263 — Einkommen allgemein wesentlich günstiger gestaltet. Auch wissenschaft- liche Vorkämpfer der Sozialdemokratie (Bernstein, Schönlank) erkennen an, daß die Lage der unteren Klassen sich im Laufe des letzten Jahrhunderts gewaltig gebessert hat. Aber ebenso unverkennbar ist es, daß sich ein wachsender Mittelstand entwickelt hat, der ein behäbiges Dasein zu führen vermag und über einen entsprechenden Rückhalt an Besitz verfügt. Man braucht nur an das Aufblühen unseres Bauernstandes zu denken, für den ein weit kleinerer Besitz an Grund und Boden gegenüber früheren Zeiten genügt, um ihn als zur Mittelklasse gehörig erscheinen zu lassen. Ebenso läßt die Beobachtung der Bauten in den Städten, die erst neuerdings Bedeutung erlangt haben, die wach- sende Zahl derer erkennen, die auf bessere Wohnungen Anspruch machen und in der Lage sind, sie zu bezahlen. Es ergiebt sich daraus, daß durch das allgemeine Wachsen des Wohlstandes eine größere Zahl tüch- tiger Leute aus dem Handwerkerstande, wie auch aus der Fabrikarbeiter- schaft Stellungen zu gewinnen vermögen, durch welche sie sich dem Mittelstande einreihen, wobei die absoluten Zahlen in einem höheren Maße ins Gewicht fallen als die Verhältniszahlen, d. h. auch da, wo bei starker Zunahme der Bevölkerung die untere Schicht einen etwas wachsenden Prozentsatz ausmacht, kann dieses reichlich ausgeglichen werden durch die Erhöhung des Einkommens aller Schichten und eine bedeutende Zunahme der absoluten Zahl der in behäbiger Lage befindlichen Personen. Schon durch das Sinken des Preisniveaus der Artikel des gewöhnlichen Bedarfes ist auch bei gleichem Einkommen unter bescheidenen Verhältnissen die Kaufkraft gestiegen und hat sich die Lebenshaltung verbessert. ; Ganz besondere Bedeutung ist aber hierbei auf die Vergleichung der verschiedenen Länder zu legen. Wo ist der Mittelstand am größten, in den unkultivierten oder in den kultivierten Ländern? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. Nirgends steht sich unvermittelter Arm und Reich gegenüber als in Rußland. Am meisten schreitet dort in neuerer Zeit Polen vor, wo sich erst jetzt allmählich, hauptsächlich in den Städten, ein Mittelstand entwickelt. Weit größer ist derselbe augen- fällig in Deutschland und weit mehr im Westen als im Osten. Wie jeder Reisende schon bei oberflächlicher Betrachtung zu konstatieren vermag, nimmt der Mittelstand wiederum in Frankreich einen größeren Spielraum ein als in Deutschland, in England mehr als hier, und ent- schieden am meisten in den Vereinigten Staaten von Nord- amerika. Die große Masse der amerikanischen Farmer gehört dem Mittelstande an und steht nur einer sehr geringen Zahl von Arbeitern und einer verschwindenden Zahl von Großgrundbesitzern gegenüber. Es ist. ein Irrtum zu meinen, daß es dort in den Städten nicht selbständige Handwerker, kleine Kaufleute etc. gäbe, die vielmehr, namentlich ın den mittleren und kleineren Städten, eine große Rolle spielen und ver- möge ihres hohen Verdienstes der Mittelklasse zuzuteilen sind. Zu ihr gehört auch außerdem ein bedeutender Teil der Arbeiter in den Fabriken infolge ihres bedeutenden Lohnes und der Ersparnisse, die sie zu machen vermögen, da der gewöhnliche Lebensunterhalt weit billiger ist als in Europa. Die Vorstellung, daß in England, wie in Amerika der Gegensatz zwischen wenigen immens reichen Leuten und der großen Masse der Besitzlosen weiter und unvermittelter sei, als auf dem europäischen Kontinente. stammt aus dem Beginne des Jahrhunderts, wo er zutreffend Vergleichung verschiede- ner Länder