Mfentlichen zufammenfält — — der vielmehr gewöhnlich ein Interelfe daran
hat, das Publicum zu täufchen und fogar zu unterdrücken.« B. III, Ch. 4:
‚Alles für uns felbft und nichts für Andere, das fcheint zu allen Zeiten der
nichtstwürdige Grundfaß der Herrfcher gewefen zu fein.« BB. IV, 2: »(Der
Aufhebung aller Handelsbefhränkungen) ftehen nicht nur die Vorurtheile des
Publicums, fondern auch die Privatintereffen vieler Einzelnen entgegen,« und
päter: »biefer Saß Eonnte niemals in Frage geftellt werden, wenn nicht die
igennüßigen Sophismen der Kaufleute und SGemerbsunternehmer den ges
meinen Menfchenverfiand irre geleitet hätten. Ihr Bortheil {ft in diefem
Punkte dem der großen Maffe des Volkes geradezu entgegengefeßt.« Ch. V:
‚Das Intereffe des inländifchen SGetreidehändlers Kann hiemals dem Intereffe
 der großen Mafje des Wolkes entgegengefebt fein, wogegen das Intereffe
bes ausführenden Kaufmanns ihm nicht nur entgegengefebt fein Kann, fon:
dern wirklich auch zuweilen iff.« Chap. VII, Part 2: »Man kann fi
nicht wundern, wenn durch die meiften Verordnungen über den Colonialhandel
 das Intereffe der Kaufleute mehr berückfichtigt worden if als das der
Solonieen oder des Mutterlandes.« Part 3: »So ift alfo der Bortheil, den
das Monopol einer einzelnen Klaffe von Menfchen verfhafft, auf mancherlei
Urt für das gemeine Befte ein Nachtheil.« Ehendafelbft: »Die Veranlagung
bes Capitals, zu welcher der Londoner Kaufmann durch das Monopol gleich:
lam hingezogen wird, Fan für ihn vielleicht weit gewinnreicher fein, als jede
andere, aber für fein Land ann fie — — durchaus nicht vortheilhaft fein.«
Chap. 8: »MNur diejenige Induftrie, weiche zum Wohle der Reichen und
Mächtigen dient, will das Mercantilfoyftem vorzugsweifle begünffigen, die:
        <pb n="158" />
        149

jenige Sndufieie hingegen, die zum Wohle der Armen und Dirftigen dient,
wird nur zu oft vernachläffigt oder gar unterdrüct. — — Unferen Wollarbeitern
 ift e8 mehr als irgend einer anderen Kaffe von Arbeitern gelungen,
die gefeßgebende Gewalt zu überzeugen, daß die Wohlfahrt der. Nation auf
dem Gedeihen und der Ausbreitung ihres befonderen Gewerbes heruhe.« (Bergl.
I, 11, 3: »Unferen Serbern ift es nicht fo gut gelungen wie unferen Zucdhmachern,
 die Nation zu überzeugen« u. f. w.) B. V. Ch. 2. P. 2: »Höchft
mahrfcheinlich mar e8 das Intereffe der höheren Stände, welches fidh einem
Wechfel in dem Syfteme der Befteuerung entgegenftemmte, der fowohl das
Seaatseinkommen hätte vermehren, als audy dem Volke Erleichterung Hätte
verfchaffen müffen.« — Man fieht, alle diefe Stellen, die ich leicht vermehren
Eönnte, find ganz unverträglid) mit dem der Lehre Smith’s aufgebürbeten
„Grundlap, daß der Privategoismus immer von felbft mit Nothwendigkeit
zum Gemeintvohl führe.« Damit foll Feinestwegs in UYbrede geftellt werden,
daß nicht andere Stellen hervorgehoben werden Eönnten, welche an diefe
Sedanken nahe herantreten; aber die Beweisführung Hildebrand’s
a. a. 9. S. 32 in der Note ift — ic weiß e&amp;amp; nicht anders auszudrücken —
Leichtfertig geführt. Er beruft {ih auf B. IV, 2: »SIeder Menfch ft ftets
darauf bedacht, die erfprießlichfte Anwendung alles Capitals, workider er zu
gebieten hat, ausfindig zu machen. Er hat nur feinen eigenen BWortheil
und nicht den der SGefellfchaft im Auge, Aber natürlicher oder vielmehr
nothwendiger Weife führt ihn die Bedachtnahme auf feinen eigenen Bortheil
gerade dahin, daß er diejenige Capitalbenußung vorzieht, weiche zugleich für
die Sefellfchaft die erfprießlichfte if.« Hier heißt e$ aber mahrlih: »ein auss
geriffenes Auge fieht nicht.« Der ganze Zufammenhang der Stelle zeigt,
daß AU.” Smith fi hier gegen das unnatürlihe Hindrängen der Capitalverwendungen
 in falfhe Bahnen durch Monopole u. f. w. fich erhebt, was
Hildebrand felbft nicht befürworten wird, und die Hauptthefis Smith’
aleich vorher H{t {elbit ein Geagenbeweig aeaen die ihm unteragefchobene Anficht 1).

x
1

That this monopoly of the home - market frequenily gives great encouragement
 of that particular species of industry which enjoys
it, and frequently turns towards that employment a greater share of
both the labour and stock of the society than would otherwise have
zone to it, cannot be doubted. But whether it tends either to incrense
 the general industry of the society or to give it
the most advantageous direction is not perhaps altogether so
evident. — "The general industry of ihe society never can exceed
what the capital of the society can employ — leitet dann die bekannte
Argumentation ein. Smith hat alfo in der obigen‘ Stelle nur einen
all im AUuge, wo ber Mrivatvortheil und das Semeinwohl zugleich geförs
dert merden.
        <pb n="159" />
        150

Wenn aber Hildebrand tveiterhin fortfährt: »und bald darauf fagt
Smith: BVerfolgt jeder Einzelne fein eigenes Intereffe, fo befördert er das
der Sefellfchaft weit wirkfamer , al8 wenn er biefes wirklich zu. befördern die
Abficht hätte,« fo ift gegen biefe allerdings fhlagende Stelle nichts zu er:
innern, als daß fie nicht ein Citat aus X. Smith’s Buch, fondern aus
der Stirner’ {chen Ueberfeßung deffelben it, Bei Smith heißt e8:
By pursuing his own interest: he f requently promotes that of the
society more effectually than when he really intends to promote it.
“Smith führt fort: I have never known much good done by those
who affected to trade for the public good. It is an affectation indeed
not very common among merchants and very few words need be
employed- in dissuading them from it.) Senes frequently bricht der
ganzen Beweisführung gegen Smith die Spibe ab, während diefer felbft
[9 auch diefe Stelle in Einklang fest mit den oben hervorgehobenen. Banz
in ‚derfelben Weife und Gedankenverbindung fogt ec B. IV, Chap. VII:
„Das Faufmännifche Capital eines jeden Landes fußht, wie im zweiten
Buche fich gezeigt hat, fo zu fagen von felbft — naturally seeks
if one may say so — die dem Lande bortheilhaftefte Veranlagung auf;« und
#in paar Seiten fpäter: »So treiben die Privatintereffen und Leidenfchaften
der Individuen diefe von felbft dahin, Ihre Capitale auf diejenigen Beran:
wagungen zu verwenden, welche gewöhnlidh — in ordinary cases — der
Befellfichaft die vortheilhafteften find, #
So wären wir zu dem Refiltate gekommen, daß man wohl mit Recht
auf X. Smith den Grundfas zurücführt, nach welchem der Cigennußs als
der Hebel der individuellen Thätigkeit auf dem SFonomifchen Gebiete anzu
jehen fei, daß dagegen die von Späteren ausgebildete Lehre: das ganz unges
jemmte Schalten und Walten des Privategoismus führe von felbft zum
Semeinwohl; und jeder Einzelne befördere durch das Verfolgen feiner felbz
Rifden Intereffen geradezu immer auch die Intereffen der Sefellfchaft, Leine:
meg8 aus U. Smith’s Werk begründet werden kann. Wir Fönnen uns
im Gegentheil gerade auf feine Autorität dafür berufen, daß dem nicht fo fet.
Die beiden Lehrfäße: daß der Privategoismus die allein vorhandene oder allein
in Betracht kommende Zuelle der wirthfchaftlichen Zhätigleit der Einzelnen
(ei, und daß durch die freie Wirkfamkeit des Cigennubes der Individuen an
ich und in der zivecEdienlichften Weife das Semeinwohl am ftäreften geföt:
dert werde — find von einander durchaus zu unterfcheiden, Der erftere if
Aine reine quaestio facti, der andere quaestio facti und quaestio juris zu:
3leih, wenn man bei dem juris an den Conflict zwifchen dem wirthfchaft:
ichen Intereffe und der moralifchen Beftimmung des Menfehen und der
#thifchen Aufgabe der gemeintvefenlichen Verbände denken darf. Nachdem
man die beiden Säge von Anfang an ungefondert angenommenermaßen der
        <pb n="160" />
        151

Lehre Smith’s entlehnt hatte, find fie aud) in der fpäteren Discufiion ge:
wöhnlich ungefchieden wie etwas Einheitliches in Angriff und Vertheidigung
behandelt worden. In welcher Weife bei AU. Smith fich eine höhere Ein:
heit für die das Gemeinmwohl hervorbringenden ThätigFeiten darftellt, Fann
hier außer Acht gelaffen werden N. Der Segenfaß, welcher fi bei ihm
infofern zeigt, als dem »gewöhnlih« oder »Häufig« das Gemeinwohl erwit-Fenden
 Privateqoismus eine ergänzende Thatigkeit zuzugefellen ift, hat fich,
nachdem man bin und wieber confequent und einfeitig den Cigennuß des
Einzelnen als die Mutter aller Öffentlichen Wohlfahrt hingeftellt hatte, heuts
zutage wieber ziemlich in bderfelben Form mie bei U. Smith eingefiellt.
Der von X. Smith dagegen unbedingt feftgehaltene Sag, daß der Privat:
egoi$mus die alleinige Hebelkraft der mwirthfchaftlichen Thätigkeit der Einzelnen
fei, {ft von mandher Seite her angefochten, von anderer Seite her aber, wenn
aucd) milder formulirt, fo doch zugleich auch in ein weit fyftematifcheres Ber:
Hältnif zu der Gewinnung nationalökonomifcher Sefeße gebracht worden, und
in diefer Beziehung ift er namentlich für die hifforifche Methode der politifchen
Dekonomie von fehr großer Bedeutung. Obwohl das Extrem die Confequenz
des Princips if, fo wollen wir doch unfere Erörterungen , weil die »Uebertreibung«
 fehon von. einer größeren Mafßhaltigkeit felbft als aufgegeben er-[Heinen
 Eönnte, an die bei NMau Hervortretende Geltendmachung diefer
Brundlage der nationaldkonomifchen SGefeße mit ihrer unleugbaren MaßhaltigFeit
 anfchließen, was auch deshalb fich empfiehlt, weil Rau den Mittelpunkt
 der Frage fharf erkannt hat, alle Momente, auf welche e&amp;amp; ankommt,
berührt und bei ihm die nah Smith eingetretene. Entwicklung der Wiffenfchaft
 auch an diefer Stelle zur Darftellung gelangt if.
Nau fagt in den Srundfägen der Voltswirthfchaftsiehre (Worrede XII):
„Die BVolkswirthfchaftslehre hat die Yufgabe, zu fchildern, welche Wirkungen
das Verhalten der Menfchen in Bezug auf Erwerb, Befig und Sebrauch
der Sachgüter im Großen, innerhalb eines ganzen Volkes hervorbringt.«
(&amp;amp; 11, 2.): »Das Berhältnif des Menfhen zu den fachlichen
Sütern als den unentbehrlichen Hilfsmitteln zur Erreichung feiner meiften
Zwedfe ft unwandelbar. Daher ift die Erlangung, Erhaltung und
Benugung fachlicher Güter Gegenftand eines gleichmäßigen allgemeinen Bes
firebens (8. 7, 1: Der Untrieb, nach dem die Menfchen in wirthfchafts
lichen Angelegenheiten zu handeln pflegen, ift das Verlangen, mit der gering:
ften Befchtwerde und dem geringften Yufmande von Bermögenstheilen ihre
Bedhrfniffe zu befriedigen und noch darkber hinaus (?) 2) Güteraenuß zu

X Sch will diefes demnäcft ausführlicher erörtern.
*) Die Bedeutung diefes »und darüber hHinaus« ift unklar. Soll man es fo
Verfteben: über die Bedürfniffe hinaus? Dem widerfpricht die aleich zu er:
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        152 ©

Miverben) und erfolgt nach gleichen wirthfchaftlichen Grundfägen 1), obfehon
im Einzelnen die Bedürfniffe und ihre Befriedigungsmittel fich verfchiedent:
‚ich geftälten und auch der Einfluß höherer überfinnlicher Betwegaründe fich
in ungleidhem Maße Aufert.« In ihrer wirth{haftlichen Thätigkeit verfolgen
die Mitglieder eines Volkes ihren eigenen Vortheil (S. 5.). Zwar if auch die
Erhabenheit und Schönheit einer Sefinnung, die aus Liebe für Andere oder
für das Sanze zu jedem Opfer bereit ft, volllommen anzuerfennen, doch
muß man zugeftehen, daß fie in den wirthfchaftlichen Verhandlungen der
Menfchen unter einander nicht zur herrfchenden Megel werden Fann (Vorrede
XIT). Das Band der für jeden Einzelnen vortheilhaften Arbeitstheilung,
welches die menfchliche Sefellfchaft zufammenzuhalten beiträgt, ift darum fo
feft, weil e8 von den unbeztwinglichen "Antrieben der Eigenliebe ausgeht
$. 8, 3.); das aus eigennüßiger Abficht hervorgehende Zufammentoirken
aller Einzelnen hat den Erfolg, den Bedärfniffen des Volkes größtentheilg
xbzubhelfen (6. 8, 4.). war treten bei dem rückfichtslofen Walten des Er:
werbseifers Uusartungen, Yebertreibungen und Migßbräuche ein, fie find durch
lere Antriebe zu entfernen, an die Voltswirthfchaftstehre felbft Fann man
nicht die Anforderung ftellen, die Nichtigkeit und Geringfchäßung der irdifchen
Süter zu lehren (XID. Die Selbftfucht wird von der Volkswirth(hafts:
(ehre weder gepriefen noch ermuntert 2), fondern als eine fortdauernde Friebhz
Evaft anerfannt, ohne die wohl Fein einziges volf$wirth(chaftliches Befeß auf:
geftellt werben Eönnte, Die MWiffenfchaft Fann nicht umbin, die Beweg:
gründe, nach denen die Menfchen insgemein handeln, vorauszufeben, fie muß
alfo von der Annahme ausgehen, daß Feder im Verkehr feinen Eiqenvortheil
verfolge.
Haben wir auch bier eine Erörterung vor uns, die felbft {(hon als die
Srucht einer Ermägung über die von manchen Seiten ber erhobenen Beden:
Een fich Eund giebt, fo muß ich doch offen bekennen, daß fie nicht nur dem
gefchichtlichen Leben gegenüber, wie e8 fi in Völkern und in dem Einzelnen

wähnende Note b, fowie das bedingende Verhältniß, in welchem Genuß und
Bedürfnife zu einander ftehen; oder foll e8 heißen: über das Verhältniß
dinaus, in welchem Befchwerde und Aufwand zu der Frucht derfelben
Rehen? Dafür fpricht die Note b, welche fih auf den Eigennuß bezieht:
»Diefer Sag ift Feine Prattifche Vorfchrift, fondern der Ausdruck einer all
gemein angenommenen Thatfache und der genannte Trieb liegt tief in der
menfchlichen Natur begründet. «
Hierzu heißt e8 in einer Note: 3: VB. der tohnarbeiter begehrt feinen Unter:
jalt vom Lohnherrn, der Bewerbemann fcheut fich, eine Unternehmung mit
Serluft zu betreiben, der Verkäufer fucht den höchften Erlös 3C.
Xuch an anderen Stellen hat fih Rau gegen erhobene Angriffe beftimmt
arauf berufen, daß es fih für ihn nur um eine Ihatfache, nicht um eine
Unpreifung des Caviemug handele.
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        153

barffellt, auf einer Übftraction beruht, fondern auch in fih felbft durchaus
den Logifchen Gedanken{hluß vermiffen [äßt, Denn um von Lekterem aus:
zugehen, fo wird man zunächft gewahr, daß die Cinfhränkungen, welche fich
in Sägen zeigen, wie: fo handeln die Menfchen inggemein, mährenb e$ auch
zine Erhabenheit und Schönheit der Sefinnung giebt u. f. w. (XID), in der
Handlungsweife der Menfechen if eine gewiffe Sleichförmigkeit bemerkbar
(8. 11., vergl. auch oben die Stelle $. 11, 2.) z. 1. w. — der ganzen Argus
Mentation eigentlich die Spige abbrechen und die angenommene Srundlage
bon vorn herein als unfiher zur Gewinnung von Gefeßen erfcheinen Laffen.
Schon hier erfheint X. Smith in..einer viel .geficherteren. Stellung, da er
ganz unbedingt annimmt, daß der Figennuß. die. ‚einzige wirth[Hhaftliche Trieb:
feber_in allen Menfehen_fei... Wenn ich auch erft weiter unten von der Methobe
 fprechen will, in welcher man auf der Bafis diefes Triebes in dem
Menfchen die nationalifonomifchen Gefene zu gewinnen fucht, fo muß doch
[on hier darauf hingewiefen merden, daß, wenn Rau von der inggemein
oder bei der Mehrzahl der Menfchen vorherrfchenden Maxime ausgehen mill,
der gegenüber allerdings bei Manchen andere und edlere Motive wahrgenom:
Men würden, doch auch er gegen den Hauptgrundfaß folcher Durchfchnitts:
berechnungen unmittelbar verftößt, indem diefe aus den Unterfchieden eine
mittlere Durchfhnittsgröße oder ein Durchfchnittsgefeg der Mitte zu ge:
winnen fuchen, welches den nach den verfchiedenen Seiten hin oseillivenden
Punkten Rechnung trägt, nicht aber fo verfahren, daß fie Differenzen aner:
fennen und dann in der Berechnung derfelben fich allein auf die eine Seite,
zeigte fie auch immerhin die Mehrheit der Fälle, füßen. Auch darf man
lich nicht über die zweifelhafte Sicherheit der Stellung täufchen, wenn die
Wiffenfchaft erklärt, fie wolle den Eigennuß und das ungehemmte MWalten
des Privategoismus nicht fördern, während fie zugleich erElärt, die Verfolgung
Äigennüßiger Intereffen fördere das Gemeinwohl, fei es auch nur größten:
theils. Denn darin liegt eine weitere Unficherheit, daß fein Menfch fich
nad) den vorliegenden NMefultaten der Wiffenfchaft angeben kanız, wo die
Üebertreibung, der Mißbrauch, die YAusartung des eigennübigen Erwerbs:
eifers anfängt und die das Semeinwohl fördernden Wirkungen deffelben auf
hören, ganz abgefehen davon, daß an fich die feinen begrifflichen Unterfchei:
dungen einer wiffenfhaftlichen Theorie bei den innigen Verenüpfungen aller
Grenzen und Uebergänge in dem praktifchen Leben gar nicht feftzubhalten oder
wiederzuerfennen find. Cbendaran wird man auch erinnert, wenn man
das Verlangen ausgefprochen findet, daß edlere Antriebe moralilcher und
patriotifcher Art, daß die Sittenlehre, die Kirche, das Chriftenthum gegen
folde Ausartungen des eigennüßigen Ermerbseifers ankimpfen follen.
Dazır Eommt der Widerfpruch, daß der Eigennus an fi das Semeintwvokt
fördern, dagegen vor Ausartungen, das heißt doch wohl nichts Anderes, als
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        154

wo er mit Fräftigfter Anftrengung arbeitet, zurücdgehalten werden müffe,
während man dann feine meiften und herrlichften Frhchte für das Gemein:
wohl erwarten follte. Es wird nicht geleugnet werden Fönnen, daß die Be:
meisführung Nau’s mit NMothwendigkeit zu der Annahme führt, gegen
welche ein feüherer Ubfchnitt diefes Buches gerichtet ft, daß der Menfch in
mirthfchaftlidhen Dingen von diefen, in anderen ThätigleitsFreifen von ande:
ven Motiven geleitet auftritt, durch welchen pfochologifchen SFrrthum geradezu
bie Einheit der menfchlihen Perfon aufgehoben erfheint. Sch muß darauf
gleich noch einmal zurückkommen. Wie fehr endlich die Schluffolgerung
Rau’s erleichtert erfiheint, die Überzeugende Kraft deffelben wird dadurch
aut gefhtoächt, daß er dem einen Extrem nur ein anderes, die Schönheit
und Erhabenheit einer Gefinnung, die aus Liche für Andere oder
für das Ganze zu jedem Opfer bereit ift, gegenüberzuftellen weiß.
&amp;amp;s bleibt eben die Frage, einmal, ob es fich überhaupt um eine Alternative
Handelt, und dann die, ob die hier formulirte als die richtige anzufehen i{ft.
Ebendaran denkt man, wenn davon abgemahnt wird, daß die Vollswirth-“haftslehre
 die Nichtigkeit und Geringfhäßung iIrdifher Güter zu
‚ehren habe.
Nun würde man freilich mit dem Nachweife, daß fich in der Erörterung
diefer Frage bei NMau eine in fih felbft fefte und gefchloffene Gedankenver:
bindung nicht zeigt, nichts gewonnen haben, wenn das Grundariom an fich
mahr wäre, nur die Beziehung des Eigennukes zu dem Gemeinwohle Fönnte
efchüttert erfcheinen, Nau felbft beruft fi immer wieder auf die Thatz
lache des Lebens und weißt infofern mit Necht alle moralifchen Einwürfe als
unftatthaft zurück. Über gerade die Thatfache des Lebens, die gefchichtliche
Srfahrung und das Ergebnif der Pfnchologie ift es, was diefer Srundlegung
wotderfpricht oder fie vielmehr als durchaus falfdh zeigt.
Es ift fhon erwähnt worden, daß Mau gleich allen neueren National:
öfonomen, welche den Eigennus zum Srundprincip der wirthfchaftlichen
Thätigkeit der Individuen machen, doch einestheils gleichfam in fporadifcher
Verbreitung eine andere Sinnesart als beftimmend und vorherrfchend anerfennt,
 anderentheils perfönliche Träger der fittlihen Kräfte vorausfebt, welche
gegen die Yusartungen und Uebertreibungen des eigennübigen Ermwerbseifers
ankämpfen follen. Damit ift aber zugeflanden, dag biefer pfychifhe Trieb
Feineswegs$ ein mit der phyfifhen Natur des Menfchen nothwendig ver:
bundenes Element iff, Denn in diefem Sinne giebt c&amp;amp; Feine befondere
Menfhennatur für Majoritäten und Minoritäten; und wenn die Ubfchwä:
Hung oder Vernichtung der Selbfifucht als das Ergehnif einer befferen Se:
müths: und Seifkesbildung anzufehen wäre, fo würde alfo einfach eine Ver:
Änderung des Erziehungsfpftemes ober eine VBerallgemeinerung der Bildungs:
lemente der Minorität diefe Grundlage für die nationaldkonomifchen Sefebe
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        155

vollends erfchüttern Eönnen, wie denn in der That wohl Niemand Heutzutage
leugnen wird, daß der Fortfchritt der wahren Bildung und die Verminderung
der Selbfefucht in dem Individuum Hand in Hand geht. Geht man auf
das Einzelne ein, fo fieht man gar nicht mehr, woher die VBeiwveife hergeholt
fein Eönnen, fobald man von der Tradition abfieht; denn es gehört zu den
{pecielen Eigenthümlichkeiten der englifchen und franzöfifchen Literatur des
vorigen Yahrhunderts, daß fie mit einem geficherteren NMückhalt an dem
Ceben auch der gebildeteren Stände von der Annahme ausging, der Menfch
werde in allen feinen Handlungen von dem Eigennuße beftimmt. Nau
fagt, wenn auch mit einer Schlufmodification (vergl. oben), welche alle Be:
ftimmtheit wieder aufhebt: das Verhältnif des Menfchen zu den Sachgütern,
als den unentbehrlichen Hilfsmitteln zur Erreichung feiner meiften Zwecke,
it unwandelbar. Was heißt das? Sewiß nicht, daß jeder Menfch zur
Erhaltung feines leiblichen Dafeins effen, trinken u. f. mw. muß; denn von
einem zur wirthfchaftlichen Tbätigkeit in Beziehung zu feßenden Gedanken
Bann erft bei dem Begehr nach fachlichen Gütern die Nede fein, und auf
diefe Yuffaffung jenes »unmandelbaren BVerhältniffes« weißt auch beftimmt
die Erklärung Nau’s hin, daß die Volkswirthfchaftslehre die Wirkungen
zu fchildern habe, welche das Verhalten des MenfdHen in Bezug auf Erz
merb, Befig und Gebrauch der Sachgüter innerhalb eines ganzen
Bolkes heroorbringe. Da aber kann man denn doch nicht entfchieben genug
auf die gänzliche Unmwahrheit der Annahme eines unmandelbaren Verhält:
niffes$ und gleichmäßigen Beftrebens gegenüber den fachlihen Gütern bin:
weifen. Mögen wir die Einzelnen oder die verfhiedenen Stände der bürger:
lichen Sefellfchaft, Völker oder Zeiten in Betrachtung ziehen, nirgends finden
wir diefe Annahme beftätigt. Nicht nur, daß fi zwiflchen den Menfchen,
in welchen wir im Allgemeinen das Streben nach der Sewinnung fachlicher
Süter vorherefchend finden, die mannigfaltigften Gradunterfhiede der Stärke
diefes Strebens zeigen, wir finden auch ihnen gegenüber ganze Meihen Anz
derer, in denen bei diefem oder jenem vorherrfchenden Triebe die Erftrebung
fachlicher Güter entfchieden in den Hintergrund tritt; wir müßten die Sprache
und die Beobachtungen aller Zeiten und Völker Lügen firafen, wenn neben
der befonderen Klaffe eigennüßiger Menfchen, und fagen wir zugleich fol:
her Menfchen, welche in der Erftrebung von SGenkffen durch Sewinnung
fachlicher Güter ihre befondere Befriedigung finden, jene mannigfaltigen
anderen Charaktere und Sinnesarten geleugnet werden follen, wie wir
Teloft und Andere vor und neben uns fie jederzeit beobachten Eonnten. Feder
Vorfchritt der Bildung, wie er fich im Leben des Einzelnen zeigt oder als
Unterfheidendes Merkmal ganzer Stände fich feftgefeßt hat, führt zu einer
Vermehrung von Senüffen außer dem Kreife des Verzehres fachlicher Güter,
und ohne daß der Befig derfelben die unentbehrliche Vermittlung abadbe.
        <pb n="165" />
        156

Sollen wie noch einmal den genügfamen, die Ruhe dem aus fleifigem Er.
mwerbseifer hervorgehenbden NMeichthum vorziehenden Südlander dem raftlos
:frig arbeitenden Bewohner Fälterer Gegenden gegenüberftellen, ober die
nationalen Marimen des alten Nömerthums den Franzofen des achtzehnten
Sahrhunderts, die Zeiten der Verbreitung des Chriftenthums oder der Kreuzz
‚üge den Zeiten der Eifenbahnen und Indufkrieausftelungen? Wohl, die
Jachlichen Güter find »Mittel zur Befriedigung der Bedürfniffe«, aber wo
und wie Fann von einer Gleichheit der Bedürfniffe geredet werden, welche
nen gleichmäßigen Begehr hervorruft und die Vorausfegung des unmandelbaren‘
 Verhältniffes des Menfchen zu den Sachgütern ift? Wohl giebt e$
immer genug eigennüßige Menfhen und der Privategoismus kann immer:
hin auch als heroorftechender Charakterzug einer befonderen Zeit wahrgenom:
men werden, aber er rangiert fo nur neben anderen Charaktermerkmalen ein:
jener Menfehen oder Zeiten und hat für die Beobachtung nicht das Necht
ausfchließlidh — er hat nur ein Recht, neben den anderen in AUnfchlag ge
racht zu werden. Unleugbar aber führt fogar die Annahme, daß der Eigen:
auß das Motiv der mirthfchaftlichen Thätigkeit aller Menfchen fet,
unmittelbar zu der Schlußfolgerung, daß die Menfchen in all’ ihrem Treiben
und Thun nur von eigennübigen Motiven geleitet werden, wie das die
Schriftfteller des vorigen Jahrhunderts ganz folgerichtig behaupteten. Man
muß entweder dem Menfhen insgemein alle und jede Selbfterkenntniß ab:
prechen oder fich den abfoluten Widerfpruch als wirkliche Einheit zu denken
vermögen, wenn man der Annahme fich hingeben mag, daß der Menfch als
Shrift voller Nächftenliebe, als Bürger erfüllt von SGemeinfinn und Patrioi8mu8,
 als Menfch im gewöhnlichen Berkehr human und billig gefinnt fein
Anne, und nur in feinem Handelscomptoir , auf dem Markte, bei der Ub-Ihließung
 eines AUecords mit Arbeitern ut. f. w. voll Eigennuß und auf die
höchftmöglihe Steigerung feines Eigenvortheits bedacht fei.. Den Menfchen
uanmwandelbar und allgemein in feiner wirtffchaftlihen Thätigkeit nur von
igennüßigen Motiven geleitet hinftellen, ift thatfächlich entmweder-gleichbedeus
end mit der Ableugnung aller edleren und befferen Motive in jeglichem
Beginnen des Menfchen, oder mit der Lehre, daß jeder Menfch fo und fo
viele felbftftändig neben einander wirkende Mittelpunkte feines geiftigen Lebens
habe. Cbhendeshalb ann ich das nur als eine pfychologifhe Täufchung ans
jehben, daß man fih in der Anerkennung befferer Triebe in dem Menfihen
biefe nur gegen Ausartungen des Sigennußes wirkfam denkt oder in Wir:
fung zu feßen räthlich findet. Ale fittlihen und geiftigen Bildungselemente
zines Menfchen wirken jederzeit und ermwirken jederzeit ein einheitliches Ergebnif.
 Megt fih in dem Einzelnen das Berwußtfein, daß der Cigennus als
folcher etwas Uebeles in fich habe, fo wird jeder neue Zudrang befferer Bildungsftoffe
 gegen denfelben wirken, in welcher Potenz er auch fich geltend
        <pb n="166" />
        1ud

machen will, und umgekehrt wird er, der den Eigennuß in feiner Wurzel
und in feinen gewöhnlichen Wirkungen als etwas Semeinnlükiges anzufehen
gelehrt worden if, ihn auch in feiner — Übrigens, wie erwähnt, ganz unbe:
ffimmbaren — »Uebertreibung« fchwerlidh als ein Uebel für das, Gemein:
wohl anzufebhen lernen.
Man weiß nicht, auf welchen Widerfpruch man in diefer ganzen Lehre
am ftärkften hinweifen foll, um die Unficherheit der auf fie gebauten national:
SEonomifhen Sefeße nachzuweifen. Der Eigennuß fol das Motiv der
wirthfchaftlichen Thätigkeit der Menfchen fein — aber Feineswegs bei
allen; er fördert das GSemeinwohl— aber Feineswegs in allen Fallen;
 er ift gemeinnüßig fo zu fagen in feiner Schwäche und gefährlich in
feiner Stärke; er beftfimmt die wirthfhaftliche Thätigkeit des Men:
[chen — aber nicht von ferne irgend eine andere u. f. w. Wie ficher
mar dagegen die Lehre des 18. Jahrhunderts!
Alle diefe Einfhränkungen haben die Bedeutung von Zugeftändniffen
zu Sunften einer der angenommenen Grundlage widerfprechenden Annahme.
Man Kann felbft auf die allgemeine NichtigFeitserklärung eines Hauptfabes,
weichen das Mercantilfyftem für den internationalen Verkehr fefthielt, und
auf Say’$ Theorie der Abfakwege als auf ein halbes Fallenlaffen jenes
Principes verweifen; denn wie das Mercantilfyftem manche Wahrheiten für
die Privatwirthfchaft zu Wahrheiten für die Volkswirthfchaft erhob, fo ift
umgefehrt das Princip des Eigennuses für die Privatwirthfhaft und feiner
Holgen für Andere nichts als die Individualifirung einer Srundannahme
und, wie man zugeffeht, eines Grundirrthums des Mercantilfoftemes über
den nationalen Verkehr in der Einzelnwirthfchaft. Hermann *) hat auf
die thatfächlidhe und ebenfo nothmwendige als heilfame Wirkfamkeit des Se =
meinfinnes neben dem Eigennuße hingewiefen. Man Fönnte geneigt
fein, in feiner Auseinanderfeßung im Wefentlihen nur eine Zurücführung
ber Theorie auf die oben begründete Lehre des AU. Smith zu erblicken, weil
Hermann die praktiflhen Thätigkeitsäußerungen des Gemeinfinnes der
Bolfswirth[haftshflege” Überweift, während er die Gelege der Wolkstoieth:
fehaftölehre auf Be Sigeitüß ZückeEfühet, Inbeffen {ft doch das Weihältulg
An anderes, und wenn man auch geringeren Nachdruck darauf legen wollte,
daß Hermann die ThätigFeitsäußerungen des Gemeinfinnes auch Privaten
überweift, die fomit an der in der Volkswirthfchaftspflege zu behandelnden
gemeinnüßiaen Thätiakeit der allaemeinen Staatgaemwalt theilnehmen 2), fo

1) Staatemwirthfchaftlidhe Unterfuchungen. Münden 1832. S. 12—19.
”) Bis zu diefem Sinne if Hermann’s Meinung von Rau 8. 14. N. c)
aufgefaßt und gebilligt worden, obfhon Rau durd den Hinweis auf den
»richtig verftandenen Bortheil« des gemeinnüßig wirkenden Individuums der
Sache die Spibe mieder abbricht,
        <pb n="167" />
        138

wird doch wegen der Annahme einer »unter den Bürgern eines Staates
herrfchenden Einficht in die SGemeinbedürfniffe und des Willens, ihnen mit
Unterordnung mandes egoiftifghen Trieches abzuhelfen« 1), das
Urtheit Dildebrand’s ?) gerechtfertigt erfcheinen müffen. Nimmt man
eine gleichzeitige Wirkfamkeit des Semeinfinnes und des Cigennubes in den
Einzelnen, auch in den Sfonomifchen Sefichtspunkten der Privatwirthfchaft
an, während man doch die Sefeße der theoretifchen VBolkswirthfchaftslehre das
durch erhalten will, daß man das Prineip des Eigennubes8 in allen feinen
Heußerungen und Erfcheinungen verfolgt, fo kann Feineswegs, wie Herz
mann fagt, »bder fonderbare Widerfpruch gelöft und befeitigt erfcheinen, in
den die bisherigen Wirthfchaftslehrer gerathen, wenn fie im Unfang ihrer
Unterfuchungen den Eigennuß der Bürger für das einzige Princip der Wolks:
wirthfhaft erklären und hintendrein doch faft aller Orten helfenden und ordmenden
 Einfluß der Megierung vorfinden und felbft nöthig erachten.«
Smmerbin aber wird man auch in diefen Hinweifen Hermann’8 ein be:
deutfames Berdienft um die Entwieklung der Nationalökonomie in Deutfchs
land anerfennen müffen. Sie befagen "mehr als der in der fpäteren Zeit
oielfad) hervorgetretene Nachweis eines »richtig oder wohlverffandenen Pris
batBortheils«, der auch die gute Frucht aus der flimmen Wurzel ziehen
will und in der Hauptfache doch gar nicht weiter fördert. Der »wohlver:
Handene Eigennus«, ein fhon bei Helvetiugs in demfelben Sinne vor:
fommender Begriff, if als folcher niemals Semeinfinn und umgelehrt;
jener will ober foll nur auf einer anderen als der längft bekannten Straße
zu bdemfelden Ziele kommen, welche der gewöhnliche Eigennüßige auch im
Auge hat. Aber man will wohl hin und wieder etwas Underes fagen,
nämlich daß nicht immer die eigennüßige Verfolgung wirthfhaftlicher
Bortheile zum wahren Wohle des Einzelnen gereicht, mierwohl man
auch auf diefes Ziel hin feinen Willen durch den Cigennuß beftimmen will.
Schüz hat in einem in mehrfacher Hinficht (ehr verdienftvollen Yuffab
zuf das fittlihe Princip in der Volkswirthfchaft neben dem eigennüßigen
al8 thatfächlich vorhanden und als wiffenfhaftlich berechtigt hingewiefen 3).

X. a. ©. S. 15 fl. Daffelbe gült auch für die von Raw in der angeführ:
ten Stelle gegebene Erörterung. .
X. 0.9. S, 33 in der Note: »Giebt man einmal im wirthfhaftlidhen Volks:
‚eben neben der Herrfhaft des Egoismus aud) eine Serrfchaft des Gemeine
Äinnes zu, weldje jenen Egoismus befchränkt und fittlihen Prineipien unter:
ordnet, fo muß man auch bie Richtigkeit aller der Gefebe leugnen, welche
auf die Vorausfeßung einer ausfchließliden Herrichaft des SCgoismus ge:
baut find.«
Das fittlidhe Princip in der Volkswirthfhaft. Tübinger Beitfchrift für die
gefammte Staatswiffenfchaft. 1844.
        <pb n="168" />
        159

Rofcher !) fagt in Kürze: »Der MWirthfchaft Kegen als geiftige Triebfedern
der Cigennuß und der Semeinfinn zu Grunde; der Eigennußs allein würde
einen ewigen Alles zerftörenden Krieg der einzelnen Privatwirthfchaften herz
borrufen, den aber der Gemeinfinn zu einem höheren Organismus, der
VBolkswirthfchaft, verföhnt.« Hildebrand hat an mebreren Stellen feines
erwähnten Buches fih gegen die überkommene Annahme ausgefprochen und
gleichfalls der Nationalökonomie den Charakter einer ethifchen Wiffenfchaft
bindicirk: € ift das einer der Srundgedanken feiner ganzen Ausführung.
Diefe wie andere Nationalblonomen haben fi von einer folchen Ans
nahme durch Nau’s Bemerkung, daß, wenn die Selbftfucht nicht als die
herrfchende Negel in den wirthfchaftlichen Berhandlkungen der Menfchen unter
einander angenommen werde, die Lehren vom Vreife, vom Arbeitslohne u. f, w.
ausgeffrichen werden müßten ?), nicht abfchrecken laffen.
HF Wenn id hier den VBerfuch wage, eine, fo viel ich weiß, neue Anficht
über den fraglichen Cardinalpunkt für die VBoltswirthfchaftsiehte zu begrün:
den, fo ermuthigt mich dazır der Umfkand, daß die zu [öfende Aufgabe mitten
auf dem Wege der fich fortbildenden Wiffen{haft liegt und die vorliegenden
NRefultate mehr als Beweife gegen die feitherige Annahme daftehen, oder als
Beiträge zur Formulirung der Aufgabe, nicht aber als Löfungen angefehen
werden Fönnen. Denn bei der Annahme eines Semeinfinnes neben dem
Cigennuße, eines fittlien Drincipes neben einem unfittlichen, bleibt alles Das
nach wie vor in Wahrheit, mas oben über die Unficherheit der Grenze zwi:
(hen dem gemeinnüßigen und dem. gemeinfchädlihen Eigennuße mit allen
Folgen diefes Verhältniffes für die Wiffenfhaft und das Leben gefagt wor:
den if; nicht minder der unerklärliche Zwiefpalt im Menfchen felbft; auch
der durch den Gemeinfinn gedämpfte Cigennuß ergiebt weder eine Einheit
des Willens noch eine fittliche Verföhnung; an die Stelle der einheitlichen
Srundlage der feitherigen Sefege iff- eine zwiefpaltige getreten, aber mo hat
die von Rau fcharffinnig angedeutete Solgerung eine Beherzigung erhalten?
Man nimmt eine neue Srundlegung an, aber erhält das auf der zerftörten
errichtete Gebäude aufrecht. Sol in dem »Gemeinfiun und Cigennuß« nur
ein anderes, aber ebenfo unmandelbares Werhältnik des Menichen zu den
Sachgütern gegeben fein?
Serade bei einer Begründung vom Standpunkte der hifkorifchen Mes
thode aus handelt es fi jedoch nicht von ferne um die Auffindung einer
Neuen auf dem Wege einer monologifirenden Ideenabfiraction gewonnenen
Wahrheit, fondern nur um die Hinftellung deffen, was die Wahrheit des

') Grundrif S. 3. .
©) Borrede zur Bollswirthfchaftslehte XIL
        <pb n="169" />
        150

gefhichtlihen Lebens in dem Fortfchritte der Entwicklung und das pfuychologifche
 Studium des Menfchen darbietet.
Kile Schriftfteller, weiche den Eigennuß als das einzige Motiv der einz
zelnen Individuen in ihrer wirthfchaftlichen Thätigkeit hinffellen und den
Privategoismus in SEonomifchen Dingen als das mächtige Förderungsmittel
 des Gemeintwohles preifen, berufen fid dabei auf die Natur des ges
Thichtlichen Menfchen und die Erfahrungen des Lebens, Im Hindlik auf
jene haben fie den geltend gemachten fittlichen Einwürfen gegenüber fidhh mit
einem Naturam expellas furca tamen usque redibit ficherftellen Fönnen ;
bie leßteren find ganz im Allgemeinen eigentlidh von Niemand geleugnet
 worden, und wo man einerfeits auf Schäden hinwies, gab man fie von
der anderen Seite mit der Zeit als Ausnahmen und als Folgen von Uebertreibungen
 eines an fich gefunden Triebes zu, Wenn ich e8 oben, wohl
ohne Widerfpruch bei den Zeitgenoffen zu finden, als geradezu unwahr hinz
ftellte, daß nur der Eigennuß alle Individuen in ihrer wirthfehaftlichen
Thätigkeit befeele, gefhweige denn das ganze Leben und Thun des Menjchen
 allein beftimme, fo habe ich damit meder die thatfächliche Erfahrung,
daß fehr viele Einzelne in ihrer SEonomifchen Thätigkeit eigennüßige Abfichten
verfolgen, noch das beffreiten wollen, daß wir in allen Menfchen einen auf
den privaten Lebensfreis gerichteten wirthfchaftlihen Trieb wahrnehmen.
Und menn ich, wie wohl gleichfalls alle deutfchen MNationaldfonomen der
Segentwart, e&amp;amp; durch die gefhichtliche Erfahrung unmwiderlegbar bekräftigt
finde, daß die Verfolgung »eigennüßiger« Zmede in der Privatwirthfchaft
das Gemeintwohl in diefem oder jenem Srade und Umfange fchäbdigt, fo halte
ich e8 für ebenfo unmwiderlegbar durch die Erfahrung bekräftigt, daß durch die
Privatthätigkeit, welche man als eigennüßig bezeichnet, das SGemeintwohl viel:
fältig gefördert wird. Die gewöhnliche Lehre erfheint jedoch al® — pfnchoz
logifch und gefhichtlidh — unmwmahr, weil fie auf einem Mangel an der
Unterfcheidung beruht, auf welche Machiavelli’s tieffinnige Bemerkun:
gen hintweifen, daß das Befte in feiner Verkehrung (nicht in feiner ftärkften
Potenz) zum Schlechteften werde und neben allem Guten menfchlicher Ver:
hältniffe dicht der Keim des Böfen anliege. In der phofifchen Natur des
Menfchen liegt derfelbe infkinctive. Trieb, der in allen organifhen Wefen
liegt, der Trieb zur Selbfferhaltung und der Trieb zum Wohlbehagen.
Dem Seifte des Menfchen if das Streben, (ich zu Detbollfchtmmen; fidy zur
Bollendung zu bringen, von der Matur eingeboren. Das VBorhandenfein
biefes Triebes in dem vernünftigen und. fomit fi felbft gegenftändlichen
Menfchen erfheint als Selbftliebe, die ebenfo der menfchlihen Natur an ficd
eigen ift, wie fie felbft durch die Meligion, weiche dem Menfchen immer die
Äberirdifchen Intereffen gegenwärtig wiffen will, geheiligt mird; das Chriften:
um ftellt fie der gebotenen NMächftenliebde gleich; die Se bfiliehe_ des
        <pb n="170" />
        161

Menfchen_ enthält in. ihrem. Begriff Feinen Widerfpruch gegen die Liebe zur
Samilie, zum Nüchften, zum Baterlande, Die Se b.Euct-enthält dies
fen Widerfpruch, (ie hat ein privatives und negatives Clement, das
unvereinbar if mit der Liede zu Ullem, was nicht mit dem Ich des Einzel:
nen zufammenfällt. Die Selbftfucht ift Selbftliebe, verbunden mit Gleich:
giltigfeit, Nückfichtslofigkeit, Feindfchaft, Bereitwiligkeit zum Naube gegen
jeden anderen Einzelnen und gegen das SGemeinwefen. Es ift deshalb die
Sufammenftellung der Selbfiliebe und der Selbfifucht, fofern damit derfelbe
Begriff bezeichnet, diefelbe Wurzel für den Eigennuß hingefkellt werden fol,
durchaus unberechtigt. Die Selbffliebe des Menfchen if Iuftinet, ik das.
Normale, ift fittlich, enthält nichts Privatives, bildet Feinen Widerfpruch zur.
Yächfienliebe und zum Gemeinfinn; die Selbfifucht It. nur. Charattereigenehümlichteit,
 it das Abnorme in der menschlichen. Natur ift-in-alten Bölz-Fern
 und Zeiten als unfittlich erfdhienen, enthält ftets das privative. Clement,
fteht im Widerfpruch zur Nächftenliebe, zum Gemeinfinn,....E$ gereicht dem
Staäte wie allen feinen Sliedern zum Wohl, daß jeder Einzelne der Selbft
(iebe nicht entfremdet fei, die Selbftfucht ft dem Gemeinwohl entgegen, fie
enthält die Verneinung und den Krieg gegen jeden anderen Einzelnen.
Denn gerade auch in den Ihitigkeitsiußerungen der Selbftliebe und der
Selbftfucht Eommen die ganz verfchiedenen Wirkungen beider zum Vorfchein.
Wie man gewöhnlich die Selbftliebe und die Selbftfucht nicht aus einander
hält, fo gebraucht man auch alg Ausdruck für die auf dem wirthfchaftlichen
Sebiete fich darftellende Sinnesrihtung und Handlungsweife, bei welcher der
Einzelne fich felbft im Auge hat, das Wort Eigennug und eigennüßig für
die wefentlich verfhiedenen Thaätigkeitsäußerungen der Selbftliebe und der
Selbftfucht. Ich will die mirthfehaftliche Thätigkeit, welche auf dem Srunde
und mit den Trieben der Selbfiliebe fich Seltung verfhafft — da uns ein
hergebrachtes Wort dafür mangelt — als das Streben nad dem Eigen:
091 bezeichnen und ihm die Eigen fuht (denn »„Dabfucht: Hat im Leben,
eine etwas andere Bedeutung) als das in der Wirthfchaft. fich darftellende
Streben der Selbftfucht gegenüberftellen; der Eigennuß würde dann beide
Begriffe zufammen enthalten, denn diefe Bedeutung hat er in der wiffens
fehaftlichen Beweisführung der Theoretiker, obfehon im gewöhnlichen Brauche
bes Lebens mit dem Worte »eigennübig« immer ein fittliher Vorwurf und der
Gedanke an eine für verwerflich gehaltene Beeinträchtigung der Nebenmenfchen
verbunden wird. So wenig wie die Selbftliebe im Widerfpruche fteht mit der
Nächfkenliebe oder dem Semeinfinne, ebenfowenig enthält das wirthfchaftliche
Streben nach dem Eigenwohle etwas Privatives im Berhältniß zum Wohle
des NMüchften oder eine BVerneinung des Semeintwohles; eine bewußte Nückz
fichtnahrme auf das Wohl des Nüchften und eine pofitive Förderung deffelben
wie des Gemeinwohles Fönnen Hand in Hand mit dem Streben nach dem
Knieg, volit. Dekonomie. 1x
        <pb n="171" />
        ‚62

Cigentwohle gehen, nicht aber.mit der Eigenfucht, und da diefe den »Eigen:
nuß« zugleich umfchließt, auch nicht mit dem Eigennuk, der nur an fich
denkt und nur auf fich fieht, und jedem Anderen gegenüber nicht bloß in
gleichgiltiger, fondern auch in feindlicher Stellung fich befindet. Wie der
Selbfterhaltungstrieb die erfie Stufe der Selbftliebe Hk, fo zeigt fich auch
das erfie Streben nach dem Eigenwohle als ein Streben nach wirthfchafts
licher Selbftftändigkeit, Daß diefes. Streben in jedem Einzelnen lebendig
fei umd zum Biele gelange, das liegt — man braucht e$ nicht weiter anzu
führen — nicht bloß im Intereffe des Strebenden felbft, fondern auch jedes
Finzelnen neben ihm und im Intereffe der Sefellfhaft im Ganzen: Nicht
anders if es der Fall mit dem weiteren Borftreben nach der Erlangung von
Sachgütern, die über das nothwendige Maß einer felbfiftändigen menfchlichen
Eriffenz hinaus liegen, ganz abgefehen davon, daß das Maß des Nothwen:
bigen felbft als eine relative Sröße erfheint. Segen die Befhränkung auf
das Nothmwendige Fämpft der inftinctive Trieb des Menfchen an, fie fteht im
Widerfpruche mit dem Gefepe der Entwicklung, dem Lebensgefebße geiftiger
Wefen, mit der allgemeingleichen fittlihen Beftimmung der mit verfchiedenen
Kräften und verfhiedener EntwickungsfähigFeit begabten Menfchen, fich nach
ihren Kräften zur Vollendung zu bringen, mit dem undegrenzten Berufe zur
Arbeit und zum fittlihen hun. Daß irgend ein ‚höheres Maß wirthfchaft
licher Güter auf den Wegen der Selbftfucht, des gegen den Nächften und
das SGemeinwefen rücfichtslofen Eigennubes, von dem Einzelnen gewonnen
werde, ffeht im Widerfpruch mit dem materiellen und fittlichen Wohle aller
anderen Einzelnen, mit dem Semeinwohle, ja m dem fittlichen Wohle des
Ermerbenden felbfit. ZIu den ganz unleugbaren fittlihen und politifchen
Schäden Fommt der. Trugfchluß des mercantiliftifchen Rechnungserempels,
in welchem dem Plus auf der einen Seite ein meift noch größeres Minus
auf der anderen gegenlüberzuftellen if. Wird dagegen ein erhöhtes wirth:
“haftlihes Wohl da gewonnen, wo ein (ebendiger Sinn für das Wohl des
Anderen und des Ganzen die Nückfichtslofigkeit und das vernichtende Streben
 gegen Andere fern hält, fo Kann e8, fofern nicht mit dem Fluche der
Sleichheit alles Leben erftickt werden foll, nur als förderlich auch für Andere
rfcheinen, daß die wirthfhaftlihen Tugenden von Erfolg gekrönt werden.
Während thatfächlicher Weife der Fortfchritt des Einzelnen in Sittlichkeit
und Seiftesbildung den Eigennugs, d. h. den felbftfüchtigen privativen Be:
Handtheil deffelben, mindert und vernichtet und fomit auch dem Verlangen der
Bolkswirthfchaftslehre nach einem gemäßigten CEigermub entgegenarbeitet, ift
3ier ein ganz anderes Verhältnif erfichtlich. Der Menfch eriftirt gar nicht
»oß als Einzelnwefen, fordern von Haus aus aud) in der Gemeinfchaft
mit Seinesgleichen und als ein Glied des gefellfchaftlidhen und ftaatlichen
Banzen; das Intereffe für den Nächften und für das Gemeinwefen ik ihm
        <pb n="172" />
        163

nicht ein an fich fremdes, geht auch nicht erft aus der Selbfiliede hervor
(5’XLembert), fondern if ihn von Natur eingepflanzt. Darum braucht
ihm auch die Berückfichtigung und Förderung des Wohles Anderer oder des
Sanzen nicht. als etwas Frembdes in feiner wirthfchaftliden Thätigkeit ange:
priefen zu werden, fondern es Kiegt fchon in feiner Naturanlage, was nur
durch jeden Fortfchritt feiner fittlichen Entwicklung verftärkt wird, daß er fich
durch die Müıckficht auf jene in dem Streben nach feinem Eigenwohle bes
fchränft oder zu einer ThatigFeit für jene antreibt. Die Geltendmachung
der Selbftfucht, d. h. der auf Andere rlıckfichtslofen Selbftliebe in der wirth»
[chaftlichen FhätigEeit des in der ftaatlidhen SGemeinfchaft lebenden Menfchen
ift für die Anderen und das Gemeinwefen ebenfo unerträglich und zerftörend
als die Bethätigung einer unbefchränkten Freiheit überhaupt. Die SGeltendzu
machung des rlekfichtslofen Eigennußes in der öfonomifhen Ihätigkeit bez
ruht nicht auf der Freiheit, fondern auf dem Fauftrecht, et ift die mu
in der politifchen oder gefellfchaftlichen Freiheit, die Nichtachtung des öffent»
lichen Mechtes und bes Mechtes der Anderen, der eine wie die andere zerz
(törend nicht bloß in ihrer Uebertreibung, fondern auch in Ihren erften, »ges
mäßigten« Anfägen 1). Wie die Selbftliebe ihrem eigentlichen Begriffe
nach niemals die Liebe zum. Nüchften oder den Semeinfinn aufhebt, fo Fann
auch das Streben nach dem Eigenwohle in unferem Sinne auf Feiner Stufe
zu einer NückfichtslofigEeit oder Feindfchaft gegen das Wohl der Underen
und gegen das Wohl des Gemeinwefens werden. Der auf es geftellte Trieb
der privatwirthfchaftlichen Thätigkeit ft nicht nur nicht im Widerfpruc mit
den fittlichen Geboten, er ift für fich felbft ein fittlihes Gebot, zu dem auch
die Berhckfichtigung und die Förderung des Wohles des Nächften und der
Semeinfinn nicht wie etwas ihm MWiderfprechendes hinzuzutreten braucht, er
ift in dem gefunden Menfehen an fih mit denfelben verbunden,
Sehen wir auf das-wirkliche Leben, fo Ennen wir doch in der Ihat die
fortmwährende Wirkfamkeit auch diefer anderen Triebe neben denen der Selbfte
liebe in den privatwirthfchaftlichen ThätigEeiten gar nicht verkennen. Allerdings
gewahren wir auch die Unftrengungen der Selbfifucht und des rückfichtslofen
und auf fich befchränkten. Eigennußes häufig genug, er ift eine Charakter:
iaenthümlichteit Cinzelner und in einzelnen Reiten auch der aroßen Male ?);

y 8 bedarf gar Feiner neuen Beweife, daß die NMückfichtstofigkeit der
einzelnen Privatwirthfchaft gegen die übrigen in der Verfolgung ihrer
3Zwece in jedem Srade Undere benachtheiligen Kann; man braucht nur die
oorhandenen Lehren und deren Begründungen für das von der Regierungs:
wirthfchaft, diefer »größten Privatwirthfchaft«, nothmendig einzuhaltende
Merfahren bei der Verwirklichung ihrer Yufgaben nachzulefen.
3. B. in Frankreidh während des vorigen Jahrhunderts bie auf die Zeiten
ber NMevolution Hin. Auch die gefammte Literatur giebt dafür die Belege

41%
        <pb n="173" />
        1564

mir Fönnen im die Selbftentäußerung für das Wohl des NMebenmenfchen
und die Aufopferungsfreudigkeit für das Ganze, wie fie die Sefchichte im
Sroßen und im Kleinen aufbewahrt hat, gegenüberftellen, auch die jebteren
finden wir al$ Harakteriftifche Merkmale Einzelner oder auch als vorhert:
chende Richtung einer ganzen Zeit. Im Sroßen und Allgemeinen feben
mir die Selbfkliebe in dem Streben nach dem Cigenmwohl wirkfam und- die
Bethätigung der Nächftenliebe und des Semeinfinnes auch auf dem Sebiete
der Ökonomifchen Thätigkeit als das Seziemende und Sittliche anerkannt
und feffgehalten. Freilich ft nicht zu verkennen, daß das menfchliche Bez
fchlecht auch einen fittlihen Fortfchritt bekundet. Er zeigt fich der Er:
fahrung, auch wenn fich die ErEenntnig und der Glaube für ein objectiv
feffftehendes und bereits gegebenes Ideal für das fittliche Wollen und Thun
ent[heidet; die Entwicklung durch Zeiten und Völker ftellt {ich dann im
‚Herantreten an diefes Ideal dar. Zweifellog hat fich diefer Fortfchritt in
‘unferem Jahrhundert gegen das vorige auch als ein berußtes Bekämpfen
und Aothun des Eigennußes und der Selbftfucht bewährt. &amp;amp; zeigt fich
gerade in unferer von den neueften Kirchenvätern des gregorianifchen Zeit:
alters als eigennüßig verkeberten Zeit in den mannigfaltigften Formen bei
Taufenden von Individuen ein werkthätiger Sinn für das Semeinnügige
und nicht aus wohlverftandenem Eigennuse. In Millionen it das Streben
und Arbeiten, das als Merkmal des Eigennukes vorgewiefen wird, ein Stre:
den und Arbeiten für Andere, für die Familie und das Sefchlecht, fittlich
und deshalb auch fittigenb, in feiner Wurzel ein Heilmittel gegen den rück
chtslofen Eigennuß dem Nächften gegenüber, In den mannigfaltigften
Sormen ftehen in allen Ländern als Lebendige Zeugen wider den Cigennußg
die Infkitute für Kranke und Arme, Sreife und Kinder, Schwache und Ge:
brechliche, und. wenn auch die Werke der PrivatmildthätigFeit nicht zu meffen
noch zu zählen find, fo hat man doch die veichlichen Opfergaben wirthfchaft:
licher Güter zählen Fönnen, wenn eine Kunde von wirthfchaftlidhen Mißver:
hältniffen oder Unglüesfällen auch durch weit entfernte Segenden 330g.
Bleibt im gewöhnlichen Gang der Dinge der Einzelne mit Mecht auf die
eigenen Kräfte vertiefen, fo fucht man fie doch auch dem YWermften ohne
zigennüßige Zwecke zu ftärken. Und wenn folche MWerEkthätigkeit nur Spens
den des Erworbenen erkennen läßt, alfo dem Eigennug im Verbrauch
widerfagt, wäre e$ nicht fhon an fich ein unlösbarer pfychokogifdher Wider:
‘pruch, wenn man fi die Maffen dagegen im Erwerb, auf den Bahnen

(

und nicht bloß die philofophifchen Schriftfteller, auf weldje ih noch zurücg:
Fommen werde, fondern namentlidy auch- folche, weldhe die im Leben herr:
[enden Srundfäge darbieten; fo fhon La Bruykere, NoHefoucault
a. deral.
        <pb n="174" />
        165

der Production nur von Selbftfucht und Eigennußs erfüllt denken follte;
unbeFümmert um das Wohl des Nächften und um das Gemeinwohl, fo
lange fie Güter zu gewinnen ffreben? Die Wiffenfchaft der Nationals
Sfonomie, welche heutzutage den Eigennuß als den allgemein herrichenden
alleinigen Srundtrieb der wirthfchaftlichen Privatthätigkeiten anfieht, hat den
Rückhalt an dem Leben verloren, den gerade A. Smith an feinen Zeitge:
noffen hatte. ‘
Es if bemerkt worden, daß bereits von mehreren Volkswirthfhafts:
gefehrten neben dem Eigennuße der Semeinfinn als ein die wirthfhaftliche
Thätigkeit des Einzelnen Tejtimmender Srundtrieb nachgetwiefen worden if.
Sobald man nicht den Eigennuß als die den Einzelnen allein beherrfehende
Kraft annimmt, wird eine Vervollftändigung nöthig. Das Streben nach dem
Sigenwohle, beziehungsweife der Cigennuk, zeigt den Einzelnen im Berhältnif
zu fich felbft, der Gemeinfinn ftellt ihn in Beziehung zu dem Ganzen; er
bezeichnet zugleich die ThätigEeit des Einzelnen für das Sanze und die Bes
jchränkung feiner Eigenbeffrebungen zu Sunften des Sanzen. Mit diefer
Beziehung des Einzelnen zu dem Sanzen füllt nicht zufammen die Stellung
des Einzelnen dem Einzelnen gegenüber, Und wenn wir auch feine thätige
Hilfleiftung für den Nächften als Semeinfiann auffallen Eönnen, fo bleibt
doch noch jener Trieb hervorzuheben, der die Befchränkung des Sitrebens
nach dem Eigenwoble zu Gunften des Näichffen in dem täglichen und
IufenöfältigenSinzelnusrfchrberbeifühet und zur füttlihen That macht.
an Ffann bdiefen dritten wirthfehaftlihen Grundtrieb als den Billigkeitsz
und Nechtsfinn bezeichnen, Cr Hat feine Nuelle in dem Wehlwollen
und in dem lebendigen Sefühle für fittliche Gerechtigkeit. Bon ihm erfüllt,
verzichtet der Einzelne Freimillig_auf die Erzielung größerer wirthfchaftlicher
Bortheite, jaer hält die Eriangung derfelben für unrecht und tadelhaft, ob: |
wohl das SGefeß: fie fchübt und die thatfächliche Möglichkeit dargeboten ift,
SIene Handlungsweife, welche die Concurrenz eigennüßiger Mitwerber um
die Höchftmöglichen wirthfchaftlichen Bortheile zum Nußen des Confumenten
oder auch des Producenten erzwingen foll, der abgenöthigte Verzicht auf den
größeren Bortheil wird zu einer freien und fittlichen Handlung erhoben.
Auch hier handelt es fi um Feine Abftraction, fondern um eine Wahrheit
des wirklichen Lebens, welche aus der fittlichen Natur und Entwicklung des
Menfchen hervorgeht und den Verband aller Glieder der Gemeinwefen unter
zinander Fräftigt. ZTagtäglich EFönnen wir wahrnehmen, daß EFeineswegs jeder
Kaufmann »fo_theuer als möglich „bverfauft« und den übermäßigen, aber
Möglihen Gewinn ergreift, weil er e$ billig und als redlicher Mann recht
findet, fich mit einem minderen Betrag zu begnügen; daß bei dem Verding
der Lohnarbeiter Feinesiweg8 überall, wo und wann e$ geht, der Minimalfag
bon dem Fabrikanten aufgenöthigt wird — man aiebt das ja eigentlich fchon
        <pb n="175" />
        156

gu, wenn man den Fabrikanten erft in Folge der Conecurrenz auf
diefen die Arbeiter hindrängend und. felbft hingedrängt annimmt! — daß
Für Arbeitsproducte oder Leiftungen von Vielen nicht mehr al8 billig. und
secht ift verlangt wird, auch. in Fällen, wo der Erfolg eines geffeigerten Ver:
‚angens unzweifelhaft Mt und die Berechnung des wohlverffandenen Eigen:
außes nicht eingreift. Sollte man wirklich -e8 überfehen dürfen , daß nicht
ur die Benachtheiligten und das Urtheil Unbetheiligter allgemein Harther:
sigEeit, Habfucht, ja Betrug erkennt, wo, wie fhon Auguftin fagte, das
justum pretium merflich Überfchritten wird, fordern auch ein folches Gefühl
in dem Inneren Derer fich ausfpricht, welche den Vortheil haben? Kann
man e$ Teugnen, daß die Steigerung und die Berallgemeinerung des auch
in unferer Zeit wirkenden Sittlichkeits= und Serechtigkeitsgefühles auf eine
immer allgemeinere Verbreitung und Fefkigung diefes Billigkeitg: und Rechts:
innes hinwirkt? Man unterfchäbe nicht diefe Reaction des Lebens und der
wirthfchaftlich thätigen Individuen gegen die Srundlage für die Sefeke einer
Wiffenfchaft, die fih mit voller Entfchiedenheit auf den Boden des. erfahs
‚ungsmäßigen Lebens geftellt hat. Diele Neaction if in diefem Kahrhun:
derte gegen das vorige burch den Fortfchritk der fittlichen Bildung hervorz
zerufen, fie ft verfiärft worden fowohl dadurch, daf an fich nicht mehr-die
Sewinnung möglichft vieler Sachglüter und der durch fie mögliche und ver:
mittelte Genuß als der „Güter höchftes« erfcheint, als durch den Fortfchritt
Der fittlichen Bildung Überhaupt und die Kräftigung der nationalen und
zemeinfinnigen Triebe in den Völkern. Denn in der hat muß die Verofgung-
 rein felbfifüchtiger Zwecke in der Privatroirthfchaft mittelbar und
unmittelbar den innigen politifchen Zufammenhang der Stantsgenoffen, an
velchem das gefammte Dafein eines Wolkskörpers eng betheiligt ift, zerwer:
fen und zerflüften. Wie fich bei ihr dem Einzelnen in allen feinen Bezies
Jungen zu dem Gemeintwvefen und deffen gefammten Gliedern der eigennüßige
Bortheil als das Höchfte und allein Unbedingte in völliger BVereinzelung von
allem Vebrigen darffellen muß, fo ift auch der Grundfaß, daß der Cigennuß
318 Grundlage für die Gewinnung volkswirthfchaftlicher Sefege anzunehmen
ei, nur aus einer Zeit erflärlich, in welcher man die Aufgabe des ftantlichen
Semeinwefens in die Sicherung der Perfonen und des Privateigenthumes
jete und den Begriff des Volkes in einer Summe von Einzelnmenfchen fand.
Zugeftandenermaßen fördert die Verfolgung eigennüßiger Zwecke in der
Einzeintwirth{haft nicht in allen Fällen das Semeinwohl. Wenn man das
Seben und die einen Unterfchied feftftellende Lehre vergleicht, wird man finz
ben, daß die Schäden des Cigennubes auf jeder Stufe und alfo ingbefondere
au) des fogenannten ausgeartefen oder Übertriebenen Cigennukes yon den
Ihm innemohnenden, auf die Selbftfucht zurückzuführenden privativen und
aegativen Elementen hervorgehen, weiche zugleich Unverträglich find.mit der
        <pb n="176" />
        167

fittlichen und politifhen Aufgabe des Staates wie der Einzelnen, während
die in Beziehung auf den Eigennuß nachgewiefenen guten Folgen für das
wirthfchaftliche Wohl der Sefammtheit auch duch das Streben der Cinzelnen
 nach dem Eigentwohle ohne Abbruch erhalten werden. Daß insbefondere
die dem Gemeintwohle förderlichfte Capitalverwendung, wegen welcher Udam
Smith die Wege des Eigennukes namentlich preift, unverkümmert bleibt,
bedarf Feiner Ausführung. An die Stelle der fhädlichen Folgen des Eigen:
nußes für Andere und das Gemeinwefen treten die fittlih politifh und wirth:
fchaftlich wohlthätigen Leitungen des Semeinfinnes, und die von dem Wohl»
wollen und der Liebe zum Nächften ausgehende thätige Nächftenliebe fammt
der auf dem fittlihen SGewiffen beruhenden Selbfibefchränkung durch den
Billigkeits= und Gerechtigkeitsfinn. Diefe auf die gefunde Natur des Mens
fchen- gegründeten wirthfchaftlihen Triebe der Einzelnen find zu allen Zeiten
vorhanden gewefen; aber wie in den einzelnen Charakteren die einheitliche
Mifchung der für die Erkenntnif fheidbaren Cliemente eine verfchiedene ift, fo
finden wir au — gleich jenen drei entarteten Staatsformen neben den
guten — mie den Eigennuß und die Selbftfucht neben dem Streden nach
dem Eigentwohle und dem SGemeinfinne fo eine die Pflichten der Selbfts
erhaltung und Seloftliebe verleßende Vernachläffigung des Eigenwohles,
weiche, ferbft wenn fie als Hingabe und AUufopferung für den Nächften
oder das Allgemeine auftritt, fofern fie mit dem Aufgeben der wirthfhaftlichen
 Selbftftändigkeit verbunden if, Feinestwegs im Intereffe des MNächften
oder des Gemeinmefens liegt. Immer aber führt wieder von den Verirruns
gen der fittliche Fortfchritt zu dem Gefunden zurück, denn nur das Sefunde
ift das Dauernde und, fühlg. der, fittlichen, Fortentwicklung, So Tange die
NationalsEonomie nicht jene Scheidung des böfen und des guten Cliementes
im Eigennuge aus dem Leben felbft aufnimmt, fo lange fie der auf den
Nächten und auf dag Gemeintwefen rückfichtslofen wirth[Haftlichen Selbftz
fucht auf ihren höheren, wie auf ihren niederen Stufen eine den Einzelnen
und das Gemeinwohl fördernde Kraft beilegt, Hk fie nicht nur allein unter
allen »moralifchen und politifchen«. Wiffenfchaften auf ein unfittliches Funz
dament gegründet, fie fteht auch im zerftörenden Widerfpruche zu den AUufs
gaben des politifhen Gemeinwefens im Ganzen, weiches um fo {tärker ift, je
inniger der Verband unter allen einzelnen Sliedern ft, fie fteht auch in
einem unlösbaren Gegenfaße zu der fittlihen Aufgabe des einzelnen Mens
fehen, wie der gefamımten Menfchheit, Und follte e8 endlich nicht leicht Elar
zu machen fein, wie fehr verfhieden die Wirkungen des Privategoismus von
der Wiffenfchaft angefehlagen werden müffen, fo lange fie nur in die mög:
Lichft große Gefammtproduction die Aufgabe der Volkswirthfchaft
je6te, und fobald fie die mögliche. gute Bertheilung und den Verzehr der!
Süter al8 einen neben jenem Zwecke gleichberechtigten Theil ihrer Unter)
        <pb n="177" />
        168

fuchungen anerfennt? Mit anderen Worten, fobald fie zu einem quantitas
ven Begriff einen qualitativen ffellt oder vielmehr diefen voranftellt?

€. wird — wenn. wir von Einzelnheiten, die wir doch nicht erfchöpfen
fönnen, uns zum Ganzen hinwenden — Faum noch unerwartet erfcheinen
Bönnen, daß fi aud) die volEsmwirthfhaftliche Theorie Überhaupt in einem
Nicht nur Kar erfichtlichen,  fondern auch ganz naturgemäßen Zufammenhang
mit. der Zeit und dem Volke zeigt, denen ihre Urheber angehören. Wie
3roß auch die eigenthiümliche Bedeutung mächtiger Individuen erfcheinen
mag; fie mwurzeln doch in dem Boden, auf welchem fie ffehen, atbmen die
Yuft ihrer Umgebung; fie Eönnen nur gehoben werden durch die bereits ges
wonnenen Wahrheiten, und haben vor fich die Probleme ihrer Segenwart;
die Punkte, auf welche fie ihre befondere UufmerEfamkeit wenden, ftehen in
nem allgemeinen Zufammenbhange mit dem SGefammtleben. Wie wenig
3uläffig erfcheint eine Einfchränkung diefer Wahrheit für die Pflege der
Bolfswirthfchaftstehre, die ihre fruchtbringenden Wahrheiten aus der Lebensz
irfahrung gewinnt, auch ihr Borfchreiten darkber hinaus doch an eben diefer
Sebenserfahrung prüfen und zurechtftellen muß, deren nächftes Unterfuchungs:
3ebiet mit dem gefanımten allgemeingefchichtlichen Leben der Völker innig
verbunden it, und die ebendeshalb auch die Yufgabe, welche fie den wirthhaftlichen
 Thätigkeiten zumweift, forohl mit dem Volke, wie e8 kebt und
vebt, als auch mit dem Einzelnen und deffen Lebenstrieben in Beziehung
Teßen muß. Cine Wilfenfhaft, welche unmittelbar die Thätigkeit und die
Beftimmung des Einzelnen und des Volkes, die Aufgabe des Staates, die
Verhältnifftellung der einzelnen ThätigFeitsfreife in’s Auge faffen muß, Eann
ic nur in Wechfelwirkung mit dem Öffentlichen SGeifte auferbauen und An:
arfennung verfchaffen. Bei dem innigen Verbande der wirth{chaftlichen
Berhältniffe mit allen Lbrigen Formen des Cebens, der Sfonomifchen Thätig:
feit der Einzelnen mit feinem gefammten Sein und Streben muß der vor:
handene Fonds der allgemeinen, als unbeftreitbar angefehenen Wahrheiten
auf die raifonnirende Argumentation der Bolkswirthfchaftslehte einwirken
und Ihre Fortentwicklung durch die geiffige Strömung einer Zeit und die in
ber Ferne fichtbare Seftaltung der allgemeinen Lebensverhältniffe beftimmende
Impulfe erhaften, Daher it e8 ebenfo natürlich, daß in jeder Zeit fo manche
bem reife der mwirthfchaftlichen Betwveisführung im engeren Sinne gar nicht
Angehörige Belege für die Theoretiker undeftrittene Veweistraft haben, als
aß fie zu einer fpäteren Zeit als untichtig und fremd unter allgemeiner
        <pb n="178" />
        169

Zuftimmung befeitigt werben. Deshalb Eann auch eine ifolirte Behandlung
ber nationalöFonomifchen Theorie Feineswegs. das rechte Berftändniß in die
gefhichtliche Entwicklung derfelben und noch weniger Auffchluß über die Bez
deutung und den Werth der aufeinander folgenden wiffenfchaftlihen Syfteme
geben; e8 [iegt auch der wirthfchaftlichen Theorie und jeder bedeutenderen
und befferen nur ficherer, eine pfychologifche, politifche, fittliche, überhaupt
allgemeinculturgefchichtliche Welt- und Menfchenanfhauung zu Grunde 1),
da fie e8 mit dem Menfchen, feinen Trieben, feiner Thätigkeit und Beftim:
mung, mit dem Bolke und feiner Entwicklung, dem Staate und feiner Yufz
gabe zu thın hat,. auch wenn fie diefen Dingen Feine befonderen Erörterun:
gen. widmet; das [äßt fich heutzutage wahrnehmen wie vor zweitaufend
Sahren, Und wie die Zuftände der eigentlich wirthfchaftlichen Berhältniffe
thatfächlich in enger Verbindung mit dem Sefammtkreife der Lebensverhält:
niffe fich entwickelt haben und beftehen, fo geben fie auch wegen diefer Vers
bindung für die der Erfahrung benöthigte Theorie zu jeder Zeit nur eine be:
ftimmte Summe von Thatfachen und Wahrheiten als objective Erkenntniß:
quelle an die Hand, welche doch auch die Grundlage für die Divination der
zufünftigen Erfahrung durch den Theoretiker darbietet. Die mit der allge:
meinen Entwicklung aller Lebensformen vorfhreitende Entwicklung der wirth:
[chaftlichen Berhältniffe wirft neue Erfeheinungen an die DYberfläche des
Lebens, welche auch neue Begriffe gewinnen laffen, oder die vorhandenen
Efären, umbilden oder verbeffern; die Entwicklung der allgemeinen Lebens;
zuftände und in ihrem Kreife auch der wirth[haftlichen Dinge (ft neue
Probleme als zeitgemäß oder einer Löfung nothwendig bedürfend hervortreten,
Doch e8 ift diefe Abhängigkeit der nationalöfonomifchen Theorie von der
zeitlichen und Srtlichen SGeftaltung und Entwieklung der wirthfhaftlichen
Dinge in dem thatfächlichen Leben wohl im Allgemeinen gar nicht mehr als
sine beffrittene und deshalb noch eines meiteren Nachweifes bedürftige Wahr:
heit anzufehen. Und auch die beftimmende Einwirkung der allgemeinen
Menfchen=, Staats: und Weltanfehauung, des ganien Compleres der gelz
igen und fittlihen Vildungsftufe der einzelnen Zeiten und Böller auf die
gefammte Haltung der Bolkswirthfhaftsiehre if menigftens hin und wieder
gerade in Deutfchland nicht verkannt worden. Am Leichteften und unbe:
(treitbar ‚war fie in der einfachen und einheitlichen Entwicklung der geiftigen
Cultur bei den altelaffifhen‘ Völkern erfichtlich; wie deutlich zeigt es fich da,
dag die nolitilche Dekonomie ihr Dafein auch in ihrer Anmenduna bearkn:

Ly

Daffelbe gilt. au für die Ieoricen des Socialismus und Communismus,
wenn fie audy nur das »Süterleben« in Behandlung nehmen; fie haben als
Ausgangs wie al8 Endpunkt einen Segenfaß gegen den Sefammtbeitand
ber Befellfchaft,
        <pb n="179" />
        170
den muß. In dem eigentlich nationalen BVolksberwußtfein, in den ganz all:
gemeinen Ideen Über den Staat und das Verhältnif der Einzelnen zu ihm
ft das Fundament und der SGefichtspunkt, wie die Beweisführung der volts.
wirthfchaftlichen Grundfäge bei Griechen und Nömern geradezu gegeben.
Die nationatdkonomifche Theorie führt, nur in dem Kreife der wirth[haft:
lichen Dinge die das Sefammtieben beherrfchenden Triebe und Gedanken
aus, daß die politifche. Größe des Gemeinwefens die Zweckbeftimmung des
Staates fei, daß der Einzelne mit feinen individuellen Lebenszwecken dem
Staatsztwerke entfchieden untergeordnet fei, daß die wahre Lebensthätigkeit des
Einzelnen in feiner Theilnahme an dem politifchen öffentlichen Leben beftehe 1),
daß darin der Werth des Lebens für ihn und feines Lebens für den Staat
beruhe; daß dem vaterländifchen BVollsftaate gegenüber Fein fremdes Gemein:
mefen irgendivie gleichberechtigt erfcheine, Diefes politifhe Nationalbewußt:
fein erfennen wir algbald wieder in der Unterordnung oder Seringfchägung
det wirthfchaftlichen Erwerbsthätigkeiten‘ überhaupt, ja audy in der. Nangs
rdnung derfelben 2), in der unerörterten ZuläffigFeitserFärung eines Eins
greifens der. Staatsgewalt in den Betrieb der kändlihen und ftädtifchen Ges
werbe, wenn e8 derfelben als förderlich für das Semeinwefen erfcheint, der
mannigfaltigen Einwirkung auf die Bertheilung der Sachgüter, wie über:
haupt auf dem Kreis des individuellen und häuslichen Lebens. Obwohl man
nicht Überficht, daß der Erwerb von Sachgütern ein Mittel zur Erlangung
jöherer Güter ift, oder vielmehr obwohl er nur unter Bezug auf diefe Zweck:
beflimmung nicht unehrbar erfeheint, fo Fann doch auch der Arme das Srößte
für das Vaterland Leiften, während der Neichthum entnervt und der Reiche
oft ein gefährlicher Gegner der öffentlichen Freiheit wird — ‚daher das haus
fige Lob der Armuth im alten Nom wie in Hellas auch bei folchen Theores
fern, welche den Werth des Befiges für den Einzelnen zu Hilfleiftungen
an das Semeinwefen und an Freunde, oder zu -mwürdiger Erziehung und
tebensweife wohl erkannt haben 3); das Bild des dorifch politifirenden Plato:
venn man Schäße und Tugend auf zwei Wagfchalen lege, fo Fönne die eine
nicht fteigen, ohne daß die andere falle, ift freilich ftärker, dennoch hat die
partanifche Theorie über den Meichthum des Staates an edlen Metallen
mit der athenifchen Das ganz gemeinfam, daß auf beiden Seiten die
Frage nur unter dem Befichtspunkte der politiichen Staatsmacht entfchieden

Wie beftimmt bei Xenophon die Xuffaffung ausgeprägt ift, daß der Neich.
;Hum nur Mittel, nicht Zweck fei, diefer vielmehr in dem rechten Gebrauche
beffelben befiche, hat Rofcher in der gleich unten angeführten Ubhandlung
S. 120 nachgewiefen.
Man vergl. z.B. Zenophon, Oecon. IV, 2 und 3. YVL.8—10,
Vergl. Xen. Symp. IV, 29 fl. mit 2; Oecon. IX, 8 fl.; de re publ.
Atben I, 5. #

)
\
        <pb n="180" />
        171

wird 1). Für den Befig der Einzelnen erfheint die rechte Bertheilung, an
weicher das Wohl des Gemeintwefens hängt, von weit größerm Belang als
die Steigerung des Erwerbs, die Einfhränkung der Bedlrfniffe gedeihlicher
alg die Mehrung der Senüffe. Wie in dem handeltreibenden Athen die
volle Handelsfreiheit der Staatsgenoffen oder gar die gegenfeitige mit anderen
Staaten gar nicht zur Ermägung Fam, fo bleibt in Mom der Gedanke an
eine ‚Handelsfuprematie dem Staate wie der Theorie fremd, auch nach dem
Salle Karthagos ‚und der Einverleidung der foanifhen und füdgallifchen
Küftenftädte, Es! ift bekannt, daß gerade mit Nückficht auf die Beftimmung
bes politildhen Bollblrgers die Inftitution der perfönlichen Sclaverei auch
von den hervorragendften Schriftftellern des Alterthums gerechtfertigt wird.
»Bis die Weberfchiffchen von felbft gehen,« bleibe die Sclaveret nothwendig,
meint Ariftoteles ?), obmwobhl fidh Manchen das »MNaturtoidrige« diefer
Snftitution nicht verbarg N; — noch in der Sefebfammlung Bafil’s von
Macedonien um die Wende des neunten und zehnten Jahrhunderts für die
erfchlafften Bewohner des griechifchen und römifhen Territoriums wird man
eben daran erinnert, da in ihr durchweg die alte Sclaveret ohne Minderung
vechtsEräftig erhalten, aber der Zuftand der Sclaven ein naturmidtiger 4) ge
nannt wird.
‚Doch wohin wir auf Einzelnes in den Schriften der Griechen und
Römer blicken mögen, wir finden die Züge einer in eminentem Sinne nas
tionalen Theorie der politifchen Dekonomie, deren Kern und Bedeutfamfkeit
nur durch das Mißverftändniß oder den Mangel an Faffungsaabe bei neuen
Theoretikern verkanıtt oder unterfchägt worden if 5).
Bei den Völkern der neueren Zeit find in Folge der Einflüfje einer
Melkreligion, der Stammesverwandtfchaft, des vielhundertjährigen Vers
Echres u. 1. w. weder in dem Maße in fich abgefchloffene Nationalcharaktere,
wie bei Griechen und Römern, vorhanden, noch fo abftoßend ausfchließlich
auf den einzelnen Staat bezogene Maßregeln möglich, wie fie aus dem nas
tionalen Bolkseaoismus der vorchriftlichen und voraermaniichen Zeit natür:

y

Das ältere Sparta hat die Kraft und Macht des Staates ebenfo im Auge,
wenn e8 die edlen Metalle fern zu halten fucht, wie Perikles, wenn er
in feiner Mede vor dem Beginne. des peloponnefifhen Krieges die Seld:
quellen feines Staates rühmt.
Polit. I, 2, 5.
Ebendafelbit I, 2, 3: Tois dd mug wuaı to dsandkemv von yaAQ TOV
ur doükor elvas tor d’ Kheudegop, muasL d’ oüdiv duxmtatıv.
Basil. EL. XLVI. T. IL 1.2.
Neuerdings hat Nofcher Ddiefes Urtheil berichtigt in den Verhandlungen
der Sefellfhaft der Wiffenichaften zu Leipzig (nbilol.-hift, Klaffe) I. S. 115
his 124

“

)

)
        <pb n="181" />
        172

lich genug hervormwuchfen, Ir erfter Reihe machen fidh die Einflüffe der Zeit,
der temporären Entwieklungsftufe und allgemeinen Lage der Völker in einer
Periode geltend, obgleich fie allerdings als Urfache und Wirkung eine nas
tionale Ausbildung erkennen laffen. Ferne aber find vielleicht nirgends fo
zrfichtlih, als bei der Grundlegung und Ausbildung des Mercantilz
Fyftems$ 7). Man weiß, wie e$ feinem Urfprung nach recht eigentlich ein
Abzug von den in der praktifchen Staatsverwaltung fchon befolgten Marimen
und Maßregeln 2) war, und daß es an den in dem geivöhnlichen ‚Leben all:
gemein verbreiteten Anfhauungen feine fefteften Sthgpunkte hatte, Mitten
in den feudalen Zuftänden der Landbauproduction Hatten fchon in den. lebten
SYahrhunderten des Mittelalters insbefondere die norditalienifhen Städte fich
aroßen WohHiftand.durch den Handelsverkehr mit anderen Wölkern erworben.
Man hat oft überfehen, daß diefer auswärtige Handel von Venedig, Pia,
Senua, Florenz u. f. mw. namentlich auch auf einem blühenden Serverbes
betriebe in diefen Städten felbft beruhte und daß er zu einem Hauptgefchäfte
den Erport diefer einheimifchen Fabrikate hatte, Ja diefer Serverbebetrieb erz
[dHeint fhon im 15. und 16. Jahrhunderte als die eigentliche und erfte
Urfache des NMeichthums. Macdyiavelli findet die ganz natürliche Urfache
des großen Neichthums der deutfchen Meichsftädte in der gefuchten Sewert8$:
arbeit derfelben, obfchon die. Deutfechen Paffivhandel trieben 3. Derfelbe
Schriftfteller ift auch ‚eine vortreffliche Yuelle, um die jet auf den erften
Bi fo fehr befremdliche Zurückftellung und Mißachtung der Erträgniffe des
Uekerbaubetriebes durch das Mercantilfyftem zu erklären, welche die gewöhn:
liche Tradition nur ungenügend erläutert. Machiavelli findet fogleich
den Srund der Armuth des franzöfifchen Volkes darin, daß es bloß Ackerbau

)

Sch will hier e8 unterlaffen, EFritifh auf die Tradition einzugehen, nad
yelcdher alle Theoretiker der neueren Zeit vor U. Smith Kurzer Hand ent:
meder dem Mercantilismus oder den Phyfiokraten zugefellt werden.
Nur hält man gewöhnlich viele derfelben für viel jünger als fie wirklich
find. Um nur eine Herauszugreifen, fo wurde z. B, fhon im Iahre 1453
Sacques Coeur, der reihfte Kaufmann zur Zeit Carl’s VI. in Frankreich
(aud) Argentier du roy), welcher mit feinen Handelsoperationen die drei
WeltthHeile umfaßte, wegen der Ausfuhr von geprägtem Sold umd Silber
and Kupfer verklagt und verurtheilt. Wie hart diefes verpönt mar, geht
daraus hervor, daß es in eine Meihe mit der Vergiftung der Xgnes So:
celle, der Auslieferung eines Chriften an den Sultan der Sarazenen und
der Beraubung der Königlihen Caffe von den hHabfüchtigen und nicdhtswürz
digen Feinden Coeur’s geftext wurde: »qwil avait fait sortir du Royaume
de Pargent et du cuivre en grande quantite.« Bal. diefen merkwürdigen
Proceß, 3. B. in Bonamy Memoires etc. (Mem, de V’Acad. des inser.
509-—547, namentlid) 351.)
Baal. meinen Auflag über denfelben a. a. D.
        <pb n="182" />
        173

treibt; die Franzofen Fönnen, weil Sedermann für feinen Bedarf Uekerbaus
Früchte felbft zieht und deshalb Fein Korn u. f. w. zu Kaufen braucht, in Feis
ner Weife Seld, auch nicht das wenige für die Steuern erwerben, und, weil
Betreide auch nicht in das Ausland abgefeßt wird, über die Befriedigung. der
unmittelbarffen Bedürfniffe nicht hinauskommen. Der Staat aber, wie die
Seigneurs bedurften bes Geldes und wollten eben auch Geld in den Steuern
— wenn auch nur in einem Theile derfelben — erheben. Das war in der
That im Großen und Allgemeinen die Lage der Feudalftaaten in Europa
und ganz vorzugsmweife Frankreichs, und- für den nädHften Zweck, den
man auf der vorhandenen Grundlage der Berhältniffe erreichen wollte, waren
die Maßregeln des Mercantilfyfkemes durchaus nicht abfurd, fie hatten ihre
relative Berechtigung und Wahrheit. .»Die Flammänder beginnen keinen
Krieg mit Frankreich, weil fie die Bodenerzeugniffe diefes Landes für ihre
Sewerksarbeit eintaufchen müffen« — mo die Früchte des UÜckerbaues im
UAustaufche begehrt murden,. erfchienen fie als das erfte und nothwendigfte
aller Güter; aber in der Mißernte traf Jeden das Mißgefchiek und im ges
mwöhnlichen Gange der Dinge pflegte jeder einzelne Hausftand durch eigenen
Anbau für fich Sorge-zu tragen. In der That alfo gewann man damals das
Saure Geld durch Getverbe und auswärtigen Handel, mit dem Ackerbau gewann
man gewöhnlich Feines und des baaren Geldes bedurfte man — die Regie:
tungen wegen aller jener vielbefprochenen in der damaligen Zeit liegenden
Verhältniffe —, die Einzelnen ffrebten darnach, weil fich die Menge der
dargebotenen SGenüffe durch den neuen oder den außerordentlich geffeigerten
alten. Berkehr mit Amerika und Afien die bekannten Senhffe‘, die für baare
Münze zu erlangen waren, fehr vermehrt hatten. Gerade diefer Handels:
berEehr fteigerte denn auch die Wichtigkeit der Handelsthätigkeit an fich, auch
ohne die Grundlage einer einheimifhen Indufkrie, wie er zugleich einzelnen
Regierungen wenigftens das allgemein gewünfchte Metall, fo zu fagen aus
bem Verkehre felbft, ohne Taufhobject darbot. Gerade in dem metallreichen,
aber weder Übervölkerten noch bodenarmen Spanien verfiel damals die ge
werbliche Induftrie immermehr; ihm zunächft zogen die Gemwerkserzeuaniffe
anderer Völker das Geld aus den Händen.
Es kann gar feinem Zweifel unterworfen werden, daß gerade in Frank:
ceich die im Einzelnen vielfach von einander abweichenden Schriftfteller des
Mercantilfoftemes zu Sunften der Arbeit und iInsbefondere der. gewerktreiben:
den Arbeit 1) gegen die Feudaleinrichtungen und feudalen Lebensverhältnifte

3

SE ift merkwürdig, welde Theilnahme der Marfhall Bauban, deffen
Dime royale Eugene Daire in der Collection des Economistes financiers,
Paris 1843 edirt hat, für die gefammte untere Volksklaffe (fhon
1707) an ben Tag fegt, pour le menu peuple — cette partie basse qu'on
        <pb n="183" />
        17

Sturm liefen; aud) darin lag ihre Berechtigung für die damalige Zeitz die
Dürchführung ihrer Lehren mußte als nothwendig erfheinen, wenn man aus
yen alten Zufänden herauskommen wollte. Und man hat in der That fich
auf eine Borftufe für die fpätere Zeit emporgehobenm. Die Mercantiliften
haben die Macht des beweglichen Befikes und die volle Anerkennung der in
Handel und Semwerben thätigen Arbeit vorbereitet; fie haben wirklich den
gewerbtreibenden Stand, wenn auch auf Koften der übrigen, in die Höhe
gebracht, mie denn felbft X. Smith durchaus nicht verkannt hat, daß die
mercantiliftifichen Berwaltungsmafregeln, fo fehr fie gegen das Semeinwohl,
d. h. in feinem Sinne gegen das Intereffe der Confumenten. ftreiten, doch
moirklich das eigennüßige Sonderintereffe der Setverbtreibenden felbft befördern.
Die Mercantiliften haben das große Verdienft, die Bedeutung der Ofonos
nifchen Lebenskreife hHervorgezogen, das Raifonnement über fie zu einem
wichtigen Gegenftande für den Staat und die wiffenfchaftliche Cultur erhoben
zu haben; vor und neben ihnen fuchte fhon. Bauban für die Beweis:
führung ftatiftifche Grundlagen zu gewinnen, und beffere als man zum Theil
heutzutage hat 1). Die Bielregiererei, welche fich thatfächlich nun auch in
den SEonomifchen Berhältniffen herausftellte, war damals weder befremdlich
noch unerträglich, denn fie war bereits überhaupt vorhanden in dem modern
abfolutiftifhen Staate — man vergeffe nicht, daß ihr gerade auf unferem
Sebiete neben dem fiscaliflchen .Intereffe auch das Wohl der Unterthanen als
Motiv zum Grunde lag. Auch jene folgenreiche Berwechsiung der Wahrhei:
ten. für die Privatwirthfhaft mit Wahrheiten für die Volkswirthichaft, bezies
Jungsweife für die Negierungswirthfchaft, die fich nicht nur in der Beurtheilung
des Geldes, fondern auch in den Sägen über die Handelsbilanz zeigt, war
nicht ein neu aufgeftellter Irrthum, er ward nur aus dem Leben ohne Weiz
jere$ angenommen, man darf vielleicht fagemr auch durch die wieder aufgelebte
Kenntnif der -altclaffifchen Lehren geftügt 2). Auch hat man gar zu häufig
den Standpunkt der Regierungswirthfhaft namentlich in den mittelalterlichen
Feudalftaaten, dann aber .auch in dem Zeitalter des Vetat c’est moi mit
päteren Zuftänden vermwechfelt; mie denn Überhaupt die Beurtheitung des
Mercantikfyftemes auf eine unrechte Bahn durch mandje Unachronismen in
der fhäteren Entwicklung der Nationaldkonomie hingedrängt fcheint. -
Die Schriften der Mercantiliften gehen von Einzelnfragen des prafs
tifchen Lebens aus und behandeln einzelne Partieen des nationalöfonomifchen

accable et qu'on meprise et qui pourtant est la plus considerable par
son nombre et par les.services effectivs, quelle rend etc.
Dime royale chap. X.
Bergl. z.B. Xenophon, Memor. IN, 4, 12. Nebrigens fagt ja auch noch
X. Smith IV, 2: »MWas in der Handlungsweife einer Familie Klugheit
ft, das ann in der eines aroßen Königreiches wohl fhwerlich Thorheit fein. «

)
N
        <pb n="184" />
        175

Sebiete8 , fie ftellen fih überall in Mapport zum Intereffe der RNegierungss
wirthfchaft — man Fann fle einem Compler mweitläufig motivirter. Entwürfe
für Vermaltungsinfiructionen vergleichen ; ebendeshalb behandeln fie, zu einem
großen Theile wenigftens, die. Geldauellen für die Caffe des Staates und
der Privaten, und find in dem Sinne nationale Abhandlungen über die
politifche Dekonomie, als fie fichh allein .mit den VBortheilen und Zuftänden
des heimifchen Staates befchäftigen, auch hierin ein Abdruck ihrer Zeit, in
welcher die nationale Sonderung fich mit Schärfe geltend machte und der
internationale Kriegszuftand, die Regel war; fie enthalten die Theorie des
rücfichtstofen Eigennußes der gewerblidhen Stände und für die opferreiche
Emancipation der einheimifchen Semerksarbeit aus den Zuftänden des feu:
dalen Acferbauffaates und des überwiegenden Ymportes ausländifcher. Fabris
Fate; die Intereffen, welchen fie dienen, die Maßregeln, welche fie empfehlen,
die Srundfäge, auf welche fie fich ftkBen, gehören einer beftimmten Ent:
wiclungs{iufe des modernen Staats= und VWölkerlebens an. Wie die Mer:
cantiliffen hierin ihre Berechtigung fanden, fo fanden diefelben eben darin
auch ihre. Gegner,
Denn e8 if leicht einzufehen, daß die Lehre der Phyfiokraten
gerade in den Wirkungen des Mercantilfoftemes ihre Anregung fand und
durch die mißbräuchliche Uebertreibung und das Ueberdauern deffelben in die
umgeftalteten BVerhältniffe einer veränderten Zeit hinein die fchärfften Waffen
erhielt. Auch die, Phyfiofraten 1) ftellen fich auf den Boden ihrer Zeit und
der Zuftände derfelden, fie ftehen mitten in der geiftigen Atmofphäre des das
mafigen Frankreich. Sie erheben fich gegen das Mercantilfyftem und deffen
Praxis fo (charf, mit ähnlichen Waffen, Uusläufen und Zielpunkten, wie —
die Revolution vorbereitend — die philofophifch-politilchen Schriftfteller gegen
den politifhen Abfolutiemus und die Privilegien der feudalen Stände. Wie
diefe gehen fie den willfürlich gemachten, gemwaltfam erfünftelten Zuftänden
und Regierungsmarimen gegenüber auf die »natlrliche«, thatfächlich von den
Menfchen verleugnete Grundlage, auf den ordre naturel und das droit
naturel zurücg, auf die natlrliche Freiheit des individuellen nwoie- des foctalen
Menfhen. Auf diefer philofophifchen Grundlage wenden auch fie fich gegen
die gebräuchliche Megiererei der Staatsgewalt im Einzelnen, mie überhaupt
gegen die Grundfäße der Kaatlichen Omnipotenz; das Mecht und. die natürliche
 Freiheit des Individuums erhebt auf dem SEonomifchen Sebiete an die
Regierung die Forderung: laissez faire, laissez passer; Verwirklichung der:
felben erfcheint für das Individuum mie für den Staat als allein nüßlich

MM

Val. namentlid: Physiocrates — &amp;amp;d. par Eugene Daire. Let IL Partie,
Paris 1846 und. Oeuvres de Turgot. 2 Tomes. Paris 1844 (von bemfelben
herausgegeben).
        <pb n="185" />
        176

und allein gerecht; nur Schuß der natlırlihen Freiheit, des Eigenthumes
md der Sffentlichen Ordnung verbleibt Aufgabe der Staatsgewalt. Der
Begenwart gegenüber foll das gouvernement de la nature des choses —
denn diefe Bedeutung verband Dupont de NMemours mit feinem Worte:
Physiocratie — in Geltung gebracht werden. Die Phyftokraten feben der
zinfeitigen und verfehrten Ueberfchägung des auswärtigen Handels, des Sei
be8, der Semerksarbeit die fundamentale Bedeutung des Landhaues gegen:
über und werden dadurch zu Fürfprechern des politifch und materiell gedrüekten.
 Bauernffandes gegen die Staatsregierung. und die Feudalherren; ihre
Robpreifung der Tugend und der Gerechtigkeit hat die Wirkung eines offenen
Ungriffes gegen das verderbte Leben und die elenden Grundfäße der herrz
(chenden Stände; fie berufen fi auf das Grunddogma der politifchen Be:
megung und Strömung gegen die hifforifche Erbfhaft: Nechtfertigung aller
Dinge vor der Vernunft. Der Eosmopolitifche Seift, welcher in Frankreich
um bie Mitte des achtzchnten Jahrhunderts herrfchte, weht auch durch die
Schriften der Phyfiokraten; während die Mercantiliften Wahrheiten für die
Privatwirthfchaft irrthümlich zu Wahrheiten für ein ganzes Land erheben,
äbertragen die Phyfiokraten einige Säge, welche für die Gefammtheit der
Erdbewohner Siltigkeit haben, auf ein einzelnes Land — fo auch den wichtigen
Sag über die Befchränkung der Confumtion durch die Production des Bodens.
Yuch fie erblifen dur die Einführung ihrer Srundfäge‘ die Höchftmögliche
Vollendung des bürgerlichen Semeinwefens dauernd verwirklicht. — La
l6gislation positive consiste dans la declaration des lois naturelles
sonstitutives de lordre 6videmment le plus. avantageux possible aux
reunis. en societe. — Sn wiffenfchaftlidher Hinficht laffen die Schriften
der Phyfiokraten einen großen Fortfchritt im Berhältnif zu den Ausführun:
gen der Mercantiliften gar nicht verkennen; Vieles von ihnen it — wenn
auch unter dem Namen und in der Darftellung A. Smith’8 — bis jeßt
als unerfchütterte Wahrheit angefehen, wie wenig ihnen auch die Tradition
gerecht geworden {ft 1)... Sie bezeugen den Fortfchritt der philofophifchen
Bildung, der Fritifchen Beobachtung und des rationellen Naifonnements, den
ihre Zeit erobert Hatte, und wenn fie im Zufammenfchluß mit der einen

‘) Eugene Daire Introd. XXX, n. 2 meint 1846, weil: La plupart des &amp;amp;conomistes
 modernes ont ouvert, mais n’ont guere lu les &amp;amp;crits des Physiocrates;
 indeffen hält doch auch das noch 1848 veröffentlichte Urtheil
Hildebrand’s a. a. DO. S. 8 die überkommene Meinung aufrecht: »auch
die YhyfloFraten hatten nur einzelne praktifhe Zeitfragen im Dienfte der
bamaligen Volitif fyftematifh beantwortet, ohne tiefer in die Natur des
Berkehres einzudringen — fie wollten den Staat wieder in Fünftlihe Wiefen
derwandeln —, ihre Theorie war im ausfchließlidhen Intereffe einer be:
Rimmten KAaffe von Vroducenten gemacht!
        <pb n="186" />
        a

Richtung der damaligen Pbhilofophie von den allgemeinen Sägen ausgehen,
fo hatte doch von Anfang an der naturmiffenfchaftliche Bildungsgang des
Stifters der Schule die erfahrungsmäßige Beobachtung in ihrer Bedeutung
für die Beweisführung nicht verkennen laffen; doch legte gerade auch fchon
Quesnay auf die allgemeinphilofopbhifche Srundlage — wie feine zeitges
nöffifchen Landsleute in allen Disciplinen — ein fo entfheidendes Sewicht,
daß er — in Le droit naturel — von den allgemeinften“ Fragen‘ des
Mmenfchlichen und bürgerlichen. Dafeins. ausging, und {ich vorab-Überdie-Bes
Sriffe Freiheit, Gerechtigkeit, Eigenthum,. Ordnung, Gleichheit, Naturrechte,
das Nüsliche u. f. w., als Über nothwendig. zu erörternde Borfeagen Kar zu
werben fuchte. Die Pbyfiokraten erhärten das Dafein und Wirken natlırs
licher Sefeße in der Güterwelt, welche unter allen Umftänden in Wirkfam:
feit bleiben, fie feßen la loi morale und la loi physique — beide in ihrem,
von der jeßt gebräuchlichen Bedeutung etmas abweichenden Sinne genom:
men — in bie engfte Beziehung zu einander. Hatten die Mercantiliften
menigffens inbirect den nationalen Factor in der politifchen Dekonomie gel:
tend gemacht, fo gehört die Hervorhebung des fittlichen Momentes in der
Volkswirthfhaft zu den Hauptintentionen der Phnyfiokraten ; fie weißen die
nothwendige Nückfichtnahme auf die moralifhen Bedürfniffe in dem ordre
de la justice nach neben den phyfifchen Bedürfniffen, die in dem ordre de
la nature zunächft hervortreten , car l’homme y est encore execite par
des sentiments de satisfaction, de tendresse, de piti&amp;amp; etc., qni sont
autant d’indices des intentions de‘ l’autenr de la nature, sur l’observation
 des regles quwil preserit aux hommes pour les obliger par devoir
 &amp;amp; S’entresecourir mutuellement !). So finden denn auch die ehrz
mürdigen Worte Yuesnay’s$ über den Unterricht des Volkes — auch in
Beziehung auf die Grundgefeße der wirth[haftlichen Dinge — als die un:
antbehrliche Grundlage alles Sffentlichen und vrivaten Wohles in dem Droit
naturel ibre Stelle 2.

