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        <title>Nationalökonomie</title>
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            <forname>Johannes</forname>
            <surname>Conrad</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>1886436398</idno>
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      <div>
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        J.Conrad,

Grundriss der politischen

Oekonomie

Nationalökonomie,

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2

VIERTE AUFLAGE,

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Jena, Verlag von

Gustav Fischer

5

1902.25 5 Dean

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        Grundrifs zum Studium

3

politischen Oekonomie.

Von

Prof. Dr. J. ‚Conrad,
Halle a. 5.

Erster Teil:

Nationalökonomie.

Vierte ergänzte Auflage.

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2

Verlag von

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5

Jena,
Gustav Fischer.

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19092.
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        Alle Rechte vorbehalten.
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        88 8B50
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® Universität 51
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Vorwort zur dritten Auflage.

Hiermit übergebe ich den ersten Teil meines Grundrisses in
wesentlich erweiterter Form der Oeffentlichkeit. Ich konnte es mir
nicht verhehlen, daß die bisherige Ausgabe hauptsächlich nur eine Ergänzung
 meiner Vorlesungen für meine eigenen Zuhörer bildete. Ich
habe nun versucht, den Grundriß auch einem weiteren Publikum zugänglich
 zu machen, Wie ich meine Hauptlebensaufgabe stets nur in
der Lehrthätigkeit gesehen habe, so prätendiere ich auch hiermit nicht,
die Wissenschaft wesentlich zu fördern. Ich habe vielmehr nur versucht,
 was ich als Gemeingut der Wissenschaft ansehe, übersichtlich
zusammenzufassen, wobei doch der Natur unserer Wissenschaft gemäß
der individuelle Standpunkt zur Geltung kommt.
Wie es in den Vorlesungen die Aufgabe ist,. in gedrängter Form
nur das Wesentlichste auszuwählen und den Hörer mit Nachdruck
darauf hinzuweisen, das Unwesentliche aber möglichst zurücktreten zu
lassen, so ist es in gleicher Weise in.einem Grundriß der Fall. Wie
dort so handelt es sich auch hier nur darum, die hauptsächlichsten
Lehren als Grundlage zu geben, in die Methode einzuführen, das Interesse
 zu wecken und zum weiteren Forschen anzuregen. Der Erfolg
hängt deshalb dort wie hier davon ab, ob es gelingt, das Wesentliche
vom Unwesentlichen in der richtigen Weise zu scheiden und für die
Darstellung die richtige Form zu finden. Von diesem Standpunkt aus
will die Schrift hauptsächlich beurteilt sein.
Ein Grundriß soll nicht ein Lehr- und Handbuch ersetzen, in
welchem das ganze Material niedergelegt sein muß, um daraufhin
selbständig fortarbeiten zu können. Deshalb ist dort großes Gewicht
auf eine umfassende Zusammenstellung der einschlagenden Litteratur
zu legen. In einem Grundriß wie in einer Vorlesung wirkt es nur
verwirrend auf den Leser wie den Hörer, wenn ihm eine zu große
Auswahl von Schriften vorgelegt wird, weil er selbst die richtige Wahl
nicht zu treffen vermag. Ich habe deshalb diese möglichst beschränkt,
wobei: natürlich wiederum das individuelle Urteil des Verfassers einseitig
 zur Geltung kommt.
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        r

Mein Bestreben ist es vor allem gewesen, dem Leser das Material
zu liefern, sich ein eigenes Urteil über die vorliegenden Fragen bilden
zu können, erst in zweiter Linie und nachträglich habe ich meine
eigene Ansicht ausgesprochen. Beides ist für den nötig, der erst in
die Wissenschaft eingeführt sein will. Er bedarf eines Anhaltes an
der Auffassung des Autors, muß aber die Möglichkeit haben, auf Grund
des vorgelegten Wissensstoffes und durch die Vergleichung mit der
Meinung Anderer Kritik zu üben. Wer als Dozent oder Schriftsteller
rein dogmatisch vorgeht, wird im Moment einen größeren Erfolg haben,
aber sicher nicht nachhaltig günstig wirken. Gerade bei einer Wissenschaft,
 die noch ganz im Flusse der Entwickelung steht, deren Lehren
im praktischen Leben die mannigfaltigste Anwendung auf den einzelnen
Fall erfahren müssen, ist es vor allem wichtig, das selbständige Denken
anzuregen und die wissenschaftliche Methode zu bieten. Beides habe
ich mir hier zur Aufgabe gestellt.
Eine gleiche Erweiterung soll im nächsten Jahre der zweite
Teil erfahren.

Halle a. S., September 1900.

Der Verf.

Die vierte Auflage erscheint im großen Ganzen unverändert, doch
sind eine Anzahl kleiner Ergänzungen eingefügt.

April 1902.

Der Verf.
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        Inhaltsverzeichnis.

Einleitung,
$ 1. Das Wesen der Volkswirtschaft und der Volkswirtschaftslehre
Volks- und Privatwirtschaft,
Wirtschaft,
Volkswirtschaftslehre.
$ 2. Die Stellung der Nationalökonomie zu den verwandten Wissenschaften
Politische Oekonomie,
Volkswirtschaftspolitik.
Finanzwissenschaft.
$ 3. Die Stellung der politischen Oekonomie zu den anderen Staatswissenschaften...
 2...
Politik.
Polizeiwissenschaft.
Statistik.
Kameralwissenschaften
$ 4. Die allgemeine Litteratur
$ 5. Grundbegriffe , . .
a) Das Gut.
Gut.
Freies Gut,
$ 6. b) Der Wert
Wert.
Gebrauchs- und Tauschwert.
Übjektiver und subjektiver Wert.
Volkswirtschaftlicher Wert,
Gemeiner Wert,
Faktoren der Wertbestimmung.
Wertverschiebung.
$ 7. Vergleichung der verschiedenen Begriffsdefinitionen des Wertes .
Turgot.,
Die Grenznutzentheorie.
Arbeit als alleiniger Wertfaktor,
Carey.
Bastiat,
Marx.
$ 8. Preis und Vermögen
Preis,
Vermögen.

Seite

Q

1

Abschnitt I.
Die Lehre von der Produktion.
Kapitel I.

Die Grundlagen der Produktion.
$ 9. Das Bedürfnis als Ursache der volkswirtschaftlichen Thätigkeit
Bedürfnis als treibende Kraft. .
Veränderlichkeit der Bedürfnisse,
Bedürfnissteigerune.

A
        <pb n="8" />
        VI

$ 10. Das Privatinteresse als wirtschaftliches Agens
Egoismus,
Historische Schule.
Wiener Schule.
S$ 11. Das Wesen der Produktion . .
Freie Wertbildung.
Produktion.
tewerbe.
Physiokratische Anschauung.
Produktivität des Handels,
Das menschliche Urteil werterzeugend,
$ 12. Das Wesen der Konsumtion . .
Wertvernichtung.
Konsumtion.
$ 13. Die Natur als Produktionsfaktor . . . ..
Einfluß von Klima und Bodenbeschaffenheit
Einfluß des Menschen auf die Natur.
$&amp;amp; 14. Die menschliche Arbeitskraft . . .
Physische Arbeitskraft.
Intellektuelle Eigenschaften,
Sittliche Eigenschaften,
$ 15. Das Kapital... ..
Definition des Kapitals.
Verschiedene Auffassung des Kapitals.
Geld und Kapital.
$ 16. Die Arten des Kapitals. . .
Betriebskapital,
Stehendes und umlaufendes Kapital.
Kapitalsbildung.
Grenzen der Kapitalsbildung,
3Zedeutung des Kapitals.
$ 17. Die Vereinigung der drei Faktoren in den Gewerben
Verhältnis der Faktoren im Gewerbe.
Ueberwiegen des Kapitals auf höherer Kulturstufe.
S 18, Das Eigentum , . 2.0.0.0...
Befugnisse des Eigentümers,
Arten des Eigentums,
Vaturrechtliche Begründung des Eigentums,
ÄArbeitstheorie,
4egaltheorie.
$ 19. Die geschichtliche Entwickelung des Eigentumsrechtes
\elteste Zeit, ;
Allmähliche Beschränkung des Rechtes.
Deutsches bürgerliches Gesetzbuch.
$ 20. Der Tansch . + . + + + + © % @_r% 4 ak HS
Ausdehnung des Tausches mit der Kulturentwickelung.
Gemeinsames Interesse der Tauschenden,
3 21. Die Konkurrenz . 2.0.0.0... 14
Interessengegensatz beim Tausch.
Zegulierende Kraft der Konkurrenz nach A, Smith,
üinseitigkeit der Smithschen Lehre.
Jngleichheit der Macht der Konkurrenten.
Nachteile übermäßiger Konkurrenz,
3 22. Die Arbeitsteilung .....0.0.0000.0.. 1.
Geschichtliche Entwickelung der Arbeitsteilung.
Differenzierung in der Tierwelt.
Arbeitsteilung im modernen Großbetrieb.
Arbeitsteilung in den einzelnen Betrieben,
Bildung der Stände und Berufsklassen,
$ 23. Vorzüge und Nachteile der Arbeitsteilung .
Vorteile der Arbeitsteilung,
Ausbildung der Leistungsfähigkeit.

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22

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35

129
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        YII_I —

Anpassung der Thätigkeit an die Fähigkeit.
Vermeidung des Wechsels der Beschäftigung.
Nachteile der Arbeitsteilung.
Beeinträchtigung der körperlichen Entwickelung.
Zinseitige Schulung.
efahr zu großer Spezialisierung.
S 24, Die Arbeits- und Kapitalsvereinigung . . ..
Summierung der Kräfte,
Vereinigung verschiedenartiger Arbeiten.
Vereinigung verschiedener Unternehmungen.
Kapitalsvereinigung.
ärenze des Nutzens der Kapitals- und Arbeitsvereinigung.

Seite

Kapitel II,
Das Geld.

Ss 25. Die Entstehung des Geldes
Allgemeine Tauschmittel,
Viehgeld.
Erstes Metallgeld.
Stempelung des Geldes,
Prägung.
S 26. Das Wesen des Geldes . , ..
Volkswirtschaftliche Funktionen.
esetzliches Zahlungsmittel.
Anforderungen an das Geld.
Idelmetalle,
egensatz von Geld und Ware.
üdelmetall und Geld.
5 27. Die Ursachen der Wertschwankungen der edlen Metalle
Nertbestimmung des Edelmetalles.
ndustriebedarf,
Münzbedarf.
Yroduktionskosten als untere Wertgrenze.
3 28. Wertschwankungen des Geldes , . .
uantitätstheorie.
Wert des Edelmetalles als Grundlage des Geldwertes.
Feststellung des Geldwertes.
Zroduktionsbedingungen der Waren als Grundlage der Geldwertsdestimmung.
 ,
Einfluß der Lebensansprüche auf den Geldwert.
8 29. Die volkswirtschaftlichen Folgen der Wertschwankungen des Geldes , 75
Folgen der Geldentwertung,
Folgen einer Verteuerung des Geldes,
$ 30. Die Geschichte der Wertschwankungen der Edelmetalle . . ..
Altertum.
MAittelalter,
Neue Zeit,
Kalifornien,
Die neueste Zeit.
Jrsachen der neuesten Geldrerteuerung.,
Neuere Veränderungen in den Produktionsbedingungen der Waren.
3 31. Zur Statistik der Edelmetalle ‚,
Produktion,
Münzbestand,
Verbrauch,
3 32. Das Verhältnis zwischen Gold und Siüber .
Seschichtlicher Ueberblick.
Neuere Zeit.
Ursachen der Entwertung des Silbers.
Zunahme der Silberproduktion,
$ 33. Die volkswirtschaftlichen Wirkungen der Silberentwertung
Verlust durch das Sinken des Silberwertes.
Wirkung auf die Warenpreise.
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        — VII —

S 34. Die Aufgaben des Staates in Bezug auf das Geld
Münzregal,
Courant- und Scheidemünze,
Schrot und Korn,
Schlagschatz
$ 35. Die Währung 2.0.0.0...
Arten der Währung.
Historische Entwickelung.
5 36. Die theoretische Grundlage der Währungsfrage . . . . 2
Bedeutung einer einheitlichen Basis für den internationalen Verzehr.

Vorzüge der Goldwährung.
Doppelwährung.
Wirkung einer Wahl Bryans.
Währungskonvention nach 1: 16.
Wertverhältnis nach 1: 34.
3üß’ Hypothese,
Möglichkeit des Bimetallismus in der Zukunft.
Schlußfolgerung.

Seite
89

19

A

Kapitel 111,
Der Kredit

$ 37. Das Wesen des Kredites . . ...
Zrundlagen des Kredites.
zeschenk, Kauf, Darlehn.
Voraussetzungen der Kreditwirtschaft,
&amp;amp; 38. Die Arten des Kredites. , ....
Konsumtionskredit.
Borgsystem.
Real- und Personalkredit,
3 59. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Kredites
Kredit als Zahlungsmittel im lokalen Verkehr.
[Internationales Zahlungsmittel,
Ersparung von Münze.
Kredit als produktive Macht.
Unterstützung des Besitzlosen.
Konzentrierung kleiner Summen,
Vorsorge für die Zukunft.
Kredit, Produktionsfaktor?
J. St. Mill.
Gefahren des Kredites.

Kapitel IV.
Die Arten der Volkswirtschaft.
3 40. Verschiedene Einteilung der wirtschaftlichen Entwickelung
Fr. List.
Bücher.
Hildebrand,
8 41. Die Natural-, Geld- und Kreditwirtschaft
Wirtschaftliche Folgen der Naturalwirtschaft.
Politische Wirkung.
eldwirtschaft.
Soziale und politische Wirkung der Kapitalsbildung.
Kreditwirtschaft.

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07

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114

Kapitel V.
Der Preis.

8 42. Das allgemeine Preismaß
Arbeit als Wertmaß.
Getreide,
Rdelmetalle,

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        <pb n="11" />
        $ 43. Die Preisregulierung bei freier Konkurrenz .
Beschaffungskosten als Grundlage des Preises,
Surrogate.
Verschiedene Herstellungskosten,
Getreide.
S 44. Die Preisregulierung bei beschränkter Konkurrenz
Versteigerung.
Seltenheitspreise.,
Engros- und Detailpreise.‘
$ 45. Der Preis des Grund und Bodens .
Städtische Grundpreise,
$ 46, Preise der Ackergrundstücke .
Reinertrag,
Grundbedingungen des Reinertrages.
Pachtpreise,
Xaufpreise,
5 47. Der Preis der landwirtschaftlichen Produkte
Preisregulierung,
Durchschnittspreise,
Tahrespreise.
£ingsche Regel.
Statistik.
Verhältnis der verschiedenen Getreidearten,
Fleisch und Butter.
$ 48, Die Entwickelung der Preise der Industrieprodukte
Preise von Tloskau.
Adamburger Preise,
7reise des deutschen statistischen Reichsamtes.
Inglische Indexnummern.

Kapitel VI.
Das Bankwesen.
$ 49. Das Wesen der Banken und die Geschichte derselben
Wesen der Banken.
Altertum.
Mittelalter,
Wechsler,
Bankgründungen,
Zahlungserleichterung.
5 50. Die Entwickelung der Bankthätigkeit und das Girogeschäft
Entwickelung der verschiedenen Bankgeschäfte.
Giroverkehr.
$ 51. Das Depositengeschäft , . . . .
Depositen zur Aufbewahrung,
Jepositen als Darlehen,
Vorteile für den Deponenten.
Vorteile für die Bank. .
3 52. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Depositenverkehrs
Mehrfache Funktion der Depositen,
Zwang zur Reservehaltung.
Voraussetzungen eines allgemeinen Depositenverkehrs.
$ 53. Das Checksystem. .....
Wesen des Checks
Bestimmungen in England,
Bequemes Zahlungsmittel,
Clearinghouse,
5 54. Das Lombardgeschäft . .
Warenlombard.
Warrant.
Effektenlombard.
5 55. Die geschichtliche Entwickelung des Wechsels
Historische Entwickelung,

Seite
119

21

23

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145

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        Zahlungsmittel im Mittelalter,
W echselmessen.
Wechselrecht.
$ 56. Die Natur des Wechsels . .. ... . -
Mit dem Wechsel verbundene Rechte und Pflichten.
Erfordernisse des Wechsels,
Indossament,
Accept.
Wechselprotest,
Wechselstrenge.
Volkswirtschaftliche Wirkung.
Wucher.
Wechselreiterei,
$ 57, Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Wechsels
Internationales Zahlungsmittel.
Kreditmittel.
Diskontogeschäft.
8 58. Der Wechseldiskont und der Wechselkurs
Diskontopolitik.
Grundlage der Diskonthöhe.
Diskont und Landeszinsfuß.
Statistik,
Die internationale Zahlungsbilanz und der Wechselkurs
Defizit im internationalen Handel,
Günstige und ungünstige Handelsbilanz,
Offizielle Statistik.
Ausgleichung einer Unterbilanz,
Dienste,
Persönliche Uebertragung.
Wechsel,
Effekten,
Wechselkurs.
Wert der Valuta,
Sicherheit des Wechsels.
Grenzen der Kursschwankungen.
Münzparität,
$ 60. Die Zettelbanken. . . ..
Note.
Geschichte der Note.
Volkswirtschaftlicher Nutzen der Note
Surreneyschool.
Gefahren der Notenemission,
Das Papiergeld . ....
Privatpapiergeld.
Staatspapiergeld in der Gegenwart.
Volkswirtschaftliche Wirkung.
Folgen der Zuvielausgabe.
Kursschwankungen.
Wirkung der Kursschwankungen.
Statistik.
Die Zettelbankpolitik . . ..
Freie Notenemission.
Zentralisation.
Vorteile reiner Staatsbanken,
Nachteile der Zentralisation.
Die Normativbestimmungen für die Zettelbanken und die Einrichtungen
einzelner Landesbanken .
Deckungsfrage.,
Amerikanische Union,
Kontingentierung,
Verbot kleiner Noten.
Einlösungsverpflichtung
Staatskontrolle.
Solidarhaft.

ACC

Seite

158

62

64

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72

175

81

183
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        - XL

$ 64. Die Notenbanken einzelner Länder
Entwickelung in Deutschland.
Deutsche Bankgesetzgebung.
Oesterreich.
England.
Frankreich,

Seite
187

Kapitel VII
Das Börsenwesen

S 65. Die Börse ... ..
Arten der Börse,
Geschichte,
Rechtliche Stellung.
Einrichtungen an der Börse,
3 66. Die hauptsächlichsten Börsengeschäfte . . . .
Arten der Börsengeschäfte,
Termingeschäfte.
Reportgeschäfte.
Liquidationskasse,
Makler.
Kurszettel,
$ 67. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Fondsbörse in der Gegenwart
$ 68. Die Bedeutung der Warenbörse
Papierware.
Ausgleichende Wirkung des Terminhandels,
Risikoausgleichung durch den Terminhandel bei Effekten.
Verteilung des Risikos beim Warengeschäft,
Kaffeetermingeschäft.
Getreideterminhandel.
$ 69. Gefahren der Börse. ........
Beteiligung Unberufener.
Jobbertum.,
Gesetzliche Schutzmaßregeln.

Kapitel VIII
Die Erwerbsgesellschaften.
Die verschiedenen Arten der HErwerbsgesellschaften .
Offene Gesellschaft,
Kommanditgesellschaft,
Aktiengesellschaft.
Rechtliche Erfordernisse,
Vorstand.
Aktie,
Gesellschaft mit beschränkter Haftung.
Gewerkschaft,
Genossenschaften.
S 71. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Aktiengesellschaften
Aktiengesetzgebung.
Vorteile der Aktiengesellschaften für Kapitalisten.
Volkswirtschaftliche Vorteile.
Nachteile der Aktiengesellschaften,
Schwerfälligkeit und Kostspieligkeit der Verwaltung.
Ärsatz durch Staats- und Kommunalbetrieb
Statistik.
Die Credits mobiliers oder Emissions- und Industriebanken
Unterschied der Bank- und Börsengeschäfte,
Historische Entwickelung,
Oredit-mobiliers in Deutschland.
Vorbedingung der Gründung von Aktiengesellschaften.
Statistik.
$ 73. Der Staat und die Aktiengesellschaften
Deutsches Aktienrecht.

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200
2032

A1l

A 4

291

299

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        AI

$ 74.

Kartelle .. 2.0.0.0...
Ursachen der Kartellbestrebungen.
Beeinflussung der Preise,
gegelung der Produktion,
gdeeinflussung der Produktionskosten.
Fusion und Frusts,
Die volkswirtschaftliche Wirkung,
Voraussetzungen der Kartelle,
Schwierigkeiten, welche ausgedehnteren Kartellen entgegenstehen,
Gefahren der Kartelle.
Maßregeln gegen die Kartelle.
Kapitel IX.
Die volkswirtschaftlichen Krisen
ı) Historische Uebersicht.
Tulpenmanie,
John Law,
Assignaten-Krisis.
Das 19. Jahrhundert.
Agrarkrise der zwanziger Jahre.
1847,
1866.
(873.
Statistik,
1882.
Volkswirtschaftliche Bedeutung der Krisen
Verschiedene Arten der Krisen.
Ursachen,
Ursachen der Preisschwankungen.
Ueberproduktion,
Sozialistische Erklärung der Krisen.
Maßregeln gegen Krisen,
Folgen der Krisen.

75.

3 76. b)

Abschnitt II.
Die Verteilung des Ertrages der Volkswirtschaft.
$ 77. Das Einkommen und seine Verteilung
Ertrag,
£inkommen,
Verteilung des Einkommens.
Nachteile einer gleichen Verteilung.
Schädlichkeit der Konzentration des Besitzes,
Wirkung des Luxus,
Zingriff der Staatsgewalt in die Einkommensverteilung.
$ 78. Die neuere Entwickelung der Vermögensverteilung .
Neuere Entwickelung.
Vergleichung verschiedener Länder.
Auf Verteilung der großen Vermögen hinwirkende Momente.
Zinteilung des Einkommens in vier Kategorien.
Die Grundrente . . . ... 0...
Pacht und Grundrente.
rundrente infolge der Gunst der Lage.
3auplätze.
Ricardos Theorie.
Verwischung der Grundrente durch die Kulturentwickelung.
Statistischer Nachweis der Grundrente.
Yleliorationen.
Äegner der Grundrente,
3 80. Die Kapitalrente und der Kapitalzins
Wesen der Kapitalsrente,
Kapitalzins.
3Zerechtigung des Zinses.

Seite
D9R

25

262

266

A Vs
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        . XI —

Zinsfuß. .
Abweichung der Höhe des Zinsfußes von der der Rente,
Statistik,
Ausgleichung und nächste Zukunft des Zinsfußes,
$ 81. Die Arbeitsrente und die Arten des Arbeitslohnes
Arbeitsrente und Lohn.
Naturallohn.
Akkordlohn.
Teilnehmerschaft am Reingewinn.
Recht des Arbeiters auf den Geschäftsgewinn?
Fabrik.
Landwirtschaft.
Handwerk,
$ 82. Die Lohnhöhe und Lohnregulierung ,
Lohn nach dem Opfer,
Lohn nach der Leistung.
Lohn im Verhältnis zum Lebensbedürfnis.
Lohnregulierung.
£hernes Lohngesetz,
Reservearmee.
Lohnfondstheorie.
Lohnerhöhung auf Kosten der anderen Produktionsfaktoren.
$ 83. Der Unternehmergewinn . ....
Unternehmen und Unternehmer.
Unternehmergewinn.
Unternehmergewinn als Kapitalsrente.
Unternehmergewinn als Arbeitsrente.

Seite

276

8)

29|

Abschnitt III.
Die Geschichte der Nationalökonomie.

Einleitung . .
8 84. Das klassische Altertum . . . HR wg
Volkswirtschaftliche Leistungen des klassischen Altertums.
Geringes Interesse für wirtschaftliche Thätigkeit,
Plato.
Xenophon.
Aristoteles.
Rom.
8 85. Das Mittelalter .. 2.0.0.0...
Wirtschaftliche Zustände in Deutschland.
Kanonisten,
8 86. Der Beginn der neueren Zeit , ..... x 4 2 % + ® 5
Nationalökonomische Schriftsteller Ende des Mittelalters und zur
Reformationszeit.
Luther.
Calvin,
$ 87. Die erste Periode des polizeilich-cameralistischen Zeitalters . . . .
Das 16. und 19, Jahrhundert.
$ 88, Die merkantilistischen Anschauungen . .
Stellung des Staates,
Das Geld,
Handelsbilanz und ihre Konsequenzen.
Stellung zum Auslande,
$ 89. Die wissenschaftlichen Vertreter des Merkantilismus
Italiener.
Engländer,
Franzosen,
Deutsche.
3 90, Die merkantilistische Praxis ; . .
Persönliche Willkür des Herrschers.

294
295

29%

299

300

302

Y
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        XIV

Feindschaft gegen das Ausland.
Schutzzollpolitik.
Künstliche Förderung der Gewerbe.
Förderung der Volksvermehrung,
$ 91. Der Umschwung der Anschauungen im freihändlerischen Sinne im
Laufe des 18. Jahrhunderts. . 2.0.00 ; ı # Au
Schlimme Folgen des Merkantiisystems für die Volkswirtschaft.
Opposition gegen den Polizeistaat,
3 92, Das physiokratische System .. ..
Boisguillebert.
Vauban.
Quesnay.
Gournay.
Turgot.
Die thatsächlichen Verhältnisse,
5 98. Die Vorläufer des Adam Smith
Hume,
Humes Gelädtheorie
5 94. Adam Smith. . ..
Leben und Werke.
Irsachen des Volkswohlstandes.
Arbeitslohn.
Creiheitsprinzip,
Kritik.
3 95. Die wirtschaftlichen Verhältnisse am Ende des 18. und zu Beginn des
19 Jahrhunderts .„„. 321
üngland.
Die Erfindungen,
Srankreich.
Deutschland,
5 96. Die Pessimisten ,
Xobert Malthus . . .
Das Malthussche Bevölkerungsyesetz,
Jnzulänglichkeit der Zunahme der Nahrungsmittel,
Konsequenzen der Lehre,
Kritik.
David Ricardo . .
Leben und Schriften.
Wertlehre,
Srundrente,
Arbeitslohn,
5 98. Die Optimisten ,
A. Frederic Bastiat.
Say.
Bastiats Schriften,
Der Amerikaner Carey . . .
Franklin und. A. Hamilton.
Leben und Schriften.
Volksreichtum und Wert bei Carey.
Besserung der Lage der Arbeiter.
Geld.
Bekämpfung der Grundrente.
*egner des Malthus,
Kritik.
Schutzzoll.
J. Heinrich von Thünen ,
Aeltere Vertreter der Smithscuen Lehre in Deutschland.
J. H, von Thünen,
Der isolierte Staat.
Normierung des Arbeitslohnes.

Seite

399, B.

100.
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        XY —

$ 101. Die individualistischen Gegner der Sınithschen Schule .
a) Jean Charles Löonard, Simonde de Sismondi,
Leben und Werke‘
Seine Lehre.

Seite
‚ 341

8 102, Die romantische Schule der Nationalökonomie .
b) Adam Müller, K. L. von Haller.
A. Müller.
v. Haller,
$ 103, c) Friedrich List... ..
Stellung zu A, Smith.
Würdigung seiner Leistungen.
Seine Lehre.
$ 104. Das Wesen des Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus
Sozialismus.
Kommunismus,
Vergesellschaftung des wirtschaftlichen Betriebes,
Sozialdemokratie,
Anarchismus.
$ 105. Die Staatsromane . .........
Plato’s Staat,
Utopia des Th. Morus.
Sonnenstaat des Campanella.
$ 106. Die Entwickelung des Sozialismus und Kommunismus in der neueren
Zeit bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts . .. „+ 357
Th, Münzer.
J. J. Rousseau,
Mably und Andere,
1789.
Babeuf.
Claude Henry de Saint-Simon und der Saint-Simonismus
Leben und Schriften.
Der Saint-Simonismus,
Bazard,
Enfantin,

360

Fourier . . 2...
Leben und Lehren,
Praktische Vorschläge.
Considerant.
Robert Owen . ..
Leben und Schriften.
Grundanschauungen.
Praktische Versuche.
$ 110. Johann Gottlieb Fichte .
Sozialistische Anschauungen.
Geschlossener Handelsstaat.
8 111. Louis Blanc und Lassalle . . ..
Bewegung in Frankreich bis 1548.
Buchez,
L. Blanc.
Lassalle,
Ehernes Lohngesetz.
Produktivassociationen,
$ 112. Der sogenannte wissenschaftliche Sozialismus. a) Rodbertus-Jagetzow 370
Leben und Schriften,
Grundanschauungen,
Gesetz der fallenden Lohnquote.
Forderungen für die Zukunft.

$ 113. b) Karl Marx . 0.0.0.
Leben und Schriften.
Kommunistisches Manifest,
Materialistische (Geschichtsauffassung.

+74
        <pb n="18" />
        EVI —

$ 114.

$ 115.

[ndustrielle Reservearmee,
Wertbestimmung,
Profitrate.
Zunehmende Verelendung,
Kritik, ;
jer Anarchismus . ..
Proudhon.
Hauptlehren,
Anarchistische Anschauungen,
Yax Stirner.,
Bakunin.
Xropotkin,
Die neuere realistische Richtung .
Die alte historische Schule.
Notwendigkeit wirtschaftshistorischer Forschung.
Auffassung der wirtschaftlichen Naturgesetze.
Grenze der historischen Aufgaben.
Stellung zur Volkswirtschaftspolitik.
Wiener Schule,
Berücksichtigung des ethischen Moments.
Auffassung des Staates.

Seite

Q

IQ
        <pb n="19" />
        Einleitung.

S 1.

Das Wesen der Volkswirtschaft und der
Volkswirtschaftslehre.

Als erste Aufgabe liegt uns ob, über die Natur des Gegenstandes
 zu orientieren, welcher uns hier beschäftigen soll. Das ist
die Volkswirtschaft. Und doch wird es der eingehenden KErörterung
 der ganzen Schrift bedürfen, um darüber eine genaue Aufklärung
 zu bieten. Wir müssen deshalb hier im Eingange den Versuch
machen, durch ein Beispiel aus dem praktischen Leben kurz das
Wesentliche zur Anschauung zu bringen.
Das Wesen der Volkswirtschaft gegenüber der Privatwirtschaft
vergegenwärtigt man sich am besten, wenn man festzustellen versucht,
von wo eine Arbeiterfamilie unter unseren Verhältnissen ihren Hausbedarf
 bezieht, Zur Kleidung lieferten die Vereinigten Staaten Amerikas
 die Baumwolle, das Kap oder Australien die Wolle, Rußland
das Lein, Brasilien das Sohlenleder. Alle Weltteile steuerten das
Rohmaterial für die Kleidung bei. Ebenso lieferten zur Nahrung
Argentinien Weizen, Indien Reis und Gewürze, Java Kaffee, Norwegen
Heringe. Die Baumwolle wurde eventuell in England versponnen, in
der Schweiz verwebt, in Eilenburg bedruckt, um noch durch die Hände
verschiedener Zwischenhändler zu gehen, bevor der fertige Stoff in den
Haushalt des Arbeiters gelangt. Jeder, durch dessen Hand derselbe
ging, heftete Arbeit daran, erhöhte den Wert und erhielt von dem
folgenden die Bezahlung. Die Verwertung fiel schließlich in unserem
Beispiel dem einfachen Arbeiter zu, der heutigen Tages mitten im
Weltgetriebe steht und in jedem Momente genießt, was Tausende in
den verschiedenen Himmelsgegenden für ihn geschafft haben.
Weit komplizierter wird das Bild, wenn wir in Betracht ziehen,
was sonst zur Kleidung gehört, Nadeln, Knöpfe, Haken und Oesen,
die aus vielen verschiedenen Fabrikationszweigen hervorgingen, und
was sonst jetzt in dem Haushalt des Arbeiters allgemein zu finden ist,
Möbel, Betten, Töpfe, Gläser, Messer, Gabeln, Löffel, Lampe, Feder,
Tinte, Uhr u. s. w. Hunderte von Fabriken arbeiteten, um seine
Häuslichkeit auszustatten, während der Neger, was er gewöhnlich
braucht, sich selbst beschafft, nur ausnahmsweise etwas von auswärts
erhält. Er steht daher nicht in der Volkswirtschaft, sondern in einer
Einzelwirtschaft, wie dies auf unserem heimischen Boden noch vor
zwei Jahrtausenden bei den Germanen ebenso der Fall war.
Conrad, Grundrifs der valit. Oekonomie. TI. Teil. 4. Aufl.

Volks- und
Privatwirtschaft.
        <pb n="20" />
        Daß unser Arbeiter aber die Produkte anderer Länder genießen
kann, ist nur durch viele Vorbedingungen möglich. Nur der rege
Schiffsverkehr und die Eisenbahnen verbilligen den Transport derart,
daß seine Kaufkraft zum Bezuge der Artikel ausreicht. Aber diese
wurden erst möglich durch bedeutsame Erfindungen als Ergebnisse
Jahrhunderte alter Kultur, von der jeder von uns in jedem Momente
Nutzen zieht, meist ohne es sich zu vergegenwärtigen. Mit Recht sagt
Frederic Bastiat einmal: Der Kulturmensch müßte Jahrhunderte arbeiten.
wenn er das selbst herstellen wollte, was er an einem einzigen Tage genießt;
 und die Sozialdemokraten sind sehr im Irrtume, wenn sie beaaupten,
 der Arbeiter habe nicht Anteil an den Segnungen der Kultur.
Wie der Kulturmensch so verwertet, was Andere für ihn geschafft
 haben, arbeitet er auch für Andere, event, in fernen Gegenden,
vielleicht noch für spätere Jahrhunderte. Der Maurer baut an einem
Hause, das er nicht bewohnen wird, der Schlosser in einer Fabrik an
3iner Maschine, die vielleicht für Japan bestimmt ist, der Erdarbeiter
schafft an einem Tunnel, der noch nach Jahrhunderten den Verkehr
arleichtern soll, den er selbst aber nie durchfährt. Aber Jeder erhält
schon hier sofort den Lohn für seine Arbeit, die einem anderen Welt-;eil
 oder noch nach 100 Jahren seinen Nachkommen zu gute kommt.
Ebenso bezahlt der Arbeiter mit seiner Karre Erde das Brot des
Bäckers, wie das Getreide, aus dem das Brot hergestellt war, und damit
avent. den Landwirt in Australien oder Nordamerika, der es gebaut
hat; der Maurer mit seiner Arbeit trägt nicht nur die Schuld bei dem
Händler für das Kleid seiner Frau ab, sondern entschädigt den Schiffskapitän,
 der die Baumwolle von New-Orleans herüberbrachte, wie den
Farmer, der sie baute, und er bezahlt noch nachträglich den Auswanderer
 für die Kultivierung des Bodens vor mehr als 200 Jahren.
So wird auf diese Weise die "Thätigkeit nicht nur von verschiedenen
Weltteilen, sondern auch von Generationen miteinander verbunden.
 Das Vorausgenießen von Leistungen, die erst später nutzbar
werden, und das Heimzahlen für Nutzungen an frühere Generationen
durch die Vermittlung des Kredites gehört zu den interessantesten
Kapiteln unserer Wissenschaft.
Es ergiebt sich aus allem, daß heutigen Tages jede Privatwirtschaft
 der Kulturländer mitten im Strome des großen Weltverkehres
steht. Sie ist zu vergleichen mit der Masche eines großen, weitverzweigten
 Netzes oder dem Zahn eines Rades in einem komplizierten
Mechanismus oder richtiger mit der Zelle eines tierischen Organismus,
welche durch Osmose und Endosmose eine selbständige Lebensthätigkeit
antfaltet, durch beständigen Austausch mit den Nachbarzellen Nahrung
aufnimmt und wieder abgiebt, während sie isoliert zu Grunde geht,
ınd nur im Zusammenhange als Teil eines lebenden Organismus
Höheres zu leisten vermag.
Der oberflächliche Beschauer ahnt hier ebensowenig den inneren
Zusammenhang der Thätigkeiten der Privatwirtschaften wie bei dem
Hin- und Herlaufen der einzelnen Tiere in einem Ameisenhaufen, und
a8 bedarf einer tiefgreifenden Untersuchung, um den Zusammenhang von
Ursache und Wirkung zu erkennen. Gerade so, wie in der medizinischen
Wissenschaft die Anatomie und Physiologie die Aufgabe haben, die
Beschaffenheit der menschlichen Körperteile, ihren Zusammenhang und
ihre Funktionen festzustellen, so hat in unserer Disziplin der menschliche
 Forschergeist es sich zur Aufgabe gemacht, die wirtschaftlichen
        <pb n="21" />
        Vorgänge zu untersuchen und den Zusammenhang von Ursache und
Wirkung darin klar zu legen. Die Wissenschaft, welcher diese Aufgabe
 zufällt, ist die Nationalökonomie, mit der wir uns hier zu
beschäftigen haben. .
Das Agens, welches die wirtschaftliche Thätigkeit anregt und in
Bewegung setzt, sind die Bedürfnisse des Menschen, die er mit auf
die Welt bringt, deren Befriedigung notwendig ist, damit er leben und
schaffen kann. Die Befriedigungsmittel werden ihm aber nicht von
der Natur unmittelbar geboten, sondern er muß die Gaben derselben
erst umformen und sich anpassen. Hierzu ist fortdauernd Anstrengung,
Aufwendung geistiger und physischer Kraft erforderlich. Diese Thätigkeit,
 welche auf Bedürfnisbefriedigung gerichtet ist, nennen wir eine
wirtschaftliche. Der Inbegriff von Thätigkeiten, die planvoll au!
die Bedürfnisbefriedigung eines Haushaltes, eines Unternehmens odeı
einer Person gerichtet sind, wird Wirtschaft genannt. Die gesamte,
planmäßige Thätigkeit eines Volkes zur Befriedigung seiner Bedürfnisse
ist die Volkswirtschaft, und die Wissenschaft, welche Ursache und
Wirkung in den Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens eines Volkes
festzustellen und sie als Ganzes aufzufassen und im organischen Zusammenhange
 zu begreifen sucht, so weit es sich um die Sorge für die
materiellen Bedürfnisse handelt, ist die Volkswirtschaftslehre
oder Nationalökonomie,
Während wir nach dem Gesagten eine jede Thätigkeit, die auf
Bedürfnisbefriedigung gerichtet ist, als eine wirtschaftliche bezeichneten,
begrenzen wir das Gebiet der Wissenschaft auf die Verfolgung deı
materiellen Bedürfnisbefriedigung, und zwar allein aus Rücksichten
der Arbeitsteilung. Die Thätigkeit des Arztes, Advokaten, Lehrers,
Musikers ist unzweifelhaft wirtschaftlich. Die Wirkung auf die ganze
Volkswirtschaft ist eine analoge wie die eines Handwerkers, nur Oft
weit bedeutsamer. Der Arzt, welcher dem Arbeiter seine Leistungsfähigkeit
 wieder verschafft, der Zeichenlehrer, der in der Fortbildungsschule
 den Lehrling ausbilden hilft, fördert, wenn auch indirekt, das
physische Schaffen in der Volkswirtschaft. Der Musiker, der die Hörer
in einem Konzert erfreut, befriedigt ein wesentliches Bedürfnis und ist
sicher wirtschaftlich ebenso wirksam, wie der Instrumentenbauer, der
ihm das Klavier schuf, auf welchem er spielte. Aber damit ist nicht
gesagt, daß auch unsere Wissenschaft alle jene Thätigkeiten mit in ihr
Bereich zu ziehen habe, sondern sie kann sehr wohl eine Kategorie
mit besonderen KEigentümlichkeiten beiseite lassen und anderen Disziplinen
 überweisen. Die Befriedigung der geistigen Bedürfnisse schließt
besondere Eigentümlichkeiten ein, greift so außerordentlich weit auf
andere Gebiete hinüber, daß die Volkswirtschaftslehre sich vollständig
verlieren würde, wenn sie sich auch auf diese erstrecken würde.
Allerdings ist eine genaue Abgrenzung unmöglich, aber auch nicht
notwendige,

Wirtschaft.

Volkswirtschaftslehre.


82.
Die Stellung der Nationalökonomie zu den verwandter
Wissenschaften.

Die Nationalökonomie ist ein Teil der Gruppe von Disziplinen,
welche man unter dem Namen der politischen Oekonomie (englisch:
political economy, französisch: &amp;amp;conomie politique) zusammenfaßt und zu

Politische
Oekonomie.
        <pb n="22" />
        den Staatswissenschaften rechnet. Während man in den anderen Ländern
bis zum heutigen Tage die politische Oekonomie als ein geschlossenes
Ganzes behandelt, ist sie in Deutschland bereits seit den dreißiger Jahren
in drei Teile zerlegt, besonders durch das Vorgehen unseres Altmeisters
Rau in Heidelberg in seinen drei Handbüchern über die National-Ökonomie,
 die Volkswirtschaftspolitik und die Finanzwissenschaft.
 Infolgedessen ist auch in Deutschland sowohl die
Volkswirtschaftspolitik wie die Finanzwissenschaft weit früher tiefer
Jurchgearbeitet, als in den anderen Ländern. Namentlich die erstere
ist bis zum heutigen Tage von dem Auslande nur sehr unvollkommen
Jerücksichtigt.
Alle drei Disziplinen behandeln die Volkswirtschaft, aber von verschiedenem
 Standpunkt aus und in verschiedener Weise. Die Nationalökonomie
 untersucht die volkswirtschaftlichen Vorgänge, wie sie vor
uns liegen, sucht die Thatsachen zu konstatieren und in den Vorgängen
 den Zusammenhang von Ursache und Wirkung festzustellen.
Sie sucht die Regelmäßigkeiten in der wirtschaftlichen Thätigkeit aufzufinden.
 Mit Recht ist sie daher mit der Anatomie und Physiologie
 in den medizinischen Wissenschaften verglichen, welche die Aufzabe
 haben, die Struktur des menschlichen Körpers und die Funktion
der einzelnen Organe zu verfolgen und darzustelllen.
_ Volks Anders die Volkswirtschaftspolitik. Sie ist die Lehre von
wirtschafts- den Aufgaben der öffentlichen Gewalt und der Gesellschaft in Bezug
Politik, „nf das wirtschaftliche Leben, sie stellt somit Ziele auf und untersucht,
auf welche Weise man am zweckmäßigsten die Volkswirtschaft fördern,
vorhandene Schäden beseitigen und damit einen besseren Zustand erreichen
 kann. Sie ist deshalb mit der Pathologie zu vergleichen,
welche die Krankheiten des Körpers untersucht und sie zu heilen
bestrebt ist. Die Volkswirtschaftspolitik muß sich naturgemäß auf die
Ergebnisse der Nationalökonomie stützen, die Zustände, wie jene sie
dargelegt hat, kennen, den Zusammenhang übersehen, um danach die
einzuschlagenden Maßregeln normieren zu können. Sie verfolgt praktische
 Zwecke und ist damit der Nationalökonomie, welche theoretische
Untersuchungen verfolgt, gegenübergestellt. Man hat die erstere daher
auch die Volkswirtschaftspflege oder die praktische National-Skonomie
 genannt, letztere die theoretis che, was indessen nur zur
Verwirrung Anlaß giebt.
Ist es in der Nationalökonomie die Aufgabe, vor allem die Grund-{aktoren
 der Produktion in ihrem Wesen zu studieren, ihr Zusammenwirken
 in den einzelnen Gewerben zu verfolgen, zu untersuchen, wie
durch die Organisation der Arbeit die Wirkung jedes Produktions-{aktors
 wirksamer gemacht werden kann, wie durch die Entwickelung
des Tausches die Arbeitsteilung ausgebildet wird u. s. w. , SO ist in
der Volkswirtschaftspolitik die Geschichte der Entwickelung der verschiedenen
 Gewerbe zu geben, dann besonders die Gesetzgebung zur
Förderung derselben und eine kritische Untersuchung, welchen KEin-Auß
 die einzelnen gesetzlichen Maßregeln in verschiedenen Ländern
and zu verschiedenen Zeiten auf die Volkswirtschaft ausgeübt haben.
Uns hat dort daher die Agrarverfassung, die Fabrikgesetzgebung, wie
die Zunftverfassung zu beschäftigen. Das Wesen der sozialen Frage
und die Maßregeln zur Milderung derselben spielen dort eine hervortragende
 Rolle. — In der Nationalökonomie ist dann weiter zu untersuchen,
 welche Hilfsmittel bei Arbeitsteilung und Tausch hinzugezogen
        <pb n="23" />
        werden. Das Wesen des Geldes wie des Kredites sind eingehend zu
erörtern, dann die Natur jener Institutionen, durch welche Geld und
Kredit zu höherer wirtschaftlicher Funktion gebracht werden, wie
die Banken und diejenigen, welche Arbeit und Kapital in größerem
Umfange zu einzelnen Betrieben konzentrieren, um sie zu höheren
Leistungen zu verwerten, wie die Erwerbsgesellschaften. In die Volkswirtschaftspolitik
 gehört dagegen die Gesetzgebung in betreff des
Münz- und Bankwesens wie der Aktiengesellschaften und dergleichen,
Aus praktischen Rücksichten wird diese indes hier schon in den ersten
Teil hineingezogen um Wiederholungen zu vermeiden und die theoretische
 wie praktische Untersuchung im Zusammenhang und damit kürzer
durchführen zu können. Dem zweiten Teile, der Volkswirtschaftspolitik,
bleiben dagegen vorbehalten die Spezialeinrichtungen, wie die landwirtschaftlichen
 Kreditanstalten, dann das ganze Verkehrs- und Versicherungswesen.
 Zur Nationalökonomie gehört die Bevölkerungslehre, zur
Volkswirtschaftspolitik dagegen die Bevölkerungspolitik. Auch hier
haben wir uns einer Willkür schuldig gemacht, indem wir beides mit
dem Armenwesen an den Schluß des zweiten Teiles verwiesen haben,
auch hier um den Zusammenhang nicht zu zerreißen und uns kürzer
fassen zu können.
Die dritte Disziplin der Gruppe ist die Finanzwissenschaft. _Finanz-Man
 findet sie gewöhnlich bezeichnet als die Lehre vom Staatshaushalt, wissenschaft,
Doch fassen wir sie auf der einen Seite enger, auf der anderen Seite
weiter, nämlich als die Lehre von den zweckmäßigsten Mitteln, dem
Staate, den Gemeinden und anderen öffentlichen Körperschaften die
zur Erfüllung ihrer Aufgaben nötigen Geldmittel zu verschaffen. Sie
hat es daher nur mit einem Teil der Volkswirtschaft, aber mit den
bedeutungsvollsten Einzelwirtschaften zu thun, die den größten Kinfiuß
 auf das ganze wirtschaftliche Leben ausüben, deren Behandlung
daher gleichfalls auf der Basis der Nationalökonomie beruht und neben
der Volkswirtschaftspolitik mit ihr im engsten Zusammenhange steht.

8 83.

Die Stellung der politischen Oekonomie zu den anderen
Staatswissenschaften.
Rudolf Stammler, Wirtschaft und Recht. Leipzig 1896.

Gieichfalls zu den Staatswissenschaftep-gehörig und der politischen
Oekonomie nahe verwandt ist die Politik oder auch allgemeine
Staatslehre genannt, welche zum Teil dasselbe Gebiet behandelt. Sie
ist die Lehre von den besten Mitteln der höchsten Gewalt zur Erreichung
der Staatszwecke, Man teilt sie gewöhnlich ein in 1. die Verfassungspolitik
 oder Staatslehre, auch Politik im engeren Sinne. Dieselbe
 steht dem allgemeinen Staatsrecht gegenüber, welches denselben
Gegenstand nur in einer anderen Weise behandelt. Das Staatsrecht
hat die Aufgabe, die Verfassungsgesetzgebung eines Landes oder verschiedener
 Staaten darzustellen und zu interpretieren. Die Verfassungspolitik
 übernimmt dagegen die Vergleichung und Kritik derselben. Die
erstere spricht „de lege lata‘“, die zweite „de lege ferenda‘. 2. Die Kulturpolitik,
 welche die Aufgaben des Staates in betreff des Kirchenund
 Unterrichtswesens behandelt und 3. die Verwaltungspolitik,

Politik.
        <pb n="24" />
        welche die Volkswirtschaftspflege und die Polizeiwissenschaft in sich
schließt, also einen Teil der politischen Oekonomie. Dieselbe steht
wiederum dem Verwaltungsrecht gegenüber, welches die Gesetzgebung
 in betreff der ganzen Verwaltung, also auch der Fürsorge für das
wirtschaftliche Leben behandelt, wiederum hauptsächlich interpretierend.
Das Verwaltungsrecht setzt dem Verwaltungsbeamten auseinander, wie
die einzelnen Gesetzesparagraphen aufzufassen sind, welche Maßregeln
sich ihm daraus ergeben, während die politische Disziplin auch hier auf
Grund internationaler Vergleichung kritisch vorzugehen und zu untersuchen
 hat, wie die Gesetzgebung unter gegebenen Verhältnissen zu
gestalten ist, um die Zwecke zu erreichen.
Polizei- Die Polizeiwissenschaft ist die Lehre von den Maßregeln
wissenschaft. der Staatsgewalt, die Störungen der äußeren Ordnung des gesellschaftlichen
 Zusammenlebens unmittelbar zu verhindern, und ist deshalb auch
mit der Chirurgie verglichen worden.
In den früheren Zeiten, aber noch in den fünfziger Jahren, z.B. in
dem großen Werke von Robert von Mohl, wurde sie wesentlich
weiter gefaßt. Man teilte ihr den größeren Teil der Volkswirtschaftspolitik
 zu, vor allem die Bevölkerungspolitik, Gegenwärtig ist diese
Auffassung als veraltet zu bezeichnen, und man beschränkt sie allgemein
 auf die Sicherheits-, Sitten-, Medizinalpolizei; d. h. man weist ihrer
Behandlung die Maßregeln zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung
 zu, die Einrichtungen zur Wahrung der allgemeinen Sicherheit,
die Fürsorge zur Aufrechterhaltung der guten Sitte, es fällt hier hinein
das Prostitutionswesen, schließlich die sanitären Aufgaben, welche in
der neueren Zeit eine wachsende Bedeutung gewonnen haben. Vielfach
hat man ihr auch das Armenwesen zugeteilt, was durch das damit zuz3ammenhängende
 Vagabundenwesen auch volle Berechtigung hat, wäh-‚end
 die übrigen Fragen desselben allerdings naturgemäß der Volkswirtschaftspolitik
 zufallen.
Zu den Staatswissenschaften zählt man ferner die Statistik, aufzefaßt
 sowohl als Staaten- oder Zustandskunde, welche die Aufzabe
 hat, die Verhältnisse des Volkslebens quantitativ zu messen und zur
Darstellung zu bringen, was gegenwärtig gewöhnlich der Geographie überlassen
 wird, sowie als vergleichende Statistik, welche durch zahlenmäßige,
 systematische Massenbeobachtung die sozialen und wirtschaftlichen
 Erscheinungen nicht nur zu konstatieren, sondern. durch bestimmte
Gruppierung und Vergleichung auch ihre Ursachen und Konsequenzen
zu ergründen strebt. Sie geht mit der Nationalökonomie Hand in Hand
in der Untersuchung der vorliegenden Erscheinungen des Wirtschaftslebens,
 führt dieselbe aber allein zahlenmäßig durch und geht wesentlich
 darüber hinaus, sowohl in der Bevölkerungs- wie in der Moralstatistik,
 die es mit dem geistigen Leben zu thun hat, Die National-Ökonomie
 hat der Statistik viel Material zu verdanken ‚ das sie sich
selbst nicht verschaffen kann. Die Statistik hat außerdem die Aufgabe,
 die Aufstellungen der Nationalökonomie zu kritisieren, indem die
ziffermäßigen Ergebnisse rein objektiven Charakter bewahren, dem subjektiven
 Ermessen des Forschers einen weit geringeren, vielfach gar
keinen Einfluß gestatten, Sie ist daher durch die Erweiterung und
korrektere Herstellung ihres Zahlenmaterials in der neueren Zeit ein
ınentbehrliches Hilfsmittel für die nationalökonomische Forschung geworden.


Statistik.
        <pb n="25" />
        Noch heutigen Tages wird vielfach die politische Oekonomie als
Teil der Kameralwissenschaften oder sogar mit diesen identisch
aufgefaßt. Der Name indessen ist durchaus veraltet und, die Anwendung
desselben kann nur zur Verbreitung schiefer Auffassungen Anlaß geben,
Man faßte insbesondere im vorigen Jahrhundert unter Kameralwissenschaften
 alle die Disziplinen zusammen, deren Kenntnis man außer
der Jurisprudenz von den Finanzbeamten der landesherrlichen Kammer
verlangte, und daher stammt der Name. Dazu gehörten aber außer
der politischen Oekonomie die Polizeiwissenschaft und die technischen
Disziplinen oder Gewerbswissenschaften, wie die Land- und Forstwirtschaftslehre,
 welche für die Domänenbeamten wünschenswert waren,
außerdem die Technologie, Bergwerks- und Handelswissenschaften.
Die Gewerbswissenschaften beschäftigen sich aber ausschließlich mit
den technischen Vorgängen des Gewerbes, also der Betriebsweise, dem
Ackerbau, der Viehzucht, der Forstkultur etc. Die politische Oekonomie
 dagegen läßt diese außer acht, berücksichtigt vielmehr nur die
volkswirtschaftlichen Wirkungen des Betriebes und untersucht mithin
die Stellung der Gewerbe innerhalb der Volkswirtschaft und im Zusammenhange
 mit derselben. Es sind deshalb die Gewerbswissenschaften
 völlig von der politischen Oekonomie zu trennen, und die zusammenfassende
 Bezeichnung der Kameralwissenschaften sollte fallen
gelassen werden.

Kameralwissen-



S 4.
Die allgemeine Litteratur.

i. Handbuch der politischen Oekonomie, herausgegeben von Gustav Schönberg.
 4. Aufl. Tübingen 1896—097. 2. Adolph Wagner, Allgemeine oder theoretische
 Volkswirtschaftslehre. 1. H. Grundiegung. Leipzig 1892—94. 3. W. Roscher,
System der Volkswirtschaft, Die Grundlagen der Nationalökonomik. 20, Aufl. Stuttgart
 1894. 4. Gustav Schmoller, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftsiehre, LT.
4, bis 6. Außl. Leipzig 1901, 5. G. Cohn, Grundlegung der Nationalökonomie. Stuttgart
 1885. 6. Kmies, Die politische Oekonomie vom geschichtlichen Standpunkt.
5. Aufl. Braunschweig 1883. 7. A. E. F. Schäffle, Das gesellschaftliche System
der menschlichen Wirtschaft. 3. Aufl. Tübingen 1873. 8. Adam Smith, Untersuchungen
 über die Natur und die Ursachen des Nationalreichtums, übers, v. Garve,
Breslau 1795, v. Asher, Hamburg 1861. 9. John Stuart Mill, Grundsätze der
politischen Oekonomie. Hamburg 1852 und Leipzig 1869. 10. EX. Sax, Grundlegung
 der theoretischen Staatswirtschaft, Wien 1887. 11. Carey, Handbuch der
Volkswirtschaft und. Sozialwissenschaft, München 1866. 12. v. Philippovich, Grundriß
 der politischen Oekonomie, Bd, X. 4, Aufl, Freiburg 1901. 18. A. Marshall,
Principles of economics, Vol. I, 1891. 14. Leroy-Beaulieu, Traite theorique et
pratique d’Economie politique, I, u. II. Paris 18%. 15. Zeitschrift für die gesamte
 Staatswissenschaft, herausgegeben von Schäffle u. a. Tübingen. 16. Jahrbücher
 für Nationalökonomie und Statistik, herausgegeben von Conrad, Loening
und Lexis. Jena, Gustav Fischer, 17. Jahrbuch für N rieiprebune, Verwaltung und
Volkswirtschaft im Deutschen Reiche, herausgegeben von Gustav Schmoller, Leipzig.
18. Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 2. Aufl, Jena, Gustav Fischer, 1899
19. Elster. Wörterbuch der Volkswirtschaft. Jena 1898.

8 5.
Grundbeeriffe.

Fr. J. Neumann, Beiträge zur Revision der Grundbegriffe der Volkswirtschaftslehre.
 "Tüb. Zeitschrift d. Staatsw., Jahrg. 1869 u. 1872.
Ders., Grundlagen der Volkswirtschaftslehre. 1. Abt. "Tübingen 1889,
H. v. Mangoldt, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. Stuttgart 1871.
Bastiat, Harmonies 6conomiques. Oeuvres compl., T. IV. Paris 1864,
». Hermann. Staatewirtschaftliche Untersuchungen. 2. Aufl. München 1874.
        <pb n="26" />
        a) Das Gut.

Ant

Der Mensch tritt mit seinen Bedürfnissen der großen Masse von
Gegenständen gegenüber, welche die äußere Natur ihm bietet. Er
untersucht dieselben, wie weit er sie zur Befriedigung seiner Bedürfnisse
 verwenden kann, und entdeckt er Eigenschaften in denselben,
die sie hierfür geeignet machen, so bezeichnet er sie als brauchbar;
die als brauchbar erkannten Gegenstände, die der Mensch für seine
Zwecke zur Benutzung auswählt, nennen wir Güter. Drei Arten von
Gütern sind zu unterscheiden. 1. Vor allem kommt die große Zahl
der Sachgüter in Betracht, welche fortdauernd im wirtschaftlichen
Leben Verwendung finden. Es sind die Gegenstände zur Befriedigung
des Nahrungsbedürfnisses: Getreide, Fleisch etc.; zum Schutze gegen
die Witterungseinflüsse, wie Kleidungsstücke; zur Wohnungseinrichtung ;
dann Maschinen zur Unterstützung unserer Thätigkeit; zur Befriedigung
der geistigen Bedürfnisse die Bücher, Bilder, Musikinstrumente etc,
Ja, es gehören auch Gegenstände eines eingebildeten Wertes dazu, wie
Amulette, Zaubermittel und dergl. Daß all’ die genannten Dinge „Güter“
sind, bedarf keiner weiteren Ausführung, 2, Die zweite Kategorie umfaßt
 die persönlichen Dienste, welche wirtschaftlich als Gut
anerkannt, geschätzt und eventuell bezahlt werden. Das ist der Fall
bei den Diensten. eines Arztes, um unsere Gesundheit herzustellen,
dem Unterricht eines Lehrers zur Ausbildung der geistigen Kräfte,
Bereicherung der Kenntnisse, Erhöhung der Leistungsfähigkeit eines
Schülers. Es gehört dazu die Bemühung eines Advokaten, Jemanden
in seinem Rechte zu schützen, sagen wir einem Müller den Zufluß und
die Benutzung des Wassers zu sichern, welches er zu seinem Betriebe
gebraucht. Es ist vom wirtschaftlichen Standpunkte als ein Gut auch
der Dienst aufzufassen und zu behandeln, den ein Dienstbote leistet
durch das Reinigen der Kleider, die Bereitung des Mittags etc., um
dem Herrn selbst die Arbeit zu ersparen, so daß er seine Thätigkeit
ganz auf seine Berufsarbeit konzentrieren kann. Es ist die gleiche
Leistung, als wenn er den Arbeitgeber in seiner Berufsthätigkeit unmittelbar
 unterstützt, z. B. wenn er als Gehilfe dem Maler die Farben
zusammenträgt und zur Mischung bereit hält. Da diese erwähnten
Leistungen ihre wirtschaftliche Bedeutung, vorliegende Bedürfnisse zu
befriedigen, haben, werden sie ebenso geschätzt und bezahlt wie Sachgüter,
 und stehen deshalb prinzipiell auf dem gleichen Boden. 3, Verhältnisse
 können gleichfalls den Charakter eines Gutes annehmen,
was allerdings von Böhm-Bawerk und Anderen bestritten wird. Aber
ein‘ rechtliches Verhältnis, welches eine ökonomische Nutzung gewährt,
gegen eine erhebliche Summe verkauft werden kann, also Kapitalswert
erlangt, muß doch wohl gleichfalls als ein Gut anerkannt werden, denn
die Brauchbarkeit ist unverkennbar, wie die thatsächliche wirtschaftliche
 Verwertung. Wie weit dadurch die ganze Volkswirtschaft gefördert
 wird, ist eine Sache für sich. Wenn einem Ingenieur die Erfindung
einer neuen Maschine patentiert wird, oder einem Chemiker eine neue
Methode, ein Färbemittel herzustellen, so wird ihnen damit die ökonomische
 Verwertung ihrer Erfindung garantiert, sie sind in der Lage,
wenn die Brauchbarkeit allgemein anerkannt ist, ihr Patent zu verkaufen.
 Das Recht der alleinigen Verwertung gewährt einen besonderen
ökonomischen Nutzen, wird hoch geschätzt und mit einem Kapitale bezahlt.
 Dies Rechtsverhältnis stellt sich als ein wirtschaftliches Cut
        <pb n="27" />
        9

heraus, wie ebenso der Ruf einer Firma, eines Kaufladens, die Praxis
eines Advokaten, eines Arztes, Das befestigte Verhältnis zu einem
Kundenkreis erweist sich als ein wirtschaftliches Gut. welches Kapitalswert
 erlangt hat. .
Die Güter sind aber in zwei Kategorien zu scheiden: a) die freien,
b) die wirtschaftlichen Güter. Allgemein als brauchbar anerkannte
und verwendete Gegenstände, die im Ueberflusse vorhanden und einem
Jeden ohne Mühe zugänglich sind, beanspruchen keine besondere menschliche
 Fürsorge und werden damit nicht Gegenstand wirtschaftlicher
Aufmerksamkeit, Sie haben damit nicht den Charakter wirtschaftlicher
Güter, und man nennt sie deshab freie Güter. Solch ein freies Gut ist
die uns umgebende Atmosphäre, die im höchsten Maße brauchbar, ja
für uns unentbehrlich ist, die uns aber beständig umgiebt und keine wirtschaftliche
 Fürsorge in Anspruch nimmt. Das Wasser einer Quelle,
die mehr spendet, als die Umwohner gebrauchen, wird als freies Gut
zu bezeichnen sein, wenn Jeder beliebig davon Gebrauch machen kann.
Wenn aber die Quelle von dem Grundbesitzer unter Verschluß gelegt,
wenn sie in Röhren gefaßt und nach der Stadt geleitet wird, so wird
das Wasser zu einem wirtschaftlichen Gute. Die Benutzung ist nicht
Jedem gestattet, es ist Arbeit darauf verwendet. Die Quelle hat damit
eine andere wirtschaftliche Bedeutung erlangt. Solange der Grund und
Boden in einem Lande nicht völlig occupiert ist, sondern noch ausgedehnte,
 fruchtbare Flächen unbenutzt daliegen, sind dieselben freies Gut.
Sobald die Bevölkerung zugenommen hat, der Staat oder Private die
Hand darauf gelegt und sie der beliebigen Occupation entzogen haben,
erhalten sie den Charakter eines wirtschaftlichen Gutes. Solange
Steine in Ueberfülle auf dem Lande zu finden sind, und Jeder sie
sich zum Bau, zur Pflasterung etc. unbehindert auflesen kann, sind
sie freie Güter, Sobald dagegen die Grundbesitzer sie allein für sich
in Anspruch nehmen, oder wenn sie bereits auf Haufen zusammen getragen
 oder gar in die Nähe der Städte gefahren sind, sind sie wirtschaftliche
 Güter. Und je mehr die Kultur fortschreitet, je enger sich
die Bevölkerung zusammendrängt, um so mehr Güter werden aus
„freien“ „wirtschaftliche“. Dabei sind, wie ausgeführt, jene drei Momente
 bestimmend: die Beschränktheit des Vorrates, die Ausschließung
der freien Verfügung über das Gut, wie sie mit unseren Besitzverhältna
 verbunden zu sein pflegt, schließlich die Aufwendung von Arbeit
arauf.

8 6.
‘b) Der Wert.
Karl Marx, Das Kapital. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals.
2. Aufl, Hamb. 1872.
Lindwurm, Der Wert. Hildebrands Jahrbücher IV. 1865.
v. Böhm-Bawerk, Grundzüge der Theorie des wirtschaftlichen Güterwerts
VIIT, N. F. der Jahrb. f. Nationalökonomie, 1886.
Menger, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, Wien 1871.
W. v. Hermann, Staatswirtschaftl. Untersuchungen, 2. Aufl. München 1874.
v. Wieser, Der natürliche Wert. Wien 1889.
U Die Bedeutung der Lehre vom Grenznutzen. Jahrb, £. Nat. 1891,
‚3. F,
Lexis, Art. Grenznutzen im Supplementband I d. H.-W.-B.
Die Bedeutung eines Gutes für menschliche Zwecke ist sein
Wert, der aber nur durch Vergleichung mit anderen Gütern zum

Freies Gut.

Wert.
        <pb n="28" />
        10

Ausdruck gelangen kann. Wenn der Mensch sich nicht nur damit
begnügt, die Nützlichkeit des betreffenden Gegenstandes für seine
Zwecke anzuerkennen, sondern dazu übergeht, zu untersuchen, wie groß
der Nutzen ist, den er davon haben kann, also den Grad der Brauchbarkeit
 festzustellen, so unternimmt er es, das Gut nach seinem Werte
zu schätzen. Das Ergebnis der Schätzung kann aber erst zum Ausdruck
 gebracht werden, wenn zugleich eine Vergleichung mit anderen
Gegenständen durchgeführt wird, die als Maßstab dienen. Wenn der
Mensch bei einer Getreideart entdeckt, daß sie zur Nahrung verwendbar
 ist, so erkennt er sie als Gut an, baut er das Getreide an, so ist
das Gewonnene ein wirtschaftliches Gut, geht er dazu über, zu untersuchen,
 welche Quantität des Getreides genügt, den Tages- oder Jahresbedarf
 zu decken, so wird er zur Erkenntnis der Bedeutung des Gutes
für seine wirtschaftlichen Verhältnisse gelangen, das ist, ihm Wert
beilegen. Zum Ausdruck aber kann er das Ergebnis seiner Schätzung
nur bringen, wenn er feststellt, wie viel andere Nahrungsmittel ein bestimmtes
 Quantum Getreide zu ersetzen vermag, also durch die Vergleichung
 der wirtschaftlichen Bedeutung mit jenen. So wird der Wert
eines Centners Weizen gleich eventuell fünf Viertel Centner Roggen,
anderthalb Centner Hafer oder 10 M. in Gold festgestellt. In der
gleichen Weise vermag man wohl zu sagen, es ist in dem Zimmer heiß
oder kalt; wie groß die Wärme, vermag man nur festzustellen nach
der Einwirkung auf die Quecksilbersäule. Man kann ein Haus, einen
Berg wohl hoch oder niedrig‘ nennen, die Höhe selbst ist nur durch
Vergleichung mit einem Meterstabe oder dem menschlichen Fuß und
dergl. zu bestimmen. Man wird die Eigentümlichkeit der Wertschätzung
daher nur richtig erkennen, wenn man sich stets vergegenwärtigt, daß
die Grundlage dabei die Vergleichung ist.
Der Wert ist keine absolute Eigenschaft der Dinge, sondern
wird denselben erst durch die Schätzung beigelegt; gerade so wie
die grüne Farbe nicht eine der Tapete inhärente Eigenschaft ist, sondern
nur den Eindruck bezeichnet, den die Oberfläche des Gegenstandes
unter dem Hinzutritt des Lichtes auf die Netzhaut hervorbringt; und
dieser. Eindruck ist bekanntlich auf die verschiedenen Menschen sehr
ungleich. Es ist nur nötig, an die Farbenblindheit zu erinnern. Erst
durch die Schätzung des Menschen wird dem Gegenstande der Wert
beigelegt und je nach der individuellen Eigentümlichkeit des Menschen,
je nach den Verhältnissen, in denen er sich befindet, wird sein Urteil
über den Wert desselben Gegenstandes ein außerordentlich ungleiches
sein. Wir haben daher die Motive näher zu untersuchen, welche das
Urteil des Menschen bei der Wertschätzung beeinflussen. Zuvor indessen
 wollen wir näher betrachten, welche Arten des Wertes aufgestellt
 werden können, resp. aufgestellt sind, da die Eigentümlichkeit des
Wertbegriffes dadurch stärker hervortreten wird.
Gebrauchs- Schon Aristoteles, dann Adam Smith haben den Wert in Geund
 brauchs- und Tauschwert (value in use, value in exchange) einge-Fauschwert.
 o;]t, Als Gebrauchswert ist die Tauglichkeit eines Gegenstandes zur
Verwendung für den menschlichen Gebrauch bezeichnet, oder auch: „In
der eigenen Wirtschaft ihres Besitzers verwendet zu werden“ (Böhm-Bawerk),
 während der Tauschwert die Bedeutung eines Gegenstandes
im Verkehre zum Austausch anderer Gegenstände zum Ausdruck bringen
soll. Thdessen schafft wohl die Bestimmung oder. die Art der Verwendung
 eines Gegenstandes nicht eine eigene Wertkategorie. Sonst
        <pb n="29" />
        =4

könnte man ebenso unterscheiden zwischen einem besonderen Nahrungswert,
 Kleidungswert etc. Rau unterschied noch zwischen einem abstrakten
 und konkreten Gebrauchswert. Unter dem ersteren verstand
 er die Tauglichkeit eines Gegenstandes, menschlichen Zwecken
überhaupt dienen zu können, wie also die Brennkraft der Kohle, durch
welche Wärme erzielt werden kann; des Eisens, sich in verschiedene
Formen umarbeiten zu lassen. Dieser abstrakte Gebrauchswert ist
dann aber nichts anderes als die Brauchbarkeit auf Grund der natürlichen
 Eigenschaften des Gegenstandes, Die Brauchbarkeit allein aber
verleiht dem Gegenstande noch keinen Wert, es muß der schätzende
Mensch hinzutreten, und er muß auch in der Lage sein, von den Eigenschaften
 des Dinges Nutzen zu ziehen. Die Kohle, welche an einem unzugäuglichen
 Orte ruht, hat ebensowenig Wert, wie das Holz in einem
Urwalde, welches später einmal, wenn die Pioniere der Kultur in jenen
Distrikt eindringen, Wert erlangen kann. Man gebraucht bereits den
Ausdruck Wert, wo nur die eine Grundlage für denselben vorliegt, und
hat Verwirrung herbeigeführt, indem man die Worte Nutzbarkeit und
Wert identifizierte. Als konkreten Gebrauchswert bezeichnete Rau
demgegenüber die Tauglichkeit eines Gegenstandes, unmittelbar vorliegenden
 menschlichen Bedürfnissen zu dienen, und hier ist man wohl
in der Lage, den Ausdruck Wert bereits anzuwenden, Nun ist aber
doch unter Umständen die Tauglichkeit eines Gegenstandes für ein vorliegendes
 Bedürfnis gerade in der Möglichkeit gelegen, ja er vielleicht
allein dazu zu verwerten, andere Gegenstände damit einzutauschen,
z. B. ein Hundertmarkschein. Hier fallen also Tausch- und Gebrauchswert
 völlig zusammen. Auf der anderen Seite wird ein Vorrat Getreide,
 welchen ein Landwirt aufgespeichert hat, nicht nur danach geschätzt,
 welchen Nutzen dieser davon in der eigenen Wirtschaft zu ziehen
vermag, sondern auch, was er dafür eintauschen oder durch Verkauf
damit erlangen kann. Der Tauschwert beeinflußt somit den Gebrauchswert,
 sie lassen sich gar nicht trennen, sobald man den Gegenstand in
der Volkswirtschaft beobachtet, und mit ihr haben wir es doch hier
zu thun. Es ist ferner klar, daß, um weiter diese Ausdrücke anzuwenden,
 Tauschwert nur vorhanden ist, wo ein Gebrauchswert vorliegt,
der letztere bestimmt den ersteren. Auch hier erscheint eine Trennung
beider vollständig unthunlich. Der Ausdruck Wert wird hier nur
uneigentlich gebraucht, wo es sich allein um einen Faktor der Wertbestimmung
 handelt.
Eine zweite, gegenwärtig sehr allgemein acceptierte Einteilung
ist die nach Neumann und Böhm-Bawerk in objektiven und
subjektiven Wert. Der erstere ist „die anerkannte Tüchtigkeit eines
Gutes zur Herbeiführung irgend eines einzelnen äußeren Erfolges“, der
letztere „die praktische Bedeutung, die ein Gut für den Interessenkreis
eines bestimmten Subjektes dadurch erlangt, daß dieses sein Wohlbefinden
 in irgend einem Stücke vom Besitze des Gutes abhängig weiß.“
Nach dieser Definition fällt der objektive Wert mit dem abstrakten
Gebrauchswert zusammen, wie er im allgemeinen im Nahrungswert des
Getreides, Heizwert der Kohle etc. liegt, was, wie wir sahen, die Nützlichkeit
 eines Gutes bedeutet, und nur eine Grundbedingung des Wertes
ist, nicht aber der Wert selbst. Böhm-Bawerk führt deshalb weiter
aus, daß für die wirtschaftliche Betrachtung der objektive Tauschwert
 der Güter die größte Wichtigkeit habe, „das ist die, auf den
gegebenen thatsächlichen Verhältnissen heruhende Befähigung derselben

bjektiver u
subjektiver
Wert.
        <pb n="30" />
        ‘9

Volkswirtschaftlicher

Wert.

zemeiner
Wert.

Faktoren der
Wertbestimmung.


im Tauschverkehr eine bestimmte Menge anderer Güter als Gegengabe
zu erwerben“, Das ist also wiederum nichts anderes, als der Tauschwert
 des Adam Smith, der eben objektiven Charakter hat. Der
subjektive Wert, der durch das Urteil des einzelnen Wirtschaftenden
bedingt wird, ist nichts anderes, als der privatwirtschaftliche
Wert, der sich natürlich in unendlicher Mannigfaltigkeit der Tausende
und aber Tausende von einzelnen Wirtschaften herausstellt, der für die
Nationalökonomie nur eine untergeordnete Bedeutung hat. Der volkswirtschaftliche
 Wert ergiebt sich erst aus dem Zusammenwirken
jener Privatwirtschaften in dem großen Durchschnitte des Marktverkehrs,
 Uns will deshalb scheinen, daß die Unterscheidung zwischen
privatwirtschaftlichem und volkswirtschaftlichem Werte
bedeutsamer ist und den Kernpunkt in höherem Maße trifft, als die
Unterscheidung zwischen objektivem und subjektivem Wert, und wir
haben in dem Folgenden, wo es nicht anders angegeben ist, den volkswirtschaftlichen
 Wert‘ im Auge.
Auf die Unterscheidung des Gebrauchswertes wiederum in Konsumtions-
 und Produktionswert, der sich also nach der Art der Verwendung
 des Gutes richtet, ist nach dem Gesagten kein Gewicht zu
legen. In der Jurisprudenz spielt noch der gemeine Wert eine erhebliche
 Rolle. Es ist derjenige, der nach der Schätzung im Öffentlichen,
freien Verkehre von einem Jeden zu erlangen ist. Demselben steht,
z. B, bei ländlichen Grundstücken, der Ertragswert gegenüber, der sich
durch den aus dem Objekte zu erlangenden Reinertrag ergiebt. Man
spricht auch von Kostenwert, der durch die Unkosten bestimmt wird,
welche die Herstellung oder Beschaffung verursachen, Schließlich ist noch
der Affektionswert zu berücksichtigen, der durch die besondere individuelle
 Beurteilung auf Grund eines bestimmten Verhältnisses sich
von dem durchschnittlichen Urteile unterscheidet. Das ist z. B. der
Fall bei einer Bibliothek, die ein Gelehrter sich für seine Studien zusammengekauft
 hat, die für seine persönlichen Zwecke eine weit höhere
Bedeutung hat, als auf dem allgemeinen Markte. Ein mäßiges Portraitgemälde
 wird für denjenigen einen sehr hohen Wert haben können,
welcher der Person sehr nahe gestanden hat, die das Bild darstellt.
Alle diese Unterscheidungen haben aber nur eine untergeordnete
Bedeutung, und wir können bei der folgenden Untersuchung vollständig
davon absehen.
Bei der Wertschätzung in der Volkswirtschaft, wo das subjektive
Moment völlig in den Hintergrund tritt, kommen nun sehr verschiedene
Faktoren in Betracht, welche das menschliche Urteil beeinflussen:
l, Die natürliche Nutzbarkeit des Gutes, die Eigenschaften, durch
welche es zur Bedürfnisbefriedigung des Menschen fähig werden
kann, werden überall die Grundlage der Schätzung bilden. Es ist die
Nährkraft des Getreides, durch welche dasselbe von den Menschen
geschätzt wird, wie die Bildsamkeit und der Glanz der Edelmetalle,
weshalb sie von den Menschen überall gesucht und bevorzugt werden.
Wo der Mensch sich nicht wenigstens einbildet, daß das Gut ihm
Nutzen bringen kann, wird er ihm einen Wert nicht beilegen. Das
bedarf keiner weiteren Ausführung. Aber die Brauchbarkeit ist keineswegs
 das allein bestimmende Moment des Wertes. Wir sahen bereits,
daß sehr brauchbare, ja zum Leben durchaus notwendige Gegenstände
freie Güter sein können, die gar keinen Wert haben, wie Luft, Wasser,
unter Umständen Holz, Grund und Boden, Steine ete. Ein Gut er-
        <pb n="31" />
        13 —

Jangt daher erst Wert, wenn ein anderes Moment hinzutritt, d. i. 2. die
Seltenheit. Was in nachhaltigem Ueberflusse uns ohne Mühe in
jedem Momente zugänglich ist, wird von uns wirtschaftlich nicht als
wertvoll respektiert. Nur das wirtschaftliche Gut hat einen Wert,
und die Seltenheit des Gutes ist imstande, den Wert desselben in sehr
bedeutendem Maße zu steigern und wesentlich über andere Gegenstände
 zu erheben, die für das ganze wirtschaftliche Leben weit unentbehrlicher
 sind. Daher die eigentümliche Erscheinung, daß ein Brot,
ein Stück Eisen nur einen geringeren Wert repräsentieren als das seltenere
 Silber und (3old, Edelsteine etc., die für unser Leben weit weniger
notwendig sind. Hierin ist auch der Grund zu suchen, warum z. B.
in einer belagerten Stadt, je mehr die Vorräte aufgezehrt werden, der
übrig bleibende kleinere Rest, wie der der sibyllinischen Bücher, einen
wachsenden Wert erlangen kann. Die Nährkraft des Getreidevorrates
hat abgenommen, die Bedeutung für das Leben der Bevölkerung ist
gestiegen. Bei diesem Beispiele kommt aber zugleich ein anderer Punkt
in Frage, der früher bereits berührt wurde. Der Wert eines Gegenstandes
 kann nur durch Vergleichung zum Ausdruck gebracht werden.
Die Wertsteigerung kann daher auch dadurch herbeigeführt sein, daß
der zur Wertmessung herangezogene Gegenstand an Bedeutung verloren
hat. Das ist unzweifelhaft in einer belagerten Stadt der Fall. Das
Geld, Geschmeide, kostbare Kleider, alle sonstigen Luxusgegenstände
haben in der bedrängten Lage, in der sich die Belagerten befinden,
an Bedeutung wesentlich eingebüßt. Das Interesse konzentriert sich
mehr und mehr auf die Nahrungsmittel. Ein reicher Mann zahlte deshalb
 willig kurz vor der Uebergabe von Paris 1871 für ein Huhn 100 Fres,,
für ein Pfund Butter 20 Fres., um etwas Abwechslung in die Nahrung
zu bringen. Es hat eine Wertverschiebung stattgefunden, nicht
aber eine Vermehrung der Befriedigungsmittel überhaupt.
Die Wirkung der Seltenheit hat aber ihre bestimmte Grenze, die
ihr gezogen wird 3. durch die Dringlichkeit des Bedürfnisses
des schätzenden Menschen. Das geht schon aus dem eben betrachteten
Beispiel hervor. Derselbe Gegenstand wird privatwirtschaftlich wie volkswirtschaftlich
 sehr verschieden beurteilt, je nach den wirtschaftlichen
Verhältnissen. Ohne daß ein Bedürfnis zur Verwendung des Gegenstandes
 vorliegt, wird derselbe trotz seiner guten Eigenschaften, durch
welche er Nutzen gewähren könnte, Wert nicht zu erlangen vermögen.
In den Tropen, wo es an Wäldern nicht fehlt, wird Niemand nach der
Steinkohle Nachfrage halten, solange nicht eine entwickelte. Kultur den
Dampfbetrieb zur Anwendung bringt. Die sonst so geschätzte Steinkohle
erweist sich dort als wertlos. Der verschmachtende Wanderer in der
Wüste, die Mannschaft auf einem Schiffswrack, deren Leben von dem
Wasservorrat abhängt, werden denselben höher schätzen, als was sie
sonst besitzen, während unter gewöhnlichen Verhältnissen das Wasser
wertlos ist. Das Zusammenwirken beider Momente, der Seltenheit und
der Dringlichkeit des Bedürfnisses bringen die unendlichen Nuancierungen
 hervor, welche in dem wirtschaftlichen Leben in der Werthöhe
und der Wertbestimmung zu Tage treten.
Aber es ist noch ein vierter Faktor zu berücksichtigen, das ist 4. das
Opfer der Beschaffung des Gutes. Die Arbeit, den Gegenstand
herzustellen, die Mühe, ihn aus einem entfernten Orte herbeizuschaffen
oder ihn überhaupt ausfindig zu machen, mit anderen Worten, die
Herstellungs- oder Beschaffungskosten beeinflussen unser Urteil in

Wertverschiebung
        <pb n="32" />
        14

hohem Maße. Handelt es sich um Gegenstände, die in beliebiger
Menge leicht neu hergestellt werden können und thatsächlich in der
Volkswirtschaft stets ausreichend geliefert werden, so kann es keinem
Zweifel unterliegen, daß der Wert bestimmt wird durch die Herstellungskosten
 im weiteren Sinne des Wortes. Die Lieferung hört eben auf,
wenn nicht so viel als Aequivalent dafür erlangt werden kann, als zur
Entschädigung für die aufgewendete Arbeit notwendig ist. Für die
übrigen Gegenstände, die nicht immer in ausreichendem Maße zu beschaffen
 sind, werden die Herstellungskosten dagegen nur die unterste
Grenze bilden, unter welche dauernd die Wertschätzung nicht sinken
kann, während darüber hinaus ein weiter Spielraum bleibt, wie wir bei
Untersuchung der Preisregulierung später ausführlicher darzulegen
haben werden. :

S 7.

Vergleichung der verschiedenen Begriffsdefinitionen
des Wertes.

PFurgot.

Die Grenznutzen-



Die Verschiedenheit der Wertdefinitionen, welche noch gegenwärtig
 in unserer Wissenschaft vorhanden ist, scheint uns hauptsächlich
Jarauf zurückzuführen zu sein, daß bald der eine, bald der andere
Faktor überwiegend oder auch ausschließlich als maßgebend für die
allgemeine Wertbestimmung angenommen wird, während stets sämtliche
zusammenwirken, nur daß in dem einen Falle der eine, in dem anderen
Falle ein anderer in höherem Maße ausschlaggebend ist.
Von Turgot wurde der Tauglichkeit des Gegenstandes der entscheidende
 Einfluß beigelegt, und wir sahen, daß dieses in vielen
7ällen auch durchaus zutreffend ist. Inama-Sternegg hat nachzuweisen
 gesucht, daß im Mittelalter unter normalen Verhältnissen die
Wertschätzung durch die Nutzbarkeit der Gegenstände bestimmt wurde.
Das ist unzweifelhaft in großer Ausdehnung noch jetzt bei den primitiven
 Völkerschaften der Fall, wo z. B. in den Tropen bei den Negerstämmen
 viel überschüssige Arbeitskraft vorhanden ist, die aufgewendete
Arbeit nicht hoch veranschlagt wird und daher. kein bedeutsames
Moment bei der Wertschätzung ausmacht, Je mehr auf höherer Stufe
der Kultur die gebrauchten Gegenstände allgemein viel Arbeit erfordern,
und die meisten Menschen von ihrer Arbeit leben, muß dieser Faktor
mehr in den Vordergrund treten. Solange noch freie Güter in großer
Menge vorhanden sind, aus denen der größte Teil des Bedarfes geleckt
 werden kann, wird die Laune des Nachfragenden mehr in Be-;racht
 kommen, als in einer Zeit, wo die Welt fortgegeben ist und
in übergroßer Teil des Lebensbedarfs durch Arbeit und Tausch aus
lem Besitze Anderer genommen werden muß,
Das Bedürfnis und die Seltenheit sind neuerdings von Karl Menger
und seiner Wiener Schule, Wieser, Böhm-Bawerk, dann von
Patten, Gide und Anderen nach dem Vorgange von Gossen, Jevons
and Heinrich von Thünen, als entscheidend angenommen in der
Ausbildung der interessanten Grenznutzentheorie. Sie beruht
auf der Voraussetzung, daß auf unserer Kulturstufe die Dringlichkeit
Jes Bedürfnisses in der Privatwirtschaft wie in der Volkswirtschaft
für die Werthöhe bestimmend ist. Die Bedürfnisse stufen sich nach
Jieser Auffassung in ihrer Dringlichkeit ab. Je mehr der Vorrat aus-
        <pb n="33" />
        18

‘
reicht, auch die weniger dringlichen zu befriedigen, um so geringer
werden die Befriedigungsmittel im Werte geschätzt.
Böhm-Bawerk wählt das Beispiel der Einzelwirtschaft eines
Farmers, der seinen Erntevorrat außerordentlich hoch schätzt, wenn
derselbe nur ausreicht, um die nötigsten Nahrungsbedürfnisse der Familie
zu befriedigen. Alles andere wird bei ihm im Vergleich zum Getreide
bedeutungslos dastehen. Wenn dagegen in einem anderen Jahre die
Ernte ausreicht, um nicht nur die Menschen zu ernähren, sondern auch
in angemessener Weise den Viehstand zu erhalten, so wird das Getreide
dagegen schon nicht in dem gleichen Werte stehen, Wenn er aber
genügend geerntet hat, um außerdem Papageien zu füttern, die er zu
seinem Vergnügen hält und zieht, so wird der ganze Vorrat nur nach
dem Maßstabe dieses letzten Aufwandes geschätzt werden, d.h, außerordentlich
 gering. Dies trifft in isolierter Wirtschaft allerdings zu.
Es wird auch auf manche Verhältnisse in der Volkswirtschaft zu
übertragen sein, vielleicht auf die Schätzung der Ernte eines ganzen
Landes, und es ist unzweifelhaft ein Verdienst jener Schule, wieder
die Aufmerksamkeit auf das bedeutsame Moment der Dringlichkeit des
Bedürfnisses gelenkt zu haben. Wir können uns aber nicht davon
überzeugen, daß diese Art des Urteilens überall in der Volkswirtschaft
vorliegt, und daß die Dringlichkeit das allein bestimmende Motiv ist.
Unter unseren thatsächlichen volkswirtschaftlichen Verhältnissen greift
vielfach unzweifelhaft die Berücksichtigung der Herstellungskosten bestimmend
 ein. Die Fabrikanten, welche beobachten, daß mehr Ware
produziert ist, als untergebracht werden kann, halten darum noch nicht
den ganzen Vorrat für entwertet, sie bringen nur so viel auf den
Markt, als zu einem angemessenen Preise Absatz finden kann und
vernichten nur den kleinen Rest, der allein entwertet ist, während
nach der Grenznutzentheorie bei eingetretenem Ueberfluß der ganze
Vorrat wertlos sein soll. Wiederholt ist es dagewesen, daß in überreichen
 Ernten ein Teil des Getreides dem Mäusefraß und sonst dem
Verderben verfiel, noch niemals hat die Geschichte aber von einem
Beispiel berichtet, daß in einer Volkswirtschaft das Getreide keinen
Preis hatte. Sehr häufig werden größere Auflagen von Büchern gedruckt,
 als Absatz finden können, dadurch ist aber noch niemals die
ganze Auflage wertlos geworden. In der Volkswirtschaft vollziehen
zich die Verhältnisse nicht so einfach wie in einer isolierten Wirtschaft.
Adam Smith bestimmte den Wert eines Gegenstandes nach der
Arbeit, die man damit einkaufen kann, aber auch nach der Arbeit,
die zur Herstellung erforderlich war. Dies führte sein Schüler David
Ricardo eingehender aus, der überall dort die Herstellungskosten für
den Wert bestimmend ansah, wo der Gegenstand in ausreichender
Fülle vorhanden ist, und ein gesteigerter Bedarf leicht gedeckt werden
kann, während bei beschränktem Vorrat und erschwerter Ergänzung der
Einfluß des Seltenheitsmomentes durchaus von ihm anerkannt wurde. Da
er aber annahm, daß in bei weitem überwiegender Weise in der
Volkswirtschaft der erstere Fall, der zweite nur ausnahmsweise vorkomme,
 so berücksichtigte er bei den allgemeinen Betrachtungen nur
den ersten, nicht den zweiten. Hierauf stützten sich besonders Karl
Marx und seine Schule, welche das Seltenheitsmoment ganz beiseite
schoben und nur die durchschnittliche (nicht in dem einzelnen Falle,
sondern die gesellschaftliche) zur Herstellung notwendige Arbeit als
den Wert bestimmend ansahen, wie sie zugleich die menschliche Arbeits-Arbeit

 als
alleiniger
Wertfaktor
        <pb n="34" />
        — 16

Üarey

Bastiat.

kraft als alleinigen Werterzeuger hinstellten. Hiernach kennt die sozialistische
 Schule nur den Kostenwert und versteht unter Kosten
nicht Geld, sondern Arbeit.
Schon der Amerikaner Carey trat den Ausführungen Ricardo’s
 entgegen, indem er sagte: Nicht die zur Produktion, sondern zur
Reproduktion nötige Arbeit bestimme den Wert. Wie viel Arbeit aufzewendet
 ist, um den Gegenstand anzufertigen, bleibt gleichgültig;
wenn man durch einen Fortschritt, z. B. eine Erfindung, in den Stand
zesetzt wird, sich den Gegenstand mit viel weniger Arbeit neu herzustellen,
 so wird man für ihn nicht mehr geben, als die Neuherstellung
erfordert. ‚Jeder industrielle Fortschritt führt daher unter sonst
zleichen Verhältnissen zu einer Verminderung des Wertes der be-;reffeuden
 Gegenstände. Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Auf-'assung
 richtig ist, doch wird sie nur für solche Verhältnisse eine
wesentliche Bedeutung haben, wo der Fortschritt und. die Ermäßigung
ler Herstellungskosten schnell vor sich gehen, während das Ergebnis
on den meisten Fällen mit der Ricardoschen Definition zusammenfallen
wird.
Der Careyschen Auffassung sehr nahe liegt die von Frederic
Bastiat, der den Wert bemißt nach dem durch das Gut ersparten
Dienste. Hat ein Fuhrmann, sagt er, in einem Fasse Trinkwasser
nach der Stadt gefahren, so wird das Wasser nicht nach den Kosten
bewertet, welche dem Fuhrmann daraus entsprangen, sondern der Wert
des Wassers wird in der Stadt so hoch geschätzt werden, und der
Fuhrmann wird den Preis des Wassers so weit über seine eigenen
Kosten zu steigern vermögen, als die Städter ihre Mühe veranschlagen,
um sich das Wasser selbst zu holen, was im allgemeinen höher sein
wird als die Mühe des Fuhrmanns. Auch diese Art der Schätzung
kommt in der Volkswirtschaft gewiß häufig vor, und die Darlegung
trägt zur Erläuterung des volkswirtschaftlichen Vorganges wesentlich
bei, unrichtig ist es aber sicher, überall diese eine Form der Schätzung
als maßgebend anzunehmen. — Auch hier kommt die Seltenheit des
Gutes nicht zur Geltung, so wenig wie bei Marx. Nicht nur bei Edelsteinen,
 Kunstwerken etc, ist sie als entscheidend anzusehen, sondern
vor allem bei dem Grund und Boden, besonders in den Städten, wo
ein Bauplatz, auf den noch gar keine Arbeit verwendet ist, doch thatsächlich
 bei starker Bevölkerung einen hohen Wert haben kann. Da
wir es hier aber zunächst allein mit der Klärung der volkswirtschaftlichen
 Thatsachen zu thun haben, so ist die Ricardo-Marxsche
Auffassung schon auf Grund dieser Thatsachen als falsch zu bezeichnen.
In der Volkswirtschaft ist nur bei verhältnismäßig wenig Gütern
die Neubeschaffung in jedem Augenblicke leicht erreichbar. Vielmehr
haben wir es ganz allgemein mit Seltenheitsmomenten zu thun. Kohle,
Kupfer, Eisen, Getreide schwanken im Preise von einem Jahre zum
anderen, auch wenn die Herstellungskosten dieselben geblieben waren.
Jeder Produzent, der sich einen besonderen Ruf in einem weiten Kundenkreise
 erworben hat, — sei es durch die absolute Zuverlässigkeit in seinen
Lieferungen, z. B. von einem Handelsgärtner, daß er nur keimfähigen
Samen liefert, oder indem sich das Fabrikat durch besondere Güte auszeichnet,
 z. B. Mähmaschinen, Fahrräder in bestimmten Maschinenbauanstalten,
 — ist in der Lage, höhere Preise für seine Ware zu nehmen,
als seine Konkurrenten, höhere, als seinen Produktionskosten entspricht.
Seine Waren erlangen einen Seltenheitswert. Auch der Kaufmann, der
        <pb n="35" />
        2217

ein besonderes Vertrauen bei seinen Kunden besitzt, kann aus dem
gleichen Grunde einen höheren Aufschlag machen, als die benachbarten
Geschäfte. Die Wertschätzung seiner Ware erweist sich bei den
Kunden höher als derjenigen seiner Konkurrenten.
Bei der hohen Bedeutung, welche man eine lange Zeit der Marxschen
 Werttheorie beilegte, müssen wir auf diese noch besonders eingehen.

Karl Marx geht davon aus, daß, wenn im volkswirtschaftlichen
Tauschverkehre zwei Gegenstände dem Werte nach gleich geschätzt
werden, notwendig eine gemeinsame Grundlage vorhanden sein müsse.
Die Nutzbarkeit des Gegenstandes erweise sich nun nicht als gleichartig,
da das subjektive Ermessen der Schätzenden ausserordentlich verschieden
sei, und wir haben diese Ungleichartigkeit ausdrücklich anerkannt und
darzulegen gesucht. Marx nimmt als die überall gemeinsame Grund-Jage,
 sich an Ricardo anlehnend, das Quantum notwendiger Arbeitszeit
an, welches die Herstellung der Ware unter den vorhandenen, gesellschaftlich
 normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen
Grade von Geschick und Intensität der Arbeit erfordert. Er meint
damit einen objektiven festen Maßstab gewonnen zu haben. Das ist
indessen durchaus nicht zuzugeben. Hr selbst erkennt an, daß zwischen
Arbeit und Arbeit ein sehr bedeutender Unterschied ist, er hilft sich
über die Schwierigkeit dadurch hinfort, daß er qualifizierte Arbeit eines
Künstlers auf einfache Arbeit reduzieren will, wodurch er dem subjektiven
 Ermessen des Schätzenden wiederum verfallen ist. Um die zur
Herstellung einer Statue, eines Romans, eines wissenschaftlichen Werkes
notwendige gesellschaftliche Arbeitszeit festzustellen, fehlt ein jeder Anhalt,
 ebenso wie zur Herstellung einer neuerfundenen Maschine, eines
neuen Färbemittels etc. Nur wenn man die Bedeutung der Leistung
des Unternehmers, eines Ingenieurs ignoriert, wie es von Marx geschieht,
oder sie ausdrücklich als unproduktiv bezeichnet, wie Rodbertus, kann
man die einfache physische Arbeit als Maßstab acceptieren, Die
ganze Grundlage der Marxschen Ausführung, daß notwendig zur Vergleichung
 ein objektiv gleicher Maßstab zur Wertschätzung vorhanden
sein müsse, ist durchaus nicht anzuerkennen, sondern es liegt in der
Eigentümlichkeit der Wertschätzung, daß das subjektive Moment eine
ebenso große Rolle spielt, wie das objektive in den Eigenschaften des
geschätzten Gegenstandes. Da Marx anerkennen muß, daß seine
Werttheorie die thatsächlichen Vorgänge der Wertschätzung nicht zu
erklären vermag, sondern mit ihnen überall in Widerspruch gerät, so
hilft er sich mit der Konstruierung eines Gegensatzes zwischen Preis
und Wert, und behauptet, daß in jenen Fällen, wo das Seltenheitsmoment
 eine Rolle spielt, und dadurch thatsächlich die Schätzung eine
weit höhere ist, als der aufgewendeten Arbeit entspricht, nur der Preis
gesteigert sei, nicht aber der Wert. Mit anderen Worten, er stellt &amp;amp;
priori einen wirtschaftlichen Begriff des Wertes auf und sucht die thatsächlichen
 Vorgänge mit Gewalt diesem Begriffe anzupassen. Er deutet
sie willkürlich seiner vorgefaßten Meinung zu liebe, während es allein
die Aufgabe der Wissenschaft ist, die Thatsachen zu erklären und auf
Grund derselben die Beegriffsdefinitionen aufzustellen.

Marx.

NYonrad, Grundrifs der nolit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl
        <pb n="36" />
        — 18

$ 8.
Preis und Vermögen.

Zuckerkandl, Theorie des Preises. Leipzig 1889.
Leo von Buch, Intensität der Arbeit, Wert und Preis der Waren. Leipzig 1896.
FF. Weinschenk, Das Volksyermögen. Jena 1896.

Preis.

Preis ist das Aequivalent für ein Tauschobjekt und zwar im allgemeinen,
 wo nicht eine besondere Ausnahme gemacht wird, in Geld.
Der Preis eines Pferdes ist eventuell 1000 Mk. Es ist die Summe,
welche thatsächlich bei dem Kauf für den Gegenstand gezahlt wird,
oder die Summe, welche dafür gefordert, der Wert, welcher von beiden,
&amp;gt;der auch nur von einem Teile zum Ausdruck gebracht wird.
In welchem Verhältnis stehen hiernach Wert und Preis?
Sobald beide volkswirtschaftlich aufgefaßt werden, fallen sie offenbar
 zusammen. Das Ergebnis der allgemeinen Schätzung tritt allein zu
Tage in dem Durchschnitte der geforderten und gezahlten Preise im
großen Verkehre. Eine Abweichung voneinander ist hier gar nicht
denkbar. Auch privatwirtschaftlıch ist der erzielte Preis im einzelnen
Falle der Ausdruck des Ergebnisses der gegenseitigen Abwägung des
Wertes zwischen Käufer und Verkäufer, Für den einen Teil kann
allerdings die Wertschätzung wesentlich anders ausfallen, als der thatzächlich
 erzielte Preis ist, Der Verkäufer kann das Pferd vielleicht
nur auf 800 Mk. geschätzt haben, weil er gewisse Fehler kannte, die
der Käufer nicht bemerkte, er nahm aber den höheren Preis von
1000 Mk., die ihm der andere Teil bewilligte, weil er in seinem Urteil
 so weit hinauf, oder auch vielleicht noch darüber hinaus ging.
Wenn der Käufer sich so ausdrückt, er habe das Pferd über den
Wert bezahlt, so will er damit sagen, daß er entweder nachträglich
arkannt, daß er bei dem Kaufe den Wert überschätzt hatte, oder,
laß er sich in der Zwangslage befunden habe, die ihn nötigte, im
Momente dem Pferde einen höheren Wert für seine individuellen Verhältnisse
 zuzuerkennen, als der gemeine oder volkswirtschaftliche Wert
3ei. Der gezahlte Preis wird dann aber ‚doch der subjektiven Wertschätzung
 des Käufers entsprochen haben. Wenn Marx nun selbst
auf der einen Seite erklärt Bd. III, S. 188: „Der Preis ist normal
nichts als der in Geld ausgedrückte Wert“, dann aber anerkennt, daß
Grund und Boden, auf den noch keine Arbeit verwendet ist, einen
hohen Preis haben kann, auch ohne daß derselbe bereits bearbeitet
war, und dann sich darüber hinfort hilft, indem er Bd. III, S. 162
sagt: „Da die Erde nicht das Produkt der Arbeit ist, also auch keinen
Wert hat“, mithin einen strikten Gegensatz zwischen Preis und Wert
macht, so sind das unlösbare Widersprüche. In gleicher Weise entzieht
 er sich den Konsequenzen seiner Begriffsdefinition, wenn er
Bd. III, S. 292 sagt: „Von eigentlichen künstlerischen Gegenständen
nicht zu reden, deren Betrachtung der Natur der Sache nach von
unserem Thema ausgeschlossen ist.“ Da nun das Seltenheitsmoment
und auf der anderen Seite die qualifizierte Arbeit überall in unserer
Volkswirtschaft eine hervorragende Rolle spielen, so schließt Marx!)

‚ 1) K. Marx, Das Kapital, Bd. III, 8.173: „Es ist endlich festzuhalten, daß
jer Preis von Dingen, die an und für sich keinen Wert haben, d. h. nicht das
Produkt der Arbeit sind, wie der Boden, oder die wenigstens nicht durch Arbeit
        <pb n="37" />
        19 —

selbst die Anwendbarkeit seiner Begriffsdefinitionen auf unsere volkswirtschaftlichen
 Verhältnisse aus, Sie wird zur Erklärung der Thatsachen
 unbrauchbar und hat allerdings wesentlich zur Verwirrung der
Anschauungen beigetragen.
Die Summe aller wirtschaftlichen Güter, welche im Kigentum
einer physischen oder juristischen Person sind, nennen wir Vermögen,
Dazu gehören nach dem früher Gesagten nicht nur Sachgüter, sondern
auch Rechte, Pacht-, Patent-, Verlags-, Forderungsrechte. Denselben
stehen gegenüber Schulden, die von dem Vermögen in Abzug gebracht
werden müssen, um den Wohlstand einer Person in Geld festzustellen.
Man spricht auch von Volksvermögen, doch ist der Begriff
les Vermögens durchaus privatwirtschaftlich aufzufassen und setzt die
Schätzung in Geld voraus. Der Staat kann deshalb personifiziert als
Fiskus Vermögen besitzen, so gut wie Schulden haben. Ein Volk
disponiert aber über eine Menge Güter, die nicht im Verkehre geschätzt
 werden können, und doch von großer wirtschaftlicher Bedeutung
sind, wie natürliche Wasserstraßen, Häfen ete, Außerdem treten, wie
später noch näher darzulegen sein wird, innerhalb eines Landes Werterhöhungen
 ein, welche anscheinend das Volksvermögen steigern, thatsächlich
 aber nur eine Wertverschiebung in sich schließen und daher
den Wohlstand der Gesamtheit unberührt lassen, wie bei Kurssteigerung
von Papieren, Erhöhung der Preise des Grund und Bodens und der
Häuser in den Städten etc. Man wird daher den Ausdruck Volksvermögen
 nur mit großer Vorsicht anwenden dürfen.

