— 110 — Kredit, Produktionsfaktor? da er bei einem ungünstigen Verlaufe auf Kündigung rechnen muß, bei einem günstigen ev. weitere Vorschüsse erwarten kann. Je ausgedehnter die Kreditwirtschaft ist, um so mehr gehen die Interessen der Bevölkerung Hand in Hand. Wichtiger ist es noch, daß auf unserer Kulturstufe jeder wirtschaftlich T’hätige mehr oder weniger des Kredites bedarf, es daher auch in seinem eigenen Interesse liegt, sich des Vertrauens seiner Mitbürger würdig zu erweisen, um bei ihnen Kredit zu haben. Ein Jeder fühlt sich unter der Kontrolle aller derjenigen, die mit ihm in Geschäftsverbindung stehen; jeder Fehlgriff in seiner Thätigkeit, jeder Ausfall in seinen Einnahmen drohen daher seinen Kredit zu beeinträchtigen. Ein Jeder wird also durch sein eigenstes Interesse veranlaßt, seine Thätigkeit mit entsprechender Vorsicht durchzuführen, um nicht seinen Kredit zu erschüttern. Die Gesamtheit wird dadurch zu einer soliden Wirtschaft erzogen. Dieses pädagogische Moment des Kredites fällt namentlich bei den Schultze-Delitzschschen Genossenschaften erheblich ins Gewicht, wo Jeder solidarisch für die Verbindlichkeiten des Unternehmens haftet, und von den Volksbanken das Mitglied größere Darlehen nur auf Grund der Bürgschaft zweier anderer Mitglieder erhält. Deshalb ist Jeder zur größten Vorsicht genötigt, um sich einen solchen Ruf zu wahren, daß er leicht die Bürgschaft anderer Mitglieder erhält, und wiederum gezwungen, die Lage und Thätigkeit der übrigen fortdauernd zu kontrollieren, um seinerseits nicht Unwürdigen Bürgschaft zu gewähren. Wer aber den Kredit bei der Bank verliert, kann ihn sicher von anderer Seite nicht leicht erwarten und wird in seiner Berufsthätigkeit lahm gelegt. Aus dem bisher Gesagten ergiebt sich, welche Stellung der Kredit in der Volkswirtschaft einnimmt, welche Bedeutung ihm zuzuschreiben, welcher Art seine Wirkung ist. Doch sind die Anschauungen darüber noch keineswegs völlig geklärt, wenn auch die Gegensätze nicht mehr 30 stark sind, wie sie sich noch vor einigen Dezennien herausstellten. Der Engländer Macleod und der Amerikaner Perry schrieben dem Kredit eine unmittelbar Kapital bildende Kraft zu, indem sie meinten, ne Kreditoperation vermöge selbst Kapital zu erzeugen. Die Ausgabe von Papiergeld erschien ihnen, wie auch dem Schotten John Law als ntsprechende Neuschaffung von Kapital auf Grund einer Verwechslung von Geld und Kapital und einer Gleichstellung der Geldsurrozate und der Münze. Durch die Ausstellung eines Wechsels für ein gewährtes Darlehn von 1000 Mk. wird aber offenbar nicht eine Verloppelung der 1000 Mk. herbeigeführt, obgleich der Wechsel als Zahlungsmittel benutzt werden kann und dadurch einen volkswirtschaftlichen Dienst leistet; sondern durch den Wechsel werden die 1000 Mk, zu einer doppelten Funktion gebracht, indem sie in der Hand des Schuldners zu Zahlungen an Arbeiter in der Fabrik benutzt werden können, und zugleich der Gläubiger in den Stand gesetzt wird, über die 1000 Mk, vermöge des Wechsels zu disponieren, um damit seinerseits einen Gläubiger zu befriedigen. In dem Volksvermögen sind deshalb immer nur die 1000 Mk. vorhanden, aber sie haben durch die Kreditoperation eine erhöhte Wirksamkeit erlangt. Dasselbe ist der Fall bei der Ausgabe von Noten durch eine Bank auf Grund des Versprechens der Einlösung bei Präsentation der Noten. Die Bank behält das bare Geld im Kasten und setzt Repräsentanten desselben in Umlauf, die Note wirkt jetzt im Verkehre genau wie die Münze selbst. Man nat ein neues volkswirtschaftliches Hilfsmittel damit gewonnen. Aber