- 324 $ 96, Die Pessimisten. a) Robert Malthus. Das Mal- th us’sche Bevölke- rungsgesetz. Die Adam Smithsche Beurteilung der Kulturentwickelung war eine wesentlich optimistische gewesen für den Fall, daß man zur wirt- schaftlichen Freiheit überging. Man hatte dieselbe in der Hauptsache in England Ende des 18. Jahrhunderts erreicht. Handel und Gewerbe waren in noch nie dagewesener Weise gestiegen, gleichwohl zeigte sich, wie erwähnt, in der großen Masse der unteren Bevölkerung Not und Elend, und wenn dasselbe sich auch nicht vergrößert haben mochte, so trat es in den wachsenden Städten sichtlicher zu Tage, und der Gegensatz zu dem wachsenden ‚Reichtum der Unternehmerklasse war arheblich verschärft. Infolge dieser Beobachtung unternahm es ein Geist- licher, Thomas Robert Malthus (1766—1834), die Ursachen dieser Erscheinung zu ergründen, und er legte seine Anschauungen in einer Schrift nieder: „An essay on the principle of population as its effects the future improvement of society. London 1798“, Da die darin sehr schroff ausgesprochenen Anschauungen nur eine kurze und unvoll- kommene Begründung erfahren hatten und deshalb vielseitige scharfe Anfeindungen hervorriefen, sah sich der Verfasser veranlaßt, einige Jahre darauf eine wesentlich erweiterte Ausgabe zu veranstalten, unter äem Titel: „An essay on the principle of population or a view of its past and present effects on human happiness etc, 1803“ in zwei Bänden. Dieses ist die maßgebend gewordene Schrift, die bis zum heutigen Tage ihre Bedeutung behalten hat. Sowohl von den Merkantilisten wie den Physiokraten war den Zeit- verhältnissen entsprechend eine starke Bevölkerung als die Grundlage für Macht und Wohlstand angesehen, und deshalb die Förderung der Volksvermehrung als wesentlich wünschenswert hingestellt. Auch Adam Smith mußte diesen Standpunkt als gerechtfertigt anerkennen, wenn er auch mit mehreren der Physiokraten künstliche Maßregeln der Staatsgewalt, wie sie die Merkantilisten forderten, verwarf. Vielmehr setzte er als selbstverständlich voraus, daß die Volkszunahme von selbst größere und ausreichende Dimensionen annehmen würde. Malthus stellte sich auf den entgegengesetzten Standpunkt, indem er behauptete, daß in der Bevölkerung nach einem Naturgesetze fort- dauernd die Tendenz vorliege, sich in einem stärkeren Maße zu ver- mehren, als es für die wirtschaftlichen Verhältnisse angemessen sei, und dadurch stets die Gefahr einer Uebervölkerung vorliege. Es ist die Auffassung, welche Charles Darwin, wie er es selbst erklärt, die Anregung zu seiner Lehre von der natürlichen Zuchtwahl in der Tierwelt gegeben hat. „Verschwenderisch“, sagt Malthus, „sät die Natur in allen organischen Reihen den Samen des Lebens aus, sparsam ist sie in der Anweisung der Nahrung. Die Keime, welche die Erde jährlich gebiert, vermöchten, wenn ihnen eine allseitige Entwickelung gestattet wäre, Millionen von Welten in wenig Jahrhunderten zu erfüllen; aber das eiserne Scepter der Notwendigkeit zeichnet ihnen beengende Grenzen vor, und auch der Mensch vermag durch keine Anstrengung seines Verstandes diese Schranken niederzureißen“, Ueberall kann man demnach eine rapide Zunahme der Bevölkerung beobachten, wo die Verhältnisse derselben günstig sind. In den Ver-