Vermögen,

reproduziert werden können, wie Altertümer, Kunstwerke bestimmter Meister etec,,
durch sehr zufällige Kombinationen bestimmt werden kann, Um ein Ding zu verkaufen,
 dazu gehört nichts, als daß es monopolisierbar und veräußerlich ist.“
S. 188 ebenda: „Der Wasserfall, wie die Erde überhaupt, wie alle Naturkraft,
 hat keinen Wert, weil er keine in ihm vergegenständlichte Arbeit darstellt,
ınd daher auch keinen Preis, der normaliter nichts ist, als der in Geld ausgedrückte
Wert. Wo kein Wert ist, kann eo ipso auch nichts in Geld dargestellt werden.“
S. auch Karl Diehl, Ueber das Verhältnis von Wert und Preis im Öökoaomischen
 System von Karl Marx. Jena 1898.
        <pb n="38" />
        Abschnitt I.

Die Lehre von der Produktion.

Kapitel I.

Die Grundlagen der Produktion.

$ 9.
Das Bedürfnis als Ursache der volkswirtschaftlichen
Thätigkeit.
B. Gurewitsch, Die Entwickelung der menschlichen Bedürfnisse und die
sociale Gliederung der Gesellschaft, Leipzig 1901.
Bedürfnis als Das Bedürfnis ist, wie wir sahen, die treibende Kraft in der
treibende Volkswirtschaft, auch die Tiere haben ihre Bedürfnisse, doch kann
Kraft. man bei ihnen nicht von Volkswirtschaft sprechen. Der Hamster ist
allerdings vorsorglich und sammelt einen Wintervorrat ein; ja, er ist
vielleicht vorsorglicher als der Neger. Der Biber richtet sich eine
Wohnung künstlich her. Wir finden bei Bienen und Ameisen Arbeitsteilung
 und Organisation der gesamten Thätigkeit. Man kann deshalb
wohl von Wirtschaft bei ihnen sprechen, doch bleibt es isolierte Einzelwirtschaft,
 wenn auch mitunter in großem Maßstabe, aber das Tier
kann niemals darüber hinausgelangen. Der Mensch unterscheidet sich
prinzipiell von dem Tiere dadurch, daß er als vernunftbegabtes, selbstbewußtes
 Wesen seine eigenen Anlagen und Triebe zu erkennen und
zu beurteilen vermag und zugleich die Folgen seines Thuns und Treibens
abwägen und ermessen kann. Vorausberechnend kann er seine Eigenschaften
 modifizieren, seinen Trieben Schranken auferlegen und dadurch
auf sein Dasein einen erheblichen Einfluß ausüben. Das Tier giebt
sich rückhaltlos seinen Trieben hin; es besitzt nur ein geringes Aupassungsvermögen
 an die Verhältnisse. Es nimmt die Gaben der
Natur, wie sie sind, und geht zu Grunde, wenn es sie nicht zu assimilieren
 vermag. Der Mensch ist imstande nicht nur, was die Natur
zewährt, umzugestalten, um es sich nutzbar zu machen, sondern, und das
ist für uns hier von besonderer Wichtigkeit, auch seine Bedürfnisse
zu modifizieren und den Verhältnissen anzupassen. Jenes allgemeine
Agens, die menschlichen Bedürfnisse, ist nichts unabänderlich Feststehendes,
 sondern fortdauernden Modifikationen unterworfen. Die
menschlichen Bedürfnisse stehen im Flusse der Geschichte. Die Geschichte
 der Bedürfnisse giebt uns zugleich die Geschichte der Volkswirtschaft,
 denn die veränderten Bedürfnisse stellen der Menschheit
neue Aufgaben der Arbeit.
Veränder- Man braucht sich nur zu vergegenwärtigen, welche Veränderungen
ıchkeit der unsere Nahrungs- und Kleidungsbedürfnisse im Laufe der Kultur-Bedürfnisse.
 antwickelung erfahren haben, um sich dieses klar zu machen. Noch
        <pb n="39" />
        bei Homer kennen die Griechen keine Abwechslung in den Speisen.
Brot, Fleisch und Wein treten überall in der gleichen Weise bei allen
Mahlzeiten auf, während heutigen Tages die Speisen in der mannigfachsten
 Weise hergestellt werden. Für die feinen Diners liefern die
verschiedensten Weltteile ihre Beiträge, und Tausende arbeiten an
der Herbeischaffung mit. Man vergleiche die einfache Art, mit der
lie primitiven Völkerschaften ihre Blößen bedecken, und die enorme
Arbeit, die erforderlich ist, um heutigen Tages die Balltoilette einer
Dame herzustellen. Das Wesentlichste aber ist, daß der Mensch sich
abenso erfinderisch erweist, sich seine Arbeit zu erleichtern und mit
weniger Mühe seine Befriedigungsmittel zu beschaffen, wie er nach erleichterter
 Arbeit wiederum beständig thätig ist, in sich neue Bedürfnisse
 zu erwecken, um sich damit neue Arbeit zu schaffen. Sobald
lie Nähmaschine erfunden war, wurden die Toiletten komplizierter, so
laß sie noch mehr Arbeit erforderten mit Unterstützung der Maschine,
als vorher ohne dieselbe. Seit die Stickmaschine erfunden ist, werden
Stickereien überall bei der gewöhnlichen Kleidung angebracht, wie bei
Dekorationsgegenständen u. s. w., wo man sie bis dahin nicht kannte;
und auch die mittleren und unteren Schichten der Bevölkerung fangen
an, mehr und mehr davon Gebrauch zu machen. Die Verbesserung
ler Geschosse führte zur Ausbildung der Panzer. Je dicker und härter
die Panzerplatten, um so größer werden die Kanonen und Geschosse
zemacht. Die Verbesserung der Beleuchtung zunächst vereinzelter
Läden, öffentlicher Lokale regte in der Bevölkerung die Verbesserung
ler Beleuchtung in den Wohnungen an, die Erhellung jedes Winkels
n den Zimmern nötigt zu einer besseren Ausstattung der Räume; eine
Vervollkommnung bedingt die andere. Was zunächst exceptioneller
Luxus war, wird bald zum allgemeinen täglichen Gebrauch. Das Beispiel
 der bevorzugten Klassen regt allmählich die mittleren und unteren
Klassen zur Nachfolge an. Justus von Liebig sagt gelegentlich
in seiner „Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie“,
as sei eine triviale selbstverständliche Wahrheit, daß, wenn der Mensch
sein Nahrungsbedürfnis ohne Arbeit aus der Luft befriedigen könnte,
jede wirtschaftliche Thätigkeit, wie jeder wirtschaftliche und soziale
Unterschied der Klassen, der Gegensatz von Arm und Reich, von
Herren und Dienern mit einem Schlage aus der Welt geschafft sein
würde. Das ist ein großer und sehr bezeichnender Irrtum. Denn,
brauchte der Kulturmensch nicht mehr für die Nahrung zu sorgen, so
würde er sofort seine sonstigen materiellen Bedürfnisse, ganz besonders
aber die geistigen steigern, sich damit immer neue Aufgaben stellen,
der Ungleichheit in der Schaffenskraft einen gleichen - Spielraum gewähren
 und damit der wirtschaftlichen Thätigkeit ebenso große, wenn
auch veränderte Entfaltung gestatten, damit aber zugleich zur Ausbildung
 der Klassengegensätze die gleiche Grundlage gewähren.
Diese Erkenntnis ist aber für die ganze Auffassung des wirtschaftlichen
 Lebens hochbedeutsam und geradezu entscheidend. Die Adam
Smithsche Schule kam vielfach zur falschen Auffassung, weil sie
Jieses Moment nicht genügend berücksichtigte, die menschlichen Belürfnisse
 als für große Perioden feststehend annahm, wie wir später
wiederholt zu zeigen haben werden. Die Beurteilung unserer modernen
wirtschaftlichen Entwickelung wird durch die Berücksichtigung des
Dargelegten eine optimistischere sein. Auch einer stark zunehmenden
Bevölkerung wird durch die Entwickelung der Bedürfnisse noch die
        <pb n="40" />
        29

Bedürfnissteigerung.


Eooismus.

nötige Arbeitsgelegenheit geboten werden können. Jede Hebung der
Lebensbedingungen der unteren Klassen stellt an die Arbeitskraft des
Landes die gewaltigste Anforderung, und eine Grenze für diese Entvickelung
 ist kaum abzusehen,
Auf niederer Kulturstufe ist dagegen die Weckung der Bedürfnisse
 das erste Erfordernis zur Hebung des Fleißes. Das Unbehagen
lurch die Nichtbefriedigung desselben muß größer sein als das Behagen
 bei dem sich der Trägheit Hingeben. Der Neger beginnt erst
zu arbeiten, wenn in ihm das Streben wachgerufen ist, sich bunte
Zeuge, Schmucksachen, alkoholische Getränke zu verschaffen, und dieses
Streben so stark ist, daß er lieber die Anstrengungen der Arbeit auf
sich nimmt, um sich das Nötige zu verdienen, als träge hin zu vegetieren.
 So lange der russische Bauer sich bei seinen geringen Bedürfnissen
 völlig wohl fühlt, ist er für einen Kulturfortschritt nicht reif.
Erst wenn er darnach strebt, sich mehr Mittel zu verdienen, wird er
auch geneigt sein, etwas zu lernen, um seine Leistungsfähigkeit zu erhöhen,
 es ist die erste Anregung, um sich auch geistig höher zu bilden,
 Die Trägheit ist aber überall in der Menschheit verbreitet, und
es bedarf eines Anstoßes, um sie zu überwinden. Der Reiz, sich mehr
Genüsse zu verschaffen, ist am meisten geeignet, die natürliche Trägheit
 zu überwinden,
Die Steigerung der Bedürfnisse ist aber nicht unter allen Umständen
 förderlich. Sie kann auch über das richtige Maß hinauszehen.
 Das wird der Fall sein, wenn die Entwickelung der Leistungsfähigkeit
 nicht mit der der Bedürfnisse Hand in Hand gegangen ist,
und dadurch die Gefahr erwächst, daß die angeregten Bedürfnisse
keine Befriedigung finden, wodurch Unzufriedenheit entstehen muß.

8 10.
Das Privatinteresse als wirtschaftliches Agens.
% „Schmotler, Volkswirtschaftslehre, -methode, Handwörterbuch der Staatswissenschaften.

Menger, Untersuchungen über die Methode der Socialwissenschaften, Wien 1883.
Dietzel, Beiträge zur Methodik der Wirtschaftswissenschaft, Jahrb. f, Nationaljkonomie.
 N. F., IX, 1884,
4. Wagner, Grundlegung, 1. Buch. Leipzig 1894,
Der Mensch ist aber nicht nur in Bezug auf seine Bedürfnisse
;roßen Wandlungen unterworfen, sondern auch in seinen Begriffen
ron Recht und Sitte, wodurch auch die Thätigkeit zur Befriedigung
ler Bedürfnisse, also die ganze Volkswirtschaft große Modifikationen
arfahren muß. - Die Adam Smithsche Schule ging davon aus, daß das
Privatinteresse, der Egoismus, die wirtschaftliche Thätigkeit hervorrufe
ınd leite, und gewiß ist dieses richtig. Sie ging aber noch einen
Schritt weiter und sah dieses Privatinteresse als bei allen Menschen
zleich an, so daß dadurch die wirtschaftliche Thätigkeit überall in der
zleichen Weise beeinflußt würde. Sie glaubte daher allgemein wirtzchaftliche
 Naturgesetze aufstellen zu können und sah in der Auffin-Jung
 derselben die Aufgabe der Wissenschaft. Das ist indes nicht
richtig, Der Egoismus, wie er hier in Betracht kommt, ist offenbar
aufzufassen als das Streben, in sich das Gefühl der Zufriedenheit herzustellen.
 Bei dem Eintreten des Gefühls des Hungers, also auf Grund
des Nahrungsbedürfnisses, wird der Mensch allgemein darnach streben,
durch Verschaffung von Nahrungsmitteln und Genuß derselben sich
        <pb n="41" />
        23

Befriedigung zu verschaffen. Aber die Art, wie er seinen Zweck zu
erreichen sucht, wird je nach der Stufe der Kultur eine sehr verschiedene
 sein. Dieselben "Triebe, der Selbsterhaltungs- und der Geschlechtstrieb,
 die überall im Menschen vorhanden sind, wirken bei den verschiedenen
 Individuen sehr ungleich. Der Neger, der Indianer giebt
sich denselben schrankenlos hin. Sie kennen keine andere Rücksicht,
und werden ev, vor einem Morde nicht zurückschrecken, wenn sie sich
dadurch das Gewünschte verschaffen können. Der Kulturmensch ist
dazu nicht fähig. Die Rücksicht auf den Nebenmenschen, die zum
Altruismus wird, wenn das Streben so weit geht, dem andern Vorteile
 zuzuwenden, dann religiöse Grundsätze, das Ehrgefühl hindern
ihn daran. Er würde durch eine solche Handlung sein Gewissen beschweren,
 und trotz der Stillung des Hungers nicht zum Gefühl der
Befriedigung gelangen. Je höher die Stufe ist, auf der er steht, um so
mehr ist er gewöhnt, seine Triebe zu beherrschen, und wird bei demselben
 Anlaß zu ganz anderen Handlungen getrieben wie der Naturmensch.
 Mit anderen Worten: die Art des Selbstinteresses ist eine
durchaus andere geworden. Es wirken eine Menge anderer Motive
auch bei rein wirtschaftlicher Thätigkeit mit, Dieselben Triebe veranlassen
 sehr ungleiche Handlungen. Die letzteren beruhen daher
nicht auf einfachen Naturgesetzen, wie es die alte Schule annahm,
die überall die gleichen sind; sondern jedes Volk, jede Zeit, jede
Kulturstufe weist andere Handlungen der Menschen auf, die durch
dieselben wirtschaftlichen Ursachen hervorgerufen sind. Daher können
einzelne wirtschaftliche Erscheinungen nur auf Grund der genauen
Kenntnis der vorliegenden Zustände beurteilt werden. Was für
Wirkungen einzelne wirtschaftliche Veränderungen herbeitühren werden,
täßt sich nur in wenigen einfachen Fällen aprioristisch vorherbestimmen,
und nur unter Berücksichtigung der gegebenen Verhältnisse. Aus dem
Gesagten geht hervor, daß auch die Lehren unserer Wissenschaft nur
für eine bestimmte Kulturstufe maßgebend sein können. Wir untersuchen
 die Verhältnisse, die vor uns liegen, und stützen auf Grund der
Erfahrung gewisse Auffassungen, stellen den Zusammenhang von Ursache
 und Wirkung fest, wie er sich aus unserer Beobachtung ergiebt.
Unser Urteil über wirtschaftliche Vorgänge komplizierterer Art wird daher
stets das Ergebnis unserer Zeit sein und für andere Zeiten nicht mehr
die volle Gültigkeit haben. Die Gegenwart für unsere Zwecke richtig
zu beurteilen, hilft uns vor allem die Statistik, dann das Staats- und
Verwaltungsrecht. Zu übersehen, wie die Verhältnisse geworden sind,
lehrt uns die Geschichte, Sie sind die Grundlage unserer Wissenschaft,
Es hat die Philosophie, vor allem die Psychologie hinzuzutreten, um
uns die Eigentümlichkeiten des Menschen klar zu legen, und Schlüsse
auf seine Handlungsweise zu ermöglichen.
Wenn aber die Berliner sogenannte „historische Schule“ glaubt,
allein auf dem historischen Wege eine neue nationalökonomische Wissenschaft
 schaffen zu können, so erscheint uns das zu weit gegangen. Unsere
Kenntnisse der früheren wirtschaftlichen Verhältnisse sind dazu viel zu
uanvollkommen. Prinzipiell steht aber dem entgegen, daß jede Kulturstufe
 viel zu große Verschiedenheiten aufzuweisen hat, als daß man aus
den Vorgängen anderer Zeiten ohne weiteres unsere beurteilen lernen
könnte, Wir werden aus der Wirkung einzelner Steuermaßregeln im 16,,
17. Jahrhundert nur sehr beschränkt ein Urteil über den Einfluß geyinnen.
 den dieselbe Maßregel in unserer Zeit ausüben wird. Wir

Historische
Schule.
        <pb n="42" />
        24

Wiener
Schule.

werden deshalb stets von der Gegenwart auszugehen haben, und den
Schwerpunkt auf die Untersuchung über die uns vorliegenden Verhältnisse
 legen müssen. Die historische Untersuchung hat sekundär hinzuzutreten,
 um zu zeigen, wie und wodurch die Gegenwart so geworden ist,
wie sie ist, sie kann aber niemals auf die primäre Stellung in der poliäschen
 Oekonomie Anspruch erheben. Sie hat hauptsächlichste Bedeusung
 für die Volkswirtschaftspolitik, weniger für die Nationalökonomie.
Dem gegenüber glaubt die Wiener Schule, die sich die „exakte“
nennt, hauptsächlich im Sinne der Smithschen Richtung die Wissenschaft
 durch aprioristische Konstruktionen fördern zu können, mehr
Jeduktiv als induktiv vorgehen zu sollen. Unzweifelhaft ist nach
lieser Richtung noch außerordentlich viel zu thun. Unsere Begriffsdefinitionen
 sind noch keineswegs genügend durchgearbeitet und endgültig
 festgestellt, und so lange bleibt eine Wissenschaft in den Kinderschuhen,
 was die historische Schule zu wenig berücksichtigt. Auf
dem Wege der Abstraktion, durch Isolierung einzelner Vorgänge und
klare Aussonderung der Wirkung bestimmter Ursachen kann nach
dem Vorbilde Thünens und der mathematischen Richtung noch viel
Licht auf die wirtschaftlichen Erscheinungen geworfen werden. Aber
auch diese Methode wird allein unmöglich zum Ziele führen. Sie
:ördert hauptsächlich die Nationalökonomie, weniger die Volkswirtschaftspolitik.
 Die Hauptsache bleibt die Beobachtung in dem praktischen
 Leben selbst, unter Hinzuziehung der Hilfsmittel, welche uns die
beiden erwähnten Richtungen geboten haben. Unsere Wissenschaft
bedarf offenbar beider Methoden, sowohl der deduktiven, wie der induktiven,
 um vorwärts zu kommen. Der praktische naturwissenschaftliche
Weg wird die Grundlage zu bilden haben. Aber auch die Naturwissenschaften
 haben gerade in der neuesten Zeit die wirksamste Anregung
durch deduktiv3s Vorgehen erhalten, wie bekanntlich durch Darwins
Hypothese. Das sollte den Anhalt zur Feststellung der Aufgabe unserer
Wissenschaft bilden.
Wenn wir nach dem Gesagten zu dem Ergebnis gelangen, daß
as die Aufgabe der Nationalökonomie nicht sein kann, Naturgesetze
aufzusuchen, sondern nur Regeln für bestimmte Zeiten, so ist ihr damit
der Charakter einer Wissenschaft gewiß nicht genommen, der mehr
durch die Forschungsmethode als durch das zu erreichende Ziel bestimmt
 wird, Was die alte Schule als Naturgesetze auffaßte, ist bereits
 zum großen Teile als für die Gegenwart nicht mehr zutreffend
erkannt. Gleichwohl waren ihre Leistungen als wissenschaftliche anzuerkennen,
 die für ihre Zeit Bedeutung hatten, aus denen wir hohen
Nutzen zogen und auf denen wir fortbauen. Sind wir genötigt, unsere
Ansprüche etwas bescheidener zu gestalten, als es in früheren Zeiten
geschah, so sind ihre Aufgaben darum doch riesig groß und wohl des
Schweißes der Besten wert.

$ 11.
Das Wesen der Produktion.

Die Aufgabe wirtschaftlicher Thätigkeit ist, wie wir sahen, darauf
gerichtet, für die menschlichen Bedürfnisse die Befriedigungsmittel zu
schaffen. Sie geht dahin, die von der Natur gebotenen Gegenstände
für die menschliche Benutzung brauchbarer zu machen, so daß sie
eine höhere Bedeutung gewinnen, m. a. W. die wirtschaftliche Thätig-
        <pb n="43" />
        DE

keit ist auf Wertvermehrung gerichtet, und wo durch menschliche
Arbeit Werte geschaffen werden, spricht man von Produktion. Aber
nicht jede Werterhöhung schließt auch eine Steigerung des Volkswohlstandes
 ein, weil sie, wie oben gezeigt, auch allein auf einer Wertverschiebung
 beruhen kann. Eine Wertvermehrung kann ferner auch durch
die Natur allein geschehen. Das ist der Fall, wenn z. B. in der Nähe
einer Stadt an unbenutzten Bergabhängen ohne menschliches Znthun
ein Wald aufwächst, der mit der Zeit einen hohen Wert gewinnen
kann. In dem Walde konzentriert sich vielleicht ein Wildstand, dessen
Fleisch in der Stadt einen weit höheren Wert hat, als zur Deckung
der Unkosten der Jagd erforderlich ist. Ein ausgestochenes Torfmoor
liefert sich selbst überlassen nach 30 Jahren wiederum einen reichen
Vorrat an Brennmaterial, ohne daß menschliche Arbeit darauf verwendet
 wurde. Ueberall allerdings muß schließlich menschliche Arbeit
hinzutreten, um nutzbar zu machen, was die Natur geschaffen hat; aber
diese Thätigkeit ist darum nicht überall bestimmend für den Wert des
Gegenstandes, worauf es hier allein ankommt.
Bei weitem der größte Teil der Werte wird aber unzweifelhaft
durch menschliche Thätigkeit in Verbindung mit der Natur erzielt.
Dies kann geschehen durch Herstellung neuer Gegenstände, wie der
Halme und Körner des Getreides, oder durch Umformung vorhandener
Güter, um ihnen dadurch einen höheren Wert beizulegen, z. B. durch
das Zermahlen der Körner zu Mehl. Niemals kann selbstverständlich
von einer Neuschaffung von Stoffen die Rede sein, sondern überall
handelt es sich nur um Umwandlung vorhandener, die durch Verbindung
mit anderen zu neuen Gegenständen werden oder durch Umbildung
neue Gestalt annehmen. Der Streit, ob es nur einen Produktionsfaktor
 giebt oder drei, scheint uns sehr müßig, und mehr auf eine verschiedene
 Auffassung des Wortes hinauszulaufen als auf eine prinzipiell
verschiedene Beurteilung der Produktion. Für die Annahme nur des
einen Faktors Arbeit sind besonders Rodbertus-Jagetzow und
Karl Marx eingetreten, und sie haben viele Anhänger gefunden. Es
dürfte indessen dadurch nur Verwirrung aber nicht klareres Verständnis
 für die wirtschaftlichen Vorgänge erreicht sein, weshalb wir an der
alten Unterscheidung der drei Produktionsfaktoren: Natur, Kapital und
menschlicher Arbeitskraft festhalten.
Daß jene drei Faktoren zusammen wirken müssen, um Werte zu
erzeugen, daß der Mensch isoliert nichts zu schaffen vermag, sondern
nur wenn ihm Gaben der Natur zur Verfügung stehen, und er sie mit
Geräthen oder Maschinen verwerten kann, leugnet natürlich auch Rodbertus
 nicht. Aber diese werden nur als Hilfsstoffe zur Unterstützung
der menschlichen Hand angesehen, die sie verschieden benutzt, und das
den Wert Schaffende ist nach ihm nur die menschliche Arbeit. Um
dem entgegenzutreten, betonten wir oben ausdrücklich, daß in vereinzelten
 Fällen die Natur selbständig, ohne Zuthun des Menschen Werte,
vorzubringen vermag, wenn auch zur Benutzung derselben Menschen
natürlich hinzutreten müssen, Aber auch aus anderen Vorgängen ist
diese selbständige Schaffenskraft der Natur wie des Kapitals leicht ersichtlich.
 Niemand leugnet, daß derselbe Arbeitsaufwand durch verschiedene
 Bodenarten in der Landwirtschaft sehr verschiedenen Ernteertrag
 zu erzielen vermag. Wir schreiben den Mehrertrag des guten
Bodens diesem zu, Rodbertus dagegen allein der Arbeit, die nur durch
humosen Lehm fruchtbringender geworden ist. Der Schneider, der mit

Freie Wertbildung,


7roduktion.
        <pb n="44" />
        — 26

Hilfe einer Nähmaschine das Doppelte an Näharbeit fertig bringt als
bisher ohne diese, schreibt vielleicht das Verdienst sich selbst zu, wie
Rodbertus es ihm allein vindiziert, während es wohl richtiger ist, anzuerkennen,
 daß die Mehrleistung der Maschine zu verdanken ist, wenn
auch die Thätigkeit des Schneiders eine andere geworden ist. Man
wird dadurch den Einfluß des Kapitals in der Volkswirtschaft richtiger
zur Darstellung bringen und sich von extremer und einseitiger Ueberschätzung
 der Arbeit ferne halten, der die beiden Autoren verfallen
3ind. Daß aber der Arbeitsaufwand allein nicht, wie jene behaupten,
den Wert in unserer Volkswirtschaft bestimmt, suchten wir oben in $ 6
nachzuweisen, Daß ferner das Kapital mehr Werte erzeugt, als es
sei der Produktion einbüßt, wird später bei Erörterung des Kapitalzinses
 nachzuweisen sein.
Die Produktion tritt bekanntlich in drei Gewerbskategorien auf:
L. den Gewerben der Rohproduktion (Land-, Forstwirtschaft und Bergbau);
 2. den Stoff veredelnden Gewerben (Handwerk und Fabrikbetrieb,
d. 1. industrieller Thätigkeit); 3. den Gewerben des Handels und Verkehrs.
Alle drei stehen auf dem gleichen Boden und haben dieselbe Aufgabe
der Werterzeugung. Es besteht zwischen ihnen wirtschaftlich kein
prinzipieller Unterschied, wie es in früheren Zeiten angenommen wurde,
Auch der Handel übernimmt einen Teil der Produktion, er ist ihr
nicht gegenüberzustellen, wie man das früher gethan hat, sondern er
ist als die Fortsetzung der produktiven Thätigkeit der Landwirtschaft
and der Industrie anzusehen.
Physio- Die Physiokraten in der Mitte des vorigen Jahrhunderts nahmen
Era feohe an, daß nur die Landwirtschaft den Volkswohlstand zu erhöhen ver-HSCMMUNS-
 möge, Sie erkannten wohl, daß auch das Handwerk Werte erzeuge,
aber sie meinten, daß es nur soviel Werterhöhung bewirke, als bei
der Arbeit an Rohmaterial, menschlicher Nahrung u. s. w. verbraucht
werde, während in der Landwirtschaft die Natur in besonderer Weise
Werte schaffe und einen Ueberschuß über die bei der Produktion verbrauchten
 Werte liefere. Ein solcher Unterschied existiert thatsächlich
 nicht. Auch in der Industrie sind überall die Naturkräfte mit
thätig, gleichviel ob der Schmied mit Hilfe des Kohlenfeuers das Kisen
weich und bearbeitungsfähig macht, oder in der chemischen Industrie
aus der Steinkohle Anilinfarben hergestellt werden, und in den großen
Fabriken die Dampfkraft Alles in Bewegung setzt. Auch der Landwirt
 wandelt nur die vorhandenen Stoffe um, die er in der Erde findet
oder ihr durch Dünger einverleibt, wenn er durch die Saat eine Ernte
erzielen will, oder das Futter durch die Kuh in Milch und Fleisch umwandelt
 u. s. w., wie der Industrielle, der aus dem Steinkohlenteer
die einzelnen Stoffe extrahiert und sie für die Zwecke der Färberei
and Parfümerie durch chemische Umwandlung brauchbar macht. Bei
jedem Produktionsprozesse aber ist die Voraussetzung, daß ein Ueberschuß
 aus den verbrauchten Werten erzielt wird, und überall kann
Jieser Ueberschuß über den Aufwand hinausgehen und damit zur Ernöhung
 des Volkswohlstandes dienen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß
lieses in der Industrie im allgemeinen in höherem Maße geschieht als
in der Landwirtschaft.
In der gleichen Weise erhöht der Handel den Wert der Gegenstände,
 wenn er sie auch unverändert läßt. Das Gewerbe des Verkehrs
 bringt die erzeugten Gegenstände, z. B. die Kohlen, das Getreide
ron dem Produktionsorte, wo sie im Ueherflusse vorhanden sind und

(jewerbe.
        <pb n="45" />
        97

dadurch im Werte niedrig stehen, in die Gegenden höheren Bedarfs
und erhöht deshalb den Wert derselben. Dasselbe Quantum Kohle
oder Getreide hat durch eine angemessene Verteilung im Lande eine
erhebliche Werterhöhung erfahren. Derselbe Vorrat hat im Lande weit
größere wirtschaftliche Bedeutung gewonnen, der Volkswohlstand ist
dadurch wesentlich erhöht. Der Handel wirkt in der gleichen Weise
auch ohne Transport, indem er die Gegenstände in die Hände überführt,
 welche einen besseren wirtschaftlichen Gebrauch davon machen
können. Wenn zwei Gutsnachbarn die aufgezogenen Tiere ihrem Bedarf
 entsprechend austauschen, indem der eine zu viel Kühe, der andere
zu viel Pferde hat, und jeder von dem anderen bezieht, was ihm zur
Komplettierung seines Inventares fehlt, so haben durch den Tausch
jene Tiere sowohl für die Privatwirtschaften, welche sie empfingen, wie
für die ganze Volkswirtschaft einen höheren Wert erhalten. Durch den
Tausch fand eine Wertproduktion statt. Der Handel ist in dieser Weise
ebenso produktiv wie die Industrie. Er liefert ein Mittelglied oder den
Schluß des. Produktionsprozesses, und ist als ein Teil desselben aufzufassen,
 der erst beendigt ist, wenn der Gegenstand in der Hand des
Konsumenten seine Bestimmung der Bedürfnisbefriedigung erreicht hat.
Ein Unterschied zwischen dem Außen- und dem Innenhandel ist hierbei
nicht anzuerkennen,
Die Verkennung der Bedeutung des Handels und die vielfach
ihm entgegengebrachte Mißachtung ist auf die Beobachtung zurückzuführen,
 daß der Handel auch unproduktiv auftritt. Das kann der
Fall sein, wo eine künstliche Preissteigerung durch Spekulation oder
durch Monopolisierung herbeigeführt wird, ohne zugleich eine Wertsteigerung
 zu erzielen. Es handelt sich dann allein um eine Wertverschiebung,
 und der Kaufmann bereichert sich auf Kosten des Produzenten
 oder Konsumenten, ohne der Volkswirtschaft zu nützen. Aber,
weil eine Spekulation unproduktiv und einseitig auf die Ausbeutung
des Publikums gerichtet sein kann, ist, wie später zu zeigen sein wird,
nicht jede Spekulation unproduktiv. Weil eine Anzahl Kolonialwarenaändler,
 Cigarrenläden u. s. w. überflüssig sind, sind nicht alle entbehrlich.
 Weil in einer kleinen Stadt durch Ringbildung die Kaffeepreise
 zu hoch geschraubt sind, ist nicht die Preiserhöhung durch den
Detailhandel überhaupt ungerechtfertigt und der Zwischenhandel entbehrlich
 und unproduktiv. Unberechtigte Preissteigerung wird ebenso
mitunter mit Recht dem Fleischer, wie dem Fabrikanten vorgeworfen.
Es giebt ebenso zeitweise einen Ueberfluß an Bäckern, Schuhmachern,
wie Bierbrauereien, Papierfabriken u. s. w., deren Thätigkeit in Zeiten
der Ueberproduktion als unproduktiv bezeichnet werden muß. Bei
übermäßiger Bodenzersplitterung in reinen Agrargegenden, wo die
Arbeitskraft der Bevölkerung nicht genügende Verwendung findet, ist
ebenso ein Ueberfluß an Landwirten zu beklagen, wie bei dem obigen
Beispiele an Kolonialwarenhändlern. Wenn der Landwirt eine verfehlte
 Melioration durchführt, wenn er eine falsche Fruchtfolge einführt,
eine den Verhältnissen nicht entsprechende Tierrasse hält und ev. noch
anrationell ernährt, so ist auch seine Thätigkeit eine unproduktive, welche
den Volkswohlstand nicht hebt, sondern schädigt. Wie aber deshalb nicht
die ganze Landwirtschaft unproduktiv ist, so auch nicht der Handel, Das mensch
Eine Werterhöhung kann aber, abgesehen von dem Handel, noch 55 "ca
durch eine andere Aenderung des Verhältnisses zwischen dem urteilen- Wer erlen
 Menschen und dem beurteilten Objekte stattfinden, das ist der zeugend,
        <pb n="46" />
        98 —

Fall durch Erfindung und Entdeckung. Allein durch die Erkenntnis
von neuen Eigenschaften in den Gegenständen, durch welche sie für
den Menschen eine besondere Brauchbarkeit erhalten, gewinnen sie an
Wert. Als man in dem Harz der Gummibäume die eigentümliche
Elastizität entdeckte, die es jetzt in der Industrie so hoch bedeutsam
macht. erlangten jene Bäume plötzlich eine bisher nicht geahnte wirtschaftliche
 Bedeutung. Durch die Feststellung der Düngerkraft der
Phosphorite wurden plötzlich Steinarten wertvoll, die man bis dahin
nicht beachtet hatte. In der Aenderung des menschlichen Urteils liegt
also gleichfalls eine produktive Kraft des Menschen.

8 12.
Das Wesen der Konsumtion.
Lexis, in Schönbergs Handbuch, 4. Aufl, Bd. I, 1, S. 789.
Patten, The consumption of wealth. Philadelphia 1889

Der Wertentstehung steht die Wertvernichtung gegenüber, bei
welcher die gleichen Fälle vorkommen können, nur in umgekehrter
Weise. Die Natur selbst zerstört fortdauernd Werte durch den Tod,
z. B. der Pferde eines Fuhrmanns oder Landwirts, wie schon durch
Krankheit derselben. Ueberall sind Fäulniserreger vorhanden, um die
Zersetzung organischer Substanzen herbeizuführen, wodurch beständig
der Volkswirtschaft enorme Verluste bereitet werden. Auch die mineralischen
 Substanzen sind der Zersetzung unterworfen. Selbst der
härteste Baustein verfällt dem Verwitterungsprozeß, und der Zahn der
Zeit vermindert fortdauernd den Wert der Bauwerke aller Art.
Die Veränderung des menschlichen Urteils spielt gleichfalls
bei der Wertvernichtung eine erhebliche Rolle. Die Veränderung der
Mode entwertet alljährlich bei jedem Wechsel der Saison Massen von
Kleidungsgegenständen aller Art, welche ihre sonstigen Eigenschaften
nicht verloren haben. Nur allein, weil das Muster, die Farbenzusammenstellung,
 die Form dem momentanen Geschmack nicht mehr entsprechen,
müssen die Gegenstände zu Schleuderpreisen abgegeben werden, wodurch
 oft nicht mehr die Herstellungskosten gedeckt werden.
Konsumtion. Der Produktion steht die Konsumtion gegenüber. Das ist Wertveraichtung
 durch den menschlichen Gebrauch, wofür die deutsche Sprache
den überaus bezeichnenden Ausdruck der Verwertung anwendet. Auch
hier ist natürlich Stoffvernichtung ausgeschlossen, sondern nur Wertverminderung
 durch Aenderung der Form, der Zusammensetzung u. 8. w.
vorhanden, Wie bei der Produktion gewöhnlich Wertvernichtung stattfindet,
 so bei der Konsumtion sehr ausgedehnt Werterzeugung. In
dem ersteren Falle aber wird ein Ueberschuß an Werten erzielt, in
dem zweiten Falle liegt ein Defizit vor. Der Landwirt opfert das
Saatgut, um eine Ernte, das Futter, um tierische Nahrungsmittel zu erzielen.
 Auch das Luxuspferd liefert Dünger. Bei dem Verbrauche
der Kleidungsstücke bleiben Lumpen für die Papierfabrikation zurück,
Die Knochen als Rückstände der Speisen werden sorgsam gesammelt,
am in verschiedenen Fabrikationszweigen Verwendung zu finden. Die
Korke der ausgetrunkenen Flaschen werden zu Linoleum verarbeitet ete.
Es ist ein wesentlicher Fortschritt unserer Zeit, daß man mit besonderer
 Sorgfalt die Abfälle aller Art zu sammeln trachtet und sie in der
Volkswirtschaft nutzbar macht.
        <pb n="47" />
        929

Wie es bei der Produktion die Aufgabe ist, mit Aufwendung von
möglichst wenig Arbeitskraft und geringer Wertvernichtung möglichst
viel Werte zu erzeugen, so ist es die Aufgabe der Konsumtion, mit
möglichst geringen Werten einen thunlichst hohen Nutzeffekt in der
Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu erreichen.

$ 13.
Die Natur als Produktionsfaktor.

der

Knies, a. a. O0. S. 44.
v. Bär, Ueber den Einfluß der äußeren Natur auf die sozialen Verhältnisse
einzelnen Völker ete. i. s. Reden, Bd. II. Petersburg 1876.
Ratzel, Anthropogeographie. 2 Bde., 1882 u. 1898,
Ders., Politische Geographie, 1897.
W, (Aötz, Wirtschaftsgeographie, 1891.

Unter den Gaben der Natur hat man zu unterscheiden zwischen
len Gütern, auf die der Mensch wenig oder gar keinen Einfluß in
Bezug auf die Vermehrung und Veränderung üben kann, denen er sich
nicht zu entziehen, die er nur zu verwerten vermag, wie sie eben gegeben
 sind (Klima, orographische Beschaffenheit des Landes, Ebbe und
Flut u. dergl.), und solche, die er vermehren, verbessern, umformen,
mit einem Wort durch Arbeit seinen Zwecken dienstbar machen kann,
z. B. die Bodenfruchtbarkeit.
Von der ersten Kategorie ist besonders das Klima von ein- Einfluß
schneidendem Einfluß auf das ganze wirtschaftliche Leben. Dervon Klima
Mensch selbst wird bekanntlich dadurch in seiner physischen, noch “SB een
mehr aber in seiner geistigen Leistungsfähigkeit bestimmt. Sowohl die %c ME
Kälte des Nordens wie die Hitze des Südens benachteiligen sie. Außer- i
lem absorbiert die übermäßige und langandauernde Kälte zuviel Kräfte,
Der Kampf gegen die Unbilden des Klimas allein zur Erhaltung des
Lebens läßt wenig Zeit und Kräfte zur Kulturentwickelung übrig,
während die Sonnenglut des Südens die Kmnergie erschlafft, und die
Gewährung einer Fülle zum Leben ausreichender Früchte eine Anstrengung
 der Kräfte nicht notwendig erscheinen läßt. Buckle behauptet,
 daß die kurze Zeit, wo der Mensch im Norden wie im Süden
das Leben nur zu genießen vermag, besonders die Genußsucht ausbildet.
 Das gemäßigte Klima gestattet am meisten die Entwickelung
ınd Verwertung der geistigen Gaben, übt einen Druck aus, sich durch
Arbeit das zum Leben Nötige zu beschaffen, läßt aber noch weiten
Spielraum für andere Kulturarbeit, .
Die Beschaffenheit des Landes bestimmt naturgemäß die wirtschaftliche
 "Thätigkeit des Menschen in hohem Maße. Die landschaftlichen
 Schönheiten der Schweiz und der dadurch herangezogene
Fremdenverkehr geben der Volkswirtschaft des Landes wenigstens zum
großen Teile eine bestimmte Richtung. Die Umgebung des Meeres
und die das Land durchziehenden natürlichen Wasserstraßen haben England
 zur Handelsmacht prädestiniert. Der Reichtum an Kohlen und
Eisen bot die natürliche Grundlage für eine mächtige Industrie. Der
Umstand, daß die großen Seeschiffe zum Teil bis unmittelbar an die
Fabrik gelangen können, um ihre Ladungen eventuell als Rohmaterial
am Bestimmungsorte zu löschen, um unmittelbar wieder die fertige
Ware für den Weltverkehr einzunehmen, verbilligt die Produktion
3norm. Vielfach kann zugleich in nächster Nähe die Kohle für den
        <pb n="48" />
        — 30

Betrieb der Fabrik gewonnen werden, All dies giebt dem Lande eine
Ueberlegenheit allen Konkurrenten gegenüber, die nur ausnahmsweise
ausgeglichen werden kann. Ebenso verdanken in Deutschland das
Königreich Sachsen und Westfalen ihre Industrie dem Reichtum an
unterirdischen Schätzen. Kine blühende Landwirtschaft wird in der
Lüneburger Haide schwer zu erzielen sein. Ein Boden, wie die russische
 Schwarzerde, die ohne Düngung Jahrzehnte die reichsten Ernten
zewährt, wird hierin stets eine Ueberlegenheit über minder fruchtbare
Gegenden bedingen. Wenn man in Finnland in einem Dezennium nur
auf drei günstige Ernten rechnet, weil die Nachtfröste zu häufig die
Saaten zerstören, während man in der Umgegend von Neapel in einem
Jahre dem Boden mit ziemlicher Sicherheit drei Ernten abgewinnen
kann, so ist dadurch der gewaltige Unterschied gekennzeichnet, den
die natürlichen Bedingungen der Landwirtschaft als Grundlage gewähren.
 Doch darf man die Bedeutung derselben für höhere Kulturstufen
 auch nicht überschätzen.
Einfluß des Wenn Justus von Liebig einmal sagt: „Immer und zu allen
Tensohen auf Zeiten ist es der Boden mit seiner Fruchtbarkeit gewesen, der über
*° 49°. gas Wohl und Wehe seiner Völker entschieden hat“, so ist das für
Jie neuere Zeit jedenfalls nicht mehr zuzugeben. Der Boden in Babylonien,
 Egypten, Griechenland und Spanien ist heute noch ebenso
fruchtbar, wie vor zweitausend Jahren — obwohl Liebig dieses bestreitet
 —, und doch ist die Blüte jener Länder dahingeschwunden ;
und sie können heutigen Tages mit von der Natur weit stiefmütteräicher
 behandelten Ländern nicht konkurrieren. Mexico, Rumänien, die
Türkei, Polen haben weit fruchtbareren Boden und zum Teil weit günstigeres
 Klima als „des heiligen römischen Reiches Sandbüchse“, hinter
dem sie in wirtschaftlicher Kultur gleichwohl sehr bedeutend zurückstehen.
 Die Mittel unserer Kulturstufe sind so gewaltige, daß sie dem
thatkräftigen Menschen die Möglichkeit gewähren, die Ungunst der
Natur in hohem Maße auszugleichen. Die fruchtbaren Gegenden des
Öderbruchs und der Weichsel, die holländischen Polder nördlich von
Groningen und in dem alten Haarlemer Meere sind erst durch menschliche
 Kunst und Arbeit dem Wasser abgewonnen. Die Moorgegenden
bei Groningen sind in derselben Weise in fruchtbares Ackerland verwandelt;
 und wohlhabende Dörfer stehen da, wo früher eine Oede war,
wie sie diesseits der preußischen Grenze unter gleichen Bedingungen
zum größten Teil noch heute daliegt. Reine Sandschollen sind in
ler Umgegend von Berlin und Danzig durch Berieselung in äußerst
fruchtbare Felder verwandelt, wie auch in Flandern reine Sandstrecken
Jurch intensive Kultur zur Tragung reicher Ernten gebracht sind. Schon
vor zwei Jahrhunderten hat Frankreich in großer Ausdehnung den
Mangel an natürlichen Wasserstraßen durch Kanäle zu ersetzen gewußt,
und heutigen Tages ist man durch die Eisenbahnen imstande, sie noch
erheblich zu überflügeln. Reiche Industrie hat sich in Sandgegenden
angesiedelt, wie in Berlin, Luckenwalde und im Gebirgslande wie im
sächsischen Erzgebirge, dem Schwarzwald, im Jura, und jedes Jahrzehnt
 eröffnet uns neue Wege, um durch menschliche "Thatkraft zu
schaffen, was die Natur freiwillig nicht gewährt hat,
Wir kommen zu dem Ergebnis, daß zwar die natürlichen Verhältnisse
 einen großen Einfluß auf die Gestaltung der Volkswirtschaft
ausüben und der wirtschaftlichen Entwickelung gewisse Grenzen ziehen,
daß aber, je höher die Kulturstufe ist, um so weiter sich auch der
        <pb n="49" />
        31 —

Spielraum gestaltet und der Mensch sich um so unabhängiger von ihnen
sein Leben und seine Thätigkeit zu schaffen vermag.

882,

8 14.
Die menschliche Arbeitskraft.
Rodbertus, Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zustände, 1842,
Th. Kozak, Rodbertus-Jagetzows sozialökonomische Ansichten, Jena
S, 28 u. 8. w.
Engel, Der Wert des Menschen, Berlin 1883.
Kohl, Die Völker Europas, 1867 u. 1873.
Löher, Land und Leute in der alten und der neuen Welt, 3 Bde... 1866.

Zur Benutzung dessen, was die Natur bietet, ist stets menschliche
 Thätigkeit, d. h. Arbeit nötig. Je höher die Kultur steigt, um
30 mehr Aufwand von Arbeit ist erforderlich, um die Gaben der
Natur den menschlichen Bedürfnissen anzupassen. Die Arten der
menschlichen Produktivkräfte sind: a) physische, b) intellektuelle.
3) sittliche,
Die physische Arbeitskraft wird in einem Volke bestimmt durch Physische
lie Bevölkerungszahl, wie durch den Prozentsatz, welchen der in pro- Arbeitskraft.
luktivem Alter stehende Teil derselben ausmacht.
Die Altersstufen inbis

 15
Deutschland 35,0 Proz.
Frankreich 270
roßbritannien BA
Jesterreich 322
[talien 323
V. St. v. N.-Amerika 37.9
Die physische Leistungsfähigkeit ist bei den verschiedenen Völkern
3chon hiernach ungleich. Frankreich würde bei gleicher Bevölkerungszahl
 eine größere Arbeitskraft repräsentieren, sowohl für die Industrie,
wie für das Heer, da im Alter von 15—60 Jahren 61,1 %., in Deutschiand
 nur 57,3 % stehen.
Man wird wohl sagen dürfen, daß die germanische Rasse an physischer
 Kraft der romanischen überlegen ist, vielleicht auch der slavischen.
 Unzweifelhaft ist das wenigstens innerhalb des preußischen
Staates der Fall.
Die physische Leistungsfähigkeit ist nun wesentlich bedingt durch
die körperliche Pflege, Ausbildung und Ernährung. Gerade in dieser
Beziehung steht Deutschland hinter anderen Ländern nicht unbedeutend
zurück, Dies ergiebt sich einmal aus der großen Kindersterblichkeit,
die für unsere Kulturstufe geradezu unerhört ist, wie auch in der verhältnismäßig
 geringen Zahl von Personen, die ein hohes Alter erreichen.
 Dies ist zurückzuführen auf die große Unvernunft bei der
Behandlung der Kinder und die äußerst unrationelle Ernährung, die
noch allgemein verbreitet ist, auch wo die Wohlstandsverhältnisse und
die Volksbildung weit Besseres erwarten lassen sollten. Hat sich die
Fleischnahrung auch bei uns in den letzten Dezennien nicht unbedeutend
 gehoben, so steht sie doch sehr erheblich hinter England und
Amerika zurück, und Leguminosen werden nicht genügend zur Erzänzung
 benutzt. Auch in der gebildeten Klasse ist die Körperpflege
eine völlig unzureichende. In den Schulen geschieht noch heutigen
Tages die Ausbildung des Geistes ohne genügende Rücksicht auf das
        <pb n="50" />
        39 —

Intellektuelle
Eigenschaften.


körperliche Wohl, während man in England und noch besser in der
Schweiz das Vorbild hat, wie sich Beides vereinigen läßt, den Körper
und den Geist methodisch zu bilden, ohne geringere Anforderungen an
geistige Leistungen zu machen als hier, Dies betrifft ebenso das weibliche
 wie das männliche Geschlecht. Wird bei dem letzteren durch
die militärische Dienstzeit manches ausgeglichen, so doch gerade nicht
bei denen, die es am meisten gebrauchen, bei den schwächlichen
Naturen. Jeder Gynäkologe weiß, daß der Keim zu einer Menge der
verhängnisvollsten Frauenkrankheiten bei uns in den Mädchenschulen
durch die übermäßig sitzende Lebensweise bei starker geistiger Anstrengung
 gelegt wird. Man ist in den Vereinigten Staaten einig
darüber, daß sich der Gesundheitszustand der Frauen durch die
methodische Anwendung des Sports gebessert hat.-Der
 verhängnisvollste Feind jeder Leistungsfähigkeit, der auch
unter unseren Verhältnissen eine große Gefahr der Degenerierung in
sich schließt, ist der Alkoholismus. KEin übergroßer Teil der Bevölkerung
 der Gefängnisse, der Irrenanstalten und der Armenhäuser
ist durch Alkoholismus ia diese Stätten gekommen. Die verheerendste
Wirkung übt der regelmäßige Konsum des Alkohols als tägliches
Nahrungsmittel aus, der, wie die medizinische Wissenschaft in der
neueren Zeit klar gelegt hat, allmählich das Nervensystem zerstört und
die traurigsten Folgen mit sich bringt. In Deutschland hat zwar im
Laufe dieses Jahrhunderts die Trunksucht im Sinne des Sichbetrinkens
abgenommen, der regelmäßige Konsum dagegen. bedenklich zugenommen
 und bedroht die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung in
hohem Maße.
Ungleich wichtiger für die Volkswirtschaft als die physische Arbeitskraft
 ist auf unserer Kulturstufe die intellektuelle Leistungsfähigkeit.
 Sie wird bedingt durch: 1. das Gedächtnis, 2. die Fassungsgabe,
 3. die Formgewandtheit, 4. die Konzentrations- und Kombinationsgabe.

Das Gedächtnis ist die Grundlage für die Ansammlung von Erfahrung
 und Wissen. Ein gutes Gedächtnis wird deshalb die größte
Erleichterung für jede geistige Ausbildung gewähren. Hierin erscheinen
nach unserer Beobachtung die Slaven und Romanen den Germanen im
Durchschnitte erheblich überlegen. Wir finden ein gutes Gedächtnis,
wenn auch vielleicht nur auf enge Gebiete begrenzt. selbst bei den
Negern und anderen primitıven Völkerschaften; bei Frauen mehr als
bei Männern. Ein gutes Gedächtnis ist aber nur ein vorzügliches
Hilfsmittel und bedingt an und für sich die Leistungsfähigkeit keineswegs.
 Es erleichtert das Vorwärtskommen in der Schule, besonders
bei der Erlernung der Sprachen. Daher die häufige Beobachtung, daß
tüchtige Schüler im späteren Leben doch nicht viel leisten, und umgekehrt
 infolge ihres schlechten Gedächtnisses nur langsam fortkommende
 Schüler im späteren Leben sich unerwartet gut bewähren,
Kant und Helmholtz haben wiederholt über ihr schlechtes Gedächtnis
 Klage geführt,
Die schnelle Fassungsgabe ist gleichfalls mehr bei Slaven und
Romanen als bei den langsamer denkenden Germanen zu finden, Die
Frau zeigt darin eine eutschiedene Ueberlegenheit über den Mann, der
mehr Zeit braucht, um sich alles zurechtzulegen und es zu beherrschen;
ein Vorzug, der aber mehr im gesellschaftlichen Leben, als bei der
        <pb n="51" />
        - 83 —

wirtschaftlichen Thätigkeit zur Geltung kommt; mehr bei kaufmännischen
 als industriellen und landwirtschaftlichen Unternehmungen.
Dasselbe ist von der natürlichen Formgewandtheit zu sagen, in
welcher die Germanen gleichfalls den anderen Nationen in noch erheblicherem
 Maße nachstehen, als in den vorerwähnten Eigenschaften,
und auch hierin ist die Frau dem Manne bedeutend überlegen. Der
Engländer und Amerikaner weiß seinen Mangel durch rücksichtslosere
Handhabung der Ellenbogen zu ersetzen. Der rücksichtsvollere Deutsche
zieht aber dadurch gegenüber den anderen Nationen im Konkurrenzkampfe
 des Weltverkehrs zu leicht den kürzeren. Der Slave und
Romane hat, was er weiß, in jedem Momente präsent und weiß, es in
gefälliger Form zu verwerten. Sie erscheinen daher bei dem ersten
Eindrucke leicht mehr als sie sind. Bei dem Germanen pflegt das
Gegenteil der Fall zu sein, weil er Zeit braucht, um seinen Gehalt
zur Geltung zu bringen, und dieses meist in unvollkommener und ungefälliger
 Form zu Wege bringt. Es ist deshalb der größte Fehler,
wenn gerade in deutschen Familien zu wenig auf die Form gegeben
wird, denn nur bei Beherrschung derselben kann Sicherheit im Auftreten
 gewonnen werden, welche die Grundlage für den Erfolg vor
allem im sozialen Leben bildet. Hierzu gehört auch die Rednergabe,
die gleichfalls dem Deutschen im großen und ganzen versagt ist, im
Vergleiche za den benachbarten Nationen. Auch hier ist es nicht
genug zu beklagen, daß gerade in Deutschland sowohl auf der Schule
wie auf der Universität für die Ausbildung der Beredtsamkeit geradezu
unverantwortlich wenig geschieht, zumal in einer Zeit, wo es mehr
denn je darauf ankommt, nicht nur Kenntnisse zu besitzen, sondern
sie auch zu verwerten, nicht nur eine eigene Ansicht zu haben, sondern
sie vertreten zu können. Daß aber durch Schulung auch der Deutsche
sich die Beredtsamkeit aneignen kann, zeigt die Erfahrung und schon
die Beobachtung in den parlamentarischen Körperschaften. Bei verhältnismäßigem
 Mangel an Gedächtnis, bei langsamem Denken und
Mangel an natürlicher Formgewandtheit bedarf der Deutsche mehr als
Angehörige anderer Nationalitäten einer gründlichen Schulung des
Geistes, um das zu ersetzen, was jenen in die Wiege gelegt ist. Für
ihn ist die Gymnastik des Geistes durch Erlernung und Uebung der
alten Sprachen ungleich wichtiger als für Franzosen, Italiener und
Russen. Jede Verminderung der Schulung nach dieser Richtung
schließt eine Minderung der Leistungsfähigkeit der Bevölkerung ein,
zumal erfahrungsgemäß auch ein mittelmäßiger Lehrerstand bei unserer
Ausbildung des grammatikalischen Unterrichts bei der Masse der Durchschnittsschüler
 dadurch mehr zu erreichen vermag als durch andere Lehrfächer.
 Wie Deutschland bei dürftigerem Boden und Klima nur durch
größere Arbeit wirtschaftlich dasselbe zu erreichen vermag als die mehr
begünstigten Nachbarländer, so kann es auch nur durch scharfe Arbeit
seine geistige Leistungsfähigkeit auf der gleichen Stufe erhalten; und
unser Schulwesen ist mit Recht als die eigentliche Grundlage unserer
nationalen Existenz hingestellt, und dasselbe in seiner Schaffenskraft
schwächen, heißt ein Verbrechen gegen die Nation begehen. .
Die Erfahrung hat aber genugsam bewiesen, daß Deutschland
trotz der erwähnten Mängel ebenso viel und mehr zu leisten vermag,
als die anderen Länder. vermöge der jetzt noch zu erwähnenden
Eigenschaften. ; .
Die Konzentrations- und Kombinationsgabe und damit
Jonrad. Grundrifs der pnolit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl, 8
        <pb n="52" />
        34

Sittliche
Eigenschaften.


die Fähigkeit, sich nachhaltig und tiefer in eine Aufgabe hineinzuarbeiten,
 ist wohl der germanischen Rasse im höheren Maße eigen als
Slaven und Romanen, wie ebenso den Männern mehr als den Frauen.
Diese: Gabe kommt besonders zur Geltung bei der philosophischen
Spekulation; sie ist die Grundbedingung für Erfindungen und deren
angemessene Verwertung. Sie bildet daher auf höherer Kulturstufe die
Hauptgrundlage für wirtschaftliches Schaffen. Darauf ist es unzweifelhaft
 zurückzuführen, daß gerade auf dem Gebiete der Philosophie
 die erheblichsten Fortschritte den Germanen zu danken sind,
and sie ebenso die meisten und die bedeutsamsten Erfindungen gemacht
aaben. Nach beiden Richtungen werden sicher die Frauen: auch trotz
aller Gymnasialbildung, die man ihnen neuerdings oktroyieren will, niemals
 Erhebliches leisten, weil ihnen dazu die natürliche An- und
Zrundlage fehlt.
Doch auch die intellektuelle Leistungsfähigkeit genügt nicht zu
höherem wirtschaftlichen Schaffen. Es müssen noch sittliche Eigenschaften
 hinzutreten, wie Fleiß, Ausdauer, Pflicht-und Ehrgefühl,
 Ordnungs- und Sparsinn, Ehrlichkeit und Freudean
ler Arbeit. Hin deutscher Handwerker in Neapel sagte uns: „Ein
italienischer Lehrling lernt in 6 Wochen, was ein deutscher sich erst
in einem Vierteljahr erwirbt, aber doch habe ich noch keinen Neapolitaner
soweit gebracht wie im Durchschnitt den deutschen Lehrling, weil ich
in ihm niemals den nötigen Fleiß und Ausdauer vorfand.“ Im Durchschnitt
 sind es nicht die Hochbegabten, die im Leben am meisten
leisten, sondern die energisch Fleißigen, welche mit mäßiger Begabung
ausgerüstet sind. Die intellektuellen Eigenschaften werden am meisten
anterstützt durch die Lebensauffassung, daß der Mensch zur Arbeit
auf der Welt ist und nur durch Arbeit und Pflichterfüllung dauernde
Befriedigung erlangen kann. Darin, daß diese Lebensauffassung in
Deutschland im großen und ganzen vorherrscht, und derjenige der Mißachtung
 verfällt, der seine Arbeitskraft nicht angemessen verwertet,
sehen wir die Grundlage der höheren Leistungen Deutschlands gegenüber
z. B. Spanien, wo der Arbeit nicht die Achtung entgegengebracht wird,
die man ihr bei uns gewährt. Die Hauptgefahr der Verbreitung sozıaldemokratischer
 Anschauungen liegt darin, daß durch sie die Freudigkeit
 an der Arbeit durch Weckung der MiBßBgunst gegen den Besitz
ıntergraben wird, wie durch die Lehre, daß auch ohne intensive Arbeit
Wohlstand und Glück zu erlangen sei. Auf der anderen Seite ist es
als Anachronismus zu bezeichnen, wenn für die Frau aus der ge-”ildeten
 Klasse Erwerbsthätigkeit in Deutschland immer noch als anstößig
 angesehen wird und dem thatkräftigen Mädchen, das sich einen
eigenen Wirkungskreis im Geschäftsleben schaffen will, durch weitgehende
 Vorurteile Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. Darin
sind die Ver. Staaten Nord-Amerikas und die Schweiz Deutschland
„edeutend voraus.
Sparsinn und Erwerbssinn sind wohl am meisten bei den
Schweizern und Holländern ausgebildet, dann bei den Franzosen. Die
Letzteren zeichnen sich sehr, z. B. Handwerker und Kaufleute, durch
Zuverlässigkeit und Akkuratesse aus. Ebenso ist dort wie in England
die Ehrlichkeit im Geschäftsleben sehr allgemein verbreitet. Nach
beiden Richtungen steht der deutsche Gewerbestand. nicht besonders
zünstig da, wohl aber der höhere Beamtenstand. Dies ist der
aumanistischen Erziehung zu verdanken, die wiederum den Erwerbssiun
        <pb n="53" />
        ‚35

übermäßig zurückdrängt, der in unseren gebildeten Kreisen bei der
Erziehung meistens methodisch bekämpft wird, um den idealen Sinn
zu entwickeln. In Nordamerika ist man dagegen allgemein bestrebt,
schon früh den Sinn für Erwerb und Selbständigkeit zu wecken. Der
Knabe erhält kein Taschengeld, sondern Gelegenheit, sich etwas zu
verdienen. Er erhält ein paar Apfelbäume, deren Ertrag er für sich
pekunlär verwerten kann; bei Gelegenheit werden ihm Waren, billige
Schmucksachen überwiesen, um sie öffentlich zu verkaufen. Ja, man
sieht Knaben aus wohlhabenden Häusern Bücher, Zeitungen kolportieren,
wodurch sie an die Erwerbsthätigkeit gewöhnt werden sollen. Ist das
unserer Lebensauffassung durchaus zuwider, so erklärt es die hohe
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und den entwickelten Geschäftssinn
les amerikanischen Volkes, während auf die entgegengesetzte Erziehung
in Deutschland der übermäßige Zudrang zu allen Beamtenstellen
zurückzuführen ist. In Deutschland wird der junge Mann während
seiner Studien und vielfach bis in ein hohes Lebensalter von den
Eltern unterstützt und bleibt von ihnen abhängig. In Amerika ist es
selbstverständlich, daß der junge Mann, der die Schule verlassen hat,
sich selbst unterhält. Er wird aus pädagogischen Rücksichten dazu
angehalten, auch wo die Mittel reichlich vorhanden sind, um ihn
selbständir werden zu lassen. Die Tochter erhält in der Regel keine
Mitgift. Es ist selbstverständlich, daß der Mann erst heiratet, wenn
er die Frau ernähren kann, oder sie sich selbst das Nötige verdient,
was dort allerdings leichter ist als hier. Die beschämenden Geld.
heiraten fallen aber damit fort, und der Unabhängigkeitssinn wird vorzüglich
 ausgebildet.

S 15.
Das Kamvital.

Carl Knies, Das Geld, Kap. 1. Berlin 1873.
CO. Menger, Zur Theorie des Kapitals, Jahrb. f. Nat. 1888, N. F., Ba, XV.
a X .Eöhm-Bawerk, Kavital und Kapitalzins, Innsbruck 1884 u. 1889, Bd. I
un .
Umpfenbach, Das Kapital in seiner Kulturbedeutung. Würzburg 1879.
J. B. Clark, Capital and its earning. Amer. econ. Assoc. 1888.
Patten, The fundamental idea of capital. Quat, J. of Economics 1889.
Ach. Loria, Analisi della proprieta capitalistiea. "Porino 1889

Unter Kapital verstehen wir den Teil des Vermögens, welcher, Definition
selbst Produkt menschlicher Arbeit, wieder zur Produktion bestimmt des Kapritals.
ist. Nach dem Sprachgebrauche liegt sowohl der Begriff des Vorrats
{für künftige Nutzung, wie der des Erwerbsmittels darin, und je nachdem
 die eine oder andere Seite von dem Autor als in höherem Maße
bedeutungsvoll angesehen wurde, sind die Definitionen sehr verschieden
ausgefallen. Uns erscheint es vor allen Dingen notwendig, das Kapital
den anderen Produktionsfaktoren gegenüberzustellen und außerdem
den Begriff scharf in sich abzugrenzen. Deshalb legen wir Gewicht
darauf, das Kapital in bestimmten Gegensatz zur Natur zu stellen und
ihn nicht mit dem des Vermögens zusammenfallen zu lassen, sondern
ihn ausdrücklich als einen Teil des Vermögens vom Vermögen selbst
zu unterscheiden. Eben deshalb sind nur Güter darunter zu begreifen,
welche der Mensch selbst für seine Zwecke hergestellt hat. Das ist der
Fall ebenso bei dem Kieselmesser aus der Steinzeit, wie bei einer großen
2x
        <pb n="54" />
        . 36 —

Schneidemaschine, welche Eisenplatten zerschneidet. Das ist der Fall
bei dem primitiven Geräte aus der Wiege der Menschheit, wo ein abgerundeter
 und geschärfter Stein in einen Baumzweig gezwängt ist, um
die Hubkraft des menschlichen Armes zu erhöhen, wie bei dem Dampfhammer,
 der hunderte von Zentnern auf einmal auf das untergelegte
Eisen herabschlägt. Als Kapital ist aufzufassen das Fabrikgebäude,
wie die landwirtschaftliche Fläche, wo die Ackerkrume durch sorg-’ältige
 Behandlung und Düngung in ihrer physikalischen. und chemischen
Beschaffenheit umgewandelt und zu größerer Tragfähigkeit gebracht
ist. Der noch unberührte Boden dagegen wird in der Nähe der Stadt
einen wertvollen Teil des Vermögens bilden, ohne darum Kapital zu
sein. Der Nachdruck ist vielmehr darauf zu legen, daß durch menschliche
 Arbeit und Hinzufügung besonderer Hilfsmittel der Gegenstand
sine höhere Brauchbarkeit erlangt hat. Das ist bei dem aus Eisen
hergestellten Gerät oder der Maschine der Fall, wie bei der von
Steinen, Wurzeln und Unkraut befreiten Ackerkrume, die vielleicht
noch durch Drainage von überschüssigem Wasser befreit ist.
Was dagegen nicht einen Teil des Vermögens bilden kann, alle
inneren Eigenschaften, wie besondere Intelligenz Kenntnisse, Talente,
ine gute Singstimme oder äußere Einrichtungen, wie z, B. der Staat,
können trotz ihrer Nutzbarkeit als Kapital nicht angesehen werden, weil
sie so wenig wie die freien Güter dem Werte nach geschätzt und
zubsumiert werden können, Auch der Sprachgebrauch ist jener Auffassung,
 die z. B. Adolf Wagner vertritt, entschieden entgegen und
benutzt den Ausdruck in dieser Weise höchstens im uneigentlichen Sinne.
Schließlich ist die Art der Verwendung maßgebend. Wir
scheiden daher aus dem Kapital die Konsumtionsgüter aus. Nur so
ist das Kapital als Produktionsfaktor aufzufassen und der Natur, der
wir das Kapital gegenüberstellten, an die Seite zu setzen. Begreift
man auch die Konsumtionsgüter darunter, so fällt in der Hauptsache
der Begriff des Kapitals mit dem des Vermögens zusammen, und der
letztere reicht allein vollständig aus. Hiernach ist für uns das Wohngebäude
 für den Eigentünier, wenn er es nur allein benutzt, wohl Teil
des Vermögens, aber nicht des Kapitals. Wenn dagegen der Fabrikant
Gebäude an seine Arbeiter überläßt, so sind diese für ihn Kapital,
and somit auch vom volkswirtschaftlichen Standpunkte.
Es gehören ferner dazu die große Masse der Werkzeuge und
Maschinen, welche die menschliche Arbeitskraft zu unterstützen bestimmt
 sind, wie der Hammer die Hubkraft des menschlichen Armes
erhöht, so die Zange die Greifkraft der Hand, sei es das kleine Instrument
 des Zahnarztes, oder die gewaltige, mit Kette und Dampfmaschine
 gehandhabte Zange, welche die glühenden Panzerplatten durch
die Walzen hindurch zu zerren hat, um sie zusammenzuschweißen. So
das Mikroskop und Fernrohr, die Sehkraft des Menschen zu unterstützen,
 das Jagdgewehr oder die Kanone, um das Wurfgeschoß auf
die gewaltigste Entfernung mit größter Treffsicherheit zu schleudern.
Sie gehören unter dieselbe Kategorie der durch den Menschen hergestellten
 Produktivmittel, die seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
in der neueren Zeit so enorm gefördert haben. Es zählt dazu aber
auch die Kohle zur Dampferzeugung, das Getreide als Saatgut und
Viehfutter, wie als Nahrungsmittel für die Arbeiter, aber nur vom
volkswirtschaftlichen Standpunkte, während es von dem des Arbeiters
aus Konsumtionsmittel ist. Kapital ist auch der Viehstand des Land-
        <pb n="55" />
        m

wirts, sowohl die Zugtiere, wie das Milch- und Mastvieh, während
Luxustiere daraus ausscheiden.
Nachdem wir unseren Standpunkt in dieser Weise klar zu legen Verschiedene
zesucht haben, wollen wir eine Anzahl Definitionen hervorragender Auffassung
Autoritäten dem gegenüberstellen. Turgot und Mac Culloch legen “1° Kapitals.
den ganzen Schwerpunkt auf das Vielhaben. Sie verstehen darunter
sinen großen Vorrat zur Nutzung, Adam Smith, Schäffle, Mac-3leod
 nehmen die Art der Verwendung zur Grundlage und zum Ausgangspunkt.
 Roscher nennt Kapital jedes Produkt, das zu fernerer
Produktion aufbewahrt wird, während uns nicht das Aufbewahren das
Charakteristische zu sein scheint, sondern die Bestimmung des Gegenstandes.
 Adolf Wagner versteht darunter Erwerbsmittel vom Standpunkt
 des Besitzers, wonach also auch die Naturkräfte und inneren
Eigenschaften als Kapital erscheinen. Nach Knies ist Kapital der
für eine Wirtschaft vorhandene Bestand von Gütern, welcher zur Befriedigung
 des Bedarfs in der Zukunft verwendbar ist. Hiernach umfaßt
das Kapital nicht nur Produktionsmittel, sondern auch mit. Wagner
Erwerbsmittel, und noch darüber hinaus Konsumtionsmittel, also alle
Bestandteile des Vermögens. Hermann nennt Kapital die Grundlage
einer Nutzung, die Tauschwert hat. Diese Richtung hat Karl Menger
weiter verfolgt und in origineller Weise eine eigene Definition aufzestellt,
 die unzweifelhaft sich dem Sprachgebrauch am meisten nähert.
Er versteht darunter Geldbeträge, welche der. Einkommensbildung gewidmet
 sind. Nach seiner Auffassung ist nicht der Ursprung das
Maßgebende, sondern die Nutzung. Er sieht von der wirtschaftlichen
Form ab und berücksichtigt allein den Wert. Es fällt nach ihm das
Kapital mit dem Begriff des Stammvermögens einer Erwerbswirtschaft
zusammen, und nur der Teil des Vermögens ist von ihm nicht als
Kapital angesehen, der unmittelbar zum Verbrauche bestimmt ist. Der
Vorteil, der darin liegt, daß die Definition sich dem Sprachgebrauche
anschließt, ist unverkennbar. Als Kapitalist wird derjenige bezeichnet,
der aus einem größeren Vermögen ohne eigene Arbeit genügendes
Einkommen bezieht, um davon zu leben, und sein werbend angelegtes
Vermögen, in Geld ausgedrückt, ist sein Kapital. Es scheint uns aber
sine große Gefahr mit dieser Definition verbunden zu sein, eine Vermengung
 von Geld und Kapital herbeizuführen, während gerade diese
Scheidung dem Anfänger besondere Schwierigkeit macht und die Verwirrung
 im Publikum allgemein eine bedenkliche Rolle spielt. Außer-Jem
 fällt hiernach der Begriff des Kapitals mit dem des Stamm:
vermögens, wie erwähnt, völlig zusammen.
Wir müssen uns aber noch den Unterschied zwischen Geld und
Kapital vergegenwärtigen,.
Im gewöhnlichen Leben spricht man von dem Vermögen oder der
Erbschaft einer Person nur, indem man den Wert in Geld ausdrückt, also
atwa 100,000 Mk. Die Summe ist indessen natürlich nicht in klingender
Münze in der Hand des Betreffenden, sondern eventuell in Form eines
Hauses für 50000 Mk., für 10000 Mk. Eisenbahnaktien, für 10000 Mk.
Aktien einer Spinnerei, für weitere 10 000 eines Bergwerks, außerdem eine
Hypothek und Staatsobligationen. So ist das Kapital des Betreffenden
in der mannigfaltigsten Weise wirtschaftlich angelegt, volkswirtschaftlich
 wirksam und für ihn selbst nutzbar. Das Geld, in dem der Gesamtwert
 ausgedrückt ist, kommt selbst dabei gar nicht in Betracht,
sondern nur das dahinter stehende Kapital in mannigfaltigster Form.
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        38

3 16.
Die Arten des Kapitals.
Man unterscheidet selbstverwendetes und Leihkapital. Das
letztere ist ursprünglich allein Kapital genannt und Kapitalist, wer
ıhne Arbeit sich aus seinem Vermögen Einkommen verschaffen kann.
Das Kapital zerfällt aucY in bewegliches und unbewegliches
Kapital, das letztere umfaßt kultivierten Boden, Gebäude etc.
In der Landwirtschaft spricht man von Grund- oder auch Ankaufskapital,
 gegenüber dem Betriebskapital. Das erstere
begreift den Grund und Boden, die Gebäude, das sogen. eiserne Inzentarium,
 welches die unentbehrlichen, zum Betriebe gehörigen Geräte
und den Viehstand umfaßt; das letztere ist der Betrag, der zur Instandhaltung
 der Wirtschaft notwendig ist, wie zur Durchführung des laufenlen
 Betriebes zur Lohnzahlung und Beschaffung des Unterhaltes für
Menschen und Vieh.
Die bedeutsamste Unterscheidung für unsere Wissenschaft ist die
Stehendes u.jn umlaufendes und stehendes Kapital. Die Eigentümlichkeit
5 des ersteren liegt darin, daß es nur einmal in dem Produktionsprozesse
Pe zur Anwendung gelangt, in seiner bisherigen Gestalt dabei umgewandelt
wird, und daß der Wert voll und ganz in den des neuen Produktes
übergeht. Das ist der Fall, wenn das Getreide ausgesäet oder verfüttert
 wird. Es wird als solches vernichtet und geht in dem landwirtschaftlichem
 Prozesse dem Werte nach in Stroh und Körner der
neuen Ernte, oder in Fleisch und Milch der gefütterten Tiere über;
wie ebenso in der Mühle das Getreide in Mehl, das Mehl in der
Bäckerei in Brot verwandelt wird, das als umlaufendes Kapital nur
einmal in dem Produktionsprozesse zu dienen vermag. Das ist ebenso
ler Fall bei der Kohle, die zur Erzeugung des Dampfes dient, bei der
Wolle, die zu Garn versponnen wird, während das Garn wiederum zu
Zeug verwebt wird.
Das stehende Kapital wirkt dagegen nachhaltig in dem Produktionsprozeß,
 wird wiederholt gebraucht, nutzt sich erst allmählich
ab, so daß der Wert nur langsam vernichtet und in den Wert der Pro-Jukte
 übergeführt wird. Dazu gehören vor allem Geräte, Maschinen,
das Fabrikgebäude etc. Auch diese nutzen sich im Laufe der Zeit
ab, und es ist die Voraussetzung, daß die dadurch erzielten Gegenstände
 in ihrem Werte einen Ersatz für die Abnutzung gewähren. Es
gehört dazu das tote und lebende Inventarium in der Landwirtschaft,
lie Zugtiere, wie das Milch- und Mastvieh. In der Hand des Fleischers
lagegen wird das Mastvieh umlaufendes Kapital, wenn es geschlachtet
and verteilt wird. Ein bedeutsamer Teil des stehenden Kapitals in
einem Lande bilden Chausseen, Eisenbahnen, Kanäle, Häfen ete., dann
lie Münze, welche zwar fortdauernd von Hand zu Hand geht und
;hatsächlich in der Volkswirtschaft umläuft, gleichwohl aber stehendes
Kapital ist, weil sie Jahre hindurch den Tausch vermittelt und wirtschaftlich
 nutzbar ist.
Beide Arten des Kapitals müssen sich gegenseitig ergänzen und
deshalb in entsprechendem Verhältnisse vorrätig sein, damit sie angemessen
 verwertet werden können. Fehlt es an Kohle und Eisen,
sind diese aus Mangel im Preise zu sehr in die Höhe getrieben, so
können die Maschinenbauanstalten ihre Thätigkeit nicht gleichmäßig
fortsetzen; sind zu viel Fabriken angelegt, so behindern sie sich gegen-
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        — 39 —

seitig durch übermäßige Konkurrenz. Fehlt es dagegen an Fabriken,
um das vorhandene Rohmaterial zu verarbeiten, ist somit umlaufendes
Kapital im Ueberschusse vorhanden, so wird auch dieses volkswirtschaftlich
 ein Nachteil sein.
Für die Entwicklung der ganzen Volkswirtschaft ist es aber notwendig,
 fortdauernd umlaufendes Kapital in stehendes zu verwandeln
and letzteres mehr und mehr anzuhäufen und zu verallgemeinern. In
der Landwirtschaft müssen sowohl .privatwirtschaftlich wie volkswirtschaftlich
 die Ueberschüsse der Ernten in Geld verwandelt und möglichst
 dazu benutzt werden, den Boden durch Meliorationen zu VYerbessern,
 Gebäude und Inventarium zu ergänzen, um den Boden
ertragsfähiger, die ganze Wirtschaft leistungsfähiger zu machen. Unter
sonst günstigen Verhältnissen wird die Ausdehnung der Fabrik, Anlegung
 neuer Bergwerke zur nachhaltigen Erhöhung des Volkswohlstandes
 beitragen, wie es die Aufgabe ist, durch Verbesserung der
Kommunikationsmittel die Grundlage für die Erweiterung der Produktion
 zu schaffen und damit dem Lande einen nachhaltigen Auf-Schwung
 zu gewähren.
Ist so die Vermehrung des stehenden Kapitals die Vorbedingung
wie die Folge jedes wirtschaftlichen Aufschwunges und der Zunahme
des Volkswohlstandes, so ist die Verminderung desselben ein Zeichen
des Verfalls, oder, wenn sie gewaltsam herbeigeführt wird, wie durch
sinen Krieg, eine dauernde Schädigung des Landes, die erst im Laufe
der Zeit ausgeglichen werden kann, Eben deshalb wird ein Bürgerzrieg
 das Land am meisten schädigen, ein Krieg, der im Auslande
geführt wird, am wenigsten. Darum konnten die Folgen des dreißigjährigen
 Krieges in Deutschland erst in zwei Jahrhunderten auszeglichen
 werden, weil in demselben Felder, Gehöfte, Städte zerstört,
der Viehstand vernichtet wurde, und damit die Grundlagen der Produktion
 dem Lande genommen waren. So brauchte Frankreich nach
dem Kriege von 1870/71 eine Reihe vom Jahren, um die verbrannten
Gebäude, die gesprengten Brücken wieder herzustellen, den Viehstand,
lie Maschinen zu ergänzen, um die wirtschaftliche Thätigkeit allseitig
wieder durchführen zu können, wie sie vorher bestanden hatte, während
in Deutschland nach Beendigung des Krieges und der Rückkehr der
Mannschaften sofort der Produktionsprozeß nach allen Richtungen in
arhöhtem Maßstabe aufgenommen werden konnte, weil das stehende
Kapital intakt geblieben war, und nur umlaufendes in der Heeresausrüstung
 und den Unterhaltsmitteln aufgezehrt und neu zu ergänzen war.
Wie geht nun die Kapitalsbildung vor sich? Adam Smith
führt sie allein auf das Sparen zurück, doch ist das zu sehr privatwirtschaftlich
 gedacht. Der Landwirt bildet allerdings, wie ebenso der
Industrielle und Kaufmann Kapital, indem er den Reinertrag seines
Geschäftes, den Ueberschuß der Einnahmen über die Ausgaben nicht
ganz für persönliche Zwecke verbraucht, sondern einen Teil davon
wiederum wirtschaftlich anlegt, sei es in dem eigenen Geschäft, sei es
Jurch Gewährung von Darlehen. Dieses spielt natürlich auch in der
Volkswirtschaft eine Rolle. Ein ganzes Volk wird gleichfalls an Wohlstand
 zunehmen, wenn es mehr produziert, als konsumiert. Aber es
erklärt dieses nicht den ganzen Vorgang. Die hauptsächlichste Kapitalsbildung
 geht in unserer Zeit dadurch vor sich, daß ein ‚bedeutender
Teil der selbstthätigen Personen, wie überhaupt der industriellen Arbeit
darauf gerichtet ist, nicht unmittelbar Nutzgüter herzustellen, sondern

Kapitalsbildung,
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        hy mm

Produktionsmittel zu schaffen, also die Grundlage, um durch unmittelbare
 Kapitalsbildung die weitere Produktion zu steigern. Die Maschinenbauanstalten
 z. B., wie die großen Schiffswerften, das gesamte Bauhandwerk
 verwenden ihre Arbeit allein auf Kapitalsbildung, und mit
der Entwickelung der Kultur wird ein immer größerer Prozentsatz
der Menschen zur Kapitalsbildung verwendet, ein immer kleinerer zur
Schaffung von Konsumtibilien. Die Neger sind fortdauernd nur thätig,
um den zum täglichen Leben unumgänglich notwendigen Unterhalt zu
liefern. Darüber hinaus arbeiten sie im allgemeinen nicht. Nur ausnahmsweise
 vereinigen sie sich zur Herstellung ihrer primitiven Hütten,
nebenbei fertigen sie ihre Kleider, ihre Waffen etc. an. Die Kapitalsbildung
 tritt nur ausnahmsweise auf. Anders in unserer Zeit, wo umgekehrt
 der größte Teil der Menschen mit der Herstellung von Hilfsmitteln
 für die Produktion thätig ist, weil jetzt fast alles mit bewaffneter
Hand ausgeführt wird, und fast jeder Konsumtionsartikel eine umfassende
 Umarbeitung erfordert, bis er zum Gebrauche fertig ist. Die
Richtung der Produktion hat einen anderen Charakter angenommen
and setzt allgemein die Kapitalsschaffung voraus. Das Sparen tritt mehr
privatwirtschaftlich als volkswirtschaftlich hervor.
Jeder Kulturfortschritt setzt eine Kapitalsyvermehrung voraus und
begünstigt auf der anderen Seite dieselbe in besonderem Maße. Es
muß ein erheblicher Vorrat von Unterhaltsmitteln vorhanden sein, bevor
 ein Teil der Menschen sich allein darauf legen kann, Geräte anzufertigen
 oder gar für geistige Bedürfnisse thätig zu sein. So lange
der Mensch der Hilfsmittel entbehrte, die seine Arbeitskraft erhöhten
und es ihm erleichterten, die Natur zu beherrschen, so lange brauchte
er seine ganze Kraft allein zur Herstellung von Nahrung, Kleidung,
Wohnung ete. HErst als seine Schaffenskraft durch Erfindungen aller
Art bedeutend gesteigert war, reichte die Arbeit eines kleinen Prozentsatzes
 der Bevölkerung dazu aus, der Gesamtheit die nötige Nahrung
ete. zu liefern, während die übrige nun ihre Thätigkeit auf Schaffung
weiterer Hilfsmittel, dann auf Gegenstände von Kunst und Wissenschaft
konzentrieren konnte. Erst durch diese letztere, durch die Erfindungen
aller Art, war der wirtschaftliche Aufschwung möglich, welchen die
Neuzeit uns gebracht hat. So bedingen sie sich beide gegenseitig, Die
Kapitalsvermehrung fördert die Kulturentwickelung, die letztere trägt
vesentlich zur Steigerung der Kapitalsbildung bei.
Die Neuschaffung des Kapitals in einem Lande wird nun durch
verschiedene Momente beeinflußt. Die Grundlage dafür ist ein geordnetes
 Staatswesen, welches Ruhe und Sicherheit garantiert, einen jeden
in seiner Rechtssphäre schützt. Die Intelligenz, der Fleiß und der
Sparsinn des Volkes, der Unternehmungsgeist sind maßgebend. für den
wirtschaftlichen Fortschritt. Sie werden natürlich zur Kapitalsbildung
angeregt durch die Produktivität der Arbeit, welche wiederum durch
die natürlichen Bedingungen wesentlich bestimmt wird. Je höher der
Ertrag der eigenen Nutzung oder der Zins bei Gewährung von Darlehen,
 um so größer wird der Anreiz zur Kapitalsbildung. sein.
Bedeutung Das Kapital unterscheidet sich von den anderen Produktionsdes
 Kapitals, faktoren wesentlich dadurch, daß es in weit stärkerem, ja fast unbegrenztem
 Maße an einem gegebenen Orte vermehrt, angehäuft und
verwertet . werden: kann. Die Naturkräfte sind gegebene, der Mensch
muß mit ihnen haushalten, wie er sie vorfindet, die menschlichen Arbeitskräfte
 sind nur in. beschräuktem Maße an einem Orte zu konzentrieren
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        2

und zu summieren, Während dagegen die Aufhäufung des Kapitals
in einem Lande fast unbegrenzte Dimensionen annehmen kann; wie in
England, Holland oder in einer Stadt als Fabrikanlagen, oder in der
Lombardstreet in der City von London in großen Bankgeschäften,
um von da aus für alle Weltteile zu arbeiten und sich das in reichem
Maße bezahlen zu lassen. Das Kapital ist somit das bedeutsamste
Mittel, den Wohlstand zu erhöhen, und ohne dasselbe ist er in engen
Grenzen gehalten. Das Kapital ersetzt die menschliche Arbeitskraft
und nimmt den Menschen das rein Mechanische der Thätigkeit mehr
und mehr ab. Daß das Weberschiffchen sich von selbst bewegt, was
Aristoteles für die Voraussetzung der Beseitigung der Sklaverei ansah,
 ist in der neueren Zeit fast erreicht, und damit allerdings der
Mensch gewaltig entlastet. Erst durch das Kapital ist der Mensch imstande,
 die Natur erfolgreich zu beherrschen und, was als Zeichen höherer
Kultur anzusehen ist, erfolgreich Vorsorge für die Zukunft zu treffen.

8 17.
Die Vereinigung der drei Faktoren in den Gewerben.
Werner Sombart,!) Der moderne Kapitalismus. Bd.I: Die Genesis des Kapijalismus.
 Leipzig 1902,
Die drei Produktionsfaktoren können vereinzelt nichts leisten. Nur Verhältnis
in ihrer Vereinigung sind sie in der Volkswirtschaft von Bedeutung, der Faktoren
Je nach der Kulturstufe und den bestimmten wirtschaftlichen Verhält- im Gewerbe.
nissen finden wir aber die Zusammensetzung sehr verschieden gestaltet.
Bald ist der eine, bald der andere Faktor im Uebermaß vertreten oder
in unzureichender Weise. In den Ver, Staaten Nordamerikas,
in Mexiko, auch in dem Innern Rußlands finden sich Landstrecken,
 unterirdische KErzlager, die aus Mangel an Arbeitskräften
nicht verwertet werden können. Noch mehr ist das in den erwähnten
Ländern, dann in der Türkei, Persien, Rumänien aus Mangel an
Kapital der Fall; während dagegen in den Hauptländern des europäischen
 Kontinents überschüssige Arbeitskräfte vorhanden sind, die
sich in das Ausland wenden, um dort eine bessere Verwertung zu
suchen; wie namentlich die jüngeren Söhne der Bauern, deren Erbteil
 nicht ausreicht, hier sich anzukaufen, nach Amerika hinüber wandern,
 um dort eine eigene Scholle zu gewinnen und ihre Selbständigkeit
 zu bewahren. Besonders aus England, Holland, dann auch
aus Frankreich und Deutschland werden fortdauernd Kapitalien
in die mehr zurückgebliebenen Länder gesendet, um dort eine lukrativere
 Anlage zu finden, indem sie die disponiblen Naturkräfte zur
Verwertung beranziehen. So liegt überall das Streben vor, eine Ausgleichung
 zwischen den verschiedenen Ländern herbeizuführen, um
die drei Faktoren in einem angemessenen Verhältnis auftreten zu lassen.
Sie wirken dann vereinigt in einzelnen Produktionsgruppen, und diese
gesonderten Gruppen, in welchen einzelne Menschen oder Sozietäten
sich zur Verbindung der einzelnen Kraftteile vereinigen, heißen Gewerbe.
 Ueberall, wo von einer Volkswirtschaft die Rede ist, sind
die Gewerbe vorhanden, und in diesen zusammenwirkend die drei
Faktoren. Mit der Entwickelung der Kultur treten aber Verschiebungen
 in der Wirksamkeit der einzelnen. Faktoren hervor. Auf der
ersten Entwickelungsstufe überwiegt die äußere Natur. Die mensch-I)

 Das bedeutsame Werk konnte leider nicht mehr von uns benutzt werden,
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        42

liche Thätigkeit beschränkt sich auf Okkupation. Mit zunehmender
Volksdichtigkeit wird allmählich mehr Arbeit auf jedes Objekt aufgewendet,
 aber noch im Beginne der neueren Zeit spielt das Kapital
aur eine unbedeutende Rolle, weiches hauptsächlich im Laufe dieses
Jahrhunderts mehr und mehr das Uebergewicht gewonnen hat. Dies
ist auch in den einzelnen Gewerben zu verfolgen.
Jeberwiegen Die Landwirtschaft ist zunächst eine ganz extensive. In der
N er rohsten Weise wird die Erdoberfläche aufgeritzt, das Getreide hinein-Külturstufe,
 gesäet und das weitere der Natur überlassen, bis die Ernte reif ist.
Allmählich wird der Acker sorgfältiger behandelt und besonders tiefer
and öfter gepflügt, zum ganzen landwirtschaftlichen Betriebe werden Maschinen
 zu Hilfe gezogen, den aufkeimenden Pflanzen eine gewisse Pflege
zugewendet, das Wachstum durch reichlichen Dünger unterstützt, ein kostvarer
 Viehstand wird in wertvollen Gebäuden gehalten, und somit immer
mehr Arbeit und ein erhebliches Kapital mit der Wirtschaft verbunden.
In der gleichen Weise vollzieht sich der Uebergang vom Handwerk
 zum Fabrikbetriebe durch erweiterte Anwendung von Kapital.
Was bei dem ersteren die menschliche Hand allein vermittels eines
Werkzeuges vollzieht, wird in der Fabrik durch Maschinen, die wieder
durch Motorkraft in Gang gesetzt werden, vielfach weit besser und
vor allem billiger erreicht. Gerade das Eingreifen des Kapitals in
das Gewerbe hat die Umgestaltung der Technik und die wirtschaftliche
und soziale Revolution herbeigeführt, in der wir uns noch gegenwärtig
vefinden. Man braucht nur an den Uebergang von der Spindel zum
Spinnrad, von diesen zur Spinn-Jenny, von dem Handdruck zur König- und
Bauerschen Schnellpresse und schließlich zur Walterschen Walzendruckmaschine
 zu denken, um sich diese Entwickelung zu vergegenwärtigen,
Auch der Handel zeigt dieselbe Erscheinung, indem ursprünglich
der Kaufmann seine Ware selbst überall hin begleitet, um sie abzusetzen,
 wie noch jetzt im Innern von Afrika, während in der neueren
Zeit vermittels Dampfschiff und HEisenbahn, ergänzt durch Post und
Telegraphen, der Umsatz im größten Maßstabe durch verhältnismäßig
wenig Menschen geschieht, und die Waren von einzelnen Brennpunkten
aus in alle Himmelsgegenden hin dirigiert werden.

$ 18.
Das Eigentum.

Befugnisse
les Eigen-4
 mers.

Thiers, La propriete. Paris 1848,
Laveleye, De la propriete et de ses formes primitives. Paris 1874. In Uebersetzung
 von Bücher.
Staatswörterbuch von Bluntschli u. Brater. Art. Eigentum von Bluntschli.
Zeitschrift für die ges. Staatsw., 1877, Art. von Weisz.
4d. Wagner, Allgem. Volkswirtschaftslehre. Grundlegung. Leipzig 1894.
2, Kap.
Samter, Das Eigentum in seiner sozialen Bedeutung, Leipzig 1879.
Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 2. Aufl. Art. Eigentum von Stammler.
R. Hildebrand, Recht und Sitte, Jena 1896.
Samuel Revay, Grundbedingungen der gesellschaftlichen Wohlfahrt. Lpzg. 1902.
Das Eigentum ist die rechtliche Herrschaft einer Person über
wirtschaftliche Güter. Es schließt das Recht ein: 1. das Gut zu gebrauchen,
 oder auch es nicht zu benutzen, eventuell es zu zerstören,
2. es zu verschenken und durch freie Verträge über dasselbe zu verüigen,
 resp. es zu vererben. Dieses Recht ist aber niemals ein absoutes
 gewesen. sondern stets mehr oder weniger beschränkt durch Sitte
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        und Gesetzgebung aus der als notwendig erkannten Rücksicht auf
andere. So sagt das Bürgerliche Gesetzbuch für das deutsche Reich
$ 903: „Der Eigentümer einer Sache kann, so weit nicht das Gesetzoder
 Rechte Dritter entgegenstehen, mit der Sache nach
Belieben verfahren und andere von jeder Einwirkung ausschließen.“
Hiernach wird ein Eigentum nur an einer körperlichen Sache angenommen,
 während ein solches Recht auch darüber hinaus anerkannt
wird und in dem wirtschaftlichen Leben eine große Bedeutung hat.
Das ist der Fall bei dem Bergwerksrecht, wo es sich um ein Recht
der Aneignung unterirdischer Schätze handelt, bei NutznieBungsrechten,
dann bei dem Urheberrecht, wie es in Patenten, Autorrechten, dann
in dem Muster- und Markenschutz vorliegt.
Die Form des Eigentums kann eine verschiedene sein. Vor
allem ist zu unterscheiden zwischen Gesamteigentum, wie es in der
Allmende zu Tage tritt, wo die Gesamtheit der Gemeindebürger Rechte
an der Ausnutzung des Weidelandes, der Forsten etc. besitzt, und
dem Privateigentum, das von einer physischen oder juristischen Persönlichkeit
 ausgeübt wird.
Die Begründung des Eigentums ist in verschiedener Weise geschehen.
 1. Die naturrechtliche Begründung, wie sie namentlich durch
Ahrends vertreten ist, sucht das Eigentum aus der Natur des Menschen
heraus zu begründen und als mit seiner Persönlichkeit unbedingt verbunden
 hinzustellen, Der Mensch muß über äußere Gegenstände verfügen
 können, um seine Persönlichkeit zu bethätigen, und individuelle
Selbständigkeit ist ohne die Herrschaft über äußere Güter nicht zu
denken. So finden wir auch überall, wo Beginn der Kultur nachzuweisen
 ist, den Begriff eines. Eigentumsrechtes ausgebildet. Zunächst
ist es allein Besitz auf Grund der Gewalt, indem der Mensch Güter
in seine Herrschaft bringt und von deren Benutzung Andere ausschließt,
allmählich aber findet diese Herrschaft über gewisse Gegenstände unter
bestimmten Verhältnissen die allgemeinere Anerkennung innerhalb eines
Stammes und zwischen benachbarten Stämmen. Es bildet sich die
Sitte der Sanktionierung des Besitzes und damit das Eigentum. KEin
Tausch ist wohl denkbar allein auf Grund des faktischen Besitzes, auch
wenn der Gegenstand, der im Tausch hingegeben werden soll, aus einem
Diebstahl herrührt, Ein allgemeinerer Tauschverkehr dagegen ist nur
denkbar auf Grund allgemeiner Anerkennung eines Eigentumsrechtes,
und da der Tausch die Grundläge der Volkswirtschaft, so ist überhaupt
 Volkswirtschaft nicht denkbar ohne die Ausbildung des Higentums.
 Und da dieser Begriff, so weit historische Ueberlieferung zurückreicht,
 vorhanden gewesen ist und in der Gegenwart bei fast allen
primitiven Völkerschaften gefunden wird, vielleicht mit Ausnahme der
Weddas auf Ceylon, so wird man auf Grund der Erfahrung sagen
können, daß allerdings die Natur des Menschen und jede Ausbildung
des Verkehrs die Anwendung eines Eigentumsrechtes verlangt und in
sich schließt.
Man hat dagegen angeführt, daß zu allen Zeiten und in allen
Ländern ein großer Teil der Menschen ohne Eigentum gewesen sel,
und daraus allein ergebe sich, daß sogar der Kulturmensch ohne dasselbe
 zu existieren vermöge und die Unterstützung seiner Persönlichkeit
 durch Eigentum, und zwar besonders an Produktionsmitteln entbehre.
 Indessen ist dieses doch zu weit gegangen. Nicht nur das
Eigentum an Konsumtionsmitteln hat überall bestanden. Bei etwas

Arten des
Airentums.

Naturrechtiche
 Begründung
 des
Eigentuma.
        <pb n="62" />
        Arbeıtstheorie.


hegal-‚heorie.


vorgeschrittener Kultur, vor allem in unserer Zeit bei der ganzen
Arbeiterklasse ist das Eigentum an Kleidung, Wohnungseinrichtung,
außerdem auch an Arbeitsgerät mannigfaltiger Art, ganz allgemein;
ınd aus der Verbreitung des Eigentumsrechtes, auf dem unsere ganze
Produktion beruht, zieht Jeder Vorteile. Wir können deshalb nur anerkennen,
 daß allerdings in der Natur des Menschen das Streben
nach Eigentum allgemein ist, und jede Entwickelung wirtschaftlichen
Verkehrs die Ausbildung eines Eigentumsrechtes verlangt. Dagegen
st zuzugeben, daß die naturrechtliche Erklärung nicht ausreicht, um
jedes bestehende Eigentum zu rechtfertigen und die vorhandenen
Rechtsanschauungen allseitig zu begründen. Man muß deshalb in der
Untersuchung weiter gehen, und dieses geschieht: 2. durch die Okkupations-
 und Arbeitstheorie, wie sie durch die alte Rechtsschule
‘Hugo Grotius, dann durch Locke, Frederic Bastiat und
Andere) vertreten ist.
Bei der ersten Ansiedelung bildet sich das Eigentum dadurch
zus, daß Jemand ein Grundstück für sich ausschließlich in Anspruch
nimmt, welches bisher Niemandem vorbehalten war, und von ihm zuerst
ükkupiert wurde. Das Eigentum wird hier durch Okkupation erworben.
Noch jetzt werden in den Vereinigten Staaten neue Territorien von
der Union an diejenigen gegen ein geringes Kaufgeld abgegeben, die
vei Eröffnung der Ausgabe zuerst auf demselben erscheinen und dasselbe
 für sich verlangen, In den Kulturstaaten kann natürlich diese
Okkupation eine Bedeutung nicht mehr haben; sie. bedarf daher einer
Ergänzung, die darin gesehen wird, daß die Werte, welche Jemand allein
durch seine eigene Arbeit erzeugt, auch ihm allein gehören (Arbeitstheorie).
 Das, was er erarbeitet hat, kann von Niemand sonst beansprucht
 werden. Daß auf dem Wege eigener Arbeit vielfach Eigen-‚um
 begründet wird, unterliegt keinem Zweifel. Wer ev. aus einem
freien Gute, sagen wir einem granitenen Feldstein, ein kleines Kunstwerk
 schafft, kann dasselbe als sein alleiniges Eigentum in Anspruch
nehmen. Die Gewährung eines Patentes, die Garantie eines Autorrechtes
 basiert auf der Arbeitstheorie. Dagegen genügt sie nicht, überall
 das vorhandene Eigentum zu begründen, und unser Produktionsprozeß
 ist so außerordentlich kompliziert, an jeder Ware ist eine so
große Zahl von Händen thätig gewesen, daß die Scheidung, wieviel
von dem Werte auf den einzelnen Mitarbeiter fällt, außerordentlich
schwer zu treffen ist, und die Anschauungen darüber sehr wesentlich
auseinander gehen.
Den eben genannten Theorien mit aprioristischer Begründung,
steht 3. die Legaltheorie gegenüber. (Hobbes, Montesquieu,
Jer. Bentham, Ad. Wagner.) Nach derselben ist das Eigentumsrecht
 allein aus Zweckmäßigkeitsgründen durch die Staatsgewalt geschaffen.
 Hiergegen ist zu bemerken, daß die Anerkennung eines Eigentumsrechtes
 durch die Sitte sich schon lange ausgebildet hat, bevor die
Staatsgewalt überhaupt eine derartige gesetzgeberische Thätigkeit übernahm,
 Noch in der Gegenwart ist zu beobachten, daß der Usus gewisse
 Rechtsnormen einbürgert, die sich als zweckmäßig erwiesen
haben, und die: auf Grund eines Gewohnheitsrechtes allgemeine Anarkennung
 gewonnen haben, während erst später die gesetzgeberische
Sanktion hinzutrat. Dies triflt auch in hohem Maße bei der Ausbildung
 des KEigentumsrechtes zu. Anzuerkennen ist dagegen, daß
7ziele unserer gegenwärtigen Bestimmungen des Eigentumsrechtes nur
        <pb n="63" />
        45

—_—_

aus der Legaltheorie zu erklären sind, und deshalb auch die Anschauungen
 der maßgebenden Kreise vielfach dabei einseitig zum Ausdruck
 gelangten, ‚Damit ist zugleich anerkannt, daß unser Eigentumsrecht,
 wie es gegenwärtig besteht, nicht als unabänderlich angesehen
werden kann, sondern, wie es bisher mit der gesamten Kulturentwickelung
 sich allmählich historisch entwickelt und erhebliche Veränderungen
erfahren hat, so auch in der Zukunft mit den Umgestaltungen unseres
Wirtschaftslebens Modifikationen erfahren muß, will es nicht in einen
Widerspruch mit den Anforderungen der Zeit treten. Das Dauernde
in der Menschheitsgeschichte bleibt, daß die allgemeine Anerkennung
eines Kigentumsrechtes als die Grundlage jeder Kulturentwickelung
vorhanden gewesen ist und vorhanden sein muß, wo eine größere Zahl
von Menschen miteinander im Verkehre steht. Welche Kategorie des
Eigentums in dem Vordergrunde steht, das hängt von der Kulturstufe
ab, auf welcher sich das Volk befindet.
Unsere gegenwärtige Volkswirtschaft beruht in der Hauptsache
auf dem Sondereigentum, und dies muß nach aller bisherigen Erfahrung
 auch für absehbare Zukunft trotz aller sozialistischen Bestrebungen
 so bleiben, wenn nicht die Kultur dem verhängnisvollsten
Rückschritt verfallen soll.
Werfen wir einen Blick auf die historische Entwickelung des Eigentums,
 wobei wir ausdrücklich darauf verzichten, auf die gegenwärtig
schwebenden Streitfragen in betreff des Details einzugehen, die uns zu
weit führen würden.