‘) Quesnay: le droit naturel chap. IV.
X Sbenbafelbft chap. V: La premiere loi positive, la 1oi fondamentale des
toutes les autres lois positives, est Vinstitution de l’instruction publique
et privce des lois de V’ordre naturel, qui est la rögle de toute legislation
humaine et de toute conduite civile, politique, &amp;amp;conomique et sociale,
Sans ceile institution fondamentale les gouvernemen!s et 1a conduite des
hommes ne peuvent &amp;amp;tre que tönehres, Egarements, confusion et desordres;
 car sans la connaissance des lois naturelles, qui doivent servir de
base ä la legislation humaine et de rögles souveraines ä la conduite
des hommes il n‘y a nulle evidence de juste et d’injuste, de droit naturel,
 d’ordre physique et moral; nulle evidence de la distinction essenüelle
 de l’interet general et de Vinteret particulier, de la realite des
Rnieg, yolit. Dekonente. i2
        <pb n="187" />
        ‚78

&amp;amp; hat — wer fühe e$ nicht fogleih — eine ganz befondere Bedeu
jung, daß die gefhichtlihe Wahrheit des leitenden Srundgedankens in diefer
Erörterung an Ydam Smith!) nachgewiefen und feine gefhichtliche Stel
jung in dem Entwicklungsgange unferer Wiffenfhaft wie zu feiner Zeit aus
3er Frage gefeßt wird. Ich weiß fehr wohl und werde e$ auch hier nicht
zußer Acht. laffen, in welcher unberechtigten Yusdehnung man häufig den
Zufammenhang des Bildungsganges und der fchriftfiellerifchen Leiftungen
zines bedeutfamen Mannes mit den Thaten und Worten feiner Bor: und
Mitwelt fo in Verbindung zu bringen gefucht hat, daß man mit Goethe
Fragen möchte, was an dem ganzen Menfchen noch Original verblieben fet,
wenn fich nicht doch immer wieder eine folche Frage durch die thatfüchliche
große Wirkung bedeutfamer Menfchen von felbft erledigte, Und Lebteres
bleibt auch bei Adam Smith unter allen Umftänden zu NMecht beftehen,
aber wir meinen auch, daß weder feiner Größe, noch der irgend eines andes
ven bedeutfamen Menfchen irgend ein Übbruch gefhehe, wenn man: ihn et:
fennt, wie er feft in dem Boden feiner Zeit twurzelt, und alle Bildungseles
mente derfelben in fich aufgenommen und zur Wirkung hat Fommen laffen.
Freilich findet auch Derjenige, welcher mit Rückjicht auf alle die einzelnen
Säge, durch weiche Udam Smith die Anerkennung der Welt fich erwors
den hat, in’s Kleine arbeiten will, um fo mehr freie Bahn, als die ausge:
dehnte Bekanntfchaft diefes Schriftfteller8 vorab mit der englifchen und frans
zöfifchen Literatur, dann aber auch mit den italienifchen, fpanifchen und alt
claffifchen Autoren den Gedanken an eine UnbeFanntfchaft mit den Leiftungen
Anderer Kaum aufkommen läßt. Bedeutfamer dagegen auch für unfere Bes
aründung muß e$ fehon erfheinen, daß Udam Smith die Ausführung
Aber die wirthfhaftlichen Bortheile der Arbeitstheilung, wie fie bei griechtfchen
Schriftftellern fich ausgefprochen findet, die wohl ohne Zweifel Ihm wohlbe:
Fannt waren 2), man möchte fagen, nur nad) der Anleitung der vorgefchritz

causes de la prosperite et du deperissement des nations; nulle evidence
de lessence du bien et du mal, des droits sacres de ceux qui commandent
 et des devoirs de ceux ä qui V’ordre social prescrit l’obeissance.
Die nothwendige Nückficht auf den Naum geftattet e&amp;amp; mir auch in diefem
Xbfchnitte nicht auf das Einzelne ausführlicher durchweg einzugehen. Ih
habe deshalb wie fonft, fo auch hier, beifpielsweile nur einen einzelnen Zheil
zur detaillırteren Erörterung auswählen können. Es bedarf feiner weiteren
Begründung, warum Adam Smith herausgegriffen ift.
Kdam Smith citirt gelegentlich zwar nur den Ariftoteles, nicht den Plato
und Xenophon; aber abgefehen davon, daß ihm das Studium der bedeuten:
deren pbilofopbifchen Schriftfteller des Alterthums fhon in feiner früheren
Berufsthätigfeit unabweisbar war, zeigt er fih überhaupt in feinen Urthei:
fen über das Alterthum offenbar aus den Nuellen unterrichtet. YUuf Keno:
obon insbefondere‘ wies ihn auch Machiavelli hin, den er Öfter anführt,
        <pb n="188" />
        179

tenen Berhältniffe feiner Zeit weiterbildet; er führt fie in der Fabrikindufkrie
durch, an deren effectiven Beftand er mit fo anfhaulicher Lebendigkeit feine
Erörterung anknüpft, während Plato und Xenophon bei der Arbeits:
theilung der gewöhnlichen Gewerbe ftehen geblieben waren, wie fie ihnen die
Unfehauung des Lebens darbieten Fonnte; alle rationellen Momente der Beobachtung
 und Begründung dei Smith finden fi auch fehon bei den grie:
Hifchen Autoren ar herausgeftellt 1). Daß Smith weiterhin auf den
ftarken Schultern der ihm wohlbekannten Phyfiokraten fteht, Eann auch von
dem entfehiedenften Bemwunderer des großen Schotten gar keinem Zweifel un:
termworfen werden, fobald er die Schriften der Phyfiokraten genauer kennen
gelernt hat 27); Smith hat den größten Theil ihrer bedeutenden NMefultate
fammt ihrer Beweisführung, die ja gerade auch das Intereffe der Confus
menten herangezogen Hatte, geradezu adoptirt; auch wird man Faum irgend
eine Erörterung bei ihm fo unbefriedigend finden, als die, durch welche er
die Lehre der Phyfiokraten bekämpfen will, am Schluffe feines Werkes, das
er — wenn eine folche Nachricht mit Sicherheit erhärtet werden kann —

and dem er auch einige Bemerkungen über dÖfonomifhe Dinge fogar wörte
[ich entlehnt.
Plato de rep. II, 369 fl. beantwortet im Hinweis auf die. mit dem
beginnenden Zufammenleben der Menfchen in einer zodıs hHervortretenden
Bedürfniffe die Frage: “Er« Exaoror toUrwr (der einzelnen Handwerker)
del tö «ürod Eoyov (das Product feines einzelnen Gemerbes) Anaarı xoı-VöV
 KataTIÖEVAL — — N AUTOr dU «UTÖr Ta aUTOU (die Befriedigungs:
mittel feiner verfhiedenen Bedürfniffe) zodrresv; und: Zorepop KAMLOp
NpdTTIOL dp Tıs Eis WV NOMASs TEXVAS Eoyalouevos H Örar ular sig.
Er {chließt: Ex di tovrwr Misiw TE Exaotan yiyvetas Kab xdikıov Kal
ö@ov Örapy sis Ev — — oyohiV tOv dir dywr nodırn. Bei Xenophon
 Cyrop, VIII, 2,4 und 5 findet fi einiges Ergänzende: "Kr ubr
Zauis MiXxOnis nokecıy ob wütTol NosodoL KAlynND, GUQar, dO0TQOP, TOCTEav,
 mohkdxıs d* 6 auörds oUTOS Kal olkodousl — — ddUvatov or
NOM TEXVOLEVOV drdgwnov ndvta KauMms noıwkiv. Ev di tale UEVC-Aaıs
 noleos did to nodikode Exdotov diiladas daoxer xaul ula Exrdotm
tEyvn els TO ToEmeodas nokkaxıs di odd” SAN ula, di dnodguate
nor 6 uby dyvdgsia, 6 da yuramela“ Eorı de Evda xal Gnodnuata 0
Mer vevrgodüngwr Möray TOEMETAL, 6 de oylLwr, 6 de yıtdras (OpOr
ouvtEuUVWP, 6 de ye toUTWV oddir mad AiAd aupTIDEIS TAT. "Avdyxı
ad töp Ey Bonyuratm dıkrplßarta Foya, todray xak doıote dınvayad-04ab
 ToUrO NOKEIV.
Es mag hier genügen, auf bie Ausführung €. Daire’s in der Introduction
 zu den Physiocrates zu Vverweifen;. audy die Befpredhung diefes
Punktes in dem Briefwechfel zwilhen Dupont de Nemours und I. B.
Say (Physiocrates I, p. 394 fl.) ift intereffant. Siniges ift von Daire
noch hervorgehoben in der. Notice historique sur Turgot, vor deffen Werken.
‘9
        <pb n="189" />
        130

feinem Lehrer NZue8nay 1) widmen wollte. Au durch die Anerkennung
diefes thatfüchlichen Berhältniffes von Smith zu den Phyfiokraten, wird
weder die felbfiffändige Bedeutung feiner Leiftung, noch der durch ihn bes
wirkte FTortfchritt der Wiffenfchaft in Uorede geftellt. Unter AUbfehen von der
Sormulirung der einzelnen Refultate wollen wir hier die Cardinalpunkte in
ber Lehre Smith’s in ihrem VBerhältnig zu feiner Zeit und ihrer Ent:
xiclung betrachten.
Uis ein folher hebt (ih vor Allem Smith’s Anfhauung über die
Natur des Menfchen und den Eigennuß alg das Motiv der wirthfchaftlichen
ThätigEeit deffelben hervor; man weiß, wie die Confequenzen des Dogmas
Über den Eigennuß fich durch faßt alle Theile des Werkes ziehen. Wenn
hier namentlich auf die Philofophie des achtzehnten Sahrhundert$ verwiefen
wird, fo-ift dabei, abgefehen davon, daß gerade fie das Leben in ihrer Zeit
treu mwiederfpiegelt, nody befonders$ darauf hinzuweifen, daß Smith felbft
feüher Lehrer und Schriftfteller der Pbhilofophie, namentlich der Moral war;
auch Bann e8 ficherlich nicht als zufällig betrachtet werden, daß zwifchen die
Herausgabe feiner Theory of moral sentiment und die feiner nationaldfono:
mifchen Inquiry fein Yufenthalt in Frankreich fällt. Schon lange Zeit wurde
damals die Philofophie von dem Streite bewegt, ob man angeborene Ideen
im Menfchen annehmen müffe (Descartes) oder nicht. Die lektere Mei:
nung war nach einigen Vorgängern namentlich auch von dem empirifchen
ode vertheidigt morden, und fie hatte in Frankreich und England entfchies
den das Uebergewicht erhalten; e&amp;amp; war die Meinung durchgedrungen, daß
alle Begriffe der Seele durch finnlihe Eindrücke von außen her ihr zugeführt
würden; das ganze Thun und Treiben des Menfchen aber glaubte man
durch die Selbftliebe beftimmt. Diefe Anfichten hatten allgemeine Berbrei:
tung in Leben und Lehre ?) gefunden. Hier nur einige Hinweife, die ih in
der hier erforderlichen Nückficht heraushebe,
Lode bekämpfte ausführlich (of human understanding B. I.) die
Meinung: that there are in the understanding certain innate principles,
 some primary notions, characters, as it were stamped upon the
mind of man, whichthe soul receives in its very first being. and

) »Smith en libert6, Smith dans sa chambre, ou dans celle d’un ami,
zomme je Vai vu, quand nous €tions condisciples chez M, Quesnay«
— — fast Dupont de Nemours in den »Observations sur les points
dans lesquels Adam Smith est d’accord avec la theorie de M, Turgot
 et sur ceux dans lesquels il s’en est 6carte.« — Oeuvres de Turgot
 ed. E. Daire I, p. 69.
Man vgl. aud) die betreffenden Abfhnitte in den bekannten Seldichten der
Yhilofophie von Tennemann, Tiedemann, Degerando, Reinhold
u, f. w. an bis auf SG. $. Fichte herab.
        <pb n="190" />
        181

brinks into the world with it; et fiebt vielmehr die Seele des Menfchen
wie eine tabula rasa an und fucht nachzumweifen, daß Kinder in der erfien
Beit ihres Dafeins Fine Spur von Begriffen Haben, allmälig Fommen dann
Vorftellungen in ihren VBerftand, aber Feine anderen, nicht mehre, als die,
welche fie dur Wahrnehmung der in ihren SefichtsEreis tretenden Dinge
erhalten, oder .die fich durch Meflerion Uber diefelben bilden; fowohl mit jenen,
den Borftelungen der Senfation, als mit diefen, den Borftelungen der Nez
flexion verbreitet fich faft immer im Menfchen ein Sefühl der Luft und des
Vergnügens oder der Unluft und des Schmerzes (Pleasure or delight and
its opposite pain or uneasiness); [eßteres fucht der Menfch zu fliehen,
erfteres zu erlangen. Die erftere, dem Cartefifhen Sahe über die eingebo:
venen Sdeen entgegengeftellte Anficht fand in England und Frankreich beis
nahe twiderfpruchslos allgemeine Anerkennung und Aufnahme. Bonnet
erFlärte in der Borrede zu feinem 1759 erfchienenen Essai analytique sur
les facultes de Fame: Tous les philosophes conviennent aujourd’hui
que nos idees tirent leur origine des sens, Daffeldbe galt auch noch
für die nächfte Folgezeit. Daneben erhielt dann der Sag, daß die Selbft
liebe den Menfehen in Allem beftimme, der Cigennuß die Iriebfeder aller
feiner Handlungen fei, in derfelben Zeit theoretifche Begründung und fand
weitverbreitete Anerkennung; Loe’8 Lehre ftüßte ihn, fhon Hobbhes hatte
ihn als ein Naturgefeß, die Selbftliebe als Vernunft bezeichnet; mit fchnetz
dender Schärfe wurde er durch Mandeville in der Bienenfabel und in
der VBertheidigung derfelben 1) dahin ausgebildet, daß alle Handlungen der
Menfchen von der Selbfiliebe allein ausgingen; daß durch diefe alles Gute
bewirkt werde, daß in diefer Zeit Nechtfchaffenheit ohne Eigenintereffe uns
möglich fei., Den meiften Widerfpruch fand diefe Lehre noch bei der engliz
[hen Moralphilofophie — Mandeville felbft war ein Ausländer, der in
London lebte —. Während in England einerfeits die Firchlidhe Moral im
Leben ihre Geltung bewahrte, fuchte man auch auf philofophifchem Wege
das dort thatfächlich vorhandene Bewußtfein von einer befferen DYuelle der
Handlungen zu rechtfertigen. Man wandte fidy anfangs audh gegen den
Naturalismus des Hobbes und Locke, indem man denfelben als die
HYuelle jener Folgerungen für die Moral erkannte; NMidhard Cumberz»
[and bekämpfte direct die Elementa philosophiae cum moralis tum civilis ;
Locke erhielt an feinem eigenen Freunde Anton von Shaftesbury
einen Gegner; beide Männer ftellten alg Nuelle der fittlichen Handlungen
das Mohlmwollen acaen andere Menfchen hin, und fahen Tugend nur in dem

‘) The fable of the Bees or private Vices made public Benefits, London
1714, die zweite Ausgabe vermehrt mit einer Enquiry into the origin of
moral virtue,
        <pb n="191" />
        182

Wohlgefallen am Uneigennübigen; Anhänger von Hobbes und Locke,
wie John und Samuel Clarke, Mandeville, Wolklafton, fan:
den alsbald erklärte Gegner; Hutchefon erklärte die Selbftliebe und den
Eigennuß als unvereinbar mit der Sittlichkeit der Handlungen, die nur durch
mwohlwollende Neigungen und uneigennübige Handlungen zur Erfcheinung
zelange, und diefe Anficht wurde nach einer Meihe anderer Philofophen mit
aroßer Schärfe und Beftimmtheit gegen die Theoretiker der aus der Selbft:
liebe hergeleiteten Sittlichkeit au von Hume feftgehalten, obwohl derfelbe
den Naturalismus Loke’8 damit verband; nicht minder in dem moralphilofophifchen
 Werke von Adam Smith felbft, der das Wohlwollen gegen
Andere als Sympathie auffaßte und die praktifche Formel aufftellte, daß
fittliche Handlungen nur diejenigen feien, welche allgemeine Billigung finden
Bönnen. Dagegen erhielt in Frankreich im Zufammenfchluß mit dem Leben
in allen Ständen die Theorie der Selbftliebe und des Cigennuses nach einem
orÄbergehenden Widerfpruch der Väter des DOratoriums, von denen jedoch
Ion Malebranche die eigentliche Grundlage der Locke’ {hen Theorie
annahm, nicht nur allgemeine Aufnahme, fondern auch eine fharf durchge:
führte Begründung. Es wurden allmälig die Säße hHerausgeftellt: daß, wie
die Erfahrung bei jedem Menfehen beweife, die Selbftliebe die einzige Trieb:
feder aller menfchlichen Handlungen ft, auch der fcheinbar uneigennüßigen
und tugendhaften; das Wohl des Einzelnen wird durch die Verfolgung feiz
ner Eigenintereffen allein erreicht, und ein verffändiger Eigennuß fpornt ihn
von felbft zur Arbeit und zur Mäßigung leidenfchaftlicher Genußtriebe. Das
allgemeine Wohl geht nach Einigen geradezu aus der MWirkfamkeit des Ei.
gennußes der Einzelnen hervor, nach Anderen ift e&amp;amp; die Aufgabe der Se:
feßgebung , das Gemeintwohl und das Eigenintereffe in eine unlösbare Ver:
bindung zu bringen. Es war eine Verbindung diefer beiden Anfichten, als
man fpäter von dem Sefeg die Freiheit und Sleichheit Aller verlangte, weil
dadurch allein das Wohl Aller am beften herbeigeführt werde. Schon Man:
deville muß hier ermähnt werden, obwohl feine Schrift in London und
in der englifhen Sprache erfhien. Was La Bruy&amp;amp;re’s Charakterfchils
derungen, La Nochefoucault’$s Maximes morales bereitg bekräftigt
hatten, darauf, auf die Thatfache des Lebens, berief auch er fich, um die
Herrfchaft des Eigennußes im Menfchen ?) zu bekräftigen, aus der er die
Sefellfchaft felbft und namentlich alles Gute in ihr hervorgegangen fah, wäh:
cend er in der Tugend im gewöhnlichen Sinne nur eine [Hädliche Eitelkeit
wahrnahm. Yuch Voltaire nahm die Selbftliebe al8 die Urfache jeder

‘) Im Mebrigen hielten diefen Sag als Lebensweisheit im vorigen Jahrhuns
bert aud) fehr eble NMaturen in Deutfehland feft; man vgl. nur 3. B. Md:
Ter’8 patriotifche Phantafieen.
        <pb n="192" />
        1833

anderen Liebe an; er fah als die Nuelle alles Nebels die Unwiffenheit und
den Krrthum, als die Nuelle des Suten die Einfiht und Klugheit an, und
in dem Staate war ihm das gut, was nüßlich erfchien. Noch größere Bes
ftimmtheit, noch mehr wichtige Folgerungen wurden durch die Erkenntnißs
theorie eines Lo ke’ (hen Schülers: Condillac (befonders: Traite des
sensations, London 1754) vorbereitet, indem diefer den fhon in des Mei
{terg. Theorie nahegelegten Schluß 309, daß e8 eigentlidy nur eine Quelle
der Borftelungen und Begriffe gebe, die Eindrücke der äußeren Wahrnehs
mung, welche immer entweder von angenehmen oder unangenehmen Cmpfin:
dungen begleitet find; nach ihm if jede Borftelung, jeder Gedanke und Wille
nur eine umgewandelte Senfation, der Menfch fredt und muß {treben nur
nach Luft, die einzige Liebe, deren er fähig ift, befteht in der Selbfiliebe
u. f. w. Bu demlelden Nefultate gelangte Bonnet (fiehe oben), in deffen
naturmiffenfchaftlich  empirifcher Darfiellung fich nur noch mehr die Ethik
in eine Mbyfi£ ummwandelte, mas in voller Schroffheit (hon vor ibm in
Qa Mettrie’s: L’homme machine — und L’homme plante ausgeprägt
war. Helvetius mar e8, weicher (De Vesprit 1758 und De ’homme
[Londres] 1772) mit der Nückfichtstofigkeit des von ihm zugleich benußten
Hobbhes die praktijche Moral formulirte, und fie durch feine allgemein faßz
liche und anfprechende Darftelungsweife für Jedermann zurechtmachte. Nach
Helvetiws hat der Menfh in keBter Inftanz nur ein paffives Bermögen,
die phufifche Senfibilität, alle Operationen des Seiftes Eommen auf das Urz
theil zurück, und Urtheilen felbft ift auch nichts anderes als Empfinden.
Luft fuchen und Schmerz fliehen ift das einzige ber Natur gemäße Sefeb,
dem der Menfch nachgeben muß; das phufifhe SIntereffe {ft feine einzige
Triehfeder, da in ihm Alles phyfilche Empfindung ift. Der Menfch hat Feine
angeborene Leidenfhaften, weder für das Gute, noch für das Böfe; während
die Lafter der. Völker durch ihre Sefeßgebung verfhuldet werden, find die
moralifchen Unterfchiede der Einzelnen — denn in der urfprünglichen Dragas
nifation: der Menfchen giebt e8 Feine Ungleichheit — nur Folgen der Vers
fchiedenheit der Erziehung, der Sefeßgebung oder NMegierung, welche, indem
fie verfhieden auf die jeden Menfchen in AUllem beherrfchende Selbfttiebe eins
wirken, die verfchiedenen Leidenfchaften heroorbringen 1).
Doch e$ mögen der NMachweife aus den Ergebniffen der damals herrs
fchenden Pbilofophie in Irankreih genug fein, Die Bergleichung dem Lefer
überlaffend, will ich die nationaldFonomifche Ausführung Adam Smith’s
in Kürze aeaenüberftellen.

ty Ueber diefen Sag vgl. man namentlid) De Yhomme IN, 2, und De Vesprit
I, 25.
        <pb n="193" />
        184

Die Verfchiedenheit der natürlichen Talente (fo richt fih AU. S mith
in der merkwürdigen Stelle B. I, ch. 2 über die Natur des Menfchen aus)
ft in Wirklichkeit viel geringer, als fie uns erfheint, und die fehr verfchies
dene Fähigkeit, melche Leute von verfchiedenen Berufsarten zu unterfcheiden
Icheint, fobald fie zur Meife herangewachfen find, ift in vielen Fällen nicht
omwohl der Grund als die Folge der Arbeitstheilung. Der Unterfchied zwiz
chen den unähnlichften Charakteren, 8. 5. zwifchen einem Philofophen und
einem gemeinen Laftträger, fcheint nicht fowohl durch die Natur, als durch
Servohnheit, Uebung und Erziehung begründet zu fein, Als fie auf die
Welt kamen, und in den erften fechs bis acht Jahren ihres Lebens, waren
fie wohl einander fehr ähnlich, und weder ihre Eitern noch ihre Sefpielen
fonnten irgend eine erhebliche Berfchiedenheit wahrnehmen. Etwa in diefem
Miter oder bald nachher fing man an fie in fehr verfchiedenen Befchäftigun:
gen anzumenden. Die Verfchiedenheit der Talente beginnt dann bemerkt zu
verden (to be taken notice) und erweitert fich nach und nach, bis zuleßt
die CitelFeit des Philofophen kaum noch irgend eine Nehnlichteit anerkennen
mag. WHber ohne die Luft am Taufchen, Handeln und Auswechfeln würde
id) Sedermann für fich feinen Bedarf und die Senufßmittel des Lebens
Jaben verfhaffen müffen. Alle hätten diefelben. Pflichten erfüllen, diefelben
Werke vollbringen müffen, und es hätte mithin Feine foldhe VBerfchiedenheit
der Befchäftigungen eintreten Können, welche allein eine fo große Berfchieden:
heit der Talente veranlaffen Fonnte (as could alone give occasion to any
great difference of talents).
In diefer Stelle und Überhaupt in den erften Capiteln der Inquiry,
denen man nur die Lebendigkeit des »In mediam rem« und die anfchaus
liche Berveisführung des Satzes von der Arbeitstheilung nachgerühmt hat,
ift von Smith die unterfte Grundlage feines Werkes in wunderbarer Ein
fachheit und feftem Zufammenfchluß der Gedanken gelegt worden. Die
Menfchen find von Natur gleich organifirt; fie haben alle von Natur einen
Hang zum Taufche, fie werden bei dem Taufche von dem allen gemeinfamen
Inftinct des Eigennukes geleitet, Wie oft beruft er fih auf die Erfahrung
de8 Lebens auch für den lekteren Sab; auch noch gegen den Schluß feines
Werkes, Furz vorher, che er noch einmal darauf vertveift, mie der Berftand
der Menfchen durch ihre gewöhnlichen Befhäftigungen gebildet werde (B. V,
chap. I, 3, 2) bemerft er, daß fpeculative Syfteme zu allen Zeiten auf fo
hohle Gründe hin Zuftimmung gefunden haben, daß jeder Menfch in der
zeringffen Angelegenheit, die ein Geldintereffe betrifft, fie ohne Weiteres finn:
‚08 gefunden haben würde. Daß er den Cigennuß al8 das einzige Motiv
der wirthfchaftlichen Thätigkeit des Menfchen annimmt, ift bereits hervorges
hoben worden und allgemein bekannt. Es muß hier aber darauf hingewie:
en werden, daf Smith folgerichtig und gleichfalls in Uebereinftimmung
        <pb n="194" />
        185

mit jener pbilofophifden Lehre die Selbftliebe und den Eigennuß als ‚die
einzige Triebfeder aller menfchlichen Handlungen annimmt und den beftim:
menden Einfluß anderer Triebe entfehieden in Abrede (teilt 1). Wo die im
ntereffe des Eigennukses liegende Handlungsweife nicht eingefchlagen wird, da
erblickt er UnFenntniß des eigenen Bortheils (1, 11; vgl. unten Note 1); der
(bekanntlich aus religiöfen Gründen heroorgegangene) »Befhluß der Yuäker
in Vennfylvanien, alle ihre Sclaven in Freiheit zu feben, ann uns über:
zeugen, daß die Zahl derfelben nicht fehr groß gemwefen fein Fann;z hätten fie
einen beträchtlichen Theil ihres Eigenthums ausgemacht, fo Eonnte ein folz
cher Befhluß immermehr durchgehen« (LIT, 2). Während felbft der FühLrechnerifche
 NMicardo (Principles chap. VII) 2) den Patriotismus und die
Liede zum Heimathlande bei der Beftimmung des Setvinnfffaßes nicht ohne
Einfluß fein läßt, ift nah Smith zwar »der Eigenthlmer von Srund:
ftücen nothwendig ein Bürger desjenigen Landes, in welchem fein Gut
liegt, dagegen ift der Eigenthümer eines Capital$ genau genommen ein
MWelthürger«, da er mit feinem Vermögen alsbald Überall hinziehen Fann
(B. V, ch. IT, 2), und deshalb ftellt er die — freilidy nicht bewährte —
Weiffagung hin: Sollte irgend ein Sffentliches Unglück die republikanifche
Regierungsform in Holland zerftören und die (politifche) Wichtigkeit jener
reichen Kaufleute (welche diefelben für den geringen Zins ihrer Capitalien
und den geringen Gemerbsgewinn fo entfehädigt, daß fie nicht in ein anderes
Land gehen) vernichten, fo mürden diefe alsbald mit ihren Capitalien nach
einem anderen Lande ziehen (V, 2 am Schluß) u. f. w@. Wir finden den
felben Zufammenklang zwifchen den nhilofophifchen Lehren jener Zeit und
den nationaldlonomifchen Ausführungen Adam Smith’s kber die Bedinaunaen
 zur Verwirklichung des Semeinwvobles, über die Naturrechte des

nn

Der einzige, wenn auch nur unbedeutend abbeugende Ausfpruch findet {ich
I, 11: Der SrundhHerr frachtet natürlich darnadı, das Höhfte, was der
Pachter geben Fann, als Nente zu erhalten; mandmal freilich madht
bie Liberalität (the liberality) öfter die Unwiffenheit des Grundherrn,
daß er etwas weniger nimmt, mandımal — obwohl feltener — bemerkt
aud) die Unwiffenheit des. Pächters, daß er etwas mehr zu zahlen übers
nimmt, oder mit einem etwas, geringeren, als dem in der Gegend üblichen
Gewinn des Pächtercapitales zufrieden if. .
„Die Erfahrung zeigt, daß — auch die natürlihe UYbneigung eines jeden
Menfchen, das Land feiner Seburt und Verbindungen zu verlaffen und fi
mit allen feinen ftehenden Gewohnheiten einer fremden Negierung und neuen
GSefeben anzuvertrauen, die Neberfiedelung des Capitals fehr erfhwert,
Diefe Gefühle, deren Uofchwädhung mich betrüben würde, beftimmen die
meiften Menfchen von Vermögen, fid) lieber mit einem niedrigeren Sewinnft-[abe
 in ihrem Vaterlande zu begnügen, als eine gewinnreichere Anlage für
ibr Capital bei fremden Völkern zu fuchen.«
        <pb n="195" />
        0

Anzelnen Menfchen, über die Wirkung der vorhandenen und die Grundlagen
jur Befferung der neu einzuführenden Sefeßgebung, über die — für jedes
nationalöfonomifche Syftem bedeutungsvolle — Frage nad) der AYusdeh:
zung, in welcher die Staatsgemwalt in die privatwirthfchaftlihen Thätigkeiten
Aingreifen fol, und nad) dem Zweck des Staates, Wenn jeder Einzelne
nur von einem felbftfüchtigen Intereffe erfüllt tft, fo kann das Gemeinwohl
antimveder an fih durch die Verfolgung der Eigenintereffen bei jedem Einzel:
nen verwirklicht erfcheinen, oder es wird dadurch fichergeftellt werden müffen,
aß man das Öffentliche Wohl mit dem Streben der Einzelnen nach ihrem
privaten Wohl in enge Verbindung durch die Sefeßgebung. zu bringen vers
mag. In diefen Gedanken — die dann nicht mehr gegenüberzuftellen find,
jobald man annimmt, daß nur unter beffimmten pofitiven Sefeken der
Sigennuß der Einzelnen von felbft das Semeinmwohl verwirklicht — bewegt
ich aud) die franzöfifche Pbilofophie. Jede Thätigkeit für das Öffentliche
Wohl, meint Helvetius, if durch die Anregung eigennüßiger Motive in
dem Einzelnen hervorzubringen. Alles Schlimme fteckt in der vorhandenen ver:
fehrten Sefeßgebung, welche nur im Kntereffe der privilegirten und thatfächlich
 mächtigen Stände gegeben ift, weshalb fich diefe auch jeder gefunden
Reform widerfegen, die auf die Erkenntniß der Natur des Menfchen gebaut
merden muß. Die Sefeße follen gegen die Lafter fhüßen, vom Individuum
jet Fein felbftverleugnendes Streben nach Tugend und SGemeinwohl zu ermerben.
 Nach Befeitigung des Druckes des herrfchenden Staates foll das
Recht und die Freiheit des Individuums zur SGrundnorm der SGefebe genom:
men werden, denn »die Nuelle der vernünftigen Sefeße if die ergründete
Natur des Individuums.« Diefes, welches von Eigennuß getrieben wird,
ftrebt nach Freiheit der Bewegung ; der Zmeck des Staates, der in den felbftz
(iebigen Bedlrfniffen des Menfchen die Urfache feiner nothwendigen Ent:
itehung hat (Voltaire, Dietionaire philosophique), befteht darin, dem
Bürger politifche Freiheit zu fchaffen, d. h. die Möglichkeit, zu thun, was er
wollen darf, und nicht zu etwas gezwungen zu werden, Mas er nicht wollen
darf (Montesquieu, Esprit des lois; vgl. z. B. XI, 3), alfo hauptfächtich
Schuß für die Freiheit des Individuums. Da diefes in fich aber nur von
jetbftfüchtigen Trieben geleitet wird, fo erfheint audy der ffaatliche und ges
ellfchaftliche Berband aus der Selbftfucht- der Einzelnen mie entftanden fo
beherrfcht. Diefes ftellte auch NRouffeau (Sur Finegalite, 1754) beftimmt
hin; e$ war deshalb eine natürliche Folge, daß er der Sefeggebung die Norm
vorhielt: der allgemeine Wille und der befondere Wille müßten in einander
aufgehen (Discours sur l’&amp;amp;conomie politique, 1758), und wenn in feinem
Contrat social (1761) fih auch in mancher Beziehung eine Umbildung
feiner früheren Anfichten nicht verkennen läßt, und er es als eine natürliche
Bolge des gefelligen Bertrages anfieht, daß die Cinzelnen diejenigen Eigen:
        <pb n="196" />
        [187

intereffen preisgeben müffen, welche mit der Befriedigung der allgemeinen
Sntereffen aller Einzelnen unverträglich find, fo feilte er e$ doch auch hier
als ausgemacht hin, daß nur durch die Zufammenftimmung aller Einzelns
intereffen die Gefelfchaft möglich werde; daß Ieder nur deshalb das allge
meine Wohl wolle, weil er immer an fich denke, wenn er für Alle thätig
werde. Wie mächtig diefe allgemein verbreiteten Gedanken auf alle Seifter
wirkten, LÄßt fich auch daraus erfehen, daf.felbft die Phnfiofraten die Umges
ftaltung der pofitiven Sefeßgebung nach den Srundfägen des droit naturel
verlangten, während fie das droit naturel des Menfchen gerade in fein
Recht febten, zu thun, was ihm vortheilhaft fei; die Verbindung der Justice
mit dem Utile verlange nur, daß Keiner den Anderen in feinem natürlichen
Necht fchädige, und deshalb habe Feder das natürliche Mecht, einen vernünf:
tigen Gebrauch von allen feinen natürlichen FahigFeiten und Kräften zu
machen; das ift die Naturordnung des allgemeinen Vortheils, die Aufgabe
des Staates befteht darin, daß er diefelbe aufrecht erhalte, d. h. die Treiheit
and das Eigenthum aller Einzelnen und die öffentliche Ordnung fichere.
Adam Smith fteht durchweg auf dem Boden jener Ideen; er führte
fie methobifh in dem Kreife der wirthfchaftlichen Verhältniffe ats, Ihm
zefcheint die vorhandene pofitive Gefeggebung über Sfonomifche Dinge ver-Eehrt,
 fie {ft aus dem eigennübßigen Intereffe der bevorrechteten Stände her:
vorgegangen, die fidh deshalb auch nodh jebt jeder heilfamen Meform widerfeßen
 (B. V, ch. 2); oft vermweift er auf das Naturrecht und die nathrliche
Freiheit jedes Menfchen, alle ihm von der Natur verliehenen Kräfte und Ans
(lagen unbehindert in Unwendung zu bringen 1); ein Jeder hat das Intereffe,
feinen eigenen Bortheil frei verfolgen zu fönnen, und wird in allem feinen
Thun nur von eigennübigen Motiven geleitet; e8 Kiegt deshalb im Intereffe
Aller, daß Feder diefes Fönne; wie viele Mühe giebt er fich, den Iufammen:
Bang der Intereffen der einzelnen productiven Erwerbsarten mit diefer SEonomifchen
 Freiheit für Alle nachzuweifen! In der Regel wird das öffentliche
Wohl fchon an fih durch die Anftrengungen der Einzelnen für ihr Eigen:
intereffe erreicht, doch giebt e8 einzelne Fälle, wo der Staat gegen Ausartungen
 einfchreiten muß: diefes aqefchieht denn mohl gegen die nathrliche Frei:

‚\

Beifpielgweife mag auf I, 10, 2 hingewiefen werden, wo es heißt: Einen
Menfchen, der fich nichts hat zu Schulden Fommen Jaffen, aus einem Kirch
[piel, worin er feine Wohnung wählt, zu entfernen, ift offenbar eine Ver:
feßung der natürliden Freiheit und Gerechtigkeit, und IV, 7: Sinem Volke
verbieten, aus feinen Producken Alles zu machen, was e8 daraus madhen
fann, oder fein Capital und feine Induftrie fo anzumenden, wie e&amp;amp; ihm am
bortheilhafteften fheint, das ift eine offenbare Verlegung der heiligften
Rechte der Menichbeit.
        <pb n="197" />
        ‘88

heit, aber zu Sunften der Gerechtigkeit und Sfeichheit (vol. z. B. IL, 2,
»o von der Behinderung der Bankzettelausgabe die Rede if). C8$ liegt im
Srundfaß der Gleichheit, Freiheit und Serechtigkeit, daß man Sedermann
ein Intereffe auf feine eigene Art verfolgen läßt 1); nach dem Syftem der
natürlichen Freiheit hat Jedermann, fo lange er nicht die NRechtsgefebe Über:
feitt, die vollftändige Freiheit, fein Intereffe auf feine eigene Weife zu ver:
folgen — — das Staatsoberhaupt hat nur drei Pflichten: Schuß des
Staates gegen den gemwaltfamen Angriff eines anderen; Aufrechthaltung
ner genauen Rechtspflege, Errichtung und Erhaltung gewiffer öffentlicher
YUnftalten, die Bein Einzelner oder Wenige herrichten würden, weil für fie
xllein die Koften derfelbden fich nicht verwerthen, ‚tvohl aber für eine große
Sefelfchaft. (IV, 9 zu Ende.) Es if bekannt, wie aud) ihm die Ent:
Mehung und die Bedeutung des Staates in der Yrbeitstheilung und dem
zegenfeitigen Bedhrfniß der Menfchen aufgeht; daher zeigen fich die Unter:
fchiede der Staaten nur in den Unterfchieden der Sefeßgebung. Smith
Läßt überall. jene weltblirgerliche Anficht feiner Beitgenoffen erkennen, für
welche e8 zmifchen dem atomiftifchen Einzelnen und dem großen Sanzen der
Menfchheit Feine in ihrem inneren Wefen befonderte Mitglieder giebt, Ne:
dem Anflug zu einem mercantiliftifchen Nationalismus feste er einen humas
niftifhen Kosmopolitismus entgegen. Wir fahen bereits, wie er Leinem
Sedanken an die Möglichkeit eines nationalen Sinnes hei jenen hofländiz
"chen Kaufleuten Raum giebt; wie er den Capitaliften als einen Welthürz
3er, den Srundbefiker dagegen als einen nothmwmendig nationalen Bürger
anfieht. Er nennt e$ aber auch eine ungerechte Unterdrückung der Sndufkrie
anderer Länder, menn fid) eine Nation den ausfchließlichen Handel mit ihren
Solonieen zu fichern fucht, und ein ungerechtes Beftreben, wenn ein Boll
andere Länder zu der Theilnahme an dem vortheilhaften Handel mit feinen
Solonieen nicht zulaffe (IV, 7, 3), während er (ebendafelbft) e$ Eurz vorher
auch rügt, daß namentlich die amerikanifchen Colonieen durch den ausfchließs
‚Achen Handel der Mutterländer mit ihnen verkürzt werden; er verhöhnt
»unfere Manufacturherren, welche e$ ganz in der Ordnung finden, daß fie
von dem Talente unferer Mitbürger ganz allein den Genuß haben und nicht
wollen, daß ein Feiner Theil unferer Handwerker außer Landes gehe, um die

}

3. B, IV, 9: (Colbert) instead of allowing every man to pursue his
own interest his own way, upon the liberal plan of equality, liberty
and justice, — Nebenbei fei bemerkt, daß au Smith entfhieden für unz
Sedingte Neligionsfreiheit und gegen jede hHerrfihende Kirche fich ausfpricht.
Blei Turgot wünfcht er, »jene reine und vernünftige Meligion, die von
jeder Beimifchung von Unverftand, Betrug und Fanatismus fo frei wäre,
Die fie zu allen Zeiten die weifen Menfchen zu fehen wünfhten.« B. V.
chap. 1, 3, 3.
        <pb n="198" />
        189 ;
Fremden zu unterrichten (IV, 8). Man muß jedenfalls neben die Borläus
Fer der NMevolution auf dem Gebiete der Politik, die Phufiokraten als die die
Revolution vorbereitenden Dekonomiffen anfehen. Sie waren &amp;amp;8 durch ihre
fittliche Polemik gegen die Grundfäige der herrfchenden Stände, durch ihren
MWiderfpruch gegen die Algemwalt und die Einfiht des Staates, gegen die
ganze praftifche Verwaltung durch ihre Schußreden für den preisgegebenen
Bauernftand; aber die pofitiven Beftandtheite ihrer Lehre febten fie doch in
einen ftarken SGegenfaß gegen die bald fhärfer fich herausbildende Form und den
gereiften SGeift der revolutionären Macht. Wie fehr fie {ih gegen die feudalen
BVerhältniffe des Srundeigenthums erhoben, fo war für fie doch der Grund und
Boden die urfprünglihe Zuelle der Güter, und mithin aud) in dem Grund:
befiß hauptfächlih Macht, Neichthum und berechtigter Einfluß nothwendig
gegeben. Sn ihrer ausführlichen Begründung des Eigenthums Famen fie
auf die nothwendige Ungleichheit des Cigenthumsbefises zurüc, den fie
— im BGegenfaß zu Smith — fhon aus der urfprünglich verfchiedenen
Naturanlage des Menfchen herleiteten 1). Bet Smith ’s Theorie veretz
nigte fich gerade das zwifchen ihm und den ‚Phyfiofraten Berwandte mit
dem ihm Eigenthümlihen, um ihn mitten in die wirkliche und ausgebildete
Revolution zu ftellen, er zeigt fich im feften Zufammenfchluß mit der gereifs
teren Entwicklung der Dinge. Daß ihm, troß vielen MWiderfprüchen zu
Gunften der phyfiokratifhen Theorie, doch immer toieder die Capitalfraft
und namentlich diefelbe als das Ergebniß der menfehlichen YUArbeit und des
beweglichen Gutes in den Mittelpunkt tritt, zeigt ihn in fefter Verbindung
mit dem dritten Stande, der zum geiftigen Träger der Revolution
wurde. Die auch von ihm fo oft gebrauchte Devife der »Hreiheit und
Sleichheit« hatte bei feinen Unfichten von der Sleichheit der menfchlichen
MNaturanlagen doch einen anderen Sinn, als bei den Pbhyfiokeaten, Wie er
immer wieder auf die. menfchliche Arbeit, als auf den Mittelpunkt aller Erz
Srterungen zurüctommt, fo tft ihm auch charakteriftifcher Weife und im Ges
genfaß zu den Mhufiokraten das durch die Arbeit errungene Cigenthum das

A

Bol. z. B. Quesnay droit naturel chap. IH: En considerant les facul-;6s
 corporelles et intellectuelles — — nous y trouverons une grande
inegalil@ — — Cette inegalite n’admet ni juste ni injuste dans son
principe; elle resulte de la combinaison des lois de la nature u. f. w.
— Soweit ift audy das Urtheil Daire’s (Oeuvres de Turgot, XXXV) zu
berichtigen, welder dort in gewiffen Sägen Turgot’s die Ausführungen
Smith’s über die AUrbeitstheilung wiederfindet; ZTurgot’s Worte: La
distribution des professiens, amene n6cessairement Vlincgalite des conditions
 — haben nicht den früher bei Smith nacdigewiefenen Sinn über
die Wirkung der Arbeitötheilung auf die erfte Entwicklung der geiftigen
Yuterfchiede.
        <pb n="199" />
        190

heiligfte 1), Man verbinde nur diefe beiden Anfhauungen und ftelle dazu,
daß Adam Smith es Faum unterläßt, den Grundbefig als ein Monopol
zu bezeichnen, und daß er die natürliche. SerechtigFeit der Grundrente that-Tächlich
 in Abrebe ftellt ?). Man weiß, daf fi namentlich die Steuergefeßs
gebung Frankreichs gleich vom Beginn der Nevolution an ganz nad) dem
Sinne und nach der Kritik Smith’s umgeftaltet hat; man wird das
nicht eine Folge der Smith ’{hen Ausführungen nennen Eönnen; die Prineipien
 derfelben, ihre negative wie ihre pofitive Beweisführung, lagen im
BSeifte der Zeit überhaupt. Und Smith Fannte, als er fein Buch fchrieb,
die franzöfifhen Slugfhriften gegen die beftehende Verwaltung fehr wohl 3).
Man muß zu Smith’s öfonomifchen Erörterungen die philofophifch-politi-[hen
 Beweife und Bemerkungen hinzunehmen, um recht zu gewahren, wie
weit er über die Phyftokraten hinaus fich der Revolution von 1789 zuge:
[ellt. Wie Vieles erfcheint ihm verkehrt in der englifhen Gefekgebung, wie
herb tft oft feine Polemik gegen die Motive der Megierung. Aber England
zrfcheint in hellem Sonnenlicht gegen die düfteren Zuftände, welche er aus

I, 10, 2: Wie das Eigenthum, das Iedermann an feiner eigenen Arbeit
hat, die urfprüngliche @rundlage alles anderen Cigenthums ift, fo ift e6
auch das hHeiligfte und unverleßlichfte:
Val. 3. B. I, 6: Sobald aller Grund und Boden eines Landes Privat:
eigenthum geworben ift, begehren die. Srundbefiger gleich allen anderen
Menfchen da zu ernten, wo fie nicht gefäet haben; ja fie verlangen fogar
zine Nente für ihr Naturproduck, Das Holz des Waldes, das Sras des
Feldes und alle freiwillige Freiheit der Erde, die, fo lange der Boden Allen
gehörte, dem Arbeiter nur die Mühe des Sammelns Fofteten, erhalten jet
für ihn einen ihnen hinzugefügten Preis. Er muß für die Sriaubniß zum
Sammeln zahlen und an den SGrundbefiger einen IhHeil desjenigen abgeben,
mas feine Arbeit zufammenbringt ober erzeugt. I, 11: Der Srundrigen:
thümer verlangt fogar für unangebautes Land eine Mente u, f. w. — zu:
weilen fogar von dem, was menfchliher BVerbefferung ganz unfähig ft —
— die Grundrente als der für die Benußung des Landes bezahlte Preis
Ht demnad) natürlich ein Monopolpreis. — Auch mitten in diefer UWbhandlung
 über die Grundrente findet fih der Sag (Part 1): Monopoly is a
great enemy to good management it. f. w., wenn er dort aud) nicht in
Bezug zu fpeciellen Verhältniffen der SGrundrente gefebt ift. Am Schluß
des Capitel8: Die Grundbefiger find der einzige Stand, deffen Sinkommen
weder Arbeit noch Sorge Eoftet, fondern fih fo zu fagen ganz von felbft
macht u. f. m. Daß. Smith durch eine verfhieden hohe Srundrentefteuer
dem ganz freien Willen der Grundbefißer bei der Verpachtung in Rückficht
auf das Gemeinwohl entgegengearbeitet wiffen will, erfieht man aus B. V,
chap. 2, 1.
Bal. V, chap, 2, 2: In den meiften Libellen, die gegen das jeBige franzöd:
Hfche Finanzfyftem gefhrieben worden find u. f. mw.
        <pb n="200" />
        191

Frankreich (childert 1), und doch ft diefes Land noch das nach England freieffe
auf dem ganzen Continent ?), Schneidend tadelt er den Geift der Regieren:
den überhaupt 3). Alle Grundlagen und Schlagwörter der neuen Periode
ffellt er hervor: die Heiligften Rechte der Menfchheit, die Mechte, »die mit
ung geboren« 4), die NMechte der Gegenwart und der heutigen Senerationen,
das allgemeine Intereffe, Freiheit und Steichheit, Serechtigkeit für Ale,
Mit diefer zwar vielfach unklaren, aber {tarfen Sehnfucht, die größten Güter
für die Leidenden Volksklaffen zu erobern, war bei. Smith, wie bei [0 vies
fen feiner fchriftftellerifchen Beitgenoffen , für die Fhätigleitsfreife des praktis
fehen Lebens die Fühlnüchterne Beurtheilung des dritten, gerwerbethätigen und
zapitalbefigenden Standes verbunden, der fich gegen »Tafelgefchirre und den
Äbrigen eitlen Staat in Kleidung und GSeräthfchaften« ausfprach (I, 11, 3),
bei der Wahl des Berufes die Einträglichkeit des Befchäftes vorab nad) den
Beweifen der Wahrfcheinlichkeitsrechnung entfcheiden ließ (I, 10, 1), alle
fiber den Eigennuß hinausgehenden Triebfedern der Handlungen in dem ges
mwöhnlichen Lebensverfehr als unmwirtflich belächelte (val. oben), zw Dderfelben
Reit, wo in England wenigffens die philofophifche Moral diefen Srundfaß

\ VW, 2,3: In Frankreich müffen die unteren Stände geduldig jede Behands
(ung Sinnehmen, welche ihre Oberen für fie gut genug finden. In demfelben
 AUbfchnitt fehließt er nad) einer Schilderung der franzöjifchen Tabaks:
und Salzfteuer mit fhneidender Ironie: Auf diefe Urt (nämlich, daß durch
Schuld der Sefeßgebung jährlich einige Hundert Menfchen auf die Saleeren
und nicht wenige an den Salgen Fommen) erhoben, bringen foldhe Steuern
ber Regierung ein anfeHnlihes Einkommen.
Cbhendafelbft: »Frankreich ift gleichwohl derjenige Staat, der nächft Groß:
britannien die mildefte und freifinnigkte Regierung hat « Val. V, chap. 1,
3, 3, »auf jeder Stufe des Defpotismus, von dem fanften und milden De:
fpotismus in Paris an bis zu dem wüthHenden in Konftantinopel.«
Val. z. B. außer den bereits angeführten Stellen: It is the highest impertinence
 and presumption in kings and ministers to pretend to watch
over Ihe oeconomy of private people etc.— they are themselves always
and without any exceplion the greatest spendthrifts in the sociely etc.
II, 3: — -— There is no art, which. one government sooner learns of
another, than that of draining money from ihe pockets of the people.
IL, 4: All for ourselves and nothing for other people seems in every
age of the world to have heen the vile maxim of the masters of
mankind etc.
3. B, II, 2: Die Fideicommiffe find auf die abgefhmarkttefte aller Bors
ausfeßungen gegründet, auf die nämlich, daß nicht jedes folgende Sefdhlecht
der Menfchen ein gleiches Recht auf die Erde und UUes, was fie trägt,
habe, als die Vorfahren, und daß das Sigenthum der Lebenden nad den
EFinfällen Derer befhränft und geordnet fein folle. die vielleicht vor 300
Xahren aeftorben find.
        <pb n="201" />
        192

verwarf, und gerade audy Smith’s Freund, Hume, nur bei dem Egoiften
Telbft eine folche Anficht möglich fand.1), »den Fürften fammt allen Juftizund
 Militärbeamten, die ganze Armee und Flotte«, nicht nur »ebenfo wie
die gewöhnlichen Dienftboten« für unproductive Arbeiter anfah, fondern fie
auch insgefammt als »die Diener des Volkes« bezeichnete (IT, 3) u. f. w.
Man fieht, Smith hat die philofophifche, die moralifche, die politifche Welt»
anfhauung, die ganze Stellung der perfönlichen Träger der Nevolution von
1789 in feinem Werke ausgeprägt; er hat auch alle Forderungen des an
beweglichem Gute reichen dritten Standes, gegenüber dem Beftand der mit:
telalterlich=SEonomifchen Verbhältniffe, in deffen Sinn begründet und formuz
liet: Befeitigung der Feudalrechte und aller Monopole und Privilegien in
Sewerben und Handel, Freizligigkeit, Aufhebung der Fideicommiffe, des
Süterfchluffes, des Erfigeburtsrechtes u. f. w. u. f. w. — wie fie ficherlich
nicht auf Smith’s Anrathen, fondern, gleich ihm, auf dem allgemeinen
Cebensgrunde der Zeit die neue Stantsgewalt Frankreichs in jener Nacht des
4. Yuguft 1789 und in den darauf folgenden Tagen als das neue Sefeß
der neuen. Zeit proclamirte. Adam Smith hat alg NMationalbkonom im
Sinne des Ubbhe Sieyes die Frage beantwortet: Quest-ce-que le tiers
Stat — daß ihm dabei überall nichts mehr am Herzen und. im Seifte lag,
al8 das Wohl gerade der armen und niedrigen Volksklaffen, haben viele (etz
ner Gegner, fei e8 aus frevelhafter Zücke, fei es in frecher Unfenntniß, un:
begreiflicher Weife vor dem Publicum Europas in Abrede ftellen dürfen.
Während Udam Smith’s theoretifche Ausführungen bei den politi:
Ichen, »bilofophifhen und nationalbfonomifchen Schriftftellern aller ctvilifirz
teren Länder eine ebenfo rafhe als nachhaltige Aufnahme fanden, wurde das
Ergebniß derfelben für die Praris durdy das Vordringen der franzöfifchen
Revolution über ganz Europa ausgebreitet; überall hin brachten die vrepublis
Fanifchen und Fatferlichen Heere die Sefepbeftimmungen und Inftitutionen
der neuen Yera, durch welche die mittelalterlihen Formen des SGüterlebens
gebrochen wurden, und wohin fie die Waffen nicht bringen Fonnten, da fan:
den fie durch die Strömung der Ideen Eingang und Aufnahme. Ale
Schranken zwifchen den Nationen fhienen fallen zu follen, fei es, daß man
fie alle unter dem Schirmdache der republikanifhen Freiheit verbrüdern, oder
in der großen Univerfalherrfchaft des franzöfifchen Imperators gleichmäßig
regiert fehen wollte. Die Continentalfperre war ihrer Entftehung nach doch
nur eine polemifhe Maßregel, entfprang nicht einem pofitiven wirthfhaftli
hen Princip, obwohl fich auf fie der bald und dauernd hervorgetretene Wiberfpruch
 zwifchen den Grnndfägen für das SLonomifche Leben des Binnen:
Jandes und denen für den Internationalen Verkehr zurücführt. $ ift bes

) An Enquiry concern. hum. understand. Leet, Il.
        <pb n="202" />
        193

Eannt, welche Meaction mit der Zeit, noch mitten in der Dauer der Napoleos
nifchen Herrfchaft, eintrat. Napoleon felbft Hatte‘ die politifjhen Ideen,
welche ihn in der Eroberung des Thrones unterftüßt Hatten, wieder zu feffeln
gefucht; in allen von Frankreich unterworfenen oder abhängigen: Ländern
zrwachte das Berwußtfein nationaler Eigenthümlichkeit und Selbftftändigkeit
mit unwiderftehlicher Stärke. Mit ihm fuchte fidy der bittere Unmuth zu
verbinden, von welchem die grundbefigende Ariftofratie und der Fatholifche
Slerus erfüllt mar; beide Hatten ja durch die franzöfifhe Revolution und
deren Ausbreitung über Europa fo Vieles an matertiellem Befig und rechtliz
chen Privilegien eingeblßt. Die Entwicklung der allgemeinen Creigniffe
machte e&amp;amp; möglich, daß die gegen die Grundfäge und Ideen der franzöfifchen
Revolution anftrebende Neaction zu einer Neftauration des früher Sewefenen
fchreiten Eonnte. Die nationalsfonomifchen Schriften dam Müller’s 2)
fuchten die Berechtigung und Nothmwendigkeit diefer NMeftauration auf dem
Bebiete der Ökonomifchen Dinge nachzuweifen und find fhon deshalb ein
wichtiges und Lehrreiches Document in der Sefchichte der nationaldfonomifeben
 Theorie, Müller will die Formen und die Herr{henden Mächte des
durch, die Theorie dam Smith’s befürworteten, und durch die revolutios
nären Thatkräfte thatfächlich eingeführten Güterlebens wieder befeitigt und
die. Normen der mittelalterlichen. Wirthfchaft zurütgeführt wiffen. Im
wohlverwendeten Befige mancher gereifteren Ideen wirft er fich auf alle
BVloßen der Smith’ fhen Lehre; gegen den Individualismus ruft er das
nationale Berwußtfein, gegen die Seltendmachung der perfönlichen Freiheit
die antife Staatsidee, gegen die Productionskraft des beweglichen Bermögens
die confervative Macht des gefhloffenen Srundeigenthums, gegen die Freiheit
des Privatgrundbefises die das fachliche Bermögen an Bedeutung weit Übers
ragende Perfönlichleit des Menfehen zu Hülfe. Durch feinen Berftand der
Reftaurations po Litik befreundet und von der Politik ausgehend, aller Ges
fühlsromantik entfrembet, der Logil des Fatholifirenden Proteftanten verfallen,
verfteht ev e$ und verfchmäht er es nicht, fich zugleich auf die Srundfäge
der heiligen Allianz zu ftüßen, die NMeformation anzugreifen und die polizei
liche Gefährlichkeit geanerifher Lehren zu berühren 2. Er will das Gleich:

A

Val. oben S. 22. Bemerkenswerthe, wenn audy nicht ganz übereinftims
mende Urtheile über Müller’s Theorie finden fih bei W. I. Krug:
Die Staatswiffenfchaft im Reftaurationsproceß der Herren v. Haller,
Xdam Müller und Conforten, Leipzig 1817. K. H. Brüggemann,
Dr. Lift’8 nationales Syftem der politifchen Dekonomie, Berlin 1842, und
Hildebrand a. a. OD. S. 35 fl. Nofcher ift an mehreren Stellen auf
Müller’s Leiftungen Fritifd) eingegangen.
Man vgl. nur etwa die Heine, aber für diefen Tendenznationaldkonomen
{ehr arakteriftiie Fluglhrift bei Selegenheit der proteftantifchen Iubel:
Anieg, volit. Dektonomie. {3
        <pb n="203" />
        194

getoicht und die NMeibung aller mittelalterlichen Lebensmächte wieder Herftellen;
auch den Principien des römifchen Mechtes tritt er nur deshalb entgegen,
weil fie ungebührliche Geltung erlangt haben, »Ich habe,« erklärt er ),
für mein Zeitalter gefhrieben, und fo wird man es billigen, daß ich
mid) der gerade jeßt unterdrückten geiftlichen und feudaliftifchen Elemente des
Staates wärmer annehme, als der in diefem Augenblife triumphirenden.
Mir {ft e8 aber um ihrer aller TWechfelwirkung zu thun, und fo bin ich der
Crfie, der gegen die flachen Gögendiener des Mittelalters und der abfoluten
Hierarchie den Stein aufhebt. Obgleich Heute ein eifriger Widerfacher von
dem alt= römifghen Princip unferer Verfaffungen, bin ih dennoch irdifch
und römifh genug, morgen dem geiftlichen Princip, wenn es allein herrz
[hen wollte, den Krieg anzukändigen.« Cbhenfo Fühl weißt er alle Verbins
dung mit der »graffirenden Vaterlandsretterei« (1809) von fi. Es if
begeichnend, daß Müller hHauptfächlidh doch aus politiflhen Gründen den
Feftländifchen Staaten eine andere $Eonomifche Yufgabe ftellt, als der Ges
burtsftätte der Smith’ (chen Theorie, Großbritannien.
Weder Müller’$ Skonomifhe Theorie im Sanzen, noch auch nur
die in ihr geltendgemachten Ideen, weiche ficherlich eine bleibende Beachtung
finden werden 2), Fonnten damals eine dauerndere Anerkennung erlangen, wenn
auch fchon nicht viel fpäter Friedrich Lift einige derfelben wieder zu einer
veränderten Anwendung hervorzog 3). Diefe für die Zeiten der politifchen
Reffauration auffällige Thatfache wird alsbald erklärlich, wenn man auf die
Berhältniffe des wirklichen Lebens blikt. Denn die SEonomifchen Ergebniffe
der franzöfifchen Revolution hatte in Frankreich auc) nicht Napoleon, felbft
nicht in der Fülle feiner Macht, anzutaften gewaat; ja der erfte entfchiedene

feier im Jahre 1817: Etwas, das Goethe gefagt hat. Beleuchtet von
Xdam Müller, Leipzig den 31. October 1817, wo Müller z. B. S. 7
And 8 meint, daß man fid do nicht über das Verbrennen einer päpftlis
en Bulle dur den »braufenden, ftürmifhen und verwegenen« Luther
freuen Eönne, weil dies den größeren europdifchen Negierungen unmöglich
in dem Lichte einer ruhmwürdigen That erfheinen Fönne, indem die Öffents
lien Autoritäten nicht fo unerfchütterlich ftänden, »daf fie ungeftraft das
Andenken an einen der verwegenften Schritte gegen eine legitime Dbrigkeit
feiern Eönnten.« Shenfo unromantifdy macht Müller (deutfhe Staats:
anzeigen BD. 11, zweites Schreiben an Herrn von Haller) die Gegner der
Meftaurationstheorie zu Atheiften 11. f. w. Daher fehr begreiflidh die Kühne
Sympathie des Herrn von Schüß. Hildebrand a. a. DO. S. 56.
Elemente der Staatskunft. VBorrede S. VI.
Bol. Hildebrand a. a. OD. S, 35 fl.
uf diefe Ibeenverwandtihaft zwifden beiden in ihren Zwecken faft entge:
gengefeßten Theoretikern Haben glei bei dem Erfheinen des Lift’ hen
Syftemes Rofcher, Rau u. f. w., neuerdings au Hildebrand hinge:
wiefen; vgl. indefjfen über den Kosmopolitiemus beider oben S. 23.

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        <pb n="204" />
        193

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Berfuch, welchen die reftaurirten Bourbonen in diefer Richtung wagten, ents
[ockte dem erilirten »Bändiger der franzöfilhen Nevolution« den fiegsgewiffen
Hreudenfehrei: »Frankreich ift mein!« Man Fanır fagen, daß in allen pris
baten wie ffaatlichen Haushaltungen in Furzer Frift eine fo totale Umgeftalz
tung auf dem Boden der neuen Ideen und Infkitutionen eingetreten war,
daß die Contrerevolution weit heftiger hätte Herftellen müffen, als die NMevos
(ution niedergeriffen hatte. Dazu Fam, daß die fürftlichen Serwalten und
zumal in Deutfchland ungemein viel an Macht eben durch die franzöfifche
Mevolution gewonnen hatten 1); aber alle Erweiterung und Concentration der
Staatsgetwalt wäre durch die Verwirklichung der MülLer’ {hen Theorie zu
Sunften der materiellen und politifchen Fundamente der vorrevolutiondren
feudalen Stände wieder verloren gegangen. Während in der Theorie überall
noch mit Enthufiagmus die Lehre dam Smith’s weitergebildet wurde,
hielt hier wieder einmal im praftifchen Leben die fürftliche Gewalt und der
britte Stand das gemeinfame Intereffe verbunden — erft die dritte französ
file Nevolution hat eine Lockerung diefer Verbindung veranlaft. Wenn
zumal in Deutfehland die Staatsgewalten aus politifihen Gründen einer
theilweifen Wiederherffellung ariftokratifch = ftändifcher Befugniffe fich zuge:
neigt gezeigt haben, fo hat bekanntlich auch bereits die Theorie begonnen,
Sfonomifche Erfahrungen, welche gegen einzelne Punkte der Smith’ (hen
Behre, insbefondere über Verhältniffe des Srundeigenthums fprechen, mit der
ftändifchen Gliederung der Staatsgefellfchaft in Berbindung zu bringen und zu
DBeweifen gegen die entfcheidende Bedeutung des dritten Standes auszuprägen-Die
 Kriege und die Continentalfperre Napoleon’ gegen England katten
auf dem Gebiete der SEonomifchen Dinge ihre größten Wirkungen hervorges
bracht. England, welches feit den fiebenziger Jahren des vorigen Jahrhuns
bertg$ die NMohproducte der feßtländifchen Staaten und namentlich Setreide
(feit 1773) in großen Maffen eingeführt hatte, fah fih plößlih auf fich
felbft verwiefen; e8 fuchte fi durdy Ausdehnung feiner Rohproduction uns
abhängig zu machen, Die Preife des Getreides und mit ihnen die der
Pachtungen gingen zwar ftark in die Höhe, aber e$ wurde auch eine außer:
orbentlihe Menge wlfter Acker Landes in Anbau genommen. Als der
Friede eintrat, fah der politifdh mächtige, vom Bodenanbau lebende Theil der
BevstFerung feine Inkereffen in ftärkfter Weife durch die auständifche Eins
fuhr bedroht; die firenge Kornbil vom Iahre 1815 fehlte durch Prohibis
tiomaßregeln die Ackerbauintereffen gegen die Concurrenz der feftländifchen
BSetreideeinfuhr. Aber gleichzeitig Überfhwemmte die in den lebten Kriegs
jahren in Enaland anaehäufte Maffe der Indufkrieproducte die Märkte des

;

Ich verweife über diefen Punkt auf die meifterhaften Skizzen, weldhe Leo
pold Nanfke in feiner Hiftorifch-politifchen Zeitfhrift geliefert hat,
12%
        <pb n="205" />
        196

Sontinentes und die unter dem Fünftlihen, aber Eriegsffarken Schube der
Sontinentalfperre hervorgetretenen induftriellen Etabliffements fchienen durch
die Concurrenz Englands einem ficheren Untergange geweiht; an die. Stelle
der Invafion franzöfifcher Heere trat die fiegreiche Ynvafion englifcher Fabrifmaaren,
 der Streitfräfte für eine gewerbliche Univerfalmonarchie. Frankreich
beharrte bei feinen Prohibitivumaßregeln, andere Staaten, wie Holland, fuch:
ten ihre, dem freien Verkehr widerfagenden Maßregeln zu fhärfen, nirgends
empfand man den Umfehmwung fchwerer, als in dem zerriffenen Deutfchland,
welchem die Einheit des Zollgebietes wie der Zolpolitit fehlte; ja, wo noch
die HufmerEfamteit der Staatsgewalten für nationaldlonomifche Fragen zu
gewinnen war, Und aud) das Wenige, was der neunzehnte Artikel der neuen
Bundesacte verfprach, nicht in Erfüllung gebracht wurde. Nun muß man
fich vergegentuärtigen, wie lebhaft und ftark, mit welcher Berechtigung und
in welcher neuen Beftalt im Vergleich zu den Zeiten der mercantiliftifchen
Monopole: und Privilegien Producentenintereffen hervortraten. Adam
Smith hatte immer das Intereffe der Confumenten im Auge gehabt, nach
ibm beurtheilte er die Thätigkeit und die Wünfche der Producenten in den
verfchiedenen wirthfchaftlichen Thätigleitskreifen, er wollte alle Borrechte und
Monopole von Einzelnen oder corporirten Sefellfchaften zu Sunften einer
gleichen. Berechtigung der Arbeitskräfte aller Einzelnen befeitigt wiffen —
im Mebrigen fchob er unbefümmert den Producenten felbft Gelingen wie
Mißlingen der Sfonomifchen Anftrengungen in’s Sewiffen 1), Durch jene
Yeberfchwemmung Deutfchlands mit englifchen Indufkriewaaren nach Befeiz
tigung der Continentalfperre wurden nicht mehr die Intereffen einzelner, vor
anderen Einheimifchen bevorrechtigter Semerbetreibenden bedroht, fondern e8
handelte fich jeßt um das Intereffe der indufkriellen Arbeit überhaupt, des
gefammten Standes der Sermerbetreibenden. Die durch die Concurrenz Eng:
‚ands bedrohte Fabrikation war zwar auf einem Fünftlichen Boden erwachfen,
aber in Folge einer Conftellation Sffentliher Berhältniffe, durch Mafregeln
bes SGemeinwefens und zwar folche, welche eben Prohibitionsmaßreaeln aegen

Daß für Ubam Smith das eigennübige Producentenintereffe des einzelnen
Sewerbetreibenden und felbft des Kaufmanns nicht mit dem Intereffe der
Sonfumenten zufammenfällt, ift oben nachgewiefen; man val. nur I, 10, 2
oder das 11. Capitel gegen den Schluß hin. IV, 8: Die Confumtion if
ber einzige Zmwecd aller Production, und die Intereffen der Producenten fol:
ten nur infoweit Berückfichtigung finden, als es zur Förderung des Bons
[umtionsintereffe® nöthig ift. Buch IH, 4 fagt Smith: es ift durchaus
nit nöthig, die Zahl (der Heinen Handelsieute) zu befhränken, da fie bei
ber größten Vermehrung dem YPublicum nicht (haden Fönnen, obwohl fie
Freilich unter einander fi wohl Schaden zufügen. — — Ihre Concurrenz
wird vielleicht Einige unter ihnen zu Grunde richten, aber has ift ihre eis
zene Sorge und Fann ihnen getroft überlaffen werden.
        <pb n="206" />
        197

bie Concurrenz der Engländer waren, Arts die preufifche Megierung (nach
drei vorbereitenden Verordnungen) durch ihre handelspolitifche Gefekgebung
von 1818 zunächft mit einer einzigen und gemeinfamen Bollgrenze die
färmtlichen Provinzen des Landes umfchloffen hatte, dann aber, aufnehmend
die vom Bundestag weggerwwiefene Aufgabe, einen deutihen Zollverein zu bes
gründen unternahm, hielt fie in dem aufgeftellten Zolltarif zwar einen mäs
Bigen Schuß, wo er für einzelne Setverbe nothwendig erfhien, feft, fie gab
jedoch noch zu erkennen, daß die Principien der gegenfeitigen VWerkehrsfreiheit
zwifchen den Nationen die leitenden Grundgedanken ihrer Handelspolitik fein
würden. Aber der neue Zollverein wurde durch die räumlichen Berhältniffe
mehr und mehr in die Bahnen der Schußzollpolitif gedrängt, denn er um»
fchloß vorzugstveife gemwerbethätige Länder Deutfchlands, während fih die
nördlichen Handelsftaaten von ihm entfernt hielten. Hätte Deutfehland
gleich von 1815 an nur ein Handelsgebiet gebildet, fo würde es au —
weil die verfchiedenen Intereffen zum Zufammenwirken hätten zufammentres
ten müffen — eine einheitliche Entwicklung feiner SEonomifchen Politik aus:
gebildet Haben; fo aber fand der Gegenfag der, Intereffen in der Scheidung
der Verritorien einen freien Raum zur Entfaltung einer {pröden SinfeitigFeit
und confequenten Mücfichtslofigkeit auf die eine Hälfte des lange ungefchies
denen dritten Standes. Es ward wiederholt erwähnt, fchon durch die Yhnyffofraten,
 entfehiedener noch durch Adam Smith war das Intereffe der
Confumenten zur entfcheidenden Norm für Lehre und Praxis erhoben wots
den; der Legtere hatte daneben durch feine Nachweife gegen die Privilegien
und Monopole Einzelner oder einzelner Corporationen die Freiheit und Gleich:
heit der Berechtigung Aller zur Theilnahme an dem Segen der Arbeit, der
Gewerbe und des Handels Fargeftellt. Nachdem der Sieg des dritten. Stanz
des eingetreten, legte fih das „YProducentenintereffe der Tactoren_deffelhen, der
BServerbetreibendben und der Handelsleute auseinander. And die Continental:
(pette brachte diefen Segenfag in das allgemeine Bewußtfein der Intereffenfen;
 et mußte, nachdem Hün einmal im Inneren der Ränder felbft die Berz
Eehröfveiheit ebenfo wie die gleihe Berechtigung aller einzelnen Arbeitsfräfte
außer Zweifel geftellt fhien, auf dem BSebiete des internationalen Verkehrs
zum Ausdruck gelangen.
8 bedarf wohl Kaum der Bemerkung, daß in den vorftehenden Nach»
weifen über die BVerhältniffe des thatfächlichen Lebens die anregenden Ele
mente für die Theorie Friedrich Lift und die des unbedingten Freihanz
dels gegeben find. Lift, der in dem indufkriellen Süddentfchland hervortres
tende Theoretiker, wendet fein Augenmerk von der Confumtion ab und auf
die Production hin, er fritt für die eine Hälfte des fiegreichen dritten Stanz
des, für die Gerwerbetreibenden als Producenten, in die Schranken, Befeitis
gung des Druckes einer indufkriellen Kremdherrfhaft ift ihm bie erfte, man
        <pb n="207" />
        198

möchte faft fagen, auch bie [e6te Bedingung für die Bilüthe der nationalen,
einheimifchen Semerbsarheit. Wie weit er ausholt, nach wie vielen Seiten
hin er zu begründen fucht, das Verhältnif der Nation zur Nation, der inter:
nationale Verkehr, wird ihm immer wieder zum Mittelpunkt aller Erörtes
rungen, Befreiung der nationalen Setverbsarbeit von der Fremdherrfchaft
der englifchen Indufkrie, Sicherung des nationalen Marktes für die natio:
nale Severbsarbeit, ift das ftet$ wieder in den mannigfaltig{ten Variationen
herbortretende Thema; 68 erfüllt ihn fo fehr, daß er fich auch den einfachften
und nächftliegenden Schluffolgerungen feiner Theorie auf den Kreis der binnen:
Kändifhen Berhältniffe gegenüber in voller Naivetät erhält. Xdam Smith
hatte unumtwunden zugeflanden, daß das perfönliche Producentenintereffe des
zinzelnen Gewerbetreibenden durch Monopole, Privilegien, durch jede Behins
berung der Concurrenz Anderer gefördert werde. Die gleiche Berechtigung
aller, in dem von einer einheitlichen Zollgrenze umfcehloffenen Binnentande
ich herandrängenden Arbeitskräfte war anerfannt; fo wurde die Behinde:
sung der Concurrenz zum Vortheil eines ganzen, aber auch nur eines Ars
deitsftandes von der Landesgrenze aus gegen das Ausland bin in Geltung
zw bringen gefucht. Wir wiffen von Lift felbft, wie ihm die Conftellatios
nen und Erfahrungen des Lebens, in welchem er (fand und um fih fehaute,
ie Ausgangspunkte für feine theoretifchen Unterfuchungen und Refultate
abgegeben Haben. Ausgehend von den nach den Erfahrungen der Indus
(riellen feiner Zeit bewährt gefundenen Schukzollmafregeln, durchforfchte er
ie Gefchichte der Völker nach Beweifen , immer in einer Richtung fuchend
and zufammenffellend; von biefem Pröjudiz aus entwarf et die Theorie der
ProdüictivFräfte Im” Gegenfag »zur Theorie der Taufhwerthe«. Die lebyafte
 Begeifterung für die politifhe Einheit und Selbftftändigkeit Deutfhs
lands, durch weiche Lift fidh unter den gleichgefinnten Zeitgenoffen hervorz
hob, erhielt in feinem Streben, die induftrielle Einheit und Selbfiftändigkeit
des Vaterlandes zu verwirklichen, ihren Sfonomifchen Yusdruck, für fein
ganzes Syftem fuchte er einen fpecififch = nationalen Charakter nachzuweifen.
Während ihn feine Beftrebungen für die Mitwirkung des Bolkes in der
Entfeheidung der politifcken Fragen aus den Bahnen der gewöhnlichen Maß
haltigfeit hinausdrängten, if auch ficherlich vieles Schiefe, Unbemwiefene und
Halfche in feinen SEonomifchen Ausführungen dem Umftand zuzufchreiben, daf
er vor allem Anderen die Mitwirkung des Volkes felbft an den Fragen der
Handelspolitit herbeizuführen fuchte. In dem Zollverein war ein größeres
zinheitliches HandelSgebiet in Deutfehland hergeftellt; Lift wuchs mit diefer
Schöpfung des Lebens fo eng verbunden empor, daß man ihn wohl den
Lheoretiker des Zollvereing nennen Fonnte, Wihrend X. Smith’s Hans
delspolitif die für jeglidhen Wettfireit mit dem Ausland ftarke und fieges:
yuverfichtlidhe englifche Induftkrie zum Untergrunde ihrer VBorausfegungen
        <pb n="208" />
        199

hatte, lebt und webt Lift’s Theorie des internationalen Handels in dem
Horizonte der deutfchen Gemerbsarbeit, weiche nur erft den nationalen Markt
für die nationale Arbeit zu gewinnen oder zu behaupten fuchte, ;
E8 ift fhon erwähnt worden, nachdem einmal der dritte Stand im
Ganzen durch die SFonomifhe Theorie und Praxis den Sieg über feine few»
dalen Gegner errungen Hatte und die wirthfhaftlidhe Hauptkraft deffelben,
der bewegliche Befis, die Formen des mittelalterlichen Güterlebens gefprengt,
auch den Grundbefig in beweglihes Gut verwandelt Hatte, traten bald die
Sntereffen der beiden Hauptfactoren deffelben in den Fragen der modernen
Zollpolitik auseinander und in Gegenfag. Den Beftrebungen der Snduftriellen
nad) Schugzöllen und Hemmniffen der freien Concurrenz des Yuslandes
mit der inländifchen Arbeit gegenüber ftellte der Berkehröftand das Freihans
belsprincip auf. Sicherlig im wohlverffandenen Eigenintereffe , und wie
gewiß e8 auch ift, daß fehr viele Vertreter des undedingten Freihandel8s
foftemes das Wohl des Sanzen im Auge haben, das ift nicht minder ficher,
daß, je vückfichtslofer der Verkehröftand von materiellem Egoismus geleitet
wird, um fo gewiffer erreicht er fein Biel, wenn er unbedingte Freiheit des
Handels und Wandels verlangt. Die eigentlichen Kaufleute — id meine
nicht folche, die Verkäufer ihrer eigenen Producte find — hatten diefes eben
fo gut aus den Erfahrungen des Lebens herausgefühlt, alg die Gemerbetreiz
henden die Förderung ihrer Eigenintereffen durch Schubszölle, In Frank
reich, Spanien, Deutfhland u. f. w. find e&amp;amp;$ namentlich die Seeftädte ges
mwefen, welche eine Freihandelspartei organifirten und den fchugzöllnerifchen
Beftrebungen der Indufiriellen entgegentraten, Sn Deutfchland ingbefondere
irat dem indufkriellen Territorium des Zollvereins das Territorium des
Steuervereing mit feinen mehr ländlichen und mercantilen Fntereffen, die
Einwohnerfchaft der Hanfeftädte mit ihrem vorwiegend Faufmännifchen Er.
werbszweigen entgegen. In England, wo fhon an fich der für dem freien
Ringkampf fiegsgewilfe Gewerbeftand (ich mehr für das Wegfallen oder die
Verhinderung des NMetorfionsfhubes der Indufkrie in anderen Ländern und
für die Meciprocität des freien Verkehres als für die Aufrechthaltung der
Behinderungsmaßregeln gegen die ausiändifhe Concurrenz Intereffiven Fonnte,
erhob der gefammte dritte Stand um fo entfchiedener die Fahne des Freis
Handels, als dort die Marimen des Schuefyftemes ganz befonders audh zu
Sunften der Bodenproduction, und zwar in einer die gewerbliche und die
Faufmännifche Arbeit empfindlich drückenden Stärke zur Geltung gelangt
waren. Ale Fntereffen wurden aufgeregt und der Segenfaß zwifchen Freiz
Händlern und Protectioniften überragte bald an Bedeutung alle Älteren Parteiunter[chiede
 von politifcher Färbung. Sm Anfchluß an diefe im Leben
hervorgetretenen Intereffen, vielfältig unmittelbar von ihnen angeregt, faft
Herbeigensthiat durch den einfachen großen SegenfaB für die Nichtung der
        <pb n="209" />
        200

