— 387 — änderungen unterworfen, daß jede Kulturstufe andere Erscheinungen zeigen muß, und dieselben natürlichen Ursachen, dieselben politischen Momente, dieselben gesetzgeberischen Maßregeln in durchaus verschie- dener Weise zu wirken vermögen, Damit ist auch die Grenze der Bedeutung historischer Forschung für die politische Oekonomie gegeben, und es tritt klar zu Tage, daß sie allein unsere Wissenschaft nicht zu fördern vermag. Wir haben es mit einer praktischen Wissenschaft zu thun, deren Aufgabe ist, die gegenwärtigen wirtschaftlichen Vorgänge, wie sie sind, darzulegen und in ihrem Zusammenhange zu erklären, dann auf Grund dieser That- zachen Schlüsse für die Aufgaben von Staat und Gesellschaft zu ziehen. Deshalb ist von der Gegenwart auszugehen und die Geschichte heranzuziehen, soweit sie zur Erklärung der Gegenwart notwendig ist. Sie ist, wie wir schon an anderer Stelle dargelegt haben, erst in zweite Linie zu stellen. Das geschah auch in der Hauptsache von der älteren historischen Schule, erst die neuere ist darüber hinaus ge- gangen und hat den Schwerpunkt ‘nationalökonomischer Arbeit in archivalische Untersuchungen gelegt, die als historische ihre außer- ordentliche Bedeutung haben und als Bausteine für die Zukunft dank- bar zu acceptieren sind, die außerdem — das ist nicht zu unter- schätzen — ein vorzügliches Mittel zur Schulung der jüngeren Gelehrten bilden. Aber die Zustände in alter Zeit sind von den unsrigen viel zu verschieden, als daß sich davon Ausreichendes für das Verständnis der Gegenwart gewinnen ließe. Die Geschichte muß für die politische Oekonomie nur eine Hilfswissenschaft bleiben, die letztere darf aber nicht in der ersteren aufgehen. Man hat der historischen Schule vorgeworfen, daß sie nur fördernd Stellung zur auf die Theorie zu wirken gesucht und die Volkswirtschaftspolitik ver- Volkswirt- nachlässigt habe; und richtig ist es, daß seit Rau eine systematische Schafts- Bearbeitung der Volkswirtschaftspolitik erst in dem Schönbergschen Politik, Handbuch zu finden ist, dann von Philippovich in seinem Grund- iß geboten wurde; ebenso daß Roscher erklärte, die Aufgabe der Wissenschaft nur in der Darstellung zu sehen. Aber er erstreckte diese Darstellung doch auch ausdrücklich auf die Gesetze und An- stalten, welche zur Förderung der Volkswirtschaft bestimmt sind, und zwar in den verschiedenen Ländern; er schloß daran die Unter- suchung, wie dieselben gewirkt haben und suchte durch die Ver- gleichung der Verhältnisse der verschiedenen Länder ein kritisches Urteil daraufhin zu ermöglichen. Er vermied es allerdings, auf schwebende Tagesfragen einzugehen und mit einem eigenen Urteil darüber hervorzutreten. Das hat aber auch seine vollständige Be- rechtigung. In den Lehrbüchern soll nur zusammengestellt werden, was einigermaßen als wissenschaftlich abgeschlossen und als dauernde Errungenschaft der Zeit anzusehen ist, nicht aber, was nur rein hypothetisch zu behandeln ist. Wenn man außerdem erwägt, daß auf allen deutschen Kathedern seit Dezennien die praktische National- ökonomie vorgetragen wurde und dieses auch von den Vertretern der alten historischen Schule geschah, und dabei berücksichtigt, daß ge- rade solche Vorlesungen in anderen Ländern bis in die neueste Zeit hin fast vollständig gefehlt haben, so wird man jene Beschuldigung, daß die historische Schule nur einseitig theoretisch vorging, als völlig unbegründet zurückweisen müssen, Der zweite und dritte Band des Roscherschen Lehrbuches enthalten das Material in überreicher Fülle, DR