$ 18.
Die geschichtliche Entwickelung des Eigentumrechtes.
Zur Zeit des Tacitus hat bei den Deutschen das Gesamteigentum
an dem Acker-, Weide- und Waldland bestanden und scheint auf
primitiver Stufe nach Ausbildung der Seßhaftigkeit das Natürliche
und auch das allgemein Verbreitete gewesen zu sein. Bei dem Mangel
aller Hilfsmittel ist die. Summierung der menschlichen Arbeitskraft die
Voraussetzung, die Natur zu bewältigen. Daher bei der ersten
Ansiedelung die Urbarmachung und Bewirtschaftung des Landes gemeinsam
 stattfand, welches der Dorfgemeinschaft als Eigentum zugesprochen
 wurde, während erst die Ernte dem AKinzelnen als
Sondereigentum zufiel. Das von den einzelnen Familien ausschließlich
 benutzte Gehöft wurde sicher früh gleichfalls als solches angesehen
 und behandelt. Je mehr mit der sich ausbildenden verschiedenen
 Leistungsfähigkeit der einzelnen Individuen die sich über
die Mittelmäßigkeit Erhebenden ihre Stücke besser bewirtschafteten
als die übrigen, um so mehr mußte bei diesen der Wunsch hervortreten,
diese eben auch in dauerndem Eigentum zu behalten, die Frucht ihrer
Leistung auch allein für sich und die Angehörigen zu verwerten, und
daher auch das Erbrecht daran zu gewinnen. So mußte auch mit Entwickelung
 der Kultur sich das Sondereigentum an Grund und Boden
mehr und mehr ausbilden, und kann Gesamteigentum nur zum Schaden
der Entwickelung wie ip Rußland noch in der Gegenwart aufrecht erhalten
 werden. Auch wo die Gemeinde als solche Grundbesitz in der
Hand behalten hat (Allmende), ist doch die Form der Gesamtnutzung
mehr und mehr zurückgedrängt und die private Verwertung allgemeiner
ausgebildet, indem die Gemeinde wie der Staat als Einzelwille auftreten,

Aelteste Zeit.
        <pb n="64" />
        3
rn

ANlmähliche
Beschränkung
 des
Rechtes.

die Grundstücke verpachtet, die Forsten geschlössen ‘ bewirtschaftet
werden, der Ertrag in die Gemeindekasse oder Staatskasse fließt, und
erst aus dieser der Gewinn eine Verwendung findet, die der Gesamtheit
 zu gute kommt. Je mehr auf der anderen Seite die Kapitalsbildung
 vorschritt, um so mehr Güter waren vorhanden, die als Produkt
der Arbeit des Einzelnen auch in das Sondereigentum übergingen.
Und mit der wachsenden Bedeutung des Kapitals mußte deshalb das
Sondereigentum zur Ausbildung gelangen. In der Zeit des Merkantilsystems
 im 17. und 18, Jahrhundert suchte die Staatsgewalt ihren
Besitz und Betrieb möglichst zu erweitern, es war die Zeit der Monopolisierung
 der manmnigfaltigsten Betriebe, während auf der anderen
Seite allerdings leichtsinnige Herrscher Domanialbesitz verschleuderten.
Die Lehren der Physiokratischen und der Adam Smithschen
Schüle brachten hierin. eine Umwälzung der Anschauungen hervor.
Davon ausgehend, daß unter der Wirkung des Privatinteresses jeder
wirtschaftliche Betrieb von Privaten zweckmäßiger ausgeführt, jeder
Besitz besser verwertet werde, als von Korporationen, insbesondere von
dem Staate, suchte man denselben immer allgemeiner in der Hand der
Bürger zu verteilen. Man ist in dieser Beziehung vor allem in England
 wie in Amerika durchaus radikal vorgegangen. In der zweiten
Hälfte dieses Jahrhunderts ist auch hierin eine Reaktion eingetreten.
Man erkannte vor allem die Aufteilung des Gemeindeeigentums als
einen großen Fehler, wodurch die Leistungsfähigkeit der Kommunen
erheblich beeinträchtigt war. Die Erfahrung zeigte, daß der Staat sehr
wohl iu der Lage war, nach verschiedensten Richtungen hin Besitz und
Betrieb angemessen finanziell zu ‚verwerten, und außerdem durch denselben
 der Gesamtheit besondere Vorteile zu verschaffen. So ist in
der neueren Zeit vor allen Dingen der Besitz des Staates an Forsten
und Eisenbahnen erheblich ausgedehnt, und für die Zukunft ist in
lieser Beziehung wohl noch ein weiteres Vorschreiten zu erwarten.
Auch die Auffassung des Eigentumsrechtes hat im Laufe der Zeit
nicht unbedeutende Modifikationen erfahren. KEinmal ist das Gebiet,
auf welches dasselbe erstreckt wurde, erweitert. Es ist nur nötig, an
das geistige Eigentumsrecht zu erinnern, welches schon besprochen
wurde. Auf der anderen Seite ist die Beschränkung in den verschiedenen
 Zeiten eine ungleiche gewesen. Das römische Recht suchte das
Eigentumsrecht als ein möglichst absolutes durchzuführen. Die ganze
Freihandelsrichtung trat in der gleichen Weise auf. Sah sie in der
individuellen Freiheit und Selhständigkeit jedes Einzelnen unter Ausbildung
 der wirtschaftlichen Freiheit die höchste Aufgabe für Staat
und Gesellschaft zur Förderung der Kultur, so mußte sie danach
streben, die Selbständigkeit jedes Menschen durch ein möglichst unbeschränktes
 Verfügungsrecht des Kinzelnen über sein Eigentum zu
schützen und zu fördern. Auch hierin ist in der zweiten Hälfte dieses
Jahrhunderts ein Umschwung in den Anschauungen eingetreten. Die
Erfahrung lehrte, daß nicht, wie die alte Schule annahm, zwischen
dem Privatinteresse und dem Gesamtinteresse eine allgemeine Harmonie
vorhanden sei, sondern daß vielmehr auf höherer Stufe wirtschaftlicher
Kultur sich zwischen den. Einzelnen, die mit verschiedener Macht an
Intelligenz und Kapitalkraft sich gegenüber treten, ein immer stärkerer
Kampf um das Dasein sich entwickele, und die Konflikte zwischen
den Kulturaufgaben der Gesamtheit und den Privatbestrebungen der
Einzelnen immer tiefgreifendere und verhängnisvollere werden, je mehr
        <pb n="65" />
        47 _

das wirtschaftliche Getriebe uneingeschränkt und sich selbst überlassen
bleibt, Es hat sich dadurch die Auffassung entwickelt, daß das Eingreifen
 der Staatsgewalt zum Schutze des Schwächeren unerläßlich
ist, daß ihre Macht und ihr Einfluß auch auf das wirtschaftliche
Leben viel höher gestellt werden muß, als es. die Freihandelsrichtung
zugestehen wollte. Wo aber das Gesamtinteresse in Frage kommt,
hat das KEinzelinteresse sich dem unterzuordnen. Daher kann auch
dem Einzelnen nicht ein unbedingtes Verfügungsrecht über sein
Eigentum unter alleiniger Maßgabe seines eigenen Interesses zuerkannt
werden, sondern er muß sich soweit Beschränkungen unterwerfen, als
es das Gesamtinteresse verlangt. In dieser Richtung haben sich im
Laufe dieses Jahrhunderts erhebliche Aenderungen des Eigentumsrechtes
 vollzogen. Durch die Ausbildung des Enteignungsrechtes ist
am schärfsten zum Ausdruck gebracht, daß überall, wo es die Förderung
der Gesamtheit verlangt, der Privateigentümer zu weichen hat. Wird
zum Bau einer Eisenbahn, zur Durchlegung einer Straße in der Stadt
Grund und Boden gebraucht, so muß der Grundeigentümer denselben
räumen und sich mit einer Entschädigung begnügen. In der von der
Gemeinde aufgestellten Bauordnung werden dem Grundeigentümer Beschränkungen
 in der Benutzung seines Bauplatzes und in der Ausführung
 des von ihm projektierten Gebäudes auferlegt. Der Eigentümer
 an Wald, Bergwerken, Eisenbahnen und Fabriken wird durch
polizeiliche Vorschriften in der Verfügung über seinen Besitz wesentlich
 beeinträchtigt, wie es z. B. sanitäre Rücksichten für die Arbeiterklasse
 oder Schutz vor Gefährdung und Belästigung der Umwohner
verlangen. Das Erbrecht ist schon seit längerer Zeit durch die Fixierung
eines Pflichtteils für die Kinder beschränkt. Die Strömung geht immer
mehr dahin, nicht unbedingt das Recht der Blutsverwandtschaft zur
Beerbung anzuerkennen, sondern im Verwandtschaftsgrade eine Grenze
zu ziehen. Die Kommission für das Bürgerliche Gesetzbuch in Deutschland
hatte mit großer Majorität beschlossen, das Erbrecht nicht über die
Nachkommen der Urgroßeltern im Intestaterbfalle gelten, sondern statt
der entfernteren Verwandten den Staat als den natürlicheren Erben
eintreten zu lassen, wie das in Dänemark bereits gesetzlich bestimmt
ist. Der Reichstag hat allerdings diese Bestimmung nicht acceptiert,
Dagegen ist in dem $ 904 eine Sehr bedeutsame prinzipielle Aenderung
 der bisherigen Auffassung zu konstatieren. Es heißt darin:
„Der Eigentümer einer Sache ist nicht berechtigt, die Einwirkung
eines Anderen auf die Sache zu verbieten, wenn die Einwirkung zur
Ahwendung einer gegenwärtigen Gefahr notwendig, und der drohende
Schaden gegenüber dem aus der Einwirkung dem Eigentümer entstehenden
 Schaden unverhältnismäßig groß ist. Der Eigentümer kann
Ersatz des ihm entstehenden Schadens verlangen.“ Der Eigentümer
eines Hauses muß sich hiernach gefallen lassen, daß sein Haus niedergerissen
 wird, wenn dieses nötig ist, um ein bedenkliches Weitergreifen
eines Brandes zu verhüten. Der Besitzer eines Kahnes darf es nicht
verhindern, daß jemand denselben benutzt, um damit einem Menschen
das Leben zu retten, auch wenn die Gefahr vorliegt, daß das Boot
dabei zu Grunde geht. Hiermit korrespoudieren die 88 226 und 826,
Welche dem Eigentümer verbieten, Eigentumsrecht zur Chikane seiner
Mitmenschen, also die Schädigung Anderer ohne einen eigentlichen
Nutzen dabei zu haben, unter Verletzung der guten Sitte auszuüben.

Deutsches
jürgerliches
Aesetzhuch.
        <pb n="66" />
        . 48 —

Auch die privatrechtlichen Beschränkungen des Nachbarrechtes 8 906
und weiter verfolgen den gleichen Zweck.
Es ergiebt sich aus dem Angeführten, daß man immer mehr das
Eigentum als ein soziales und nicht rein individualistisches auffaßt,
trotz der Anerkennung des Privateigentums; daß die Gesellschaft auch
ein Recht an das Eigentum des Einzelnen besitzt und Jedem in seinem
Eigentumsrecht Pflichten der Gesamtheit gegenüber erwachsen.

8 20.
Der Tausch.

Ausdehnung Erst bei Entwickelung des Tausches kann überhaupt von Volksur
 TS wirtschaft die Rede sein. Die Möglichkeit des Tausches ist die Grund-Hi
 "Jage der Arbeitsteilung, und beide gehen in ihrer Eutwicklung Hand
in Hand. Auf primitiver Stufe der Kultur sind im allgemeinen (egenstand
 des Kaufes nicht Befriedigungsmittel des laufenden Bedarfes,
sondern Luxusgegenstände; so jetzt noch bei den Negerstämmen Perlen,
bunte Zeuge, die zum Schmuck dienen, aber nicht zur täglichen Kleidung.
 Dann erfolgt der Austausch von Waffen und sonstigen Ausrüstungsgegenständen.
 Erst im Laufe der Zeit ergreift der Tausch
auch die wirtschaftlichen Grundlagen, .den täglichen Bedarf, Rohstoffe
und Halbfabrikate, nicht nur die fertigen Waren. Mit dem Fortschreiten
 der Kultur, der Ausbildung der Volkswirtschaft, der Steigerung
 der Lebensansprüche muß jeder Gegenstand eine immer größere
Umformung erfahren, bis er für den Konsum reif ist. Er wandert
deshalb durch eine große Zahl von Händen, bevor er zu dem Konsumenten
 gelangt, Der Tausch tritt damit nicht nur als Schluß der
Kette wirtschaftlicher Thätigkeiten auf, sondern auch als Mittelglied des
Produktionsprozesses; und je mehr die Arbeitsteilung durchgeführt ist,
um so öfter fungiert er als Mittelglied,
Das Getreide wandert zum Müller, als Mehl zum Bäcker, als Brot
eV. noch zum Händler, von da erst zum Konsumenten. Ist das Erz gewonnen,
 so wird es in der Hütte ausgeschmolzen und ausgewalzt; in
der Schlosserei einer Fabrik zu einem Teile einer Maschine verarbeitet,
um dann erst wieder in einer anderen mit den verschiedensten Ergänzungsstücken
 zu einem Ganzen zusammengefügt zu werden,
Gemeinsames Wie schon oben (S. 27) bei der Erörterung des Handels auseinander-Interesse
 der gesetzt wurde, müssen bei einem regulären Tausche beide Teile ge-Tanschen-
 winnen, oder mindestens zu gewinnen glauben, sonst käme er nicht zu
GEM, stande. Infolgedessen besteht eine Gemeinsamkeit der Interessen
zwischen den sich gegenüberstehenden Parteien als Grundlage des
Tausches. Die vielfach verbreitete Ansicht, daß der Vorteil des einen
Teiles nur auf der Schädigung des anderen beruhe, ist völlig irrtümlich.
Selbst bei einem Tausch oder Verkauf, wo der eine "Teil offenbar
wucherisch ausgebeutet wird, muß derselbe noch einen Vorteil bei
dem Geschäfte voraussetzen; er würde sich sonst nicht darauf einlassen.
 Ein Landwirt besitzt vielleicht ein kosthares Pferd und sieht
sich gezwungen, dasselbe zu verkaufen, um einen verfallenen Wechsel
einzulösen. Er findet im Moment keinen Käufer und bietet es schließlich
 für einen Spottpreis an, nur um dadurch dem Wechselprozesse zu
entgehen, der ihm noch viel größeren Schaden zufügen würde. Unter
normalen Verhältnissen wie bei jenem oben (S. 27) angeführten Beispiele
des Austausches von Kühen und Pferden zwischen zwei benachbarten
        <pb n="67" />
        Landwirten werden beide Teile in gleicher Weise ihre Rechnung finden,
weil keiner in einer Zwangslage ist, aber jeder die Tiere los wird, die
ihm eine Last sind, und diejenigen erhält, die er zur Komplettierung
seiner Wirtschaft gebraucht. Derselbe Vorgang wird auf dem Gemüsemarkte,
 wie im allgemeinen an der Börse vorliegen, wo die Ware in Fülle
vorhanden ist, und es ebenso nicht an Käufern fehlt. So wird durch
einen regen Tauschverkehr in einem Lande der Wert der vorhandenen
Gegenstände gefördert und jeder Produktionszweig dadurch in seiner
Thätigkeit erleichtert, wie der Konsument dadurch zu seinem Bedarfe
gelangt. Dasselbe ist aber auch in dem internationalen Handel zu
beobachten. Wenn zwei Länder nachhaltig miteinander im Austauschverkehr
 stehen, so müssen beide dabei einen Gewinn haben, sonst wäre
er nicht aufrecht zu erhalten. Jedes Land giebt die Ware ab, die
es billiger produzieren kann, als ein anderes, und wovon es über Bedarf
 an Vorrat hat. Es empfängt dafür, was unter anderen klimatischen
 und Bodenverhältnissen leichter und in größerem Maßstabe gewonnen,
 und gleichfalls im Ueberflusse erzeugt wird, es erhält dafür,
wie z. B. Indien für seine Gewürze, Reis etc., aus Europa Baumwollenstoffe,
 Eisenwaren, die hier billiger und besser durch die Großindustrie
erzeugt werden können als dort. Die merkantilistische Anschauung, daß
ein Land sich nur auf Kosten des Nachbarlandes zu bereichern vermöchte,
 mit dem es in Handelsbeziehungen steht, ist daher falsch, obgleich
 die Anschauung bis in unsere Zeit hinein (Thiers) gefunden wird.
Im Gegensatze dazu ist man in der neueren Zeit bestrebt, die gemeinsamen
 Interessen der Länder zur Grundlage von Handelsverträgen zu
machen und durch gegenseitige Gewährung von Konzessionen beiden
Ländern möglichste Vorteile zugänglich zu machen, um keines unnötigerweise
 zu schädigen. Es entspricht das offenbar der gesunden Vernunft,

von

Die Konkurrenz.

8 21.

Vierteljahrsschrift für die Volkswirtschaft und Kulturgeschichte 1877, Art.
Hertzka u. Wolf.
Wagner, a, a. O.. S. 223, Das moderne System der freien Konkurrenz.

Ist bei dem Tauschverkehre auch ein gemeinsames Interesse die Interessen-Grundlage
 desselben, so tritt doch ein Gegensatz der Parteien insofern gegensatz
hervor, als Jeder bestrebt ist, einen möglichst hohen Gewinn zu er- beim Tausch.
zielen, der dann zum Teil auf Kosten des Anderen erreicht sein wird.
Dies trat bei dem Beispiel der Bewucherung des Pferdeverkäufers, der
notwendig Geld brauchte, zu Tage. Sein Gewinn war auf ein Minimum
reduziert, der Käufer war in der Lage, sich einen übermäßigen Gewinn
 anzueignen, Die Gefahr einer solchen Ungleichheit des erzielten
Vorteils wird deshalb nahe liegen. Die Adam Smithsche Schule Regulierende
ging nun davon aus, daß nach einem allgemeinen wirtschaftlichen Kraft d. Kon-Naturgesetze
 in dem Zustande wirtschaftlicher Freiheit sich überall ein EA Dach
freies Mitwerben bei Produzenten einerseits, Konsumenten andererseits, ‘
zwischen Käufern und Verkäufern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern
herausstelle, welches eine jede Uebervorteilung des einen Teiles im
großen Durchschnitte unmöglich mache. Mit anderen Worten, die
freie Konkurrenz führe in dem wirtschaftlichen Treiben eine allgemeine
Harmonie der Interessen herbei, und zwar naturgesetzlich, indem Jeder
Sonrad, Grundrifs der polit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl.
        <pb n="68" />
        50

durch sein eigenes Interesse aus Rücksicht auf seine Konkurrenten
gezwungen sei, sich nur mit einem mäßigen Verdienste zu begnügen,
während ebenso infolge der vielseitigen Nachfrage gleicher Interessenten
die Kauflustigen gezwungen würden, einen. angemessenen Preis für die
Ware, wie für Dienstleistungen zu zahlen. Gerade diese Auffassung,
die von der Adam Smithschen Schule, so von David, Ricardo,
Frederic Bastiat und der deutschen Freihandelspartei vertreten
wurde, führte zu der Forderung, daß der Staat sich jeder Einmischung
in das wirtschaftliche Leben enthalten müsse, daß es eine soziale Frage
nicht geben könne, weil jeder Arbeitgeber durch ein Naturgesetz gezwungen
 sei, die Löhne zu zahlen, die den Verhältnissen angemessen
seien, und mehr auch auf keinen Fall zahlen könne, wiederum unter
dem Druck der Konkurrenz. Ebenso führe internationale Handelsireiheit
 zur besten Entwickelung der Kultur aller Länder, weil dann
jedes das produziere, wozu es am besten befähigt sei.
Einseitigkeit Diese Lehre ist auf Grund der Erfahrung als falsch zu bezeichnen,
in Sa wie gegenwärtig allgemein anerkannt wird. Sie wäre richtig, wenn in
WACH LENFE, 30m wirtschaftlichen Leben sich überall die Parteien mit gleicher
Macht gegenüberständen, wo dann allerdings ein normaler "Tausch mit
zleichem Gewinne für beide Parteien das Ergebnis wäre. Diese Gleichheit
 der Macht ist aber weder im Verkehre im Inlande, noch in dem
internationalen Handel zu finden. Ein auf hoher Stufe stehendes In-Justrieland
 wird denselben Artikel billiger herstellen können, als ein
Nachbarvolk mit geringem Kapital und wenig ausgebildeter Arbeitskraft
 und schlechten Kommunikationsmitteln, Es wird deshalb nicht
aur auf dem Weltmarkte, sondern auch im Inneren des letzteren Landes
mit seiner billigeren Ware die heimische Industrie aus dem Felde
schlagen und unterdrücken können; und beherrscht es den Markt hiernach,
 so wird es sich übermäßige Preise zahlen lassen können, So
hat in der That England eine lange Zeit durch seine industrielle Ueberlegenheit
 die anderen Länder auszubeuten vermocht, welche auf seine
Produkte angewiesen waren. In der gleichen Weise sehen wir in der
Gegenwart in Deutschland in der Textilindustrie den Handweber unter-Jrückt
 durch den Fabrikanten, den kleinen Schneider durch den
zrößeren Unternehmer. Der Fabrikant, der 300 Arbeiter beschäftigt;
kommt nicht in Verlegenheit, wenn auch mehrere Arbeiter ihm den
Dienst kündigen, weil ihnen der Lohn zu niedrig erscheint, oder Leute,
die Arbeit bei ihm suchen, auf seine Bedingungen nicht eingehen
wollen. Er kann ruhig warten, bis sich Ersatz findet. Der einzelne
Arbeiter dagegen wird nicht lange imstande sein, ohne Arbeit und
Verdienst seine Familie zu ernähren. Er sieht sich nach kurzer Zeit
zenötigt, sich den ungünstigen Bedingungen zu fügen, die er bisher
‚erworfen hat, wenn nicht eine ähnliche Fabrik in der Nähe ist, die
Arbeiter gebraucht; und wie häufig entlassen alle Fabriken derselben
Branche massenhaft Arbeiter, wenn die Konjunkturen ungünstig sind.
Sie sind in diesem Falle der stärkere Teil, ihm haben sich die vereinzelten
 Arbeiter zu unterwerfen. Man weiß, wie auf solche Weise
Ende des 18. und zu Beginn des 19, Jahrhunderts in England die
Löhne herabgedrückt wurden, so daß sich vielfach die Behörden ver-__
 anlaßt sahen, den Arbeitern Zuschüsse zu ihren Löhnen zu gewähren,
U weil sie notorisch zu ihrem angemessenen Unterhalt nicht ausreichten,
‚cr Konkur- SO finden sich. thatsächlich überall Ungleichheiten in der Macht der
venten. sich gegenüberstehenden Parteien, wie sie durch die Verschiedenheit
        <pb n="69" />
        der Intelligenz, die Ungleichheit des Besitzes u. s. w. bedingt sind,
und statt der von der alten Schule geträumten Harmonie sehen wir
vielmehr einen allgemeinen wirtschaftlichen Kampf um das Dasein vor
uns, der mit sehr verschiedenen Waffen geführt wird, und bei dem
keineswegs immer der siegende Teil als derjenige anzusehen ist, der
der Volkswirtschaft am meisten nützt, und der unterliegende die‘ Verdrängung
 selbst verschuldet hat. Eben deshalb können auch die von
der Freihandelsschule gezogenen Konsequenzen nicht als richtig anerkannt
 werden. Man bedarf vielmehr in der Staatsgewalt einer höheren
Autorität, die über den Parteien steht, den Schwächeren schützt und
die in dem Konkurrenzkampf zu Tage tretenden Härten‘ und Ungerechtigkeiten
 mildert.
Außerdem ist zu beachten, daß, wenn allerdings auch unter normalen
 Verhältnissen eine mäßige Konkurrenz im hohen Maße wünschenswert
 ist, um einen Druck zur Ueberwindung der Trägheit auszuüben,
Jeden zu zwingen, sich möglichst anzustrengen und Vollkommeneres zu
leisten, diese günstige Wirkung ihre Grenze hat. "Treten zu viele
Konkurrenten in derselben Branche auf, so ist in der Fabrikation die
Ueberproduktion das Ergebnis; infolgedessen eine zu starke Herabdrückung
 der Preise, ev. unter die Produktionskosten, so daß sämtliche
 Fabrikanten darunter leiden. Das Zugrundegehen der Schwächeren
ist unvermeidlich, was zum Teil volkswirtschaftlich günstig sein kann,
indem die weniger tüchtigen Elemente, sowie mit unzulänglichen Mitteln
Ausgestatteten ausgeschieden werden und dafür die Tüchtigeren an
ihre Stelle treten. Aber bis das erreicht ist, haben auch diese erheblich
 gelitten, und viele der solidesten Firmen sind gleichfalls zu Grunde
gegangen. Ks sind aber noch andere Folgen damit verbunden, die
von der alten Schule nicht beachtet wurden, In der Zeit des Aufschwungs,
 z. B. anfangs der siebziger Jahre, wurden in Deutschland
massenhaft Arbeiter vom Lande in die Städte gezogen, indem die neu
auftauchenden Fabriken übermäßige Löhne boten, um den alten Geschäften
 tüchtige Kräfte zu entziehen. und überhaupt die nötigen
Arbeiter zu beschaffen. Nach dem Rückgang der Preise infolge der
übermäßigen Konkurrenz gingen massenhaft Fabriken zu Grunde, und
aine große Zahl von Arbeitern war plötzlich auf die Straße geworfen
und in die größte Not versetzt, und viele unschuldige Elemente hatten
unter dem Uebermaß der Konkurrenz zu leiden. Kine andere Folge
war, daß sich die bedrohten Geschäfte veranlaßt sahen, zu unlauteren
 Maßregeln der Verschlechterung der Ware, Verschleierung
der Preise etc. die Zuflucht zu nehmen, um sich überhaupt noch zu
halten. Dieses Vorgehen schädigte das ganze Gewerbe, indem es den
Kredit desselben im In- und Auslande untergrub. Die Schwankungen
der Konjunkturen, wie sie durch übermäßige Konkurrenz herbeigeführt
werden, sind als eine Hauptschattenseite unserer Zeit anzuerkennen.
Schließlich ist noch zu erwähnen, daß nach langem, heftigem Konkurrenzkampf
 zwischen den Materialwarenhändlern einer kleinen Stadt, wie
zwischen den Fabrikanten derselben Branche und konkurrierenden Eisenbahnen,
 die Versuche natürlich sind, denselben durch eine Vereinigung
zu beseitigen und dann durch die Bildung von Ringen, Kartellen, Trusts
ein Monopol zu erlangen, und das Publikum doppelt auszubeuten, um
sich für die vorhergegangenen Verluste sehadlos zu halten. Das Publikum
 pflegt deshalb auch aus einer zu scharfen Konkurrenz keinen
nachhaltigen Vorteil zu haben, sondern hat im Gegenteil darunter zu

Nachteile
ibermäßiger
Zonkurrenz.
        <pb n="70" />
        — 52

leiden. Die wirtschaftliche Freiheit führt somit nicht notwendig zu
einer angemessenen Konkurrenz, sondern leicht zu dem Gegenteil, einer
einseitigen Monopolbildung.
Aus dem Gesagten geht hervor, daß wir es hier nicht mil einer
naturgesetzlichen Wirkung der Konkurrenz zu thun haben, die stets
für die Volkswirtschaft günstig ausfällt, sondern daß die Wirkung derselben
 unter verschiedenen Verhältnissen eine sehr ungleiche ist. Sie
wird schon je nach der Kulturstufe, auf der sich das Volk befindet,
ungleiche Folgen nach sich ziehen. Ueberall aber giebt es eine Grenze,
worüber hinaus die Verschärfung der Konkurrenz nicht mehr günstig,
sondern vielmehr ungünstig wirkt, worauf wir in der Volkswirtschaftspolitik
 zurückzukommen haben werden.

Die Arbeitsteilung.
Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft, II. Aufl. Tübingen 1898, S. 275.
Schmoller, Jahrbuch für Volkswirtschaft. Bad. 13, S. 1003; Bd. 14, S. 45.
Preußische Jahrbücher. Bd. 69, S. 464.

Unter Arbeitsteilung versteht man die Zerlegung wirtschaftlicher
Thätigkeiten einer Gesamtwirtschaft in eine größere Zahl von Einzelthätigkeiten,
 die von verschiedenen Personen ausgeführt wird, Dieselbe
kann danach in der verschiedensten Weise ausgebildet werden, sowohl
in der ganzen Volkswirtschaft, wie das in der Ausbildung der einzelnen
Berufs- und Gewerbszweige der Fall ist, wie in demselben Beruf und
Gewerbszweige in verschiedene Spezialzweige, und drittens in derselben
Privatwirtschaft, etwa einer Fabrik durch Uebernahme der einzelnen
Arbeiten durch verschiedene Personen.
Geschicht- Auf primitiver Stufe der Kultur fertigt die Familie selbst an,
liche Ent- was sie gebraucht; eine Arbeitsteilung findet nur zwischen den Ge-‚ikea
 schlechtern statt, indem der Mann in der Regel. die Arbeiten über-“teilung.
 nimmt, welche besondere Körperkraft und Schnelligkeit verlangen, wie
Jagd und Fischerei, Bändigen der Haustiere etc., während die Frau
die Bereitung der Nahrung, Herstellung der Kleidung, Wartung der
Kinder und sonstige häusliche Thätigkeit, häufig auch den ersten Ackerbau
 zu übernehmen hat. Freilich giebt es davon Ausnahmen, indem
der Frau auch schwere Arbeit überwiesen wird, während der Mann
sich auf die Bärenhaut legt. Umgekehrt wird gegen das Prinzip der
Arbeitsteilung verstoßen in der Frauenemanzipation, wenn die Frau Beschäftigungen
 an sich zu reißen strebt, für welche sie weniger geeignet
ist als der Mann,
Abgesehen von der Arbeitsteilung innerhalb der Familie bildet sich
im Laufe der Entwickelung der Kultur eine Teilung der Thätigkeit
der Bevölkerung in verschiedene Berufs- und Gewerbszweige aus, indem
einzelne Glieder sich auf die Herstellung bestimmter Gegenstände
konzentrieren, und die übrigen anderen überlassen. Auch nach der
festen Niederlassung ist der Betrieb der Landwirtschaft nicht als ein
besonderer Beruf anzusehen, sondern als ein Teil der Gesamtthätigkeit,
welche zum Unterhalt des Haushaltes allgemein notwendig ist. Es ist
eine sehr viel höhere Stufe der Kultur bereits, wenn sich ein besonderer
Stand der Handwerker herausbildet, wie das allerdings bereits zur
Perikleischen Zeit in Griechenland der Fall war und im alten Rom.
In dem Mittelalter entwickelte sich das Handwerk zunächst in den
        <pb n="71" />
        53

Klöstern, den geistlichen und weltlichen Herrenhöfen, auf denen einzelne
Hörige zu bestimmter Thätigkeit angelernt und zur Ausübung derselben
angehalten wurden. Unter Heranziehung des Kapitals, unter Ausbildung
 des Großbetriebes ist dann die Differenzierung in den Gewerben
bekanntlich eine immer größere geworden. Im 13. und 14. Jahrhundert
 finden sich auch in den größeren Städten nicht mehr als
25 verschiedene Innungen, die allerdings damals mehrere Gewerbe zu
umfassen pflegten. Bücher zählte in Urkunden von Frankfurt a. M.
1387: 148, 1440: 191, Anfang des 16. Jahrhunderts 300 verschiedene
Gewerbearten. Schon die Handwerkerstatistik Friedrichs des Großen
zählt über 1400 Rubriken. Die Berufs- und Gewerbestatistik von 1882
führt 4782 verschiedene Industrielle und 1674 Berufsarten in Handel,
Verkehr und Beherbergung, die von 1895 zusammen etwa 11000 auf.
Diese Entwickelung hat zwei verschiedene Ursachen; einmal, wie
schon an anderer Stelle (S. 22) ausgeführt, in der Entwickelung der
Bedürfnisse, welche immer verschiedenartigere Arbeit verlangen; dann,
in der Ausbildung der Arbeitsteilung, indem Arbeiten, welche bisher
der Haushaltung selbst vorbehalten waren, sich als einzelne Gewerbe
selbst ausbildeten. Odysseus zimmert sich noch sein Haus- und Wirtschaftsgerät,
 während Penelope den Tag über webt, Die Herstellung
nicht nur der Nahrung, sondern auch der Kleidung war noch im Beginne
 des Jahrhunderts auch in den bürgerlichen Kreisen den Frauen
im Hause vorbehalten, während sie heutigen Tages den Bäckern,
Fleischern, den Spinn- und Webefabriken, Strick- und Wirkfabriken,
dann den Schneidern u. s. w. immer ausschließlicher übertragen wird.
Auch da, wo andere Gewerbe Platz gegriffen haben, sträubte man sich
vielfach, den Gegenstand durch Verkauf in andere Hände übergehen
zu lassen. Der Bauer brachte sein selbstgebautes Getreide in die
Mühle, ließ es dort gegen Gebühr vermahlen, und nahm das daraus
gewonnene Mehl wieder zum eigenen Gebrauche zurück, so lange die
kleinen Mühlen im Lande verbreitet und ihm nahe waren. Erst bei
zunehmender Konzentrierung des Gewerbes im Großbetriebe sieht er
sich genötigt, das Getreide zu verkaufen und Mehl zu kaufen. Wie
ebenso der Gutsbesitzer noch längere Zeit einen Fleischer zum
Schlachten zu Hilfe zog, bis er mehr und mehr dazu überging, sein
Mastvieh zu verkaufen und das Fleisch für den eigenen Bedarf vom
Schlächter zu beziehen, ebenso das Selbstbacken allmählich aufgab
und das Brot vom Bäcker bezog. Dies sind Beispiele, daß die Arbeitsteilung
 früher ‘eintritt, als der Tausch, während im allgemeinen der
Tausch früher Platz zu greifen pflegt, als die Arbeitsteilung. Bei
primitiven Völkerschaften sind die Tauschartikel zunächst nicht ausdrücklich
 zu diesem Zweck angefertigt, sondern als Reserve für den
eigenen Gebrauch. Bietet sich aber eine Gelegenheit, so wird eben
auch jene Reserve als Tauschobjekt benutzt, um z. B. extraordinäre
Schmuckgegenstände dafür zu gewinnen. Die Bauernfrauen auf dem
Lande haben noch im Beginn der neueren Zeit bei uns, abgesehen von
Gemüsen, Eiern ete., Garn und gewebte Stoffe zum Verkauf auf den
Markt gebracht, wenn sie mehr erarbeitet hatten, als sie für ihre Wirtschaft
 gebrauchten, ohne daß dieses das Resultat einer Arbeitsteilung
war, die sich auf dem Lande erst herausstellt, wenn Arbeiten übernommen
 werden, die mit der Deckung des eigenen Bedarfs nichts zu
thun haben, wie, wenn der russische Bauer in den Winterabenden aus
Holz Spielzeug, Küchengeräte schnitzt und dies an städtische Händler
        <pb n="72" />
        54

absetzt, oder die Frauen der ländlichen Arbeiter um London herum
Wäsche nähen, Stroh flechten ete., anstatt mit auf dem Felde thätig
Zu sein.
_ Differen- Auch in der Tierwelt sind die primitivsten Entwickelungsstadien
Se nung Inder nur durch wenige Arten gekennzeichnet. Mit der größeren Vervoll-*"”
 kommnung zerlegen sie sich in eine immer größere Zahl von Unterarten,
 die sich durch die abweichende Ausbildung einzelner Eigentümlichkeiten
 ergeben. Die tieferstehenden organischen Wesen verwerten
dieselben Organe für die verschiedensten Funktionen. Zunächst sind
sie kaum etwas anderes als ein großer Magensack, während auf höherer
Stufe sich neben dem Magen Leber, Niere, Milz etc. an der Assimilierung
 der Stoffe beteiligen, und sich für die verschiedensten Funktionen
eine größere Zahl von Sinnesorganen schließlich feinster Art herausbilden.

Ganz ähnlich sehen wir mit Hinzuziehung des Kapitals, der Anwendung
 von Maschinen und der Entwickelung des Großbetriebes
innerhalb der einzelnen Gewerbsarten sich eine immer größere Diffevenzierung
 der Gewerbe herausbilden, als natürlicher Entwickelungszang
 infolge der größeren Vervollkommnung des Betriebes selbst.
Während noch vor 50 Jahren eine Maschinenbauanstalt in Deutschand
 die verschiedenartigsten Maschinen anfertigte; je nach Bedarf,
Dampfmaschinen, landwirtschaftliche Maschinen und solche fürs Haus,
selbst Nähmaschinen, giebt es jetzt großartige Fabriken, die sich nur mit
ler Herstellung von Dampfmaschinen beschäftigen, andere, die nur landwirtschaftliche
 Maschinen herstellen, endlich solche, die sich hauptsächlich
 auf die Herstellung von Pflügen oder Mähmaschinen, Drillmaschinen
beschränken. In England und den Vereinigten Staaten von
Nord-Amerika ist die Arbeitsteilung noch weiter ausgeführt, indem
gewisse Fabriken sich nur mit der Herstellung einzelner Maschinenteile
 für Nähmaschinen, Uhren, z. B. Uhrgehäuse, begnügen. Die
Spezialisierung in anderer Weise läßt sich bei den Juwelierarbeiten,
z. B. in Pforzheim, Offenbach verfolgen, wo besondere Fabriken zu
Önden sind, die nur Ringe herstellen, andere die sich auf Broschen
and Armspangen konzentrieren, wieder andere, die goldene Ketten anfertigen.
 Silberarbeiter haben sich mitunter völlig von Goldarbeitern
geschieden. Es giebt besondere Fabriken, um gewöhnliches Silbergerät,
 wie Löffel, Messer und Gabeln anzufertigen, wiederum andere,
in denen Kannen, Töpfe etc. gefertigt werden. Die ursprünglichen
Glasfabriken, in denen alle Arten der Gläser hergestellt wurden, zerfallen
 jetzt in eine große Zahl gesonderter Fabriken, die sich sogar in
England in verschiedenen Städten besonders gruppiert haben. In
St. Hellens überwiegen die Flaschenfabriken, in Glasgow werden hauptsächlich
 die großen Spiegel und sonstigen großen Glasscheiben hergestellt
 und geschliffen, in Birmingham in einer ganzen Anzahl von
Fabriken Glasgeräte für die Tafel, in anderen fertigt man nur Glaszehänge
 für Kronleuchter u. s, w. an. Die feine Glasschleiferei hat
viederum in bestimmten Fabriken eine besondere Ausbildung erfahren.
Arbeitstei- Innerhalb der einzelnen gewerblichen Betriebe tritt die Arbeits-‚ung
 in den teilung nun in einer ganz anderen Form auf, indem sich teils besondere
nn Be- Abteilungen herausbilden, in denen einzelne Teile des zu produzierenden
Be Gegenstandes angefertigt werden, oder dieselben verschiedene Stadien
der Bearbeitung durchmachen, indem die Arbeit selbst in verschie-Jene
 Thätigkeiten zerlegt ist, die sich gegenseitig ergänzen. In einer
        <pb n="73" />
        55 -

Maschinenbauanstalt ist eine besondere Abteilung für die Modelltischlerei,
 eine besondere für die Schlosserwerkstatt, getrennt von: der
Schmiede, in einer eigenen Abteilung findet das Formen und Gießen,
in einer anderen die Montierung statt, eventuell ist eine Abteilung für
Klempnerei, Lackier- und Polsterarbeit vorhanden, während ganz davon
getrennt sich die Zeichenräume der Ingenieure befinden. Ebenso zerlegen
 sich die einzelnen Arbeiten, welche auf denselben Gegenstand
verwendet werden müssen, wie bei der Stahlfederfabrikation, der Nadelfabrikation
 ete. Und auch hier wiederum pflegt eine Arbeitergruppe
eine bestimmte einseitige Arbeit auszuführen, und in dieser wiederum
jeder Arbeiter eine besondere Funktion auszuüben, z. B. bei dem Bedienen
 der Maschinen. In der Hausindustrie ist Arbeitsteilung z. B.
in der Uhrenfabrikation im Jura außerordentlich ausgebildet gewesen,
wo dieselbe in 53 verschiedene Fabrikationszweige und in über 300
Thätigkeiten zerfiel, die jede von besonderen Familien, mitunter von
besonderen Dörfern ausschließlich übernommen waren. Aehnliches ist
in der Spielwarenindustrie in Thüringen zu beobachten.
Die Differenzierung hat sich nun nicht nur in der Industrie,
sondern auch in den Wissenschaften vollzogen. Nach Gründung der
Universität Halle war längere Zeit hindurch die ganze medizinische
Fakultät durch nur zwei Ördinarien vertreten, die noch zugleich die
Naturwissenschaften zu lehren hatten, wie Zoologie, Mineralogie und
Botanik und, so weit sie vorhanden war, auch Chemie. Noch im Beginn
des 19. Jahrhunderts hatte der Vertreter der Chirurgie auch die Gynäkologie,
 die Augenheilkunde, die Zahnheilkunde und die Behandlung
der Ohren zu übernehmen, welche jetzt sämtlich ihre besonderen Vertreter
 haben. Die Fakultät wird durch 13 ordentliche Professoren
vertreten, zu denen noch eine Anzahl Extraordinarien hinzukommt,
welche noch besondere Teile der Heilkunde als Spezialisten für Magen-,
Brust-, Haut- und Kinderkrankheiten übernommen haben, die bei den
Ordinarien vereinigt sind, So ist überall derselbe Vorgang zu beobachten.
 $
Kin jeder Fortschritt führt eine Differenzierung mit sich, die Bildung der
wiederum eine Vervollkommnung und damit einen weiteren Fort- Stände u. Beschritt
 anbahnt. Dies führt weiter zur Ausbildung nicht nur der ver- "üfsklassen.
schiedenen Berufsklassen, sondern auch zur. Scheidung der Gesell
schaftsklassen, wie sie sich im Altertume und im Orient in krassester
Weise in den Kastenabteilungen, im Mittelalter in den Ständen, die
sich schroff gegenüberstanden, wie noch in der neueren Zeit in Hoch
und Niedrig, Arm und Reich, Gebildeten und Ungebildeten finden. Auf
den Streit zwischen Schmoller und Bücher, welches Moment das
primäre, welches das sekundäre, ob Begabung und Besitz als Ursache
der Arbeitsteilung, oder ob umgekehrt durch die Arbeitsteilung sich
jene Verschiedenheit in Begabung und Besitz, durch Vererbung und
Tradition herausgestellt hat, können wir hier nicht näher eingehen.
Uns scheint, daß sich beides gegenseitig bedingt und fördert, wie sich
das im Wirtschaftsleben so häufiz beobachten läßt.‘ Die höhere Intelligenz
 war es unzweifelhaft, welche zunächst den Einzelnen in die
Stellung des Häuptlings brachte, und diese verschaffte ihm den doppelten
Anteil an der Beute. Die besondere Anstelligkeit und Geschicklichkeit
 war es wohl, die die Klosterherren veranlaßte, einzelne Hörige
nur nach einer bestimmten Richtung zu beschäftigen und damit zu
Handwerkern auszubilden. Viel häufiger ist wohl der Fall eingetreten,
        <pb n="74" />
        56 —

daß sich aus Handwerkern durch besondere Tüchtigkeit Fabrikanten
herausbildeten, als daß große Handelsleute mit erheblichem Besitze
Fabrikanten geworden sind, wenn auch dieses natürlich vorkam. Die
großen Grundbesitzer haben nur selten große Betriebsamkeit bewiesen;
trotz ihres Besitzes ist nur ausnahmsweise, z.B. in England ein Stand
der großen Fabrikanten aus ihnen hervorgegangen. In Deutschland
jedenfalls hat er sich mehr aus persönlicher Tüchtigkeit als durch Besitz
 emporgeschwungen, wie das noch heutigen Tages zu beobachten
ist. Auf der anderen Seite wird nicht zu bestreiten sein, wie schon
ausführlich dargelegt, daß das Kapital die Grundlage einer ausgedehnten
 Arbeitsteilung ist und daher auch die Klassenbildung tiefzreifend
 beeinfÄußt.

8 23.
Vorzüge und Nachteile der Arbeitsteilung.
/orteile der Die Adam Smithsche Schule sah in der Arbeitsteilung nur
Arbeits- Vorteile für die Gesamtheit und meinte, ein wirtschaftliches Naturgesetz
eilang. gefunden zu haben, nach welchem, mit der Ausbildung der Arbeits-;eilung
 und Erweiterung derselben, die wirtschaftliche Leistungsfähigzeit
 des Einzelnen immer mehr gesteigert werde, Hauptsächlich sah
ie die Vorteile in dreierlei Hinsicht:
Ausbildung 1. Indem durch dieselbe die höchste Ausbildung der Arbeitskraft
Wa jedes Einzelnen erzielt werden kann. Schon Adam Smith führt das
A846. Beispiel an, daß ein Grobschmied nur wenige Nägel am Tage werde
anfertigen können, ein Nagelschmied aber, der nichts anderes thut als
Nägel schmieden, darin eine so außerordentliche Geschicklichkeit zu erlangen
 pflege, daß er mehr als das Zehnfache liefern könne. Nur
durch die Konzentrierung seiner Thätigkeit nach einer bestimmten Richlung
 erlangt der Feilenhauer die Fertigkeit, mit völlig gleichmäßigen
Schlägen die Riefen in das Eisenstück zu schlagen, welche die Vorgedingung
 für eine gute Feile bilden. Die Modellarbeiterinnen in den
Pariser Ateliers, die sich nur damit beschäftigen, neue Muster an
Hüten, Schleifen etc. herzustellen, bilden ihren Geschmack und ihre
Kunstfertigkeit zur außerordentlichsten Leistung aus, in der es ihnen
Niemand gleich zu thun vermag, der solche Versuche nur mitunter vornehmen
 kann. Der Augenarzt wird als Spezialist eine große Zahl auch
seltener Fälle zu untersuchen und zu behandeln bekommen, welche in
der ländlichen Praxis vielleicht in mehreren Jahren nur einmal vorkommen;
 er macht täglich schwierige Operationen, zu denen der gewöhnliche
 Hausarzt, wo es an Spezialisten fehlt, vielleicht nur einmal
im Jahre gelangt. Der Spezialist muß deshalb eine ganz andere Sicherheit
 in der Diagnose, wie bei der Operation erlangen, als es einem
gewöhnlichen Arzte möglich ist. Und wo diese Spezialisierung in einem
Volke also auf höherer Kulturstufe allgemeiner ausgebildet ist, muß
auch nicht nur die Leistungsfähigkeit des Einzelnen, sondern auch die
der Gesamtheit in. der außerordentlichsten Weise gesteigert sein. Dies
wird noch durch den zweiten Punkt unterstützt.
2, Die allgemeine Ausbildung der Arbeitsteilung in einer Volkswirtschaft
 ermöglicht es, Jedem je nach der Art seiner Intelligenz und
den erlernten Fähigkeiten bei der unendlichen Mannigfaltigkeit der
Beschäftigungen einen Platz anzuweisen, für den er gerade besonders
paßt, und wo seine Kräfte am besten ausgenutzt werden können, Schon

Anpassung
14. Thätigkeit
ın die Fähigkeit.
        <pb n="75" />
        ;‚ BT

in einer größeren Fabrik wird ein akademisch gebildeter Ingenieur nur
dazu verwendet, Entwürfe anzufertigen, Verbesserungen ausfindig zu
machen etc., während eine größere Zahl von Handwerkern mit der
Ausführung der Detailarbeiten beschäftigt wird, am Schmelzofen, wie
bei dem Dampfhammer vor allem Männer mit starker Körperkraft,
jugendliche Arbeiter dagegen mit dem Zutragen leichterer Teile, dem
Feststampfen des Formersandes etc. In dem ganzen volkswirtschaftlichen
 Betriebe scheiden sich die Kopfarbeiter von den Handarbeitern
ab, und die große Masse, welche dazwischen liegt, verteilt sich in unendlicher
 Abstufung in den verschiedensten Berufsarten, um ihre Ausbildung
 in spezialisierter Weise zu verwerten. Die vorhandenen Arbeitskräfte
 werden dadurch am besten ausgenutzt, die Gesamtheit zu höchster
Leistung gebracht. Selbst Personen mit geringster Begabung finden
wohl noch zur Bedienung einer Maschine in einer Werkstatt oder in
der Hausindustrie einen Platz, wo sie etwas zu schaffen vermögen, wie
früher in ausgedehntem Maße die Kinder in dem zartesten Alter zur
Mitarbeit herangezogen wurden, bis es gesetzlich untersagt wurde, und
hoffentlich noch weitergehend namentlich in der Hausindustrie untersagt
 werden wird,
3. Da ein Wechsel in der Arbeit meist mit Zeitverlust verbunden Vermeidung
ist, wird durch Konzentrierung der Thätigkeit Zeit und Mühe erspart. des Wechsels
Der einfache Handarbeiter findet bei dem Uebergang zu anderer 9°, Beschäf-Thätigkeit
 Gelegenheit sich auszuruhen, der geistige Arbeiter braucht “38.
bei dem Uebergange zu einer anderen Aufgabe Zeit, um sich in das
Neue hineinzufinden und genügend zu konzentrieren. Wenn dagegen
die Arbeit organisiert ist, so daß verschiedene Arbeiter sich in ihrer
Thätigkeit ergänzen, die ineinander eingreift, so wird die Leistung
jedes Einzelnen außerordentlich erhöht. Dies kann man in der Spielwarenbranche,
 oder bei der Fabrikation künstlicher Blumen, in der
Stahlfederfabrikation etc. beobachten, wo von einer Anzahl Arbeiter,
Arbeiterinnen, Kinder jede Person einen Teil der Arbeit auf sich nimmt,
die eine z. B. das Holz in kleine, gleichmäßige Stücke zersägt, die
von einer anderen sofort an der Drechselbank in Kegel, Puppen ete.
verwandelt werden, während eine Anzahl Kinder, von denen jedes ein
oder zwei Farbentöpfe vor sich hat, derart beschäftigt werden, daß
das eine mit ein paar Strichen mit seiner Farbe den Rock der Puppe
bemalt, sie dem Nachbar zuschiebt, der mit anderer Farbe die Beinkleider,
 ein dritter Hut, Stiefel], Knöpfe darauf trägt, bis die ganze
Bemalung fertig ist. So fällt durch die Vermeidung jedes unnützen
Wechsels auf jeden Arbeiter in der Stunde eine außerordentlich
große Zahl von fertiggestellten Stücken. Durch Ausbildung des Betriebes
 im großen, und besonders durch die Heranziehung der Maschine,
wird gerade dieses Moment der Arbeitsteilung in hervorragender
Weise zur Ausnützung gelangen. Ein solches Beispiel bietet der
Großbetrieb in der Schlächterei. Während der kleine Handwerker das
Ausschlachten eines Tieres von Anfang bis zu Ende selbst vollzieht,
und deshalb an einem Tage nur wenige Stücke zu bewältigen vermag,
ist die Arbeitsleistung in der großen Schlächterei von Armour in
Chicago durch Arbeitsteilung in der gewaltigsten Weise gesteigert. Ein
Mann thut nichts, als dem in einen kleinen Raum zu ihm getriebenen
Schwein eine Kette um einen Hinterfuß zu schlingen, wozu er kaum
mehr als eine Minute gebraucht. Die an einem großen Rade befindliche
 Kette wird mit dem Schwein von einer Maschine in die Höhe
        <pb n="76" />
        538

Nachteile der
Arbeitsteilung.


gezogen, führt dasselbe auf ein kleines Rad, auf welchem es von selbst
auf einer Schiene langsam weiter fährt, einen zweiten Mann passiert,
der nichts thut als dem vorbeifahrenden Schweine mit einem Stich am
Halse die Schlagader zu öffnen. Während das Tier auf der Schiene
weiter fährt, verliert es das Blut, welches in einer Rinne aufgefangen
wird. Am Ende der Schiene fällt es von selbst in einen großen Kessel
mit heißem Wasser, wird darin umgewälzt und in einen Cylinder geschoben,
 in dem eine Maschine die Borsten abschabt. Sobald es aus
dem Cylinder unten -herausfällt, werden die Reste der Borsten von ein
paar Arbeitern ergänzend beseitigt und das Tier wieder mittelst Ketten
auf eine neue Schiene hinaufgezogen, auf der es weiter in den Arbeitsraum
 rollt, um zerteilt zu werden. Der erste der in einer Reihe
stehenden Arbeiter schlitzt den Leib auf, der zweite nimmt einen Teil
der Eingeweide heraus, der dritte und vierte die übrigen, um sie in
bestimmte Fässer zu verteilen; die Folgenden zerlegen das "Lier in
wenig Minuten in verschiedene Teile, die daon als Schinken, Speckseiten
 etc. zur weiteren Behandlung in die einzelnen Abteilungen des
großen Etablissements gelangen. In kaum anderthalb Stunden ist der
Schlachtprozeß beendigt und es können hunderte von Tieren pro
Arbeiter auf diese Weise an. einem Tage mit Hinzuziehung der
Maschinen geschlachtet werden, obgleich die Hauptleistung der menschlichen
 Hand vorbehalten bleibt, die aber durch die Organisation zu so
ungleich höherer Leistung gebracht werden konnte. In einer Stunde
können dort 800 Schweine und 300 Ochsen geschlachtet werden.
Nach allem wird durch die Arbeitsteilung eine gewaltige Erhöhung
 der Leistungsfähigkeit des Einzelnen wie die größte Ausnutzung
der vorhandenen Kräfte in der Volkswirtschaft erzielt. Sie bildet
ainen Teil und einen Hauptfaktor der kolossalen volkswirtschaftlichen
Entwickelung der neueren Zeit, ist aber in solcher Weise nur durch
Zuhilfenahme von Maschinen möglich.
Diesen unzweifelhaften Vorteilen stehen nun aber erhebliche
Nachteile gegenüber, die eine lange Zeit unterschätzt und ignoriert
wurden. Meinte die Adam Smithsche Schule, daß nach einem
allgemeinen wirtschaftlichen Naturgesetze durch Ausdehnung der
Arbeitsteilung die wirtschaftlichen Leistungen immer mehr gesteigert
würden, so hat die Erfahrung bewiesen, daß durchaus eine Grenze
vorliegt, wo eine Weiterführung der Arbeitsteilung nicht nur keinen
erhöhten Nutzen, sondern im Gegenteil eine Verringerung der Leistungen
and sonstige Nachteile in sich schließt, und ferner, daß unter verschiedenen
 Verhältnissen die Wirkung einer weitgehenden Arbeits-;eilung
 eine außerordentlich verschiedene ist. Bei der fortgesetzten
Ausführung einer einseitigen Arbeit erlahmt schließlich auch die höchst
ausgebildete Muskelkraft, und die Leistungsfähigkeit wird gehoben,
wenn zur Abwechslung eine andere Thätigkeit übernommen wird, die
andere Muskeln anspannt und den zuerst angestrengten Ruhe verachafft.
 Der Nagelschmied kann nicht den ganzen Tag in der gleichen
Weise hämmern, er muß mit einem Gehilfen abwechseln, dazwischen
den Blasebalg in Bewegung setzen, das Feuer unterhalten und schüren.
Das einseitige Bedienen der Maschinen, das gleichmäßige Befeilen bestimmter
 Eisenstücke ermüdet nicht nur, sondern stumpft in hohem
Maße ab, so daß für den Kulturmenschen eine Abkürzung der Arbeitszeit
 notwendig wird, sowie eine ergänzende körperliche Thätigkeit und
geistige Anregung. Daher ist es für den Fahrikarbeiter wünschene.
        <pb n="77" />
        N

wert, daß er ein Stück Garten oder Ackerland zur Verfügung hat,
um sich in den Freistunden in frischer Luft mit der ganz andersartigen
landwirtschaftlichen Arbeit zu beschäftigen.
Leidet schon der erwachsene Körper leicht durch eine permanente Beeinträchtieinseitige
 Anstrengung, so ist dies in noch viel höherem Maße bei ung der
dem jugendlichen Arbeiter der Fall, Durch die einseitige Ausbildung been
bestimmter Muskeln verkümmern die übrigen. Bestimmte Organe June.
werden gedrückt und degenerieren; die Entwickelung des Körpers ist
nicht eine harmonische, und die Leistungsfähigkeit des Erwachsenen
eine unvollkommene, wenn der Körper nicht überhaupt frühzeitig zu
Grunde geht. Noch mehr ist dies zu sagen von der geistigen Entwickelung,
 die unter einer rein mechanischen Thätigkeit notwendig
leiden muß, In einer zu großen Ausbildung der Arbeitsteilung, wie
sie unser Großbetrieb mit sich bringt, liegt deshalb unzweifelhaft eine
Gefahr der Degeneration des Nachwuchses vor, und die Gesetzgebung
hat sich infolgedessen auch veranlaßt gesehen, zum Schutze der ]ugendlichen
 Arbeiter energisch einzugreifen.
Aber auch in anderer Hinsicht zeigt die Arbeitsteilung ihre bedenklichen
 Folgen für die allgemeine Ausbildung des Lehrlings und
jugendlichen Arbeiters. In den Fabriken, wie in der Hausindustrie wird
der eingestellte Lehrling und jugendliche Arbeiter mit einer untergeordneten
Thätigkeit betraut, die er sehr bald gut auszuführen vermag, damit er
seine Stelle ausfüllt und dem Lehrherrn den Unterhalt zurückzahlt.
So wird z. B. der Schuhmacherlehrling mit der Anfertigung eines Absatzes
 und der Verbindung des Absatzes mit der Sohle, der Schneiderlehrling
 mit dem Annähen von Knöpfen, oder der Anfertigung von
Säumen beauftragt, womit er in größeren Unternehmungen den ganzen
Tag Beschäftigung zu finden vermag. Wird diese Arbeitsteilung weiter
fortgesetzt, so fehlt es naturgemäß an jeder allseitigen Ausbildung,
und, während bei dem einfachen Handwerker jeder Schuhmacherlehrliug
einen Schuh oder Stiefel, jeder Schneiderlehrling einen Anzug von Anfang
bis zu Ende fertig zu stellen lernt, bleibt der jugendliche Arbeiter in
der Hausindustrie wie in der Fabrik meist auf einzelne wenige Arbeiten
beschränkt und wird daher ganz unvollkommen und einseitig ausgebildet.
 Wird er aus seiner bisherigen Stelle entlassen, so ist es für
ihn besonders schwer einen neuen Posten zu finden , Wo man gerade
für die von ihm speziell erlernte Arbeit einen Vertreter gebraucht.
Die Strickerin, welche gewohnt war, einen bestimmten Besatz für einen
Umhang oder dergleichen zu stricken, kommt in arge Verlegenheit,
wenn die Mode sich ändert und gerade diese Art Besatz nicht mehr
verlangt wird. Der Hausindustrielle, der sein halbes Leben ein bestimmtes
 Spielzeug mit großer Vollendung angefertigt hat, ist auf
einen minimalen Verdienst oder gar Arbeitslosigkeit angewiesen, wenn
der Absatz der für das Ausland bestimmten Ware durch eine Erhöhung
 des Zolles plötzlich abgeschnitten ist. Er vermag es nicht, sich
hoch wieder in eine andere Thätigkeit hineinzuarbeiten, sein Denken,
wie seine Fingerfertigkeit ist zu sehr nach einer Richtung konzentriert
gewesen, oder er vermag wenigstens nur noch eine untergeordnete
Arbeit zu erlernen und zu. übernehmen, die ihm den Verdienst eines
jugendlichen Arbeiters einbringt. Mit anderen Worten, eine sehr ausgedehnte
 Arbeitsteilung bringt die Menschen in übermäßige Abhängigkeit
 von den Verhältnissen und vermindert ihre Widerstandsfähigkeit
gegen den Wechsel der Konijunkturen.
        <pb n="78" />
        60

(refahr zu
zroßer Spezlalisierung,


Schließlich ist zu erwähnen, daß die mit der Arbeitsteilung verundene
 Spezialisierung, wenn sie in das Extrem ausgebildet wird, das
Indergebnis erheblich ungünstig zu beeinflussen vermag, indem die
Jmsicht und die Berücksichtigung anderer ergänzender Momente zu
sehr beeinträchtigt wird. Das tritt im kaufmännischen Verkehre, im
Fabrikbetriebe, wie bei wissenschaftlicher Arbeit hervor. Durch die
Konzentrierung auf gewisse Gegenstände läßt der Kaufmann, wie der
Fabrikant es leicht unbeachtet, daß andere Waren oder Maschinen im
Laufe der Zeit eine höhere Bedeutung gewonnen haben, und der Uebergang
 zu anderen Aufgaben ist für ihn übermäßig erschwert. Die Spezialisierung
 in der ärztlichen Praxis hat schon oft die nachteilige Folge
gehabt, daß der Spezialist die Nebenerscheinungen und Nebenwirkungen
der Krankheit in der Behandlung nicht zu verfolgen vermochte, und die
Lokalbehandlung daher den Gesamtkörper benachteiligte. Der historische
 Forscher, der sein Studium auf ein bestimmtes Land in einer
kurzen Zeitperiode beschränkt, wird darin Neues und Vorzügliches zu
leisten vermögen, aber aus Mangel an Zusammenhang mit den übrigen
Erscheinungen leicht zu Fehlschlüssen geführt werden.
Der Nutzen der Arbeitsteilung hat daher seine Grenzen, und je
nach der Kulturstufe des Volkes und dem KEntwickelungsstadium ‚des
Gewerbszweiges wird die Ausbildung. der Arbeitsteilung früher oder
später an der Grenze des Ersprießlichen angelangt sein.

$ 24,
Die Arbeits- und Kapitalvereinigung.
Emanuel Hermann, Leitfaden der Wirtschaftslehre, 1870.

Summierung Was tausend Menschen einzeln nicht heben können , vermögen
der Kräfte. zuweilen vier bis fünf mit vereinigter Anstrengung zu bewältigen, z. B.
ainen Stein aus der Erde, ein Faß auf einen Wagen zu heben. Die
einfache Summierung gleicher Kräfte hat deshalb in der Volkswirtschaft
 ihre Bedeutung zur Erzielung gewisser Wirkungen, hatte sie
aber sehr viel mehr in alten Zeiten als in der Gegenwart, der Motorund
 Maschinenkraft als Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Nur durch
die Summierung einzelner Arbeitskräfte von Tausenden von Menschen
konnte es im alten Griechenland möglich sein, die Cyklopenmauern
aufzuführen, die gewaltigen Steinquadern zu den ägyptischen Pyramiden
übereinander zu türmen, aus einem entlegenen Gebirge die großen
Steinblöcke zum Fundament des salomonischen Tempels in Jerusalem
herbeizuschaffen, zu einer Zeit, wo es noch völlig an großen maschinellen
Hilfskräften fehlte.
Vereinigung Ungleich mannigfaltiger tritt aber in der modernen Volkswirtschaft
rerschicden- die im Zusammenhange mit der Arbeitsteilung stehende Verbindung
ırtiger Ar- verschiedenartiger gleichzeitiger und ungleichzeitiger Thätigkeiten vereiten.
 — chiedener Menschen auf. Diese mit der Arbeitsteilung verbundene
Arbeitsvereinigung, wie sie in dem sich in die Hand Arbeiten verachiedener
 Personen und Organisationen der Arbeit jetzt in jedem
Großbetriebe vorliegt, ist aber auch schon in jeder Werkstatt mit
einigen Gehilfen zu beobachten. Wenn der Schneidermeister dem
Kunden das Maß nimmt und zuschneidet, die Gesellen die Stücke
zusammennähen, so ist dieses Arbeitsteilung wie Arbeitsvereinigung,
Genau so liegt das bei der Anfertigung von Pappschachteln vor, wo
        <pb n="79" />
        61 --das

 eine Mädchen vermittels einer Maschine Pappe zuschneidet, eine
zweite die Einritzung zum Umbiegen der einzelnen Seiten bewirkt, die
dritte das Zusammenbiegen und Bekleben der Seiten vornimmt ete.
Denselben Vorgang kann man fortdauernd bei Entwickelung der
Großbetriebe verfolgen, indem zu einem Unternehmen ergänzende
hinzugezogen werden, um dasselbe zu unterstützen und vollkommenere
Leistungen zu ermöglichen. Das ist der Fall, wenn Krupp in Essen
sich veranlaßt sah, nicht nur Kohlengruben zu erwerben, sondern auch
Eisenbergwerke in Spanien, um sich dort die Eisenarten herzustellen
und zu sichern, die er für seinen Guß fortdauernd gebrauchte; wie er
dazu überging, noch die Grusonwerke zu erwerben, wo durch Hartguß
die Panzerplatten hergestellt werden, die zum Schutze gegen seine
eigenen Kanonen dienen sollen, so daß er nun auf denselben SchieBßplätzen
 Versuche macht, was seine Kanonen gegen Panzerplatten auszurichten
 vermögen, und wie der Schutz einzurichten ist, um wirksam
zu sein. Es ist die gleiche Richtung, wenn er schließlich eine Schiffswerft
 übernahm, auf der er die Schiffe baut, während in den übrigen
Werkstätten sämtliche größeren Hauptausrüstungsgegenstände geliefert
werden, und er daher ganz unabhängig von anderen Unternehmungen
die ganzen Schiffe ausrüstet. Die große Schlächterei von Armour in
Chicago hat zur Verwertung ihrer Abfälle, welche lange Zeit nur unzureichend.
 war, eine Seifen- und Leimfabrik, dann eine Haarwäscherei
eingerichtet und sammelt die sonst ganz unverwertbaren Hufe , insbesondere
 der Schafe im großen, um sie nach Chiova und J. apan zu verkaufen,
 wo sie zur Herstellung von Hornplättchen und zu Hornschnitzereien
 verwendet werden.
Außerdem wirkt in hervorragendem Maße die Vereinigung verschiedener,
 ungleichzeitiger Thätigkeiten zur besseren Ausnutzung
der Arbeits- und Kapitalskraft, Ein gutes Beispiel bietet in Berlin
ein Putzmachergeschäft, welches zur Verwertung der Arbeitskraft der
Putzmacherinnen in der toten Saison, die ja im Jahre viermal eintritt,
und sich mitunter auf Wochen ausdehnt, die Bekleidung von Puppen
übernommen hat, wobei es den großen Vorteil genießt, nicht nur die
neuesten Modejournale, sondern auch die Abfälle der Zeuge verwerten
zu können, welche zur Ausstattung der Damen gedient hatten. Hierdurch
 konnte das Geschäft in der eleganten und modernen Ausstattung
der Puppen ungleich Höheres und sehr viel Billigeres leisten, als alle
anderen Geschäfte und sich namentlich für den Export einen besonderen
 Ruf verschaffen. In ganz anderer Weise ist dasselbe Moment
zu konstatieren, wenn z, B. in der Schweiz die Lehrer (in Amerika die
Studenten) ihre langen Ferien mitunter benutzen, um in Hotels, soweit
sie Elementarlehrer sind, als Kellner, soweit sie höher gebildet sind,
als Buchhalter etc. gut bezahlte Aushilfestellen zu übernehmen, wo in
der kurzen Sommersaison die Ansprüche des Fremdenstroms nur
schwer zu bewältigen und solche Hilfskräfte daher außerordentlich erwünscht
 sind. Ferner, wenn z. B. in einer Drahtzieherei zugleich die
Fabrikation von Drahtstiften, in einer Maschinenbauanstalt für die Anlage
 von Zuckerfabriken die Herstellung von Petroleum- oder Gasmotoren
 übernommen wird, um nach Befriedigung des ersteren Bedarfs
nicht müßig sein zu brauchen, |
Eine wirksame Organisation der Arbeitskräfte ist im allgemeinen Kapitalsverohne
 erhebliches Kapital undurchführbar, und je mehr Kapital vor- einigung.
handen, um so leichter und erfolgreicher kann sie im allgemeinen be-
        <pb n="80" />
        62

wirkt werden. In einer Blumenfabrik wird allen Anforderungen am
besten genügt werden können, wenn das Unternehmen großartig angelegt
 ist, alle Arten von Blumen angefertigt werden können; sowohl
lie Ausnutzung des Materials wird dabei am vollkommensten sein,
wie auch die Ausbildung der Arbeitskräfte. Kin größeres Kapital wird
2ine bessere Beherrschung der Verhältnisse ermöglichen, vorhandene
Schwierigkeiten leichter überwinden können, günstige Konjunkturen im
Momente auszunutzen vermögen und gegen Mißerfolge eine größere
Widerstandskraft besitzen. Ganz besonders fällt ins Gewicht, daß
durch Anwendung der Maschinen die Naturkräfte in höherem Maße
ausgenutzt werden und überhaupt menschliche Arbeitskraft ersetzt und
in ihrer Leistung wesentlich gehoben werden kann. Je größer die
Anlage, je mehr sich gegenseitig ergänzende Maschinen in Thätigkeit
3aind, um so vollkommener wird der Ersatz der menschlichen Arbeit,
um so billiger die Gesamtleistung sein. Eine große Dampfmaschine,
die beständig im Gange ist, arbeitet pro Pferdekraft weit billiger als
sine kleine, die in einem unbedeutenden Betriebe nicht beständig im
Gange erhalten werden kann. Eine Spinnerei mit 150000 Spindeln
produziert billiger, als eine mit nur 20000 Spindeln, Ein großes
Segel- oder Dampfschiff, das die doppelte, oder gar fünffache Ladung
aufnehmen kann, bedarf im Verhältnis eine geringere Mannschaft,
braucht verhältnismäßig weniger Kohlen, befördert die Ladung weit
billiger als ein kleines Fahrzeug. In den Fabriken und sonstigen
Großunternehmungen tritt hinzu der billige Einkauf durch Bezug im
Großen und durch größere Barzahlung, wie ebenso die Absatzerleichterung
 durch bessere Verwertung der vorhandenen Verkehrsmittel.
Der Handwerker kann nicht in so ausgedehnter Weise Maschinen
anwenden wie der Fabrikant, auch wenn er die nötigen Mittel dazu
hat, sie anzuschaffen, weil er sie nicht beständig ausnutzen kann,
sondern nur dann, wenn gerade entsprechende Aufträge vorliegen. Kr
muß Vorräte halten (wie ebenso der kleine Kaufmann), nach denen
nur selten Nachfrage ist; die Ausnutzung seines Anlagekapitals ist
daher unvollständig; und verzichtet er auf die Zuhilfenahme der
modernsten Maschinen, so bleibt seine Leistung unvollkommen und
wird zu teuer, Um dem Publikum gerecht zu werden, muß der kleine
Buchbinder sich eine Menge Preßmuster und Clich6s halten, um auch
zelten geforderte Einbände auf Verlangen liefern zu können, eine
Schneidemaschine steht bei ihm einen großen Teil des Tages müßig,
äine Heftmaschine oder gar Umbiegemaschine für den Buchrücken
macht sich nicht bezahlt, noch viel weniger die anderen Maschinen, die
in einem fabrikmäßigen Betriebe allgemein zur Anwendung kommen.
Dem kleinen Mann fehlen die Verbindungen, meistens auch die allgemeine
kaufmännische Umsicht, sowohl für die Aufündung der richtigen Bezugsquellen,
 wie für die Heranziehung einer ausgedehnten Kundschaft,
welche die Fabrik durch Detailreisende zu bewirken vermag.
Durch all’ die angeführten Momente, die hier nur kurz angedeutet
werden konnten, ergiebt sich die Ueberlegenheit des Großbetriebes
über den Kleinbetrieb, welche die Ursache der modernen Entwickelung
des Fabrikwesens und der großen Unternehmungen ist.
Grenze des So bedeutsam nach dem Gesagten die Vorteile sind, welche die
EEE der Konzentrierung von Kapital und Arbeitskräften zu bieten vermag,
Se so ergiebt sich auch hier eine Grenze, über welche hinaus die Vereinigung,
 einigung immer größere Gefahren für den Betrieb selbst, wie allgemeine
        <pb n="81" />
        63

volkswirtschaftliche Bedenken hervorruft, Die Grenze wird da vorliegen,
wo die leitenden Persönlichkeiten nicht mehr imstande sind, das ganze
Unternehmen zu übersehen und in der richtigen Weise zu leiten, um
namentlich in kritischen Zeiten das Schiff durch alle Stürme und
Klippen hindurchzuführen. Daher die Beobachtung, daß häufig großartige
 Unternehmen, die in vollster Blüte standen, nach dem Tode des
genialen Leiters, der dasselbe auf die Höhe gebracht hat, zurückgehen
und schließlich verfallen, weil die Nachfolger der Aufgabe nicht gewachsen
 sind. Auf der anderen Seite wachsen die Chaucen, daß durch
die gewaltige Ausdehnung eines Unternehmens dasselbe ein Monopol
erhält, das zu einer bedenklichen Ausbeutung des Publikums zu gunsten
einiger Weniger ausarten kann. Sollte es dem amerikanischen Petroleumtrust
 gelingen, sich mit den Hauptinhabern der russischen Petroleumquellen
 zu vereinigen, so würde es ihnen allerdings möglich sein, fast
in der ganzen civilisierten Welt sich die Petroleum gebrauchenden
Häuslichkeiten, also Hunderte von Millionen Menschen tributpflichtig
zu machen. Die‘ erwähnte Gefahr tritt überhaupt in den modernen
Kartellen und 'Prusts sehr nachdrücklich zu Tage, und wir haben darauf
zurückzukommen.

Kapitel IL
Das Geld.

8 25,
Die Entstehung des Geldes.

J. G. Hoffmann, Die Lehre vom Gelde, Berlin 1838,
Carl Menger, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre. Wien 1871. Kap. VII
Ders., Handwörterbuch der Staatsw., Art. Geld.
Chevalier, La _monnaie. Paris 1850.
Fr. Ihwof, Tauschhandel und Geldsurrogate in alter und neuerer Zeit,
Graz 1882, w
H. Schurtz. Grundriß einer Entstehung des Geldes 1898,
Je reger der Tauschverkehr wird, um so schwieriger muß es für
denjenigen, welcher eine Ware einhandeln will, werden, Jemand zu
finden, der nicht nur diese Ware abzugeben geneigt ist, sondern auch
die ihm dafür gebotene gerade verwerten kann. Ein Landwirt in dem
Innern Afrikas,. der Ueberschüsse an Getreide oder gezogenem Vieh
hat und dafür Rohmaterial oder Gerätschaften für seine Wirtschaft
eintauschen will, die er nur von anderen Farmern oder Eingeborenen
bekommen kann, wird längere Zeit gebrauchen, bis er Jemanden entdeckt,
 der beiden Bedingungen nachzukommen vermag, und es kann
keinem Zweifel unterliegen, daß unsere ganze Volkswirtschaft zum sofortigen
 Stillstand verdammt wäre, wenn plötzlich mit Zauberschlag alles
Geld aus der Welt geschafft wäre, und jeder Fabrikant sich genötigt sähe;
seine Arbeiter mit den Nahrungsmitteln, Kleidungsstücken etc. unmittelbar
 zu entlohnen, und jeder Austausch allein auf gewöhnliche Waren
angewiesen wäre, Mit zwingender Notwendigkeit sieht sich deshalb die
Bevölkerung veranlaßt, bei Entwickelung eines Tauschverkehres ‘nach
einem Gegenstande zu suchen, den man zur Vermittelung des Tausches
gebrauchen kann, d. h. man wählt dazu einen Gegenstand, der thatsächlich
 überall gebraucht wird. den deshalb Jeder gerne annimmt und

\Wllgemeine
Tauschmittel.
        <pb n="82" />
        Re

der dadurch die größte Absatzfähigkeit besitzt. Dieser Gegenstand
wird dann nicht nur eingetauscht werden, um ihn unmittelbar in der
sigenen Wirtschaft zu gebrauchen, sondern auch zu dem besonderen
Zwecke, ihn für den Moment aufzubewahren, wo man ihn zu einem
Tauschgeschäft verwenden kann, also als Tauschmittel. Thatsächlich
Inden wir nun in den verschiedensten Gegenden auf primitiver Kulturstufe
 sehr verschiedenartige Gegenstände als Tauschmittel in Anwendung,
je nach den Produktionsbedingungen und den Bedürfnissen des be.
;reffenden Volkes, Zur Zeit Homers, wie im Beginne des Mittelalters
auf deutschem Boden ist es das Vieh, welches als solches Tauschmittel
ine Rolle spielt, indem danach der Wert einer Sklavin, die Höhe
3iner Strafe etc, bestimmt wird, und das lateinische Wort pecunia
deutet unzweifelhaft auf den Ursprung des Geldes, nämlich das Vieh
als erstes Tauschmittel hin. Bei Jägervölkern waren es Tierfelle, gegen
welche Schießbedarf, z. B. von den Indianern eingetauscht wurde.
Ebenso Hausgerät, Materialwaren, wie gleichfalls Waffen von den ostasiatischen
 Stämmen, die mit den Fellen noch im Beginne dieses Jahrhunderts
 auf dem Wege des Tauschhandels ihre Einkäufe in Kiachta
and Nischnynowgorod machten. Salztafeln und Kattun dienten früher
vielfach in Afrika als Umsatzmittel, wie Leinwand im Mittelalter bei
den slavischen, Wollenzeuge bei den skandinavischen Völkerschaften
an der Ostsee. Elfenbein, Messingstäbe sind noch heutigen Tages bei
den Achantis die gangbare Münze; bei den benachbarten Dahomehs
lie Kaurimuscheln, von denen 40 auf eine Schnur gereiht die Kinheit,
den String bilden, 50 Strings haben etwa den Wert unserer Mark. Im
alten Mexiko wurden kleine Säcke mit Kakaobohnen als Tausch.
mittel für minderwertige Ware angewendet, Federspulen mit Goldstaub,
kleine Goldklumpen dagegen für wertvollere. Ueberall ist es ein
Gegenstand, der bei den Beteiligten eine hervorragende Rolle spielt
and daher von einem Jeden gern genommen wird. ;
Erstes Mit der Entwickelung der wirtschaftlichen Kultur greift man zu
Metallgeld. einem immer kostbareren Gegenstand als Tauschmittel, wobei besonders
die Metalle zur Anwendung kommen. Bei den alten Griechen ist unzweifelhaft
 das Eisen ursprünglich das allgemeine Umsatzmittel gewesen.
 Lykurg griff mit der Einführung des Fisengeldes in Sparta
nur auf alte Reminiscenzen zurück, Die Chinesen und Malayen haben
das Zinn zur Ausmünzung benutzt. Viel allgemeiner war die Anwendung
 des Kupfers, welches in den skandinavischen Reichen noch
im 17, Jahrhundert, in Rußland noch im Beginne des 18. Jahrhunderts
las hauptsächlichste Münzmaterial bildete, um dann dem Silber
Platz zu machen, welches in der neuesten Zeit wieder durch das Gold
verdrängt wird,
Anfangs wurde das zum Tausch verwendete Metall einfach zugewogen,
 wenn auch vielfach schon in verarbeitetem Zustande. Bei
den Nibelungen werden Spangen, Gold- und Silbergerät zur Zahlung
benutzt und für größere Leistungen wird ein bestimmtes Gewicht an
Edelmetall beansprucht, wie auch bei dem Loskaufversuch der Römer
ron dem Gallier Brennus, Noch jetzt wird im Innern von China und
Indien auf dem Markte das Silber zum Kaufe zugewogen, welches
auf einem Ambos mit Messer und Hammer von Silberstangen abgeschlagen
 wird. Auf der Messe in der Stadt Jrbit jenseits des Kaukasus
zahlten die aus der Mongolei kommenden Kaufleute noch in den achtziger
 Jahren mit sogen. Jamben, d. s. Silberstücke in Form von kleinen
        <pb n="83" />
        65

Wannen, Schuhen, Schiffchen. In der Mongolei wird noch jetzt Hacksilber
 durch Zuwiegen der Stücke benutzt. Das Wort „Rubel“ kommt
von „Abhacken“ her. Worte wie „Pfund Sterling“ weisen deutlich
darauf hin, daß die Einheit für Zahlungen in alter Zeit ein bestimmtes
Gewicht an Edelmetall gewesen ist, wie ebenso die altdeutsche Mark
Silber. In der neuesten Zeit bildet sich wiederum das Zuwiegen des
Geldes als höchste Verfeinerung der Zahlung aus, wenn z. B. bei den
englischen Zahlungsbanken in der City von London selbst kleine
Summen nicht aufgezählt, sondern zugewogen werden; wie die Milliardenzahlung
 von Frankreich 1871 auch nicht durch Zuzählung , sondern
durch Zuwiegen geschah.
Um das häufige Wiegen zu vermeiden, ließ man das Metall in
Stücken von bestimmtem Gewicht und allmählich auch von bestimmter
Zusammensetzung und Form zirkulieren. Die Kupferasse zur Zeit
der römischen Könige waren Kupferbarren von bestimmtem Gewicht,
welches durch Stempel darauf verzeichnet war. Auf der Stockholmer
Jubiläumsausstellung von 1897 war schwedisches Kupfergeld ausgestellt
mit dem Stempel des Jahres 1644, von dem die größte Münze,
ein Zehnthalerstück, 2 Fuß lang, 1 Fuß breit, einen Finger stark war
und 19,7 Kilo wog. Die 8-, 6-, 4-, 2-Thalerstücke waren entsprechend
kleiner, aber auch viereckig und nur gestempelt. Das Stralsunder
Museum besitzt handgroße, achteckige Kupfergeldstücke aus der schwedischen
 Zeit, Noch in der Gegenwart bilden die gestempelten Silberund
 Goldbarren bei den Banken einen großen Teil des Geldvorrates
und werden zu Zahlungen untereinander verwendet.
Ein wesentlicher Schritt vorwärts war es, als der Staat sich die
Herstellung dieser metallenen Tauschmittel vermöge seines Hoheitsrechtes
 in dem Münzregal vorbehielt, dafür aber auch die Garantie
für den richtigen Gehalt, der darauf verzeichnet war, übernahm. Um
die Verminderung des Gehaltes durch Abschaben und Abschneiden
schon äußerlich kenntlich zu machen, und damit davor zu schützen,
gab man dann jenen Metallstücken ein künstlerisches Gepräge.
Wann die erste Münze geprägt ist, konnte bis jetzt nicht festgestellt
 werden, es scheint indessen, daß in Assyrien schon im Homerischen
 Zeitalter die Münzprägung stattgefunden hat. In Griechenland
ist sie zur Zeit Solons nachweisbar, ebenso in Rom zur Zeit der Könige.
Noch im Jahre 269 v. Chr, wurde in Rom nur Silber geprägt, im
Jahre 207 dagegen auch Gold. Abraham zahlte in Silber, schenkte Gold.
Erst durch die geprägte Münze wurde ein Tauschmittel hergestellt,
das den Anforderungen eines entwickelten Verkehres genügte und sich
Jahrtausende hindurch in fast unveränderter Weise erhalten hat.

Stempelung
des Geldes.

Prägung.

8 26,
Das Wesen des Geldes

Carl Knies, Geld und Kredit. 2, Aufl, Abt. 1, Berlin 1886.
Hartmann, Ueber den rechtlichen Begriff des Geldes. Braunschweig 1868,
Ders., Internationale Geldschulden. Tübingen 1882.
Walras, Th6orie de la monnaie. Paris 1886
J. Meyer, Das Geld. Wien 1871.
R. Hildebrand, Die Theorie des Geldes, Jena 1883.
+. Simmel, Philosophie des Geldes, Leipzig 1900.
Das Gut, welches als allgemeines Pansch mittel acceptiert ist,
lient auch zugleich als allgemeines Wertmaß, indem es zur Ver-Conrad.
 Grundrifs der nolit. Oekonomie. I Teil a Au
        <pb n="84" />
        55

Volkswirt- gleichung mit anderen Gegenständen herangezogen, und damit der
schaftliche Wert derselben zum Ausdruck gebracht wird, Hierdurch hat es eine
Funktionen, „94a bedeutsame Funktion im wirtschaftlichen Leben übernommen, und
wird noch unentbehrlicher wie das Längen- und Gewichtsmaß. Außerdem
 dient es als Sparmittel, indem die überschüssigen Vorräte in
dasselbe umgewandelt und als Reserve aufbewahrt werden. Erst durch
ein gutes Sparmittel kann auf primitiver Stufe der Kultur die Kapitalsbildung
 vor sich gehen und wird die Bevölkerung daran gewöhnt, nicht
jeden reichlichen Vorrat zu vergeuden, sondern den Wert in das allgemeine
 Tauschmittel umzusetzen und damit Vorsorge für die Zukunft
zu treffen. Schließlich dient der Gegenstand noch als Leihmittel,
indem dem Schuldner damit die Möglichkeit gegeben ist, Sich diejenigen
Gegenstände zu verschaffen, deren er bedarf, auch wenn der Darleiher
ihm diese selbst nicht verabfolgen kann. ;
Ein Gut, welches diese vier Funktionen thatsächlich übernimmt, wird
volkswirtschaftlich als Geld anzusehen sein. Und wir sahen, daß, schon
vevor der Staat derartig entwickelt ist, daß er in das wirtschaftliche Leben
\«ntensiv eingreift, sich in der erwähnten Weise das Geld ausbildete. Wo
'ndeß ein Staat im modernen Sinne vorhanden ist, wird Geld nur durch
nen Gesetzesakt geschaffen, indem das allgemeine Tauschmittel zum
gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt wird. Jeder muß sich die Tilgung
einer Schuld mit diesem gesetzlichen Zahlungsmittel gefallen lassen, und
ein Jeder darf mit diesem Gegenstande seine Schulden tigen. Erst
Jurch die gesetzgeberische Sanktion erhält der Gegenstand die Eigenschaft,
 die ihn für die erwähnten Funktionen völlig geeignet macht. Die
Staatsgewalt ist erfahrungsgemäß dadurch auch in der Lage, Gegenstände
 in Geld zu verwandeln, welche durch ihre sonstigen KEigenschaften
 sich in keiner Weise dazu eignen. Es hat Ledergeld gegeben,
noch gegenwärtig giebt es Papiergeld. Die staatliche Verfügung kann
unter Umständen dem Zettel die Eigenschaft verleihen, die ihn zum
allgemeinen Tauschmittel geeignet macht. Er wird willig von Jedem
genommen, er hat dadurch die allgemeine Absatzfähigkeit erlangt, welche,
wie wir sahen, die Voraussetzung für ein allgemeines Tauschmittel
bildet. Doch zeigt die Erfahrung, daß die Macht des Staates in
dieser Beziehung eine beschränkte ist, und er nicht beliebig schalten kann.
Anforderun- Um höheren Ansprüchen zu genügen, muß das als Geld dienende
PR ade das Gut folgende Eigenschaften haben: 1. allgemein anerkannten Wert be-””"°-
 sitzen, denn nur ein Gut, das überall geschätzt wird, kann nach dem
vorher Gesagten überhaupt als "Tauschmittel dienen. 2. In einem
kleinen Volumen infolge großer Seltenheit einen hohen Wert repräsentieren,
 um auch für entfernte Gegenden als Zahlungsmittel dienen zu
können. Eben deshalb sieht man sich genötigt, mit Entwickelung der
Volkswirtschaft wie der Wohlhabenheit, welche fortdauernd höhere
Zahlungen beanspruchen, zu einem immer wertvolleren Metalle als
Münzmetall überzugehen, um dieser Anforderung in besserer Weise zu
genügen. 3, Muß der Gegenstand teilbar sein, ohne seinen Wert einzubüßen,
 damit er sowohl in größeren wie in kleineren Stücken als
Tauschmittel dienen kann und damit den mannigfaltigen Anforderungen
zur Zahlung für größere und kleinere Werte zu genügen vermag,
4. Muß er sich leicht aufbewahren lassen, ohne dabei im Werte einzubüßen,
 um als vollkommenes Sparmittel gebraucht werden zu können,
Es giebt erfahrungsgemäß keinen Gegenstand, der diesen Ansprüchen
 in einem höheren Maße zu genügen vermag, als die Edel-Pdelmetalle-
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        nm

metalle, welche daher auch allgemein zur Herstellung der Münze, also
als das hauptsächlichste Geld benutzt werden. Auch in den entlegensten
Gegenden wird das Edelmetall seines Glanzes wegen gerne gesehen
und wegen seiner leichten Bearbeitbarkeit überall zur Anfertigung von
Schmuckgegenständen benutzt, so daß dasselbe nicht nur im grauen
Altertum, sondern in der Gegenwart bei den primitivsten Völkerschaften
geschätzt und gern genommen wird, und wo es bis dahin nicht bekannt
war, sich schnell einbürgert. Man kann also sicher sein, überall damit
Gegenstände eintauschen zu können. Gerade das Gold besitzt einen
sehr hohen Wert und wird deshalb in der neuesten Zeit immer allgemeiner
 zur Herstellung der Hauptmünze benutzt. Es büßt nichts an
seinem Werte ein, auch wenn es in kleine Atome zu Staub zerteilt,
oder als Goldschaum in die dünnsten Plättchen ausgehämmert wird.
Es 1äßt sich selbst unter den ungünstigsten Verhältnissen J ahrtausende
lang aufbewahren, ohne darunter erheblich zu leiden und ohne von
Luft und Feuchtigkeit angegriffen zu werden, wie Münzen, die noch
aus dem alten Rom stammen, beweisen, da sie noch ihr künstlerisches
Gepräge vorzüglich bewahrt haben. Auch Gold und Silbergeräte, die
Jahrtausende in der Erde vergraben gelegen haben, vermögen, wie der
Hildesheimer Silberfund beweist, mit Leichtigkeit ihren früheren Glanz
und ihre Schönheit wieder zu erlangen; sie verloren nicht ihren Wert.
Nur eine Eigenschaft geht auch ihnen ab, nämlich, überall als brauchbares
 Wertmaß zu dienen, welches erhaben über Raum und Zeit zur
Wertvergleichung in verschiedenen Zeiten und Ländern in genauer Weise
zu gebrauchen ist, worauf wir noch zurückzukommen haben werden.
Wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, ist es die Hauptaufgabe
der Münze, den Tausch zu vermitteln und damit den Verkehr Zu eTleichtern.
 Wir haben es mit einem Taus chwerkzeug zu thun,
welches an volkswirtschaftlicher Bedeutung den Maschinen an die Seite
zu stellen ist, welche die industrielle Thätigkeit unterstützen, sowie den
Schiffen und Lokomotiven, einfachen Wagen etec., welche dem Verkehre
dienen.
Wie ist aber das Geld den anderen wirtschaftlichen Gütern gegenüber
 aufzufassen ?
Die Merkantilisten im 16. und 17. Jahrhundert legten dem Gelde
eine fast unbedingte Kaufkraft bei, Sie faßten es vom privatwirtschaftlichen
 Standpunkte auf und meinten, daß durch Ansammlung
des Geldes ebenso ein Land wie ein Privatmann sich bereichern könne,
und daß es daher die Aufgabe. sei, in das Land künstlich Gold und
Silber hineinzuziebhen und als Münze in Umlauf zu setzen. Sie übersahen
 den Warencharakter, der auch dem Edelmetalle innewohnt, und
die Preisrevolutionen in dem 16. Jahrhundert in Spanien, im 17. im
übrigen Europa, lieferten den Beweis, daß das aus Amerika herübergezogene
 Gold und Silber sich mehr und mehr entwertete, und damit
die Kaufkraft des Geldes abnahm. David Hume faßte es zu ausschließlich
 als Wertmaß auf, dessen Anhäufung den Wohlstand ebenso
wenig über ein gewisses Maß hinaus im Lande fördern könne, wie
eine starke Vermehrung der Längenmaße und Gewichte. Er verglich
das Geld auch mit dem Maschinenöl; wie durch dieses die Maschine
einen leichteren Gang erhält, so der volkswirtschaftliche Verkehr durch
das Geld als Tauschvermittler, Adam Smith legte dem Gelde zu
unbedingt den Warencharakter bei, ohne der Eigentümlichkeit desselben
genügend Rechnung zu tragen. Ein Unterschied liegt unbedingt darin,

Gegensatz
von Geld und
Ware
        <pb n="86" />
        38

Edelmetall
ınd Geld.

und das Geld steht allen Waren in der Hinsicht gegenüber, daß diese
zum Gebrauch und nach Bedarf eingekauft werden, während man das
Geld im allgemeinen nur bei Verkauf oder für Dienstleistungen erhält,
also nicht seiner selbst wegen. In früheren Zeiten freilich wurde es
bezogen mit der ausdrücklichen Absicht, es als Sparmittel zu verwenden,
was heutigen Tages mehr in den Hintergrund gedrängt ist. Auch gegenwärtig
 noch müssen Arbeitgeber es sich zu bestimmten Zeiten verschaffen,
 um damit Zahlung leisten zu können, wie die Banken es parat
halten müssen, um es nach Bedarf ihren Kunden abtreten zu können.
Doch sind dies Ausnahmen,
Eine besondere Eigentümlichkeit liegt bei dem Geld vor, daß demselben
 unter Umständen vom Staate ein besonderer Wert beigelegt werden
kann und beigelegt wird, was uns aber erst später zu beschäftigen
haben wird.
Viel Verwirrung ist dadurch entstanden, daß sehr häufig Geld
mit Münze, und Münze mit Edelmetall identifiziert wird, während
diese Begriffe sorgfältig auseinandergehalten werden müssen, ihre eignen
Bedingungen der Wertbestimmung haben und unter Umständen verschiedene
 Funktionen zu übernehmen haben. Durch die Prägung als
Münze erhält das betreffende Stück Metall eine völlig andere Aufgabe
als bisher, und erst wenn es wieder eingeschmolzen wird, tritt es in
die frühere Stellung zurück. Als Münze ist es Geld, aber es ist nicht
das allgemeine Geld, sondern durch die gesetzliche Bestimmung kann
auch ein anderer Gegenstand zu Geld gemacht werden, wie neben dem
Kupfer das Nickelgeld und das Papiergeld. Durch die staatliche Bestimmung,
 daß der betreffende Schein für 10 Thaler, Gulden, Rubel
in Zahlung genommen werden soll, wird der betreffende Gegenstand
anter entsprechenden Umständen bei ausreichender Autorität der Staatsgewalt
 als allgemeines Zahlungsmittel zu fungieren vermögen. In der
Zuversicht, daß man nicht nur an den Staat, sondern auch an das
Publikum überall damit entsprechende Zahlung leisten kann, wird man
den Gegenstand selbst gerne im vollen Werte acceptieren. Die allgemeine
 Absatztähigkeit als Grundlage eines allgemeinen Tauschmittels
ist dadurch gegeben. Während die Metallmünze auf Grund des Metallgehaltes
 und dessen Wertes die Umlauffähigkeit besitzt, ist es hier
das gesetzliche Gebot und das Vertrauen des Publikums zum Staate,
welche dem Schein die Zirkulationsfähigkeit verschaffen, ohne daß er
einen eigenen Wertgehalt aufzuweisen hat. Dies Verhältnis tritt auch
in anderen Fällen zur Erscheinung, wie z. B. die preußischen Thaler
in der Gegenwart zu drei Mark allgemein von Hand zu Hand gehen,
obgleich ihr Silbergehalt nur auf etwa 1*/, Mk. zu veranschlagen ist,
Das Vertrauen darauf, daß der Staat stets selbst den Thaler zu drei
Mark in Zahlung nehmen wird, genügt, um ihm dauernd die Absatzfähigkeit
 zu verschaffen. Aber natürlich ist dieses Vertrauen kein unbedingtes,
 sondern hängt mit dem Kredite des Staates, den allgemeinen
Konjunkturen etc. zusammen, Die volkswirtschaftlichen Verhältnisse
zeigen sich durchweg stärker, als der Einfluß der Staatsgewalt, wie sich
bei der Erörterung der Papiergeldverhältnisse ergeben wird.
        <pb n="87" />
        29

$ 27.
Die Ursachen der Wertschwankungen der edlen Metalle.
Jakob, Ueber die Produktion und Konsumtion der edlen Metalle. 1838,
Soetbeer, Zur Statistik der Edelmetalle i. d. J. 1876—80 in den Jahrbüchern
tür Nationalökonomie. 1881, N. F., Bd. 2 u. 3.
L. Cohnstädt, Zur Silberfrage. Frankfurt 1896,
Soetbeer, Materialien zur Erläuterung der Edelmetallverhältnisse. Berlin 1886.
Paasche, Studien über die Natur der Geldentwertung. Jena 1878.

Der Wert der Edelmetalle wird wie der einer im freien Verkehr Wertbestimstehenden,
 in großer Masse vorhandenen, aber nicht beliebig vermehr- mung des
baren Ware bedingt durch das Verhältnis des Angebots zur Nach- Mdelmetalles,
frage. Die Edelmetalle bilden eine Ware wie Eisen, Kupfer ete. und
ihr Wert wird bestimmt wie dieser nach der Menge, welche disponibel
ist, gegenüber dem auftretenden Bedarf, Dieses ist durch die Erfahrung
 bestätigt, indem nach der Entdeckung Amerikas durch die
außerordentlichen Mengen von Gold und Silber, welche nach. Europa
gebracht wurden, wie bereits erwähnt, das Metallgeld entwertet und
dadurch die Preise aller Produkte gesteigert wurden. Der Warencharakter
 der Edelmetalle ist in der neuesten Zeit in der Verschiebung
des Wertverhältnisses zwischen Gold und Silber klar zu Tage getreten,
 was uns noch zu beschäftigen haben wird. Aber die Edelmetalle
 haben dadurch eine besondere Eigentümlichkeit erhalten, daß
sich von ihnen im Laufe der Jahrtausende ein außerordentlich großer.
Vorrat aufgespeichert hat, da seit so langer Zeit alljährlich neue
Quantitäten an das Tageslicht gefördert wurden, die bei der Widerstandsfähigkeit
 derselben sich bis auf die Gegenwart erhalten haben;
abgesehen von den verhältnismäßig geringen Quantitäten, die zur Zeit
der Völkerwanderung, dann bei sonstigen Zerstörungen von Städten,
bei Untergang von Schiffen etc. verloren gegangen sind, oder was bei
dem Gebrauche abgeschliffen ist. Diesem gewaltigen Vorrat gegenüber
muß sowohl die Produktion einzelner Jahre wie die Veränderung der
Nachfrage innerhalb kürzerer Perioden einen nur unwesentlichen Einfiuß
 haben. Dies wird ganz besonders bei dem Golde der Fall sein,
wo alle erwähnten Momente in noch höherem Maße zur Geltung
kommen, als bei dem Silber,
Die Nachfrage nach Edelmetall wird bedingt einmal durch die
Ausdehnung des Gebrauchs jener Metalle zu Geräten, Schmucksachen
und für sonstige Industriezwecke; auf der anderen Seite durch den Bedarf
 an Münzmaterial. Bei der allgemeinen Beliebtheit der Metalle
wird der Bedarf für Industriezwecke abhängen einmal von der Ausdehnung
 des Weltverkehrs und der Ausbreitung der Kultur. Je mehr
Länder in den allgemeinen Verkehr hineingezogen werden, um so ausgedehnter
 wird das Territorium sein, welches Ansprüche an Edelmetall
erhebt. Je mehr dann in demselben die Bevölkerung steigt, um so
mehr wächst die Zahl derjenigen, welche das Metall in der einen oder
der anderen Form begehren. Sehr bedeutsam ist dann die Wohlhabenheit
 der Bevölkerung, weil mit derselben die Zahl der Nachfragenden
und mit der Kaufkraft derselben auch die Ausdehnung des Bezuges
steigt. Es ist bekannt, wie in den letzten Dezennien die unteren
Klassen nach Erhöhung der Löhne immer mehr Schmucksachen,
Uhren etc. verwenden, wie in den bürgerlichen Kreisen weit mehr
Silbergerät aller Art gebraucht wird als früher: und je mehr die nach
        <pb n="88" />
        re

\Lünzbedarf.

Hunderten von Millionen zählenden Personen der unteren Kreise sich an
lem Gebrauche beteiligen, um so gewaltiger ist natürlich der Einfluß.
. Der Münzbedarf wird gleichfalls wesentlich durch dieselben Momente
bestimmt, wie der Industriebedarf. Je stärker die Bevölkerung, je
yohlhabender ein Land ist, um so größer ist auch der Umsatz an allen
Produkten und um so mehr Münze ist unter sonst gleich gebliebenen
Verhältnissen erforderlich, um die Umsätze zu vermitteln. Vermindernd
wirkt dagegen im Verhältnis auf den Münzbedarf die Schnelligkeit des
Umsatzes, weil dadurch dieselbe Quantität Münze, die schneller von
Hand zu Hand geht, zu mehr Käufen zu dienen vermag; gerade so
wie zur Herüberschaffung von Getreide aus London nach Hamburg
viel weniger Dampfschiffe notwendig sind, die in wenig Tagen die Hinund
 Rückfahrt bewerkstelligen können, wie Segelschiffe, die dazu
Wochen gebrauchen. Daher ist der Bedarf an Münze im Verhältnis
zu dem Umsatz auf dem Lande sehr viel größer als in der Stadt, weil
die Landbevölkerung viel allgemeiner das Geld länger in der Kasse
aufzubewahren pflegt als die städtische. Ebenso bedarf Rußland verhältnismäßig
 mehr Münze als Deutschland, Deutschland mehr als England.
 Von ungleich größerem Einfluß aber ist das dritte Moment
der Heranziehung von Geldsurrogaten, oder Ausgabe von Papiergeld,
wodurch enorme Quantitäten von Münzen erspart werden können.
Außer dem Papiergeld- und Banknotenverkehr kommt die Zahlung
durch Wechsel und Checks in Betracht, wie der Giroverkehr der
großen Centralbanken. Je mehr in einem Lande die Thätigkeit der
Banken um sich greift, wie z. B, in England, um so weniger Münze
kommt in Umlauf und ist für den Umsatz erforderlich. Daher die
Thatsache, daß trotz der gewaltigen Steigerung des Warenumsatzes. in
den Kulturländern die Zunahme des Münzbedarfs verhältnismäßig gering
 gewesen ist, die Ausbildung der Kreditwirtschaft hat hier entsprechenden
 Ersatz geboten.
Fortdauernd ist natürlich für etwaige Verluste, dann für die Aboutzung
 sowohl der Geräte wie der Münze Ersatz zu schaffen, der
gleichfalls nach den Verhältnissen verschiedene Größe hat. Doch ist
er von keiner hervorragenden Bedeutung, seit die Gewinnung von Edelmetall
 größere Dimensionen angenommen hat.
Alle diese Verhältnisse beeinflussen naturgemäß nicht den Wert
der Edelmetalle in einem einzelnen Lande, sondern sie kommen nur
für die Gesamtheit der Kulturländer und den ganzen Weltverkehr in
Betracht, welcher hier als ein gegebenes Ganzes in das Auge zu fassen
ist. Ein einzelnes Land vermag sich heutigen Tages hierbei nicht abzuschließen,
 und seinen selbständigen Entwickelungsgang zu nehmen.
Bei der großen Transportfähigkeit der Edelmetalle wird eine jede
Verschiebung des Wertes zwischen den verschiedenen Ländern sofort
durch die Spekulation ausgeglichen, und das Bestimmende ist Angebot,
und Nachfrage auf dem Weltmarkte.,
In Bezug auf das Angebot’ ist also die Gesamtproduktion aller
Erdteile maßgebend gegenüber. dem seit Jahrtausenden aufgespeicherten
Vorrat. Allerdings ist hierbei zu berücksichtigen, daß nicht unbedeutende
 Quantitäten dem Verkehre entzogen sind. Vor allen Dingen
in den Tempeln und Klöstern des Orients, wie ebenso bei einer großen
Zahl der Fürsten in China, Indien etc. Aber auch bei uns sind große
Vorräte an Geräten und Schmuck in. den Händen von. Privatpersonen,
welche gar nicht. oder. nur ganz ausnahmsweise in geringen Teilen zum
        <pb n="89" />
        Umsatze gelangen, so daß dadurch bei steigender Nachtrage auch die
zeitweilige Produktion einen Einfluß auf den Wert auszuüben vermag,
wie. das in der neuesten Zeit bei dem Silber zu Tage getreten ist.
Der Wert der Edelmetalle wird aber auch, obgleich nur in be- Produktionsschräuktem
 Maße, durch die Produktionskosten beeinflußt, indem sie os Sl
die Grenze angeben, unter welche der Wert nicht sinken kann, wei ent
sonst die Produktion aufhören würde. Auf der anderen Seite bietet 0
eine Ermäßigung der Produktionskosten die Möglichkeit eines Sinkens
des Wertes, wie dafür gleichfalls in der neuesten Zeit das Silber ein
Beispiel geboten hat.
Für diejenigen Länder, welche Gold und Silber nicht selbst produzieren,
 sondern ganz oder zum Teil von Anderen einhandeln müssen,
treten noch als wichtige Momente der Wertbestimmung die Herstellungs-
 und die Transportkosten für die Waren hinzu, welche nach
den Minenländern zum KEintausch edler Metalle abgegeben werden. In
Ländern auf tiefer Stufe der Kultur, die nur schwer transportable und
auf dem Weltmarkt billige Rohstoffe auszuführen haben, ist daher der
Wert des Metalls höher als in Ländern mit entwickeltem Handel und
größerer Industrie, deren Erzeugnisse wertvoller sind, billiger exportiert
werden können und in den. Minenländern mit Vorliebe genommen
werden, Aus diesem Grunde finden wir trotz des regen Handelsverkehrs
 zwischen den verschiedenen Ländern große Ungleichheiten in
dem Werte der Edelmetalle. In Gegenden mit ergiebigen Goldminen
ist das Gold auffallend billig. Es besitzt nur eine geringe Kaufkraft;
die Preise aller Waren sind außerordentlich hoch, z. B. in Californien,
in Johannisburg, in den betreffenden Gegenden Australiens. Je weiter
man sich von diesen Punkten entfernt, schon im Osten der Vereinigten
 Staaten, am Cap hat das Metall einen höheren Wert. Die
Preise, wenigstens für eine große Zahl von Gütern, sind niedriger.
In Europa hat das Gold in Deutschland eine größere Kaufkraft wie
in England, in dem Inneren von Rußland eine größere als in Deutschland,
 was in der Hauptsache auf die erwähnten Momente zurückzuführen
 ist.