BoNpnlitit in ihrer modernen Seftalt, Hat fich das Syftem des Freihandels
auferbaut; gerade durch die Schriften, welche unmittelbar aus den Freihanz
beis = Vereinen herborgingen, ft e8$ am fchärfften ausgebildet, in die lebten
Bonfequenzen verfolgt worden. Diefe Theorie Ht fo neu wie die Erfcheinungs
gen bes Lebens, aus denen fie hervorgewachfen ift. Man Kann höchftens
Tagen, daß das undedingte Freihandelsfuftem fich an die Lehren der Yhyfios
raten und des AU. Smith anlehne. Wierwohl man früher fehon häufig
Angefehen hat, daß alle Berkehrsbefhränkungen im Binnenlande dem Ge:
meinwohle zum Nachtheile gereichen; wiewohl man vielleicht niemals bes
jtveifelt hat, daß die Hemmniffe für die Handelsthätigkeit des einbeimifchen
Kaufmannes mit dem Yustande die Unffrengungen und die Intereffen des
Anheimifhen Berkehröftandes drückten — der Grundfaß, daß nur durch die
gegenfeitige vollftändige Handelsfreiheit das Producenten: und das Confuz
menten = Intereffe aller Ermwerb&amp;amp;: und Productionszweige des Inlandes am
beften gefördert werde und auch jede Behinderung des Verkehres des aus:
wärtigen Handelsftandes mit dem Inlande gerade diefem Inlande zum
Nachtheile gereiche — bdiefer Grundfab ft erft in der neueften Zeit zum
Mittelpunkte eines mit Schärfe durchgebildeten nationalsfonomifchen Syftes
mes gemacht morden. Die Freihandelstheorie der Phyfiokraten war haupt:
fächlich nur eine polemifche Deduction gegen die Nüblichkeit jeglichen YAufs
mandes und aller Mühe für die Förderung ‚fecundärer, abgeleiteter Güter:
quellen. Sfeichwobhl ftimmen fie mehr zu der fpäteren FreihHandelstheorie 1)
a8 Adam Smith, auf welchen diefelbe gewöhnlich zurückgeführt wird
dam Smith hat in feinen Ausführungen zu Sunften des freien Vers
Eehres die das freie Mittwerben aller Einheimifhen ausfchliefenden Handels:
privilegien und Monopole Einzelner oder von Sefellfchaften vorzugstveife im
Auge, feine Sefichtsweite wird im Wefentlichen an diefer Stelle durch den
Segenfaß zur mercantiliftifchen Theorie und Praxis beffimmt. Wie er
hberhaupt. gerabezu in manchen Fällen BefhHränkungen des freien Verkehrs
ud) aus öfonomifchen Sründen — und foldhe Fälle Fönnen hier allein in
Erwähnung Fomenen — für zuläffig und heitfam erklärt 2), fo kann man

y

Sin intereffantes Yetenftüct über diefe Verbindung ift noch in den lebt:
verfloffenen Jahren geliefert worden. DVergl. die fhon ermähnte Schrift
Sarl Urnd’8.
Man vergl. IV, 8 die Bemerkungen über die Wollausfuhrverbote, welche
er mit den Worten fchlielßt, »diefe Betrachtungen Fönnen Iindeffen das völ:
lige Verbot der Wollausfuhr nicht rechtfertigen, fie rechtfertigen nır eine
tarfe Abgabe auf diefelbe,« womit man die unbdillige Verückfichtigung des
Sonfumentenintereffes vergleichen Fann: I, 11, 3: Ale Maßregeln, welche
bewirken, daß der Preis der Wolle oder der rohen Häute niedriger ftebt,
als er ohne fie ftehben würde, müffen in einem cultivirten und vorgefchritte:
        <pb n="210" />
        201

inzelnen Sägen, welche dem Wortlaute nach mit den Kormeln der
foftematifdy entwickelten. Freihandelstheorie Üübereinftimmen, doch fo viele
andere ihr beftimmt widerfprechende gegenüberftellen, daß man wenigffens
das mit Sicherheit annehmen Fannr, e8 fei ihm die fpäter hervorgetretene
Sfonomifche Syftematik zum Nachweis der Heilfamkeit des unbedingt freien
Berkehrs fremd geblieben. Für eine Theorie ‚der Übfabtvege, wie fie 3. 3.
S, B. Say aufgeftellt hat, findet (ich Kaum eine Andeutung !). Um wahrzunehmen,
 daß A. Smith dem Mittelpunkte der fpäteren freihändlerifchen
Theorie fogar feindlich gegenüberfteht, dazu bedarf es bloß einer Einficht in
jene Stellen, wo er gerade dem Faufmännifhen Verkehre mit dem Auss
(ande ein befonderes Sntereffe zufhreibt, welches dem allgemeinen Intereffe,
dem Intereffe der Confumenten, entgegengefeht fei! Noch U. Smith
fchlägt den internationalen Verkehr verhältnismäßig — gegen die fpätere
Beit — fehr aerina an 2); man fieht: erft nach der unendlichen Steigerung

nen Lande den Vreis des Schlachtviehes erhöhen — ganz anders wäre jez
doch die Sache in einem uncultivirten Lande — — da man dort fortfahren
würde, die gleiche Zahl Vieh aufzuziehen u. f. w. Sine fehr bemerkenss
werthe Stelle (II, 2) zeigt den Schotten auch hier nicht im vollen Sinklang
mit der ftrengen englifdhen Schule, für welche die Art der Confumtion feinen
Unterfuchungsgegenftand abgiebt: »Wenn (fobald Gold und Silber durch
Papiergeld erfebt wird) das überflüffige Metall in’s Ausland geht, um
Süter zu Kaufen, von denen fi annehmen läßt, daß fie von müßigen Leutz
ten, die nichts produciren, confumirt werden, 3. B. fremde Weine, fremde
Beide 1t. f. w. — — fo befördert diefe Verwendung die Berfhwendung,
vermehrt den Yufmand und die Confumtion, ohne die Production zw vers
größern ober einen bauernden Fonds zur Aufrechthaltung jenes Yufmandes
Herzuftellen, und ift für die Sefellfchaft in jeder Beziehung fhädlich.« Tem:
poräre Verkehröbefchränkungen (MRetorfions6zölle zur Wiederherftellung der
Handelsfreiheit; RückfichtnahHme auf die unter dem Schuße von 3Zöllen au8:
gebildeten Indufkriezweige) und Eingangsabgaben von Segenftänden, welche,
fofern fie im Intande erzeugt find, befteuert werden — finden fid) IV, 2
befürwortet. Auf Berkehrsbefhränkungen aus nicht öFonomifhen Sründen
werden wir noch zurückkommen. Aus der großen Menge der entfeheidenden
Stellen, in denen der Gegenfaß zwifdhen dem Öffentlichen Intereffe und dem
des Handelöftandes hervorgehoben wird, find fhon früher mehrere mitges
theilt worden. Dazu nehme man etwa nur noch II, 7, 3, no Smith eine
von Kaufleuten geleitete NMegierung befpridht.
So IV, 7, 3: »E8 find fogar die Maßregeln, durch welche jede Nation
jidy den ausfchließlidjen Handel mit ihren Solonieen zu verfichern fucht, oft
dem Lande, zu deffen SGunften fie angeordnet werden, fchädlicher als dens
jenigen Ländern, zu deren Machtheil fie ergriffen wurben.«
Bergl. 3. B. IM, 5: »Nüchft dem Ackerbau bringt das in Manufacturen
angelegte Capital die größte Nuantität productiver Urbeit in Sang und
Teßt dem jährlichen MYroductke den größten Werth zu. Unter allen dreien
        <pb n="211" />
        202

deß Verkehrs auf Straßen, Candlen, Eifenbahnen, erft nachdem der Verkehr
felbft — man möchte fagen in die Neihe der nothwendigen Lebensmittel aufs
genommen und der allgemeine Verbrauch an der Befriedigung des Verkehrs:
bedürfniffes betheiligt war, Fonnte fi die Theorie der unbedingten Verkehrs:
freiheit, d. D. das Syftem für die Intereffen des Handelsftandes zum Mit:
tetpunfte und SGrundariome der ganzen Volkswirthfchaft machen, dergeftalt,
bafß e8 gar nicht mehr als ein Ergebnif der Beweisführung von der Dis:
euffion abhängig gemacht wird, fondern der Ausgangspunkt, das eredo für
diefelbe ift,
Wie das Schubzolfpflem und das SFreihandelsfyffem im Anfhluß an
ganz verfchiedbene Intereffen hervortraten, jenes für die induftrielle Arbeit,
biefes für die Thätigleit des Verkehrsftandes, fo nehmen fie auch Immer
ihren Rückhalt an den entgegengefebten Triebkräften, von denen unfere Zeit
bewegt wird. Wie ein: Hie Welf — Hie Waiblingen wird der Segen
eines$ Lebensvollen Nationalbewußtfeing dem Segen eines Fosmopolitifchen
Humanismus gegenübergeftellt, die Stärke und Gemeinnügigkeit der Ses
fammtFraft allgemeiner Staatsgewalten der immer verftändigen und rührigen
Urbeitsfraft des den eigenen Vortheil verfolgenden Einzelnen entgegengefest;
die nationale Macht und UnabhängigFeit der individuellen Freiheit und Selbfka
fändigkeit, der Lockende Preis der Zukunft dem ficheren Bortheil in der
Segentvart, die Sorge für producirende Kräfte dem Intereffe für die Conz
fumenten, die Zweckbeftimmung durch den menfehlidhen Willen der Noth»
mendigFeit phyfifcher Sefebe, politifche Güter Eonomifchen Vortheilen u. f. wo.
uw, f. w®. — und doch Fann es auch als ein ehrenvolles Zeugnif für die ftreiz
tenden Parteien angefehen werden, daß man troß der Verfchiedenheit der
Borausfegungen und Uusgangspunkte, der Beweisführung und des erftrebten
Zieles doch noch gegenfeitig an eine Verftändlichkeit der Logik und an die
Möglichkeit eines überführenden Endbeweifes ftärker glaubt als an die gegen:
feitige EinfeitigFeit in der Schlußfolgerung und die gegenfeitige Berechtigung
nach den Präjudicien, die Nothmwendigkeit der Synthefe und die Unverftäns
bigFeit der abfoluten Entfcheidung.
Sleichwie man fi jedoch in dem praktifhen Leben der Gegenwart
durch TIransactionen und gleichzeitige NkcEjichtnahme auf die gegenübers
geftellten Forderungen zurechtfeßen muß, fo ift auch die Theorie zum Theil
menigftens und namentlich in Deutfchland auf dem Wege, Synthefen aufs
jufuchen, die Cinfeitigkeit der fchroffen Forderungen des Schubzollfyftemes

aber hat dasjenige, welches in den Ausfuhrhandel geftekt wird, am wenigs
(ten diefe Wirkung,« wie denn auch fonft öfter die Bedeutung des augmwärs
tigen Verkehrs viel geringer als Heutzutage angefhlagen wird. Ob in dem:
[elben einhHeimifhes oder ausländifhes Capital thätig ift, halt Smith für
ganz gleichgiltig.« IL, 1.
        <pb n="212" />
        203

wie des Syftemes abfoluter BVerkehröfreiheit nachzuweifen, in eine nach bei:
ben Seiten hin ausfheidende, von beiden Seiten her aufnehmende und zus
fammenfalfende Mitte einzutreten, und an diefer Stelle für die Entfheiduns
gen der Volkswirthfchaftslehre wie für die Normen der Volkswirth(haftss
politi£ auf den Charakter des AUbfoluten zu verzichten. Dahin mögen eben:
forwohl die troß aller theoretifchen Beweife von diefer und jener Seite unver»
föhnlich fich gegenüberftehenden Forderungen der betheiligten Parteien im
Leben geleitet haben, als der Umftand, daß zu gleicher Zeit, als neben
dem SGrundfase der Bewegung: MNMechtfertigung alles Seienden und Ueber:
Fommenen vor der — in ihrer Beweisführung wie in ihren Urtheilen fich
ftetig fortbildenden — Vernunft, die intellectuelle Begründung der gefchicht:
lichen Autorität, der Berechtigung des im Leben thatfächlih Erhaltenen oder
zur machtvollen Wirkung Selangten, auf allen Gebieten zur Anerkennung
gebracht morden war, in diefer Fritifch reflectirenden Zeit die dem Schußzolls
und dem Freihandels:Syfteme zu Srunde liegenden Anfhauungen über das
für die SEonomifchen Verhältniffe der ftaatlihen Sefellfchaften Heilfame oder
MNothwendige folgerichtig auf ein viel weiteres Gebiet hinausgeführt und
ebendadurch weit größere SGegenfäke hervorgerufen waren, deren beiderfeitige
Forderungen die nach dem Semeinwohl Aller und nach einheitlicher Werz
(öhnung der Intereffen ffrebende Theorie und Praris weit ftärker als alles
Uebrige von einfeitigen Sefichtspunkten und partiellen Wahrheiten abs
Mmabhnten, In dem Syfteme der Schubzölle für die inländifche Setwerbs:
arbeit gegen die fiegreiche Concurrenz des Auslandes wie in dem Syfteme
der unbedingten Freiheit für den Internationalen Verkehr find Principien,
welche über alle Kreife des SGüterlebens in Anwendung gebracht werden
Fönnen, nur für eine einzelne Stelle hervorgehoben; e8$ erhielt nur eine fpes
cielle Ausführung für die Internationalen Verkehrsverhältnife ein an
fich ganz allgemeiner Grundfag, dort: Bollftändige Freiheit der Aetion und
Bewegung für jedes Individuum mit feiner SEonomifchen Kraft, und hier
ber andere: Schuß des Schwächeren gegen den Stärkeren, gefeblihes Eins
greifen in bie Production und Bertheilung der Güter; ja man Fönnte fagen
dort: Action und SelbffverantwortlichFeit des Individuums, und hier: Action
und Verbindlichkeit der nationasen Sefammtheit. Die Theorie, welche die
breiteren Fundamente und die erweiterten Tolgerungen fefkgeftellt, hat fich
gleichfallg im Anfehluß an mächtige Erfcheinungen des wirklichen Lebens
ausgebildet, die confequenten Ertreme im Anfchluß an die weiteften Gegen:
[äße der SFonomifchen Parteien.
Denn es hat (ich Fein Segenfaß unter den Sliedern derfelben bürgers
lichen Sefellfchaften fo fhroff herausgebildet als der zwifchen Reichen und
Aemen, zwifhen dem Capital und der Handarbeit, der Zinsrente und dem
Taagelohne, zwifchen der oberften und der unterfien Schicht des Smith’s
        <pb n="213" />
        204

jhen und 1789er dritten Standes, nach dem heutigen Sprachgebrauche:
swoifchen der hohen Bourgeoifie, der Bankokratie und dem vierten Stande,
Es ift überflüffig, eine Allen wohlbekannte Erfcheinung des Lebens in der
Segenmwart weiter zu hHarakterifiren; beide Schichten der Sefelllhaft haben
fi im Berwußtfein, daß es fi zwifhen ihnen um die fhrofffte und fhärffte
Seftaltung der aus und gegen einander ftrebenden Srundtriebe in dem dos
20mifchen Leben der modernen Staaten handelt, wiederholt für die gegen:
feitige Bekämpfung felbft mit den bewährten und grundfäglichen Gegnern
des dritten Standes insgemein in Verbindung zu feßen gefucht. Die mitt:
leren Schichten des dritten Standes, welche Capital und perfönliche Arbeitss
Praft zugleich in Bewegung fegen müffen, haben ebendeshalb mit jeder jener
mtgegengefeßten Schichten einige Intereffen gemein. Ne mehr in ihrer
mirthfchaftlichen Thätigkeit die Capitalkraft in den Vordergrund tritt, um fo
mehr treten ihre Intereffen den entfchiedenen Forderungen der Capitalbefiker
jur Seite; ebenfo drängt das Borwiegen der vom Capital bedrängten Arbeits:
Eraft zu den fcharfen Schuktariffägen, welche der vierte Stand für die Hand:
arbeit gegen das Capital aufftellt. In Folge diefes Unterfchiedes fondert {ich
Anestheilg wieder der Verkehrsftand einigermaßen von dem Stande der in
dutftriellen Arbeit, anderentheils aber auch weiterhin das große und das Heine
Faufmännifche Capital, der Gerwverbsunternehmer und der Handwerker, der
Berwerbsunternehmer in capitalreidhen und der in capitalärmeren Ländern
4. f. m. — immer _ftrebt das Capital nach der Freiheit hin, die.durch es bes
rohte AUrbeitsEraft nach dem Schuße einer »Orbnung von oben«.
Sm Unfehluß an das Intereffe des Capitale8 hat fich das Syftem des
unbedingten und allgemeinen Sehen: und Machen = Laffens der wirthfhafts
lichen Kräfte, der Forderungen des laissez faire et Inissez passer, der
durchgreifendben Nichteinmifchung der Stanatsgemwalt in das Sfonomifche Ge:
triebe der von allen Hemmniffen befreiten Individuen ausgebildet, Al$ Iheorie
zu Sunften der perfönlichen Arbeitskraft, insbefondere der Eörperlichen Arbeit,
al8$ Theorie des vierten Standes if der Socialismus aufgetreten. Sleichwie
ich bei der einzelnen wirthfchaftlichen Unternehmung im umgekehrten. Ver:
hältniffe die Höhe und Tiefe des Arbeitslohnes und des Capitalgewinnes zu
jenfen und zu heben pflegt, fo bewegen fich die Grundprincipien und, die
zinzelnen Süße beider Syfteme in diametralen Gegenfägen und contradictos
eifchen Widerfprüchen. Auf der einen Seite wird jede pofitive Thätigkeit
der Stantsgewalt zurücgetwiefen, die Freiheit der individuellen Thätigkeit
vorangeftellt, auf die unabmwendbare und vernünftige Wirkung der an allen
Stellen, in allen Erfheinungen wirkfamen Naturgefehe vertiefen, das Caz
pital zur centralen Springfeder wirthfchaftlicher Automaten, das fummari(he
Befammtergebniß der Production zum einzigen Prüfftein. der Wahrheit ges
macht; überall hat man die Sachen im Auge, erklärt e8 für mahr und be:
        <pb n="214" />
        205

rechtigt zugleich, daß jeder Einzelne inftinctmäßig feinen materiellen Vortheil
verfolge, ftellt das Sefchiet des Menfehen unter das Fatum, feine Anfprüche
unter die Freiheit feines Willens und die Tragweite feiner Kräfte — der
confequente, foftematifch ausgebildete Socialismus befchtwört die allgemeine
Staatsgewalt zu jeder Stelle herbei —, ertwartet Alles von der Affociation der
Kräfte und felbft des Verzehrs, hebt die Freiheit des Individuums vollftäns
dig auf, läßt Alles von dem Willen des Menfehen abhängig erfheinen,
macht die perfönliche Arbeit, wohl gar nur die Förperliche, zur Grundbedin:
gung der Production und der Theilnahme am Verzehr, hat nur den Mens
fen im Auge, fieht vorab auf die Confumtion, glaubt an die Unwirffams
Beit der felbftliebigen Triebe und an die Allgemeinheit der Aufopferungsfreude,
mächt die Gefammtheit verantwortlich für das Loos des Einzelnen, wie er
fie verpflichtet hält zur gewünfchten Unterfiüßung der individuellen Krafte
anfirengungen ıt, f. w@. Wird auf der einen Seite die Sefelfhaft atomifirt,”
um das Individuum ganz frei zu machen, fo wird auf der anderen Seite‘
das Fndividuum entfeelt, um aus der unterfchiedslofen Maffe die materielle
Noch zu entfernen, dort will man die Freiheit des Einzelnen audh als FJauftrecht
 des Stärkeren, hier die Ordnung auch als Stagnation und Zod. Segen
die »Ausbeutung des Schwachen durch den Starken« erhebt fich die »YAusbeus
tung des Starken durch den Schwachen«. Dort hat man auch ein altherz
gebrachtes Eingreifen der Staatsgewalt in den Sang der S£onomifcdhen Pris
vatthätigFeiten als den » Anfang des communiftifchen Raubes« gebrand»
marEt, bier wollte man fogar die verfchiedene natürliche Begabung des Men:
{chen als die erfte Wurzel des ungleichen Befiges durch eine entgegengefeßt
verfchiedene Erziehung ausgeglichen fehen ; während man dort, um die Cul:
tur überhaupt vor drohenden Angriffen zu fhirmen, eine Freiheit auf dem
SEonomifchen Sebiete zu retten fuchte, wie fie auf Feinem Gebiete menfchsichen
 Thung jemals in einem fkaatlihen Gemeinwefen befanden Hat, giebt
man bier, um die Leibesnahrung Allen zu garantiren, alle Güter des menfchz
lichen und ftaatlichen Lebens willig preis; zu fo extremen Folgerungen von
sinem Gedanken aus treibt hier wie dort die Beforgniß vor den Folgerungen
des Gegners, während in dem Leben felbft der »entmenfhte Staat« in mannigfaltigfter
 Weife den Armen und Schwachen von feiner Geburt bis zu
feinem Tode in Findel= und Waifenhäufern, durch Sparcaffen und Credits
anftalten u. f. w. fhirmt und ftüßt und der Einzelne gegen die Ordnung
der Knechtfchaft Leib und Leben in die Schanze fhlägt. Erfdheint in dem
Spfteme der unbedingten Freiheit der SEonomifchen Privatthätigkeiten und
der allwaltenden Naturnothmwendigkeit ein getreues Abbild des vernüchterten
geiftigen SefichtsFreifes, der privaten und öffentlichen Strebungen, des ges
bildeten Sinnes und der Herzenshärte der großen Mehrzahl der unter uns
lebenden »Geldleute«, fo fpiegelt der Socialismus in der. Mannigfaltiag Feit
        <pb n="215" />
        z08

hl

feiner Formen naturgetreu alle Friebe und Leidenfhaften des modernen
Proletariers ab, fein phyfifches und geifkiges Leben von den befferen Schatz
lirungen an bis zur untermenfchlichen Mohheit und eifenfeften Dummbeit
herab. Wie der Proletarier mit feinem ftärkften Haffe die Geldariftokratie ver:
folgt, fo wenbet fich die foctaliftifche Theorie in erfter Linie gegen die bekann:
teften Urfprungsquellen derfelben (Papierhandel, Großhandel, Unternehmungs:
gewinn u, f, w.), aber fie hat fich auch gleich der minder auffälligen Naivetät
des Handarbeiter8 gegen den Gebrauch des Seldes, gegen die Thätigkeit des
Handels erhoben und Alles für nichts erachtet, was nicht in dem Magen
berdaut werden Fann. VBerftändig und confequent, wie ein Mann, der
glaubt, durch ausdauerndes Einfchöpfen ein Sieb zu füllen, glaubte fie eine
Sfonomifche Organifation der Sefellfichaft auf ihrem Ariom zu gewinnen,
indem fie den individuellen Willen, die Seldftliebe, die menfchlichen Triebe
und Bedürfniffe, die Familien, das Eigenthum, die Bewegung und Ents
wicklung menfchlicher Verbände, die natürlichen Unterfchiede der Menfchen
und der Sefchlechter, fammt denen der Territorien für abgefchafft erklärte.

Es Lanır nicht Wunder nehmen, daß die verfchiedenen, feit X, Smith
herborgetretenen volfswirthfchaftlidhen Syfteme fich fo eng an die in dem Leben
Hhätigen, zum Theil einander fhroff entgegengefeßten Intereffen der einzelnen
Erwerbsarten. angefehloffen haben, Dap auch auf dem Sebiete der Skono:
mifchen Dinge das Semeinwohl zu verwirklichen SBeftimmung und Aufgabe
alle8 menfchlichen Denkens und Ihuns im Semeinwefen fei, if eigentlich
immer unbeffritten geblieben, theils ausdrücklich befürwortet, theil® als fich
von felbft verffehend angenommen worden. So lange und wo vorausgefebt
wird, daß in den wirthfchaftlichen Thätigleiten,, Obwohl fie aus einer Vers
bindung von Matur= und Menfchenkräften hervorgehen, nur natüurnothwens
dige Sefeße zum VBorfchein kommen, alfo aucd) der Menfch ettva von dem
durchaus unlenkamen und undezwingbaren Inftinet des Eigennubses ganz
beherrfcht werde, ftellt fich die politifhe Dekonomie nur wie ein Theil der
Maturgefchichte dar, über welchen nur befchreibend berichtet werden kann,
Der Nationalikonom hat dann nur die Yufgabe des NMaturforfchers: eract zu
beobachten, das Elementare auseinander zu fcheiden, das Zufammenwirkende
u combiniren, die einzelne Beobachtung zur Formel des Sefebes zu verallgemeinern
 ut. f. w., und alle etwa in den Berichten der Beobachter hervor:
getretenen Differenzen find durch eine erneuerte und verbefferte Beobachtung
widerfpruchlos dur einen objectiven Prüffkein zu entfernen. Sobald und
        <pb n="216" />
        207

wo man dagegen irgendwie von dem ewig und Kberall in gleicher Weile
wirkenden Naturgefeß abgeht und der aus phyfifch zwingenden Urfachen
nicht ganz und unbedingt gleichen menfhlichen Willenskraft und Willens
richtung irgend einen beffimmenden Einfluß auf die Ermwirkung eigenthüm:
licher Seftaltungen und Ergebniffe der Bolkswirthfchaft zugefteht, fobald
mithin die wirthfchaftlidhen Erfheinungen audy unter Modalitäten des
menfchlihen Willens geftellt erfheinen, fhon dann Fann e8 fich auch für
eine nur das Leben nachfchreibende Iheorie nicht mehr um ein Analogon
zu einer Ameifenz, Bienen: oder Biber-Dekonomie handeln, fondern nur um
bie naturgetreue Befchreibung concreter, gefhichtlich unterfhiedener Wirth:
[haftsformen. Nun muß man weiterhin bedenken, daß die Aufgabe der
Wbheorie nur dann eine fo einfache, zu allen Zeiten gleiche bleibt, wenn man
einmal e$ als vollffändig ficher anficht, daß die ganz freie ThätigFeit des
Einzelnen, welche nur von eigennübigen Trieben bewegt und geleitet wird,
immer von felbft und mit Nothwendigkeit das überhaupt erreichbare mas
terielle Gemeinwohl Aller fordere und verwirkliche; fodann, daß es die höchfte
Aufgabe, die leßte Beftimmung der ffaatlichen SGemeintwvefen fei, das wirth
{haftlidhe Wohl AUler, gleichuiel mit welchen fonftigen Einbußen, im größte
möglichen Umfange zu verwirklidhen, und daß man eine abfolut giltige Ers
Härung über das höchfte wirthfchaftliche Wohl Aller zweifellos befige. Im
anderen Falle Ändert fih die Sachlage durchaus, verbleibt es Leineswegs die
identifche Aufgabe jeder Theorie, eine thatfächliche Erfheinung einfach durch
bie Beobachtung zu conftativren. Führen nicht ewig fich gleichbleibende ins
ftinctive Triebe des Einzelnen zur Verwirklichung des Endzweckes politifcher
Semeinwefen, fo if auch die Dekonomie in die Wandelung und Bewegung
der menfehlichen Sefchichte geftellt; if nicht die Erreidhung des. höchftmög:
lichen wirthfhaftlidhen Wohles die höchfte und eventuell die einzige Eriffenzs
beftimmung-des Staates, fo müffen die Entfcheidungsgründe, welche in den
Fällen der“ Pflichtencollifion zur Anwendung „gelangen, die Sfonomifhen
ThätigeeitsFreife‘ in die. verfhiedenartigffen Situationen in dem Ganzen des
Staatstebens bringen; eriftirt Feine abfolute Formel über das »höchffe wirths
fehaftliche, Wohl aller Einzelnen«, fo NE das Biel und der Weg der wirth
fhaftlichen. Beftrebungen Unter die Entfeheidung des politifhen, fittlichen
und intellectuellen Urtheil® geftellt, das felbft weder in allen Einzelnen noch.
in. allen Wölkern und Zeiten glei und feltftehend vorhanden ift. Ganz
offenbar hat aber auch die vorgefhrittene Entwicklung det Hationaldkonos
mifchen Theorie nach U. Smith ihrer eigentliden Natur nad) die Vers
[hiedenheit der Syfteme im Anfhluß an die Verfchiedenheit der Intereffen,
und des politifch = fittlich - intellectuellen Urtheils mit Nothwendigkeit hervor:
gerufen. Kein Nationaldkonom wird es in Abrede ffellen, daß der wefents
lichfte Punkt in der nachfmithifchen Entwicklung der Wilfenfchaft in bie
        <pb n="217" />
        208

Hervorhebung und Betonung der Unterfuchungen Über die Vertheilung
der materiellen Güter zu feßgen ft; daß die Frage nach der beften Ber:
heilung des NMationalreichthums als die ergänzende Hälfte neben die Frage
nach der größten Production deffelben nothwendig zu ftellen fei. So lange
man die Unterfuchungen auf die Frage über die möglichft große Gefammt:
fumme der producirten Werthe befhränkt, handelt e8 fi offenbar nur um
quantitative, um arithmetifche Größen und Begriffe, wenn man will, um
Ane mathematifche Aufgabe, in deren Löfung jeglicher Diffens durch eracıe
Berechnung befeitigt werden Fann. Sobald es fih dagegen auch um eine
gute Bertheilung Handelt, tritt ein moralifch-politifcher Begriff in den Mitz
telpunEt der Theorie, und wie die Löfung der Aufgabe, fo find auch alle
Xusgangspunkfte und Beweisführungen mehr oder weniger abhängig von
der gefchichtlichen Wandelung und Entwicklung der Völker und der Indivi:
duen, von dem intellectuellen Urtheil und den ethifchen Begriffen des eins
‚einen Denkers und der gefellfchaftlichen Schichten, der Nationen, deren Se:
fichtsFreis auf ihn einmirkt, U, Smith ftellte fih zur Hauptaufgabe: die
richtige ECinficht zu erlangen und zu verbreiten über die Art und Weife, die
Mittel und Wege, durch welche der NMationalreichthum fo zu fagen als eine
Baufhfumme durch die wirthfhaftlidh producirenden Kräfte der Menfchen
zrzielt werden Fönne, während er die Vertheilung der Güter im Großen
and Allgemeinen dem »natürlihen Gange« der Dinge und der frei walten:
ben EinzelnthätigFeiten übertwies. Die fpäteren Iheorieen legen ein eigen:
des Serwvicht auf die Vertheilung der Shıter, ja fie wird ihnen zum Theil
‚um Mittelpunkte der ganzen Theorie; ebendeshalb find fie insgefammt
mehr aus Smith heraus — als in Segenfaß zu ihm getreten; der groß:
artige Sa, in welchem er das BVerdienft Englands um feine Colonieen
Furz zufammenfaßt, paßt ganz auf fein Verhältnif zu allen fpäteren Theores
tifern, mögen fie e8 auch felbft noch fo fehr verkennen 1). Iede beftimmte
Sormation und, wenn man will, Drganifation der Production bringt nothwendig
 auch eine beftimmte Vertheilung der erzielten Werthe mit fich; natlr:
‚ich auch jene Seftaltung der Production, welche Smith al8 die nothwens
bige Bedingung für die Erzielung der. möglichft großen Sefammtfumme von
Werthen befürwortet. Umgekehrt wird alfo auch jede beftimmte Art der
Bertheilung der producirten Werthe, welche man will oder al$ »gut«, als

) IV, 7 am Schluß: Auf welche Weife alfo hat die europäifhe Politik zur
erften Gründung oder zur jebigen Größe der amerikanifchen Colonieen bei:
getragen? Auf eine Weife — —:; Magna virum mater! Sie erzeugte
and bildete die Menfhen, die im Stande waren, fo Großes zu verrichten
and den Grund zu einem fo großen NMeidhe zu legen. — — Die Colonieen
verdanken der europäifchen Politik die Erziehung und die weiten Pläne
'hrer thätigen und unternehmenden Sründer u. f. ww.
        <pb n="218" />
        209

die »befte« anficht, nur unter einer beffimmten Seftaltung der Productions:
verhältniffe herbeigeführt. E$ muß mithin jede Berfchiedenheit des Willens,
der Einficht, des Urtheils hinfichtlidh der beften Vertheilung der Güter noth»
wendig eine Berfchiedenheit der theoretifchen Begründung über die befte Urt
der Production der Güter veranlaffen. Der Recurs an die »gerechte« VBerz
theilung der Süter hebt diefe Urfache für die VBerfchiedenbheit der Syfteme
nicht auf, weil auch) das »Serechte« an fichh Fein mathematifcher, abfoluter,
fondern ein ethifher Begriff ift und das Urtheil über das Verhältnif der
Beiftung zur Vergeltung derfelben alles Anhaltes an fire Entfcheidungs:
normen gänzlich entbehrt, indem ein fittliher Begriff einer adäquaten
Mepräfentation durch eine quantitative Beftimmung Kberhaupt unfähig ift.
Chendeshalb haben die focialiftildhen Schriftfteller, weiche „gerechten Lohn für
jede Arbeit« u. f. mw. forderten, aus der puren naiven Formulirung folcher
Forderungen Feinen Schritt herausthun Fnnen oder ihre Einficht, wo fie e8
berfuchten 1), ganz bloß geffellt. AUndererfeits aber haben auch die Vertreter
eineg unbedbingten Sehenlaffens aller wirthfchaftlidhen Dinge ebenfowenig
zinen Beweis für die »Serechtigkeit« der unter diefem Syfteme hervor:
ftretenden Bertheilung der Güter beigebracht, wenn fie auf dem von ihnen
befürworteten Wege die rein formale Willensfreiheit jedes Einzelnen aufrecht
erhalten fehen; weiche Logifhe Brücke und weiche Brücke der lebendigen Erz
fahrung führt von diefer »Freiheit« zur »Serechtigkeit der Bertheitlung« ?
Eine offene petitio prineipii; da nicht jeder Menfch von Natur untadel:
haft gut und gerecht ift, fo ift Feine Bürgfchaft der Gerechtigkeit gegeben,
wenn er das erhält, mas er in irgend einer Weife erreichbar findet; da er in
ungleicher Nüftung und Stellung um die Portion der Bertheilung ringt,
mie wäre der gerechte Antheil bewiefen, wenn der Menfch zulekt erhält, was
ibm genügen muß. Die nad Zeit und Ort ungleidhen Belohnungen glei
her Anffrengungen laffen Feine Berweisführung durch die Unalogie auffom:
men, und machen fchon den erften Anfab zu einer Theodicee auf diefem
Srunde haktlos. Und auch aus den SGemkıthern (hwand längft jener nebelige
Zauber, jene unklare Sehnfucht, welche alles Sute und Serechte auf die
Erde niederffeigen fah, wenn die undedingte Freiheit des Wollens und Thung
Für Sedermann gefichert fei. Daher ift Raum gegeben für eine Verfchies
denheit der Yuffaffung über eine für alle Einzelnen gerechte oder für das
Semeinmefen gute und befte Bertheilung der wirth(haftlihen Güter, und
wer überficht, daß gerade, weil das fittlich politifche Urtheil über die »aute«

2)

So Fourier, wenn er die gerechte Vertheilung des wirthfdhaftlidhen Sr.
frages ber Unternehmungen darin erblickt, daß die Arbeit 2, das Talent
‘Ya, das Capital 3%, des Ganzen erhält; weshalb follte man nicht irgend
eine andere Bruchbeftimmung felbft für diefelbe Nangordnung der yrodır
cirenden Kräfte für ebenfo gut halten.
Rules, volit. Dekonomte.
        <pb n="219" />
        210

BerthHeilung der Güter aus mancherlei Gründen ein berfchiedenes fein
Fann, eine VBerfchiedenheit der Kationaldkonomifchen Syffeme im Allgemeinen
unmittelbar gegeben ift, der wird von vorn herein zu unmwahren, ungerechten
and unwiffen[haftlichen Urtheilen über die Syfteme felbft fowohl, als auch
Aber die Praxis der Einzelnen wie der Stantsregierungen geradezu prädes
itinirt. Freilich rufen die Syfteme felbft deraleichen Beurtheilungen hervor,
wenn fie fich für mehr ausgeben, al fie wirklid) find, wenn fie ihre Schluß:
mwahrheiten für das gefellfchaftliche und ftaatliche Leben der Mationen als
unbedingt wahr und allgemeingiltig hinftellen, mährend fie durch die An:
nahme beftimmter Borausfegungen bedingt find. Iede nicht rein befchrei:
bende Theorie der politifhen Dekonomie hat wie jede Theorie über ftaatz
liche Dinge eine beftimmte Anfhauung der allgemeinen Lebensverhältniffe,
des Semeinwefens wie der Natur des Menfchen, der Agentien und Bes
ftimmung derfelben u. f. w@. zu Ihrem, wenn auch nicht ausdrücklich ver:
theidigten Untergrunde; wie unerläßlih ft die Vorausfeßung diefes Unter:
baues bei der Löfung der Frage nach einer guten oder nach der beften Ver:
theilung der Güter; er muß um fo weiter hin wirken, je mehr man mit
X. Smith den Sab fefthält, dag alle Production nur um der Confumtion
willen erfolgt. Nun fieht man gleich, daß Jedermann, foweit er Confument
ft, in dem Triebe feines Eigenintereffes: möglichft billig Eaufen zu wollen,
ich mit allen Uebrigen in derfelben Bahn bewegt. Diefes Allen gleiche
Sonfumentenintereffe hatte X. Smith im Auge und alle Production wollte
zr fo in Gang gefent wiffen, daß fie demfelben möglihft diene. Dagegen
hat Jedermann, oder fogar wir nur jede befondere Art des Erwerbs, ein bes
[onderes, privatives Intereffe, wonach ihr bei der Vertheilung der Shıter ein
möglichft großer Theil der Gefammtfumme der Production zufließen (oll.
Sobald nun die Iheorte fich überhaupt um die Vertheilung der Güter zu
befümmern, eine befte von einer minder guten und fchlechten, eine gerechte
don einer Ungerechten BVertheilung zu unterfheiden begiunt u. f. w., mag fie
yabei nun von öfonomifchen oder von ethifchen und politijdhen Motiven oder
vom allen dreien zugleich geleitet werden, dann muß fie je nach der verfchie:
denen Auffaffung jener »guten« oder »gerechten« Vertheilung der Güter zu
verfchiedenen NMefultaten über die Volkswirthfhaft, auch über die befte Art
ber Production gelangen. Indem aber durch jede beftimmte Formirung der
Productionsverhältniffe eine verfhiedene Vertheilung der Güter erfolgt, wird
gerade der materielle Bortheil die nebeneinander wirkenden Skonomifchen Er:
werbsthätigFeiten, ein anderer Sefichtspunkt die nebeneinander beftehenden
Auffaffungen über das Staatsieben und die fittlidhe Cultur aus gleichen
Motiven zum Anfchluß an verfhiedene Syfteme anregen. Seht die Bes
trachtung von der anderen Seite aus, fo hat man einen neuen großen und
allgemeinen Beweis dafür, daß die Praris einer Theorie, welche die (elbitz
        <pb n="220" />
        211

füchtige Verfolgung der Eigenintereffen dur den Einzelnen für [$blich und
heilfam erklärt, das Gemeinwefen zerwerfen umd zerEiüften muß, den Krieg
Aller gegen Alle und das Fauftrecht zum Lebensgefeß erklärt und die Anarchie
und den Defpotismus der gewaltigften Kraft herauf befchwört. Denn da in
ber That die focialiftifiche DYrganifation der Arbeit den Starken durch den
Schwachen ausbeuten muß und das Capital dem Handarbeiter in diefer oder jener
Sorm zwangsweife zur Verfügung ftellt; da wirklich das unbedingte Gehen und
Machenlaffen aller SEonomifchen Dinge zur Concentration und zur Sting:
herrfchaft des beweglichen Capitales führt, fo ift weder der Handarbeiter noch
der capitalftarfe und heimathlofe Unternehmer als dumm zu fchelten, wenn
er fich aus NMückficht auf feinen materiellen Eigennuß dem einen und dem
anderen Syfteme anfchließt und in wohlverftandenem echten Egoismus mit
einem Apres nous le deluge den Schleier vor der Zukunft gar nicht ein:
mal gelüftet wiffen will. Doch wäre zur ausführlichen VBeweisfährung die:
fer Wahrheit zu weit auszuholen, und auch mit Nücficht auf die gegen:
wärtige Conftellation unferer Lebensverhältniffe muß e8 als angemeffenet
erfcheinen, den möglichen Pag einem Nachweis einzuräumen, daß in der
hat mit dem vollen, vor dem BVerftande durchaus gerechtfertigten NMechte
des Eigennußes die feftländijhen Yndufkriellen, überhaupt die Gewerbes
treibenden in einer beffimmten Situation dem Schuszollfpfteme anhängen und
durch die Freihandelsfehre in der That dagegen der wohlverftandene Eigen
nuß des Handelsftandes fich gefördert fieht, und daß nichts weniger in AUus:
ficht ffeht, als daß die eine oder die andere Seite den Hberzeugenden Beweis
führen werde, das wirthfchaftlihe Wohl Aller werde durch die Praxis der
zinen oder der anderen Lehre am beften gefördert, Man ffreitet eben um
Lehrfüße, während die allgemeinen Grundlagen verfhieden find, man hält
fich vergeblich Folgerungen entgegen, weil man von entgegengefebten Vor:
ausfeßungen aus eine abweichende LogiE verfolgt; man wirft fi auf die
Refultate, während nur die Vorfragen zu discutiren find.
8 ift ein vielgebrauchter, ingbefondere von der Freihandelspartei immer
wiederholter Sak in dem Syftem der auf den Cigennuß gebauten Theorie:
daß e8 in Sedermanns Intereffe liege: möglichft billig zu Eaufen und mög:
lichft theuer zu verkaufen, Diefer in dem Sinne von AU, Smith (IV, 2)
gewöhnlich als Beleg für die Nothwendigkeit der Handelsfreiheit in dem
internationalen Verkehr gebrauchte Saß hat wirklich auch für jeden eigen:
nübigen Einzelnen und aud) im binnenländifchen Verkehre feine volle Nichs
tigEeit; e6 ift vortheilhaft, Alles, was man zur Confumtion braucht, um
einen möglichft geringen Preis zu Faufen, die Güter, die man producirt,
möglichft theuer zu verkaufen. Uber die Befolgung gerade diefer Lehre muß
den Verkehröftand zur Befürwortung der unbedingten Handelsfreiheit und
die Yndufkriellen, wo und foweit fie nicht von einer für den freien Ring:
1A48
        <pb n="221" />
        212

Fampf mit den Indufkriellen aller übrigen Länder ffegsgewiffen Zuverficht
zrfüllt find, zum Verlangen nach der Praxis des Schubzoll= und Prohibitive
pftemes führen. Daß fich in einem oder mehreren einzelnen Ländern der
SewerFöftand für das Wegfallen jeglicher Art von Schußzollmaßregeln in
allen Ländern und deshalb auch in dem Baterlande felbft ausfpricht, if nicht
ein Beweis, daß die Ynduftriellen anderer Länder dummer Weiße und im
[chlechtverftandenen Eigenintereffe fih nad) Schubzöllen fehnen, fondern viel
mebr die nothwendige VBorausfeßung, daß fie verftändig ihr Intereffe ver:
folgen. Dem Eigenintereffe des Ynduftriellen wird Feineswegs ohne Wei:
tercg durch die Verwirklichung des Sahes gedient, daß man den Markt zum
Kaufen und Verkaufen möglichft erweitern müfßfe. Sein BVortheil verlangt
bielmehr, daß der Markt zum Berkaufen feiner Producte und zum Einkaufen
feiner Confumtibilien erweitert, die Zahl der Käufer feiner Fabrikate und der
Verkäufer der ihm nofhtwendigen Güter möglichft vermehrt, dagegen die
Zahl der neben ihm diefelden Güter zum Verkaufe bringenden Producenten
möglichft vermindert werde, in der Älteren Zeit auch durch Befchränkung der
einheimifchen Mitbewerber, in der neueren durch Behinderung der ausiän:
difchen Berkaufsconeurrenten. Eben diefes Streben wird gefördert wie durch
bie gewöhnliche Form des Prohibitivfyftemes fo durch das Schukzollfoftem —
denn der Schußzoll, welcher wirken foll, muß, wie man fagt, »ausgiebig«
fein, und der ausgiebige SchuBzoll ft nichts anderes als die eventuelle für
die Situation nöthige und genügende Prohibition. Dagegen haben alle
diejenigen Induftriellen, deren fpecielle Fabrikate ohne irgend welche Nach:
hilfe von Seiten des Gemeinwefens und der öffentlichen Caffen in das Aus:
land gehen, ein Intereffe an dem ganz freien Verkehr und gegen Schuß:
gollmaßregeln, weil diefe ihnen unnüs find, wohl aber Mepreffalien hervor:
rufen ober aufrecht erhalten Eönnen, Matürlih ift das Schubfoftem für
jede Art der Production möglich und auch angewendet worden — das wohl:
verffandene Eigenintereffe der einzelnen Productionsarten wird fich immer je
nad) der fpecielen Situation und unter theilweifer Yufnahme der Principien
des freien Werkehres für die Stellen, wo fie ihm günftig wirken, ausfprechen.
Die Semwerbetreibenden, welche in freier Concurrenz — fe es in ihrer Ges
[ammtmaffe, fei e8 in einzelnen Zweigen — die Arbeit anderer Länder zu
befiegen hoffen Fönnen, werden fi mit dem NMechte des verftändigen Eigen:
nußeg für den freien Verkehr augfprechen; ihre bedrohten Mivalen ebenfo
mit Recht für Schubzölle; jeder wird für feine Mobhftoffe freie Einfuhr und
gehemmte Ausfuhr verlangen u. f, w. — Der Landbauer, welcher fich durch
die Concurrenz fremder Einfuhr bedroht fieht, wird für die Protection fein,
ber, welcher auszuführen wünfht und vermag, wird freien Verkehr verkündet
wiffen wollen. E8$ ift ganz natürlich, daß der Eigennuß die (Ayubzölnerifch
gefinnten SGemerbetreibenden unter einander oder ihr Prineip mit der Aus-
        <pb n="222" />
        213

dehnung deffelben auf andere GEonomifche Kreife in Widerfpruch bringen
fann. Die richtige Nechnung für den Eigenvortheil liegt auf der Hand,
wenn wir 1850 gefehen haben, daß die nach Berlin einberufenen induffriellen
Sachverftändigen, zum weitab größeren Theile eifrige Schupzöllner , beinahe
einftimmig die Befeitigung oder Minderung der den Ackerbau obwohl nur
wenig fehlißenden Zölle zu befürworten unternahmen — oder wenn ein
Theil der Indufkriellen in unferen Tagen — natürlich im Widerfpruch mit
ben zunächft Betheiligten — die Eingangszölle für rohes und verarbeitetes
Eifen herabgefebt, den Schuß für die RunkekrübenzucFerfabrikation gemindert
oder befeitigt wiffen will u. f. mw. Die theoretifchen und praktifhen Anhans
ger der Srundfäbe des Schußzollfpftemes Finnen nur darin Übereinftimmen,
daß die Wirkfamkeit, Anwendbarkeit und Nüglichkeit des allgemeinen Grund:
principes überhaupt zur Anerkennung gelange; die Anwendung im einzelnen
Halle des wirklichen Lebens Fann das Intereffe des einen Anhängers fördern
und das des anderen fchädigen. Das Schubkfoftem, angewendet auf den
Yckerbau, if gegen das Intereffe der Sewerbetreibenden und umgekehrt; ja
der Schuß des einen induftriellen Productionszweiges Fann einen anderen —
wenn das behinderte Ausiand nicht bloß Verkäufer des einen Productes,
fondern auch direct oder indirect Käufer des anderen if — unmittelbar bes
einträchtigen. Aber diefe fo oft gemachten Erfahrungen FLnnen durchaus
nicht geeignet erfheinen, einen Beweis gegen die im einzelnen Falle anges
wendete Kraft des Schubzolles und gegen die Berechtigung des Eigenintere(fes
aller derjenigen Producenten zu geben, welche, fobald und foweit fie fich durch
die Concurrenz des Auslandes bedroht fehen, auf Schuszölle dringen, weil
diefe in einem folchen Falle immer für den durch fie bedachten Induftkries
zeig den Verkaufspreis der Producte höher ftellen, als e8 bei freier Einfuhr
des ausländifchen Fahrikates der Fall fein würde. Während, wie fich bald
zeigen wird, die Nationalökonomie geradezu unmöglich den Beweis kiefern
Bann, daß die Anwendung von Schußzöllen für alle Fälle und unter allen
Umftänden zum Nachtheil des SGemeinwefens und des Staatslebens eines
Volkes fei, werden fich andererfeits viele fittliche und politifhe Motive den:
Een laffen, aber nicht Intereffen des Eigennußes, aus welchen der Producent
in der für ung vorausgefeßten Lage auf die Forderung von Schußzöllen ver:
sichten Fönnte. Die Anwendung von Schubzollmaßregeln Kann an anderen
Stellen unmittelbar beträchtliche Nachtheile hervorrufen, die fich mittelbar
auch gegen die befchüßte Indufkrie wenden; indeffen wird der Nachweis dies
fer Nückwirkungen den SEonomifchen Cigennuß des befhüßten Induftriellen
nicht in eine andere Bahn werfen, weil er leicht merken Fann, wie fich der
Nachtheil vertheilt, der Nußen aber concentrirt und ihm, auch menn der Ges
famımtfhaden größer ift als der partielle Vortheil, von jenem ein geringerer
Theil als von dielem zufäht. Nur mwmenn vielleicht die Schukzrollyraris für
        <pb n="223" />
        214

alle ProducententhätigFeiten dergeftalt in Anwendung käme, daß jegliche Ein:
fuhr von außen her behindert würde, oder auch fehon bei einer größeren Ber:
allgemeinerung jener fann fi auch aus Öfonomifchen Gründen die Sache
anders Herausftellen ,_fo daß bann die einzelnen Erwerbszweige ihren Eigen:
vortheil durch das Ankimpfen gegen die Verallgemeinerung der Schubzoll:
maßregeln zu verwirklichen fuchen und die »Serechtigkeit« in dem ungleichen
Schuße finden werden.
Verfolgt der Nohftoffe verarbeitende Sewerksftand fein wohlverftandenes
Sigenintereffe, wenn er fich für ein Schußzoll= und Prohibitivfpftem gegen
die Concurrenz des Auslandes erklärt, fofern und föweit ihm diefes nicht
durch die vetorfionsmäßige Befchränkung des Erports in dag Ausland einen
größeren NMachtheil bringt, als ihm die Sicherung des nationalen Marktes
zegen den Import des Auslandes nükt — fo ift der mit dem Auslande
oerfehrende Handelsftand nicht minder im NMechte, wenn er fich durch voll:
tändige und gegenfeitige Freiheit des Verkehrs allein am beften gefördert
fieht. Dem Handelsftande ift der Verkehr, das Verbinden und Verknüpfen
von Käufern und Verkäufern, im auswärtigen Verkehre alfo das VBerknüpfen
des Inlandes mit dem AYuslande Fundament und Inftrument der Thätig=Feit
 zugleich. Leichtigkeit, Sicherheit und Freiheit der BVerwegung find die
Elemente, welche er zu einer für ihn gedeihlihen Wirkfamkeit allein nöthig
hat, Was diefe Freiheit der Bewegung hemmt, fchadet feinen materiellen
Figenintereffen, was fie fördert und erhält, nüßt denfelben. Mit Necht
Fann fich der Verkehröftand dabei darauf berufen, daß durch feine Forderung
jenes allen Einzelnen und allen Productionszweigen gemeinfame Confumen:
tenintereffe: möglichft billig zu Eaufen, gefördert wird. Ganz anders verhält
lich die Sache hinfichtlich der zweiten Hälfte jener »gemeinnübigen« Formel:
möglichft theuer zu verkaufen. Der Eigennus der „Semwerbsproducenten
fann fich durch die Handelsfreiheit nur hinfichtlid) der wirklich zur Ausfuhr
zelangenden Producte gefördert fehen; fobald und foweit fie fig) dagegen in
dem Verkaufe der Producte auf das Binnenland angemwiefen fehen oder die
Märkte deffelben erobern wollen, wird fie gerade der Grundfab, möglichft
!heuer verkaufen zu wollen, nothwendig zu Gegnern einer unbehinderten
Einfuhr auständifcher Fabrikate machen. Die eigentliche Handelsthätigkeit
m auswärtigen Berkehre dagegen Hat jederzeit das doppelte Jußgeftell des
Inlandes und des Yuslandes nöthig, und jede Mafregel gegen den Import
zuständifcher Fabrikate verlekt unmittelbar die Sigenintereffen des Verkehrs:
tandes, Es ift deshalb nicht »Kurzfichtigkeit«, fondern gerade Scharflicht,
wenn fich in unferen Tagen die Freihandelspartei in den deutfhen Hanfe:
tädten gegen das bekanntlich auch von Lift befürtwortete Softem der Na:
oigationsacten, gegen Differenziakzollwefen u. f. wo. erklärt hat, ganz abge:
jehen davon, daß in einer fo arbeitstheilig fchaffenden Zeit fih das Intereile
        <pb n="224" />
        215

des Kaufmanns von dem des Nhebereigewerkes trennen muß, und die Trans:
portabilität der Capitalien {ich Fenntlicher und Sfter manifeftirt hat als der
zyclufive nationale Patriotismus. Chenfo kann man fich Leicht Überzeugen,
daß die Betweife für eine abfolute Verkehrsfreiheit, weiche eigentlich nur eine
Empfehlung der Arbeitstheilung enthalten, wie fehr fie der Gewerbsftand
zurückftoßen muß, doch für den Handelsftand alldedings ihre Giltigkeit haben.
Ss (äßt fich Leicht nachweifen, daß der Saß, jeder Handwerker müffe gewit:
nen, wenn er durch die Berfertigung eines einzelnen Produckes fi yegen
die Machtheile der Polypragmofoyne zu fchirmen fuche, weder die fiarke Wir
Eung des verfchieben großen Capitalbefiges der Semerksproducenten in der:
felben Gattung unter einander aufhebt, noch das eine Setwerke vor der Aus:
beutung durch das andere und vor einem günzlihen Ruin (Hüßst 1); dazu
Fommt, daß alle die Bortheile der arbeitstheiligen Production zwifchen Nas
tionen, tie zwifchen Handwerkern, die »e8 für erfprießlicher finden, von eins
ander zu Faufen als Dinge zu verfertigen, die nicht zu ihrem eigentlichen
Sefchäfte gehören« (Smith VI, 2), nur noch fo lange und da in Erwäs
gung fommen Eönnen, mo .man beiderfeitig nicht nur Eaufen muß,
fondern auch verkaufen Fann, und das zum billigffen Preife Kaufen:
fönnen dem, der nichts hat, vergeblich winkt, Aber während die Vorauss
feßung, daß fich die einzelnen Länder immer einander gegenfeitig undedingt
nöthig haben und der Grad der gegenfeitigen WbhängigFeit ein gleicher fet,
nichts alg eben eine Vorausfegung ft, und der für den ganz freien Wettz
fampf nicht ausgerüftete Induftrielle fühlt, daß der freie Verkehr, fkatt feine
Producte dem Auslande zum Bedürfniß zu machen, fie dem Inlande erft
recht entbehrlich machen werde — fieht der Berkehrsftand fih zu einer ans
deren Schlußfolgerung veranlaft. Der Cigennuß des Kaufmanns ift bloß
an der Größe der Differenz zwifhen dem Kaufpreife und dem Berkaufpreife
betheiligt; ob das Inland Käufer oder Verkäufer ift, auf welcher Seite bei
dem durch die arbeitstheilige Production unter gegenfeitigem Gewinn fich voll
ziebenden Austaufch fich der arößere Semwinn oder wohl aar eine pars leonina

a

Vergl. z. B. Hildebrand a. a. DO. S. 82 und in der Note: »UNerdings
ift der Arbeitstheilungs: und Handelsgewinnft immer gegenfeitig, aber er
Eann dennoch fehr ungleich fein. If der Schneider ein Capitalift, Fann er
Arbeitstheilung antvenden, die Stoffe zur Verarbeitung und die Unterhalts:
mittel im Großen einkaufen, fo ift er vielleiht im Stande, mit dem Pro:
bucte einer einzigen Tagesarbeit ein Yroduck des Schuhmaders zu Kaufen,
welches diefen zwei Zagesarbeiten gekfoftet hat. Sefegt nun, der Schneider
fei noch der einzige im Drte oder fei der Gläubiger des Schuhmacers,
oder befige irgend andere Mittel, den Schuhmacher zum Ankauf feiner
Waare zu zwingen — — fo werden beide immer nod) gewinnen, aber die
Analeichheit des Sewinnes Fann fo wachfen ut. f. m.
        <pb n="225" />
        216

herausgeftellt, ann ihm gleichgiltig fein. Sm fehlimmiten Kalle ift das
Faufmännifche Capital weitab weniger an die Scholle des vaterländifchen
Srdreiches gebunden als das induftrielle — auch laffen fich ja bekanntlich
hon heute in London Faufmännifche Gewinnfte aus dem Verkehre zwifchen
Hamburg und Paris nicht minder ziehen, wie aus dem zwoifchen London
und Paris oder Hamburg. * E8 ift weiter zu bedenken, daß für den Ver:
Sehröffand die mathematifhe Sröße der Differenz zwifhen dem Kaufpreife
und dem BVerkaufpreife eine ganz andere Bedeutung hat, als etwa für den
Setwerbsunternehmer die Differenz zwifchen den Productionskoften und dem
Berkuufspreife. Die Differenz zwifchen fechs Thaleen und neun Thalern bes
irägt drei Thaler, gerade fowie die zwifchen fiebenundzwanzig und dreißig
Thalern, Aber für den Indufkriellen ft e8 eine Lebensfrage, daß die drei
Thaler in dem einen Falle 1/2, in dem anderen 1/, der YProductionsfoften,
eziehungstweife 1/; und 1/,, des Verkaufspreifes bilden; für den Kauf:
nann ift diefes zwar nicht gleichgiltig, aber von einer fo viel geringeren
Bedeutung, daß er vorkommenden Falles auch bei der Lebteren Differenz ein
immer noch ganz vortheilhaftes Sefchäft betwerfftelligen Fann, weil, mie man
fich Leicht überzeugen Fanıt, der Binsbetrag für den Mehraufwand an Capital
dem Sefchäfte durchaus nicht die Bedeutung eines guten Handelsgewinnes
ju entziehen braucht. In deiden Fällen Fann die eigentliche verfehrsftän:
Sifche Arbeit durchaus gleich groß fein, Feinenfall&amp;amp; ift fie wegen des höheren
Raufpreifes der Producte im lebteren Falle als größer anzufeben, jedenfalls
wird fie in beiden Fällen verhältnifmäßig weit gleicher gelohnt. Sobald
einmal inländifches Capital und inländifche Arbeitsfraft in der gewerklichen
Induftkrie firirt worden find, müffen fie nothtwendigerweife darnach freben,
Für fidh die Möglichkeit zum Kaufen und Verkaufen zu erobern oder zu bes
wahren; für den Eigennuß des BVerkehrftandes Kann es gleichgiltig fein, ob
aus dem Import ausländifcher Fabrikate oder aus dem Erport inländifcher
der Handelsgewinn gezogen wird, ja e8 Fann bei jenem fogar ein größerer
Sewinn in Ausficht ftehen und Feinenfalls wird derfelbe durch die Concurrenz
»e$ Uuslandes vermindert. Die Freihandelspartei kann fich noch weit eher
mit dem alten Mercantilfoftem aus Eigenintereffe befreunden, weil diefes
5och wenigffens auch die Ausfuhr zu erzwingen oder Eünftlich zu ffeigern
ucht, al$ mit dem Syfteme, welches wenigftens in feine nächfte Perfpective
die Sicherung des nationalen Marktes genommen hat und fich mit einem
Schuße der einheimifchen Induftrie von einer diefem Zwecke entfprechenden
Tragweite begnügt. Für das Schuezolls und das Freibandelsfyftem, wie
für die beiden Parteien des Lebens, welche fi ihnen angefchloffen haben, it
98 nähfie. Intereffe..der internationale Verkehr, in den Vordergrund ge
teten — erft allmälig bilden fich die Confequenzen nach innen hin aus —
och Fönnen wir noch heute fehen, wie diefelden Menfhen und Intereffen
        <pb n="226" />
        217

fich gleichzeitig für Gewerbefreiheit im Inneren und Schußzollfyftem nach
außen hin ausfprechen, wenn der nach Freiheit des Wirkens ftirebende Factor
des Capitalbefißes den nad Schuß firebenden Factor der perfönlichen Ars
beit&amp;amp;Eraft überwiegt; während andererfeits, wo das internationale Verhältnig
allein entfcheidend iff und das Intereffe am freien SGränzverkehr fich mit
Entfchiedenheit gegen alle Cinz, Aus: und Durchfuhrabgaben erhebt, doch
Länder als Mufter einer gefunden Volkswirthfchaftspolitik gepriefen werden,
welche bei niedrigen Gränzzöllen Monopole und Privilegien, Erelufivberechtigungen
 von mancherlei Art, Zwangs: und Bannrechte, Zunftzwang
u, dal. m. aufrecht erhalten. —
Niemals wird unter Fefthalten des Sabes, daß die Verfolgung der
egoiftifchen Intereffen durd) den Einzelnen das SEonomifche Wohl Aller am
beften gefördert werde, irgend eine Cinheit der volksmwirthfhaftlidhen Beftres
dungen erzielt werden Fönnen, niemals wird durch eine Nickflucht auf den
»wohlverfiandenen Eigennuß«, fo lange man dabei noch an einen wirklichen
Sigennuß denkt, eine Einheit der wiffenfhaftlihen Weiterentwicklung ver:
mittelt werden. Der Egoismus, der fich und fein Yntereffe wohl verfteht,
der in feinem Wefen ein privatives Clement hat und auch die momentane
Selbftbefhränkung nur um des privativen Bortheils willen eintreten LÄßt,
wird Leicht getwahr werden, daß jedes zur Anwendung oder Schluffolgerung
für die Praxis reife Syftem von Lehrfägen der politifchen Dekonomie eine
beftimmte Art der Gütervertheilung herbeizuführen fucht, oder alg »von der
Natur gegeben und beftfimmt« befürwortet. Der auf dem Gebiete diefer
Sütervertheilung geradezu unvereinbare Cigennuß der neben: und gegenein:
anderftehenden öfonomifchen Intereffen der ‚verfhiedenen productiven ThatigFeiten
 würde noch verfchiedene Theorieen hervorrufen, wenn fie nicht bereitg
an’8 Licht getreten wären. Das Interelfe, das fich fo Überall zur Geltung
zu bringen fucht, erfcheint an fich, da e8 ein Streben nach dem SEonomifchen
Eigenwohle zum Ausdrucke bringt, auch in dem Sanzen nicht unberechtigt;
aber e8 erhält ein falfhes und verderbliches Sepräge eben durch den Zufam:
menfhluß mit dem Figennus, durch die grundfägliche Blindheit und RüekfichtsfofigFeit
 für die mit demfelben Titel und Motiv nach einem verfchiedes
nen Biele hinftrebenden Intereffen Anderer. Es ift bekannt, daß fich immer
das einfeitige Sntereffe als das Intereffe des Gemeintwohles darzuftellen fucht.
Sicherlich ift es fehr Bielen mit ihrem Eifer für diefen Nachweis vollkom:
mener redlicher Ernft, und in diefer Beziehung Iäft fich eine intereffante
Parallele ziehen zu der Intelligenz, welche mit dem reinen Intereffe für die
Wahrheit nach Auffchluß über die Natur der productiven Thätigkeit geftrebt
hat. Sie hat, ohne daß es ihr zum Vorwurf gemacht werden Fann, unter
dem Banne der temporären, Localen, partiellen Erfahrung geftanden ; gleich
ben verfchiedenen yroductiven WirthfchaftsthätigFeiten felb{it fanden die natio-
        <pb n="227" />
        218

naldEonomifchen Theoricen ber die wirthfchaftlihe productive Lhätigkeit,
über das befte Syftem der VBolkswirthfchaftspolitik u. f. w. fozufagen ihren
naturgemäßen Standort, Schon der freiblikende Ganilh 1) be
merfte, daß die phyfiofratifchen Theoretiker der politifchen DYekonomie in
Italien, mitten im Landbautreibenden Binnenlande, die Mercantiliften dages
zen in den Küftenftädten geboren worden feien; auch in unferer feitherigen
Darftellung find Hinweife genug auf die an fich fo natürliche Erfcheinung
zegeben morden, daß die Örtliche unmittelbare Unfhauung und Lebens:
3rfahrung einen bedeutfaum beftimmenden Einfluß auf die veraNagemeinernde
Theorie ausüben Fonnte,
Sleichwie nun in der wirthfehaftlichen Production die Kraftwirkungen
der Äußeren Natur mit der menfhlichen Thätigkeit fich in Verbindung feben,
fo läßt fich auch neben jenem »erdigen Beigefhmad« der Theorie
bie Einmirfung der Nationalität auf die Ausführungen über die poli:
tifche Dekonomie gar nicht verkennen. Wie nathrlih muß diefes deshalb
erfheinen, weil, fo fehr man auch auf die Wirkung und Wirkfamkeit eig
fi gleichbleibender NMaturgefeße hinweifen mag, doch auch auf dem Sebiete
der Sfonomifchen Dinge immer wieder der Menfch, das Individuum und der
DBruchbeftandtheil von Staat und Nation, als der lebendige Träger aller
wirthfchaftlihen ThätigFeit hervortritt, neben den fachlichen Bedingungen
und BVerhältniffen die perfönlihen Elemente wirkfam werden müflfen; die
zrfteren werden fich breiter und vorwiegend in allen Fragen von rein fach:
licher Art herausheben, die lebteren überall überwiegen, wo geiftige und fittz
liche Tactoren zu beachten find. Deshalb ift der erdige Beigefchmacek in der
Theorie, die Bedeutung — man Fönnte fagen — der localen und territorialen
Erfahrung überwiegend, fo lange und wo insbefondere die Aufgabe zu [öfen
gefucht wird: an welcher Stelle, durch welche THAtigkeit fachliche Slter ges
wonnen werden, mit anderen Worten, welche Thätigkeit im engeren Sinne
al$ mwirthfchaftlich-productiv anzufehen fei; oder wie das größtmögliche Yuan:
:um fachlicher Werthe hervorgebracht werde, Die nationalen Unterfchiede
;veten dagegen alsbald fkärker hervor, wenn die fittlich politifchen Fragen
nach der beften Bertheilung der Süter, nach der richtigen Verhältnifftellung
der wirthfchaftlichen Thätigkeiten im Gefammtkreife der Aufgaben des VWollsjebens,
 nach der Zweckbeftimmung des Sfonomifchen Schaffens Bedeutung
gewinnen. Darum tritt z. B. in der vollswirthfehaftlichen Theorie der altheflenifchen
 Schriftfteller, denen es vor Allem um die für das Gemeinwefen
förderlihe Vertheilung der Sachgüter zu thun war, der nationale Chaz
safter der Theorie fo ftark hervor; darum Fönnen wir wieder in der nach:
mithifchen Entwicklung der Nationalökonomie, welche mehr und mehr auf

) In einem der erften Capitel feines Expose des systömes de V’ec. pol.
        <pb n="228" />
        219

die Bedeutung einer guten Bertheilung hinwieg, die Stärke der nationalen
Unterfchiede fidy hHerausbilden fehen, während die Productionstheorieen der
Mercantiliffen, der Phyfiokraten und des Udam Smith in einer mehr
weltbürgerlichen, überall fich gleich erhaltenben Gemandung auftreten, und
auch auf fremdem Boden ihren Urfprung nur an einzelnen Stellen erkennen
laffen, wie wenn 3. S. die franzöfifbhen Phnyfiokraten gegen jegliche nz
tervention der Staatsgewalt eine rein negirende Oppofition erheben, oder bei
Udam Smith die pofitive Iuverficht des Briten auf die Erfolge des Selfgovernment
 fich Eundgiebt. Sobald dagegen fpäter jene ethifch politifchen!
Fragen für die Iheorie eine größere Bedeutung gewinnen, erhält in fehr vers,
ftärftem Girahe_ der allgemeine Zug in der Ausbildung der. politifchen Deko:
nomie eine-nationale Färbung; der Charakter und die SGefichtsweite der geiz
ftigen Anfehauungen, die gefellfchaftlichen Zuftände bei den Bewohnern der‘
einzelnen Länder fpiegeln fich deutlicher ab.
Unter den wenigftens in allen den materiellen Erwerb betreffenden Fras
gen Falten rechnerifchen Briten tritt die Nückficht auf den Menfchen in deri
Behandlung der politifhen DYDekonomie entfchieden in den Hintergrund. Wie!
die politifche Selbftherrfichaft des Einzelnen als der Kern der Freiheit in dem
Semeinwefen gilt, fo erfheint e$ auch als Ariom, daß jeder Einzelne in
allen feinen Sfonomifchen Anfprüchen und Anftrengungen auf fich felbft
allein und auf feine individuelle freie ThätigEeit angewiefen bleibe, für die
Erfolge feines Strebens nach feinem. privaten Vortheil felbft verantwortlich
fei. Nirgends if die Lehre, daß die Verfolgung eigennübiger Intereffen
durch die Einzelnen das SGemeinwohl Aller allein und am beften fördere, in
folcher Beftimmtheit ausgebildet worden, als in England nach Smith.
Der auf den Eigenvortheil gerichtete inftinctive Trieb des Einzelnen wird
als ein Naturgefeß neben den anderen, die SGüterwelt beherrfhenden Sefepen
erfaßt. Ungefichts der Sfonomifhen Migftände und Leiden Einzelner oder
einzelner Claffen in der Sefellfichaft, ft die nationalifonomifche Theorie,
geneigt, fidh auf einen Determinismus und Fatalismus zu ftüßen, für wel:
chen die Zweckbeftimmung und die ethifche Freiheit und Kraft des menf[cdhlichen
 Willens ohnmächtig unter der Wucht der Naturgefeße der realen Welt
zufammenbricht, oder ihre Erplication des Seienden wird zur enthufiaftifchen
Theodicee 1). Ehen diefer Srundton der englifchen Schule, das MNaturgefeßz
liche der realen Welt als das in Allem Siltige und Durchateifende zu erfafz

‘) Lebteres {ft am fühärfilen hervorgetreten in den Erwägungen über die Sol:
gen der modernen Fabrikinduftrie für die Zuftände der Handarbeitenden
Siaffen. Man vgl. z. B. Ure: The philosophy of manufactures or an
exposilion of the scientific moral and commercial economy of the faclory
 system of Great- Britain. London 1833.
        <pb n="229" />
        220

fen und die Berechtigung und die Kraft des fittlidh Freien in dem Menfchz
lichen zu verfennen oder zu unterfchäßen, die Bedeutung des Concreten, In:
dividttellen und Nelativen gegenüber dem Ueberaligleichen, Allgemeinen und
Ubfoluten verfhwinden zu laffen, treibt ebenfowohl zur umfaffenden Nichtigs
FeitgerEärung menfchlich freier Kraftanftrengungen , gegenüber dem überall
waltenden Naturgefege 1), als zum Slauben an die adäquate Nichtigkeit
ziner abffracten Formulirung der dem conereten gefchichtlichen Leben entnom:
menen Wahrheiten. Bon den Löfungen der Hiftorie und der Pfychologie
Ach) abmwendend, Fommt Ricardo zu der algebraifhen Formel, Malthus
zu den Sehrfäßen der arithmetifhen und geometrifhen Progreffion, oder
Yuincey zur »Logik« der politifchen Dekonomie. Daß gerade auf diefem
Wege die Theorie die Fragen Uber die SEonomifchen Dinge von der Erwä:
gung der allgemeinen fittlichen Intereffen der Sefellfchaft ifolirt, bedarf Feiner
Ausführung. E8 ift bezeichnend, wie fich mit diefer Eigenthümlichkeit eine

Allerdings ift hier auch auf Malthus hinzuweifen, obwohl in der ITradi:
Hon die Lehren und mehr noch die Intention des genialen Verfaffers des
Essay on the principle oF population auffällig verkehrt worden find. S$
mag bier nur an III, 6 erinnert werden: X. Smith will die Natur und
die Yuellen des NMationalreihthums unterfuchen. Eine andere, fat noch
wichtigere Unterfudhung, auf weldhe er gelegentlid) eingeht, ift aber die über
&amp;gt;e Urfachen, welche auf das Glück und das Wohlleben der unteren Claffen
ber Sefjellfhaft von Einfluß find. Ich erkenne fehr wohl das Verwandte
biefer ragen, idj erfenne, daß im UUgemeinen Alles, was die Vermehrung
des NMationalreihthums fördert, aud) das Glück der unteren Claffen erhöht.
Bielleicht hat aber dody Smith diefe beiden Unterfuchungen für noch un:
jertrennlicher gehalten, als fie in der That find, wenigftens hat er nicht
auf biejenigen Fälle hingewiefen, in denen der NMationalveichthum nad) feiz
ner Srklärung wachfen Fann, ohne in gleihem Grade der arbeitenden Claffe
ein behaglidhes Leben zu verfhaffen. Yud) ftellt 3. B. Senior (Outlines
of the science of political economy, London 1836) viel uUmfaffender den
Druck focialer Yebelftände als die nicht zu befeitigende Folge von Natur:
zefeben dar. Daß fehon Machtavelli die nad) eingetretener Nebervölfkes
rung aufräumende Vernichtungstraft der Natur für ebenfo heilfam als
dernunftgemäß bezeichnet hat, habe ih in meinem erwähnten Xuffaße nach:
gewiefen. Das Bud) von Malthus ift auch darum fo merkwürdig, weil
26 an einer einzelnen Stelle eine ähnliche echt englifche Reaction gegen das
Findringen der Ideen der franzöfifihen Revolution darftellt, wie der parlas
mentarifhe Kampf Pitt’8 gegen For. Malthus ftellte feine Xusführung
über die unvermeidlidhe Wirkung der NMaturgefeke entgegen den aus dem
Ideenkreife des revolutionären Frankreidy gefhöpften Behauptungen God:
vin’s (Inquiry concerning political justice, London 1792), nad) welchem
nur die Megierungen und die politifchen Inftitutionen die materiellen Nebel
und Leiden der bürgerlichen Sefellfchaft und ber Sinzelnen verfhuldet haben
"ollten.
        <pb n="230" />
        221

andere auf dem nationalen Charakter des englifhen Bolkes beruhende in
Verbindung feet. Die bedeutendften Leiftungen der englifhen Theoretiker
find angeregt worden durch ein im praktifchen Leben hHervorgetretenes Bes
dürfniß 1). An diefes Enüpfen fie an, aber es bleibt ihre Hauptintention,
von ihm aus mit männlich firenger Logit einesS jener in dem Süterleben
waltenden Sefeße der realen Welt zu erobern. So geht felbft Nicardo
von gegebenen Größen der praktifchen Wirklichkeit aus, deren feharfe und
feine Beobachtung den Lefer gewinnt; aber bald fchreitet er mit rechnerifcher
Logik und mathematifher Uoftraction vor, und ohne an den Falten umd
Fühnen Flug feiner Speculation weiter die Erfheinung der lebendigen Er:
fahrung noch einmal prüfend zu halten, formulirt er das allgemeine Sefeß
des Silterlebens, So fchmwindet bei ihm und feiner Schule — und wie
vorwiegend if ihr Einfluß in England — mehr und mehr das Bedingte
und Relative, welches fihH in Smith’s Löfungen wirth{haftlicher Fragen
wahrnehmen Kßt, z. B. rückfichtlich des Verhältniffes der gegen die Verfol:
gung der eigennüßigen Privatbefkrebungen intervenirtenden Staatsgewalt oder
der Lehre über den Nußen des freien Internationalen Verkehrs, zu deffen
Verkündung gerade auch in England der fhatfächliche Beftand von Land,
Leuten und Capital unleugbar viel beitrug.
€ handelt fich hier für ung um die allgemeine, vorherrfchende Rich:
tung und Färbung der englifhen Theorie, und wir übergehen deshalb Hin:
weife auf die vereinzelten und fpäter hervorgetretenen Stimmen auch unter
den Nationaldfonomen, für welche die Bahnen zur Erzielung des social
welfare nicht mit der undedingten Hingabe an die Bahnen zur Steigerung
des common wealth im Smith’fhen Sinne zufammenfielen 2), Viel
mehr durchgreifend und bezeichnend iff jedoch ein Contraft ähnlicher Art auf
franzöfichem Srund und Boden. MNMirgends if in dem Grade wie in
Hrankreich der Segenfaß zwifchen der Arbeit und dem Capital zu einem
Haffe zwifchen Arbeitern und Capitaliften, die OEonomilche Krage Unmittelbar

') So namentlich auch die bekannten Heineren Schriften von Nicardo (auch
Protection to Agriculture, London 1822) und Zorreng.
Xuf Poulett Scrope’s (Principles of political economy deduced from
the natural laws of social welfare ett., London 1833) politifde Partei:
teilung hat fhon Rau in dem das Archiv eröffnenden Auffaße hingewiefen.
N. Sones’: On the distribution of wealth, London 1831 ift mir nicht
bekannt, und ich weiß nicht, ob er die Unterfuchungen über die Vertheilung
der Güter auf einen anderen SGefichtspunkt hin anftellt, als Ricardo, der
ja aud) in feinen Principles e&amp;amp; als die Hauptaufgabe der politifhen Deko:
nomie hinftellt, die Sefeße zu beftimmen, nad) weldjen der Ertrag von
Srund und Boden auf die Srundbefiker, Pächter und Arbeiter vertheilt
mMerde. —

A
        <pb n="231" />
        222

5 einer gefellfhaftlichen. ausgebildet. Die durch die Öffentliche Meinung,
man Fann fagen allgemein zugeftandene Sleichheit der Rechte für Alle hat
das Sefeß zu verwirklichen gefucht; die fajt von Niemand Öffentlich bezweiz
feite Steichheit der Anfprüche Aller treibt die thatfächlich Mindergenießenden
zum Kampf und Fluch gegen die Natur, und zeigt dem ohne Beifall un:
glücklichen Theoretiker die Bahnen zum Ruhm, Das feit Jahrhunderten
Aberregierte Land wird — im enaften Sinne des Wortes — von lauter
regierenden oder regierten Menfchen bewohnt, und gerade, weil in der fran:
zöfifchen Natur die Freude am Gouverniren, Decretiven, Organifiven liegt,
find die Regierten geborene Segner der Megierenden. Es if fchon lange
fein Seheimnif mehr, daß fid) gerade in Hrankreich hinter der hochtönendften
Phrafe von der Arbeit und Yufopferung für das Semeinwefen und die
Menfchheit der banalfte Eigennuß und Materialismus zu bergen pflegt,
gerade wie der Sranzofe fich die Freiheit aller verblndeten Mationen am
[iebften als Univerfalherrfchaft der aroßen Nation denkt.

Man wird aus der neueren Zeit wenige nationalSfonomifche Schriften
im diefem Lande finden, denen man es nicht anfieht, daß fie im Bewußtfein
und Angefichts der in allen Kreifen des BVolkslebens bedrohlich antwogenden
Kraftanftrengungen der handarbeitenden Claffen entftanden find, fei e8, daß
man für die gebilligten Wünfche des Proketariers die Gründe und Beweife
zufammenftellen will, fei es, daß man fich entfchuldigt, für die arbeitende
Stoffe auf einem anderen, als dem von ihr verlangten Wege beforgt zu fein.
So find im Gegenfaß zu England in erfter Linie die Beftrebungen, die
Münfche, die Bedkrfniffe, aber auch der Wahn und die Leidenfchaften des
Menfchen in Betracht gezogen worden; die Nachweife über jene natur:
gefeßlichen Mächte der realen Welt find auch von der Schule Say’s, obwohl
 fie fi auf die, freilich von dem mit fich felbft allein recht zufriedenen
Meifter unter Gebühr angefchlagenen Schultern des dam Smith ffüßte,
nur menig Über die Leiftungen der Engländer hinausgeführt worden. Den
Mittelpunkt, den Kern der Frage in der confroverfen Discuflion bildete die
Srörterung über das Capital (melches die Befigenden haben), die Forderunz
gen, welche die handarbeitenden Claffen erheben, die Synthefen und Untithes
fen von Capital und Arbeit, man möchte Lieber fagen, von Capitaliften und
Handarbeitern. Man glaubt fich in eine große parlamentarifche Berfamm:
lung mit einer perennirenden Tagesordnung verfebt, in welcher die Rechte
ta durch Say und feine feften Schüler, die Linke durch die eigentlichen
Socialiften, das rechte Centrum durch Schriftfteller, wie Dunoyer oder
Sofeph Droz, das linke etwa durch Blanqui, Michel Chevalier
vertreten wird; Villeneuve Bargemont repräfentirt den Grafen Monz
‚alembert, Proudhon den begabten Idioten, den BSegner aller Narteien,
        <pb n="232" />
        223

den Opponenten gegen jeden Borfchlag 1); nach der Stellung zu jener Haupt:
frage nimmt Feder feinen Plaß ein, mag er auch die Motive feines Votums
noch fo weither zu begründen fuchen. Während fi Say in der Bertheiz
bigung des Capitales nicht überall vor Uebertreibungen Hhinfichtlich der Sfono:
mifchen Kraft deffelben im Berhältnig zu den anderen Factoren hat zurück:
halten Eönnen, fieht man in den Schriften der entfchiedenen Socialiften auch
die Handgreiflichfte Wirkfamkeit der naturgefeblichen Mächte entweder wie
nicht vorhanden unbeachtet gelaffen oder gleichfam hinwegdecretirt. Wie
Eönnte es zufällig erfheinen, daf gerade Franzofen »fertige Syfteme« fo
haftig in die Wirklichkeit Übertragen wellen, Syfteme, nach welchen einer
centralen Regierungsgemwalt alle individuelle Freiheit geopfert wird, eine unz
bebingte Regelung und etatsmäßige Ausführung allein durdy die privaten
Thätigleiten in der Sefammtwirthfchaft waltet, alles GIF und Unglhe
von der centralen Springfeder, von der Stantsgemwalt abhängig wird. Die
Sörge, dem Menfehen alles denkbare GIF und Wohlbefinden zu bereiten,
treibt zur blinden Forderung des unbedingt Unmöglichen, und felbft ein
Sismondi, ficherlich einer der bedeutendften nationalökonomifchen Denker
Srankreihs, dem die Wiffenfchaft neben den fharfen Ausführungen gegen
die unbedingt gepriefenen Wirkungen des Cigennußes Hauptfächlich die be:
deutfamfte Anregung zur Erörterung der Frage über die Vertheilung des
Nationalreichthums verdankt, felbft Sismondi verfällt 2), hingeriffen von
der heißblütigen Sorge, den Armen von oben herab aufzubelfen, der natio:

Hy

Sch übergehe eine Anführung der bekannten Werke der erwähnten CHrifte
ffeller; an Say find auch die Schriften Baftiat’s anzureihen; bei Ville:
neuve Bargemont ift neben der Histoire de l’ec, pol. aud) „an bie
Economie politique chretienne etc. Paris 1834 zu erinnern. Bon Yroud:
hon’s Schriften ift mir außer der Schrift Qwest-ce-que la propriete
und dem Systeme des contradictions &amp;amp;conomiques zu Seficht gekommen:
Lettre &amp;amp; Mr, Blanqui sur la propriete (1841); Avertissement aux proprietaires
 ou lettre &amp;amp; Mr. Considerant (1841); De la ertation de Vordre
 dans ’humanite ou prineipes d’organisalion politique 1843; De la
concurrence entire les chemins de fer et les voies navigables 1845;
Organisation du credit et de 1a circulation et solution du probleme social
 2, cd. 1849; und in deutfcher Ueberfeßung »bdie Volksbank«, Frankf.
1849; theoretifher und praktijdher Beweis des Socialismus, ober RNevoluz
tien durch den Credit, Leipzig 1849; und Interet et principal disenssion
entre Mr. Proudhon et Mr. Bastiat, Paris 1850.
Sn der Schrift: De la richesse commerciale ou principes de l’economie
politique appliques ä la lögislation du commerce. 2 vlls. Genf 1603 ift
ber SGegenfaß gegen die Lehren Smith’s unbedeutend zu nennen im Ver:
gleich zu den Nouveaux principes d’economie politique ou de la richesse
dans ses rapports avec Ja population, 2 vils. Paris 1838, und den Etndes
 sur l’economie politiaue, Paris 1838.
        <pb n="233" />
        224

nalen Organifationsmanie, den focialiftiflchen Schablonen und Schematis:
men, obfchon et felbft fo offen bekannt hatte, daß, obwohl die Vertheilung
der Sewinnfte der Arbeit ganz fehlerhaft erfcheine, e$ ihm doch faft unmög:
lich vorkomme, einen Eigenthumszufiand zu begreifen, der von dem gefchicht:
lich gegebenen ganz verfchieden fei. Doc ift es ja eben eine Cigenthümlichfeit
 des franzöfifhen Socialismus, daß er vor dem Unbegreiflichen nicht zu:
eHcktritt.

Das jedoch Hat die Sany’fhe Schule mit der focialiftifchen Theorie
gemein, daß fie beide nur die »Menfchenrechte« bes Einzelnen in Betracht
ziehen, nicht die Menfehenrechte der gefellfchaftlihen Körper, deren Lebendige
Bewegung dort durch Xtomifirung und hiet dürh Berquidung aufgehoben
wird, daß fie beide die Gefege der phofifchen Bedürfniffe fo voranftellen, daf
die Gefeße der moralifchen und geiftigen Bedürfniffe ohne alle entfcheidende
Berlckfichtigung verbleiben. Ih weiß wohl, daß gerade Say die Pros
ductivität der geiftigen Arbeiten gegen Smith herausgeftellt hat, doch if
ja aud) fein Hauptgrund dafür bekannt: weil fie durch Taufchwerthe belohnt
werden, und daß er die Bezahlung folcher Thätigkeiten, deren unmittelbarer
Ertrag für die materielle Production nicht wahrgenommen wird — 8. SB.
dei der SeiftlichEeit — als unproductiven Verzehr anfieht; auch feine fehr
örbinären Urtheile über die Gefchichte, die Statiftit !) u. f. w. und den
Werth folcher Disciplinen Eönnen hier etwas erklären.
Trägt der vorzugsweife nur vom einzelnen praftifchen Bedürfniß zur
theoretifchen Arbeit angeregte Engländer gewöhnlidh nur einzelne Baufteine
sum Aufbau der NMationalsfonomie zufanımen, faft undekimmert darum,
tie fie fi zu einem größeren Ganzen zufammenfchließen, da er aus natios
nalem NMaturell doch gleichmäßig arbeitet, fo blickt der organifations(uftige
ranzofe am liebften gleich nach dem Siebel und zimmert das Serüfte, das
»Syftem« auf, das vorab eigene Ideen und auch eigene Einfälle des Meiiters
 zur Schau ftellen muß, beffen Plan längft entworfen ift, ehe das Mas
‚erial zum Ausbau erkundet und gefichtet ift, Auch glaube man nicht, daß
dei den Gegnern der Socialiften in Frankreich der Widerftand gegen die
Finmifchung der Staatsgewalt in das freie Spiel der Einzelnthätigleit den:
felden Sinn habe, wie jenfeits des Canals. Dem Engländer ift e&amp;amp; um das
mwirthfchaftlidhe Selfgovernment des einzelnen Menfchen zu thun, er nimmt
dier wie auf anderen Sebieten das private Leben gegen die Staatsgewalt in
Schub, er will das Befte für fih und das SGemeinwohl allein vollbringen ;
&amp;gt;a$ laissez faire et laissez passer der Say’ {hen Schule hat zum Stüg:
And Anfaßpunkte die ungehemmte und ungezlgelte Wirkfamkeit des GCapitales,
das die »Organifation der Arbeit« zum Gegner hat, ja die Sorge für das

‘) Vgl. oben S. 18, und meine Schrift: die Statiflik u. f. ww. S. 49 und 60.
        <pb n="234" />
        225

vom Gegner angegriffene Cigenthum, das nur durch ein: principlis obsta
gegen die »Anfänge des communiftifchen Naubes« ficher geftellt erfcheint.
Die Furcht vor den Confequenzen der Segner freibt zu ertremen Confes
quenzen; weil von der anderen Seite die Staatsgewalt zu einer Vernich»
tung aller individuellen Freiheit, zu einer Ummenfürforge für den groß:
jährigen Menfchen aufgefordert wird, verleugnet Say jeden Zufammen:
hang der wirthfchaftlidhen Dinge mit der Politik; um fich gegen die »Un:
griffe auf das Eigenthum« zu verwahren, welche in der organifirten Ver:
theilung der Arbeitserträgniffe durch jegliche Art von Schubzöllen erblickt
werden, fchreitet Say — und gleich ihm d’Hauterive, Roffi 1)
u. „f. wo. — in feiner Theorie der Abfagwege behufs einer Bertheidigung
der undbedingten Handelsfreiheit auch zu dem irrthümlichen Sage vor, daß
jede Nation ein unmittelbares Eigenintereffe an dem Prosveriven jeder
anderen und unter allen Umftänden habe 2) u. f. w.
Schreibt der Engländer - zumeift einen Essay, eine Inquiry oder
Principles , der Franzofe gern eine Theorie, ein Systeme, Elements
ober au) wohl eine Organisation — der Deutfche hat das »Lehrbuch«
allein —, fo finden wir in Italien häufig Meditazioni, Osservazioni,
Riflessioni, Dialoghi oder einen Trattato, Saggio u. f; w.; erft nach
einer verhältnifmäßig größeren Bekanntfchaft mit den Leitungen der Eng:
länder und Franzofen Fommen die Prineipj zum Borfchein ; das beftaunte
Buch Corvaja’s 3) verrieth fhon auf dem Titel. den AbkHatfch von
dem franzöfifhen Socialismus. In der That haben die Italiener, denen
die fyffematifch verbreitete, über einen weiteren Kreis gleichmäßig ausge:
dehnte Bildung abzugehen pflegt, während fie fich, unterfiüßt durch die
reiche Anlaae deg NMaturells, auf einem einzelnen Gebiete leicht unaemöhn:

1\

D’Hauterive: Elements d’&amp;amp;conomie politique. Paris 1817. Noffi:
Cours d’economie politique. Paris 1838.
YXuch an diefer Stelle gewahrt man, wie die Zugrundelegung des Eigen:
nußes früher oder fpäter ganz offenbar an einen Punkt führt, wo man
gerabe mit ben »Borderungen der Gerechtigleit« in Widerfpruch geräth.
Eine Nation hat Fein eigennüßiges Intereffe daran, daß andere Nationen,
welde im Großen diefelben Erwerbswege verfolgen oder fo:
weit fie dadurch zu Concurrenten in der Production werden,
prosperiren. Auch im Privatleben hat z. VB. der Handwerker ein eigen:
nüßbiges Intereffe daran, daß nicht nur die Confumenten feiner Producte
und alle Confumenten, fondern auch die Yroducenten prosperiren, nur nicht
die Producenten derfelben Soecies, feine nächften Concurrenten auf dem
Martkte.
La Bancocrazia o il gran libro sociale, novello sistema finanziero, che
mira a basare i governi su tutti glinteresi nositivi dei governati. 2 voll.
Milano 1840— 41.
Anies, volit. Detonomie.
        <pb n="235" />
        226

fi genau und gut orientiren, zur Ausbildung der Nationalskonomie als
eines fyftematifchen Sanzen nichts Srhebliches geleiftet, während fie für
zinzelne Stellen in demfeiben, für einzelne wichtige Sefichtspunkte BVorz
treffliches und einer dauernden Anerkennung Sicheres hervorgebracht haben.
Diefe Eigenthümlichkeit in ihren Leiftungen iff nicht wenig gefördert und
erhalten morden durch die Übgefchloffenheit der nationalen Bildung und
Entwicklung in Stalien ; auch in den Abhandlungen Khber Fragen der politifchen
 Dekonomie zeigt fich erft in der neueften Zeit in bemerklicherer
Weife eine Yufnahme der NMefultate des Auslandes V. Um fo mebr ift
anzuerfennen, daß wir zu vielen der bewundertften Leiftungen anderer
Nationen in SItalien vorlaufende oder gleichzeitige Analogieen vorfinden,
So fann Giammaria Ortes ?) zu gleicher Zeit als ein Vorläufer des
Malthus und als ein Geiftesvermandter Xdam Müller’s angefehen
werden; unabhängig von den franzöfifchen Schriftftellern und zum Theil
aud) der Zeit nach ihnen vorangehend finden wir die Hauptgrundfäge des
Mercantilismus 3) und der Phyfiokratie 4) ausgebildet und im SGegenfab
ju ihnen Hauptlehren des Adam Smith herausgeftellt; auch die Vrins
:ipien der Arbeitstheilung finten fich ziemlidh vollftändig durch Cefare
Beccaria 5) vor Ydam Smith erörtert. Saliani beftreitet Schon

Ueber die ziemlich entfpredhende Gegenfeitigkeit des Verhältniffes vergl. die
Sinleitung zu meinem erwähnten Auffaße über Machiavelli. Ich bekenne
ankbar, daß ich, abgefehen von meinen zufälligerweife fehr frühen Stubien
iber die italienifcken Gefhichtfhreiber, namentlidy durdy die wiederholten
Hinweifungen der Tübinger Zeitfhrift für die gefammte Staatsmwiffenfchaft
zu einer genaueren, Kenntnifnahme der nationaldlonomifchen Entwicklung
dei den Italienern angereat worden bin.
Segen bie vergeblidhen Beftrebungen zur Ausgleidhung der Vermödgensunter:
‚hiede (die Urmuth ein nothwendiges Complement des Neichthums), für
Nichteinmifhung der Regierungen, freien internationalen Verkehr, bei mel:
em die Völker gegenfeitig gleich viel gewinnen u. f. w.: Della economia
nazionale libri VI. Venezia 1774; Lobpreifung des mittelalterlidhen Güter:
lebens im Sinne X. Müller’8: Errori popolari intorno all’ economia
1azionale, considerati nelle presenti controversie tra i laici ed ; chierici
in ordine al possedimento di beni. 1771, und Dei fdeicommissi a famiglie,
a chiese ed a luoghi pii 1784. Die Malthus’fhe Anfhauung über die
Bevslferungslehre in Riflessioni sulla popolazione delle nazioni per rapporto
 all’ economia nazionale. Ven. 1790.
Bergl. 3. B. Untonio Serra: Breve trattato delle cause, che possono
far abbondare li regni d’oro e d’argento, dove non sono miniere 1613.
3. B. das fehon 1737 gefchriebene Buch Bandini’&amp;amp;: Discorso sopra la
maremna Sienese (weift aud) auf die Bortheile einer rafdhen Circulation
des Geldes hin).
Lezioni di economia pubblica. Milano 1769 -—71.
        <pb n="236" />
        227

1770 1), daß man in Bezug auf den SGetreidehandel abfolut wahre und
überall anmendbare Lehrfäße aufftellen fole; M. Agazzint ?) hat in:
mitten vieler mwirren Auseinanderfekungen die Analyfe der Sfonomifchen
Entwiklungsftufen der Menfchheit für nothwendig erklärt, um zu einer
Einficht der Sefeße zu gelangen, nach welchen die NMeichthümer entftehen,
zu: und abnehmen 3); Mengottt %) fuchte die Lehre des Mercantilfoffems
 und die der Phyfiokraten zugleich als einfeitig nachzuweifen u. f. W.
Wie erwähnt, auch die theoretifche Behandlung der politifchen DYekonomie
hat fich in Italien in der Ubgefchloffenheit gegen die Bildungsentwicklung
und die Schöpfungen des Anuslandes vollzogen, welche wir als einen allgemeinen
 Charafterzug diefes Volkes Fennen gelernt haben. Obfchon fich
die Theoretifer dort auch noch in der neueften Zeit an Aufgaben verfuchen,
welche ihnen nach genauerer Kenntnifnahme der ausländifhen Literatur
als bereitg entfchieden und gelöft erfheinen würden, if doch in den lebten
Sahrzehnten eine wenigffens verhältnifmäßig größere Bekanntfchaft ein:
gefreten, wodurch insbefondere ach der Trieb, die Fragen der politifchen
Dekonomie als ein größeres Ganze und im Zufammenhange zu behandeln,
dort einheimifh geworden if. Das Leßtere Streben zeigt fih fchon in
den Werken von Melhiorre SGioja 5) und Carlo Bofellini®%; eine
genauere Bekanntfchaft mit den Leiftungen des Auslandes (auch in höher
tem Srade wie bei Gioja) wird bemerkbar bei Francesco Zuoco 7),
Cbhitti 5), X. Scialoja %. Man weiß, daß gerade in Italien der
unermüdliche Eifer nach materiellem Erwerb unter dem Stachel eigennüßbiger
und genußfüchtiger Triebe nicht zu den fkarken Seiten des Volkscharakters
gehört; gerade dort ift auch am weniaften der Cigennuß zum Fundament

Dialogues sur le commerce des grains. Paris 1770. Nicht undhnlich ein
Sahr nadher Carki: Sul libero commercio de’ grani,
La scienza della economia politica, ossia principii della formazione, del
progresso e della decadenza della ricchezza, ed applicazione di questi
principii della amministrazione economica delle nazioni. Partie tenrica.
Milano 1827.
Nur fteht audh hier die Forderung zu der Ausführung in aar Feinem Vers
Hältniffe.
N Colbertismo. Florenz 1791.
Nuovo prospetto delle scienze economiche, ossia somma totale delle
idee teoriche e pratiche in ogni ramn d’amministraziane nrivata e pubblica.
 Milano 1815 fl.
Nuovo esame delle sorgenti della privata e pubblica ricchezsa, Mod. 1816.
Saggi economici. I. Serie. 2 Bde. Vifa 1825 und 1827.
Cours d’&amp;amp;conomie politique in der Verbannung gefchrieben. Brüffel 1833,
I prineipj della economia sociale, esposti in ordine ideologico, Neapel
1840. Franz. var H. Devillers. Paris 1845 (»refondu par Vauteur«).

