353 and daß dieselbe aus Gerechtigkeitsgefühl geändert werden müsse. Ueberall überwiegt die wirtschaftliche Seite der Frage, sie bildet den Kernpunkt. Die politische wird nur sekundär als Mittel hinzu- gezogen. Auch die Unterscheidung zwischen Sozialismus und Sozialdemo- kratie ist nicht überall eine klare, und zu häufig ist ein Zusammen- werfen der Begriffe zu beobachten. Die sozialdemokratische Richtung will, wie es der Name besagt, die Volksherrschaft erlangen, um da- durch den sozialistischen Staat herstellen zu können. Sie wird durch eine politische Partei vertreten, Ein Sozialist wie Rodbertus war kein Sozialdemokrat, er setzte voraus, daß sich in der Monarchie und Jurch dieselbe der Sozialismus allmählich Bahn brechen würde. Doch ist diese Anschauung allerdings nur eine Ausnahme. Am wenigsten Klarheit ist bisher über den Begriff des Anarchis- mus erzielt. Die neueste und schärfste Definition ist von Eltzbacher aufgestellt, der wir in der Hauptsache folgen. Er findet bei den hauptsächlichsten Anarchisten als das allein Gemeinsame die Ver- neinung des Staates für die Zukunft. Nach der Art aber, wie sie den Staat ersetzt sehen wollen, findet er große Unterschiede, wie ebenso, wie sie sich die Entwickelung zu ihrem Ziele denken. Mehrere der Hauptvertreter des Anarchismus verzichten für die Zukunft auf jedes Recht und jedes Eigentum. Diejenigen, welche noch Reste da- von auch für die Zukunft annehmen, wollen dasselbe jedoch auf ein Minimum reduzieren. Auf diese Weise liegt ein bestimmter Gegensatz zum Sozialismus wie zum Individualismus unzweifelhaft vor. der erst in den letzten Jahren genügend erkannt ist. Wir haben geglaubt, unsere Auffassung hier ausführlicher aus- ainandersetzen zu müssen, als es sonst der Oekonomie der Schrift ent- spricht, um damit die Grenzen für.unsere Litteraturbesprechung zu ziehen und die Einteilung zu rechtfertigen. Es ergeben sich naturgemäß mehrere ganz verschiedene Gruppen in der in Betracht kommenden Litteratur. Eine besondere Stellung aehmen darin die sogenannten „Staatsromane“ ein, Phantasiebilder her- vorragender Männer, in denen sie ihr Staatsideal aufstellen und damit zugleich Kritik an den eigenen Zeitverhältnissen üben, die somit nach zwei Richtungen das Interesse in Anspruch nehmen. Erst dann treten wir unserer eigentlichen Aufgabe näher, indem wir die ältere sozialistische Litteratur in dem 18. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erörtern, woran dann die Be- sprechung der Litteratur des sogenannten wissenschaftlichen Sozialis- mus zu schließen ist. Schließlich ist noch ein Blick auf die haupt- sächlichsten anarchistischen Schriften zu werfen. Sozialdemo- kratie. Anarchis- MNus. 8 105. Die Staatsromane. Rob. von Mohl, Die Stantsromane, Zeitschr. f. Staatsw., 1845. Bd. IL. E. Kleinwächter, Die Staatsromane. Wien 1891. Pöhlmann, Geschichte des antiauen Kommunismus und Sozialismus. München 1893 u. 2. Aufl. 1900. Das erste hierher gehörige Beispiel, welches unzweifelhaft die größte nachhaltige Bedeutung erlangt hat, ist das Staatsideal, welches Plato in seiner Schrift über den Staat aufstellt, und das hier berück- Conrad, Grundrifs der nolit. Oekonomie. TI. Teil. 4. Auß, 23