8 28.
Wertschwankungen des Geldes,
Lindsay, Die Preisbewegung der Edelmetalle seit 1850. Jena 1893.

Die Auffassung des Geldes als einfacher Ware schloß die Annahme
 in sich, daß der Wert des Geldes allein bestimmt werde durch
die Quantität, welche sich in Umlauf befände. So sind vor allem
David Hume, John Stuart Mill Vertreter der sogen. Quantitätstheorie,
 Dieselben fassen die ganze Geldwertbestimmung wie folgt
auf: Dem Gelde gegenüber steht die Gesamtheit der Güter, welche in
der Volkswirtschaft gebraucht und‘ daher mit Geld gekauft werden,
Der Wert beider muß gleich angenommen werden, um mit der Gesamtheit
 des Geldvorrates die Gesamtheit des Warenvorrates kaufen
zu können. Wird nun der Geldvorrat erhöht, während der Warenvorrat
 der gleiche bleibt, so behält der erstere in der Gesamtheit den
gleichen Wert, während jeder Teil nach der Vermehrung einen geringeren
 Wert besitzt. Derselben Quantität Waren steht eben mehr
Geld gegenüber, welches dafür hingegeben werden muß; mit anderen

Juantitätstheorie.
        <pb n="90" />
        72

Worten: der Wert des Geldes ist entsprechend vermindert. Wenn
ımgekehrt eine teilweise Einziehung des Geldes stattfindet, somit ein
geringeres Quantum dem bisherigen Warenvorrat gegenübersteht und
somit dieses geringere Geldquantum noch denselben Wert hat, wie
vorher das größere, so ergiebt sich, daß jetzt jeder Teil, sagen wir
10 Mk., eine entsprechend höhere Kaufkraft besitzt. Ist der Geldumlauf
 z. B. um 10% eingeschränkt, so wird unter sonst gleichgebliebenen
 Verhältnissen für 10 Mk. nun um 10%, Ware mehr gekauft
werden können.
So einfach sind nun in dem wirklichen Leben die Verhältnisse
nicht, wie man sie sich nach der Quantitätstheorie vorstellte. John
Stuart Mill sucht seine Auffassung in der folgenden Weise zu erläutern:
 Wenn, sagt er, plötzlich durch Zauberschlag der gesamte
Geldvorrat verdoppelt würde, so daß jeder in seiner Kasse die
doppelte Summe wie bisher hätte, so würde die Folge davon einfach
zein, daß alle Preise und Löhne auf die doppelte Höhe steigen würden,
die Volkswirtschaft würde im übrigen dadurch nicht wesentlich verändert
 werden. Diese Auffassung ist durchaus nicht als richtig anzuarkennen.
 Wenn sich jener Vorgang auf ein einzelnes Land beschränkt,
so wird die Einwirkung eine ganz verschiedene sein, je nachdem es
sich um vollgültige klingende Münze in Edelmetall oder um Kreditgeld
handelt, dessen Cirkulation auf das Inland beschränkt ist. In dem
arsteren Falle würde die Vermehrung der umlaufenden Münze wohl im
arsten Momente die Nachfrage nach einzelnen Waren steigern, und da-Jlurch
 zunächst eine gewisse Erhöhung der Preise herbeiführen können.
Sehr bald aber würde die Entwertung der Münze gegenüber dem Edelmetallgehalt
 und infolge dessen auch gegenüber dem Auslande zu Tage
treten. Die Geschäftswelt würde sofort eingreifen, um jeden Ueberschuß
 über den Bedarf an das Ausland abzusetzen resp. einzuschmelzen.
Dadurch würde sehr bald der alte Zustand wieder hergestellt sein, es
bliebe nur die allgemeine Bereicherung übrig, welche die Volkswirtschaft
 durch den Verkauf des Eidelmetalls erfahren hat. Es ergiebt
sich daraus, daß sich unter unseren Verhältnissen bei dem regen Ver-‚
 Wert kehr mit dem Auslande und der leichten Transportabilität der Edel-A
 ab metalle der Geldwert niemals wesentlich von dem des Edelmetalles, aus
Arundlage d. Welchem die Courantmünze besteht, entfernen kann; namentlich sich
Geldwertes. Nicht unter demselben zu erhalten vermag.
Ist dagegen das betreffende Geld auf den Verkehr des Inlandes
allein angewiesen, z. B. bei der Papierwährung, so wird nun allerdings
sine Entwertung desselben unausbleiblich sein. Jeder sucht dasselbe
nöglichst los zu werden und sträubt sich gegen die Aufnahme desselben.
 Aber auch hier ist nicht ein allgemeiner gleicher Einfluß auf
lie Preise der Waren anzunehmen; die Veränderung vollzieht sich auch
nicht glatt und einfach; sondern erst nach großen Umwälzungen und
sehr verschiedenartiger Beeinflussung der einzelnen Betriebszweige etc.
kann die allgemeine Ausgleichung sich vollziehen, worauf wir im folgenlen
 Paragraphen zurückzukommen haben werden.
In unserer. Zeit der Kreditwirtschaft ist aber noch ein anderes
Moment zu beachten, Der Verkehr verträgt eine bedeutende Anhäufung
von Umlaufsmitteln, ohne daß dieselben bereits eine Entwertung zu erfahren
 brauchen, weil sehr erhebliche Quantitäten sich in den Kassen
der Privaten anhäufen können, ohne besondere Beschwerde hervorzurufen.
 Wenn deshalb der Kredit des Staates ein absolut gesicherter
        <pb n="91" />
        — 73 —

ist, so wird auch eine zu starke Ausgabe von Papiergeld nicht sofort
eine erhebliche Entwertung desselben verursachen. Noch viel größer
ist aber die Elastizität des Verkehrs in Bezug auf einen Mangel an
Umlaufsmitteln, bei dem in großer Ausdehnung die Vermittlung durch
Kredit eintreten kann, und damit Stockungen und tiefere Wirkung des
Mangels vermieden werden können. Es: wird dann in ausgedehnterem
Maße durch Wechsel, Checks und andere Anweisungen gezahlt, im
kleinen Verkehr wird das Entnommene bei dem Kaufmann angeschrieben
und auf Rechnung gestellt, der Käufer unterläßt schwerlich einen notwendigen
 Kauf, wenn nach seinem Einkommen seine Zahlungsfähigkeit
feststeht und ihm nur das Zahlungsmittel zur baren Begleichung nicht
zur Hand ist. Der gesamte Verkehr hilft sich hier eben durch das
moderne Hilfsmittel des Kredites, Hieraus geht hervor, daß unter der
modernen Volks- und Kreditwirtschaft die Quantitätstbeorie bei normalen
 Verhältnissen eine Berechtigung nicht hat. Den Bedarfsmitteln
steht nicht nur das Geld gegenüber, sondern man kauft auch durch
and auf Kredit. Eine Vermehrung oder Verminderung der Umlaufsmittel
 ist für den Geldwert irrelevant, so lange ein internationaler Austausch
 an Zahlungsmitteln stattfindet. Wenn man daher die Preissteigerung
 in Deutschland Anfang der siebziger Jahre auf die Vermehrung
 der Umlaufsmittel infolge der Milliardenzahlung zurückführen
wollte, so beruhte das auf einem prinzipiellen Irrtum.
Eine zu starke Vermehrung des Vorrates der Umlaufsmittel im
Weltverkehre wird natürlich zur Folge haben, daß Münze in großer
Ausdehnung eingeschmolzen wird, genau so wie bei einer zu starken
Ausgabe von Papiergeld die Münze aus dem Verkehr verschwindet.
So lange aber noch Münze im Umlauf ist, wird sie die Basis des Geldverkehres
 bleiben und damit das Edelmetall den Wert des Geldes bestimmen;
 nur daß gegenüber dem Edelmetall als Wertträger Papier
entwertet ist, oder, wie man sich ausdrückt, das Metall ein Agio, d. h.
ainen Aufschlag erlangt, als Ausdruck seines höheren Wertes, Kine
völlige Verdrängung des KEdelmetalles und danach eine allgemeine
Entwertung des Geldes im Weltverkehre ist unter den vorliegenden
Verhältnissen nicht gut denkbar, kann deshalb auch hier außer Betracht
 bleiben.
Nach dem Gesagten werden Schwankungen im Geldwerte auf dem
Weltmarkte nur durch Veränderungen des Wertes des Edelmetalles
herbeigeführt, und unter den jetzigen Verhältnissen ausschließlich des
Goldes, welches die Grundlage des internationalen Verkehres und deshalb
 der Wertträger des Geldes selbst ist. Daß solche großen Veränderungen
 in dem Werte des Edelmetalles eintreten können, ist durch
die Geschichte erwiesen, wie wir sahen. Wie groß aber diese Schwankungen
 gewesen sind, ist man nicht in der Lage festzustellen; bei geringeren
 Schwankungen des Preisniveaus der Waren vermag man nicht
ainmal mit Bestimmtheit zu behaupten, ob sie auf Grund des Wertes
der Edelmetalle stattgefunden haben oder nicht.
Die Veränderungen in dem Geldwerte sind nur zum Ausdruck
zu bringen durch eine Feststellung der Preisverhältnisse im Beginne
und Ende der zu untersuchenden Periode. Man kann die Kaufkraft
des Geldes nur ermitteln, indem man feststellt, wie viel der Waren
aller Art früher, wie viel jetzt mit derselben Summe zu kaufen waren,
und zwar der verschiedensten Waren, die unter den mannigfaltigsten
Bedingungen hergestellt, den verschiedenartigsten Konjunkturen unter-Feststellung


des Geldwertes,
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        a

worfen sind und eine ganz ungleiche wirtschaftliche Bestimmung haben.
Diese Untersuchung muß, um zu befriedigen, die größte Ausdehnung
erfahren, was sich bisher als unausführbar erwiesen hat. . Die zum
Konsum fertigen Waren verändern sich in ihrer Qualität beständig in
weitgehendstem Maße. Die Preisveränderungen derselben sind zum
großen Teil hierauf zurückzuführen, nicht aber auf Veränderungen des
Geldwertes. Sind die Zeuge, aus welchen unsere Kleidung hergestellt
wird, gröber oder feiner geworden, so muß sich auch bei sonst gleich
gebliebenen Verhältnissen der Preis verändern, weil die Produktionskosten
 andere waren. Ist das Brot aus feinerem Mehle hergestellt als
sonst, so kann es gleichfalls nicht zum selben Preise geliefert werden
wie früher, und es giebt erfahrungsgemäß nur außerordentlich wenige
Gegenstände, die nicht in der neueren Zeit .irgend welche Veränderungen
 erfahren haben. Wir haben deshalb in dem privatwirtschaftlichen
 Haushalte nur sehr wenige Bedarfsobjekte, beı denen Gleichartiges
 gegenüberzustellen ist. Man ist bei dieser Untersuchung in der
Hauptsache auf Rohmaterialien angewiesen, also, auf eine besondere Kategorie
 von Waren, welche eine Sonderstellung in der Volkswirtschaft
einnimmt. Für dieselben haben wir in der allgemeinen Statistik fast
nur die Engrospreise, nicht aber die Detailpreise. Auch dieses ist
eine beachtenswerte , Unvollkommenheit in der Grundlage der Untersuchung.
 Es ist ferner einleuchtend, daß man nicht das arithmetische
Mittel der Preise der verschiedensten Waren nehmen kann, ohne zu
Fehlschlüssen zu gelangen. Summieren wir den Preis des Weizens
pro Zentner mit dem von Gewürzen, den Preis der rohen Wolle mit
dem von Spitzen, so wird der Einfluß der ersteren völlig zurückgedrängt,
 während Gegenstände, welche in der Volkswirtschaft eine
ganz untergeordnete Rolle spielen, den Durchschnitt in hohem Maße
beeinflussen. Auch privatwirtschaftlich wird das Bild verschoben, weil
in einer Häuslichkeit im Jahre nur eine ganz geringe Summe für Gewürze
 ausgegeben wird, eine ganz erhebliche dagegen für Weizen. Es
ist deshalb unumgänglich notwendig, auch die Quantitäten zu berücksichtigen,
 welche in dem Lande zur Verwendung gelangen. Also die
angefähr im Jahre verbrauchte Quantität Weizen und ebenso die an
Gewürzen. Der Einfluß einer Veränderung des Geldwertes wird aber
bei den verschiedenen Gesellschaftsklassen je nach ihrem Einkommen
and ihrer Lebensweise ein außerordentlich verschiedener sein. Man
wird die Preise anderer Gegenstände heranziehen müssen, wenn man
die Einwirkung auf die Arbeiterklasse konstatieren will, als wenn man
die Mittel- oder die wohlhabende Klasse dabei im Auge hat. Derartige
 Untersuchungen sind natürlich außerordentlich schwierig und
bisher noch nicht in ausreichender Weise durchgeführt. Wir können
deshalb thatsächlich die Schwankungen des Geldwertes nicht mit irgend
welcher Genauigkeit statistisch messen und daher überhaupt nicht
übersehen.
Droduktions- Die Entwertung des Geldes braucht aber auch nicht von dem
bedingungen Edelmetalle: ausgegangen zu sein, sondern die Ursache kann in den
al als Veränderungen der Produktion der Waren liegen, oder in sonstigen
1 Geld weete- Einflüssen, welche die Preise von wesentlichen Gütern beeinflussen.
bestimmung. Alle Momente, welche die Produktion verbilligen, werden die Kaufkraft
 des Geldes erhöhen, alle diejenigen, welche die Produktion oder
die Ausgaben für das Leben verteuern, werden in der gleichen Weise
auf eine .Entwertung des Geldes hinarbeiten. In einem Lande, in dem
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        "5

die Löhne besonders hoch sind, wo außerdem durch eine dichte Bevölkerung,
 namentlich in den Städten der Wert des Grund und Bodens
sehr in die Höhe getrieben ist, daher hohe Mieten zu zahlen sind, wo
hohe Schutzzölle die Preise der Waren künstlich erhöhen, wird das
Leben teuer sein. Das Geld hat dort eine geringere Kaufkraft, als in
einem anderen Lande, wo dergleichen Verhältnisse nicht vorhanden
sind; und innerhalb desselben Landes wird in den großen Städten
infolge der hohen Mieten und daher wiederum der hohen Löhne z. B.
ein Arbeiter, ein Beamter nicht mit der gleichen Summe auskommen,
wie in der kleinen Stadt, oder die auf dem Lande gerade ausreichte. Die
allgemeine Steigerung der Löhne infolge der Arbeiterbewegung bildete
ein wesentliches Moment der Geldentwertung, während dagegen die
große Zahl der Erfindungen, Entdeckungen und sonstige Fortschritte
sıne Menge Gegenstände in den letzten Dezennien erheblich verbilligte.
Man braucht nur an Petroleum, Zucker, die gewöhnlichen Textilwaren,
viele Chemikalien etc. zu denken, um sich dieses zu vergegenwärtigen.
Die Verminderung der Transportkosten im Inlande durch die Bahnen,
im überseeischen Verkehre durch die Durehstechung der Landenge
von Suez, die Ausbildung des Dampfschiffsverkehres und der Bau
großer Stahlschiffe haben nicht nur den Preis der meisten Materialwaren
 ermäßigt, sondern auch vor allem den des Getreides, so daß
die: sehr allgemeine Herabdrückung des Preisniveaus der großen Masse
der Waren in den letzten Dezennien sehr wohl allein durch den wirtschaftlichen
 Fortschritt ausreichend zu erklären ist, und man nicht
nötig hat, die Ursache bei den Edelmetallen zu suchen.
Es giebt aber noch eine dritte Art der Veränderung des Geldwertes,
 und diese ist es, die bei der gewöhnlichen Betrachtung der Verhältnisse
 ins Auge fällt und der Grund ist, weshalb man von der großen
Geldentwertung im Laufe des letzten Jahrhunderts spricht, nämlich
die Veränderung der menschlichen Bedürfnisse, der Ansprüche an das
Leben. Man sagt, daß seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts der Geldwert
 gewaltig gesunken sei, und versteht darunter, daß heutigen Tages
ine Familie in derselben sozialen Stellung nicht von der gleichen
Summe zu leben vermag. Das ist aber nicht deshalb der Fall, weil die
Preise aller Gegenstände heutigen Tages viel höher sind als damals,
und infolgedessen die absolute Kaufkraft des Geldes jetzt eine geringere
ist .als früher, sondern allein oder hauptsächlich, weil unsere Eltern
and Großeltern sehr viel einfacher lebten, nicht so hohe Anforderungen
an Komfort u. s. w. machten, weniger für Reisen etc. ausgaben und
daher mit einer geringern Summe auszukommen vermochten. Es handelt
3ich um eine relative Verminderung der Kaufkraft derselben Summe.
Diese Veränderung ist in der neueren Zeit besonders groß in der
unteren und mittleren Klasse der Bevölkerung gewesen.

Einfuß der
Lebensansprüche
 auf
den Geldwert.


8 29.
Dievolkswirtschaftlichen Folgender Wertschwankungen
des Geldes.

H. Paasche, Die Ursachen der Geldentwertung und ihre bisherige Auffassung.
Jena 1879.
E. Nasse, Die Demonetisierung des Silbers. Holtzendorffs Jahrb., I, S. 115.
Ders., Die Währungsfrage in Deutschland. Preuß, Jahrb., LV, S. 295. Folgen der
Eine plötzliche Geldentwertung beeinträchtigt alle Klassen, deren Go ientwer-Einkommen
 mehr oder weniger fest in Geld normiert ist. Das ist der - tune.
        <pb n="94" />
        75

Fall bei den Rentiers, die ihre festen Zinsen beziehen und natürlich
darunter leiden, wenn dieselbe Summe nicht mehr die gleiche Kaufkraft
 hat, und sie daher nicht mehr so gut davon leben können als
bisher. Ebenso stehen die Verpächter eines Gutes, die Vermieter
eines Hauses da, wenn die Miete für längere Frist fest bestimmt ist.
In der gleichen Lage befinden sich auch die Beamten, deren Gehalt
noch eine lange Zeit dieselbe Höhe zu behalten pflegt, auch wenn die
Kaufkraft desselben wesentlich gesunken ist. Dasselbe ist von den
Arbeitern zu sagen, Man weiß, welche schweren Kämpfe es den
Arbeiter kostet, eine Lohnerhöhung durchzusetzen, und es ist eine Thatsache,
 daß bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts die Löhne ein halbes,
ja ein ganzes Jahrhundert und darüber in vielen Branchen und Gegenden
so gut wie unverändert geblieben sind, obgleich die Preise aller Lebensbedingungen
 inzwischen nicht unbedeutend gestiegen waren, so daß
der Arbeiter bei demselben Lohne erheblich schlechter stand. Durch
die allgemeine Preissteigerung gewinnt dagegen vor allen Dingen der
Landwirt, der noch lange Zeit hindurch dieselben Löhne und die
gleichen Zinsen zahlt, während ‚seine Einnahmen erheblich steigen.
Muß er auch seine Bedürfnisse höher bezahlen, so fällt dieses doch
viel weniger ins Gewicht als die Steigerung der Preise seiner Produkte.
 Er verkauft viel mehr als er kauft. Aus der Differenz hat er
die Löhne zu zahlen, die Verzinsung des angelegten Kapitals zu bestreiten.
 Eben darauf beruhte das gewaltige Aufblühen der Landwirtschaft
 in den 50 Jahren von 1825—75, Auch die Industriellen und
Kaufleute stehen sich in solchen Zeiten gut, bis die Löhne gestiegen
sind, und die zunächst niedrig gebliebenen Herstellungskosten allmählich
mit den gesteigerten Warenpreisen in Harmonie gesetzt sind. Durch
die Erwartung einer weiteren Steigerung der Preise ist die Spekulation
animiert, man arbeitet nicht nur für den unmittelbaren Bedarf, sondern
darüber hinaus, und die Kaufmannschaft ist geneigt, Einkäufe auf
Vorrat, Bestellungen für die Zukunft zu machen und gute Preise zu
bieten. In solchen Zeiten ist das ganze wirtschaftliche Leben besonders
angeregt und die produktive Klasse in günstiger Lage.
Die Preissteigerung der Waren, allmählich auch der Löhnung der
menschlichen Arbeit regt zu erhöhter Thätigkeit an, der gesteigerte
Erwerb hebt die ganzen Lebensansprüche und fördert die Kultur. Die
erweiterte Nachfrage nach Waren erstreckt sich nicht gleichmäßig auf
alle Güter, Einige werden vernachlässigt, andere in einem höheren
Maße begehrt, und dieses bewirkt erhebliche Verschiebungen in der
Industrie und auch in den Einkommensverhältnissen, die sich erst allmählich
 wieder ausgleichen können. Steigen die Löhne der unteren
Klassen und damit die Kaufkraft derselben, so erhöht sich nicht die
Nachfrage nach Kartoffeln oder Getreide, sondern in höherem Maße
nach Fleisch, vielleicht nach alkoholischen Getränken; jedenfalls nach
Produkten der Textilindustrie, aber auch wohl weniger nach den
gewöhnlichen Baumwollstoffen, als nach schönerer, feinerer Qualität
von Leinen- oder Wollenzeugen. Doch kann der Aufschwung gewisser
 Gewerbskategorien auch zur Verbesserung ihrer Lage durch die
erweiterte Nachfrage nach Arbeitskräften verhelfen, die namentlich in
der neueren Zeit leicht zu einer Lohnerhöhung führt, und dies beeinfiußt
 wieder die Nachfrage derselben nach ihren Bedarfsartikeln. Die
Erhöhung der Preise, die Erniedrigung des Geldwertes wirkt daher
sehr ungleich und in schwer zu berechnender Weise. Ist der Zustand
        <pb n="95" />
        EN

dann zum Stillstand gelangt, so gleichen sich im Laufe der Zeit die
Verhältnisse wieder aus und die Wirtschaftsverhältnisse gehen in
cuhigem Geleise weiter.
Kine Verteuerung des Geldes oder, was dasselbe ist, eine allgemeine
 Preisreduktion hat naturgemäß die entgegengesetzte Wirkung.
Es leidet darunter der selbst wirtschaftende Landwirt, der Pächter wie der
Grundbesitzer. Sie haben die gleiche Pacht zu geben, resp. die gleiche
Verzinsung der Hypotheken zu bewirken, dieselben Löhne zu zahlen,
während sie für ihre Produkte geringere Einnahmen haben. Es ist die
Zeit der wirtschaftlichen Depression, die den Landwirt am härtesten
trifft, wie das seit Mitte der siebziger Jahre in ganz Europa zu beobachten
 ist. Kine große Zahl der Landwirte ist nicht imstande, ihren
Verpflichtungen nachzukommen, sie verfallen der Subhastation, der
Grundwert geht zurück, worunter auch die Hypothekengläubiger leiden
können. Auch in Handel und Industrie erschlafft der Unternehmungsgeist,
 denn Niemand wagt aus Furcht vor dem weiteren Sinken der
Preise, Ware auf Vorrat zu kaufen und auf Vorrat zu arbeiten. Jeder
muß sich dabei mit einem geringeren Verdienst begnügen, alle Geschäfte
 haben einen schleppenden Gang. Die ganze Volkswirtschaft
befindet sich in gedrückter Lage. Dagegen hat der Rentier und der
Beamte einen Vorteil davon. Die feststehenden Einnahmen ermöglichen
 ihm ein besseres Leben, Auch der Arbeiterstand kann zunächst
dabei gewinnen. Doch liegt für viele die Gefahr vor, daß bei dem
Rückgang der Geschäfte, bei ausgebrochenen Bankrotten viele Arbeiter
beschäftigungslos werden und dadurch in Not geraten. Eine Erhöhung
des Geldwertes wird deshalb im allgemeinen der Entwickelung der
wirtschaftlichen Kultur nicht günstig sein.
Nachdrücklich ist aber zu betonen, daß nur die Veränderungen
im Geldwerte die erwähnte Wirkung haben, während ein Stillstand des
Geldwertes allmählich eine Ausgleichung zur Folge hat und es dann
ganz gleichgültig ist, ob die Preise hoch oder niedrig sind; es ist das
aur ein rein rechnerischer Unterschied, aber kein wirtschaftlicher.
Haben sich die Löhne den veränderten Preisen erst angepaßt, hat jeder
eine klare Uebersicht über die zu erwartenden Einnahmen, so wird das
ganze wirtschaftliche Leben sich danach eingerichtet haben. Und ob
jetzt mit Thalern bezahlt wird, was früher nur Mark kostete, ist dabei
ganz gleichgültig. Davon ging, wie wir sahen, auch John Stuart
Mill aus, als er sagte, eine Verdoppelung des Geldvorrates würde
keine andere Wirkung haben als eine Verdoppelung aller Preise und
Löhne, er übersah nur, daß dies sich erst durch eine wirtschaftliche
Revolution vollziehen kann, weil, wie oben angeführt, die Nachfrage
nach den verschiedenen Gegenständen sich sehr ungleich gestalten
würde, mit allen sich daraus ergebenden Folgen.

$ 30.
Die Geschichte der Wertschwankungen der Edelmetalle.
Helferich, Ueber die periodischen Schwankungen der Werte der edlen Me-;alle.
 Nürnberg 1843.
Ders., Die Geldentwertung im 16. u. 17. Jahrh, Z. f. Staatsw., Bd. XIV.
Die historische Entwickelung des Geldwertes Jäßt sich nicht mit
Genauigkeit verfolgen, wie oben festgestellt wurde. Die Schwankungen
sind indessen so bedeutend in den verschiedenen großen Perioden der

Folgen einer
Verteuerung
des Geldes.

Altertum.
        <pb n="96" />
        78

Mittelalter.


Neue Zeit

Weltgeschichte gewesen, daß doch gewisse Phasen derselben Berücksichtigung
 verdienen. Vor allen Dingen ist darauf aufmerksam zu
machen, daß der Vorrat an Edelmetall schon im klassischen Altertume
ein sehr erheblicher war, der infolge der Konzentrierung auf ein kleines
Territorium und eine geringe Bevölkerung, welche den damaligen Weltverkehr
 umfaßte, sehr erheblich ins Gewicht fiel. Dazu kommt, daß
die Verteilung jenes Vorrats eine weit geringere war als in der neueren
Zeit, vielmehr die Konzentration in einzelnen Händen alles übersteigt,
was in dieser Beziehung gegenwärtig auch nur annähernd vorkommt.
Der Schatz des Ptolomäus Philadelphus wurde nach Böckh
auf 740000 Talente geschätzt, nach unserem Gelde etwa drei Milliarden
Mark, eine Summe, die ungefähr den Barvorrat der deutschen Reichsbank
 mehr als dreimal übersteigt, der gegenwärtig die Grundlage eines
großen Unternehmens bildet, welches hauptsächlich im öffentlichen
Interesse arbeitet, nicht den Besitz eines Herrschers ausmacht. Cyrus
hinterließ 500000 Talente oder zwei Milliarden Mark, und derartige
Nachweise der: Anhäufung eines Barschatzes in einzelnen Händen
ließen sich leicht erheblich vermehren. Leider aber fehlt es an Arbeiten,
 welche auf Grund der neuerdings zu Tage geförderten Inschriften
und sonstigen Dokumente den damaligen Geldwert nach Preisüberlieferungen
 festzustellen versuchen, so wünschenswert dieses wäre und
so viel wertvolles Material hierzu allmählich aufgefunden ist. Man
wird indeß annehmen können, daß der Geldwert zur Zeit der Blüte
Griechenlands und Roms nicht wesentlich von dem in der Zeit von
1750—1850 entfernt gewesen sel.
Zur Zeit der Völkerwanderung ging ein großer Teil der bis dahin
angesammelten Schätze verloren, und die Edelmetallproduktion schlief
Jahrhunderte hindurch fast völlig ein, so daß eine sehr starke Steige:
rung des Geldwertes stattgefunden haben muß. Man hat angenommen,
Jaß er bis zum Jahre 800 auf das Vierfache gestiegen ist, indem man
berücksichtigte, daß der Preis einer Kuh nach unserem gegenwärtigen
Gelde etwa 3 Mk. war, der eines Zentners Weizen im großen Durchschnitt
 1 Mk. wenig überstieg, eines Zentners Roggen 1 Mk. kaum erreichte.
 Seit jener Zeit begann die Produktion namentlich an Silber
in verschiedenen Teilen Europas, besonders in Böhmen, Sachsen, im
Harz eine beachtenswerte Ausdehnung zu gewinnen, so daß der Geldwert
 bis zum Jahre 1300 sank, um dann etwa zwei Jahrhunderte zum
Stillstand zu gelangen.
Die Entdeckung Amerikas bewirkte dann ein rapides Sinken des
Wertes der Edelmetalle; in Spanien schon Ende des 15. Jahrhunderts;
in Frankreich und Deutschland insbesondere von 1500—1600. Die
Goldbeute der Spanier in Peru wird auf 20 Mill, Mark veranschlagt.
Die gesamte Ausbeute an Gold in den amerikanischen Kolonieen wird
von Lexis für die Zeit von 1500—1521 auf 100 Mill. Mark geschätzt;
von 1534—1600 von Soetbeer auf 230 Mill, Mark an Gold. Bei der
geringen Ausdehnung der Kulturwelt, der niedrigen Bevölkerung der
damaligen Zeit und ‘der geringen Ausdehnung des Geldverkehrs,
namentlich bei der Landbevölkerung, mußte dieses Quantum einen erheblichen
 Druck auf den Goldwert ausüben. Die Gesamtproduktion
an Silber schätzt Soetbeer für die Zeit von 1501—1544 auf 460 Mill.
Mark in Amerika und Europa zusammen. In den 15 Jahren von
1545—1560 allein 740 Mill. Von 1561—1580 auf 920 Mill. Von
1581-—1600 auf 1220 Mill. Bis in die Mitte des folgenden Jahrhunderts
        <pb n="97" />
        - 19 2

blieb sich dann die Produktion ungefähr gleich. Es. ist aber aus den
Angaben ersichtlich, wie außerordentlich schnell in der ersten Hälfte
des 16. Jahrhunderts die Produktion an Silber zugenommen hat, und
mit der des Goldes gemeinsam einen erheblichen Druck auf den Wert
des Edelmetalles ausgeübt haben muß, so daß er in dem 17. Jahrhundert
 gegenüber der Zeit von 1300—1500 mindestens auf die Hälfte
gesunken ist, und gegenüber der Zeit von 1750—1850 etwa wie 1,5
zu ] angenommen werden kann.
Infolge der Entdeckung der Goldlager in Kalifornien nahm nun
seit 1848 die Goldproduktion in außerordentlicher Weise zu. War
die jährliche Produktion in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts etwa
23700 Kilo Gold gewesen, so veranschlagt man sie in der Zeit von
1851—80 auf 187000 Kilo, sie hat sich also verachtfacht. Zu gleicher
Zeit nahm auch die Produktion an Silber erheblich zu, die aber doch
nur ungefähr eine Verdoppelung erfuhr. Dies hätte unzweifelhaft eine
gewaltige Entwertung der Edelmetalle herbeiführen müssen, zumal zu
gleicher Zeit der Umsatz auf Grund des Kredites und die Anwendung
der Geldsurrogate vermittelst der Banken eine große Ausbreitung gewannen,
 wenn nicht in jener Zeit der Weltverkehr eine wesentliche
Erweiterung erfahren hätte, und die rapide Zunahme der Bevölkerung
und noch in höherem Maße des ganzen Wohlstandes dem entgegengewirkt
 hätte. Besonders erheblich war der Abfluß an Silber nach
dem Örient, indem die von dort bezogenen Waren, aus China Thee
und Seide, aus Indien Gewürze, Reis, Indigo etc. in der Hauptsache
mit klingender Münze bezahlt werden mußten, die dort in ausgedehntem
 Maße zur Thesaurierung in den Tempeln, dann in den
Händen der Fürsten benutzt wurde, und dadurch aus dem Verkehre
verschwand, weil vor allen Dingen China sich gegen die Einfuhr europäischer
 Waren verschloß, die bei der geringen Kaufkraft der Bevölkerung
 in Indien von selbst unterblieb. Während bis dahin fast
aur Silber nach dem Orient floß, wurde in neuerer Zeit allmählich
dort auch Gold aufgenommen. So blieb die bedeutende Vermehrung
les Vorrates an Gold in Europa ohne nachweisbaren Einfluß auf den
Wert des Goldes wie des Geldes. Von größerer Bedeutung war es
natürlich, daß der stärkere Zufluß an Gold auch Veranlassung wurde
zu erweiterter Anwendung desselben zu Münzzwecken, dann insbe-3ondere
 in der Industrie. In der letzteren Beziehung ist die Nachfrage
naturgemäß außerordentlich dehnbar, weil das Streben nach Besitz
jenes blinkenden Edelmetalls ein allgemeines ist. Jede Hebung des
Wohlstandes schließt deshalb auch eine entsprechende Erweiterung der
Verwendung ein, und man kann in unserer Zeit verfolgen, wie auch die
unteren Klassen von Jahr zu Jahr mehr Gebrauch davon machen. Die
Gesamtrverwendung an Gold belief sich nach Soetbeer in der civilisierten
 Welt 1831—50 auf 19000 Kilo, 1897 (nach Haupt) auf
88.000 Kilo, sie ist also auf mehr als das Vierfache in einem halben
Jahrhundert gestiegen und hat sich seit den sechziger Jahren fast verdoppelt.

Infolge der oben erwähnten Thatsachen war die Wirkung des
starken Goldzuflusses derartig abgeschwächt, daß eine Herabdrückung
des Goldwertes dadurch nicht nachweisbar ist, und es ist dieses zugleich
 als ein Beweis hervorzuheben, daß gegenüber dem gewaltigen
Vorrat an Gold die Neuproduktion nur einen unbedeutenden Einfluß
auszuüben vermasg.

Kalifornien.
        <pb n="98" />
        30

Die neueste Seit 1875 ist nun allgemein das Preisniveau im Engrosverkehre
Zeit. mehr und mehr herabgedrückt, mit anderen Worten, der Geldwert ist
gestiegen, und zwar in einem erheblichen Maße, so daß die Einwirkung
auf die ganze Volkswirtschaft eine bedeutende war. Die Untersuchung
 für eine Anzahl Waren in England ergab das Preisverhältnis
des Durchschnittes von 1867—77 gegenüber 1894—98: 100 zu 62;
nach den Hamburger Preisen von 1847—67 zu 1896—1900 wie 100 zu
etwa 80.
Ursachen der Worauf ist diese Veränderung des Geldwertes zurückzuführen ?
neuesten Zunächst war man der Ansicht, daß es sich um eine Verteuerung des
Geldverteue- Go]des handele. Und diese Auffassung hätte nach der Statistik zu-“-
 nächst außerordentlich Vieles für sich, denn es ergab sich, daß gerade
in jener Zeit die jährliche Produktion an Gold nicht wie bisher zu-,
sondern abgenommen hatte. Von 1851—80 wurde dieselbe auf
187000 Kilo pro Jahr veranschlagt. Von 1881—90 auf nur 156 000,
während in derselben Zeit der Verbrauch für die Münze und für
industrielle Zwecke fortdauernd gestiegen war. Da zu gleicher Zeit
sich in den Banken Europas, namentlich in England und Deutschland,
ein Goldmangel herausstellte, der in häufigem Steigen des Diskonts
zum Ausdruck kam, durch den die Banken ihren Geldvorrat zu verteidigen
 suchten, so lag die Schlußfolgerung nahe, daß eine allgemeine
Goldknappheit infolge der geringeren Produktion vorlag, die zu
einer Verteuerung des Goldes geführt habe, Freilich konnte dem
gegenüber sofort eingewendet werden, daß die erwähnte Preisstatistik
sich fast nur auf Rohmaterial und Engrospreise bezog, während die
Detailpreise nicht in dem gleichen Maße zurückgegangen waren, ja die
Löhne sogar in der gleichen Zeit einen nicht unerheblichen Aufschwung
genommen. hatten.
Die ganze Annahme ist aber durch die Erscheinung der späteren
Jahre nachdrücklichst widerlegt, weil seit jener Zeit die Goldproduktion
einen enornren Aufschwung genommen hat. Schon von 1891—-95 war
die Produktion auf circa 230000 Kilo gestiegen und erreichte bis 1898
eine Höhe von 430000 Kilo. Sie hatte sich also seit den achtziger
Jahren mehr als verdoppelt. Gleichwohl ist bis 1898 eine Steigerung
des Preisniveaus in kaum merkbarer Weise zu Tage getreten. Wenn
aber ein Anwachsen der Produktion in wenig Jahren um 200 000 Kilo
Gold in solcher Weise spurlos an dem Geldwerte vorüberging, während
in dieser kurzen Zeit erhebliche Veränderungen in der Nachfrage nach Gold
nicht eingetreten sein können, so liegt der Beweis vor, daß man überhaupt
 den Einfluß der Edelmetallproduktion auf denselben überschätzt
hat, und ganz unmöglich der unbedeutende Rückgang der Produktion
um 30000 Kilo in den 80er Jahren einen so tiefgreifenden Einfluß
auf die Preisverhältnisse gehabt haben kann. Die Ursache ist vielmehr
nicht bei dem Gelde, sondern bei den Waren zu suchen, deren Produktionsverhältnisse
 seit Mitte der 70er Jahre durchgreifende Veränderungen
 erfahren haben. Dieselben sind in folgenden Momenten zu
suchen.
Neuere Ver- In allen Ländern ist in dieser Zeit außerordentlich viel für die
‚Änderungen Verbesserung der Kommunikationsmittel geschehen. Das Kisenbahn-U
 netz ist sowohl in Europa, wie in anderen Erdteilen in erheblichem
dingungen d. Maße ausgedehnt, und dadurch die Fracht verbilligt, die Produktion
Waren. erleichtert. Insbesondere konnten in den überseeischen Ländern die
Produkte billiger nach den Häfen gebracht werden, die dadurch erst
        <pb n="99" />
        81

neu mit dem Weltmarkt in Verbindung kamen, was zumal bei dem
Getreide, Reis, Kaffee etc. von Bedeutung war. Die Frachtsätze in
dem Seeverkehre erfuhren im großen Durchschnitt eine Ermäßigung
ım mehr als die Hälfte,
Der bedeutsame Verkehr mit Indien wurde durch die Durehstechung
 der Landenge von Suez in erheblichem Maße abgekürzt, was
auf die von dort bezogenen Waren, man denke an die große Zahl der von
dortherstammenden Materialwaren, wesentlichen Einfluß ausgeübt hat,
Durch eine große Zahl von durchgreifenden Erfindungen sind in
dieser Zeit die Produktionskosten in fast allen Erwerbszweigen ermäßigt,
ganz besonders auf dem Gebiete der chemischen Industrie, der Stahlfabrikation,
 der Eisenindustrie und in verschiedenen Handwerkszweigen.
Die Verwertung dieser Erfindungen wurde dann durch die Ausbildung
des Großbetriebes bedeutend begünstigt und ihr Einfluß dadurch vervielfältigt.
 Gerade durch diese Erleichterung der Massenproduktion
ist es in vielen Industriebranchen möglich geworden, in kurzer Zeit
mehr zu produzieren, als Bedarf vorliegt. Die Konkurrenz ist dadurch
übermäßig gesteigert, und auch dieses mußte einen Druck auf die
Preise ausüben.
Es haben mithin so durchgreifende Veränderungen der Produktionsverhältnisse
 in den letzten Dezennien stattgefunden, daß daraus
der Rückgang der Preise im großen Durchschnitte ausreichend zu erklären
 ist, und man nicht nötig hat, die Ursache bei dem Golde zu
auchen.

$ 31.
Zur Statistik der Edelmetalle.

Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Art. Gold, Silber.
Tabellen zur Währungsstatistik, verf, vom k. k. Finanzministerium. Wien
1893—96.
Ed. Suefs, Die Zukunft des Goldes, 2. Aufl, Wien 1892. .
Ders., Die Zukunft des Silbers. Wien 1893,
5. M. Lindsay, Die Preisbewegung der Edelmetalle. Jena 1893.
Th. Taussig, The Silver Situation in the United States, Baltimore 1894.
Verhandlungen der Kommission zur Hebung des Silberwertes. Bd. I und II.
Zerlin 1894,
Annual Report of the director of the mint upon production of the precious
metals in the U. St. Washington.
Jahrb. f. Nat., 1896. 3. F. Bd. XI. Lexis, Die Edelmetallgewinnung und
Verwendung in den letzten Dezennien.

Die Jährliche Produktion belief sich au‘
1800—1850 23697 654.476
1851—1880 186 880 450133
1881— 1885 155.020 2607000
18586— 1890 157080 3463 800
‚891 186 600 1267000
1892 208 700 4765100
1893 226 400 5138000
1894 258 400 5183000
1895 285.000 1236 000
Jonrad, Grundrifs der polit. Oekonomie. Teil. 4 Aufl.

Die gesamte Produktion an Edelmetall betrug:
Gold Silber Gold Silber
Kilo Kilo Mill. Mark
1843—1850 4697000 149508 000 13104 26911
1851—1880 5 606 400 43 404.000 "bh 49 7830
1881—1884 588 700 11117C0N 2001

A6,1
381,4
132,5
138,2
520,6
381,3
581,7
7199
345.0

117,8
261
495
628
308
350
920
915
980

Produktion.
        <pb n="100" />
        79

Münzbestand.


Silber Gold Silber
Kilo Mill. Mark
1886 300 850,0 879
4 990 000 991,0 898
5388 000 1203,2 970
5201000 1287,0 936
5561 000 1081,0 1001
In den verschiedenen Staaten entwickelte sich die Goldproduktion
n der folgenden Weise:
Verein. Staaten Australien Südafrikan. Rep. Rußland
Kilo Kilo Kilo Kilo
49 000 1977) 13.925
39 000 7 CO
70 000 7% wW
80 000 5
er
79 244
121017
110 182

86 000 91 007 34.977
97 000 97 600 38 300
106 911 119 352 33 354
Hieraus ergiebt sich, daß die (}esamtproduktion an Gold sich
innerhalb 10 Jahren mehr als verdoppelt hat und zwar an allen Orten,
in welchen überhaupt die Goldproduktion eine Bedeutung hatte; ganz
besonders in den Südafrikanischen Republiken, wo noch im Jahre 1885
nur 500 Kilo Gold‘ gewonnen wurden, 1887 erst 1700. Der Krieg
mit Transvaal hat im Jahre 1899 allerdings eine Unterbrechung herbeigeführt,
 die aber sicher bald ausgeglichen sein wird. Die Produktion
an Gold wurde in Britisch-Indien auf 12700 Kilo, in Mexiko auf
12800 Kilo, in Canada auf 20800 Kilo im Jahre 1898/99 berechnet.
Diese Zunahme der Goldproduktion ist vor allem auch in dem
Goldvorrat der großen Banken zu spüren gewesen, der sich in der
folgenden Weise vergrößert hat:

Ende

1890 6340 Mill. Mk.
1893 7957 »
1895 8778
1898 9620 „
1899 9729 %
1900 10402 ©
1901 113836 ©

9

In den letzten Jahren ist allerdings der Bestand etwas zurückgegangen.
 Die Bank von England, welche 1893 25,7 Mlll., Pfd. Gold
besaß, 1896: 46 Mill., hatte im November 1899 nur 34 Mıll, Ende
1901: 33 Mill. Pfd. St. Die österreichische Bank besaß 1890 92,3 Mill.
Mk., 1896: 513,6 Mill. Mk., Ende 1900: 781,7: 1901: 948,7 Mill. Mk.
Die Silberproduktion war :
Verein, Staaten Mexiko
Kilo Kilo
1896 1.830 347 1422315
1897 1.675 582 1.676 925
1898 1 693 563 1.765116
1899 1.703 720 1.730 089

35

Den Vorrat an Münzen und Barren setzte Soetbeer 1880 auf
13,1 Milliarden Mk. in Gold, 8.4 Milliarden Mk. in Silber, Ende 1895
Lexis dagegen unter Ausschluß Östasiens das Gold auf 16 Milliarden,
ler Direktor of the mint der Verein. Staaten inkl. Asien pro 1898/99
auf 19,3 Milliarden Mk. Gold und 16,1 Milliarden Mk, Silber. (Jahrb.
° Nat.-Oek. 1900, Bd. XIX, 8. 132.)
        <pb n="101" />
        — 83

Der Vorrat verteilte sich im Jahre 1899, wie folgt:
Gold Silber
Mill. Mk. Mill. Mk.
2750 874
3404 1764
638 418
1941 470
3109 344
930 618
3972 2684

Deutschland
Frankreich
Die übrigen Staaten des lateinischen Münzbundes
England
Rußland
Jesterreich-Ungarn
Vereinigte Staaten
Der Gesamtvorrat in Europa und Amerika wurde in den achtziger
Jahren auf ca. 26 Milliarden Mk. in Gold und 18 Millionen Mk. in
Silber geschätzt, so daß in Geräten aller Art 13 Milliarden oder 50 %
des Goldes zu veranschlagen gewesen wären, 10 Milliarden oder 55%
Jes Silbers. Lexis schätzte den Gesamtvorrat pro 1900 auf 35,5 Mülarden
 an Gold.
Der jährliche Verbrauch belief sich in den eivilisierten Staaten in Verbrauch,
Summa nach ungefährer Schätzung:
an Gold:

Für Münzzwecke.
 Ueber- an
schuß zur Ver- &amp;amp; fällige:
mehrung des "R Vo Te a
Vorrates ES
Kilo Kilo

Abfluß
nach dem
Orient

[ndustrieller
Verbrauch

Produktion

Kilo

[831—5)
1851—70 |
L871—80
1881—85 |
‚886—90
1897
1898

Kilo

Kilo

SUUT
132 050
73 500
23 200
40 570
66 000
59 000

)
)
300
500

1.900
20.000
12.000
24.000
60.000 3
7000 2

19 000
32 500
84 000
70 000
98 600
97 800

27 500
195 150
170 300
155 020
157 080
340 000
432 000

1831—50 ! + 375 000 688 400
L851—70 — 400 000 1057 800
L871—80 U 120 000 2.234 500
1881—85 - 383 400 2.223 500
1886—90 158 656 3 463 800
1891—94 | + 149406 4838 250
1894 | 500002) | 1000000 5.104 000
1898 600002 | 1089 000 5143 000
Nach den Angaben des amerikanischen Münzdirektors wurden
von 1886 —90 für 562,8 Mill. Mk. Gold neu ausgeprägt
1895 —97 » 1210,6 2 n 2 ” »”
an Silber 1897: 400000 kg; 1898: 360 000 kg.
Wie viel davon aber aus neugewonnenem Metall, ist sehr unsicher.

an Silber:
a0 230.000 |
\) „180.000
X 080 000
283 000

$ 32,
Das Verhältnis zwischen Gold und Silber.
Ed. Suefs, Die Zukunft des Goldes. Wien 1892.
Th. Hertzka, Währung und Handel, Buch II. Wien 1877. nn
‚Jahrbücher f, Nat. 1880, Bd. XXXIV. Lexis, Beiträge zur Statistik der
Zdelmetalle ete. x
A. Soetbeer, Edelmetallproduktion und Wertverhältnis von Gold und Silber. 1879.
Petermanns Mitteilungen, Erg.-H. 51. Economist, London. Greschich
„. Je nach dem Verhältnis von Produktion und Bedarf steht das che Uebe
Silber bald höher, bald niedriger im Werte gegenüber dem Golde. blick,
1) Indien und Japan.
        <pb n="102" />
        34

Schon im Altertume sind Schwankungen darin nachzuweisen. Unter
Darius war das Wertverhältnis der Gold- und Silbermünzen wie 1: 13,
daneben waren Münzen im Umlauf, welche aus einer Mischung von
GHold und Silber, Elektron genannt, hergestellt waren, welches das Verhältnis
 wie 1:10 zeigte. Auch im alten Rom ist das Verhältnis zeitweise
 wie 1: 10, zeitweise wie 1:14 gewesen. Bis zum Beginn unserer Zeitrechnung
 scheint dasselbe zwischen 1:10 und 1:14 geschwankt zu haben.
Zur karolingischen Zeit ist als Minimum 1: 12 anzunehmen. In
der ersten Zeit des fränkischen Reiches verschob es sich zu 1: 10, im
letzten Drittel des 6. Jahrhunderts war es wie 1: 14; in dem späteren
Mittelalter sind die Angaben sehr unsicher. Ludwig der Heilige acceptierte
 bei seiner Münzprägung das Verhältnis wie 1: 12,2, das sich
eine lange Zeit sehr allgemein so gehalten zu haben scheint. Für
Ende des 15. Jahrhunderts wird es wie 1:11 angenommen. Nach
Rechnungen, die aus der deutschen Ordenszeit überliefert sind, läßt
sich ein Verhältnis zeitweise wie 1: 9, zeitweise wie 1: 12 berechnen.
In dem Augsburger Reichsabschied von 1568 wurde es wie 1: 11,55
festgesetzt. Soetbeer berechnete das Wertverhältnis in Süddeutschland
 1601 1:11,86, 1605 12,02, 1624 13,42, 1631 13,42, 1680 15,1.
Auch für Frankreich und England sind für jene Zeit ähnliche
Schwankungen zu konstatieren. Nach den Hamburger Kurszetteln hat
derselbe Autor für die Zeit von 1691—1830 die folgende interessante
Zusammenstellung geliefert:

Jahre
‚691— 1700
„701— 1710
„711—1720
‚721—1780
‚731—1740
741—1750
51—1760
761— 1770
771—1780
.81—1790
1791-—1800
L801—1810
L811—1820
i821— 1830

Max.
‚5,20
15,52
‘5,31
5,24
41
0,26
4,94
10,27
14,80
0,04
15,74
16,08
16,25
15.95

Jin.
14,81
1,07
4
31
‚91
4,80
4,14
4,54
14,53
14,42
15,00
15,26
15,11
15.70

Irechschn,
4,96
1,27
5,15
‚5,09
5,07
“93
156
+81
“64
4,76
15,42
15,61
15,51
15.80

Neuere Zeit. Für die neuere Zeit ist der englische Markt für die Bestimmung
des Wertes des Edelmetalles für die ganze Welt maßgebend. Dort
war das Wertverhältnis von 1801—50 wie 1: 15,65. Die weitere Entwickelung
 geben wir in der folgenden Tabelle.

fahr

851—60
‚861—70
870
871
872
1873
874
1875
1876
1877
878
879
R80

5 as : Wertverhältnis von
Preis des Silbers in Pence old. zu Silber zuel dem
niedrigster höchster Huzchschmligsprehs
5,
1,48
'5,45
„5,51
„5,56
15,95
16,05
16,54
17,72
: 17,24
: 17,96
1:18,31
_ : 18.00

h.,

308
31
312%
504)
301
37%
815
81
5
531
ZUR
        <pb n="103" />
        85

: n x Wertverhältnis von
Preis des Silbers in Pence Gold zu Silber nach dem
1ledrigster höchster Durchschnittspreis
881 18% 521% 18,15
:882 3976 18,17
883 J 1 18,62
884 92% 135 18,58
385 ) Be 18,17
386 “ 7 20,79
1887 51 71% 20,67
1888 . ae ?ı6 22,00
1859 us ET 22,09
‚890 35), 45 19,75
1891 31 18% + 20,93
1892 377 13%, - 23,69
1893 1% 3894 ; 26,43
[894 7 31% - 32.49
1895 Us 319 ; 32,60
1896 : 31%, : 30,43
[897 3,75 29,8 ; 3480
1898 ; 28,3 “35,14
1899 205 28%, 34,60
1900 27.1 30,19 . : 33.35
„4901 24,94 29,56 1: 34,33 . .
Die vorstehenden Zahlen lassen ersehen, daß, soweit wir die
historische Entwickelung zurück verfolgen können, wenn auch unter
vielfachen Schwankungen das Silber allmählich eine immer größere Entwertung
 erfahren hat. In dem vorigen und in der ersten Hälfte dieses
Jahrhunderts war das Wertverhältnis ziemlich konstant 1: 15 bis 1: 15,6.
Mitte der siebziger Jahre begann dann ein bedeutendes Sinken des
Silberwertes von 60 Pence pro Unze bis auf 27 Pence im Jahre 1899,
während der Preis zeitweise sogar bis unter 24 Pence heruntergegangen
war, Das Verhältnis erfuhr mithin in der neuesten Zeit eine Verschiebung,
 wie sie die Geschichte noch niemals auch nur annähernd
aufzuweisen hatte.
Welches waren nun die Ursachen dieser auffallenden Erscheinung?
1. Es kann darüber kaum ein Zweifel sein, daß den Anstoß zu
dieser Verschiebung der Uebergang Deutschlands von der Silber- zur
Goldwährung gegeben hat. Während bis dahin Deutschland auf dem
Londoner Markte regelmäßig als beachtenswerter Käufer von Silber
aufgetreten war, begann es nun sogar nicht unbedeutende Quantitäten
(5 Millionen Pfund) zum Verkauf zu stellen. Auch die skandinavischen
Reiche, welche 1872 die Silberwährung aufgaben und den Uebergang
zur Goldwährung viel schneller vollzogen als Deutschland, stießen
iberschüssiges Silber ab. Die erste bedeutsame Folge hiervon war,
laß die Länder der lateinischen Münzkonvention 1873 die freie Ausprägung
 des Silbers sistierten. Damit war der Abflußkanal geschlossen,
ler bis dahin in bedeutsamer Weise eine Ueberfüllung des Weltmarktes
mit einem Metalle verhindert hatte, indem jedes überschüssige Quantum,
 welches das Wertverhältnis zu verschieben drohte, in die Münzen,
insbesondere von Frankreich, Italien und Belgien floß, um dort zur
Ausprägung zu gelangen, während das auf dem Weltmarkt fehlende
Metall jenen Ländern entzogen und auf den Markt geworfen wurde.
Daß dieses ein wesentliches Moment war, um das Wertverhältnis
lange Zeit zu stützen, kann wohl keinem Zweifel unterliegen. Freilich
aätte in den fünfziger Jahren Frankreich allein hierzu schwerlich auszereicht,
 da die Produktionsverhältnisse der Edelmetalle sich seit 1851
rollständie verschoben hatten. Während in der ersten Hälfte des Jahr-Fahr



rsachen der
Entwertung
les Silbers.
        <pb n="104" />
        — 8 -.

Zunahme
der Silberroduktion.


hunderts die Goldproduktion nur 36%, die Silberproduktion 64 9% der
gesamten Edelmetallproduktion ausmachte, hatte sich im Durchschnitt
der Jahre von 1851—80 der Prozentsatz gerade umgekehrt, er war
an Gold 66,7% , an Silber 33,3% , und erst seitdem hat die Silberproduktion
 wiederum eine höhere Bedeutung erlangt. Die Ausdehnung
der civilisierten Welt, der wachsende Bedarf an Gold für Industriezwecke,
 der erhöhte Abfluß von Gold nach dem Orient müssen hier
ausgleichend gewirkt haben. Offenbar war auch damals der Edelmetallmarkt
 nicht so ausgebildet wie jetzt. Die Neuproduktion erschien nicht
in der ganzen Masse auf dem Markte, so daß schon ein geringeres
Quantum, welches zu jeder Zeit ohne Schwierigkeit auf den Markt
geworfen werden konnte, ausgleichend zu wirken vermochte.
In den angeführten Momenten aber die alleinige Ursache der
Silberentwertung zu sehen, ist völlig unberechtigt. Ein Beweis dagegen
 wurde von Deutschland geliefert, indem es auf das Drängen der
Bimetallisten 1879 den Verkauf von Silber sistierte, in der Hoffnung,
dadurch dem weiteren Sinken des Silberwertes ein Ziel zu setzen. Die
Erwartung wurde völlig getäuscht, das Silber sank trotzdem in den
achtziger Jahren in noch rapiderer Weise.
Ungleich bedeutsamer ist sicher das zweite Moment gewesen:
2. die Zunahme der Silberproduktion in den letzten Dezennien, die seit
den sechziger Jahren sich auf das Fünffache entwickelt hat. Unterstützt
 wurde die Wirkung noch durch ein erhebliches Sinken der Produktionskosten,
 infolge der Erfindung sowohl einer Anzahl Maschinen,
welche den bergmännischen Betrieb erleichterten, wie eines verbesserten
Verfahrens der chemischen Ausscheidung des Silbers und besonders
einer vollständigeren Gewinnung desselben aus dem Erz, so daß trotz
des bedeutenden Sinkens der Preise sich in verschiedenen Gegenden die
Produktion bezahlt machte, wie bisher, besonders wenn man durch Forcierung
 der Produktion im Großen die Generalunkosten verminderte.
3, Gerade in den 70er Jahren verminderte sich der Abfluß von
Silber nach dem Orient etwas, aber nicht sehr erheblich und hat sich
seitdem längere Zeit auf derselben Höhe erhalten. Gegenüber der
wesentlich gestiegenen Produktion fiel deshalb diese Ausfuhr weniger
ins Gewicht als früher.
4. Schließlich kam hinzu, daß der Verbrauch für industrielle
Zwecke bei dem Golde bis in die neunziger Jahre viel mehr wuchs, als
bei dem Silber.
Aus allem mußte sich ergeben, daß das Verhältnis zwischen Gold
und Silber sich mehr und mehr zu Ungunsten des letzteren verschob,
 und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß auch ohne eine
Veränderung in den Währungsverhältnissen das Silber in den 80er
und 90er Jahren eine Entwertung erfahren haben würde. Gegenüber
der gewaltigen Produktion spielte der Bedarf an Münzmetall keine
Jurchgreifende Rolle mehr, so daß auch die Aufrechterhaltung der freien
Ausprägung in Frankreich, ja selbst die Ausdehnung des Bimetallismus
auf andere Länder keinen anderen Einfluß ausgeübt haben würde, als
den Ersatz der Goldmünze durch Silbermünze, was in wenig Jahren
geschehen sein würde, worauf ein weiterer Einfluß auf das Wertrverhältnis
 der Metalle natürlich ausgeschlossen gewesen wäre, Wie sich
das Wertverhältnis in der nächsten Zukunft gestalten wird, hängt durchaus
 von der weiteren Entwickelung der Produktion ab, die einstweilen
nicht mit Bestimmtheit vorauszusehen ist.
        <pb n="105" />
        97

S 33.
Die volkswirtschaftlichen Wirkungen der Silberentwertung.


Welches sind nun die volkswirtschaftlichen Folgen, die eine solche
Entwertung des Silbers, wie sie in der neueren Zeit ‚stattgefunden hat,
auszuüben vermag, und welche lassen sich in der neueren Zeit konstatieren
 ?
A. In erster Linie kommt der Einfluß auf die Münzzirkulation in
Betracht. Ein Land, welches in großer Ausdehnung Silbermünzen als
gesetzliches Zahlungsmittel im Umlaufe hat, kommt dadurch in eine
äußerst prekäre Lage. Das gesetzliche Zahlungsmittel wird in der
Hauptsache Kreditgeld, der Wert desselben beruht nicht auf dem
Metallgehalt, sondern auf dem Kredit des Staates, resp. auf dem Vertrauen
 auf die dauernde Absatzfähigkeit des Geldes. In dieser Lage
befinden sich Frankreich, die Vereinigten Staaten von
Nord-Amerika, vor allen Dingen Indien und Mexiko.
Der Schaden für das betreffende Land, welches in großer Ausdehnung
 Silber im Umlauf hat, liegt auf der Hand. Frankreich und
die Nordamerikanische Union, welche einen Silbervorrat von rund
über 2 Milliarden Mark teils in Zirkulation befindlich, teils aufgespeichert
haben, erfahren durch die Entwertung desselben eine Einbuße von 1%,
Milliarden. Auch Deutschland hatte bei dem Verkauf des überschüssigen
Silbers schon in den 70er Jahren einen Verlust von über 70 Millionen
erlitten, und auch da ist noch die Einbuße durch die Entwertung des
vorhandenen Silberumlaufs von rund einer Milliarde Mark hinzuzurechnen;
 aber der damit verbundene Verlust steht doch weit zurück
hinter der Einbuße, welche das Land durch mehrjährige Mißernten,
oder einen allgemeinen Rückgang der Eisen- und Kohlenpreise erfährt.
So lange die Münze nicht eingeschmolzen und als Silber an das Ausland
 verkauft wird, merkt Niemand etwas: von dem Verlust, Er wird
deshalb thatsächlich in seiner volkswirtschaftlichen Bedeutung gewaltig
überschätzt. In einem höheren Maße fällt die Entwertung des gesetzlichen
 Zahlungsmittels in das Gewicht, wo Silberwährung vorliegt, gegenüber
 dem Auslande, wo Goldwährung besteht. Wo dasselbe eine große
Bedeutung hat, wie in Frankreich und der Nordamerikanischen Union,
wird dieses seine außerordentlichen Bedenken haben. Es liegt dann die
Gefahr vor, daß im Falle eines Krieges Schwierigkeiten in dem Absatz
desselben entstehen, die andere Münze Agio erzielt und, wenn dieselbe in
zu geringen Quantitäten vorhanden ist, sich empfindliche Zahlungsstockungen
 entwickeln. Als in Deutschland noch Ende der 70er Jahre
für etwa eine halbe Milliarde Mark Thaler im Umlauf waren, blieb dies
zwar ein mißlicher Umstand, der aber zu ernsten Bedenken einen Anlaß
nicht geben konnte, weil sie nur einen kleinen Teil des gesamten. Umlaufs
an klingender Münze ausmachten und die Zahlungen an die Staatskassen
 der Post, Eisenbahn, des Steuerfiskus so bedeutende sind, daß
ladurch zu jeder Zeit die Absatzfähigkeit zu vollem Werte gewährleistet
war, Seitdem hat sich der Vorrat an Thalern nach den offiziellen
Angaben auf circa 360 Millionen Mark vermindert, und dieses soll nun
nach dem Gesetz von 1900 durch erweiterte Ausprägung der Silberscheidemünze
 und durch Einschmelzung des Restes und Verkauf des
Silbers beseitigt werden. Nach dieser Richtung hat mithin für Deutsch-Verlust

 durch
das Sinken
des Siberwertes.
        <pb n="106" />
        38

Wirkung auf
lie Warenpreise.


land das Sinken des Silberwertes keine Bedeutung. Dagegen leidet
England erheblich unter der Entwertung der Silberrupien in Indien.
Dieser entsprechend ist die Steuer- wie die Zinszahlung aus Indien
vermindert,
2. Die Länder, welche ausgedehnte Silberbergwerke besitzen,
erleiden natürlich durch eine Verminderung des Wertes des Silbers
eine erhebliche Einbuße. Da zu diesen Ländern in erster Linie die
Vereinigten Staaten von Nordamerika gehören, wo namentlich in den
reichen Silberwerken von Nevada eine wesentliche Quelle des Wohlstandes
 liegt, so ist es nicht zu verwundern, daß gerade dort auch die
größte Energie entfaltet wird, um den Silberpreis wieder zu heben.
In Deutschland dagegen spielt der Silberbergbau nur eine sehr untergeordnete
 Rolle, zumal das weiße Metall, wie erwähnt, hauptsächlich
als Nebenprodukt gewonnen wird. Die Veränderung des Wertes des
Kupfers oder gar des HEisens fällt ungleich mehr in das Gewicht.
Auch nach dieser Richtung liegt für Deutschland kein Grund zu irgend
welcher Besorgnis für die Volkswirtschaft vor.
3, Länder, welche erhebliche Summen in Staaten angelegt haben,
welche die Silberwährung besitzen oder mit diesen in einem regen Handelsverkehre
 stehen, werden natürlich durch die erheblichen Schwankungen
einen entsprechenden Verlust an Zinszahlung in dem Werte der zu
leistenden Kaufsummen erfahren. In dieser Hinsicht sind auch Deutschland
 Verluste nicht erspart, aber einmal sind die in Silber an Deutschand
 zu zahlenden Zinsen nicht von großer Bedeutung, und auf der
anderen Seite muß derartige Verluste Jeder auf sich nehmen, der in
ausländischen Papieren seine Gelder anlegt. Am wenigsten kann es
die Aufgabe des Staates sein, für solche Kapitalisten irgend welche
Garantie zu übernehmen. Handelsbeziehungen kommen hier nur
mit China, Mexiko und Indien in Betracht, und der Umsatz mit ihnen
ist ein außerordentlich geringer gegenüber dem gesamten internationalen
Verkehr. In ganz anderer Weise ist in dieser Beziehung das Britische
Reich in Mitleidenschaft gezogen, indem der überaus rege Handel mit
Indien, sowie die sonstigen Zahlungen von dorther unter den Wertschwankungen
 des Silbers im höchsten Maße gelitten haben, so daß man
3ich 1893 veranlaßt sah, den Wert des dortigen Zahlungsmittels, der Rupie,
gesetzlich auf 16 P. zu fixieren. Thatsächlich aber ist es nicht gelungen,
dadurch in die internationalen Zahlungen Indiens wirkliche Gleichmäßigkeit
 zu bringen, weil jener Kurs der Rupie nicht‘ aufrecht zu
arhalten war, Auch Indien selbst litt unter diesen Schwankungen des
Silberwertes so außerordentlich, daß man gegenwärtig daran arbeitet,
die Silberwährung aufzugeben und zur Goldwährung überzugehen.
4. Besonders in Deutschland hat man in der Entwertung des
Silbers die eigentliche Ursache der allgemeinen Preisreduktion gesehen,
Hand in Hand mit der Demonetisierung desselben, indem man annahm,
 daß der Ersatz des Silbergeldes durch Goldgeld den Bedarf an
Gold übermäßig gesteigert und eine Verteuerung desselben herbeizeführt
 habe. Wir haben an anderer Stelle (S. 82) gezeigt, daß diese
Auffassung keine richtige ist, dagegen ist damit nicht erwiesen, daß
nicht einzelne Waren dadurch im Preise herabgedrückt sein können,
und besonders ist dieses von dem Getreide angenommen. Gerade in
Deutschland ist die Meinung verbreitet, daß vor allem das Sinken
les Getreidepreises auf die Entwertung des Silbers zurückzuführen
sei, insbesondere weil dasselbe aus Silberländern nach Europa käme,
        <pb n="107" />
        89 —

hier mit Gold bezahlt werde, für welches dann dort mehr Silber als
früher zu den heimischen Zahlungen erlangt werden könne. Dadurch
werde das Land mit Silberwährung in den Stand gesetzt, das Getreide
billiger zu liefern als andere Länder, und drücke den Preis herab.
Die Möglichkeit eines solchen Einflusses ist nicht in Abrede zu stellen,
Thatsächlich haben aber die Silberländer eine Bedeutung in dieser
Beziehung nicht gehabt. Rußland vor allen Dingen hatte ‚Papierwährung,
 ebenso Argentinien; Amerika hat seine Preise nicht
auf Silber, sondern auf Gold basiert, der Silberdollar ist dort infolge
der Doppelwährung nicht entwertet. Es bleiben daher nur Indien
und einzelne Staaten Südamerikas von untergeordneter Bedeutung.
 Nun sind die Lieferungen Indiens auf den europäischen Weltmarkt
überhaupt nicht bedeutend. Gerade in den 90er Jahren sind dieselben
auf ein Minimum reduziert, so daß sie absolut keinen Einfluß auf die
Weltpreise gehabt haben können. Auch diese Auffassung ist daher als
eine irrige zu bezeichnen.
Aus dem Gesagten ergiebt sich, daß gerade Deutschland von der
Silberentwertung nur wenig berührt wurde, daß vielmehr seine Stellung
gegenüber den anderen Ländern eine überaus günstige gewesen ist
und von dem Preissturze des Silbers nicht in irgend erheblicher Weise
benachteiligt wurde. Es steht auch jetzt bei weitem am günstigsten
da und kann die weitere Entwickelung mit großer Ruhe abwarten.

$ 34.
Die Aufgaben des Staates in Bezug auf das Geld?)
WW. Stanley Jevons, Geld und Geldverkehr. Leipzig 1876,
Mich. Chevalier, La monnaie. Paris 1850.
Karl Helfferich, Geschichte der deutschen Geldreform. Leipzig 1898.
Ders... Beiträge zur Geschichte der deutschen Geldreform. Leipzig 1898.

Nur der Staat ist imstande, durch seine Garantie des Gehaltes
und der dauernden Acceptierung zum Vollwerte, den Münzen das
1ötige Vertrauen zu verschaffen, um ihnen die allgemeinste Cirkulationsähigkeit
 zu sichern. Die Staatsgewalt hat auch die besten Mittel zur
Verfügung, um die nötige Kontrolle auszuüben, daß nur vollwertige
Münzen im Umlauf sind, und speziell vor Falschmünzerei Schutz zu
zewähren. Daher ist schon außerordentlich früh von dem Staate das
Münzregal in Anspruch genommen. Im persischen Reiche war
die Goldprägung ausschließlich dem Könige vorbehalten, während Silber
auch von Satrapen, abhängigen Dynasten und Städten ausgemünzt
werden durfte. In Griechenland war zur Zeit Solons, in Rom
nachweislich 269 v. Chr. die Regalisierung ausgesprochen. Im Mittelalter
 war die Prägung dem römischen Könige prinzipiell vorbehalten,
 doch scheinen die deutschen Stammesherzöge das Münzrecht
&amp;gt;hne besondere königliche Verleihung selbständig ausgeübt zu haben.
Schon im frühen Mittelalter wurde geistlichen Stiften das Recht der
Prägung von dem Könige erteilt, seit dem 11. Jahrhundert immer
allgemeiner den weltlichen Großen, seit dem 13. Jahrhundert auch den
Städten. Dadurch bildete sich in Deutschland die außerordentliche
Zersplitterung des Münzwesens aus, die zu einer Kalamität der Zeit

Münzregal.

1) Diese Fragen gehören in die Volkswirtschaftspolitik, werden aber des er-'eichterten
 Verständnisses wegen hier im Zusammenhange mit behandelt,
        <pb n="108" />
        90

‚ourant- und
Scheidemünze.


wurde, Zwar verminderte sie sich erheblich im Beginne dieses Jahrhunderts,
 blieb aber besonders durch die Anwendung des Gulden- und
Kreuzerfußes in Süddeutschland, des "Thaler- und Groschenfußes im
Norden bis in die 70er Jahre bestehen. Erst durch das Gesetz vom
9. Juli 1873 ist die einheitliche Münze für das deutsche Reich in dem
Marksysteme geschaffen worden.
Auch in Frankreich bestanden noch im 14. Jahrhundert eine sehr
große Zahl von Münzstätten der Vasallen (unter Ludwig X noch 29),
die erst allmählich beschränkt werden konnten. Erst seit Ende des
15. Jahrhunderts wurde die Einheit der Münze vollkommen erreicht.
Der Staat hat vor allem die Währung zu bestimmen, d. h. aus
welchem Metall oder sonstiger Masse das gesetzliche Zahlungsmittel
hergestellt werden soll. Für ein geordnetes Münzwesen wird vor allem
verlangt werden müssen, daß die Münze den vollen Wert an Metall
enthält, für welchen sie in Umlauf gesetzt wird, und wo durch
irgend welche Umstände unterwertige Münzen in Umlauf gesetzt sind,
wird mit allen Mitteln dahin gestrebt werden müssen, dieselben wieder
zu beseitigen. Denn nur dadurch ist für alle Eventualitäten die Zirkulationsfähigkeit
 des gesetzlichen Zahlungsmittels garantiert und auch
lie mitunter wünschenswerte Barzahlung an das Ausland erleichtert.
Man hat zu unterscheiden zwischen Courantmünze, das ist dem
gesetzlichen Zahlungsmittel für größere Summen, und der Währun gsmünze,
 d. i. dem Teil der Courantmünze, welcher auch für den internationalen
 Verkehr verwendbar ist. Die Thaler in Deutschland sind
ourantmünzen, nicht aber Währungsmünzen,
Der Courantmünze gegenüber steht die Scheidemünze, die nur
für den Kleinverkehr bestimmt ist und zu einem höheren Nennwerte
ausgegeben wird, als das darin enthaltene Metall an Wert beträgt.
In Deutschland sind Silberscheidemünzen nur im Betrage bis zu
20 Mk., Nickel- und Kupfermünzen bis zu einer Mark gesetzliches
Zahlungsmittel. Das neue Münzgesetz in Oesterreich , welches die
Kronenwährung einführt, bestimmt, daß Private nur bis 50 Kronen
silberne Einkronenstücke, bis zu 10 Kronen Nickelmünzen und bis zu
ainer Krone Bronzegeld anzunehmen verpflichtet sind,
Infolge der Unterwertigkeit der Scheidemünzen erzielt der Staat
durch die Ausgabe derselben einen Gewinn, der in früheren Zeiten
vielfach Anlaß zu Mißbrauch gegeben hat, indem weit mehr Scheidemünze
 in Umlauf gesetzt wurde, als Bedarf dafür vorlag. Das ist bis
in die letzte Zeit in großer Ausdehnung in dem Kirchenstaate ausgeübt,
 aber auch von vielen Staaten des Guldenfußes in Deutschland
in der Voraussetzung, daß dieselben in den Nachbarstaaten Verbreitung
finden würden. Das deutsche Münzgesetz vom 9. Juli 1873 bestimmte
daher als Maximum der Ausgabe von Silberscheidemünze 10 Mk. pro
Kopf der Bevölkerung. Von Kupfer- und Nickelmünzen soll nicht
mehr als 21, Mk. pro Kopf ausgeprägt werden. Im Mai 1900 ist
ain Gesetz angenommen, nach welchem die Silberausprägung auf
15 Mk. pro Kopf ausgedehnt werden kann. Der Präsident der Reichsbank
 hatte in den Verhandlungen den Nachweis geführt, daß sich ein
Bedarf nach einem größeren Quantum solchen Umlaufsmittels namentlich
 auf dem Lande herausgestellt habe. Um aber dem Publikum die
Abstoßung eines jeden überschüssigen Quantums an Scheidemünze zu
ermöglichen, bestimmte schon das Reichsgesetz von 1873, daß an den
Reichs- und Landeskassen in jedem Betrage Reichssilbermünzen in
        <pb n="109" />
        07

Zahlung genommen werden müssen und außerdem von dem Bundesrate
 Kassen bestimmt werden sollen, welche Scheidemünze in Silber
in Beträgen von mindestens 200 Mk., von Nickel- und Kupfermünzen
in Beträgen von mindestens 50 Mk. auf Verlangen gegen Goldmünzen
einzuwechseln haben.
Der Edelmetallumlauf Deutschlands wurde 1894, wie folgt, geschätzt:

1. Reichsgoldmünzen (einschließlich des Reichskriegsschatzes
 und ausschließlich des Bankbestandes an
Goldbarren und ausländischen Goldmünzen) 2635 Mill, Mk.
2. Gold in Barren und fremden Sorten 305 » m
zusammen 2940 Mill, Mk.
3. Thaler 360 »
4. Reichssilbermünzen 490 „ x
5. Nickel- und Kupfermünzen 65 %
Summa 3875 Mill ME,
Außer den genannten ist noch die Handelsmünze zu erwähnen,
die nicht als gesetzliches Zahlungsmittel ausgegeben wird, sondern nur
ein Edelmetallstück mit staatlicher Beglaubigung und Garantie des
Gewichtes und Feingehaltes repräsentiert; so wurde durch den deutschen
Münzvertrag vom 24, Januar 1857 die Goldkrone mit einem Gehalt von
10g Feingold als deutsche Handelsmünze eingeführt, die sich indessen
nicht einbürgerte. Dagegen sind die holländischen Dukaten, dann die
österreichischen Levantiner oder Maria Theresienthaler, die amerikanischen
 Trade-Dollars als solche Handelsmünze zu erwähnen, von dener
die holländischen und österreichischen eine nachhaltige Bedeutung im
internationalen Handel gehabt haben.
Der Wert einer Münze wird hauptsächlich bedingt durch ihr
Gewicht, münztechnisch Schrot genannt, und ihre Feinheit, Korn genannt,
 d. h. das Verhältnis, in dem das Edelmetall mit unediem Metall
(meistens Kupfer) legiert ist. Aus Gewicht und Feinheit ergiebt sich
der Feingehalt der Münze. Nach dem deutschen Münzgesetz von 1873
ist das gesetzliche Gewicht des 20-Markstückes 7,96495g. Die Legierung
 besteht aus 900 Teilen Gold und 100 Teilen Kupfer, die der
Silbermünzen aus 900 "Teilen Silber und 100 Teilen Kupfer. Das
Feingewicht ist 7,1685g. Die englischen Sovereigns enthalten 916
Tausendteile Gold, die französischen Silbermiünzen nur 835 Tausendteile
 Silber,
In der Gegenwart ist es als principiell wünschenswert anerkannt
und auch angewendet, wo nicht besondere Gründe dagegen vorliegen,
die Privatprägung freizugeben, indem einem Jeden das Recht eingeräumt
wird, gegen Erlegung einer Gebühr eingereichte Quantitäten des
Währungsmetalls sich von der staatlichen Münze in den verlangten Münzsorten
 ausprägen zu lassen, soweit diese als gesetzliches Zahlungsmittel
fungieren. Das Gesetz von 1873 für das Deutsche Reich hat Privatpersonen
 dieses Recht in betreff der Zwanzigmarkstücke zuerkannt, soweit
die Münzstätten nicht für das Reich beschäftigt sind. Die Gebühr darf
7 Mk. für das Pfund Fein nicht übersteigen. "Thatsächlich werden
aber nur 3 Mk. pro Pfund Fein bezahlt. Im allgemeinen ist es nur
die Deutsche Reichsbank, welche dafür sorgt, daß die verlangten Münzen
in genügender Menge in Umlauf sind. Privatleute machen nur ganz
ausnahmsweise von dem Rechte Gebrauch, sich Metall ausprägen zu
lassen, und müssen sich nach einer Verordnung dabei der Reichsbank
als Vermittlerin hedienen.

Schrot und
Korn.
        <pb n="110" />
        92

Schlagschatz, Wenn die Prägegebühr den Ersatz für die Prägekosten überschreitet
 und dadurch der Staatskasse ein Münzgewinn zufließt, so
wird dieser als Schlagschatz bezeichnet. In früheren Zeiten ist durch
die Erhebung des Schlagschatzes eine besondere Einnahme für die
Staatskasse erzielt; in der neueren Zeit ist der Grundsatz allgemein
anerkannt, daß zu gunsten der Münzzirkulation und der Vollwertigkeit
 der Münzen, auf welcher jene beruht, aus der Münzprägung ein
Gewinn nicht bezogen werden soll, Deutschland bezieht für die Prägung
der Goldmünzen 2,8 pro Mille, um welchen Betrag also die Münzen
unterwertig ausgegeben werden, in Frankreich beträgt die Gebühr 2,5
pro Mille, während England überhaupt eine Gebühr nicht bezieht, um
die internationale Zirkulation zu erleichtern,
Da das betreffende Metallstück durch. die Prägung thatsächlich
eine neue Verwendbarkeit erlangt, so wird sich die Erhebung einer
Gebühr für die Prägung durchaus rechtfertigen lassen, zumal auch die
Juweliere und sonstige Fabrikanten bei der Verwendung der Münze
den Vorteil haben, über die Zusammensetzung des Metallstückes genau
orientiert zu sein. Außerdem ist in Betracht zu ziehen, daß durch
diese Gebühr der Einschmelzung der Münze und dem Export derselben
eine gewisse, nur gerechtfertigte Erschwerung ersteht. Denn es ist
nicht einzusehen, warum der Staat die Kosten der Neuprägung zu
gunsten der Fabrikanten und des Auslandes auf sich nehmen soll.
Dagegen ist, wie schon erwähnt, eine jede Mehrerhebung, als zur
Deckung der Kosten erforderlich ist, also die Ausgabe unterwertiger
Münze, unbedingt zu verwerfen. Gleichwohl ist dieses in früheren Zeiten
in großer Ausdehnung geschehen, wie in dem 17. Jahrhundert, insbesondere
 zur Kipper- und Wipperzeit in den 20er Jahren jenes Jahrhunderts,
 wo die unterwertige Münze nach kurzer Umlaufszeit, die zu
einer erheblichen Entwertung der Münze ausreichte, in Verruf erklärt
wurde, um sie zu dem Umlaufswerte, resp. dem wirklichen Gehalt an
Edelmetall entsprechend, einzuziehen und die neugeprägte Münze
wiederum unterwertig mit Hilfe des gesetzlichen Zwanges zur Ausgabe
zu bringen, Auch Friedrich der Große hat während des 7 jährigen
Krieges unterwertige Goldmünzen ausgeprägt und sie namentlich zu
Zahlungen im Auslande benutzt, sie aber nach Beendigung des Krieges
allmählich wieder aus der Zirkulation zurückgezogen. ;
Die Münzzirkulation belief sich auf cirka:
pro Kopf der Bevölkerung
Gold Silber
1899 1890 1890
48 Mk. 12 Mk. 11,7 Mk,
""rankreich) (Frankreich)
8 42 46
50 27 16
Schweden Schweden
11 ” 9, 5,5 ”
24 2 26
52.7 ) 22 356 ?

8 35.
Die Währung,
M. Wolowsky, La question monetaire. Paris 1869.
O0. Arendt, Die vertragsmäßige Doppelwährung, I. u. II. Berlin 1880
Biermer, Leitsätze zur Beurteilung der Währungsfrage. Berlin 1896.
K. Helfferich, Zur Geschichte der Goldwährung. Berlin 1896.
        <pb n="111" />
        93

K. Helfferich, Geschichte der deutschen Geldreform. Leipzig 1898,
E. de Laveleye, Le bimetallisme international. Paris 1881.
Jahrbücher für Nationalökonomie 1880, N. F., Bd. I, Soetbeer, Die hauptsächlichen
 Probleme der Währungsfrage. Jahrbücher 1881, N. F.., Bd. IL. Neuwirth
Der Kampf um die Währung,
Lexis, Der gegenwärtige Stand der Währungsfrage. Dresden 1896.
Ottomar Haupt, La rehabilitation de Vargent, 1881.
S. auch Litteratur zu 8 34.

Die Metallwährung kann sein 1. Silberwährung, wie sie bis 1872
Deutschland hatte und noch jetzt in Indien besteht, d. h. das gesetzliche
 Zahlungsmittel ist aus Silber hergestellt, während Goldmünzen
Ware sind. So hatten die Friedrichsdor in Preußen einen schwankenden
Kurs gegenüber dem Thalerfuß, sie wurden bald mit 5 Thalern 19
Silbergroschen, bald mit 5 ""halern 21 bezahlt. Sie kann 2. sein Goldwährung,
 wie sie in England, den Skandinavischen Reichen besteht
und seit 1873 in Deutschland angestrebt wird. Hier sind die Goldmünzen
 allein gesetzliches Zahlungsmittel, die Silbermünzen sind dagegen
 entweder Scheidemünze oder Ware mit schwankendem Kurse.
Da in Deutschland gegenwärtig neben dem Goldgelde noch die Silberthaler
 gesetzliches Zahlungsmittel sind, so besteht hier augenblicklich
die noch nicht ganz durchgeführte oder hinkende Goldwährung. Die
Währung kann sein 3. die Doppelwährung oder der Bimetallismus,
 wie er in der lateinischen Münzkonvention besteht, d. h. Münzen
in. beiden Metallen sind als gesetzliches Zahlungsmittel anerkannt, wobei
das Wertverhältnis zwischen beiden Metallen gesetzlich fixiert ist, wie in
Frankreich nach dem Verhältnis von 1 : 15,6. Zur vollständigen Durchführung
 der Doppelwährung ist erforderlich, daß die Ausmünzung in
jedem Metalle von dem Publikum für eigene Rechnung verlangt werden
kann, so daß dasselbe in der Lage ist, die Cirkulation bald des einen,
bald des anderen Metalles durch Neuausprägungen zu vermehren. Ist
die Ausprägung nicht in beiden Metallen Privaten freigestellt, so bleibt
die Doppelwährung eine hin kende.
Werfen wir einen kurzen Blick auf-die historische Entwickelung
der Währungsverhältnisse.
England hatte von 1275—1664 die Doppelwährung acceptiert, diese
hatte also in jenen Jahrhunderten bereits eine wesentliche Bedeutung
und wirksame Anwendung gefunden. Von 1664—1717 bestand dort
die Silberwährung, worauf von neuem die Doppelwährung eingeführt
wurde, die sich volle 100 Jahre erhielt. Im Jahre 1816 erlangte England
 die Goldwährung, die sich bis zur Gegenwart erhalten hat und
jedenfalls noch lange weiter erhalten wird. In Frankreich besteht
die Doppelwährung seit dem 11. Jahre der Republik. Seit 1865 ist
die lateinische Münzkonvention mit Italien, Belgien und der
Schweiz geschlossen, auf der Basis der erwähnten Doppelwährung,
wobei aber nur das 5-Francstück als silbernes Courantgeld anerkannt
ist. Seit 1873 ist die Privatausprägung von Silber sistiert, so daß seitdem
 nur noch die hinkende Doppelwährung dort vorhanden ist. In
den Vereinigten Staaten von Nordamerika wurde durch Münzgesetz
von 1792 die Doppelwährung auf Grund des Verhältnisses von 1: 15
eingeführt. Im Jahre 1837 erfuhr dasselbe die Verschiebung auf
1:15,988. In den 50er Jahren verschwand das Silber mehr und mehr
aus dem Verkehr, so daß nur das Gold in Cirkulation blieb. Im
Jahre 1861 trat infolge des Bürgerkrieges die Papierwährung an die
Stelle des Goldes. während zur Zollzahlung ausdrücklich beide Metalle

Arten der
Währung

Historische
Entwickelung.
        <pb n="112" />
        9:

als gleichberechtigt anerkannt wurden. Im Jahre 1873 wurde aber die
schon seit längerer Zeit eingestellte Prägung der Silber-Dollars zu
gunsten der Papierwährung gesetzlich verboten. Doch schon im
Jahre 1878 war in den Anschauungen eine Aenderung eingetreten.
Man wünschte den in jener Zeit gesunkenen Silberwert durch ausgedehntere
 Silberprägungen wieder zu heben nnd bestimmte durch die
sogenannte Blandbill, daß in jedem Monat für mindestens 2 Millionen
Dollars zur Ausprägung gelangen sollten, und die Silber-Dollars wurden
als gesetzliches Zahlungsmittel von neuem anerkannt. Als durch diese
Maßregel der Zweck, den Silberwert zu erhöhen, nicht erreicht wurde,
erhöhte man den monatlichen Ankauf von Silber durch die sogenannte
Shermanbill vom 14, Juli 1890 auf 4%, Millionen Unzen pro Monat,
doch schon 1893 wurde die Bill wieder aufgehoben. Thatsächlich bestand
 mithin in den Vereinigten Staaten bis dahin die Doppelwährung,
 die allerdings eine hinkende war, da die Silberprägung nicht
freigegeben wurde. Die sogenannte Bryanbewegung in der Wahlcampagne
 von 1895 ging darauf hinaus, die Silberprägung zu dem gesetzlich
 fixierten Wertverhältnis von 1: 15,988 freizugeben. Durch die
Wahl Mac Kinley’s wurde die Freigebung aber verhindert. Durch Gesetz
 vom 13. März 1900 ist nun der Gold-Dollar zur Grundlage des
amerikanischen Münzwesens erklärt.
In dem britischen Indien besteht noch jetzt die Silberwährung,
 doch wurde 1893 die freie Silberprägung sistiert und der
Wert der Silberrupie auf 16 P. fixiert, seitdem ist die Währung mithin
eine hinkende. Augenblicklich ist die englische Regierung bestrebt,
dort allmählich den Uebergang zur Goldwährung einzuleiten. Japan
ist 1897 von der Silber- zu der Goldwährung übergegangen. Oesterreich
 hat durch das Gesetz von 1893 einen Anlauf genommen, nicht
nur die Papierwährung zu beseitigen, sondern sie durch «die Goldwährung
 zu ersetzen, indem der Papiergulden zum festen Wert von
1,70 Mk. in Gold angesetzt wurde. In der gleichen Weise hat Rußland
 begonnen, sich durch Gesetz von 1897 von der Papierwährung
zu befreien und das Papier durch Gold zu ersetzen, nach dem Verhältnis
 von 100 Rubeln zu 216 Mk. So ist in der neueren Zeit in der
Verbreitung der Goldwährung ein wesentlicher Fortschritt gemacht, das
Silber ist thatsächlich demonetisiert und damit fast auf die gleiche
Stufe, wie etwa das Kupfer degradiert.
Untersuchen wir nach dieser Darstellung der thatsächlichen Verhältnisse
 die theoretische Seite der Frage,

Bedeutung
2äiner einheitlichen
 Basis
ür den internatıonalen

Verkehr

$ 36.
Die theoretische Grundlage der Währungsfrage.
Das Natürliche und Wünschenswerte ist unzweifelhaft, daß ein
Metall die Grundlage für den gesamten internationalen Haudelsverkehr
bildet, also das gleiche Währungsmetall in der gesamten civilisierten
Welt acceptiert wird. Denn jede Verschiedenheit zwischen zwei in
Handelsbeziehungen stehenden Ländern erschwert die Zahlung und bringt
Schwankungen in den Wert der Zahlungsmittel, wodurch die Spekulation
 zu einer unsicheren wird. Das Bedürfnis, mit den Ländern, mit
welchen die hauptsächlichsten Handelsbeziehungen bestehen, die gleiche
Zahlungsgrundlage zu erlangen, veranlaßte Deutschland, im Jahre 1871
lie Silberwährung aufzugeben und die Goldwährung zu acceptieren, die
        <pb n="113" />
        95

in England bestand und die Basis für die internationalen Zahlungen
bildete. So lange Deutschland die Silberwährung hatte, war es darauf
angewiesen, die Vermittelung der englischen Banken bei allen überseeischen
 Zahlungen in Anspruch zu nehmen, wo das Gold die Grundlage
 bildete. Erst nachdem auch Deutschland die Goldwährung acceptiert
 hatte, hat es begonnen, direkt die Zahlungen zu bewirken, und
erspart damit die Vermittelungsgebühr, die es bisher an die englischen
Banken zahlen mußte. Sehr begreiflich ist es daher, daß in der Gegenwart
 auch die anderen Länder danach streben, dieselbe Basis für die
internationalen Zahlungen zu erlangen.
Der zweite Grund zur Acceptierung der Goldwährung liegt in
dem schon früher berührten Umstande, daß bei der wachsenden Wohlhabenheit
 mehr und mehr das Bedürfnis hervortritt, zu einem wertvolleren
 Zahlungsmittel überzugehen, weil bei den bedeutenderen Beträgen,
 die fortdauernd auszugleichen sind, die Kaufkraft des Silbers
sich als zu gering erweist, Es entspricht daher dieser Vebergang zur
Goldwährung nur der natürlichen historischen Entwickelung. Deutschland
 fand Anfang der 70er Jahre nicht nur auf dem Weltmarkt das
nötige Quantum Gold, sondern erhielt zum großen Teile durch die
Milliardenzahlung unmittelbar die nötige Kaufkraft, um die 700 000 Pfund
Gold, ‚die es zur Ausprägung des Bedarfs an Goldmünzen gebrauchte,
vom Auslande zu beziehen. Ebenso liegen in der Gegenwart die
nötigen Quantitäten Gold infolge der gewaltigen Produktionssteigerung
in diesem Metalle vor, um es auch den anderen Ländern, wie Oesterreich
 und Rußland leicht zu machen, den nötigen Bedarf zum
Uebergange zur Goldwährung zu beschaffen. Wenn so unzweifelhaft
augenblicklich Bedenken gegen die allgemeinere Annahme der Goldwährung
 nicht vorliegen, und sich irgend welche schlimmen Folgen
bisher in keiner Weise ergeben haben, so ist nicht gesagt, daß nicht
für die spätere Zukunft Umstände zu erwarten sind, welche das gegenwärtige
 Vorgehen bedenklich erscheinen lassen und eine Aenderung
nötig machen. Diese Aenderung könnte nur nach der Richtung der
Doppelwährung gehen, aber niemals dahin, wieder das Silber an die
Stelle des Goldes zu setzen. Wir haben deshalb die Frage zu erörtern.
ob und unter welchen Verhältnissen die Durchführung der Doppelwäh:
rung möglich, und unter welchen Verhältnissen sie wünschenswert ist
Die alte Schule ging von dem Grundsatze aus, daß die Fixierung
des Wertverhältnisses zwischen Gold und Silber ebensowenig durchführbar
 sei, wie die zwischen Weizen und Roggen, Kupfer und Eisen ete,
Nun unterliegt es keinem Zweifel, daß der moderne Staat mit seinen
gewaltigen Mitteln und seinem mannigfaltigen wirtschaftlichen Bedarf
wohl imstande wäre, auch ein bestimmtes Wertverhältnis bei anderen
Waren für eine lange Zeit aufrecht zu erhalten, wenn nicht außergewöhnliche
 Umstände eintreten und der Bedarf der Produktion und
umgekehrt entsprechend angepaßt werden kann. So wird die Sache
auch bei dem Golde und Silber aufzufassen sein. Falsch ist es, zu
meinen, daß das einfache Gebot des Staates schon ausreicht, ein solches
wirklich statuiertes Verhältnis künstlich dem Markte zu oktroyieren
und ganz gewiß nicht ein solches, das dem Werte auf dem Weltmarkte
widerspricht. Die Geschichte hat. nun bewiesen, daß die Doppelwährung
 für sehr lange Zeit durchführbar ist und sogar erhebliche Verschiebungen
 in den Produktionsverhältnissen zu überstehen vermag, wie
in England fast 3 Jahrhunderte hindurch bis zur Mitte des 17. Jahr-Vorzüge

 der
Goldwährung.


Doppelwährung
        <pb n="114" />
        I6

Wirkung
9iner Wahl
Bryan’s.

hunderts und wiederum volle 100 Jahre von 1717—1816; in Frankreich
 gleichfalls bis zur Gegenwart 100 Jahre hindurch, und zwar
dauernd nach dem Verhältnis von 1: 15,6, obgleich in diese Zeit die
Entdeckung der kalifornischen Goldlager fiel, und damit die völlige
Verschiebung in der Produktion zwischen Gold und Silber eintrat.
Gerade der Umstand, daß man in Frankreich zur Ausgleichung
des Wertverhältnisses auf dem Weltmarkte bedeutende Quantitäten
Silber disponibel fand und sie dem Markte als Ergänzung zu dem Abfiuß
 nach dem Orient zuführen konnte, ermöglichte es, trotz der kolossalen
 Zunahme der Goldproduktion eine Verteuerung des Silbers zu
verhüten. Man rechnet, daß allein 1853—58 Frankreich über eine
Milliarde an Silber exportiert hat, welches dann durch Gold ersetzt
werden mußte. War vor 1848 die Silberzirkulation in Frankreich allgemein
 gewesen, so war Ende der 50er Jahre dafür die allgemeine Goldzirkulation
 getreten, die wiederum Anfang der 70er Jahre mehr und
mehr durch das eindringende Silber beseitigt wurde, so daß man
glaubte, durch die Suspendierung der freien Silberprägung dem entgegentreten
 zu müssen. Von dem Momente an konnte der Bimetallismus
 Frankreichs und der lateinischen Münzkonvention überhaupt keinen
Einfluß mehr auf den Weltmarkt ausüben. Es wäre aber zu weit gegangen,
 zu meinen, daß die freie Silberprägung in Frankreich überhaupt
 imstande gewesen wäre, das Wertverhältnis von 1: 15,6 dauernd
aufrecht zu erhalten, denn es ist klar, daß ein Einfluß nur so lange
vorliegen kann, als noch eine weitere Absorption des überschüssigen
Metalls dadurch bewirkt wird. Von dem Momente an, wo das Gold
verdrängt, die Silberzirkulation vollständig durchgeführt, damit also die
Aufnahmetähigkeit Frankreichs an Silber erschöpft war, mußte jede
weitere Wirkung Frankreichs auf dem Silbermarkte aufhören, und bei
der stark zunehmenden Produktion wäre dieser Moment sehr bald eingetreten,
 und damit der weitere Sturz des Silberpreises unvermeidlich
zeworden. Die Suspension der Silberverkäufe von seiten Deutschlands
konnten 1879 einen weiteren Rückgang der Silberpreise nicht aufhalten.
Sie hat dem Lande nur Verluste gebracht.
Ebensowenig hat der kolossale Ankauf von Silber durch die
Vereinigten Staaten von 4! Millionen Unzen pro Monat von 1890—93
den Silberpreis irgendwie gehoben. Wenn nach der Wahl Bryan’s
lie Nordamerikanische Union im Jahre 1896 die Silberprägung nach
lem Wertverhältnisse von 1:16 freigegeben hätte, würde auch nur
eine vorübergehende Erhöhung des Silberwertes erzielt worden sein.
Die Gelegenheit, das der Münze eingelieferte Silber in Form von
Silberdollars, die mit dem doppelten Werte ausgestattet waren, zurückzuerhalten,
 würde natürlich eine massenhafte Einlieferung des Silbers
bei der Münze herbeigeführt haben, bis nach kurzer Zeit das Land mit
Silber übersättigt gewesen wäre, worauf notwendig die Suspendierung
weiterer Ausprägung eingetreten sein würde. Vorher aber müßte der
Handel mit dem Auslande vollständig ins Stocken geraten sein. Ausländische
 Ware in Amerika gegen Silberdollars einzuführen, war natürlich
eine Unmöglichkeit, und dieses zu erreichen war auch der Zweck der
dortigen Schutzzöllner. Der Ausfuhr würde aber das Ausland
sehr bald durch besondere Zölle, insbesondere auf das amerikanische
Getreide entgegengetreten sein. Denn es ist eben unmöglich, auf die
Dauer einen einseitigen Handel durchzuführen und in großem Maßstabe
 Waren aus einem Lande zu beziehen, das nicht wieder Waren
        <pb n="115" />
        97

als Zahlung in Kauf nimmt, und sich somit in diesem Falle das Gold
unter den ungünstigsten Verhältnissen entziehen zu lassen. Auch in
dem Innenlande würde die thatsächliche Entwertung des Silbers, damit
eine kolossale Preissteigerung und dann eine allgemeine Zahlungsstockung
 die Folge gewesen sein, sobald das zunächst künstlich im Preise
gesteigerte Silber der Entwertung zu verfallen begonnen hätte.
Würde Deutschland Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre
dem Drängen der Bimetallisten gefolgt sein und versucht haben, die
Doppelwährung nach dem Verhältnisse wie 1: 16 zu acceptieren, so
würde die einfache Folge gewesen sein, daß man ihm in der kürzesten
Frist seine 2 Milliarden Gold entzogen hätte, indem man ihm eine
Milliarde Silber dafür gegeben hätte, Als Entschädigung würde dem
deutschen Michel ein überreiches Maß wohlverdienten Spottes von
allen Seiten zu teil geworden sein.
Ein einzelnes Land kann nach dem .Gesagten heutigen Tages unmöglich
 ein von den thatsächlichen Weltpreisen abweichendes Wertverhältnis
 mit der Doppelwährung acceptieren und die Silberprägung
freigeben, ohne sich selbst im höchsten Maße zu schädigen und für
die Gesamtheit doch nichts zu erreichen.
Von welcher Wirkung wäre aber die Vereinigung einer größeren
Zahl von Ländern, resp. der sämtlichen Kulturländer zu einer Währungskonvention?
 Es ist dieses ein einfaches Rechenexempel. Der Gesamtwert
 an Gold, welcher als Münze und in Barren in der civilisierten
Welt augenblicklich zirkuliert, wird auf etwa 19 Milliarden veranschlagt.
Die Silberproduktion betrug in den letzten Jahren etwa eine Milliarde
Mark, ziehen wir davon 250 Millionen für den jährlichen Bedarf für
die Industrie und als Ergänzung des Verlustes an der umlaufenden Münze
sowie 200 Millionen für den Abfluß nach dem Orient ete. in Abrechnung,
 so bleiben rund 500 Mill. Mk. an Silber übrig, welche zur Vermehrung
 der Silberzirkulation verwendet werden können. In 50—60
Jahren könnte damit das Gold sicher verdrängt sein. Wird aber
das Wertverhältnis auf 1: 16 fixiert, damit also der Wert des Silbers
verdoppelt, so würde wohl schon in der halben Zeit, sagen wir in 40
Jahren die Uebersättigung an Silber eingetreten sein, die Aufnahmekraft
 an Silber durch die Münze hörte auf, und bei der weiteren
Fortsetzung der Produktion im selben Verhältnis müßte eine rapide
Senkung des Silberwertes wiederum auf den gegenwärtigen Stand die
Folge sein. Nach 40, 50 Jahren — was ist aber ein halbes
Jahrhundert für die Volkswirtschaft für eine kurze Frist! —
würde also das Silber auf dem Weltmarkte nur den halben Wert
haben, als die Silbermünze, die aus ihm geprägt ist. Man hätte allgemein
 nur Kreditgeld in der Hand, ein Zustand, der schwerlich lange
Zeit aufrecht zu erhalten wäre. Die Staaten müßten sich entschließen,
wieder mit einer völligen Münzreform vorzugehen, die wiederum eine
vollständige Preisrevolution in sich schließen würde. Unter den gegenwärtigen
 Verhältnissen erscheint daher die Durchführung des Bimetallismus
 auf der Grundlage des Verhältnisses wie 1:16 einfach unmöglich.

Durchführbar wäre dagegen der Bimetallismus gegenwärtig durch
eine Vereinigung der civilisierten Staaten unter. Acceptierung des Wertverhältnisses,
 etwa wie 1:34, wie es dem gegenwärtigen Weltmarkt Wertungefähr
 entspricht. Ein jeder Ueberschuß an dem einen oder anderen verhältnis
Metall, welcher das Verhältnis zu modifizieren droht, würde nun in 1:34,
Nonrad, Grundrifs der polit. Oekonomie. I. Teil. 4 Aufl.