1m&amp;amp;
        <pb n="237" />
        248

der nationalöfonomifhen Sefebe erhoben, . vielmehr von Verfchiedenen
Sefichtspunkten aus diefe Annahme geradezu angefochten worden. Es
Iäßt denfelben Sedankenzug erkennen, wenn man im Allgemeinen die An:
trengungen der Theorie, um die Wege zu einer möglichft großen Ver:
mebrung des. Öffentlichen Neichthumes zu finden, fo fehr zurücktreten fieht,
oder im Einzelnen etwa Genovefi!) fordert, der Menfch und fein
Wohl müffe Gegenftand der Sfonomifchen Wiffenfchaft werden, Fuoco
‘im ffiebenten Verfuch) verlangt, daß die PPrineipien der Moral und der
politifchen Dekonomie auf eine gemeinfame Bafis, auf das Wobliwollen
zurücgeführt werden müßten, oder Scialoja wenigftens zwifchen ‚der
Moral und der Dekonomie eine innige Verbindung deshalb erkennt, weil
die Begierden des Menfchen, welche die Moral in ihrem Urfprung, Wefen
und Wirken unterfucht, ein Glied der öfonomifchen Verbhältniffe bilden
uf. w. . Gerade diefe Natur des Italieners und diefe italienifche An:
Ihauung Über die Natur des Menfehen erklärt e8, daß man Feineswegs
:ttoa die Befeitigung der Auswüchfe und fchädigenden Einflüffe des Eigen:
1u8e$ durch ein Eingreifen der NMegierungsgewalten herbeigeführt wünfcht,
gegen welche ganz im Allgemeinen daneben auch fhon die Hundertjährige
Oppofitionsffelung der . Italiener gegen ihre Megierungen andrängt.
Abgefehen von den zahlreichen Erörterungen gegen das Eingreifen der
Staatsgewalten, 3. B. auf die DBeftimmung des Setreidepreifes, des Geld:
sinfes, erhebt fiH Verri ?) fhon vor Smith Überhaupt gegen Be:
fchränfungen der wirthfehaftlichen Privatthätigleiten durch die NMegierun:
gen, bie er ihrem Urfprung nach auf das römifche Necht zurücführt; fo
verlangt auch fhon Ortes, daß man Alles in den woirthfchaftlichen Dins
gen feinen natürlichen Gang gehen laffe. Die Italiener haben fig in
Holge der politifchen Berhältniffe des Landes daran gewöhnt, auch in die:
Tem Eingreifen der NMegierungen nur eine Seite drückender Herrfchaft
zu erblicken, weshalb fie umgefehrt — Pechio’8 bekannte Erörterungen
find dadurch faßt berüchtigt geworden — die Bihthe wirthfchaftlicher Ber:
Hältniffe oft fo unbedingt von der Größe der politifchen Zreiheit abhängig
machen, Während fie in theoretifhen Arbeiten durch die Oppofition
zegen den Druek einer wenig geliebten und oft auch wenig verffändigen
Kegierungsgewalt ebenfowohl wie durch das patriotifche und bumane Be:

j

Opuscoli di economia 1754 fl. Lezioni di commercio osia di economia
civile 1764 (Bassano).
Sefammelte Werke (Opere filnsofiche ed economiche), herausgegeben
Milano 1845.in 2 Bänden. Gioja dagegen fucht namentlich gegen ben
von ihm Häufig mißverftandenen und nicht nad) Gebühr gewürbigten Smith
Fälle nachzuweifen, in welchen das Singreifen der Regierungen in volfs:
‚virkpfchaftliche Angelegenheiten vortbeilhaft fei
        <pb n="238" />
        229

fühl für den Menfchen, der mit ihnen Lebt und leidet, praktifche Fragen
gern zum Ausgangspunkte nehmen, erhalten doch diefe Erörterungen der
gleihfam im Vaterlande friedlofen Menfchen einen Fosmopolitifchen Zug,
einen erpanfiven Charakter, wie, wenn ich nicht irre, fhon Buß ge:
fagt hat, und gern nehmen fie allgemein gefelfchaftliche oder allgemein
menf(chliche Intereffen zum AnEnüpfungspunkte. Der Seift der italienifchen
MReaierungen, beziehungstwveife der von dem Volke empfundene Druck, ift
namentlich lebhaft im Seld= und Steuerwefen hervorgetreten. So finden
wir denn auch gleich von Anfang an 1) EFrörterungen über das Münz:
wefen und das Geld, und. ununterbrochen gehen folche verbunden mit
Ausführungen über das Steuermefen bis auf die Gegenwart fort, Was
für Adam Smith etwa die Arbeitstheilung und das wirthfchaftliche
Selfgovernment des Einzelnen, für feine von. Say angeführten fran:
zöfifhen Schüler das Laissez faire und das Capital, das ift die Münze,
das Seld, das Steuerwefen, lange Zeit hindurch für den Italiener: Kern
und Ausgangspunkt zugleich für die nad) den verfchiedenften Seiten bin
ausgefponnenen Erörterungen. Wurden fie hierin vom Leben aus ange:
regt zu einer Vertretung der Intereffen des beherrfchten Volkes gegen die
Serthlümer oder den fehlimmen Willen der herrfchenden SGewalten, fo geht
auch überhaupt der fehöne Zug durch die nNationalölonomifche Literatur
Staliens, die Befferung menfchlicher Zuflände, die Heranbildung und
Kräftigung gemeinnüßiger Inftitutionen als das lekte Ziel der Wiffen:
fcbaft auch in den abftracteften Erörterungen nicht aug dem Auae zu ver.
lieren.

E$ wird doch auch in Deutfchland 2) der Einfluß unferes Volts:
charakters, unferer nationalen Eigenthümlichkeiten auf die Auffaffung und
die Ausbildung der Nationalökonomie unfchwer erkannt werden. Auf die
Ubgefchloffenheit der für das akademifche Studium berechneten, das. Hers
zindringen des Volksverftandes gleichfam abmehrenden »gelehrten« Bes
handlungsweife möchte freilich nur fo hinzumweifen fein, daß man fie als
eine Folge mehr des Öffentlichen Lebens wie einer Vorliebe der Univerfitätss
fehrer erfaffe. Auch ift diefe Scheidung der Lehre vom Leben und des
Lebens von der Lehre mwenigftens fehon feit Lift’s gemeinfaßlihen und
Für die Malle beftimmten Auffägen außerordentlich Eleiner aemorden: die

y So gleich der erfte Schriftfteller in Cuftodi’s Sammlung: Scaruff, discorso
 sopra le monete e ‚della vera proporzione fra l’oro e V’argento
aus dem Kahre 1582. Es ift ein Ausipruh SGanith’s, daß Italien fich
von jeher ausgezeichnet Habe durch bas fchlechtefte Geld und durch die beften
Schriften über die Münzen.
Sch enthalte mid hier noch mehr wie vorher der Vitelangabe bekannter
Merk
        <pb n="239" />
        230

Entwicklung des Zollvereins hat die Theilnahme des Volkes geweckt und
Bolksfchriften im beften Sinne des Wortes hervorgerufen; eine offenbar
bedeutfame, Vielleicht die bedeutfamfte Holge der freihändlerifchen. und
Fchubzöllnerifhen Vereine und insbefondere der erfferen ift es, daß jene
Scheidevand mehr und mehr vollends durchbrochen wird. Vielleicht ift
die etwas unpraktifche Haltung, insbefondere aber die vergleichweife lange
Ubfiraction von dem hiftorifchen und ftatiftifchen 1) Beweis eine Volge
auch jener früheren AWbgefchloffenheit; denn auf diefe Beweife wird eine
an das VWolksverftändnif appellirende Theorie bingedrängt, felbft wenn dies
felbe aus theoretifchen Gründen auf fe keinen großen Werth legen follte.
Uber giebt e8 einen Srundzug in dem deutfehen NMationalharakter, der
nicht auf die Ausbildung der nationalskonomifchen Wiffenfchaft in un
"erem Lande einen. bemerkbaren Einfluß ausgehbt hätte? Die Ynlage
jur pbilofophifchen Erfenntnif, der Trieb zur organifhen Syftematit in
allem Wiffen, die VBielfeitigkeit der Bildung, die Neigung und die Fähig:
Feit, fich das Zremde zu amalgamiren, d. dh. das ausländifhe Nahrungs:
product in deutfches Blut zu verwandeln, die Humanität, der Trieb für
Alles, was Macht hat im Leben, fittliche Srundlagen zu gewinnen, der
hiftorifhe Sinn, der echt hifkorifhe für die gefchichtliche Entwicklung, nicht
&amp;gt;oß der Sinn des Engländers für die Obfervanz — die Wirkfamkeit
ılfer diefer Eigenthlimlichkeiten in unferem Bolkscharakter finden wir auch
in der Entwidklung der Theorie der politildhen Dekonomie, Man kann
Deutfhland neben England als dasjenige Land bezeichnen, in welchem die
Eehrfäße und Erdrterungen Adam Smith’s die ftärefte Anerkennung
und Durcharbeitung gefunden haben. Dennoh — wie unleugbar die
deutfche Zähigkeit herbortritt in dem Felthalten der anerkannten Funda:
mente — im Ueberblife der allgemeinen Entwielung Fönnen wir doch
nur eine nachhaltige Fräftige Befruchtung wahrnehmen, nicht ein Yufzehen
 in den Mefultaten des verdienten Lehrmeifters. Sind die frühen
Schriften etwa eines Lüder, Jacob, Schlözer, Kraufe ein un:
mittelbarer Nachhall Adam Smith’, fo ift doch fhon vor ihnen felbft
Sartorius zu einer in einzelnen Punkten felbfiftändigen Kritik gefchrit:
ten, und bald warf fich der Philofophifche Zug in dem Seifte der Deutfchen
 vorab auf eine Berichtigung, auf eine Seftffellung und Klärung der
allgemeinen Grundbegriffe, der elementaren DBaufteine der Wilfenfchaft,
Und in diefer Beziehung ift nicht nur auf die unmittelbar für die Löfung
ner folchen Aufgabe beftimmten Schriften, etwa eines Hufeland,

}

In England hat der ftatiftifhe Nachweis namentlich durch M’ Culloh
eine ausgebehntere Anwendung gefunden; in Deutfchland hat fih auch in
diefem Punkte Nau befondere Verdienite erworben.
        <pb n="240" />
        231

Lob, Hermann, Thomas hinzuweifen, fondern e$ haben auch bie
zahlreichen, gewöhnlich zunächft für die afademifchen Sünger der Wiffen:
fchaften beffimmten Lehr= und Handbücher der Nationalskonomie, gerade
durch die immer wieder erneuerte Revifion jener Grundbegriffe auch für
die Fortbildung der Wiffenfchaft ihr mitunter fehr reichliches Scherflein
beigetragen. - Eben durch fie ift auch die fyftematifche Gliederung, der
methodifche Aufbau in der Behandlung ber Disciplin gewonnen worden,
worauf die deutfhe Nationaldfonomie gerade auch noch nach den ebenfo
wunderlichen als dreiften Yusfelungen Blanqui’s und Say’s ein
Recht hat ftolz zu fein. Die befondere Behandlung der_Bertheilung der
Büter erhielt nah Sismondi’s Anregung auch in. Deutfchland eine
willEommen gebeißene Yufnabme, und ay diefer Stelle_hat fich von Unfang_die
 Nüclicht auf das Menichenlehen neben.den Bezügen auf das
Süterleben geltend gemacht... Schon feit Hufeland hat der Sebrauchs:
werth neben dem Taufchtwerthe mwenigftens fo: viel Beachtung gefunden,
daß die von Louis Say 1) gegen die englifchen‘ und franzöfifchen Nas
tional$konomen gerichteten Vorwürfe auf Deutfehland nicht Übertragen
werden fönnen. Ueberhaupt wurde durch die Aufnahme fittliher und
politifher Moment? Der "Horizont der Nationalökonomie weit über die
Gefiesmeite Adam Sm {fb78 Binau8 erweitert, hier und da im’ ee
Färten Widerfpruche zu den von ihm angedeuteten Nichtungen, Die Lehre
‘ooh Demi tt Bert‘ wirthfchaftlichen Ehatigleiten” überall‘ waltenden und
wobhlthätigen Eigennuß wurde zwar auch von dem fharffichtigen Lo auf
die Natur des Menfchen zurückzuführen gefucht, aber er hat doch darin,
daß er in Condillac’fcher Anfhauung den Menfhen zu einem finnlich:
verftändigen Wefen degradirte, geringe Nachfolge gefunden. Auch bei den
erElärteften Anhängern Adam Smith’s haben die Humanen und fittz
lichen Elemente der deutfchen Seiftesbildung foweit wenigi{tens immer
eine wirtfame Gegenwirkung herbeigeführt, daß man nicht das Borhans
denfein, die wohlthätige und gegen Auswüchfe des Cigennubes auch für
nöthig erklärte Kraft der fittlihen und gemeinfinnigen Triebfedern und
Handlungen in den Individuen in Abrede geftellt hat. Lag doch die Uobeugung,
 yon. ber Auffafungsmeife, in melcher man. (ih. dag. mwirthfhaftlche
Heil_von dem ganz „freien Malten des Eigennußes. ber Einzelnen vers
fprach, fıhon in der Behandlung einer Bolksmwohlfiandenfleae oder Volks:

N

Vielleicht ift diefer Schriftfteller, der in mandjer Beziehung an Fr. tif
zrinnert, bei uns zu wenig Bekannt. Hier find namentlidh deffen: Prineipales
 causes de la richesse ou de la misere des peuples et des particuliers.
 Paris 1818 und die Etudes sur la richesse des nalions et refutation
des principales erreurs en 6conomie politique. Paris 1836 zu vergleichen.
        <pb n="241" />
        232

virthfchaftspolitit_neben den 1 eigentlichen Sefeben der „NationalöFonomie
an“ fi fon ganz offen vor. Aber im Grunde genommen haben doch
mehr tote-bie-rein- Seuchen“ Erörterungen die Hinweife auf die fitt:
lichen und politifchen Brundlagen, die jedes bürgerliche Gemeinwefen un:
umgänglich zu dauerndem Dafein und SGedeihen nöthig hat, durchgefchlagen.
Und in diefer Beziehung haben die im Schatten. und Licht des deutfchen
Lebens hervorgewachfenen Schriften Udam Müller’s und Friedrich
Rift’s eine unverfennbare Nachwirkung auch bei Denen hervorgebracht,
welche einen Elaren und feften Blik in die wirthfchaftlichen Srrthümer
jener. Schriftffeller befigen; man fann fich eben der irregeleiteten Anwen:
dung, der falfchen Mefultate Müllers Ear bewußt fein und doch die
Nachfolge nicht verfhmähen in dem Streben, die tiefere und gefchichtliche
Bedeutung des Volksledens auch. in der Volkswirthfhaftslehre zur ner:
fennung zu bringen, über der Berechnung von quantitativen Werthen die
fttlichen und politifchen VBedürfniffe des Einzelnen wie der Semeinwefen
nicht zu vergeffen. Und gerade durch die tiefere Erfaffung des MWefens
und Lebens eines Volkes mußte die Erkenntnif des innigen Verbandes
jwifchen allen Seiten und Yeußerungen des Volkslebens alfo auch der
wirthfchaftlidhen mit den anderen vorbereitet werden. E8 fcheint, als ob
gerade von diefer Erkenntnif aus die enfgegengefeßte Einfeitigkeit in der
Beantwortung der Frage über das Verhältnif der allgemeinen Staats:
gewalten zu der wirthfchaftlichen Thätigkeit der Cinzelnperfonen in Deutfchfand
 immer noch am meiften vermieden worden fei; von hier aus hat die
deutfche Nationalikonomie gegen den. Socialismus, man fann fagen, eine
nähere Vofition, aber zugleich eine viel gefichertere und ihn beherrfchende
Stellung gewonnen, weil ibm auch und zwar namentlich durch die Ver:
urtheilung der Forderungen zu begegnen ift, nicht bloß durch die NMichtigfeitserflärung
 feiner Organifationspläne und Proceduren. Sch halte e8
nicht für einen die Selbfifkändigkeit und die Schärfe des Charakters ges
Fährdenden Nachtheil, fondern für einen großen Vorzug der deutfhen
Nationaldfonomie, daß fie fo aufmertfam die Ergebniffe des Ausiandes
Senußt, von denen der Italiener durch Unkenntnif, der SFranzofe durch
Sochmuth, der Engländer durch feine SelbfigenügfamFeit in erfter Linie
abgehalten worden ift, Ybgefehen von dem Bortheil, alle für die vor:
[hreitende Erkenntniß fließenden DYuellen benußen zu Fönnen, fchärft die
Vergleichung das Urtheil und (Hüßt vor der einfeitigen Autorität wie vor
der einfeitigen Tradition. Chendeshalb Konnte die deutfche Wiffenfchaft
Das Gute und Dauernde von allen Seiten her fich amalgamiren und
durch die ihr allein eigenthümliche Lebenstraft doch auch wieder zu einem
elbftftändigen Gebilde herausgeffalten, fo daß auch an diefer Stelle der
Srund gelegt if zu jener „Tiefe, aus welcher die Fremden ihr Beites
        <pb n="242" />
        233

holen.« Wie verkehrt ift doch das Sefchrei, daß der Deutfche immer nur
bei anderen NMationen Stoppeln zu lefen gehe, um dann, was er gelernt,
gläubig nachzubeten, Das Sefchrei flammt nicht aus dem Auslande;
noch vor Kurzem hat e8, wenn ich nicht irre, BLlanquit den deutfhen
Nationalöfonomen bitter vorgeworfen, fie billigten nur das, was mit ihren
Anfichten übereinftfimme, und verurtheilten alsbald rückfichtslog alles Anz
dere. Gerade einen deutfchen »Smithianer« der neueren Zeit kann man
nur dann mit Smith felbft oder mit den Schülern ‚deffelben in England
oder Frankreich identificiren, wenn man — EFeinen Vergleich angeftellt hat
oder fich dabei auf die Säße befchränkt, über welche, fobald fie einmal in
der Wiffenfchaft zur Anerkennung gelangt find, eine fernere Differenz wes
niger hHarafkteriftifch als idiotifch wird. Selbft die bei den Deutfchen her:
vorgetrefene Trennung der Wolkswirthfchaftspolitit von der VBoltswirthfchaftslehre
 ift weder etwas bloß Weußerliches, fo daß fo nur zufammen:
gefaßt wird, was fonft vereinzelt an verfchiedenen Stellen zu behandeln
wäre, noch hat fie auf dogmatifchem Sebiete bloß den bekannten Wider:
fpruch gegen die Vorausfegungen zu Sunften des Privateqoismus heraus:
geftellt; vielmehr ift dadurch auch offenbar die Cinficht in die Ubiquität
des Zufammenhanges der Handlungen der Staatsgewalten mit den wirth:
[ehaftlihen Privatthätigkeiten und LebensFreifen gefeftigt worden; e&amp;amp; warb
näher gelegt, die für nothwendig erachteten jittlich - politifhen Fundamente
für die Lhöätigleit eiger Landesregierung Im Ulgemeinen auch auf das
öfonomifche Gebiet Möbefondere. Hinüberzuführen; es wurde die Crtenninif
bes Bedingten und der Macht der gefchichtlihen Situation für die Gefeko
der Matfonalöfonomie erleichtert oder vorbereitet. Denn wie fehr man
au immerhin das fich fets gleiche Gefeß von der überall zu modificiren:
den Anwendung deffelben abfcheiden wollte, fo zeigte man doch gerade dadurch
 den Segenfaß zwifchen der concreten Erfheinung und der abftracten
Sormulirung; von der Annahme, daß z. B. die undbedingte Gewerbefreiheit
an biefer Stelle oder unter beftimmten Zeitverhältniffen nicht unbedingt
gut fer, war Fein großer Schritt zu der Formel, daß fie an fih und für
fi weder gut noch fchlecht, und mithin die überkommene Formel nach dem
Princip des SGefeges der Melativität zu mobdificiren fei. Wie doch gerade
der in der Anwendung theoretifcher Wahrheiten auf das praktiflche Leben!
fo bedächtige und langfame Deutfche zu diefer Schluffolgerung zuerft ge?
langt ift, und nicht der geiffreichere Franzofe, der nicht haftig genug ein
ganzes Syftem von theoretifchen Sägen in die Mirklichkeit eingeführt
[eben Eann.
Was hier hinfichtlih der Leiftungen der »hiftorifhen Methode« in
Deutfchland für die Löfung der nationalifonomifhen Probleme in Kürze
anzureiben wäre, Fann füalich nach dem früher Gefaaten überaanaen wer:
        <pb n="243" />
        234

den. Ih Fann dem verehrten Begründer derfelben — für Manche we:
nigftens noch immer einem jener »Propbheten im eigenen Lande« — nicht
deiftimmen, wenn er zu feinen Vorgängern auch Stewart, Ydam
Smith, Malthus rechnet. Vor Allen wäre ficherlid Adam Smith
herauszugreifen, Aber wie oft ich .den echt gefchichtlichen Standpunkt
Smith’s der Vergangenheit gegenüber bewundert habe, wie gewin:
nend es iff, wenn er z. B. das Inftitut der Sideicommiffe zugleich ver:
theidigt und verurtheilt, ih habe doch nirgends eine Andeutung-gefunden,
aß Smith fich felbft und was er fordert, im Zuge der gefchichtlichen
Bewegung erfaffe, daß er auch feinerfeit$ auf den Standpunkt des Archi:
mebdes über der Erde und ihrem emigen Umfhrwunge, als auf einen für
den Bewohner der Erde unerreichbaren verzichte. Auch hier it es zu
Tage getreten, daß da, wo der Engländer und der Deutfche im Urtheile
Äbereinffimmen, doch jener mehr aus Ueberzeugung und faft inftinetmäßig,
yiefer aus Bewußtfein und NReflerion urtheilt.
Sch befchränke mich hier auf diefe Andeutungen über den Einfluß der
Nationalität auf die Auffaffung und Entwieklung der Nationaldkonomie
hei den genannten vier Nationen. Sie find es vor allen übrigen, welche
$ jeßt fih an den Aufgaben der politifchen Dekonomie ununterbrochen
mit werthvolleren Leiftungen betheiligt haben. Doch bedauere ich lebhaft,
feine Kenntnif der magyarifchen und der flavifhen Sprachen zu haben.
So viel ich nach Ueberfegungen urtheilen fann, if in allen Zweigen der
magyarifchen Literatur der Bolkscharakter ungemein fcharf ausgeprägt; die
Navifchen Volksftämme fcheinen auch in allen Fragen der politiflchen Dekos
nomie einen großen Segenfaß zu dem germanifchen Denken und Leben
herauszubilden. Was andere Länder betrifft, fo if in Belgien der beherr:
chende Einfluß der franzöfifchen Theorie in der Say’fhen Schule, gegen
welche nur Jobard mit gleich populärer Diection anfämpft, wie Baftiat
fie von Frankreich aus vertheidigt, ebenfo erfichtlih wie in Nordamerika
ber englifche. AU, Hamilton, der Verfaffer jener Reports, und Tb. Coo:
per (Lectures on the elements of political economy) repräfentiven den
Begenfaß der Wbigs und der Demokraten, der nordöfflichen zu den füd:
Iftlichen und weftlichen Staaten. Meine Kenntnif der fyanifchen Literaur
 if fragmentarifh und bezieht fi noch mehr auf die ältere Zeit, in
welcher ein lebhaftes Ankämpfen gegen. die das SEonomifche Leben berühs
renden Snftitutionen der Kirche, und gegen die mercantiliftifhen Berwal:
tungsmarimen der NMegierung bemerklich ift, als auf die neuere, in welcher
die Lehren Adam Smith’s eine bereitwillige Aufnahme gefunden zu
haben fcheinen 1.

‘) Val. auch die auf die Verbreitung der freihändlerifhen Srundfäge fich be:
        <pb n="244" />
        235

Sileich hier. würde ich auch noch den Einfluß der zeitlichen Mos
mente auf die Entwicklung der Lehren der politifhen DYekonomie neben
den Einwirkungen des Naumes, der Nationalität u. f. mw. hervorgehoben
haben, wenn ich nicht weiter unten ohnedies auf diefen Segenftand zurüdfommen
 müßte.

Wer die Bolkswirthfchaftslehre als eine Wiffenfchaft anfieht, der
wird e8 Eeinem Zweifel unterwerfen, daß es fih in derfelben um Sefebe
der Erfcheinung handelt. Die Wiffenfchaft unterfheidet fich eben fo von
dem bloßen Wiffen, daß diefes in der Kenntnif von Thatfachen und Er:
fcheinungen befteht, die Wilfenfchaft aber die ErFenntniß des Caufalitätszufammenhanges
 zwifchen diefen Erfcheinungen und den fie hervorbringen:
den Urfachen vermittelt und die Feftftellung der auf dem Gebiete ihrer
Unterfuchungen hervortretenden Sefeke der Erfeheinung erffrebt. In der
That if faßt jeder Nationalikonom bemüht gewefen, die Sefere, welche in
ben wirthfchaftlichen Dingen zum Borfhein tommen und wirkfam find,
hervorzuftellen. Aber in diefen überall unternommenen oder angeregten
Arbeiten hat man fich weniger mit den Fragen befchäftigt, von welchen
VBorausfekungen man ausgehe und auszugehen habe, in welcher Weife
man vorfchreiten wolle, was al$ Beweismittel gelten folle, von welcher
Art die Gefeße der Erfheinung feien, die hHerausgeftellt werden Fönnen;
gewiß Fragen von fundamentaler Bedeutung für die Wifenfchaft wie für
die Bedeutfamkeit der einzelnen Arbeit, Fragen, über welche man nicht
hinausgehen Fann, ohne bei jedem Echritte vorwärts wieder an fie zurücs
gewiefen zu werden, Cbhendeshalb kann man freilich erfehen, daß in allen
Strebungen und Beweisführungen gemwiffe Annahmen über jene Dinge zu
Grunde Kegen, und der für die Kritik nachweisbare Werth diefer Annahmen
 pflegt dann auch gewöhnlich über den Werth der Arbeit felbft zu ent:
feheiden. Den Mercantiliften (Hhwebten die Ueberzeugungen und die Ziel
punkte des privaten Handels: und Gemwerbsmannes vor, fie nahmen auch
das egoiftifche NMaifonnement deffelben zur Logifchen Bafis. Die Phyfto-Fraten
 feßten aegen die Megierunaskänfteleien die natlrliche YDrdnuna der

ziehenden mündlidhen Mittheilungen von Ramon de ia Sagra an den
Songreß der Freihändler in Brüffel 1847. (Congres des Gconomistes reunis
 a Bruxelles par les soins de V’association Belge pour la liberte&amp;amp; cammerciale.
 Session de 1847.)
        <pb n="245" />
        236

Dinge zurecht, gleich den EneyFlopädiften wollten fie NMechtfertigung vor
ber Vernunft, die in ihrer Zeit herrfchte, fie verweifen gleichfam auf den
S£onomifchen Naturzufand, gleih Nouffeau laffen fie als die Zeugen
deffelben einen Compler von »Menfchenrechten« auftreten, deren unveräu:
Berliche Seltendmachung, den Einzelnen zum SGlhE, in das Gemeinwefen
die Vernunft und Tugend führt. Sleich der fenfualiftifchen Theorie der
Franzöfifchen Pbilofophen nimmt Adam Smith an, was er bemweifen
mill, die allein herrfchenden und unbezwinglichen Triebe des Cigennubes in
dem Menfchen, gegen den fiscalifchen Abfolutigmus und die privatwirtb:
Fehaftlichen Sefichtspunkte der Mercantiliften feßt er die Freiheit der priz
baten Bewegungen ein, den Gemeinnußen und das Maifonnement für den
Nationalreichthum; gegen die Conffructionsmethode der PYhyfiokraten die
Erfahrungsbemweife Baco’8, In der neueften Zeit haben wir Hegel’s
und Herbart’g Denkevolutionen und Logifche Methoden in der NMationalöfonomie
 Plak greifen fehen; wie oft hat man daneben über das Mai:
[onnement an der einzelnen Stelle gehadert, während die Differenzen in
den Vorfragen, in den Ausgangspunkten und Zielpunkten lagen. Ohne
größeres Yuffehen ift der ftatiftifche Beweis neben anderen zur Anwendung
gefommen. Man fpricht von Srefeßen der Erfheinung und von NMegeln
der Lebenserfahrung, von. Maturgefeßem oder Entwiclungsgefeben, oder
von beiden zugleich, von philofophifcher, naturmwiffenfchaftlicher und hiftoris
fcher Methode u. f. w. — aber, offen gefragt, if über diefe Fragen die
Discuffion als dringlich erkannt, find die Entfcheide angebahnt, ift eine
Ueberzeugung möglich ohne Uebereinftimmung in der Logik der Beweisfühs
rung, hängt nicht die Methode unlösbar zufammen mit den RMefultaten,
find die Ausgangspunkte nicht entfcheidend?
Doch wozu weitere Fragen häufen, die fih Jedem von felbft aufdrän:
gen, wozu Hinweife auf das allgemeine Verhältnif, wo daffelbe am beften
durch das Eingehen auf das Detail und den Mittelpunkt der Fragen erörtert
 wird. .
Sobald man fih in den zu Tage getretenen Bearbeitungen der Boltswirthfchaftslehre
 über Bedeutung und Wefen nationalökonomifcher Sefege
zurechtfinden will, tritt e8 alsbald hervor, wie doch überall, wo es fih um die
Betrachtung und Beurtheilung des menfchlich gefchichtlichen Lebens handelt,
der Gegenfaß von Freiheit und Nothwendigkeit in den Entwieklungsmomenten
ji) herandrängt. . Selbft in jener Gefchichtfchreibung, weiche den Menfchen
gleichfam Loslöft von den NMothwendigkeitgbedingungen der Eriftenz in Zeit
and NMaum, fieht man denfelben Gegenfaß doch vor fich, in dem fich dem
‘ndividuell : perfönlichen Leben und deffen freier Selbftbeftimmung — ich
möchte fagen das generell= und nationalperfönliche Menfchenleben mit
feinen Trieben und Beftimmungen gegenüberftellt. Bleibt Lekteres von
        <pb n="246" />
        237

born herein auch für die SEonomifche Thätigkeit der Menfchen und Völker
in Geltung, fo werden doch hier unabweisbar die Elemente des Nothwen:
digen fhon durch den Begriff und die Erfheinung der wirthfchaftlichen
Thätigleit an fich fehr verftärkt.
Denn offendar it eine wirthfchaftliche Thätigkeit Überhaupt nur fo
denkbar, daß die menfchliche Thätigkeit mit den SGegenftänden, Producten,
Beftandtheiten der Außeren Natur fih in Berbindung fest. Bei diefen
Eann von irgend welcher freiem Beftimmung von ihnen aus nicht die Rede
fein; ihr Entftehen, ihre Kraftwirkung if durch Naturgefebe geregelt,
welche der Menfch auch nicht in der Benukung und Verwendung derfelben
brechen Eann; er Fann ffe nur leiten und lenfen, d. h. die an fich natur»
gefeblich fich gleich bleibende Kraft jener Dinge ‚in der einen oder an:
beren Form, in dem und jenem Maße u. f. w. zur Weußerung und Anwendung
 fommen laffen. Die Productionskraft des fetten und des mageren
 Bodens, die Treibkraft des fließenden Waffers, die Bewegungstraft
des comprimirten Dampfes u. f. w@. Äußert fih nach beftimmten und in
jedem Falle der Anwendung qualitativ fich gleich bleibenden NMaturgefepen ;
die mit oder ohne Hülfe des Menfchen erzeugten, für den menfchlichen
Verbrauch nüßlichen Producte der Natur haben eine beffimmte Eigenthlm:
lichteit für die Unmendung; die größere Summe derfelben Sattung von
Producten hat die größere Kraft für die Anwendung; nennen wir folche
aufgefparte Producte Capital, fo ift es als eine naturgefebliche Erfheinung
anzufehen, daß das größere Capital eine färkere Kraft befikt als das Heiz
nere u, f. w. Nun müffen wir aber wohl bedenken, daß die hier in Frage
Eommenden Naturgefeke Feine Gefehe der menfchlihen Wirthfchaft find,
fondern nur Naturgefege, welche überall und fomit auch für die Skonos
mifche Thätigkeit des Menfchen in Wirkfamkeit verbleiben; es find fomit
aud) nicht Naturgefebe der Volkswirthfhaft, fondern in der Volkswirth:
(haft zur Erfcheinung gelangende und von der wirthfchaftlichen Thätigkeit
zu beachtende Sefeße der Natur. So wenig wie die Sefehe des Falles,
der Schwere, der Hagelbildung, der Anziehungskraft, find »die feften Nas
iurgefeBe, nad) denen die verfchiedenen Arten fachlicher Güter entftehen,
verändert und zerftört worden, wie das YUufwachfen nußdarer Pflanzen mit
Hülfe des Nahrungsftoffes im Boden und in der Atmofphäre, die Ent»
fehung von Milch, Fleifch und Fett aus der Nahrung der Hausthiere« 1)
— an fih SGrefege der BVolkswirthfchaftslehre. Sie feftzufßtellen,
ihre Wirkfamkeit zu beftimmen u, f. w., if Sache anderer Disciplinen;
die Kenntnif derfelden zu erlangen, ift Sache des propädeutifchen Studiums
ber voltsmirthfchaftlichen Erfenntniß. Kreilich gewahrt man aleich, daß

) Rau, Grundfäkge der Volkswirthichaftsiehre, &amp;amp;. 11. N.

A
        <pb n="247" />
        238

aug der undkberfehbaren Mafje diefer Sefege der äußeren Natur eine betimmte
 Anzahl von größerer Wichtigkeit für die Volkswirthfchaftslehre ift,
weil fie gerade für die mirthfchaftliche Thätigkeit in Betracht Eommen,
Fin beftimmter Kreis aus der großen Maffe naturgefeblicher Erfheinungen
ift e8$, mit welchen der wirthfchaftlich thätige Menfh in Berkhrung tritt.
Sie, die durch die Thätigkeit des Menfchen in das SEonomifche Getriebe
hereingezogen werden, oder in den dem Menfchen nothwendigen Verbrauchs:
gegenftänden wirkfam find, bilden, ich wiederhole e$, nicht das Ganze der
mirthfchaftlichen Erfcheinung, ihre WirkfamEkeit {ft nicht das SEonomifche
Sefeß, fie find nur der naturgefebliche Factor in der wirthfehaftlichen Thatfache,
 Ein zweiter Factor ift das Ergebnif der Thätiakeit des Menfchen,
shne deffen Mitwirkung eben gar Feine wmirthfhaftliche Erfheinung
möglich ift; der Menfch tritt mit feiner Selbftdeftimmung leitend und
jenfend, verftärkend und ankämpfend, auf diefes und jenes Ziel hin an
jene naturgefeblichen Kräfte heran; erft indem feine Thätigkeit mit ihnen
zufammenwir£t, entffeht die $fonomifche Zhatfache; ein wirthfchaft:
Liches SGefeß Fann nur aus einer Combination der beiden Factoren ge:
wonnen werden.
Sene Sefehe der realen Welt — und ih meine damit das Ge
fammtgebiet der außer und neben dem Menfechen als naturgefeßlich geges
benen Kräfte und Größen — haben wohl, weil fie erfichtlid) überall wirken
und nirgends undeachtet bleiben Fönnen, eine‘ mehrfach unrichtige Beach:
tung und Antvendung gefunden. Man hat die Erfheinungen diefer Se:
feße der realen Welt als die eigentlich Sfonomifchen Thatfachen angefehen
und die menfchlihe Mitwirkung entweder. ausgefchieden, oder als irreles
vant für die Logit der Bolkswirthfchaftslehre unbeachtet gelaffen; oder
man hat auf die Darftellung derfelben, oder vielmehr nach der Form, in
melcher fie fich Außern, d. b. zur Ofonomifchen Thatfache mitwirken, wenn
5er Menfch wirthfehaftlih thätig wird, die Aufgabe der Mationalöfonomie
Sefchränkt, und fo wird es erflärlich, wie in einer Disciplin, welche in der
Entfcheidung aller ihrer Probleme auch über menfchliche Verhältniffe ent:
icheidet, die Unterfuchungsmethode naturwiffenfchaftlicher Disciplinen fich
fogar wie, allein berechtigt hinffellen Eonnte; wie in der politifhen Dekos
nomie, welche die Wirthfchaft der Völker in den ewigen Evolutionen und
Kortbildungen des nationalen und individuellen Lebens erfaffen will, die
sonftante Formel des NMaturgefehes jede andere verdrängen follte; warum
man glauben Eonnte, die Bolkswirthfhaftsiehre höre auf, eine Wifenfchaft
 zu fein, fobald fie darauf verzichte, derartige MNaturgefeße zu gewinnen
 und fie al8 nationaldfonomifche zu proclamiren. Gerade Udam
Smith zwar hat die mitwirkende Thätigkeit des Menfchen in feine Er
Zrterungen bineingezogen, und er Hat für die damaligen. Bedhrfniffe der
        <pb n="248" />
        239

Wiffenfchaft einen unverhältnifmäßig größeren Dienft, wie die Pbhyfiokra:
ten dadurch geleiftet, daß er gerade den Menfchen von feiner wirth{haftli:
hen Seite hereinzog, mährend die Phyfiokraten die fittlichen und politifchen
Bedürfniffe des Menfchen vorwiegend und gleichfam vorzeitig für die
Wiffenfchaft in Betracht genommen hatten, Aber gerade Adam Smith
fah auch fhon den Menfchen felbft als eine naturgefeßlidh wirkende Kraft
an; der feiner Annadme nach in allen Menfchen vorhandene, in allen ihren
Handlungen mwmirffame, immer auf daffelbde Ziel hin gerichtete inftinctive
Egoismus fonnte und mußte unbedenklich als eine naturgefebliche Größe
betrachtet werden, mit weicher man in der Herausftellung der national:
Öfonomifchen SGefeke in derfelben Weife, ebenfo ficher rechnen und bauen
Eonnte, mie mit der Befchaffenheit des Seldes, der Wirkung der Entfer:
nungen auf den Iransport, oder mit dem Unterfchiebe des fetten und mas
geren Bodens. Die Wirkfamkeit der NMaturgefebe widerffrebt nicht der
mathematifchen Formulirung, fie ift adüquat, faßbar durch den tn
Ausdruck der Sefeke der Größenlehre. Damit der Menfch daneben und
darunter fungiren Fann, muß er in der Seftalt der naturgefeglichen Kraft:
wirkung auftreten. In der That, unfchwer Fann man fich überzeugen, 4
daf in den nationaldkonomifchen Sefeken, welche auf den Egoismus des
Menfchen, als auf ein unerläßliches Fundament. gebaut find, uns nicht
der wirkliche Menfch, nicht der Menfch des ftatiftifchen Durckfchnitts, auch
nicht ein hegelfher »allgemeiner« Menfch, entgegentritt, fondern eine bloße
MNaturkraft in Menfchengeftalt, die Perfonificatton eines bloßen Begriffes,
des Begriffes des wirthfchaftlichen Cigennußges, dem Anfchein nach als
Menfch, in der That mit untermenfchlichen Berechnungen und übermenfch:
licher Kraft, Fähigkeit und Anftrengung. Ich habe fehon an einer frühe:
ven Stelle (in dem 3. Ubfchnitt S. 147 fl.) darauf hingewiefen, daß man,
um auf den Privategoismus des Menfchen in der gebräuchlichen Weife
das nationalöikonomifche Sefeß zu bauen, fich angefichts$ der gefchichtlichen
Lebenserfahrung, der pfychologifchen Beobachtung und der politifchen und
fittlichen Forderungen für den gedeihliden Beftand gemeinwefenlicher Ver:
bände zu Zugeftändniffen und Widerfprüchen gedrängt fieht, weiche diefen,
zur Formulirung des SFonomifchen NMaturgefeBes mitwirkenden Factor
feiner naturgefeblich wirkenden Kraft wieder berauben. Man muß offen:
bar, um nicht bloß für die Kraftwirkung der realen Welt, fondern auch
für die unter Mitwirkung des Menfchen zur Erfcheinung Eommenden $Eonomifchen
 Thatfachen auf der Bafis des Eigennuses den Charakter von
Naturgefegen beanfpruchen zu Fönnen, fich nicht nur den Menfchen in
feinem eigentlich wirthfehaftlichen Thun und Treiben nur von wirthfchafts
lichem Cigennuß erfüllt denken, fondern diefen wirthfhaftlichen Eigennuß
auch über jede nicht wirthichaftliche Thätigkeit dominirend fich vorftellen,
        <pb n="249" />
        240

zr muß eventuell der ftärkfte Trieb fein, die lebte Entfcheidung in Allem
abgeben. E$ muß weiterhin, um 3. B. die Sefehe des Preifes nicht im
Widerfpruch mit den Ihatfachen der Wirklichkeit zu finden, vorausgefebt
werden, daß Käufer und Verkäufer nicht bloß rein wirthfchafttich egoiftifche
Kräfte find, fondern auch, daß ihnen der freie Raum und die Fähigkeit
zegeben ift, in diefer Nihtung das höchftimögliche Ziel zu erreichen, daß
je alfo ftet$ ficher und erfehöpfend den Markt des Angebotes und der
Nachfrage überfeben, um ihre Forderungen und ihre Zugeftändniffe nach
der vorliegenden Möglichkeit einzurichten, daß fie fet$ den ihnen günftig:
ten Moment abwarten u. f. w®. Um den Preis eines foldhen Contraftes
mit der Wirklichkeit wird der Menfch, gleich den Ihatfachen der realen
Welt, ein Factor des Naturgefekes; nicht der gefchichtliche Menfch, fondern
ein abffracter Contrahent, nicht der ganze Menfch, fondern ein Factor in
ihm fchließt diefe Verträge. Aber auch nur fo weit, daß fie die even:
tuelle Wirkung des wirth{haftlihen Cigennukes in dem
Süterleben zur UAnfhauung bringt, erfheint die Formel geeignet,
Unter der Menge und Wucht der Ausnahmen wird die Megel erftiekt.
Die taufendfältigen  Unterfchiede der Zeiten und der Conftellationen der
Bölker und der Individuen bringen es zumwege, daß man die Verfolgung
des wirthfchaftlichen Privatvortheils in unkberfehbarer Hoftufung fich geltend
 machen fieht, mährend die Formel die größte Anftrengung in derfelben
überall zur Vorausfekung hat.
So kann man fagen, daß troß der erFlärten Heranziehung des zu
der Sfonomifchen Ihatfache mittirkenden Menfchen der gefhichtlihe Menfch
doch eigentlich nicht zur Beachtung gelangte; er wurde vertreten durch eine
immer gleichförmig wirkende, fich überall gleich bleibende Kraft, welche die
reale Welt in einer beflimmten NMichtung in Bewegung feet. Doch
muß auch bei diefer Annahme vor der Zuverficht auf die endgültige Fors
mulirung, vor dem Glauben an die abfolute Lofung gewarnt werden. Die
Sefeße der realen Welt, welche für die Öfonomifche Thätigkeit des Men:
jhen von Wichtigkeit find, zeigen der wirthfchaftlichen Thätigkeit des Men:
ihen ihr Dafein und Wirken; die Formen diefer wirthfchaftlichen Thätig:
%it, ihre Ausdehnung oder Befchränkung und Art laffen jene Sefebe unter
zinem beftfimmten und durch die Berhältniffe gegebenen Sefichtspunkt ers
[heinen , fie einem Theile nach oder im Sanzen, ifolirt oder in verbundes
ner Zufammenwirkung mit anderen Gefeßen zum Borfchein Fommen. Der
veflectirenden Theorie fellen fie fidh mithin theil®$ in wedhfelnden Formen,
theils in einer ffufenweife erfolgenden Erplication dar. Mit der zunehmenden
 Menge der Erfcheinungen und der Beobachtungen drängt die
Theorie immer weiter vor zum einfachften Kern der naturgefeßlich wirken
den Kraft, und zugleich zur ErEenntnif der combinirten Wirkungen in
        <pb n="250" />
        241

gomplicirteren Verhältniffen. Wenn deshalb auf dem Grunde vervielfäls
tigter und mannigfaltigerer Lebenserfheinungen eine frühere, d. h. auf
dem Grunde allgemeinerer und menigerer Beobachtungen gewonnene For
mulirung des Sefehes fpäter zu fpeciell oder zu allgemein befunden wird,
fo Eann dies oft nur als eine Ergänzung, nicht als eine Correctur der
Theorie in Betracht kommen, das früher gefundene wie das fpätere Sefeh
Fann relativ richtig fein, das eine wie das andere Kann die richtige Verallgemeinerung
 der bis dahin, beobachteten Erfcheinungen ausdrücken. YAYuch
wir müffen deshalb erklärtermaßen fo zu fagen das Protocol auch diefer
nationalö£onomifchen Sefeße offen hakten , gewärtig einer durch die Vers
mehrung und Vervielfältigung der Skonomifchen Lebenserfheinungen mög:
lichen Berbefferung unferer. Formeln, wie wir ja auch unter allen Umftän:
den auf eine Vermehrung der Menge der von ung erkannten SGefege der
realen Welt gefaßt find. Man kann auf ein analoges BVerhältniß felbft
binfichtlidhh der Grundbegriffe hinweifen, von deren Feftftelung unfere na:
tionalöfonomifchen Erörterungen auszugehen pflegen. MNocdy heutzutage
Jaffen fie fich verfhieden definiren, je nach den Vorausfebungen, welche
man zu Grunde legt. In der Entwielung der Zeit werden diefe Voraus:
feßungen durch das verfchiedene Maß der gegebenen Erfahrungen und der
möglichen Einficht an fich verfchieden hingeftellt. Wie hätte man in alten
früheren Zeiten die Productivität der Befchäftigungen, das Capital u. f. w,
ebenfo beftimmen Eönnen wie wir! Sehört nicht z. B. eine fehr beftimmte
Entwiklung der wirthfehaftlihen Verhältniffe dazu, in welcher eine CapitalEraft
 des Credites wahrgenommen und diefe Wahrnehmung in der Des
finition des Grundbegriffes Capital beherzigt werden Fann ?
Doch wir werden diefer Wahrheit auch noch in der Befprechung der
eigentlich volkswirthfhaftlidhen Theorie begegnen. Kehren wir hier
zurüg und wiederholen uns, daß eine Skonomifehe Chatfache nicht in
einer naturgefeblihen Manifeftation von Sefegen der realen Welt allein
befteht, daß fie vielmehr erft durch die Mitwirkung der Ihärigkeit des Men:
jhen zum Borfchein Fommt. Auch das nationalsfonomifche Sefeg Eann
deshalb nicht der Ausdruck von naturgefeßlihen Wirkungen der realen
Welt allein fein; das nationaldfonomifche Sefeß ftellt vielmehr eine ZUNGs
tion dar. Wie der Begriff der Gefdioindigkeit in der Größeniehre eine
Function {ft von Bewegung und Zeit, fo find auch die SEonomifchen That»
fachen und durch fie aud die nationalöfonomifchen Gefege Functionen Nas
türlicher und menfchlicher Kräfte der realen und der perfonalen Welt. Die
aug Ött und Zeit heroorgehenden Unterfchiede, in weichen fich die Wirs
Eung realer Kräfte darftellen kann oder das Wefen derfelben dem mit
ihnen in der Wirthfehaft zufammentretenden Menfchen fich ftufenweife ent:
faltet, und die BVerfchiedenheiten des unter dem Einfluffe der Bildungseles
KRuies, yolit. Detonomie,
        <pb n="251" />
        242

mente verfchiedener Zeiten, der Charaktereigenthümlichkeiten verfchiedener
Nationalitäten wirkenden Menfchen bringen die Varianten in den Factosen
 ber Functionsformeln hervor. Es mag hier vor der Hand nur be:
merft werden, daß fich auf diefe einfache Wahrheit ein SrundgefcB, welches
fich durch alle Theile der politifhen Dekonomie nach gefchichtlicher Methode
hindurchzieht, das Sefeg der Nelativität, zurücführen (ft; die rela:
tive Wahrheit und die dauernde Evolution der nationaldkonomifchen Ge:
(Be, die relative Anwendbarkeit berfeiben in der Volkswirthfhaftspolitif,
die relative Berechtigung an fich verfhiedener wirthfchaftlicher Knftitutiönen
ergiebt fich zuleßt in gleicher Weife daraus und das um fo ficherer, fobald
ber eine Factor, der Menfch, fobald auch er in feiner ganzen Bedeutung
und nach dem vollen Umfange feines Wefens in Betracht gezogen wird.
Und e8 dürfte wohl gar nicht mehr in Abrede zu ffellen fein, daß die
nationaldfonomifche Theorie neben das Sıundium der Sefege der realen
Welt, welche zu der Darftelung der wirthfchaftlichen Thatfachen und Erz
"heinungen mitwirken, das Studium des Menfehen, der perfonalen Welt
als nicht minder unerläßlich zu feßen hat, damit fie einen ganzen Unterbau
an die Stelle eines Theiles deffelben feße. Und bier eröffnet fich eine
weite Ausficht, die zunächft manches Schwankende in der Tradition und
manche neue Anfäge in der nationalöfonomifchen Theorie erklärt. In
feiner Weife Kinn, wie fchon bemerkt, zugeftanden werden, daß jenem Bes
dürfniß durch die Unnahme des im Menfchen wirkenden wirthfchaftlichen
Figennußes irgendwie Genüge gefehehen fei.. Durd) eine petitio prineipii
 hat man das pfychologifche und gefchichtliche Studium erfebt, ein
YUriom ffebt ftatt eines Nefultates vor ung, und felbft fo nur eine Parz
titel des Menfchen ftatt feiner Totalität, fein angeblicher wirthfhaftlicher
Trieb Losgelöft aus. der Einheit der gefammten menfchlichen Thätigkeitsz
Sreife. YUuch in feinem wirthfehaftlichen Verhalten tritt der Menfch nicht
als eine ffef@ gleiche Größe, fondern überall in concreter Verfchiedenheit
und im einer gefehichtlichen Entwielung auf; felbft die Naturtriebe und
inftinctiven Kräfte in ihm machen fich bald.ftärker, bald fchwächer, bald
allein, bald vermifcht mit anderen Motiven in der Wirthfchaft geltend; fie
treten wenigftens temporär öfter vor gewaltigen Strebungen zurück, Kein
Menfch verfolgt wobk zu irgend einer Zeit nur ein einziges Ziel, und auch
nicht in der ungebildeten Maffe Fönnen wir die wirthfchaftlich egoiftifchen
alg die ftärkften Triebfedern anfehen. Die »Megel« ift ficherlidh, daß in
dem Menfchen politifhe, religiöfe, ethifhe Triebfedern wirkfam find, und
ich megen der Einheit feines perfönlichen. Lebens auf allen Gebieten Seltung
 zu verfchaffen [uHen; daß er gar nichts fit, als eine Perfonification
des wirthfchaftlichen Eigennußges, möchte felbft als Xusnahme fchmer nach:
zulveifen fein. Aus der Stärke des Unterfchiedes zwifchen dem angenoms
        <pb n="252" />
        243

menen und dem wirklichen Verhältnif mag es zu erklären fein, daß wir
troß der Borausfegung des infkinctiven, überall gleichen Eigennukes ein fo
beredtes Schwanken über die AllgemeinglltigEeit der nationald£onomifchen
„Naturgefeße« gemwahren, fobald fie wirklich wirthfchaftliche Erfcheinungen
verallgemeinern, nicht bloß Zhatfachen der realen Welt formuliren. Selbft
durch die Schule Nicardo’s, weiche offenbar die Principien für. die Yufs
findung und die Formulirung von Sefegen der realen Welt am meiften
auf die unter der Cooporation des Menfchen hervortretenden Erfheinungen
der Bolkswirthfchaft zu Übertragen geneigt ift, geht ein Gefühl von dem
Unterfchiede nationaldEonomifcher und naturmiffenfchaftlicher Sefebe, und
ich vermag nicht abzufehen, warum NMau der Anficht M’ Culloch’s, daß
fich die volkswirthfchaftlidhen Sefeke im Segenfaß zu den phyfikalifchen
Befegen nur in der Negel, meiftentheils zu bewähren pflegten, bloß eine
vorbeigehende Ermähnung hat zukommen laffen. Die wirth{haftlichen
Friebe und CEhätigkeiten der Individuen, wie ganzer Völker, haben eben
fehon auf den erften fehärferen Blick folche Unterfchiede erkennen laffen,
baß man e$ nicht mit einem ewig und überall conftanten Wirken zu thun
habe. Und bei den fo vielerorts fich darbietenden Beifpielen if es über:
fMüffig, einzelne herauszugreifen, welche beweifen, daß neben die Forderung
von »Naturgefeken« in der Volks wirthfhaftslehre die Conceffion
geftellt ifk,- daß e8 Feine eigentlihen Naturgefeße im ferengen, d. bh. im
wahren Sinne des Wortes feien. Aber auch RNofcher, der fo entfchies
den das menfchliche Element in den wirthfchaftlicdhen Erfcheinungen berück:
fichtigt, zeigt in diefem Punkte eine, feinen Ausführungen fonft fo fremde
UnElarheit und Unbeftimmtheit. Wie oft begegnet man in feinen Arbeiten
der unbedingt Hingeftellten Forderung, es feien die „Naturgefebe« der
Volkswirthfehaft vorzuführen — aber welche Analogie verbleibt noch zu
dem allgemein gültigen Begriffe der Naturgefeke, wenn man. einen
Sag left, wie etwa den: »Inftitute, die Jahrhunderte hindurch und bei
bielen verfchiedenen Völkern in Kraft find, haben immer eine ftarke Ber:
muthung für fih, daß fie nicht den Naturgefeben oder, mit an:
deren Worten, dem wahren Bedürfniffe nicht zumiderlau:
fen« 2). Hier fieht man ganz deutlich, wie unter Fefthalten des Worfe8
 NMaturgefeß der allgemein giltige Begriff deffelben durch die Berücks
fichtigung des menfchlichen Tactors in den mwirthfchaftlichen Erfcheinungen
aufgeboben wird.
Mill man neben der Feftftellung der naturgefeßlich wirkenden Kräfte
ber realen Melt die in allen eigentlih SFonomifchen Thatfachen und Er:

1) Vdeen zur Politik und Statiftik der Aterbaufyfteme, in Raus Archiv
4845. S, 289.
        <pb n="253" />
        244

fheinungen cooperirende Thätigkeit des Menfchen, der perfonalen Welt zu
zrfajfen fuchen, fo wird man neben die Mefultare der Naturmiffenfchaften
die Mefultate der Pfnchologie und der menfchlichen Sefchichte zu fellen
haben. Man Fönnte fagen, e&amp;amp; muß durch eine geiftige Naturforfchung
die Ergänzung durch das anthropologifhe Element befhafft werden. Meine
Anficht über Dasjenige, was hier als conftant ‚in der allgemein menfchlis
hen Natur anzufehen fet, neben welchem Anderes theils in einer fortwähs
genden Entwicklung begriffen erfcheint, theil® dem Grade und der Verbreis
tung nach in merflihen Verfchieden heiten auftritt, Habe ih fehon in früz
herer Aueführung angedeutet. Als das Hauptergebniß diefer geiftigen
Naturforfchung muß fich zeigen, daß die Sefehe der Nationalökonomie,
welche die Berallgemeinerung wirthfhaftlidher Thatfıchen im eigent:
lichen Sinne des Wortes darftellen, und die man, gleich den SGefegen der
realen Welt, als ganz allgemein, unbedingt und conftant giltige »Natur:
gefeße« der Volkswirthfehaftslehre anzufehen gewohnt if, fich als eine
Wirkung auch concreter , gefchichtlicher Conjuneturen, alg Functionen ab:
hängig auch von einer der Veränderung nicht entzogenen, noch. entziehbas
ven SGeftaltung des menfchlidhen Factorg darftellen. 8 wird aber dabei
weiterhin im Auge behalten werden mülfen, daß das perfonale Eiement in
der Volkswirtbfchaft nicht bloß auf die Menfchen alg Indivdıen zu bez
ziehen iff, fondern aud) die Menfchen in ihrem gefelligen und fkaatlichen
Berband umfaßt, weil die Manifeftation der perfonalen Welt in demf.lben
nicht al® eine bloße Summe von Manifeftationen des ifolirten individuellen
Lebens angefehen werden Eann. Weil ferner die Crgenthlhmlichleit des
zinzelnen Menfchen, wie die eines ganzen Volkes. fich aus einem einbheit
üchen Springquell_erfchließt, alle Erfeheinungstreife der. men[hligHen hä
tigEeit fich auf eine Totalität zurückbeziehen. „und ebendeshalb unter einan:
der in Wechfelwirkung ftehen, fo Eönnen weder die Triebfedern der wirthz
jehaftliden Thätigkeit, noch auch die Sfonomifchen Thatfachen und Erfeheiz
nungen ihren eigentlichen Charakter, ihr ganzes Wefen offenbaren, wenn
fie nur ifolirt in’s Yuge gefaßt werden. Man muß einem Miıfverftänds
nif des Volks: und Privaılebens, wie der Volks: und Privatwirthfhaft
verfallen, wenn man die Uufgabe der wirthfchaftlichen Thätigleitskreife
allein auf wirthfchaftliche Zielpunkte, ftatt auf die Gefammttendenzen des
Lebens von Menfehen und Völkern geftelt glaubt. Die Befprechung dies
fer an das menfehliche Element in den wirthfehaftlichen Erfheinungen fich
anfnüpfenden Punkte wird ung unmittelbar zw einigen Forderungen fühs
sen, die in neuefter Zeit an die Nationalökonomie erhoben worden find.
Wenn Gefege der politifchen Dekonomie auf die in den Privatwirths
[haften fich fundgebende Thätiykeit gegründet werden follen, fo ift zu bes
denken, nicht nur daß die Individuen, abgefehen von den aus pbyfifchen
        <pb n="254" />
        245

BSefegen für alle Menfchen allgemeingiltigen Dafeingbedingungen, auch die
fogenannten allgemeinmenfehlichen Triebe und Strebungen, wie früher ers
mwähnt: worden ift, durch die verfehiedenartigen Sinflüffe von Zeıt und
MNationalıtät in concreter Seftaltung erkennen laffen, fondern auch, daß
die Peivatwirthfhaft als folche, wenn man fie fich ifolirt vergegenwärtigt,
etwas: Anderes bedeutet als die Privatwirthfchaft im Complere des Se:
meindeleben8 und des BVolksverbandes. Der Charakter, die Stellung, die
Tendenzen der erfteren müffen uns verfehieden von denen der lekteren etz
feheinen. Der Unterfchied entfteht dadurch, daß die MPrivatwirthfhaft im
leßteren Falle eben nicht ein für fid beftehendes Sanze ift, fondern ein in
ein größeres Sanze eingeflgter Theil und von diefem größeren Ganzen
aus Jmpulfe empfängt oder Wirkungen hinnehmen muß. Die Verbin:
dung und ihre Wirkung if theilg eine durch Befebe beftimmte, welche
auch gegen den widerffrebenden Theil durch Zmang aufrechterhalten wers
den kann, theils eine pietätifhe, deren Wirkungen in: der fittlich freien
That, in der politifchen Tugend, im SGemeinfinne hervortreten. Die
wirthfchaftliche Thätigkeit des Einzelnen ift durch die bloße Eriftenz des:
felben in einem Gemeinde: und Staatsverbande in vieler Beziehung ges
hoben, gefördert, in vieler Beziehung — mit Rücficht auf die einer
ifolirten Privatwirthfchaft unterzulegende Tendenz — befchränft 1). Seht
das werkthätige Schaffen für die Landesgenoffen oder das Gemeinwefen
aug ben ethifhen, gemeinfinnigen und patriotifhen Trieben in dem Eins
zelnen hervor, fo mird wenigffens eine NRückfichtnahme auf den Anderen
und auf des Ganze durch die Lebensordnungen eines Verbandes noths
wendig; denn auch die gefelligen und ffaatlichen Körper haben ihre »Mens
jhenrechte« und vor ihnen Fönnen nschigenfalg die der Sinzelnen felbft
verfiummen müffen; Feinenfals aber“ wird ein das Leben und die Zielpunkte
 eines Ganzen hemmendes oder vernichtendes Streben der privats
wirthfehaftlichen Thärigkeit fi irgendwie dauernd geltend machen dürfen.
Sobald man nun anerkennt, daß eine in das Gemeinde: und Volksganze
eingeflüigte Privatwirthfchaft vermöge diefer Einfügung beftimmte Impulfe
hat und in mancherlei Weife eine andere Haltung und Seftaltung ans
nehmen muß und immer angenommen hat, wie eine YPrivatwirth(haft,
welche man fich von allen Rechten und Pflichten, aus dem gefammten

Hy

Sch unterlaffe eine weitere Ausführung diefes Sahes, workber ausführlicher
bereits Schüz in dem Auffag: Das politiihe Moment in der Bolkswirths
jhaft. Tübinger Zeitichrift für bie gefammte StaatswiffenfHaft. 1844 —
gefprochen hat. Sch habe vergeffen, auf diefen Auffag fehon oben Hinzuweifen,
 wo von dem Sinfluffe des Territoriums auf die Volkswirthfchaft
bie Nede war.
        <pb n="255" />
        246

Saufalnerus von Wechfelmirkungen zwifchen ihr und dem Gemeinde: und
Staatsieben losgelöft denkt, fo Fann man auch nicht das Zugeftändnif
verweigern, daß die Privatwirthfchaft, weiche nun einmal überalt und im:
mer in jenem Verbande auftritt, als Privatwirthfhaft, als elementare
Einheit der Volkswirthfhaft, hier und dort, früher und fpäter, vers
Ichiebenartige elementare Einheiten der Wolkstwoirthfchaft bildet. Denn
e8 find doch ganz unleugbar die Bedingungen jener Unterfchiede zwifchen
einer ifolirt gedachten und einer in den Verband des Gemeinde: und
Staatslebens eingepflanzten Privattvirthjhaft ungemein nach Zeiten und
Nationen und felbft nach dem Gange der äußeren Erlebniffe eines Volkes
verfehieden. Man darf fich jedoch bei dem Forfhen nach dem perfonalen
Siemente in den wirthfchaftlihen Erfheinungen, wie bemerkt, nicht auf
bas Individuum befchränken, au wenn man erfaßt hat, daß mie die
Äußeren Grundlagen der Privatwirthfchaft, fo auch die perfonalen Bes
Ürebungen der Einzelnen im Gemeindeleben und Staatsverbande eben
durch das Sein und Wirken in der Senoffenfchaft einen befonderen Chaz
tafter erhalten müffen — vielmehr ift auch das menfchliche Clement in
der twirthfchaftlihen Thätigkeit des Ganzen, die perfonale Aetion des Vols
fe8 in den volkswirthfchaftlichen Erfcheinungen in Betracht zu ziehen,
Man wird diefes zugeben mülfen, wenn man fich eben jener Meinung
entfchlägt, daß der Begriff eines Volkes gleichbedeutend fei mit der bloßen
Summe der Individuen. In_allen Einzelnen ftellt fich die nationale
Perfönlichkeit doch nur in fragmentatijcher Drehung dar, Das Ganze
umfaßt alle Generationen, die zukünftigen wie die der Verganyenheit und
Segentwart, und fo ift die von ihm ausgehende perfonale Cooperation auf
ine alle Sefchlechter durhdauernde Wirthfchaft gerichtet; fie hat das
mirthfhaftlicdhe Wohl Aller in erfter Linie im Auge und Eann deshalb mit
der Thätigkeit der nur oder vorzugsweife fich felbft im Auge habenden
Individuen in vielfachen Widerftreit gerathen; die in der Charaktereigen-Hümlichkeit
 einer Nation als einer Totalität, oder felbft in der Entwick:
‚ungsffufe, auf welcher diefelbe als Sanzes ftebht, ausgeprägte Unfhauungsweife
 über die Verhältnifftelung aller einzelnen Thätigkeitsfreife des Les
dens gegen einander fucht fich auch möglicheriveife gegen die individuelle
Unfchauungsweife vieler Einzelnen, den wirthfchaftlidhen Dingen gegenüber
jur Geltung zu bringen u. f. w. Träger diefer eigenthümlichen perfonalen
Sooperation des Ganzen follen auch die allgemeinen Staatsgewalten fein;
re wirthfchaftlichen Sefichtspunkte Fönnen deshalb in einen Gegenfag
zu den wirthfchaftlichen Sefichtspunkten Einzelner treten, noch öfter aber
ihre auf das Sefammte des Volkslebens gerichtete Thätigkeit mit der nur
»der vorzugsweife von wirthfhaftlihen Sefichtspunkten beherrfchten Intention
 von ndividuen.
        <pb n="256" />
        7

Hier nun ift e8 Zeit, die unmittelbaren Folgerungen zU ziehen aus
dem früher befprochenen Sabe, daß jegliche Thätigkeit des Menfchen wie
alle Lebensäußerungen eines Volkes aus dem einheitlichen Punkte de
menfchlich perfönlichen Dafeins und Wirkens ausgehen. Die wirthfehaft“”
Lie Thatigleit, ihre Motive und fomit auch der Seift in ihrer Geftaltung
Fönnen nicht auf einen befonderten , für fich beftehbenden Punkt in dem
Beben der Menfchen und Völker zurückdbezogen werden. Perfonales Leben
und Mangel eines einheitlihen Mittelpunktes ft ein contradietorifeher
MWiderfpruch; wo er bemerkt wird, ft er nur feheinbar. Ulles, was auf
diefen geiftigen Mittelpunkt des perfönlichen Lebens einwirkt, brinat mitz
telbar Wirkungen in allen Yeußerungen menfehlicher Thätigkeit hervor.
Daher ift die Lebengentwicklung der Einzelnen wie ganzer Bölfer und
Beiten im Denken und Thun von einem allgemeinen Standpunkte aus
betrachtet doch immer in einer einheitlichen Bewegung begriffen; diefelben
Grundftrömungen fuchen fich allmätig in allen Kreifen der Erfcheinung zur
Darftelung zu bringen und die Manifeftationen des Bolksledbens in diefen
perfchiedenen Kreifen, wie fie von einem Kerne aus hervorgetrieben werden,
ftehen auch unter einander in einem inneren wie äußeren Verbandes; der
BSeift, der in Allen waltet, fucht fich auch überall in analogen Formen
auszuprägen. Und wir dkürfen ung im Hinblik auf SEonomifche Beftres
bungen und Inftitutionen verfchiedener Wolter und Zeiten nicht darauf
Gefchränken, zu fagen, die volfswirthfchaftlihen Dinge und die National:
Sfonomie haben »auch eine politifhe Seite«, Ebenfo hat umgekehrt jede
Politik und jede politifhe Action ihre wirthfchaftlihe Seite. Zugleich
bleibe e8 fern, diefes Berhältnif nur zwifhen Politit und Dekonomie
Elarzuftellen; e8_ift ein Zufammenhang zwifhen allen Culturelementen,
der in Frage Eommt, Oder hat nicht 3. B, jede EthiE eine nationale
SEOHoTGE Seite? nicht die Volkswirthfchaft und die BVolkswirthfhaftss
‚Jebre umgeFebhrt eine ethifhe Seite? Uber wohl ift Die But Bag
noch weit weniger beachtet als jener, mit deffen Beachtung erft in der
neueren Zeit der Anfang gemacht worden ift. Es dürfte freilich nicht un#
nöthig fein, hier zu erinnern, daß durchaus nicht das Gebiet der National
Skonomie in’s Ungemeffene oder wenigftens über ihre eigentlichen Grenzen
hinaus erweitert wird, wenn der Zufammenhang, in welchem das wirth»
fchaftliche Leben eines Volkes mit den übrigen Erfcheinungstreifen thatz
fächtich unlengbar fteht, diejenige Beachtung findet, ohne welche ein ol
Les Berftändnif der fpecififch SFonomifchen Thatfachen unmöglich wird;
die Öfonomifche Unterfuhung kann immer dabei nächftes und hauptfäch:
fiches Object bleiben. Die Nothwendigkeit, fich das gefammte Volks:
leben vor Augen zu führen, um fein wirthfehaftlihes Leben ganz zu bes
areifen, frellt fih dem Nationaldfonomen insbefondere Mar vor Augen,
        <pb n="257" />
        248

wenn er eine weitere Hauptaufgabe der Wiffenfchaft fich vergegenwärtigt:
die Bolkswirthfhaft und ihre Darftelungen im Einzelnen in der gefchicht:
lichen Bewegung feftzufellen, mie man heutzutage oft gefagt hat, die
Entwidlungsgefebe der Volkswirthfchaft zu gewinnen.
Diefer feit der erften bewußten Hinweifung auf eine hifkorifhe Mes
thode der NMationaldkonomie erhobenen Forderung, daß die volksmwirth-[haftlidhe
 Theorie die Entwiclungsgefebe der Volkswirthfchaft vorzuführen
habe, hat in dem Sinne, wie fie gemeint wird, durch unfere vorhergehen:
den Betrachtungen nicht genügt werden foden.. Wir fahen nur, jegliche
wirthfhaftliche Thatfache entfteht erft durch die Cooperation einer
zealen und einer perfonalen Kraft. Die Gefeke der realen Welt an fich
find Feine wirthfchaftlichen SGefebe; SEonomifchgefebliche Thatfachen Fommen
 erft fo zum Vorfehein, daß der Menfch, welcher mit wirthfhaftlicher
Ubficht thätig wird, eine Manifeftation der naturgefeblih wirkenden realen
Welt, der Natur und des Vermögens hervorruft. Da diefe Manifeftation
nur durch den gefchichtlich fih entwickelnden Menfchen hervorgerufen und
erfannt wird, fo findet eine mit dem wirthfchaftlich fich entwiekelnden Men:
[henigefchlechte dauernde Erplication jener: Naturgefeßlihen Erfcheinungen
Hatt; fie find deshalb weder ihrer Summe nach für abfolut abgefchloffen,
noch ihrer qualitativen Formulirung nach für abfolut richtig zu erflären.
YWAber felbft diefe Manifeftationen naturgefeßlicher Kräfte in der Wwirth:
fhaftlihen Welt müffen aus ganz conereten Erfheinungen abfirahirt wer:
ben, aus Erfheinungen, weiche der Yusfiuß eines Volkslehens in feiner
dauernden Entwicklung, unter beftimmten territorialen Bedingungen find.
Diefes Lebendigmerden der Skonomifhen Triebe und Sefeße im Sanzen
des gefchichtlihen Volkslebens felbft, diefes gefhichtliche Formgewinnen der
wirthfchaftlichen Gedanken des Menfchen und der ruhenden Sefeke der
realen Welt — e8 bildet für den NMationalstonomen nicht das Mefervoir
eines ‚Hilfsftudiums, fondern if unmittelbares Arbeitsobject, für ihn, der
28 mit der Wirthfhaft des Volkes, d. h. einer zeitlidh dauernden, in Leben:
diger_ Wirklichkeit fich‘ manifeftirenden nationalen Verfönlichkeit zu thun
hat; der, wo und foferit er fich auf die lebendige Erfahrung ftkbt, immer
auf die concreten Formen der wirth(haftlichen Erfcheinungen vertiefen if;
ber felbft dann, wenn er abfichtlidh feine Arbeit auf die Gewinnung der
naturgefeblihen Erfheinungen der realen Welt befchränft, doch auch dann
Für die Verwendung und Antvendung feiner NMefultate die UYnknüpfung
mit den gefchichtlihen Lebensformen fuchen muß. Wir fprachen es nun
[hon aus, die wirthfehaftlihen Manifeftationen des Volkslebens zeigen
fi gefhichtlich untrennbar verbunden mit dem gefammten Dafein der
Böller, Diefes gefchichtliche Leben der Völker ft aber in einer ewigen
Bewegung und Entwicklung begriffen; ebenfalls muß auch die SEonomifche
        <pb n="258" />
        249

Thätigkeit der Völker in einer ununterbrochenen Bewegung und Entwiek,
[ung fein, und es wird die Yufgabe der Wifenfchaft, diefe Öfkonomifche
Entwicklung des Volkstebens zu erfaffen und feftzuftellen; fie wird fich
hierbei einmal die gefchichtliche Manif-ftation der fich von Stufe zu Stufe
bewegenden Volkswirthfchaft zw vergegentwärtigen haben und dann die
BSefege, welche diefer Bergegung zu Grunde liegen, zu gewinnen fuchen
müffen. Soweit ich fehe, ift der Unterfchied diefer beiden Aufgaben Feines:
weg$ genügend in Betracht gekommen.
Es ift fchon früher darauf hingewiefen worden, wie befondersg unter
den deutfhen NMationalökonomen mebrere den Berfuch gemacht haben, die
gefchichtliche Manifeftation der von Stufe zu Stufe fic fortbewegenden
Volkswirthfchaft feftzuftellen; e$ ift bald erkannt morden, daß auch noch
der VBerfuch von Friedrich Lift, ftatt fich dem erft noch herauszuftellenden
Detail der gefchichtlien Thatfachen hinzugeben, die überkommenen Tradi:
tionen zum GConffruiren und Schemartifiren von allgemeinen SGruntfägen
aus verwendete, Im Allgemeinen — Nofcher’s$ Arbeiten bilden eine
befannte Ausnahme — ift mehr nach einem Ausdrucke für den Gefammthabitus
 der BVolkswirthfchaft auf einzelnen Stufen gefucht worden, als
daß man die partielle Darftellung deffelben in den mannigfaltigen SEonosz
mifchen Erfcheinungsfreifen von FMeinerem Umfang und deren organifches
Sefüge unter einander nachzuweifen erftrebt hätte, fo daß hier noch un:
beftreitbar ein unabfehbareg Arbeitsgebiet fich vor uns ausftret. Bet
den vorliegenden Löfungen jener Aufgabe find mancherlet Grundwahrheiten
 überfehen worden, durch welche die Güte des NMefultates doch von
born herein bedingt‘ erfcheint. So ift die einheitliche Bewegung des
Volkslebens, mit anderen Worten die Bewegung der Bolkswirthfchaft in
Verbindung mit den gefammten Lebensformen der Nationalitäten miß:
achtet oder überfehen worden; es ift außer Acht gelaffen worden, daß die
Entwieklungsftufen der Bolkswirthfchaft nimmermehr in einer folchen
Verallgemeinerungsformel fich vergegenwärtigen Laffen, welche die Wirs
Fungs£fraft des thatfächlichen Unterfchiedes der Territorien und der Nationalität
 geradezu in Abrede ftellt oder überfieht; e8 ift der_Unterfchied
zwifhen ben Entwielungsftufen in der Mirthfhaft des einzelnen Volks:
lebens und dem Entwicklungsgange der Voltswirthfhaft. in der. menfih:
beitlichen, durch das Leben der Volksindividuen nicht begrenzten Bewegung,
mit anderen Worten, der Einfluß der Zeit an diefer Stelle, des fortwährenden
 allgemeinen Vorfchrittes durch die bleibenden Culturelemente, durch
die unvergängliche Tradition der einmal eroberten Erfahrungen nicht zur
gehörigen Beachtung gelangt. Auch von Nofcher ift hier nicht überall
das Michtige gewahrt worden und in Einigem hat er, wie mir fcheint,
yofitive Mißagriffe aethan.
        <pb n="259" />
        250

Doch in Feiner Weife Hinfichtlich des erften Punktes. . Serade durch
Sie wiederholten präcifen Ausführungen über. den engen Zufammenhang
ber wirthfchaftlichen Lebensformen der Völker mit ihrem gefammten polis
tifen Dafein und Wirken hat NRofcher fich die größten Berdienffe ers
worben; diefe NMachweife allein würden ihm eine bleibende Stelle in der
Sefchichte der nationaldkonomifchen Wiffenfchafe fichern. So fagt
Nofcher z. S. an einer Stelle 1): »Ie tiefer Jemand eindringt in die
Renntnißg der mwirthjchaftlichen Welt, defto weniger wird er glauben, fie
aus bloß mwirthfchaftlichen Eiementen fchon vollftändig erklären zu Einnen.
Wer Fann einzelne Richtungen eines Menfchen verftehen, der nicht feinen
ganzen Charakter erforfcht hat. Das Lben eines Volkes ift nur eines,
Mögen auf der Oberfläche die einzelnen Neußerungen deffelben, politifche,
juriftifche, religiöfe, fociale, noch fo weit aus. einander liegen, im Inneren
find fie doch aus Einer Wurzel. Sie bedingen, fie erklären fich gegen:
feitig. Wenn 3. B. die natürlichen Verhältnife des Bodens, des Abfaßes
u. f. w., alfo Dinge der materiellften Art, ‚ein gewiffes Feldfyftem nöthig
machen, fo werden inggemein auch die Verhältniffe der Geburtsftände, der
Staatsverfaffung, des Gemeindewefens, der ganzen Sitte genau fo bes
fehaffen fein, um von anderen Seiten her auf daffelbe Feldfoftem hinzuführen.
 Alles Fommt und verfhwindet zufammen.« Diefe Wahrheit,
welche einen Grundpfeiler der nationalskonomifhen Theorie »nach ge:
fchichtlicher Methode« abgiebt, hat NRofcher in feinen zahlreichen Yufs
fäßen immer vor Yugen gehabt. Vielleicht daß man das Fundament,
zuf welchem fie fich erhebt, noch feßter ftüßen Eann; daß man ihre Trage
weite noch in einem größeren Kreife wirkfam nachzumweifen hat. Ich habe
ingbefondere durch den Nachweis des einheitlichen Springquelles der Triebe
wie der Handlungen in dem menfchlih perfönlichen Leben die Urfache
jener Erfcheinung nachzuweifen gefucht und darauf hHingewiefen, daß alle
ambildenden Eindrücke und Einflüffe auf diefen einheitlichen Kern des in:
dividuell: und nationalperfönlichen Lebens ihre Wirkungen nach allen Seiten
hin geltend machen müffen. Dadurch wird e$ gerade erklärlich, daß wir
zinestheil$ nicht nur »die BVerhältniffe der Seburtsftände, des Gemeinde:
wefens, der Staatgverfaffung, auf daffelbe Feldfyftem hinführen«, fondern
zuch umgelehrt diefelbe urfächliche Kraft vom. Feldfyftem aus auf die
ganze Sitte, das Semeinderwefen u. f. w. ausgehen fehen , anderentheils
aber auch bei den menfchlichen Trieben und Handlungen, die als fpeciell
politifche oder Öfonomifche u. f. mw. fich darftellen, nicht an allein »polis
tilche« oder »OEonomifche« Motive zu denken haben, vielmehr uns gewärs

* Sdeen zur Politik und Statiftik der UeFerbaufyfime, ZIweite Hälfte, In
Nau’8 Archiv 1845 S. 290.
        <pb n="260" />
        251

tig halten müffen, den einbeitlihen Strom der überall fih geltend mas
chenden Friebkräfte aus gemifchten Motiven wie aus verfchiedenen Zu:
flüffen her erftarEt zu fehen. AYuch in der SEonomifchen Kraftanffrengung
wicd. der totale Menfch thätig, und es ift eine bloße Annahme, daß er bei
jener auch nur rein öfonomifche Sefichtspunkte im Auge haben Fönne,
Somit Fönnen wir auch erft aus der Kenntnifnahme der Bewegung in
dem ganzen Volksieben auf die einheitlichen inneren Triebe Fommen, von
denen aus auch die Formen des wirthfchaftlichen Lebens ihre Seftaltung
erhalten; auch ffe ffehen unter dem Einfluffe ganz algemeingefchichtlicher
Sreigniffe; die wirthfehaftlidhe Entwicklung erhält durch die politifhe
u. f. wo. ihre Ergänzung; für den Nationalökonomen liegen in der lekteren
auch die Bewweife, daß er die erftere richtig erfaßt habe. Wenn wir pofitive
Nachweife ber die gefchichtlihen Entwiklungsftufen der Bolkswirthfchaft
in gar Feine Relation zu der Entwicklung des gefammten DVBolkslebens
 gebracht fehen und auch nicht zu bringen vermögen, Fönnen wir
ficher fein, eine verfehlte Arbeit vor uns zw haben.
Daß die Territorien, auf welchen die Völker, fet es von unvordenklichen
 Zeiten her oder nach einer Einwanderung, wohnen, gerade auch in
Beziehung auf das wirthfchaftliche Leben überall fehr verfchieden feien,
daß fih Völker gegen Völker durch ‚einen befonderen nationalen Charakter
bon einander unterfheiden, ift gar nicht al8 beftritten anzunehmen. AWber
wie Eönnen denn NMachweife von gefehichtlichen Entwikkiungsftufen der
Volkswirthfchaft auch nur einen Augenbli lang uns im Zweifel über
ihren Werth laffen, wenn wir in ihnen jeder Nückjicht auf die Verfchtes
denheit der Territorien und der Nationalitäten widerfprochen fehen? Und
wenn wir etwa felbft die Nationalitäten der Völker hinter die in allen
Völkern wahrnehmbaren allgemeinmenfhlichen Triede und Ihätigkeiten
follten zurücktreten laffen wollen, giebt e8 eine Ausrede, melche uns den
Unterfchied der natürlichen Grundlagen für die Volkswirthfehaft als nich:
fig und gleichgiltig zeigen Fönnte? Und doch. fchleppen wir uns gerade
mit folhen Entwidlungsfiufen der Volkswirthfchaft noch immer herum,
Friedrich Lifk’s Behauptungen zumal Haben ein im Ganzen doch nur
wenig angerührtes Stufenfhema über die Öfonomifche Entwicklung der
Völker fo zu fagen populär gemacht, obwohl es ficherlich aus der gefchicht:
lichen Erfahrung fo wenig begründet werden Fann, daß man fich immer
auf’s Neue verwundert nach den Urfachen frägt, durch welche es einen
weitverbreiteten Glauben gefunden Hat. Auf eine Periode der Jagd und
des Sifchfangs foll eine Periode der Viehzucht, des Nomadenlebens Foms
men, dann der Ackerbau, dann die Semwerbe, hierauf der Handel u, f. w.
fammt der Agricultur: Manufactur- Handelsperiode zum Schluß, Ih
müßte nicht anzuaeben, warum man nicht im Hinblit auf die allers
        <pb n="261" />
        252

Alteften, aber wirklich gefhichtlidhen Nachrichten, 3. B. über die Yhönizier,
mit der lekteren den Anfang machen follte. Eine Periode des »Fifchers
und Fägerlebens« if natürlicherweife nur an filchreichen SGewälfern und
in mwildreichen Wäldern möglich; fie muß fhon aus diefem Grunde allein
für viele Völker unmöglich gewefen fein. In Ländern oder Landestheilen,
in welchen fichh die Bewohner von der Kifcherei — und kaum irgendwo
auefchlicßlidi — nähren, finden wir das Kifchervolk heute wie früher; mir
find nirgends gefchichtliche Beweife vorgekommen, daß ein Volk, welches
heutzutage über die Periode des Fifcherlebens hinaus fein foll, jemals in
derfelben gelebt hätte. Man weiß, daß es ein Valk von FJägern gar
nicht geben Fann, Heutzutage wie in allen früheren Zeiten haben nur
NYägerhorden leben Fönnen. Die »IJägervöller«, welche wir etwa in ben
Wilden Amerikas Eennen gelernt haben, wollen Jäger fein und bleiben,
auf Feine andere Entwielungsftufe Aberyehen; mwmührend ausnahmeweife
bie einen Faum durch harten Zwang und Noth zum verhaßten Acker:
bau fehreiten und fogar troß Lehre und Vorbildern doch auf der »hHöheren
Entwiklungsfiufe« mehr und mehr fichtlich verkimmern, träumen fich die
anderen nach Verluft ihrer Iagdreviere lieber. gleich zu Tode. Wo if
zine Yagdperiode der altorientalifchen, der altclaffifchen, der germanifchen,
der celtifchen Völker bezeugt? Bon den romanifchen, als fpäteren Milch:
völfern, natürlich zu [dweigen. MNimrode hat es freilich immer gegeben.
Nomaden: Familien und Stämme finden wir wohl heutzutage, wie vor
dreitaufend Jahren, auf demfelben Boden, bei denfelben Macezweigen,
aber fonft nicht, heutenicht und fekher nicht. Und wie follte die fagens
bildende Dichtung, die phantafievolle Bolkstradition Über ein goldenes
Zeitalter mit einem Zuftande der Polypragmofyne bei den Stammvätern
und Stammfamilien der Nation eine wirthichafiliche Stufe des VBolkss
lebens begründen Fönnen. Unfere Alteften. Sefchichtsdenkmäler zeigen uns
überall bei den Vorfahren der gefitteteren Nationen von Anfang an auch
ben Ackerbau im Betrieb, bei Griechen und NMömern auch nach den
Älteften Dichtungen diefer Völker, bei den Celten und Germanen auch
nach Cäfar, deffen Berichte man wohl nicht gegen Strabo oder Diodor
son Sicilien zu vertheidigen braucht. Sie lieben die Jagd, die Nahrung
des Sagdwildes hertfcht vor, bemerkt wohl der Mömer, d. hH. im vergleiz
enden Hindlik auf das fiebenhundert. Jahr alte Nom auf der Höhe feiz
ner Cultur. E8 verhält fich nicht beffer mit den anderen Entwiclungs:
perioden, fofern etwa durch die Periode des Semwerbfleißes, oder durch die
Handelsperiode das erfte Eintreten von Handel und Gewerbe bezeichnet
werden fol. Wir finden Feines der gefitteteren Bölker in der Gefchichte,
etwa in den älteften Zeiten, von denen wir wirkliche Kunde haben, ohne
Bewerbsproducte und ohne Taufchverkehr. Meint man aber dieles erfte
        <pb n="262" />
        253