Währungskonvention

nach 1:16.
        <pb n="116" />
        98 —

Süß’ Hypo-*hese.


das große Bassin des Münzbedarfs der Staaten der Währungskonvention
 abgestoßen werden können, und wenn nicht ganz exceptionelle
Verhältnisse eintreten, würde dadurch das Verhältnis für Dezennien
gewahrt werden können. Au eine solche Vereinigung der verschiedenen
 in Betracht kommenden Länder ist aber in der Gegenwart
 auf keinen Fall zu denken, weil die Interessen derselben zu weit
auseinander gehen. Frankreich und die Vereinigten Staaten, welche
mit Silber übersättigt sind und unter der Silberlast erheblich leiden,
die Nordamerikanische Union mit ihrer bedeutenden Silberproduktion
ganz besonders, haben nur ein Interesse daran, den Wert des
Silbers wieder auf die frühere: Höhe emporzubringen, aber gar kein
Interesse, den gegenwärtigen Zustand zu fixieren, wie es durch die
Währungskonvention auf Grundlage des Verhältnisses von 1:34 der
Fall wäre. Die Goldwährungsländer, vor allen Dingen Deutschland,
können wiederum, wie wir sahen, zu keinem anderen Verhältnis die
Doppelwährung acceptieren, als es den gegenwärtigen Marktverhältnissen
 entspricht, weil sie sonst das schwer erkaufte Gold gegen
antwertetes Silber verlieren würden, ohne die Garantie zu haben, daß
das Silber nun auch dauernd den hohen Wert behalten würde. Vielmehr
 würden sie das Risiko auf sich nehmen, daß sich dieses Verhältnis
 nach einiger Zeit unhaltbar erwiese, die Währungsvereinigung
auseinanderfiele, und sie dann genötigt wären, wieder bedeutende Öpfer
zu bringen, um das erst kürzlich hingegebene Gold wieder zurück zu
kaufen, ohne daß sie einen entsprechenden Gewinn dafür in Aussicht
hätten. Solange also die gegenwärtige Goldproduktion anhält, dumit
lie erweiterte Goldwährung ohne Schwierigkeit aufrecht erhalten
werden kann, ist an eine Durchführung des Bimetallismus absolut
ıicht zu denken. Damit ist aber nicht gesagt, daß nicht in der
Zukunft Zeiten eintreten können, wo man auf diesen Gedanken zurück-&amp;lt;ommt,
 ja sogar genötigt sein kann, denselben zur Realisation zu
ringen.
Die bimetallistische Bewegung ist in den 70er Jahren besonders
Jlurch den berühmten Wiener Geologen Süß unterstützt, wo nicht ins
„eben gerufen, der in seinem Werke „Die Zukunft des Goldes“ fachnännisch
 auseinandersetzte, daß die bisherige Produktion des Goldes
auf die Dauer nicht aufrecht zu erhalten wäre, man vielmehr auf einen
Rückgang derselben gefaßt sein müsse. Er wies darauf hin, daß
bisher die Goldgewinnung hauptsächlich aus dem Schwemmlande her-;tamme,
 wo durch Auswaschung in verhältnismäßig einfacher und billiger
Weise das reine Gold aus dem Quarzsande gewonnen wird. Dieses
Schweramland ist nach ihm in der Hauptsache erschöpft, wie z. B. in
Kalifornien, und es sei nicht darauf zu rechnen, daß in den noch
unbekannten Gegenden, wie Afrika, Australien, neues Schwemmland
entdeckt werden würde. Es blieben also als weitere Quelle nur die
uarzgänge, welche bergmännisch ausgebeutet werden müßten und viel
größere Kosten verursachten, auch nicht so große Quantitäten zu
liefern vermöchten, wie dieses aus dem Schwemmlande bisher möglich
zewesen wäre. Er stellte deshalb für die Zukunft Goldknappheit und
Verteuerung des Goldes als unvermeidlich in Aussicht. Da nun damals
zerade ein Rückgang der Produktion wirklich beobachtet wurde, so
mußten diese Ausführungen den tiefsten Eindruck hervorrufen, und
38 erschien in der That gewagt, Gold zur Grundlage des Geldes zu
machen und zum Wertträger desselben zu wählen, wo eine Verschiebung
        <pb n="117" />
        — 99

dieses Wertes bestimmt zu erwarten war. Nur wenig Jahre indessen
vergingen, bis die Thatsachen sich ganz anders gestalteten, als Süß
es in Aussicht gestellt hatte. Wir sahen, daß statt der Verminderung
der Goldproduktion eine noch nie dagewesene Steigerung derselben
eintrat, statt der Goldknappheit eine Ueberfülle beobachtet wurde. Dies
war dadurch herbeigeführt, daß der bergmännische Betrieb auf Edelmetall
 durch verschiedene bedeutsame Erfindungen einen außergewöhnlichen
 Aufschwung erhielt. Einmal wurden Maschinen hergestellt,
durch welche die Gesteine weit billiger und in viel größeren Massen
in den Quarzgängen herausgebrochen und zerkleinert werden konnten,
so daß auch die tieferen Schichten, die besondere Schwierigkeiten boten
und deshalb der großen Kostspieligkeit wegen, wie namentlich in
Australien, aufgegeben waren, jetzt von neuem und mit großem Erfolg
ausgebeutet werden konnten. Außerdem kam hinzu, daß mehrere
neue Verfahren der chemischen Ausscheidung des Goldes aus dem
Erz erfunden wurden, wodurch dasselbe mit größerer Vollständigkeit
und weit billiger gewonnen werden konnte. Da nun zur selben Zeit
noch die erheblichen Goldlager in Transvaal entdeckt wurden, konnte
mit Hilfe der neuen Maschinen und der neuen Methoden billiger und
in Massen mit verhältnismäßig geringeren Arbeitskräften Gold gewonnen
und trotz des bergmännischen Betriebes mithin Ersatz für das ausgebeutete
 Schwemmland erzielt werden. Somit war für mehrere
Dezennien die Süßsche Befürchtung aus der Welt geschafft. Sie ist
es aber unzweifelhaft nicht für alle Zeit. Die goldhaltigen Quarzgänge
sind nur von geringer Ausdehnung. Auch für Transvaal ist nur etwa
eine Frist von noch 30 Jahren angenommen, während welcher die
gegenwärtige Produktion aufrecht zu erhalten sein dürfte, und Süß
ist. bisher von seinen fachmännischen Kollegen darin nicht widerlegt,
daß nach unserer gegenwärtigen Kenntnis der Erde nicht viel Aussicht
sei, noch viele solche Quarzgänge neu zu entdecken. Auf der anderen
Seite ist die Möglichkeit aber nicht ausgeschlossen. So gut wie vor
wenig Jahren die reichen Goldlager in Transvaal, in allerjüngster Zeit
solche in Alaska entdeckt wurden, können auch noch weitere goldhaltige
 Stätten aufgefunden werden. Aber das ist ein sehr unsicherer
Wechsel auf die Zukunft, mit dem der Staatsmann nicht rechnen kann.
Weit wahrscheinlicher ist es, und diese Eventualität wird man daher
für die weitere Entwickelung unseres Münzwesens in Aussicht nehmen
müssen, daß nach Ablauf eines halben oder eines ganzen Jahrhunderts
sich in der That die von Süß befürchtete Goldknappheit herausstellt,
denn er sagt nicht mit Unrecht, daß, je mehr die Goldproduktion gesteigert
 werde, um so schneller der Vorrat erschöpft werden müßte;
und je mehr Länder zur Goldwährung übergehen, je mehr der allgemeine
Wohlstand steigt, um so größer wird auch die Nachfrage nach Gold,
um so ausgedehnter der Vorrat, an den sich die Kulturwelt gewöhnt
hat, so daß eine Abnahme der Produktion, ja schon ein Stillstand derselben
 einen fühlbaren Mangel herausstellen kann. Nun hat die Erfahrung
 der letzten Dezennien, wie wir sahen, ergeben, daß auch
erhebliche Veränderungen in den Produktionsverhältnissen des Goldes
den Wert desselben doch nicht zu verschieben vermögen. Damit ist
aber keineswegs ausgeschlossen, daß nicht bei intensiveren Verschiebungen
 der Produktionsverhältnisse in der Zukunft dieses schließlich
doch geschehen wird. Mit anderen Worten, die augenblicklich bezchwichtigten
 Bedenken in betreff einer Goldverteuerung sind nicht für
        <pb n="118" />
        alle Zeit beseitigt, sondern sie bestehen für die Zukunft, und bei dem
Eintritt eines solchen Falles wird allerdings der Bimetallismus das
alleinige Mittel sein, um den Wertschwankungen des Geldes zu
steuern, mindestens die Wirkung derselben zu mildern.
Möglichkeit Die Möglichkeit der praktischen Durchführung bei Anpassung
des Se des gesetzlichen Wertverhältnisses an die faktischen Zustände suchten
Zukunft. wir darzulegen, und die Geschichte hat den Beweis geliefert, daß
wenigstens in früheren Zeiten eine solche Bindung sich lange Zeit
hindurch zu erhalten vermochte. Das wird im Auge behalten werden
müssen. Gelingt es also, den Geldwert nicht nur auf ein Metall,
sondern auf zwei Metalle zu basieren, die sich gegenseitig zu ergänzen
 vermögen, so wird die Kaufkraft beider Metalle sicher eine
größere Gleichmäßigkeit erlangen können, als sie bei der Basis eines
einzigen Metalles zu erwarten steht. Das vielfach angewendete Bild
der zwei Säulen als Grundlage für einen Aufbau gegenüber einer
einzigen Säule wird als zutreffend anzuerkennen sein. Ebenso ein
anderes Bild. Können sich in einer internationalen Vereinigung die
beiden Metalle entsprechend ersetzen und ergänzen, wie die Flüssigkeiten
 zweier miteinander verbundener Bassins, bei denen der Zufluß
bald in das eine, bald in das andere stärker läuft, während der
Abfluß bei beiden gleichmäßig bleibt, so wird hier das Niveau beider
Bassins, dort das Wertverhältnis beider Metalle bis zu einem gewissen
Grade bewahrt sein und damit der Geldwert gleichbleiben; auch eine
entstehende Goldknappheit wird durch Ersatz durch Silber gemildert
werden können. Man sagt nun dagegen, daß eine Bevölkerung, die
an die Goldzirkulation gewöhnt ist, das Silber refüsieren würde, wie
das thatsächlich sowohl in der Schweiz, wie in den Vereinigten Staaten
beobachtet wurde. Die Folge davon würde sein der Ersatz des Silbers
durch Papier; und man malt die Schrecken der Papierwährung an die
Wand, um von einem solchen Verfahren, welches das Silber in die
alten Rechte einführen soll, abzuhalten. Es ist aber nicht richtig, daß
damit eine Papierwährung in bestimmter Aussicht steht. Die Metallbasis
 kann dabei vollständig gewahrt bleiben. Nicht eine beliebige
Ausgabe von Papier als Kreditgeld ist dabei in Betracht zu ziehen,
sondern die Form der Gold- und Silber-Certifikate, wie sie die
Nordamerikanische Union hauptsächlich in Umlauf hat, wo nur zur
Erleichterung des Verkehrs Scheine, die auf eine bestimmte Quantität
Metall lauten, als Repräsentanten des Metalles in Umlauf sind,
welches in den Kellern der Regierung aufgehäuft und nur nicht
selbst in den Verkehr gebracht ist. Diese Scheine haben sich in der
Zirkulation in hohem Maße bewährt und keine Nachteile der angedeuteten
 Art gezeigt,
Das Ergebnis des bisher Ausgeführten ist nun, daß gegenwärtig
weder von einzelnen Staaten noch von der gesamten cirvilisierten Welt
auf Grund einer Währungskonvention der Bimetallismus eingeführt
werden kann, daß er dagegen für die Zukunft keineswegs ausgeschlossen
 ist, er vielmehr theoretisch als berechtigt anerkannt werden muß,
wie er unter Umständen in der Zukunft auch in dem praktischen Leben
zur Milderung der Folgen einer entstehenden Goldknappheit zur Realisation
 gelangen kann. Wenn nun von seiten der Bimetallisten fortdauernd
 der Uebergang zur Doppelwährung schon in der Gegenwart
verlangt wird, um zukünftigen KEventualitäten vorzubeugen, und es als
höchst bedenklich angesehen wird, sobald ein weiteres Land zur Gold-
        <pb n="119" />
        — 101

währung übergeht, so ist das einmal verkehrt, weil dem UVebergange
zur Doppelwährung, wie wir sahen, unüberwindliche Schwierigkeiten
im Wege stehen, und die einfache Silberwährung in einem Staate, der
im Weltverkehre steht, nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Es liegt auf
der anderen Seite auch kein Grund dafür vor, früher zur Doppelwährung
zu schreiten, als die Notwendigkeit hierfür erwiesen ist, weil zu jeder Zeit
die Maßregel in Angriff genommen werden kann, und das gemeinsame
Vorgehen sämtlicher civilisierter Staaten umsomehr erleichtert wird,
wenn dieselben alle die gleiche Münzbasis besitzen. Haben sämtliche
in Betracht kommenden Staaten die Goldwährung durchgeführt, und
die Goldknappheit tritt scharf zu Tage, so haben sie alle dasselbe Interesse
 und werden um so leichter dazu zu bewegen sein, nun gemeinsam
 das Silber zur Entlastung des Goldes heranzuziehen. Nur
so lange die Währungsverhältnisse in den verschiedenen Ländern ungleich
 sind, damit ihre Interessen sich schroff gegenüberstehen, ist ein
gemeinsames Vorgehen derselben ausgeschlossen, Im Interesse der
weiteren Entwickelung liegt es daher, nicht die gegenwärtigen Silberländer
 oder die mit Doppelwährung in ihrem bisherigen Verhältnis
festzubannen, sondern im Gegenteil, sie so bald wie möglich zum Uebergange
 zur Goldwährung zu bewegen und damit die gleiche Basis
für den Weltverkehr und das gleiche Währungsinteresse in der
civılisierten Welt herbeizuführen.

Kapitel III
Der Kredit.

8 87
Das Wesen des Kredites,

Carl Knies, Der Kredit. Berlin 1876 und 1879.
Nebentus, Der öffentliche Kredit. München 1829,
Ad. Wagner, Der Kredit und das Bankwesen in Schönbergs Handbuch, I, S. 412.

Kredit nennt man das Vertrauen, welches jemand genießt, daß
er seinen Verpflichtungen nachkommen wird; und unter „Kredit haben“
versteht man die Möglichkeit, auf Grund dieses Vertrauens gegen das
Versprechen der Gegenleistung Vermögensteile (oder auch Dienste)
Anderer freiwillig zur Benutzung zu erhalten.
Das Kreditgeschäft schließlich besteht in der Hingebung von
Waren gegen das Zahlungsversprechen, oder die Gewährung von Darlehn
 in Geld zur ökonomischen Verwertung gegen das Versprechen
der Zinszahlung und der schließlichen Rückzahlung oder auch der
letzteren allein.
Jenes Vertrauen beruht nun 1. auf der Leistungsfähigkeit Grundlagen
des Schuldners. Der Kaufmann kreditiert Ware nur demjenigen Kunden, des Kredites,
bei dem er annimmt, daß er die Zahlung zu entsprechender Zeit zu
effektuieren vermögen wird. Die Bank erteilt dem Kaufmann Kredit,
den sie, nach seinen Vermögensverhältnissen, seiner Tüchtigkeit, nach
den allgemeinen Konjunkturen und dem Gange seines Geschäftes durch- _
aus für solvent hält. Der Rentier ist geneigt, dem Grundbesitzer ei 680180;
Hypothekendarlehn zu gewähren, wenn er voraussetzt, daß das I +$ N
pfändete Gut einen höheren Wert hat, als die kreditierte Summe bet, 3% A
2 Unter &amp;gt;
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        92

so daß er zu jeder Zeit durch den gerichtlichen Verkauf des Gutes sein
Darlehn zurückzuerhalten vermag.
Aber die Leistungsfähigkeit allein genügt noch nicht, es muß
noch 2, die Voraussetzung des guten Willens des Schuldners,
seinen Verpflichtungen entsprechend nachzukommen, vorhanden sein.
Auf primitiver Stufe der Kultur, wie unter unseren Verhältnissen bei
einem freundschaftlichen Darlehn ist das Vertrauen auf die Ehrlichkeit
und das Ehrgefühl des Schuldners die Hauptgrundlage für den Kredit,
da sich der Schuldner leicht seinen Verpflichtungen entziehen kann, wenn
er nicht zahlen will. Die Klarlegung des Schuldverhältnisses, die offene
Anerkennung der Schuld durch den Darlehnsempfänger wird deshalb
unter solchen Verhältnissen die Voraussetzung des Kreditgeschäftes sein;
3. muß aber noch hinzutreten, daß der Darlehnsgeber die Zuversicht
 hat, daß der widerstrebende Schuldner ev. dazu gezwungen
werden kann, seinen Verpflichtungen nachzukommen, wenn die Leistungsfähigkeit
 vorliegt. Hierzu dient ein gutes Gerichtsverfahren und die
Zuverlässigkeit der Richter, welche dem Gläubiger zur Seite zu stehen
haben, um ihm zu seinem Rechte zu verhelfen. Da bei unserem verwickelten
 Geschäftsverkehr nun vielfach Meinungsverschiedenheiten in
betreff des Schuldverhältnisses eintreten können, so ist in unserer
Zeit die Entscheidung des Gerichtes und die Unterstützung desselben
zur Aufrechterhaltung des Rechtes von der höchsten Bedeutung.
Der Kredit beruht mithin auf dem Vertrauen, daß der Schuldner
zahlen kann, zahlen will, ev. daß er zahlen muß.
Während bei dem Geschenke ein Gegenstand in den Besitz eines
Anderen übergeht, ohne daß er ’ein Aequivalent dafür zu gewähren
braucht, und bei dem Kauf gegen Barzahlung unmittelbar für das
hingegebene Objekt ein Aequivalent zur Aushändigung gelangt, wird
bei dem Kreditgeschäfte die Ware dem anderen Teile gegen ein
Zahlungsversprechen eingehändigt oder ein Darlehn in Form einer
Geldsumme, bei der Verpachtung ein Gut, übergeben gegen das Versprechen
 der Zahlung eines Zinses, der Pacht und der späteren Rücklieferung
 der Summe oder des Gutes. Während bei dem Bargeschäft
der Kauf mit der Zahlung und der Uebergabe der Ware endgiltig erledigt,
 das Geschäftsverhältnis vollständig abgeschlossen ist, beide Teile
deshalb keine weiteren Beziehungen zueinander mehr haben, bleibt bei
der Kreditoperation das geschäftliche Verhältnis bestehen, bis das
Zahlungsversprechen erfüllt ist, was ev. nach einer langen Zeit, bei
dem Hypothekendarlehn erst nach vielen Jahren der Fall ist. Diese
dauernden Geschäftsverbindungen, welche die Kreditoperationen in sich
schließen, sind natürlich von großer sozialer und wirtschaftlicher Bedeutung
 und geben daher bei allgemeinerer Ausbildung des Kreditverkehrs
 der ganzen Volkswirtschaft ein besonderes Gepräge,
Voraus- Die Voraussetzungen einer allgemeinen Verbreitung von Kreditsetzungen
 der operationen. sind nun 1. eine vorgeschrittene Kapitalsbildung, blühende
Kredibwirt- Industrie und Handel, Nur wo größere Kapitalien und ausgedehnte
GOMAE Arbeitsteilung vorhanden sind, wird es auch viele Personen geben, die
nicht in der Lage sind, ihre Kapitalien selbst produktiv zu verwerten,
sondern geneigt sind, sie Anderen zu diesem Zwecke zu überlassen,
und nur, wo die Produktion eine hohe Entwickelungsstufe erlangt hat,
und allseitig Kapitalien zur Unterstützung der menschlichen Arbeitskraft
 verwendet werden, liegt das Bedürfnis vor, den eigenen Besitz
durch fremde Kapitalien zu unterstützen, und kann nur durch dasselbe
        <pb n="121" />
        .. 103

Mittel der Großbetrieb in ausgedehntem Maße zur Durchführung gelangen.
 Da der Kredit Vertrauen ist, so werden allgemeiner Kreditoperationen
 nur durchgeführt werden können, wo 2. die in Betracht
kommenden Kreise der Bevölkerung sich allgemein eines solchen Verirauens
 würdig zeigen, und man einem Jeden ein solches Vertrauen
entgegenbringt, wo nicht besondere Gründe zur entgegengesetzten
Meinung vorliegen. Das wird nur der Fall sein, wo die Bevölkerung
bereits auf einer hohen Stufe der Kultur steht und zu sittlicher Reife
gelangt ist, wo Ehrlichkeit und Ehrgefühl im allgemeinen vorausgesetzt
werden. Noch vor 30 Jahren war in dieser Beziehung Italien wesentlich
 hinter Deutschland zurückgeblieben und ist es etwas noch heutigen
Tages, wenn auch nicht mehr in demselben Maße, Das konnte der
Reisende leicht bemerken, indem in dem gewöhnlichen Verkehre mit
dem Kaufmann, Handwerker etc. gerade dem Italiener Kredit im allgemeinen
 nicht geschenkt, sondern Barzahlung, ja selbst Vorauszahlung
vei Bestellungen, z. B. von Büchern, Stiefeln, Visitenkarten, Photographien
 etc. verlangt wurde, von Deutschen dagegen nur selten. Eben-30
 war die Kreditierung im großen Geschäftsverkehr unter Kaufleuten,
Industriellen eine außerordentlich beschränkte. Das ist noch jetzt in
großer Ausdehnung in Rußland und den südamerikanischen Staaten
der Fall; und in dem Innern von Afrika ist selbstverständlich von
Kreditierung keine Rede. Auf der anderen Seite ist wiederum in
England und den Vereinigten Staaten die Darlehensgewährung eine allgemeinere
 als in Deutschland, da dort namentlich besitzlose Leute,
deren Zuverlässigkeit und Tüchtigkeit anerkannt sind, weit leichter ausgedehnten
 Kredit erhalten können, als hier; zum Teil allerdings, weil
die Chancen weit günstiger sind, durch tüchtige Leistung auch gute
Einnahmen zu erzielen und sich emporzuarbeiten, 3. Eine wesentliche
Voraussetzung für ausgedehnte Kreditoperationen sind, wie erwähnt,
entwickelte Rechtsinstitutionen und Zuverlässigkeit der Richter. Nur wo
eine gute Hypothekenordnung besteht, und der Gläubiger dadurch die
Sicherheit hat, daß er an dem Gerichte eine feste Stütze besitzt, um
ihm zu seinem Recht zu verhelfen, und diese Rechte in dem Hypothekenbuche
 mit unbedingter Klarheit zum Ausdruck gelangen, wird es
möglich sein, auf Grundstücke leicht Darlehen zu erhalten, auch ohne
in dem Zins eine bedeutende Risikoprämie zu zahlen. Deshalb hat sich
in Deutschland mit seiner besseren Hypothekenordnung der Realkredit
in außerordentlichem Maße ausgebildet, während er in Frankreich und
England eine verhältnismäßig untergeordnete Rolle spielt, Die Unzuverlässigkeit
 der Richter bildet sowohl in Rußland wie z. T. in den
Vereinigten Staaten von Nordamerika ein wesentliches Hemmnis erweiterter
 Kreditierung. Uns ist ein großes Fabriketablissement der
Textilindustrie bei Warschau bekannt, welches seine Geschäftsthätigkeit
über ganz Rußland ausdehnt und noch in den 70er Jahren seine
Blüte darauf zurückführte, daß es nur gegen bar kaufte und nur
gegen bar seine Produkte absetzte, Der große Preisaufschlag, der bei
dem Absatz von Waren in unkultivierten Ländern gemacht wird, Ist
auf die große Risikoprämie zurückzuführen, welche bei ihrer Geschäftsthätigkeit
 wegen des Mangels ausreichenden richterlichen Schutzes unvermeidlich
 ist. 4. Zu den angeführten Momenten muß noch hinzugezogen
 werden die Grundlage politischer und’ wirtschaftlicher Freiheit,
denn nur auf dieser läßt sich eine Kreditwirtschaft ausbilden. Es ist
sicher nicht zufällig, daß dieselbe am frühesten sich in England und
        <pb n="122" />
        1

den Vereinigten Staaten von Nordamerika entwickelt hat, wo sich
zuerst wirtschaftliche und politische Freiheit Bahn brach, während noch
heutigen Tages Rußland darin zurückgeblieben ist und nur äußerst
langsame Fortschritte macht, weil in jedem Momente ein willkürliches
Eingreifen der Verwaltungsorgane in die privatwirtschaftliche Thätigkeit
 erfolgen kann, ohne daß sich der Privatmann dagegen zu schützen
vermag.

Konsumjonskredit.


8 38.
Die Arten des Kredites.
Auf höherer Stufe der Kultur findet häufig Kreditierung statt,
ohne daß das Publikum sich dessen voll bewußt ist. Sie liegt vor bei
Verpachtung eines Grundstücks, welches zur ökonomischen Verwertung
dem Pächter gegen ein Zahlungsversprechen überlassen wird. Der
Hausbesitzer überläßt eine Wohnung dem Mieter gegen eine Jahreszahlung,
 die ev. erst postnumerando entrichtet wird. Kin Dienstbote
tritt den Dienst an und übernimmt die Thätigkeiten , während der
Lohn ihm in der Regel erst am Schlusse eines Vierteljahres ausgezahlt
wird; und auch der Tagelöhner, der Fabrikarbeiter leistet seine Arbeit
gegen das Zahlungsversprechen des Lohnues am Ende der Woche, hie
und da am Schlusse des Tages. Der Arbeitgeber bleibt zunächst der
Schuldner. Kin jedes Versicherungsgeschäft beruht auf Kredit. Wenn
ich mein Leben versichere, so kreditiere ich die Jahresprämien der
Gesellschaft bis zu meinem Lebensende gegen das alleinige Versprechen
einer Kapitalszahlung durch die Gesellschaft an meine Erben, oder ich
zahle ein Kapital ein, während diese dafür die Verpflichtung übernimmt,
mir, wenn ich ein Alter von 60 Jahren erreiche, eine Jahresrente zu
zahlen, so lange ich lebe. So ließe sich eine sehr große Zahl von Fällen
anführen, wo thatsächlich Kreditierung vorliegt, ohne daß wir dabei
von einem Kredite sprechen. Fortan haben wir aber allein Kreditgeschäfte
 im engeren Sinne.im Auge, wo es sich um einfache Gewährung
 von Darlehen in Form von Geld oder Waren handelt.
Man hat zu unterscheiden zwischen öffentlichem Kredit, wie
er in Staats- und Kommunalanleihen vorliegt, und privatem Kredit,
dann zwischen Produktions- und Konsumtionskredit. Der
letztere ist volkswirtschaftlich ebenso schädlich, wie der erstere im
großen Ganzen förderlich. Auf primitiver Stufe der Kultur, in Mittel-3uropa
 im frühen Mittelalter, konnte der Produktionskredit noch keine
Bedeutung haben. Es fehlte an dem Kapital, die Produktion wurde
in primitivster Weise durchgeführt und war basiert auf die Verwertung
der Naturkräfte, insbesondere des Grund und Bodens in Verbindung
mit der Arbeitskraft, Darlehen wurden nur begehrt in Zeiten der Not,
um den‘ Konsum fortsetzen zu können. Der Schuldner befand sich in
einer bedrängten Lage und konnte nicht durch das Darlehen eine
höhere Nutzung gewinnen. Der Gläubiger seinerseits erlitt keinen
Nachteil durch die Fortgabe des Kapitals, da er es nicht produktiv zu
verwenden vermochte. Sehr begreiflich, daß man deshalb in dem
kanonischen Rechte der Auffassung Ausdruck gab, daß Zinsbezug als
Wucher anzusehen sei, weil Geld nicht Geld erzeuge, und es eine
Härte sei, den Schuldner zu zwingen, mehr zurückzuzahlen, als er
empfangen habe, da er mit dem Darlehn nicht mehr produziert hatte.
Gerade so wird heute das Zinsnehmen unter jungen Leuten als ungehörie
        <pb n="123" />
        angesehen, wo das Darlehn allein begehrt wird, um über eine Verlegenheit
 hin fortzuhelfen, und zur Deckung des momentanen Lebensbedarfs
 verlangt wird, während der Darleiher keine Einbuße durch die
Hingabe der Summe erleidet. Je mehr die wirtschaftliche Kultur sich
entwickelt, um so bedeutsamer wird dagegen der Produktionskredit,
während der Konsumtionskredit nur eine untergeordnete Bedeutung
erhält,
Leider hat indessen der Letztere sich in Deutschland zu einem allgemeinen
 Borgsystem entwickelt, unter dem die ganze Volkswirtschaft
in erheblichem Maße leidet, und das trotz aller bisherigen Bemühungen
nicht wesentlich vermindert werden konnte. Das Publikum hat sich hier
daran gewöhnt, den laufenden Bedarf von Kaufleuten wie Handwerkern
auf Kredit zu nehmen, d., h. statt ihn bar zu bezahlen, ihn anschreiben zu
lassen. Da zugleich der Bankverkehr in Deutschland viel zu wenig
entwickelt ist, der Mittelstand nur ausnahmsweise bei einer Bank ein
laufendes Konto und damit bei derselben einen Reservefonds stehen
hat, so erweist sich der Konsument wiederum häufig zahlungsunfähig
im Momente, wo ihm die Rechnung präsentiert wird. Die Zahlung wird
verschoben und vielfach aus Nachlässigkeit wiederum in dem Momente
nicht bewirkt, wo die nötigen Barmittel vorhanden sind, wodurch der
Konsumtionskredit sich mehr in die Länge zieht. Da nun stets im
Laufe der Zeit eine größere Zahl der Konsumenten überhaupt zahlungsunfähig
 werden, so erleiden die Produzenten Verluste, die bei dem
Anspruch der Barzahlung vermieden wären. Diesen Ausfall haben
natürlich die pünktlich zahlenden Kunden in einem entsprechenden
Preisaufschlag zu decken.
Der Schaden für die ganze Volkswirtschaft liegt vor allem darin,
daß die Konsumtion dem Erwerbe und der Kapitalansammlung vorauseilt,
 daß das Publikum sich daran gewöhnt, schon zu verzehren, was
erst in der nächsten Zeit erworben werden soll, womit die Gefahr vorliegt,
 daß mehr konsumiert wird, als nachher bei ungünstigen Konjunkturen
 verdient wird, In zweiter Linie fällt ins Gewicht, daß
hierdurch sehr bedeutende Summen der Produktion entzogen werden,
was besonders in einem Lande, wo das Kapital verhältnismäßig knapp
ist, besonders schädlich wirken muß. Der Konsum wird unterstützt,
die Wertschaffung entsprechend benachteiligt. Der kleine Kaufmann
und Handwerker liefert die Ware und muß eventuell ein viertel oder
ein halbes Jahr auf die Zahlung warten. Ihm werden damit die Mittel
entzogen, seinerseits die bezogenen Waren bar zu bezahlen, sein Betriebskapital
 ist ihm entsprechend vermindert, und er muß es sich
seinerseits borgen, um das Geschäft in angemessener Ausdehnung
durchzuführen. Da er selbst die erhaltene Ware nicht bar zahlen kann,
muß er einen entsprechenden Kredit von dem Engroshändler, dem
Fabrikanten beanspruchen, und diese sehen sich aus demselben Grunde
yenötigt, sich diese Summen von einem Bankier vorschießen zu lassen.
Daraus folgt eine größere Unsicherheit in dem ganzen volkswirtschaftlichen
 Betriebe, welche bei dem Ausbrechen einer wirtschaftlichen
Krisis verhängnisvolle Verheerungen bei den Geschäftsleuten herbeiführen
 muß. Ist einem größeren Teile der Konsumenten der laufende
Verdienst geschmälert, findet ein Teil der Arbeiter keine Beschäftigung,
sind eine Menge kleiner Unternehmer in geschäftliche Schwierigkeiten
verwickelt und können ihre Rechnungen nicht bezahlen, so überträgt
sich die Verlegenheit auf Detaillisten und Handwerker. die das aus-Zoresystem.
        <pb n="124" />
        106

Real- und
Personalkredit.


stehende Geld nicht im richtigen Momente erhalten. Sie können ihren
Verpflichtungen den Lieferanten gegenüber nicht nachkommen; die
Engroshändler und Fabrikanten vermögen ihre fälligen Wechsel
dei den Banken nicht einzulösen, und diese sehen sich schließlich genötigt,
 ihre Zahlungen einzustellen, was wiederum den Bankerott einer
großen Zahl von Firmen ihrer Kundschaft nach sich zieht. Das ganze
staffelförmig aufgebaute Kartenhaus stürzt zusammen, wenn die Unterlage,
 die Zahlungsfähigkeit der Konsumenten, geschmälert ist. Wenn
dagegen diese allgemein ihren Bedarf bar zahlten, wären alle diese
verhängnisvollen Wirkungen des jetzigen Usus beseitigt, die gesamte
Produktion stünde mit ganz anderer Widerstandsfähigkeit, kapitalskräftiger
 und solider da. Infolge des langen Kreditnehmens durch die
Konsumenten hat sich auch bei den Produzenten eine übermäßig ausgedehnte
 Kreditwirtschaft ausgebildet, indem der Landwirt, der Fabrikant,
der Kaufmann für die bezogenen Maschinen und Waren für viel längere
Zeit Kredit (ein viertel, ein halbes Jahr und darüber) verlangen, als das
z. B. in England der Fall ist, wo meist nur ein paar Wochen und
gegen acceptierte Wechsel, die sofort überall zu Zahlungen benutzt
werden können, gestundet wird.
Es ist einleuchtend, daß das englische Verfahren der ganzen
Volkswirtschaft eine größere Solidität gewähren muß. Und Deutschland.
 wird erst dann imstande sein, mit England zu konkurrieren, wenn
es das Borgsystem entsprechend einschränkt. Es muß darunter doppelt
leiden, weil es an Kapital im großen Ganzen Mangel hat, und es deshalb
 besonders wichtig ist, das Vorhandene der Produktion zu reservieren.
 Kine jede Krisis wird in England weit leichter überwunden,
als in Deutschland, weil die Verschuldung keine solche Rolle spielt
und allgemein größere Reserven vorhanden sind.
Je nach der gebotenen Sicherheit unterscheidet man zwei Hauptarten
 des Kredits, den Real- und Personalkredit. Der letztere
jegt vor bei einem Darlehn auf Handschlag oder Schuldschein, wo
aur die Person des Schuldners die Bürgschaft übernimmt. Bei dem
Realkredit wird dagegen das Vertrauen in die persönlichen Garantien
durch ein Pfand besonders unterstützt, an welches der Gläubiger sich
zu halten berechtigt ist, wenn der Schuldner seinen Verpflichtungen
nicht nachkommt. Dies kann geschehen entweder durch Faustpfand
oder Hypothek. In dem ersteren Falle erhält der Gläubiger ein
Pfandobjekt in die Hand, wie durch Verpfändung einer Uhr in einem
Leihhause, oder durch die Uebergabe von Papieren an eine Bank, um
ain Lombarddarlehen zu erhalten. Wird das Pfand nicht rechtzeitig
eingelöst, so ist der GHäubiger berechtigt, dasselbe zu veräußern und
ladurch Deckung zu suchen. Ein etwaiger Ueberschuß wird zurückgezahlt,
 Anders bei der Hypothek, welche nur bei unbeweglichen
Sachen zur Anwendung kommt, und wo das Pfandobjekt in der Hand
des Schuldners bleibt, während der Gläubiger erst dann die Hand
darauf legen kann, wenn der Schuldner nicht seinen Verpflichtungen
nachkommt, und das Gericht ihm zur Seite tritt. Der Gautsbesitzer,
welcher ein Darlehn auf Hypothek genommen hat, bewirtschaftet sein
Gut unbeschränkt wie bisher, er kann dasselbe vererben und verkaufen.
Erst wenn er mit den Zinsen in Rückstand kommt, kann der Gläubiger
das Gericht zu Hilfe ziehen, um durch Veräußerung disponibler Gegenstände
 des Gutes sich schadlos zu halten. Grenügt dieses nicht , oder
ist Kündigung erfolgt, und das Kapital kann nicht rechtzeitig zurück-
        <pb n="125" />
        107

gezahlt werden, so kann er die Subhastation des Gutes beantragen, um
aus dem Erlös Befriedigung zu erlangen.
Der Personalkredit findet naturgemäß Anwendung, wo Darlehen
auf kurze Zeit gefordert werden, und daher Zeitverlust und Kosten bei
dem Kreditgeschäfte vermieden werden müssen. Die Kreditierung
wird daher nur stattfinden, wo dem Gläubiger die Person des Schuldners
 genau bekannt ist, und seine Verhältnisse genügend übersehen
und kontrolliert werden können. Das ist vor allem bei dem kaufmännischen
 Verkehre der Fall, wo die Kreditierung auf einige Wochen
oder Monate geschieht, fortdauernd die Rückzahlung erfolgt und nach
kurzer Zeit ein neues Kreditgeschäft Platz greift. Wo die miteinander
in Geschäftsverbindung stehenden Kaufleute ihre Verhältnisse genau
gegenseitig zu übersehen vermögen, und ebenso die Banken die Zahlungsfähigkeit
 ihrer Kunden, die bei ihnen ein Kontokorrent haben, genau
verfolgen können, genügt der Schuldschein in Wechselform, während
der Realkredit viel zu zeitraubend, umständlich und kostspielig ist.
Wer dagegen einem Grundbesitzer ein Darlehn auf 10 oder 20 Jahre,
der gar unkündbar überläßt, wie es von unseren landwirtschaftlichen
Kreditanstalten geschieht, dem genügt die Garantie des Schuldners nicht,
dessen Zahlungsfähigkeit durch Krankheit oder durch den Tod aufgehoben
 werden kann. Hier muß zu der persönlichen eine sachliche
Sicherheit hinzugefügt werden, wie es durch die Verpfändung des Grundstücks
 geschieht. Da es sich hier um ein Darlehn auf längere Zeit
handelt, kann auch die Eintragung der Hypothek kein Bedenken erregen,
 auch wenn sie Monate in Anspruch nimmt und nicht unbedeutende
Kosten verursacht, die sich nun auf Dezennien verteilen.

8 389.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Kredites.
ii, Der Kredit liefert für Zahlungen in größeren Summen und an
entferntere Plätze in Noten, Checks, Wechseln ein weit vollkommeneres
Zahlungsmittel, als klingende Münze und erspart dadurch im Verkehre
Zeit und Arbeit. Diese Vorteile treten bereits im Binnenverkehre zu
Tage, wo für größere Summen, wie sie heutigen Tages fortdauernd
vorkommen, von Hunderttausenden bei einem Guts- oder Hauskauf,
oei dem Umsatz des Fabrikanten und der Kaufleute die Barzahlungen
große Schwierigkeiten, langwierige Arbeit des Auszahlens und erhebliche
 Kosten des Transports verursachen würden. Dies trat besonders
zu Tage bei der Milliardenzahlung Frankreichs an Deutschland, wo
nur ein kleiner Teil von noch nicht 600 Millionen in klingender Münze
‘273 Mill. Fres. in französ. Gold, 239 Mill. Fres. in französ. Silber,
105 Millionen in deutschen Münzen und Noten, die zum großen Teil
während der Occupation von dem Militär auf französischem Boden
ausgegeben waren) entrichtet wurde, die Zahlung mehrere Wochen in
Anspruch nahm, und ein HExtrazug nötig war, um die Summe von
Straßburg nach Spandau zu befördern. 125 Mill. wurden in französischen
 Noten gezahlt, 700 Mill, von einem Konsortium von 55 Bankiers
aufgebracht und durch Anweisungen auf Banken gezahlt, 1774 Mill.
sind in Wechseln gezahlt, welche die französische Regierung im In- und
Auslande aufgekauft hatte, 1773 Mill. Fres. durch französische Staatsobligationen
 gedeckt, der Rest von 325 Mill. kam auf die Elsässisch-Lothringische
 Eisenbahn in Anrechnung. Die ganze Summe bar zu

Kredit als
Zahlungsmittel
 im
lokalen Verkehr.
        <pb n="126" />
        - 108

entrichten, würde mindestens ein Dezennium in Anspruch genommen
aaben und wäre auch dann ohne die allergrößten Verkehrsstörungen
aicht durchzuführen gewesen, während sie vermittels des Kredits in
drei Jahren vollzogen wurde, ohne einen tieferen Eingriff in die Verkxehrsverhältnisse
 und ohne jede Störung des wirtschaftlichen Ganges
ler betreffenden Länder mit sich zu bringen.
Weit bedeutsamer stellt sich die Vermittelung des Kredites aber
noch für den internationalen Handel heraus, der in seiner jetzigen
Ausdehnung auf Grund von Barzahlungen absolut nicht durchzuführen
wäre. Man sah sich deshalb schon Ende des Mittelalters genötigt, zur
Zahlung durch Anweisungsbriefe von einem Lande zum andern die
Zuflucht zu nehmen. Zahlungen von Deutschland nach Amerika für
ron dort bezogenes Getreide werden meist durch Wechsel gedeckt,
die auf ein Londoner Bankhaus lauten. Diese Wechsel werden in
Amerika wieder benutzt, um andere Zahlungen zu decken und dienen
in England wiederum, um Lieferungen englischer Waren aus Eisen
der Baumwolle nach Amerika auszugleichen. Wir haben später darauf
ausführlicher zurückzukommen. Das Beispiel genügt, um zu zeigen, wie
lie gewaltigsten Zahlungen von einem Lande zum anderen nicht mit
klingender Münze, sondern durch Wechsel, also durch Kreditoperationen
ausgeführt werden. Die Gefahrlosigkeit, Billigkeit und Einfachheit
lieses Zahlungsmodus leuchtet ein, und der Milliardenumsatz zwischen
ainzelnen Ländern in unserer Zeit vollzieht sich auf der Basis des
Kredites in der einfachsten Weise,
2, Der Kredit erspart nicht nur Transport- und Arbeitskosten
bei den Zahlungen, sondern der Volkswirtschaft Metallgeld in sehr
erheblichen Quantitäten, Man kann in Deutschland rechnen, daß
mindestens neun Zehntel aller Umsätze durch Kredit vermittelt werden,
as müßte deshalb, ypyenn auch nicht das Zehnfache, so doch jedenfalls
das Mehrfache der drei Milliarden Barmittel, die in Deutschland im
Umlauf sind, vorhanden sein, um im jetzigen Verkehr dem Bedarf
an Münze zu entsprechen. Diese Milliarden, die sonst nötig wären,
ım damit Edelmetall zur Ausprägung anzukaufen, können jetzt: in
ınderer Weise wirtschaftlich angelegt werden; zum Bau von Chausseen,
Syn hahnen, Hafenanlagen etc., welche die Produktionskraft des Landes
1eben.
3. Der Kredit macht aber auch die vorhandenen Kapitalien wesentlich
roduktiver, indem er sie in die Hand der Personen leitet, welche sie
)esser zu verwerten imstande sind. Witwen und Waisen, Beamte,
Zentiers etc. geben ihre Kapitalien, da sie nicht selbst einen Produkjonszweig
 betreiben können, durch Ankauf von Aktien der Industrie
zur Verwertung, zu dem Bau von Eisenbahnen, in Hypotheken der
Landwirtschaft etc., wodurch jeder Kapitalteil der Volkswirtschaft entsprechend
 dient, während er sonst unverwertet oder nur unzulänglich
ausgenutzt bliebe,
Unter- 4. Auch der Besitzlose vermag durch kreditiertes Kapital seine
tützung des Arbeitskraft zu unterstützen, ohne seine Selbständigkeit zu opfern.
Besitzlosen, Ta jagt der unendliche Segen des Kredites, daß eine tüchtige Persönlichkeit,
 deren Leistungsfähigkeit allgemein anerkannt ist, Darlehen
erhalten kann, um ein selbständiges Unternehmen zu gründen, oder
wenigstens ein weit größeres, als bei einem geringen Vermögen möglich
wäre, Ein Gutsverwalter, der sich bewährt hat, erhält wohl ein Darıehn.
 um ein Gut zu pachten: hat er sich damit etwas erworben. so
        <pb n="127" />
        -— 109

vermag er mit seinem Kredit ein Gut zu kaufen. Häufig werden
;üchtige Kommis von ihren Prinzipalen zu Geschäftsteilhabern gemacht
oder an die Spitze von Filialen gestellt unter Gewährung bedeutender
Vorschüsse, Ein Ingenieur erhält Darlehen, um seine Erfindung zu
verwerten, oder es bildet sich eine Aktiengesellschaft, er wird an die
Spitze gestellt, und erhält die Verfügung über Hunderttausende, ohne
daß er selbst ein Vermögen zu haben braucht.
5. Auch die kleinsten Summen können durch Kredit zu größeren Konzentrie-Beträgen
 gesammelt und zu volkswirtschaftlicher Wirksamkeit ge-""ng kleiner
bracht werden, die ihnen bei ihrer Zersplitterung völlig fehlte. Das Summen.
zeigt sich insbesondere bei den Sparkassen, welche die kleinen
Summen zusammenziehen, die in den Händen von Kindern, Dienstboten,
 Arbeitern, Handwerkern in früheren Zeiten bar im Kasten
liegen blieben und dem Umlaufe entzogen wurden, während sie jetzt
von den Sparkassen zu Millionen vereinigt, der Volkswirtschaft zu
gute kommen, indem sie in Hypotheken, Aktien, Staatspapieren angelegt
 wirtschaftliche Verwendung finden, und die eingezahlten Münzen
in Zirkulation gesetzt werden. In derselben Weise vereinigen die
Banken die sonst müßig liegenden Beträge des Betriebskapitals, welche
von den Unternehmern im Momente nicht verwendet werden können,
am sie in größeren Beträgen als Darlehen an Kaufleute und Industrielle
abzugeben, deren diese gerade momentan dringend bedürfen. So werden
in den Aktiengesellschaften zur Durchführung des Großbetriebes kreditierte
 Summen zusammengetragen und zu größerer Wirksamkeit georacht,
 während, und das ist beachtenswert, der Ertrag nicht in solcher
Weise konzentriert bleibt, sondern sich in den Händen der Aktionäre
verteilt. Die Inhaber von Pfandbriefen einer größeren landwirtschaftlichen
 Kreditanstalt tragen zur Durchführung einer großen Gutswirtachaft
 mit bei, während sie nur den Obligationen entsprechend einen
kleinen Teil des Ertrages derselben beanspruchen können. Der Kredit
begünstigt damit den Großbetrieb, während er die Konzentration des
Einkommens vermeidet.
6. Die Möglichkeit, jede Summe nutzbar anzulegen, regt zum Vorsorge für
Sparen und überhaupt zur Vorsorge für die Zukunft an. Die in Aus-die Zukunft,
sicht gestellte Verzinsung durch die Sparkasse veranlaßt den Arbeiter,
ainen Teil des Lohnes nicht unmittelbar zu verbrauchen, sondern bei
Seite zu legen. Er weiß auch die kleinen Beträge zu schätzen, die
ihm dadurch zufließen, ohne daß er selbst seinen Arbeitsaufwand zu
erhöhen braucht. Das ganze Versicherungswesen beruht auch auf
Kredit, der es ermöglicht, durch kleine Jahreseinzahlungen bei einer
Gesellschaft sich ein Kapital zu sichern für den Fall der Verhagelung,
des Verlustes des Hauses durch Brand, für den Fall eines frühzeitigen
Todes zur Sicherung der Familie, wie durch Einzahlung eines Kapitals
zur Erzielung einer Jahresrente für die letzten Lebenstage bei Erreichung
zines bestimmten Alters. Eine ausgedehnte Vorsorge für die Zukunft
ist aber das Zeichen einer höheren Kultur und sie wird durch Kredit
wesentlich erleichtert und unterstützt,
7. Der Kredit knüpft, wie wir sahen, Beziehungen, die in gegenseitigem
 Vertrauen wurzeln, und verbindet die Interessen der im wirtschaftlichen
 Verkehr stehenden Menschen. Der Gläubiger hat ein
intensives Interesse daran, daß es dem Schuldner gut geht, und er
wirtschaftlich vorwärts kommt. Auch für den Schuldner ist es nicht
zleichgültig, wie sich die Finanzverhältnisse des Gläubigers gestalten,
        <pb n="128" />
        — 110 —

Kredit,
Produktionsfaktor?


da er bei einem ungünstigen Verlaufe auf Kündigung rechnen muß,
bei einem günstigen ev. weitere Vorschüsse erwarten kann. Je ausgedehnter
 die Kreditwirtschaft ist, um so mehr gehen die Interessen
der Bevölkerung Hand in Hand. Wichtiger ist es noch, daß auf
unserer Kulturstufe jeder wirtschaftlich T’hätige mehr oder weniger des
Kredites bedarf, es daher auch in seinem eigenen Interesse liegt, sich
des Vertrauens seiner Mitbürger würdig zu erweisen, um bei ihnen
Kredit zu haben. Ein Jeder fühlt sich unter der Kontrolle aller derjenigen,
 die mit ihm in Geschäftsverbindung stehen; jeder Fehlgriff in
seiner Thätigkeit, jeder Ausfall in seinen Einnahmen drohen daher
seinen Kredit zu beeinträchtigen. Ein Jeder wird also durch sein
eigenstes Interesse veranlaßt, seine Thätigkeit mit entsprechender
Vorsicht durchzuführen, um nicht seinen Kredit zu erschüttern. Die
Gesamtheit wird dadurch zu einer soliden Wirtschaft erzogen. Dieses
pädagogische Moment des Kredites fällt namentlich bei den Schultze-Delitzschschen
 Genossenschaften erheblich ins Gewicht, wo Jeder solidarisch
 für die Verbindlichkeiten des Unternehmens haftet, und von
den Volksbanken das Mitglied größere Darlehen nur auf Grund der
Bürgschaft zweier anderer Mitglieder erhält. Deshalb ist Jeder zur
größten Vorsicht genötigt, um sich einen solchen Ruf zu wahren, daß er
leicht die Bürgschaft anderer Mitglieder erhält, und wiederum gezwungen,
die Lage und Thätigkeit der übrigen fortdauernd zu kontrollieren, um
seinerseits nicht Unwürdigen Bürgschaft zu gewähren. Wer aber den
Kredit bei der Bank verliert, kann ihn sicher von anderer Seite nicht
leicht erwarten und wird in seiner Berufsthätigkeit lahm gelegt.
Aus dem bisher Gesagten ergiebt sich, welche Stellung der Kredit
in der Volkswirtschaft einnimmt, welche Bedeutung ihm zuzuschreiben,
welcher Art seine Wirkung ist. Doch sind die Anschauungen darüber
noch keineswegs völlig geklärt, wenn auch die Gegensätze nicht mehr
30 stark sind, wie sie sich noch vor einigen Dezennien herausstellten.
Der Engländer Macleod und der Amerikaner Perry schrieben dem
Kredit eine unmittelbar Kapital bildende Kraft zu, indem sie meinten,
ne Kreditoperation vermöge selbst Kapital zu erzeugen. Die Ausgabe
von Papiergeld erschien ihnen, wie auch dem Schotten John Law als
ntsprechende Neuschaffung von Kapital auf Grund einer Verwechslung
 von Geld und Kapital und einer Gleichstellung der Geldsurrozate
 und der Münze. Durch die Ausstellung eines Wechsels für ein
gewährtes Darlehn von 1000 Mk. wird aber offenbar nicht eine Verloppelung
 der 1000 Mk. herbeigeführt, obgleich der Wechsel als
Zahlungsmittel benutzt werden kann und dadurch einen volkswirtschaftlichen
 Dienst leistet; sondern durch den Wechsel werden die
1000 Mk, zu einer doppelten Funktion gebracht, indem sie in der
Hand des Schuldners zu Zahlungen an Arbeiter in der Fabrik benutzt
werden können, und zugleich der Gläubiger in den Stand gesetzt wird,
über die 1000 Mk, vermöge des Wechsels zu disponieren, um damit
seinerseits einen Gläubiger zu befriedigen. In dem Volksvermögen
sind deshalb immer nur die 1000 Mk. vorhanden, aber sie haben durch
die Kreditoperation eine erhöhte Wirksamkeit erlangt. Dasselbe ist
der Fall bei der Ausgabe von Noten durch eine Bank auf Grund des
Versprechens der Einlösung bei Präsentation der Noten. Die Bank behält
das bare Geld im Kasten und setzt Repräsentanten desselben in Umlauf,
die Note wirkt jetzt im Verkehre genau wie die Münze selbst. Man
nat ein neues volkswirtschaftliches Hilfsmittel damit gewonnen. Aber
        <pb n="129" />
        111 --auch

 hier ist durch die Notenausgabe nicht eine Verdoppelung der
Summe erzielt und dementsprechend der Nationalwohlstand erhöht,
sondern es ist nur der vorhandene Kapitalsvorrat durch die Notenausgabe
 zu einer zweifachen Thätigkeit gebracht. Dasselbe liegt auch
vor, wenn über den Barvorrat hinaus Noten ausgegeben sind. Giebt
schließlich der Staat Papiergeld aus, so prägt er gewissermaßen seinen
Kredit aus. Er hat keinen Barvorrat dafür beiseite gelegt, die in
Umlauf gesetzten 100 Mill. Mark geben ihm eine entsprechend höhere
Kaufkraft, obwohl sich der Kapitalsvorrat nicht verändert hat. Dies
ist eine Erscheinung, die in der Volkswirtschaft sehr häufig vorkommt.
Durch eine bessere Organisation, eine erweiterte Arbeitsteilung in einer
Fabrik werden die vorhandenen Arbeitskräfte besser ausgenutzt, Die
Gesamtleistung ist erhöht, obgleich die Zahl der Arbeitskräfte die
gleiche geblieben ist. Durch eine bessere fachliche Ausbildung kann
die Arbeiterbevölkerung zu höherer Produktion gebracht werden, ohne
Vermehrung ihrer Zahl, und ohne daß das neue Agens erhöhter Bildung
lem Werte nach geschätzt und als Kapital in Anrechnung gebracht
werden kann. So ist auch der Kredit eine unmeßbare wirtschaftliche
Macht von hoher Bedeutung, und zwar eine sittliche Macht, die aber
selbst nicht als Kapital anzusehen ist und ebenso wie die Kreditoperation
 selbst, also die Funktionierung des Kredites nicht direkt Kapital
hervorbringt.
Wenn nun dagegen John Stuart Mill ausdrücklich sagt: Der
Kredit ist an sich keine produktive Macht, so liegt darin wiederum
eine Unterschätzung des Kredites, da er, wie wir sahen, durch Ersparung
 von Münze, durch Erhöhung der Produktivkraft der vorbandenen
 Kapitalien, durch wesentliche Erleichterung des Verkehrs
unzweifelhaft produktiv wirkt; aber indirekt. Die Kreditmittel, wie
Wechsel, Noten ete. stehen in der volkswirtschaftlichen Bedeutung den
Transportmitteln, der Münze etc. ähnlich da.
Durch ausgedehnte Benutzung des Kredites treten aber Gefahren Gefahren des
mannigfaltiger Art hervor, die nicht unbeachtet bleiben dürfen, die Kredites.
aber in der neueren Zeit nicht unbedeutend überschätzt sind.
Kine Verallgemeinerung des Kredites ermöglicht die Ausnutzung
desselben, wie wir sahen, zur einseitigen Erweiterung des Konsums.
Einer wirtschaftlich tiefstehenden Bevölkerung ausgedehnten Kredit zu
eröffnen, wird derselben sicher zum Schaden gereichen, indem dieselbe
sehr zuweitgehend von demselben Gebrauch macht, aber nicht, um die
erlangten Summen wirtschaftlich produktiv anzulegen, sondern um sie
zu vergeuden, wie man bei den slavischen Bauern noch in der neueren
Zeit beobachtet hat. Aber auch der Produktionskredit kann leicht
gemißbraucht werden, wenn er zu einer großen Ausdehnung des
Unternehmens auf zu wenig gesicherter Basis führt. Das tritt hervor
bei einem Gutskaufe mit zu geringer Anzahlung, wo dann wenige ungünstige
 Ernten die Unmöglichkeit ergeben, die Zinsen zu zahlen, und
der eintretende Bankerott den Verlust des Vermögens in sich schließen
kann. Das liegt in gleicher Weise vor, wenn ein Fabrikant, ein Kaufmann
mit zu geringen Mitteln ein Geschäft unternimmt, und wo ein Zurückgehen
 der Preise sofort die Zahlungseinstellung mit sich bringt. UVeberhaupt
wird durch Kredit die Spekulation erheblich angeregt, und der Unredliche
wird geneigt sein, um so gewagtere Spekulationen zu übernehmen, je
weniger dabei von eigenem Vermögen auf dem Spiele steht, und das
Risiko auf anderen Schultern ruht, Während auf der einen Seite also
        <pb n="130" />
        — 112

die Kreditwirtschaft größere Solidität in der Bevölkerung veranlassen
wird, kann sie im Einzelfalle die Unsolidität fördern. Durch Kredit
kann das Uebergewicht des Besitzenden über den Besitzlosen noch gesteigert
 werden, weil demjenigen, dem ein mäßiges Vermögen zur Seite
steht, noch leicht ein Kapital kreditiert wird, was ohne solche Sicherheit
 nur selten geschieht. Dem reichen Manne stehen aber fast unbegrenzte
 Kapitalien zur Verfügung.
Der Kredit erweist sich demnach als ein zweischneidiges Schwert,
welches den leicht verwundet, der es nicht zu handhaben versteht, dazegen
 denjenigen unterstützt, der den richtigen Gebrauch davon macht.
Der Kredit ist es gewesen, der erst die moderne Weltwirtschaft ausbilden
 ließ und die Fortschritte der Kultur ermöglichte, die wir gegenwärtig
 genießen. Durch eine größere Reife und richtigeres Verständnis
für die Volkswirtschaft wird es allmählich gelingen, die schädlichen
Auswüchse zu beschneiden und die Gefahren zu mildern.

Kapitel IV.
Die Arten der Volkswirtschaft.
8 40.

Verschiedene Einteilung der wirtschaftlichen
Entwickelung,
Fr. List, Nationales System der politischen Oekonomie. Stuttgart 1840.
Bücher, Art, Gewerbewesen im Handwörterbuch d. Staatsw. und Entstehung
Volksw., 2. Aufl, Tübingen 1898.
B. Hildebrand, Jahrbücher für Nationalökonomie, Jahrg. 1864. ;
Ed. Meyer, Die wirtschaftliche Entwickelung des Altertums. Jahrbücher für
Nationalökonomie 1895.

Pr. List.

Die Entwickelungsgeschichte der Volkswirtschaft in verschiedene
Phasen zu zerlegen, ist schon von mehreren Seiten versucht. Am bezanntesten
 ist die Einteilung von Friedrich List, der folgende
wirtschaftliche Entwickelungsstufen der Menschheit annimmt: 1. die
Stufe der Jagd und Fischerei, 2. des Hirtenlebens, 3. des Ackerhbaues,
4, die Agrikultur-Manufakturperiode, und 5. die Agrikultur-Manufaktur-Handelsperiode.
 Die erste ist die Zeit, wo der Mensch sich noch
wenig von dem Tiere unterscheidet, der Zustand der Wildheit, wo
seine wirtschaftliche Thätigkeit eine rein occupatorische ist. In der
zweiten sucht er die Tiere zu Haustieren heranzuziehen und sie
dauernd seinen Zwecken nutzbar zu machen, wie das besonders in
dem Nomadentume zu Tage tritt. Aber das Hirtenleben kann sich
auch entwickeln an einer bestimmten Scholle, wie das in Deutschland
unzweifelhaft der Fall gewesen ist. Ein wesentlicher Fortschritt liegt
dann in dem Uebergange zum Ackerbau, der sich natürlich außerordentlich
 langsam erst zu höherer Leistung entwickelt, aber dem
Fortschritte einen großen Spielraum einräumt. Nach List soll das
ackerbauende Volk allmählich durch eingeführte Manufakturen zu
höheren Lebensansprüchen gebracht, zu anderer Thätigkeit angeregt
and damit genügend gehoben werden, um sich zur vierten Stufe zu erheben,
 wo allmählich die stoffveredelnden Gewerbe sich entwickeln, um
anter Ausbildung der Arbeitsteilung im Lande selbst den Bedarf an
Manufakturen zu befriedigen. Auf dieser Stufe ist nach ihm zu seiner
        <pb n="131" />
        2118

Zeit, Anfang der 40er Jahre, Deutschland gewesen, während nur das
britische Reich sich schon auf die höchste Stufe geschwungen hatte,
wo noch der Handel hinzutritt, um die Industrie‘ für den Export arbeiten
 zu lassen, und damit zur internationalen Arbeitsteilung überzugehen,
 Es ist klar, daß von einer Volkswirtschaft überhaupt erst in
den beiden letzten Listschen Perioden gesprochen werden kann, aber
die Abscheidung, wie er sie vornimmt, entspricht nicht den historischen
Thatsachen, Nicht einmal das britische Reich, welches er hauptsächlich
 im Auge hat, zeigt diesen Entwickelungsgang, Der Ackerbau ist
sicher oft mit dem Hirtenleben Hand in Hand gegangen, und der
Handel trat vielfach unmittelbar befruchtend an ihn heran, bevor sich
aine heimische Industrie von Bedeutung entwickelt hatte. Man braucht
nur an die Phönizier im Altertum und an Karthago zu denken. In
England bildete sich schon seit Cromwell der Handel mit Rapidität
aus, und erst darauf gewann auch die Industrie einen Aufschwung.
Holland ist ein überwiegend merkantiles Land gewesen, also ohne es
jemals zu einem Agrar-Manufakturstaat zu bringen, und die Industrie
hat niemals eine entsprechende Bedeutung daselbst gewonnen. Als
richtig ist aber anzuerkennen, daß erst dann ein Land zu hoher Ausbildung
 der Volkswirtschaft gelangen kann, wenn jene drei großen
Produktionszweige zur Blüte gebracht sind und sich gegenseitig befruchten.

Von Interesse ist dann die von Bücher aufgestellte Entwickelungsfolge.
 1. Die Stufe der geschlossenen Hauswirtschaft (reine HKigenproduktion,
 tauschlose Wirtschaft), auf welcher die Güter in derselben
Wirtschaft verbraucht werden, in der sie entstanden sind.
2. Die Stufe der Stadtwirtschaft (Kundenproduktion oder Stufe
des direkten Austausches), auf welcher die Güter aus der produzierenden
 Wirtschaft unmittelbar in die konsumierende übergehen.
3, Die Stufe der Volkswirtschaft (Warenproduktion, Stufe des
Güterumlaufes), auf welcher die Güter in .der Regel eine Reihe von
Wirtschaften passieren müssen, ehe sie zum Verbrauch gelangen.
Auf der ersten Stufe wird der Bedarf durch die Arbeit der
Familienangehörigen selbst gedeckt. Der Tausch ist zunächst noch
anbekannt und tritt nur vereinzelt auf. Die ganze wirtschaftliche
Thätigkeit ist bestimmt durch die lokalen Verhältnisse. Die Arbeitsteilung
 spielt nur eine untergeordnete Rolle, fehlt aber nicht gänzlich.
 Sie ist nur innerhalb der Familie durchgeführt, dann später
erweitert durch die Hinzuziehung der Sklaven und Hörigen. Es ist
also der Zustand primitiver Kultur, wie er ursprünglich überall als
Ausgangspunkt anzusehen ist, nur geht Bücher wesentlich zu weit,
wenn er diesen Zustand in dem ganzen Altertum noch vorzufinden
glaubt und ebenso ihn bis in das vorgerückte Mittelalter voraussetzt.
In der zweiten Stufe nimmt er die Stadtwirtschaft an, wo bereits
die Arbeitsteilung sich erweitert hat, und ein großer Teil des Konsums
vor allem der Stadt aus der Umgegend bezogen wird, während diese
wiederum die Produkte städtischer Arbeit für sich in Anspruch nimmt.
Der Kleinhandel spielt schon eine erhebliche Rolle innerhalb des zum
städtischen Gebiete gehörigen Territoriums, der Großhandel dagegen
ausschließlich als Wander-, Markt- oder Meßhandel. Das sind Verhältnisse,
 wie sie sich am Ende des Mittelalters in Deutschland wohl nachweisen
 lassen.
Jonrad, Grundrifs der polit. Oekonomie. I Teil. 4. Aun.

Bücher.
        <pb n="132" />
        Hildebrand


Die dritte volkswirtschaftliche Stufe liegt nach Bücher VOr, wo
sich Staaten mit größeren Territorien ausgebildet haben, und in den
mehr abgeschlossenen Staatswirtschaften sich innerhalb des Landes ein
allgemeiner Austausch und weitgehende Arbeitsteilung auszubilden vermochten,
 um damit die Wirtschaft eines ganzen Volkes auszubilden,
welches gemeinsam für den gesamten Bedarf arbeitet, Auf der dritten
Stufe bildet sich immer mehr eine Arbeitszerlegung der einzelnen
Unternehmungen aus, die Halbfabrikation schiebt sich ein, und die
einzelnen Geschäfte gelangen untereinander in Handelsbeziehungen. Der
Handel tritt als Zwischenglied ein, und das Verkehrsgewerbe gewinnt
an Bedeutung. In dieser Weise lassen sich wohl verschiedene Phasen
unterscheiden. Indessen verschwindet das Zwischenglied, wie es Bücher
einschiebt, bei näherer Betrachtung gegenüber den anderen beiden
zu sehr in der zeitlichen Bedeutung und als allgemeine historische
Thatsache.
Tiefgreifender und charakteristischer scheint uns die Einteilung
Bruno Hildebrands zu sein, in Natural-, Geld- und Kreditwirtschaft,
je nachdem der allgemeine Umsatz sich auf dem Wege des Naturaltausches
 oder durch Geld oder in der Hauptsache auf Grund des
Kredites vollzieht. Wohl lassen sich auch hier nicht scharfe Grenzen
zwischen den einzelnen Phasen ziehen; der Uebergang ist, wie allgemein
 in der Volkswirtschaft, ein sehr allmählicher, Es bürgert sich
bereits das Geld ein, wo noch im ganzen die primitivste Stufe vorliegt,
 der Tausch selbst nur eine Ausnahme bildet, und schon sind
vereinzelte Kreditoperationen nachweisbar, die aber nur dem Konsumtionskredite
 angehören. XNaturalumsatz, und noch mehr Naturalleistungen
 für gewährte Dienste sind bis in unser Jahrhundert hinein
zu beobachten, wo schon die dritte Periode beginnt. Aber doch ist
in den einzelnen Zeiten eine bestimmte Art des Umsatzes für den
ganzen Verkehr hauptsächlich maßgebend und prägt der Zeit ihren
Stempel auf. Zur Zeit Homers, wie bis zum 11. Jahrhundert auf
deutschem Boden liegt Naturalwirtschaft vor; und auch gegenwärtig
im Innern Afrikas, Australiens ete., auch wenn sich dort bereits das
Geld vereinzelt in Anwendung findet. Seit Solon zur klassischen
Zeit, seit den Kreuzzügen im Mittelalter, beginnt die Einbürgerung des
Geldes. In der Perikleischen Zeit, wie in dem 15. Jahrhundert ist
die Geldwirtschaft die unbedingt herrschende, während in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts in England, in der Mitte des 19, erst
in Deutschland die Kreditwirtschaft mit all ihren Eigentümlichkeiten
zum Durchbruch gelangte.

$ 41.
Die Natural-, Geld- und Kreditwirtschaft.
Die charakteristischen Eigentümlichkeiten der Naturalwirtschaft
 liegen in folgenden Punkten: ;
Wirtschaft- 1. Grundbesitz und menschliche Arbeitskräfte sind die einzigen
üche Folgen Güterquellen. Die Produktion bewegt sich noch in den einfachsten
on Formen und dient fast nur zur unmittelbaren Befriedigung der laufenden
— Bedürfnisse. Arbeitsteilung ist nur innerhalb des Familienkreises vorhanden,
 der Umsatz der Produkte ist durchaus lokalisiert.
2, Produktion wie Konsumtion sind im höchsten Maße ungleichmäßig
 und fallen von einem Extrem ins andere. Bald wird die
        <pb n="133" />
        — 115 —

Arbeitskraft in Jagd- und Fischzügen übermäßig angestrengt, während,
darauf wieder Zeiten der Muße und der Unverwertbarkeit der Arbeitskraft
 folgen. In der gleichen Weise wechseln Ueberfluß und Mangel,
je nachdem Jagdzüge von Erfolg gekrönt waren und der Ernteausfall
sich gestaltete, Die Urkunden aus dem Mittelalter berichten von. jenem
Wechsel zwischen grenzenloser Hungersnot, welche die Bevölkerung
dezimiert, und Ernteüberfluß, wo ein Teil des Ertrages keine Verwertung
 finden kann, Die Bevölkerung gewöhnt sich daher daran, bald
zu darben, bald zu schwelgen, überhaupt nur dem Moment zu leben.
3. Die erzielten Produkte, in der Hauptsache Nahrungsmittel,
eignen sich nicht zur Aufbewahrung, sondern gehen leicht zu Grunde.
Auch deshalb wird verbraucht, was. erzielt ist, ohne Vorsorge für die
Zukunft. Es fehlt an dem entsprechenden Mittel, Ueberschüsse als
Reserve aufzuspeichern und daher überhaupt Wohlstand zu erzielen.
Aus demselben Grunde gebricht es an jeder Anregung, mehr zu leisten
und die Leistungsfähigkeit allseitig auszubilden. Schlaffes Hinvegetieren
ist zur Zeit der Naturalwirtschaft das Gewöhnliche, die allgemeine
Stagnation läßt Jahrhunderte vergehen ohne einen wesentlichen Fortschritt.

4. Da es an den Hilfsmitteln des Kapitales fehlt, ist die völlige
Abhängigkeit von der Natur gegeben, die der Mensch nicht beherrscht,
sondern von der er, wie die Tierwelt, völlig beherrscht wird.
5. Es stehen sich allein die Inhaber des Grund und Bodens und
der Arbeitskraft gegenüber, Da der letztere ohne Grund und Boden
seine Kraft nicht verwerten kann, ist er in unbedingter Abhängigkeit
von jenen, Es bildet sich daher allgemein entweder die persönliche
Sklaverei oder das Hörigkeitsverhältnis, die Gebundenheit an die Scholle
aus, die sowohl im Altertume, wie im Mittelalter und in der Gegenwart
bei den primitivsten Völkerschaften zu finden sind. .
6. Dies überträgt sich auch auf die politische Organisation. Wie
der Grundherr den Bauern Land zur Benutzung überläßt gegen Naturallieferungen
 und Dienste mannigfaltiger Art, so belohnt der Staat die
ihm geleisteten Dienste durch Belehnung mit Land, sowohl an
Beamte, wie an die Heeresfolge leistenden Vasallen, die dasselbe
wiederum, da sie es nicht selbst verwerten können, in der gleichen
Weise an Bauern überlassen, Es bildet sich der Lehns- oder Feudalstaat
 aus mit ausgedehnter Domanialwirtschaft, die nicht nur während
des Mittelalters in Deutschland zu finden ist, sondern auch in Persien
zur Zeit der Blüte, im alten Mexiko zur Zeit der Entdeckung Amerikas
and in Japan noch in späterer Zeit,
1. In dem Gelde gewinnt die Bevölkerung nun ein vorzügliches
Sparmittel, in welches alle Ueberschüsse der Wirtschaft umgesetzt und
als Reserve aufgesammelt werden können, dadurch ist die Möglichkeit
geboten, einen Ausgleich zwischen Ueberfluß und Mangel herbeizuführen.
 Die Produktion wie die Konsumtion erlangen eine größere
Gleichmäßigkeit, die überaus wohlthätig wirkt. Die Vorsorge für die
Zukunft beherrschtin bedeutsamer Weise das ganze wirtschaftliche Leben.
2, Da der Nutzen des Sparens in jedem Momente zur Geltung
kommt, wird durch das Geld eine intensive Anregung zum Arbeiten
über den augenblicklichen Bedarf gegeben, und. damit die Steigerung
des Volkswohlstandes in besonderer Weise angebahnt.
3. Die herrschende Klasse läßt sich die ihr gebührenden Abzaben
 immer mehr in Geld bezahlen, um damit im Bezuge des Be-Politische


Wirkung.

zxeldwirtschaft.
        <pb n="134" />
        — 116 —

Soziale und
politische
Nirkung der
Kapitalshildune,


Kreditwirtschaft.


darfes unabhängiger zu sein. Dadurch gewinnt der Arbeiter seinerseits
eine größere Unabhängigkeit und freie Verwertbarkeit seiner Kräfte,
die er nun nicht nur im Dienste des Herrn, sondern auch des Publikums
anwenden kann. Durch das Geld hat er die Möglichkeit erlangt, sich
in die besitzende Klasse emporzuarbeiten, was ihm wiederum die Möglichkeit
 gewährt, sich von dem Herrn loszukaufen und ein freier Mann
zu werden. Durch das Dazwischentreten des Geldes wird allmählich
das alte Hörigkeitsverhältnis gelockert und schließlich beseitigt. Jeder
wird selbständiger, aber auch isolierter. :Der Grundherr hatte Anspruch
auf die Arbeitskraft seiner Untergebenen, dafür aber auch die Verpflichtung
 zur Fürsorge in Fällen der Not. Mit Beseitigung der Rechte
fallen auch die Verpflichtungen fort, und der Arbeiter steht in Zeiten
der Bedrängnis hilflos da,
4. In der Zeit der Naturalwirtschaft beobachtet man das natürliche
 Bedürfnis der einzelnen Stände und Berufsklassen, sich zur Vertretung
 ihrer Interessen eng zusammenzuschließen. Je mehr sich die
Geldwirtschaft einbürgert, um so mehr löst sich das alte Verhältnis,
die Gegensätze gleichen sich aus. Es ist eine allgemeinere Atomisierung
 der Volkselemente zu beobachten.
5. Die Steigerung des Wohlstandes, die gewonnenen Geldmittel
führen unwillkürlich zu einer Erhöhung der Lebensbedürfuisse, und
liese regen wiederum zu stärkerer Produktion und Verwertung aller
Arbeitskräfte an. Damit kommt Leben in das ganze wirtschaftliche
Treiben, und Fortschritt tritt an die Stelle der bisherigen Stagnation.
6. Da das Geld sich in einer Hand beliebig anhäufen läßt, so
ist damit die Möglichkeit gegeben, auch ohne Grundbesitz wirtschaftliche
 Macht zu erlangen. Neben dem Grundbesitzer bildet sich die
Klasse der Kapitalisten aus, die sich zwischen ihn und den Arbeiter
schiebt. Die Nachfrage nach diesen bewirkt die Besserung der Lage
des Arbeiters. In sozialer wie wirtschaftlicher Beziehung tritt die
Klasse der Kapitalisten den Grundbesitzenden entgegen und ringt mit
ihnen um die Herrschaft.
7. Die Staatsgewalt bezahlt nun die ihr geleisteten Dienste mit
Geld, und so bildet sich das Soldheer und ein von ihr abhängiger
Beamtenstand aus, der von dem Grundbesitze losgelöst, den Staat von
ler grundbesitzenden Klasse unabhängiger macht. Die Domänenwirtschaft
 wird durch ein Steuersystem ersetzt, um dem Staate die nötigen
Mittel zu verschaffen. Alles wirkt darauf hin, an Stelle des Feudalstaates
 die absolute Monarchie zur Ausbildung zu bringen,
Wurde in der Zeit der Naturalwirtschaft allein für den Lokalbedarf
 gearbeitet, so erweitert sich die Thätigkeit zur Zeit der Geldwirtschaft
 auf einen ausgedehnteren Umkreis, Die Kreditwirtschaft
führt dann mehr und mehr zum internationalen Verkehre und ernöglicht
 denselben erst in so durchgreifender und charakteristischer
Weise, wie ihn die Gegenwart aufzuweisen hat, 1. Wurde durch die
Einführung des Geldes die Kapitalsbildung in ausgedehnterem Maße
ermöglicht, so nimmt sie in der letzten Entwickelungsphase nie geahnte
Dimensionen an, ermöglicht die Konzentrierung des Kapitals zur Produktion
 im Großen, und fördert überall den Uebergang vom Kleinzum
 Großbetrieb in Handel und Industrie. Die Entwickelung des Wohlstandes
 wie der Lebensansprüche geht in beflügelter Weise vor sich.
2. Die sich ausbildende internationale Arbeitsteilung, wie der hochyespannte
 Bedarf im Inlande bringen wiederum größere Schwankungen
        <pb n="135" />
        — 117 —

in die Produktions- und Konsumtionsverhältnisse, damit größere Unruhe
und Ungleichmäßigkeit in den volkswirtschaftlichen Betrieb. Die
Spekulation greift, unterstützt und getragen durch den Kredit, in alle
Verhältnisse ein und läßt die Sucht, ohne Arbeit reich zu werden,
allgemeiner um sich greifen. Weil die Basis des Besitzes im Vergleich
zum Umsatze weit geringer geworden ist, muß auch das Risiko größer
werden, und der Konjunkturenwechsel größere wirtschaftliche Erschütterungen
 herbeiführen, als sie zur Zeit der Geldwirtschaft vornanden
 waren. Die wirtschaftlichen Krisen sind eine besondere Eigenümlichkeit
 der neuesten Wirtschaftsphase, unter der die Arbeiterklasse
oesonders leidet.
3. Durch das überall eingreifende Kapital steigt die Nachfrage
nach Arbeitskräften und führt im großen Ganzen zu einer wachsenden
Besserung der Lage der unteren Klasse und ihrer wirtschaftlichen
wie politischen Bedeutung. Die Lebensansprüche derselben wachsen
aber in noch stärkerem Maße, so daß der Gegensatz der Klassen verschärft
 erscheint, obgleich die wirtschaftliche Unterlage eine Ausgleichung
 erfahren hat. Hatte die Geldwirtschaft die alten Standesgruppen
 aufgelöst und atomisierend gewirkt, so bildet sich jetzt wiederum
der Associationsgeist aus. Aber die Vereinigungen sind nicht durch
strengen Kastengeist abgeschlossen und festgelegt, sie erwachsen auf
dem Boden der Freiheit durch momentan vorliegende Bedürfnisse, verbinden
 nur zeitweise und für bestimmte wirtschaftliche, soziale oder
politische Aufgaben. Der Kredit verknüpft die Interessen der verschiedensten
 Wirtschaftsgruppen und bildet dadurch den Associationszeist
 aus, der für unsere Zeit typisch ist und in diesem Jahrhundert
sicher noch eine größere Entfaltung erfahren wird.
4. Wie die Herrschaft des Kapitals mit ihrer wirtschaftlichen Beleutung
 mehr und mehr in den Vordergrund tritt, verschwindet das
Üebergewicht des Grundbesitzes. Der landwirtschaftliche Betrieb
büßt den alten patriarchalischen Charakter ein, wird mehr und mehr
der industriellen Unternehmung ähnlich und verliert damit die alte
Stabilität.
5. Auf den Feudalstaat folgte die absolute Monarchie, auf diese das
constitutionelle System, gestützt durch eine breite, wohlhabende Mittelklasse,
 die mehr und mehr zur Herrschaft berufen ist und der Zeit
ler Kreditwirtschaft entspricht.
6. Die wirtschaftliche und politische Freiheit und Gleichberechjigung
 Aller kommt völlig zum Durchbruch.

Kapitel V.
Der Preis.

$ 42.
Das allgemeine Preismaß.
Th. Tooke und W. Newmarch, Die Geschichte und Bestimmung der Preise
während der Jahre von 1793—1857, übers. von Asher. Dresden 1862.
Zuckerkandl, Theorie des Preises. Leipzig 1889.
Das Preismaß unterscheidet sich von den anderen Maßen dadurch,
laß es nicht eine äußerlich wahrnehmbare Form messen soll, sondern
        <pb n="136" />
        — 118 —

Arbeit als
Wertmaß,

Jtetreide.

Zdelmetalle.

eine .ıdeelle Eigenschaft, eine Beziehung der Dinge zur menschlichen
Gesellschaft, und zwar der Güter mannigfaltigster Art. Infolgedessen
muß das allgemeine Preismaß 1. leicht teilbar sein, um die verschiedenen
Preisquantitäten zu messen, 2, allgemein be- und anerkannt, 3. von
Raum und Zeit unabhängig sein. Aber ein diesen Ansprüchen ganz
zenügendes Preismaß aufzufinden, ist als ein unlösbares Problem zu
Jezeichnen.
A. Smith bezeichnete die menschliche Arbeit als das beste
Preismaß. Aber das Opfer, das der Arbeitende bei einer Leistung
’ringt, ist nicht bei allen Personen gleich. Eine physisch anstrengende,
:införmige Thätigkeit ist für den daran gewöhnten Tagelöhner keine
Last, sondern ein Bedürfnis, für den an geistige Beschäftigung gewöhnten
 Lehrer wird sie schon nach kurzer Zeit unerträglich. Die
Leistung einer Tagesarbeit ferner ist örtlich und zeitlich, je nach den
arbeitenden Persönlichkeiten, verschieden. Die Leistungsfähigkeit ist
9ei den verschiedenen Völkerschaften sehr ungleich und . verändert sich
auch im Laufe der Zeit sehr erheblich. Sie ist selbst erst durch die
Leistung zu bestimmen, man bewegt sich in einem circulus vitiosus.
Es ist auch das Getreide als Preismaß vorgeschlagen worden,
loch ist der Wert desselben je nach dem Ernteausfall außerordentlich
verschieden. Für kürzere Perioden ist das Getreide daher als solches
ınbrauchbar. In den verschiedenen Zeiten und Ländern ist ferner
vald die eine, bald die andere Frucht als die Hauptnahrung höher geschätzt.
 Im Mittelalter war Hafer ein sehr ausgebreitetes menschliches
Nahrungsmittel. Er wurde allmählich durch Roggen verdrängt, der in
dem größten Teile Deutschlands jetzt das hauptsächlichste Brotgetreide
bildet, Derselbe ist während der letzten Jahrhunderte in England,
Frankreich, in den Rheingegenden allmählich und jetzt völlig durch
Weizen ersetzt, während in Italien die Maisnahrung überwiegt. Es ist
Jleshalb nicht überall dasselbe Getreide als Wertmaß zur Anwendung
zu bringen.
Die Kdelmetalle haben dagegen alle günstigen Eigenschaften, um
in einem gegebenen Momente als Preismaß zu dienen. Es geht aber
auch ihnen die Unveränderlichkeit des Preises ab. Gleiche Quantitäten
Edelmetall haben in verschiedenen Zeiten, wie auch in verschiedenen
Ländern zu gleicher Zeit eine ungleiche Kaufkraft. Zur Vergleichung
der Verhältnisse verschiedener Jahrhunderte wird daher das Edelmetall
nicht als Preismaß ausreichen. Es muß vielmehr dann das Getreide
als besserer, konstanterer Maßstab hinzugezogen werden. Um eine
tiefere Einsicht in den Geldwert zu erlangen, ist aber eine Untersuchung
 des Preisniveaus der hauptsächlichsten Konsumartikel und
zwar derjenigen der verschiedenen (GGesellschaftsklassen erforderlich.
Zur Feststellung z. B. des Verhältnisses der Löhne vor dem
dreißigjährigen Kriege, nach demselben und in der Gegenwart wird
aus der Vergleichung des Wochenlohnes eines Schnitters, Maurers etc.
in der Münze jener Zeiten nicht viel zu ersehen sein. Man muß vor
Allem den Gehalt der Münzen an Edelmetall feststellen, der erheblich
gewechselt hat. Ist der Wochenlohn in Gold oder Silber gefunden,
so muß die Kaufkraft des Betrages untersucht werden, weil man
wissen muß, was konnte damals der Arbeiter sich mit dem Wochenlohn
 verschaffen, wie konnte er damit im Vergleich zur Gegenwart
leben.‘ Näher wird man dem Ziele kommen, wenn man nach den Getreidepreisen.
 der verschiedenen Zeiten berechnet, wie viel Brotgetreide
        <pb n="137" />
        — 119 —

der Wochenlohn repräsentierte. Aber das Getreide macht nur einen
kleinen Teil des Bedarfes des Arbeiters aus, einen noch kleineren Teil
bei höherer Lebensstellung der in Betracht gezogenen Person. Die
Hinzuziehung der Fleischpreise, der Wohnungsmiete, der Kosten eines
Anzuges etc., wird erst einen tieferen Einblick in die Verhältnisse
yestatten.
Als Beispiel führen wir die Entwickelung des durchschnittlichen
Gehaltes eines ordentlichen Professors an der Universität Halle-Wittenberg
 in Geld und Roggen an. (Aus der Festschrift zum Jubiläum der
"niversität 1294):

697 1125 Mk.
‚720 (185
747 840 x
787 (424 &amp;gt;
795 1419 &amp;gt;
835 3006
8565 3808 |
‚865 3802
875 ° 5815 .
885 5679 .
892 6369 .

Preis pro Zentner Roggen
245,0 Zentner Roggen 459 Mkı
288,0 593
255,7 28
372,7 &amp;gt;82
321.0 109
5052 03
199,7 350
67,9 8,12 ,
83 9,47 ,,
3760 8,40 ,,
821

43

S 43.
Die Preisregulierung bei freier Konkurrenz,
». Mangoldt, Volkswirtschaftslehre. Freib. 1868.
Zeitschrift f. d. g. Staatsw. 1881. Neumann, Die Gestaltung des Preises etc.
Schönbergs Handb. 1896. Bad. I. 8. 253.

Durch das gegenseitige Abwägen der Ansprüche der Käufer und
Verkäufer eines Gutes wird der Preis desselben festgestellt. Stehen
aeide Parteien sich völlig frei‘ und mit gleicher Dringlichkeit ihrer
Ansprüche gegenüber, stehen Vorrat und Bedarf, Angebot und Nachfrage
 in angemessenem Verhältnis (was im- allgemeinen der Fall sein
wird bei freier Konkurrenz, einem leicht und beliebig vermehrbaren
und. einem entbehrlichen Gegenstande z. B. Gemüse auf dem Wochennarkt,
 gewöhnlichen Textil- und Eisenwaren ete.), so wird der Preis
auf die Herstellungskosten plus dem ortsüblichen Gewinn durch das
sich gegenseitige Ueber- und Unterbieten der Konkurrenten herabgedrückt
 werden. Er wird sich dauernd nicht darüber und nicht darunter
halten können.
Ein Steigen des Preises über jenes Minimum hinaus wird unter
solchen Umständen sowohl die Konsumenten zurückschrecken, die
Nachfrage verringern, als auch die Produzenten, die Verkäufer,
resp. die angebotenen Quantitäten vermehren, das Angebot steigern,
wodurch der Preis herabgedrückt wird. Eine größere Zahl von
Personen wird den gebotenen außergewöhnlichen Profit ausnutzen
wollen und als Konkurrenten auftreten, und es wird mehr Material
herbeigeschafft. Das reichlichere Angebot oder, was dasselbe ist, die
vermehrte Konkurrenz bei verminderter Nachfrage führt ein sich gegenseitiges
 Unterbieten der Verkäufer herbei, um eine größere Zahl von
Kunden heranzuziehen und mehr Ware abzusetzen. Umgekehrt wird
ein Herabgehen der Preise, welches den Gewinn des Verkäufers
annulliert, naturgemäß das Angebot vermindern und schließlich aufaören
 lassen. während die billigen Preise mehr Käufer heranlocken

Beschafungskosten

Is Grundage
 des
Preises.
        <pb n="138" />
        Surrogate.

and die Nachfrage steigern. Die Konsumenten werden beginnen sich
zu überbieten, um von dem billigen Ankauf möglichst zu profitieren.
Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage verschiebt sich zu gunsten
der Verkäufer und bewirkt eine Steigerung der Preise, Der Preis
selbst reguliert hier offenbar Angebot und Nachfrage, wie diese ihrerseits
 den Preis beeinflussen. Bei Konsumtionsgegenständen der unteren
Klasse wird der Einfluß der Preisveränderung auf die Nachfrage sehr
bald zu spüren sein und sehr energisch wirken, und um so mehr, je
antbehrlicher der Gegenstand ist, z. B. bei Zucker, Tabak etc. Aber
auch der Brotkonsum wird durch die Preise erfahrungsgemäß sehr er-Aeblich
 beeinflußt. In den mahl- und schlachtsteuerpflichtigen Städten
Schlesiens schwankte der jährliche Konsum an Weizen von 1838—62
zwischen 76 und 152 Pfund pro Kopf; in der Provinz Sachsen der
Roggenkonsum von 205 bis 353 Pfund, in Berlin von 140 bis 229 Pfund.
{m Jahre 1847 verzehrte Berlin an Roggen und Weizen zusammen
pro Kopf nur 214 Pf., im Jahre 1857 365 Pf., das ist eine Differenz
von 151 Pf. Die wohlhabende Klasse wird durch Preisveränderungen
in ihrem Brotkonsum naturgemäß nicht in gleichem Maße beeinflußt.
Wenn man früher sich damit begnügte, die Preisregulierung ganz durch
Angebot und Nachfrage zu erklären, so ergiebt sich, daß dies nicht
ausreicht, denn die Preise regulieren wiederum Angebot und Nachfrage.
 Man muß auf die Ursachen zurückgehen, welche beide beein-Aussen.

Mit den Unkosten werden nach dem Gesagten auch die Preise
steigen resp. sinken. Gegenstände, ‚deren Herstellungskosten gleich
hoch sind, müssen unter sonst gleichen Verhältnissen und bei wirksamer
 Konkurrenz gleiche Preise haben. Unter den Herstellungskosten
wird auf die Dauer eine Ware nicht hergestellt und abgesetzt werden
zönnen.
Von diesen Regeln treten nun aber viele Ausnahmen ein, die von
der alten Schule zu sehr ignoriert wurden. .
Güter, welche sich leicht und hinreichend zu ersetzen imstande
ind (Surrogate), können nicht sehr abweichende Preise zeigen, wojurch
 Modifikationen der Regel herbeigeführt werden müssen, Steigt
der Kaffee im Preise, so vermehrt das die Nachfrage nach Cichorien
und verteuert dieselben, auch wenn die Herstellungskosten sich nicht
verändert haben. Die Preise der verschiedenen Getreidearten beeinlussen
 sich gegenseitig. Ist die Weizenernte eine günstige, die Roggenernte
 dagegen eine ungünstige gewesen, so nähern sich die Preise der
oeiden Produkte; sie halten sich aber auch gegenseitig in Schranken. Der
Konsum wirft sich bei diesem Beispiel von dem Roggen auf den Weizen,
vermindert den Ueberschuß an Weizen und entlastet den Roggen. Hohe
Roggenpreise verbieten eine ausgedehnte Anwendung desselben zu Viehfutter
 und erweitern den Bedarf an Hafer und Gerste, während bei
einer Mißernte an Hafer geringe Qualitäten des Roggens und Weizens
(dieser besonders als Geflügelfutter) Ersatz bieten müssen. Verteuerung
des Schweinefleisches wirkt auch auf Hammel- und Rindfleisch zurück.
Bei allgemein hohen Preisen der Hauptfleischsorten wird auch das
Geflügel, das Wild etc, teuerer, auch wenn deren Beschaffungskosten
anverändert geblieben sind. Die Verschiebung von Angebot und Nachfrage
 kommt hier in der Preisveränderung zum Ausdruck, Ebenso
stehen die Preise von gewöhnlichen Wollen- und Baumwollenwaren in
gewissem Zusammenhange, und es können sich ausnahmsweise dabei
        <pb n="139" />
        .. 121

Seltenheitspreise herausbilden, die über die Herstellungskosten ‘ etc,
hinausgehen.
Bei Verschiedenheit der Herstellungskosten der Waren wird der
Preis durch die unter den ungünstigsten Verhältnissen arbeitenden Produzenten
 bestimmt, die noch zur Deckung des Bedarfs herangezogen
werden müssen. Dies tritt fortdauernd zu Tage, wo das Handwerk
mit dem Fabrikbetriebe im Kampfe steht, oder durch neue Erfindungen
eine erhebliche Verbilligung der Herstellungskosten herbeigeführt ist.
So lange nur wenige Fabriken entstanden sind, die nur einen kleinen
Teil des Bedarfs zu decken vermögen, werden sie sich am besten dabei
stehen, wenn sie noch die Handwerkerpreise beibehalten, da sie auch
bei hohen Preisen genügend Absatz finden. Sobald aber der größte
Teil des Bedarfs durch Fabriken befriedigt werden kann, wird die
Konkurrenz derselben genügend wirken, um die Herstellungskosten
derselben zur Basis der Warenpreise zu machen, Der Verdienst des Handwerkers
 wird allmählich herabgedrückt, bis er nicht mehr zum Leben
ausreicht und das Handwerk ausstirbt. Bei neuen Erfindungen werden
zuerst Monopolpreise gefordert, so lange der Erfinder nicht so viel
liefern kann, wie verlangt wird; wo der Gegenstand schon vorher hergestellt
 wurde, bleiben zunächst die alten Preise unberührt. Erst wenn
die neue Methode allgemein Anwendung gefunden hat, oder eine konkurrierende
 Erfindung auftritt, gehen die Preise entsprechend herunter,
wie dies neuerdings bei chemischen Medikamenten und Färbemitteln
rielfach beobachtet werden konnte.
Ein gutes Beispiel liefern die Getreidepreise, da das (Getreide
unter sehr verschiedenen Produktionskosten hergestellt wird. Hier
vestimmt die Bodenart den Preis, welche die höchsten Produktionskosten
beansprucht, oder die entlegenste Gegend, welche noch zur Lieferung
herangezogen werden muß, um den Bedarf zu decken, Dies ist am
klarsten ersichtlich in Thünens „isoliertem Staate“, wo eine Stadt in
einem kreisförmig herumliegenden Territorium mit völlig gleichen natürlichen
 und wirtschaftlichen Verhältnissen, von der übrigen Welt durch
eine Wüste abgeschlossen, gedacht wird. Hier sind der Bedarf der
Stadt und die Entfernung, aus welcher noch Getreide zugeführt werden
muß, bestimmend für den Preis. Er muß so hoch steigen, daß noch
die entlegensten Gegenden, welche zur Deckung des Bedarfs herangezogen
 werden müssen, Produktionskosten und Transportkosten ersetzt
erhalten. - Je stärker die Bevölkerung der Stadt steigt, um so weiter
müssen die Lieferungskreise ausgedehnt werden, um so größer sind
die Transportkosten und um so höher der Getreidepreis in der Stadt.
Sie wird nur das nötige Getreide erhalten, wenn sie genügend bietet,
um die Kosten zu ersetzen. Dies kommt aber auch den übrigen, günstiger
 gelegenen Landwirten zu gute, deren Reinerträge dadurch steigen.
Eine Steigerung der Unkosten der dazwischen gelegenen Kreise ist
obne Einfluß auf den Preis, so lange dadurch der Reinertrag nicht vollständige
 absorbiert wird.

Verschielene
 Herstellungs-



+etreide.

8 44,
Die Preisregulierung bei beschränkter Konkurrenz,

». d. Borght, Einfluß des Zwischenhandels auf die Preise, Leipzig 1888,
Verhandlungen des Vereins f, Sozialpolitik in Frankfurt 1888. Leipzig 1888,
Ist der Vorrat beschränkt, so bestimmt der Käufer den Preis,
        <pb n="140" />
        ‚122 —

/ersteigerung,


Seltenheitspreise


ler den höchsten noch ökonomisch gerechtfertigt findet, z. B. bei öffenticher
 Versteigerung.
In England werden die in den Häfen eingetroffenen Schiffsladungen
 von Wolle und Baumwolle meist Öffentlich versteigert, wie
'n Frankreich und am Rhein die Weine größerer Produzenten, ebenso
lie edlen Zuchttiere, Böcke, Rennpferde etc. in England und Deutschland.
 Die Kauflustigen kommen aus allen Gegenden zusammen und
überbieten sich. Derjenige erhält den Zuschlag, der das höchste Gebot
macht. Er bestimmt den Preis. Ein ähnliches Verfahren ist überall
im Verkehre zu beobachten, wo der Vorrat ein beschränkter ist. Die
Herstellungs- resp. Beschaffungskosten bilden nur die untere Grenze,
über welche der Preis je nach den Geboten erheblich hinausgetrieben
wird. Das sich Ueberbieten der Kauflustigen geschieht, ohne daß sie
sich dessen bewußt sind; oder der Verkäufer läßt es nicht zur Versteigerung
 kommen, sondern stellt die Preise der Kaufkraft und Kauflust
 der Leistungsfähigsten gemäß auf, und es ist die wichtige und
schwierige Aufgabe des Kaufmanns, hier mit dem richtigen Verständnis
den Verhältnissen die Preise anzupassen. Ein gutes Beispiel liefern die
Samenhändler in Deutschland, die dem Usus gemäß gleichzeitig ihre
Preiscourante versenden, in denen für jede Sorte in jedem Jahr nach
dem Ausfall der Ernte. die Preise von den Konkurrenten unabhängig
von einander aufgestellt werden, wobei nicht die Herstellungskosten des
einzelnen Jahres den Maßstab abgeben, die oft nicht erreicht werden
können, sondern die Zahlungsfähigkeit des Publikums nach dem zu erwartenden
 Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Setzt ein Händler
nach einer Mißernte bei einer Sorte die Preise zu hoch an, so schreckt
er die Kunden überhaupt zu sehr ab, die sich einem Konkurrenten
zuwenden und dort ihren ganzen Bedarf auch an anderen Sorten beziehen;
 setzt er die Preise zu niedrig an, so wird er zwar seinen Vorat
 schnell los, erzielt aber nicht den Gewinn, der für ihn möglich gevesen
 wäre.
Je größer die Dringlichkeit des Bedarfs, um so mehr kann der
Preis über die Herstellungskosten steigen (Seltenheitspreise), und um
;o mehr wird die Furcht vor Mangel oder Ueberfluß die Preisschwanzungen
 noch über das Mißverhältnis von Vorrat und Bedarf hinaus
aervorrufen. Die Grenze jeder möglichen Preissteigerung liegt, wie erwähnt,
 in der Zahlungsfähigkeit der Konsumenten. Diese Grenze wird
daher, wofür schon Belege angeführt sind, beim Bedarf der ärmeren
Klasse früher eintreten als bei dem der reicheren, und um so mehr,
wenn es sich um entbehrliche Gegenstände handelt.
Diese Seltenheitspreise bilden sich nun im wirtschaftlichen Leben
sehr allgemein aus und spielen eine weit größere Rolle, als gewöhn-‚ich
 angenommen wird. Sie sind es, die den Unternehmergewinn liefern.
Dieselbe Fabrik stellt für die verschiedenen Waren, welche sie
herstellt, z. B. in der Wirkwarenbranche, die Preise mit sehr verschiedenem
 Zuschlage zu den Herstellungskosten auf, je nachdem die
Artikel der allgemeinen Konkurrenz verfallen oder einzig in ihrer Art,
mit neuern Mustern, von besonderem Geschmack dastehen, also Seltenheitspreise
 gestatten. Die Händler begnügen sich mit einem sehr gezingen
 Preise bei Waren, welche die große Masse der Bevölkerung
f{ortdauernd bezieht, und die in jedem Laden zu haben sind. Sie nehmen
höhere Profite bei Waren von auserlesenem Geschmack, die als Spe-„jalitäten
 angesehen werden können. Letztere werden unter Umständen
        <pb n="141" />
        123 —

allerdings behufs Reklame auch sehr billig abgegeben, wenn besonders
 großer Absatz zu erwarten ist. Der Antiquar setzt in seinem
Katalog die gangbarsten Bücher so billig als möglich an. Bei den
zeltenern fordert er höhere Preise, auch wenn er sie billig gekauft hatte,
und schraubt sie so weit, als er glaubt noch Käufer dafür finden zu
können.
Die Konkurrenz ist nun in den seltensten Fällen eine unbedingt
freie, mehr im Groß- als Kleinhandel, weshalb die Ausgleichung sehr
unvollkommen ist, und die Herabdrückung auf den Normalpreis im gewöhnlichen
 volkswirtschaftlichen Verkehr seltener vorkommt als meistens
angenommen wird. Die allgemeine Trägheit des Publikums, welches an
den alten Preisen festhält, Kurzsichtigkeit ete. erschweren Veränderungen
und gestatten Monopolpreise, auch wo das Monopol kein natürliches ist,
ınd sehr wohl gebrochen werden könnte.
Der Arbeiter ist darauf angewiesen, um Zeitverlust zu vermeiden,
in dem Laden zu kaufen, der in nächster Nähe liegt. Ihm fehlt naturzemäß
 die Umsicht, um die Vergleichung der Preise in verschiedenen
Läden oder gar an anderen Orten vorzunehmen. In kleinen Städten tritt
teicht eine Ringbildung der kleinen Zahl der Händler ein, um die Preise
zu beherrschen. Wo die Qualität des Fabrikates von besonderer Bedeutung
 ist, wird der gute Ruf einer Firma ihr gestatten, Monopolpreise
 zu fordern, z. B. einer Maschinenbauanstalt für ihre Maschinen,
die sich eines besonderen Renomm6es erfreuen.
Die Preise des Detailhandels können dem Engrospreise nicht genau,
sondern nur abgeschwächt folgen, da die Generalunkosten sich gleich
bleiben. Der Kolonialwarenhändler hat die Miete für den Laden, die
Heizung und Beleuchtung, das Gehalt der Gehilfen, die Zinsen des Betriebskapitals,
 den Prozentsatz für Geschäftsverluste zu zahlen, gleichviel
 ob die Preise der Waren hoch oder niedrig sind. Um sie zu decken;
nuß er den gleichen Betrag, bei niedrigen Preisen also einen höheren
Prozentsatz der Warenpreise zur Einkaufssumme hinzuschlagen, wodurch
die Detailpreise die Schwankungen der Engrospreise nur vermindert
aufweisen und sich gleichmäßiger gestalten.
Besondere Veranlassungen, wie Maß- und Münzveränderungen, neue
Zölle und sonstige indirekte Steuern, bewirken auffallende Preismodiäkationen.
 Je weiter Produzenten und Konsumenten getrennt sind, je
öfter der Gegenstand von Hand zu Hand geht, um so weniger sind
die Herstellungskosten maßgebend für den Preis, der vielmehr durch
Jie Spekulation beeinflußt wird,
Die Preisveränderung schließt sich nach ’allem nicht der Verschiebung
 von Angebot und Nachfrage, und auch nicht den Veränderungen
 in den Produktionskosten etc. unbedingt an, sondern wird
lurch die mannigfaltigsten Umstände beeinflußt. Das Endergebnis hängt
davon ab, welcher Teil das Uebergewicht hat, die Preisregulierung ist
in ausgedehntem Maße eine Machtfrage.

Ängros- und
Detailpreise.

$ 45.
Der Preis des Grund und Bodens.
; M. Conrad, Die Häuserpreise in Freiburg während der letzten 100 Jahre.
Jena 1881.
H. Paasche, Die Entwickelung der Preise und der Rente des Immobilien-Jesitzes
 zu Halle a. S. Halle 1878. Steinbrück, Die Entwickelung der Preise des
*rund und Bodens in Halle und dem Saalkreise Jena 1900
        <pb n="142" />
        Städtische
3rundmpreise.