Eintreten von Semwerben ‚und Handel nicht, fondern eine größere Pflege
und Ausdehnung diefer CErwerbszweige, fo if zu ermidern, daß der Unter:
[chied 3. B. zwifchen der Bodenbenukung durch die Urproduction In einer
»Ueferbauperiode« von der in einer »Ueferbau = Manufactur: Handels:
periode« nicht geringer ift als der Unterfchied zwifchen der Gewerbsarbeit
und dem Handel in eben jenen beiden Perioden. Man vergleiche nur
ben gegenwärtigen Ackerbau in England, Belyien, in der Schweiz, in
Deutfchland mit den Nachrichten über den Ackerbau in denfelden Ländern
aus den erffen Jahrhunderten nach Chrifti Geburt — man. thue das
Nämliche 3. B. Hinfichtlidy des Handels, und man wird auf der Stelle
finden, daß die Contrafte hier wie dort zur Charakterifirung fehr ver:
fehiedener Perioden groß genug find, und daß gar Fein genügender Grund
vorhanden ift, in der einen Zeit von einer Aderbau=, in der anderen von
einer Handelsperiode zu reden. ‚Wenn wir nur eben von den ausge:
fonnenen »Vorfiufen« abfehen, Aber welche uns die gefchichtlichen Nach:
richten aus bem Alteften Leben der culturgefehichtlichen Völker gar Leine
Beweife und Belege liefern, fo fehen wir von Anfang an und überall
eine gemeinfame Entwidlung und Fortbewegung aller jener öfonomifchen
Thätigkeiten, fo viele derfelben aus territorialen Gründen Kberhaupt mög:
lich find, und es ift das ganz natürlich, weil eine einfeitige bedeutendere
Umgeftaltung in Aderbau, in Handel oder Gewerbe gar nicht möglich“ ift,
vielmehr die eine die andere bedingt, trägt, nach fich zicht, hervorruft.
Von den Phöniziern an bis auf das moderne England herab, haben die
»Handelsvölfer« gleichzeitig auch eine hervorragende Stellung im Gewerbe:
betrieb und, foweit e6 die Natur des Bodens geffattete, auch im Ackerbau
unter den übrigen Völkern angenommen; auch die italienifchen .» Handelss
ffädte« waren troß des reichlich Iohnenden Zwifchenhandels blühende Ges
merbftädte und in dem Ackerbaubetrieb auf ihren Territorien den Feudalz
ftaaten weit voraus. SFreilidy Kann die Natur des Landes, die na»
tionale- Befähigung der Bewohner diefes und jenes Volk zu einer oder der
anderen Erwerbsart vorzugsweife berufen und befähigen, aber diefe Wahrz
heit ffeht ja gerabe im MWiderfpruch zu jenem für alle Völker als gleich
angenommenen Schema, _ Sie follen alle in den einzelnen Perioden eine
beftimmte vorwiegend herbortretende SEonomifche Grundlage haben, von
denfelben Unfängen an auf demfelben Wege nach demfelben Ziele hin mans
deln. Ein Abfolutigmus rückfichtlich der Entwicklungsbahn felt fich neben
einen Abfolutigmus rückfichtlich der Sfonomifchen Beftimmung der Nas
tionen. Und doch ift natürlich der Unterfchied der einzelnen Länder vom
Anfang ihrer mwirthfchaftlihen Entwicklung an bis zum Ende derfelben
nothwendigerweife vorhanden, fo daß ein fruchtbares Land, ein am Meer
mit günftiger Xhftenentwieklung belegenes, von {hiffbaren Sırmen durchs
        <pb n="263" />
        254

‚ogenes Territorium, ein Boden voll Eifen und Brennmaterial geradezu
prädeftinirt if, bald den Ackerbau, bald den Handel oder den-SGemerbes
betrieb vorzugstveife zu ffüßen und zu fördern. Der abftracte Berftand,
nicht die Sefchichte der Völker machte ein Schema, nach welchem
„rationell« das Schwierigere und Complicirtere auf das Leichtere und
Sinfachere folgen follte, Denn gerade auch diefe Begriffsbeftimmungen
über Unvollendetes und Bollendeteres find Fictionen, in der Sache felbft
fiegt gar Fein Grund, daß man etwa das Borherrfchen der Erwerbstwege
durch Handel und Gewerbe an fich für eine höhere volfswirthfchaftliche
Stufe halten dürfte, als jegliche Methode des Erwerbs durch die Roh:
production. Selbft gegen Rau muß hier erwähnt werden, daß er einen
feüher von ihm aufgeftellten Saß Feineswegs gut angewendet hat, wenn
er auf einen unverftändigen Borwurf Fr. Lift’s (»die Schule Fennt Lei:
nen Unterfhied zwifchen Nationen, welche einen höheren Grad ökonomifcher
 Ausbildung erreicht haben, und denjenigen, welche auf einer Nies
drigeren Stufe ftehen«) antwortet 1): »DOb die Schule jenen Unter:
fchied ganz verkannt hat, mag ein im Jahre 1820 erfchienenes Buch
(Mau, Anfichten der Volkswirthfchaft) beweifen, in welchem fünf vers
fchiedene Seftaltungen der Hauptgewerbe angenommen find: 1) Sefchloffenheit
 des Nahrungswefens, 2) Vorherrfchender Anbau von Lebensmitteln
zur“ Ausfuhr, 3) Ausfuhr von Holz, Metallen u. f. w., 4) vorherrfchende
Setverke und. Yusfuhr von RKunftwaaren, 5) vorherrfchender auswärtiger
Handel.«. Warum ift an fidh — nicht etwa in Nückjiht auf den durch
zwifgenliegende Jahrhunderte herbeigeführten Unterfchied des
zUgemeinen Charakters der VBerhältniffe überhaupt — die »Sefchloffenheit
des Nahrungswefens« eine niedrigere Stufe als der »vorherr{chende auswärtige
 Handel« ;. der Zuftand einer Yutarkie des Landes tiefer als eine
Hälfte von jener gegenfeitigen Abhängigkeit im VBerkehre? Warum follte
man nicht ar fich ebenfo gut von den Gemwmerksmaaren fagen dürfen,
was NMau 2?) für die Bodenerzeugniffe zugefteht, daß e&amp;amp; »im Allgemeinen
weniger günftig fei, den Abfaß derfelben im Auslande fuchen zu müffen
als im eigenen Lande?« Worin liegt der Beweis, daß »das Gleichgewicht
oder die Harmonie der productiven Kräfte« darin befteht, daß man die
Bodenerzeugniffe im Inlande confumirt, für die Indufkriefabrikate das
gegen einen Abfaß im Auslande fuchen muß? »Die Biüthe der Volks
wirthfehaft«, fagt Mau 3), „wird dann erreicht, wenn die Erdarbeit mit
ben Bemwerken im Gleichaewicht teht« — abaefehen davon, daß »das Gleich:

!) Archiv Mb. V. 1843. S. 287.
N Ebendalelbit S. 288.
) Cbendalelbft in der Note.
        <pb n="264" />
        255 , ;

gewicht, die Harmonie der productiven Befehäftigungen und Erwerbs:
gtveige,« zu den zwar Überall anfprechenden , aber für Alle auch etwas
räthfelhaften, ih möchte fagen, zu den romantifchen Begriffen der Natios
nalöfonomie gehört, von denen man fich nur eine ganz allgemeine Borftelung
 machen, Über deren eracte Bedeutung man feinen genauen Auf:
fhluß geben Fann — abgefehen davon fteht naturnothmwendig vielmehr die
Sache fo, daß für die einzelnen Völker fehon wegen der verfchiedenen
Naturbafis ihrer Tertitorien die Blüthe ihrer wirthfchaftlichen Sufßftände
nur aus concreten, nicht für alle gleichen Bedingungen ermächft, nicht
allgemeingiftig in’ denfelben Verhaltniffen fich darftellt, und daß das eine
und das andere Volk nicht auf einem Wege zur Blüthe feiner Wirth»
fehaft, fondernm auf einem Irrmwege wandeln mürde, wenn es nach dem
vollen »Sleichgewicht der Erdarbeit mit den Sewerben« ftreben wollte.
Se nach den ferritorialen Bedingungen des einzelnen Landes wird zum
Nußen des einzelnen Volkes wie zum Nußen der Kbrigen hier der Uekerbau
 und dort Gemwerksarbeit oder Handelsthätigkeit über das gemeinte —
im Einzelnen aber, wie gefagt, nicht erläuterte — »Sleichgewicht«. hinaus
borherrfchender Ermwerbszweig bleiben, wobei man freilich niemals an eine
Ausfchließlichkeit zu denken hat, weiche einestheils wegen der innigen Bes
ziehungen aller jener productiven Befchäftigungen und Ermwerbszweige
unter einander, und anderentheils wegen des natlrlichermweife überall regen
Strebens nach einer Höchftmöglichhen wirthfhaftlichen Selbftgenügfams
Feit und Selbfiftändigkeit als überhaupt unmöglich erfheinen muß:
€ wird {ich freilich im weiteren Berlaufe von felbft zeigen, marum
doch jene von Rau hHervorgehobenen Entwiclungsftufen der Volkswirths
fehaft fiherlih einen weit größeren Werth haben, als das von frühen
Beiten her überfommene, von Friedrich Lift nur etwas modificirte
Stufenfhema. Aber das hat NMau mit den Vertheidigern des Stufenz
febemas von Lift oder irgend eines anderen, das fih nur durch eine ver:
[hiedene Bertheilung und Combination der von Lift in Betracht gezoge:
nen Elemente unterfcheidet, gemeinfam, daß er einen überall auf daffelbe
Biel hin auslaufenden,. an einer beftimmten Stelle abgefchloffenen Entwick:
lungsgang annimmt, welcher zugleih — wenigftens hinfichtlich einzelner
Stufen — nur unter der Vorausfegung möglich ift, daß jedem Volke
die nöthige Produrtionskraft des Bodens u. f. w. ohne Frage
zur Verfügung geftellt fei, Schon bei Friedrich Lift’s Stufenfhema
Fönnen wir recht deutlidH — und abermals — erkennen, von welchem Eins
fluß die Urberzeugungen und der Wberglaube der wiffenfhaftlichen Ertlenntz
niß einer beffimmten Zeit — und in einer jeden harafkterifirten Bildungs:
epoche fcheinen Beide nicht zu fehlen — auch auf die Ueberzeugungen und
die Zielpunkte der nationalöfonomifchen Theoretiker einwirken. Unter dem
        <pb n="265" />
        256

auf allen ErFenntnifgebieten, in allen Disciplinen fo ftark erfichtlichen
Einfluffe der Philofophie Hegel’s, feiner geraden Descendenten und feiz
ner Seitenverwmandten, war auch Kber die Sefchichtsforfcher und Sefchicht»
fchreiber nicht nur das Dogma von der vernünftigen und nothwendigen
Entwicklung der menfchheitlihen Sefchichte gekommen, fondern die Ybhilkos
[opbie gab auch einen ganz beftimmten »Inhalt« und Modus Hinfichtlich
des Verlaufes und der Bedeutung diefer vernünftigen Sefchichte an die
Hand, d. h. fie fegte gewiffe Ahftractionen und Formeln, deren »Inhalt«
man’ erft fpäter mit Fühler Kritik unterfucht hat, in den Verlauf: der Seichichte;
 man weiß, wie Ddiefelbe durch Thefen. und Antithefen von .einer
Synthefe zur anderen, aus den Segenfägen und Widerfprüchen zur höhe.
ren Einheit derfelden vorfchreitet. Die Hauptfache war, man hatte das
„abfolute« Ziel, auf diefes hin wurde die Sefchichte der Völker in Bes
wegung gefebt; das Abfolute war in der Segenwart erreicht, die abfolute
Erlkenntniß vor Allem in der Philofophie Hegel’s. Wie bewegt fich doch
Lift’s nationaldlonomifcher Glaube hinfichtlih der wirthfehaftlichen Entmiklungsftufen
 der. Völker in demfelden Sedankenkreife. Wie er die
Ueberzeugung von dem Werthe der Schußzölle hat und dann -die Theorie
der produckiven Kräfte auffucht und zufammenftellt, fo hat er die volfs:
mirthfchaftlichen Zuftände des heutigen England vor fih, in ihnen erkennt
zr die höchfte Stufe, und dann läßt er in allen Ländern, für alle Völker
und Zeiten die Sefchichte auf diefe Stufe fich hinbewegen ; die Sefchicht8-entwicklung
 wird von abftracten Grundfägen aus conftruirt, die Confiruce
tion, fo gut e8 gehen will — und es geht dei allen diefen Berfuchen nicht
gut —, durch eine tendenziöfe Uuslefe gefchichtlicher Thatfachen und
Fictionen geftüäßt. Ueber die UeFerbau- Manufactur-Handelsperiode hins
aus, in welche England gegenwärtig eingetreten if, giebt es nichts Weis
teres, Neues, Höheres mehr — fo wahr ift e&amp;amp;, daß ein foldher ÜWbfolutismus
 ber Theorie doch immer nur im Horizonte einer beftimmten Zeit
;iegt, bie, ein Atom, ein Uugenblif in der ewigen unendlichen Bewegung
yurch die Zeit hin fich als legten Auslauf, al8 vollendetfte Stufe einer nie
saftenden Entwielung zu denken wagt. In jeder Zeit dünkt fih der
Menfch weifer und Hüger als feine Vorfahren und die früheren Gefchlech»
ter, und wie oft hat er doch fo wenig Mefpect vor dem Fortfchritte des
Lebens und Denkens der kommenden Sefchlechter, daß er ihnen Faum eine
andere Molle zuweift, als die von Affen oder Wiederkäuern. Und an wie
sielen Stellen tritt auch in der NMationaldfonomie ein Glaube auf, der
zuleßt auf geinen folhen Ausgangspunkt zurückweift. In den Proclamas
Honen jenes Stufenfhemas tritt er unverhült zu Zage; es {ft aber fichers
lich die Annahme von einer bereits jebt, wenn auch nut in einzelnen Län:
dern hervorgetretenen höchffen Vollendung der wirthfchaftlihen Formen
        <pb n="266" />
        „257

des Süterlebens, bei welcher die Sefchlechter der Zukunft ewig zu beharren,
oder der fie ewig nachzuftreben hätten, ebenfo verftändig, als jenes Dogma
von dem abfoluten conftitutionellen Staate und die abfolute Feftftellung nas
turmiffenfchaftlicher Eraebniffe durch die Confkructionen der dialektifchen
Methode.
Während der Slaube an den abfoluten Yuslauf diefer Entwicklungs:
feufen durch die ununterbrohene SGefchichtsentwicklung felbft widerlegt wird,
ift die Identität jener Entwicklungsftufen und die Gleichheit der Bewegung
auf daffelbe Ziel hin bei allen Völkern einfach durch die Verfchiedenheit der
Srundlagen für die SFonomifche Thätigkeit unmöglich. Die Völker Fönnen
an fich nicht, weder aus freiem Entfchluß, noch in Folge Äußerer Nöthigung,
jeden Erwerbszweig zum vorherrfchenden machen, und um fo weniger, je
mehr der allgemeine Weltverkehr zunimmt und die thatfächlich gegebenen
Charaktere der Menfchen und der Territorien gegen einander ihre befonderen
Eigenthümlichkeiten geltend zu machen fichen. Wie Eönnten alle Völker
auch nur zu einer Stufe, z. B. des »vorherrfchenden auswärtigen Handels«
gelangen? Wohl zu einem Vorherrfchen des auswärtigen Handels im Bergleich
 zu einer früheren Zeit, zu den früheren Zuftänden deffelden Volkes,
nicht aber, wie e$ gemeint if, zu einem Vorherrfchen des auswärtigen Hans
dels im Vergleich und Berhältnif zu den anderen Ermerbswegen. Wenn
alle Völker oder vielmehr alle diejenigen, welche mit einander im Austaufch:
verkehre ftehen, zuleßt zu einem vorherrfhenden auswärtigen Handel gelan:
gen, fo müßten fie alle — denn das if daffelbde — vorherrfchend immer die
zingetaufchten Erzeugniffe des Auslandes als Berzehrsgegenftände
verbrauchen, fo daß wir das durch die Natur gegebene und überall beobach:
tete Berhältniß in das gerade Gegentheil verkehrt finden würden, Und fo
fießen fich auch gegen die übrigen von NMau angegebenen Stufen, in denen
allen — mit Ausnahme der erften — auffälliger Weife fchon eine »vorhertfhende
 AUusfuhr«, alfo mindeftens paffiver augmärtiger Handel auftritt,
Ähnliche Einwände erheben. Gerade weil Nau auf diefe Stufen in der
Aboficht verweift, um einen Gegenbeweis gegen Lift’s Borwurf, die Schule
verfenne den Unterfchied in den niederen und höheren Entwiklungsftufen der
Völker, beizubringen, Yt doch eben beftimmt anzunehmen, daß diefe »fünf
verfchiebenen Seftaltungen der Hauptgewerbe« auch einen terminus a quo
und ad quem Fennzeichnen follen. Im Uebrigen beruhen dennoch diefe
»Beftaltungen der Hauptgemerbe«, wie e$ fcheint, auf einem weit rich:
tigeren Sefühle, al8 die Lift’ (hen Entwieklungsfkufen, obfhon fie den oben
gerügten Srrthümern nicht aus dem Wege gegangen find. Meiner Mei |
nung nach müffen aus objectiven Gründer alle Berfuche, die wirthfchaftlichen
Entwielungsftufen der Völker vorzuführen, mißglücen, fo lange man die
durch die Entwicklung hHerbeigeführten Beränderungen nur an eine Unter:
Knies, volit. Dekonomite, 17
        <pb n="267" />
        258 .

hHeidung der Stoffe zu Enlipfen fucht, an denen oder mit denen die
Völker wirthfchaftlich. arbeiten, ich möchte fagen; fo Lange man die Charaktes
ciftiE der Sfonomifchen Entwicklungsftufen nur an eine distinetio rerum,
ftatt an den modus rerum gerundarum zu Enlpfen füucht. Sobald ein
Bolt den Ackerbau zu betreiben anfängt, find auch die Unfänge der Ges
werfsarbeit nothwendig; fobald es auf feften Wohnfigen, in einem wirklichen
Semeinwefen zu erifticen beginnt, treten die Anfänge der Arbeitstheilung
zuf, in deren Gefolge der Austaufchverkehr, eine Handelsthätigkeit, nothwen:
dig wird. Und wie, die erffen Anfänge eine Berbindung zeigen, fo treten
zuch diefe Hauptgetwerbe eine gemeinfame fortmährende Entwicklung an, zu
gleicher Zeit, und Feines tritt aus der Meihe der Entwicklungen wieder heraus,
Feines Lann die Übrigen ganz verdrängen, wie fehr fihh auch die Umgeftaltung
de8 einzelnen Erwerbszweiges zu einer beftimmten Zeit in ganz befonders
tarfen Formen dem Yuge des Beobachters darftellen mag. Die Umgeftaltung,
 die vorfchreitende Entwicklung erfolgt im caufalen Zufammenhange,
tritt in Folge der auf alle wirthfchaftlichen Thätigkeiten einwirkenden allge:
meinen Motive, fei e8 gleichzeitig, fei e8 al8 ein almälig fich vollziehendes
Ergebniß, auch in den anderen Ermwerbszweigen ein, gleichtwie wir wohl auch
nur von einer politifchen NMevolution, von einer Firchlihen Reformation reden,
vährend e8 fi um eine Zeit handelt, in weicher in demfelben Sturme der
Triebe und Ereigniffe alle Seiten in dem Menfhen = und Völkerleben eine
yurchgreifende Umgeftaltung erfahren haben. Wir erwähnten fchon, fobald
man den Aekerbau oder Hberhaupt die Bobenbearbeitung in einer fogenanns
ten AUeferbauperiode mit der Rohproduction in einer Periode des vorherrfchene
den ausmärtigen Handels u. f. mw. vergleicht, fo findet man eben fo große
Unterfchiede, al wenn man die Setwerbe oder die Handelsthätigkeit in beiden
vergleichend zufammenftellt. In der Art der erzielten Mohproducte, in den
Methoden des Anbaues, in den Feldfyftemen, in dem Wechfel der fpeciellen
Battungen, Getreide und Futterfraut, Nohproducte für die Semwerbe, Kunft:
pflanzen u. f. w. nimmt die Entwicklung des Ackerbaues — freilich immer
normirt durch die natürlichen Eigenfhaften des Territoriums — an allen
Tvolutionen der Gewerkgarbeit und bes Handels Theil, es folgt eine Uckers
daupertode auf die andere.
Und fo dürfte e&amp;amp; denn außer Frage geftellt erfheinen, daß die wirth»
Tchaftlichen Entwiktungsftufen der Völker nicht durch Unterfcheidungen von
Ermwerbsbefchäftigungen , deren Vorherrfchen fich nach den Territorien richtet,
und die zugleich alle insgefammt eine ununterbrochene, durch alle einzelne
Perioden fich hindurchziehende Entwicklung erkennen laffen, gewonnen wers
den Eönnen, fondern durch die Beobachtungen Über die Art der fich immer
zrneuernden »Seftaltungen« der productiven Befchäftigungen, woran immer:
Hin ein ftärkeres Bortreten einzelner Ermwerbszweige alg Folge einer erften
        <pb n="268" />
        259

Urfache gefnüpft fein Eann. Und Mofcher menigftens hat wirklich immer
in diefer Nichtung gearbeitet 1), wenn er auch Über das Warum an diefer
Stelle Feine Aufklärung gegeben hat. Wenn auch hier darauf offen Berz
zicht geleiftet wird, eine fo wichtige, für fich allein eine offenbar fehr große
Ausführung nöthig machende Arbeit zu Ende zu führen, fo wird es doch
näglich genug erfcheinen dürfen, eine Befprechung der Entfheidungen Ro =
fcher’8 hier zu verfuchen; dabei Fönnen abweichende Anfichten und Sefichts$-punkte
 vorgeführt werden. Wir werden jedoch daran unmittelbar auch die
Befprechung eines — im engeren Sinne des Wortes — methodifchen
Srundfabes Nofcher’$ anreihen müffen.
Sch bedauere lebhaft, daß NMofcher die bezeichnete Hufgabe nicht mit
antfchiedener Beftimmtheit in umfaffendem Zufammenhange zu Löfen unter:
nommen hat, An fehr vielen Stellen feiner immer bedeutenden Schriften vom
»Grundrig« an bis auf die lebten Auffäße regt et in der lebendigften Weife
an, fritt er hier und da an einen einzelnen wichtigen Punkt heran, giebt er
dann und wann als das Ergebniß feiner gefhichtlicdhen Studien ein algemeineres
Urtheil, das Ganze erfcheint aber doch mehr wie eine Summe von Einzeln:
heiten, und das allgemeine Urtheil bleibt ohne umfaffende Begründung.
Mehr auf Nachweifle im Einzelnen und über Einzelnes ift Rofcher ins:
befondere hinfichtlich der Entwicklung und der Darftellungen des Lurus und
der Feldfofteme eingegangen in den beiden fehon erwähnten AYuffäßen in
Nau’s Archiv. Ich mwenigftens vermag e$ jedoch nicht außer Zweifel zu
ffellen, daß Mofcher Hberall eine entfchiedene Gleichheit der Anficht zu er-Fennen
 gebe.
Abgefehen von den Öfteren Hinweifen auf »niedere und höhere« Cultur-(tufen
 im Allgemeinen, wie fie auch fonft häufig ung begegnen, hält Mo -

a

Nur in dem »Grundrif« finden fi, namentlich in dem 8. 18 »Iagd und
Fifcdherei«, und $. 19 »Viehzucht« entgegenfiehende Andeutungen; einmal Heißt
e8 fogar: »Da wohl alle Völker eine nomadifhe Periode gehabt haben, «
aber das ift eine 1) nicht zu erweifende, 2) ganz unwahrjcheinlihe Ber:
muthung. Soweit unfere Nachrichten z. B. über die thrakifhen, iUyrifchen
und pelasgifchen, über die germanifchen und celtifden Bölker reihen, finden
wir fie nicht als NMomadenvölker; ja fie bewohnen noch maldbebectte, wild:
reihe Territorien und Fönnten eher im Jägerleben gedacht werden, und die
nomabifhe Periode müßte nachher, d. H. im vollen Lichte der Sefhichte,
gekommen fein, Wozu im Orient der baumlofe, grasreiche Boden Loctte,
das murde durch die europäifhen Waldgefilde verhindert, ja unmöglich ges
macht. Wie ftark andererfeits auch die Natur des Menfhen in Betracht
Fomme, Eönnen wir daraus erfehen, daß au noch im 16. Jahrhundert die
Spanier in Nordamerika wohl fhon eine »Halbeultur« neben Sägerhorden,
aber Feine Nomadenftänmme antrafen, zu deven Lebensweile auch der Hhrutige
Milde nicht inclinirt.
        <pb n="269" />
        260

Iher gewöhnlich eine Eintheilung in drei Stufen feßt. Er hat diefelben
wobl hin und mieder als das Jugendalter, das Mannesalter und das Greiz
fenalter der Bolkswirthfchaft, oder auch wohl als die Zeit der jugendlich auf:
frebenden, der in voller Blüthe ftehenden und der verfallenden VWolkswirth:
ichaft bezeichnet. Mit diefen Bezeichnungen ift nun freilich nicht fehr viel
zewonnen; der Sache nach bedeuten fie wohl ganz daffelbe, als wenn man
Beginn, Mitte und Ende febte; auch geben fie Leinen Mafftab an die Hand,
durch melchen man die Scheiderwände der Perioden auch nur in ihrem allge:
meinften Berhältnig zu erkennen vermöchte, obgleich fie wegen der Stärke
des Segenfabes , welcher der Beobachtung und dem Urtheile vorfhmwebt, ge:
rade dazu eine Anregung geben, daß um fo beftimmter der Blik an dem
ununterbrochenen, Überall verbundenen Wachsthum in den Seftaltungen
alles organifchen Lebens haften bleibt. Und wenn man auch die Formen
es Berfalles, des AWbfterbens durch einen Mückblik auf eine Zeit der
Sreiteren Entfaltung, der frifcheren Bewegung, der energifcheren Stärke
und dadurch zugleich den SGeift, von dem diefe Formen Kunde geben, wohl
nad) einem bloßen Hinweis zu erkennen vermöchte — aber was it Blüthe,
Mannestraft in der Volkswirthfhaft, wenn fie im Segenfag zum jus
gendlichen Yufftreben, zur hoffnungsreichen Ausficht auf eine noch bevors
;tehende Entfaltung fteht? Macht die Breite und Größe der Formen den
Unterfchied, und nicht der innere Trieb und Seift, da doch ein »bloßes Sich:
Tügen auf die Analogie mit den vier Lebensaltern als vag erfcheint«? Defter
tedet Nofcher daneben von einem » Mittelalter« der Volkswirthfhaft,
das er jedoch weder mit dem Mittelalter der allgemeinen Weltgefchichte, noch
auch etwa mit der mittleren jener drei Perioden gleichbedeutend febt. »Unter
Mittelalter verftehe idh«, fagt No fcher1), »bie bei allen Völkern wiederkehvende
 Entwicklungsftufe, die aus dem rohen fogenannten Naturzuftande in
die volle Culturblüthe hinüberführt« 2). Etwas Faßliches, Scharfbeftimmtes
ift mit diefer ErEärung auch nicht gegeben; auch hier gewahrt man, daß
die genaue Erlenntniß diefes Mittelalter&amp;amp;, welches mit der Periode des ju:
gendlich aufftrebenden Volkes, der Iugendperiode des Volkes und der Volks:
wirthfchaft zufammenzufallen fcheint, um [o fchtwieriger wird, fobald der auch
auf dem Skonomifchen Sebiete etwas räthfelhafte Stand der »Culturblüthe«

Üeber den Luxus in Nau’s Archiv 1843. S. 54. n. 17.
Man Fönnte alfo an vier Stufen hier denken, wenn man die Veriode des
Berfalles hHinzurechnet, Indeffen fheint Nofcher doch fonft eine Periode
des Naturzuftandes Wenigftens Feiner weiteren Berückfichtigung werth zu
zracten. »Daß eine Volksbildung wirklich neu fei, ft da anzunehmen, wo
ich die Symptome der niederen Culturftufe, des Mittelalters, yon Neuem
zinftellen. Ideen zur Politik und Statiftik der Ackerbaufyfteme in Nau’s
Xrchiv 1845. S. 311.
        <pb n="270" />
        261

eben nicht vein quantitative Berhältniffe ausdrücken fol. In Nofher’s
Schriften findet fich daneben auch noch eine zweite Eintheilung, die freilich
mit dem in der erfteren enthaltenen Urtheile fhwmwerlich zu vereinbaren ift,
obfchon fich Feine Andeutung findet, wie der Gegenfaß zu Iöfen fe, Diele
andere Eintheilung hat NRofcher mit Bezugnahme auf die drei Factoren in
ber mirthfhaftlichen Production aufgeftellt. Am EHarften fpricht er fich darz
über an einer Stelle 1) fo aus: »In der wirthfchaftlichen Entwicklung jedes
höher gebildeten Bolkes wiederholen fich drei Perioden, wefentlich entfprechend
den drei Factoren, welche zu jeder Production vereinigt werden müffen:
Natur, Arbeit, Capital. In der früheften Periode herrfcht der Factor der
Natur mächtig vor. Wald, Weide und Sewäffer ernähren eine dünne Bes
völkerung faft freimillig. — In der zweiten Periode, wie fie die Mehrzahl
unferer heutigen Staaten in der lebten Hälfte des Mittelalters erlebt hat,
wird der Factor der menfchlichen Arbeit immer bedeutender. Endlich in der
dritten tritt der Factor des Capitals in den Vordergrund, der Boden nimmt
durch Capitalanlagen an Productivität unermeßlich zu; auch im Sewerbfleif
wird die Handarbeit der Einzelnen mehr und mehr Überwogen durch die
Malhinen — und Fabrikinduffkrien; in den Hauptzügen Fönnen diefe drei
Perioden bei jedem vollfkändig entwickelten Welke nachgetoiefen werden.«
Dbwohl diefe Bemerkungen manches Wahre enthalten, fo Fann ich doch die
Yuffaffung im Sanzen nicht billigen. Ich würde noch weit eher diefe Dreitheilung
 in der Faffung annehmbar finden, daß die Arbeit zu der anfänglich
vorherrfhenden Kraft in großer Stärke und Ausdehnung nur hinzutkritt,
zin Neues fih mit einem nicht bloß Bleibenden, fondern fich gleichfallg Vers
frärkenden verbindet, und daß dann ebenfo daffelbe der Fall wäre mit dem
Capital, welches feine ausgedehntere Anwendung der fortwirkenden und fich
gleichfall8 auf der dritten Periode erhöhenden Natur: und Arbeitstraft hin:
zugefellte. Denn wie es ficher tft, daß wir fhon in der erften Stufe der
borherrfchenden Naturkraft doch auch Arbeit und Capitalkraft wirkam finden,
fo fann es gar nicht in Frage geftellt werden, daß in der. weiteren Entwick:
Jung der SEonomifhen Dinge auch fortwährend die im Ganzen mitwirkende
Productionskraft der Natur und weiterhin mit ihr die Arbeitskraft des Menz
fen zunimmt. Die Form Kann fich ändern, e&amp;amp; ann neben der Hand:
arbeit z. B. auch die geiftige Arbeit des Menfchen einen bedeutenden Theil
der menfchlichen Arbeit einnehmen u. f. w.; ficherlich ift der Antheil der
menfchlichen Arbeitskraft an der SEonomifchen Production in der Gegenwart
unabfchäßbar gewachfen im Vergleich zu jener zweiten Hälfte des Mittel»
alters. Cbhendeghalb. obwohl auch natürlich aus aanz allaemeinen Grüns

1) Ueber das Verhältnif der Nationaldkonomie zum claffifhen Alterthume, in
den Leipziger »Berhandlungen« 1849, S. 123,
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        262

en, führt uns jene Dreitheilung doch auch nicht über eine ganz allgemeine
Betrachtung hinaus; man fühlt, e$ ift mehr eine einzelne Beobachtung,
deren Bedeutfamkeit gerade erft noch einen. Nachweis und eine Ausführung
im Einzelnen nöthig macht, als an fich eine irgendwie befriedigende Cha
safteriffif. Außerdem hat Nofcher noch auf eine Stufe der »Naturaltwirth:
ihaft« und auf eine Stufe der »Seldwirthfhaft« 1) oft hingetoiefen, welche
Stufen auch in einem beffimmten Conner zu einander ftehen, obfhon fie
nicht mit den feither erwähnten Perioden zufammenfallen. , Die Ausdrücke
mithalten eine Charafkteriftif von Stonomifchen Zuftänden und BVerhältniffen
in einer beffimmten Zeit der wirthfchaftlichen Entwicklung; wenn man auch
fagen Eönnte, die Naturalwirthfchaft herefht in jener Periode des »Mittelalter&amp;amp;«
 , fo würde man doch daneben nur fagen Eönnen, die Seldwirthfchaft
fommt fpäter, nicht etma, daß fie ebenfo charakteriftifch fein folle für die Zeit
der höchften Blüthe. Was die Ausdrüßfe im Einzelnen bezeichnen follen, {ft
hinlänglich bekannt, fie find allgemein beifällig aufgenommen worden. »S$
ift ein allgemein giltiges Entwiklungsgefeß« , fagt Nofcher 2), »daf auf
ben niederen Culturfkufen die Naturalwirthfchaft vorherrfcht, insbefondere im
Finanzwefen die perfönlichen Dienfte und die unbeftimmten, etwa quotativen
Naturallieferungen, daß aber zugleich mit der höheren Cultur deren Um:
mandlung in firirte Seldabgaben durchdringt« u. fi ww. Ih geftehe fehe
Sereitwillig die Bedeutfamfeit diefes Unterfchiedes und auch der ihn bezeich:
menden plaftifchen Ausdrücke zu, Mit einem Schlage ift uns der Segenfaß
swifchen Formen des Mitteralterlichen und des modernen Süterlebens in
Äberrafchender Schärfe vorgeführt, über viele dunkle Punkte ein plößliches
helles Licht verbreitet und ein Wegweifer gegeben zu mancher neuen Ent:
dekungsreife; ih bin überzeugt, daß diefe beiden Worte eine der wichtig ften
Wahrheiten vorgeführt haben, welche in der neueften Zeit von der Wiffen:
[haft erobert worden find. Was indeffen die Bedeutung diefer Begriffe für
Sie Charakteriftik der allgemeinen SEonomifchen Entwicklung der BWölker an:
befrifft, fo Fann man doch wiederum nur einen, wenn auch fehr bedeutfamen
Beitrag erkennen, der nody gar fehr im Einzelnen auszuführen und nach
allen Seiten bin mit Anderem in Berbindung zu feken wäre. Es ift, als

y

Nofher Hat wohl auch einmal auf eine »Negalwirthfhaft« Dbinges
miefen; der Begriff derfelben hat jedoch Feine analoge Ausdehnung, fo daß
er den wirthichaftlidhen Sefammteharakter einer einzelnen Periode bezeichnen
wollte; er bezieht fi nur auf jene Formen, welde auf die bekannten Marimen
 der Megierungen, die dem Mercantilfyfteme entfchieden Huldigen, zu:
rüceführen.
Ueber das Verhättnif der Nationaldkonomie zum claffiflhen Alterthume,
a. al 9. S. 131.
        <pb n="272" />
        263

ob ein glücklicher Wanderer einen unbekannten Hügel zum erften Male ev
ftiegen hätte, von weichem aus er eine Landfchaft von einer beffimmten Seite
her und gewiffe Gegenftände in ihr in Hberrafhend guter Beleuchtung vor
fich gefehen hat. Wie wenig aber froß dei Menge vortrefflicher Cinzelnbemerkungen
 über NMaturalwirthfchaft und Seldwirthfehaft auch RNRofcher
felbft diefe Beobachtung mit feinen Hübrigen in einen befriedigenden Zufams
menfchluß gebracht hat, geht eben daraus hervor, daß, wie entfchieden e$ herr
vortritt, daß die Maturalwirthfchaft ein qHarakteriftifches Kennzeichen jener
Periode des Mittelalters in der BWolkswirthfchaft fein foll, doch dis jebt auch
feine Andeutung erfehen werden Kann, für welche Stufe ebenfo die Seldwirthfchaft
 bezeichnend erfcheinen muß, ob fie die eigentliche VBikthe der Wolks:
wirthfchaft, oder einen vieljährigen Uebergang zu ihr, oder von ihr zu einer
Periode des Berfalles Harakterifiren fol, ob fie das Ende bezeichnet, oder
ob noch Etwas und was nach ihr Fommt — welche leßteren Fragen man
wohl, wie wir bald fehen werden, an Nofcher zu ftellen berechtigt if.
Mit Recht find die ganz allgemeinen Schablonen über die SEonomifchen
Entwicklungsftufen der Wölker, wie wir fie namentlich auch noch bei Fried:
rich Lift und den Nachfolgern deffelben vorgeführt fehen, in Mißeredit gez
Fommen; man mußte bald die abftracte Grundlage derfelben, den Fehlgriff
der petitio principii, das Unfruchtbare der allgemeinen Formeln erkennen.
Uber dringend möchten wir abmahnen von einer Unterfchägung der Bedeut:
famfeit der hier zu (öfenden Aufgabe. Die Erforfhung der gefhichtlichen
Entwikung, die Sewinnung der Entwiklungsgefege der BVolkswirthfchaft
ift es gewiß allein, wodurch wir zum vollen Verftändnif der SEonomifchen
Lage der Segenwart, der Richtung, in welcher wir uns bewegen, gelangen
Ennen. Nur fo werden wir die Gegentvart als etwas Gemwordenes begreis
fen, in gefchichtlicher Bewegung, im lebendigen Zufammenhange mit Ver:
gangenheit und Zukunft, Sich vom Boden der Gegenwart aus über die
Zielpungkte diefer Zukunft zu vergewiffern, auf der Bahn zu ihnen zurecht:
zufinden, ift die Aufgabe jeder Wiffenfchaft, welche an der Politik Theil hat
und auf den concreten Menfchen fich bezieht, alfo auch der politifchen Deko
nomie. Bei der Bedeutung, meldhe die SEonomifchen Fragen in den moderz
nen Culturftaaten erlangt haben, bei der Tragweite aller vol£swirthfchaftli:
‚hen Maßregeln der Regierungen in den taufendfältig verfhlungenen Fäden
unferes Verkehrslebens ift die Arbeit unerläßlich, welche an die Stelle von
VBerfuchen die Sewipheit der Einficht fekt, foweit fie für gewiffenhafte Mänz
ner möglich ift, Und vergeffe man nicht, daß die NMationaldifonomie erft
dann, wenn fie fih auf diefen gefhichtlihen Boden ftellt, ficherer in das
Leben der Wirklichkeit eingreifen und fo die Früchte nugbarer machen Kann,
welche auch in Deutfchland von fo manchem, für das öffentliche Wohl begei:
fterten und tiefdenkenden Manne verarbeitet worden find, ohne daß ihm die
        <pb n="273" />
        su4

Anerfennung der Mitwelt auch nur den Preis zugeftanden Hätte, welchen fie
den Urhebern der flüchtigften Unterhaltung fo bereitwillig zollte. . Mir {cheint
8 für die richtige Löfung diefer Arbeit unerläflih zu fein, daß man, weil
icherlich die Öfonomifche Entwicklung der Völker mit der Entwicklung ihres
gefammten Lebens und Zufiandes Hand in Hand geht, auch diefe allgemeine
Entwicklung fortröährend im Auge behalten und darauf gefaßt fein muß, die
Bedingungen der legteren auch im Caufalnerus ‚mit den Skonomifchen Er:
heinungen zu finden. Gerade darum hat wohl der Hinweis auf eine Nas
uralmirthfchaft und eine SGeldwirthfchaft fo entfchiedene Zuftimmung finden
önnen, weil man bier unmittelbar den engen Zufammenhang zwifchen der
S£onomifchen Seite und dem gefammten politifchen Leben des mittelalterli:
hen Feudalfkaates, oder mit der entfheidenden Bedeutung der auf den beyeglichen
 Befig gegründeten Macht des dritten Standes herausfühlte und
von allen Seiten her die Analogieen zu den Verwmandlungen von fchwerfälli:
gen, aber auch conftanteren, zu flüffigbetrweglicheren, aber auch leichteren Lebensfundamenten
 entgegentraten. AÜWbgefehen von der Befchaffenheit des Tereitoriums
 und der Befchaffenheit des nationalen Charakters, zu welcher auch
namentlich feine Bildungs: und Entwiklungsfähigkeit gehört, wird man
yie Zunahme der Dichtigkeit der Bevölkerung, das Antwachfen der Kenntniffe
und der Bedürfniffe, die Anfammlung wirkungskräftiger RNefultate aus dem
Leben der früheren Generationen und ihrer geiftigen, wie phyfifchen Arbeit,
die Zunahme des Verkehrs der Völker unter einander als die wichtigften
Momente für die SFonomifche, wie auch für die allgemeine Culturentwieklung
der Völker finden; ebendeshalb wird man auch auf fie und ihre gefhichtliche
Manifeftation hauptfächlich fein Augenmerk zu richten haben, wenn man die
ÖEonomifchen Entwieklungsftufen gewinnen will. AWes,.was man als Ei:
genthümlichFeit jene® älteffen Naturftandes hervorgehoben Hat, die Einfach:
heit der SEonomifchen Erfheinungen, die Polypragmofyne der Einzelnen u. f, w.
hat feinen Grund in der einfachen Seftalt jener Potenzen. Mit der Ent:
wicklung der Bevslkerungsmaffe in ihren quantitativen Verhältniffen treten
mit größerer Stärke auch die qualitativen Entfaltungen hervor, die Arbeits:
Heilung beginnt ihr ftufenmäßiges BVorfchreiten, in weichem fie das ganze
Bolksleden immer charakteriftifch ausgeprägt begleitet; in ihr fpiegelt fich die
Wirkfamkeit des zunehmenden Berkehrs im Binnenlande und mit dem Aus:
Jande, die Macht der vorfchreitenden Erkenntnif, die Summe der Erfahrun:z
gen, der Arbeitsrefultate früherer Sefchlechter erfichtlih ab, fie zeigt deutlich
ihre Wirkungen, wenn der auswärtige oder der binnenländifhe Handelsver-Fehr,
 die NMohproduction oder die Setwverbsarbeit fich breiter vor dem forfchen:
en Blicke entfaltet, wie fie in die Entfaltungen des politifhen Lebens und
in den Fortfchritt der allgemeinen Cultur nöthigend und beffimmend eingreift.
So führen z. B. auch die Zuftände, welche man mit dem Worte Natural:
        <pb n="274" />
        265

wirthfchaft dHarakterifiten will, auf diefe Ciemente als auf ihre innere Wur:
gel zurück, Die Naturalwirthfchaft ft das Ergebnig einer geringeren Ars
beitstheilung, die ihrerfeits mit einem quantitativ und (— SEonomifd) —) quas
Litativ. niedrigeren Stande der Bevölkerung zufammenhängt; der geringere
Kreis der Bedürfniffe wird in einem der Polypragmofyne näheren Zufiande
zu befriedigen gefucht; daran Enlipft fih das mindere Bedürfnif des Ber-Behrg
 und Austaufhes, der fich obendrein — denn der fpecififlche Zuftand
des Handels in der Naturalwirthfchaft if der Taufchverkehr in natura —
nur in den befhmwerlidheren Formen vollziehen Fann. VBehält man gleich:
zeitig die Bedingungen im Auge, von denen die Entfaltung der Arbeitsthei:
fung getragen wird, fo San fie als den rothen Faden bezeichnen, wel
her fich immer bezeichnend dürch alle Stufen der Entwicklung hindurchzieht.
Selbit das überall bedeutfame und folgenreiche Eintreten eines Seldes ift
das nothmwendige Ergebnif der Arbeitstheilung und hinwiederum Urfache zu
einer vorfchreitenden Entwicklung derfelben. Ohne Arbeitstheilung wäre ein
BGeld nicht nöthig, und ohne ein Geld Eönnte die Arbeitstheilung höchftens
auf den geringften Stufen bleiben; der Taufchverfehr in natura fteht un:
mittelbar über den Zuffänden der Polypragmofune. Mit der Zunahme der
Bevölkerung tritt eine ftärkere Nöthigung zur Anwendung und Bermehrung
der menfchlichen ArbeitsFräfte an die Einzelnen heran; fo ertweitert fich der
wirkfame Begehr nach denfelben Befriedigungsmitteln von Bedürfniffen; es
tritt der Zuftand ein, von dem fehon Xenophon fagt: »wenn Biele daffelbe
Ding nöthig haben, fo Fann Einer feine ganze Arbeitszeit und Kraft auf
die Verfertigung deffelben verwenden.« Wird fo-durch die Bervielfältigung
des Austaufchverkehrs der Naturaltaufh unerträglich und ein Geld nothwen:
die, fo ift erft damit die Bedingung gegeben für eine ftärkere Anfammlung,
für eine verbielfältigte Anwendung der Capitalfräfte. Denn erft mit der
Einführung eines Geldes Fnnen. bie für den unmittelbaren Verbrauch nicht
nöthigen Arbeitsproducte von jeder Art zu jeder Art der Capitalver:
wendung gebraucht werden; e8 geht die. erfte ‚Form. der.. Capitalfraft,.. ich
möchte fagen, in einen Zuftand der Moleküle oder einer ganz unbeftimmten
Embryonengeftalt über, aus welchem fie nach jeder NMichtung hin in die Form
verwandelt werden Eönnen, welche zur Befruchtung der Arbeit nöthig fl;
erft dann Fan 3. S. der Heumäbher eine Capitalfraft fanımeln, welche bei
dem Bau eines Schiffes verwendet werden Fann, wie für jede andere Unters
nehmung zu gleicher Zeit. Die Arbeitstheilung ift es, welche die fäns
bifche Gliederung in die ÖEonomifchen ThätigFeiten einführt und immer wei:
ter führt, die großen Ermerbszweige im Allgemeinen fondert, fie im Detail
fpaltet und hinmwiederum gruppiert. Es muß die Semerksthätigkeit und der
Binnenverkehr um fo mehr eigen, als von Handel und SGewerben Her auch
die NMohproduction neue und (Färkere Impulfe erhält. Auch der ausmärtige
        <pb n="275" />
        266

Berkehr; denn jeglicher Verkehr mit dem Auslande beruht auf den Ergebs
niffen der vorgefchrittenen Arbeitstheilung, mag fie nun auf der Gegenüber:
Tellung der Arbeitsthätigkeiten oder der Naturproducte, die zum beiderfeitigen
Bedürfniß geworden find, beruhen. Erfahrung und Inftinct führen jedes
BolE zu der Erkenntnif, daß e8 vermöge feiner ÖEfonomifchen Oualification
ur Löfung einer beftimmten Aufgabe in dem auf der nationalen Arbeitstheiz
[ung beruhenden Weltverkehr berufen und befähigt iftz gerade darauf, daß
#8 diefe Stellung auffucht und behauptet, nicht daß es fi in Zuftänden,
melche den internationalen Verkehr überhaupt zu befeitigen fuchen, in fi
xbfchließt, beruht feine öEonomifche Serbftftändigkeit; fo gewinnt es, während
e8 natürlicherweife audh im Binnenlande fich apbeitstheilig. gliedert 1), die Ges
mwißheit, daß man feiner bedarf im SE, wie e8 felbft der anderen
Völker. Sofern man aber auf den Spuren der Arbeitstheilung die öEonos
mifche Entwicklung der Völker verfolgen will, entfhlage man fich des ges
wöhnlichen Srethums, als ob man immer nur eine größere und größere Zerz
theilung der Arbeitsfunctionen, ewig nur die Verfelbfiftändigung früherer
Theile einer Arbeit zu einem Ganzen, zu einem eigenen Berufe vor {ich in
Ausficht haben Fönne. € Bann auch eine neue Combination, eine neue
Sruppirung von Arbeitsfunctionen hHarakteriftifd werden, und gerade in un:
ferer neuelten Zeit 2) hat fih in der Fabrifinduftkrie, wie in den Gewerben

Auf diefen doppelten Beruf der Völker zu einer nationalen und einer Los:
mopolitifhen Arbeitssheilung hat fhon Hildebrand a. a. D. S. 84 fl.
Hingewiefen. Freilich {ft auch diefes der Hauptfadhe nach fhon von Nofcher
zefchehen. Vol. deffen SGrundriß S. 63 und 65.
Banz paffend [heint mir doch nicht der Ausdrue« zu fein, wenn Nofcher
28 irgenbmwo für eine ganz abgebrofdene Meinung anfieht, daß Udam
Smith die Arbeitstheilung und nicht die Arbeitsvereinigung im Auge ger
5abt habe; nur eine Ueberfreibung Fönnte fo bezeichnet werden, nicht eine
zraduelle Unterfcheidung zwifhen der neueften Zeit und den Bemerkungen
Smith’s. Aud Engländer und felbft Männer, wie Ure, find fogar in
;ene Uebertreibungen verfallen. Ure fteilt geradezu das »neue Syftem« der
seueften Fabrikinduftrie den Tendenzen Udam Smith’s gegenüber. Man
sergleihe nur etwa die einleitenden Erörterungen in dem angeführten Werke
von Ure, wo e8 z. B. einmal heißt: »WUls Udam Smith fein unfterbe
lies Werk fdhrieb, war automatifhe Mafchinerie Faum bekannt, und er
wurde deshalb verleitet, die Theilung der Arbeit für einen großen Srund:
aß der Verbefferungen im Manufacturmefen anzufehen.« Die jeßigen Fasz
brifen, meint Ure, ftreben entgegengefebt nad) Vereinigung der Arbeit,
‚der Grundfaß des (heutigen) Fabrikfyftems geht dahin: der Handgefchicks
lichleit mechanifde Kunft und der Vertheilung der Arbeit unter die Arbeis
ter die Trennung eines Verfahrens ober Proceffes in feine wefentlich conz
Rituirenden Beftandtheile zu fubftituiren; nach dem automatifdhen Plane
wird gefdickte und theure Arbeit allmälig überflüffig und mit der Zeit
        <pb n="276" />
        267

offenbar auch wieder eine Bufammenfaffung von Arbeitsfunctionen eingeffellt,
nur nicht als die alte „Bielthuerei«, fondern als eine neue Vereinigung gefchte:
bener Ehätigleiten nur in einer Spige, unter einheitlicher geiftiger Leitung.
So Lehrreich und Intereffant der Nachweis im Einzelnen ift, wie fich die
gefammte geiftige Production, alle Zweige der Literatur, alle Entwidklungen
der allgemeinen Cultur an die Entwicklung der Arbeitstheilung in der geiftiz
gen Arbeit angefchloffen haben, fo braucht doch der allgemeine Hinweis gegen:
wärtig weiter nicht mehr bekräftigt zu werden. NRofcher hat in einem bes
fonderen Auffage 1) die Motive und den Ausgang des Kampfes ztoifchen der
allgemeinen Staatsgetwalt und den „Efeinen juriftifchen Perfonen« auf die
Principien der Arbeitstheilung zurückgeführt, Es laffen fi aber eben dars
auf wie fpätere Entfaltungen innerhalb ber MBeamtenwelt der modernen
Staatsgewalten, fo audh fehon die Älteren Uebergänge zurücführen, durch
welche die unmittelbare Mitwirkung aller einzelnen Btlieder der politilhen Se:
meinwefen zur Entfheidung aller wichtigeren öffentlichen Fragen aufbörte, und
an die Stelle derfelben die Wirkfamfkeit Heinerer Kreife oder von Einzeinperfonen
trat. Auch hier macht fie fich in analoger Verbindung mit dem Yuftreten
ziner Nepräfentationsfraft bemerkbar, Denn gleichwie durch die Bervielfäls
tigung der Austaufchgegenftände und durch das Bedürfnig eines befhleunig:
ten Süterumlaufes ein Geld nothwendig wird, das mit der Zeit auch feiner:
feitg toieder den Credit fubfkituirt, fO ftellte fich auch nach bemfelben Sefeße
ber ftellvertretenden Kräfte die MNöthigung heraus — und zwar in den poli:
tifchen, tofe in den Firchlichen Verbänden —, zur Erleichterung und Befchleuz
nigung des Verfahrens in der Erledigung öffentlicher Angelegenheiten die in
den Befchlüffen der Sefammtkörper liegende Kraft durch aualificirte Einzeln:
perfonen vepräfentiren zu laffen.
Doch e8 ift, wie fhon bemerkt, nicht meine AUbficht, eine Frage hier im
Einzelnen einer Erlediguug zuzuführen, die nothtwendigerweife eine Arbeit
von großer Breite und Tiefe für fidh allein erfordert. Dagegen bin ich ge
nöthigt, auf einen Punkt zurückzufommen, weicher von denjenigen, welche
im der oben erwähnten Weife die Entwieklungsftufen der Volkswirthfchaft zu
gewinnen verfücht haben, gar nicht berührt worden ift, und in welchem ich
die Anfichten und das Urtheil Nofcher’s entfhieden bekämpfen muß; denn
obwohl auch er die Sache nicht als eine mit Beftimmtheit erfaßte Contro:
nerfe behandelt hat, fo tft er doch thatfächlih und indirect entgeaengefebter

ur bloße Mafchinenauffeher erfekt werben.« Sinige recht Intereffante
Notizen über die Combinationen und Gruppirungen von GSemerksthätigkeiten
anter einer Leitung finden {id in Ziegler’s Schrift: »Wie ift dem
Handwerkerftande zu helfen?« Berlin 1850.
Bal. Mülau’s Beitichrift 1843. Sentember.
        <pb n="277" />
        158

Meinung. Ich meine die fehon im Aofchnitt IT. 5 vorgeführte Anficht von
der gefchichtlichen Entwicklung der Wolkswirthfchaft in ihrer zweifachen Bes
wegung. Es murde eine SFfonomifche Entwicklung innerhalb des Lebens der
einzelnen Wölker neben die Entwicklung der VBolkswirthfchaft in dem gefchichtlichen
 Leben der Menfchheit geftellt; jene ift begrenzt durch den Lebenskreis
der einzelnen »Fommenden und wieder vergehenden« Bölker, diefe geht un:
unterbrochen ihren Entwieklungsgang weiter; jene ift für fich ein Sanzes,
aber nur ein Theil, ein einzelnes Kettenglied in der Bervegung der lekteren;
jene erhält zudem das Befondere in ihrem Sepräge durch den nationalen
Charakter der Völker, während in diefer durch die Stufenfolge der Zeit, in
welcher die Mefultate des Lebens aller vergangenen Sefchlechter und Völker
ihre Früchte bringen, eine immer mehr fich erhöhende Grundlage für die
'päter Eommenden gebildet wird. Der Segenfak von diefer Anfchauung der
menfchheitlichen und nationalen Gefchichte wird durch den Glauben an eine
ewige Wiederholung derfelben Erfcheinungen mit derfelben Aufeinanderfolge
bargeftellt, durch den Glauben, daß jedes fpätere VolEsleben mit feinem
Schaffen und Wirken fich in demfelden Kreisring drehe wie die früheren;
wohl das Moment der unterfhiedenen Nationalität, wie der fortfchreitenden
und vorgefchrittenen Zeit wird, wenn nicht Überfehen, fo doch ganz in den
Hintergrund gedrängt. Nofcher huldigt im Wefentlichen diefer Anficht;
zr macht allerdings auch auf Unterfchiede in dem Leben der einzelnen Völker
zufmerffamı, aber fie find mehr nur formal. Während er die hervorgehos
bene ununterbrochene Entwicklung der Menfchheit ganz überficht, Läßt er die
SEonomifche Entwidlung der Völker fih immer durch die gleichen Stufen
bewegen und der Hauptfache nach eine ewige Wiederholung des fhon Dage:
mefenen curfiten. Der Mittelpunkt feiner Anfchauung, die Kraft feiner Bes
meife beruht in feinen Sägen über die typifche Bedeutung der SFonomifchen
Entwicklung bei den altclaffifchen Völkern; wie e&amp;amp;$ damals war, fo foll 8
au noch heute fein, der Unterfchied der Nationalität und der Zeitentwiklung
erfcheint bedeutungslos. Diefe Anficht und die zur Stüßung derfelben vors
gebrachten Nachweife will id zu entEräften fuchen, obfhon damit nur dies
[elde Frage auf SEonomifchem Sebiet entfchieden werden foll, über deren Ent-Fheidung
 im Allgemeinen Biele überhaupt Feinen Zweifel hegen werden.

"OK ——-——

„8 ift nichts Neues unter der Sonne«; [agt Nofcher, „die Sefebe,
wonach fich die Völker im Großen entwickeln, [ind wohl ebenfo aleichartig,
        <pb n="278" />
        269

mie die Entwicklungsgefege der Individuen« 21). YAuch die Völker fkerben
und viele find fhon geftorben; d. h. in ihrer nationalen Sdentität aufgelöft
und höchftens nur als Beftandtheile neuer Volksbildungen fortlebend ?). Die
alten Völker, die alfo (hon abgefforben find, Haben das eigenthümlih Be:
(ehrende, daß ihre Entwicklungen jedenfalls ganz beendigt vor ung liegen.
Wo fich alfo in der neueren BVolkswirthfhaft eine Richtung, der alten ähnz
lich, nachweifen ließe, da hätten wir für die Beurtheilung derfelben in diefer
Marallele einen unfhägbaren Leitfaden 3). Diefe allgemeinen Säge haben
in dem fhon erwähnten Auffake über das Verhältnig der Nationalötonomie
zum claffifchen Alterthume eine fpecielle Ausführung erhalten. Wir müffen
hier aus derfelben die wichtigften Säge herausheben, um daran die Segen:
bemerfungen Enlipfen zu Fönnen. € heißt dort (a. a. OD. S. 121 fl):
»Die Praxis der Alten hat fih im Wefentlichen nach denfelben Naturgefeben
entwickelt, twvie die der neueren Völker — hier läßt fich vielleicht die meifte
Analogie nachweifen, weil hier die einfachften elementarffen BVerhältniffe des
Lebens in Frage Fommen, Ähnlich, wie auch in der Körperwelt die hemifchen
und phufikalifchen Sefeße bei den verfchiedenartigften Thieren am gleihmäs
Bigffen auftreten 4). Diefe Unalogie ift nun aber für den NMationaldkono:
men um To Lehrreicher, als die alten Völker bereits ausgelebt haben. — —
Die meiften Schriftfteller, denen der Bau — der Philofophie der Gefchichte
oder (?) Univerfalgefchichte — mißlungen ift, haben den Fehler begangen, daß
fie die Eigenthümlichkeiten gewiffer Entwidlungsfiufen eines Wolkes aus
Mangel an Kenntnif der übrigen für eine Eigenthümlichkeit des ganzen
(einzelnen?) Volkes hielten, während fie doch häufig bei allen Völkern auf
entfprechender Stufe gleichfalls gefunden wird. Nur wer die allgemeinen
Entwiekungsgefeße Fennt, vermag die nationalcharakteriftifchen Ausnahmen
und Mobdificationen derfelben zu beurtheilen, und ohne folche Kenntnif den
großen Bau zu unternehmen, etwa nur geftüßt auf die vage Analogie mit
den vier Lebensaltern der Sinzelnen , geht um fo weniger an, als wir nicht
zinmal wiffen, ob mir ung im erften ober lebten Zehntel der Sefchichte der
Menfhheit befinden. — In den Hauptzügen Eönnen die drei — ar Natur,
Arbeit und Capital anzufchließenden — MVerioden hei jedem vollftändia ent:

‘y Ueber den Lurus a. a. OD. S. 54.
%») Vgl. Weiteres in den »Ideen zur Statiftik« u. f. w. a. a. D. S. 310.
X Grundriß, S. IV. 9).
Man vgl. hierzu au den Eingang zu Nofcher’s MNecenfion des Lift’ hen
Buches, Sötting. gel. Anz. 1842. St. 118. S. 1178, wo die Staatswirth:
[haft als eine YHYfioLlogie der Politik als einer Pfychologie des Staates
gegenübergeftellt wirb, woneben nod) der allgemeine vorbereitende Theil der
Staatgwirthichaft mit der Anatomie veralichen wird.
        <pb n="279" />
        270

wickelten Bolke nachgerwiefen merden; e$ {ft aber das Eigenthümliche der
alten Botkswirthfhaften, daß fie verhältnigmäßig nie fehr weit Über die zweite
Stufe hinausgefommen find. Namentlich ift ein großer Theil desjenigen,
yag bei ung den Mafchinen obliegt, im Alterthum durch Sclavenarbeit
gethan worden, So hat u. U, der hellenifhe und römifche Ackerbau ganz
siefelbden Entmickfungsfiufen durchgemacht, wie die neueren Heldfyfteme; ins:
sefondere herrfcht auch damals fehon das wichtige Naturgefeß vor, daß beim
Kortfchreiten der BVolkswirthfchaft im Allgemeinen die gleiche VBodenfläche mit
immer mehr Capital und Arbeit gefhmwängert wird. Der große Unterfchied
hefteht aber darin, daß Sriechen und Römer diefe ftärkere Intenfität des
Uckerhaues viel mehr als wir durch Arbeit, viel weniger durch Capitalzufäße
zrreichten. Ihre Pflüge 3. BD. müffen elend getoefen fein, dagegen wurden
weit mehr Arbeiter beim Pflügen verwendet. — Ein recht auffällige@ Zeug:
niß über die Stellung des Capitals zur Arbeit liegt in der wohlverbürgten
Angabe, daß im Zeitalter des Sfäus und Demofthenes ein gemeines
Pferd doppelt fo viel Eofkete, wie ein gemeiner Sclav, Hiermit hängt die
große Höhe des alten Zinsfußes zufammen, der freilich aud) im Alterthume
zerade wie neuerdings mit dem Steigen der mwirthfchaftlichen Cultur gefuns
fen ift, aber doch immer viel höher geftanden hat, als bei uns auf derfelben
Entwieklungsfiufe. Es ift Leicht einzufehen, daß bei gegebener Sröße des
Bolkseinkommens überhaupt der Antheil des Capitaliften um fo breiter aus
fallen ‚muß, je fchmäler der Antheil des Arbeiter, Nun wird aber der
Sclav durch die Natur feines Verhältniffes regelmäßig auf das Äußerfte
Minimum des Lebensbedarfes eingefhränkt. — 8 ift ganz befonderg der
immer fteigenden Menge und SefchicFlichleit aller Werkzeuge, Mafchinen und
Operationen beizumeffen, wenn der Sjelav. des Alterthums erft. in den Leib:
zigenen des Mittelalters, dann in den Lohnarbeiter der neueren Zeit umge:
wandelt wurde, Wie eng nun Capitalmangel und Arbeiterfelaverei zufams
menhängen, das hat fhon AUriftfoteles erkannt. — Ueberhaupt ift das
Borherrfchen der Sclavenarbeit ebenforwohl eine Folge, wie eine Urfache nie
yerer Cultur. Sehen wir felbft gänzlich ab von Humanitätsfragen, fo wird
heim Uebergange zu einer Höheren Culturfufe die Freilaffung der Sclaven
fchon durch den bloßen, vichtig calculirenden Eigennuß der Herren gefordert.
Bei ung z. B. wird die einfachfte Rechnung jeden Arbeitsherrn überzeus
gen, daß e$ unvortheilhaft wäre, Sclaven zu haben, ftatt Diener und Mägde.
m füdlichen heile von Nordamerika ift bisher noch der umgekehrte Hall.
Ss 1äßt (ich aber, wenn das jebige Yufblühen des Landes in gleichem Srade
Fortdauert, mit Sicherheit der Beitpuntt berechnen, wo bloß durch das wohl:
verftandene Intereffe der Eigenthümer die Sclaveret dort verfhtwinden wird.
Halten wir uns nur an ein freilich befonders wichtiges Kennzeichen der Cul:
sur, die Dichtiakeit der Bevsleerung, fo hat z. SB. in England die Emanct-
        <pb n="280" />
        21

pation während des 14. Jahrhunderts begonnen und war vollendet im 17,
SFahrhundertz in der erften Periode aber zählte man durchfHhnittlich 850, in
der zweiten etwa 2000 Menfhen auf der Nuadratmeile. Man Eönnte
hiernach rechnen, daß bei einer Bevölkerung von 14 — 1500 die Sclaverei
feinen VBortheil mehr gewährt, d. h. auf englifchem Boden und unter eng:
lifhen Confumtionsverhältniffen. Nun {ft das obenerwähnte Naturgefeß
auch im Alterthum ohne Zweifel thätig gewefen, nur nicht vollkommen durch»
gedrungen. Mildere Behandlung der Sclaven in Athen u. f. w. Daß
freilich alle diefe Tendenzen nicht wie bei ung vollendet find, Fönnen wir
theils$ dem geringeren Capitalreichthbum , theils$ auch der geringeren fittlichs
religiöfen Entwicklung jener heidnifchen Bölker zufchreiben. AUuf diefen fundamentalen
 Unterfchied (die Sclaverei) laffen fi mittelbar oder unmittelbar
alle wichtigeren Ausnahmen zurückführen, welche die alte Bolkswirthfchaft
von den Megeln der neueren Iheorie bildet. Auffallend ift nur, daß die
Alten gerade in der Wolkswirthfehaft verhältnifmäßig hinter uns zurückblie:
ben. Sn mancher Beziehung freilich erfcheint die Entwicklung des Semwerb:
fleißes ähnlid. So haben 3. SB. die allgemeinen Naturgefebe, wonach jeder
einzelne Jndufkrieztweig feinen Standort auffucht, nachweislich auch im Alters
thume ihre Seltung gehabt: — — Dem gegenüber läßt fich aber nicht
leugnen, daß im Leben des Alterthums überhaupt die Indufkrie eine fehr
viel geringere Wichtigkeit befißt als heutzutage. Dies erklärt fich fhon ein:
fach aus der Sclaverei; die allgemeine Schlechtigkeit der Sclavenarbeit, der
Umftand, daß der Ärmlich Lebende Sclave Fein Käufer ift u. f. w. Sleich:
mohl bezeugt die Erfahrung, daß fich ein irgend zahlreicher, für gröbere Ins
duftrie geeigneter Stand von freien Arbeitern neben einem Sclavenftande
nicht zu halten vermag. In Ähnlihem VBerhältnif fteht das STehlen der
modernen Armennoth, weil Feine Uebervölkerung durch übergroße Bermehs
sung der unterften Stände möglich war, indem die Fortpflanzung der Sclas
ven immer unter der Controle ihrer Herren ftand. Auch Eommt es bei den
Alten Äußerft felten vor, daß fich politifche Ummwälzungen — an Steuerfras
gen gefnüpft hätten, Es waren in Athen während feiner befferen Zeit die
wahren directen Steuern der Bürger Lediglich für Nothfälle beftimmt, eine
Ausnahme von der Megel. Im Peloponnes waren die eigentlichen Steuern
noch weniger üblich. So haben auch die Nömer in der Zeit ihrer republi
Fanifchen Weltherrfchaft von der Befiegung des Perfeus an bis zum Conz
fulat des Hirtius und Panfa Feine directen Steuern gezollt. Es ift ein
allgemein giltiges Entwieklungsgefeß, daß auf den niederen Stufen die Nas
guralwirthfchaft vorherrfcht, Insbefondere audh im Finanzwefen die perfönli:
hen Dienfte und die undeftimmten, etwa quantitativen Naturallieferungen,
daß aber zugleich mit der höheren Cultur deren Ummandlung in firirte Geld
abaaben durchdrinat. Dies Sefeg Fönnen wir allerdinas auch im UÜlters
        <pb n="281" />
        272
hume nachweifen, nur ift e8 verhältnismäßig viel fpäter ausgeführt
worden. «
So weit Nofcher. Ich habe den langen Auszug aus diefem Auf:
[abe in den wohl für mandjen Lefer nicht Leicht zugänglichen Leipziger »Berz
yandlungen« unternommen, weil ich doch fonft vereinzelt die Stellen hätte
irwähnen müffen. Sedenfalls ift das Ziel diefes Auffakes ein wichtiges, der
Nachweis, daß fich mit im Sanzen geringen und mehr zufälligen Modificas
onen die Volkswirthfchaft der verfchiedenen Nationen doch immer in dem:
felben Kreisringe dreht, wie man das auch neuerdings etwa von den Staats
verfalfungen namentlich nach Mach iavelli’s Vorgang behauptet hat. Zu
ber von uns hervorgehobenen zweifachen Entwicklungsbemwegung der Volkswirthschaft,
 innerhalb des einzelnen Bolkslebens und in der ununterbrochen über das
Rommen und Bergehen der einzelnen Nationen hinaus fich fortberwegenden
menfchheitlichen Entwicklung, in welcher die einzelnen Bölker hei aller Ana:
logie in ihrer Entwicklung als Theilen des Ganzen, doch zugleich durch die
Wirkung der vorfchreitenden Zeit eine andere Stellung, andere Formen und
Aufgaben erhalten, fowie zu der von ung Hervorgehobenen Bedeutung der
Nationalität für die BVolkswirthfchaft — fteht diefer Berfuch in ent[hiedenem
Segenfake. Nicht als ob Nofcher überhaupt das Borhandenfein von Ver:
Kchiedenheiten im Allgemeinen oder in jenem Auffabe insbefondere in AWbrede
itellte — unfer Auszug giebt darlıber felbft die Belege, und Nofcher fagt
zusdrücklich auch im Cingange: »Wir müffen die Verfchiedenheit der Dinge
mit demfelben Intereffe ftudicen, wie die Yehnlichkeit« —, allein er unter:
ichäbt weit diefe Verfhiedenheiten und führt fie obendrein, weil er die wahre
Wurzel derfelben nicht erkennt, auf falfhe Fundamente zurück. Ich weiß
nicht, ob ebendaher auch jene, bei diefem Karen Denker fo auffälligen ftars
fen Widerfprüche herrühren, in welchen einzelne der hervorgehobenen Säke
unter einander ffeben. An alles Diefes werden wir gleich bei der Beurtheiz
lung der Hauptfrage gemahnt, des Verhältniffes der Sclaverei, diefer »fünz
yamentalen Urfachei für alle Unterfchiede in der altelaffifhen und der (pätes
sen Bolkswirthfchaft. Es ift gewiß viel gefabelt worden Hber die vortrefflichen
 Zuftände der Unfreien bei den germanifchen Völkern, aber daß dies
Snftitut der Sclaverei, wie wir e8 bei den altclaffifhen Bölkern finden, auch
auf dem Boden Germaniens beftanden habe, Fann doch wohl jeBt als eine
unter den SGefchichtsforfchern verurtheilte Anficht betrachtet werden. DYbwohl
die mangelhafte Befeitigung der Sclaverei »Lheils dem geringeren Capital:
reichthume , theil$ auch der geringeren fittlich-religiöfen Entwidlung jener
Heidnifchen Völker« zugefchrieben wird, fo ift doch offenbar allein in dingliche
Berhältniffe der Schwerpunkt gelegt. Und doch Kiegt die volle Urfache der
altelaffifchen Sclaverei in der Nationalität, in dem menfchlihen Factor,
And ihre Befeitigung murde durch das Chriftenthum und die germanifihe
        <pb n="282" />
        273

Nationalität herbeigeführt. . Während mit der Befeitigung der altelaffifchen
Sclaverei die Ahriftliche Religion und der germanifhe Bolkscharakter einen
Triumph erlangte und fih zu höherer Blüthe entfaltete, lag der Idee wie
den Thatfachen nach in jenen maffenhaften Freilaffungen, Sclavenemanct:
pationen ur. f. tw. ein vernichtender Act gegen das nationale Staatslehen der
alten‘ Bölker und- ihre auf die politifhe Herrfechaft der nationalen Bürger
berechnete NReligion. Weil es griechifcher Mationaldharakter war, daß der
Bolldürger fein Leben der politifchen Thätigkeit widme, bedurfte er des Sclaz
ven für andere unerläßliche Arbeiten; ek würde gewiß auch fih mit Mafcht:
nen ‚und Sctlaven zur Beaufjichtigung derfelben begnügt haben; unter —
zugeftandener Weife — größerem Capitalmangel bet den Hriftlich= germani-{chen
 Nationen geht eine. Milderung der Zuftände ihrer Unfreien unabs
Läfffg vormärts. Alle Hinweife Nofcher’8 auf den entfcheidenden Einfluß
binglicher Urfachen find meiner Meinung nach haktlos, Dar er Eurzerhand
auf ffatiftiflche Bevötkerungsangaben über England im 14. und 17. Yahrhundert
 jenes offenbar fo wichtige Sefeß zu gründen unternimmt, muß jedem
Statiftifer befremdlich erfcheinen; und obendrein vergleiche man damit die
Sclaverei in den ftark hevölkerten altaı Staaten. Nicht beffer fteht es
mit dem Hinweis auf die füdlihen Staaten von Nordamerika. Hier fol
fich bis jeßt eine Ausnahme von der Megel zeigen, daß bei einer beffimmten
Dichtigkeit der Bevsikerung die Sclaverei von felbft aufhört; e&amp;amp; wird die
Zeit erwartet, wo einfach das mwohlverftandene Sigenintereffe der Herren die
Befeitigung.der Sclaverei herbeiführen werde. Diefe friedlichen Ausfichten,
wie fie befanntlidH audy Naumer eröffnet, werden wenigftens von den
Amerikanern felbft fehr felten getheilt. AWber es liegen doch auch die Unterz
fchiede der antiken und der modernen Sclaverei in den füdlichen Staaten der
Union fo Eenntlih zu Tage. Bei Griechen und Römern az die Urfache
im Menfchen ,-in Nordamerika liegt fie im Boden; der Grieche verfhmähte
jene Arbeit, der weiße Mann in Nordamerika Fann fie nicht leiften, denn
ihm ift die dem Neger ganz ungefährlihe Ausdünftung des tropifchen Bo:
dens in jener Plantagencultur vernichtend. Und wenn man die geiftige
Natur des Menfchen damals und jebt in Vergleichung zieht, fo war e&amp;amp; im
Alterthume die ftolze Natur des Herrn, dem oft der geiftig überlegene
Sclave fogar den Iugendunterricht ertheilt hatte, heutzutage ift e&amp;amp; der tiefe
Stand der wilden, der Leitung, und. Aufficht bedürftigen Natur des Neger:
felaven, auf welche die Urfachen einer folchen Inftitution zurückgeführt
werden ‚müßten. Während die großen SGrundmächte, welche das NRömerreich
über den Haufen warfen und die altelaffifche Nationalität vernichteten, die
chriftliche Neligion und die germanifche Nationalität, unverträglich waren mit
der Inftitution der antiken Sclaverei und durch ihre fretere Entfaltung dies
felbe befeitigen mußten, fommt uns auch hier die Anficht entgegen, als ob
Rnieg, volit. Dekonomie. 18
        <pb n="283" />
        274

‚mmer und überall das Leben und Weben der Völker nur oder vorzugsweife
in erfter Linie von SEonomifchen Sefichtspunkten beftimmt worden fei, Nur
jene Triebe lagen auch im Bewußtfein der Menfchen. Während die Kirche
fortwährend mit fteigendem Erfolg gegen die Fortdauer der Sclaveret eiferte,
beruft fih in den merkwürdigen Proceffen, die ung der Sammelfleiß na
mentlich italienifcher und franzöfifcher Hiftorifer über Streitigkeiten zwifchen
Herren und Sclaven erhalten hat, der Herr auf die Grundfäge des römifchen
Rechtes, der Sclav auf die Sabungen. der germanifhen Sewohnheiten,
Und wie ift nur der Widerfpruch zu erklären, daß an der einen Stelle No:
Fer jene Berechnung im Sinne des. wohlverftandenen Cigennußes anftellt,
nach welcher e$ bei einer gewiffen Dichtigkeit der Bevölkerung unvortheil:
haft wird, Sclavenarbeit anzuwenden, und bald nachher an einer anderen
28 al8 eine bekannte Erfahrung anfieht, daß wegen der größeren Billigkeit
der Sclavenarbeit ein Stand freier Handarbeiter neben Sclaven nicht auf:
Fommen, fi) nicht hakten Fönne! Wenn dabei auf die Billigkeit der Scla:
venarbeit vermwiefen wird, weil diefelben in der Megel auf das größte Mini:
mum des Verzehres angewiefen find, fo ift zu erinnern, daß.der Ankaufs:
preis oder die AufziehungsEoften des Sclaven hinzuzurechnen find. Cben
daher Fommt auch die Differenz zwifchen dem Preife eines Pferdes und eines
Sclaven, die Rofcher erwähnt und auf welche er Gewicht legt. Für die
Alten war ein Pferd wie ein Sclav eine Sache, ein »Lebendes Ding«, der
Sclav fo gut wie das Pferd »Capitalkraft«; nicht in dem Capitalmangel,
fondern in der Differenz der Herffelungsloften lag die Differenz des Preifes;
ein Sclav wurde mit größerem Koftenaufwand zu einer Arbeitstraft gemacht,
al8 ein Pferd, darum Loftete ee — — fogar nur die Hälfte von dem, was
ein Pferd Eoftete; anderenfalls würde er etwa nur ein Fünftel geFoftet haben,
da, wie ung Liebig bewiefen hat, ein Pferd einen fünfmal fo großen Bo:
yenraum zu feiner Ernährung beanfprucht, mie ein Menfch. - ; ;

Gewiß ift die perfönliche Sclaverei bei den Alten eine Infkitution von
Aundamentaler Bedeutung, um die UnterfAjiede der alten von der fpäteren
Bolkswirthfchaft zu begreifen. Aber wir haben in ihr nicht ein Merkmal
jer dinglichen Entwicklung. vor uns, nicht eine bei allen Völkern auf ähn:
ficher Culturftufe analog wiederkehrende Pbhafe der DYekonomie, fondern fie
war eine Inftitution, die mit dem nationalen Charakter zufammenhing.
Auch bei den Germanen gewahren wir dann eine eigenthümliche Manifefta:
tion unfreier menfchlicher Arbeit; die dingliche Entwicklung tritt hier und
dort in einem Verbande mit befonderen Formen des nationalen Lebens auf;
%ier mie dort zeigt fich dabei die Wirkfamkeit der zeitlichen ‚Cinflüffe; auf
combinirter_Srundlage, in gefchichtlicher Bewegung treten die Erfheinungen
hervor, bie wir Keicht als unerfchütterlich und conffant zur Bedingung emwiger
        <pb n="284" />
        275

Naturgefeße machen. Erf in der neueren Zeit tritt uns-der perfönlich uns
abhängige, capitalentblößte, frei accordirende Arbeiter entgegen; auf deffen
Eriftenz find die von uns formulirten Sefege des Arbeitstohnes und ein grofer
 Theil in den Sefeben des Preifes gegründet. Obfehon Rofcher in dem
Vorhandenfein der Sclaverei die Haupturfache der »Ausnahmen, welche die
alte Volkswirthfhaft von den Megeln der neueren Theorie bildet,« erkennt,
fo gelangt er doch, nachdem er die eigentliche Wurzel derfelben verkannt hat,
auch fonft auf unrichtige Interpretationen anderweitiger Unterfchiede. SGemwiß
ift die Armennoth Folge der Uebervölterung, d. h. eines Mipverhältniffes
zwifchen Confumentenbedürfnig und Confumtionsmaffe; aber die Alten follen
fie nur aus dem Grunde weniger gekannt haben, weil die fonft zahlreichfte
unterfte Bolksclaffe bei ihnen durch die Sclaven gebildet wurde, deren: Forts
pflanzung unter der Controle der Herren fand. Das fieht Umerika ähnficher
 wie Nom und Athen. Wenn wir beifpielstveife lefen, daß eine Stadt
wie Milet SO Pflanzfkädte gegründet, Chalcis 50, Megara fich geradezu
durch Colonieenausfendungen entvölfert ut. f. w. — wenn wir gewahren, wie
Rom unter ununterbrochenen, anfirengenden Kriegen, in deren Dauer man
nicht Leicht über Ueberoölkerung zu Elagen Veranlaffung findet, über folche
Mafjen von eroberten Ländern feinen Nachwuchs ausftrömen läßt — fo
fieht man wohl, daß diefe Völker Jahrhunderte hindurch vor einer Uebervölz
Berung ebenfo gefhlißt fein mußten, wie etwa ein Strich im heutigen Nords
arterika; auf diefe Weife wurden fie unverhältnigmäßig mehr wie durch eine
mafßbhaltige Züchtigung der — ohnedies, wie bekannt, fortwährend fehr ftart
vermehrten — Sclavenbevölferung vor einer. Menfchenüberfülung bewahrt.
Selbft die Bemerkung von Hegewifch, die außer Nofcher audh fhon
BöcEhH beipflichtend erwähnt hat, daß fi im Aiterthum weit feltener wie
bei ung politifche Bewegungen an Steuerfragen gefnüpft hätten, meiff, ob:
wohl ich ihr nur eine fehr bedingte Wahrheit zugeffehen Fann, auf den Un:
terfchich im Bolkscharakter zwifchen uns und jenen Nationen hin, für welche
SEonomifche Fragen niemals den allgemeinen rein politifhen And ftaatsrechts
lichen vortraten. Cbendeshalb ‚paßt, fie am wenigften auf die Zeiten des
innerlich gefunkenen Nom, auf die Zeiten, in denen der Stand des civis
optimo jure fo. oft Widerwilligen aufgenöthigt werden mußte. Sndeffen,
wie gefagt, dergleichen, obwohl bemerkte und hervorgehobene Segenfäße des
alten und neuen Bölkerlebens treten doch für Nofcher, hinfichtlich der Feftftellung
 des Mefultates in den Hintergrund, und er ffellt Analogieen auf,
welche den Unterfchied von Zeiten und Lölkern verleugnen. Soll der be:
Fannte Sat, daß e&amp;amp; nichts Neues unter der Sonne gebe, etwas Anderes bez
deuten, als daß wir in früheren Zeiten Unalogieen finden zu fpäteren,
d. h. alfo, daß wir nicht daffelbe, fondern nur etwas Aehnliches, hüben
und deikben, von Unterfchieden begleitet, wahrnehmen, fo müßte man ihn
IR*
        <pb n="285" />
        276

ficherlich dahin corrigiren, daß immer AUNes neu fei, weil immer die allge:
meinen Berhältniffe, die Menfchen u. f. mw. fich ändern.
Nofcher rügt mit Necht jene leichten Conftructionen, denen wir häufig
in der »Philofophie der SGefchichte« begegnen, und die fich nur »auf die vage
Analogie mit den vier Lebensaltern .der Einzelnen ftüßen.« Doch wird man
dem Pofitiven, was er gegenüberftellt, nicht ohne ftarke Borbehalte zuftim:
men fönnen, auch wenn man in einem etwas unbeftimmten Sak- nicht den
Sedanken finden zu müffen glaubt, daß man etwa Die »allgemeinen Ent
mwidlungsgefeße« auf einem anderen Wege Fennen zu lernen vermöge, als
durch das Studium der einzelnen nationalcharafteriftifihen Manifeftationen
des Wölkerlebens. Denn man fieht doch gleich, daß der Sa, die Sefebe
der Bolksentwiecklungen im Großen feien wohl eben fo gleichartig, wie die
Entwickiungsgefeke der Individuen, nicht bloß zu einem Vergleiche, fondern
al8 Hinweis auf eine Analogie, und zwar auf. eine fchwerlich zu billigende
dienen fol. Wohl »find auch Völker in ihrer nationalen Identität aufgelöft
worden und leben nur alg Beftandtheile neuer Bolksbildungen fort«, aber
wenn wir das ihr Sterben nennen wollen, fo müffen wir uns ficherlich gegen
bie Parallele verwahren, welche Nofcdher zieht und als Grundlage einer un:
richtigen Analogie verwendet. In dem Sterben der Völker haben wir nur
zine Parallele zu dem gewaltfamen Tode der Iudividuen, vielleicht ‚zur
Schwäche des Alters, nicht aber zu jenem naturgefeßlichen Tode durch das
Yufhören der Eörperlichen und geiftigen Functionen. Wo if ein einziges
Volk in der Sefchichte, deffen Lebenslicht in fich felbft ganz erlofchen, nicht
son außen her vernichtet worden it? Sind fie aber alle gewaltfam geftor:
ben, tuns-berechtigt uns, die leßte Zeitperiode vor ihrem Ende als den natur:
gefebßlichen Ausgang eines in feinem ganzen Laufe verronnenen Lebens an:
yufeben ? aus gefchichtlichen Gründen eine neue Entfaltung für unmöglich
and naturmwidrig zu erklären, während wir doch fo manches Volk, gerade auch
unter den germanifchen und romanifchen Nationen aus einem Zuftande ermatteter
 Berfunkenheit einen neuen Auffhmwung, eine neue Erhebung gleich:
fam durch Nacht zum Licht vollbringen fehen? Und gerade auch die altz
slaffifchen Völker find eines durhaks gewaltfamen Todes geftorben; vielleicht
hätte im Hinblitk auf diefe Thatfache Nofcher beffer die von ihm felbft
hervorgehobenen Unterfchiede zwifchen ihnen und uns begründen Eönnen, daß
die Entwicklung. der Sclaverei zu einer Emancipation der Unfreien nicht
vollffändig durchgedrungen, daß die Alten nie viel Über die zweite, an das
Borwiegen der menfhlichen Arbeit in der VWolkswirthfchaft anzufnüpfende
Entwicklungsperiode hinausgekommen feien u.’ f. w. Statt deffen ftügt er
fich in thesi gerade auf die Annahme, daß »ihre Entwicklungen jedenfalls
ganz beendigt vor uns liegen« — nun dann follte.er wenigftens den. Um:
and, daß fie die‘ Sclaven. nicht vollftändig emancipirt, nie über die zweite
        <pb n="286" />
        277

Stufe hinausgekommen feien u. f..10., al8 eine in der Nationalität, bes
ziehungsweife durch die zeitlichen Elemente im Allgemeinen gefeßte Schranke
anerfennen, vermöge welcher die alten Völker für ung und unfere Zeit eben gar
Feine vollffändige Analogie abgeben Eönnen.. Chenfo Iag der Srund, wess
halb die Alten »gerade in der Volkswirthfchaft fo weit hinter uns zurück:
geblieben find,« neben den natürlichen Einflüffen- der allgemeinen zeitlichen
Bedingungen vorab in dem antiken BVolkscharakter felbft; der Srieche vers
fhmähte die SEonomifche Arbeit, befaß nicht jenen unermüdlichen Eifer für
den materiellen Erwerb; weil er Feine von felbft fich bewegende Weberfchiffs
chen u. f. tw. befaß, hielt er die Sclaverei für undedingt nothtwendig, wähs
rend die neueren Völker die Früchte des materiellen Ermerbes Höher anfhluz
gen und die SEonomifche Ebhätigkeit nicht im Widerfpruche mit der Würde
des freien Mannes und Bollbürger&amp;amp; fanden. Uebrigens ift es natürlich die
Zunahme der Capitalkräfte, das Unwachfen der Refultate der geiftigen Arbeit
und der erprobten Erfahrungen, durch welche jede fpätere Zeit über die feltz
here hinausgehoben wird, jedes fpäter Lebende Volk in jener ununterbrochenen
Kortbewegung der Dekonomie in der menfehheitlichen Sefchichte eine andere
Stelle einnimmt und einnehmen muß, als das frühere. Rofcher felbft
thut — a. a. 9. S. 125 — diefer Erfindungen, Entdekungen u. f. w.
Erwähnung, durch welche die Lage der fpäteren Völker bloß wegen ihres
fpäteren Kommens eine andere geworden ift — aber er [äßt diefe Thatfache
doch eben wieder ohne alle entfchiedenere Einwirkung auf die Modificationen
der Analogie verbleiben. Gerade auch wegen diefer neu auftretenden Kräfte
Fann die Wirthfchaft der fpäteren Völker nicht bloß als eine Analogie zu
ber der Alten aufgefaßt werden; gerade, wo wir deshalb analoge Stufen
porweifen Fönnten, zeigen fidh fofort die Unterfchiede augenfcheinlich, Ro:
fer felbft verweift einmal z. B. darauf, daß wir auch in dem jugendlich
aufffrebenden Nordamerika die Rodermirthfchaft wiederfinden u. f. mw. Aber
bort ift ja diefes Feldfoftem nichts als ein EFurzer Uebergang zur Bewältigung
ferritorialer Widerftände gegen die fofortige Einführung eines höhes
ven Feldfnftemes; e8® feckt nicht der Menfh. mit feinen Begriffen und Anz
fehauungen, mit feinem Begehren und Bedürfen, mit allen feinen politifchen
BVerhältniffen in diefemn Syfterne, fondern es ift ihm ein von außen her aufs
genöthigtes Werkzeug, um zu den von ihm bereits während der Ausübung
der NModewirthfchaft erkannten und erftrebten Höheren Wirthfchaftsformen zu
gelangen. Daß fih die Induftrie 3. B. des SGewerbfleißes ‚nach denjelben
„allgemeinen Naturgefebßen, wonach jeder Induffriezweig feinen einzelnen
Standort auffucht, nachweislich auch im Alterthume« Local vertheilt habe —
wird, wenn mehr damit gefagt fein foll, als der felbfiverftändliche Sar, daß
jeder Yndufkriezweig fich da auszubilden pflegt, wo er günftige Conjuncturen
für fein Beftehen findet, einer näheren Erläuterung bedürfen, Wir felbft
        <pb n="287" />
        278

jaben durch das Uuftreten eines neues Brennmateriales und der. Dampf:
mafchinen einen Umfehrwung in der befonderen Manifeftation jenes felbftverz
Tändlihen Sakes erlebt. Sollte man — wie das wohl fchmwarzfichtige Hi:
toriographen im Hinblik auf politifches Leben gethan. haben — das Vors
wiegen der ÖEonomifchen Intereffen, den »Materialigmus« unferer Zeit in
Parallele ffellen wollen mit den lebten Zeiten Roms — fo müßte man doch
zleich gewahren, daß unfer NMeichthum und immerhin auch unfer Materialis:
mus auf einer durch die Arbeit, durch induffrielle ThätigEeit gefchaffenen
Brundlage ruht, während das Verderbnif Noms über den im Kriege zu:
ammengeraubten, im Frieden zufammenbdecretirten Schäßen hereinbrach,
welche die Meichen wie die Yemen zu Senüffen und Begierden geführt hatten,
auf denen der Fluch des Maubes ruhte. Und auch auf diefem Terrain tritt
in merfmürbiger Zug in Nofcher’s Charakteriftik der altelaffifchen Deko:
nomie hervor, welcher eine befondere Eigenthlimlichkeit derfelben erläutern
ol; er beruht aber Feineswegs auf gefchichtlicher Wahrheit. An den Sab,
aß fich bei den Alten äußerft felten politifche Ummälzungen an Steuerfragen
gefnüpft Hätten, fchließt Nofcher die Bemerkung an, daß in den befferen
Seiten Athens die directen Steuern eine Ausnahme von der NMegel waren 1),
wie denn auch die Römer nach der Befiegung des Perfeus lange Feine
birecten Steuern gezollt hätten; — wohin verirrt fich aber hier NRofcher,
oder ffeht es etwa irgenbiie.zu bezweifeln, daß der einzige Grund, weshalb
a8 — mwohlbemerkt obendrein vorher fhon eingeführte —
Tributum , die directe Steuer in Nom nach jenem Kriege nicht fernerhin

\

Sener von Hegewircd aufgeftellte, von BdckhH und Nofcher gebilligte
Sag bedarf ficherlich einiger Mobification. Daß hier Feine befondere Ei:
genthümlichFeit des antiken Lebens vorliegt, dürfte zunächft daraus Her:
vorgehen, daß die Regierungen der Alten, wie alle Regierungen in den früz
heren Stadien des Stantslebens, viel weniger Anfprücde zu befriedigen, ein
viel geringeres Sefchäftsreffort zu erledigen Hatten, Man blife nur auf
die Unionsregierung in Nordamerika, oder vergleidhe die Schweiz felbft noch
bor 20 Jahren mit der Schweiz in der Gegenwart, in weicher durch die
Ausdehnung und Vermehrung der Regierungsgefhäfte überhaupt -erft in
vielen Cantonen die divecte Steuer Tammt Bubdgetdeficit&amp;amp; befannt geworben
iff. Dazu noch die von den Alten den Einzelnen aufgendthigten Leitungen
für den Staat, wie die Leiturgien und Zrierarchien der reichen Athener,
die ludi Romani der aediles curules u. f. w. Zudem muß man fi in
dem vorgefchrittenen Athen und Rom das ganze Volk fo zu fagen als die
den Bundesgenoffen, Vrovinzen u. f. w. Steuern ausfdhreibende Megierung
denken — und wie viele Bewegungen Enlüpfen fich bei den Vundesgenoffen,
in den Provinzen an Steuerfragen! AYber Handelt e&amp;amp; fih denn bei der
Sahrhunderte hindurdy dauernden Bewegung über den Ager publicus Rome,
in der ganzen Agrargefeßgebung nicht auch um Verhältniffe deg Tributum
und Vectigal?
        <pb n="288" />
        279

zehoben wurde, nur in dem durhdhen Krieg erlangten Befis der
aroßen makedonifhen Beute ag? und ein folches, rein aus den
äußeren Erlebniffen des Eriegerifch erobernden Volkes hervorgegangenes Cr.
gebnif foll ein befonderes Merkmal in einer beftimmten Stufe der antiken
Hekonomie darftellen! ;
Auch darin irrt meiner Meinung nach Nofcher durchaus, daß er
meint, zwifchen der SFfonomifhen Praris der Alten und der der moder:
nen Völker laffe fich vielleicht die meiffe Unalogie nachweifen, weil hier die
zinfachften elementarften Berhältniffe des Lebens in Frage Fämen u. f. w. —;
fände mir nicht zu Elar die einheitliche VBerfhlungenheit aller Lebenskreife im
VNolksleben und in den Volksentwicklungen vor Augen, ich möchte eher fagen,
baß gerade in der SEonomifchen Praris die Contrafte des antiken und des
modernen Völkerlebens am allergrößten feien. Rofcher felbft weißt im
weiteren Berlaufe feiner Darftellung darauf hin, wenn er das auffällige —
oder vielmehr aus dem altclaffifchen Bolkscharakter ganz erFlärliche — Zu:
„übleiben der Alten gerade in der wirthfehaftlidhen Entwidlung zugiebt;
wenn er, der das Leben Griechenlands und Noms für ein vollftändig volls
endetes anficht, -e8 felbft heroorhebt, daß die Alten verhältnigmäßig nie (ehe
weit über die zweite Stufe hinausgekommen feien u. f. wo. Und überhaupt
wundert mich diefer Vergleich mit der »Körpertelt, in welder die Hemifchen
und phofikalifchen Gefene hei den verfhiedenartigften Thieren am gleidhmäz
Bigften auftreten.« — Wo bleibt da die »politifche Seite in der National
SEonomie«, two die »ethifche Wiffenfhaft«, in der es darauf ankommt,
„Menfchen zu beurtheilen, Menfehen zu beherrfhen« ? Das Alterthum —
fagt NMofcher felbft von der altclaffifchen Theorie in der angeführten Necen:
fion Lift’8s — das Ulterthum hat einfeitig die politijche Seite der Staats:
wirthfchaft hervorgehoben — in der neueren Zeit hat man im Ganzen mehr
den umgeFehrten Irrtweg eingefehlagen — welche Analogie zur Praxis!
Sn der That, je genauer man diefen Auffas durchmuftfert, der ganz
befonders dazu beftimmt ift, die durchgreifende Analogie zwifchen der altz
claffifchen und der modernen Volkswirthfchaft nachzumeifen, um fo beftimm:
ter gewahrt man, tote vielmehr alle Momente zufammengeftellt find, welche
die Contrafte der fpäteren Zeiten und Völker mit den altelaffifchen erkennen
Laffen. Sch weiß wirklich nicht zu vermuthen, an welche Völker Nofcher
bei dem Sabe gedacht hat, der den Kreislauf der ÖEonomifchen Entwicklung
der Völker bezeichnen follz daß wir bei jedem vollftändig entwickelten Bolke
die drei an das Borwiegen der Natur, der Arbeit und des Capitales {ich
anlehnenden Perioden nachweifen Eönnen; die altelaffifhen Völker — »find
perhältnifmäßig‘ nie weit fiber die zweite Periode hHinausgekommen; « Uber
der Dekonomie in dem ortentakifchen AÜlterthume Kegt, wenn auch Feine totale
Finfternif, fo doch eine Hartielle und Überall” das Dunkel der Dämmerung;
        <pb n="289" />
        280 ;

die modernen Völker — ftehen ja noch mitten in ihrem Lebensiaufe, Und
%ier möchte ih nicht nur auf einen Widerfpruch in der Darftellung No:
"her’8 verweifen, fondern auch ganz allgemein gegen die weitverbreitete
Unfhauung über einen abfoltten Endverlauf in der Sfonomifchen Entwick:
:ung der Völker in Erwägung geben, ob wir nicht zum Vortheil der Wiffenichaft
 einmal entfchieden darauf verzichten wollen, irgend eine Seftaltung der
S£onomifchen Verhältniffe, die in der Wirklichkeit oder in dem geiftigen Ho
izonte der Gegenwart liegt, als das Lekte und Höchfterreichbare, als bie
auslaufende Spige der Entwickfungsftufen. anzufehen. . Wir, die wir mit
jolcher Beftimmtheit In eine dritte Entwieklungsperiode eingetreten find, wäh:
vend. »die alten Völker verhältnifmäßig nie weit Über die zweite hinaus:
Samen und gerade in der Öfonomifchen Entwicklung weit hinter uns zurücE:
blieben« ; wir, die wir — um ferner mit Nofcher felbit zu reden —
„nicht einmal wiffen, ob wir uns im erffen oder im lebten
Zehntel der Sefhichte der Menfhheit befinden«, und doch fchon
in einem Eeinen Bruchtheil diefes Zehntels eine fo reiche Entwicklung. auch
in der Bolkswirthfchaft hinter uns haber — womit follen wir die Ahnung
eines Beweifes geben Fönnen, daß alle Eommenden Generationen nicht
über unfere Praxis, nicht über die Sehweite unferer Theorie hinauskommen
merbden; daß fie alle und in die Ewigkeit der Zufunft hinein gleich ung, die
wir aus einem — öfonomifchen — Mittelalter in unfere Neuzeit ‚einge:
treten, aus einer Stufe der vorherrfhenden Sewerksarbeit zu unferer Stufe
der Capitalwirkungen, aus einer Naturalwirthfchaft zu einer Stufe der
Seldwirthfchaft gelangt find und vielleicht no — fußend auf dem in der
Befchleunigung und Erleichterung des SGüterverkehres erfichtlihen Sefeß der
ellvertretenden Kräfte .— in unferem Sefichtsfreife einen Uebergang der
Beldwirthfchaft in eine Creditwirthfhaft zu erkennen vermögen — daß alle
diefe Generationen der Zukunft gleich uns dem Wefen nach nur Daffelbe erleben,
 thun, denken, hHervorbringen werden. Das Menfchengefchlecht ft in
ner nie raftenden Bewegung, in einem ununterbrochenen Fortfhritt des
Zhung und Denkens; bliken wir rückwärts, fo Finnen wir gewahren, wie
weit wir vorgefchritten find, was mir durchmeffen haben; blien wir vor:
wärts, wie follten wir mähnen, daß hinter dem Schleier ‚der unfern unfere
are Ausficht begrenzt, die ewige Wiederholung und die ewige Stagnation
Sebensgefeß fei; mitten in einer Bewegung von rückwärts her und nach vors
märts hin haben wir unfer Thun und auch unfer Denken zu erfaffen. DVBers
;ichten mir deshalb darauf, das Leben der Zukunft mit Beftimmtheit abs
zrenzen zu wollen, oder mit anderen Worten, in den bei einzelnen Völkern
zemachten Erfahrungen den öfonomifchen Typus aller anderen Wölker und
Zeiten erbliden zu wollen. Kämen auch wirklich die einzelnen Völker immer
wieder nothwendigerweife zu einem Wofchluß zeitlich begrenzten Lebensiaufes,
        <pb n="290" />
        281

bie Menfchheit im Ganzen HE in einer Bewegung. über die Gräber der Volkes
individuen,. wie über die Gipfelpunkte in dem Leben derfelben hinaus, weil
jedes fpäter aufttefende Bolkauf den Schultern der früheren fteht, die Summe
der von ihm gemachten Erfahrungen, der früher eroberten Kenntniffe als
(Erbjhaft auf den Beginn feines Lebenslaufes mitnimmt.. Es if£ wiederholt
die Forderung audy von uns erhoben worden, die Entwieklungsphafen der
Volksmwirthfchaft Innerhalb des Lebens der einzelnen Nationen, d. h. der end:
lichen Kettenringe in ber unendlichen Bewegung der menfchheitlihen Se:
fehichte nachgerwiefen zu fehen; e8 ift überall die Anficht feftgehalten worden,
daß, da wir bei aller Beefchiedenheit der nationalen und zeitlichen Elemente
in der Bolkswirthfchaft och zugleich einen allgemeinmenfchlidhen und fogar
auch einen allen ftaatlichen Bildungen generellen Factor im Leben wahrnehz
men, ficherlih auch die SEonomifche‘ Entwicklung des einen Volkes Iypifches
für die der übrigen enthalten muß, und auch ich bin der Meinung, daß die
wirthfchaftlihe Manifeftation des Lebens der altclaffilchen Völker noch ein
Buch voll (ehrreichet und noch nicht gefhöpfter Wahrheiten ift. Aus der
Erforfchung jenes Iypifchen ergiebt fidh das Sefekmäßige in der Entwicklung
der Bolkswirthfchaft, deffen vorbedeutende Kraft für andere Völker nach dem
BSefeg der Analogie (vgl. unten), d. h. nur unter gleichzeitiger. Berückfichti:
gung der durch die Nationalität, die Zeit u. f. w. gegebenen Unterfchiede. er
Eannt werden Fann. Auch auf die mwirthfchaftlichen Dinge find allgemein:
menfchliche, generellftadtliche Srundtriebe gerichtet, fie müffen fich mit natur:
gefeßlich wirkenden Kräften der realen Welt in Berbindung fegen und bringen:
fo dauernde Wahrheiten zur Erfcheinung. Aber die nationalen Termen der
menfchlichen und ftaatlichen Erfeheinungen, die MWirkungen der im UUgemeiz
nen immer vorfchreitenden Zeit bringen auch ein Überall Eigenthümliches
und ein fkets Neues in die Entwicklung der Wirthfchaft, und fomit müffen
wir eben immer wieder bekennen, daß wir eine volkswirthfchaftliche Ent:
wicklung in einer zwiefachen Bewegung vor ung Haben, wie fehr auch die
eine in die andere verfhlungen it. Wir würden ung begnügen Fönnen, die
wirth{chaftliche Entwicklung bloß immer in dem Kreislauf des einzelnen
Volksiebens, in ihrem »Steigen und Sinken« als einen Typus für alle an:
deren Nationen zu erforfchen, wenn es eine Wahrheit wäre, daß das Völker:
(eben, wie überhaupt fo auch insbefondere in feiner Sfonomifchen Darftellung
Nichts fei, als eine ewige Wiederholung eines und deffelben Kreislaufes oder
zines folchen mit nur untwefentlichen und zufälligen Mobdificationen, durch
melche nur die Aufßere. Seftaltung der Berhältniffe geändert werde, Und an:
dererfeits Eönnten wir uns auf die durch die ganze Sefchichte hin erfichtliche
wirthfchaftlihe Entwiklung der Menfchheit im Allgemeinen befchränken,
wenn wir nicht zugeflehen müßten, daß die einzelnen Völker eine ganze Ent
micluna in fich mit einem eigenthümlichen Charakter darftellen., Wie nie:
        <pb n="291" />
        282

mals die volEswirthfchaftlichen Lebensfreife einer einzelnen Nation ffolirt das
ltehen, fondern immer mit dem fonchroniftifchen Wölkerkreis fich in Verbin:
dung feßen, mit ihm fich weiterbewegen und an Gemeinfamem theilnehmen,
fo bilden auch immer die fpäteren in diefer Vereinigung eine zeitlich vorge:
Tehrittene Entwiklungsperiode des menfchheitlichen Sefchlechtes und feiner
zwigen. Gefchichte; die einzelnen Perioden - der allgemeinen Sefchichte zeigen
die fiufenmäßige Entfaltung diefer allgemeinen Entwicklung , deren Erkennt:
niß vorbereitet wird durch die Erforfhung der Sfonomifchen Entwielung der
zinzelnen Völker und der durchlebten Zeiträume, weil man nur fo zur Cr:
Eenntniß des innerften Vrincipes einer Entfaltung gelangen Fann, deren
Manifeftation bis zu einem abfchließenden Ende hin von uns, die wir in
nem zeitlichen Momente Innerhalb einer durd) alle Zeiten fortfchreitenden
Beroegung Leben und denken, nicht angeflhaut werden Kann. ‚Cbhendeshalb
Dat es auch z. B. gar Feine Bedeutung, daß wir — und faft noch entfchies
derer von den Gegnern einer jeßt oder in der nächften Zeit zu bemerkftelliz
genden Einführung des Freihandels, als von deffen entfchiedenen Vertheidis
gern — den unbedingten Freihandelsverkehr als das Ende der volkswirth:
“haftliden Entwicklung, und durch ihn den eivigen Frieden nach den dEonos
Nifchen RNingkämpfen der Bölker unter einander uns in Ausficht geftellt
fehen, obwohl ein folcher Hinweis auf eine endliche Zukunft freilich vor
:inem überführenden Dementi gefichert erfcheint; wir werden bald einen wei:
teren Grund für die NMichtigkeitserklärungen folchet Prophezeiungen vorfüh:
sen. Der Bergangenheit gegenüber zeigt fich dagegen 'eine gedankenlofe Berz
‚eugnung der gefchichtlichen und nothwendigen Entwieklung auch der SEonos
mifchen Lebensformen der Völker namentlich auch darin, daß man fo oft
and mit fo billigen Gründen von den großen »wirthfhaftlihen VBerirrungen
and AÜbmwegen«. fpricht, in welchen das Menfchengefchledht Jahrhunderte lang
herumgemwandelt fei, fich über die SEonomifchen Dummbeiten diefer oder jener
Zeit erluftigt, in der »Urfprünglichkeit« 1) wirthfchaftlicher Snftitutionen die

\

Cine eigenthümliche Hülfe für folde gefhichtlide Anfhauung gewährt, ne:
henbei bemerkt, auch ein jübifcher Schriftfteller, M. B. Friedenthal,
aus deffen Jesod ha -Dat einige AbfAnitte s.'t. »Das Eigenthum und die
Arbeit nad) den Grundprincipien der Uroffenbarung« (Leipzig 1850) ver:
deutfcht worden find. »Der Grundgedanke (Borrede S. VI) waltet in Frieden:
thHal’s Schriften, daß in den hl. Schriften der alten Hebräer mit Einfhluß
ber hinzugehörigen Traditionen derfelben die Uroffenbarung für die ganze
tivilifirte Menfchheit ausgefprodhen ift — daß alle Fragen der Sefehgebhung
ind des Mechtes, der Politik und der Sefellfhaft, der Sefittung und des
Sortfchrittes aus diefen Gottesfchriften ihre Löfung erhalten Können.« In
der That wird denn aud) das moderne Veto der Fürften, die »verfaffungs:
näßige Dppofition« u. |. w. erdrtert. In lumbis Adami.
        <pb n="292" />
        283
Bürgfchaft der Wahrheit erblickt u. f. w., mit einem orte, wenn man die
oolEswirthfchaftlihen Zuffände aus ihrem gefhichtlichen Proceffe und aus
ihrer Verbindung mit dem Sefammtleben der Völker und Zeiten hHerausreißt,
und fie an den Maßftab und auf die Meßwage einer einzelnen gefchichtli:
hen Periode Legt, für deven »eigenthümliche Verhältniffe« man auf anderen
BSebieten fo gern und dringend fpecielle Erwägung und Berkckfichtigung
fordert. Da in den volfswirthfhaftlidhen Erfheinungen audh naturgefegliche
Mächte mitwirken, und der andere Factor, das menfchliche Thun, das Ergebs
niß je einer beftimmten Stufe der Entwicklung des individuellen und natios
nalen Lebens ift, auch die SEonomifchen ErfheinungsEFreife mit allen Theilen
des in gefchichtlicher Entwicklung fich bewegenden Bolkslebens ‚in inniger
Verbindung ftehen, fo.iff die Wolkswirthfchaft nicht etwas MWilkkürliches,
nicht das Ergebniß unbedingt frei gewählter Willensbeftimmungen, und es
Eann deshalb gar nicht die Mede davon fein, daß der »Egoismus oder die
Bornirtheit« etwa einzelner Träger der allgemeinen Staatsgewalt oder einer
einzelnen Claffe der bürgerlichen Sefellfhaft die »naturgemäße« Entfaltung
gemwünfchter Formen der Wolkswirthfchaft unmöglich gemacht habe. Die
menfchliche Freiheit hat ihre fehr beftimmten Schranken au) in der Dekos
nomie; fie hat freilich aud) ihren Wirkungskreis, aber gerade der von einzel:
nen Fndividuen wird Leicht Überfhäßt; gerade die gewaltigften Perfönlichs
Beiten in der Gefchichte find auserlefene Träger von Zeitrichtungen und Ideen»
(trömungen, ober g8 tritt einmal in dem Einzelnen gleichfam condenfirt der
Charakter feines Volkes auf. Aucy die »normale« Bolkswirthfchaft tft ein
Unding; in fih {ft es ein Widerfpruch, irgend melche beftimmte Zuftände der
WBolkswirthichaft als die einzig normalen anzufehen, mag man fie nun in
irgend einer vergangenen Zeit fuchen, die gleich einem verlorenen Paradies
wieder erobert und für alle Zukunft firirt werden foll, oder mag man ein
folthes Kbeal, ein folches Mufter für alle Völker erft noch herbeiführen oder
ausdenken wollen, denn. alle volEswirthfehaftlichen Zuftände fallen in den
Kaum Und in die Zeit und Fönnen von einem Caufalzufammenhange mit
Zeit und Raum nicht Lo8gelöft werden. Chen diefe Berbindung, in welcher
die Volkswirthfhaft mit den allgemeinen BZeitverhältniffen und fodann auch
mit den gefammten Erfheinungsfreifen des VBoltslebens fteht, muß uns
weiter noch darauf aufmerffam machen, daß die Bewegung der Volkswirthfchaft
 eine ununterbrochene ft, und deshalb au alle jene hervorgehobenen
Stufen und Perioden der Entwicklung felbft wieder unter einander in einer
anzertrennlichen Verbindung fehen. Wenn wir z. B. von einem Jugend
alter, Mittelalter, SGreifenalter, von einer Blüthe und einem Berfinken der
Bolkswirthfchaft reden, fo wird vielleicht das begriffliche Denken die Grenz:
finten folcher Kategorieen fefthalten und die ‚erfahrungsmäßige Beobachtung
auch wohl charakteriftifche Züge für das zu entwerfende Bild zufammen:
        <pb n="293" />
        284

ftellen Eönnen; aber darüber dürfen wir uns nicht täufhen, daß die Grenz:
finien, durch welche diefe Perioden gefchieden fein follen, etwa befonders mar:
Eirt hervorträten oder die Beränderungsgeftaltungen nicht ununterbrochen,
nicht ebenfowohl innerhalb der zufammengefaßten Zeiträume ffattfänden, wie
zwifchen den Perioden, deren Sipfelpunkte wir vorzuführen pfleaen.

Bekanntlich ift das. Streben, abfolute Löfungen auf dem Sebiete der
SEonomifchen Dinge zu geben, nicht. bloß in der bereits hefprohenen Weile
hHerborgetreten; man hat alfo nicht bloß — die. namentlich durch das Terriz
torium und den Menfchen unabweisbar gegebenen Unterfchiebe überfehend
oder verleugnend — allen Ländern und Völkern denfelben Ausgangspunkt,
diefelbe Entwicklungsbahn, denfelben Yuslauf ebenfowohl in Beziehung auf
das Object der SEonomifchen Urbeit, mie auf die Art und Weife zu wirth=[haften
 zugefchrieben; die Theorie hat auch auf die vielen einzelnen Fragen,
weiche Formen des wirthfchaftlichen Lebens vortheilhaft für den Staat und
feine lieder feien, was zur Hebung empfundener Mißftände anzuwenden fet,
wonach man in diefem und jenem Eeineren Kreife der Volkswirthfchaft zu
trachten habe u. f. w., allgemein giltige Antworten ertheilt und Formeln für
das überall Befte und Bortheilhaftefte aufgeftellt. Im Allgemeinen {ft
diefer Standpunkt als aufgegeben und überwunden zw betrachten. Die
große Mehrzahl der Theoretifer braucht nicht mehr darauf hingewiefen zu
werden, wie die Örtlichen Unterfchiede der natürlichen Bafıs, die befonderen
Einflüffe der zeitlichen Entwiclungsftufe, die Verfchiedenheit der hiftorifchen
Situation, die Eigenthümlichkeit de8 perfonalen Elementes eine unterfchei:
dende Berückfichtigung nothmendig machen: Wer aufmerkffam die Hervors
bringungen der verfchiebenen wiffenfHaftlichen Disciplinen in der neueften
Zeit in’s Auge faßte, Eonnte Leicht wahrnehmen, wie eben jenes Streben
nach allgemein giltigen Löfungen faft alle erfüllte, und im Berlaufe der Zeit
überall befeitigt wurde. Während die Pbhilofophie auf alle Fragen der
Staatsmänner und der Sefchichtsforfcher, der Theologen wie der Aftronomen,
mit einer abfoluten Lofung zur Stelle mar, hatte die Heilkunde Univerfalz
mittel gegen alle Krankheiten, Specifica für alle‘ Leiden geliefert; mit der
Beit erkannte man, daß der Werth der einen ebenfo groß wie der der anderen
fei. Sn der Nationaldkonomie hat fich im Allgemeinen derfelbe Umfehrvung
Bahn gebrochen, und menigftens in Deutfchland verzichtet man jeßt gewöhn:
lid) darauf, etwa ein unbedingt beftes Syftem der Handelspolitik für alle
        <pb n="294" />
        285

Staaten und Zeiten zu empfehlen, eine beftimmte Größe der Landgüter für
die ftets und Hberall vortheilhaftefte hinzuftellen, eine befondere Art der Bes
freuerung für die allein normale und »naturgemäße« anzufehen. Hier find
Nofcher”s BVerdienfte um die Wiffenfchaft befonders groß und fruchtbrin:
gend gewefen; ihm ift es zuzufhreiben, daß, wie ich mich ausdrücken möchte,
an die Stelle eines Abfolutigsmus der Löfungen das SGefeg der
Relativität zur Unerkennung gelangt if. Wohl aber bedarf diefe ganze
Frage, über welche gleichfam nur in Baufh und Bogen abgeftimmt ift, auch
nach Nofcher’s bis jebt vorliegenden Leiftungen noch einer Durchführung
im Einzelnen, einer näheren Begründung und weiteren Schlußfolgerung,
und ficherlich diefes in einer befferen Weife;, wie die if, welche mit dem Tolgenden
 hier verfucht wurde. Mun fühlt jenes Bedürfnif alsbald, wenn
man gewahrt, .daß fid) doch unter einer feheinbar allgemeinen Uebereinftim:
mung bedeutfame Segenfäße bergen. So if e8 3. B. bekanntlich die Anz
ficht von Nau, daß Dasjenige, was in der Schlußfolgerung der National-SEonomie
 als gut und vortheilhaft für die WolEswirthfchaft erkannt werde,
diefen Charakter unter allen Umftänden bewahre; wohl aber feien für die
praftifche Anwendung des in dem nationaldfonomifchen Sefeg als gut und
vortheilhaft Hingeftellten Modificationen in der Ausführung nicht bloß zu:
läffig, fondern auch nöthig. NMofcher dagegen fagt z. B. 1): »Wenn man
von Landwirthen fo oft dasjenige Syftem, welches fie gerade mit BVortheil
verfolgen, als das abfolut befte rühmen hört, fo ift das die nämliche Ver:
Fehrtheit, wie von politifchen Zheoretikern, diejenige. Staatsverfaffung, die (fe
gerade wünfchen, für die abfolut befte zu erklären. Der bei Weitem größte
Theil menfchlicher Yrrthümer beruht darauf, daß man zeitlidh und Grtlich
TWahres oder Heilfames für abfolut wahr und hHeilfam ausgiebt. Für jede
Stufe der Bolksentwicklung paft eine befondere Staatsverfaffung, die mit
allen übrigen Verhältniffen des Bolkes als Urfache und Wirkung aufs In
nigffe verbunden ift; fo-paßt auch für jede Entwielungsftufe eine befondere
Landwirthfchaftsverfaffung.: — — In der Medicin glaubt jest Keiner mehr
an Univerfalrecepte, hoffentlich wird das in der Staatskunft und Landmwirthfchaft
 ebenfo werden.« An dag Beifpiel aus der Heilkunde anknüpfend,
fönnte man {ih den Unterfchied beider Anfichten dadurch recht Ear machen,
daß man fich zwei Werzte vorftellt, melche beide z. B, die an Kopfiweh Lei:
denden heilen, beide nicht jeden Patienten ganz in derfelben Weife; der eine
Arzt verführt aber fo, daß er bei den einzelnen Kranken daffelbe Mittel für
heilfam hält, e&amp;amp; aber bald in ftärferer, bald in fchwächerer Dofis, am Mor:
gen oder am AWbend mit diefer und jener Zuthat antwendet; der andere mendet
verfchiedene Mittel an, und vielleicht gerade entaegenaeflebt mirkende, hier

'3) Ideen zur Votitik und Statiftik der Ackerbaufyfteme a. a. OD. S, 228,
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        286

erhigende, dort Fühlende ut. f. w. Beide Uerzte weißen e&amp;amp; alfo von fich, Paz
tienten derfelben Sattung immer in derfelden Weife zu behandeln, und doch
haben beide einen wefentlich verfchiedenen Standpunkt, Wehnliche Erfchei:
nungen fönnen die Wirkung fehr verfchiedener Urfachen fein. Indem
für die Erfenntniß die Erfcheinung voh der fie hervorbringenden Urfache nicht
getrennt werden Kun, werden dem Anfcheine nach analoge Erfcheinungen
durch den Zufammenhang mit wefentlich verfchiedenen Urfachen zu thatfäch:
lich verfchtedenen Erfheinungen.
Die Wahrheit aller. Theorie, welche Ihre Jundamente indem empiri:
jchen. Leben Hat, beruht auf concreten Vorausfegungen. Die Relativität in
der Siltigkeit ihrer Entfcheidungen {ft ein nothwendiges Ergebnif des Um:
fandes, daß jene Borausfegungen nicht in allen Zeiten, Orten und Umftänden
 identifch bleiben, nicht conftant auftreten,
Sn der Nationalökonomie begegnet man gleich im Eingange den Wirz
Eungen jener BVorausfegungen. Bor wie vielen Begriffsbeftimmungen, um
deren abfolute Feftftelung man .fidh fo lange und immer wieder vergeblich
abgemübt, ift e8 jeßt anerfannt, daf fie nur relativ wahr find. Man weiß,
daß Feine abfolute Erklärung von Armuth, Wohlftand, Neichthum; von
Lurus, von großen und. Eleinen Gütern u. f. mw. aufgeftellt werden Kann.
Wie man zur Seftimmung von Größen einer Maßeinheit bedarf, fo bedarf
man auch zur Erklärung jener relativen Begriffe in der Nationalökonomie
eines vorab feftzuftellenden Maßftabes; ft der gewonnen, fo {ft die Löfung
bei der Hand, Ändert er fich, fo Ändert fich auch die Löfung; in den ange:
führten Beifpielen ift fie eine Kunction von einer Maßeinheit und einem
Multiplicator derfelben; eben diefe Maßeinheit ft die von dem empirifchen
Leben gebotene und dargebotene concrete Borausfeßung, die nach Zeit, Drt
amd anderen Umftkänden fih Ändern Fann. Für relative Begriffe von qua:
f[itativer Natur, wie Gut, Werth, Productivität der Arbeit u, f. w., find
ebenfowohl beftimmte Vorausfeßungen nöthig, ohne welche Feine VBegrün:
dung der Beftimmung gewonnen werden Fann, mit deren Wegfallen auch
der Begriff in fih zufammenfällt. Wie tange Zeit hindurch hat man 3. SB.
bald diefe, bald jene befondere Arbeit oder eine beftimmte Anzahl von Arbeits:
arten für »productiv« erklärt, und immer wieder gab e8 einen Anftoß.
Nofcher hat dadurch, daß er die. Nelativität in dem Begriffe von Sut
nachweift, die Controverfe erklärt und erledigt 1); die Produckivität der Arbeit

). Grundriß. Einleitung 3. 2: Güter nennen wir alles Dasjenige, was zur
Befriedigung menfhliher Bebürfniffe anerkannt braudjbar ift. Val. dazu
Erftes Buch, erftes Capitel $. 7: Ieder Schriftfteller muß feine Definition
von productiver Arbeit danadı verengern ober erweitern, je nachdem er den
Begriff Gut enge oder weit definirt hat u. f. w.
        <pb n="296" />
        287

felbft ift etwas Melatives, auch in dem Sinne, daß diefelbe Arbeit an dem
zinen Orte productiv und an dem anderen unproductiv fein Kann, Es ift eine
unmittelbare Folgerung, die eben hieraus gezogen wurde, in unferem Widerz
foruch gegen Nau’s Meinung, daß in dem Gleichgewicht zwifchen den ver:
fchiedenen Ermerbsbefhäftigungen das überall anzufirebende Ziel einer gefunz
den Bolkswirthfhaft zu finden fei. Doch. in der That, beruhen nicht alle
fogenannten Grundbegriffe der NationalsEonomie auf beftimmten Borauss
fegungen, aus deren Wechfel fich die AWenderung der Definitionen ergeben
hat? Die Formulirungen - diefer Srundbegriffe ftellen eine Berftändigung
Aber Dinge dar, mit welcher fie ftehen und fallen. Nur wenn man über:
zingekommen ift oder Übereinkommen Fann, daß gewiffe Merkmale und Be:
ftimmungen durch einen Begriff, durch ein Wort, z.B. Capital, ausgedrückt
werden follen oder müffen, Fann diefer GSrundbegriff in beffimmter Weife
feftgeftellt erfcheinen; man muß fich vorher aber über die Anerkennung einen,
daß jene Merkmale nothwendig feftzuhalten find. Diefe Merkmale werden
durch die Entwicklung des Lebens an die Hand gegeben; die Klärung und
Fortfchreitende Firirung der Grundbegriffe ift deshalb ein Beweis über die
vorfchreitende Entwicklung des Lebens und der mit ihm fich weiterbewegenden
MWiffenfchaft. Wie unmittelbar die feftgeftellten VBorausfekungen entfcheiden,
erficht man auch daraus, dafl wir bloß aus Convenienz einzelne Bezeichnun:
gen aufrecht und im Brauche erhalten, obwohl fie geradezu im Segenfaß
mit unferen Definitionen felbft fehen. So z. B. Waldfervitut, Holz:
capital, Man Ffann folche Bezeichnungen wie ein Ueberbleibfel aus einer
feüheren Zeit betrachten, in. welcher die VBorausfegungen für die Beftimmung
von Capital oder Servitut noch weniger fpecialifirt waren, als Heutzutage,
Der Umftand, daß jene Beftimmungen, wie große und Fleine
Güter u. f. w., Nur relativ find, muß nothwendigerweife auch alle theoreti:
[hen Urtheile, weiche fich auf folche Beftimmungen beziehen, auf eine durch:
aus wechfeinde Unterlage fteilen.. Gleichwie man, wenn man über die Höhe
eines Berges, die Tiefe einer Meeresftelle nicht bloß den Yuotienten einer
angenommenen Maßeinheit. geben, fondern auch ein Urtheil — daß der
Berg hoch, das Meer tief fei — fällen will, mit Nückfichtnahme auf das
Minderhohe und Mindertiefe urtheilt, fo entfieht auch das Urtheil z.B. über
große Güter, nur mit RNückfihtnahme auf Eleine, und umgekehrt. Diefe
zum Nückhalt für die theoretifche Schlußfolgerung nothmendigen Größen:
beftimmungen werden durch das empirifche Leben in fehr mechfelnden Dimen:
fionen gegeben, und Feineswegs fo, daß auch nur der Multiplicator der zum
Vergleich herangezogenen hier und dort, früher und fpäter wechfelnden Hei:
neren Srößenbeftimmung als conftant angefehen werden dürfte, Die Ber:
fehiedenheit der Lebensgewohnheiten, der Sitten und Sefege unter den einzel:
nen Bölkern, der anaemendeten Methoden in der Bodenbewirthichaftung, die
        <pb n="297" />
        288

Entmiklung der Arbeitstheilung, der Dichtigkeit der Bevölkerung, die Srtliche
Lage oder Productionsbefchaffenheit der Güter u. f. mw. bringen nothwendig
in den als Nlckhalt für die Größenbeftimmung anzunehmenden Maßeinheiten
 Dscillationen hervor, von denen natürlich auch fortwährend die Bes
ftimmungen über den Yuotieriten derfelben betroffen werden. Sagt man
deshatb aus irgendwelcher theoretilchen Schluffolgerung: große Güter find
für die Bodenbewirthfchaftung vortheilhafter oder (hadlicher, als Eleine, fo
hat jener, aus dem Leben entlehnte Begriff eine nach den Lebensverhältniffen
fich wandelnde. Bedeutung. Doch findet man leicht, daß das theoretifche
Urtheil auch nach diefer Berftändigung vor einem Über diefelbe hinaus feftz
feehenden AUbfolutgiltigen zurücktreten muß, weil fi die Productionsbedin:
gungen in der Sfonomifhen Skiterwelt, von deren Wirkfamkeit jenes »vor-£heilhaft
 oder fhädlih« abhängig gemacht wird, Feineswegs in ihrer Steiger
rung und Minderung durch räumlich quantitative Gegenfäße allein deftim:
men laffen. Die Productionskraft- der Natur iff nur in einzelnen Fällen
von einer größeren oder geringeren räumlichen Ausdehnung des Bodens abz
hängig; aber während die Capitalanwendungen und Capitalwirkungen {ich
nach den für diefelben giltigen Größengefeken richten, Fan fich die menfhliche
 Arbeit umgekehrt intenfiver auf befhränkterem Raume bewähren, und fo
müffen fich hier und dort befondere Sfonomifche Bortheile ergeben, von denen die
einen ebenfo wahr find mie die anderen. Das theoretifche Urtheil über
den Vortheil großer oder Heiner Güter fpricht deshalb zugleich
ein Urtheil aus über die Bedeutfamkeit der Capitalwirkungen im
Vergleiche zu den Wirkungen der menfchlichen Arbeitskräfte, Und
gerade in diefem Urtheile ft ganz offenbar nicht über eine folche Alternative. zu
entfcheiden, in welcher die eine Productionsfraft als vortheilhaft, die andere als
nachtheilig, oder die eine alg an fich vortheilhafter tie die andere gefebt wäre, fon:
dern e8 Fann wiederum nur durch die concret unter[hiedenen Bedingungen der
Sfonomifchen Situation in dem wirklichen Leben in einer beftimmten Zeit, Lage,
Dertlichkeit eine ftärkere Wirkfamkeit der einen Productionskraft im Berhältnif
 zur anderen als vortheilhaft erfcheinen, welches Urtheil fi dann mit der
YWenderung der Lebensbedingungen Ändert, ohne daß es im einen Falle als
falfch, und im anderen als, richtig anzufehen wäre. Es ift intereffant, wie
jenes alternirende. Werhäktnif der Sapital= und der ArbeitsFräfte zu den
»greoßen« und den »Fleinen« Gütern, weiches wir Heutzutage überall aus
einer Beobachtung gleichzeitiger Kraftwirkungen entnehmen Fönnen, fo bes
fimmt au fhon in den Erfahrungen. der Älteren. Entwieklungsperioden
ausgeprägt vorliegt. - Nömifhen Theoretikern z. B:, wie den Scriptores r,
rust., war e$ eine wohlbekannte Wahrheit; daß man durch Berftärkung der
Arbeitsverwendungen auf ein Feineres Gut einen: größeren Ertrag gewinnen
Fönne, als durch den Anbau umfanareicherer Srundftücke, wobei eine relative
        <pb n="298" />
        289

Minderung in der Anwendung von Arbeitsfräften eintrat. Uns Heutzutage
ift nicht nur die Einfeitigfeit diefes Urtheil$ wie der Erfahrungen, auf weiche
28 {ich fiüßte, volllommen erFlärlich, weil wir das in jener Zeitperiode der
menfchbeitlihen Entwicklung fo ftar£ bemerkbare Zurücftehen der Capital:
verwendungen im VBerhältnig zu den Leiftungen der menfehlichen Arbeit Elar
erkennen, fondern e$ wird auch der ungemein ffarfe Verfall des römifchen
YAUeFerbaues, fobald in der fpäteren Zeit die großen Güter und die eigentlichen
Latifundien Überwiegend werden, als das nothwendige Ergebnif derfelben Ur:
fache erfcheinen müffen. Hätten die‘ Capitalverwendungen eine verhältnifs
mäßige Zunahme mit der Vergrößerung der Landglter gefunden, fo würden
fehon andere Seriptores r. rust. wahrfcheinlich eine xweite Wahrheit neben
die erftermähnte geftellt Haben.
Daß jener Abfolutismus in den Löfungen nationaldtonomifdher Pro
oleme in ähnlicher Weife an vielen anderen Stellen aufgetreten war und in
der neueften Zeit einer anderen Betrachtungsweife der Aufgabe hat weichen
müffen, ift binlänglich bekannt. Am färkften hatten die Urtheile Über die
Handelspolitik, insbefondere über die fchroff gegenübergeftellten Syfteme der
Handelspolitik, das Freihandel= und das Schußzollfpftem, das praktifche
Sntereffe wie die theoretifhe Arbeit in Anfpruch genommen. ‘ Im Großen
und Alngemeinen ift eine heilfanıe Neaction gegen das undedingte Für oder
Wider zum Durchbruch gekommen. - Es erfeheint nicht mehr nothmwenbig,
fich durch jene Entfchloffenheit des Denkens und der Schlußfolgerungen vor
allem Uebrigen zu legitimiren, nach welcher das eine oder das andere Syftem
in Allem und immer und überall zum Heil, und das andere in’s Verderben
führt und geführt hat, vielmehr if bereits die Berfchiedenheit der Natur-,
Capital= und Arbeitskräfte, fomwie der zeitlichen Entwidlungsmomente fo in
Erwägung gebracht worden, daß eine bedingte Löfung der hHandelspolitifchen
Aufgaben die nothwendige Folge fein muß. Sanz vorübergehen wollen wir
an diefer Streitfrage aus mehreren Sründen nicht; auch deshalb nicht, weil
gerade von Vertretern der gefehichtlihen Methode jene Sachlage der Frage
mit Beftimmtheit in Kürze feftgeftellt worden if. Auch hier ft RNRofcher
mit gutem Beifpiele vorangegangen; aus feiner, die SGegenfäße vermittelnden
Anfhauung entfprang die durch ihre Billigkeit vor zehn Yahren auffällig
gewordene Beurtheilung Friedrich Lift’s. Im Srundriß (S. 64 und
65) weift er, ein Freund des Freihandels in den VBerhältniffen der Segen:
wart, doch auf die heilfame und nothmendige Kraft von Schubmaßregeln in
gewiffen Zeitnerioden hin 1. Faft follte man meinen, e8 habe die Arbeit

\

Srundris, S. 64 uw. 65: So lange ein Volk nod) ganz uncultivirt if,
fteht e8 fich am beften bei voller Handelsfreiheit — — fol es Höher fteigen
4. f. w. (vgl. unfere folgende Note) — — In feiner Blüthenzeit bedarf
&amp;amp;#nieg, nolit. Defonomie.
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        290

Lißt’s vorübergehend an manden Stellen bei NMofcher einen ftärkeren
Anklang gefunden, als wie er (väter nachmwirkend verblieben if 1). Indem
KRofcher auf Udam Smith’s VBertheidigung der Handelsfreiheit, wie
auf die von diefem Schriftfteller befürtworteten einzelnen Ausnahmen vers
weift, meint er doch, daß die »ungemeinen Vortheile Englands in gewerblicher
 Beziehung vor Deutfchland nur durch ein Fräftiges Schußfyftem aus:
geglichen werden Eönnen.« In einem fpäteren Auffaße erklärt er 2): »Unz
mittelbar legt jede Prohibitivmaßregel, jeder Schußzoll dem Volksvermögen
Opfer auf — — dagegen ift e® ebenfo unzweifelhaft, daß ein zwedmäßiges
Schubfpftem mit Rückficht auf das Ganze und die Zukunft der Bolkswirthfchaft
 eine heilfame Erziehungsmaßregel bilden Fann. E8 mürden aus dem
Standpunkte einer höheren Weisheit die Capitalien und Arbeitskräfte des
Volkes in folhe Canäle geleitet, die zwar für den Augenblick weniger ein:
träglich find und ebendeshalb vom bloßen Einzelnintereffe nicht gefucht werden,
für die Zukunft aber den allerhöchften und vielfeitigften Gewinn verbeißen.
Das anfängliche Opfer würde dem Opfer des Säemannes für die Ernte
gleichen. — — (€$ wird dabei immer auf drei Punkte ankommen: daß eine
unzweifelhafte Naturanlage für das befhüste Gemerbe vorhanden ift; daß
aber augenblidflidhe Schwierigkeiten, z. 5. Mißtrauen der Capitaliften, Un:
luft der Arbeiter, überlegene Concurrenz der Fremden u. f. w., diefe. Anlage
gefeffelt halten; daß endlich die verlangten ÖYpfer von dem zu hoffenden Se:
winne bei Weitem übertwogen werden. Nun hat es fchtwwerlich, fo lange die
Welt fteht, ein NMeich gegeben, welches zu allfeitiger Ausbildung feiner Volks:
wirthichaft fo geeianet wäre, wie das britilche NMeich vor dem Abfall der

das Bolt Feines Schukfyftemes, Wenn es diefen Punkt überfhritten hat,
fo wird umgekehrt ein Prohibitivfhuß des Landbaues ndthia. Val. auch
ebenbafelbit S. 43.
»Unmittelbar,« fagt Nofcher, »Legt das Yrohibitivfofitem dem Volke Opfer
auf; allein diefe Opfer werden nur in Zaufhwerthen (? val. unten) gebracht,
und man erlangt dadurch productive Kräfte. Der bloße Ackerbauftaat Fann
weder die Bevölkerung und Capitalmenge, gefhweige denn die Arbeits: und
Gapitalenergie erlangen, wie der Manufacturftaat. — — Soll ein uncut:
tivirtes Bolt höher fteigen, fo Fann e$ mit den fchon ausgebildeten Manu:
facturvölfern. (Hwerlidh ohne Schußzölle concurriren. Wenn gar zwei Wöl-Fer
 mit einander concurriren, das eine mit Schubzöllen, das andere ohne
biefelben, fo {ftehen hier die Producenten ifolirt, dort hingegen werden fie
durd) die ganze Macht der Nation gehalten. Völlig unbefdhränkte Handels:
Freiheit, namentlich bei hoher Ausbildung der Transportmittel, würbe die
einmal überwiegende Induftriemacht zu den übrigen VBöltern {in die Lage
einer großen Fabrik: und Handelsftadt zum platten Lande feßen.«
Ueber das Solonialwefen. In Mau’s Archiv. Il. Abtheilg, 1848. S. 290.
Anmerka. und S. 304.

4
        <pb n="300" />
        291

Vereinigten Staaten — -— gewiß hier war ein Sfolirungsfoftem verhältnifs
mäßig mit den Eeinften Befhränkungen und größten Ausfichten verbunden. «
Neben Anderen hat au) Schüß in mehreren Auffägen feinen Berziht auf
eine abfolute Löfung der in eine unbedingte Alternative gekleideten Aufgabe
befundet N. Hildebrand ?) hat in der Beurtheilung der Frage, ob ges
gen die Concurrenz Englands die deutfhe Indufirie durch Zölle gefhügt
werden folle, auf die Vortheile des englifchen Territoriums, der Natur,
hingewiefen, »die Deutfchland entweder durch Nichts in der Welt zu erfeßen,
oder nur. auf anderen Wegen zu erringen im Stande Hfk«; er verweift danes
ben auf die »Fülle des Capital&amp;amp;« in England, fowie auf die Borzüge des
britifchen Arbeiters und Eommt zum Schluß: »Nur gegen die Ueber:
macht des britifchen Capitals vermögen Zölle, und zwar Zölle allein, unferen
nationalen Semerbfleif auf dem einheimifhen Markte zu fhüßen. Die übrigen
Vorzüge der englifchen Fabrikation Eönnen wir, forveit e&amp;amp; überhaupt möglich
iff, nur durch eine engere Verbindung und Lebhaftere Wechfeltvirkung der Wiffen:
{haft mit der Indufkrie, durch größere Verbreitung nationaldfonomifcher Einfich:
ten, durch Ausbildung einer nationalen Statiftik, und vor allen Dingen durch
allfeitige Entwicklung unferes politifhen Nationallebens zu erfeben fuchen.«
Man ficht, e&amp;amp; wird eine abfolute Entfheidung Kber die undedingten
Forderungen der großen Parteien in den Fragen der modernen Zolpolitik
zurückgewiefen, und theilg mit Rückficht auf die in der Zeit vorgefchrittene
allgemeine Entwiklungsftufe der BVolkswirthfchaft, theil$ mit Nückficht auf
einzelne SEonomifche Bedingungen in derfelben Zeit eine relative Löfung
gegeben.
Sobald man auf die eigentlichen Abfichten des modernen Freihandelund
 Schubzollfyftemes näher eingeht, muß man doch alsbald gewahren, daß
biefe Tendenzen mit entfchiedener Bewußtheit, wie wir 6 fehon früher aus
fprachen, doch eben erft in der neueren Gefchichte Hervorgetreten find. Bei
den Hinweifen auf frühere gefchichtliche Perioden ift doch von der einen wie
von der anderen Seite gar zu fehr überfehen worden, daß einerfeit$ die Anz
näberungen an ein vollffändiges »Freihandelsfoftem« im Verkehr nicht darin
ihren Grund Haben, daß die Volkswirthfchaftspolitik auf diefe Weiße mit Bes
mwußtfein das Sfonomifche Wohl der Producenten und Confumenten hätte
fördern wollen, daß man e8 allgemein fo am beften gefördert gefehen hätte;
fondern fie waren ebenfo fehr in einer NMaivetät der Erkenntnif über diefe
Merhältniffe bearündet, wie in der nolitikchen Stelluna der allaemeinen

a

Ich bedaure, daß mir der Yuffak von Schüß über bie gegenwärtige Docs
trin über unfere Frage bei den beutfchen Univerfitätslehrern zur Zeit nicht
vorliegt.
X. a. SD. S. 92 fl.

N
        <pb n="301" />
        292

Staatsgewalten und in dem Verhältnif der Staatsangehörigen zu ihr, ins
dem jene zu den, einen freien Handel und Wandel beeinträchtigenden Pros
hibitiomaßregeln weder an fich berechtigt, noch durch die an fie erhobenen
Forderungen irgendwie verpflichtet erfchien, auch die im Berhältnif zu fpätes
ven Zeiten weit geringeren Bedürfniffe der allgemeinen Staatsgemwalten
fammt der größeren Einfachheit audy in dem Stonomifchen Leben weder un:
mittelbar zu einer ftärkeren Heranziehung indirecter Abgaben drängten, noch
zu einer mittelbaren Erhöhung directer und indirecter Einnahmen durch eine,
wie man fpäter fo oft glaubte, mit Prohibitiv: und Schubmaßregeln zu bez
mwerEftelligende größere SteuerfähigFeit der Steuerquellen im Lande nöthigten.
Chenfo haben die von den Bertheidigern des Prohibitiv: und Schußzollfoftemes
 beigebrachten Hinweife auf die vor den Anfängen des modernen
Mercantilfyftemes eingetretenen gefchichtlichen‘ Thatfachen Feine Beweife aufgeftellt,
 daß man die Zwecke Hätte vermitteln wollen, die man den der Form
nach mit fpäteren ‚Thatfachen übereinftimmenden Zollmaßregeln beilegt; jene
Thatfachen Laffen theils eine eigene Art von Kriegsmaßregeln erkennen gegen
ein feindlich behandeltes Land, dem man fchaden wollte, theils wollte man
Senüffe, die nur das Austand zu liefern vermochte, oder die man auch von
der inländifchen Production nicht gern geliefert fah, verbannen oder verminz
dern, fo daß es fich eigentlich nur um die wirkfame Durchführung von
Lurusgefeßen dabei handelte. Micht aber wollte man — und das ift doch
für das moderne Syftem die Hauptfade — denfelben Verdienft, den die
ausländifchen Productionsfräfte im freien Berkehr mit dem Inlande gewanz
nen, diefem lekteren zuwenden, nicht glaubte man, daß durch die Verhindes
rung der ausländijhen Einfuhr zunächft die S£onomifchen Kräfte und dann
auch die Summe der Taufchwerthe in dem Inlande eben durch jene Maß:
regeln allein und am beften erhöht würden. Wirkungen von folcher Art,
wie man fie heutzutage wünfcht, laffen fid) freilich in großer Menge nach:
weifen; jedes Sefep, welches den Verbrauch oder die Erwerbsbefchäftigungen
frifft, bei denen das Ausiand betheiligt erfcheint, jede Confumtionsfteuer,
jeder Srenzzollk ut. f. w. mußte eine analoge Wirkung wie Tariffäße einer
Schubzollpolitik haben, auch die fogenannten Finanzzölle natürlich, da diefel
ben immer auch eine Schußzollwirkung haben, wie fehr auch über die zwecks
möäßig{te und gewinnreichfte Höhe derfelben das fiscalifhe Yntereffe und das
Sntereffe der nach Zolfchuß frebenden Serwerbsthätigkeiten in Widerfpruch
gerathen mögen. Im Vergleich zu den Verhältniffen der früheren Zeiten
ift dagegen allerdings das gefammte Stantsleben der modernen Völker der
Art, daß jene, auf die Biüthe der Skonomifchen Erwerbszweige des Inlandes
gerichteten Erwägungen und Beffrebungen überall in den Vordergrund treten,
zur Entfcheidung gelangen müıffen. Sieht man auf das, wenn auch weder
irgendrvo erreichte noch vielleicht überhaupt je erreichbare Xdeal der beiden
        <pb n="302" />
        293

Parteien in Theorie und Praxis, fo würden bei einer vollftändigen Durch»
Führung der Freihandelsagrundfäge die politifchen Grenzen der einzelnen Länder
 und Nationen zunächft wenigftens in dem SEonomifchen Süterleben durchs
aus verfchmwinden , und Alles, was von diefem SEonomifchen Leben abhängig
wäre, wie z. B. auch der Staatshaushalt der Regierungen, die binnenlänz
bifche Arbeitstheilung 11. f. w., würde eine irgendivie befondere Eigenthümlich:
Beit nicht bewahren Können. Eine vollftändige und nicht bloß einfeitige
Durchführung der Tendenzen des Schußzollfyftemes mlırde den gefhloffenen
Ackerbau = Manufacturftaat mit nur binnenländifchem Verkehr zur Folge
haben müffen; denn was darlber hinausgeht, ift theilg auf den Mangel der
Reciprocität in der Stellung anderer Länder, theils$ auf den Mangel in der
Durchführung der Principien des Schußzolfyftemes auf alle Erwerbszweige
des Knlandes berechnet, und darum nur zufällig und eventuell. Das Grund:
princip aller Arten von Prohibition befteht in der Forderung eines Eingreifeng
 der allgemeinen Staatsgewalt in die Wege und Strebungen der freien
individuellen EThätigkeiten zu Sunften einheimifher Productionskräfte gegen
die (von Staatswegen bis dahin) undehinderte Mitwirkung ausländifcher
ProductionsEräfte zur Befriedigung einheimifcher Confumtionsbedürfniffe,
oder für die Stählung jener zu einer wirkfamen Concurrenz mit den Pros
ductionsFräften des Auslandes auf den Märkten des Weltverkehres. Es if
natürlich, daß diefes Yrincip zu Sunften aller Arten einheimifcher Pros
ductionsfräfte zur Anmendung gebracht merden Fann, wenn wir auch ges
möhnlich Heutzutage bei der Erwähnung von Schußzollmafregeln nur an
Maßregeln zu Sunften der einheimifchen Sewerksthätigkeiten zu denken pfle:
gen, und wenn auch etma der Handelsftand felbft von einem Eingreifen der
Staatsregierungen in der Abficht, die Handelsthätiglkeit des Inlandes gegen
das Ausiand durch Navigationsacten u. f. w. zu heben oder zu fhübßen,
nicht$ follte wiffen wollen; oder die nad Schußzöllen ffrebenden Indufkriellen
um den Preis einer über alle Erwerbszweige ausgedehnten ausgiebigen
Staatsfchußmaßregel auf die ihnen davon zufallende Zuote follten verzichten
wollen. Cbendeshalb fagten wir, daß die allgemeine und gegenfeitige Durdhführung
 der ausgiebigen Schukzölle zum SEonomifch gefchloffenen Staate füh
sen müffe. Sn der Wirklichkeit freilich fieht man, daß die Forderungen fo
allfeitig und fo confequent weder erhoben noch in Erfüllung zu bringen ge
furcht werden, wenigfiens nicht gleichzeitig, denn im gefhichtlichen Berlauf
ber SEonomifchen Entwicklung einzelner Länder (z. B. Englands) find diefel:
ben Forderungen an die Staatsgemwalt von Handel, Gerwerben und Landbau
erhoben, zu Sunften eines jeden diefer Ermerbszweige die Staatsfchußmaß:
regeln in Ausführung gebracht worden. Würde man das Öfonomifche Ins
tereffe, fei e8 der einzelnen Producenteniclaffen, fei es der Confumenten im
Allaemeinen zur Nichtichnur in der Beurtheilung nehmen, fo Fönnte man
        <pb n="303" />
        294

Überall aus den gefchichtlichen Thatfachen diefer NMeihe den Berveis entlehnen, daß
unter verfchiedbenen gefhichtlidjen Berhältniffen das öfonomifche Yntereffe ein:
mal den Anfpruch an einen Staatsfchuß. einzelner inländifhen Productions:
thätigFeiten zu erheben hat, ein anderes Mal denfelden muß fallen laffen. Aber
auch ganz im Algemeinen dürfte e8 wohl gar nicht zw beftreiten fein, daß
das Sfonomifche Intereffe des Yırlandes Überhaupt oder einzelner Productions:
fhätigFeiten in demfelbden an einer Befchränkung der Mitbewerbung des Auslandes,
 an einer in verfhieden hohem Srade herbeizuführenden Sefchloffenheit
 des Inlandes durch das in einer fortwährenden Bewegung
befindliche, nidht nad) allen Seiten hin gleihe Verhältnig
zwifchen den inländifchen und den ausländifchen Productionsträften bedingt
fei, fo daß fich eine allgemeine Norm weder für alle Zeiten, noch gegen alle
Länder, noch in Bezug auf alle einzelnen Ermwerbsbefchäftigungen in denfelz
ben Zeiten und Ländern irgendwie ausdenken läßt; wegen des Wechfel8 der
Srundbedingungen, von denen die Schlußfolgerung ausgeht, muß auch das
Mefultat der Lekteren das Element des Wechfels In fich aufnehmen. Das
eine Appellation. an das SEonomifche Cigenintereffe der verfchiedenen Producentenclaffen
 zu Feinem für alle befriedigenden Endrefultate führt, haben wir
bereits oben erwähnt; wie fehr jeder Producent Theil hat an dem allgemei:
nen Confumentenintereffe, fo muß doch, wie wir gleichfalls bereits fahen, das
zigennüßige Producentenintereffe für ihn zunächft immer entfcheidend fein,
fo lange er hoffen Fan, e$ durch eine Bevorzugung im Berhältnif zu den
anderen Producentenclaffen fo gefördert zu fehen, daß die Vortheile des Pros
ducenten die Nachtheile des Confumenten überwiegen. Es ift im Grunde
genommen Feineswegs — was man gewöhnlich angenommen und zur Grund:
lage tekannter Schlußfolgerungen gebraucht hat — diefer Segenfab in den
dEonomifchen Eigeninterefjen der verfchiedenen Producentenclaffen als ein
MNachtheil für das politifhe Semeinwefen anzufehen; denn nur auf den
unterften Stufen der politifch = moralifhen Entwidtung, und fo lange der
SEonomifche Egoismus die einzige oder die vormwiegende Triebfeder in den
BSliedern des Semeinwefens if, kann jener Gegenfaß zum Zuftande des
friedlichen Krieges der Einen gegen die Anderen führen; bei vorfchreitender
Öffentlicher Sittlichkeit wird er zum Fittenden Bande zwifhen Allen, indem
er zur Einficht von der Nothmendigkeit einer allfeitigen Nlıckkfichtnahme und
eines Compromiffes zwifchen den Sfonomifchen Einzelnintereffen führt, und
die Untertmerfung des materiellen Cigennubes der Einzelnen unter die Fordes
rungen des Sefammtintereffes der fittlihen und politifchen Pflicht nahe Legt.
Bei allem Diefem müffen wir freilich immer wieder auf unferen Ausgangs:
punkt verweifen, daß man fich zunächft überzeuge, wie in der That die Bez
dingungen: des freien Berkehres mit dem Auslande- auch den fmecififchen Ei:
genintereffen des Handelsftandes und die Befchränkungen des auswärtigen
        <pb n="304" />
        295

Verkehres durch Probhibitiongmaßregeln unter gewiffen , früher hervorgehobes
nen Bedingungen in der That dem fpecififchen Eigenintereffe der Semverbtreis
henden oder auch der landbautreibenden Bevsllerung zufagen. Es ift eine
bavon durchaus abzufheidende Frage, durch weffen Opfer eine folche fpecielle
Pflege der Eigenintereffen, 3. B. der Induftriellen, möglich wird. Ia ih
hebe e8 Hier gleich nachdrücklich hervor, daß es fich dabei nicht bloß, wie man
gewöhnlich gefagt hat, um Opfer der Confumenten des Inlandes- Handeln
Bann, fondern auch gerade um Benachtheiligungen anderer Producenten:
claffen. Sobald ein vorher nicht dagerwefener Staatsfchuß ettva für die Ges
merbtreibenden überhaupt oder einzelne Claffen derfelben eintritt, Eönnen und
müffen fich — toir brauchen das ficherlih nicht weiter auszuführen — bei
anderen unter freiem Verkehr mit dem Auslande blühenden Producentens
elaffen Minderungen in der Berwerthung der Producententhätigkeit einftellen,
oder e$ Eönnen wohl die Bedingungen für eine Fortdauer der lebteren übers
haupt wegfallen. Deshalb darf man fi nicht auf den namentlich durch
Rift zur verbreiteten Annahme gelangten Sag — wie ihn audy Nofcher
fefthält — befchränken: bei der Einführung von Prohibitions: und Schuß:
zollmaßregeln opfere man Taufchwerthe im Hinblik auf die Gewinnung von
productiven Kräften — man opfert auch productive Kräfte auf
ber einen Seite, um auf der anderen neue zu gewinnen oder bereit® vor:
handene zu fteigern; gerade wie e$ fih um die Gewinnung neuer oder um
bie Steigerung bereits vorhandener Productivkräfte handelt, fo auch auf der
anderen Seite um die Minderung oder Befeitigung eben folcher, Man
fann noch weiter gehen und darauf hinweifen, daß durch eine vermöge der
Bollfchußmafßregeln herbeigeführte oder gefteigerte Gattung von Productkivs
Eräften eine andere an der Entftehung gehindert wird, welche unter dem
Fortwalten des freien Berkehres mit der Zeit zur Erfeheinung Eommen würde.
Mit alledem ift jedoch nicht der mindefte Beweis dagegen geliefert, daß die
Schußzölle ihre große Wirkung zu Sunften eben derjenigen producirenden
ThätigFEeiten haben, welche fie fchirmen oder in die Höhe bringen follen.
Und das Haben ja im Grunde auch in der neueften Zeit felbft die aus Rück:
ficht auf das allgemeine Confumentenintereffe lebhafteften Segner der Schuß:
zölle felbft erhärtet, wenn. fie etwa megen der gemeinfchädlihen Wirkungen
der englifchen Kornbill die unerfättliche Selbftfucht des Standes der gros
Ben SGrundbefiber zur Anklage zogen oder die Summen berechneten, welche
etwa im Zollverein »in die Tafchen der Fabrikanten gefloffen find.«  AUuch
die Wirkungen der englifchen MNavigationsacte dürfen doch wohl offenbar
nicht deshalb in Ubrede geftellt werden, meil der Handelsftand irgend eines
Landes unter heutigen Berhältniffen aus Eigenintereffe mit Necht fi gegen
die Einführung folcher Aeten erklärt. Nehmen wir deshalb zunächft nur
an, daß eine Schugszollpolitik nur einem einzelnen heile der productiven
        <pb n="305" />
        296

Thätigkeiten in einem Lande zu Gute Ffomme, und immerhin auf Koften
ber Intereffen der übrigen Sefammtheit von Thätigkeiten, fo würde, um die
Einführung von Schußsmafregeln irgendwie zu rechtfertigen, der Nachweis
anzutreten fein, daß die für das Ganze mit Opfern verbundene Hebung ein:
jeiner Kreife der Production fich doch aus beftimmter Rücficht für das Wohl
bes Sanzen als berechtigt zeigten. Diefer Nachweis kann alfo nur unter
befonderen Bedingungen gelingen, und eine allgemeingiltige Entfcheidung,
daß foldhe Schukmaftegeln im Intereffe des Landes Überhaupt nöthig feien,
ift nicht zu begründen, Die NMothwendigkeit, von den Principien eines
Schuges der inländifhen Productionsthätigkeiten gegen die Mitberwerbung des
Ausiandes oder zur Entfaltung der öEonomifchen Arbeitskräfte durch die der
allgemeinen Staatsgewalt zu Gebote fiehenden Mittel nur unter gewiffen
VBorausfekungen und Unterfcheidungen Gebrauch zu machen, wird dadurch
noch erweitert, daß fich die Anfprüche der einzelnen größeren Productions:
reife nur unter fehr verfhiedenen Verhältniffen erheben Fönnen und wirklich
erhoben haben, Nofcher giebt im Hinblick auf die gefhichtliche Erfahrung
bie Eurze Andeutung, daß ein Schuß der einheimifchen gewerblichen Tbha:
tigEeit dann nothwendig werden Fönne, wenn ein Volk von der Unterften
Stufe fich zu höherer Cultur entwidfeln wolle, mährend ein Schuß des
Landbaues zu den Zeiten der verfallenden Volkswirthfchaft nöthig ge:
worden fei. Ich glaube, daß der Srund diefer richtigen Beobachtung in
Folgendem zu finden if, Während die Bevölkerung, deren Zunahme durch
naturgefeblich wirkende Kräfte nicht fo regulirt if, daß Krifen unmöglich
mürden, über die Productionsbdedingungen des Landes, von denen
ihre dauernde Eriffenz doch abhängig ift, hinausfirebt, bekundet die gewerbs
liche Fabrikation, die in der gewinnreihen BVermwerthung ihrer productiven
Thätigkeiten nicht an die Nohproduction des Inlandes gebunden ift, das
Streben, über den Confumtionsbedarf des Inlandes hHinauszugehen.
So erfolgt, fo lange eine fteigende Zunahme der Bevölkerung und eine wach»
fende Entfaltung und Ausdehnung der gewerblichen Indufkrie fich bemerkbar
macht, auf die im Landbau verwendeten Productivkräfte von felbft eine An:
regung mit einer Stärke, daß er ihr bekanntlid) gewöhnlich nicht zur vollen
Benlge entfprechen kann, und von diefer Seite her wird deshalb während
der Dauer einer foldjen Entwicklung der Volkswirthfchaft in Feiner Weife
eine befondere Befchügung und Hebung durch die allgemeine Staatsgewalt
in Anfprucdy genommen werden. Wohl aber Fann diefes gefchehen von
Seiten der gewerblichen Productivkräfte, wenn diefelben an der Entfaltung
ihrer Schwingen etwa durch die Kraftwirkungen der fkärkeren oder Älteren,
gleichfam länger eingelbten Capitalmächte des Auslandes bei einer Fortdauer
des freien Berkehres follten gehindert werden. In diefer Situation
würde dann die Gewährung eines Schußes für die inländifchen Fabrikationg:
        <pb n="306" />
        297

Präfte mittelbar bald die augenblielichen Dpfer der Landbaufreibenden Claffen
wieder mit Zinfen vergüten. Sft dagegen die Ausdehnung der gewerklichen
Sndufkrie zu einer foldhen Höhe vorgefchritten, daß fie fich in einem bedenkfichen
 Umfange auf die Mohproduction, wie auf die Confumtionsbedürfniffe
des Austandes gründet, mithin die Tortdauer der gemwerklichen Fabrikation,
und natürlich noch mehr jede etwaige Erweiterung derfelben nur von Bedinz
gungen des Auslandes abhängig erfheint, während doch die Heranreife diefes
Auslandes zu einer wirkfamen Concurrenz zunächft auf feinen eigenen Märk
ten, fpäter aber auch wohl auf anderen in bedrohlicher Ausficht ffeht, dann
fann eine, nach einer auf die Berechnung des Momentes geffellten Berech:
nung als Fünftlich erfcheinende, mit Opfern der nicht Landbautreibenben Bes
bölferung verbundene Schubmafßtregel für die Hebung der RMohproduction
gerade auch im Hinblit auf das dauernde Wohl der in die gewerbliche Fasz
Brifation ftrömenden Bevölferungsmaffe wiederum als Pflicht erfheinen; fie
wird alfo entweder in einer wirklich bereits angebrochenen Periode des Berz
fallg, d. h. des Stillffandes oder NMückfchrittes in der Entwicklung der ge:
mwerFlichen ThätigFeit, oder in der ficheren Vorausficht einer folchen eintreten.
Sn beiden Fällen handelt e&amp;amp; fich, was allerdings offen und rückfichtslos einz
geflanden werden muß, um die Verwirklichung der Aufgabe, daß Capitalund
 Arbeitsverwendungen in Bahnen und auf Punkte hingeleitet werden,
wohin fie {id nach ficherer Borausficht durch eine ganz freie Thätigkeit der
Privatintereffen nicht hintwenden würden. Uber welche Berechtigung Hat
man dazız, eine folche Leitung mit einer ganz abfonderlihen Betonung als
ztmas Künftliches zu bezeichnen oder fie gar als eine »unNNatürliche« DÖperas
tion ohne Weiteres zu verurtheilen? An taufend und abertaufend Stellen
ift im gefellfchaftlichen und ftaatlichen Berbande die unbedingte Freiheit des
Sndividuums, mie man diefelbe den Verhältniffen eines »Naturftandes« zu:
zufchreiben pflegt, in ihren willEürlichen, auf Andere oder auf die Dauer des
Staatsverbandes Feine Rücklicht nehmenden AWeußerungen und Beftrebungen
befchränft, und diefe Belhränkungen gehören zu den Menfchenrechten der
Gemeinwefen, zu den natürlichen und naturmüchfigen Dafeinsbedingungen
des complicirteren Staatsförpers, Immer wieder wird man darauf zurück:
Eommen müffen, daß das Syftem, weiches auf dem Gebiete der dkonomifchen
Dinge ein unbedingtes und fetiges Sehen: und Machenlaffen der Privat:
thätigEeiten befürmwortete — und die Forderungen des unbedingten Freihandels:
verFehres bilden ja ein einzelnes Fachwerk deffelden —, den Nachweis Kiefere,
rote die freimaltenden Einzelnen, die man fih von Sfonomifchem Eigennus
getrieben denkt, in Allem und überall das Gemeinwohl Aller vermittelft der
Wirkungen des Privategoismus am beften und allein genügend fördern, und
feine dem SGemeinwefen {hädliche Benachtheiligung oder Befeitigung der für
dag Ganze nothwendiaen yroductiven Thätiakeiten zu beforaen ftehe, St
        <pb n="307" />
        298

biefe principielle Frage entfchieden — und wer möchte Heutzutage noch ganz
unbedingt von der TriebEraft, wie von der Einficht des Privategoismus nur
gute Früchte erwarten —, fo wird Fein abfolutes Refultat als Entfcheidung
über alle Lagen uud Berhältniffe zu erffreben fein, fondern eine an einzelne
Bedingungen zu Enüpfende Entfeheidung. Und wir haben gleichfalls zunächft
immer nur die unbedingte Aufftellung eines abfoluten Principes auf dem
Srunde Sfonomifcher Wahrnehmungen im Auge gehabt und dabei auch das
weggemwiefen; melches zu Sunften des unbedingten FreihandelsverFehres auf:
geffellt wird. AWbgefehen davon müffen mir freilich aus mehreren Gründen
beim Eingehen auf das Einzelne auf Uebertriebenes, Unberechtigtes und
Schädliches in fo vielen, gerade in unferer Zeit erhobenen Forderungen zu
Sunften der Schubzölle aufmerkfam machen, die eben auch glauben, daß,
wenn man nur einen »Schuß der. nationalen Arbeit« zum Ziele nehme,
immer etwas Gutes für die Dekonomie der Völker zum Borfchein kommen
müffe. .
Man wird fo oft zu irrthümlichen Schluffolgerungen und falfchen
Maßregeln verleitet, wenn man die Erfheinungen und Thatfachen für fich,
ohne Zufammenhang mit den Urfachen und Factoren derfelben, in’s Auge
faßt. So fieht man wohl auch zunächft nur auf eine Concurrenz der Öfonomifchen
 Producte des Auslandes mit den Producten des Inlandes.
Uber die Producte find nur Früchte, nicht Wurzeln, die Nefultate, nicht die
Urfachen. Sie find das Ergebniß der combinirten Factoren der dEonomifchen
Production, der Naturkräfte, der menfchlichen Arbeitsträfte, der Capitalfräfte.
Win man daher Bortheile, welche gewiffe Producte des Uuslandes auf dem
Markte bewähren, zu Sunften des Inlandes ausgleichen, fo muß man auf
die Wurzel derfelben eingehen, und, diefe ann in einem Vorzug der Natur:
Eräfte oder der ArbeitsEräfte oder der Capitalkräfte des AYuslandes bez
ftehen , oder auch in einem oder in zweien diefer Factoren. SGelangt man
zur Erfenntniß eines Borzugs der NMaturkraft, fo Fann man diefen übers
haupt nur dann auszugleichen den BVerfuch wagen, wenn e$ fich bei die:
fem Vorzug um eine ausgedehntere oder beffere Bearbeitung des Boz
dens Handelt; liegt ihHm aber eine natlırlihe Bevorzugung des Territoriums
zu Grunde, fo if alles noch fo eifrige und eiferne Ubmühen des Menfchen
zur Ausgleichung diefes Borzuges rein vergeblich; die Natur felbft Hat hier
die internationale Arbeitstheilung unwiderruflich begründet, und man ann
nur die fpecififchen Bortheile des eigenen Landes auffuchen und ebenfo durch
andere Producte zur Geltung zu bringen fuchen. Nicht anders verhält 08
fich dann, wenn man zu der Ueberzeugung gelangt, daß es fich in den Bez
dingungen jener Concurrenz um eine VBerfchiedenheit der menfhlichen
Arbeitskräfte handelt, Denn ich Kann mich. nicht Überzeugen, daß
jeder Unterfchied in der menfchlidhen ArbeitsFraft unter den Nationen nur
        <pb n="308" />
        239

al8 die Folge einer verfchiedenen Skonomifchen Erziehung — gleichviel, von
wem biefelbe bewirkt wird — zu betrachten fei. Man wird auch hier ers
teichbare und unerreihbare Ausgleihungen gewahr werden; hinfichtlich der
{eßteren wird zu einem ähnlichen Verzicht und zu einer Ähnlichen Willens:
richtung fich zu entfhließen fein, wie gegenüber den von der Natur felbft in
der Verfchiedenheit der Territorien gegebenen Bedingungen; Hinfichtlich der
erreichbaren Ausgleichungen werden die Mittel und Wege zur Herbeifkhrung
berfelben, die Zeiträume, die dafür in Wusficht zu ftellen find u. f. w., zu
befonderen Ermägungen veranlafjen. Handelt es fich endlich bei den Grund:
lagen jener Concurrenz um eine Verfchiedenheit der Capitalkräfte in beiden
Rändern, fo wird man fich zunächft vergegenmwärtigen müffen, wie in jedem
Lande eine über das Sanze der SEonomifchen Thätigkeiten fich ausgießende
Totalwirkung des Sefammtbeftandes der Capitalkräfte überhaupt fich geltend
macht, welcher das fummarifche Endergebnif eines Bolkslebens auf feinem
befonderen Boden, aus feiner eigenthümlichen Sefchichtsentwicklung, in feinen
Snftitutionen 11. f. w. ft, und ebendeshalb überall ein anderer ift, Überall
ein eigenthümlicher, der in feinem hundertjährigen Wachsthum nicht durch
ein paar fragmentarifche Griffe in irgend einer Spanne Gegenwart umge:
ftaltet, nachgebildet, ausgerüftet wird. Daneben ift dann freilich auch eine
befondere Concentration der Capitalkräfte in der Form, wie fie allernächft in
der Indufkrie zur Anwendung gelangen, bemerkbar. AYuch diefe partielle
oder locale Wirkung der ausländifchen Capitalkräfte Fann in der Producten:
zoncurrenz des Auslandes fo ftart fich geltend machen, daß eine Uusgleichung
des Unterfchiedes zu dem Zwecke, einzelne productive ThätigEeitskreife des Inz
landes in die concurrenzfefte Höhe zu bringen, nöthig erfcheinen fann, wenn
diefe hefonderen Productionsthätigkeiten für die BEonomifche Entwidlung des
Ganzen förderlich oder nothwendig erfheinen, und ihre Erftarkung aus der
fich felbft überlaffenen Entwicklung der Production deshalb nicht zu erwarten
fteht, weil ja gerade die große, auf den einen Punkt verwendete Capitalfraft
in dem Inlande nicht vorhanden {ft und das Yusland, in welchem fie wirkt,
gegen die Concurrenz des Inlandes den Bortheil geltend macht, den die Fir
higEeit, nach einem großen Maßftabe zu arbeiten, felbft durch freiwillig überz
nommene temporäre Verlufte den aufftrebenden Segner matt zu machen,
Krifen ohne Schaden im Sanzen zu ertragen u. f. w., gewährt, Diefe Conz
centration inländifcher Capitalfräfte an beffimmte Stellen wird alfo nur
durch Opfer der Confumenten angeregt und erhalten werden Fönnen, e8 wird
eine Verlegung des Capitales eintreten, die ohne Mitwirkung der Staats:
gewalt nicht ftattfinden würde; e8 wird, nachdem man fih zunächft über die
Möglichkeit, den beabfichtigten ZImeck Hberhaupt erreichen zu Eönnen,
vergewiffert hat, dann die Meihe der bekannten Erwägungen zu beantworten
fein, ob das nothmendia zu bringende Dpfer an Taufchwerthen wie an ans
        <pb n="309" />
        300

deren productiven Thätigleiten im annehmbaren Verhältnif zu der für patere
Beiten zu eröffnenden Ausficht ftehe, ob der fo heranzuziehende einzelne Zweig
auch wirklich das Ganze fördern werde, ob es fich bei dem Opfer wirklich
nur um ein Mittel, und nicht um einen Zweck handele, u. f. w. uf. w.
Auch innerhalb der Grenzen diefer bekannten Discuffion hat fih manches
Raifonnement geltend zu machen gefucht, welches die Melativität in der Gil:
tigFeit der Entfcheidungen immer wieder zu verleugnen fucht. Ich erwähne
nur die öfter mit ganz ungehörigen Vrachtfedern überkleideten Hinweife auf
die NothwendigEeit, eine gleiche Sröße des NMationalreichthums oder das
gleiche Sefammtgebiet von productiven Kräften für das Vaterland zu erobern.
Eine folche Gleichheit mwiderfagt den Grundbedbingungen der Natur, den
fehlichtmmeg anzuerfennenden beften Mitteln, durch welche die Entwicklung
jedes einzelnen Volkes zur Entwicklung des menfchlichen Sefchlechtes dient,
zbenfofehr wie eine — freilich auch nur erträumte — vollfommene Selbftz
Händigkeit und Selbfigenügfamkeit des Sonomijchen Lebens der Völker.
Dagegen ift es, wie mir fcheint, durchaus Fein Grund gegen die Berechtigung
und Zwedienlichkeit von Schußzollmagregeln zu SGunften der gewerblichen
Thätigkeit, was fo oft vorgebracht worden ift, daß die Induftriellen für fich
Korderungen geltend machten, welche von Seiten der im Handel und im
YUderbau wirkfamen productkiven Thätigkeiten nicht erhoben würden; daß aus
denfelben Gründen alle productiven Kreife diefelben Opfer zu ihren befonderen
Sunften von Seiten. der Confumenten durch den Staat verlangen Fönnten
u. fm. Abgefehen davon, daß z. B. der Ackerbau, wie wir fihon erwähnt
haben, der Natur der Sache nach eben nicht gleichzeitig mit den gewerklichen
Thätigkeiten diefelben Anfprüche erheben Fann und erhoben hat, während es
doch zu einer anderen Zeit gefhehen fann und gefchehen if; abgefehen davon,
daß gleichwohl — und fo ja auch durch die Gefekgebung über Ublöfungen
u. f. mw. in unferen Tagen — gleichzeitig durch andere Mittel. und Wege,
wie fie fich in befonderen Zeitverhältniffen mit befonderer Art beffer empfehz
len, oft ungemein große Opfer von Seiten ganzer Claffer von Landeseinz
wohnern zu Sunften des AUTFerbaues gebracht werden und gezwungenerweife
gebracht werden — abgefehen davon, ift ja auch wirklich die Natur der Ent:
wicklung von gewerklichen ThätigFeiten auf einen anderen Untergrund hinge:
drängt, wie der Ackerbau. ‚DYder wäre noch ein Beweis nöthig, daß der
Ackerbau in viel geringerem Grade eines ausgedehnteren Marktes bedarf,
daß er viel weniger von einer Concurrenz des Auslandes bedroht ift, wie die
getwerbliche Fabrikation? Immer ift die gewerbliche Indufkrie auch an einer
größeren Ausdehnung des inländifchen Territoriums mehr intereffitt als der
Ackerbau 1); ihre Vertreter werden deshalb immer ftärker auf eine Ermeites

WW Mit diefer, nach den Verechnunagen des EFigenvortheils fich ergebenden Ver:
        <pb n="310" />
        301

rung des einheimifchen Zoflgebietes dringen, als die Vertreter der Intereffen
des Landbaues; die gewerbliche Ynduftrie allein Fann auch, weil fie die Bors
theile der größeren Capitalvermendungen nur unter der Bedingung eines aus:
gedehnten Marktes zur Wirkfamkeit bringen kann, zu Sunften des Inlandes
felbft des ausländifchen Marktes zum Abfaße, alfo auch einer Stärkung zur
Concurrenz mit dem Austande auf demfelben bensthigt erfcheinen. ;
Sm Borhergehenden ift der SEonomifche Streit zwifhen den Anhängern
des Freihandelsfyftemes und denen des Schukzolfyftemes in der Handels:
politif immer nur vom SEonomifchen Sefichtspunkte aus betrachtet worden.
&amp;amp;8 ift aber ficherlich für eine genlügende Löfung nicht dabei ffehen zu bleiben.
Und in der That, während die beiden Parteien felbft allem AUnfchein und
Vorgeben nach DYekonomifches nur nach SEonomifchen Maßftäben und Crem:
peln berechnen wollen, zieht fie ein, wie wir noch fehen werden, überhaupt
nicht abzumweifender Drang auf andere Gebiete und Intereffen des Völker.
[ebens hinüber. Während die Schukzöllner immer wieder auf die Selbftfändigkeit
 und Autarkie des Vaterlandes, alfo auf ein politi:
fhes But der Nationen zurückkommen, rufen die Freihändler das Yntereffe
 für die Freiheit des individuell-perfönlihen Lebens zur
Unterftügung ihrer wirthfchaftlihen Argumentationen in die Schranken.
Das Schukfyftem, welches gleich den altclaffifchen Theoretikern in erfter
Rinie auf die Vertheilung der Güter hinzuwirken fucht, und zwar auf eine
andere, al8 wie fie durch das freie Spiel der Völker: und Individuenconcurvenz
 zum Borfchein aekommen ift, areift zuerft nach dem höchften nolitilchen

[chiedenheit der Intereffen der erwähnten productiven Ihätigkeitskreife in
der ‚Handelspolitik ‚fteht audy die fchon früher Hervorgehobene und erklärte
Berfchiedenheit des Grades von AWbhängigkeit in Verbindung, weldjer bei
ben mit einander im Handelsverkehr ftehenden Völkern beobachtet wird,
obwohl fie immer beiderfeitig im Allgemeinen abhängig find; ebenfo wie in
der arbeitstheilig fi) vollziehenden Production Jeder im Austaufhe gewinnt,
ohne daß: der Sewinn glei groß ift. Unverftändlid) bleibt mir der AUus-Ipruch
 Rofher’s in (Unterfuchungen über das Colonialwefen) Rau’s
Krchiv 1847, S. 76: »Die reine Theorie mag immerhin Lehren, daß im
internationalen Handel die UWbhängigkeit beider Contrahenten von einander
wechfelfeitig ift. Volitijh und ftaatsikonomifc wird doch allemal der.
jenige Contrahent ein gewiffeß Nebergewidht behaupten, welder die CSapita:
lien verleiht, den ActivhHandel beforgt und vorzugsweife Nobhftoffe ein: (7)
Manufacturen ausführt.« Obwohl ftreng genommen diefe beiden Säge in
Feinem Segenfaße ftehen (wechfelfeitige AbhängigFeit: gleihgroße Abhängig:
BPeit), weiß ih mir doch nicht zu denken, welche »reine Zheorie« eine gleiche
Abhängigkeit zu lehren Hätte, und warum es nidht entfchieden die Aufgabe
ber Theorie fein foll, auf die verfchieden große Abhängigkeit aufmerkfam zu
machen. Liegt nicht in diefem Punkte gerade eine ftarfe Schwäche in ber
Say’Ichen Tbeorie der Ablakweae ?
        <pb n="311" />
        _ 302

Sut der antiken Semeintwvefen; das Freihandelsfoftem, dem in erfter Linie
doch immer das Ziel der modernen NMationaldkonomie in ihren früheren
Stadien, die höchfimögliche Stufe des Nationakreichthums vorfhrwebt, hält
den Zeitgenoffen das große NMefultat der vielhundertjährigen Entwicklung der
modernen Völker vor, die Liebe zur perfönlichen Freiheit, das Streben nach
feften Garantieen der individuellen Selbfiftändigkeit, der freien Selbftbeftim:
mung. Daß hierbei große Güter des individuellen und Kaatlichen Lebens
gegenübergeftellt find, wird Niemand bezweifeln, vielleicht aber die Mehrzahl
der Zeitgenoffen auch das nicht, daß der Kberzeugendfte Beweis für das eine
gar Fein Gegenbeweis gegen das andere ift; vielleicht daß fhon jeßt die
Ueberzeugung von dem Ierthum der Form einer Alternative um fo mehr
Boden gewonnen hat, al$ die Anficht, wie durch eine Ineinanderbildung- der
Bielpunfte des antiken und des modernen Lebens in der nächftverfloffenen
Periode der Neuzeit die Bahnen der Zukunft unferes politifhen Lebens bes
ftimmt werden, wohl bei Bielen bereits dauernden Anklang gefunden hat.
Hat man längft eingefehen, dafeine durchgeführte SEonomifche Selbftfiändig:
Eeit einzelner Länder ebenforwenig möglidh als münfhenswerth ift, fo find wir
doch auch — wie tief immerhin der Glaube an die Beftimmung des Men:
fchen zur fittlihen, des Bürgers zur politiflhen Freiheit fi überall gegrünz
det hat, wo eine Lebendige Volks = und Staatsentwicklung fich regt — von
dem AWberglauben an die Wirkungen der möglichft großen perfönlichen Freiz
heit geheilt worden; mährend fo viele erträumte oder verheifene Segnungen
ausblieben, mo die individuelle Bewegung ungezügelt fich entfalten Eonnte,
ift dag Corporations= und Affociationsberwußtfein erffarkt, und e8 wird zu:
geftanden, daß die Stärke und fittlide Macht vereinter Kräfte nicht ohne
Opfer an individueller Freiheit möglich werden Fann.
Und fo werden wir hier — auch um nur das Fundament zur Beurs
theilung über jene beiden Syfteme der Handelspolitik zu vervollfiändigen —
zur Bertheidigung eines Sabes hingetrieben, von deffen Wahrheit, wie es
fcheint, erfolglos die Nationalökonomie fich abgemwendet hat, des Sages: daß
die Theorie der politifchen DYekonomie für ihre theoretifchen Entfheidungen
auch über »rein SEonomifche« Fragen fich der Berhekfichtigung anderer —
nicht Öfonomifcher — Factoren des BVolk= und Staatslebens nicht entfchlas
gen Fann, und daß es ein Fehler der nationalöfonomifhen Theorie ift, diefe
Berhckfichtigung der Praris der VWolkswirthfhaftspolitik oder einer anderen
Disciplin zu übermeifen.
        <pb n="312" />
        303