H. Sarrazin, Die Entwickelung des Preises des Grund und Bodens in der
Prov. Posen, Halle a. S. 1897 (Dissert.) und in den landwirtschaftlichen Jahryüchern
 1897.
Der Grund und Boden ist nur in beschränkter Ausdehnung vornanden,
 und der Mensch vermag nur wenig auf die Erweiterung einzuwirken.
 Allerdings nimmt der nutzbare Boden noch heutigen Tages
in den Kulturländern zu, aber nicht in dem Maße wie die Bevölkerung.
Das Angebot ist daher auf höherer Kulturstufe nur wenig zu erweitern,
während dem gegenüber bei aufblühenden Völkern durch das Wachsen
der Bevölkerung die Nachfrage fortdauernd steigt. Der Preis des
Grund und Bodens muß daher bei regulärer Entwickelung perpetuierich
 in die Höhe getrieben werden. Das ist am deutlichsten bei den
städtischen Bauplätzen zu beobachten, wo der Preis durch das Anwachsen
 der Stadt steigt, ohne daß Arbeit darauf verwendet zu sein
braucht. Gewisse Lagen der Stadt werden besonders bevorzugt. In
ılter Zeit bildete der Markt den Mittelpunkt der Stadt, um den sich
der Verkehr konzentrierte; von ihm liefen die Hauptstraßen aus, wo
Läden und Werkstätten auf den meisten Zuspruch rechnen konnten.
Dort hatte der Bauplatz, das Haus den höchsten Wert, dort war die
höchste Miete zu erhalten, da die Plätze rar, die Nachfrage allgemein
war. Je mehr die Stadt anwuchs, um so höher stiegen die Preise,
bis eine Ableitung, z. B. durch die Anlage eines Bahnhofes an dem
einen Ende der Stadt eintrat und der Verkehr eine andere Richtung
zewann. ‚Die Straßenbahnen werden vermutlich mehr und mehr zur
Entlastung des Innern der Stadt beitragen, die, wie die City von London,
immer ausschließlicher für Geschäftslokalitäten reserviert wird, während
die Wohnungen an die Peripherie oder darüber hinaus in die Vororte
verlegt werden. Die Werkstätten der größeren Industrie können aus
lem gleichen Grunde außerhalb der Stadt angelegt werden, wodurch
manche Preisverschiebungen in der Zukunft eintreten können.
Die folgenden Beispiele lassen erkennen, welche außerordentliche
Steigerung die Bodenpreise in neuerer Zeit in den Städten erfahren haben.
Sidney Webb schätzt die jährliche Steigerung des Grundwertes
von London auf 93 Mill, Mark. In Frankfurt a. M. wurde die Wertsteigerung
 von 1880—95 amtlich auf 60 % angenommen, in Karlsruhe
in 30 Jahren auf das 4—5 fache,
Humboldts Haus in Berlin kostete, ohne daß ein Umbau stattzefunden
 hatte:

1746 4350 Thlr. = 100
1796 28000 „= 643
803 35000 „ = 827
Ein Gewölbe für ein Schreiner- In Freiburg stiegen die nicht umzeschäft
 in Wien wurde vermietet: gebauten Häuser im Durchschnitt:

1750 für 24 Glan. = 100 yon 1755—64 = 109
1790 „ 36 „ = 150 „ 1810—19 = 412
1810 „ 7 „ = 312 „84049 = 837
1850 ,„ 300 „ = 1250 „ 1850—59 = 739
1859 „ 1200 „ = 5000 „ 860—70 = 1310
1862 1600 „: = 6660 » 87014 = 1724
Das Radziwillsche Palais in Berlin wurde 1738/39 gebaut,
1791 für 30000 Thlr. verkauft,
1795 „ 60000 »
1875 „ 2000000 N
        <pb n="143" />
        .‚ 125 —

Von 1865—75 stieg in Berlin die Zahl der Häuser um 47 os
die Bevölkerung um 62%, die Miete um 92 %, von 1831—72 um
100 9%.
In Halle war die durchschnittliche Miete einer Anzahl beobachteter
Läden von 1831—76 wie 100 : 488 erhöht, von 1803 wie 100 : 1816,
von Mietwohnungen seit 1845 wie 100: 200, von 1803—76 100 : 300.
Der Preis der Häuser war von den dreißiger Jahren. bis zur Zeit von
1870—76 wie 100: 417 gestiegen; die Zahl der Häuser 1834—71
wie 100: 174, der Einwohner wie 100 : 206.
Interessante Angaben bietet die Schrift von Paul Voigt, Grundvente
 und Wohnungsfrage in Berlin und seinen Vororten, Jena 1901.
{n Charlottenburg ermittelte V. die folgende Entwickelung des Preises
pro Quadratmeter Bauland:
in der Berlinerstr., Kantstr. Christstr. Carmerstr. Wormserstr.
1860/61 2—3 Mk. — — —
1868 15 3—5 Mkı,.. — — —
1871 21 — 12 Mk. ... 5 Mk. —
1875 28
1879 24 „00 — 24 — —
1887 60 % 49 „000 — 15—88 „... 68 Mk.
1890 91 „
1898 64 „0... 127 „0.0. BM 4000 88 2.0.0 MM»
Den Bodenwert des Terrains, den gegenwärtig Charlottenburg umfaßt,
 schätzt er für ;
1865 auf 6 Mill, Mk., inkl. der Gebäude auf 16 Mill. Mk.
1880 ” 30 „ ” ”" SS ” ” 80 ” ”
1886 ” 45 " »” ” ” ” ” 105 ” ”
1897 „ 300 # 28 in „ WO

In dem Charlottenburger Teile des Kurfürstendammes berechnet
der Verf, den Quadratmeter 1861 auf 0,12 Mk. (Ackerwert), 1868 : 2 Mk.,
1871 : 10—12 Mk., 1882 : 10—20 Mk., 1885 : 20—50 Mk., 1890 : 30 bis
30 Mk., 1898 : 80—200 Mk. Die Entwickelung des Gesamtwertes
des Grund und Bodens am Kurfürstendamm beziffert er, wie folgt:

1860:
1865 :
870: 2
872: 6:
885: 14.-1890:
 30 u
1898: 50.0

),1 Mill. Mk
f

”
..

Diese Preissteigerung schließt, wie oben schon ausgeführt, keine
Erhöhung des Nationalvermögens ein, sondern nur eine Wertverschiebung
 zu gunsten der städtischen Grundbesitzer. Der Arbeiter, der Handwerker,
 der Industrielle, wie der Beamte, welche Wohnungen mieten,
müssen einen Teil ihres Einkommens und einen wachsenden Teil an den
Grundbesitzer abgeben. Eine Steigerung des Grundwertes schließt eine
Verteuerung des Lebens der Städter ein und greift ungemein tief ın
alle wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse ein.

S 46.
Preise der Ackergrundstücke.
Bei den Ackergrundstücken wird bei der Bestellung, dann durch
besondere Meliorationen fortdauernd Kapital mit dem Grund und
        <pb n="144" />
        7926

Boden verbunden, welches natürlich auf den Preis entsprechenden HEin-Auß
 haben muß. Um ein Waldgrundstück in Acker zu verwandeln
oder ein verwahrlostes Gut wieder in Stand zu bringen, sind oft größere
Kapitalien aufzuwenden als zum Ankauf des Grund und Bodens. Auf
einem uns genau bekannten Gut, das 1833 für 135000 Mk; gekauft
war, wurden nach den Wirtschaftsbüchern in 32 Jahren 180000 Mk.
für Gebäude und Meliorationen ausgegeben. Auf einem anderen 1853
für 105000 Mk. gekauften in 22 Jahren 120000 Mk. Sarrazin
’a. a. O. 8, 124) stellt folgende Berechnung auf:

pro ha von Gütern in Mark
bei mäßiger mittlerer guter
A  —————————
, Bodenbers-haffenheit
ın Gebäuden 271 7 400
‚m Inventar 7 7 200
im Boden mit stehender Ernte 120 \ 300
in Meliorationen 80 180
A 1080

_4Avu

Ein Gut K. wurde 1891 für 190000 Mk. gekauft, in 6 Jahren
3aind aufgewendet:

für Bauten 60000 Mk.
„„ totes Inventar 16000 ,,
„  lebendes Inventar 40000 .

1897 wurde der Verkaufswert auf 360000 Mk. geschätzt,
Ein Gut G. ist 1887 mit 242000 Mk. bezahlt, in 10 Jahren
wurden darin angelegt:

Bauten
‘otes Inventar
‚ebendes Inventar
Aelioration

42500 Mk.
20000
35000 x
35.000
132500 MI.

(897 ist der Gesamtwert auf 480000 Mk, geschätzt.
Aus den Hypothekenbiüchern haben wir für ein westpreußisches
Gut Pl. die folgenden Tax- und Kaufpreise ausgezogen: 1788 betrug
die landschaftliche Taxe: 113283 Mk., dabei waren aber schon 1783:
135000 Mk, darauf hypothekarisch eingetragen gewesen. 1801 wurde
38 für 219000 Mk. verkauft; 1802 für 240 000 Mk,, 1818 für 204000 Mk,.,
wobei 147 000 Mk. hypothekarisch eingetragen wurden, 1830 ist es wieder
für 112077 Mk, in andere Hände übergegangen, 1833 für 135000 Mk,,
worauf nach den Wirtschaftsbüchern bis 1865 für 180000 Mk. Aufwendungen
 stattfanden. In den Jahren 1853—56 sind aus dem Walde
für 450000 Mk. Holz verkauft. Die landschaftliche Taxe ergab Ende
der siebziger Jahre 450000 Mk., im ‚Jahre 1899 ist es für 850000 Mk.
verkauft.
Für den Preis sind folgende Momente maßgebend: a) die rechtlichen
 und Kreditverhältnisse (die unbedingte Rechtssicherheit, dann die
Hypothekenverhältnisse, die freie Veräußerlichkeit und sonstige freie
Verfügbarkeit), b) der Reinertrag (der als die Grundlage des Preises
anzusehen ist. Bei den Häusern ist es die zu erwartende Miete, die
als Rohertrag gilt), c) der Kapitalzins, nach dem sich die Kapitalisation
des Reinertrages richtet, in der Weise, daß bei 5°%, die Kapitalisation
mit 20, bei 4%, mit 25 geschieht. Das Herabgehen des Zinsfußes
        <pb n="145" />
        127

hat in der neueren Zeit den Rückgang des Grundwertes in nicht unbedeutendem
 Maße aufgehalten, während die Güterpreise in den
Dezennien vor 1880, auch wo die Reinerträge unverändert blieben,
fortdauernd stiegen.
Bald ist indessen auch bei gleichem Landeszinsfuß durch Verschiebung
 des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage der Kaufwert
weit höher als der Ertragswert, bald‘ auch niedriger; ersteres besonders
 auf hoher, letzteres auf niedriger Kulturstufe. In dem Westen
von Amerika ist im Vergleich zum Reinertrage das Land billig, im
Osten teuer. In England, wo ein großer Teil des Landes in festen
Händen ist, werden für jedes Stück, .wie für jede Farm enorme Preise
gezahlt, so daß auf ‚eine höhere Verzinsung, wie etwa 2%, nicht zu
rechnen ist. In der Nähe der Städte oder für Güter in besonders
schöner Lage werden verhältnißmäßig hohe Summen geboten. Dieselbe
Erscheinung liegt bei ganz kleinen Grundstücken vor, die der Arbeiter
erwirbt, um darauf seine überschüssige Arbeitskraft zu verwerten und
sich darauf zu erholen. Er verzichtet auf eine angemessene Verzinsung
des Anlagekapitals und vielfach noch auf einen Lohn für seine Arbeit.
Der Reinertrag wird bedingt einmal durch die Tragtähigkeit des
Bodens. Man zahlt naturgemäß für einen milden Lehmboden oder
für humoses Niederungsland das Doppelte, Dreifache und noch mehr
als für Sandboden; für Land in alter Kultur weit mehr als für erst
aeu kultiviertes Gebiet, welches noch steinig, unrein, wenig humos,
ohne Wasserabfluß etc. zu sein pflegt. Der Preis wird aber wesentlich
 bestimmt durch die Art der Verwendung, welche das Land finden
zoll. Nicht nur, daß man für Garten- und Weinland mehr zahlen kann,
als für Acker oder gar Weide, sondern auch für Ackerland kann mehr
geboten werden, wenn es in der Nähe einer Zuckerfabrik liegt, als für
zbgelegene Stücke, auch wenn sie sich für den Rübenbau eignen,
Enorme Summen können ohne Bedenken in der Umgegend von Quedlinburg,
 Eisleben, Erfurt gezahlt werden, wo der Boden zur Samenzüchtung
venutzt werden soll und dabei auf den Hektar an Dünger und Arbeit
im Jahr 1000 Mk. und noch mehr ausgegeben werden. Ein Landwirt,
 der mit bedeutendem Kapitale, hoher Intelligenz und landwirtschaftlichen
 Kenntnissen ausgerüstet ist, wird ev. ohne Schaden für
ein Gut das Doppelte des Preises zahlen können, den sein untüchtiger Vorzänger
 zu verzinsen vermochte, wenn er eine neue Wirtschaftsmethode,
sinen verbesserten Viehstand, Maschinen ete. einführt.
Der Reinertrag wird außerdem durch alle jene Momente beein- Grundbedinüußt,
 welche die Produktionskosten bestimmen, also abgesehen von dem gungen des
Kapitalzins für das Betriebskapital, durch Steuern und ähnliche mit dem Beine
Grund und Boden verbundene Abgaben, besonders durch die Höhe Tages
des Arbeitslohnes, dessen Steigen gerade in der neuesten Zeit die Produktionskosten
 in der Landwirtschaft sehr bedeutend gesteigert hat,
zumal bei der zunehmenden Intensität des Betriebes weit mehr
Arbeitskraft als früher auf das Land verwendet wird. Für 5 Güter
stellten wir die Entwickelung der Lohnausgaben in Mark pro 100 ha,
wie folgt, fest:

zeinertrag.,
        <pb n="146" />
        Cachtpreise.

L800—10
1L811—2U
[821—3i
1831—4
841—E
‚851—6
:861—
872. -€
'881—90
R91__95

3445 BuL 3068
2694 3702 3702
2880 4409 4409

‚286
[Ca
1645
2284
2988

2806
3615
4474.

Bei weitem den größten Einfluß aber üben die Preise der landwirtschaftlichen
 Produkte auf den Geldertrag aus. Je mehr der Landwirt
 für sein Getreide, für sein Vieh pro Zentner erhält, um so größer
werden auch die Ueberschüsse über den Aufwand bei sonst gleich gebliebenen
 Verhältnissen sein. Ein Sinken der Getreidepreise kann
plötzlich die Steigerung des Ertrages, welche durch jahrelangen Aufwand
 besonderer Energie und Intelligenz erreicht war, vernichten,
Betont muß hierbei mit Nachdruck werden, daß also der Reinartrag
 eines Grundstücks, resp. die Pacht, bedingt wird durch die
Preise der landwirtschaftlichen Produkte, aber unter unseren Verhältnissen
 bei den hauptsächlichsten in Betracht kommenden Gegenständen
nicht die Höhe der Preise durch die gezahlte Pacht oder den Kaufpreis,
 wie in dem nächsten Paragraphen des Näheren gezeigt werden soll.
Wir geben in dem Folgenden einige Beispiele über die Entwickeung
 der Pacht- und Kaufpreise, Dieselben zeigen, daß infolge des
Aufblühens der ganzen Kultur und der Zunahme der Bevölkerung
in der neueren Zeit in Deutschland auch bei den ländlichen Grundstücken
 eine kolossale Steigerung des Grundwertes stattgefunden hat,
aber zugleich, daß Rückschläge dabei nicht ausgeschlossen sind, vielmehr
 auch hier Schwankungen unvermeidlich bleiben; ferner, daß die
Pacht wie der Bodenpreis weit stärker gestiegen sind, als die
etreidepreise. Die Erfahrung in dem technischen Betriebe und die
Fortschritte in den beteiligten Naturwissenschaften ermöglichten es dem
Landwirte, dem Boden verhältnismäßig höhere Erträge abzugewinnen
und damit auch bei gleichen Preisen höheren Gewinn zu erzielen resp.
Jen Rückgang der Preise auszugleichen. Diese Beobachtung kann der
Landwirtschaft auch in Zeiten niedriger Produktenpreise zum Trost
and Svporn dienen,
Die Pacht der altpreußischen Domänen belief sich im Durchschnitt:



|  Weizen- | Roggen-Jahre
 Preise Dr, T. Preise Dr. T.

‚849
864
‚869
879 |
‚889—90
899

‚uf 13,90 Mk. p. ha nutzb. Fläche = 100)1841—50|167,8==100 |123,0=100
„ 2023 „ —=1451851—60211,4—=126 165,4 =1345
5 26,41 » » » = 190/1861—70/204,6 = 121,93/154,6 — 126
” 3568 » = 256/1871—80 223,2 = 133° |172,8 = 140,5
” 8910 » » » » — 9281/1881—90/181,4 — 108,1 [151,5 = 128
? 9648 2077} = 262/1891—98|166.6 — 99.281348 — 109.5
        <pb n="147" />
        129

Die Entwickelung der Pachterträge in den Regierungsbezirken der
östlichen Provinzen Preußens von 1849—99 :

Regierungsbezirk

Königsberg i. Pr.
*umbinnen
Danzig
Marienwerder
Posen
Bromberg
Stettin
Köslin
Stralsund
Breslau
Liegnitz
Ippeln.
Potsdam
rankfurt a. 0,
Magdeburg
Merseburg
Erfurt,

Pacht pro ha

1849 | 1869 | 1879 | 1890 | 1899

8,57
6,88
1,96
7,38
7,98
3,05
12,57
9,81
11,18
13,96
‘3,69
10,06
10,26
14,84
27.12
1,76
4,43

17,89
L4’14
28.13
17,68
17,12
19.04
24.15
20,06
29,94
24,84
23,83
17,48
24.06
28,57
47,66
40,65
2910

23,48
15,92
33,22
25,42
20,27
21,14
27,19
27,59
31,49
4,68
71
27,32
30,43
37,11
Qt
30,16
43.78

24,48
17,70
30,15
27,60
20,62
20,26
28,31
23,07
29/78
15,19
12,50
35,65
30,59
37,69
31,80
75,63
3089

22,54
17,12
28.07
23.18
19,89
21,46
25,21
2981
27,80
1,78
1,55
33,42
25,43
32,63
3083
7, *
35/56

‚Steigerung der Pacht
1849 — 100

1879 | 1890 | 1899

"4.
281
278
344
256
263
216
281
282
248
305
272
297
ax

285
257
252
374
260
252
225
235
266
324
310
254
298
260
367
9:
163

263
249
985
18
1

A)

)

299
0
20

9

‚x

4

14.9

Durchschnitt | 13,90 | 31,18 | 35.63 | 38,05 | 36,48 | 256 | 280 | 262

Im Großherzogtum Hessen schätzte man den Reinertrag des
Grund und Bodens 1826 auf 10 Mill. Mk., 1877 auf 32,9 Mill, den
mittleren Kaufwert 1857 auf 1368 Mk. pr. Hekt.. 1877 auf 2166.

Der Kaufpreis der Lehn- und Allodialgüter in Mecklenburg- K. i
Schwerin war durchschnittlich pro Hufe: 57 Kaufpreise,

1770-89
790—1809;
‚810—29
1830—49
:850—59
860—869
1870 —78

Lehnsgüter |Allodialgüter
Durchschnittspreis
pro Hufe
ı. Ver-Mk,
 'hältniszn}


| Ver- |
Mk. 'hältnis-LA


22 000
50 000
43 000
73 000
133 000
152 000
1893 000

)
A}

22819
58 674
14 685
78 975
118 696
‚80 441
158 245

00
257
196
396
320
31 |
593

L
305
620
05

Roggen Weizen
Durchschnittspreis]Durchschnittspreis
pro 100 kg !' pro 100 ke

| Ver-Mk.
 |hältnisgyahl


Mile

| Verhältnis
 zu
1770—89
100

9,08
(431
9,82
10,67
15,40
14,73
(5,68

Ing
57,6
‚082

12,31
18,70
‚40
+98
„6,87
19,15
20) 86

100
152
L17
130
‚61
L56
169

{
LE
172.7

Conrad, Grundrifs der volit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl.
        <pb n="148" />
        139

Vergleichung der Grundpreise mit den Getreidepreisen in der
Provinz Posen nach Sarazin (S. 129):

Zeitraum

bis 1809
L801—10
„811—20
L821—30
1831—40-1841—50

1851—60
L861—70
L871—80
1881—90
(891—95

Grundpreise
pro ha in Mk.

Klein- Mittel-| Grossbesitz!
 besitz! besitz

207

— 28
113: 10
149 82
95 13
1788
12 56
520 880
301 | 708
732 | 654

59
169
66
33
64
4
40
‘59
78
520
327

Getreidepreise
pro Ctr. ın Mk

Prozentuale Preissteigerung
1861—70 — 100

Weizen none }

Sen Gross- . ] R
besitz! besitz | besitz *lzen |Koggen

40

9,15
5,95
6785
8.15
10,70
9/95
10,65
8,77
8'40

5,70 | _
375 | 27
U2B 26
550, 47
770° 73
395 | 100
302 } 126
7,08 | 153
755 | 178

45
41
5
47
WM
100 100
122 | 126
136 | 135
ı 197 | 1:7

92
60
69
oa

82
B+*
BT

4
U
106
88
R* |

„7
102
104

Die Preise des Grund und Bodens in der Provinz Sachsen nach
Steinbrück:

1741—1761
1761—1780
„781—1800
L801—1820
1821—1840
1841—1860
1861—1880
L8851—1895

Kaufpreis Verhältnis
der Rittergüter zu
pro ha 1801—1820

BF
61%
736
340
1216
2135
2.945

7%
830
00,0
1140
(65,2
2898
3998

Kaufpreis UVeberder
 Landgüter | lassungspreis
pro ha pro ha

202 236
488 285
602 547
1151 587
2 200 1567
3.467 2643

S 47.
Der Preis der landwirtschaftlichen Produkte.
Tooke u. Newmarch, a. a. O0.
Rogers, History of agrieulture and prices in England. Oxford 1882.
Statistische Monatsschrift, Wien. III. Jahrg., H.8. B. Weisz, Die Getreidereise
 im 19, Jahrhundert,
Kremp, Ueber den Kinfluß des Ernteausfalles auf die Getreidepreise, Jens
OT Jahrb. f. Nationalökonomie, N. F., Bd. IX, S, 561. Ebenda, 1895, Bd. IX,
S E

Preis- Der Preis des Getreides wird, wie wir oben sahen, durch die
vegulierung, Produktions- und Transportkosten der unter den ungünstigsten Verhältnissen
 produzierenden oder der entlegensten Gegenden, welche noch
zur Versorgung des Weltmarktes herangezogen werden müssen, bestimmt.
Die Landwirtschaft einer einzelnen Gegend innerhalb eines näheren
Thünenschen Kreises, wie z. B. Deutschlands, hat deshalb gar keinen
Einfluß auf die Höhe des Getreidepreises; die eigenen Produktionskosten
 sind dafür völlig irrelevant. Für Weizen bildet England
len Hauptmarkt, welches die Ueberschüsse der ganzen Welt absorbiert,
        <pb n="149" />
        ; 131 —

soweit dieselbe konkurrenzfähig ist. Für Roggen ist dagegen Deutschland
 mit seinem Bedarf bestimmend, während Rußland das Hauptangebot
 stellt und diese beiden Länder in der Hauptsache das entscheidende
 Wort sprechen. Auch hierbei nimmt die deutsche Landwirtschaft
 einen mittleren Thünenschen Kreis ein, sie muß daher die
Preise hinnehmen, wie sie sich aus dem internationalen Handel ergeben.
 Ob hier die Produktion etwas mehr ausgedehnt oder eingeschränkt
 wird, ist im Vergleich zur Produktion aller in Betracht
kommenden Länder, die in Konkurrenz treten, ohne Bedeutung. Die
deutsche Landwirtschaft ist außerdem auf den Getreidebau in der
Hauptsache angewiesen. Die Veränderungen in der Anbaufläche können
sich daher nur in sehr engen Grenzen bewegen. Auch die bedeutenden
Schwankungen in den Getreidepreisen der letzten Dezennien haben darin
keine Veränderungen herbeigeführt.
Zwei Momente sind es, welche mithin heutigen Tages den Getreidepreis
 beeinflussen; einmal das Verhältnis von Angebot und
Nachfrage, wie es auf den großen Zentralmärkten festgestellt wird,
anter Berücksichtigung des Ernteausfalles der verschiedenen Länder,
der Taxe der disponiblen Vorräte und dem gegenüber des erfahrungszemäßen
 Bedarfs für die menschliche Nahrung, für Viehfutter und in-Justrielle
 Zwecke, wie z. B. zur Stärkefabrikation. Außerdem sind
aber, wie erwähnt, die Unkosten bestimmend, welche zur Deckung des
letzten Bedarfsteiles aufgewendet werden müssen. Ist auch das Verhältnis
 von Angebot und Nachfrage sich gleich geblieben, so können
die Preise doch herabgehen, wenn in den überseeischen Ländern durch
irgend einen Umstand billiger produziert wird, die Transportkosten
sich vermindert haben, oder durch Entwertung der Valuta in einem der
antlegensten Lieferungsländer das Angebot billiger gestellt werden kann.
Da der Mensch die Natur nicht völlig beherrscht, MißBernten nicht
verhindert werden können, so schwankt das Angebot von Jahr zu
Jahr, während dem gegenüber die Nachfrage eine mehr gleichmäßige
ist, wenn auch schon früher darauf aufmerksam gemacht wurde, daß
Jieselbe in billigen Jahren sehr viel größer als in teueren ist. Je nach
dem Ernteausfall in den hauptsächlichsten Produktionsländern wird deshalb
 der Preis von einem Jahre zum anderen erheblichen Schwankungen
unterliegen. Ja, es läßt sich nachweisen, daß in einem Lande wie
Deutschland noch heutigen Tages die heimische Ernte einen Einfluß
auf den Inlandpreis ausübt, und sogar in den einzelnen Landesteilen
ihn ungleich dem Auslande gegenüber verschiebt,
Die Furcht vor Mangel oder Ueberfluß treibt nun erfahrungsgemäß
 die Preise noch über das Verhältnis des Ernteausfalls hinaus.
Der Engländer King hatte sogar gemeint, ein wirtschaftliches Gesetz
gefunden zu haben, nach dem diese Verschiebung in potenzierter Weise
vor sich geht, so daß bei einem Ernteausfall von 5%, der Preis
etwa um 10% gesteigert werde, bei einem Ausfall von 10%, aber
um 30% u. s. w. Doch hat die Erfahrung gezeigt, daß solche Regelnäßigkeit
 nicht vorliegt, und außerdem die Kulturentwickelung immer
3rößere Ausgleichungen herbeiführt. Die verbesserte Kultur vermindert
erfahrungsgemäß die Mißernten; die größere Manunigfaltigkeit der gebauten
 Früchte, die zu verschiedenen Zeiten gesäet und geerntet werden,
also unter denselben Witterungsverhältnissen ungleich leiden, verringert
lie Wirkung derselben schon für die Land- und damit für die ganze
Volkswirtschaft, während der ausgebildete Handel und die verbesserten

Durchchnitts-



ahrespreise.

Cingsche
Regel.
        <pb n="150" />
        "39

Kommunikationsmittel den Ausfall in dem einen Lande immer mehr
aus dem Ueberflusse anderer zu decken gestatten.
In England schwankten die durchschnittlichen J ahrespreise des
Weizens im 13. Jahrhundert um das 56 fache, im 14. um das 40 fache,
im 15. um das 20fache, im 16, um das 8% .fache, im 17. um das
3'/, fache, im 18. um das 4'/, fache, in den ersten 60 Jahren des 19.
allerdings um das 6fache zwischen den einzelnen Jahren. Im ganzen
gehen wir weiterer Ausgleichung der Durchschnittssätze entgegen, be-3onders
 durch die innigere Verbindung der beiden Hemisphären.

Statistik.

Nach Tooke und Newmarch und dem Economist war in England
 und Frankreich die Preisentwickelung folgende:
England Frankreich

England
pro Qu.
{Sh. 1c
6 ” 2 »”
12 »n m
177, 9,

Frankreich
pro Qu.
2 Sh. 34.
6 » 7 37
3, 3,
28. 6.

1401—50
1451—1500
1501—50
1551—80

109
87
169
559

100
54
108
232

1581—1600
1601—1700
1701—70

Oxford
26 Sh. 8 d.
39 ” 1 ”
36 „ Be

52 Sh. &amp;gt; d.
39 E34
32

277
1
Ö

424
324
264

Englanä
1771—1800 52 Sh. 54. 38 Sh. — d.
1801—50 64 „ 2, 4 „ 3,
1852—98 4. 2, 51.“ 4,

740 308
904 384
622 418

Preise landwirtschaftlicher Produkte von 1816—1898 für die Tonne
a 1000 kg in Mark R.-W.

Weizen
ta I Po
N A
„iS 637 nal 3 JE]
5 &amp;amp; as 855 SS "= DEF
| 8 Ad Ds Sa kb sa| * 55
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Preußen alten Bestandes
pro Tonne Ipro "Mitr.-Ztr.
157,8/181,8'240,8! } 59,01151,8 131,4/129,8/162/381146| 66! 78
144,6 109,2/132.6 23,4{126,8| 76,6 79,8| 97/25/101| 46| 55
—115,6/188,8 147,5 £ 14,0100,6 87,6/ 91,6/107,26/110 51/ 61
— 72,2/160,4 182) * "1,6]123,0 111,2 1006 130.34120| 56| 78
38,6/199,6 223,8 4,0165,4/150,2'144'0 176/47 146| 70| 91
48,41195,0218” 3,61154,6 146,0/140.2/168'451178| 86103
- 11,2/225,0/24€ 21,0:179,2 170,8/163,2/224/601231|115 126
. "44202.21229 "7, 166,41162,0/152,6/232/61|224 115 124
8,6 182,6/197,3 5,0160,0 154,8 145,8 237/52|223 118125
31,1/165,6/183,6, - .„0/143,0 138,4/135,2 209 46J211 114/122
37,3/163,2/173,4/ + 10,2 148,5/142,5/143,4 220/51[218 123 125
29,1.147,0.155,0 8,0119,6 128,3/121,5 20144/210124. 120
. 232 1640 169.01 A0 EHE 13473 206 aıl21 124198
t— 25,0180,1|196,0/ + 13,01147,4.144,3/146,9 223 '58[216 126 136
- 33,0 15001630 + 9,0141,0.140,6 ea 218 Be
© 23,.01144,5/159,0. 14.5/143:0.143.0 137,01229150[232/ 126/129

Jahr

_

1816—2C 364,0/265,5,. 25,9! —
1821—83C' 266,0 1924 121'4
;831—4('254,0 1992 1384
841—50 240,0 206,6 167,9
‚851—60250,0/231/4 211,4
861—70,248,0/224,6 204,6
871—751246,4 2488 285,
‚876-—80206,8 229.4 211.2
1881—8F 180,4 205.6 189.0
‚886—91 142,8/193,2 178,2
891—95 128,2 1785/165 ”
896 128,0 157,0/152
897 141,5/205,0/164
1898 159,0206,0 184
1899 421.0.1620 156,
1900 127,0,168,0/150,0:-
        <pb n="151" />
        — 133

Getreidepreise in Berlin pro Tonne &amp;amp; 1000 kg in Mark

jahr

Weizen

Roggen | Gerste

Hafer

R.-W.

k*

1651—1700
1701—1780
1751—1800
1801—1850
1851— 1900

74,50
84/78
125,32
185,80
194/50

53,40
62,72
101,42
136,00
154.41.

54,64
52/92
108,40
127,20
59210

52,94
52,52
96,50
136,60
151.70

Verhältnis zum Roggen

Jahr

Weizen

Roggen

Gerste

Hafer

&amp;gt;

1651—1700
L701—1780
L751—1800
1801— 185%
1851 — ıu

Se
351
2 %
C &amp;amp;
‚96 N

WC)
107)
10)
10)
100

102,3 99,1
84:3 83.4
1068 95.1
93,5 100.4
98,5 983

(Siehe Tabelle S. 187.)
Das Getreide, welches von einer bestimmten Bodenfläche gewonnen
wird, muß, weil diese Oberfläche nur in gegebenem beschränktem
Umfange vorhanden ist und deshalb gegenüber der wachsenden Bevölkerung
 wertvoller wird, innerhalb größerer Perioden im Preise
steigen. Nur besondere Fortschritte der Kultur können hiervon, wie
es in der neuesten Zeit zu beobachten war, Ausnahmen schaffen, die
man aber nach den bisherigen Erfahrungen auch nur als vorübergehende
ansehen kann, denn auch in früheren Jahrhunderten sind Rückschläge
in den Preisen ganzer Dezennien wiederholt zu beobachten gewesen.
Die vorgelegten Zahlen ergeben, daß innerhalb größerer Perioden
sich eine fortdauernde Steigerung der Getreidepreise nachweisen läßt.
Aber es ist wichtig darauf aufmerksam zu machen, wie die Preise in
der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, sowohl in Frankreich wie in
England erheblich niedriger sind, wie in der ersten Hälfte desselben.
In Frankreich sind sie im 18. Jahrhundert niedriger wie im 17. Auf
den hohen Stand der zwanzig Jahre von 1581—1600 ist der Kürze der
Periode wegen kein so großes Gewicht zu legen, Wie die Preise für Berlin
ersehen lassen, ist auch der Durchschnittspreis in Deutschland in
dem letzten halben Jahrhundert höher als der des vorhergehenden. In
England allerdings ist in dieser Zeit ein Rückgang zu beobachten, nicht
nur gegen die erste Hälfte des Jahrhunderts, sondern auch gegen das
Ende des vorigen, weil in den früheren Perioden die Getreidepreise
künstlich gehoben waren, und England naturgemäß in erster Linie
durch die überseeische Konkurrenz getroffen werden mußte. Während
des ganzen letzten Jahrhunderts hat ein Ausgleich: zwischen den Preisen
von England und Deutschland stattgefunden, auf der anderen Seite
aber auch innerhalb Deutschlands, z. B. zwischen den verschiedenen
Provinzen Preußens.
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        134 —

Preise in Halle a. 8.
in Mark.

|

„4 u
&amp;amp; oO x Im
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Se 8 S |
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EB |] 1 | MH

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E&amp;amp; | ME | 32 38 £
&amp;lt;= Se | 3

Jahreszahl

ro Tonne

nrn Materzentunw

1721— 65,8
“41—6) 786
751—60 70.4
761—70 1284
#180 968
81—90 952
91—1800 1112
1—10 1888
211—20 898
25180 25
3140 134,6
841—50 1566
‚851—60 2012
‚861—70 2002
[87175 2324
1876 —80 200.4
1881—85 | 1888
1886—20 | 1718
1891 —95 | 16814
[296—1900 | 1516

3,4
65,7
56,8
98,5
88,4
76,4
88,4
‚61,4
148,4
95,2
u}
18,8
„70
162,5
189,4
174,6
163,6
149,9
154,9
137.6

‘8 16,2
504 54,6
474 522
75,6 89,2
626 692
58,6 66,2
75 884
130,2 1396
1218 183,4
81,9 93
35 | 934 —
98 1028 76,6
147 144° 926
143,2 40,2 1033
88 | 776 1239
179,4 81 ‚119
1664 52,4‘ 118
1624 409 126,1
160,2 152 | 184,5
1532 139.6 I 1337

29,2
“5
0,2
56
37,6
16,7
43.4
z4'8

26,9 |
31,2
99
51,6 |
‘3
44,5
485
77

fi

5
9.
‘6 *
2
8,4
9 Q

481 71,2
534 801
683 883
101.4 1158
1049 116
106 18
046 1.162
187126
136,8 | 130,8

83,7 151
98 187
100 | 210
106,8 | 262
‘166 | 262
20 | 262
123,9 | 253
135,6 | 250
131.2 | 244

Die Dune



1731—50 100
L751—70 134
L771—90 433
L791—1810 8
1811—30 78
1831—50 593
1851—70 270
1871—80 300
1881—85 255
1886—90 238
1L891—1900 218

‘09 10) 1161 99
32 00 140 8
38 134 134 108
10.226 922% 206
“4 224 294 — -
184 194 94 259 L50
79 285 285 922 89
5 377 386 1 81
75 242 302 | 491 ‚380
252 | 334 280 | 427 | 857
946 |322 989 1454 | 426

NO
3

10
132
139
210

9
215

206 288
289 283
399 284
406 349
400 Y 361
1449 | a88

Verhältnis zum Par sap esta

1731—40
L741—50
‘“751—60
;761—70
1 771—80
781—90
791—1800
801—? )
1811—2)
1821—320
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1841—50
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‚861—70
1871—75
1876—80
1881—85
1886—90
1891—95
1896—1900

123
“19
124
125
10
95
26
17
78
1
38
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18
28
92,7
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3 | 3
99,3 | 98,8
(027 | 922
02 | 95
.08,3 | 94
108,4 | 91
111.3 | 1015

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nn 55
517
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529
550 |
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645
545
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353,5
681,8
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868
979

546
533
532
568
425
480
196
351

405
314
420
535,5
600,9
640
764,5
884
994

504
175
510
524
476
582
548
151

599
A71
528
611,3
664,6
721
775,2
313
951

671
58J
590
608
522
681
661
581

705
576
615
561,2
667,8
783
326,5
375
952

1274
1100
1292
1384
‚499
1601
1688
1616
1773
        <pb n="153" />
        — 135 —

Die Preise der verschiedenen (Getreidearten stehen in einem be- Verhältnis
stimmten Verhältnis, das in engen Schranken gehalten ist, da sie der verschie
sich bis zu gewissem Grade, wie wir sahen, gegenseitig zu ersetzen m dl a
vermögen. Wird der durchschnittliche Roggenpreis nach Gewicht .
in Deutschland von 1821—50 gleich 100 gesetzt, so war der
Weizenpreis dazu gleich 134; von 1851—90 123; in Berlin von
1891—1900 nur 116. Da gerade der Weizen aus den überseeischen
Ländern in Massen bezogen wird, und darauf die Ermäßigung der
Transportkosten besonderen Einfluß ausgeübt hat, so ist es begreiflich,
 daß gerade der Weizen stärker im Preise gesunken ist als die
übrigen Getreidearten. Von 1821—50 stellte sich der Preis der Gerste
gegenüber dem Roggen auf 93, für Berlin von 1891—1900 auf 107.
Die Gerste steht mithin in der neueren Zeit sehr viel höher im Preise
als das Brotgetreide, Die ältere Ziffer für Hafer war 90, auch sie ist
fast ebenso gestiegen wie die für Gerste.
In Halle war der Durchschnittspreis für Weizen von 1761—70
123 Mk. pro Tonne, von 1771—90 96 Mk.; von 1791—1800 111, von
1801—20 189, von 1821—30 125, von 1831—40 135, von 1841—50
157, in den drei Dezennien von 1821—50 blieb der Preis also mit 138
ganz erheblich hinter dem der ersten zwei Dezennien dieses Jahrhunderts
 zurück, und wenn die letzten beiden Dezennien eine beträchtliche
 Senkung des Preisniveaus beobachten ließen, so kann dieses sehr
leicht schon in den nächsten Dezennien wieder vollständig ausgeglichen
werden,
Weit weniger als das Getreide sind in der neueren Zeit die
übrigen landwirtschaftlichen Produkte im Preise gesunken, dagegen im
Vergleich zu früheren Zeiten weit stärker gestiegen, weil dabei die
internationale Konkurrenz weniger zur Geltung kommen konnte. Nach
den Hallenser Preisen waren gegenüber der Zeit von 1731—50 in den Fleisch und
letzten Dezennien das Brotgetreide etwa 2! mal, Butter und Fleisch Butter.
aber viermal so teuer.
Der Meterzentner Rindfleisch kostete in Preußen von 1821—50
ca. 50 Mk., in den letzten Dezennien etwa 120, er ist auf das Doppelte
gestiegen, der Weizen dagegen um noch nicht 25 %; wie das Fleisch
stieg auch die Butter.

$ 48.
Die Entwickelung der Preise der Industrieprodukte.
Gegenüber den Produkten des Bodens müssen die der Industrie eine
andere Preisgestaltung haben, weil sie unabhängig von einer bestimmten
Fläche viel ausschließlicher auf die Wirkung von Kapital und Arbeit
zurückzuführen sind. Je mehr durch die Kapitalskraft die menschliche
Leistungsfähigkeit gefördert wird, je geringer sich daher die Herstellungskosten
 gestalten, um so mehr werden sich auch die Preise
ermäßigen. Für größere Zeitperioden ist es aber ungemein schwer,
hier eine richtige Uebersicht zu gewinnen. Einen gewissen Anhalt
gewähren die Ziffern, welche 1873 auf der Wiener Ausstellung in den
Preiszusammenstellungen des Freiherrn von Steiger für die böhmische
Domäne Tloskau gegeben waren.
(Siehe Tabelle S. 136.)
Bei weitem am stärksten ist hiernach das Brennholz sowohl innerhalb
200 Jahre wie innerhalb des letzten Säkulums gestiegen. Dieses entspricht.
        <pb n="154" />
        '36

den allgemeinen Beobachtungen. Trotz der ausgedehnten Anwendung
von Surrogaten, der Kohle gegenüber dem Brennholz, Stein und Eisen
zum Ersatz des Bauholzes, sind auch in der neueren Zeit die Preise
wenigstens für die meisten Holzarten nicht gesunken, sondern gestiegen.
Bei den landwirtschaftlichen Produkten war die Preisentwickelung bei
dem Rindfleisch am höchsten, die Butter blieb dagegen auffallender
Weise noch hinter dem Getreide zurück; noch bedeutender stieg in den
letzten 100 Jahren die Wolle, und hätte man die letzten 30 Jahre
noch mit hinzuziehen können, so würde der Unterschied noch bedeutender
 gewesen sein, Dann folgen Leinwand und Ziegel. Am wenigsten
gestiegen sind Papier, Schmiedeeisen und Seife, und auch da würden
die letzten drei Dezennien den Unterschied noch in bedeutenderem
Maße haben hervortreten lassen.

Preise von
Tloskau.

Hamburger
Preise.

Preise des
deutschen
statistischen
Reichsamtes

1670
A Kr.

1770
Ar.
5 — 225
) — 91

1. österr. Metze Weizen
Lo „ Roggen
Li Pfd. Brot
. »„ Rindfleisch
. „ Butter
L000 Ziegel
| Pfd. Seife
} Ries Kanzleipapier
L Elle Leinwand
| Ztr. Schmiedeeisen
L „ Mittelwolle
ı Klafter Brennhalz

:ng
i 1

m
m

eu

1870
Kr.
5

480
510
70
72
"20
70
„50
196
258
168
340
920900

m

C.

6 90 —

Für die neuere Zeit bieten uns die Preisangaben für den Hamburger
 Engroshandel das beste Material, aus welchem in den folgenden
beiden Tabellen zusammenfassende Uebersichten gegeben sind:
(Siehe Tabellen S. 137 u. 188.)
Vor allem lassen die Zahlen, namentlich der Tabelle IT den Unterschied
 der Preisentwickelung des Getreides gegenüber den anderen
Warengruppen erkennen. Im Vergleich zu dem Durchschnitt von
1847—80 beginnt erst seit 1886 das erstere stärker zu sinken. Von
1891—95 zeigen die vier Getreidearten das Verhältnis wie 100: 67,
der Durchschnitt aller 6 Gruppen zu 71. Größer ist der Unterschied
gegenüber dem arithmetischen Mittel von 163 Waren mit 88: und
zwar sind die Zahlen für dieses Quinquennium fast dieselben, wie für
1886—90. In den letzten Jahren, die uns vorliegen, hat sich gleichfalls
 das Verhältnis kaum verändert, nur daß der Preisrückgang ein
allgemeiner war. Getreide 59,3, die 6 Gruppen 62,3, die 163 Waren
81,7. Das Jahr 1899 zeigt zum ersten Male wieder eine kleine Preissteigerung,
 die sich in den nächsten Jahren sicher noch fortsetzen wird.
Wir haben es hier mit Rohmaterialien und Engrospreisen zu thun, für
welche bisher die Produktionsbedingungen sich mehr und mehr verbilligt
 hatten. Durch den gewaltigen Aufschwung von Handel und
Industrie in allen Kulturländern ist die Nachfrage nach denselben in
bedeutendem Maße gestiegen, welche die Preise in die Höhe treiben
mußte. Den Beleg dafür bietet die Tabelle III, welche die Zahlen
der offiziellen deutschen Statistik wiedergiebt. Gegenüber den Durchschnittspreisen
 aller herangezogenen Artikel von 1879—89 = 100
waren die Verhältniszahlen von 1889/93 : 91,5; 1894/98: 83,4; 1897: 82,6 ;
1898 : 84,0: 1899 aber: 99,6; 1900 : 99,21; 1991 : 93.13.
        <pb n="155" />
        137

Tabelle I.

Die Preisentwickelung im Hamburger Handel während der
letzten Dezennien.

Durchschnittswert verschiedener Handelsartikel in Mark pro Zentner nach
der nach den Hamburger Börsenpreisen deklarierten Einfuhr.

Ware

Kaffee, Brasil
Kakao
Thee
Zucker, roher
Korinthen
Rosinen
Mandeln
Pfeffer
Kokosöl
Palmöl
Indigo
Mahagoniholz
Baumwolle
Seide
Flachs
Hanf
Reis
Weizen
Roggen
Gerste
Hafer
Hopfen
Kleesaat
Raps u. Rübsaat
Rüb6öl
Leinöl
Kalbfelle
Borsten
Pferdehaare
Wachs
Talg.
Thran
Butter
Schmalz
Heringe
Kisen, rohes
Zink, rohes
Zinn
Kupfer l
Blei F
Quecksilber
Steinkohlen und
Koks
u] Salpeter
141 Eisen in Stangen
engl.
15] Baumwollengarn
16] Wollen- u. Halbwollengarn

17| Leinengarn

Durchschnittspreis der Jahre
[847 | 1851 | 1861 | 1847 | 1871 | 1881 | 1891
bis bis bis bis bis bis bis
1850 ! 1860 ! 1870 |! 1870 | 1880 | 1890 |! 1895

1896
1899 | 1900 | bis
; 1900

35,10| 45,10] 54,88! 47,51 28,70] 57,15 74,98 34,08! 41,93! 44,39
64,86 47,94 56,49 54,32' 63,30] 71,15 66,32 6529 70.06, 6804
4448| 152,31 156,19, 152/62 132,13) 102,56 86,58, 77.521 7548. 76.27
22,83 26,11) 2371| 24,56] 2681| 1788 — LE 2
23,97/ 31.02 1858 2466 2207 1981 13,64 15,67 24,54! 17,65
21,36/ 29,05/ 26,71! 26,79 26,66 28.61 17,65 25,79 2909! 24.91
56,28 64,50 67,14) 6423| 71,24 71,44 64,35 74,08 86,65‘ 65.98
27,54 41,28 35,91 36,75| 51,58 67,23 31.02 54,65! 6247 45.00
45,93/ 4410 4812 4608! 41,07 31,58! 28,51 29.50) 2925| 27.95
32,78/ 39,01/ 8837 37,70 37,87| 26,78| 2264l 2136 24.60 20,80
431,25 587,08 750,87. 629,35 701,18| 587,59 499,841-.7205 467,63 475,82
10,95/ 12,04 1197| 11,83 1095 9,83 33 762 773 788
55,68| 53,08| 119,68 81,26 65,87/ 50,86 39,74 31/62 37.34 3494
1931,82/1773,46 2069,53 1923,22 1975.25 1424.88‘ —
47.40 50,58 75,01, 60,28 61,78) 5482 — =
35,91 36,46 35,01 35,76 35,05/ 30,59| 27,58| 30,58 31,83, 29,95
16,83 13,03 11,50/ 18,08| 10,61 888 783 784) 762) 764
9,72 11,47| 10,93 10,95 11,483 3835| 6,72 650) 657 680
6,12 849 823 7,99 849 659 621 5.77 552) 519
717 820 871° 824 10,53 7,39 487 4,78| 544 460
5568| 774 250 7,32 805 6.54 5,88 5,73 5.66 555
4488| 90,99 10831) 90,52, 18624 2286 — | 2” 2
32,61| 53,02| 56,46 51,05/ 58/75 50,08 4763 37,75 42,00
1296| 15,25 15,78| 15,09) 14,7% 1283 1078| 1160 1059:
36,27| 40,60) 39,78| 3954| 38,94 2907, — | L
29,19/ 34,30/ 36,75/ 34,47 3121| 23,951 22,60| 22,24, 29,79| 22,99
7800| 110,92‘ 125,28| 111.42 114,76 34.03 59.93 8061| 81.86 72,85
177,08 243,93 241,14| 231,62| 359/53| 337.61 269.211206.081222 74 191’94
139,24 186,42, 174/61| 173,47 178,93 15682 —- | —
184,04 153,08 152,88| 150,16 115,60) 81,25 86,94| 96,27
41,07/ 4968| 4410| 45,92 a2 34,00 2836 26.41
28,05/ 35,59 3868| 3562| 2927 2373 17.22 17.01:
60,96/ 79,08) 93,94| 82,25/ 110,85| 3988 — | — 20— —
16,56/ 56,231 55,27/ 54,22 73 1243 3841| 29,88' 34,75 29,87
8:49| 10,89] 1141| 10,72 18,06! 1162 1042 1358 13,68 11,88
3,72 3,87 345 367 432 281ı 2/70 3380| 3.86 3.04
15,54 21,39 1999 1983| 2286, 1536 — 2, 2
8010| 120,46| 111.15 109,85/ 105,81. 93.06, 81,42102,19 111,84‘ 81,90
85,98 105,88 87,39| 94,86 83,50 60.62| 51,21 65,51. 72,68) 57.70
18,24| 21,69 20,05/ 20.43 22,02! 17,12) 16,63 18,34 19,66 18,69
418,14| 236.74 225,85 262,20! 389.65! 218 671210.091260 84.309.46 246,96
0,79 0,84 0,78 081 0,89
1281 15,991 18/17! 1428| 1381
9,66 9,97 9,29] g61 10,91!
90.42) 95,82! 209.40! 14254| 16443)

0,63 0,70/ 0,68| 0,96! 0,69
10,52 857 7.42 796| 7,51
605 7,84 746 9,09 7,54
149.90 183/50.116.56 180.22 114/91
218,231 198.16/174,26/178,91 186,83
156 24/181 76.147 08/176 78/168’09

308,07 269,49 355,78| 311,87 316,32
155.85 15738) 16230| 15915 12819
        <pb n="156" />
        A
RE
Ve
EEE
Da

Er
ES
EA

(a

Tabelle IL

Ware

7 affee, Bra
Cakao
‚'hee
”feffer
eis
Zucker
)aumwolle
Seide
Indigo
Salpeter
Fischthran
Palimöl
Roheisen
Rohzink
Zinn
Kupfer
lei
YNteinkohlen
Weizen
Roggen
erste
Safer

1 |

ı
192

u}
1

Durchschn. d. Summen‘
Arithmethisches Mittel,
berechnet aus 163
Hamburger Durchschnittspreisen


Prozentuale Preisveränderung der einzelnen Gruppen nach den Durchschnittspreisen
unter Berücksichtigung der konsumierten Qualitäten

=

von
1871—1880
gegenüber
1847 bis
fR847 — 100

von von von von |
881 bis/1886 bis 1891 bis/1896 bis| 1897 1898 | 1899 | 1900
1885 1890 1893 1900

von | von von von | | 1
1881 bis'1886 bis/1891 bis!1896 bis] 1897 | 1898 | 16599 | 1900
1885 | 1890 | 1895 | 1900
gegenüber 1871-—1880 =— 100

gegenüber 1847—1880 == 109

141 66

84.06! 116.86! 124.11] 78.88]

81.93!

69 01!

64.20

75,98

66.46!

92.39

98.09l

62.36! 66.01

64.56]

50.75)

60.06

Q1 84

6890| 63.65 5188) A557

49 61'

42.191

A113!

48.70

81 90!

74.05

0 3al

5804| 5775

49.11] 47.85

56,69 |

101.65 |

a9 30 68.43] a3 67] 59.551 5887|

56.571

58.68! 6186l 89.411 68,52!

63.751 5962| 5894

56.84)

58.791

fm
61,96 &amp;amp;

i

84,12| 99,22)
109.88 | 75.90! 75.001 84.121 83.13! 73.501 24.701 81.94) 115,66)
a5 £ anal sol eewel muss! ea! wnnel nee was ara 640) end! sea! Stu) auısf sank das

111,80 ,

74.47) 71.47

91,35

)

76.40) 107.86

105.54

84.66] 70.19] 71,08] 65.80) 62,22! 66,181 67,25 74,99] 81,83] 67,881 68,74! 63,64| 60,17] 64,01! 65.04! 72,53
}

111.31

93.98] 89.73) 88.28] 80.68] 83.10] 81.63) 78.61) 79.30] 87.30] a3.36| 82.00 74.94] 77.19) 75.84) 73.02! 73.66
        <pb n="157" />
        Tabelle III. Durchschnittspreise für die Jahre 1879—99 in Deutschland.)
Ware a pro |1879—83|1884—88 | 1889-93 1 189498! 1897 | 18098

1899 | 1900 !| 1901

Weizen aus 75 Notierungen
Roggen „ 14
Gerste „ 12
Mais „PR
Hafer „ 14 „
Mehl a) Weizenmehl aus 7 Notierungen
b) Roggenmehl, Berlin
Rübö6öl, Berlin
Kartoffelspiritus, Berlin
Zucker a) Rohzucker, Magdeburg
B Raffinade, Magdeburg
Kaffee, Rio, gut ordinär, Bremen ®)
„ _ Plantation Ceylon, mittel. Frankfurt a. M
Reis Rangoon, Tafel, Bremen
Pfeffer, Bremen
Heringe, norwegische, Hamburg
Rohtabak, Kentucky, ordinär, Bremen
3 Brasil, secunda, Bremen
Baumwolle, Middling Upland, Bremen
Wolle, Berlin
Hanf, Lübeck
Rohseide, Mailänder Organs in Krefeld
Baumwollengarn, Krefeld No. 40—120
” Zettel 16, Mülhausen i. E.
Kattun, Mülhausen i. E,
Leinengarn No. 30, Flachsgarn, Bielefeld
Blei aus 6 Notierungen
Kupfer, Mansfelder, Berlin
Zink aus 5 Notierungen
Zinn „ 2 %
Roheisen bestes schott. Gießerei No. 1, Berlin
Petroleum, Bremen, unverzollt
Steinkohlen. westf.. Berlin

1000 ke

210,45
167,79
163.61
136,84
143.06
31,40
22.63
58,38
54,372)
63,25
78:56
104.29
231.90
21.43
99,58
21,39
57.45
90,29
123,14
386,48
51,13
52.19
5.11
2,05
0.26
219
29.31
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171,31
185,64
145,27
117,75
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25,27
1852
48.43
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15,62
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111.68
212,95
20.79
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24.84
62,15
88,78
106,41
278,45
56,77
53,42
4.47
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168,29
165,09
122,07
154,15
27.35
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57,63%
58,77%
35,58
58,43
158,58
265,38
21,35
85,79
24.40
46/18
101.28
96:66
264.07
4928
5177
157
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144,28
120,03
138,01
107,02
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21,03
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45.00
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17,20
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30,03
44,58
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72,92
293,08
57,75
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129,53
154,75
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148,38
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97.11
51,64
2738

160,83
144,13
157,22
97.91
142,80
22,66
19,37

62,80
141,34
161,74
13.12
41.03
21,60
19,31
50,28
18,78
22,17
58.17
88,54
88,92
21,17
120,78
38,46
55,33
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280,83
65.08
7,83
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40,85
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91,38
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12,42%
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125,42
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1) Siehe monatliche Nachweise üher den auswärtigen Handel des deutschen Zollgebiets, 1895. 2) Von 1888 ab mit 50 Mk. Verbrauchsabgabe
von 1889 ab mit 70 Mk. Verbrauchsabgabe. 3) Roggenmehl No. 00 mit Sack von 1892 ab, von 1885 ab No. 0/1. 4) Von 1895 mittel gewaschen
blauer Java oder Centralamerika. 5) Kaffee Savanilla von 18%6 ab. 6) Durehschnitt von 3 Jahren. 7) Durchschnitt von 4 Jahren. 8) Für die
Jahre 1897 und 1898 sind bei Weizen nur 9, für 1899 nur 12, für 1900 nur 11, 1901: 12; bei Roggen 10, für 1899: 13, für 1900: 14, 1901: 13; Gerste 8.
auch 1899, für 1900: 11; Hafer 9, für 1899: 10. für 1900: 11. 1901: 12; Mais auch 1899 nur 4, 1901: 5 Notierungen heranzuziehen gewesen
        <pb n="158" />
        - 140 —

Engl. Index- Schließlich entnehmen wir noch dem Märzheft 1900 des Journal
nummern. of the royal statistical society die von Sauerbeck berechneten Verhältniszahlen
 der Preise für 45 Waren in England, welche in Gruppen
vereinigt sind.
Summarische Indexnummern, Gruppen von Artikeln, 1867—77 — 100.

5 ı m 2 - £52
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Jahr

1878-5
1888—97
L891—1900
1898 Er
1899 €
1900 62
1901 1 62

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8

© 3] 44 ol: 70 3 8321 44, u 2
36 70159 66 65 67 610 91' 101%
6? 63 74/56 66 65 66 526 108, 14 |
ix 68, 7051| 63 61 64 443 12°] il
F‘ 65 | 92/58 65 |70 68 1451 113 107 |
- 169 [108 66 71 80175 464] 59 991
67 | 89160 1 | 72 | 70 44? '106 94

“10
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3%
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ef“

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Die Summe der Indexnummern für 22 Art. des englischen
Economist war:

i. Jan. 1894 2082
1895 L923
1896 1999
1897 1950
1898 1890
1899 1918
1900 2145
1901 2126
1902 1948

Das Gesamtergebnis ist dasselbe, wie wir es oben gefunden haben,
Die animalische Nahrung ist bei weitem nicht so im Preise zurückgegangen
 wie die vegetabilische. Noch tiefer sanken Textilien und
einzelne Metalle. Das Jahr 1900 zeigt im Durchschnitt einen Aufschwung,
 der besonders durch die Mineralien und Textilien herbeigeführt
 ist, während die gewöhnlichen Nahrungsstoffe noch keine
Steigerung gewinnen konnten. Ueberhaupt ist aber das Preisniveau
in den letzten Jahren sehr stabil gewesen.

Kapitel VI.
Das Bankwesen.

$ 49.
Das Wesen der Banken und die Geschichte derselben,
O0. Hübner, Die Banken. Leipzig 1854.
A. Wagner, System. der Zettelbankpolitik, 2. Aufl, Freiburg 1873.
Macleod, On Banking, 2, Aufl. London 1866.
M. Wirth, Handbuch des Bankwesens, 2. Aufl. Köln 1874.
Bagehot, Lombardstreet, Der Weltmarkt des Geldes in den Londoner Bankhäusern.
 Nach der 4. Aufl. übers. v. Beta. Leipzig 1874.
E. Nasse, Das venetianische Bankwesen im 14., 15. und 16. Jahrhundert,
Jahrb. £ Nationalökonomie, Bd. XXXIV. im Jahre 1880.
        <pb n="159" />
        14°

L. von Halle, Die Hamburger Girobank und ihr Ausgang. Berlin 1891.
E. von Philippovich, Die Bank von England im Dienste der Finanzverwaltung.
Wien 1885.
Sievcking, Die Casa di S, Giorgio. Freiburg 1899.

Die modernen Banken sind Kreditinstitute, welche die Aufgabe
haben, den Geldumlauf zu regulieren, durch Kreditoperationen das Geld
aufzunehmen, welches in dem laufenden Betriebe keine Verwendung
finden kann, und es dorthin zu leiten, wo Bedarf daran vorliegt. Wenn
auch, wie wir sehen werden, noch eine Menge andere Thätigkeiten
sich daran anschließen und in der ursprünglichen Entwickelung die
Aufgaben sich vielfach anders gestalten, so ist damit doch für die
Gegenwart der Kernpunkt ihrer Thätigkeit gekennzeichnet. Man hat
sie nicht mit Unrecht mit dem Herzen in dem tierischen Organismus
verglichen, welches die Aufgabe hat, das Blut in alle Teile des Körpers
zu führen und neues Leben hinein zu bringen, um das verbrauchte
wieder zurückzuziehen und zur Umwandlung und Ausscheidung zu
bringen. So wird durch die Banken die Kapitalskraft in Umlauf gesetzt
 und überall zu angemessener Verwendung gebracht. ;
Der Name der Banken rührt von den Tischen her, auf welchen
die Geldwechsler in Italien ihre Geldschüsseln aufgestellt hatten,
Schon im Altertum ist eine Bankthätigkeit nachweisbar; besonders
für Babylon, Griechenland und Rom, und zwar in der Form des Geldwechselgeschäftes,
 dann zur Aufnahme von Geldern zur Aufbewahrung
und zur Uebernahme von Darleihgeschäften. Mit der Völkerwanderung
ging indessen diese Thätigkeit verloren und ist erst gegen Ende des
Mittelalters allmählich wieder zur Ausbildung gekommen. Ihre Vertreter
 waren zunächst Geldwechsler, welche die verschiedenen Münzsorten
 und die Münzen der verschiedenen Länder vorrätig hielten, sie
auf ihren Wert prüften und für den Verkehr zur Verfügung stellten.
Jedes Land und Ländchen, ja vielfach jede größere Stadt besaß eigene
Münze, die nur innerhalb ihres Territoriums Umlaufsfähigkeit hatte,
und so viel wie möglich innerhalb derselben zurückgehalten, wie jede
andere von demselben fern gehalten wurde. So bedurfte man solcher
Vermitfelungsinstanz, um dem Kaufmann, dem Reisenden , wie dem
Fürsten und sonstigen großen Herren die Münze zur Verfügung zu
stellen, die sie für ihre Zahlungen im Auslande brauchten, und um
etwa mitgebrachte ausländische Münzen in die heimische zu übertragen.
Hiermit verbanden die Wechsler auch häufig und allmählich in immer
ausgedehnterem Maße die Thätigkeit des Geldausleihens. Ursprünglich
 im Mittelalter waren die berufsmäßigen Geldleiher hauptsächlich
Juden, dann übernahmen die Italiener dasselbe Geschäft, besonders im
großen Verkehre, nicht nur in ihrer eigenen Heimat, sondern allmählich
auch in dem übrigen Europa. Anfangs stammten sie hauptsächlich
aus der Lombardei, dann aus Toscana. Die vielen italienischen technischen
 Ausdrücke im Bankverkehre sind darauf zurückzuführen, wie
außerdem der Name Lombardstreet in der city von London, welche
noch heutigen Tages der Hauptsitz der großen Bankinstitute Englands
ist. In Genua wurden die Geldwechsler schon im 12. Jahrhundert
Bancherli genannt, und im 13. und 14. Jahrhundert sind die Italiener
bereits in vielen Hauptorten Europas als Vertreter der Bankthätigkeit
ansässig. In den folgenden Jahrhunderten finden sich die Campsores
öfters zu besonderen Zünften neben den Kaufleuten, den Mercatores,
vereinigt, als eine Hauptstütze des Handels. Je mehr der Verkehr

Wesen der
Banken.

Altertum.

Yittelalter.

Wechsler
        <pb n="160" />
        142 —

Zankgründungen.


zunahm und sich an einzelnen Punkten konzentrierte, wie vor allen
Dingen an den Plätzen der Waren- und. Wechselmessen, um so mehr
stellte sich das Bedürfnis heraus, durch Bildung großer Institute dem
eschäfte eine größere Sicherheit zu geben, und sich der Ueberlegen-2eit
 einzelner Geldmänner zu entziehen, indem sie genossenschaftlichen
Yharakter gewannen oder Staatsanstalten wurden. Der erste derartige
Yersuch wurde in Genua gemacht, wo 1407 in der „Casa di san
Giorgio“ eine Girobank gegründet wurde; in Barcelona bereits 1401,
jedoch nicht mit der gleichen Bedeutung. Eine weitere und nachhaltigere
 Nachbildung derselben trat indessen erst Ende des 16., dann
im Laufe des 17. Jahrhunderts auf, nachdem durch Ueberspekulation
und unrationelles Verfahren eine größere Zahl bedeutender Bankiers
Bankerott gemacht hatten, und viele Geschäftsleute und sonstige vermögende
 Männer mit in das Verderben gezogen hatten, Der erste
hier in Betracht kommende Versuch ging in den achtziger Jahren des
16. Jahrhunderts von dem venetianischen Staate aus, der für die spä-‚eren
 Gründungen typisch wurde. Die Veranlassung soll gewesen sein,
daß die Regierung sich nach erheblichen Kriegen in großer Geldverjegenheit
 befand und sich genötigt sah, eine Anleihe aufzunehmen,
wobei sie sich natürlich nur an die heimischen Kaufleute wenden
konnte. Da aber die Gefahr vorlag, durch die Entziehung bedeutender
Summen den Handel zu schädigen, kam man auf den Gedanken, auf
Grund der eingezahlten Summen ein Staatsschuldbuch aufzulegen, in
welchem jedem Kaufmann ein Folium eröffnet wurde, auf welchem die
dem Staat geliehene Summe ihm gut geschrieben wurde, so daß nun die
Kaufleute auf Grund ihres Guthabens ihre Geschäftsthätigkeit weiter
fortsetzen konnten, indem die Zahlung des einen an den anderen durch
Uebertragung der Summe von dem Folium des einen auf das des anderen
vollzogen wurde. Auf diese Weise konnte der Staat erhebliche Beträge
für sichin Anspruch nehmen, ohne den Handel lahm zu legen, denn auf
Grund der Forderung an den Staat konnte nun jeder Kaufmann seine
Einkäufe machen, Zahlungen an andere leisten und so seine Geschäfte
 ungeschwächt fortsetzen. Bald darauf geschah die Gründung der
Staatsbank, welche als „banco del giro“ von 1619—1806 bestanden
hat. In Mailand wurde die „Banco di St. Ambrogio“ 1593, 1609 die
Amsterdamer Wisselbank, 1619 die Hamburger Bank, welche bis 1873
bestanden hat, die Nürnberger 1621 ins Leben gerufen. Während
diese sämtlich Staats- resp. städtische Banken waren, wurde: die englische
 Bank 1694 als Aktiengesellschaft gegründet, indem durch Gesetz
denjenigen, welche dem Staate die Summe von 1,2 Mill. Pfd, Sterl.
leihen würden, das Privilegium zur Errichtung einer Bank gewährt
wurde.
Diese Banken waren ursprünglich reine Girobanken, sie beruhten
darauf, daß eine Anzahl bedeutender Unternehmer erhebliche Summen
bar in den Kellern der Bank deponierten, worüber ihnen ein Folium
in dem Bankbuche eröffnet wurde, und sie nun unter einander Zahlungen
in der erwähnten Weise durch Uebertragung begleichen konnten, so daß
dabei die deponierten Gelder unberührt liegen blieben und nur ausnahmsweise
 und in beschränktem Maße herausgezogen werden durften.
Dies schloß ein, daß die Mitglieder der Bank oder die Bankbürger
aur untereinander Geschäfte machen konnten, worin natürlich eine
große Beschränkung lag. Ein wesentlicher Vorteil des Verfahrens bestand
 darin. daß die bedeutenden Summen, die zur Grundlage des
        <pb n="161" />
        143 —-Handels

 dienten, sowohl vor Abnutzung, wie vor Verlust bei dem Umlauf
 bewahrt wurden, was in einer Zeit von besonderer Bedeutung war,
wo jeder Transport nicht nur sehr kostspielig, sondern bei dem ausgedehnten
 Räuberwesen sehr gefahrvoll war. Aber ungleich bedeutsamer
 war der Umstand, der hauptsächlich zur Gründung der Institute
geführt hat, daß man imstande war, Zahlungen zu leisten unabhängig
von der umlaufenden Münze und daher unter Vermeidung der Verluste,
 welche durch die Ausgabe unterwertiger Münzen, wie durch die
Zahlungen in ausländischen Münzen entstanden.
Wie schon erwähnt, lag für den Handel eine besondere Schwierigkeit
 in der großen Verschiedenartigkeit der Münzen der einzelnen
Länder, welche stets nur einen sehr beschränkten Umlaufskreis besaßen.
 Hierzu trat schon in dem 16., ganz besonders aber in den
arsten Dezennien des 17. Jahrhunderts in der sogenannten Kipper- und
Wipperzeit der Mißbrauch der Staatsgewalt bei der Ausübung des
Münzrechts hinzu, durch die Ausprägung unterwertiger Münzen, welche
nach einiger Zeit wieder in Verruf erklärt und zu ihrem Metallwerte
eingezogen wurden, um durch neue unterwertige Münzen zu einem
hohen Kurse ersetzt zu werden. Je größer die Finanznot des Fürsten
war, um so öfter geschah die Verrufserklärung, mitunter schon nach einem
Jahre, so daß Zahlungsstockungen unvermeidlich wurden, weil Niemand
dem Werte der ausgegebenen Münze traute und Niemand wußte, wie
lange die Münze den gesetzlichen Wert, zu dem sie ausgegeben war,
behalten würde. Dabei war ein ausgedehnter Handel, namentlich internationaler
 Natur nicht möglich, und deshalb wurde durch dıe Banken ein
neutraler Boden geschaffen, auf dem die Zahlung auf einer gleichen,
dauernden Grundlage, unabhängig von der kursierenden Münze durchgeführt
 werden konnte. Die Girobank in Hamburg acceptierte deshalb
 eine ideale Werteinheit die „Mark Banko“ zu einem Drittel eines
vollwichtigen Reichsthalers; und als später der Münzfuß des Reichsthalers
 verschlechtert wurde, behielt man den ursprünglichen Silbergehalt
 von 26 g Feinsilber gleich einer Mark bei. Sie wurde nie ausgeprägt,
 sondern blieb eine Rechnungsmünze. Als Depositen in der
Bank wurden nur Silber in Barren oder später auch Münzen nur nach dem
Silbergehalt acceptiert. Auch das Pfund Sterling, wonach die englische
Bank rechnete, war bekanntlich nicht eine geprägte Münze, sondern
ein bestimmtes Gewicht von Edelmetall, je nach der acceptierten
Währung: Gold oder Silber. Auf Grund dieser Einrichtung vollzogen
sich die größeren Zahlungen nun auf dem Wege des Kredites durch
Anweisung auf das Guthaben bei der Bank, und diese Erleichterung
führte dazu, daß eine Menge Zahlungen in anderen Gegenden und
von fern stehenden Kaufleuten durch Anweisung auf die Bankbürger
stattfanden, die untereinander die Abrechnung auf dem Wege des Girierens
 bewirkten, so daß die Banken bald eine Bedeutung erlangten,
die weit über den lokalen Markt hinausgine,

Zahlungsereichterung.


8 50,
Die Entwickelung der Bankthätigkeit und das
Girogeschäft. ; .
Rauchberg, Der Clearing- und Giroverkehr in Oesterreich-Ungarn und im
Auslande. Wien 1897. .
Die Entwickelung der Bankthätigkeit aus diesen einfachen An-(ängen
 der Girobank vollzog sich nun, kurz dargestellt. in der folgen-
        <pb n="162" />
        14%

Entwicke- den Weise: Einmal ging man schon früh dazu über, den Geschäftsung
 der ver- verkehr nicht auf die Bankbürger zu beschränken, sondern ihn auch
a auf das übrige Publikum auszudehnen, indem auch von ihm Einlagen
zeschäfte. In Geld aufgenommen wurden, wodurch sich das Depositengeschäft
 entwickelte und die Banken sich zu allgemeineren Sparkassen
 erweiterten. Der zweite Schritt ging dahin, die aufgesammelten
Gelder nicht tot in den Kellern der Bank liegen zu lassen, sondern
sie wieder in den Verkehr zu bringen und zwar durch Benutzung derselben
 zur Gewährung von Darlehen, da man sich sagte, daß, wenn
die Schuldner sicher sind, und die Darlehen nur auf kurze Zeit gewährt
 werden, die Schuldverschreibungen, das sind die von den
Schuldnern ausgestellten Wechsel, eine ebensolche Sicherheit gewähren,
wie das bare Geld selbst. Dagegen ist der Vorteil für die Bank wie
für die ganze Volkswirtschaft sehr erheblich, wenn die Gelder in fortdauerndem
 Umlauf sind und durch die Bank in die Hand derjenigen
Geschäftsleute gebracht werden, welche dieselben für ihre wirtschaftliche
 Thätigkeit dringend gebrauchen. Dadurch entwickelte sich das
Ankaufsgeschäft von Wechseln, oder das Diskontgeschäft. Die
dritte Entwickelungsphase lag vor, als man begann, zur Darlehensgewährung
 nicht die Münze selbst zu benutzen, sondern für sie Repräsentanten
 auszugeben, unverzinsliche Inhaberpapiere, die Noten, für
welche die Bank zu jeder Zeit die darauf verzeichnete Summe zahlte,
die bei ausreichendem Kredit der Bank deshalb ebenso als Zahlmittel
fungieren konnten als die klingende Münze. Aber man ging allmählich
noch darüber hinaus, indem man mehr Noten ausgab, als Barmittel bei
der Bank vorhanden waren, denn man beobachtete, daß stets nur ein
kleiner Teil der zirkulierenden Noten zur Einlösung präsentiert wurde,
man deshalb nicht notwendig hatte, stets die ganze Summe bar vorrätig
 zu halten, welche in Noten ausgegeben war. Dadurch verschaffte
sich die Bank unverzinsliche Darlehen, die sie ihrerseits verzinslich als
Darlehen ausgab, und war imstande, der Geschäftswelt größere Mittel
zur Verfügung zu stellen, als sie selbst bar besaß. Damit bildete sich
das Noten- und Zettelbankwesen aus, das eine besondere Bedeutung
 in der Volkswirtschaft erlangt hat.
Siroverkehr. Die Buchung von KEinlagen bei einer größeren Bank, welche
mit einer größeren Zahl von Geschäftsleuten in Verbindung steht
und es diesen ermöglicht, durch Ueberschreibung von Teilen des
Guthabens von dem Konto des einen Teilhabers an den anderen
Zahlung zu leisten, ist die Einrichtung des Giroverkehres, weil das
Geld sich gewissermaßen im Kreise bewegt. Sie ist schon im alten
Rom gebräuchlich gewesen und hat, wie wir sahen, Ende des Mittelalters,
 dann namentlich Anfang des 17. Jahrhunderts in besonderen
Banken eine große Ausdehnung gewonnen. Dies Verfahren trat aber
allmählich immer mehr in den Hintergrund und wurde durch die
Zahlungen in Wechseln, Noten und Checks ersetzt. Erst in der Mitte
dieses Jahrhunderts hat es wiederum an Ausdehnung gewonnen, seit
den vierziger Jahren bei der Bank von England, dann seit 1876 bei der
deutschen Reichsbank, nachdem durch Gesetz der Notenumlauf in England
 wie in Deutschland Beschränkungen unterworfen war, und man
sich genötigt sah, einen Ersatz für dieses Zahlungsmittel zu schaffen.
Zu bemerken ist aber, daß schon Friedrich der Große 1765 durch die
Gründung der Giro- und Lehnbank, aus der die Preußische Bank
hervorging, den Versuch machte, den Giroverkehr zu heben, indessen
        <pb n="163" />
        1245

ohne erheblichen Erfolg. 1824 gründeten Berliner Bankiers und Kaufleute
 den Berliner Kassenverein, der in der Hauptsache nur eine Giroanstalt
 war, Aehnliche Einrichtungen wurden in den folgenden Jahrzehnten
 in verschiedenen Städten Preußens ins Leben gerufen. Die
Preußische Bank eröffnete den Giroverkehr 1834, und seit 1841 konnten
die Inhaber eines Girokontos durch besondere Giroanweisungen über ihr
Guthaben verfügen. Im Jahre 1853 betrug der Giroumsatz 110 Mill.
Thaler, Ungleich größer ist sofort nach der Gründung die Girothätigkeit
 der Reichsbank gewesen, welche bestimmt war, einen Ersatz für
den Checkverkehr (S. 8, 154) nach englischem Muster zu bieten. Hine
Ergänzung, und gewissermaßen den eigentlichen Abschluß hat die
Giroeinrichtung in England wie in Deutschland in den großen Abrechnungs-
 und Clearingstellen erhalten, die uns noch zu beschäftigen
haben werden (S. S. 156). Die Inhaber eines Girokontos verfügen bei
der Reichsbank über ihr Guthaben mit weißen Checks, wenn es sich
um Barzahlungen handelt, oder, wenn es darauf vermerkt ist, zur Verrechnung,
 d. h. zur Ausgleichung mit anderen Geschäftsleuten resp.
Banken. Checks mit rotem Papier kommen dagegen zur Anwendung,
wenn eine Uebertragung auf ein anderes Girokonto bestimmt wird.
Im Jahre 1887 belief sich die Zahl der Girokunden auf 3245,
1892 auf 9626, 1899 stieg sie auf 14987. Vereinnahmt wurden 1877
13,5 Milliarden Mk., 1891 40,5 Milliarden, 1899 78, 1901 83,9 Milliarden,
Das Guthaben stieg bis 1899 im Giro von 99 auf 237, 1901 auf 272,5 Milllonen
 durchschnittlich; der Giroumsatz von 27 Milliarden auf 81 1900,
1899 auf 131,5, 1900 auf 163,6; 1901 auf 167.7 Milliarden Mk.

$ 51.
Das Depositengeschäft.
v. Philippovich, Die Bank von England im Dienste der Finanzverwaltung,
Wien 1885. .
Struck, Studien über den englischen Geldmarkt. Jahrb. £. Gesetzgebung u,
Verwaltung, Bd. X.
Glauert, Depositenbildung in England und in Deutschland, Jahrb. £. Nationalökonomie
 1894, Ba. VII, 3. F.

Im Mittelalter war es bereits eine ausgedehnte Thätigkeit sowohl
der Wechsler wie der Goldschmiede, wertvolle Gegenstände gegen Gebühr
 zur Aufbewahrung zu übernehmen, da sie die betreffenden Einrichtungen
 zum Schutz gegen Feuer- und Diebesgefahr in sicheren
Gewölben und Eisenschränken besaßen, die dem Publikum im allgemeinen
 fehlten, Auch in der neueren Zeit übernehmen es die Banken,
Schmucksachen, Wertpapiere, Manuskripte etc. in versiegelten Kästen
oder Packeten gegen eine geringe Zahlung aufzubewahren. Eine Erweiterung
 dieser Form liegt in der Uebernahme der Depositen zur
Verwaltung, indem also die Bank Wertpapiere nicht nur zur Aufbewahrung
 übernimmt, sondern auch die Coupons im richtigen Momente
abzuschneiden und die Zinsen bar einzuziehen, dann bei Papieren, die
der Aüuslosung unterworfen sind, auch diese zu verfolgen, die ausgelosten
 Nummern zur Barzahlung einzureichen etc. Die Bank hat
hierbei nicht das Recht, die ihr anvertrauten Papiere für ihre eigenen
Zwecke zu verwerten, sie zu verleihen oder zu verkaufen, sondern sie
ist verpflichtet, die ihr gegebenen Nummern selbst zu jeder Zeit zur
Verfügung des KEinlegers zu halten. Greift der Bankier das Depot an,
Conrad, Grundrifs der polit. Oekonomie, I. Teil. 4, Aufl. 10

Depositen
zur Auf-Dewahrung.
        <pb n="164" />
        146 —-benutzt

 er es für eigene Geschäftszwecke, so macht er sich eines Vertrauensbruches
 schuldig und kann dafür kriminell bestraft werden. Da
nun in der neueren Zeit wiederholt solcher Vertrauensbruch von seiten
in Geldverlegenheit befindlicher Bankiers vorgekommen ist, und auch
Streitigkeiten darüber entstanden, ob eine Einlage einfach als Darlehn
dem Bankier übergeben oder ihm als Depot anvertraut war, so hat
sich in dem letzten Dezennium der Usus ausgebildet, daß die größeren
Banken besondere Gewölbe mit Stahlkammern und Schubkästen zur
Verfügung der Kunden stellen, in welche diese ihre Papiere einlegen
und unter eigenem Verschluß halten. Die durch diese Einrichtung
gewährte Sicherheit ist von außerordentlicher Bedeutung, und das
Publikum beginnt dieselbe mehr und mehr zu würdigen und davon
Gebrauch zu machen. Besonders großartig ist in Deutschland die
Einrichtung. der Reichsbank in Berlin. Am 1, Januar 1902 waren an
verschlossenen Depositen daselbst 7345 Stück, wofür an Gebühren
161861 Mk, gezahlt wurden; an offenen Depots dagegen 331214 im
Nennwerte von 3427 Mill. Mk. Im Laufe des Jahres kamen hinzu
54077 Depots über 539 Mill.; zurückgezogen wurden 42733 Depots
über 452 Mill. Mk. Von den niedergelegten Effekten wurden im Laufe
des Jahres an Zinsen etc. 113,2 Mill. eingezogen, an Gebühren für die
Aufbewahrung und Verwaltung 2,2 Mill. Mk. eingenommen.
Von ungleich größerer volkswirtschaftlicher Bedeutung ist aber
Depositen als der gewöhnliche Depositenverkehr, der darin besteht, daß die Kunden
Darlehen. der Bank die laufenden Einnahmen, so weit sie dieselben nicht unmittelbar
gebrauchen, bei der Bank einlegen und zwar zur freien geschäftlichen
Benutzung derselben, also als einfaches Darlehen, und sich die Zurückziehung
 bald in jedem Momente vorbehalten (avista-Conto), bald nach
vorher ausbedungener Kündigung. Im kaufmännischen Verkehre ist dabei
die gewöhnlichste Form die des laufenden Kontos oder Kontocorrents,
bei welchem auf dem einen Folium die Einlagen, auf dem anderen die
Auszahlungen verzeichnet und gegenüber gestellt werden. Die kleinen
Banken pflegen, wenigstens in Deutschland, die Einlagen zu verzinsen,
während dieses bei den großen Banken nicht Usus ist. Bei den
großen englischen Banken wird sogar noch die Deponierung eines
unantastbaren eisernen Fonds verlangt, der gleichfalls nicht verzinst
wird. Die Verzinsung ist eine verschiedene, je nach den Rückzahlungsbedingungen,
 namentlich nach der Länge der Kündigungsfrist. Bei
dem Kontocorrent pflegt die Bank sich ihre Thätigkeit vergüten zu
‚assen, indem sie für die Auszahlungen einen höheren Prozentsatz verangt,
 als sie ihrerseits für die Einlagen zahlt.
Die Vorteile des Deponenten bei diesem Verfahren sind einmal:
Sicherheit vor Verlusten durch Feuer und Diebstahl im eigenen Hause
durch die Aufbewahrung der Gelder seitens der Bank, da nicht überall
die entsprechenden Einrichtungen, wie feuersichere Geldschränke, bei
dem. Publikum vorhanden sind, um gegen solche Verluste die nötige
Garantie zu bieten,
Zweitens: Ersparnis der Mühe und Kosten der eigenen Kassenverwaltung.
 Bei einer einfachen Privatperson, die nur für sich allein
wirtschaftet, fällt dieses weniger ins Gewicht, schon mehr bei einem
Geschäftsmann mit größerem Umsatz, einem Kaufmann, Fabrikanten,
Gutsbesitzer, der vielfach genötigt ist, einen besonderen Buchhalter
resp. Kassierer dafür zu halten, der ihm Kosten verursacht, und die
Gefahr von Mißegriffen, Veruntreuungen ete. in sich schließt, die er-
        <pb n="165" />
        147

spart werden können, wenn sie mit einer Bank in Beziehung treten,
ihr die Einnahmen zufließen und durch sie Zahlung leisten lassen.
In England ist dieses so weit ausgebildet, daß selbst große Banken
gar nicht eigene Kasse halten, sondern alle Zahlungen durch bestimmte
Zahlungsbanken bewirken lassen. In der gleichen Weise übernimmt
die Bank von England die Annahme aller Gelder für den Staat, wie
die Auszahlungen für denselben. Zwar hat die Reichsbank in Deutschland
 seit ihrer Gründung gleichfalls die Hauptsummen der Staatseinnahmen
 zu verwalten, aber eine bedeutende Zahl von Kassen bei der
Regierung, bei den Kommunen, bei einzelnen Instituten, wie den Universitäten
 könnten teils ganz beseitigt, teils auf ein Minimum reduziert
werden, wenn auch hier die Reichsbank oder eine andere Centralbank
die einfließenden Gelder aufnähme, und die Zahlungen durch Anweisungen
 auf dieselben vollzogen würden. Die Ersparnisse für die
Gesamtheit, der beschleunigte Umlauf der Gelder würde für die ganze
Volkswirtschaft von intensivster Wirkung sein.
Drittens tritt der Umstand hinzu, daß dem Einleger auch die
nicht sofort gebrauchten Gelder, sei es in der einen, sei es in der
anderen Form, verzinst werden oder einen entsprechenden Nutzen
bringen,
Viertens fällt ins Gewicht, daß durch den dauernden Verkehr
mit einer Bank, welche die laufenden Einnahmen für den Kunden bezieht
 und die Ausgaben für ihn bestreitet, die Bank ein genaues Urteil
über die Kreditfähigkeit ihres Kunden erlangt und dadurch in den
Stand gesetzt ist, ihm einen angemessenen Kredit zu gewähren. Für
Jeden, der einen etwas größeren Geldumsatz hat, besonders aber für
den Geschäftsmann, ist es von der höchsten Bedeutung, bei einem
solchen Geldinstitute, welches aus der Gewährung von Darlehen Geschäfte
macht, einen angemessenen Personalkredit zu haben, wie er sich bei
einem laufenden Konto bis zu einem gewissen Grade von selbst ergiebt,
dann insbesondere durch Diskontierung von Wechseln und sonstige
Würdigung der Unterschrift des Betreffenden gewährt wird. Die Gutsbesitzer
 im preußischen Osten klagen vielfach über Mangel an Personalkredit.
 Sie sehen sich genötigt, die Bürgschaft eines Kaufmanns
hinzuzuziehen, um von einer Bank ein Darlehen zu erhalten, auch wenn
sie selbst sehr viel wohlhabender sind als dieser, weil sie mit keiner
Bank in einem dauernden Geschäftsverkehre stehen, deshalb keine ihre
Kreditwürdigkeit, namentlich ihre Zuverlässigkeit in Geldgeschäften
beurteilen kann, und deshalb Niemand ihnen ohne weiteres Personalkredit
 zu gewähren vermag; während in England auch der kleine
Farmer bei einer Bank ein laufendes Konto hält und keine Ursache
hat, über Mangel an Personalkredit zu klagen.
Eine Gefahr liegt für den Deponenten vor, wenn die Bank sich
auf gewagte Spekulationen einläßt und dadurch ihre Sicherheit gefährdet
 wird. Es wird deshalb für ihn notwendig sein, die Art der
Geschäftsthätigkeit der Bank und damit ihre Sicherheit genau zu beobachten.
 Er wird nicht seine ersparten Kapitalien bei ihr deponieren
dürfen, sondern nur laufende Einnahmen, um das Risiko nicht zu sehr
auszudehnen.
Die Vorteile für die Bank liegen in der Heranziehung der
Gelder ihrer Kunden zur eigenen Benutzung. Jeder Einleger hat zu
bestimmten Zeiten besondere Einnahmen, zu anderen größere Ausgaben.
 Die Erfahrung stellt den regelmäßigen Bedarf und Ueberfluß
10*

Vorteile für
die Bank.
        <pb n="166" />
        148 —

bei dem Kundenkreise fest, und je mannigfaltiger sich dieser zusammensetzt,
 um so größer pflegt die Ausgleichung zu sein. Der Beamte
und Rentier beziehen im Beginn jeden Vierteljahres das Gehalt und
die Zinsen, ihre Ausgaben verteilen sich ziemlich gleichmäßig auf die
Zwischenzeit. Der Landwirt hat dagegen im Beginne des Vierteljahres
Hypothekenzinsen, Gehalt und Löhne auszuzahlen, seine Einnahmen
konzentrieren sich mehr oder weniger auf die Zeit der Wollschur, des
hauptsächlichsten Ausdrusches der Ernte während des Winters. Die
Fabrikanten machen zu bestimmten Zeiten ihre Einkäufe an Rohmaterial,
der Absatz konzentriert sich auf die einzelnen Saisons oder sonstige
Perioden des Jahres, während die Ausgaben und Einnahmen der Kaufleute
 bei einem schnelleren Umsatz sich gleichmäßiger über das Jahr verteilen,
 aber auch Ebbe und Flut in gewisser regelmäßiger Wiederkehr
verfolgen lassen. Auf diese Weise ist der Bankier in der Lage, vorauszusehen,
 welche Summen er zu den einzelnen Terminen vorrätig halten
muß, um den Bedarf seiner Kunden zu befriedigen, wann er dagegen
auf größeren Zufluß an Geldern rechnen kann, und wie weit der
Zufluß von der einen Seite ausreicht, um den Bedarf der anderen zu
befriedigen. Er kann hiernach die Depositen seiner Kunden zum
großen Teile verwerten, um Anderen entsprechende Vorschüsse zu
gewähren. Er verzinst aber die Einlagen, wie wir sahen, niedriger, als
er seine Darlehen verzinst erhält. Je langsamer der Umsatz bei den
Kunden ist, wie bei den Beamten, Rentiers, Landwirten, um so größere
Summen werden für längere Zeit zu seiner Verfügung stehen. Je
schneller der Umsatz ist, wie bei den Kaufleuten, um so mehr Gelder
wird er zur unmittelbaren Verfügung bar vorrätig halten müssen, und
je schneller der ganze Verkehr ist, wie z. B. in England, um so mehr
wird dieses der Fall sein, gegenüber einem langsameren Verlauf, wie
er z. B. in Rußland oder in der Türkei zu beobachten ist. Die
Schwankungen in dem Geldverkehre treten in dem Notenumlauf unserer
Reichsbank scharf hervor, der sich im Beginne jedes Vierteljahres gewaltig
 steigert, da größere Summen von ihr verlangt werden, um allmählich
 in den folgenden 2!/, Monaten abzunehmen, dann regelmäßig
Ende des Vierteljahres zu steigen, und Ende Dezember den Höhepunkt
zu erreichen, wie die folgende kleine Tabelle für das Jahr 1899 ergiebt:
Datum Notenumlauf Barvorrat Wechsel]
Mil Mr Mil. Mk.
Dr 310
923
362
41
368
381
718
762
708

733
593
864
724
944
762
1127
958
1080

Im Beginne des Jahres ist der Barbestand der Bank ein sehr
niedriger, während dagegen der Notenumlauf und Wechselvorrat ein
hoher ist. Das Verhältnis hat sich am 28, Februar vollständig umgekehrt.
 Der Barvorrat ist gestiegen, der Wechselbestand und Notenumlauf
 ist gesunken, und dieses wiederholt sich fortdauernd, bis am
Ende des Jahres wieder die extremsten Ziffern zu Tage treten, wo die Anforderungen
 an die Bank am größten waren, ihr am wenigsten Depositen
zuflossen, dagegen Darlehen auf Wechsel in ausgedehntem Maße ge-
        <pb n="167" />
        149 —

fordert wurden, Dies wiederholt sich in jedem Jahre, nur daB die
Schwankungen bald größer, bald kleiner sind, Sache des Bankiers ist
es, sich diesen Verhältnissen anzupassen und entsprechend Vorsorge
zu treffen.
Eine Gefahr liegt für die Bank darin, daß in Zeiten allgemeiner
Zahlungsstockungen nach Ausbruch eines Krieges oder wirtschaftlicher
Krisen ihr nicht die Gelder in gewohnter Weise zufließen und besonders
stark entzogen werden. Indessen ist erfahrungsgemäß die Gefahr eine
geringe, so lange überhaupt die Kunden zahlungsfähig sind, und die
Bank daher auf Rückzahlung der ausstehenden Gelder mit Bestimmtheit
 rechnen kann, und je ausgedehnter und mannigfaltiger der Kundenkreis
 ist, um so mehr pflegen derartige Störungen ausgeglichen zu werden.

$ 52.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Depositenverkehrs.


Ungleich größer als der bisher besprochene private Nutzen des
Depositenverkehrs ist der für die ganze Volkswirtschaft. 1. Die vorhandenen
 Münzen werden dadurch fortdauernd in Umlauf erhalten und
gelangen zu besserer Verwertung. Sehr bedeutende Summen, die sonst
tot im Kasten lagen, werden nun von der Bank aufgesogen und fortdauernd
 wieder in den Verkehr gebracht. Dadurch genügt ein weit
geringerer Münzvorrat im Lande, als er sonst nötig wäre, und diese
Ersparnis kommt der Gesamtheit zu gute. 2. Durch die Thätigkeit Mehrfache
der Bank übernimmt die Einlage mehrfache wirtschaftliche Aufgaben Funktion der
zu gleicher Zeit, Dieselbe Summe, welche der Einleger der Bank Devositen.
übergeben hat, kann von ihm wirtschaftlich verwendet werden, indem
der Fabrikant auf Grund seines Guthabens bei der Bank Bestellungen
macht, der Kaufmann Waren bezieht etc.; der Bankier verwendet das
Geld in seinem Interesse, indem er einem Kunden Darlehen gewährt.
Dieser wiederum, sagen wir ein Fabrikant, benutzt den Vorschuß, um
seine Arbeiter zu bezahlen, die ihrerseits damit Einkäufe machen; und
alles dieses vollzieht sich noch während derselben Wochen, während
welcher die Depositen der Bank übergeben sind. Dieselbe Summe hat
damit mehrfache wirtschaftliche Funktionen zu gleicher Zeit übernommen
und leistet deshalb für die Gesamtheit das Mehrfache von dem, was
ohne die Vermittelung der Bank möglich wäre. Hierin liegt der Hauptvorteil
 der Banken für den Geldumlauf, und dieser wird im allgemeinen
nicht genügend gewürdigt. Der Wohlstand eines Landes kann deshalb
durch Erweiterung des Bankwesens ohne Erhöhung des Kapitalsvorrates
selbst in bedeutendem Maße gesteigert werden... Die wirtschaftliche
Ueberlegenheit Englands und Amerikas über Deutschland beruht zum
nicht geringen Teile auf der besseren Ausbreitung und Ausnutzung
des Bankwesens und der dadurch bewirkten besseren Verwertung der
vorhandenen Kapitalien. Man kann etwa die Bankdepositen im Ver.
Königreiche auf 15 Milliarden Mark berechnen, während sie in Deutschland
 sich etwa auf 2", Milliarden belaufen, wozu dann allerdings noch
ein Teil der 5%, Milliarden hinzuzuziehen ist, die in den deutschen
Sparkassen liegen, aber natürlich einen wesentlich anderen Charakter
and geringeren Umlauf haben.
„3. Durch den Depositenverkehr wird der Deponent zu größerer
Kassenhaltung bewogen, damit gezwungen, eine größere dauernde

Zwang zu
Reservehaltung,
        <pb n="168" />
        "0

Voraussetzungen

eines allgemeinen

Depositenverkehres.


Reserve zu bewahren, die ihm in Zeiten der Krisen eine weit bedeutendere
 Widerstandskraft und Sicherheit verschafft. Es liegt in der
Natur der Sache, daß sich Jeder scheut, größere Summen tot bei
sich im Kasten liegen zu haben, und sich deshalb leicht verleiten läßt,
vorhandene Gelder zu Ausgaben zu benutzen, die wirtschaftlich nicht
gerechtfertigt sind, uud sich überhaupt mehr von Mitteln zu entblößen,
als es die Solidität des Unternehmens und die momentane finanzielle
Sicherheit rechtfertigen. Das liegt schon vor, wenn die betreffenden
Ausgaben für Produktionszwecke, also nicht unfruchtbar, geschehen
sind. Es tritt noch die Gefahr hinzu, daß der vorhandene Barvorrat
zu Luxusausgaben verleitet und den Leichtsinn befördert. Ganz anders,
wenn alle Ueberschüsse der Bank zufließen und dort ihre Verwertung
finden. Sie werden erfahrungsgemäß dort viel länger erhalten und
aufgesammelt als in der eigenen Kasse, In England erzwingen die
größeren Banken noch dadurch eine besondere Reserve, daß sie,
wie erwähnt, verlangen, daß ein gewisser Teil der Jahreseinlagen im
Durchschnitte in der Bank verbleibt, um derselben entsprechenden Nutzen
zu gewähren. Die Bank von England hat den Grundsatz aufgestellt, daß
die Führung eines Kontos für sie nur dann lohnend sei, wenn die
Zahl der in einem Jahre gezogenen Checks multipliziert mit 6 Pence
per Stück dem Zinsbetrage des Mindestguthabens gleich ist. Hält
ein Kunde 500 Pfund Sterling, so erachtet es die Bank für nötig,
100 Pfund Sterling als unbeschäftigt anzusehen, was bei 3%, im Jahre
ebenso viel ergiebt, als wenn 480 Checks über das Guthaben einliefen,
 welche mit einer Gebühr von 6 Pence belastet wurden. Die
deutsche Reichsbank verlangt von Kaufleuten nur 1000 Mk. als Mindestguthaben,
 Bei den Privatbanken sind die Ansprüche hier noch viel geringer.
Der allgemeine Usus einer großen Reserve, der durch einen ausgedehnten
 Bankverkehr erzielt wird, muß nach allem die ganze Volkswirtschaft
 zu einer größeren Solidität bringen, als wo ein solcher Verkehr
 nicht vorhanden ist. Es werden deshalb auch in der That
wirtschaftliche Krisen in England leichter überstanden als in Deutschland.
 Die gegenseitige Kontrolle, welche zwischen den Banken und
dem Publikum aus dem Depositenverkehre sich von selbst ergiebt,
muß gleichfalls die allgemeine wirtschaftliche Ordnung und Solidität
heben, da die Kunden wie die Banken voraussetzen müssen, daß
jeder wirtschaftliche Mißgriff, jeder Verlust und Rückgang der Zahlungsfähigkeit
 von dem anderen Teile bemerkt wird und seinen Kredit
schädigt, welcher die Grundlage seiner wirtschaftlichen Wirksamkeit ist.
Aus dem Gesagten geht hervor, daß die Erweiterung des Depoaitenverkehrs
 von hoher wirtschaftlicher Bedeutung ist und sich gerade
für Deutschland als in hohem Maße wünschenswert erweist. Die Vorzussetzung
 einer solchen Verallgemeinerung ist aber 1. eine allgemeine
Verbreitung sicherer Banken der verschiedensten Art im ganzen Lande.
Daran fehlte es bisher in Deutschland noch sehr. Das Publikum war
angewiesen auf kleine Bankiers mit vielfach zweifelhafter Sicherheit,
während die großen Banken, so auch die Reichsbank, auf die Erweiterung
 ihres Depositengeschäftes kein großes Gewicht legten, und
es noch jetzt nur unter bestimmten Voraussetzungen übernehmen,
während in England und den Vereinigten Staaten auch an den kleinsten
Orten Filialen größerer Banken vorhanden zu sein pflegen, bei denen
das Depositengeschäft im Vordergrunde steht, jedenfalls nur Bankgeschäfte
 übernommen werden, Für Deutschland ist in dieser Richtung
        <pb n="169" />
        . 151

die Verbreitung der Schultze-Delitzschschen Volksbanken ein wesentlicher
Fortschritt gewesen.
2, Die Solidität der Banken muß dem Publikum in besonderer
Weise gesichert sein. Dazu ist erforderlich, daß die Depositenbanken
sich auf die reinen Bankgeschäfte beschränken und sich von jeder
spekulativen Börsenthätigkeit ferne halten. Auch nach dieser Richtung
gewähren die Genossenschaftsbanken durch ihre Statuten die nötige
Garantie. Auch hierin ist in England eine weit schärfere Scheidung
zwischen Bank- und Börsenthätigkeit durchgeführt als in Deutschland,
worauf noch zurückzukommen sein wird.
3. Eine Verallgemeinerung der Verbindung des Publikums mit den
Banken ist nur zu erwarten, wenn auch Personen mit geringem Geldumsatze
und kleinen Einlagen von den Banken als Kunden acceptiert werden.
Gerade nach dieser Richtung zeigen sich die englischen und amerikanischen
Banken weit entgegenkommender als die meisten deutschen. Nur die
Genossenschaftsbanken schließen hierin wieder einen Fortschritt ein.
4. Wo der Depositenverkehr noch nicht allgemein. verbreitet ist,
wird die Gewährung eines Zinses für die Einlagen nicht zu entbehren
sein, um das Publikum heranzuziehen, während allerdings der Nutzen
desselben überhaupt, wie gezeigt, auch für. den Einleger ein so großer
ist, daß eine Verzinsung dagegen nur von untergeordneter Bedeutung
ist, und dort entbehrt werden kann, wo das Publikum bereits das
richtige Verständnis dafür zeigt.
5. Der Depositenverkehr wird nur dann seine Aufgabe vollständig
erfüllen, wenn dem Einleger die weitgehenste und leichteste Verfügung
über sein Guthaben gewährleistet ist, und je größer diese Erleichterung,
um 80 allgemeiner wird das Publikum sich demselben anschließen. Es
sind deshalb alle Einrichtungen zu acceptieren, welche die Verfügung
über die Einlagen dem Bankkunden erleichtern und ihm durch die
Verminderung des Barvorrats keine Opfer und Unbequemlichkeiten
auferlegen, Das beste Mittel hierzu ist der Checkverkehr, der in dem
folgenden Paragraphen besprochen werden soll.

8 53.
Das Checksystem.
R. Hildebrand, Chequesystem und Clearinghouse, Jahrb. £. Nationalökonomie
1867, Ba. VIIL
Seyd, London. Banks and the bankers, London 1871. .
Georg Cohn, Ueber den Entwurf eines deutschen Chequegesetzes. Jahrb. f,
Nationalökonomie 1879, Bad. XXXII.
Koch, Zeitschrift f. Handelsrecht 1884, XIV, N. F.
Bauerdörfer, Cheaue-Svstem. Jena 1881.

Unter Check versteht man in der Hauptsache eine Anweisung
des Kunden einer Bank, auf Grund des bei derselben vorhandener
Guthabens Zahlung an eine darauf bezeichnete Persönlichkeit zu leisten.
In den verschiedenen Ländern ist die Einrichtung außerordentlich verschieden,
 nicht überall durch Gesetz geregelt, und auch in den
Gesetzen nicht gleichmäßig behandelt. Indessen trifft die obige Definition.
 die eigentliche Bestimmung des Checks, als Mittel für den
Binleger zu dienen, über sein Guthaben zu verfügen und die Bank zu
Zahlungen in seinem Auftrage zu veranlassen. Dieselbe giebt deshalb
dem Kunden ein Checkbuch mit entsprechenden Anweisungsformularen

Wesen des
Checks.
        <pb n="170" />
        . 152 —s

oder Blanquets, welche mit der Firma versehen und nummeriert sind,
um damit die Kontrolle zu erleichtern. Der Deponent reißt ein
Blanquet heraus, füllt es aus unter Anführung des Namens des
Empfängers, der darauf hin, sei es selbst, sei es durch einen Beauftragten
 bei der Bank die Erhebung erwirken kann. Die Bank ist zur
Zahlung verpflichtet, so weit das Guthaben hierfür ausreicht und der
Schein innerhalb der normierten Frist präsentiert wird. Sind auch schon
frühere Beispiele solcher Anweisungen vorhanden, so haben sie sich doch
hauptsächlich Ende des 17. Jahrhunderts in England zu allgemeiner Bedeutung
 entwickelt. Der Checkverkehr hat in der neueren Zeit besonders
in England, dann in den Vereinigten Staaten, aber auch in Frankreich, der
Schweiz u, s. w. eine außerordentliche Bedeutung erlangt, indem die
Verfügung über das Guthaben hauptsächlich auf diesem Wege geschieht.
Bestimmun- In England bedarf es nach dem Gesetze nicht eines baren Depots,
zen en ang- oder sonstiger vorhergehender Deckung, aber es muß natürlich von
“°  geiten der Bank dem Aussteller der entsprechende Kredit zugesagt
sein. Mit anderen Worten die Bank eröffnet ihm einen Nebenkredit
und stellt mit diesem das erforderliche Guthaben zur Deckung her.
Wirtschaftlich kommt dieses natürlich auf das Gleiche hinaus.
Der Check lautet auf Sicht, d. h. er ist in dem Momente der
Präsentation fällig und zu honorieren; eine Fälligkeitsbestimmung darin
ist unzulässig. Der Check kann nach englischem Rechte auf einen
Namen oder auf den Inhaber lauten, der erstere wird durch Indossament,
also auf der Rückseite übertragen. In der Regel wird bei Checks,
die an demselben Orte fällig sind, die Präsentation an dem nächsten
Tage nach Empfang verlangt. Soll der Check nur von einem Bankier
zur Einlösung präsentiert werden dürfen, wie das in England sehr
häufig verlangt wird, so wird er kreuzweise durchstrichen.
In Deutschland fehlt es noch an einem Checkgesetze, es ist deshalb
 noch die Handelsgewohnheit im Checkverkehr und die Gerichtspraxis
 im Zweifelsfalle maßgebend, soweit nicht andere gesetzliche Bestimmungen
 darauf Anwendung finden.
Der Check ist für den Deponenten das bequemste Mittel, Zahlung
zu leisten, und vielfach sicherer als die Zahlung in barem Gelde, Er
ist in der Lage in jedem Momente, wo Forderungen an ihn herantreten,
 diesen zu genügen, und die erweiterte Anwendung des Check
würde in Deutschland am meisten dazu beitragen, das verbreitete
Borgsystem zurückzudrängen. Auch bedeutende Summen können vermittels
 des Checks mit wenig Strichen auf einem Blatt vollzogen
werden. Die Londoner Bank hatte schon einen Check von Vanderbilt
mit 1,2 Mill. Pf. St., von der chinesischen Regierung von 1,7 Mill. Pf. St.
zu honorieren,
So lange der Checkverkehr sich noch nicht allgemein eingebürgert
hat, haben die Checks für den Empfänger, namentlich in großen
Städten ihre Unbequemlichkeit, da sie dieselben erst der Bank präsentieren
 müssen, um das Geld zu erhalten; zumal, wenn ihnen nur eine
kurze Umlaufsfrist bestimmt ist. Daher haben sich auch in Deutschland
 die Checks bisher nicht allgemeiner einbürgern können, weil immer
noch ein übergroßer Teil der Geschäftsleute ihre eigenen Kassenbalter
sind, und dies noch mehr bei Rentiers ete.. der Fall ist. In England
und den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo jeder wohlhabende
Mann Kunde einer Bank ist, ist die Zahlung in Checks auch für den
Empfänger die angenehmste, weil er dieselben nicht selbst zur Fin-
        <pb n="171" />
        153

lösung präsentiert, sondern sie seinem Bankier zur Einziehung übergiebt.
 Diese Bankiers und kleineren Banken haben wieder bei den
größeren Centralbanken ihre Kontis, denen sie ihre Wechsel und
Checks zur Uebertragung auf ihr Guthaben einliefern.
Die großen Banken wiederum in London haben schon seit den
70er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine gemeinsame Abrechnungsstelle,
 das Clearinghouse, eingerichtet, wohin sie an bestimmten Stunden
des Tages die bei ihnen zur Einlösung eingelieferten Checks einsenden.
Dort werden sie von den Clearingbeamten mit den Forderungen und
Gegenforderungen der beteiligten Banken zusammengestellt, und die zu
fordernden und zu zahlenden Ueberschüsse festgestellt, Die bei dem
Clearinghouse beteiligten Banken haben nun ihrerseits bei der Bank
von England ihr Girokonto, auf welches jene festgestellten Ueberschüsse
 zur endgültigen Ausgleichung übertragen werden. Auf diese
Weise konzentrieren sich die Zahlungen innerhalb Londons, aber auch
aus dem größten Teil des Landes in bedeutendem Maße, schließlich
in dem Bankbuche der englischen Bank, und werden vollzogen, ohne daß
Barmittel hierzu zur Anwendung gelangen. Schon in den 60 er Jahren
wurde festgestellt, daß bei jenen großen Depositenbanken Londons nur
5% der Depositen als Kassenbestand gehalten zu werden brauchte.
G, Cohn giebt an (a. a. O0. 8. 607), daß von 23 Mill. Pf. St., welche bei
einem Londoner Bankhause im Laufe eines Tages zum Umsatz gelangten,
gegen 21 Mill. durch Clearings und Checks, nur eine Million durch
Ban Sen kaum ein Siebentel einer Million durch Münze gezahlt
wurde.
Im Jahre 1883 hat die deutsche Reichsbank eine ähnliche Einrichtung
 ins Leben gerufen, indem sie mit den bedeutendsten Bankhäusern
 in Berlin ein Abkommen wegen täglicher Ausgleichung der
wechselseitigen Geldverpflichtungen nach Art des dargelegten Clearingverfahrens,
 wie der technische Ausdruck lautet, im Wege der „Skontration“
 traf, Den Inhabern eines Girokontos bei der Reichsbank
wurde zur Pflicht gemacht, ihre Wechsel entweder bei der Reichsbank
oder bei einem Bankhause, welches mit ihr in täglicher Abrechnung
steht, zahlbar zu machen, also auf diese Weise die Zahlungen zu konzentrieren,
 und diese regelmäßig bei der Abrechnungsstelle zur Begleichung
 zu bringen. In dem Girobuche der Reichsbank vollzieht sich
dann die endgültige Uebertragung. Aehnliche Einrichtungen befinden
sich in Hamburg, Bremen, Frankfurt a. M. und einzelnen anderen
Städten Deutschlands. Auch Oesterreich, Italien und Frankreich haben
auf europäischem Boden ihre Clearingeinrichtungen. In großartigem
Maßstabe hat sie sich in New York und Melbourne entwickelt. Der
Gesamtumsatz im Clearinghouse zu London belief sich 1878 auf
1992 Mill. Pf. St., 1901 auf 9766 Mill. Pf. St.; in demselben Jahre in
New York 333,6 Milliarden Mk. In Deutschland kamen in neun Abrechnungsstellen
 1884 1979 Stück zur Abrechnung mit 12 Milliarden Mk.
Im Girokonto gut geschrieben wurden 3,1 Milliarden. 1901 waren die
Zahlen an 10 Stellen 5,4 Mill. Stück, 28,9 Milliarden Betrag.
Einen bedeutsamen Schritt zur Erweiterung des Checkverkehrs
hat die österreichische Regierung im Jahre 1883 unternommen, indem
sie den Einlegern bei der Postsparkasse gestattete, über ihr Guthaben
mittels Checks zu verfügen, wodurch sowohl die Benutzung der Postsparkasse,
 wie die Verwendung der Checks eine sehr erhebliche Erweiterung
 erfuhr. Noch 1885 waren nur 6877 Kontoinhaber im Check-YNearing-
        <pb n="172" />
        — 1 —

verkehre vorhanden, 1896 30837, 1900 der Umsatz im Checkverkehr stieg
in dieser Zeit von 516 Mill. auf 3310 Mill. Gld. Im Jahre 1900 hat
in dem gleichen Sinne auch die Postverwaltung des deutschen Reiches
ainen Gesetzentwurf vorgelegt. Leider ist er aber nicht zur Realisation
yelangt.

8 54.
Das Lombardgeschäft.

Warenombard.


Warrant.

Eine besondere Entwickelung der ersten Art des Depositenzeschäftes
 besteht darin, daß auf Grund der der Bank übergebenen
Wertgegenstände Darlehen für kürzere Zeit gewährt werden, Lombarddarlehn
 genannt; ein Geschäft, das schon bei den Goldschmieden und
Wechslern im Mittelalter eine gewisse Blüte erlangt hatte. In der
Gegenwart unterscheidet man drei Arten des Lombardverkehrs.
li, Edelmetalllombard, worin, wie es der Name besagt, auf
Srund der Verpfändung von Gold- oder Silberbarren, -Geräten,
Schmucksachen, ausländischen Münzen, Summen geliehen werden.
2, Warenlombard, bei welchem Waren in natura in der einen oder
jer anderen Form zur Verpfändung gelangen, und darauf für kurze
Zeit Darlehen gewährt werden. Die Voraussetzung dabei ist, daß die
Gegenstände sich leicht aufbewahren lassen, ohne zu verderben, oder
sonst an Wert einzubüßen, und daß sie leicht absetzbar sind, also im
Falle des erforderlichen Verkaufs keine größeren Umstände machen.
Gleichwohl ist dieses Geschäft mit größeren Schwierigkeiten und Umständen
 verbunden, als die andere Bankthätigkeit und tritt in ihrer
Bedeutung heutigen Tages erheblich zurück. Immerhin hat z. B. die
deutsche Reichsbank 18 Warendepots, um derartiges Faustpfand aufzunehmen.
 Veranlassung hierzu liegt vor, wenn Kaufleute ihre Waren,
Gutsbesitzer ihre Wolle, Getreide im Momente nicht zu veräußern
vermögen oder nicht veräußern wollen, weil die Preise momentan
sesonders niedrig sind, sie aber Geld gebrauchen, um fällige Forderungen
ainzulösen oder ihre geschäftliche Thätigkeit fortzusetzen.
Kine wesentliche Erleichterung und Ausdehnung hat dieses Geschäft
 durch die Einrichtung öffentlicher Lagerhäuser und der unter
‚hrer Autorität ausgestellten Lagerscheine oder Warrants besonders in
Sngland erhalten, während in Deutschland die Entwickelung nur
langsam, aber immerhin bemerkenswert vor sich geht. In den englischen
 Häfen sind seit lange bekanntlich große Docks eingerichtet,
welche außerhalb der Zollgrenze liegen, in denen von dem Auslande
eingetroffene Waren niedergelegt und angemessen behandelt werden,
bis der Besitzer darüber anderweitig verfügt, und sie entweder in das
Inland befördert oder nach dem Ausland weiter verschickt werden,
wo der höchste Preis zu erlangen ist. In der Zwischenzeit ist es für
den Kaufmann von höchster Bedeutung, auf diese Waren Darlehen zu
erhalten. Diese Freilager sind in England Privatunternehmungen, welche
die Verantwortung für die gelagerten Waren übernehmen. Sie stellen
darüber Lagerscheine (Warrants) aus, die nun ihrerseits bei einer Bank
als Pfand zur Lombardierung übergeben werden. Da die Ware nur
gegen diesen Schein aus dem Depot herausgegeben wird, und das
Lagerhaus hierfür die Garantie übernimmt, so ist die Bank dadurch
genügend gesichert, während ihr die Umstände eigener Aufbewahrung
der Waren abgenommen sind, Hierin liegt eine wesentliche Erweiterung
        <pb n="173" />
        m

des Kredites des Einlegers und dies Verfahren hat sich in neuerer
Zeit auch auf dem Kontinente in erheblichem Maße erweitert,
Ungleich bedeutsamer ist heutigen Tages 3, der Effektenlombard,
 bei welchem Wertpapiere als Pfand der Bank übergeben
werden. Hierdurch ist auch Derjenige imstande, Darlehen von der
Bank zu erhalten, der mit ihr in keinem dauernden Geschäftsverkehr
steht, und sie daher seine Kreditwürdigkeit nicht beurteilen kann. Ein
Gutsbesitzer, der in momentaner Geldverlegenheit ist, aber nur für
kurze Zeit ein Darlehen braucht und Wertpapiere besitzt, übergiebt
davon eine entsprechende Summe und erhält für dieses Faustpfand
das verlangte Darlehen, da die Bank uun eine reale Sicherheit in der
Hand hat und nicht allein auf die persönliche angewiesen ist. Die
Bank beleiht nicht den vollen Wert des Faustpfandes, sondern nur
einen Teil desselben (75-—90 %,), um auch bei Kursschwankungen der
Papiere ausreichend gedeckt zu sein, indem sie den Einleger zur Nachlieferung
 von Papieren verpflichtet, wenn der Kurs sinkt. Solange die
Bank sich darauf beschränkt, nur sichere Papiere mit geringen Kursschwankungen
 zu lombardieren, ist für sie ein Risiko nicht damit verbunden,
 dagegen wächst dasselbe mit der Unsicherheit des Papieres,
wie bei Staatsobligationen von Ländern in gefährdeter Finanzlage, ganz
besonders bei Aktien, deren Wert von den Konjunkturen abhängt.
Für die Notenbanken ist deshalb die Zahl der Papiere, welche lombardiert
 werden dürfen, sehr beschränkt. Privatbanken sind namentlich
in Zeiten mit hochgehender Spekulation und bei ‚starkem Geldbedarfe
ausgedehnt der Versuchung unterlegen, gegen hohen Zins unsichere
Aktien zu beleihen, und dann zu Grunde gegangen. Sie unterstützten
die übermäßige Gründung von Aktiengesellschaften durch die unvorsichtige
 Lombardierung der neuausgegebenen Aktien.
Für Lombarddarlehen werden in der Regel höhere Zinsen beansprucht,
 als für Darlehen gegen Wechsel. Bei der Reichsbank 1%,
mehr als auf Wechsel, weil das Pfandobjekt von der Bank nicht verwertet
 werden kann, sondern aus dem Verkehre gezogen ist, während
der angekaufte Wechsel zur Verfügung der Bank bleibt.
Die Reichsbank hatte am 31. Dez. 1901 6637 Stück in Lombard,
worauf 161 Millionen ausgeliehen waren, Im Laufe des Jahres wurden
1515 Millionen Mk, in Lombarddarlehn gewährt, Von den am Schlusse
des Jahres ausstehenden Darlehn waren 154,5 Millionen auf Wertpapiere,
 2800 Mk. auf Gold und Silber, 6,8 Millionen auf Waren
erteilt.

Eflektenlombard


8 55.
Die geschichtliche Entwickelung des Wechsels.

W. Endemann, Studien in der romanisch - kanonistischen Wirtschafts- und
Rechtslehre bis gegen Ende des 16. Jahrh., Bd. I, Berlin 1874.
J. E. Kuntze, Deutsches Wechselrecht. III. Exkurse über Geschichte, Gesetzgebung
 und Theorie des Wechselrechts, Leipzig 1862.
Lastig, Entwickelungswege und Quellen des Handelsrechts. Stuttgart 1877,
Adolf Schaube, Studien zur (‚eschichte und Natur des ältesten Cambium.
Jahrb. £f Nationalökonomie 1895. Ba. X

Der Schwerpunkt der Bankthätigkeit liegt heutigen Tages in dem
Wechselveschäft. Um dieses zu verstehen ist es notwendig, die Natur
        <pb n="174" />
        156 —

Historische
Entwickelung.


Zahlungsmittel
 ım
Wittelalter.

des Wechsels und seine volkswirtschaftliche Bedeutung zu übersehen,
und diese wiederum werden am leichtesten erfaßt durch die Verfolgung
seiner historischen Entwickelung, auf welche wir infolgedessen zunächst
ıäher eingehen müssen.
Schon früher ergab sich für die Wechsler im Mittelalter die Aufgabe,
 neben der Beschaffung der an Ort und Stelle zur Zahlung notwendigen
 Münze auch diejenige zu liefern, welche zur Zahlung im
Auslande nötig war. Bei der Unsicherheit und Schwierigkeit des
Reiseverkehrs lag es nun nahe, auf Mittel zu sinnen, Zahlungen im
Auslande zu ermöglichen, ohne den Transport großer Summen dabei
notwendig zu machen. Ein solcher Weg ergab sich dadurch, daß die
Wechsler an den Haupthandelsplätzen des Auslandes Geschäftsteilhaber
stationierten, oder Geschäftsfreunde zu gewinnen suchten, die für sie Zah-‚ungen
 in Empfang nahmen und Zahlung leisteten. Hatte nun ein Kaufmann,
 sagen wir in Venedig, denn von Italien ging die Entwickelung des
Wechsels aus, eine Zahlung in Marseille zu leisten, so wendete er sich
an einen Wechsler an Ort und Stelle, zahlte bei diesem die betreffende
Summe, etwa von 1000 Dukaten ein, und erhielt hierfür nicht die
entsprechende Summe in französischem Gelde, sondern einen Brief an
len Socius des Wechslers in Marseille, worin er ihn beauftragte, 1000
Dukaten in französischer Münze dem Kaufmann A. oder auch dessen
Vertreter, sobald er sich bei ihm in Marseille meldete,. auszuzahlen,
da derselbe diese Summe ihm bereits gezahlt habe. In
gleicher Form wies auch der Socius eines Hauses in Florenz, der in
Marseille Einkäufe an Waren gemacht hatte, dasselbe an, einem von
der Messe heimkehrenden Kaufmanne die Summe von 1000 Dukaten
auszuzahlen, weil dieser ihm diese Summe ‘dort übergeben hatte, die
er selbst für dort verkaufte Ware soeben erhalten hatte und nicht bar
mit nach Hause nehmen mochte, Damit war die Form bereits gewählt,
wie sie noch heutigen Tages der Wechsel besitzt; und auf diese Weise
war die Verschickung von Bargeld umgangen und dem venetianischen
Kaufmann die Möglichkeit verschafft, ohne venetianisches Geld auszuführen,
 was verboten war, doch in Marseille mit dem dort allein zulässigen
 Gelde Zahlung zu leisten. Die Voraussetzung dabei war nur,
daß in einiger Zeit jener Socius in Marseille wieder Gelegenheit hatte,
ainen gleichen Zahlungsauftrag für einen von Marseille nach Venedig
gehenden Kaufmanne auf Grund einer in Marseille gemachten Einzahlung
 dem venetianischen Wechsler zukommen zu lassen, um dadurch
sine Ausgleichung der Zahlung herbeiführen zu können. Wo aber ein
veger Handelsverkehr bestand, fehlte es an solchen Gelegenheiten nicht,
and außerdem stellte sich die Bedeutung der brieflichen Anweisungen
als internationales Zahlungsmittel bald heraus, so daß sie nicht nur in
dem einzelnen Falle zur Zahlung benutzt wurden, sondern von Hand
zu Hand gingen, und auch aus anderen Städten angekauft wurden, um
diesen Auftragsbrief zur Zahlung am Fälligkeitsorte zu verwerten.
Besonders an den Brennpunkten des Handels, den Orten der großen
Warenmessen, strömten die Kaufleute mit solchen Zahlungsaufträgen
zusammen, und siedelten sich mehr und mehr Vertreter der Wechsler
an dem Hauptlieferungsorte an, um die Zahlungsaufträge von den Kaufleuten
 in Empfang zu nehmen, die dort ihre Ware einkaufen wollten,
and ihnen ihrerseits gegen gemachte Einzahlung solche Anweisungen
für die an Ort und Stelle verkauften Waren in die Heimat mit zu
geben. Da nun diese brieflichen Zahlunzsaufträge thatsächlich einen
        <pb n="175" />
        —- 157 —

Wechsel in sich schlossen, es sich hier um ein Geschäft des Wechselns
handelte, ein Negotium cambii, so wurde solch Anweisungsbrief einfach
Cambium „Wechsel“ genannt, aus der lettera di pagamento wurde in
der zweiten Hälfte des 14, ‚Tahrhunderts die lettera di cambio. Der
Ausdruck Cambium wurde aber auch für eine Kreditoperation gebraucht,
bei der die Rückzahlung in anderer Münze geschah, und die Form des
Wechsels wurde benutzt, um bei einem Geldvorschuß Zins zu nehmen
ınd das Zinsverbot zu umgehen,
Aber nicht nur Kaufleute machten von solchen Zahlungsaufträgen
Gebrauch, sondern auch andere reisende Personen, z. B. reiche Studenten,
 welche nach Bologna oder später nach Paris auf die Universität
gingen, die ihren Zehrpfennig für den Studienort auf Grund eines
solchen mitgebrachten Wechsels erhielten. Eine der ältesten Urkunden
eines Wechsels ist ein solcher Studentenwechsel, und der Name hat
sich für die Summe, die der Student während seines Studiums zu verzehren
 hat, bis zur Gegenwart erhalten,
Die Anwendung dieses Zahlungsbriefes entwickelte sich aber auch
während der Warenmessen so bedeutend, daß man schon im 13. Jahrhundert
 den Austausch und Handel derselben an anderen Punkten zu
vesonderen Märkten an einzelnen Orten konzentrierte und die sogenannten
 Wechselmessen in der Champagne und Provence, im
15. Jahrhundert in Lyon, im 16. Jahrhundert in Besancon und Piacenza
 ausbildet, an denen bereits Millionen in dieser Weise zum Umsatz
 gelangten.
Da nun die Kaufleute, welche sich an den Warenmessen, ausgerüstet
 mit Wechseln, einfanden, um ihre Einkäufe zu machen, im Falle
der Weigerung des Beauftragten, Zahlung zu leisten, nicht monatelang
auf die Entscheidung eines Gerichts warten konnten, und ebensowenig
auf den überaus langsamen Verlauf der Gerichtsexekutionen, so sah
man sich genötigt, diesen Wechselbriefen besondere Vorzüge in betreff
des Gerichtsverfahrens einzuräumen; und die Landesfürsten und städtischen
 Magistrate, die sehr bestrebt waren, den Meßplätzen besondere
Vorzüge zu verschaffen, um den Verkehr dorthin zu ziehen, richteten
bestimmte Gerichtsbehörden zur Entscheidung der Wechselstreitigkeiten
ein, ermächtigten sie zu einem abgekürzten Verfahren und zu beschleunigter
 und strengerer Kxekution, um dem Wechselinhaber in kürzester
Frist und mit größter Strenge gegen den Zahlungspflichtigen zu seinem
Rechte zu verhelfen. Jahrhunderte hindurch hat man bis zur Gegenwart
 hin daran gearbeitet, dem Wechselbrief eine vereinfachte und
exakte Form zu geben, um Zweifel und Mißverständnisse und damit
Streitigkeiten möglichst auszuschließen, und die Entscheidung über das
Recht möglichst zu vereinfachen. Außerdem bildete sich in der erwähnten
 Weise ein besonderes Wechselrecht aus, nach welchem. die
in der vom Wechsel verlangten Form verfaßten Urkunden ausschließlich
 zu behandeln waren. Bei diesem Rechte suchte man eine immer
größere Strenge zur Ausbildung zu bringen mit der alleinigen Ausnahme,
 daß man (in Deutschland 1868) die Personalhaft aufgab,
durch welche naturgemäß der Schuldner verhindert wurde, sich wirtschaftlich
 wieder empor zu arbeiten.
Von hoher Bedeutung war die Einführung des Indossaments oder
Wechselgiros im vorigen Jahrhundert, durch welches der Wechsel mit
allen Rechten auf einen auderen Inhaber übertragen werden konnte

Wechsel.
messen.

Wechselrecht.
        <pb n="176" />
        — 158 —

4
und dadurch erst zu dem allgemeinen injernationalen Zahlungsmittel
wurde, welches er in der Gegenwart ist.

8 56.
Die Natur des Wechsels.

Oskar Wächter, Wechsellehre, Stuttgart, 1861,
Georg Cohn, Beiträge zur Lehre von einh. Wechseln. Heidelberg 1880.
Lehrbücher über Handels- und Wechselrecht von Renaud, Goldschmied, Thöl,
Cosack und Anderen.

Unmöglich kann es hier unsere Aufgabe sein, die Hauptlehren des
Wechselrechtes wiederzugeben, sondern nur kurz die Natur des Wechsels
zu charakterisieren und anzugeben, wodurch eine Schuldurkunde zum
Wechsel wird, damit unter das Wechselrecht fällt, und sich in ihrer
wirtschaftlichen Bedeutung von einer anderen Schuldurkunde unterscheidet,
 Wir können ferner nur die Hauptzüge hervorheben und verzichten
 darauf, auf die Einzelheiten und besonderen Ausnahmen einzugehen,
 verweisen in dieser Hinsicht vielmehr auf die Lehrbücher über
Wechselrecht.
Wechsel nennt man heutzutage eine in wechselrechtlicher Form
Abgefaßte Urkunde, in welcher der Aussteller entweder eine andere
Person beauftragt, einem Dritten eine darauf verzeichnete Geldsumme
an einem ausdrücklich angegebenen Orte zu einer bestimmten Zeit zu
zahlen (Tratte, auch trassierter oder gezogener Wechsel), oder in gleicher
Weise sich verpflichtet, selbst zu zahlen (trockner oder eigener Wechsel).
Mit dem Dadurch, daß der Schuldner die Form des Wechsels wählt, erklärt
Wechsel ver- er ausdrücklich, daß er bereits befriedigt sei, indem er in der einen
EL e oder der anderen Form den zu zahlenden Wert empfangen habe, also
Pflichten. ünter allen Umständen zur Zahlung verpflichtet bleibe. Er begiebt
sich damit ausdrücklich des Rechtes, Einwendungen gegen die Verbindlichkeit
 des der Schuld zu Grunde liegenden Geschäftes zu machen,
so daß dieses hierbei völlig außer Berücksichtigung bleiben kann. Ein
Beispiel dürfte diesen Unterschied leicht klar legen. Es hat Jemand
zwei Pferde gekauft zu je 1000 Mk., er bezahlt sie nicht bar, sondern
übergiebt dem Händler für das eine Pferd einen Wechsel über 1000
Mk., für das andere einen einfachen Schuldschein, nicht in Wechselform.
 Beide Pferde erweisen sich als von der Rotzkrankheit befallen,
wodurch der Handel nichtig ist. Infolgedessen kann der Käufer den
Schuldschein zu zahlen verweigern, weil das der Schuld zu Grunde
liegende Geschäft nichtig ist, eine Zahlungsverpflichtung für ihn also
nicht vorliegt. Anders bei dem Wechsel. Dadurch, daß der Käufer
ainen Wechsel ausstellte, begab er sich des Rechtes der Einrede in
betreff des Kaufgeschäftes, sondern verpflichtete sich, unbedingt die
1000 Mk. zu zahlen, und er verfällt der Wechselstrenge, wenn er die
Zahlung zum Fälligkeitstermin verweigert. Unbenommen bleibt ihm
natürlich, nun auf Rückzahlung der 1000 Mk. zu klagen, da er das
Pferd nicht zu bezahlen nötig hatte. Es ist deshalb von der höchsten
Bedeutung, daß Jeder, der einen Wechsel ausstellt, oder ihn mit unterschreibt,
 sich dessen bewußt ist, was für Verpflichtungen er damit
übernimmt, und viel Unglück ist bereits über Leute gekommen, die
aus Unkenntnis oder Leichtsinn die Haftung für Wechsel übernahmen,
ohne ihr gewachsen zu sein. Die Form des Wechsels gewährt dem
Gläubiger den Beistand des Gerichts mit beschleunigter Exekution
        <pb n="177" />
        — 159 —

gegen den Schuldner, im Falle er seinen Verpflichtungen nicht nachkommt,
 wie es die Wechselstrenge verlangt.
Der Aussteller des Wechsels heißt Trassant oder Wechselgeber,
 der Beauftragte, der die Zahlung leisten soll, heißt Trassat
oder der Bezogene. Der Empfänger des Wechsels, an den Zahlung
zu leisten ist, heißt Remittent:;: er ist der Wechselnehmer oder
Wechselgläubiger.
Wir erwähnen noch, daß Wechsel, die am Orte der Ausstellung fällig
sind: Platzwechsel, im Auslande fällige: Devisen genannt werden.
Die Erfordernisse eines Wechsels sind :
i. Die Urkunde muß nach deutschem Recht das Wort „Wechsel“
ausdrücklich enthalten (nach englischem und französischem Wechselrecht
nicht).
X Das Bekenntnis, den Wert empfangen zu haben (Valutabekenntnis),
 zwar in Deutschland nicht von dem Gesetz verlangt, wohl aber
nach dem Usus vorausgesetzt.
3. Die Angabe der zu zahlenden Summe, und zwar in Deutschland
aur in Geld,
4. Ort und Zeit der Ausstellung, und wo und wann die Zahlung
arfolgen soll.
Die Zahlungsverpflichtung kann lauten, außer auf einen bestimmten
 Tag a) auf Sicht, (avista) d. h. bei Präsentation, oder bestimmte
Zeit nach Sicht, b) dato oder &amp;amp; dato, d. i. bestimmte Zeit nach dem
Tage der Ausstellung, c) auf eine Messe.
5. Der Name des Remittenten mit oder ohne Zusatz „und dessen
Ordre“, dann der Wohnort des Trassanten und die Unterschrift des
Trassanten.
6. Die Aufklebung der Stempelmarke.
Beispiel einer Tratte:
Halle a. S, den 1. Juni 1900. Für 2000 Mk.
Am 1. August zahlen Sie gegen diesen Prima-Wechsel an die Ordre des
Herrn F. Schulze in Leipzig die Summe von
zweitausend Mark.
Den Wert erhalten und stellen ihn auf Rechnung laut Bericht.
Herrn Joh. Schmidt
in Berlin. M. Müller.
Müller ist hier der Trassant, oder bei unserem früheren Beispiel
 der Wechsler in Venedig, der die 1000 Dukaten in Empfang
genommen hatte, Schmidt ist der Trassat oder der Socius in Marseille,
der die Summe auszahlen soll, er ist der Bezogene, Schulze dagegen,
oder der Kaufmann in Venedig,. der die Summe einzahlte und den
Wechsel empfing, ist der Remittent oder der Wechselgläubiger, der
die Summe zu fordern und das Recht hat, den Wechsel auf einen
Anderen zu indossieren, also auf der Rückseite auf einen Anderen zu
übertragen, wobei z. B. aufgeschrieben zu werden pflegt: für mich an
die Ordre der Leipziger Bank in Leipzig. Halle, den 10. Juni 1901
F. Schulze.
Auf diese Weise kann der Wechsel zu mehreren Zahlungen Indossament.
benutzt werden, und ist die Rückseite durch Indossierung vollständig
verbraucht, so kann man einen Zettel daran kleben und auf diesem
lie Uebertragungen fortsetzen. Bedeutsam ist, daß jeder Indossant
70ll haftbar bleibt, so daß der Wechsel an Sicherheit gewinnt, je öfter
        <pb n="178" />
        160

Accent.

Wechselprotest.


Wechselstrenge.


Volkswirtıchaftliche

wirkung.

er indossiert ist, und damit eine größere Zahl von Personen mit für
die Zahlung haftbar sind. Infolgedessen werden häufig Indossierungen
allein zu dem Zwecke vorgenommen, um die Sicherheit und damit
die Umlaufsfähigkeit des Wechsels zu erhöhen; und es ist eine besondere
 Art des Kreditgewährens, daß Personen, resp. Banken den
Wechsel auf sich indossieren lassen, um damit den Wechsel für den
Inhaber verkäuflich zu machen.
Der Bezogene oder "Trassat ist erst zur Zahlung nach Wechselrecht
 verpflichtet, wenn er schriftlich das Accept auf den Wechsel
gesetzt hat, wodurch er dem Wechselvertrage beitritt, und seine Zahlungsverpflichtung
 durch seine Unterschrift, d. i. das Accept anerkennt.
Dieses Accept spielt naturgemäß in dem Handelsverkehre eine sehr
bedeutende Rolle, so daß vielfach Wechsel in der Voraussetzung, daß
sie acceptiert sind, einfach „Accepte“ genannt werden. Erst dadurch
 wird meistens der Wechsel diskontierbar, das heißt, die Bank
zauft ihn erst dann, wenn außer dem Trassanten und dem Remittenten
ıoch ein dritter, der Trassat, für die Zahlung haftet. Verweigert der
Trassat die Acceptation des Wechsels und damit überhaupt die Zahlung
ür denselben, so hat der Wechselinhaber Protest aufsetzen zu
'assen, d. h. durch notarielle Beurkundung den Beleg zu schaffen, daß
alle vorschriftsmäßigen Formalitäten erfolgt sind, und die Acceptation
verweigert wurde, Auf Grund dieser Beurkundung steht dann dem
Wechselinhaber Regreß an sämtliche Giranten und den Trassanten
zu, d. h. Forderung der Wechselsumme nebst Zinsen, der verursachten
Kosten etc., und es kann jeder Einzelne zu dieser Zahlung herangezogen
 werden, ihm überlassend, sich von seinem Vorläufer die Summe
zurückzahlen zu lassen. Bei Zahlungsverweigerung seitens der Verpflichjeten
 steht dem Gläubiger gerichtliche Unterstützung mit Wechselstrenge
zur Seite. Und wenn auch nicht mehr die Person des Schuldners für
aaftbar erklärt ist, so kann doch das Gericht sich an die Besitzstücke
aalten, die am leichtesten zur Deckung zu verwenden sind, und häufig
wird ihm der größte Nachteil dadurch zugefügt, daß ihm Gegenstände
abgepfändet werden, die für ihn von viel höherem Werte sind, als
oei der öffentlichen Versteigerung dafür zu erlangen ist, z. B. Hausund
 Wirtschaftsgerät, bei dem Landwirt Vieh, oder gar das ganze
Grundstück, auch wenn vielleicht nur ein verhältnismäßig kleiner Teil
les Erlöses gebraucht wird, um die Wechselschuld zu tilgen. Das
Gericht muß sich an das halten, was zur schleunigen Befriedigung
les Gläubigers führen kann, gleichviel wie der Schuldner darunter
eidet. .
Als für die Volkswirtschaft bedeutsame HEigentümlichkeit des
Wechsels ergeben sich nach dem Gesagten: 1. Der Wechsel ist ein
Schuldschein in bestimmter, einfacher Form, der dem Gläubiger außerzewöhnliche
 Rechte zur Eintreibung seiner Schuld dem Verpflichteten
zegenüber einräumt, so daß der Inhaber desselben in besonderer
Weise gesichert erscheint. Er eignet sich daher vorzüglich als Kreditmittel
 und ist besonders im kaufmännischen Verkehr bedeutsam, wo
nur der Personalkredit in Frage kommen kann, Verzögerung der Zahlung
 besondere Nachteile in sich schließt, und durch die Schnelligkeit
and Strenge des Kxekutionsverfahrens die Kreditoperationen wesentlich
gestützt und geschützt werden. ‘ Die Form der Tratte erleichtert in
außerordentlichem Maße Zahlungen in großer Entfernung und in
anderer Münze, deshalb besonders im internationalen Verkehr. Die
        <pb n="179" />
        1610 —

leichte Uebertragbarkeit macht ihn geeignet zum Zahlungsmittel, besonders
 für große Summen und am wichtigsten für den internationalen
Verkehr. Während früher, namentlich in England, der Wechsel auch
im Inlande sehr allgemein als Zahlungsmittel verwendet wurde, hat er
in dieser Beziehung in der neueren Zeit wesentlich an Bedeutung verloren,
 und ist ersetzt durch Noten, Checks, Postanweisungen und durch
den Giroverkehr. Seine Bedeutung als internationales Zahlungsmittel
almınt dagegen noch fortdauernd zu, und er hat die außerordentlichste
Verbreitung erlangt, so daß man sagen kann, ohne ihn wäre der jetzige
internationale Handel in der vorliegenden Ausdehnung gar nicht möglich.
Neben dieser Aufgabe als Zahlungsmittel, die ja allerdings auch auf
einer Kreditoperation basiert ist, dient nun vermöge der charakterisierten
 Eigenschaften der Wechsel als Kreditmittel und hauptsächlich
 durch die Vermittelung der Bank in dem Diskonto- oder
Es kompt-Geschäft.
Der Wechsel schließt aber für den Schuldner Gefahren in sich
and ermöglicht mancherlei Mißbrauch. Die Wechselstrenge schließt
große Härten für den Schuldner ein, der am Fälligkeitstermine zahlungsunfähig
 ist, und, wie bereits ausgeführt, sind weitgehende wirtschaftliche
Schädigungen für ihn dabei unvermeidlich. Der Inhaber eines Wechsels
hat über den Schuldner dadurch ein gewaltiges Uebergewicht, das
häufig zu wucherischer Ausbeutung verwertet wird. Der Gläubiger
richtet den Fälligkeitstermin so ein, daß er die Zahlung in dem Moment
verlangen kann, wo der Schuldner am wenigsten zahlungsfähig ist, um
ihm dann die weitgehendsten Konzessionen abzunötigen. Es ist bekannt,
wie häufig Bauern infolge eines unbedeutenden Wechseldarlehens, z. B.
behufs Ankaufs von Vieh, um ihren ganzen Grundbesitz gekommen
sind, weil ihnen der Wechsel zur Einlösung präsentiert wurde im
Momente, wo der Gläubiger wußte, daß der Schuldner die Summe
nicht zahlen konnte, und die Prolongation des Wechsels nur gegen bedeutende
 Erhöhung der Schuld gewährt wurde. Wie ebenso junge,
anerfahrene Leute für ein Darlehen von 1000 Mk. in Jahresfrist mitanter
 das Drei-, ja Fünffache und noch mehr zu zahlen haben, wenn
zie sich bei Ausstellung eines Wechsels mit 6 wöchentlichem Fälligkeitstermin
 fortdauernd zahlungsunfähig erweisen, und sich mit unverhältnisnäßigen
 Opfern weitere Stundung erkaufen müssen, um die Wechsel-Klage
 und -Exekution zu verhüten, die ibren Ruf und ihre Lebensstellung
 vernichten würde. Man hat deshalb vielfach den Bauern, den
Handwerker, den Arbeiter, wie einen Unmündigen für wechselunfähig
erklären wollen, um ihn vor Mißbrauch zu schützen. In unserer Zeit
der Kreditwirtschaft erscheint es richtiger, über die Natur und die
Bedeutung des Wechsels in Landwirtschaft-, Industrie- und Fortbildungsschulen
 Belehrung zu verbreiten, als dem Betreffenden dieses
Mittel zu entziehen, sich einen leichten und billigen Kredit zu ver
schaffen.
Der Mißbrauch des Wechsels findet außerdem in der sogenannten
Wechselreiterei statt, indem der Wechsel nicht ausgestellt wird auf
Grund einer wirklich erfolgten Leistung, Warenlieferung oder Barzahlung,
 sondern allein, um ein Zahlungsmittel zu schaffen, für welches
von anderer Seite ein Darlehn durch Verkauf oder Verpfändung des
Wechsels gewährt, oder durch den Wechsel Zahlung für eine Schuld
geleistet wird. Durch umfangreiche Fortsetzung dieser Maßregel seitens
einer Person, die noch eines unberechtigten Kredites genießt oder den
Conrad, Grundrifs der volit. Oekonomie. I Teil. 4. Aufl. ‘7

Wucher.

Wechselreiterei.
        <pb n="180" />
        (62 —.

Kredit einer anderen mißbraucht, können erfahrungsgemäß sehr bedeutende
 Summen verloren gehen, und Bankerotte von Geschäfts-‚euten
 und besonders Banken herbeigeführt werden.

Änter-1ationales

Zahlungsmittel.


8 57.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Wechsels.
Wie zur Zeit der Wechselmessen der Wechsel sich als notwendig
ırwies, um die Gefahren und Kosten der Barsendungen und die Um-3tände
 des Geldwechselns zu ersparen, so in der Gegenwart, um
Zahlungen in überseeischen Ländern mit verschiedener Währung und
Münze ohne Barsendungen zu vermitteln, und zwar hauptsächlich durch
Jlas Kintreten der Banken als Zahlungsvermittler, wobei diejenigen
natürlich den Vorrang behaupten, welche den größten und verbreitetsten
Kredit besitzen, deren Wechsel überall gern genommen werden, und
die daher als allgemeines Zahlungsmittel dienen können. Darin lag
odisher das unbedingte Uebergewicht Englands als Zahlungsplatz und
der englischen Citybanken als internationaler Zahlungsvermittler, denen
erst in neuerer Zeit Deutschland und Frankreich sich mit Erfolg zu
entziehen suchen, indem sie durch eigene, große Banken mit Weltruf
die Zahlungen direkt abzuwickeln streben. Aber noch für lange Zeit
werden die englischen Banken das Uebergewicht behalten und können
für viele Zahlungen namentlich nach dem Orient noch nicht entbehrt
werden.
Das Verfahren pflegt das folgende zu sein: Ein Bremer Haus,
das Baumwolle aus New Orleans bezogen hat und dafür dorthin
100000 Mk. schuldet, zahlt diese nicht in bar nach New Orleans,
sondern der dortige Lieferant zieht einen Wechsel auf das Bremer
Haus und beauftragt es darin, die Summe an ein Londoner Bankhaus
zu zahlen, mit dem er in Verbindung steht, oder an eine Bank in New
Orleans, die den Wechsel auf ein Londoner Haus indossiert, deren
Kunde sie ist; und durch das Accept der Londoner Bank wird dieser
Wechsel ein internationales Zahlungsmittel. Das Haus in New Orleans
»der die Bank daselbst, die jenem die Summe auszahlte und dafür den
Wechsel erhielt, verkauft diesen Wechsel an ein anderes Haus, welches
eine solche Summe für eine Sendung Waren nach New York zu entrichten
 hat, und derselbe Wechsel wird vielleicht noch zu einer weiteren
Zahlung in Boston benutzt und geht dann nach London, um dort für eingesendete
 Baumwollenstoffe an einen englischen Fabrikanten Zahlung zu
leisten, der sich die Summe daraufhin bei seinem Bankier gut schreiben
‚Aßt, während inzwischen die Bremer Firma die Summe in London
einzahlte, indem sie eine Wechselforderung in Bremen kaufte, die von
einem englischen Hause für aus Deutschland empfangene Ware zu berichtigen
 war. Der Betrag findet schließlich in dem Clearinghouse
and der Bank von England die Ausgleichung mit dem erwähnten
Wechsel durch Uebertragung in dem Girokonto. Auf solche Weise
werden mit demselben Wechsel verschiedene Zahlungen an entlegenen
Orten getilgt, und Forderungen und Gegenforderungen gleichen sich im
internationalen Wechselverkehre aus, wie wir es bei dem inländischen
Checkverkehre beobachtet haben. An Stelle der Barzahlung findet die
Wechselzahlung statt und die Konzentrierung derselben auf einzelne
Banken und schließlich auf das Girokonto einer Zentralbank, Wie
im Mittelalter auf den Wechselmessen die Zahlungsbriefe zusammen-
        <pb n="181" />
        - 163 —

strömten und dort von denen bezogen wurden, die sie zur Zahlung
brauchten, so sind es die großen Börsenplätze in der Gegenwart, an
denen alle Arten von im Auslande fälligen Wechseln zur Verfügung
gestellt und gekauft werden. Die Vermittler pflegen dabei die kleineren
Banken zu sein. Sie treten außerdem hinzu, um die internationalen
Zahlungen zu erleichtern, wenn entsprechende Wechsel nicht vorhanden
sind. Genau so wie im Mittelalter der Geldwechsler auf seinen Socius
an einem anderen Orte einen Zahlungsauftrag ausstellte, so geschieht
a8 auch heute, daß Banken auf ihre Geschäftsfreunde im Interesse
ihres Kunden einen Wechsel ziehen, um für jenen die Zahlung im
Auslande zu leisten, während bei Gelegenheit es ebenso umgekehrt
zeschieht. Andererseits gestatten die Kaufleute dem Verkäufer in
ainem überseeischen Orte, sagen wir für Lieferung von Baumwolle,
ainen Wechsel auf sie zu ziehen. Der Wechsel wird an die Bank des
Verkäufers übertragen, die ihn dann ihrerseits als Zahlungsmittel für
das Ausland verwenden kann.
In dieser Weise wird bei weitem der größte Teil der internatioaalen
 Zahlungen durch Wechsel vollzogen und an den Centralpunkten,
wie gezeigt, zur Ausgleichung und Abrechnung gebracht.
Als Kreditmittel spielt der Wechsel, wie wir sahen, auch in dem Kreditmittel.
internationalen Handel eine große Rolle, aber weit mehr im Inlande
selbst, hauptsächlich wiederum durch Vermittelung der Banken.
Der Kauf und Verkauf im Großverkehre geschieht heutigen Tages
zum größten Teil auf Kredit, wie bereits oben (S. 108) auseinandergesetzt.
 Der Kaufmann bezieht Waren vom Fabrikanten, die er nur
zum kleinsten Teile bar bezahlt, den größten läßt er sich kreditieren,
auf 6 Wochen, ein viertel, ein halbes Jahr. Er rechnet darauf, in
dieser Zeit die Ware zum größten Teil wieder verkauft und das Geld
lafür erlangt zu haben, um es dann zurückzahlen zu können. Der
Fabrikant kann so lange aber nicht auf das Geld verzichten. Er 1äßt
sich deshalb entweder einen Eigenwechsel ausstellen, indem der Käufer
sich nach Ablauf der Stundungsfrist zur Zahlung verpflichtet, oder er
zieht auf den Käufer einen Wechsel, und dieser erklärt durch Accept sich
zur Zahlung bereit, In beiden Fällen wird die Bank herangezogen,
um dem Fabrikanten das nötige Geld vorzuschießen. Der Eigenwechsel
 wird auf sie indossiert, und der Fabrikant erhält nach Abzug
des Zinses bis zum Verfallstermine, Diskont genannt, das Geld vorgeschossen.
 Oder, der Käufer ist bei der Tratte verpflichtet, die
Summe an die Bank zu zahlen, und dieselbe zahlt den Betrag sofort
an den Fabrikanten aus, und zieht ihn zur Verfallszeit von dem
Käufer ein. Auch sonst läßt sich der Lieferant durch einen Wechsel
oefriedigen, den er seiner Bank verkauft, wie der technische Ausdruck
:autet, ihn von der Bank diskontieren läßt. Dieses Kreditgewähren
auf Wechsel ist heutigen Tages das hauptsächlichste Geschäft der
Banken und heißt das Diskonto- oder Eskomptgeschäft, Man
°echnet, daß in Deutschland im Jahre gegen 40 Milliarden Mark in
Wechseln in den Verkehr treten, und in jedem Momente gegen
t Milliarden sich in Umlauf befinden. Die Reichsbank hatte im
Jahre 1899 4734000 Wechsel angekauft und zur Einziehung über-10ommen,
 in einem Betrage von 9,3 Milliarden. Der durchschnittliche
Bestand war in demselben Jahre 817 Millionen und schwankte zwischen
546 Millionen am 15. Februar und 1127 Millionen am letzten Sep-‚ember
 desselben Jahres.
        <pb n="182" />
        164

8 58.
Der Wechseldiskont und der Wechselkurs.
V. Sivers, Beitrag zur Geschichte und Theorie des Diskontes. Jahrbücher f.
Nationalökonomie 1872, Ba. XIX.
R. Maync, Der Diskont. Jena 1899.
Diskont (engl. discount, ital.. sconto) bedeutet den Abzug von
Prozenten des Nennwertes einer zu zahlenden Geldsumme und wird
besonders angewendet auf den Abzug, den die Bank beim Ankauf des
Wechsels für den Zins bis zum Fälligkeitstermin macht. Er bildet
den Profit jenes ausgedehnten Bankgeschäftes des Diskontierens
von Wechseln.
Die Höhe des Diskonts ist für die Geschäftswelt natürlich von
hoher Bedeutung. Bei einem niedrigen wird der Kaufmann angeregt,
 sich Gelder von der Bank vorschießen zu lassen, um erweiterte
Handelsgeschäfte zu machen. Bei einem hohen Diskont wird ihm
dieses erschwert, weil er von seinem Gewinn einen größeren Teil für
das Darlehen abgeben muß, wodurch ihm derselbe eventuell übermäßig
vermindert wird. Auf der anderen Seite ist die Diskontopolitik für
die großen Banken das wichtige Mittel, ihren Barvorrat zu regulieren
und die Geschäftsthätigkeit im Lande entsprechend zu beeinflussen.
Werden an die Bank zu große Anforderungen gemacht, werden ihr
zu viel Barmittel entzogen, so daß ihr Metallvorrat im Vergleiche zu
den aufgehäuften Wechseln oder den zirkulierenden Noten zu klein
wird, so erhöht sie den Diskont und übt damit einen Druck auf die
Nachfrage aus. Vielfach ist es namentlich in den letzten Dezennien
vorgekommen, daß die großen Centralbanken den Diskont in die Höhe
setzten, weil man begann Gold in das Ausland abzuführen, und die
Bank dieses durch eine Verteuerung der Abgabe von Gold erschweren
wollte. Auf der anderen Seite setzen die Banken den Diskont
herunter, wenn sich bei ihnen zu viel Barmittel aufspeichern, die daselbst
 tot liegen. Sie suchen durch einen niedrigen Zins den Verkehr
zu ermutigen, größere Summen zur Spekulation zu verwenden, während
sie mitunter sich veranlaßt sehen, wenn die Wogen der Spekulation
zu hoch gehen, und man fürchtet, daß dieses zu einer wirtschaftlichen
Krisis führen könne, die Diskonterhöhung als Warnungszeichen aufzustecken.
 Aber nur mehr ausnahmsweise gehen die Banken selbstständig
 in dieser Beziehung vor und bilden das leitende Agens. In
den meisten Fällen werden sie durch die allgemeinen Konjunkturen
geschoben und der Diskont ergiebt sich aus dem Konkurrenzkampfe
auf dem Weltmarkte.
Grundlage d. Die Höhe des Diskonts richtet sich im allgemeinen nach dem
Diskonthöhe. Verhältnis von Angebot. und Nachfrage nach flüssigen Kapitalien.
Wir sahen oben, daß die Banken in dem Depositenverkehre die Gelder
aufnehmen, welche aus dem laufenden Geschäftsbetriebe stammen und
eine vorübergehende Anlage suchen, und daß ebenso die Banken
durch das Diskontieren von Wechseln ihren Kunden für laufenden
Betrieb Vorschüsse machen. Bei dem Kaufmann, bei dem Fabrikanten
und dem Landwirte erstreckt sich der Verkehr mit der Bank nur auf
Anlage laufender Geschäftsgelder und auf Heranziehung derselben bei
vorliegendem Bedarf, Es ist die in der Produktion thätige Kapitalmasse,
 welche in die Bank hinein- und wieder aus ihr hinausfließt,
sie ist es deshalb auch, welche bei der Bestimmung des Diskonts in
        <pb n="183" />
        — 165 —-Frage

 kommt. Liegen in der Geschäftswelt viele Kapitalien unbenutzt
 brach, die deshalb der Bank zuströmen, ist dem gegenüber die
Nachfrage nach kurzen Darlehen gering, so werden sich bedeutendere
Summen bei den Banken aufhäufen, und der Diskont muß sinken.
Wenn dagegen umgekehrt der Bedarf an Kapitalien zur Erweiterung
der Produktion und zur Stützung der kaufmännischen Spekulation ein
großer ist, so wird dieses den Diskont in die Höhe treiben. Ein
hoher Diskont wird deshalb häufig die Folge eines wirtschaftlichen
Aufschwungs sein, wie das gerade 1899 und 1900 in ausgedehntem
Maße der Fall war. Ende des Jahres 1899 berechnete die deutsche
Reichsbank 7 °%, die Bank von England über 5%, was die erstere
überhaupt noch nicht, die letztere seit Jahrzehnten nicht erlebt hat.
Die Ursache war nur, daß die gesamte Produktion einen außergewöhnlichen
 Aufschwung genommen hatte, und ganz besonders in Deutschland
 die vorhandenen Mittel nicht ausreichten, den Bedarf zu befriedigen,
 Der hohe Diskont ist hier nur ein erfreuliches Zeichen gewesen,
Das ist aber keineswegs immer der Fall. Abgesehen von dem letzten
Jahre war der höchste Diskont bei dem Ausbruch des Krieges von
1866 und 1870 dagewesen, dann nach dem Wiener Krach 1873, bei
dem Ausbruch der großen wirtschaftlichen Krisis. In solchen Zeiten
bleiben eine Menge Zahlungen aus, auf welche die Geschäftswelt gerechnet
 hatte; es wird schwierig, den laufenden Anforderungen zu genügen,
 die Nachfrage nach Darlehen steigt in außerordentlicher Weise,
während wenig Gelder zur Verfügung sind und nur sparsam den
Banken zufließen. Je mehr außerdem der Kredit erschüttert ist, und
damit ein Jeder sein Geld zurückbehält, und Keiner dem Anderen traut,
um so höher muß der Zins im Bankverkehr steigen und nicht nur bei
den großen Centralbanken, sondern auch bei dem kleinen Bankier und
an der Börse, wie man sich ausdrückt, auf dem Markte. Hier sind
es also ungünstige Verhältnisse, welche eine Erhöhung des Diskonts
herbeiführen.
In der gleichen Weise kann ein niedriger Diskont aus sehr verschiedenen
 wirtschaftlichen Zuständen hervorgegangen sein. Bei einer
allgemeinen Erschlaffung des Geschäftslebens, wie es Anfang der
neunziger Jahre bestand, wird wenig Geld gebraucht. Es staut sich
in den Banken im Uebermaße an, der Zins muß zurückgehen. Der
niedrige Diskont ist hier das Zeichen einer schleichenden wirtschaftlichen
 Krisis gewesen. Er findet sich aber auch bei sehr günstigen
Verhältnissen, wenn er nur der Ausfluß eines außerordentlichen Wohlstandes
 ist, so daß trotz sehr animierter Thätigkeit immer noch reichlich
 Gelder flüssig bleiben. Aus diesem Grunde ist der Diskont in
England im großen Ganzen niedriger als in Deutschland, hier niedriger
als in Rußland.
Die Höhe des Diskonts kann wesentlich von dem allgemeinen Diskont und
Landeszinsfuße abweichen, der letztere ist sehr viel stetiger, der erstere Landeszinssehr
 viel größeren Schwankungen unterworfen. Während der Landes- fuß.
zinsfuß in Deutschland etwa 4°% beträgt, vor 25 Jahren dagegen noch
5% war, ist der Diskont im letzten Dezennium zwischen 1!% und
5% hin und her gependelt und war im großen Durchschnitt nur
wenig über 3%. Auch am Ende des Jahres 1899, wo der Diskont
der Reichsbank auf 7 stieg, wurde der Landeszinsfuß nur wenig davon
berührt und hat sich von dem bisherigen Satze nur unbedeutend entfernt.
 Diese Verschiedenheit ist darauf zurückzuführen, daß es sich
        <pb n="184" />
        166 —

Statistik.

bei der Feststellung des Landeszinsfußes um ganz andere Kapitalien
und um andere Kapitalisten handelt, als diejenigen sind, die wir für
den Diskont als maßgebend erkannten. Hier kam die Geschäftswelt
in Betracht mit ihrem flüssigen Betriebskapital. Den Landeszinsfuß
beeinflussen die Leute, welche nicht wie jene eine vorübergehende
Anlage suchen, sondern ihre Gelder dauernd festlegen wollen. Jene
verwenden ihre Gelder selbst, diese wollen sie Anderen zur Verwertung
 überlassen. Es sind die Rentiers, die dabei in Frage kommen,
die nur den Zins zu beziehen wünschen, indem sie ihre Kapitalien dem
Staate und den Gemeinden zur Verfügung stellen, Grund- und Hausbesitzern
 Hypothekendarlehen gewähren etc., und der Bedarf an solchen
dauernden Darlehen ist es, der jenem Angebote gegenübersteht, der
den Hypothekenzins und den Kurs sicherer Staatspapiere bedingt etc.
Hier findet nur langsam ein Wechsel statt, die Veränderungen gehen
in einem Dezennium selten über ein Viertelprozent hinaus; ganz anders
bei dem Diskont, bedingt durch die Verhältnisse der flüssigen Kapitalien,
 wo außerordentlich leicht sich durch die allgemeinen wirtschaftlichen
 Konjunkturen ein Mangel, nach kurzer Zeit wieder ein Ueberfluß
herausstellen kann, und der Diskont daher den größten Schwankungen
unterworfen ist,
Die folgende kleine Tabelle giebt ’eine Uebersicht über die Entwickelung
 des Diskonts in den letzten Jahren an den hauptsächlich in
Betracht kommenden Punkten:

Die Schwankungen des Diskonts:

1881 | 1886 | 1892 | 1898 1894 | 1895
D.5jh. nn. 9|D. Ib. |n.|D./b. In. | DI bh In.
3k, 2 88 6 6 25 3 213 ß 2,552 52 2 M 2
Irkt. 3,50 2.40 275 287 1.3 2,75,0,75 1,66/3,75/1 |1,7 |2,1 |0,56 18401 %6 | 2
Paris Bk. 478 26 3,32 2.022663 125 2,5 2,5 2,5 |2,5 25 |2,5 242 | ın
Mrkt. — 215,30 26 1.7526 1 2,2525 |L8 16224 0,751%. 3 2
Berlin .Bk., 446| 406| 43 74/8254 3 4 5 |8 8 a4 8 3% 4
Mrkt.| 3,48 | 3,14 | 33 ‚2,61 |1.7512,9 1,253,5 4,9 1,5 14521 [14 11,7 2,7 |1%
Wien i Bl, | 5,18 | 4,35 | 4.06 | 4,24 |4 E '4 ha“ (4 4 (5 4 Ah 5 14
Petersbe. | Bk. | 6.18| 6.0316 56 [5,5 5.5 5.5 48 16 45 5.756 15.5 6! 1612 |6

1896 | 1897 ) 1898 | 1899 1900 1901
D.|h. ln. Dh. | | D. Ih In !D. Ihn |D.IB{n!D. Ihn
Br 3, 2035 3 6 2007 18, 3, 2966 3 ja725 3
Mrkt.|1 1e'35/s| 1116 1,883 11 AR 3,2014,5 |2,13
Paris Be. 2 2 2 2 2 2 2,253 2 3% [4% 3 "32545 3 |3 |3 3
Mrkt. [1% 2 11% [1,9 2 1%/2 8 |1%.8 4 % 24, [3,1745 25.2488 1,5
Berlin Bk. ja% * 8 * 8715 13 "425 6 8 65 7 4° 5:3355 3 14.105 85
ıMrkt "21% 18,1814,5’2,25/3 4, |5 12 %./3% 15535, 14.4115,5 |3,93,064 |2'13
Wien I 14, 4 4 14 4,2 5 H 5 6 (47% Sn 4 [6104 1/4
Petersbg. | Bk. „6 16 16.8 1525 6124 142/153 1711,15 155617 5 5.166125

1) Durchschnitt. 2) höchster, 3) niedrigster.
        <pb n="185" />
        L67

8 59.
Die internationale Zahlungsbilanzund der Wechselkurs.
G. J. Goschen, Theorie der auswärtigen Wechselkurse, Frankfurt 1875,
Schraut, Die Lehre von den auswärtigen Wechselkursen. Berlin 1881.
Seyd, Bullion and foreign exchanges. London 1873.
Arendt, Die internationale Zahlungsbilanz. Berlin 1878.
A. Fellmeth, Zur Lehre von der internationalen Zahlungsbilanz. Heidelberg 1877.
Heiligenstadt, Beiträge zur Lehre von den auswärtigen Wechselkursen, Jahrb.
f. Nationalökonomie 1892, Bd. IV, V und VI.
Sonndorfer, Die Technik des Welthandels, Wien 1889.
‚Bei den gewaltigen Summen, welche in dem internationalen Handel
durch den Import des einen Landes an das liefernde Land zu zahlen
und bei dem Export von dem exportierenden zu fordern sind, können
sich beide gegenüberstehende Ziffern nicht immer vollständig ausgleichen,
 und ebenso kann es bei dem Gesamtaußenhandel eines Landes
vorkommen, daß dasselbe für größere Werte Waren bezogen, als
ausgeführt hat und ebenso umgekehrt, und sich somit ein Defizit oder
ein Ueberschuß bei der internationalen Zahlungsbilanz eines Landes
herausstellt. Es ist nun eine wichtige Frage, von welcher Bedeutung
derartige Ergebnisse für den Volkswohlstand sind, welch’ einen KElinfluß
 sie auf die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes ausüben,
auf welche Weise solche Differenzen ausgeglichen werden können
und thatsächlich ausgeglichen werden. Und da in letzterer Hinsicht
der Wechsel eine erhebliche Rolle spielt, müssen wir hier näher darauf
eingehen.
Wie ein Privatmann, so kann auch ein Land mehr ausgeben, als
es produziert und an das Ausland verkauft, wodurch es genötigt ist,
auf Kosten des Vermögensstandes durch Ausfuhr von Edelmetall oder
durch Kontrahierung von Schulden im Auslande die Differenz zu begleichen.
 Diese Möglichkeit ist von der Adam Smithschen Schule
unterschätzt. Nicht richtig ist es aber, eine jede Differenz zwischen
der Aus- und Einfuhr eines Landes als einen solchen Verschuldungsoder,
 wie man es auch bezeichnet hat, Verblutungsprozeß anzusehen.
Die merkantilistische Richtung des 17. und 18. Jahrhunderts
hatte bekanntlich die Auffassung, daß eine günstige Handelsbilanz,
d. h. eine solche, bei der die Ausfuhr größer als die Einfuhr ist, den
Wohlstand des Landes am besten zu fördern imstande sei, in der
Voraussetzung, daß dadurch das Ausland zur Barzahlung genötigt sei,
und der Gold- und Silbervorrat im Lande dadurch gesteigert werde,
während die umgekehrte Erscheinung, eine ungünstige Handelsbilanz,
zur Verarmung des Landes führen müsse. Auch noch in der Gegenwart
 ist namentlich in uuseren landwirtschaftlichen Kreisen diese
gleiche Auffassung vertreten. Im Jahre 1879 ist von seiten des Reichskanzlers
 von Bismarck und seiner Vertreter die neu inaugurierte
Schutzzollpolitik mit dem Hinweis auf die ungünstige Handelsbilanz
Deutschlands verteidigt, Hierauf ist vor allem zu betonen, daß wir
die thatsächlichen Bilanzverhältnisse des internationalen Handels genauer
 nicht kennen und unsere Statistik nicht ausreicht, um hierüber
klaren Aufschluß zu geben, vielmehr erscheint nach unseren internationalen
 Aufstellungen stets der Wert der Ausfuhr zu klein, und
daher die Unterbilanz größer als sie in Wirklichkeit ist. Dies ist
dadurch gegeben, daß der Wert sowohl der ein- wie ausgeführten
Waren nach den inländischen Preisen festgesetzt wird. Die Zahlen

Defizit im
internationalen
 Handel,

Günstige und
ıngünstige
Handelsbilanz,
        <pb n="186" />
        - 168 —

Offizielle
Statistik.

entsprechen deshalb annähernd bei der Einfuhr den thatsächlich dafür
zu erlangenden Summen; anders bei der Ausfuhrstatistik, abgesehen
davon, daß dieselbe in früheren Zeiten allgemein und auch jetzt noch
in vielen Ländern weit unvollständiger ist als die Finfuhrstatistik, weil
die Zollbehörden die Registrierung ausüben und nur die verzollbaren
Gegenstände mit größerer Genauigkeit verfolgen. Abgesehen davon
erscheint der Wert der Ausfuhr zu gering, weil die Tnlandspreise
natürlich weit niedriger sind, als die im AÄAuslande zu erwartenden.
Der Kaufmann kann nur unter der Voraussetzung exportieren, daß er
vom Auslande einen so viel höheren Preis erhält, daß dadurch die
Transportkosten, die Risikoprämie und ein erheblicher kaufmännischer
Gewinn gedeckt werden. Wird daher, wie noch jetzt in den hauptsächlichsten
 Ländern, der Wert der Ausfuhr einfach nach den Inlandpreisen
berechnet, so wird er gegenüber den thatsächlichen Verhältnissen ohne
weiteres um 25—33 %, ja vielleicht noch um mehr zu niedrig angesetzt,
wenn das exportierende Land den Transport selbst besorgt. Nach der
Statistik scheint hier eine Unterbilanz vorhanden zu sein, welche thatsächlich
 nicht vorliegt, Es verschwand die deutsche Unterbilanz, die
noch im Jahre 1879 im Betrage von circa einer Milliarde herausgerechnet
war, schon als in den folgenden Jahren der Wert durch ein zweckmäßigeres
 Verfahren genauer festgestellt wurde, und wäre schon vorher
nicht gefunden, wenn man, wie es der damalige Direktor des preußischen
statistischen Bureaus allerdings willkürlich versuchte, einen Aufschlag
für Transportkosten und Geschäftsgewinn bei den ausgeführten Waren
hinzugerechnet hätte. Die durch die Statistik in vielen Ländern herausgerechnete
 Unterbilanz ist deshalb nur eine rechnerische und giebt keinen
ausreichenden Anhalt zur Beurteilung der thatsächlichen Handelsbilanz.
Aber wenn auch faktisch sich eine ungünstige Handelsbilanz für
ein Land ergiebt, so ist damit nicht gesagt, daß darunter der Wohl-Statistik

 der Handelsbilanz:

1820
1840.
1850
1860
1870
1880
1890
1895

1896
1897
1898 '
1899
1900 |
1901

Das britische
Reich

Frankreich | OS EneiOh-Einfuhr
 | Ausfuhr | Einfuhr | Ausfuhr

Einfuhr | Ausfuhr

in Mill. Pfa. St.

in Mill. Fres.

in Mill. Gulden

32,5
67,5
100,5
210,5
303,8
411,2
420,7
4167

18,9
116,5
197,3
164,5
24.1,1(1869)
286,4
328,2
285.8

747
791
1897
3158
5038
4436 |
3790

695
1068
2277
3075
3468
3753
3374

813,5 | 676,008r
610,7 [771,4
7225 17418

441,8
451,5
470,4
485,1
528,3
59929

206,4 3799
204,2 3956
294,0 472
360.7 627
354.3 ‚4697
3483 | 4714

3401
3578
ZA1C

Kronen
1411 1548
1510 532
639 615
09 861
69E 719492

2
4.056

Deutschland

Einfuhr | Ausfuhr

in Mill. Mk.

2819
3271
4273
4941

2893
3204
3409!)
3494

1558 3754
4864 3786
5440 4010
5783 4368
6043 ı 14752
5710 4512

Ai) Ende 1888 fand der Zollanschluß Hamburgs, Bremens und Altonas statt.
Die Zahlen für die siebziger Jahre sind mit den späteren nicht zu vergleichen, da
die Erhebung eine andere war.
        <pb n="187" />
        — 169

stand leiden muß, Dafür giebt schon die Thatsache den Beleg, daß
gerade die reichsten Länder, wie England, Frankreich, Deutschland, die
ungünstigste Bilanz aufzuweisen haben, und trotzdem der Wohlstand
derselben in klar zu Tage tretender Weise in den letzten Dezennien
sich enorm gehoben hat.
Die vorstehende (S. 168) kleine Tabelle giebt eine Uebersicht über
die Statistik des auswärtigen Handels verschiedener Länder und bietet
den Beleg für das Gesagte.
Der Handel

mit Edelmetall betrug:
Jahr Einfuhr Ausfuhr
1898 58,3 52,2 Mill. Pfd, Sterl
1899 ‚5,7 *% 4 %
1900 3 3 2 »” ”
1895 -2 Mill. Mark
1896 8,7
1897 1,3
1898 +21)
1899
1907
1901

im britischen Reich

im deutschen Reiche

a
92004

51.2

n

England, Frankreich und Deutschland führen deshalb mehr Waren
ein, als aus, weil sie große Kapitalien im Auslande stehen haben, für
welche sie alljährlich bedeutende Summen an Zinsen beziehen, die ihnen
in Form von Waren gezahlt werden. Gegenwärtig müssen Länder,
wie Oesterreich, Rußland, Rumänien, die Türkei,-aber auch die Verein,
Staaten von Nordamerika eine günstige Handelsbilanz zeigen, weil sie
vom Auslande erhebliche Darlehen erhalten haben und diese verzinsen
müssen, wozu die exportierten Waren dienen. Die Sache ist also
gerade umgekehrt, wie man sie sich gewöhnlich vorstellt. Die ungünstige
 Handelsbilanz erweist sich unter unseren Verhältnissen als
ein Zeichen und als die Folge des Reichtums; die günstige als ein
Zeichen entweder der Armut, oder doch der Kapitalsbedürftigkeit.
Auf welche Weise kann nun aber eine sich ergebende Unter- Ausgleibilanz,
 welche sich für das ganze Land ergiebt, oder eine Zahlungs- chung eine:
differenz zwischen zwei in Handelsbeziehung stehenden Ländern aus- Unterbilanz.
geglichen werden? Greifen wir zu einem Beispiel:
Deutschland liefert an England mehr Waren, als es von dort bezieht;
 auf welche Weise kann England die Differenz ausgleichen? 1. Dieses
kann geschehen, und geschieht durch Dienste, welche England Deutschland
 leistet, einmal durch die Rhederei, durch Uebernahme von Schiffs
frachten für deutsche Ware im Seehandel, indem englische Schiffe
deutsche Ware von Hamburg nach Bombay oder auch von London
dorthin transportieren; oder durch Üebernahme von Seeversicherungen
für deutsche Schiffe und Frachten, wofür faktisch Millionen an England
 gezahlt werden; durch Uebernahme der Vermittelung internationaler
Zahlungen durch die englischen Banken. So giebt es viele Dienste,
die ein Land dem anderen leisten kann, wofür erhebliche Gebühren
zu zahlen sind, welche die Zahlungsverpflichtung, wie sie aus dem
Handel entspringen, bedeutend reduzieren können. Namentlich die
Verein. Staaten haben für den Transport ihrer Produkte und Reisenden
ins Ausland an England und Deutschland jährlich große Summen zu
zahlen, Persönlich
2. Kommen die Summen in Betracht, welche durch Erbschaften aus * Tepan
dem einen Lande in das andere gehen, welches allerdings weniger bei tragung.
        <pb n="188" />
        — 170 —

Wechsel.

Effekten.

Wechselkurs.

England als bei Amerika Deutschland gegenüber vorliegt. Dann die
Summen, welche Reisende im Inlande verzehren. Auch dieses fällt
für unser Beispiel weniger ins Gewicht, als bei den Verein. Staaten
gegenüber Europa. Man hat berechnet, daß die reisenden Amerikaner,
circa 150000 Personen, in Europa gegen 100 Millionen Dollars im
Jahre ausgeben. Bei 8 der größeren Bankhäuser New Yorks betrugen
 die ausgestellten Kreditbriefe für Reisende nach Europa durchschnittlich
 1500 D, (Lexis, Handelsbil. im Handwörterbuch), Dem
gegenüber sind die von europäischen Reisenden in Amerika verzehrten
Summen gering, um so mehr fallen ins Gewicht die von Auswanderern
herübergenommenen Beträge. Größer dürfte die Differenz zwischen
Rußland einerseits und Deutschland-Oesterreich andererseits sein.
3. England kann Deutschland erhebliche Summen in Wechseln
zahlen, die es von russischen, französischen, amerikanischen, indischen
Häusern in Zahlung erhalten hat, die in Hamburg, Bremen oder auch
an einem anderen europäischen Börsenplatze fällig sind, oder es bezahlt
mit auf englische Banken lautenden Wechseln, die Deutschland zur Zahlung
 an Amerika, Indien, China verwerten kann. Dieser Wechselverkehr
 ist es, der hauptsächlich, wie schon dargelegt, zur Ausgleichung
ınternationaler Zahlungen verwendet wird. Auch lassen englische
Banken ihre deutschen Gläubiger Wechsel auf sich ziehen, um damit
eine weitere Schuld zu tilgen,
4. Bleibt noch eine weitere Differenz, so wird diese durch Abtretung
 von Effekten, Staats- und Kommunalobligationen, Eisenbahnprioritäten,
 Aktien herbeigeführt, wobei dann die erheblichsten Summen
durch solche Besitzverschiebungen ausgeglichen werden können. Wir
erinnern nur an die bedeutende Heimzahlung der Staatsschuld der
nordamerikanischen Union; die Unterbringung von Staatsanleihen der
verschiedensten Länder in Deutschland etc. Wie bei dem Giroverkehr
Forderungen des einen Buchgläubigers auf den anderen übertragen
werden, so gleichen die Staaten untereinander Zahlungen aus durch
Ueberweisung zinstragender Papiere, welche Forderungen an andere
Länder repräsentieren. Auch eine erhebliche Unterbilanz kann daher
ohne irgend eine Barzahlung beglichen werden, die vielmehr nur in
äußerst seltenen Fällen und nur vorübergehend eintritt. Von einem
dauernden Abfluß von Gold und Silber infolge einer ungünstigen Handelsbilanz
 ist heutigen Tages nirgends die Rede.
Wie wir nun sahen, wird in ausgedehntem Maße der Wechsel
benutzt, um Forderungen des Auslaudes zu begleichen. Je nach der
Gestaltung des Handels wird deshalb ein Land mehr Forderungen in
der Form von Wechseln an das andere Land zu richten haben. Es
wird sich daher in demselben ein Ueberfluß an Wechseln herausstellen
und in dem anderen Lande dagegen ein Mangel. Der Wechsel ist
dadurch als Zahlungsmittel eine einfache Ware geworden, dessen Wert
nach dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage schwankt. Der
Preis, welchen ein Wechsel hat, wird nun sein Kurs genannt, und der
Wechselkurs wird, wie aus dem Vorhergesagten hervorgeht, durch die
Gestaltung des Handelsverkehrs zwischen den Ländern bestimmt. So
müssen Devisen in dem Lande mit überwiegenden Forderungen, die im
Auslande einzukassieren sind, billig sein, während sie in einem Lande
mit überwiegenden Zahlungsverpflichtungen teurer sind. Je nachdem
sich diese Zahlungsverpflichtungen steigern oder vermindern, wird auch
der Wechselkurs steigen oder sinken.
        <pb n="189" />
        Diese Momente sind mithin die eigentlich bestimmenden für den
Wechselkurs. Doch treten noch andere hinzu, die einen Einfluß auf
ihn haben. Selbstverständlich hängt der Wert des Wechsels ab von
der Valuta, auf welche er lautet, also welche in dem Fälligkeitslande
maßgebend ist. Die Schwankungen des Wertes der Währung haben
deshalb auf ihn den größten Einfluß. Lautet der Wechsel auf ein
Land mit Papierwährung, so wird der Kurs des Papieres bisher z. B.
der österreichische Gulden, der russische Rubel. bestimmend für den
Preis des Wechsels sein. Für einen Wechsel von 1000 Rubel wurden
demnach bald 2000 Mk., bald 2200, bald nur 1800 gezahlt, und es
war deshalb mit dem Ankauf eines solchen Wechsels ein erhebliches
Risiko verbunden, welches überhaupt den Wechselkurs entsprechend
herabdrücken mußte.
In dritter Linie kommt die Sicherheit des Wechsels in Betracht. Sicherheit
Ist eine Weltfirma dafür haftbar, so kann der Wechsel ganz andere des Wechsels.
Verwendung finden als ein solcher mit Unterschriften unbekannter
Männer, Auch eine größere Zahl von Unterschriften, wodurch die
Sicherheit gesteigert ist, kann den Preis erhöhen. Viertens ist die Dauer
des Wechsels bis zur Verfallzeit von Wichtigkeit, und da immerhin die
Möglichkeit eines Konkurses in Betracht gezogen werden muß, und
eine längere Frist Gefahren in sich schließen kann, so pflegt der Kurs
kurzsichtiger Wechsel ein höherer zu sein, als der mit langer Frist.
Die Kursschwankungen sind nun nach oben und unten begrenzt. Grenzen der
Die obere Grenze liegt da, wo es vorteilhafter wird, statt mit einem Xursschwan-Wechsel
 zu zahlen, bar Geld zu schicken, wo der Aufwand der Trans- “ungen.
portkosten geringer ist, als der Aufschlag auf die gewöhnlichen Preise
des Wechsels nach dem Münzwerte. Diese Grenze wird auch der
Gold- oder Metallpunkt genannt, wo eben das Metall an die Stelle des
Wechsels tritt. Indessen kommt es selten zu solchen Barsendungen
auf Veranlassung des hohen Kurses. Denn die Bankiers halten es
dann für vorteilhafter, entsprechende Wechsel zu schaffen, indem sie
solche auf ihre Geschäftsfreunde im Bestimmungslande ziehen, oder es
gelingt, von anderen Börsenplätzen entsprechende Wechsel heranzuziehen.
Nach Heiligenstadt wurde in London bei Wechseln für Berlin
der Goldpunkt in den Jahren von 1886—91 von 610 Notierungen
5mal erreicht, 95mal überschritten; in Berlin für London von 929
Notierungen 2mal: erreicht, 13mal überschritten. Die Goldeinfuhr
Deutschlands aus England betrug in diesen Jahren 12,8 Mill, Mk., die
Einfuhr Englands aus Deutschland nur 1,1 Mill. Mk.
Ein ziemlich ausgedehntes Geschäft der Börsenmänner ist, die
Wechsel überall aufzukaufen, wo sie billig sind, und dahin zu dirigieren,
 wo sie teuer sind, um an der Differenz zu profitieren. Dieses
Geschäft ist das Arbitragegeschäft, wodurch zugleich eine Ausgleichung
 der Kurse erreicht wird,
Die untere Grenze, unter welche der Kurs nicht nachhaltig sinken
kann, liegt da, wo es vorteilhaft wird, umgekehrt, Metall nach dem
Inlande zu ziehen.
Der Kurs, welcher genau dem Münzwerte entspricht, heißt die
Münzparität und bildet natürlich den Ausgangspunkt und die Grundlage
 für den Wechselkurs, wobei der Feingehalt der Münze berücksichtigt
 wird. Die Münze mit einem niedrigen Schlagschatz oder, wo
überhaupt gar keiner in Anrechnung gebracht wird, wie in England,

Münzparität.
        <pb n="190" />
        „72

muß höher stehen, als eine solche mit hohem Schlagschatz, Und auch
sonst haben die Münzen einen schwankenden Wert.
Wir geben in dem folgenden die Münzparitäten (nach Schanz
im Wörterbuch der Volkswirtschaft):

100 Franks =
1 Pfund Sterling =
100 Gulden (holl.) =
100 Dollar
100 sk. Kronen
100 öst. Kronen

81,000 Mark
20.4295
168,730
‚419,790 *
: 112500
; 85.000

'00 Mark = 123,460 Frances
100 „ = 4,895 Pfd. Sterl.
100 „ = 59,260 Guld. (holl.)
100 „ = 283,821 Dollar.
100 „ = 88,880 sk. Kronen
100 = 1171650 öst. Kronen

S$ 60.
Die Zettelbanken.
Ad. Wagner, System der Zettelbankpolitik, 2. Aufl. Freiburg 1873.
W. Scharling, Bankpolitik. Jena 1900.
Ch. F. Dunbar, Chapters on the Theory and historiy of Banking. New
York 1896.

Note.

Geschichte
der Note.

Ein ebenso wichtiger Schritt in der Entwickelung des Bankwesens,
 wie die Benutzung der Depositen zum Ankauf von Wechseln,
ist durch die Ausbildung der Zettelbanken geschehen, indem unverzinsliche
 Anweisungen, die in jedem Momente von dem Inhaber der Bank
zur Einlösung in Bargeld präsentiert werden können, statt der Münze
als Darlehen ausgegeben werden, und zwar event. über den Vorrat an
Barmitteln hinaus, indem für diese Mehrausgabe nur bankmäßige
Deckung (in Wechseln oder sonstigen sicheren Forderungen auf kurze
Sicht) deponiert wird, Die Bank erhält durch die Notenausgabe unverzinsliche
 Darlehen gegen das alleinige Versprechen der prompten
Einlösung der präsentierten Noten, Die Erfahrung, daß nie sämtliche
Noten zugleich einlaufen, ermöglicht die Verwendung eines Teiles der
Bardeckung zu Bankgeschäften.
Banknote ist ein gedruckter Inhaberschein auf einen runden Geldbetrag
 lautend, den die Bank sich verpflichtet, bei Präsentation bar
einzulösen. Auf Grund eines ausreichenden Kredites der Bank wird
dann die Note im Verkehre in Zahlung genommen, wie bares Geld
und ist oft beliebter als dieses, z, B. als Silbergeld bei Mangel ausreichenden
 Ersatzes durch Papiergeld und Checks, Die Note ist aber
nicht Geld, weil niemand sie anzunehmen verpflichtet ist, sie ist nur
Geldsurrogat. Sie ist entstanden, wie angedeutet, indem man einfache
Repräsentanten des Bargeldes schuf und in Zirkulation setzte, wie dergleichen
 noch gegenwärtig in den Silber- und Goldcertifikaten in den
Verein. Staaten von Nordamerika zirkulieren, wodurch eine Veränderung
 in den vorhandenen Zirkulationsmitteln nicht geschaffen wurde.
Diese trat erst ein, als man mehr Noten in Zirkulation setzte, als Barmittel
 deponiert waren. Schon im 16, Jahrhundert sind von der
Genueser Bank Certifikate in Umlauf gesetzt. Erst im Laufe des
17. Jahrhunderts verallgemeinerte sich die Ausgabe der Noten Hand
in Hand mit der Ausgabe von Papiergeld, oder indem der Note durch
Zwangskurs Papiergeldcharakter gegeben wurde, und erlangte wachsende
Bedeutung. Die Note ist nicht, wie das Papiergeld, bestimmt, als
Zahlungsmittel dauernd in Umlauf zu sein, sondern sie ist allein als
Mittel für die Bank anzusehen, über ihre Barmittel hinaus Kredit gewähren
 zu können, also Kreditmittel. Sobald sie als solches gedient
        <pb n="191" />
        - 173 —

hat, ist ihre eigentliche Aufgabe erfüllt, und es ist die Voraussetzung,
daß sie der Bank nach kurzem Umlauf zur Präsentation wieder eingereicht
 wird, Die Vorzüge der Notenemission liegen nun darin, daß
durch dieselbe ein Mittel geboten ist, die Umlaufsmittel dem Bedarfe
anzupassen, indem mit großer Leichtigkeit größere Quantitäten von
Noten in Umlauf gebracht werden können, sobald sich ein erweitertes
Bedürfnis nach Umlaufsmitteln herausstellt. Nun sind in der Volkswirtschaft
 fortdauernde Schwankungen zu beobachten, einmal periodisch
 wiederkehrende, die oben bereits berührt wurden, wo am Ende
und im Beginne eines jeden Vierteljahres größere Zahlungen zu leisten
sind, welche mehr Zahlungsmittel beanspruchen. Ohne die Note müßte
im Durchschnitte ein größerer Münzumlauf gehalten werden, um den
Anforderungen zu genügen, was jetzt erspart wird. Indem die deutsche
Reichsbank im Jahre 1899 am 7. Januar 443 Millionen ungedeckte
Noten in Umlauf hatte, am 28, Februar nur 117 Millionen, am
30. September 664, am 28, Oktober 418, am 31. Dezember 631
Millionen in Zirkulation waren, paßte sie den Umlauf den Bedarfsverhältnissen
 an. Oder richtiger, der Handelsverkehr selbst zog bald
durch erweiterte Ansprüche an Darlehen größere Quantitäten Noten in
Umlauf und schob sie der Bank zurück, sobald sie ihre Aufgaben erfüllt
 hatten,
Noch weit wichtiger ist diese Anpassungsmöglichkeit nun in außergewöhnlichen
 Fällen; sei es, daß durch bestimmte Konstellationen des
internationalen Verkehrs plötzlich Barzahlungen an das Ausland verlangt
werden, wodurch der inländischen Zirkulation Abbruch geschieht, und das
dem Inland entzogene Münzquantum nicht sofort durch Neuprägungen
ersetzt werden kann, sei es daß durch politische Verwickelungen, oder
Ausbruch einer wirtschaftlichen Krisis Zahlungsstockungen eintreten, die
die Flüssigmachung bedeutender Mittel notwendig machen. Gerade in
solchen Zeiten ist es von der höchsten wirtschaftlichen Bedeutung, daß
durch die Notenemission in kürzester Frist Hunderte von Millionen aus
der Erde gestampft werden können, die nun dazu dienen, der Geschäftswelt
 Vorschüsse zu machen und ihr damit über den toten Punkt
hinfortzuhelfen, In solchen Zeiten bleiben den Geschäftsleuten eine
Menge Zahlungen aus, der Absatz stockt, ein großer Teil der Waren
ist unverkäuflich, die Kaufleute erhalten daher nicht die Summen, auf
welche sie gerechnet hatten und die sie brauchen, um die ausstehenden
Forderungen zu decken. Bei den Bauken werden fällige Wec.ısel
nicht eingelöst und erwartete Depositen bleiben aus, während ihre
Kunden größere Darlehen beanspruchen, um ihre Zahlungen fortsetzen
zu können. So tritt überall Geldmangel ein, und eine Menge solider
und in angemessenen Vermögensverhältnissen befindlicher Firmen sind
in Gefahr, ihre Zahlungen einstellen zu müssen, weil sie nur momentan
die nötigen Gelder nicht beschaffen können. Die gewöhnlichen Banken
versagen mit ihrer Hilfe gerade in solchen Zeiten, weil ihr Kredit erschüttert
 ist und sie doppelte Vorsicht walten lassen müssen. Welch
ungemeiner Segen liegt nun darin, wenn die großen Notenbanken, z. B.
unsere Reichsbank, in solchen Zeiten der allgemeinen Geldnot eine
halbe Milliarde durch Notenausgabe in der kürzesten Frist flüssig zu
machen und der soliden Geschäftswelt zur Verfügung zu stellen vermag.
 Eine Unmasse Firmen werden dadurch in den Stand gesetzt,
ihre Geschäftsthätigkeit fortzusetzen, und enorme Kapitalsverluste
werden dadurch verhindert, die Wirkung der Krisis wird abgeschwächt.

Volkswirtschaftliche:

Nutzen der
Note.
        <pb n="192" />
        Durreneyschool.


Gefahren der
Noten-2mission.


und ihre Dauer wesentlich abgekürzt. Es giebt bis jetzt kein anderes
Mittel, die zerstörende Wirkung wirtschaftlicher Krisen zu mildern, als
die Ausgabe ungedeckter Noten. Es ist aber klar, daß gerade die
Emission über den Barvorrat hinaus allein diese Wirkung haben kann,
und es heißt deshalb der Waffe die Spitze abbrechen, resp. der Hilfsmaschine
 das bedeutsamste Zahnrad rauben, wenn man die Notenausgabe
 auf den Barvorrat beschränken will, wodurch gerade die Beweglichkeit
 und Elastizität des Geldumlaufs verloren geht. Und doch
verlangte die sogen. Currency-School (im Beginne des Jahrhunderts
David Ricardo, Mitte der vierziger Jahre Samuel Jones Loyd
in England, in den 50er und 60er Jahren Faucher, Prince
Smith, dann Knies und W.Endemann in Deutschland), wegen
der damit verbundenen Gefahr die Beseitigung ungedeckter Noten.
Die Gefahr der Ausgabe ungedeckter Noten liegt für die Banken
selbst natürlich darin, daß, sobald der Kredit erschüttert wird, ihnen
die Noten massenhaft zur Einlösung präsentiert werden, die nicht
wieder in Zahlung genommen werden, wodurch die Banken zur Einstellung
 ihrer Zahlungen gezwungen werden können, wenn die Ausgabe
von Noten zu große Dimensionen angenommen hatte. Ist die Notenzirkulation
 im ganzen Lande eine große und maßgebende, so wird im
Falle der Krisis eine allgemeine Zahlungsstockung eintreten, indem
Niemand die Noten nehmen will, und die übrigen Umlaufsmittel für
den Verkehr nicht ausreichen, so daß durch diese Zahlungsstockungen
sich eine allgemeine wirtschaftliche Krisis entwickeln kann. Ende der
30er Jahre war dies im ausgedehntesten Maße in den Ver. Staaten
Nordamerikas der Fall, wo eine übergroße Zahl von Banken von der
freigegebenen Notenemission Gebrauch gemacht hatte und sie sich be
dem KEintritt ungünstiger Konjunkturen nicht zu halten vermochten.
Infolgedessen trat eine allgemeine Diskreditierung der zirkulierenden
Noten ein, und Jahre waren notwendig, um erst wieder normale Verhältnisse
 herzustellen.
Aber auch abgesehen von solchem Extrem liegt die Gefahr eines
Mißbrauchs der Notenemission von seiten der Banken vor, wenn
ihnen nicht besondere Schranken gezogen sind; denn wir sahen, daß
jede Notenausgabe für sie die Erlangung eines unverzinslichen Dar-Jehens
 in sich schließt. Es liegt deshalb in der Natar der Sache,
daß jede mit dem Privilegium versehene Privatbank danach streben
wird, möglichst viel Noten in Umlauf zu halten, um dieses Darlehen
uszunutzen. Dieses kann durch Gewährung unberechtigter Darlehen
und Animierung gewagter Unternehmungen geschehen, um dadurch
größere Summen zur geschäftlichen Anlage zu bringen, als Bedarf
dafür vorliegt. Die Folge davon ist: Ueberproduktion und Ueberspekulation,
 damit Untergrabung der Solidität der wirtschaftlichen Verhältnisse.
 Außerdem können die Banken durch mancherlei Manipulationen,
 namentlich durch die Ausgabe von Noten mit geringem Wert,
dieselben in die unteren Klassen bringen, welche die Rücklieferung an
die Banken nicht so leicht zu bewirken vermögen und dadurch mehr
Noten in Umlauf erhalten, als Bedarf dafür vorliegt. Wir werden zu
untersuchen haben, auf welche Weise diese Gefahren gemildert, wo
nicht beseitigt werden können, ohne darum die Vorteile aufzugeben.
Zunächst aber wollen wir noch die Eigentümlichkeiten des Papiergeldes
untersuchen, um durch die Vergleichung mit der Note deren Eigenschaften
 um so besser charakterisieren zu können.
        <pb n="193" />
        175

$ 61.
Das Papiergeld.

Bluntschli u. Brater, Staatswörterbuch. A. Wagner, Art. Papiergeld.
va Ad. Wagner, Staatspapiergeld, Reichskassenscheine und Banknoten. Berlin.
W. Endemann, Rechtsgutachten in der Papiergeld- und Banknotenfrage, Hirts
Annalen des deutschen Reiches 1873.
Földes, Beiträge zur Frage über die Ursachen und Wirkungen des Agios und
Beiträge zur Statistik des Agios, (Jahrb. f. Nationalökonomie, N. F., Bd. IV.)
Ebenda: Menger, Beiträge zur Währungsfrage in Oesterreich-Ungarn 1862.
Gruber, Statistische Beiträge zur Frage der Währung in Oesterreich. Jena 1890.
Schmidt, Agio und Wechselkurs, Heidelberg 1892. .
Lesigang, Agio in Oesterreich. Jahrb, für Nationalökonomie, Bd. XXVII,
Bd. XXVIILI, Bd, XXIX.
Lexis, Die Aufhebung des Zwangskurses in Italien. Jabrb. für Nationalökonomie,
 N. F., Bd, IL
Ders., Papiergeld, Handwörterb. der Staatsw. 2. Aufl.
Im eigentlichen Sinne des Wortes sind unter Papiergeld nur
unverzinsliche Schuldscheine zu verstehen, die der Staat als gesetzliches
 Zahlungsmittel mit oder ohne Einlösungsversprechen, also mit
Zwangskurs ausgiebt (Preußische Tresorscheine von 1806 und 1807,
Assignaten der französischen Revolution, Greenbacks der Vereinigten
Staaten, seit 1879 einlöslich, aber noch gesetzliches Zahlungsmittel,
österr. Reichsschatzscheine von 1849—B54 und Noten der österr. Nationalbank
 seit 1848, Noten der Bank von England von 1797—1821).
Der gewöhnliche Sprachgebrauch versteht aber unter Papiergeld überhaupt
 unverzinsliche Schuldscheine des Staates, für welche keine Einlösungsverpflichtung
 vorliegt, deren Anuahme aber durch die Staatskassen
 garantiert ist (Deutsche Reichskassenscheine), welche ebenso wie
Noten der unter Staatsleitung stehenden Banken in Zeiten größerer
Krisen oft durch Zwangskurs in wirkliches Papiergeld verwandelt
wurden. Hierher gehören auch die wenigen Beispiele von Privatpapiergeld.
 Die Leipzig-Dresdener Eisenbahn hatte das Privilegium,
eine halbe Million Thaler in einem Papiergelde ohne besondere Fundierung
 auszugeben, das sich allein dadurch in Umlauf erhielt, daß es
bei den Gesellschaftskassen zu jeder Zeit in Zahlung angenommen
wurde, Eine gleiche Natur hatten die früheren Kämmereischeine der
Stadt Hannover, und das von mehreren Städten und Grafschaften in
Amerika ausgegebene Papiergeld, Nur uneigentlich werden hierher
auch die bar gedeckten und jederzeit einlöslichen amerikanischen Silbercertifikate
 (seit 1878) gezählt. Die deutschen Verhältnisse sind durch
Gesetz von 1874 dahin geregelt, daß die Ausgabe von seiten des
Reichs 3 Mk. pro Kopf der Bevölkerung nicht überschreiten darf,
Seit 1891 ist der Umlauf auf 120 Millionen reduziert und seitdem
stehen geblieben. Diese sogenannten Kassenscheine zirkulieren, wie
erwähnt, ohne Zwangskurs für Private und haben nur unbeschränkte
Zahlungskraft bei allen Kassen des Reiches und der Bundesstaaten.
Die Hauptkasse hat die Verpflichtung, dieselben bar einzuwechseln.
In Oesterreich-Ungarn wurden durch Gesetz von 1866 die Einund
 Fünf-Guldennoten der Nationalbank für Staatspapiergeld erklärt,
bald darauf aber durch wirkliche Staatsnoten ersetzt, deren Zirkulation
inkl. der Salinenscheine auf etwas über 400 Mill. Gulden normiert
wurde, Durch Gesetz vom 2. August 1892 ist die Ausgabe von
Papiergeld nach der neuen Kronenwährung geregelt. In Rußland

Privatoapiergeld.


Staatspapiergeld
 in der
Gegenwart.
        <pb n="194" />
        ‘76

Volkswirtschaftliche

Wirkung.

Folgen der
Zuvielazuscabe.


wurden durch den Ukas vom 3. Januar 1897 die Noten, welche bis
dahin uneinlöslich, mit Zwangskurs versehen waren und sich in
einer Menge von 1126 Millionen im Umlauf befanden, für einlösbar in
Gold erklärt (100 Rubel zu 216 Mk.). Die ausgegebenen Kreditbillets
sollen stets durch Gold gedeckt sein, die ungedeckten Noten dürfen
300 Mill. Rubel nicht überschreiten, In Italien wurde 1866 der
Zwangskurs für die Noten der Nationalbank ausgesprochen, Später
wurde dieses Papiergeld durch ein besonderes in Höhe von 940 Mill.
Lire ersetzt. 1881 fand die Einlösung von 600 Mill. statt, der Rest
blieb als einlösliches Staatspapiergeld in Zirkulation. Durch Dekret
von 1894 ist die Summe auf 600 Mill. Lire erhöht. In den Ver.
Staaten zirkulieren noch 346 Mill. Dollars Bundesnoten mit gesetzlicher
 Zahlungskraft.
Die volkswirtschaftliche Wirkung des Papiergeldes ist eine sehr verschiedene
 je nach der ausgegebenen Quantität und dem Kredit, welchen
dasselbe genießt. Ein geringes Quantum wird sich in der Zirkulation
der klingenden Münze. unmittelbar anschließen und einen Nachteil
kaum mit sich bringen, gleichviel,. ob dasselbe mit Zwangskurs ausgeatattet
 ist oder nur freiwillig angenommen zu werden braucht. Die
120 Millionen Mark, welche in Deutschland ausgegeben sind, bilden
einen so kleinen Teil des Bedarfs, daß sie eine nachteilige Verdrängung
der Metallzirkulation nicht herbeiführen können. Sie sind ausgegeben
zu 5, 10, 20 und 50 Mk. Sie ergänzen damit die Noten der Reichsbank,
 welche erst mit 100 Mk. beginnen, und diese Scheine sind oft
für gewisse Zahlungszwecke erwünscht und durchaus beliebt. Es liegt
um so weniger ein Grund für ihre Beseitigung vor, als ein entsprechendes
 Quantum Goldmünze als Reichskriegsschatz in dem Spandauer
 Julius-Turm aufbewahrt wird, und die dadurch verlorenen Zinsen
und Umlaufsmittel werden durch das Papiergeld ersetzt. Wird dagegen
lie Papierausgabe mehr und mehr verstärkt, wie das in der Bedrängnis
les Krieges Anfang der sechziger Jahre in den Ver. Staaten von
Nordamerika, 1866 in Italien geschah, so ändert sich die Wirkung
3ehr bedeutend. Erreicht die Ausgabe das Quantum, welches zur
Deckung des Zirkulationsbedarfes ausreicht, so verdrängt dasselbe mehr
und mehr die klingende Münze, die aus dem Verkehre verschwindet.
Jeder hält dieselbe zurück und zahlt nur mit Papier. Barzahlungen,
die an das Ausland zu richten sind, müssen im allgemeinen in klingender
Münze vollzogen werden, da das Papier im Auslande keine Zirkulationsfähigkeit
 hat, oder wenigstens nach kurzer Zeit dem Inlande wieder
zugeschoben wird. Sobald aber noch größere Mengen von Papiergeld
auf den Markt geworfen werden, die also den Bedarf übersteigen, findet
eine Entwertung desselben gegenüber dem Metall statt, welches ein
Aufgeld oder ein Agio erhält, d. h. für 100 Lire in Gold erhält man
105 Lire in Papier, jene 5 Lire bilden das Agio, um welches das
Papier weniger wert ist als das Metall, und je mehr Papier den Markt
überschwemmt, um so größer ist die Entwertung. Die Gold- und
Silbermünze, welche nicht bar in den Kassen aufbewahrt wird, wird
eingeschmolzen oder in das Ausland verschickt. Bei großer Entwertung
 des Papieres wird es schließlich auch vorteilhaft, die Silberscheidemünze
 einzuschmelzen, die einen höheren Wert hat, als das
darauf lautende Papier. In früheren Zeiten, z. B. in Oesterreich Ende
der vierziger Jahre, sah man sich deshalb genötigt, immer kleinere
Scheine auszugeben, bis auf Zehnkreuzerscheine, und wollte man fünf
        <pb n="195" />
        77

Kreuzer zahlen und hatte nicht das nötige Kupfer zur Hand, so zerriß
 man das Zehnerl in zwei Hälften und machte daraus zwei Fünfer.
In der nordamerikanischen. Union hatte man dagegen Anfang der
sechziger Jahre ein neues Hilfsmittel in den Postmarken, welche als
Scheidemünze fungierten, Je größer der Ueberschuß des ausgegebenen
Papiergeldes ist, um so mehr tritt zu der Wirkung des zu großen
Vorrats noch die Diskreditierung der Staatsgewalt und die Furcht, daß
der Staat nicht imstande sein wird, die ausgegebene Menge zum vollen
Werte wieder einzulösen, und daß deshalb die Inhaber desselben Verlusten
 entgegen gehen, Politische oder wirtschaftliche Konjunkturen,
welche ev. neue Anforderungen an die Staatskasse stellen können,
üben einen erheblichen Druck auf den Kurs des Papiergeldes aus;
und je mehr der Kredit des Staates sinkt, um so mehr verliert auch
das Papier an Wert. KEin extremes Beispiel hierfür bietet bekanntlich
lie französische Revolution mit der Assignatenwirtschaft. Jene Scheine,
die mit Zwangskurs ausgegeben wurden, waren trotz aller Strafbestimmungen,
 die bis zur Todesstrafe gegen denjenigen vorgingen, der
sich weigerte, die Assignate. zu dem darauf verzeichneten Werte zu
acceptieren, nicht vor der extremsten Entwertung zu bewahren, so
daß die zuletzt ausgegebenen 20 Milliarden nur noch einen Wert von
einigen Millionen repräsentierten. Man konnte den Kaufmann nicht
zwingen, die Waren zu dem gewöhnlichen Preise abzugeben, wenn man
sie mit Assignaten bezahlen wollte, sondern die Preise stiegen in das
Unermeßliche, so daß man für ein Pfund Butter ein paar hundert
Livres, für ein Paar Stiefel 1000 Livres in Assignaten zahlte. Zuletzt
benutzte man sie, um Zimmer damit zu tapezieren, weil man sie in
anderer Weise nicht verwerten konnte. Auch das von den amerikanischen
 Südstaaten ausgegebene Papiergeld sank schließlich auf ein
Zehntel des ursprünglichen Wertes herab.
Aber auch wenn die Ausgabe nicht so in das Extrem geht, sondern
im Durchschnitte etwa dem Bedarfe entspricht, sind Schwankungen
im Kurse nicht zu vermeiden. Denn dadurch unterscheidet sich das
Papiergeld von der Note, daß die letztere durch ihre Einlösbarkeit,
wie wir sahen, sich dem Bedarf an Zirkulationsmitteln anpaßt, und
bald mehr, bald weniger Noten im Umlaufe sind, indem der Ueberschuß
 von selbst in die Banken zurückströmt, während bei dem Papiergeld
 eine bestimmte Summe ausgegeben und dauernd in Zirkulation
erhalten wird. Je mehr bei einem regen wirtschaftlichen Leben
Zahlungsmittel gebraucht werden, um so mehr verschwindet ein vorher
empfundener Ueberfluß, und der Kurs der Papiere steigt durch die
erweiterte Nachfrage. Eine Erschlaffung der wirtschaftlichen Thätigkeit
 läßt dagegen den Bedarf an Umlaufsmitteln sinken, und der Vorrat
an Papiergeld erscheint zu groß, die Folge davon ist ein Sinken des
Kurses, So waren noch in den letzten Jahren in Rußland wie in
Oesterreich, als man sich der Aufnahme der Barzahlung mehr und
mehr näherte und die Ueberschüsse an Papier eingezogen waren, fortdauernd
 Kursschwankungen zu beobachten, die nicht auf politische
Momente zurückzuführen waren. Umgekehrt kann man die Thatsache,
daß in Oesterreich Anfang der neunziger Jahre die Noten höher im
Werte standen als das Silber, auf welches sie: lauteten, mit Karl
Menger nur darauf zurückführen, daß sich ein Mangel an Noten
herausgestellt hatte, und ihr Wert dadurch besonders erhöht war.
Jonrad, Grundrifs der volit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl. &amp;gt;

Kursschwankungen.
        <pb n="196" />
        178

Wirkung der Der volkswirtschaftliche Einfluß dieser Kursschwankungen ist nun
Kursschwan- ejn äußerst nachteiliger, zunächst auf den internationalen Handel und
kungen. dqj;g Produktionszweige, welche mit diesem in Zusammenhang stehen.
Ein niedriger Kurs des Papiergeldes wirkt naturgemäß wie ein Schutzzoll.
 Das Ausland kann seine Waren im Inlande nicht mit Nutzen
verkaufen, weil es entwertetes Papier dafür erhält, und die Einlösung
in Gold zur Benutzung im Exportlande Verluste in sich schließt. Die
heimische Produktion hat dagegen zunächst einen Vorteil durch den
niedrigen Stand der Papierwährung. Was der heimische Producent im
Auslande absetzt, wird mit Metall bezahlt, wofür im Inlande größere
Summen in Papier zu erlangen sind; während zunächst die heimischen
Preise und Löhne noch unverändert bleiben. Deshalb ist bei einer Entwertung
 der Papierwährung zunächst vielfach eine Anregung der heimischen
 Produktion beobachtet, weshalb deutsche Agrarier, wie nordamerikanische
 Farmer und Fabrikanten für die Papierwährung schwärmten.
 Umgekehrt wird dann ein Steigen des Kurses den Schutzzoll
wie die Ausfuhrprämie vermindern. Als Anfang der 60er Jahre der
Kurs der österreichischen Gulden sehr niedrig stand, machte es sich bezahlt,
 Mastrvieh aus Böhmen und Mähren nach England zu exportieren;
und einige Zeit hindurch gingen regelmäßig in der Woche einige Züge
mit Mastvieh nach Bremen. Als sich der Kurs des Guldens hob, ging
der Nutzen dieses Kxports verloren, und die Ausfuhr mußte aufhören.
Die Kursschwankungen aber, die bei Papierwährung unvermeidlich
 sind, machen den Verkehr mit dem Auslande und die heimische
Arbeit für den Export so gefahrvoll, daß sie dabei nicht nachhaltig
zu gedeihen vermögen. Jede solide kaufmännische Spekulation hört
auf, und es tritt die Börsenspekulation an die Stelle, die bald auf das
Sinken, bald auf das Steigen der Kurse rechnet und davon Gewinn
zu ziehen sucht. Sind auf Grund eines niedrigen Kurses Fabriken
entstanden, die exportieren wollen, oder unter jenem Schutze die Konkurrenz
 des Auslandes nicht zu fürchten brauchen, so kann ein nachhaltiges
 Steigen des Kurses sie vollständig ruinieren. Es ist deshalb
die allgemeine Beobachtung gemacht, daß die Papierwährung die
solide Produktion beeinträchtigt, dagegen eine allgemeine Spekulationswut
 im Lande groß zieht. In richtiger Erkenntnis dieser Verhältnisse
 suchte England in Indien den Kurs der Silberrupie, der ebenso
schwankend war, als der des Papierrubels, 1893 künstlich im Werte
zu fixieren. Und Rußland hat Ende der 90er Jahre große Summen
aufgewendet, um durch Aufkauf und Verkauf der Papierrubel den
Kurs gleichmäßig zu halten, bevor man zur Metallzahlung übergehen
konnte.
Wir geben in den folgenden Tabellen eine Uebersicht der Kursschwankungen
 des Papiergeldes verschiedener Staaten.