4

Der Menfch Fommt fafßt täglich in die Lage, daß er aus mehreren Be:
weggründen zugleich zum fittlihen Handeln aufgefordert wird. Solche gleich:
zeitig fich andrängende moralifche Triebe Fönnen eine entgegengefeßte Hand:
lungsweife in Beziehung auf denfelben Segenftand als Pflicht erfcheinen
laffen, und dann entfieht eine fogenannte Collifion der Pflichten. Der ges
wiffenhafte Menfch wird fich darin fo entfheiden, daß er der höheren, wichtt:
geren, fittlidhen PfrlidHt Raum giebt; dadurch bleibt fein Handeln fittlich, obwohl
 er zugleich dabei gegen ein anderes fittliches Gebot verftoßen muß. So
Eann jede moralifhe Pflicht von dem fittlichen Menfchen hintangefebßt werden
müffen, nur das überhaupt hHöchfte fittliche Gebot wird in jeder Pflichten
collifion gewahrt bleiben; daraus ergiebt fich das große Intereffe auch der
ehriftlichen Moral, das höchfte fittlihe Gebot der Meligion Elarzuftellen,
Auf diefe Süße werde ich mich weiter unten zurückbeziehen.
Es wird von den meiffen Volkswirth/haftsgelehrten (als eine wiffen:
fehaftliche Nothmwendigkeit angefehen und aufrecht gehalten, daß fich die Naz
tionaloöfonomie auf die fpecififch SEonomifchen Ihatfachen und Verhältniffe
befchränke und auch in ihren Schlußfolgerungen und Nefultaten diefer Bes
fehränkung treubleibe. Eine Berkckfichtigung und Beherzigung anderer Eles
mente und Aufgaben des Volks: und Staatslebens glaubt man theils der
die theoretifchen Grundfäge der Nationalökonomie zur Anmendung bringen:
den Praxis, theils anderen fKaatsmifenfchaftlichen Diseciplinen überweifen zu
müffen. Nun haben wir freilich in der gegenwärtigen Zeit die Erfahrung
gemacht, daß bei aller Selbftftändigkeit in dem Sebiete, der Methode, der
Aufgabe der einzelnen Wiffenfchaften doch der Hberall fich hervordrängende
Zufammenhang mancher einzelnen unter einander nicht wohl unbeachtet gez
laffen werden Fann, weshalb auch eine mit ertremer Confequenz durchgeführte
Scheidung nicht mehr die Anerkennung findet, die man ihr fonft bereitwillig
gezollt hat. Indeffen wird es fich doch Leicht Ear machen laffen, daß es
fich bei jener Anficht vieler Nationalikonomen nicht um diefes auch in an
deren Disciplinen hemerkbare Verhältnif von Selbfiftändigkeit und Verbin:
dung im Vergleich zu einer zweiten oder dritten Wiffenfchaft Handelt; viel
mehr wird dabei eine, wie mir fcheint, die gefchichtlihe Bedeutung der dkonomifchen
 Zhatfache felbft und die fpecififche Aufgabe der nationdlöfonomifchen
Schluffolgerung und Aufgabe verkennende Trennung in’s Auge gefaßt und
befürwortet. Die Loslöfung und, Hervorftelung gleidhfam eines wirthfchaft:
lich thätigen Ich in dem Menfchen neben feiner Perfönlichkeit im Ganzen
fheint mir im Hinblit auf das Leben ebenfofehr auf einem gefchichtlichen
und pfychologifchen Irethume zu beruhen, wie die Vorführung einer ganz
Feldfeftändig vorhandenen wirthfchaftlichen Seite in Tbhatfachen von zuflams
        <pb n="313" />
        304

mengefeßter Befchaffenheit, oder der Hinweis auf fpecififch öfonomifche Er
fheinungen im menfchlihen Leben, an denen anderweitige Momente des
Lebens gar Feinen Antheil haben follen. Wird der Menfch wirthfhaftlich
thätig, fo ffeht diefe Thätigkeit unter dem Einfluffe feines perfönlichen Lebens
im Sanzen, und wo er wirthfhaftliche Bielpunkte verfolgt, da vergißt er
nicht etwa gleichzeitig. die Sefammtaufgabe feines Lebens und Strebens,
fondern gerade diefe verfolgt ec auch in jenen. Ebenfo wenig Handelt e$ fich
bei den einzelnen Thatfachen und Erfheinungen der politifchen Defonomie
 um ein Nebeneinander von wirthfehaftlichen und politilchen u. f. w.
Seiten, fondern überall um irgend ein Sanzes, deffen Elemente in einem,
nach allen Seiten hin und von allen Seiten. her caufalen Zufammenhang
zu einander {tehen.' Der Sfonomifh thätige Menfch, die elementare Einheit
der perfonalen Beftandtheile in der Volkswirthfchaft, wie die veale Erfcheinung
 der SEonomifchen Thatfache im Sanzen laflen Factoren erkennen,
welche man als nicht fpeciell SEonomifch in der Theorie abfheidet, obwohl
fie urfächlich wirkende Factoren des Dekonomifhen in der wirth{Hhaftlichen
Thatfache find. Dann aber muß die lebtere einen hell ihrer Bafis gerad
für die rationelle Betrachtung verlieren, und wenn man darnach firebt, ein
Befeß der BWolkswirthfchaftslehre mit bewußtem Abfehen von allen nicht [pe
eififch »SEonomifchen« Beftandtheilen in den urfächlihen Bedingungen aufs
zuffellen, fo Fann diefes Gefeb nicht fein volles Fundament haben, mit ans
deren Worten, e&amp;amp; wird irgend ein Facit als das RMefultat einer einfachen —
„rein SEonomifchen« — Urfache hingeftellt, was auch als SEonomifches Nez
fultat doch das Ergebnif von combinirt wirkenden Urfachen, nämlich Sfonos
mifchen und nicht SEonomifhen ift. Wenn dies aber der all ift, fo kann
eine abfichtlihe Ausfcheidung aller nicht fpecififch Sfonorhiflchen Elemente aus
dem NMaifonnement der MNationaldkonomie nicht die Selbfiftändigkeit der
MWiffenfchaft garantiren, fondern muß die für fie nothwendigen Grundlagen
irrthümlicher Weife fdhmälern. Blicken wir beifpiel$weife auf eine fo wich:
tige »SEonomifche« Thatfache in der gefchichtlichen Entwicklung der Volks:
wirthfchaft, wie die almälig vorgefchrittene Cmancipation der handarbeitenden
Bevölkerungsclaffen, fo. läßt fich doch in der That Eaum noch erwarten, daß
diefe in das gefammte wirthfhaftliche Leben der Völker fo tief eingreifende
Entwicklung bei den altclafifchen, wie bei den germanifchen und romanifchen
Nationen nur, ja auch nur zum größeren Theile auf Sfonomifhe Iriebs
federn, Berechnungen und Ihatfachen zurückzuführen verfucht werde, wie
fehr man auch fich des Borherrfihens folcher SEonomifchen Agentien In irgend
einer einzelnen Zeitperiode bewußt fein möge, womit nicht angedeutet fein
folk, daß nicht doch auch noch heutzutage die großen Segenkräfte z. 3. gegen
den Fortbeftand der Sclaverei in der nordamerikanifhen Union Feineswegs in
Stonomifchen Berechnungen von wirthfchaftlichen Nachtheilen diefer Infkitution
        <pb n="314" />
        305

beruhen, ‚Oder man blie auf die Hebel, welche z. B. die Güter der todten
Hand, die Fideicommiffe uw. f. w. gefhaffen und aufrecht erhalten haben, auf
fo viele »wirthfchaftliche« Inftitutionen und Laufende von »„Sfonomifchen«
Thatfachen in der Gegenwart, und man wird überall fittlihe und politifche
Motive alg mitwirkende Factoren eben diefer »SEonomifhen« Erfeheinungen
gar nicht überfehen Fönnen. Immer wird man aufs Menue zur Anerkens
nung der thatfächtichen Wahrheit gezwungen, daß der Menfch, auch wo er
auf ein wirthfchaftliches Ziel hin thätig wird oder durch feine Thätigkeit eine
fpecififch = Sfonomifche Thatfache heroorbringt, dody die Lebenskraft feiner ges
[ammten Verfönlichkeit in Bewegung feßt und auch durch fein Wirken ins
nerhalb der einzelnen Lebensgebiete eine Sefammtaufgabe feines Strebens zu
verwirklichen fucht. Kann es nun- Aufgabe der nach einem felbfiftändigen
Gebiet ftrebenden nationalikonomifhen Theorie fein, die Ciemente und FJactoren,
 deren verbundene Wirkfamkeit das thatfächliche Leben zeigt, fo zu trens
nen, daß man das Einfeitige als das Ganze faßtZund das Nefultat, welches
das Ergebnif zufanmımenwirkender Kräfte ift, als das Ergebnif eines Theiles
diefer Kräfte annimmt? Gewiß if der unter[heidenden Kritik eine Zerle:
gung und gefonderte Betrachtung der einzelnen Kactoren eines Refultates
möglich, aber diefes RNefultat felbft wird fie überall nur als eine Gefammt:
wirkung aller einzelnen Factoren anfehen und nur fo in ihren Schlußfolge:
rungen verwenden dürfen. Ne entfchiedener man die ÖEonomifhen That-Jachen
 des wirklichen Lebens zur Grundlage des nationaldkonomifchen Nais
fonnements macht, um fo beftimmter wird man Factoren, die nicht rein
SEonomifcher Natur find, mit in Anfchlag bringen müffen, wenn man nicht
zu einem Nefultate gelangen foll, das der Wirklichkeit widerfpricht. Dages
gen ift die Einwirkung nicht wirthfchaftlicher Kräfte auf jenes Raifonnement
der nationalöfonomifchen Theorieen felbft, wenigftens im Großen und AUlge:
meinen, fo erfichtlich, daß e$ nur zum Berwußtfein zu bringen iff. Ich habe
fhon in einem frlheren Ubfchnitte den Nachweis geführt, wie fehr die allge:
meine Haltung, die wichtigften Sefichtspunkte der Syfteme, welche nach
einander fih Seltung zu verfhaffen gefucht haben, unter der Einwirkung
der allgemeinen geiftigen Bildungsatmofphäre ihrer Zeit geftanden haben,
wie der wirkliche oder der ideale Horizont der Culturbedingungen unter den
Zeitgenoffen je einer Segentvart auch in den Schluffolgerungen und Ziels
puneten der nationaldfonomifchen Theoretiker feinen correfpondirenden Uuss
druck findet, wie die naturwiffenfhaftlichen, die fittliden und politifchen
UNeberzeugungen audh in den Syftemen der BVorkswirthfhaftslehre ihre deut:
lichen Spuren erkennen laffen. Mag‘ man fi eben noch fo beffimmt date
auf befchränFen wollen, nur fachlihe Berhältniffe in Betracht zu ziehen, nur
an und mit realen Objecten die volkswirthfhaftlihe Logik in Bewegung zu
eben, immer tritt doch wieder der Menfch als eine mitwirkende urfachliche
Anies, vyolit. Detonomie. 20
        <pb n="315" />
        306

Rraft, immer mieder die Zweckbeftimmung aller Ddiefer realen Erfeheinungen
im Kreife des menfhlichen und bürgerlichen Lebens hervor, d. h. eines Lebens,
in welchem e8 Feine ifolicrte Selbfiftändigkeit öfonomifcher Kraftwirkungen
und Ehatfachen giebt, Aber berückfichtigt denn nicht doch die Nationalökos
nomie in unferer Zeit bei fo manchen Löfungen troß der hHervorgehobenen
Befchränkung auf rein SEonomifche Werhältniffe auch anderweitige Intereffen
und Zielpunkte des menfchlichen und bürgerlichen Dafeing? Das jedem
nicht ganz rohen Menfchen innewohnende, mit der Zunahme der Bildung
fi fteigernde Gefühl von der Unentbehrlichkeit der Freiheit in dem Indiz
viduellen Wirken und Schaffen und Seniefßen — . wird es nicht von der
Nationalökonomie auch in den rein SFonomifchen Löfungen refpectirt, ange:
eufent, zu Hülfe genommen? und ift-diefe Freiheit des Individuums ein
SEonomifcher Begriff, ein Sfonomifches Gut, ein Theil einer rein Sfonomis
fehen Logit?. Aber fie ft ficher das Quos ego nicht nur gegen die Pros
ductiongorganifationspläne der Socialiften, fondern aud) gegen die, wie ich
meine, mit S£onomifchen Gründen nicht zu leugnende Capitalerfparung durch
den erzwungenen affoclirten Confum. Cbenfo mag es zwar immer als etz
freutlich und beruhigend erfheinend, daß der Nachweis über eine vermeintlich
fFärkere Production SEonomifcher Süter im Sanzen durch Befeitigung des
Sondereigenthums nach allen Erfahrungen ‚der Wirklichkeit als eine dloße
Fiction dafteht; e&amp;amp; mag immerhin die Nationalökonomie der von ihren Segnern
 erfolgten Herausforderung auf das Feld der Sfonomifhen Erörterung
Aber diefe Frage getroft Folge leiften — fie wird aber nimmermehr das Zus
geftändnifß zu geben berechtigt fein, von dem Ausgange diefer tein SEonomifchen
 Discuffion die. Uufrechthaltung des Privateigenthums abhängig zu
machen. Das gerade {ft ein Harakteriftifihes Merkmal des Standpunktes
der Socialiften und Communiffen, daß alle Kräfte und Dafeinsformen des
menfchlichen und bürgerlichen Lebens, alles Zhun und alles Senießen, alles
Streben und Weben nach der rein SEonomifchen Discuffion und ohne maßgebende
 Rückficht auf andere Factoren des individuellen und ffaatlichen Lebens
beurtheilt und {chließlich geftaltet werden follen. Was man immerhin über
zine befte Form der S£onomifchen Berhältniffe aufftellen möge, e$ wird nie
außer Acht zu laffen fein, daß Menfchen und Staaten neben den dEonomis
jchen Sütern andere Güter haben und anffreben. Und diefes thatfüchliche
Berhältnif muß die Bolkswirthfchaftsiehre in ihren SEonomifchen Löfungen
heranziehen — als einen Theil der Argumentation. Befchränft fie fich abe
fichtlich und confequent darauf, dasjenige Herauszuftellen, was ihr aus SEono:
mifchen Gründen als das Stonomifch Befte und Sfonomifch Richtige erfcheint,
und muß fie dann zugeben, daß die Praris oder eine andere Disciplin die
übrigen Zielpunkte des Bollsiebens mit in Anfhlag bringe und darnach die
nationalöfonomifchen Löfungen modificire, fo macht fie eine Correctur Ihrer
        <pb n="316" />
        307

Mefultate zur ununterbrochen drängenden Nothwendigkeit; Ihre zunächft ges
wonnenen Mefultate haben die Beftimmung, wieder aufgehoben und befeitigt
zu merben; fie muß entweder zugeben, daß man für das praktijhe Leben,
welches der Anwendung der Theorie bedarf, und nach den Sefichtspunkten
jener anderen Disciplin auf’$ Serathewohl mit den Refultaten der Nationals
$Eonomie verfahre, oder fie muß fich zu einer zweiten Arbeit doch entfchlies
fen, zur Löfung der Frage, was unter den auch von nicht SEonomifchen Lebensbeftfimmungen
 her geltend gemachten Anforderungen als das relativ Befte
in SEonomifcher- Beziehung erfcheine und zu verfolgen feiz denn die Beantz
mortung diefer Frage ift doch eben nur auf dem Grunde nationaldfonomiz
Icher Argumentation zu geben, Freilich ftände diefes. ganze Berhältniß foz
aleich anders, wenn, wie uns fo Manche geradezu und noch Mehre indirect
glauben machen wollen, das Dekonomifche in dem Leben des Individuums
wie in dem Leben der Völker unter allen Umftänden fo voranzuftellen wäre,
daß die Entfheidung fber das Öfonomifch Befte in Allem durchfehlüge, jedes
andere Intereffe dem wirthfehaftlihen untergeordnet würde. Aber dann,
d. bh. wenn die Lebensanfchanung des franzöfifchen Socialismus und Coms
munigmus$ zur Grundlage der nationaldfonomifchen Discuffion gemacht
mwlrde, dann Fönnte auch nicht mehr die Rede davon. fein, daß man irgend:
wie der Praxis oder einer zweiten Diseiplin jene für das Sefammtleben des
Volkes angemeffene und zuträglihe Einfügung und weitere Berarbeitung
der rein wirthfchaftlichen Nefultate übertdiefe, Doch wie für den Einzelnen,
melcher effen fol um zu leben, nicht Leben um zu effen, die Öfonomifche
Partie feines Lebens und Schaffens nur dann vor alles Uebrige fritt, wenn
es fich um die Gefährdung oder Sicherung der feiner Eriftenz geradezu noths
wendigen materiellen Bedingungen handelt, während ihm, fobald oder foweit
ze fich nicht in diefem Zuftande Äußerfier Nöthigung befindet, das Leben und
Schaffen in- der dEonomifhen Öhterwelt nur einen Theil, eine Seite feines
Dafeins und feiner Beftimmung bildet, und für den Sebildeteren immer
zntfchiedener Feinesmwegs die höchfte — ebenfo verhält e8 fichh auch mit dem
wirthfchaftlichen Leben und Schaffen eines. ganzen Volkes, Wo und fo weit
das Sfonomifche Sntereffe fich zu einer Frage über Dafein und Fortdauer
der materiellen Lebensbedingungen eines Volkes geftaltet, ba wird vor der
Entfheidung zu Sunften deffen, was Sfonomifch gut und heilfam ft, jedes
andere Intereffe zurücktreten müffen — wo und fobald das nicht der Sal
ift, wird man auch für die Beftimmung der Nationen und Staaten die
Wahrheit aufrecht zu erhalten haben, daß das wirthfehaftlihe Leben und
Schaffen nur Mittel zum Zweek ift, daß e&amp;amp; dazu dienen fol, fo viel von
ihm abhängt, zur Erreichung der Sefammtaufgabe eines Staates und der
höchften Zwecke des menfchlidh= bürgerlichen Lebens beizutragen. Ieme N:
thigung, der Verfolgung beffimmter SEonomifcher Zwecke alles Andere hints
90*
        <pb n="317" />
        08

anzufeßen, Bann für ein Volk im Ganzen nur unter aufßerordentlidhen Vers
hältnifjen eintreten, im weitab gewöhnlichen Lauf der Dinge wird es. fich
um eine folche Frage nicht handeln. Dagegen Fanız e$ häufiger der Fall
fein, daß irgend ein einzelner Zweig oder Kreis der wirthfchaftlichen Thätig:
feiten unter Umftänden fein Yufkommen oder feinen Fortbeftand in einer
folchen nothrechtlihen Beziehung zu den nothwendigen Bedingungen einer
geficherten Eriftenz des Staates überhaupt erkennen Fäßt. Sedenfalls aber
wird e8 Feines Bewweifes bedürfen, daß fich ‚auch die hier maßgebenden Se:
fichtspunkte außerördentlich verfhieden nach Zeiten und Berhältniffen heraus:
(tellen müffen. Sun Zeiten oder bei Völkern, wo Kriegsverwicklungen drohen
oder an der Tagesordnung find, wird (ih die Rückfichtnahme auf die dEonomifch
 = nothwendigen Bedingungen einer ferbftftändigen Eriftenz‘ des Staates
Äber einen größeren Kreis von wirthfhaftlichen Thätigkeiten erftreden, mit
forglicherer Energie über Alles ausdehnen, al&amp;amp; in den Zeiten eines geficherten
Friedens u. f. mw. Während fo eine beffimmte Verhältnifftelung des SEonoz
mifchen Süterlebens im Kreife der gefammten Lebensthätigkeiten der Bölker
durch Äußere Bedingungen herbeigeführt wird, liegt eine folche überhaupt
freilich auch an fich wie in der Yndividualität einzelner Menfchen, fo auch,
ih möchte fagen, im Naturell der einzelnen Völker und Zeitperioden. Wie
verfchieben ift die Stellung des wirthfhaftlichen Lebenskreifes unter den Übriz
gen, 3. B. in unferer Zeit gegenüber der Zeit der Kreuzzüge, oder bei dem
modernen England gegenüber dem modernen Italien oder Spanien! In
einer Periode ift den Menfchen das religiöfe Yntereffe, das Streben, für das
überirdifhe Heil der Seele zu denken und zu fhaffen, fo in den Vordergrund
gefreten, daß jeglicher anderweitiger Beruf jenem Interefje dienen mußte
oder Kaum eine nothdürftige Beachtung fand. Zu einer anderen Zeit wurde
ein ganzes WolE glei, mandhem einzelnen Mann von einem Alles beherrs
fehenden Drang nach politifhen Rechten und Freiheiten befeelt, oder e$ hat
dann auch einmal das Streben und Schaffen in der SEonomifhen Güter:
welt die Gemüther und die Wucht der Kraftanfirengungen auf fich gelenkt
und diefelben Lebensfreife, in welchen die Vorfahren ihre größten Güter ers
Fannten, treten weit in den Hintergrund. Immer if diefe Berhältnifftellung
der SEonomifchen ThätigkeitsEreife und Zielpunkte unter den übrigen, welche
in den gemeinwefenlidhen Verbänden der Menfehen fich einen Plab zu vers
fchaffen pflegen, ein harakteriftifches Merkmal für Zeiten und Völker, wie
fie e8 ja auch iff für den einzelnen Menfchen zu jeder Zeit, in jedem Volke.
Ohne ein volles Berfländnif über diefen Punkt, befangen vielleicht in den
Sefichtspunkten, die eine beffimmte Zeit gerade beherrfhen, wird man an
vielen Stellen der S£onomifchen SGefchichte der Wölker mit lächelndem Kopf:
[(hütteln vorübergehen und in Lob und Tadel irren und ungerecht werden.
Wenn nun auch ohne Weiteres zugeffanden werden muß, daß Feineswegs in
        <pb n="318" />
        309

der gefchichtlihen Entwicklung irgend eines Wolkes. das wirthfchaftlihe Güter:
leben diefelbe VBerhältnifftelung unter den gefammten Befirebungen des
VBolksiebens bewahrt hat, mithin das empirifche Leben felbft einen Wechfel
erEennen Läßt, in welchem hier diefes und dort jenes Sut des Menfehen- und
MLWölkerlebens emporgehoben und vorangeffellt worden ift, fo wird doch die
MWiffenfchaft unter allen Umftänden nicht bloß nad) Maßgabe des wirklichen
Lebens auch andere Bedingungen und Beftrebungen der Staaten und Böl-Fer
 neben den wirthfchaftlihen überall zugleich in Betracht ziehen müffen,
fondern auch — jenen außergewöhnlichen Falk abgerechnet, in weichem von
dem Erfolge der SFonomifchen Thätigkeiten das gefammte Dafein eines Wolz
Fe abhängig erfcheint — fobald das Eingeftändniß ‚einer MVflichtencokifion
fich nicht zurüchalten läßt, die Erreichung deffen, was fich aus rein wirths
[chaftlichen Gründen alg das öFonomifc Befte herausftellen follte, Feines»
wegs ohne Weiteres dem Bolksleben zum Zielpunkte aufftellen- dürfen. Die
Nationalökonomie, welche eine Wiffenfchaft über und für Volks: und Staats
[eben ift, wird felbft, wenn ein höheres Sut des Volkslebens, als die Erlan:
gung SEonomifcher Bortheile ift, nur durch Verzicht auf die lektere zu erreiz
chen fteht, oder wenn ein wirthfhaftlid Beftes nur durch Schädigung hö:
herer Güter gewonnen werden Fann, fih gegen die Erzielung des dFonomi:
{chen BVortheiles ausfprechen müffen, wenn fie auch immerhin den Lebteren
FHarzuffellen unternimmt und unternehmen muß. Bon diefem Sefichtspunkte
aus müffen denn auch freilich die Fragen der Handelspolitik in einem etwas
veränderten Lichte erfheinen, und iInsbefondere wird auch der Streit zwifchen
dem Freihandelsfyfteme und dem Schußzollfpyfteme einer weiteren Unterfutz
chung zu unterwerfen fein. €$ mird nimmermehr als das höchfte
Intereffe und die ftärkfte Berpflihtung des Staates erfcheiz
nen Eönnen, weder daf er Alles felbft fabricire und (ih ganz
unabhängig vom Auslande made, noch daß er Uiles ja fo
biflig als irgendwie möglich ift, Faufe, gleichviel mit wel:
hen fonfigen Einbußen die Erreichung eines foldhen SEono:
mifchen Zieles möglidhH gemacht werden muß. Wer fieht aber:
nicht fogleich, wie viele Argumentationen auf das eine oder andere Ziel mit
Abfehen von allem Uebrigen von beiden Seiten vorgebracht worden find.
Mit dem Nachweis, daß z. B. die Summe der alljährlich von einem Volke
producirten SEonomifchen Taufchwerthe unter der Herrfchaft des Freihandels:
foftemes oder bei einem ausgiebigen Schußzollfpfteme größer fet, ft, wie
erheblich und entfcheidend er an fi und innerhalb der rein Skonomifchen
Debatte ift, doch fo wenig über das von der nationaldFonomifchen Theorie
ohne Weiteres zu empfehlende hHandelspolitifche Syftem entfchieden, als die
politifche Dekonomie zur Grundlage ihrer Schlußfolgerungen das Sefammt:
gigenthum nehmen dürfte, mwmenn e&amp;amp; den Seanern des Vrivateigenthums
        <pb n="319" />
        310

gelingen Eönnte, eine größere SEonomifche Production in einer communiffifchen
Wirthfchaft in fichere Ausficht zu fielen. Wir Fonnten deshalb bereits herz
vorheben, forwohl daß die Nationalökonomie Kherhaupt ihr dEonomifches Nais
fonnement in Mapport feßt mit der Nückfihtnahme auf andere Güter des
individuellen und bürßerlichen Lebens, als auch daß jene beiden Parteien
über die Handelspolitik in der Gegenwart auf der einen Seite an die Bes
ffimmung der Individuen zur Freiheit des Handelns, auf der anderen an die
für die ftaatlichen Semeinwefen nothtwendigen Bedingungen einer auf fich
fetbft geftellten Sriftenz appellicen. Man wird um fo weniger geneigt fein,
fofern beide Güter fich in einem Gegenfaß befinden follten, das eine wegen
des anderen unbedingt und in jeder Größe aufzugeben, wenn man durch die
gefammte Erfahrung den Beweis beigebracht findet, daß Feines diefer beiden
BSüter in vollftändig durchgeführter Weife irgendwo vorhanden gewefen if,
noch fein Fann. Es ift nirgends wahrzunehmen, daß ein Staat, fobald er
inmal in Berührung mit anderen gekommen ift, fi wieder wirth{haftlich
— und, das heißt in der nothmwendigen Folgerung: in Ahem — durchaus
zu ifoliren, fi abfolut unabhängig zu ffellen vermag, und eben fo wenig,
daß in einem wirklichen Semeinmefen an irgend einer Stelle eine ganz
unbedingte Freiheit des einzelnen Individuums beftanden habe. Da nun
eine völlige Sfolirung der Völker von einander für eine Lingere Dauer über:
Haupt nicht möglich if. und ein foldher Zuftand auch geradezu der höheren
Beftimmung aller einzelnen Völker. zu einander und zur Entwiklung der
menfchheitlichen SGefchichte widerfpricht, fo liegt in der wirthfchaftlihen Unab:
hängigEeit eines Volkes von anderen an fich weder ein wirthfchaftlicher, noch
ein politifcher Werth; der Werth diefes Zuftandes befteht nur darin, daß er
gegen die gemwaltfame Gefährdung der politifchen Eriftenz fchüst, er ift ein
Sut, weil er der Segenfaß eines Uebels in Zeiten des Krieges ift, und er ift
auch nur foweit und in fofern ein Sut als er diefes thut. Würde die ÖEonomifche
 SelbftftändigFeit eines Landes ohne Folgen für die politifhe Fort:
dauer des Staates in einem etwaigen Kriege mit einem zweiten fein, oder
märe ein Zuftand eines fortdauernden Friedens, natürlich gegen jegliche
Art von Kriegführung, feft verblirgt, fo würde eine foldje SEonomifche
UnabhängigFeit für ein Volk ohne alle Bedeutung fein. Nimmt man nun
noch hinzu, daß ein jedes Land, welches überhaupt in einem Taufchverkehr mit
anderen zu ftehen vermag, an feinen SEonomifchen Kräften und Werthen
jedenfalls ein gewiffes Segengewicht gegen dasjenige in die Wagfchale zu
fegen hat, vor deffen Beherrfhung man fich fhüßen will, fo wird man nicht
umbin Bönnen, innerhalb diefes Raifonnements den Werth der Schußmaf:
regeln einer einheimifchen Induftrie gegen das AUusland auf foldhe Theile der
Sfonomifhen Thätigkeiten und auf eine folche Stärke zu befhränken, daß
unter allen Umftänden für den Fall der Friedensftörungen die yolitifche
        <pb n="320" />
        311

Erxiftenz des Staates nicht durch die im friedlichen Verkehr vorhandene Ubs
hHängigfeit vom Auslande geradezu gefährdet ft, wie denn auch umgekehrt
die Völker theils durch einen natürlichen Inftinct, theils durch die zwingende
Macht der Ereigniffe bei ausgebrochenem oder drohendem Krieg zU Prohibis
tiong= und Schubßmaßregeln gegen die Fortdauer der SEonomifchen Abhänz
gigEeit vom Austande geführt worden find. AYuch in diefem Punkte hat
Adam Smith, der doch fonft fo entfchieden der freien Thätigkeit der Ins
dividıren- das Wort geredet, dem Srundfage nach das Rechte getroffen. » Wenn
irgend ein einzelnes Gemerbsproduct,« fagt er 1), »wirklid) Nothwendig fei zur
Berthetdigung der Sefellfchaft, dann Eönne e$ nicht immer Hug fein, in
der Gewinnung derfelben von den Nachbarn abhängig zu fein, und wenn
eine folche Waare nicht in anderer Weife im Inlande hervorzubringen wäre,
fo Fönne e8 nur vernünftig erfheinen, wenn zu ihrer Unterffüßung alle Kbris
gen Induftriegweige befteuert würden; nach diefem Srundfaße Eönne wohl
die Prämie auf die Ausfuhr des in Britannien verfertigten Segeltuches und
Schiefpulvers gerechtfertigt werden.« Man fieht aus diefer Stelle ganz deutz
lich, daß Adam Smith fich durch feine Vertheidigung des freien Waltens
der SEonomifchen PrivatthätigFeiten und durch feinen Srundfaß, man müffe
immer Alles möglichft billig zu. Eaufen fuchen, fich nicht dazu hat hinreigen
Laffen, feine wirthfchaftlihen Pofkulate überall allein im Auge zu behalten,
fie immer al8 die hHöchften Gebote hinzuftellen: er erkennt die Möglichkeit
und Wirklichkeit einer Collifion der Pflichten in dem faatlichen Leben an
und läßt das Öfonomifch - Wortheilhafte zurücktreten vor dem politifch Nothmenbigen,
 d. bh. vor dem für das Staatsleben vom allgemeinen Standpunkte
der Beurtheilung aus als vortheilhafter Erfheinenden. Sanz um diefelbe
RoaiE handelt eS (ich bei feinem Urtheil 2) ber den SEonomifchen Nachtheil

Inquiry IV, 5: »If any particular manufacture was necessary, indeed,
for the defence of society, it might not always be prudent to depend
upon our neighbours for the supply; and if such manufacture could not
otherwise be supported at home, it might not be unreasonable that
all the other branches of industry should be taxed in order
 to support it, The bounties upon the exportation of. Britishmade
 sall - cloth and British - made gunpowder, may, perhaps. hath he
vindicated upon this principle.«
IV, 2: »It is not impossible, that some of the regulations of this famous
act may have proceeded from national animosity. — — National animosity
 at that particular time aimed at the very same object which the
most deliberated wisdom would have recommended, ihe diminution of
the naval power of Holland, the only naval power, which could endanger
 the security of England. The act of navigation is not favourable
 to foreign commerce or to the growth of that opulence
which can arise fram it. — — As defence howewer is of much
        <pb n="321" />
        312

und den politifchen Wortheil, bei feinem Lobe der englifchen Navigationsacte ;
er ffellt dem mirthfichaftlichen Maifonnement, daß die NMavigationsacte dem
ausmärtigen Handel oder dem Wachsthum des Neichthums, der aus ihm
gewonnen werde, nicht günftig fei, die Rücfihenahme auf das höhere po:
litifche Gut der gefiherten Landesvertheidigung gegenüber, und deshalb müffe
die Acte gerade auch als die »weifefte aller Handelsverordnungen« Eng:
[ands erfcheinen. E88 ift ganz offenbar, daß gerade auch nad) der Schlußs
folgerung Smith’s nicht die befondere Auswahl jener Semwerbsmaaren das
Entfcheidende und Bleibende if, fondern der Grund, welcher zu ihnen hinz
führt. Für andere Länder, deren Sicherheit nicht auf einer Seemacht beruht,
wird die Fabrikation von Segeltuch in Feiner Weife die Bedeutung haben
wie für England, und ebendeshalb Fann bei ihnen dann auch nicht von einem
Schuße derfelben nach den Sründen von Adam Smith die RNMede fein;
dagegen Fann eine andere Setverbsmaare diefe Bedeutung haben. Weiterhin
fieht man wohl alsbald ein, daß derfelde Srund, aus weichem Smith einen
Schuß für -die englifche Fabrikation des Schießpulvers als ganz vernünftig
anfieht, ohne Zweifel auch auf die Fabrikation des Cifens angewendet
werden Kann. Dennoch tritt meiner Meinung nach hierbei ein wefentlicher
Unterfchied ein, welcher die unmittelbare Uebertragung jener Schluffolgerung
nicht zuläßt. Denn offenbar findet der Hauptverbrauch des Schiefpulvers
durch das zur Landesvertheidigung beftimmte Heer fatt; diefem Verbrauch
gegenüber Fann jeder andere als untergeordnet erfcheinen, und darin beruht
alfo auch der Hauptfächlichfte Zweck der Production des Pulvers. Wie fehr
verfchieden verhält es fich aber mit dem Sifen, deffen hauptfächlicher Pros
ductionszwec und Verbrauch vielmehr in den taufend und abertaufend Er:
werbsztueigen und Arbeitsbefchäftigungen der friedlichen Induftrie in ihrem
ganzen Umfange zu fuchen ift, fo daß die entfhiedene Mlıcfichtnahme auf
den Bedarf des Staates in den außergewöhnlidhen Zuftänden des
Krieges auf die Berhältniffe aller Induftkriezweige in den gewöhnlichen
Zuftänden des Friedens von. einem außerordentlich weithin fich.erffreckenden
Einfluß fein muß. Bei diefer Sachlage wird zuzugeftehen fein, daß die
Cifenproduction in einem überhaupt für fie befähigten Lande zu denjenigen
Sndufkriezweigen gehörte, von weichen fehon oben bemerkt wurde, daß fie
unter gewiffen Bedingungen und Eventualitäten von einem anderen Stand:
punkte aus zu beurtheilen find, als in der gewöhnlichen Lage der Dinge
und unter Umftänden, welche überall die NMegel fein mögen.
Die Sfonomifche Politik, welche einen Schuß für die Production des
Ynlandes gegen die Mitwerbung des Uusiandes befürwortet, Kann auch noch

more importance than opulence, the act of navigation is perhaps
 the wisest of all the commercial regulations of England.«
        <pb n="322" />
        313°

zin zweites — nicht SEonomifches — Sut als das Ergebnif ihres wirthfhaftlichen
 Syftemes aufftellen, den Werth, den Segen, welcher überhaupt
im der Arbeit als folcher, In der allfeitigen Ausbildung der nicht auf beftimmte
einzelne Productionszweige zU befhränfenden ArbeitsFräfte beruht, In der
That muß diefes Motiv von dem allgemeinen Standpunkte in der Beurthetz
(ung der Entwicklung des Bolksiedens aus als begründet genug erfcheinen,
[ofern e6 fich in einem Staate noch darum handelt, etwa überhaupt erft den
Uebergang zu bewerkftelligen von den auf die Nohproduction befchränkten
Befchäftigungen zu einer Einführung anderweitiger wirth{haftlicher Thätig-Beiten.
 ft aber diefer Uebergang überhaupt einmal bewerEftelligt und für
die Dauer begründet — was doch z. B. für die Zuftände der modernen cul
Ävirteren Völker gar nicht zu leugnen {ft -—, fo ann e8 fich nicht mehr um
den Segenfaß von Etwas und Nichts Handeln, fondern e$ handelt fich dann
nur um eine Wahl bevorzugter einzelner Arbeitsfreife unter der im: Allges
meinen vorhandenen Sefammtmafje der induftriellen Befchäftigungen ; wir
fagten 08 fehon, hicht blog um Opfer von Taufchwerthen handelt &amp;amp;8 fich
bei den durch den Staatsfchwg erftarfenden Snduftrieztweigen, jondern auch
um ein Zufgeben anderer Arbeitsbefchäftigungen, {ei 68 iM größeren Sanzen,
fei 28 nur in Theilen von folchen. Deshalb. muß der Segen, welcher‘ if
der snatioralen Arbeife überhaupt oder fpeciell in der nationalen Arbeit der
STabrikation in der That beruht, nicht überhaupt erft erobert oder im Allges
meinen aufgegeben werden, fondern er ffellt fih nur an einer anderen Stelle
bei der Einführung von Schukmaßregeln ein. Da bei einer wirthfhaftlihen
Entwicklung, in welcher die einheimifche Production Überhaupt fih felbft
überlaffen ift, fidh auch eine beftimmte Bertheilung der ArbeitsEräfte und
damit immer eine beftlimmte Art herausftellt, in welcher die »nationalen Urs
HeitgEräfte« zu jener fegensvollen Anwendung gelangen, fo wird gewöhnlich
jene Forderung, e&amp;amp; möge der Werth, welcher in der Berwendung und An:
firengung der nationalen Arbeit beruhe, durch einen Schuß der einheimifchen
gewerblihen Production in Erfüllung gebracht werden, nur dann erhoben,
wenn bereits durch einen zeitweiligen Schuß der einheimifchen Fabrikation
die nationalen Arbeitsfräfte in einem ftärkeren Umfange in diefer Fabrikation
zur Bertwendung gelangt find, als e&amp;amp; ohne jenen Schuß der Fall qewefen
wäre und bei feinem Wegfallen verbleiben würde.
Den erwähnten, nicht Stonomifchen Werthen für das Bolkslehen, welche
das Schubfnftem zur Befürtwortung feiner Sfonomifhen Forderungen aufzuts
fellen ‚vermag, hält das Freihandels(pftem mit Recht vor allem Uebrigen die
unter der Herefehaft feiner Principien gewahrte Freiheit der individuellen
ThätigFeiten entgegen; Unmittelbar fühlt man die Bedeutung diefes Gutes,
au) wenn man ihm die entgegengefebten Werthe gegenüberftellt. Mag
auch der Seagenfak der modernen Semeinwefen zu den antiken nicht ganz
        <pb n="323" />
        314
der Urt fein, daß in der Idee deraltelaflifchen Völker das Individuum um
des Staates willen exiftirt, nach den Begriffen der germanifhen und tomas
nifchen Völker der neueren Zeit dagegen der Staat um der individuellen
Lebenszwecke willen vorhanden ift, fo wird doch mit Mecht darauf gebaut
werden Fönnen, daß dem Momanen und Germanen der Neuzeit in der Negel
diejenigen Güter des nationalen und politifchen Völkerlebens nicht bloß als
werthlos, fondern auch als feiner Lebensanfchanung. feindlich erfcheinen, welche
nur mit einer Vernichtung der individuellen Freiheit. zu erkaufen fkehen.
Diefes Sefühl ft (Oo fehr das Ergebnif unferer gefhichtlidhen Entwieklung,
mie der Stammesanlage diefer Völker, daß es in dem modernen Menfchen
faft inftinctio waltet, wenn er aud) längft von dem träumerifchen Aberglaus
ben an die Möglichkeit und die Heilfamkeit einer unbegrenzten individuellen
Freiheit zurücgekommen ift, ‚und einen Unterfchied zwifchen der fogenannten
»fraatsbürgerlichen« Freiheit und der freien Bewegung im privaten Leben
hat Fennen lernen -müffen. Daneben läßt fich dann weiter auf der Stelle
einfehen , wie jede Mafregel, mit welcher der Staat eine Sarantie für feine
SelbftftändigFeit und Unabhängigkeit durch Anwendung von Schußmafregeln
für beftimmte Zweige der einheimifchen Production zu gewinnen fucht, zu:
gleich wirth{haftlihe Bortheile für die einen Kreife von
Xndividuen, und innerhalb der nur fheilweife gewählten Erwerbs:
zweige herbeiführt, für andere dagegen wirthfhaftliche
Nachtheile, fo daß der Staat auf diefem Wege jedes Gut für
dagSanzenicht durch allgemeine Opfer, fondern durch Opfer
aufbder einen Seite, und durch Begünfigungen auf der an:
deren zuwege bringt. Dazu fommt nun ferner, daß doch ficherlich
ber civilifirte Staat auf den Frieden geftellt ift, für ihn in dem Friedenszuz
ftand die Verwirklichung feiner Aufgabe fih anbahnt; daß er den Krieg
nur als eine Ausnahme von dem gewöhnlichen und ordnungsmäßigen Zıtz
ftande der Dinge anfehen Fann, und daß jeder Staat ficher fein kann, wie
weithin auch in nebelhaftefte Ferne fi die Träume über einen ewigen Weltfeieden
 verlieren müffen, doch die Entwicklung aller Bildungselemente in dem
politifchen und fittlich = religiöfen Leben offenbar eine folche Michtung, einen
folchen Inhalt hat, daß der Krieg immer entfchiedener nur als die Nothwebhr
der Vernunft gegen die Unvernunft, des Rechtes gegen die Willkür, der UnabhängigFeit
 gegen die Unterdrückung erfcheinen wird, immermehr der Völker:
frieden als die allgemeine Regel des hlirgerlichen Dafeins anerkannt werden
wird. Auf den Ausnahmezuftand des ftaatlichen Dafeins alfo if jede Schuß:
maßregel für die SEonomifche Unabhängigkeit des Ynlandes geftellt; fchon
deshalb wird fie nicht als das Negelmäßige, fondern als eine gegen die Megel
zu begründende Ausnahme erfcheinen dürfen. Dazu Fommt aber noch ein
Weiteres. Sewiß Eönnen die gefchichtlichen Hinweife auf frkbhe Stufen der
        <pb n="324" />
        315

Bölkerentwickiung , auf weichen unleugbar die allgemeine Staatsgerwalt {ich
fo viel weniger um Vieles hekümmerte, fo vielmehr der Thätigkeit der einz
zelnen Glieder des Bolkes freien Spielraum ließ, für unfere Entwicklungs:
(tufe Beinen Beweis des Nichtigen und Empfe“lenswerthen abgeben; jede Zeit
hat eben ihre befonderen VWerhältniffe, und je weiter die Cultur vorfchreitet,
in immer mehr ErfcheinungsEreifen fich entfaltet, immer enger alle in ein:
ander und mit einander verbindet, um fo mehr muß auch der ThätigEeitsEreis
der Staatsgewwalt fich ausdehnen, ihre Fürforge fich ausdehnen, müffen ihre
Zwecke fi mehren. Aber diefes Schaffen der Staatsgerwalt hat nicht feinen
Zweck in fich felbft, fondern in feinen Wirkungen, die Staatsgewalt foll nicht
arbeiten um zu arbeiten, fondern um das Gemeinwohl zu fördern, nicht
arbeiten ffatt des Einzelnen, fondern zum Nußgen der Arbeit aller Cinzelnen.
Auf diefes freie Schaffen der Sfonomifchen YPrivatthätigFeiten, zu welchem
Äberall in den Culturftanten der neueren Zeit die gefunden und arbeitstüch:
tigen Glieder der Gemeintvefen ein natürlicher Drang zieht, wird deshalb
immer die moderne Handelspolitik Ihre Richtung nehmen .müffen, und felbft,
wo die Stantsgetwalt Uebergänge in der Productiongart der wirthfhaftlichen
Thätigkeiten zu unterffüßen fucht, wo fie, wie Man gefagt hat, neue pros
ductive Kräfte und Kreife mit der Kunft der Erziehung heranzubilden unters
nimmt, wied fie fich eben der interimiftifchen Aufgabe der Erziehungskunft
bewußt bleiben müffen, der Aufgabe, auf einen Zeitpunkt hinzuarbeiten, in
welchem fie ihre Ztvecke als erreicht, ihre Uufgabe für erledigt erkennt, Das
gegen Eanız auch die befigeleitete, mit den früärkften Mitteln ausgerüftete
Staatsgewalt der auf fich felbft geffellten Skonomifchen Kraftanffrengungen
der Bürger zu Feiner Zeit entbehren, oder auch nur diefelden in einem irgend
wie erheblichen Grade minderbebeutend machen. Diefe auf fich felbft geftell:
ten Kraftanfirengungen wachfen und gedeihen am beffen in freier Luft, wenn
fie fich für ihre Erfolge felbft verantwortlich find und ihrer Erfolge auch fich
gefichert bemeiftern Eönnen. Wer fich [elbft für die Erfolge feiner Öfonomifchen
 Thätigkeit in der Gegenwart‘ verantwortlich machen Fann und muß,
ber muß auch fich feine und der Seinigen Zukunft vor Augen führen,
und mie fehr man den »hifforifchen Sinn« fhägen und werth hakten mad,
der ung mit der Vergangenheit verbindet, Überall follte man den Sinn des
Bürgers für die Zukunft des privaten Lebensfreifes, wie des Gemeinwefens
als eine fichere Bürgfchaft für die gefunde Entwicklung des Staates will-Eommen
 heißen. Von Feiner Seite her aber wird es in Ubrede geftellt, daß
durch die von der Staatsgewalt ausgehenden Schusmaßregeln für einzelne
Zweige des SEonomifchen ThütigFeitsFreifes in die Entwielung und Betoähs
rung der freien Kraftanfirengungen leitend und hemmend eingegriffen wich.
. Dazu muß man noch die nicht zu keugnende, allgemein culturge[dhicht:
liche Bedeutung des Freien, oder fagen wir lieber, des foviel als möglich
        <pb n="325" />
        316

freien Sfonomifchen Verkehrs der Völker unter einander hinzunehmen, Der
SEonomifche Verkehr der Wölker unter einander, der Uustaufchverkehr durch
den Handel, enthält weitab den ftärkften Neiz, die feftefte Brücke, die fketigfle
Selegenheit zum Verkehr überhaupt, und jede Maßregel zur Herbeiführung
der SFonomifchen Selbfiffändigkeit und Selbfigenügfamkeit der einzelnen
Ränder mindert diefen Verkehr. Kedes Bolt hat auch einen menfchheitlichen
Beruf zu erfüllen, einen Beruf als ein in das Ganze eingewobenes Ketten:
glied, ja diefer Beruf muß von einem allgemein gefchichtlichen Standpunkte
aus als der höchfte Beruf der Völker in der Hand der Vorfehung erfcheinen.
Diefen Beruf erfüllt ein BWolk für andere Völker, wie für fich felbft dadurch,
daß. es Wirkungen nach außen hin austheilt, von außen her empfängt.
Den Handelsverkehr nach außen hin hemmen, Heißt diefe Wirkungen und
RNückwirkungen hemmen und mindern. Fe mehr man fi der SEonomifchen
Selbftftändigkeit und ÜWbgefchloffenheit nähert, um fo mehr tritt man aus
der menfhbheitliden Beftimmung heraus, durch Seben und Nehmen mit
den übrigen heilen des Ganzen fich fortzuberwegen, gleichtwie der politifche
Friede immer unficherer wird, je mehr man den Zufiand des gewaffne:
ten Friedens hHerbeiführt; ja was ft jene Sfonomifche Selbftftändigkeit ihrem
Zwecke und Wefen nach anders, als der gerwaffnete, der Friegsbereite und
Friegstüchtige Friede? Der eine wie der andere möchte Feinen in ihm felber
ruhenden Zweck erfüllen follen.
Blicken wir auf das Sanze diefer Lebteren Erörterung einer öEonomiz
fchen Frage mit nicht Eonomifchen, aber für das Leben der Völker nicht zu
umgehenden Beftimmungsgründen zurück, fo werden wir den freilich als
NMefultat nicht neuen‘ Endfchluß hervortreten fehen, daß der Streit über
die beiden erwähnten Syfteme der Handelspolitik , welcher weder hinfichtlich
des Sanzen, nod) hinfichtlich einzelner Kreife der S£onomifch producirenden
Thätigkeiten, weder in Beziehung auf alle Entwickungsfiufen der Volks
wirthfchaft, noch in Beziehung auf alle Länder und Situationen durch allge:
mein giltige Säße zu entfcheiden if, unter den für die gegentvärtige Stufe
der Sfonomifchen Entwicklung bei den modernen Culturvölkern  maßgebenden
Bedingungen im Allgemeinen dahin zu Iöfen fein wird, daf das freie Schafe
fen und Walten der Privatthätigkeiten in dem Berkehr mit dem Austande
als das Sefunde und als die Regel anzufehen, die Begründung der Aus:
nahme und Ausnahmen aber auch-von der Theorie al8 dem Sachverhältnif
nach berechtigt anzuerfennen wäre. Damit mürde dann unfere frühere Er.
Srterung vom Gebiete SEonomifcher Gründe her in Verbindung zu feßen fein.
Stets jedoch wird die Anficht fern zu halten fein, als ob eS zwar im:
merhin al8 gut und erfreulich erfheinen Eönne, wenn ein auf nicht SEono:
mifche Güter des Volks- und Staatslebens zunächft gegründetes NRaifonnes
ment mit einer nur auf Dekonomifches geftellten Beweisführung in dem
        <pb n="326" />
        317

fehließlichen NRefultate übereinftimme, daß jedoch von einem foldhen Zufamte
menflange in Feiner irgenbwie entfcheidenden Weife das lebte Wort der naz
tionalökonomifchen Theorie abhängig zu machen fei., Dap man mit einer
folchen Anficht fich wegen der Natur der Sfonomifchen Thatfache felbff, und
weil felbft der wirthfchaftlich thätige Menfch durchaus nicht aus bloß wirth:
[haftlichen Motiven und auf bloß wirthfhaftliche Zielpunkte hin thätig wird,
in Zäufhungen bewege, Haben wir fehon hervorgehoben. Alles wirthfchaft:
tiche Leben eines Volkes ift fo eng mit den übrigen Lebensäußerungen deffelz
ben verbunden, daß man jenes bei gefonderter Betrachtung. nur ‚wenn man
den Zufammenhang mit dem Sanzen im Auge behält, -in der Wahrheit der
empirifhen Wirklichkeit zu erfaffen vermag, fowie man auch über die zu:
Fünftige Entwicklung der Bolkswirthfhaft nur von dem Boden der Ge:
fammtentrwoicklung des Bolkslebens aus eine Divination aufftellen Fann,
denn nur mit dem Sefammtfortfchritt fehreitet auch das SEonomifche Leben
und Weben der Bölker weiter. Würde fich die Nationalökonomie auf die
Darlegung von Sefeken der realen Welt befhränken, oder dazu nur noch fo
zu fagen eine allgemein tirthfchaftlihe Betriebstehre zu gewinnen fuchen, [0
müßte fie auf den Namen und Charakter einer Boltswirthfchaftslehre vers
zichten und einer neuen verfelbfiftändigten Disciplin den Plab ihrer Ans
fprüche eintäumen. Will fie aber wirklich Thatfachen des Bolks- und
Staatslebens zur Grundlage ‚ihrer Beobachtungen und Beweisführung
nehmen, Probleme des Volks: und Staatslebens [öfen, fo Bann fie ihr Ges
biet und ihre Aufgabe nicht herausfeciren aus dem. Volksorganismus, fon
dern muß beides als ein kebendiges Glied in einem Sefammtleben begreifen.
Steichwie nun ein einzelnes Slied an jedem lebendigen Organismus zwar
eine befondere und eigenthlimliche Thätigkeit und Kraftentwicklung zeigen
ann, diefe aber nur dazır dient, die Lebenszwecke des Ganzen zu ftügen und
zu fördern, fo Eönnen auch die Disciplinen, welche einzelne LebensthätigFeiten
der Völker und Staaten einer befonderen Betrachtung unterwerfen, die
Functionen diefer einzelnen Kreife doch nur zur Förderung und Stügung
des Bolks = und Staatslebens in feiner Gefammtheit mit feinen allgemeins
ften Zwecken und Aufgaben zu beftimmen fuchen. Auch das wirth[haftliche
Schaffen der Bölker if ein folches einzelne Glied und fteht in einem folchen
Zufammenhange zu dem Leben im Sanzen. Weil die Nationalökonomie
diefen Zufammenhang zu berückfichtigen, dur den Theil an der Aufgabe
des Ganzen, welche eine fittlich = politifche ift, mitzuwirken hat, fo if fie bes
rufen, fich der Neihe der moralifhen und politifhen Wifjenfchafs
ten zuzugefellen; erft damit vollzieht fie den Unjhluß an bas wirkliche Leben,
weil in der That auch der einzelne Menfch und ganze Bölker und Staaten
durch die Sfonomifche Thatigleit, durch wirthfehaftliches Schaffen und mwirths
[chaftliche Erfolae Zwecke ihres Sefammtlebens in Erfühung zu bringen
        <pb n="327" />
        318

fuchen, und dadurch das SFonomifche Schaffen zu npolitifhem und fittlidhem
Thun erheben. Schon öfter hat man, wie bereits felher erwähnt, in der
neueren Zeit die Nationalökonomie in‘ einem bekannten Segenfaße zu einer
älteren Auffaffung Eurztveg eine »ethifche« Wiffenfchaft genannt. So nach
dem Borgange Rofcher’s €. Baumftark, Schüb, Hildedbrandu. U.
— Rofcher fußt hier namentlich darauf, daß »die Staatswirth(chafts:
lehre e8 nicht wie die Cameralwiffenfchaften mit den Sachgütern felbft, fon:
dern mit den Menfhen zu thun hat, welche dadurch berührt merden« ;
baß es bei ihr darauf ankommt, »Menfhen zu beurtheilen, Menfchen zu
beherrfchen« u. f. mw., mit einem Worte, er erkennt eine ethifche Wiffenfchaft
wegen des Zufammenhanges der mwirthfchaftlidhen Erfcheinungsfreife mit dem
allgemein menfehlichen und politifihen Leben. Schlß hat den bekannten
Yuffat über das fittliche. Princip in der Vollswirthfchaft gefchrieben, in
welchem er der Wiffenfhaft die Aufgabe vindieirt, in ihren dFonomifchen
Argumentationen die Forderungen der individuellen und politifchen Sittlich:
‚ Beit nicht nur nicht zu verleken, fondern auch zu fördern. Inu der That,
man wird den AUnfpruch, daß die Nationaldfonomie eine ethifhe Wiffenfchaft
fei, nicht dahin auszumitteln haben, weder daß die Mationalbkonomie es
nicht auch mit den NMaturgefeken, welche in den Erfeheinungen der realen
Melt herrfchen, zu thun habe, noch daß die Feftftellung eben diefer Lekteren
etwa an fich eine ethifche Aufgabe fet. BVBielmehr wird e$ darauf hinaus:
Fommen, daß die NMatiohalökonomie, weil e8 fich für fie doch zulebt immer
um menfchliche und ftaatliche Verhältniffe handelt, Feine Grundlagen acceps
tive, Feine Beweisführung anerkenne, Feine Zielpunkte aufftelle, durch welche
die fittlichen und politifchen Aufgaben des Menfchen= und Bölkerlebens gez
[(hädigt werden; daß fie das SEonomifche Sebiet im Zufammenhange mit
dem Ganzen erfalfe, daß fie es als einen Theil des Sanzen erfaffe, welcher
nicht einen auf fich felbft geftellten Zweck hat, fondern dazu dienen foll, die
bhöchften Aufgaben des Menfchen und der Wölker, foviel an ihm liegt, zu
Fördern. E88 ift diefe Betrachtung des wirthfhaftlidhen Lebens und
Thung- der Völker im Grunde genommen Feine neue, fondern mehr das Er.
gebniß einer Befruchtung der modernen Wiffenfchaft durch altelaffifhe AUnz
fhauungen. Wenigftens if es allgemein bekannt, daß griechifhen Theores
tifern der Werth des Meichthums nur durch die Anwendung beffimmt wurde,
welche derfelbe fand. Die Beziehungen, in welche die Phyfiokraten ihre
SFonomifchen Lehren mit der Tugend und Überhaupt mit den fittlichen und
politifchen Gütern des Lebens febten, erinnert wieder an diefe Uuffaffung.
Im Ganzen aber waren die Fheovetifchen Auffaffungen der erften Jahrhuns
derte in der neueren Zeit einer Durchdringung des politifchen Lebens in jeder
BSeftalt mit ethifhen Elementen nichtsmweniger als günftig. Machiavelli,
deffen Logit in faft allen nächftfolgenden fAaatswiffen[chaftlidhen Theoretikern
        <pb n="328" />
        319

noch pulfirt, warf die Ethik aus der Politik Heraus, die neue MNbilofophie
(Spinoza) warf zum Ueberfluß die Ethit aus der EthiE felbft heraus, indem
ihr diefelbe zu einer Mbyfik wurde; was Madhiavelli mit der Politik ger
than hatte, das gefhabh durch Adam Smith mit der Nationalökonomie.
Der Auffchwung der fittlihen und nationalen Principien, welcher feitdem
eingetreten ift, hat feine Wirkung erft naiv auch auf dem volEswirthfchaftlis
chen Gebiet geltend gemacht — denn was ift die Beachtung und Bearbetz
tung der »beften« BVertheilung des Nationalreichthums ftatt einer bloßen
Mückficht auf das »größte« Maß deffelben anders, als die Aufnahme einer
fittlich -politifchen Grundanfhanuung in die Wiffenfhaft der Sfonomifchen
Naturgefege? - - Dann hat fi auch dem Fritifchen Berwußtfein die Befries
digung fittliher und politifcher Güter, durch die SEonomifchen LebensEreife
al8 eine in den Culturaufgaben der Segenwart natürlich begründete Forder
vung dargeftellt. Denn »der allgemeine Bildungsgang des menfhlichen
Sefchlechtes ift allerdings diefer, daß das geiftige, mithin auch das ethifhe
Princip fih immer aus dem feißlichen und natürlichen erhebt, und fowwie vor
dem Urfprung der Staaten alles Recht noch in den Naturgefeben der menfdhlichen
 Sefelfchaft verborgen lag, fo treibt die Entwicklung des Staates im:
mermebhr dahin, daß umgekehrt die Natur dem ethifhen Princip und der
Freiheit unterthan merde« 1), SE ift ganz offenbar, daß die Löfungen der
Nationaldkonomie, welche fich die fittlidh= politifchen Grundlagen und Aufgaben
 des Staats= und Völkerlebens gegenwärtig hält, in die ftärkfien Contrafte
 mit den Löfungen der Nationalöfonomie Fommen Fönnen, welche fich
nur an die quantitativen Bedingungen der wirthfhaftlichen Sachgüter hält.
Die erftere wird fkets die Sröße der Production den fittlich zu rechtfertigen:
den Mitteln der Erzeugung unterordnen; fie wird — um ein derbes Bei:
fpiel herauszugreifen — wenn e$ auch immerhin‘ mathematifc nachweisbar
wäre, daß die Sclavenarbeit eine ffärkere Production Herbeiführe als die freie,
die Auftechthaltung der Sclaverei deshalb aus ihrem Calcul ausftoßen, weil
die Verlegung der Menfchenrolrde durch Fein SEonomifches Nefultat vergütet
wird. Sie wird von der Anftrebung eines hHöchffen fummarifchen Maßes
des Nationalreihthumes abmahnen, mwmenn e$ zwar erreichbar, aber nur fo
erreichbar if, daß es den fittlich = politiichen Werth einer. guten Bertheilung
bedrohlich verkämmert; fie Fann auch nicht den Cigennußs, den Privategoismus
 zur Grundlage ihrer Vorausfeßungen und Schluffolgerungen machen,
nicht etwa bloß, weil fie mit der Annahme diefer »bleibenden« Grundlage
den gefchichtlichen Sortfchritt der Sittlichkeit leugnet, fondern weil fie entweder
 unklar in ihren Annahmen, inconfeauent in ihren Lehren, halb in
ihren Bemweifen verbleiben muß, oder zum bdirecten oder indivecten Anariff

5» Hufdke, über das Liciniiche SGefes, S. 104.
        <pb n="329" />
        320

auf den allgemein: fittlichen Lebensgrund in der menfchliden Natur, zur
Lockerung und Löfung des für pelitifche Gemeinwefen unentbehrlichen Kittes
der Einzelnglieder unter einander vorfchreiten muß 1).. Sie erfaßt die Ins
(titution des Vrivateigenthums nicht nur als eine OEonomifche Form und
Kraft, fondern auch alg eine Grundlage für die fittlihe That und die Yufs
rechthaltung der allgemeinen Cultur. Sie felbft zieht die Schlußfolge, daß
in einem Conflicte die politifche Selbfiftändigkeit des Staates höher ftehe
alg der SEonomifche Bortheil des, billigften Einkaufes; fie verthetdigt die
Freiheit der SEonomifdhen Privatthätigkeiten, weil die Freiheit des eigenen
Schaffens auch in’ der SEonomifhen Sphäre die Mutter der Tugenden iff
— Furz fie (Äßt die maßgebenden Sefichtspunkte für das allgemeine fittliche
und politifcher Leben der Menfehen und Völker auch für das SEonomifche
Raifonnement von maßgebendem Einfluß fein und iftk bereit, bei einer Collis
fion zwifchen dem Sfonomifch VBortheilhafteren und dem für das allgemeine
Leben aus fittlich = politifchen Gründen Befferen das Erftere dem Legteren
unterzuordnen. Denn immer handelt e&amp;amp; fich ja um den Menfchen und um
ben Staat, als um ein in fih Sanzes, das in feinen einzelnen Theilen wohl
hefondere und befonders zu beobachtende Functionen, nicht aber ein ganz felbftz
ftändiges, in fich abzufchließendes Leben wahrnehmen läßt, und in dem jeder
Theil nur ein Mittel zum Zweck des Sanzen ift. Für die Nationalskonomie,
 twelche fich auf den Standpunkt der hiftorifchen Methode ftellt, ft die
Erhebung der politifchen Dekonomie zu einer moralifch -politifchen Wiffen:
fchaft eine Sache der einfachen Nothwendigkeit; denn das pfochologifche Stuz
dium des Menfehen, die gefhichtlihe Erforfchung des Völkerlebens , führt
{ie unmittelbar zu der Anerkennung, daß alles wirthfchaftliche Leben und

}

Mielleiht hätte. SdHüg das im Egoismus als folchem Kegende, und in jeder
Korm beffelben (häbigende Element etwas fhärfer hervorheben follen, wenn
er in dem — überhaupt hier zu vergleichenden — Yuffaß über das fittliche
Moment in der Volkswirthfchaft (Tübinger Zeitfchrift für die gef. St.
1844) von dem fogenannten verftändigen Egoismus fagt (S. 139): Auch
diefe Stufe der Srlenntniß läßt dem fhädlidhen Kampfe der egoiftifchen
Intereffen noch einen weiten Spielraum ; fie’ feßt ben wirthfdhaftlichen Stre:
bungen Feinen Höheren Zweck, Fein höheres Biel; fie febt, um eine große
allgemeinere Gewalt im Leben auszuüben, eine allgemeine, dem verblendeten
Egoismus felten eigene tiefere SrEenntniß der gefellfhaftlidhen SInteveffen,
die Macht der einzelnen Stände, die Macht der Staatsgewalt voraus , die
fich widerftrebenden Intereffen in einen harmonifhen Einklang zu bringen.
Zu einer wahrhaft höheren Stufe der ESrkenntniß, zu einer Srfenntniß, die
auch dem weniger gebildeten Verftande zugänglich ift, die moralifd) zu einer
beftimmten Handiungsweife verpflichtet, führt allein das Hinausgehen über
bas reine Ultilitätgprincip, die Anknüpfung der wirthfehaftlidhen Marimen
an die höheren Gefeke einer fittlihen Drbnung.
        <pb n="330" />
        321

Schaffen wirklich in einem foldhen engen Zufammenhange mit dem Ges
fammtleben der Völker fteht, daß jenes überall und immer nur eine VBerz
Hältnißftellung einnimmt und mitwirkt an den höchften Aufgaben des Ganz
zen, daß nichts Dauer hat, als mas fittlich ift, und das Streben nach dem
fittlichen und politifchen Fortfchritt die alle Functionen des Völkerdafeins
und der Mölkerentwiekelurigen durchdringende und beftimmende Lebensfraft
ft. Gewiß {ft jene BVerhältnifftellung der SEonomifchen TIhätigkeiten im
Kreife des SGefammtlebens in verfchiedenen Zeiten, einzelnen Menfchen und
ganzen Völkern eine ungleiche; aber gerade diefe Thatfache beweift die Bes
deutung des ethifch=politifchen Momentes in der Iheorie der politifchen
Hekonomie. Wenn auch nicht unangreifbar, fo doch für die Dauer undes
zwinglich, ift das Bewußtfein in des Menfchen Bruft-von einer wirklichen
Tragweite der freien Willensbeffimmung, und wenn wir im Hinblit auf
die Entwickelung des gefchichtlichen Lebens es nicht verweigern fönnen , ne:
ben. die Freiheit der menfchlichen Thätigkeiten eine Nothwendigkeit der Ent»
wickelung, fei e8 als Synthefe, fet es als Antithefe zu feßen, fo werden toir
umgeFehrt auch in dem SFonomifchen Güterleben neden der Caufalität der
naturgefeblihen Erfcheinungen die Caufalität der fittlich freien Zwecke des
Menfchen weder verleuanen, noch unberückfichtigt Laffen dürfen.

10.

GSewiß fteht die Methode der Unterfuchung, Beweisfühgung
 und Schluffolgerung, welche in einer wifenfhaftlichen Disci.
plin zur Anwendung gelangt, im engften Zufammenhang mit dem - ge:
fammten Charakter derfelben 1). Darum wirkt jeder Fortfchritt in einer
MWiffenfchaft im Großen und Allgemeinen ganz befonders auch auf die in
ihr giftige Methode ein, und umgekehrt hat jede bebeutendere Befferung in
der Methode der Unterfuchung den erheblichften Einfluß auf die Wiffen-(haft
 im Ganzen ausgeübt. Offenbar hängt e&amp;amp; von dem Wege, den man
einfchläat, ab, ob man ein erftrebtes Ziel erreicht oder verfehlt. — Am fchärf-)

 Schon Baco fagt (de dignitate et augmentis scientiarum V. 4): Doctrina-quae
 traclat quales demonstrationes ad quales materias sive subjecta
 applicari debeant-tanquam judicationes judicationum continet. Optime
 enim Aristoteles neque demonstrationes ab oratoribus neque Suasiones
 a mathematicis requiri debere monet; ut, si in Drohationis genere
aberretur judicatio ipsa non absolvatir
Ruies, volit. Dekononmite.
        <pb n="331" />
        322 .

ften ift die Bedeutung der Methode von den Naturwiffenfchaften in unferer
Zeit Herausgeftellt und bewährt worden. Freilich hat aber auch fehon Cuvier
den Yusfpruch gethan, daß »nicht genug das Gewicht der Grundfäge der
Methoden hervorgehoben werden kann, welche von weit größerer Bedeutung
find, als irgend eine einzelne Entdeckung, fo überrafhend fie auch fein mag«.
VBon den Nationalökonomen ift die wichtige Frage über die für die Theorie
der politifchen Dekonomie einzuhaltende Methode der Unterfuchung, Beweis:
führung und Schlußfolgerung, fo viel ich weiß, nur ganz fragmentarifch
zur Sprache gebracht morden, wenigftens ift gewiß eine vielleicht irgendwo
vorgeführte Ausführung ohne allgemeine Beachtung verblieben. - Hilde:
brand hat einen zweiten Theil zu dem erwähnten 1847 beendigten Bande
über die Mationalstonomie der Gegenwart und Zukunft in Ausficht ge:
ftellt, welcher »die Methode der Nationalöfonomie« behandeln folle; aber
biefer ztveite wichtigere Theil ift bis jet leider ausgeblieben.  Semwshnlich
Eönnen die Normen , welche die Theoretiker eingehalten haben, nur auf in:
directem Wege feftgeftellt werden. Bei dem engen Zufammenhange, in
welchem die Methode auch der Nationaldkonomie zu dem Gefammtcharakter
biefer Wiffenfchaft ffeht, hat auch in unferen vorhergehenden Ausführungen
natürlicherweife an vielen Stellen über Fragen geredet werden müffen, deren
Entfcheidung unmittelbare Folgerungen für die Methode der Unterfuchung
und Beweisführung an die Hand giebt. Daneben will ich jedoch mit dem
Holgenden den Verfuch wagen, die hHauptfächlichften Punkte zu erörtern und
feftzuftellen, auf welche e$,. wie mir fcheint, in der Frage nach der richtigen
Methode der Nationalökonomie ankommt. NVedenfalls ift eine folche Un:
terfuchung und Darlegung eine nothwendig zu löfende Aufgabe der Wiffen:
fchaft überhaupt; ohne feftftehende Uebereinkunft über die Methode der
Unterfuchung und des Beweifes wird man ebenfowenig die Anerkennung
eines Beweifes oder Segenbeweifes erzwingen Fönnen, mie ein Disputato:
rium zu Ende Fommt, in welchem verabfäumt wurde, eine gemeinfchaftliche
Bafts aufzuftellen, und jeder Streitende eine befondere Logik zur Anwendung
brinat.

Es wird auf der Stelle einleuchten, daß wir e® hier mit der Mes
thode in einem anderen Sinne zu thun haben, als wenn der jebt fchon
vielgebrauchte Ausdruck gefeßt wird: hiftorifche Methode der NMationalskonomie.
 Denn wie wir fhon in dem Einleitungsabfchnitte diefer Schrift
fahen, hat NMofcher, von welchem der aufgenommene Begriff und das
Wort herrührt, mit dem Ausdruck: »die politifhe Yekonomie u. f.w. nach
gefchichtlicher Methode« vielmehr den Gefammtcharakter der Wiffenfchaft,
wie er ihn im Segenfaß zu Anderen auffaßte, bezeichnen wollen, Ehen
beshalb ffellte er im Grundrif und anderwärts eine Meihe von Srundfäsen
auf, welche dazu dienen, diefen Sefammtharakter der Wiffenfchaft, d. h.
        <pb n="332" />
        323

ihres Unterfucdhungsgebietes , ihrer Aufgabe und ihrer Bewveisführung und
Schluffolgerung feftzuftellen. Was id hier vorführen will, bezieht fi auf
die Methode im gewöhnlichen engeren Sinne, nach weichem man unter
ihr den Weg, die Art und Weife verfteht, wie man die fundamentalen That
Fachen gewinnen will, welche Beweisführung gelten, welche Schluffolgerung
geftattet fein foll. Es ift natürlich, daß ebenfo, wie für eine Wiffenfchaft im
Allgemeinen, aud) für jedes einzelne Problem die Frage nach der Methode
zehoben werden Kann, in welcher die gefeßte Yufgabe zu [öfen ift; im erftes
ven Falle wird es fich um die Grundzüge im Großen und Sanzen handeln,
im lebteren um die befondere Seftaltung derfelben in einem einzelnen Falle,
der fpecielle Ermägungen und Berhckfichtigungen nöthig machen Fann. Uber
hier mie dort wird eine beftimmte Art des Verfahrens, fei es die allein rich:
tige, fei es die richtigfte, fein, mas freilich auf dem Sebiete wiffenfchaftlicher
Unterfuchungen im Grunde genommen gleichbedeutend if. Wo mehrere
Methoden des Verfahrens zur Unmwendung gelangen und in Geltung ver:
bleiben Eönnen, da wird man nicht irren, wenn man auf eine offene oder
verdeckte VBerfchiedenheit der Hufgabe fchließt, welche hier und dort gelöft
werden foll, oder der Sag beherzigt: si duo faciunt idem non est idem.
Es ift bekannt, daß es fehr gebräuchlich ift, wenn man einen durchs
greifenden Gegenfaß der wiffenfhaftlichen Methode hervorheben will, eine
philofophifche Methode der hiftorifhen Methode gegenüberzuftellen.
Auch Nofcher thut daffelbe in der Einleitung zu feinem Srundrif, um
den Lefer auf das Sigenthümliche feiner Behandlung {ftaatstwirthfchaftlicher
Fragen hinzuleiten. Ih Fann biefem SGegenfabe, und insbefondere, wenn
man den Ausdruck »Methode« in der gewöhnlichen engeren Bedeutung
faßt, Feinen rvechten Sinn abgewinnen. Soll die philofopbhifche Methode
biejenige fein, welche von den Pbhilofophen angewendet wird, wie man mit
derfelben Bezugnahme von einer naturwiffenfchaftlichen Methode zu fprechen
pflegt, fo ift damit doch wenig ober nichts gedient, bei dem Mangel einer
Yebereinftimmung in dem Unterfuchungsverfahren der Philofophen gar
Fein fefter Begriff für jenen. Ausdruck zu gewinnen, man würde fich nur an
beftimmte einzelne Philofophen oder an die Philofophie in einer beffimmten
Zeit halten Eönnen. Denn welcher -Unterfchied ift in der Methode der Phi:
Lofophen ferbft und nod) in der neueren Zeit, von Descartes und Baco an
bis auf Hegel und Herbart herab. Wird man jemals philofophifh und ungefchichtlich
 oder unphilofophifch und gefchichtlich von ferne her in eine Pas
rallele bringen dürfen — ih meine in Bezug auf die Wahrheit des Be:
dankens, nicht im Hinblit auf diefe oder jene Leiftung des Cinzelnen.
Machen wir gleich die Anwendung, wird Nofcher der von ihm In der
Ztaatswirthfchaftslehre angetwendeten Methode die der Anderen als die phi-Lofopbifche
 Methode der Nationalskonomie entagegenfeken wollen? Darum
14
        <pb n="333" />
        324

fann e8 dan weiterhin nicht beftemden, wenn Nofcher da, wo er den
»Unterfchied der hifforifhen -und- philofophifchen Methode« Harakterifiren
will, nicht etwa einen Grgenfaß von Methoden, die man in derfelben Diss
eiplin in Anwendung zu bringen verfüchen Fönnte, feftftellte, fondern nur
Hinweife auf die Berfchiedenheit der Philofophie und der Hiftorie giebt,
„Der Philofoph,« fagt er, »will ein Syftem von Begriffen oder Urtheilen
möglichft abftract, d. bh. möglichft entEleidet von allen ZufälligFeiten des
Raumes und der Zeit; der Hiftoriker eine Schilderung menfhliher Ent»
wickelungen und Verhältniffe, möglichft getreu dem wirklichen "Leben nach:
gebildet. MIener hat eine Ihatfache erElärt, wenn er fie definirt hat und
nun Fein Begriff mehr in feiner Definition vorkommt, der nicht in fehheren
Theilen des Syftems erörtert wäre; diefer, wenn er die Menfchen gefchildert
hat, von denen und an denen fie verrichtet ifk.« Nach diefer Aufgabe richtet
fich dann freilich auch der Unterfchied in der Methode des Verfahrens, welhen
 man dahin ergänzen. Eönnte, daß man fagte: Der Philofoph nimmt
Begriffe zur Grundlage und fucht diefe Fritifch feftzuftellen, der Hifkoriker
Thatfachen des gefhichtlidhen Lebens; von jenen aus fucht der Pbhilofoph
ein Nefultat zu gewinnen ind die Wahrheit deffelben -dadurd zu beweifen,
daß er alle Folgerungen im Logifch=richtigen Zufammenfchluß hält, der His
ftorifer prüft und beweift das Caufalitätsverhältnif der Thatfachen an und
mit den Erfheinungen des wirklichen Lebens u. f. w. Aber mährend Fe:
nes, was »Dder Philofoph wilk«, in Feiner anderen wiffenfhaftlichen Disciplin
gewollt werben Kann, ift die von uns unter der aufgenommenen Beziehung
der Aufgabe Eurz angedeutete Ergänzung über die Methode des philofophis
fchen Naifonnements um fo weniger zur Charakterifirung eines Segenfabes
zwifchen der philofophifchen und einer anderen Methode ftichhaltig, als einerz
feits für die Dialektik vieler Yhilofophen die ErFenntniftheorie und die Beweis:
führung durch andere Gefichtspunkte wenigfiens ergänzt und auf ein breis
teres Fundament geffellt wird, und andererfeits bekanntlich die von uns bes
zeichnete Methode auch in allen anderen wiffenfchaftlichen Diseiplinen zur
Anwendung gebracht worden ft, gleichviel mit welchem Erfolge. Weil
alfo eine mit dem Unterfuchungsgebiete und mit det zu [Sfenden Aufgabe
einer beftimmten Disciplin in Verbindung gefebßte Methode anderwärts gar
nicht zur Anwendung gelangen Fann, eben diefe Verbindung aber bei jenem
Begenfabe vorfhmweben muß, fo halte ich die Gegenüberftellung einer Phi
Lofophifchen und einer gefchichtlichen Methode für nichtsfagend oder für einen
Mifgriff im Ausdruck, wenn man damit etwa eine richtige und eine falfche,
eine berechtigte und eine unberechtigte Merhode in jeder oder in einer ein:
zelnen Disciplin, z. B. in der Nationalskonomie, bezeichnen will.
Wilk man fih im Hinblik auf die verfchiedenen Disciplinen die Un:
terfchiede in der Methode, melche zur Anwendung gelangen und gelangen
        <pb n="334" />
        3925

Fönmen, vergegentwärtigen, fo wird man zunächft, mas nad) früheren Undeus
tungen nur natürlich erfheinen Fann, gemwahren, daß fi in jeder einzelnen
Diseiplin eine beftimmte, meiff mit dem Namen derfelben belegte Methode
der Operationen als allein diefer MWiffenfchaft angehörig und geziemend
heraushebt. So redet man von einer Methode der Statiftik, der Naturwiffenfchaften
 u. f. w., wobei man an einen gewiffen Complex allgemeiner
Grundfäge denkt, welche für das Verfahrren des Sorfchers fo maßgebend
fein‘ follen, daß auf andere Weife angeftellte Unterfuchungen für die Fachoenoffen
 merthlos find, mwenigftens fo lange nicht jene Srundfäge feibft er:
fehüttert find. Denn allerdings ftehen auch die Methoden der Wiffenfhaf»
fen in einem und zwar fehr merkwürdigen Entwicelungsproceffe , der. zu
einem Theile mwenigftens felbft mit der Entwicklung der Erkenntnig im
Angemeinen in Verbindung zu ftehen pflegt. Was nämlich in der einzelnen
 Wiffenfchaft als ftatifkifche, naturmwiffenfhaftlidhe Methode u. |. m. bes
zeichnet wird, Läßt fich dann auch wieder auf gewilfe ganz allgemeine Grund:
anfehauungen zurückführen, welche aus dem gefammten Bildungsbewußt:
fein und Bildungsergebniß einer Zeitperiade hervorgehen. In dem lekteren
fiegt eine Ueberzengung über die Art und Weife, wie die Wahrheit erforfht
und begründet, wie über das Bekannte und Alte hinaus Neues und Unbe:
Fanntes durch den Menfchen erobert werden Fönne; die. einzelnen TWiffen:
fehaften formiren diefe allgemeine Ueberzeugung nach dem befonderen Bes
dürfnig, für die befonderen Zwecke, Man braucht nur einmal den VBerhält:
niffen in unferer Zeit gegenüber fichh den Zufammenhang zu vergegentwär:
tigen, in welchem etwa die methodifchen SGrundfäge der Aldhymie, der Aftro:
logie u. f. m. mit dem allgemeinen Bildungsftande in den Zeiten der
Herenproceffe, der Amulete, der Lebenselirire u. f. w. fanden, um fich als:
bald zu überzeugen, daß alle Wiffenfhaften gerade durch Ihre Methoden, wie
fpecielle Form diefelben auch in der eigenthlmlichen Umgebung gewinnen mö5:
gen, doch immer mit der allgemeinen geiftigen Bildungshöhe Und Cinficht
einer Zeit zufammenhängen , deshalb auch die Evochen in der lebteren wohl
erkennen laffen.
Bedenkt man alfo, daß die Methode in unferm engeren Sinne in
enger Verbindung fteht mit dem Wefen der zu Löfenden Yufgabe, und
nimmt man hinzu, daß alle Wiffenfchaften in lekter Stelle e$ mit der
‚Herausftellung der Wahrheit zu thum haben, fo erkennt man gleich, rote
fie alle betheiligt find an der Beantwortung der Frage, was als die Quelle
für die Ertenntnif wiffenfhaftlicher Wahrheit überhaupt anzuerkennen (ei.
At der Beantwortung diefer Frage ift natürlich auch die Nationalökonomie
betheiligt. Daneben werden fich jedoch für die leBtere befondere Erwägungen
deshalb nöthig machen, weil, wie wir gefehen haben, nicht nur das wirth:
fchaftliche Sefes eine Function ift, welche auf der combinirten Wirkung von
        <pb n="335" />
        326

Thatfachen der realen und perfonalen Welt beruht, fondern auch der poliz
tifch =moralifche Charakter der Nationalökonomie die Theorie Über die
Aufgabe einer bloßen Meproduction deffen, was in der erfahrungsmäßigen
Mirklichkeit vorhanden und heräusgebildet if, hinaushebt.
Es ift bekanntlich fchon in früher Zeit und mandhes Jahrhundert hin:
durch zwifchen verfchiedenen philofophifchen Schulen die Streitfrage behanz
delt morden, ob die Erzeugungsquelle, der Urfprungsort der in dem menfchf
lichen Seifte zur Bergegentwärtigung gelangenden Ideen, Begriffe, Wahr:
heiten, fammt der Verbindung derfelben durch die Schlußfolgerung zum
Urtheil u. f. w., einer dem menfchlichen Seifte an fich innewohnenden Eigenfchaft
 oder den von der objectiven Welt herfommenden Eindrücken, den
finntichen Wahrnehmungen der empirifchen Erfahrung zuzufchreiben fei. Bei
diefer Frage fcheint die Mationalökonomie zunächft gar nicht betheiligt, da
fie auf das nun einmal Vorhandene baut, gleichviel aus welcher erften Yuelle
daffelbe hervorgeht. Indeffen ftellt fich doch diefe Beziehung fofort als eine
andere dar, fowie man beherzigt, daß die Wiffenfchaft in einem ununterbrochenen
 Borfchritt zu neuen Wahrheiten begriffen if, und die SGiltigkeit
derjenigen, welche man neu Hervorftellt, von dem Beweisverfahren ab:
hHärgig wird, das dann eben wieder nur auf eine anerkannte Nırelle der
Wahrheit überhaupt geftübt- werden kann. So kann zwar die National»
SEonomie den erften -Urfprung des menfhlichen Denk: und Urtheilsvermö:
gens$ wohl bei Seite (affen, aber die Feftftelung des Verhältniffes zwifchen
der auf fich felbft geftellten Einficht des menfchlidhen Seiftes und den ob:
jectio wahrnehmbaren Thatfachen des empirifhen Lebens in Beziehung auf
die Gewinnung der furdamentalen Wahrheiten und das giltige Berveis:
verfahren für die Nichtigkeit der volksmwirthfchaftlichen SGefege if für fie von
größter Bedeutung. Nun gewahrt man bald, daß, wie auch die Philofophie
mit ihrem Streite zu Ende Fommen möge, für die Nationalökonomie von
Feiner eigentlichen Alternative die Nede fein kann. Wie unabfehbar ift je
denfalls doch die Maffe, wie entfcheidend das Gewicht der empirifchen that-Tächlichen
 Erfahrungen in der forfchenden und urtheilenden Vernunft, welche
immerhin zunächft wie auf fich felbft allein geftellt erfheinen mag: Das
gilt im Allgemeinen, wie in jeder einzelnen Frage. im Befonderen, Der
Weg, welchen der forfchende Volkswirthfchaftsgelehrte einfdlägt, die Com:
bination, die ihn zu einem Schluffe führt, die Zuverficht zu diefem Schluffe
felbft, wie eng find fie mit allen den Erfahrungen. verbunden, die er im Algemeinen
 auf feinem Unterfuchungsgebiete aus dem wirklichen Leben bereits
gefchöpft hat, wenn ihm auch Feine einzelne befonders gegentwärtig , Feine
einzelne in einem nächften Zufammenhange mit der vorliegenden Frage
nachzutwveifen ift, Und andererfeits bedarf doch auch jede Thatfache der obtectib-mwahrnehmbaren
 Wirklichkeit felbit einer Verarbeitung durch die Ver:
        <pb n="336" />
        327

nunftthätigEeit des erkennenden Menfehen. Aus der Eörperlichen Form, in
welcher die Thatfache auftritt, muß der Menfch den Begriff, den fie um:
fchließt, abftrahiren, er muß Wefentlihes und Unwefentliches feheiden, Ans
beres combiniren — überhaupt eine ThHätigkeit entfalten, welche das YUufz
treten der vorliegenden Thatfache an fich nicht überflüffig machen Kann;
ganz offenbar Fan gegen diefe Wahrheit nicht gerichtet fein die Warz
nung Liebig’s an die empirifchen Forfher vor Abfiractionen ,. weil die
Bedeutung der empirifhen Ihatfachen nicht in der geringften Weife abhänge
 von der Annahme, die der Menfeh ihnen unterlege. Und gar ein
Sefeg des Sfonomifchen Lebens, wie wäre e8 aus den empirifhen Erfcheiz
nungen herauszuffellen, ohne einen Recurs an die Logit des Denk- und
Schlußvermögens in dem menfehlichen Seifte! AWber wie nothrmendig fo:
mit auch das in dem menfehlihen Seife als foldem liegende Denkvermöb:
gen für die Löfung unferer Aufgabe wird, wie groß das Gebiet bleibt, in
welchem e8 zur Thätigkeit berufen if, nichtsdeffotweniger wird boch die Nas
tioral$Eonomie fo gut wie jede andere Wiffenfchaft, welche die in dem em
pirifchen Leben zur Erfheinung gelangenden Gefeße herauszuftellen fucht,
den fundamentalen Sag fefthalten müfflen, daß der Kopf des denkenden
Menfchen die objectiv wahrnehmbaren Ihatfachen des Lebens nur verar:
beiten, nicht erfeben Kann und fol, daß er nur im Rechte ift ne:
ben den lekteren, nicht im Gegenfab zu ihnen. Und das gilt fo entfchieden,
 daß die Wiffenfchaft nicht nur die Thatfachen aus dem wirklichen
Leben zur Grundlage, zum Ausgangspunkte der Beobachtung und der Un:
nahmen nöthig hat, fondern daß auch jedes auf ihnen errichtete und von ihnen
hergeleitete Raifonnement der Bemweisführung an ihnen erhärtet werden muß,
oder menigftens fo lange einer entfcheidenden Beweiskraft entbehrt , als
Lebteres nicht erfolgt ift. Gerade weil es auch unferer Wiffenfhaft nur
auf das, was in dem empirifchen Leben eingetreten i{t oder eintreten Eann,
ankommt, muß fie grundfäßlih Alles zurücftoßen, was diefen Charakter
nicht hat. Die gefchichtliche Lebenserfahrung felbft bezeugt ihr überall, wie
für die von den Thatfachen des Lebens Losgeriffene freibildende Thätigkeit
des menfchlichen Seiftes, auch wo fie auf jeden Anfaß zu einem Dädalus:
fluge zu verzichten fcheint, in leichtefter MWeife alles Maß der gefchichtlichen
Mirklichkeit verloren geht; ja daß fie dann, auch wo fie in angeblich nüch:
ferner Schlußfolgerung immer auf dem Boden des Lebens zu bleiben fcheint,
unverfehens von einer neuen Thatfache des Irrthums überführt wird. »Wer
nicht darauf gefaßt iff« — fagt irgendrvo Humboldt — »TIhatfachen ans
zuerfennen, die aller Theorie widerfprechen, ft Fein Sprachforfcher« — das
gilt in dem Sinne auch für die Nationaldkonomie, daß einestheils die
Thatfachen des Lebens das Fundament der Theorie bilden, andererfeits durch
neue Thatlachen des Lebens die vorhandene Theorie einer BVerbefferung zu”
        <pb n="337" />
        328

geführt werden ann, oder fagen mir Lieber, einer folchen Seftalt, daß auch
die Aufnahme der neu gewonnenen Erfahrungen Plas finden Fann. Und
hier ift die Stelle, wo man fich am beffen den Einfluß der Zeit auf
die Thecrie vergegentvärtigen Fann, auf welchen wir fehon früher einmal
hingemwiefen haben. Er ann für fich einen neuen Betveis für den engen
Zufammenhang der Theorie mit den Erfahrungen des Lebens von der Art
abgeben, daß wir von den leßteren die erftere abhängig erklären müffen.
Sin Zufammenhang zwiflhen den erfahrungsmäßigen Erfcheinungen der
Äußeren Wirklichkeit und den Leiftungen der Theoretiker muß wohl an fich
in allen Diseiplinen mit großer Stärke fich geltend machen, welche auf die
Beobachtung diefes thatfächlichen Lebens als auf den Ausgangspunkt der
wiffenfchaftlichen Berarbeitung des ihnen zugehörigen Stoffes angetviefen
find; er wird aber zum engften Verbande, wenn das äußere Leben nicht
immerdar fich gleichbleihende Bedingungen fellt, ja felbft die naturgefegli:
chen Erfcheinungen der realen Welt durch die fie zur Wahrnehmung brinz
genden gefchichtlihen Größen auch in einer vorfchreitenden Erplication dars
bietet. Diefer Umftand, daf jede von der Erfahrung ausgehende nationalöfonomifcdhe
 Theorie fich immer doch nur auf die In einer beftimmten Zeit
bereits conffatirte Erfahrung ftüßen fann, und daß fie, wie fie auf dem
Srunde ihrer Gegenwart fich erhebt, fo auch in allen dem praktifhen Leben
voranfchreitenden Löfungen aufgeworfener Probleme fich nur an die in eben
diefem vorhandenen praktifhen Leben dargebotenen Mittel zu Halten ver:
mag — diefer Umftand enthält den Betveis, daß eine frühere vollsmwirthfchaftliche
 Theorie gegen eine in der That vorgefehrittene und umgeftaltete
Theorie doch in ihrem NMechte bleiben kann. Das SGefeg der NMelativität
findet hier feine Anwendung auf die allgemeine Haltung der nationalökos
nomifchen Syfteme im Sanzen. Wir haben an frhıheren Stellen fhon
wiederholt auf diefe Ihatfache hingewiefen; wir wollen hier beifpielstweife
nur noch einmal darauf aufmertfam machen, wie fich im Laufe der Zeit
und gerade durch die Weiterentwikelung des gefammten Volkslebens das
Urtheil über die Bedeutung des inneren und des ausmärtigen Handels Ändern
 mußte. Gerade diejenigen Elemente im VBolksieden, an deren Wirk
famEeit fich zunächft die allgemeine Haltung der fonomifchen Dinge auf
den verfchiedenen Entwicelungsftufen anfchließt, die Dichtigkeit der Bes
völferung, die Grundlagen des Verkehrs und die Menge des gefammelten
Produckiveapitals, diefe find e&amp;amp;, welche in ihrer ftufenmäßigen Entfaltung
fowobht den auswärtigen, als auch den Binnenhandel je in verfhiedenen
Beitperioden als erfprießlicher, productiver erfheinen lafjen müffen. So lange
eine weniger dichte Bevölkerung fich in einem Zuftande befindet, in weldjem
von den einzelnen Familienbeftänden felbft bei geringfügiger‘ Arbeitsthetz
(ung die nothwendiaften Lebensmittel im Allgemeinen gewonnen wer:
        <pb n="338" />
        329

den, lebhaftere Berkehrsverbindungen weder vorhanden find, noch vermißt
werden, alfo in Berhältniffen, wie wir fie bei den meiften Bölkern auf
ihren erften Stufen finden , Eönnen nur ‚Gegenftände, welche Niemand im
Lande felbft haben und gewinnen Fan und deren Taufchwerth doch fo groß
ift, daß derfelbe von den SchwierigFeiten des Fransportes verhältnifmäßig
weniger verändert wird, eine gewinnbringende oder wiklEommengeheifene
‚Handelsthätigkeit yeranlaffen. - Es ift das der auswärtige Verkehr mit feht
mwerthvollen Producken des Auslandes, für welche die Faufmännifche ZhitigFeit
 das Bedürfnif-zu weden fucht, und für deren Ubfaß fie nur durch
den Fortfchritt der Sapitaler[parung Sicherheit finden kann. Sobald dagegen.
 mit Der zunehmenden. Dichtigkeit der Bevölkerung die Arbeitsthei:
Jung fich fefter gliedert, erwächft mit großer Stärke das gegenfeitige Bes
dürfen der inländifchen Productionsfreife und damit der Verkehr im Binz
yenlande, die vervielfültigte und verftärkte Nöthigung zur Arbeit, die an
den Einzelnen herantritt, fteigert die productiven Kräfte und entwickelt zUgleich
 Lebhafter durch die zunehmenden Sorgen für die Zukunft die Capitalerfparung.
 Diefe maßgebende. Bedeutung des Binnenhandels verliert dann
ihre beftimmende Kraft, wenn die gemwerbthätige Bevölkerung In vorge:
fehrittener Entwicklung an dem Bedarf des IYnlandes Fein Genlkge mehr
findet und fich ein gefamımtes Uustand fo gegenüberzuftellen fucht; tote iD
die rohftoffproducirende Bevölkerung im Inkande gegenüberffeht. - Aber in
diefes Ausiand .Fommt allmälig diefelbe Entwickelung , daffelbe Streben.
Die geographifchen VBortheile in der Benußung ‚des Marktes u. f. w. Mas
chen ihre Tragweite geltend, oder e$ greift auch die politifhe Sewalt ein,
uın die Production des Uusiandes auf den Bedarf des Auslandes zurück:
zuftauen, die Krifen im. Berkehr für den Welthandel machen fi fühlbar,
die Capitalverwendungen werfen fich auf die Steigerung der für den inlärndifchen
 Confum beftimmten Production, neue Impulfe zum Fortfchritt der
intändifchen Arbeitstheilung und neue Erfolge — bis abermals die getwerbz
chätige Bevdtkerung über die Fundamente des im Bergleich zu früheren Zeiten
gefteigerten Bedarfs des Snlandes hinausgeht, die internationale Ar:
beitstheilung ffärker hervortritt und die Geltendmachung derfelben, forwie
aller Borzüge der menfehlichen UArbeitsfräfte um fo mehr angeffrebt wird,
als eine vorgefchrittene Werkehrserleichterung die Wirkungen der Entfernun:
gen mindert; das größere Capital, die weitere Arbeitstheilung, um ihre
Schwingen ganz zu entfalten, bedürfen wieder des Abfabes im Austande —
der ausmärtige Handel erfcheint abermals in einer viel wichtigeren Stellung.
Sch habe mit diefen Sägen nicht etwa ein bloß Ausgedachtes aneinander reihen
wollen, fondern mich grade deshalb nur auf die paar Enappen Andeutungen
befchränEt, weil fie nur auf das hinzeigen, was wirklich in der Entwickelung
ber eurondifchen Culturvölfer eingetreten ift, von jener Bedeutung des Kas
        <pb n="339" />
        330

tavanenhandels und dem Vorherrfchen des Handels mit Lurusgegenftänden
an bis auf die Zeiten der Mercantiliffen, des Adam Smith und — in
abermaliger Berfchiedenheit von diefen — die Sahre unferer Gegenwart
heräb. In Teichtefter Weife Fönnen die Züge vervollftändigt werden und
par auch durch die Markfteine aus der gefammten politifchen Entwicke:
fung der Völker. Iede an die thatfächlichen Bebingungen. der einzelnen
Veriode fich anfhließende Theorie Fann ihre Srundfäge nicht den Beobach:
tungen vorangehen laffen; fie erlangt fichere Erfolge, wenn fie fich auf das
Eeben ftellt, und Hat jedenfalls eine durch die für fie maßgebenden Verhält:
niffe bedingte Berechtigung. Chendeshalb hat das fpätere Syftem das frlhere
 weniger berichtigen oder gar ummwerfen, als ergänzen Eönnen — natürlich
abgefehen davon, daß es zu allen Zeiten auf dem Srunde conftatirter That:
fachen falfche und richtige Beweisführungen und Urtheile geben kann. - Auch
der fharffichtigfte und erfahrenfte Theoretiker vermag nicht — oder hat wes
nigffens bis jeßt nicht vermocht — die fort und fort fich- entwickelnden
Combinationen und Erfeheinungen des. wirthfchaftlichen Lebens voraus:
zufehen und zu beftimmen. Wohl vermag der menfchliche Geift in die nächfte
Zukunft einen wenngleich nie ganz ficheren, Blie zu- thun, bie fernere ift
ibm überhaupt verfhloffen. Die empirifhe Wirklichkeit, die SEonomifchen
Erfheinungen in der Sefammtentfaltung des raftlos fich weiter entwickeln:
den Völkerlebens ftellen fort und fort neue Thatfachen hervor, fei e8, daß
diefe bis dahin überhaupt unbekannt waren, fei es, daß wir durch neue
Combinationen einen unerwarteten Yuffchluß über rächfelhaft oder unbeach:
tet Verbliebenes erhalten, Darum muß auch die Theorie fich einer immer
teicheren Entfaltung, einer allgemeineren Nichtigkeit der Formulirung durch
Yufnahme der neuen Erfahrungen ‚und Beobachtungen zubewegen. Auch
die Theorie in der Segenwart muß ficdh diefer Stellung bei aller Unerken:
nung der Leiffungen z. B. eines Adam Smith Har bewußt fein und
weder ihre Argumentation, noch ihre Aufgabe durch das geradezu normirt
anfehen, was für jenen maßgebend war und maßgebend fein mußte. Wie
viel größer iff die Maffe unferer Erfahrungen in der Furzen Zeit geworden!
MWerfen wir. beifpielsweife auf die Baummwolleninduftrie einen Blick, fo
Eönnen wir wohl fagen, daß die Bedeutung, weiche diefelbe für die praktis
{he Seftaltung und Entwicelung der Indufkrie in den meiften fahricirenz
den Ländern gewonnen Hat, Feineswegs die Bedeutung Übertrifft, welche
fie für die Beobachtungen und Schluffolgerungen der Theoretiker ge
habt hat. Für Ydam Smith hat fie nicht zur leifeften Hindeutung
Anregung gegeben. Nun Fönnte man freilidy meinen, daß e8$ fih um
Fein anderes Verhältnif hier handle, al8 wie e&amp;amp; von Rau 1) und

” Rau, Archiv. 1835. S. 37,
        <pb n="340" />
        331

Nofcher]) in Bezug auf das Eintreten der Sifenbahnen gegenüber den
Berkehrstvegen der Chauffeen behauptet worden ift, nämlich daß, wie No:
(her fagt, »für den GCameraliften zwar durch die Einführung der Cifen:
bahnen ein ganz neues Feld geöffnet worden fei, der Staatswirth hingegen
zaft diefelben Beobachtungen, wozu Eifenbahnen gegenüber den Chauffeen
Anlaß geben, auch an den Chauffeen gegenüber den Landwegen, an den
Landwegen gegenliher den Karavanenftraßen hätte machen Fönnen.« Be:
rade wenn wir diefem Glauben ung hingeben, wird man der Forderung
unmöglich nachzufommen vermögen, daß »unfere Lehren, Naturgefeße u. f.wW.
immer fo gehalten fein müffen, daß fie von den neu eintretenden Verände»
rungen ber Cameraldisciplinen nicht gefprengt werden«. Sicherlich wird
immer noch in frühen Jahren jedes wirthfehaftlihe Sefeß zu Srabe getra:
gen werden, welches mit der Anficht fällt, daß Feine fpätere Zeit über dies
felbe Frage neue Erfahrungen zu fammein im Stande fei. Was jene
Bedeutung der Eifenbahnen für die nationaldEonomifche Theorie betrifft, fO
müßte man offenbar etff nachweifen, daß Feine Stufe der Steigerung in
der SefchwindigFeit und Leichtigkeit des Verkehrs eine Thatfache heraus:
{teen Eönne, welche anderer Urt wäre, als die Thatfachen , welche die ges
ringeren Stufen zu Tage gefördert Haben. Und dem. miderfpricht die ges
fammte Entwielung des Handels ebenfofehr wie im Einzelnen etwa das
Äußerft verfhiedene nächfte Intereffe, welches einzelne Ermerbsziveige an den
verfchiedenen Stufen der Verkehrs = Gefchtwindigkeit und. LeichtigFeit haben
und haben müffen. In dem erfteren Beifpiele, das wir der Baumwollenz
verarbeitung entlehnten, müßte analog erwiefen werden , daß Fein Grad der
Arbeitstheilung, Feine Uusdehnung der Capitalverwendungen u. f. w. U
Erfahrungen von einer DYualität führen Könnten, welche zu den unfer anderen
 Bedingungen exact gefammelten im Widerfpruch {tänden. Und doch
ift es Thatfache, daß 3. Bi. erft die nachfmithifche riefige ‚Entfaltung und
Erpanfion der indufkriellen Fabrikation eine Menge von Thatfachen bes
Eräftigt hat, die für Smith ein SGeheimnif verblieben find und verbleiben
mußten. Denn im Großen und Allgemeinen Kann e8 doch felbft nicht eins
mal irgend eine ftihhaltige Garantie gewähren, wenn wir heutzutage, UN»
kerrichtet und geführt von den neugewonnenen Thatfachen und Beobachtungen
 , e$ unternehmen, aus embryonifchen Andeutungen die folgende
reiche und mannigfaltige Entwifelung des Lebens herauszudemonftriren.
Und dazu Fommt ja obendrein, daß wir fortwährend noch die mit der Beit
und von Nation zu Nation vorfchreitende Veränderung und Entwifelung
in won merfonalen Eiementen, melche zu ben volfsmirthfchaftlichen Thaty

 been zur Politik und Statiftit der Aeherbaufyfteme in Nau”s Archiv,
1845. S,. 158.
        <pb n="341" />
        332

fachen‘ mitwirEen, vor uns haben, fowie die gefammte Weiterbildung des
Stanatslebens und der menfchheitlichen Sefchichte, mit welchem fich un:
unterbrochen fortbetwegengen Ganzen die. fpeciellsEonomifchen Erfcheinungen
in fo enger Beziehung ftehen. Hätten wir, um von Erfterem zu fprechen,
3. B. genaue Ergebniffe eines befriedigenden pfocholagifchen Studiums aus
der Zeit. und dem Volk der Römer, fo würden fie ficherlich in mancher Bez
ziehung einen Segenfaß zu den Ergebniffen eines gefchichtlich pfychologifchen
Studiums der germanifchen und romanifhen Menfchennatur bilden; die
Lebteren würden dann die erfteren nicht umftoßen Eönnen , auch nicht corrtgiren,
 wohl aber erweitern und bereichern und dadurch zu Schlüffen führen,
die nur von dem. erweiterten Grunde aus möglich wurden. Was den
neuen Einfluß des ffet$ fortfchreitenden Gefammtlebens betrifft, fo ‚Eonnten
3. 5. die Beobachtungen und Erfahrungen, zu welchen die Handlungen
der modernen Zollpolitit geführt haben, nur eben in der neueften Zeit ge:
fammelt werden, weil diefe Zollpolitik felbft erft als das Ergebniß der eigenz
ehlämlichen Entwikelung des mobernen Staats: und Völlerlebens dafteht
und fich ebendeshalb durch befondere Merkmale von Thatfachen aus felhe:
ten Zeiten abfcheidet, auf welche man wohl als auf analoge Erfcheinungen
hinzumweifen vermag. Yede Thatfache, welche das Ergebnif combinirt wir:
Fender Kräfte ift, feßt eben das Dafein und Wirken aller diefer und die
erforderlidhe Mifchung der Factoren voraus. Die Natur diefer Factoren
und die Wirkung beffimmter Combinationen derfelben Fann der Menfch
mun einmal nicht früher Eennen lernen, als fie ihre Kraftentwicelung in
der wirklichen Erfcheinung offenbaren. Das wirkliche Leben mit feinen fich
umbildenden Formen und neuen Seftaltungen ‘ dient nicht dem vorher mit
Ertenntniß über Alles begabten oder für eine folche auch nur der Anlage
nach qualificirten Menfchen als eine wechfelnde Art der Beweisführung für
fhon vorher Erkanntes oder Erkennbares, fondern e8 ift eben durch neue
Entfaltungen des empirifchen Lebens die erfte Gelegenheit gegeben zur Er.
Fenntniß neuer Wahrheiten. Im den fo oft citirten MNMaturwifenfchaften
denkt doch Niemand mehr daran, die Ausficht auf die Sewinnung neuer
Zhatfachen, die zur Erkenntnig neuer Sefeße führen, irgendwie im Hinz
blif auf die bereits gewonnenen Ergebniffe nad) Art oder Summe befchränz
fen zu wollen; auch eben jeßt bezweifelt e&amp;amp; doch auch z. B. der größte Verehrer
 von Liebig’s Unterfuchungsmethode und MNefultaten über die Zufam:
menfeBung der anorganifchen Körper durchaus nicht, daß die von einigen
jungen Chemifern, man Fann fagen, zufällig angetwendete Methode der Un:
terfuchung vermittelft der Antvendung der Elektrieität neue Auffhlüffe kber
die Zufammenfeßung der Körper zu gewinnen, zu wirklich ganz neuen Reiz
hen von BSefegen diefer Zufammenfegung hinzuführen im Stande fein
fönne. In dem Unterfuchungsgebiet der Nationaldlonomie kann man bie
        <pb n="342" />
        333

fort und fort neu combinirende und neu geftaltende Zeit der Wirkung nach
als eine fortwährend neue Probleme und neue. Unterfuchungsmethoden dars
bietende Kraft anfehen, welche den Menfchen zu immer weiter vorfchreiten:
der Erkenntnif führt.
Kon welchem Punkte aus man deshalb auch die Theorie über die
$Eonomifchen Dinge betrachten mag, immer wird man e8 als eine unerläßliche
Bedingung erkennen, fich den Thatfaghen des gefhichtlihen Lebens hinzus
geben, fie alg das Fundament anzunehmen, wodurch fich die Theorie beftims
men laffen muß und gegen welche fie Feine Wahrheit beanfpruchen Fann.
Wo dies nicht gefhieht, wo mithin durch eine einfeitige und gegen die les
bendige Erfahrung rückfichtslofe oder gleichgiltige ThätigEeit der menfchlichen
Berftandeskräfte das Ergebnif erzielt wird, mit anderen Worten, wo auf
dem Wege der Conffrruction und durch bloße Denkevolutionen
 die Bafis gewonnen, das Raifonnement begründet
wird, da ift Eeinerlei Garantie gegen den Serthum und die Unwahrheit
gegeben, und mir fönnen im beften Falle undewiefene PWahrfcheinlichkeiten
erwarten. Die bekannteften ‚und derbften Beifpiele diefes Verfahrens find
in allen jenen Staats: und Sejellfchafts = Ydealen gegeben, die fich in alter
und neuer Zeit auch namentlich zu, einer Verarbeitung des dfonomifchen
Lebens der Völker herbeigelaffen haben. Der Name von Staatsidealen
mag ihnen deshalb zukommen, weil gewöhnlich eine Menge von Uebelftänz
den und Leiden, welche mit der Geftaltung und Entwidelung der menf{chlichen
 Sefellfchaften in ber Mirklichkeit fich verbunden gezeigt haben, dort
einem fonnenreichen Stück Aller weichen, wie man e8$ wenigftens einem
Theile nach in die Wirklichkeit gern eingeführt fehen möchte. Sobald man
dagegen auf den vorgeführten Caufalitätsnerus der Urfachen und Folgen blickt,
erfcheinen alle diefe Ideale als Hirngefpinnffe, die aus mandherlei Gründen
und insbefondere auch dadurch verderblich wirken, daß fie ein gleichfjam nur
durch Berfchulden der allgemeinen Sefellfchaft nicht erreichtes goldenes Zeitalter
in eine Zukunft verlegen, welche die Mafje der Menfchen nur in der Weile
zu erfahren pflegt, daß die in der wirklichen Entwickelung gegebenen Leiden
und Uebelftände ihren Druck doppelt fcharf empfinden Laffen oder als Craebz
niffe ganz unrichtiger Urfachen betrachtet werden.
Sobald man den allgemeinen Srundfaß felthält, daß nur Thatfachen
des wirklichen Lebens den Ausgangspunkt und die Grundlage der national=SEonomifchen
 Theorie bilden Finnen, wird man fich dann weiterhin zu Uns
terfcheidungen und Normen hingedrängt fehen, welche aus der Natur der
in Frage Fommenden Ihatfachen felbft hervorgehen. Denn auch hier muß
man die naturgefeblihen Erfheinungen der realen Zeit abgefondert ins
Auge faffen. ft einmal eine Thatfache diefer Art conffatitt, die Beobach:
tuna eract, ift die Formulirung adäquat, fo find alle nothiwendigen Bebdin-
        <pb n="343" />
        334

gungen für die Verwendung erfüllt. Diele Thatfachen, man mag fie zu
einer Zeit, in einer Gegend bemerkt und feftgeftellt haben, welche e8 auch
fei, haben eine ganz allgemeine, auf ihren Fundort und ihre Umgebung
in Feiner Weife befhränkte Bedeutung. Eine einzige Beobachtung Eann
ein Sefeß conftatiren und für das MNaifonnement vollftändig begründen,
denn das Naturgefebliche muß fich immer und ganz in derfelben Weile ma:
nifefliren, fobald die realen Bedingungen für feine Darftel:
lung gegeben find. Daß man diefe Bedingungen ohne
Weiteres überall und immer als gegeben und vorhanden an:
fieht, davor hat fich die Schluffolgerung zu hüten. Wir haben außer:
dem fhon früher hervorgehoben, nicht bloß daß man grundfäßlich jedem
Gedanken an einen fummarifhen Abfehluß diefer naturgefeblichen Erfcheis
nungen abfagen muß, und wie fie vielmehr wegen der ununterbrochen
fortgehenden. Mehrung und Combination der die Maturgefebe der realen
Welt zur Erfheinung bringenden menfchlichen Thätigkeiten in einer alma:
ligen und dauernden Entfaltung hervortreten, fondern auch, daß man die
big auf einen beffimmten Zeitpunkt ermöglichte Formulirung nicht als eine
ohne Zweifel abfolut richtige anzunehmen habe. Sleichwie man in der
Chemie Sfter etwa irgend eine naturgefeßlihe Action als die Wirkung eines
zufammengefeßten Körpers anfah, bis e$ gelang, denfelben in feine Ele:
mente aufzulöfen, jene Action als das Ergebnif eines einzelnen Elementes
zu erfennen und fo einen Uusdruck des Sefepes aufzuftellen , der richtiger
iff, ohne daß der früher feftgehaltene falfch getoefen wäre — fo Ennen auch
auf dem Grunde neuer und mannigfaltigerer Beobachtungen die früher ge:
mwonnenen und früher auch allein möglidhen Formulirungen. der auf dem
SEonomifchen Gebiet naturgefeblich auftretenden Erfcheinungen, fei e&amp;amp; durch
eine nothmwendig gemworbene Verallgemeinerung , fei e&amp;amp; durch Specialifivung
auf einen richtigeren Ausdruck gebracht werden müffen.
Anders verhält es fich dagegen in manderlei Beziehung mit den eigent:
lich mwirth(dhaftlihen Thatfachen, d. h. mit denjenigen, in deren Beobach:
tung und Bezeichnung die mitwirkende Thätigkeit des perfonalen Elemen:
te8 zugleich mitgefaßt werden foll. Denn, wie wir fahen, es fteht diefe
Mitwirkung des Menfchen unter dem Einfluffe des einheitlichen Gefammtlebens
 in ihm, die wirthfchaftliche Thatfache felbft aber fowohl durch das
perfonale Eiement überhaupt al8 wegen des einheitlichen Charakters, der auf
allen Gebieten, in allen Inftitutionen eines Volkslebens fih wahrnehmen
läßt, in einem innigen Bufammenhang mit dem Sanzen bes nationalen
und ftaatlichen Lebens zu einer beffimmten Zeit, in dem einzelnen Lande
und Volke, Diefe Thatfachen ftehen deshalb zu dem Drte und zu der
Zeit, in welcher fie bemerkt werden, in einem befonderen Verhältniß, das in
anderen an und für fidh gar nicht vorausgefebt werden Fann. Das pfycho-
        <pb n="344" />
        335 . ;

(ogifche Studium des gefhichtlidhen Menfchen führt zur Anerkennung großer
Verfchiedenheiten aud) in den nationalen Charakteren, das biftorifche Stus
dium der bürgerlichen und flaatlihen Inftitutionen zur Erlenntniß gewaltiger
 Unterfchiede in den allgemeinen Grundlagen des Lebens, von denen
aus auch die volfswirthfchaftlihen Thatfachen urfächlich wirkende, Impulfe
zrhalten: Es ift eine nothmwendige Folge diefes Umftandes, daß insbefondere
Thatfachen diefer Art, auch wenn fie gefhichtlich feftgeftellt find, wohl für
eine gefchichtliche Befchreibung der Sfonomifchen Erfheinungen eines ein:
zelnen Zeitraumes oder Volkes brauchbar, für die Nationaldkonomie jedoch
faft mwerthlos find, wenn der Feftftellung derfelben nicht eine Seftftellung
der Urfach en -zur Seite fteht, als deren Ergebnif fie zu betrachten find.
Weil die gefammten Strebungen des Menfchen, die bürgerlichen Sitten,
die Maatlichen Sefebe ut. f. w., gerade auch auf die wirthfchaftlihen Erfcheis
nungen des Lebens einwirken, fo Fann eine von ihrem urfächlihen Grunde
Loggeriffene und freigeworbene wirth[haftlihe Thatfache, wie gefchichtlich fie
immerhin fein mag, Feine ErFenntniß ihres eigentlichen Wefens und darum
auch Feine theoretifhe Verwendung vermitteln; € find ausgeriffene Augen,
die nicht fehen. Mit folchen, an fich nicht untwahren, aus der Sefchichte
herausgeholten und zufammengefchleppten Sfonomifhen Ihatfachen ift —
man Eann e8 nicht anders bezeichnen — ein wahrer. Unfug getrieben wors
den, und da fich bald der unendliche Meichthum in den Entfaltungen des
gefchichtlichen Lebens als ein unerfchöpfliches Nefervoir von Zhatfachen einer
der dußeren Erfeheinung nach -entaegengefebten Natur auch dem blödeften
Blick zeigen mußte, fo warf der Unverftand eine Migachtung auf die Thatfachen
 des gefchichtlihen Lebens, welche er gegen die Manier, fie vorzufühs
zen und zu verwenden, hätte Kbertragen wollen. Siebt e&amp;amp; doch noch immer
Leute genug, weiche behaupten, aus der Sefchichte, welche Baco die materia
 prima philosophiae nennt, laffe fich AUWes, jedes RNaifonnement bes
weifen, was doch nichts Anderes heißt, als daß in den men[Hlichen Dingen
weder irgend eine Vernunft noch auch nur ein feltes Caufalitätgverhältniß
zu erfaffen. fei. Iedermann weiß, daß feit der Zeit, in weicher man ges
fchichtliche und fratiftifche Thatfachen in ihrem Werthe für die theoretifchen
Ausführungen über Verhältniffe der Wirklichkeit Hochzufchäßen gelernt Hat,
allerdings für die entgegengefebteften Meinungen colonnenweife folche Ihatz
fachen aufmarfehiren müffen, aud) daß man bei mancherlei Gelegenheiten die
zrgögliche Schlußfrage über: Parceque oder Quoique glaubte durch Majos
ritäten von zufammengefuchten Angaben ohne Nückficht auf deren nur aus
ben urfächlichen Kräften zu gewinnende Bedeutung entfheiden zu Eönnen
 — da muß e8 faft wie ein Wunder erfheinen, daß man nicht längft
überall, wo man fich mit gefchichtlichen Erfheinungen begnügt und nach
dem Zufammenbhanae derfelben mit ihren Urfachen meiter nicht viel fragt,
        <pb n="345" />
        336

ebendenfelben Spott gegen die »unumftößlichen Bemeife durch gefchichtliche
und ftatiftifche Thatfachen« gerichtet hat, mit welchem man die unumftößlichen
 Schlüffe des abfoluten Denkvermögens fich wieder ausgeredet Hatte,
Um dem nothwendigen Erfordernif Genkge zu thun, welches verlangt, daß
jedenfalls, die Urfachen aller SEonomifchen Erfheinungen feftgeftellt merden,
melche irgendwie zur Verwendung gelangen, ficht fich der Nationalökonom
abermals zum umfaffenden- allgemein gefchichtlihen Studium genöthigt.
Nur durch diefes Kann er dem FIerthum entgehen, falfhe Urfachen den Er.
feheinungen zu unterftellen oder die Bedeutung einer einzelnen immerhin
mitwirfenden Kraft zu Kberfchäben, eine andere geringer anzufchlagen als
fie verbient, das Ergebniß einer beflimmten Combination einzelner Urfachen
zu überfehen u. f. w®. So wahr und richtig irgend ein Ausdruck einer ein:
zelnen wirthfchaftlihen Erfheinung, an und für fi und fo lange man die
don ihm bezeichnete Thatfache ifolirt ins Huge faßt, erfcheinen mag, er Fann
als durchaus verfehlt und- falfch erfheinen, fobald man weiß, daß er eine
in das Sefammtleben eingefügte Thatfache in ihrem activ= und, pafftozcauz
falen Zufammenhange, repräfentiven foll. UmgeEehrt Fann deshalb der
Fall fehr leicht eintreten, daß ein und derfelbe Ausdruck z. D., für eine ffas
tiftifche Angabe, einen ganz verfchiedenen Sinn für die Beweisführung er
Hält, je nachdem eine Veränderung in Yen Urfachen der betreffenden Erfchetz
nung angenommen wird. € ift immer mißlich, auf Chatfachen aus
der SEonomifchen Sefchichte der Völker etruns Erheblihes geben zu müffen,
wenn wir fie aus Perioden haben, über welche wir Feine Fare Einficht in
die. caufalen Triebkräfte des Sefammtlebens zu gewinnen vermögen; wo
aber Lepteres der Fall ift, müffen wir mit allem Fleiß die SEonomifchen
Thatfachen in ihrem Zufammenhange mit dem Sanzen des VWolkslebens zu
zefalfen fuchen, wenn wir einen ficheren Grund für die Berechnung dkono
mifcher Dinge haben wollen, die eben nirgends in einem in fich ifolirten
Baufalnerus ftehen. Daß man, um einen Vergleich z.B. der BVerwerthung
menfchlicher Handarbeit in verfhiedenen Beiträumen bei verfhiedenen BWöl-Bern,
 unter dem Borwiegen verfchiedener Erwerbsztwveige möglich zu machen,
vor Allem erft zu einem, wenn auch nicht abfolut geficherten feften Werth»
maßftab fich den Weg bahnen müffe, ift allgemein anerFannt. Aber muß
fich nicht die Bedeutung verglichener Maßbeftimmungen über das, was man
z. B. an zwei verfchiedenen Stellen mit derfelben Werthmenge Eaufen kann,
gar fehr durch einen Blick auf die Haltung und die Stufe des Sefammt:
(eben8 in Sitten und Gewohnheiten u. f. ww. Ändern, da (ih hier erft ergiebt,
was man zu Eaufen ftrebt oder gezwungen ift? Ih beforge nicht, daß
man bei diefen und Ähnlichen Beifpielen mit einem Hinweis auf eine be:
fordere neue Wiffenfchaft antworte, um deren Conftituirung fich diefelben
Nationen, welche die arößten Erfolge in der Nationalökonomie errungen
        <pb n="346" />
        337

haben, fich neuerdings abmühen, mit einem Hinweis auf die fogenannte Be:
fellfchaftsmiffenfhaft und deren befondere Aufgaben. Denn mag es fi
nun dabei nur um einen neuen Zweig und eine abermalige Erweiterung
und Ergänzung der Hiftorie handeln, oder mag: fich wirklid) ein befonderes
BSiied in der NMeihe der politifchen Wifenfchaften — das Wort im antiken
Sinne genommen — herausbilden; für die Nationalöfonomie wird unter
allen Umffänden feftzuhalten fein, daß fie fih nicht auf unrichtige, weil ein:
feitige und partielle Fundamente in ihrem Raifonnement, fondern. nur auf
die wahren und ganzen des gefchichtlichen Lebens ftüßen darf; daß fie nicht
zu Argumentationen mit Berwußtfein {ich hinarbeite, die offenbar tvieder um
gearbeitet und corrigirt werden müffen, fondern ein Ziel zu erreichen fuche,
das in fih wahr if und Feftfteht. Freilich wird offen das Eingeftändniß
gemacht werden müffen, welches den Nationalöfonomen, wie hülfreich ihnen
auch überall die willkommene ftatiftifhe Angabe zur Seite fteht, doch nicht
fchmwer fallen Eann, weil fie e&amp;amp; nicht mit vein ftatiftifchen Aufgaben zu thun
haben, das Eingeftändnif, daß fidh nicht ale dem volfswirthfhaftlichen
Raifonnement nöthigen Fundamente und Angaben in das präcife Maß der
eracten Bahl faffen laffen. Nur die quantitativ meßbaren Erfeheinungen
des objectiv wahrnehmbaren und feftzuftellenden Außeren Lebens, forwie der
naturgefeblihe Caufalnerus der Dinge, läßt fich durch eracte Zahlen adäquat
meffen und wiedergeben, nicht aber ift diefe Uusdrucksweife möglich zur Bes
zeichnung rein qualitativer Unterfchiede und für einen Caufalnerus, welcher
auf die äußerlich weder exact faßbaren, noch meßbaren Mächte und Kräfte
des geiftigen Lebens des einzelnen Menfehen wie ganzer Nationen zurücsgeführt
 werden muß. Statiftifde Belege und Nach mweife vermag man
wohl über die Macht der Sitte, die Richtung eines Bolfscharakters, die
Wirkung der Traditionen aus der Vergangenheit u. f..w. vorzuführen —
den Seift diefer Dinge felbft, die innere Bedeutung ihres Wefens, kann man
nicht mit Zahlen weder fich vergegentvärtigen, noch Anderen zur Kenntniß
bringen. Damit ift natürlich nicht gefagt, daß an irgend einer Stelle, an
welcher die ftatiftifche Angabe und Berechnung Plas greifen Fann, die Nas
HonalSEonomie fich diefer Handhabe für ihr Raifonnement entfchlagen dürfe;
vielmehr ift diefelbe an ihrer Stelle durch nichts Anderes gleich gut zu
erfeßen, und ihre Anwendung dort auch allein im Stande, das MNöthige zu
liefern. Daß man auch da zur ftatiftifchen Feftftellung der Urfachen, und
nicht bloß der Erfcheinungen, welche Folgen jener find, vorfhreiten, daß
man, foweithin e$ möglich wird, den Zufammenhang des Einzelnen mit dem
Sanzen verfolgen und nirgends einem abgeriffenen Einzelnen eine ent{cheiz
dende Bedeutung beilegen dürfe, verfteht fich nach unferen obigen Bemer-Fungen
 von felbfit. Nur ftatiftifiche Specialunterfuchungen ,. die ein gleich:
jeitiges Ganze von Urfachen und Wirkungen im Vergleiche zu einem nach
Anies. yolit. Detonomie. 2
        <pb n="347" />
        338

Drt oder Zeit verfehtedenen anderen Ganzen von derfelben Art foftftellen,
Fönnen die großen Vortheile bringen, von denen wir reden, während die
fragmentarifhe und partielle Arbeit auch des Statiftikers nur verwirrt und
säufcht. Die Nationaldfonomie ift deshalb ganz unmittelbar an der VBerallz
gemeinerung, an der einheitlichen und umfichtigen Leitung ftatiftifcher Arbeis
ten betheiligt.
Mag man alfo für Berhältniffe der Gegentwart oder der Bergangenheit
SEonomifche Thatfachen feftzuftellen fuchen, niemal$ wird man fie von dem
. caufalen Zufammenhange mit den Urfachen, von der Verbindung, im der fie
“alg Theile oder Punkte in einem großen Sefammtfreife von Erfcheinungen
‘{tehen, Losgeriffen in Betracht ziehen dürfen. Es ift diefe Wahrheit in vie:
fer Hinficht von einer fo fundamentalen Bedeutung, daß wir fie noch von
einer anderen Seite her in’s AUuge faßjen wollen, Vergegenwärtigen wir
uns zunächft einmal an’ einem Beifpiele , wie in der That erft die Berückfichtigung
 der Urfache einer Thatfache über diefe ein fonft. nicht gegebenes
Richt verbreitet. Sefest, man wollte 3. B. einen Schluß über den Zufam:
menhang großer Maffen bei Einzelnen aufgehäufter Neichthümer mit den
Zuftänden und dem nächftvorliegenden Berlauf, fittlich politifher VBerhältniffe
aus einer Bergleichung ziehen zwifhen den Berhältniffen in den fpäteren
Zeiten des römifchen Kaiferreiches und denen dei einzelnen modernen. Völkern,
fo würde man Gleiches gegenüberfiellen, fo lange man fi darauf befchränkt,
den eömifhen »NMeichthum« gegen den modernen »Reichthum« zu halten,
man hat aber alsbald ganz BVerfchiedenes vor fih, wenn man zufammen:
gepländerten und erpreßten Neichthum einem durch Arbeit und Sparfamkeit
gewonnenen RNeichthum gegenüberftellt 11. f. mw. Haben wir hieran ein Belz
[piel, wie zwei Aufßerlidh gleiche Erfcheinungen durch die Berfchiedenheit der
fie hervorbringenden Urfachen zu wefentlid) ungleichen Erfeheinungen werden,
fo bieten fich ung überall auch Thatfachen, deren Berfchiedenheit {ich erft, id
möchte fagen, durch die Betrachtung eines’ noch vorhergehenden Inftanzenzuges
 ergiebt. Um ein Beifpiel herauszugreifen, will ich etma darauf ‚vers
weifen, wie die Kreuzzüge nad) dem gelobten Lande Paläftina fich gleich den
modernen Zügen von BVöllerfhwärmen nach dem gelobten Lande Amerika
dem SEonomifchen Betrachter als Uuswanderungen von Arbeits = und Capitalfräften
 darftellen. Während wir weiterhin zahlreiche Berweife haben, daß
die SEonomifchen Folgen der Kreuzzüge auch in einer Zufammenlegung Ur:
rondivung, Vergrößerung des Srundbefibes in den Händen Einzelner {ich
zeigten, Fann man — ich felbft habe mich an vielen Orten davon überzeugt
— fich leicht vergewiffern, wie auch durch die gegenwärtig fich vollziehende
Auswanderung daffelde Ergehnif hervorgerufen wird. Dennoch ift das eine
und das andere Ergehnif in feiner wirthfhaftlichen Bedeutung ein durchaus
verfchiedenes wegen der Verfchiedenheit in der Öfonomifchen Entwicklungs:
        <pb n="348" />
        339

ftufe der Völker Hberhaupt, wie wegen des Unterfchiedes in den Motiven und
Befichtspunkten der zunächft handelnden Perfonen, und es würde ein falfher
Schluß fein, wenn man fich die S£onomifchen Folgen der Kreuzzlige und der
modernen Auswanderung in eine Parallele feßen wollte, welche auf eine
Gleichheit der Wirkungen hinausliefe. Eben diefer Umftand alfo, daß im
mer zum vollen Berftändnif des Wefens irgend einer SFonomifchen Thatfache
die Berückfichtigung der fie hHervorbringenden Urfachen gar nicht entbehrt
werden kann, muß ung immer wieder auf das Verkehrte hinweifen , zufam
mengeftellte einzelne Thatfachen als Mittel der Beweisführung anzunehmen,
auch wenn fie für fich betrachtet wahr fein follten. Der Zufammenhang, in
welchem die einzelne SEonomifche Thatfache mit dem Sanzen fteht, welches
fie frägt, muß uns warnen, etwa aus der Worführung von Thatfachen einer
früheren Zeit ganz unmittelbar beweisführende Belege über Berhältniffe und
Fragen in unferer Segentwart gewinnen zu wollen, oder uns der Meinung
hinzugeben, daß dasjenige, was zu irgend einer Zeit, unter ganz beftimmten
und befonderen VBerhältniffen wahr und richtig gewefen, ebendeshalb nach
einer im Allgemeinen eingetretenen großen Aenderung des Sefammtbeftandes
der Dinge noch ebenfo wahr und richtig fei.. Wären die SEonomifchen Er
fheinungen das Ergebniß einer iHfolirt beftehenden und rein naturgefeßlich
wirkenden Kraft oder Kräfteverbindung, nur dann würde die Unnahme einer
vollen Kdentität der Wirkungen bei dem Auftreten derfelben Kräfte unter
allen Umftänden fid) rechtfertigen Laffen. Aber der Zufammenhang der Skonomifchen
 CThatfachen mit dem Sefammtbeftande des Lebens ift fo innig,
die Mitwirkung des freien perfonalen Elementes fo ftetig, daß die natur:
gefeßliche Caufalität, welche immer zur Anerkennung identifcher Wirkungen
zwingt, in Feiner Weife nachzumweifen ift, Im Grunde genommen liegt ge:
vade hierin auch die Berechtigung der Ausftelungen, die man bekanntlich
gegen das Maifonnement des fharf Logifhen Ricardo erhoben hat, Ris
cardo geht häufig gerade von fein beobachteten und mit Umficht feffgeftellten
Thatfachen des wirklichen Lebens aus und nimmt fie zur erffen Grundlage
feiner Argumentation, Dann aber überläßt er fi Sfter einer Methode der
Schlußfolgerungen, wie man fie wohl bei Philofophen gewohnt ift, in der
Theorie über nationalSEonomifche Fragen aber nicht zulaffen Kann. Un der
Stüße logifher Gedankenverbindungen und begriffliher Evolutionen führt
er den Lefer, der Feine Unterbrechung oder Unrichtigkeit in der Kette der
Schläffe wahrnimmt, immer weiter und weiter vorwärts, bis zu einem Mefultat,
 das — troß der Thatfachen in der Bafis und der männlichen Logik in
dem Raifonnement — dann doch noch lange nicht außer Frage geftellt ft.
Denn da es fich zuleßt doh immer nicht bloß um etwas TWahrgedachtes,
nicht um eine Wahrheit nur der Gedanken, fondern. um eine Wahrheit für
das empirifche Leben handelt, fo Fann auch nur der Caufalnerus diefes em-7
 *
        <pb n="349" />
        340

pirifchen Lebens den Ausfchlag geben, und eben diefen und feine mannig:
fachen Conjuncturen vermag Feine menfchliche Einfiht im VWoraus und ab:
ftract zu combiniten. UnmwilEürlidh denkt man daran, wie Etwas Einf:
Lerifhe Wahrheit haben kann und, gegen die empirifehe Wirklichkeit
gehalten, doch als unmwabhr erfcheint. Auch wenn man in der nationaldEo:
nomifchen Schluffolgerung vor dem Schlußrefultate Feinen Widerfpruch
gegen die empirifhen Erfahrungen aufnimmt, erhält jenes felbft gleichwohl
feine Befiegelung erft durch die Erfahrung. Unfere Sedankenverbindung
über Thatfachen der Sinnenwelt ift oft nur richtig, fo lange wir nad) der
Maife deffen uns richten, was wir bereits wiffen; eine neue Erfahrung ver
beffert dann diefe Nichtigkeit. Wer zuerft mit einem geraden Stab eine
Stelle auf dem Srunde eines durchfichtigen Wafferfpiegels berühren wollte,
mußte nach der Erfahrung der neuen Thatfache ber die dabei einzuhaltende
Richtung die gewiß vorher für unumftößlich angefehene Richtigkeit feiner
Sedankenverbindung daran geben.
Es gehört zur Richtigkeit des nationaliFonomifchen Schluffes, daß man
den Iogifh richtigen Schluß wiederum an der Erfeheinung des empirifchen
Lebens prüft; infofern man einen Miderfpruch findet, muß man nicht das
Reben dem Gedanken, der richtig gedacht ift, unterwerfen, fondern den Logifch
richtigen SGedankengang durch die Rückficht auf den Sedankengang, der in
der Wirklichkeit liegt, verbeffern. Wir haben fehon an einer früheren Stelle
zine Andeutung über eine Folgerung aus einem Sage Adam Smith’s
gegeben, welche gerade durch ihre Einfachheit den Charakter des Fehlfchluffes
EHarftellt, der dadurch entfteht, daß ich in meinem NMaifonnement einen neu
auftretenden Begriff nicht nach dem Leben prüfe, fondern nur in Rücklicht
auf die Logifhe Verbindung meiner Ideen. Wenn Ydam Smith, ausgehend
 von dem Sage, daß diejenigen GSewerbswaaren , deren ein BolE zur
Aufrechthaltung feiner Selbfefkändigkeit eventuell unumgänglich bedarf, in
dem Iulande in hinreichender Menge und auch nöthigenfalg mit Opfern an
Taufchwerthen hervorgebracht werden follen, aus diefen Serwerbsraaren das
Schießpulver nambhaft macht, fo fönnte man, mie wir bereitg hervorgehoben
haben, den offenbar Logifh richtigen Schluß machen, daß Sifen im Kriege
zbenfo nothmwendig für die Landesvertheidigung fei wie Pulver, und mithin auch
bie Production des Eifens, wenn die Natur des Bodens es irgendwie geftattet,
nöthigenfallg eben auch mit den größten Sinbufen an Taufdhwerthen im
Snlande zu bewerkfelligen fei. Es zeigte fih dagegen Leicht, daß, wenn
auch das Eifen mit dem Pulver als ein Artikel des Kriegsverbrauchs auf
derfelben Linie ftehe, dennoch anderweitige MLerhältniffe des Lebens’ eine fo
weite Kluft zwifchen beiden aufmerfen, daß das Eintreten in die Logifch rich»
tige Schlußfolgerung gegenüber der Wirklichkeit zu einer falfhen Schluß:
Folaeruna wird. ch denke nicht daran, zu behaupten, daß NMicardo in
        <pb n="350" />
        341

sinem fo einfachen Falle fih nicht von vornherein das zur befriedigenderen
Löfung nothwendige Fundament der Ihatfachen breiter und fefter aufgerichtet
haben würde; e® Fommt ung nur darauf an, das Verhältniß an fich Earzus
ftellen. Auch ift mir. wohl gegenwärtig, baß die Theorie nicht immer die
Lebenserfahrungen zum Prüfftein vor fih Hat, ja fogar ihrer eigentlichen
Natur nach, dem Leben immer in Ulledem etwas vorausffeht, was fie prüs
fend und mahnend den Zeitgenoffen als nächfte Zielpunkte der Entwicklung
porhält. Es follte hier zunächft nur auch für die Nationalökonomie jener
Standpunkt begründet werden , auf welchem die volle Hingabe an die Ihats
fachen und Lehren des wirklichen Lebens als erfte GSrundbedingung der Wahrheit
 erfheint, und bei einem Zwiefpalte zwijchen unferen Borftelungen und
Bedankenverbindungen mit den Lehren des Lebens neue Wahrheiten durch
jene Bereitwilligkeit hervorgebracht zu werden pflegen, welche jenen Sab
Fefthält, daß »auf die Wahrheit der Erfheinungen alle VBorfiellungen , die
man ihnen unterlegt, nicht den geringften Einfluß haben«, Das Wilffen
gefhichtlicher Verhältniffe, Thatfachen und Entwicklungen wird. nur
durch das Lernen derfelben herbeigeführt, die ErEenntnig allgemeiner Befebe
in dem gefchichtlichen Leben nur durch die aufmerffame Hingabe an das
Detail der Thatfachen der Wirklichkeit vorbereitet, und da, wo der National:
SEonom eine noch unbekannte, d. h. nicht erfahrene Größe durch combinirende
Divination zu erfeßen genöthigt ift, wird er fo die Meifterfhaft bewähren,
daß er die Erfahrungen des wirklichen Lebens gleichfam vorfühlt und vor:
wegnimmt. Daß diefes aber, zumal in den fo complicitten Verhältniffen
des modernen Staats: und Völkerlebens, nur um fehr wenige Schritte vors
aus, überhaupt möglich ift, erfheint um fo mehr außer Frage gefebt, als e$
menfchlicher Einficht verfagt it, alle FTactoren der zu erwartenden gefchichtliz
chen Erfcheinungen zu überfchauen , gefchweige das Maß der Wirkungskraft
in den einzelnen und in dem Zufammenwirken aller irgendivie ficher zu
beftimmen.

| 1

Jenn ein Naturforfher die Wirkung einer naturgefeblihen Berbinz
dung von Urfachen. und Folge nachweifen und die Formel für das Natur:
gefeß feftftellen will, fo fucht er zu diefem Ziele durch eracte Beobachtung
von Thatfachen zu gelangen, in denen jener Caufalnerus zur Erfheinung
kommt. Er hat vielleicht erft viele Thatfachen und Beobachtungen nöthig,
bis er den Sachverhalt in feiner aanzen Einfachheit herauszuftellen vermag.
        <pb n="351" />
        342

S{t ihm diefes aber einmal wirklich geglüct, fo Fann die Wiffenfchaft dars
auf, daß fich diefer Carfalnerus Gberall und ausnahmelos bewährt, mit jener
Sicherheit rechnen, welche für ung überhaupt gewonnen werden Kann; er
muß fi überall und immer ganz in derfelben Weife vollziehen, denn in
allen Factoren, welche in Frage kommen, liegt das Sefeg der NMaturnoth:
mendigkeit. So unermeßlich das Feld fi ausfirekt, auf welchem neue
Mahrheiten hinzugemwonnen werden Fönnen, fo foßen diefe doch die bereits
eingebrachten nicht um. Wir fahen bereits, auch diejenigen Sefeße der realen
Welt, weiche für die BVolkswirthfchaftslehre. aus dem Kreife der Naturgefebe
Ääberhaupt von befonderer Wichtigkeit find, weil fie fih dem wirthfchaftlid
thätigen Menfehen offenbaren und für denfelben, fein Schaffen, Streben und
Erreichen maßgebend find, haben alle Merkmale jenes Charakters. Daß
dag Metallgeld dauerhafter ft und noch andere Verwendungen zuläßt wie
das Papiergeld; daß die Wirthfchaft auf Mittelwald in derfelben Zeit den
Boden ftärker ausfaugt als die auf Hohwald; daß eine Erleichterung des
Verkehres den TIransport derjenigen Segenftände vermittelt, welche nur
durch das Maß der befeitigten Erfhmwerung vom Transporte zurückgehalten
murden u f. w., alle dergleichen Thatfachen ftehen auf tein naturgefeblichem
Boden, Fönnen mit vollkommener Sicherheit in naturmiffenfhaftlicher Bez
weisführung fefkgeftellt werden und müffen fih in allen Fällen und zu allen
Zeiten mit vollkommener Identität bewahrheiten. Bei allen Beweisführun:
gen und Schluffolgerungen kann man. auf ihre conftante Wirkjamkeit ficher
rechnen. Sie haben alle die gemeinfame Eigenthümlichkeit, daß fie nur
Kraftwirkungen realer Bedingungen ausdrücken. Das Caufalitätsverhültniß,
welches fo zur Erfenntniß gebracht wird, Fann durch Feine fpätere Beobach:
tung und Erfheinung wieder umgeftoßen werden; wohl aber Fann derjenige
Ausdruck deffelben, welcher der Summe und Eigenfchaft früherer Beobachz
tungen entfprach, in Folge der erft fpäterhin möglich gewordenen einer Vers
allgemeinerung oder Specialifirung zugeführt werben müffen. Ie mehr
vervielfältigt und verwickelt oder erneuet und umgeftaltet das mwirthfchaftliche
Treiben und Streben der Völker wird, um fo mehr muß auch die Menge
der beobachteten NMaturgefeße diefer Art zunehmen, und zugleich erfaffen wir
mehr und mehr Refultate neuer Combinationen altbefannter naturgefeblicher
MWirkungskräfte,
Man hat nun aber auch in derfelben Weife wie diefe Naturgefeke der
gealen Welt, welche in dem Kreife des wirthfehaftlichen Lebens zur Erfcheiz
nung und Wirkung Fommen, das Caufalitätgverhältnif derjenigen Ihatz
jachen aufgefaßt, denen im Grunde genommen die Bezeichnung woitthfchaft:
licher Thatfachen im ftrengeren Sinne des Wortes allein zukommt, d. h.
alfo derjenigen, in welchen die Wirkung des perfonalen Siementes zugleich
in der Formel ihren Ausdruck finden fol. Ss ift ein Gefen der realen
        <pb n="352" />
        343

Melt und für die Volkswirthfchaft Äunßerft wichtig, daß die Productkivität des
Bodens vermittelft Meliorationen durch Capital und Arbeitsverwendungen
yerftärkt und dauernder gemacht mird, weil die naturgefehlich erfolgende
Production des Bodens abhängig ift von dem Dafein und der Menge ges
wiffer Subftanzen, von dem Zutritt der Luft an den Humus u. f. w. Da:
gegen ift es eine Thatfache, beziehungsweife das Ergebniß eines Caufalitäts:
verhältniffes der ztveiten Art, was zU Grunde liegt, wenn man fagt: infofern
28 zu gleicher Beit zuläffig ift, eine Vermehrung der Productionsergebniffe
des Landhaues durch eine Berftärkung der AUrbeitsz und Capitalvermwenduns
gen auf das bereits angebaute Land oder durch eine Uusdehnung des Ans
baues auf noch uncultivirte Srundftücke zu erzielen — fo {ft e8 beffer und
portheilhafter, etwa Das erftere Mittel fiatt des an zweiter Stelle genannten
zu ergreifen. . Hier haben wir e$ mit einer Thatfache und einem Caufalitäts:
verhältniß zu thun, bei welchem durchaus nicht allein Sachverhältniffe
der realen Welt entfcheiden. Man würde fie wirklich in einem gleichfam
rein realen Caufalnerus, d. h. in einer naturgefeklichen Berbindung. von
Urfache und Wirkung. fich zu yergegeniwärtigen vermögen, oder vielmehr .e8
ift dafür nur dann eine Möglichkeit gegeben, wenn man- auch in das perz
fonale Element eine fo ffetige, immer gleich qualificirte, ffets in derfelden
Richtung hin wirkfame, deffelden Mares von Erfolg allüberall fichere Kraft
verlegt, wie fie in den realen Dingen beobachtet wird. Das that man
wirklich, indem man in den Menfchen das inftinctive Streben nach den
BZielpunkten des Privategotsmus verlegte, und in welcher Weife das im Einz
zelnen weiterhin fich ausprägte, wohin man vorfchreiten mußte, und wie
man abbeugte und zurüctrat, welche weitere Ergänzungen nöthig wurden,
um das aufrecht zu erhalten, mas man auf diefem Wege als gefegmäßige
und feßfe Erfheinungen in dem wirthfhaftlichen Güterleben gefunden und
aufageftellt, alles Diefes haben mir bereitg hinlänglich gefehen. Uber bei der
BWermehrung der Beobachtungen und Erfahrungen Fonnte e8 nicht lange
entgehen, daß die Annahme von einem in Allen mit gleicher Stärke, in
gleicher Weife waltenden wirthfchaftlichen Privategoismus eine bloße Fiction
fei; in der Gegenwart und in der Vergangenheit, in den individuellen und
in den nationalen Charakteren erkannte man bald gewaltige Unterfchiede in
diefem Punkte; noch ficherer und unleugbarer war e8, daß, mochte e$ fich
nun mit diefer Annahme verhalten wie e8 wolle, ein folcher naturgefeBlicher,
immer fich gleicher Caufalnerus, wie er in den Erfheinungen der realen
Welt vorlag, in der die Mitwirkung des Menfchen zugleich umfehließenden
Thatfachen nicht wahrzunehmen war, Mo man hierüber nicht im Ungewiffen
 verblieb, da gab man e$ deshalb theils geradezu auf, innerhalb des
Gebietes diefer Unterfuchungen von Gefeßen der Erfeheinung zu veden, theils
heankate man fich, nur eine allgemeine Regel ; ein Gewöhnliches, ein Mei:
        <pb n="353" />
        344

ftenthetis in den urfächlichen Verbindungen nachweifen zu können. Daf
man auf biefe Weife ztwar eine entfchiedene, auf fcharf bezeichneter Grundlage
aufgebaute Anficht aufgegeben, Feineswegs aber ihr gegenüber das, was man
für beffer und richtiger hält, mit pofitiven Gründen und Ausführungen ges
fichert hatte, {ft an fich Mar, Man bleibt dabei gerade über die Hauptfache
felbft ganz im Ungemwiffen, darüber nämlich, worin die Negel der Erfcheinuns
gen und die Übweichungen von derfelben ihren Grund haben, was der Bes
fand und das Wefen einer volkwirthfchaftlichen Regel fei, und auf welchem
Wege man folhe Caufalitätsverhältniffe, die nun einmal offenbar nicht im
naturgefeßlichen Zufammenfchluß der Thatfachen in der realen Welt ftehen,
feftzuftellen habe. Denn wenn e8 auch hier freilich auf die Thatfachen des
wirflichen Lebens fo anfommen wird, daß fie die Grundlage der Beweis:
führung und Schluffolyerung bilden, fo ift es doch offenbar, daß fie wegen
des Einfchuffes eines neuen, nicht naturgefeblichen Tactor8 nicht in derfelben
Weife zu verwenden ftehen. Auch würde man erft nach den Ergebniffen
eben einer foldhen Unterfuchung darüber gewiß werden Eönnen, ob man nicht,
ftatt das Gefegmäßige der Erfeheinung zu beftreiten, vielmehr die Formel zu
Sefämpfen habe, in welcher e$ hingeftellt wird; ob nicht vielleicht nur diefes
und jenes einzelne Sefeg Überhaupt zu befeitigen, beziehungsweife zu ver:
beffern fei, weil man nur hin und wieder irgend Etwas al8 ein Ulgemeines
angenommen habe, was Fein Allgemeines if, oder der Augdruck zu fpeciell
und eng ausgefallen ift.
Der Nachweis der Gefegmäßigkeit einer Erfheinung ift abhängig von
dem Beweis des Caufalitätsverhältniffes von Urfache und Wirkung. Man
muß dabei fefthalten, daß man eine Urfache überhaupt nur fo al8 vorhanden
und wirkfam nachzuweifen vermag, daß man ihr Wefen als wirkende Kraft
nachgewiefen hat; man muß eben die Richtung und die Iragweite einer
urfächlichen Kraft Fargeftellt haben. Wo alfo eine Urfache, eine ihrem
Wefen nad) beffimmte Kraft in einem caufalen Nexus auftritt, da muß fie
ihre Eriftenz und Wirkung dadırch bethätigen, daß fie immer in derfelden
Weife auf die Hervorbringung von Erfcheinungen einwirkt, Man hat des:
halb ein SGefeß der Erfheinung erwiefen, wenn man ein: Caufalitätsverhältz
ni in diefem Sinne nachgewiefen hat. Wenden wir zunächft diefes auf
das Gebiet der SEonomifchen Erfheinungen an, fo müffen wir fagen, das
Öfonomifche Sefet ift feftgeftellt, wenn die Factoren, das reale und das per:
fonale Clement, in ihrem Wefen als wirkende Urfachen feftgeftellt find.
Man wird überall und immer auf die Sefepmäßigkeit der Erfheinung, d. h.
auch auf die nothtoendige Wiederkehr derfelben rechnen Fönnen, fobald ganz
biefelben Factoren fidh zu einer anderen Zeit oder Stelle ganz in derfelden
Combination alg urfächlidhe Kräfte in der Hervorbringung einer Wirkung
vereinigen; umgelehrt ift e8$ in diefem Sinne ganz wahr, daß jede Öfono:
        <pb n="354" />
        345

mifche Erfheinung gefebmäßig in das Leben trete, Denn nicht darin ‚Kegt
der Unterfchied des Verhältniffes der realen und der perfonalen Elemente zur
wirthfchaftlichen Thatfache, daß man einer gefeßmäßig daffehenden Verbindung
von Urfache und Wirkung das ganz zufällige Ergebnif einer vegelloS wirken:
den Kraft gegenüberzuftellen hätte, Darin liegt vielmehr die Verfchiedenheit,
daß der naturgefebliche Caufalnerus der Elemente. der realen Welt immer
gleich bleibt, weil auch in dem inneren MWefen diefer urfächlichen Kräfte Feine
YNenderung eintritt, wo und wann fie zur Erfheinung fommen mögen, während
 die perfonalen Elemente, obwohl fie überall das Wirken des Menfchen
darftellen, In fih nach Zeit und Ort Wandelungen erfahren, als deren natlırs
liche Folge eine Berfchiedenheit der von ihnen ausgehenden urfächlichen Wirz
Fungen anzuerFfennen if. Dabei ift. freilich feftzuhalten, daß in allem
menfchlichen Leben und Wirken etwas Cmwiges und Sleiches ft, weil Fein
einzelner Menlch zur Sattung gehören Fönnte, wenn er nicht gerade fo mit
allen SFndividuen zum gemeinfamen Sanzen verbunden wäre, und daß diefes
Ewige und Gleiche auch in den SGemeinwefen zur Erfcheinung gelangt, weil
diefe die Eigenthümlichkeit der Einzelnen doch immer zur Bafis haben,
Diefes Emige und Sleidhe muß auch in der wirthfehaftlichen Thätigkeit des
Menfchen erkennbar und faßbar fein, weil e&amp;amp; in dem einheitlichen Mittel:
punkte des menfchlich perfönlichen Lebens feine Stelle haben muß, und eben
bon diefer aus, wie jedes andere, fo auch das Öfonomifhe Wirken beftimmt
wird. Nun hat aber einmal auch das perfonale Leben, wie alles Lebendige
überhaupt, eine ffetige Entwicklung, es wird nicht anders als in einer Bes
wegung erkannt, Wie der einzelne Menfech lLeiblich und geiftig wächft, von
Entwicklung zu Entwieklung fortfchreitet, in fich und nach außen hin immer
neue Geftaltungen trägt und bewegt, bis das Leben in ihm überhaupt dem
Tode Plab macht; fo ift auch das Lebendige der Wölker in einer UnNUNterbrochenen
 Bewegung und Entwicklung, nur daß man leichter nach Jahrhunz
berten zählen Kann, als nad) Jahren; von Stufe zu Stufe fchreitet e vor
und bewegt alle Formen der äußeren Erfheinung, in denen e$ fein Walten
augprägt, in einer einheitlichen. Entroicklung weiter und weiter. Da in dies
fer auch das Gebiet der Skonomifhen Erfheinungen umfehloffen ift, fo fön:
nen auch diefe. nur als Entwicklungen angefhaut werden, und wenn eine
SefeBmäßigkeit der in unferem Sinne wirthfhaftlichen Thatfachen feftgeftellt
merden foll, fo Eönnen nur folche Sefeße in Frage fommen, welche Sefehe
der Entwicklung und Bewegung find, nicht Sefebe, welche ffationäre Zuz
fände zu Ihrer nothwendigen Vorausfegung haben. Dazu kommt nun ein
zweites Moment. Ienes Ewige und Gleiche in allem menfchlich-perfönlichen
Leben hindert nicht, daß zugleich alles menfchlich = perfönliche Leben Haraktervolle
 Unterfchiede erkennen läßt; eine mannigfaltige Berfchiedenheit der Ent-Faltungen
 auf den Gebieten des inneren mie des Äußeren Lebens ift die noth:
        <pb n="355" />
        346

wendige Folge diefer Unterfchiede, Sie werden deshalb auch fichtbar werden
auf dem Sebiete der wirthfchaftlichen Erfheinungen im Leben der Bölker,
auch da, wo etwa die Entwikiung auf derfelben Stufe im VBerhältniß zum
Laufe des Sanzen angelangt ift, auch dann, menn, es fich hier und dort zu:
gleihH um Erfeheinungen von derfelben Sattung handeln follte. Diefe Vers
fehiedenheit würde auch fehon deshalb fich bemerkbar machen, weil die Skonoz
mifchen Erfcheinungen immer in einem engen Berbande mit der Entwick:
lung und denjenigen Lebensfundamenten ffehen, auf welche die befonderen
gefchichtlichen Eriebniffe eines Volkes einen belangreichen Einfluß ausiben
müffen. Wenn es fidh fomit um Erfheinungen und um Ges:
feße der Erfheinung handelt, bei melden eine Gleichheit
und eine BVerfhiedenheit zugleich in Betracht Fommt, fo
Finnen wir nur eine Ynalogie, nicht eine Jdentität der dkonomifhen
 Erfheinungen erwarten; e$ Fönnen nur Sefeße
der Ynalogie gewonnen werden, nicht Gefege abfolut glei:
her Caufalwirkungen. Da nun die Methode der Unterfuchung und
VBeweisführung immer im engen VBerbande fteht mit dem Charakter der zu
Löfenden Aufgabe, fo it e&amp;amp; nothwendig, daß man auf dem SGebiete der wirth:
fchaftlichen Dinge darauf verzichtet, eine Methode in Anwendung zu bringen,
welche darauf berechnet ift und davon ausgeht, eine Sefeßmäßigkeit abfolut
identifcher Erfheinungen nachzuweifen. Da es fich nur darum handelt, die
gefeßmäßig fich herausftellende Analogie der volks$wirthfchaftlichen Erfcheinun:
gen Earzuftfellen, fo muß die Methode angewendet werden, welche die Er:
Fenntniß diefer Analoate vermittelt.

Unter analogen Erfcheinungen wird. man alfo folche zu verftchen haben,
welche bis auf einen gewiffen Punkt hin eine Steichheit und Uebereinftim:
mung erfennen Iaffen, über. denfelben hinaus dagegen Abweichungen von
zinander zeigen. Das, worin fe fich gleich find, macht ihren Sattungsbegriff
aus und if ebendeshalb dann in allen analogen Erfheinungen als das We:
fentliche zu erfalfen. E€8 Fann ebenfowohl, mie in einzelnen Ihatfachen, fo
auch in einer ganzen Meihe von Erfeheinungen eine Analogie ftattfinden und
erFannt werden. Liegt zugleich in der Berkettung diefer Zhatfachen eine
Yebereinftimmung des Wefentlichen bei einer Berfchiedenheit im Cinzelnen,
fo hat man eine Analogie der Entwicklung vor fich. Um die SGefenhmäßig keit
der Analogie hHerauszuftellen, hat man nicht nur die Uebereinftimmung in
dem Wefentlihen der Erfcheinungen oder einer Entwicklung vorzuführen,
jondern auch die Analogie der urfächlihen Kräfte und in der Caufalitäts:
verbindung. Es mwiederhoft fich mithin auch hier jene Forderung, welche
wir fehon bei der ftatiftifchen und gefchichtlichen Feftffellung der Thatfachen
hervorhoben:; die Forderung, daß man fich nicht auf die Erfcheinungen bes
        <pb n="356" />
        347 ;

jhränken dürfe, fondern auf ihre Urfachen zurhcgehen müffe, weil nur die
Hinzunahme diefer nicht nur überhaupt erft über Gleichheit und Verfchiedens
heit, Aehnlichkeit und Unähnlichkeit entfheidet, fondern aud) jede Thatfache
eff in dem Zufammenhange mit der fie hHeroorbringenden urfachlihen Kraft
ibr Wefen erkennen (äßt. Es ift einleuchtend, daß man die Analogie der
Erfcheinungen und den Nachweis einer SefegmäßigFeit detfelben nicht aus
ziner einzelnen Thatfache oder einem einzelnen Caufalitätsverhältnif feftzus
ffellen vermag, wäre e8 auch noch fo.genau beobachtet, noch fo exact feftz
geftellt. Wefentliches und Untwvefentlihes , Semeinfames und Berfchiedenes
Täßt fih nur durch Bergleichung erfaffen und nachweifen. 8 tritt deshalb
zu der Forderung, die Thatfachen des gefhichtlihen Lebens genau feftzuffellen,
um fie alg Grundlage der Erkennthiß und des Maifonnements zu verwenden,
bie andere hinzu, für jedes einzelne Problem möglichft viele von Dderfelben
Battung zufammenzuftellen, um den Bergleih auf möglichft umfaffender
Bafis möglich zu machen, eine Forderung, welcher ohne das gefhichtliche
Studium des Lebens der Bölker in alter und neuer Zeit Fein Senüge geleiftet
werden Kann. Es ift entfchieden Verzicht darauf zu leiften, nach Art der
Erforfhung naturgefeblicher Wirkungen in der realen Welt, aus einer einzt
gen Thatfache das Sefep der Erfcheinungen Fennen lernen, bloßlegen zu
Bannen. Das Princip der Analogie, die Methode zur Gewinnung der Be:
feße der Analogie ift von dem größten Werthe, felbft- für die reine und die
angewandte Mathematik, weil für fie dadurch die Beziehungen feftgeftellt
werden, melche zwifchen fpeciellen Sägen und den mit ihnen correfpondirens
den allgemeinen ftattfinden. In der Nationalökonomie lehrt die Erforfhung
der Analogie nicht nur das SefeBmäßige in den Erfheinungen zuerff erfen:
nen, fondern e$ iff diefes auch der Weg, auf welchem unrichtige Formulis
rungen bereit erfannter und feftgeftellter Sefeke verbeffert werden.‘ An dem
Vergleiche mehrerer und neuer Thatfachen erkennt man, wo man zu eng
oder zu weit den Kreis gezogen Hat, welcher das Semeinfchaftlihe umfchließt,
Meil nach den Prineipien der Analogie immer das Gleiche und das Ber:
fehiedene gegenüberzuftellen if, fo vermag man auf diefem Wege nicht bloß,
wie erwähnt, auch die Beziehungen des Berfchiedenen zu dem Sleichen durch
die Bergleichung feftzuftellen, wodurdy das Wefen der Erfeheinungen immer
tiefer erfaßt wird, fondern es Fann auch eine Vergrößerung der Bafıs, eine
Vermehrung der in Vergleich Eommenden Ihatfachen und Erfeheinungen
von derfelben Gattung zur Erfenntnißg eines neuen Gleichartigen in der erft
durch die neu hinzugewonnenen Thatfachen überwiegenden Menge von Er:
(heinungen hinleiten , indem fich £theilg die Gegenfüße des Berfchiedenen und
des Sleichartigen verändert gruppiren, theils auch in dem, was feüher, nach
Beobachtung einer geringeren Anzahl von Erfheinungen gleichfam als frei
und veaellos, alg Ausnahme und fpecielle Ciaentblmlichkeit in den einzelnen
        <pb n="357" />
        348 .

Thatfachen erfehien, fpäter ein allgemeines Sefeß der Erfheinung erkannt
wird, fobald man in den Stand gefebt ift, größere Combinationen anzufßellen,
Ss ift intereffant zu vergleichen, in welcher Weife fich die Statiftik neben
und gegenüber der NMationalskonomie des Prineipes der Analogie zur Ent
defung und Formulirung neuer Wahrheiten bedient. Blickt der Statiftifer,
um 3. SB. das VBerhältnif zwifhen den männlichen und den weiblichen Ge.
burten feftzuffellen, auf die Thatfachen in der einzelnen Familie, fo findet er,
fo lange er zum Vergleiche eine geringere Zahl derfelben heranzieht, eine voll
frändige NMegellofigkeit, nichts, was die Wirkfamkeit eines Naturgefeßes an
biefer Stelle anzudenten fcheint. Almälig erweitert er aber den Kreis feiner
Beobachtungen, zieht die Ergebniffe der Bevölkerung in Städten, in Provinzen,
 in ganzen Ländern heran; vielleicht daß er auch erft längere Zeiträume
in BVergleichung zieht, um die. Cinflüffe auferordentlicher Einwirkungen, wie
der Kriege u. f. w. auszugleichen — dann zeigt fih ihm aber auch eine un:
geahnte SefeBmäßigkeit der natürlichen Erfheinungen in dem fcheinbar ganz
Megellofen, und überall findet er das Durchfchnittsergebnif, die mittlere BZahl
beftätigt, welche das Ergebnif feiner Unterfuchungsmethode ift.  Diefe Grö-Benbeftimmung
 hat Feine Bedeutung, trifft nicht zu in allen einzelnen Fällen
und möglicherweife in Feinem einzigen einzelnen Falle, d. h. in Feiner einzel:
nen Familie, in Feiner einzelnen Stadt, fo lange man ‚fie vereinzelt im Auge
dehält, fie ift nur das Ergebnif alles Einzelnen zufammengenommen, der
Mittelpunkt, um den alle einzelnen beobachteten und berechneten Punkte
oscilliren. Darin liegt die Berfchiedenheit des ftatiftifchen Sefeßes der Anaz
logie von dem Ergebniß, welches die Nationaldtonomie gewinnt, welche viel:
mehr das auffucht, was den einzelnen Thatfachen fo gemeinfam ift, daß es
in jeder derfelbden umfchloffen liegt, Daß gleichwohl auch die NMationaldkos
nomie durdy die Methode der Analogie zu neuen Ergebniffen geführt wird,
Fonnten wir bereits hervorheben; die Vergleichung eines immer größeren
Kreifes von Thatfachen muß fie ebendeshalb ftet$, foweit e&amp;amp; nur durch den
Hortfchritt der gefchichtlichen Erfahrung möglich wird, herbeizuführen fuchen
und ftets gewärtig fein, durch eine Erweiterung der Grundlagen für die Ana:
[ogie, theils eine richtigere Formel der bereits gewonnenen SGefeße der Er.
fcheinung, theils auch Überhaupt neue Gefeße da zu finden, wo fie früher
nur Ausnahme von der RMegel erkennen mochte. Gerade diefe Kraft des
Prineipes der AUnalogie, zu neuen Wahrheiten hinzuführen, fcheint mit
Rofcher nicht richtig erfaßt zu haben, Freilich er berührt von dem in dies
fem Aofchnitt Ermähnten Faum Etwas und nur in vorlbergehender Kürze,
Wir Eonnten fehon darauf hinweifen, wie er einmal e&amp;amp; ausdrücklich bemerkt,
man müffe die Verfchiedenheiten in den SEonomifchen Erfheinungen des
Volkslebens mit demfelben Cifer und SIntereffe zu erfalfen fuchen, wie das
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        349

Steichartige. Sn demfelben Auffake 1) giebt er auch eine Eurze Bemerkung
ber das methodifche Verfahren, um SGefege des S£onomifchen Lebens zu ges
winnen; ich Eann den paar Worten nicht ganz beiftimmen, auch abgefehen
davon, daß auch hier wieder der Lefer Feine rechte Klarheit darlıber gewinnen
Fann, was NMofcher unter den »Naturgefeben« verfteht. Er. erwähnt dort
den Scharffinn des ZhHukydides, welcher fo oft das NMechte getroffen,
obmobhl ihm oft nur die Beobachtung einer einzigen Thatfache derfelben Art
bekannt gewefen fet. »Ung.heutzutage,« ‚Heißt e$ dann weiter, „fällt e8
nicht fchrwer, die NMaturgefege z. B. der Colonialentwiklung aufzufinden.
Wir brauchen nur die große Menge der Colonialgefchichten neben einander
zu halten, das Gemeinfame herauszunehmen und das Ubweichende als Yu8-nahme
 zu erklären.« Wir brauchen nicht zu wiederholen, welche Ausftelung
unferer Meinung nach an diefem Eurzen Proceß zu machen iff. &amp;amp; muß
dabei unbeachtet bleiben die tiefe Wahrheit in dem fhönen Worte Cam:
panella’8, »die Analogie, welche uns von dem Bekannten zum Unbe=Fannten
 führt, ift das Princip aller Entdekungen.« Denn in jenem Falle
ift das »Gemeinfame« das Bekannte, das »AUbiweichende« das Unbekannte,
Macht doch obendrein Nofcher felbft in diefem AUuffahe mit Recht darauf
aufmerEfam, daß wir durchaus nicht wiffen, ob wir uns jebt im erften oder
im lebten Zehntel der Sefchichte der Menfehheit befinden — aber wie, Fann
dann nicht, mas al8 das vom Gemeinfamen Abweichende erfhien und als
Ausnahme erklärt worden if durch die Erfheinungen in der Erfahrung der
fpäteren neun Zehntel als das Gemeinfame erfheinen umd das in dem erften
einen Zehntel "als das SGemeinfame Erklärte als das AUWbmweichende und als
die Ausnahme? »Bei allen Bölkern, « fagt Nofcher an einer anderen
Stelle ?), »hat fich die Landwirthfhaft ebenfo analog entwickelt wie die Pos
litiL«. Die Beobachtung des Gleichartigen, die Erkfiärung
des Berfchiedenartigen lehrt das Wefentlidhe, das Sefes
fennen« — aber wie fehr muß fi der Lefer wieder verwirrt fühlen durch
die darauf folgende Belegftelle: »Chaque diversite,« fagt Montesquieu,
»c’est üniformit6, chaque changement c’est constance!« Welche Bez
dankenverbindung führt von diefer fpinoziftifchen. Einförmigkeit in der Vers
[chiedenheit, Beharrlichkeit in dem Wechfel zu einem methodifchen Verfahren,
burch welches in einer entgegengefebten Gedankenrichtung gegenübergeftellte
Momente als Segenfäiße zum Bewußtfein gebracht werden follen!
Semi HE das Arbeitsaebiet der Mationalbkonomie, menn fich biefelbe

'y Heber dag Berhältnif der Nationalökonomie zum claffifchen Aiterthume,
a. a. 9. S. 119. .
Ideen zur Politik und Statiftik der Acterbaufnfteme. Srite Hälfte, a. a. D.
©. 228.

AN
        <pb n="359" />
        350

auf die Fefiffelung der in ihren Unterfuchungsfreis fallenden Sefeke der rea:
len Welt und der als Functionen von Kraftwirkungen realer und perfonaler
Eiemente fich darftellenden wirthfehaftlihen Erfcheinungen befchränkt, fchon
fehr groß, insbefondere auch, weil dabei doch die mächtige Fülle der SEonomiz
fchen Entwicklungen des gefchichtlichen Völkerlebens zur Durchwanderung
vor ihr ausgebreitet liegt; auch ift fehon bei diefer Aufgabe der. außerordentz
liche Werth diefer Disciplin für die Zuftände einer jeweiligen Gegenwart
und die Entwicklungen einer bevorftehenden Zukunft mit allgemein und be:
reitwillig anerkannten Ausführungen längft außer Frage geftellt. Indeffen
if e$ auch ung nach dem Vorgange Underer aus früher angedeuteten Grün:
den nothwendig erfehienen, daß die Wiffenfchaft auch jene Aufgabe zu Löfen
fuche,. welche fich aus der Natur einer morali[dh-politifchen Disciplin ergiebt,
und. in der pofitiven und unmittelbaren Mitwirkung zur Verwirklichung der
höchften fittliden und politifchen Ziele des Völkerlebens hefteht. Wir fahen,
baß fi dadurch eine Mobdification der Refultate eines rein SEonomifchen
NRaifonnements ergeben Fann oder muß, und daß die Nationalskonomie diefe
Modification einer anderen wiffenfchaftlichen Disciplin oder der Praxis nicht
überlaffen Fan; einestheil®, weil fie fonft ein .unfertiges, beziehungstveife
unbrauchbares, ja — vom moralifch- politifchen Standpunkte aus betrachtet
— felbft [Hädliches Schlußergebniß liefern würde, und anderntheils fie doch
eben allein im Stande ift, die moralifch = politifchen Forderungen mit den
höchfimöglichen Refultaten der rein Skonomifhen‘ Beftrebungen und Kraft:
wirkungen in Vereinbarung zu bringen. Da ergiebt fich denn freilich un:
mittelbar, daß fie auf dem bis dahin befprochenen Wege allein diefe Aufgabe
nicht zu Löfen vermag. Denn diefe Wufgabe bezieht fidh auf Etwas, was
durch das empirifche Leben der Wirklichkeit in Vergangenheit und Segen:
wart noch nicht gegeben ift und von der fich felbft Überlaffenen Entwicklung
der Dinge in der Zukunft felbftverftändlicher Weiße ebenfowenig geradezu erwartet
 werden Fann und darf, als diefes in irgend einer theoretifhen Disciplin
der Sal ift, welche durch ihre Lehren mahnend und erleuchtend auf die Bes
wegungen, Strebungen und Zielpunkte des praktifchen Lebens einzuwirken
bemüht tft. Gewiß gewinnt auch die Nationaldkonomie aus dem gefchicht:
lichen Leben der vergangenen Sefchlechter und Völker fefte Srundlagen zur
Erfenntniß deffen, was zum politifchen und moralifhen Wohl eines Bolkes
gereicht, forvie der Mittel, durch welche daffelbe zu erreichen ffeht. Indeffen
bei der unleugbaren ewigen. Weiterentwicklung des menfchlichen Sefchlechtes
im ANgemeinen, bei dem vorgerückten Standpunkte der in fpäteren Entwick:
fungsperioden auftretenden Völker; bei dem ununterbrochenen fittlich = politifchen
 Fortfehritt auch in die NMegionen eines Unerlebten hinein, handelt es
fi au um ein freies Schaffen eines noch niemals Dagewefenen, um Ziel:
punkte, die früher noch nicht erreicht, um Stufen, die noch nicht betreten
        <pb n="360" />
        351

find; und in diefer Entwicklung fol die vorfchreitende Entfaltung der politis
(chen und moralifhen Güter deg individuellz und national menfchlichen Les
hens gefichert werden. Kann fich-doch überhaupt Feine eigentliche Theorie,
melche zu ihrem Unterfuchungsgebiete das von aller Vergangenheit her und
in alle Zukunft hinein fidh raftlos bewegende Mölkerleben: hat, darauf bes
{chränken, einen bloß daguerrotypartigen Abdruck des Getvefenen und des
Seienden zu liefern; indem fie das Leben in der Bewegung erfaßt, muß
fie neben der Frage nach dem Woher — auch die Frage nach dem Wohin
in’s Auge faffen, und jenes »Maf der gegebenen Zuftände« Fann für alle
Diseiplinen, welche irgend einen Antheil an der politifhen Theorie Haben,
wohl den unerläßlihen und unerfeblichen Anfaßpunkt, nicht aber die Norm
des Zielpunktes abgeben. Die MNationaldtonomie hat, indem fie fich mit
den fittlihen und politifchen Gütern des Volksledens vertraut macht, an der
Tragweite des Freien in dem perfonalen Clement der wirth(haftlidhen hats
fachen den Anhaltpunet für die Möglichkeit einer Löfung der Verwirklichung
der hier zu Löfenden Aufgabe. Die Contrafte, welche fie zwifchen dem mwirth=[chaftlichen
 Leben in einer Gegenwart und in den zu erwartenden VBahnen
deffeiben in der Zukunft mit den fittlichen und politijchen Sütern des Bolks.
jebens erkennt und in der Entfcheidung nach den Srundfägen der Pflichtens
zollifion, ober nach der unbedenklichen Wahl zwilden Sutem und Böfem zu
befeitigen unternimmt, werden nur foweithin verfchmwinden Fönnen, als diefes
mit Mückficht einestheils auf die unvermeidlichen Wirkungen naturgefeblicher
Mächte und anderntheils$ mit Nückficht auf das erwartet werden Fann, was
wirklich von der freien That des Menfchen abhängig gemacht und zugleich
mit Fug und Recht beanfprucht werden ann. Alfo daß nur wirklich Mög:
Liches und Erreihbares in’s Auge gefaßt wird, ift ohne Frage die erfte
Korderung, welcher die Nationalskonomie hier zu genügen hat. Wie erhehend
 die Aufgabe, wie über alle Maßen vortrefflich für das fittlich = politifche
Reben der Völker es erfcheinen möchte, wenn etwa alles materielle Leiden aller
Finzelnen entfernt oder in allen Menfchen die werkthätige Unverdroffenheit
in dem Schaffen für Andere hHeruorgerufen würde — fo laffen fi doch ders
gleichen Bielpunkte natlırlidh auf dem wirthfchaftlichen Gebiete fo wenig erz
zeichen, wie von der Heilkunde die Befeitigung des Todes, obwohl fie ihn
fortrodhrend bekämpft und mit Erfolg bekämpft. In unferer Zeit Fann
man fich mit einem fo rohen Beifpiele begnügen, da e8 eine NMolle in der
Wirklichkeit gefpielt hat. Dem Sprichworte, daß der Feind des Guten das
Beffere ift, oder fagen wir Lieber: das Befte, erhält einen neuen Sinn, wenn
man dag Befte als unmöglich anfehen muß. Während Diejenigen, welche
Druck empfinden und Forderungen erheben, mit einem unerfüllbaren BVerlangen
 befeelt, immer ungefügigere Glieder des Semeintwefens werden, fchreden
Die, welche im Genuß übler Vortheile find und für Zugeffändniffe bereitwillig
        <pb n="361" />
        352

gemacht werden Fönnten, auch vor dem Möglichen zurück, wenn das Un:
mögliche verlangt worden it. Moralifch- politifhe Güter durch die theores
tifche Verarbeitung der wirthfchaftlichen Dinge anzufireben, bringt deshalb
gar Feinen Nußen, wenn nicht die nüchterne Beurtheilung deffen, was mög:
lich ift und erwartet werden fann, zur Seite fteht, Die Beachtung der
naturgefeglidhen Canfalität in den realen BVerhältniffen der
SEonomifchen Welt bleibt immer erftes Erfordernif; um ihm nachzufommen,
foll das feftgeftellte Ergebnip der Erfahrungen aus der vergangenen Zeit,
welches unter allen Umftänden einzuhalten if, dur jene aufmerkfame For
(chung ergänzt werden, welche im Hinblit auf die Combinationen der Zu:
Eunft die erfahrungsmäßige Wirkfamfkeit der realen Welt gleihfam im Boraus
 erfahrungsmäßig feftzuftellen fucht. Die unleugbare Wirkfamfkeit der
menfchlichen Freiheit auf dem-wirth{haftlihen Gebiete hat ihre eben fo un:
Leugbaren Schranken. Sie geht nie und nirgends fo weit, daß fie ‚die Cre
folge der wirthfehaftlichen Thätigkeit von fich allein abhängig machen, den
gefchichtlichen Berhältniffen ihre Kraft benehmen, die Natur zu einem will
Ehrlich Setvollten zwingen Eönnte; fie vermag nichts gegen die Tragweite
der Refultate von der Arbeit früherer Sefchlechter; fie geht nie fo weit, daß
man mit Erfolg an jeder Stelle der BVolkswirthfhaft daffelbe Ziek zu ftecken
vermöchte, das anderwärts vielleicht mit LeichtigFeit erreicht wird. Aber da
findet fie ihren Wirkungskreis und Kann großer Erfolge gewärtig fein, wo
die Wirkungskraft des Nothrendigen {harf erfaßt und bereitwillig anerkannt
wird und nur innerhälb des durch fie begrenzten Kreifes Feine anderen als
Folche Mittel in Anwendung bringt, weiche dem Wefen fittlich freier Thaten
zntfprechen. Dann kann man die Naturgefebe und die Macht des fittlichen
Schaffens zugleich refpectiren, zugleich fich jeglicher Winkür der Beftrebungen
mwiderfeßen und doch auch jener befhaulidhen Trägheit aus dem Wege gehen,
welche, weil fie unleugbare, mit naturgefeblicher Nothiwendigkeit wirkende
Vactoren überhaupt in Wirkfamkeit fieht, das Harren auf die Vollziehung
unabmendbarer Sefchicke als den Sipfel aller Lebensweisheit verfündet. In
dem fich die Nationald£onomie an die freie Tragmeite des perfonalen Ele
mente® wendet, Hat fie aber nicht bloß die durch die reale Welt feftgefehten
Schranken im Auge zu behalten, fondern natürlich fi auch durch das pfyz
hologiflhe und gefchichtlihe Studium der menfhlihen Natur und ihrer fort:
fehreitenden fittlidhen Entwicklung gegen phantaftifche Fäufchungen über das
Wollen und Streben diefes perfonalen Elementes zu fhirmen. Die Nationaldfonomie
 Kann im Hinblick auf den unleugbaren Fortfchritt der fittlichen
Bildung, welcher in aller gefchichtlichen Entwicklung fich gerade auch durch
das Niederkämpfen des Egoismus bewährt, fich gegen die das volkliche und
das individuelle Leben zerftörenden Wirkungen der rlckfichtslofen Selbftfucht
erheben, auch der Selbftfucht, welche den wirthfchaftlichen Privatvortheil mäch-
        <pb n="362" />
        353

tig fördert; fie Fann darauf bauen, daß die Uchtung und Nückfichtnahme auf
has Wohl Anderer nicht bloß in der Kirche, fordern auch auf dem Markte
zum Ausdruck Fommen Fönne, daß die gemeinfinnigen Triebe, welche zum
muthigen Tode auf dem Schlachtfelde den Bürger begeiftern, audh in dem
Handelscomptoir nicht verfiummen müffen, wenn erft der wirre Nebel ver:
fcheucht fein wird, den eine Äbelmeinende und eine wohlmeinende Kurzfichtig-Feit
 mit dem frevelhaften Unterfchiede ausgebreitet hat, nach weldhem diefelbe
Handlungstveife hier erlaubt und dort verpönt, hier fittlich und dort unfittlich
 erfcheint. Dagegen würde man Unmögliches fordern, wenn man an
das fittlich freie Thun der Sndividuen ein Verlangen fellen würde, welches
mit den Naturgefeken der individuellen Organismen im Widerfpruch ftebt,
wenn man etwa dem Einzelnen zur Pflicht machen wollte, eine Abfagung
von dem Streben nach wirthfchaftlicher Selbfiftändigkeit, nad) dem Sigenwohl,
 einen Verzicht auf die Freiheit der individuellen Bewegung u. 6 w. —
den Fall angenommen, daß man überhaupt in der Annäherung an die Vers
wirklichung folcher Dinge ein Gut der Menfehen und Bölker zu erkennen
vermöchte. Wann und wo alfo auch die MNationaldkonomie in der Entfcheiz
dung Aber wirthfchaftliche Dinge nicht nur nicht gegen die berechtigten Vors
derungen der moralifchen und politifchen Aufgaben des Bolksiehens verftößt,
Fordern auch in der Ereenntnif, daß das wirthfchaftliche Leben pofitiv die
höächften Ztveke der Staaten zu fördern habe, die wirthfhaftlihen Dinge
unter den normirenden Einfluß der moralifchen und politifchen Principien
ftellt, immer und überall hat fie fi gegenwärtig zu halten, daß ihre Dielpunkte,
 wiewohl fie über das im prattifhen Leben bereits Vorhandene bins
ausgehen, doch für eben diefes praktilche Leben vollEommen erreichbar fein
müffen.
Daneben wird auch hier der innige Zufammenhang, in welchem alles
wirth(haftliche Leben überhaupt, und fomit auch die hier hervorgehobene, von
der Theorie zu erzielende Entwicklung deffelben, mit dem SGefammtEreis der
Manifefkationen des BölEerlebens ffeht, im Auge behakten werden müffen. Der
Nationaldkonom Fann fih nimmermehr dem Glauben hingeben, daß er auf
demienigen Gebiete, wo in der Gegenwart wenigftens faft der heftigfte MWiderffveit
 der fittlichen und der egoiftifhen Triebe und Handlungen bemerkbar
ift, ohne eine von allen Seiten her und nach allen Seiten hin eingreifende
Mitwirkung die wünfchenswerthen Erfolge erlangen werde — daher das
große Sntereffe, welches die Nationaldkonomie an dem Zuffande und der
Entwicklung des ethifchen Lebens im Allgemeinen hat; der Nationalifonom
muß erkennen, daß fi ein lebendiges Wirken gemeinfinniger Triebe auf dem
Sebiete der SEonomifchen Dinge nur Hand in Hand mit einem [ebendigen
Sefammtgefühl der Einzelnen für den Staat und das VBolksleben in ihm in
Ausficht ftellen LÄßt — daher das tiefe Sntereffe unferer Theorie an dem
nieg, golit, Dekonumie. 23
        <pb n="363" />
        ö4

allgemeinen politifchen Leben der Völker und ihrer Staatsinftitutionen, Nur
da, wo man entroeber untgefehrt alle Nückficht auf das fittliche und politifche
Element im VBolksleben dem SFonomifchen unterordnete und die Yufgabe der
Theorie dadurch allein beftimmt werden ließ, daß jedem Menfchen ein aleiz
ches und möglichft großes Nuantum von Sachaütern zum Berzehr gefichert
werde, oder wo man e8 als erfle und unerläßliche Bedingung anfah, daß
nur von Sedem jegliche Einfchränkung einer abfolut freien Privatthätigfeit
auf dem Gebiete der Skonomifchen Dinge zu Sunften allgemeiner Zwecke
ferngehalten werde — nur dort hat man die vollftändige SleichgiltigFeit der
Sfonomifchen Aufgaben des Volksiebens gegen die politifche Seite des Staats:
febens oder die ‚unbedingte Scheidung der erfferen von der lebteren zu pro:
&amp;lt;lamiren unternommen. Um fo mehr fcheint e8 uns ziveifellos zu fein, daß
die Nationalökonomie nur in Verbindung mit gleichzeitigen und correfpons
birenden Entwicklungen in dem moralifchen und politifhen Leben der Völker
bedeutfame Neubildungen in der wirthfchaftlichen Welt erwarten darf. In
diefem Berhältnif liegt ferner der Grund, weshalb auch nicht nur überall
von dem ganz allgemeinen »Maß der gegebenen Zuffähde« und nicht
6foß von einer ifolirten Anknüpfung an den Beftand der öfonomifchen Dinge
aus der Ynlauf zu nehmen ift, fondern auch auf jene Sprungbewegungen
zu verzichten if, durdh welche mit weitausholenden Fühnen Griffen wie im
Sluge ein bedeutungsvolles Neue gewonnen werden fol. Denn alles orgas
nifche Leben, und zumal das Leben »zufammengefebter« Körper, will Zeit
zum gedeihlidhen Wachsthum haben, zu jenem Wachsthum, das auch dem
fcharfen Beobachter der Stunde oder eines Tages unmerklich bleibt, ihn aber
immer überrafht, menn er in längeren Zwifchenräumen nachfchaut, Diefe
nothtoendige Zeit und Zeitfolge mit Haft berfpringen zu wollen, heißt die
Natur aus dem organifhen Leben heraustreiben und naturam expellas
furca, tamen usque recurret, Yucd wird bei jedem größeren Schritte
weiter. von dem in der Gegenwart Segebenen hinaus die Sicherheit der
Theorie nothwendigerweife geringer, Niemals aber wird es aucd) bei der
Löfung diefer Aufgabe von dem nationalsfonomifchen Theoretiker überfehen
merden dürfen, daß auch auf dem Sebiete der wirthfhaftlichen Dinge der
Ze nicht das Mittel heiligt, Auch wo im Intereffe fittlicher und politiz
jeher Güter S£fonomifche Fragen einer Löfung zugeführt merden, weiche an
fi im höchften Grade wünfhenswerth und fegenverheißend erfcheinen mag,
würde diefelbe nur unheilbringend wirken, wenn man auf den Wegen des
Unrechts und der Undilligkeit zu ihr zu gelangen fuchte; mag aus einer
Saat von Drachenzähnen eine gepanzerte Kraft entfprießen, e8 ifk eine Kraft,
welche nicht Nuhe findet, bis fie fich felbft roieder vernichtet hat, Sofern
deshalb z. B. fih Mängel und felbft drohliche Uebel in der Vertheilung der
Süter als das Ergebniß einer beftimmten Entwiklungsperiode des ökono:
        <pb n="364" />
        335

mifchen Lebens herausgeftellt haben und die nationaldfonomifche Theorie es
nicht bloß als ein wirthfhaftliches Gut, fondern als eine unerläßliche Bedinz
gung ‚für die Erzielung fittlidher und politifher Güter des Wolkslebens erz
Fannt hat, daß eine andere Bertheilung angebahnt werde, fo wird fie nimmer:
mehr diefe durch Mittel, weile den Grundlagen eben diefes fittlichen und
politifchen Lebens widerfprechen, Herbeiführen, beziehungsweife empfehlen
dürfen. Nicht der gute Zweck Heiligt das fhlechte Mittel, fondern das
fchlechte Mittel entheiligt den guten Zweck, Freilich zeigt fihh diefer Weg
auch immer als ein Weg der Kurzfichtigkeit und Befchränktheit, indem er
(tet darauf hinausläuft, die Erfheinungen, die Folgen ffatt der Urfachen
bekämpfen und befeitigen zu wollen. Um die Wurzel SFonomifcher Erfcheiz
nungen, fotveit diefelben nicht das naturgefeßliche Ergebnif der realen Welt
find, zu erfaffen, wird man auf die Motive und auf die Kräfterichtung in
dem perfonalen Elemente zurükgehen müffen, wird man fidh nur von. einer
Erregung. und Kräftigung der fittlichen und gemeinfinnigen Triebe, wobei
die Freiheit des individuellen Schaffens gewahrt bleibt, eine Befeitigung. von
Mißverhältniffen verfprechen dürfen, die man fihh vergeblich von einer ges
imaltfamen Befeitigung fehlimmer Früchte eines verdorben bleibenden Stams
mes in Xusficht {tellt.
Man hat fo häufig das SEonomifche und das politifche Leben der Völker
wie ein Erperliches und ein geiftiges gegenübergeftellt und fo auch die Wiffenfchaft
 der Politik der Pfyhologie, die Nationalökonomie dagegen der. Phys
fiotogie verglichen. Niemals würde man einem folchen Vergleiche zuftim:
men Eönnen, wenn er e8$ in Wbrede ftellen follte, daß auch durch alles wirth=Ichaftlidhe
 Treiben und Schaffen der Individuen, wie der Völker, ein geiftiz
ges Leben und Weben fich hindurchzieht, welches die nationaldfonomifche
Theorie nicht bloß in’s Auge zu faffen und Harzuftellen, fondern auch mit
den allgemeinen Mafftäben der fittlich = politifchen Entwiklung des Volks:
lebens in Einklang zu bringen hat. Die Bedeutung diefes Iheiles in den
Aufgaben der Nationalökonomie wird (ih um fo ficherer herausftellen, je
mehr man ffdj vergegentoärtigt, wie diefe MWiffenfchaft e&amp;amp; doch bei aller Bez
handlung von Fragen aus der fachlichen Shterwelt immer wieder mit dem
Menfchen, mit einer geiffigen und von geiftigen TIriebfedern bewegten Per:
Fönlichteit. zu thun hat. Und fo fcheint e&amp;amp; nicht ungerechtfertigt zu fein,
wenn man den althergebrachten, aber doch aud) von Adam Smith mitten
in feinen Sfonomifchen Erörterungen ausgefprochenen Sat: Slückfeligkeit
und Elend des Menfchen ruhen allein im Seifte (happiness and misery
reside altogether in the mind), gegenüber der nationalöfonomifchen Wiffen:
fchaft in der Forderung aufrecht zu erhalten fucht, daß man den Werth ihrer
Leiftungen insbefondere nach den Früchten zu bemeffen habe, welche fie den fittz
(ichen und nolitiichen Elementen des Volksiebens darzubrinaen im Stande fei.
        <pb n="365" />
        Druck von Friedrich Bieweg und Sohn in Braunfchweig.

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        <pb n="366" />
        <pb n="367" />
        <pb n="368" />
        <pb n="369" />
        <pb n="370" />
        <pb n="371" />
        <pb n="372" />
        <pb n="373" />
        <pb n="374" />
      </div>
    </body>
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</TEI>