Statistik.

Das Agio ’n Oesterreich‘):

Jahr
1848
1849
1850
‘851
1852
1853
‚854

Waximum
17,00
27,00
50,00
34.00
25,00
16,75
16.50

Minimum
1,00
5,00
11,00
16,75
10,00
7,75
14,75

1) Lexis im Handwörterbuch, 2. Aufl. „Papiergeld“.
        <pb n="197" />
        179

jahr
855
856
857
858
1859
1860
‚861
1862
1863
1864
1865
1866
1867
‚868
‚869
1870
871
{872
1873
1874
1875

"aximum
29,25
50
47
7.

Minimum
9,12
1,25
3,87
0,25
0,25
24,65
35,62
17,19
10,16
13,39
5,39
1,75
18,75
11,25
18,06
18,48
16:57
7,09
624
3,56
0.94

3
28,67
“284
1,82
14,28
29,75
30,00
18,75
292,38
25.40
22,55
13775
13,81
7,04
564

Jahr
1866
‚867
‚868
1869
1870
1871
1872
1873
1874
1875
1876
1877
1878
1879
1880
1881
1882
1883

Das Agio in Italien:?)
Maximum Minimum
20,50 1,25
13,40 4,87
15,15 5,20
5,72 2,02
7.10 1,72
8.20 3,80
11,75 6,70
17,65 11,10
‚6,85 9,50
‚0,80 6,40
2,65 7,25
13,75 7,65
11,00 7,90
‘4,80 9,00
‘2.05 2.15
2.10 0,35
90 0,80
1,65 0.25
(Siehe Tabelle 8. 180.)

Vereinigte Staaten von Nordamerika:!)
ıahr Mill. Doll. Goldpreis
im Umlauf
132,8
125,8
380.3
356.0
355,9
356,0
356,0
357,5
358,6
378.4
382.0
371,8
366.1
349.9

I) Lexis im Handwörterbuch, 2. Aufl, „Papiergeld“.
        <pb n="198" />
        180 —

Der Kurs der Noten am letzten jeden Monats in:

Rußland?)
100 Rubel in Mark

| Oesterreich!)
100 Gulden in Mark

hres- |. - a. du
ee [nöchsterhiedrigst.| em |höchstermiedriest

1876
1877
1878
1879
1880
1881
1882
1883
1884
1885 |
1886
1887
1888
1889
L890
L891
1892
1893 |
1894
1895 |
1896 |
1897
1898
1899

262,3
220,68
215,97
205,30
212,10
213,90
203,84
200,50
206,00
203,56
197,17
180,57
191.16
214,76
235,76
222.77
204,68
213,21
219.76
219,38
217,19
216,25
216,60
216.35

167,59
‚68,67
171,91
174,12
„72,56
173,45
170,81
170,44
167,57
163,28 165,80
161,82 163,13
161,00 162,70
164,25 168,70
171,07 173,80
175,50 182,70
174,30 178,50
170,92 172,80
64,66 68:80
163,62 164,30
167,92 16960
167,65 70.70
170,20 7440
70,00 .70.10
‚69,90 70.10
100 Kronen
84,60 | 85,05
85,15 | 85,30
8525 | — |

212,10
214,50
201,35
186,25
219,50
220,95
256,70
245,10
215,90
214,95
221,00
220,15
219,45
216,95
217,30
216.95

205,17
193,40
190,50
175,25
163,60
207,30
221,60
194,19
197,00
208,70
218,45
217,10
216,10
215,75
216,00
216.00

161,15
161,15
159,45
160,45
168,20
170,35
172,40
168,80
160,35
162,75
164,60
165,65
169,60
169,45
169,40
Mk,
84,40
85.05

1900 +
L901
te
1902] 21670 |

216,75
216,95

216,00
216.00

Italien?)
100 Lire in Mark

Bi |höchsterlniedrigst.

76,14
73,35
76,88
76,30
77,10
75,62
75.40

78,30
76,20
77,50
77,50
77,60
77,20
16.75

70,75
70,95
74,90
74,90
76,30
74,80
7430

76,53
77.80

77,40
7990

75,90
77.05

79.40

Die obigen Zahlen zeigen die außerordentlichen Schwankungen,
welche das Agio in den verschiedenen Ländern mit Papierwähruug von
einem Jahre zum anderen, wie auch innerhalb desselben Jahres aufgewiesen
 hat, In Kriegszeiten sind sie leicht erklärlich, wo der
Kredit des Staates gefährdet ist. Während des nordamerikanischen
Bürgerkrieges stand das Agio im Juli 1861 noch 6%, 1862 182%,
1863 66°/,, im Juli 1864 gar 157%, August 1865 44%, um dann
langsam aber stetig zu sinken, bis die Barzahlungen wieder aufgenommen
 und der Umlauf der Greenbacks ausreichend reduziert war.
Die Zahl der mit Zwangskurs in Umlauf befindlichen Noten allein
ist nicht ausschlaggebend. Bei gutem Kredit des Staates und starker
Entwickelung des Verkehrs kann sie, ohne im Werte gedrückt zu
werden, eine erhebliche Erhöhung erfahren, während in Zeiten wirtschaftlicher
 Depression das Agio steigt, auch wenn sonstige Veränderungen
 nicht stattgefunden haben. Ende des Jahres 1866 waren in
Italien nur 250 Mill. L. Papiergeld ausgegeben, das Agio war sehr
hoch, 1869 betrug die Summe 278 Mill. und der Notenkurs war gleichwohl
 sehr herabgegangen. Der Umlauf betrug in den folgenden Jahren:
1870 445, 1871 629, 1872 740, 1874 880, 1881 940 Mill. L. Der

1) Jahrbücher für Nationalökonomie in den einzelnen Jahren bis 1897 und
Kurszettel der letzten Jahre.
        <pb n="199" />
        - 181

Kurs war bis 1877 allerdings gestiegen, dann aber trotz weiterer Erhöhung
 der Ziffer gesunken.
In Rußland waren 1852 308 Mill. Rubel Papiergeld ausgegeben,
1857 714 Mill, 1858 690, während der Wechselkurs auf London (nach
Wagner) in dem ersten Jahre 38,2, im zweiten 37,2, im dritten 35,9
war. Dann blieb die Summe bis 1866 so ziemlich gleich, um im
folgenden Dezennium bis 1876 bis 790 Mill. zu steigen, 1870—71 erhob
 sie sich auf 1040 und 1188 Mill., sank bis 1884 auf 1046 Mill,
worauf sie längere Zeit unverändert blieb. Im Jahre 1897, wo
die Münz- und Währungsreform aufgenommen wurde, waren noch
1068 Mill. R. in Noten im Umlauf. Der Wechselkurs ermäßigte sich
1877 auf 25,8 und blieb bis 1885 24,1. Wir sehen den Kurs dann
1888 erheblich sinken, obwohl die Notenmenge nicht verändert war,
um dann wieder bis 1893 anzuwachsen und seitdem das Niveau zu
bewahren.
In Oesterreich erreichte der Notenumlauf 1866 die Höhe von
einer halben Milliarde, stieg 1873 auf 703 Mill., erreichte 1879 das
Minimum von 630 Mill., hatte 1891 834, 1898 856 Mill. betragen.
Ende 1896 war er auf 798,2 Mill. vorübergehend zurückgegangen,
ohne darum eine Kursveränderung herbeizuführen. Die Zunahme der
Bevölkerung wie des ganzen Verkehrs verhinderte ein entsprechendes
Sinken des Kurses, Die Anpassung der Verwendung an den Vorrat
ist aber wie ersichtlich eine große. Nicht jede Verminderung oder
Te eohrung des umlaufenden Quantums übt einen Einfluß auf den
urs aus.

8 62.
Die Zettelbankpolitik.
v. Philippovich, Die Bank von England im Dienste der Finanz- Verwaltung
des Staates. Wien 1885.
Lexis, Handw., der Staatsw. Artikel Banken,
Karl Helfferich, Beiträge zur Geschichte der deutschen Geldreform, Leipzig 1898,
Die Gefahren der Notenemission, wie sie durch den Mißbrauch
von seiten der Banken und die Urteilslosigkeit des Publikums entstehen,
 haben schon früh die Staatsgewalt zum Eingreifen und zur
Beschränkung der Notenemission geführt; insbesondere nach großen
Krisen, die durch zu ausgedehnte Ausgaben von Noten herbeigeführt
wurden, wie im Beginne des 18, Jahrhunderts in Frankreich unter
John Law, 1837 in den Ver. Staaten, von wo sich die Krisis auch
auf Europa übertrug.
Zunächst versuchte man es mit der Freiheit der Notenausgabe. Freie Noten
So war in England einzelnen Personen und Gesellschaften von nicht emission.
mehr als 6 Mitgliedern bis zum Jahre 1844 die Ausgabe von Noten
gestattet; seit 1775 allerdings nicht unter einem Pf. St., von 1777—97
und dann wieder seit 1829 nicht unter 5 Pf. St. Gleichwohl hatte die
Bank von England sich ein Uebergewicht über die übrigen Banken
und einen maßgebenden Einfluß im Lande zu wahren vermocht. Aehnlich
 waren die Verhältnisse in Schottland. In den Ver. Staaten
von Nordamerika war in mehreren Staaten gleichfalls die Notenausgabe
 völlig freigegeben, während in anderen einzelne Banken damit
privilegiert waren. .
Die Unhaltbarkeit dieses Zustandes ist gegenwärtig allgemein anarkannt.
 Die Beschränkungen aber sind in sehr verschiedener Weise
        <pb n="200" />
        89

durchgeführt; entweder durch Aufstellung bestimmter Normativbestimmungen,
 unter welchen die Banken Noten ausgeben dürfen, oder
durch Centralisierung der Notenemission auf eine oder mehrere besonders
 privilegierte Banken, denen dann gleichfalls durch Gesetz
statutarische Beschränkungen auferlegt sind. Dieses letztere Verfahren
 gewinnt in der neueren Zeit mehr und mehr Boden, und wird
von der Wissenschaft immer allgemeiner als das Richtige anerkannt.
Es hat sich in Europa immer mehr eingebürgert, während die Vereinigten
 Staaten von Nordamerika noch an dem anderen Systeme festhalten.

Die Centralisierung auf eine einzige Bank ist in Frankreich
und Oesterreich durchgeführt, während in Deutschland und
England das sogenannte gemischte System herrscht, wo neben einer
großen Centralbank noch einzelne andere Notenbanken existieren.
Doch ist in beiden Ländern das Uebergewicht der Hauptbank ein
entscheidendes, und die Centralisation nimmt fortdauernd zu.
Für die Centralisation ist vor allem anzuführen, daß nur große
Centralbanken, hinter denen der Staat mit seinen gewaltigen Mitteln
steht, auch in Zeiten der wirtschaftlichen Krisen volle Sicherheit und
der Geschäftswelt eine kräftige Stütze durch Gewährung ausgedehnter
Darlehen verschaffen können. Die kleinen Privatbanken sind in
solchen Zeiten besonders gefährdet und können daher nicht durch
eine erweiterte Notenemission ein größeres Risiko auf sich nehmen.
Sie versagen daher gerade in den Momenten, wo ihre Hilfe am
meisten gebraucht wird, und die Notenemission die einzig mögliche
Hilfe bietet. Dagegen hat vor allem die preußische Bank, wie dann die
Reichsbank sich in hohem Maße bewährt und in Zeiten der Krisen
der Geschäftswelt eine wesentliche Hilfe geleistet. Ja, eine solche
Centralnotenbank erscheint in der Gegenwart, wenigstens in europäischen
Ländern geradezu unentbehrlich. Alle Normativbestimmungen sind
außerdem nicht imstande, die Bankthätigkeit so zu normieren, daß
sie unter allen Umständen der Wohlfahrt des Landes dienstbar gemacht
 wird. Die Macht einer größeren Notenbank ist aber so bedeutend,
 ihr Einfluß auf das Wirtschaftsleben so durchgreifend, daß
es mit Recht als bedenklich erachtet ist, sie wenigen Privathänden
allein zu überantworten, sondern hier muß die Staatsgewalt selbst
leitend eingreifen,
Vorteile Zwei Formen sind hierbei zur Anwendung gelangt. Die eineiner
 Staats- fache Staatsbank oder eine Privatbank, deren Leitung aber der Staat
banken. in der Hand hat. Die letztere Form ist in Deutschland, England
 und Frankreich üblich. Die erste nur in Schweden und
Rußland. Für die Staatsbank ist angeführt, daß das Notenprivilegium
 allein durch den Staat und für den Staat ausgeübt werden
dürfe; indessen wird dieses auch erreicht, wenn die Leitung in der
Hand des Staates ist, und diese haben sich auch in den erwähnten
Ländern mit Privatbanken die Regierungen ausreichend gesichert, indem
 das Direktorium ganz oder zum Teil von der Regierung ernannt
wird und die Aktionäre nur eine beratende Stimme haben. Den Anteil
 am Geschäftsgewinn sichern sich gleichfalls die Regierungen und
überlassen den Aktionären nur einen solchen Anteil, daß er den
TLandeszinsfuß nicht erheblich übersteigt. Unter solchen Umständen
liegt kein Grund zu einer völligen Verstaatlichung vor und der Streit
ist ziemlich bedeutungslos. Für die Konservierung der gegenwärtig
        <pb n="201" />
        183

gebräuchlichen Einrichtung spricht, daß der private Charakter der
Bank im Falle einer feindlichen Invasion die Bankgelder vor Beschlagnahme
 schützt und auf der anderen Seite der Bank eine gewisse
Widerstandskraft gegen die einseitige Ausbeutung durch den Staat
gewährt, wie sie in den von ihm geforderten Zwangsanleihen in Notfällen
 des Staates wiederholt vorgekommen ist. und die Bank in hohem
Maße gefährdet hat.
In beiden Fällen tritt den oben angeführten Vorteilen der großen
Centralbanken das Bedenken gegenüber, daß bei der großen Uebermacht
 einer Centralbank einzelne Persönlichkeiten einen übermäßigen
Einfluß auf den Geschäftsverkehr auszuüben vermögen und durch
Mißgriffe, zı B. in der Diskontopolitik eine verhängnisvolle Wirkung
auf die Volkswirtschaft ausüben können. Aus demselben Grunde werden
bei Centralisation die verschiedensten Teile des Landes mit sehr ungleichen
 Verhältnissen leicht in derselben Weise behandelt. Die einzelnen
 Banken, wie z. B. die bayrische Notenbank hat oft einen
anderen Diskont, namentlich niedrigeren, gezeigt wie die Reichsbank,
was von derselben sehr unliebsam aufgenommen wurde, und es ist
dies jetzt gesetzlich beseitigt. Eine Centralbank, die im ganzen Lande
durch Filialen vertreten ist, wird die centralisierte Geschäftsleitung
sicher im Interesse der Gesamtheit durchführen. Ob aber die einzeinen
 Geschäftsorte dabei völlig ihre Rechnung finden, kann doch
fraglich sein, da sie zu sehr unter dem Einfluß der Filialen stehen
und nach der allgemeinen Schablone behandelt werden, so daß Lokalund
 Personalverhältnisse kaum genügende Berücksichtigung finden.
Wo die Verhältnisse des Landes sehr verschiedene sind, wird deshalb
eine gewisse Decentralisation, wie in dem gemischten Systeme, durchaus
 am Platze sein, wie in Deutschland, und noch mehr jedenfalls in
der nordamerikanischen Union.

Nachteile der
Centralisation.


8 63.
Die Normativbestimmungen für die Zettelbanken und
die Einrichtungen einzelner Landesbanken.

Zur Sicherung der Noten ist vor allem die Beschränkung der
Emission durchgeführt. Naheliegend ist es, sie mit der Bardeckung
in Zusammenhang zu bringen und die Deckung eines bestimmten
Prozentsatzes der umlaufenden Noten durch Barmittel zu verlangen.
Sehr allgemein verbreiteß ist der Anspruch der Dritteldeckung, wie
dies das deutsche Bankgesetz von 1873 beansprucht, ebenso das
niederländische, das belgische, neuerdings auch das schweizerische
 Bankgesetz mit 40 %, verlangen. Der Spielraum ist offenbar
ein viel zu großer, um einen angemessenen Schutz bieten zu können,
und hat kaum eine praktische Bedeutung. Außerdem hat man die
Notenausgabe von der Höhe des Stammkapitals abhängig gemacht, wie
das in einzelnen amerikanischen und im schweizerischen Bankgesetz
von 1881 der Fall war. Doch pflegt das Stammkapital in keiner
Weise auszureichen, um eine wirkliche Sicherung nach dieser Richtung
zu bieten.
Bei der Bank von Frankreich ist erst 1871 überhaupt eine
Beschränkung in der Notenemission bestimmt und zwar nur in der
Gesamtsumme, unabhängig von der Deckung. Sie wurde mehrere

Deckungsfrage.
        <pb n="202" />
        184

Amerikan.
Union.

Kontingentierung.


Male verändert und ist jetzt auf 5000 Millionen Fres. normiert, was
zaum noch als ‚eine Beschränkung anzusehen ist, Von besonderer
Bedeutung ist die amerikanische Einrichtung, welche schon 1838
m Staate New-York eingeführt wurde, daß die größeren Banken
zwar die Freiheit haben, Noten in Umlauf zu setzen, dafür aber veroflichtet
 sind, zu deren Sicherung verzinsliche Staatsobligationen bei
Jer Regierungskasse zu deponieren, worauf sie von derselben im Beirage
 von 90% des Kurswertes Noten zur freien Verfügung ausgehändigt
 erhalten (Gesetz von 1862 für die ganze Union). Dadurch ist
erreicht, daß die Inhaber der Noten auch in dem Falle der Liquidation
 der Bank ihrer Befriedigung sicher sind. Dagegen ist das Fallieren
 der Banken dadurch natürlich nicht verhindert, Außerdem
liegt der wesentliche Nachteil vor, daß die Banken nun bestrebt sein
müssen, die ihnen zur Verfügung ‚gestellten Noten auch fortdauernd
in Umlauf zu erhalten, also auch wenn sie ihnen zur Einlösung präsentiert
 werden, immer wieder in Umlauf zu setzen, ev. zu gewagten
Unternehmungen. Dies hat bisher einen erheblichen Nachteil nicht
herbeigeführt, da die Einrichtung ohnehin den Vorteil der Notenemission
 für die Banken bedeutend beschränkt. Ebenso fällt aber der
volkswirtschaftliche Nutzen der Notenemission fort, sich dem Bedarf
an Umlaufsmitteln anzuschließen, Für die Noten müssen Papiere
deponiert werden, die der Bank 4—5% liefern, stehen sie über pari,
so erhalten sie doch nur 90 % des Nominalbetrages und bei der Rückzahlung
 nur den Nominalbetrag ausgezahlt. Bei dem hohen Zinsfuß,
der namentlich noch im Westen herrscht, wird dadurch den Banken
ein großer Zinsverlust zugemutet, der sie auf eine erweiterte Notenemission
 verzichten läßt. Dieselbe ist deshalb überhaupt eine sehr geringe
 und bei der Geldbedürftigkeit des Landes unzweifelhaft unzulänglich.
 Der Notenumlauf geht mehr und mehr zurück und betrug
in den letzten 10 Jahren noch nicht 200 Millionen Dollars gegenüber
300 Millionen in den siebziger und Anfang der achtziger Jahre. Der
Schwerpunkt der Bankthätigkeit liegt dort vielmehr in dem Depnositenverkehr.

Zu bemerken ist noch, daß die Notenbanken oder sog. Nationaloanken
 in Amerika unter der Aufsicht besonderer Staatskontrolleure
stehen.
Eine feste Kontingentierung der ungedeckten Noten hat die Robert
Peelsche Bankakte von 1844 für die englischen Notenbanken georacht,
 indem nach dem Durchschnitte der letzten 10 Jahre jeder Bank
nur eine bestimmte Zahl von ungedeckten Noten gestattet wurde; für die
Aktienbanken 3,5 Millionen, für die Privatbanken 5,1 Millionen, für die
Bank von England 14 Millionen Pfd. St. In ähnlicher Weise wurden
in Schottland den 19 Zettelbanken 3 Millionen ungedeckter Noten gestattet,
 die in der Gegenwart durch das Eingehen einzelner Banken
auf 2,6 Millionen vermindert sind. In England dagegen übernahm die
große Bank die Noten der Zettelbanken, welche das Privilegium aufgaben.
 Durch diese Maßregel wurde die Ausnutzung des Notenprivilegiums
 in England wesentlich beschränkt, so daß in der neueren Zeit
immer allgemeiner, vor allen Dingen bei der Bank von England der
Barvorrat den Notenumlauf zu übersteigen pflegt. 1897 standen einem
Metallvorrat von 31,8 Millionen Pfund Sterling 27,4 Millionen Noten
der Bank von England, 1,4 Mill, der Provinzialbanken und 7,7 der
schottischen Banken gegenüber.
        <pb n="203" />
        „85

Auf der anderen Seite zeigte es sich, daß durch die Kontingentierung
 des Notenumlaufs gerade in den Zeiten der wirtschaftlichen
Krisen die Banken nicht imstande waren, ihre Aufgabe ausreichend
zu erfüllen, so daß man noch in den Jahren 1847, 57 und 66 sich
genötigt sah, die Peels-Akte zu suspendieren und eine erweiterte Ausgabe
 von Noten zu gestatten. Bis aber die Suspendierung durch das
Parlament ausgesprochen wurde, war übermäßig viel Zeit verloren und
der Moment verpaßt, wo durch erweiterte Darlehen Hilfe geleistet
werden konnte, Je mehr sich die Notenemission der Grenze näherte,
um so mehr steigerten sich die Anforderungen an. die Notenbanken,
indem Jeder noch etwas zu erhalten suchte, bevor die Leistungsfähigkeit
 der Banken erschöpft war, die sich dadurch zu einer extremen
Steigerung des Diskonts genötigt sahen, welcher bis zu 10 "/ gelangte.
Nur in einem so konservativen Lande wie England war es möglich,
ein Gesetz bis zur Gegenwart unverändert zu erhalten, das sich wiederholt
 als gänzlich unpraktisch erwiesen hat, Mit vollem Rechte ist
deshalb das deutsche Reich diesem Beispiele nicht gefolgt. Es hat
aber der Currencyrichtung, ebenso wie OÖesterreich-Ungarn die Konzession.
 gemacht, einen Druck auf die Notenemission durch eine Steuer
auszuüben, die bei Ueberschreitung des kontingentierten Betrages an
ungedeckten Noten 5%, beträgt. Die von dieser Maßregel befürchtete
 übermäßige Steigerung des Diskonts in Zeiten großer Ansprüche
an die Banken ist nicht eingetreten, und bis in die letzten Jahre kam
eine Kontingentsüberschreitung nur äußerst selten vor. In den letzten
Jahren ist sie indessen immer häufiger eingetreten, so daß eine Erweiterung
 des Kontingents auf 450 Mill. unvermeidlich wurde. Für
die unter Staatsleitung stehenden Banken erscheint eine solche Beschränkung
 überhaupt durchaus unnötig, und die Beseitigung der Bestimmung
 wünschenswert, sobald nur noch solche Banken existieren.
Eine weitere wesentliche Maßregel zur Sanierung des Noten- Verbot kleiwesens
 besteht‘ in der Ausschließung der kleinen A points. Es ist ner Noten.
die allgemeine Beobachtung, daß die Umlaufszeit der Noten um so
größer wird, je kleiner die Summe ist, auf welche sie lauten, weil die
kleinen Noten in die Hand des größeren Publikums, namentlich auch
auf das Land gelangen, also in Kreise, die nicht in der Lage sind,
dieselben den Banken zur Einlösung zu präsentieren, wodurch die
Noten sich als allgemeines Zahlungsmittel im Umlauf erhalten. Die
größeren Noten bleiben dagegen hauptsächlich der Geschäftswelt vorbehalten,
 welche sie nach kurzer Zeit in die Banken wieder zurückliefert.
 Die Bank von England rechnet darauf, daß eine ausgegebene
Tausendpfundnote bereits nach 8 Tagen ihr wieder präsentiert wird,
die Hundertpfundnote erst nach 6—8 Wochen.
Vor 1875 gaben eine Menge deutscher Banken 'Thaler- und
Guldennoten aus, die sich außerordentlich lange bei der Arbeiterbevölkerung
 in Zirkulation erhielten. Mehrere kleine Banken griffen zu
allerhand Mitteln, um ihre Noten auch in entfernten Gegenden in Umlauf
 zu bringen, indem sie sie z. B. an kleine Bankiers zur Unterbringung
 gegen Gebühr versendeten, die ihrerseits besonders Viehhändler
 dazu benutzten, die Scheine auf dem Lande unterzubringen,
Yon wo sie natürlich erst nach Ablauf längerer: Zeit wieder in die
Bank zurückkehrten. Dadurch war es möglich, mehr Noten im Umlauf
zu erhalten, als Bedarf dafür vorlag. Es war deshalb eine sehr heilsame
Maßregel des preußischen Bankgesetzes von 1875. Noten unter 100 MI.
        <pb n="204" />
        DS

Minlösungsverpflich-



Staatszontrolle.


Solidarhaft.

völlig zu beseitigen. Etwa die Hälfte der von der Reichsbank ausgegebenen
 Noten sind Hundertmarkscheine, die andere Hälfte Tausendmarkscheine.
 Außerdem sind nur noch wenige Fünfhundertmarkscheine
in Umlauf, In England und Wales ist die kleinste Note auf
5 Pfund Sterling, in Schottland auf 1 Pfund Sterling in Belgien
auf 20 Fres., in den Niederlanden 25 Gulden, in der Schweiz
50 Fres. ausgestellt. In Frankreich wurde 1857 die untere Grenze
auf 50 Fres. normiert, 1870 dagegen auf 5 Fres, herabgesetzt und
sogar vorübergehend noch darunter. Die Noten unter 5 Fres. sind
wieder eingezogen.
Eine unbedingte Voraussetzung ist die Verpflichtung zur Einlösung
der präsentierten Noten. Bei den großen Zentralbanken ist es wünschenswert,
 diese Verpflichtung auch möglichst auf die Filialen auszudehnen.
 Bei dem gemischten Systeme muß einer jeden Bank die Annahme
 sämtlicher Noten, also auch derjenigen der anderen Banken
auferlegt werden. Um das Zurückströmen überschüssiger Noten zu
erleichtern, ist dabei die Verpflichtung wünschenswert, die eingelaufenen
Noten anderer Banken nicht selbst wieder in Umlauf zu setzen, sondern
 sie der betreffenden Bank zur Einlösung zu präsentieren, wie das
in dem deutschen Bankgesetz verlangt wird. Zur Kontrolle gegen
Falschmünzerei pflegen die Banken überhaupt keine Note zum zweiten
Male auszugeben, sondern die präsentierten zu vernichten, und sie
durch neue mit fortlaufender Nummer zu ersetzen.
Zur Sicherung der emittierenden Banken selbst ist es unumgänglich
 notwendig, sie statutarisch auf die reinen Bankgeschäfte zu beschränken
 und von allen Börsenspekulationen fernzuhalten, wie das in
der That auch allgemein bei den unter Staatskontrolle stehenden auf dem
auropäischen Kontinente der Fall ist.
Ebenso selbstverständlich erscheint der Anspruch einer häufigen,
av, allwöchentlichen Publikation der Geschäftslage, da es für das beteiligte
 Publikum von der höchsten Wichtigkeit ist, den Gang der
Geschäftsthätigkeit beständig kontrollieren zu können.
Schließlich ist bei der hohen Bedeutung des Notenprivilegiums
eine Kontrolle der nicht unter Staatsleitung stehenden Banken unumzänglich
 notwendig. Für die Vereinigten Staaten ist hierfür ein besonderer
 Beamter angestellt. In Deutschland hat der Reichskanzler
zu jeder Zeit das Recht, durch einen Beamten eine Revision der Bücher
der Banken vornehmen zu lassen, etc. Indessen ist schon früher angedeutet,
 daß solche Revisionen niemals so eingreifend sein können, um
3ine wirkliche Bürgschaft zu gewähren, dieselbe liegt vielmehr in der
Sicherheit der im Portefeuille befindlichen Wechsel, die nicht von
außen her kontrolliert werden kann, die allein das leitende Direktorium
zu beurteilen vermag.
Man hat auch die Solidarhaft der Aktionäre verlangt, um
Jladurch den Banken eine größere Sicherheit zu gewähren. Wo die
Banken unter Staatsleitung stehen, und damit der Staat ohnehin die
Garantie für dieselben übernimmt, ist dieses überflüssig und geradezu
unzulässig, wo die Aktionäre wie bei der deutschen Reichsbank nur
beratende Stimme haben, also auf die Leitung einen maßgebenden Ein-Auß
 nicht ausüben. KHine solche Solidarhaft ist deshalb bei .der
Reichsbank auch nicht verlangt. Dieselbe reicht bei den großen
Banken auch nicht zu einer wirklichen Stütze aus und ladet den
Aktionären ein zu weit gehendes Risiko auf. Beispiele in der neueren
        <pb n="205" />
        +5

Zeit haben ergeben, daß auch bei sehr bedeutenden, angesehenen
Banken die Solidarhaft der Bankteilhaber nicht genügte, den Zusammenbruch
 zu verhüten, der dann, wie z. B. bei der City of Glasgow-Bank
 ganz unerwartet eine große Zahl von Menschen, die sich ihrer
Verantwortung gar nicht bewußt waren, an den Bettelstab brachte.
Aus dem Gesagten ergiebt sich, daß all die erwähnten Maßregeln
eine unbedingte Sicherheit den Banken nicht zu verschaffen vermögen,
weshalb die Handhabung des Privilegiums der Notenausgabe, also die
Leitung der Notenbank zweckmäßig der Staatsgewalt selbst zu überragen
 ist.
Werfen wir hiernach noch einen Blick auf die Einrichtung des
Notfenbankwesens in einzelnen Ländern,

8 64.
Die Notenbanken einzelner Länder.

In Deutschland geht die Entwickelung von 1765 aus, wo in Entwicke-Berlin
 die königliche Giro- und Leihbank als reine Staatsanstalt mit. lung in
einem Kapital von 8 Mill. Thaler gegründet wurde. Sie acceptierte Deutschland
ein Rechnungsgeld, das Bankopfund (Ein Viertel Friedrichsd’or), wonach
 die königlichen Kassen und die Berliner Kaufleute rechnen und
buchführen sollten. Die Annahme verzinslicher Depositen wurde das
Hauptgeschäft, während der (Siroverkehr keine große Bedeutung zu
erlangen vermochte, Auch die in Angriff genommene Notenausgabe
war eine unbedeutende, in den 70er Jahren etwa 800000 Thaler.
1805 hatte sich die Summe auf 1,3 Mill. Thaler erhoben, bei einem
Barvorrat von gegen 9 Mill. Thaler. Neben der Hauptkasse in Berlin
waren noch 11 Filialen vorhanden. Wir übergehen die nächstfolgende
Zeit und bemerken nur, daß in den 30er Jahren die Banknote wieder
verschwunden war, iudem sie durch das nach den MNapoleonischen
Kriegen massenhaft ausgegebene Papiergeld verdrängt wurde. (Serade
in jener Zeit aber begann sich das Bedürfnis‘ nach größeren Bankinstituten
 mehr und mehr herauszustellen. So wurde 1834 die bayrische
Hypotheken- und Wechselbank in München mit dem Rechte der Notenemission
 bis zu 8 Mill, später 12 Mill. Gulden gegründet. Sie war
und ist noch heute eine Privatanstalt unter Staatsaufsicht. 1838 entstand
 die sächsische Privatzettelbank, die Leipziger Bank, gleichfalls
unter Staatsaufsicht. In Preußen sah man sich veranlaßt, 1846 die
Umgestaltung der alten Bank in die Preußische Bank zu vollziehen,
die mit einem privaten Aktienkapital von 10 Mill. Thaler ins Leben
trat, aber von Staatsbeamten geleitet wurde. Diese Preußische Bank
hat dann allmählich eine immer größere Bedeutung erlangt und in der
Kriegszeit 1866 und 70 dem Lande die größten Dienste geleistet.
Neben ihr entstanden Ende der 40er, dann in den 50er Jahren noch
eine Reihe kleinerer Banken, so daß in Deutschland 1857 in 20
deutschen Territorien 30 Zettelbanken thätig waren. Anfang der 50er
Jahre waren etwa 120 Mill. Mk. an Noten in Umlauf, von denen
höchstens 15 Mill. ungedeckt waren.
Seitdem begannen besonders die kleineren Anstalten immer mehr
and namentlich kleine Noten in Umlauf zu setzen, und vielfach mehr als
das ihnen zugewiesene Territorium zu absorbieren vermochte. Dagegen
 richtete sich denn auch das allgemeine Mißtrauen, und man
strebte mehr und mehr nach einer Zentralisierung, die bald nach
        <pb n="206" />
        188 —

Deutsche
Bankgesetzgebung.,


der Konstituierung des deutschen Reiches energisch in Angriff genommen
 wurde, und durch das deutsche Bankgesetz vom 14. März 1875
ine feste Form gewann. In jenem Momente bestanden 33 Notenbanken,
leren Privilegien vielfach noch tief in das 20, Jahrhundert hineingehen.
Die gesamte Notenemission derselben belief sich Ende 1873 auf 1352
Mill. Mk. bei einer Bardeckung von 925 Mill., so daß 427 Mill. unzedeckter
 Noten in Umlauf waren. 1867 war der Betrag nur 202,3
Mill. gewesen. Die Preußische Bank allein hatte einen Notenumlauf
von. 898 Mill., eine Bardeckung von 703 Mill., also 195 Mill. ungedeckte
 Noten. Sie war bei weitem die bedeutendste Bank, hatte aber
den Notenumlauf nur mit großer Vorsicht behandelt, was man von
einer ganzen Anzahl anderer Banken nicht sagen konnte. Die Braunschweigische
 Bank z. B. hatte bei einem Barvorrat von nur 4,3 Mill.
Mk. 13,5 Mill. Noten in Umlauf, die mitteldeutsche Kreditbank
24 Müll. bei nur 8,5 Mill. Barvorrat, also nur eine Dritteldeckung.
Dasselbe war bei der Privatbank in Gotha der Fall. Bei der Anhalt-Dessauischen
 Landesbank war noch nicht der vierte Teil bar gedeckt
and nicht viel stärker war die Deckung der Thüringischen und Geraer
Bank. Neben diesem starken Notenumlauf zirkulierten über 180 Mill.
Mk. an Papiergeld, teils bekanntlich in Kreuzer- und Gulden-, teils
in Thalerwährung. Neben dem Uebergang zur Gjoldwährung und der
Markmünze fand dann, wie schon erwähnt, die Reduktion des Papierzeldumlaufes
 auf 120 Mill, statt und die Umgestaltung der preußischen
Bank in die deutsche Reichsbank, während die übrigen Notenbanken
zunächst ihr Privilegium behielten, aber einer bestimmten gesetzlichen
Norm unterworfen wurden. Die Hauptbestimmungen des Gesetzes,
welche für uns hier von Interesse sind, sind die folgenden:
Der Gesamtbetrag an ungedeckten Noten wurde kontingentiert
auf 385 Mill., von denen ursprünglich 250 Mill. auf die Reichsbank
Gelen, während der übrige Betrag nach ihrer bisherigen Geschäftsausjehnung
 auf die einzelnen Banken verteilt wurde. Der geringste
Betrag war‘ 159000 Mk., welcher auf die landgräflich-hessische Landesvank
 fiel. Die nach der Reichsbank größte war die bayrische Bank
mit 32 Mill. Verzichtete eine Bank auf das Privilegium oder verlor
eine dasselbe, so fiel der Betrag der Reichsbank zu, welche auf diese
Weise ein Kontingent von 293,4 Mill. erlangt hatte, bis das Gesetz des
letzten Jahres es auf 450 Mill. Mk. erhöhte. Den noch bestehenden
Banken sind daher noch 91,6 Mill. verblieben. HErstreckt sich der Notenamlauf
 über diese Summe hinaus, so ist dafür eine Steuer von 5%,
zu zahlen,
Die Notenbanken sind folgenden Beschränkungen unterworfen:

Banknoten dürfen nur auf Beträge von 100, 200, 500 und 1000 Mk., oder
3inem Vielfachen von 1000 Mk. ausgefertigt werden. Den Banken, welche Noten
ausgeben, ist nicht gestattet 1. Wechsel zu acceptieren, 2. Waren- oder kurshabende
Papiere für eigene oder für fremde Rechnung auf Zeit zu kaufen, oder auf Zeit
zu verkaufen, oder für die Erfüllung solcher Kaufs- oder Verkaufsgeschäfte
Bürgschaft zu übernehmen. Sie haben den Stand ihrer Aktiva und Passiva viermal
 im Monate zu publizieren und spätestens drei Monate nach dem Schlusse jedes
(Geschäftsjahres eine genaue Bilanz ihrer Aktiva und Passiva, sowie den ‚Jahresabschluß
 des Gewinn- und Verlustkontos zu publizieren. Den Banken, welche sich
diesen Bestimmungen nicht unterwerfen wollten, konnte das von der Regierung
yewährte Privilegium nicht willkürlich entzogen werden, Dafür aber wurde ihr
Notenumlauf dann auf das Territorium beschränkt, für welches ihr Privilegium
'autete: und da dieses bei den Privatbanken meistens zu klein war, um eine angemessene
 Thätigkeit zu entfalten, so unterwarfen sich sämtliche, die überhaupt
        <pb n="207" />
        Q0

von ihrem Privilegium weiter Gebrauch machen wollen, mit Ausnahme der Braunichweiger
 Bank, diesen Bestimmungen.

Von besonderer Bedeutung sind nun noch die gesetzlichen Bestimmungen
 über die Reichsbank:

Unter dem Namen Reichsbank wird nach dem Gesetze eine unter Aufsicht
and Leitung des Reiches stehende Bank errichtet, welche die Eigenschaft einer
juristischen Person besitzt und die Aufgabe hat, den Geldumlauf im gesamten
Reichsgebiete zu regeln, die Zahlungsausgleichungen zu erleichtern und für die
Nutzbarmachung verfügbaren Kapitals zu sorgen. Die Reichsbank hat ihren Wohnsitz
 in Berlin. Sie ist berechtigt, aller. Orten im Reichsgebiete Zweiganstalten zu
grrichten (es existieren gegenwärtig 359 Bankstellen, davon 23 ohne Kassenein--ichtung).

Die Reichsbank ist befugt, folgende Geschäfte zu betreiben:
.. Gold und Silber in Barren und Münzen zu kaufen und zu verkaufen.
2, Wechsel, welche eine Verfallzeit von höchstens drei Monaten haben, und
zuf welchen in der Regel 3, mindestens aber 2 als zahlungsfähig bekannte Verpflichtete
 haften, ferner Schuldverschreibungen des Reiches, eines deutschen Staates,
der inländischer communaler Korporationen, welche nach spätestens drei Monaten
mit ihrem Nennwerte fällig sind, zu diskontieren, zu kaufen und zu verkaufen.
3. Zinsbare Darlehen auf nicht länger als drei Monate gegen bewegliche
Pfänder auszugeben: Lombardverkehr, a) gegen Gold und Silber gemünzt und
angemünzt, b) gegen zinstragende oder spätestens nach einem Jahre fällige, und
auf den Inhaber lautende Schuldverschreibungen des Reiches, eines deutschen
Staates oder inländischer communaler Korporationen etc., voll eingezahlte Stammaktien,
 Prioritätsobligationen deutscher Kisenbahngesellschaften, Ffandbriefe landschaftlicher,
 kommunaler Bodenkreditinstitute etc. zu höchstens drei Viertel des
Kurswertes, c) gegen zinstragende, auf den Inhaber lautende Schuldverschreibungen
nicht deutscher Staaten etc. zu höchstens 50%, des Kurswertes, d) gegen Wechsel,
welche anerkannt solide Verpflichtete aufweisen, mit einem Abschlage von mindestens
5% ihres Kurswertes, e) gegen Verpfändung im Inlande lagernder Kaufmannswaren
höchstens bis zu zweı Drittel des Wertes,
4, Schuldverschreibungen der vorstehend unter 3b verzeichneten Art zu
kaufen und zu verkaufen.
5. Für Rechnung von Privatpersonen, Anstalten und Behörden Inkasso zu
besorgen und nach vorheriger Deckung Zahlungen zu leisten und Anweisungen
oder Ueberweisungen auf ihre Zweiganstalten oder Correspondenten auszustellen.
6. Für fremde Rechnung Effekten aller Art, sowie Edelmetalle nach vorheriger
 Deckung zu kaufen und nach vorheriger Ueberlieferung zu verkaufen.
7. Verzinsliche und unverzinsliche (relder im Depositengeschäft oder im
Giroverkehr anzunehmen. Die Summe der verzinslichen Depositen darf diejenige
les Grundkapitals und des Reservefonds der Bank nicht überschreiten.
8. Wertgegenstände in Verwahrung und Verwaltung zu nehmen.
Die Reichsbank ist verpflichtet, Barrengold zum festen Satze von 1392 Mk,
für das Pf. fein gegen ihre Noten umzutauschen,
Die Reichsbank ist verpflichtet, für den Betrag ihrer in Umlauf befindlichen
Banknoten jeder Zeit mindestens ein Drittel in kursfähigem deutschen Gelde, Reichskassenscheinen
 oder in Gold in Barren oder ausländischen Münzen, das Pf, fein zu
1392 Mk. berechnet, und den Rest in diskontierten Wechseln, welche eine Verfallszeit
 von höchstens drei Monaten haben und für welche in der Regel 3, mindestens
aber 2 als zahlungsfähig bekannte Verpflichtete haften, in ihren Kassen als Deckung
bereit zu halten.
Die Reichsbank ist verpflichtet, ihre Noten bei ihrer Hauptkasse in Berlin
sofort auf Präsentation, bei ihren Zweiganstalten, soweit es deren Barbestände
und Geldbedürfnisse gestatten, dem Inhaber gegen kursfähiges deutsches Geld
ainzulösen.
Die Reichsbank ist verpflichtet, die Noten der vom Reichskanzler bekannt
yemachten Privatbanken sowohl in Berlin als auch bei ihren Zweiganstalten in
Städten von mehr als 80000 Einwohnern oder dem Sitze der Bank, welche die
Noten ausgegeben hat, zum vollen Nennwerte in Zahlung zu nehmen, so lange die
zusgebende Bank ihrer Noteneinlösungspflicht pünktlich nachkommt. Die auf diesem
Wege angenommenen Banknoten dürfen nur entweder zur Einlösung präsentiert,
»der zu Zahlungen an diejenige Bank, welche dieselbe ausgegeben hat oder zu
Zahlungen an dem Orte. wo letztere ihren Hauptsitz hat, verwendet werden,
        <pb n="208" />
        9

Die Reichsbank und ihre Zweiganstalten sind im gesamten Reichsgebiete
frei von staatlichen Einkommen- und Gewerbesteuern,
Die Reichsbank ist verpflichtet, ohne Entgelt für Rechnung des Reiches
Zahlungen anzunehmen und bis auf Höhe des Reichsguthabens zu leisten. Sie
ist berechtigt, die nämlichen Geschäfte für die Bundesstaaten zu übernehmen.
Das Grundkapital der Reichsbank besteht aus 120 Mill. Mk. (nach Ges.
v. 7. Juni 1899 aus 180 Mill, Mk,), geteilt in 40000 auf Namen lautende Anteile
von je 3000 Mk. Die Anteilseigener haften persönlich für die Verbindlichkeiten
der Reichsbank nicht. Aus dem beim Jahresabschlusse sich ergebenden Reinyewinn
 wird 1. den Anteilseigenern eine ordentliche Dividende von 4 1% (jetzt 3 1%)
des Grundkapitals berechnet, 2. von dem Mehrbetrage eine Quote von 20%, dem
Reservefonds zugeschrieben, so lange derselbe nicht ein Viertel des Grundkapitals
(jetzt !/;) erreicht hat, 3. der alsdann verbleibende Ueberrest zur Hälfte (jetzt */)
an die Anteilseigener, zur Hälfte (jetzt %,) an die Reichskasse gezahlt, (so weit die
Gesamtdividende der Anteilseigener nicht 8% übersteigt. Von dem weiter verbleibenden
 Reste erhalten die Anteilseigener ein Viertel, dıe Reichskasse drei Viertel.)
Die eingeklammerten Sätze sind nach dem Ges. v. 1899 in Fortfall gekommen.
Erreicht der Reingewinn nicht volle 4!/,%, (jetzt 31% °%) des Grundkapitals,
30 ist das Fehlende aus dem Reservefonds zu ersetzen,
Die dem Reiche zustehende Aufsicht über die Reichsbank wird von einem
Bankkuratorium ausgeübt, welches aus dem Reichskanzler als Vorsitzendem und
4 Mitgliedern besteht.
Die dem Reiche zustehende Leitung der Bank wird vom Reichskanzler und
unter diesen vom Reichsbankdirektorium ausgeübt. Das Reichsbankdirektorium ist
die verwaltende und ausführende so wie die die Reichsbank nach außen vertretende
Behörde, Die Beamten der Reichsbank haben die Rechte und Pflichten der Reichsbeamten;
 .
Die Rechnungen der Reichsbank unterliegen der Revision durch den Rechnungshof
 des deutschen Reiches. .
Die Anteilseigener üben die ihnen zustehende Beteiligung an der Verwaltung
der Reichsbank durch die Generalversammlung; außerdem durch einen aus ihrer
Mitte gewählten ständigen Zentralausschuß aus. Derselbe besteht aus 15 Mitgliedern,
 neben welchen 15 Stellvertreter zu wählen sind. Der Zentralausschuß
versammelt sich unter Vorsitz des Präsidenten des Reichsbankdirektoriums wenigstens
einmal monatlich, kann von demselben aber auch außerordentlich berufen werden,
Dem Zentralausschuß werden in jedem Monate die wöchentlichen Nachweisungen
über die Geschäftsthätigkeit zur Einsicht vorgelegt, sowie Ansichten und Vorschläge
des Direktoriums über den Gang der Geschäfte mitgeteilt. Die Mitglieder des
Zentralausschusses beziehen keine Besoldung, die fortlaufende spezielle Kontrolle
über die Verwaltung der Reichsbank üben drei von dem Zentralausschusse aus
zeinen Mitgliedern gewählte Deputierte.

Da sich die Einrichtung nach diesen gesetzlichen Bestimmungen
in jeder Hinsicht bewährt hat, lag eine Veranlassung zu einer
Aenderung nicht vor. Eine Anzahl Banken haben, wie erwähnt, von
selbst auf ihr Privilegium verzichtet. Von dem Rechte, nach dieser
Richtung einen Druck ‚auszuüben, hat die Reichsregierung keinen Gebrauch
 gemacht. Das gemischte System wird unzweifelhaft in absehbarer
 Zeit ebenso beibehalten werden, wie die Privatstellung der Reichsbank.
 Durch die Novellen von 1889 und 1899 sind nur die Anteile
der Aktionäre zu Gunsten der Reichsregierung.-geschmälert, in den
ersten anderthalb Dezennien waren ihnen etwas über 6%, ausgezahlt.
Da aber die Aktien zu 120 ausgegeben waren, so machte dieses thatsächlich
 nur eine Verzinsung von etwas über 5%, aus. Seit 1889 ist
Jiese noch weiter ermäßigt und noch in höherem Maße für die nächste
Zeit beschränkt, so daß damit ein Haupteinwand gegen die private
Natur der Bank in Fortfall gebracht ist. Die letzte Novelle brachte
noch eine Erweiterung des steuerfreien Notenumlaufs der Reichsbank
auf 450 Millionen, während die den übrigen Banken zugewiesenen Beträge
 unverändert blieben, Dadurch ist allerdings das Uebergewicht
der Reichsbank noch erhöht, aber ihre Leistungsfähigkeit nur den Be-
        <pb n="209" />
        dürfnissen entsprechend gesteigert, wie sie das Anwachsen der Bevölkerung
 und die Entwickelung des ganzen Verkehrs verlangten.
In Oesterreich wurde 1816 die Nationalbank zu dem Zwecke
zegründet, das damals zirkulierende Staatspapiergeld allmählich einzulösen
 und durch Noten zu ersetzen. Es handelte sich um eine Aktienbank,
 deren Verwaltung aber vom Staate eingesetzt und mit beträchtlichen
 Privilegien ausgestattet wurde. Vor allem war ihr allein die
Notenausgabe vorbehalten, und sie war berechtigt, Filialen in den verschiedenen
 Landesteilen zu errichten. Wir übergehen hier die mannigfaltigen
 Veränderungen und Schicksalsschläge, welche die Bank betroffen
 haben, um uns nur noch etwas dem gegenwärtigen Zustande
zuzuwenden. 1876 wurde die Nationalbank in die Oesterreichangarische
 Bank umgewandelt, um die Interessen beider Monarchien
gemeinsam zu vertreten; das betreffende Privilegium wurde bis zur
Gegenwart prolongiert und hat sich im Ganzen durchaus bewährt.
An der Spitze des Instituts steht der Generalrat. Demselben gehören
an: der vom Kaiser auf gemeinschaftlichen Vorschlag beider Finanzminister
 ernannte Gouverneur und zwei von der Generalversammlung
vorgeschlagene Vicegouverneure, von denen der eine ein österreichischer,
der andere ein ungarischer Staatsbürger sein muß, und die der Bestätigung
 des Kaisers unterworfen sind. 12 weitere Generalräte werden
von der Generalvyersammlung gewählt und vom Kaiser bestätigt. Der
Generalrat vertritt die Bank nach außen, leitet und ‚überwacht den
zanzun. Geschäftsbetrieb. Nach Gesetz vom 21. Mai 1887 muß der
Betrag der umlaufenden Noten mindestens bis zwei Fünftel bar gedeckt
 sein. Die ungedeckten Noten sind mit 200 Mill. Gulden kontingentiert.
 Kine darüber hinaus gehende Ausgabe ist mit 5% zu
versteuern. Die Bestimmungen in betreff der Bezüge der Bankteilhaber
sind ähnlich wie bei der deutschen Reichsbank, nur für dieselben
etwas günstiger normiert. .
Im britischen Reiche wurde, wie schon früher erwähnt, die
Bank von England 1694 errichtet und zwar zunächst als eine Korporation
 von Staatsgläubigern, die ihr ganzes Kapital von 1,2 Mill, Pf,
St. dem Staate vorschießen sollte. Der Staat verzinste dasselbe zunächst
 mit 8%, und steuerte noch 4000 Pf. St. zu den Verwaltungskosten
 hinzu.. Die Bank erlangte dafür das Privilegium, Bankgeschäfte zu
treiben und Noten zu emittieren mit der Bestimmung, daß keine Person
 und keine private Gesellschaft von mehr als 6 Personen eine
gleiche Konzession erhalten sollte. Im Jahre 1775 wurden Noten
unter 1 Pf, 1777 Noten unter 5 Pf. St. verboten, :eine Bestimmung,
welche aber in kritischen Zeiten suspendiert wurde, so daß namentlich
Anfang der 20er Jahre eine große Zahl von Einpfundnoten in Umlauf
waren, 1829 wurde -.das Verbot erneuert. 1797 sah sich die Bank
genötigt, ihre Barzahlüungen einzustellen, da sie dem Staate große
Vorschüsse hatte machen müssen. Sie wurde deshalb in diesem Jahre
von der Verpflichtung der Barzahlung entbunden, die erst 1821
wieder aufgenommen werden konnte.
Die eingreitendste Umgestaltung erfuhr die Bank durch die bereits
oesprochene Peels-Akte von 1844. Hiernach wurde für die Notenausgabe
 ein eigenes Departement geschaffen, neben dem Bankdepartement,
welches die Bankgeschäfte übernahm. Das erstere übergab dem
letzteren für 14 Mill. Pf. St. sichere Wertpapiere und erhielt dafür
len gleichen Betrag in Banknoten. Darüber hinaus durfte das De

Oesterreich.

England.
        <pb n="210" />
        Ürankreich.

partement Banknoten nur ausgeben gegen Deponierung von Edelmetall
‘höchstens ein Fünftel in Silber). Das Recht der anderen Banken in
England und Wales, die bisher Noten ausgegeben hatten, wurde auf
den damaligen Stand von 8,6 Mill. Pf. St. fixiert, dieser Betrag hat
sich bis auf 5,2 Mill. Pf. St. vermindert, der der Bauk von England
auf 16,8 Mill. erhöht. Besonders in der neueren Zeit hat sich der
Notenumlauf stets auf sehr niedrigem Niveau erhalten und die Metallleckung
 nur ganz ausnahmsweise überschritten, im Durchschnitt ihn
nicht erreicht.
Verhältnismäßig spät ist eine Centralbank in Frankreich gezründet.
 Es war die Caisse d’escompte, welche 1776 ins Leben trat,
and sofort Noten ausgab, wozu sie eines besonderen Privilegiums nicht
bedurfte, Das Gründungskapital belief sich auf 15 Mill. Fres., wovon
aber 10 Mill. als Garantiefonds dem Staatsschatze übergeben wurden.
Im Jahre 1800 löste sich diese Bank auf und ging in die neugegründete
Banque de France über, die über ein Aktienkapital von 30 Mill. Fres.
lisponierte. Ein von der Generalversammlung gewählter Direktionsrat
von 15 Mitgliedern führte die Verwaltung. Drei Mitglieder desselben
wurden von ihm selbst zur obersten Leitung bestimmt, drei von der
Generalversammlung gewählte Censoren überwachten die Führung der
Geschäfte. Der Staat selbst trat als erheblicher Aktionär bei und
überantwortete ihr die Staatsgelder zur Verwaltung. Schon 1803
wurde ihr das ausschließliche Privilegium der Notenausgabe erteilt,
während bis dahin dieselbe frei gewesen war, 1806 wurde die Leitung
in die Hände eines Gouverneurs und zweier Vicegouverneure gelegt,
die vom Staatsoberhaupt ernannt wurden, womit die Stellung der Bank
zum Staate völlig geändert wurde, Erst in der zweiten Hälfte der
dreißiger Jahre dehnte sie ihre Thätigkeit in erheblichem Maße auch
auf die Provinzen aus. Daneben aber wurde eine Anzahl Banken in
verschiedenen größeren Städten neu gegründet und mit dem Notenprivilegium
 versehen, von denen die neun damals bestehenden selbstständigen
 Provinzialbanken als Zweiganstalten der Bank von Frankreich
 absorbiert wurden und damit ist die Centralisation wiederum
vollständig ausgebildet. Das Aktienkapital wurde auf 921, Mill., die
Maximalgrenze des Notenumlaufs auf 452 Mill. fixiert. 1849 wurde
lie Maximalgrenze auf 525 Mill. erhöht. 1887 erhielt die Bank das Recht,
auch Noten bis zu 50 Fres, herunter zur Ausgabe zu bringen, während
diese Grenze bisher schon bei 200 Fres, bestanden hatte, und zugleich
wurde die bisherige Maximalgrenze des Zinsfußes von 6%, beseitigt.
Bis 1877 hatte sie 25 Filialen errichtet.
Bedeutsam für die Bank war der Vertrag mit dem Finanzminister,
wonach sie sich verpflichtete, dem Staatsschatze Vorschüsse zu machen,
zunächst bis zur Höhe von 60 Mill., deren Verzinsung sich nach dem
Diskontosatze richten sollte, aber 3%, nicht überschreiten durfte,
Während des deutsch-französischen Krieges wurden nun diese Darlehen
an den Staat bedeutend erweitert; im Juli 1871 bis 1470 Mill., welche
in jährlichen Ratenzahlungen getilgt werden sollten. Die Maximalgrenze
 des Notenumlaufes wurde im Dezember 1871 auf 2800 Mill.
arhöht und zugleich die Ausgabe von 5 und 10 Francsnoten angeordnet.
1872 erhöhte man das Maximum des Notenumlaufs, welches gestattet
war, auf 3200 Mill, Obgleich diese Höhe thatsächlich nie erreicht ist,
wurde sie 1897 doch auf 5000 Mill. erweitert. Zugleich war bis 1875
die Einlösungsverpflichtung suspendiert. die aber thatsächlich schon
        <pb n="211" />
        193

1874 wieder aufgenommen wurde, und in demselben Jahre wurden die
in Umlauf befindlichen Noten unter‘ 50 Fres. eingelöst. Die Noten
haben von dem Kriege her die Eigenschaft als gesetzliches Zahlungsmittel
 behalten. Die ursprüngliche Organisation hat sich in der Hauptsache
 bis auf die Gegenwart erhalten, wonach die Hauptleitung in
der Hand der von der Regierung ernannten Gouverneure und des
Direktionsrates liegt, der von der Generalversammlung der Aktionäre
gewählt wird. Drei derselben müssen aus den Generalzahlmeistern der
Finanzen, 5 andere, sowie die Censoren aus dem Industriellen- und
Kaufmannsstande gewählt werden.
Die Leitung der französischen Bank hat sich in dem letzten Jahrhundert
 in hohem Maße bewährt, und namentlich während des deutschfranzösischen
 Krieges sich allgemeine Anerkennung erworben.
Wir geben in dem Folgenden als Beispiel eine Uebersicht über
den Geschäftsstand der hauptsächlichsten Banken, um einen Anhalt
zur Beurteilung der Zahlenverhältnisse zu gewähren.
/Siehe Tabelle SS. 194.)

Kapitel VIL
Das Börsenwesen.

8 65.
Die Börse.

Kautsch, Allgemeines Börsenbuch. Stuttgart 1874,
7. Cohn, Die Börse, in Virchows und Holtzendorffs Sammlung, Jahrgang IT,
F. Struck, Dıe Effektenbörse. Leipzig 1881.
Wiedenfeld, Die Börse in ihren wirtschaftlichen Funktionen und ihrer rechtjichen
 Gestaltung vor und unter dem Börsengesetze 1898.
Art. Börsenwesen von Ehrenberg im Handw. d. Staatsw., 2. Aufl.

Die Börse nennt man den Ort eines größeren Marktplatzes, wo
sich zu bestimmten Zeiten die Geschäftsleute gewisser Branchen und
Handelsvermittler regelmäßig vereinigen, um nach einer vereinbarten
Börsenordnung Geschäfte abzuschließen und nach den gezahlten Preisen
die durchschnittlichen Tagespreise aufzustellen. Bald bilden sie private
Vereinigungen wie in England und Amerika, bald sind sie öffentliche,
vom Staate koncessionierte Institute, die unter Staatsaufsicht stehen,
mit vom Staate genehmigten Statuten, den Börsenordnungen, wie
meistens auf dem europäischen Kontinent. Im Gegensatz zum Marktverkehr
 werden an der Börse die Geschäfte über bestimmte Mengen
einer Gattung abgeschlossen, nicht über vorliegende Waren. An
der Börse können daher nur fungible oder vertretbare Waren gehandelt
werden.
Je nach dem Gegenstande des Geschäftes unterscheidet man
Effekten- oder Fondsbörsen, an welcher Papiere, aber auch Wechsel,
Geldsorten etc. gehandelt werden, und Waren- oder Produktenbörsen,
 wie Getreide-, Eisen-, Mehl-, Zucker-, Kaffeebörsen, Beide
Arten sind übrigens an vielen Orten nicht räumlich getrennt, sondern
wenigstens in einem Gebäude vereinigt, während allerdings, namentlich
in England, sich selbständige Warenbörsen ausgebildet haben.
Schon im alten Rom hat es regelmäßige börsenähnliche Zu- Geschichte
sammenkünfte der Kaufleute gegeben. Ebenso sind Anfänge dafür "
fonrad. Grundrifs der volit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl. 13
        <pb n="212" />
        — 194 —

Uebersicht über den Stand der hauptsächlichsten
Notenbanken
nach den zuletzt veröffentlichten Wochenausweisen im Durchschnitt des Jahres 1901
nach Chronik der Jahrb. f, Nat. Febr, 1902
(Mark und fremde Valuten, alles in Werten von Millionen.}

Veutsches Reich

r
Pr
!
A
£

% Bank
a D ;
S SE S von
IE 5 Frankreich
SS RN
F 24

Bank
von
England

Oesterreichisch-


Bank

YL.

Aktiva,
Barvorrat:
Metall { She ...

fres. | M._

Kr. | MM

2412,5 En — 2 —
nn
911,4) 81,1| 992,5| 3518,0| 00 35,77/ 730,8! 1246,1| 1059,1
35,7 25,8 6109) — 1 —' | Z | — | 57,8 492
la | — I 595 50,6
947,1! 106,4 ı 1053,51 3518,01 2849,6) 35,77 | 730,8 1863,4] 11580
Banking Dep.
Gorv. Sec,
15,76 | 322,1
Other Sec.
29.05 | 593,4

Summe
Sonstige Geldsorten .
Wechsel auf d. Ausld.
und Guthaben das.

4esamtsumme d. Barvorrats

Anlagen:
Wechsel ........
Lombard ........
Effekten ........
Sonstige Anlagen ..

Summe der Anlagen |1063,5| 272,2 | 1335,7' 1579,8| 1279,61 62,59 | 1278,6l 829,8| 705,3
2010.6| 378,6 | 2389,21 5097,8| 4129,2) 98,36 | 2009.41 2193.2| 1864.2

Summe der Aktiva

Russische
Staatsbank

Rbl. | M.

692,2] 1495,2
67,9 1466
760,1| 1641,8
18,1] 28,3
773,2! 1670.4

232,6| 502,4
207,4 448,0
39,0) 842
153.9) 980.1

932,9| 2015,0
1706.1| 36851

An

Passiva.
Grundkapital ...}
Reservefonds ...!|
Notenumlauf....
Verbindlichkeiten:
Täglich f Privatguthaben
fällig Oeffentl. Guthab.
Summe '
Sonstige Verbindlichkeiten '
Summe, der Passiva
Notenreserve im
Sinne d. betr. Bankges.
Deckung:
der Noten durch den
gesamten Barvorrat
durch Metall
_ d. Noten u. tägl. fällig.
Yerbindlichkeiten durch
den Barvorrat ....
Zinssätze: ı
Offizieller Diskont . . . — | —
Marktdiskont . .... | 3.06 | — —

150,0/ 91,0| 241,0] 190,5| 154,3! 210,0]
40,5/ 17,0| 57,5 34,5/ 27,9 10,3
1190,2| 158,6 | 1348,81] 4116,2| 3334,21 1398,8
| 559,3| 453,0] 40,92 | 836,0 160.0 3
596,0) 55,1 | 651] m 260 9,74 | 199,0] 73,3 623
596,6/ 55,1 651.7] 689,8| 558,71 50,66 1035,0| ACH 199,07
33,3 54,3 88,6/ 66,8, 54,11 0,56 11,51 3899| 288,9
2010,6| 377,0 | 2387,6| 5097,8| 4129,2' 98,36 | 2009,4] 2198,2| 1864,2'

14,55
3,02
29,57 |

249,2!

883.8] 715,9’

23,97 | 489,4
Proz.

237,4) 201,8)

Proz.

Proz.

Proz.

78,1
73,6

85,5
85,5

121,—
121 —
14.6

97,4
89.1

58.0 | 49.8 | 52,7

73,2

83.4

Yu

3,72 | “408
3,20 3,65

50,0! 108,0
5,01 10,8
560,2/ 12100
112,9 243,9
472,7| 1021.0
585,6| 1264,09
505,3/ 1091,4
1706,1| 3685,1

438,0] 946,1

Proz.

138,—
185,7

67,5

| 5,16—6,16
5.67— 211
        <pb n="213" />
        195

Bit. lat

schon im 12; und 18. Jahrhundert zu finden, namentlich auf den
Wechselmessen. . Der Ausdruck wird zurückgeführt auf den Platz in
Brügge, wo sich der Mittelpunkt des Wechsel- und Geldverkehres befand,
 und der „de Burse“ hieß, von wo sich dann der Ausdruck weiter
verbreitete. Die Pariser Börse läßt sich etwa bis Anfang des 14, Jahrhunderts
 zurückverfolgen. Die Londoner ist 1556, die Hamburger
1558 gegründet. An den Wechselverkehr schloß sich der Börsenverkehr
 in Leihbkapitalien für kaufmännische Zwecke. Erst später hat
sich der börsenmäßige Handel auch bei den Waren ausgebildet, als der
Umsatz sich derartig vergrößert hatte, daß sich Durchschnittsqualitäten
 herausbildeten, die, ohne die Ware zur Hand zu-haben, nach
Proben gehandelt werden konnten, und in denen berufsmäßig Spekulation
 getrieben wurde,
Im 16. Jahrhundert war die Börsentechnik noch wenig ausgebildet,
 doch kannte man bereits das Termingeschäft. Hine wesentliche
Förderung gewann die Börse in dem damaligen Centralpunkt des Weltverkehres,
 in Amsterdam, wo die Aktien der großen Kompagnien zum
Umsatz gelangten und sich eine berufsmäßige Börsenspekulation darin
entwickelte (Ehrenberg in d. Jahrb. für Nat.-Oek. 1892 3. F, Bd. 3 und
Zeitalter der Fugger Bd. 2). Noch im 17. Jahrhundert entstand dort
eine eigene Getreidebörse, bei der schon 1720 der Terminhandel zur
Anwendung gelangte. In England nahm das Börsenwesen besonders
Anfang des 18 Jahrhunderts einen. erheblichen Aufschwung, wo die
Zahl der Aktiengesellschaften in bedeutendem Maße anwuchs und der
Börse erhebliches Spekulationsmaterial bot. Zur selben Zeit gelang es
dann bekanntlich John Law in Paris einen großartigen Börsenschwindel
 ins Leben zu rufen, der als Beweis gilt, wie wohl vorbereitet
dafür der Boden dort in jener Zeit bereits gewesen ist. 1724 errichtete
 die Regierung in Paris eine offizielle Wechsel- und Fondsbörse,
welche bereits nach den verschiedensten Richtungen Einrichtungen enthielt,
 die sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Der Nutzen
derselben während des vorigen Jahrhundarts für die Gesamtheit wird
aber mit Recht in Zweifel gezogen.
In Deutschland lassen sich Wechselbörsen bis in die erste Hälfte
des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen und zwar hauptsächlich in Augsburg
 und Nürnberg; in der zweiten Hälfte in Hamburg. Anfang
des 17. Jahrhunderts finden wir sie bereits in Lübeck, Königsberg,
Bremen, Frankfurt a. M. und Leipzig, wo neben den Wechseln
auch Geldsorten, Leihbkapitalien und hier und da auch Waren zum
Umsatz gelangten... Die erste wirkliche Fondsbörse in Deutschland
wurde in Wien 1771 von der Regierung gegründet und nach dem
Pariser Vorbild unter staatliche Kontrolle gestellt, sonstige Börsen aber
verboten. Noch 1799 wurden hier nur 24 verschiedene Arten von
Staatsobligationen und sonstigen in Betracht kommenden Papieren
gehandelt. In Berlin entwickelte sich die Börse seit dem Anfang des
18. Jahrhunderts und wurde sowohl von Friedrich Wilhelm I., wie
von Friedrich dem Großen entschieden begünstigt.
Ihre volle Bedeutung hat die Börse aber erst im Laufe des letzten
Jahrhunderts gewonnen; einmal infolge der großen. Staatsanleihen, die
in wachsender Ausdehnung kontrahiert wurden und nur durch die Börse
realisiert werden konnten; dann durch: die gewaltigen Bedürfnisse ‚der
Eisenbahnen, denen. die Börse zu Hilfe kommen mußte, und schließlich
 durch die großen Aktienbanken, durch: welche ‚große ‚Mengen. von
49%
        <pb n="214" />
        196 —

Rechtliche
Stellung.

Einrichtungen
 an der
Börse.

Papieren mit sehr schwankendem Kurse geschaffen wurden, die die
Grundlage für die moderne Börsenspekulation geworden sind. Die
Warenbörsen dagegen entwickelten sich mit dem immer größeren Umsatz
 fungibler Waren im internationalen Verkehr, bei dem dann der
Terminhandel sich immer allgemeiner einbürgerte und eine. wachsende
Konzentration des Handels mit bestimmten Waren und an einzelnen
Plätzen herbeiführte.
Die rechtliche Stellung der Börse ist in den verschiedenen” Ländern,
 selbst innerhalb Deutschlands eine außerordentlich ungleiche.
In England sind die Börsen rein privater Natur, meistens Aktiengesellschaften.
 In Amerika beruhen die Produktenbörsen von Chicago
und New-York auf Staatsgesetzen, die übrigen sind gleichfalls private
Vereinigungen. In Frankreich und Oesterreich bedürfen dieselben
der staatlichen‘ Genehmigung. In dem letzteren Lande wird die
Öberaufsicht durch einen Börsenkommissar geführt, in Frankreich
hauptsächlich durch die Handelskammern, aber auch der Maire besitzt
ein polizeiliches Aufsichtsrecht über dieselben. In Deutschland war
bisher der Rechtszustand sehr verschieden. Die Errichtung einer Börse
war in Preußen nach dem Gesetz von 1861, ebenso wie die Börsenordnungen
 von der Genehmigung des Handelsministers abhängig. ‘In
Hamburg und Leipzig hatten die Handelskammern die Oberaufsicht
über die Börse. In München und Dresden waren sie reine
Privatvereine, Das Gesetz vom 22, Juni 1896 für ‚Deutschland hat
nun die Verhältnisse mehr einheitlich geregelt und allgemein die Börse
von der staatlichen Genehmigung abhängig gemacht. : Die Aufsicht
kann danach durch besondere staatliche. Behörden, oder durch dazu
ausgewählte Organe, wie die Handelskammern etc. ausgeübt werden,
Denselben Bestimmungen sind auch die mit der Börse verbundenen
Anstalten, wie Liquidationskassen, Kündigungsbureaus etc, unterworfen.
Außerdem können nach dem Gesetze Staatskommissare ernannt werden,
welche die Beobachtung der gesetzlichen Bestimmungen und den ganzen
Geschäftsverkehr zu überwachen haben. Sie sind berechtigt, den Beratungen
 der Börsenorgane beizuwohnen und sich an der Diskussion
zu beteiligen. Sie haben dem Ministerium über beobachtete Mißstände
 Bericht zu erstatten. Dem Bundesrate sind dabei weitgehende
Befugnisse in betreff der Börseneinrichtung eingeräumt, namentlich
der Feststellung der Preise und Kurse, des Emissions- und Termingeschäftswesens.
 MKEin besonderer vom Bundesrate gewählter Börsenausschuß
 soll dem Bundesrate zur Seite stehen. Die Hälfte der
Mitglieder wird von dem Börsenorgan vorgeschlagen, die andere Hälfte
soll aus Vertretern der Landwirtschaft und Industrie gewählt werden.
Das Gesetz giebt außerdem eine Reihe von Bestimmungen für die
Börsenordnung selbst, wie für die Handhabung derselben.
Die Börse hat sich allmählich aus dem offenen Markte beraus
entwickelt, im Laute der Zeit aber immer ‘mehr Korporationscharakter
angenommen; wir finden deshalb noch solche, die den ursprünglichen
Charakter in hohem Maße gewahrt haben, und dagegen solche, die
bereits zu einer sehr festen, abgeschlossenen Organisation gelangt sind.
Den ersteren Charakter hat sich wohl am meisten die Hamburger
Börse bewahrt, an welcher „alle anständigen männlichen Personen“
Zutritt und das Recht der Geschäftsbeteiligung haben. Nur ehrenrührige
 Handlungen, Bankerott etc. haben Ausschluß von der Börse
zur. Folge, so daß auch Nichtkaufleute dort ihre Geschäfte machen
        <pb n="215" />
        — 197 —

können und Rechtsanwälte, Hilfspersonen etc, dieselbe besuchen. Bis
in die neuere Zeit waren alle Arten der Börsengeschäfte an demselben
Platz vereinigt. Erst in. der neueren Zeit haben sich einzelne Zweige
zu Spezialbörsen in besonderen Räumen abgezweigt. Das andere Extrem
einer geschlossenen Körperschaft hat sich in England ausgebildet und
zwar bereits seit etwa einem Jahrhundert. Die Londoner Fondsbörse
ist jetzt ein Privatverein, der sich für den Geschäftsbetrieb selbst
Statuten gegeben hat, sich durch diese Statuten auf das engste abschließt
 und den KEintritt in hohem Maße beschränkt. Der Zutritt
ist in der Regel nur auf Vorschlag von drei älteren Mitgliedern möglich,
 die für den Vorgeschlagenen bis zu 500 Pfund Sterling für die
nächsten 4 Jahre die Bürgschaft übernehmen. Besondere Erschwerungen
sind noch für solche Personen vorhanden, die einmal falliert haben.
Außerdem ist der Zutritt Jedem verschlossen, der selbst oder dessen
Frau an einem anderen Geschäftszweige als dem Effektenhandel beteiligt
 ist, um also ausdrücklich nur spezialisierte Geschäftsmänner an
der Börse zu vereinigen und die Kontrolle der Kreditwürdigkeit der
Mitglieder zu erleichtern. Auf diese Weise ist die Londoner Effektenbörse
 ein festgeschlossener Verein gleichartiger Geschäftstreibender,
Streitigkeiten zwischen den Mitgliedern auf Grund von Börsengeschäften
werden durch ein Schiedsgericht von den streitenden Parteien erwählter
Vereinsmitglieder geschlichtet. Wenn durch dieses keine Entscheidung
zu erlangen ist oder allgemeine Interessen dabei in Frage kommen,
übernimmt der Vorstand der Börse selbst die schiedsrichterliche Thätigkeit.
 Die meisten englischen und amerikanischen‘ Börsen sind ähnlich
eingerichtet. Mehrfach wird die Beschränkung noch durch hohe Geldsinzahlung
 verschärft.
Das deutsche Gesetz von 1896 schließt von dem Börsenbesuche nur
Frauen aus und außerdem Personen, denen ein besonderer rechtskräftig
festgestellter Makel anhaftet; im übrigen ist die Entscheidung den
Börsenordnungen vorbehalten. Die bisherigen Unterschiede sind deshalb
nicht aufgehoben. Die Zahl der zum Börsenbesuche Berechtigten betrug
(nach Schanz, Wörterbuch der Volkswirtschaft) im Jahre 1892 in
erlin 3362, in Frankfurt a. M. 618, in Leipzig 585, in Köln 301, in
München 125, in Magdeburg 104, in Dresden 55; in Hamburg war
die Zahl der thatsächlichen Besucher auf 5—6000, in London bei der
stock exchange auf 3371 geschätzt. In Wien rechnete man an der
Börse, Sektion für Effekten, 1294, für Waren 223, an der Börse für
landwirtschaftliche Produkte 1405.
Nach dem deutschen Gesetz ist es dem Bundesrate überlassen,
durch wen die Börsenaufsichtsbehörde zu bilden ist. Bald wird sie
durch die Handelskammern gewählt, bald durch die Aeltesten der
Kaufmannschaft; hier und da auch durch eine selbstgewählte Börsenkommission.

Ebenso ist der Börsenvorstand, der die eigentliche Leitung in
der Hand hat, bald von Handelskammern eingesetzt, bald aus der
Börse selbst hervorgegangen. An jeder Börse ist ein Ehrengericht zu
bilden, weiches wiederum bald von der Handelskammer, bald von den
Börsenmitgliedern oder den Börsenorganen zu wählen ist. Dasselbe
hat alle unlauteren Gebarungen an der Börse zur Untersuchung zu
ziehen und darüber ein Urteil zu fällen. Der Staatskommissar ist über
die Vorgänge zu informieren und zu den Verhandlungen zuzuziehen,
Er kann selbständig das Verfahren über ihm nicht gerechtfertigt er-
        <pb n="216" />
        198 —

scheinende Vorgänge einleiten. Es kommen dabei namentlich in Betracht:
 Scheingeschäfte, arglistige Beeinflussung der Kurse durch Verbreitung
 falscher Gerüchte, Aufstellung von Geschäftsbedingungen,
die gegen den kaufmännischen Anstand verstoßen etc. Aehnliche
Einrichtungen finden sich auch‘ an ausländischen Börsen. An allen
größeren Börsen bestehen außerdem Schiedsgerichte, welche im einzelnen
 Falle ihr Urteil über die Börsenusancen abzugeben haben; und
alle Börsenbesucher verpflichten sich im voraus, sich dem Schiedsspruche
zu unterwerfen. Das Gesetz von 1896 hat hier eine Beschränkung
vorgenommen, indem diese Unterwerfung unter den Schiedsspruch sich
nur auf den beteiligten Kaufmann oder die für den betreffenden Geschäftszweig
 in das Börsenregister eingetragenen Personen erstreckt,
oder wenn die Unterwerfung unter das Schiedsgericht nach Entstehung
des Streitfalles erfolgte. ;
Außerdem sind allgemein besondere Kommissionen eingesetzt, welche
über die Lieferbarkeit von Waren und Effekten zu entscheiden haben,
wie über die Zulassung von Wertpapieren. Außerdem bestehen Abrechnungsstellen,
 Kündigungsbureaus ete.

Arten der
Börsenyeschäfte.


S 66.
Die hauptsächlichsten Börsengeschäfte.
Zericht der Börsen-Enquete-Kommission nebst Anlagen. Berlin 1892.
Handwörterbuch, Supplementband I, Art. Börsenwesen.
7. Cohn, Zeit- und Differenzgeschäfte, Jahrb. für Nationalökonomie, Bd. VII
X.
Conrad, Die Monatspreise des Getreides, Jahrb. 1895.
Schumacher, Ueber die amerikanischen Getreidebörsen in Jahrb., 3.F, Ba. XI,
1896 S. 64 ff.
Emery, Speculation on the Stock and Produce Exchanges of the Un. St.
New. York 1896,
Sayous, Etude 6conomique et juridique sur les Bourses allemandes. 1898,
Ders., Die Reorganisation der französischen Produkten- und Warenbörse.
Jahrb. £. Nationalökonomie 1898. Bd. XVI.

ınd

Die Börsengeschäfte zerfallen in verschiedene Arten. 1. Die
Kassa- oder Comptantegeschäfte bei der Fondsbörse und Locooder
 Effektivgeschäfte bei der Warenbörse. Sie erledigen sich
am Tage des Geschäftsabschlusses oder spätestens wenige Tage darauf.
An die Kassengeschäfte schließen sich die einfachen Lieferungszeschäfte
 an, die nicht unmittelbare Erledigung finden, sondern bei
denen erst ein späterer Termin dafür in Aussicht genommen wird.
Sie spielen eine größere Rolle nur bei der Warenbörse und gehören
auch noch zu den Effektivgeschäften. Jeder Kapitalist, der Gelder
fest anlegen will und sich durch seinen Bankier bestimmte Papiere
kaufen läßt, macht indirekt auf diese Weise ein Kassageschäft, welches
mit einer Spekulation gar nichts zu thun haben braucht. Es ist daher
sehr falsch, zu meinen, daß an der Börse nur Spekulationsgeschäfte
gemacht würden. Ebenso machen Müller ihre Einkäufe an der Börse
als Effektivgeschäfte, .um sich ihren Bedarf zu decken, wie eventuell
der Gutsbesitzer und kleine Händler in der Provinz durch einen
Kommissar Lieferungsgeschäfte an der Börse abschließen läßt, um
sich zu bestimmter Zeit Absatz und bestimmte Einnahme zu sichern.
Auch hier bleiben dies Effektivgeschäfte, wie an der Fondsbörse die
Anlagegeschäfte die eigentliche Grundlage des Börsenverkehrs bilden.
        <pb n="217" />
        ‚199 —

Diesen gegenüber stehen 2. die Termiugeschäfte, auch Zeitge- Terminschäfte
 genannt. Die Voraussetzung dabei ist, daß noch in höherem geschäfte.
Maße, als bei sonstigen Börsengeschäften die Qualität der zu handelnden
 Ware durch (Jewohnheitsrecht oder durch die Börsenordnung
genau bestimmt ist und sie in großer Masse in derselben Qualität
dem Verkehre zur Verfügung steht, so daß nur das zu liefernde
Quantum angegeben wird, wobei die Börsenordnung eventuell auch nur bestimmte
 Abteilungen zuläßt, und die Preise von den handelnden Parteien
 vereinbart werden (Ehrenberg und Wiedenfeld). Sie sind
zugleich Lieferungs- und daher Zeitgeschäfte, für welche bestimmte
Lieferungstermine allgemein vorgeschrieben sind, mitunter Mitte, meistens
aber Ende jeden Monats, daher diese Geschäfte auch U1timogeschäfte,
namentlich in Deutschland, genannt werden. Die Warenbörse hat sich
allerdings in einem höheren Maße von solchen festen Regulierungsserminen
 ferngehalten, Die Geschäfte werden einfach „fix“ geschlossen
der „fix und täglich“. In dem letzteren Falle hat jede der Parteien
Jas Recht, der Käufer durch Kündigung, der Verkäufer durch „Ankündigung“
 schon vorher die Erfüllung zu verlangen.
3. Ein Differenzgeschäft liegt vor, wenn die Geschäfte unter
der Voraussetzung abgeschlossen werden, daß die Lieferung nicht verlangt
 wird, sondern nur die Preisdifferenz zur Abrechnung gelangen
zoll. Also es kauft Jemand im Termingeschäft 1000 Tonnen Weizen
zu 200 Mk. ultimo April. Steigt inzwischen der Preis auf 205 Mk,.,
so bietet der Verkäufer die Zahlung der Differenz von 5000 Mk. an
und verzichtet auf die Lieferung; der Käufer hat den Profit bezogen
and ist damit befriedigt. Besitzt der Verkäufer die Ware, so sucht er
sie nun anderweitig zu verkaufen, und daraus einen Gewinn zu ziehen,
um sich schadlos zu halten.
Den Differenzgeschäften sehr nahe stehend sind 4. die Prämienzeschäfte,
 wo gleichfalls jeder Partei frei steht, von dem Geschäfte
zurückzutreten, aber nicht gegen schwankende Differenz, sondern eine
festausgemachte Prämie oder auch unter Zerlegung in ein Vor- oder Rückprämiengeschäft,
 wo bei dem ersten der Käufer, bei dem zweiten der Verkäufer
 das Recht hat, gegen ein Reugeld zurückzutreten. Eine Rolle spie-{en
 ferner 5. die Prolongations- oder Kostgeschäfte, auch Report-
 und Deportgeschäfte genannt. Sie bestehen darin, daß der
Spekulant die Erledigung des Geschäftes hinauszuschieben sucht, weil
ar ev. im Momente nicht liefern kann, oder die Effekten nicht abgeben
will, weil er ein erhebliches Steigen erwartet. Er erstrebt deshalb eine
Prolongation, verkauft die Papiere zum gegenwärtigen Ultimokurse und
kauft sie gleichzeitig zum nächsten Ultimo zurück. Die Differenz
zwischen den beiden vereinbarten Kursen wird Report genannt, wenn
der spätere Kurs höher ist als der momentane, in Oesterreich „Kostgeld‘,
 umgekehrt Deport, in Oesterreich „Leihgeld‘“.
Um die richtige Erledigung der Geschäfte zu gewährleisten, haben
sich an den Börsen, wo Termingeschäfte gemacht werden, besondere
Einrichtungen ausgebildet, wie an der Berliner Fondsbörse der Liquiiationsverein,
 an der Warenbörse die Liquidationskasse. An
der ersteren sind sämtliche Berliner Börsenfirmen beteiligt, die regelmäßig
 Termingeschäfte machen. Jeder Teilhaber erhält vor der
Ultimoregulierung Scontrobogen, oder „Scontri“, auf denen die Name a
aller beteiligten Firmen vorgedruckt sind, und verzeichnet auf SE, Da
selben seine Kauf- und Verkaufgeschäfte und dementsprechen &amp;amp; IN
5 Universität &amp;amp;
x ww
x KIEL 2
SG
9, &amp;amp;
ya ey

Reportyeschäfte.
        <pb n="218" />
        — 200 —

Makler.

Kurszettel.

zu zahlenden und zu empfangenden Betrag. Der Verein kompensiert
nun die betreffenden Summen und stellt die Ueberschüsse fest, worüber
Lieferscheine ausgestellt werden, auf Grund welcher am Tage vor
dem Ultimo die Lieferung geschieht, und am Tage nach dem Ultimo
die Differenzzahlung. Der Verein steht mit der Bank des Berliner
Kassenvereins in Verbindung, welche die Lieferung der Papiere gegen
Einkassierung des Geldes übernimmt. Bei dem Warengeschäfte sind
die erwähnten Liquidationskassen in Berlin, Hamburg und a. O. eingerichtet,
 welche, wie die vorerwähnten Vereine die Abwickelung des
Geschäftes am Lieferungstermine vermitteln, außerdem aber gegen
Zahlung einer Prämie für die Erfüllung der Termingeschäfte die
xarantie übernehmen,
Zur Vermittelung des Geschäftes sind an der Börse Makler
thätig, welche in Deutschland Beamtenstellung haben, die durch das
Gesetz von 1896 noch besonders geregelt ist. Dieselben sind vereidigt
und verpflichtet, sich von allen eigenen Geschäften fern zu halten. Sie
stellen über jedes Geschäft eine Urkunde, „Schlußschein“ genannt,
aus und bescheinigen durch ihre Unterschrift mit notarieller Kraft den
Geschäftsabschluß. In England sind im Gegenteile diese Makler selbständige
 Geschäftsleute, welche die Vermittelung dadurch übernehmen,
daß sie fortdauernd auf eigene Rechnung kaufen und wieder verkaufen,
also selbst an die Stelle der Kauflustigen und der Verkäufer treten.
Die Börse ist von außerordentlicher Bedeutung seit langer Zeit
für die ganze Volkswirtschaft durch die besondere Verzeichnung der
bei ihr an den einzelnen Börsentagen durchschnittlich gebotenen und
gezahlten Preise geworden, d. i. durch die Ausstellung des Kurszettels an
der Fondsbörse, der Preisübersicht an der Warenbörse, welche für die
Preisregulierung im ganzen Lande und noch darüber hinaus maßgebend
geworden sind, Die verschiedenen Börsen stehen miteinander telegraphisch
 in Verbindung und beeinflussen sich gegenseitig durch die
Mitteilung darüber, wie sich bei ihnen die Preise gestaltet haben. Die
Kurs- und Preiszusammenstellung geschieht nun in Deutschland durch
die Makler, welche auf Grund der Schlußscheine am Ende der Börse
die Durchschnitte für die darin bezeichneten Geschäfte anfertigen und
Janach Kurse und Preise feststellen. Nach dem Gesetz von 1897
wirken nun bei der Aufstellung des Kurszettels außer den Kursmaklern
noch der Staatskommissar, der Börsenvorstand, die Börsensekretäre und
Vertreter der beteiligten Berufszweige mit. Die Kursmakler sind besondere
 aus der Zahl der Makler ausgewählte und besonders vereidigte
Persönlichkeiten. (E. Loeb, Kursfeststellung und Maklerwesen an der
Berliner Effektenbörse. Jahrb. f. Nat.-Oekon. 1890, BA. XD.

S 67.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Fondsbörse in
der Gegenwart.

nn a. a. O.
Pfleger und Geschwindt, Börsenreform in Deutschland. München 1
e Uhrenberg, Die F ondsspekulation und die u Ba
Why 9 9 - *

An der Börse konzentrieren sich in außerordentlichem Maße Verkäufer
 und Käufer für dieselben Güter. Dadurch wird einem Jeden
        <pb n="219" />
        9201

die Möglichkeit geboten, das dort gehandelte Objekt in der leichtesten
und angemessensten Weise los zu werden und ebenso es zu erlangen.
Die dort ausgebildete weitgehendste Konkurrenz führt im großen
Durchschnitte am besten zur Anpassung der Preise an die thatsächlichen
 Verhältnisse, denn das Verhältnis von Angebot und Nachfrage
tritt dort am übersichtlichsten zu "Tage. Man kann mit Zuversicht
sagen, daß, wenn eine solche Einrichtung sich nicht historisch bereits
antwickelt hätte, man genötigt wäre, sie neu zu schaffen, da sie sich
als unentbehrlich unter unseren Verhältnissen herausgestellt hat. Sie
ist nicht etwas willkürlich Geschaffenes, sondern mit innerer Notwendigkeit
 allmählich so Gewordenes, Die Fondsbörse erleichtert es dem
Kapitalisten, sich diejenige Anlage zu suchen, die er aus der großen
Auswahl nach dem Kurszettel für seine Verhältnisse als am passendsten
auswählt. Er ist sicher, dort das Papier zu finden, welches er wünscht,
wenn es überhaupt verkäuflich ist, und ebenso kann er darauf rechnen,
dort einen Käufer für sein Papier zu finden, wenn es irgend Anspruch
auf einen Kurs erheben kann; und die dort zu Tage tretende Konkurrenz
 sichert ihm im großen Ganzen den Preis, wie er den allgemeinen
 Verhältnissen entspricht. Es ist natürlich, daß, je größer ein
Markt ist, um so weniger einzelne Persönlichkeiten ein Uebergewicht
zu erlangen vermögen, und daß einer einseitig auftretenden Richtung,
die den Verhältnissen nicht genügend Rechnung trägt, sich auf
einem großen Markte sehr bald eine wachsende Zahl von Personen
zur Gegenwirkung vereinigt gegenüberstellen wird; und zwar mit
am so größerer Chance, je richtiger sie die thatsächlichen Verhältnisse
 beurteilt.
Es kommt ferner in Betracht, daß bei den ungeheuren Ansprüchen
an Kapital, welche heutigen Tages für die verschiedensten Organe
und Unternehmungen gemacht werden, die Unterbringung der betreffenden
 Summen ohne einen solchen konzentrierten Markt, der mit dem
gesamten zahlungsfähigen Publikum in Beziehung steht, nicht möglich
wäre, wie es heutigen Tages durch die gesamten Emissionen fortdauernd.
 geschieht. Hierbei kommen in Betracht einmal die Staatsund
 Kommunalanleihen, die für den KEisenbahnbau aufgenommenen
Summen, drittens in der Form von Industrieaktien angelegten Beträge,
schließlich die bedeutenden Summen, welche als Hypothekendarlehen
der Landwirtschaft zugänglich gemacht werden und die in der neueren
Zeit immer mehr in der Form von Inhaberpfandbriefen der landwirtschaftlichen
 Kreditinstitute und Bodenkreditaktienbanken aufgenommen
und an der Börse in Umlauf gesetzt werden. Ende 1895 zirkulierten
ın Deutschland 4435 Mill. Mk. Pfandbriefe der letzteren Institute, von
ersteren über eine Milliarde (Gustar Cohn).
Alle diese Papiere werden an der Börse zum Verkaufe ausgeboten
ınd können nur untergebracht werden dadurch, daß von dem ganzen
Lande, ja auch aus dem Auslande sich die Kauflustigen an die Centralfondsbörse
 wenden und dort ihre Ankäufe machen, und daß eventuell
das Angebot auch an ausländischen Börsen geschieht, um auch dort
Käufer heranzuziehen. .
Aus den folgenden Tabellen ergiebt sich zugleich die große Mannig-/altigkeit
 der Gelegenheit der Anlage, die mit einem jeden Jahre noch
eine Erweiterung aufweist. Der Kurszettel der Londoner Börse um-{aßte
 1815 nur 30 Papiere, schon 1889 1630, Der Berliner Kurszette]
anthielt 1820 nur 11 Effekten. 1880 613. 1889 1137. neben 33 aus-
        <pb n="220" />
        — 202 —

ländischen Wechseln, Noten, Papiergeld und Münzsorten. (Statist. Anlagen
 zu den Materialien der Börsenenquetekommission. Berlin 1892/93.)
Nach der Anlage zur Begründung des Entwurfes eines Ergänzungssteuergesetzes
 1892/93 schätzte der Minister Miquel das preußische
private Kapitalvermögen für das Jahr 1889 auf 73,8 Milliarden. Davon
wären angelegt 6 Milliarden in preußischen Staatsanleihen, in der Hälfte
der Reichsanleihen 620 Millionen, 1,2 Milliarden in Kommunalanleihen,
1’, Milliarden in ausländischen Wertpapieren, 3350 Millionen in
preußischen Aktien, zusammen 12,7 Milliarden Mk.; mit 17 Milliarden
Hypotheken- und Pfandbriefen fast 30 Milliarden in Form eines Leihkapitals.
 Hieraus ergeben sich die kolossalen Beträge, die untergebracht
 werden müssen, und wenn man sich auf der anderen Seite
gegenwärtig. hält, daß die Ersparnisse, welche in jedem Jahre in
Deutschland gemacht werden, nach der Schätzung Schmollers 2
bis 21, Milliarden Mk. betragen, von denen mindestens eine Milliarde
in Wertpapieren eine Anlage suchen, so kann man sich einen Begriff
davon machen, welche umfassende Vorkehrungen notwendig sind, um
diesem wirtschaftlichen Bedürfnisse entgegenzukommen. Ohne die
Börse wäre der Kapitalist allein angewiesen, sich an einzelne Bankiers
zu wenden, die ausschließlich in der Lage wären, gewünschte Papiere
auf Lager zu halten und an das Publikum abzutreten; und ebenso
dieselben wiederum nach Bedarf zu verkaufen. Sie würden dadurch
die gewaltigste Uebermacht gewinnen und das Publikum in der exiremsten
 Art und Weise auszubeuten vermögen. Ihre Macht ist
durch die ausgedehnte Konkurrenz an der Börse und durch die dort
herrschende Oeffentlichkeit gebrochen und dadurch ein ungeheurer
Fortschritt erzielt.
(Siehe Tabellen 203, 204, 205 u. 206.)
$ 68,
Die Bedeutung der Warenbörse.

Panierware.

In der gleichen Weise wie bei den Wertpapieren hat sich in der
aeueren Zeit auch bei einzelnen Waren das Bedürfnis einer solchen
Konzentration des Handels herausgestellt und zugleich das Streben,
ihn von der Last des thatsächlichen Umsatzes zu emanzipieren, um
damit der Spekulation größere Freiheit zu gewähren. Dieses ist geschehen,
 indem man von dem unmittelbaren Umsatz der Ware, welche
auf den offenen Markt gebracht wurde und dort in die Hand des
Käufers gelangte, zu dem Handel in dem geschlossenen, konzentrierten
Markt nach Probe unter Verbindung mit dem Zeitgeschäft überging.
Eine weitere Ausbildung war es, als man zu dem Termingeschäft überzing,
 und hier von der thatsächlich vorliegenden Ware mehr und mehr
absah und eine Papierware an die Stelle setzte, um auch bei ihr die
möglichste Vertretbarkeit zu erzielen, wie sie bei den Börsenpapieren
vorlag. Man wählte die Qualität aus, welche am leichtesten zu bestimmen
 und in den größten Mengen disponibel war, wo man also
imstande war, Handelsgeschäfte abzuschließen ohne genauere Qualitätsbestimmungen
 und die Beschaffung des gehandelten Materials keine
Schwierigkeiten bot; so für Kaffee in Hamburg, Mittelgut Santos,
ebenso für Weizen, mittlere Ware zu einem niedrigen Gewicht, so daß
aun die Spekulation unbekümmert um die im Momente vorliegende
Ware vor sich gehen kann. Sehr falsch ist aber die Meinung, als ob
        <pb n="221" />
        208

Emissionen im Jahre 1899.?)

‘Nach dem Moniteur des interöts materiels No. 14 vom 18. Febr. 1900,
S. Wirtschaftschronik der Jahrb. f. Nat.-Oek. 1900, Bd. XIX.)

In Tausend Mark ?).

Deutschland
England u. Kolonien
Arankreich u. Kolon.
Jesterreich-Ungarn
Rußland
Belgien
Bulgarien
Dänemark
Jriechenland
[talien
Luxemburg
Niederlande und
Kolonien
Norwegen
Schweden
Portugal und Kolonien

Rumänien
Schweiz
Serbien
Spanien
Türkei
Vereinigte Staaten
von Nordamerika
Janada
Uebriges Amerika
Dongostaat
Aegypten
Transvaal
Uebriges Afrika
China
Japan

Staaten,
Zrovinzen!
und
Städte

603 855
278 913
209 498

257074
2492

8882
24.047
12 576!

76 747
44 550
24.300
8839

9 766 |
71.074
21 668

51 997
[RO 991)

-
„£
SE
„a3
rs]
An’
Ca
DZ
4a
I
„25

Kredit- |
nstitute

501613! 947 67C
166 605 1743 450
271 241| 721541
76956, 68811
11.580 | 8312 816
631981 311908
48 698
8464
156 321 |
!

2974|

10781
16 953
206 451

29.584.

95 566
2 940

113 039
45 380
33 546
7859
13.223
76393
{O1 149
44810

38 434
851

Konver- Insgesamt!
. im Jahre
Herungen | 1899

2 053 138
2 188 968
1 202 280
139 967
597 650
877 589

16 200 |

Wa

6629
52 699
69 883
R 464

183 927
30 624
492 576

13.055
93 700
283 585
24 300
104 405
2940

434 508

113 039
55 146
639 128
7859
73325
77 944
Le

6075

RE

Oo SS
Ba
8.25
Fa
AO
5
9 &amp;lt;
SD
58

2 370627
2209 673
918 753
198 250
i 042 156
138 719
1215
21832
34 982
18372
5103
257 997

10 750
162 510
79476
1594
9910
ß 984.

268 940
68 074
259 555
13532
66 923
39 494
42 670
291 600

2018 511 | 1 220 618 | 5 385 269 | 507 295 | 9131698 | 8 539 691

1) Die Statistik umfaßt -— abweichend von den üblichen Emissionsstatistiken
— nicht die in den einzelnen Ländern zur Emission gelangten Werte, sondern die
von diesen Ländern, bezw. deren Volkswirtschaft in Anspruch genommenen Kredite.
So sind z. B. die 92,3 Mill, Mk, in Frankreich begebenen Pfandbriefe der russischen
Adels-Agrarbank nicht in der bei Frankreich genannten Ziffer von 1 202,3 Mill. Mk.
mit einbegriffen, sondern in derjenigen für Rußland,
2) Bei der Umrechnung ist der Franc = 81 Pf, gesetzt.
3) In den Summen für 1898 sind die Konvertierungen mit enthalten.
        <pb n="222" />
        204 —

Jahr
1871
1872
1873
1874
1875
L876
1877
1878
1879
1RQ0

Gesamtemissionen der Jahre 1871/1899.
Emissionen £missionen Emissionen
Milliarden Mk Milliarden Mk. Jahr Milliarden Mk
1891 62
1892 7A
1893
1894
1895
1896
1897
1898
1899

Jahr
1881
1882
1883
1884
1885
1886
1887
1888
1889
1890

©
}
%
4

|
‘16
6.

Emissionen nach großen Ländergruppen
in Beträgen und Prozenten.

England und Kolonien

Europäischer Kontinent

Afrika
Amerika
China und Japan

[Q99

1898 | 1897 |
Mill. | 0
Mic] %

1896

1895

Mill. |
Me In

| 04
MEN | op

Mill. |
Me Io

Mill. |.
Mk. | /0

2189 |

24.0! 22091 25,9|

9753

354 | 92497

184] 1811 248

5288; 57,0 | 5279 61,8 4267| 54,9 | 94238
266| 2,9| 163| 1,9| 1561| 19| 92
1107' 12,1| 597| 7.°° 475| 61|120f
282! 8,11 2921 3. 2127| 17! 382

69.5

2625 49,6
205: 39
728° 187
425 80

C

| 9132 1 100,0] 8540 | 100,0| 7773 | 100,0/18 545| 100,0] 5289 | 100,0

Emissionen nach Wertpapierkategorien in Prozenten.,

1899 | 1898 | 1897 | 1896 | 1895 | 1894 | 1893 1892 | 1891 | 1800
9% | % | % Yo WA 0% 0 0

Staaten, Provinzen, Städte 34,7! 36,6 | 38,0‘ 21,6
Kreditinstitute 92 2,71 25,31 75
Eisenbahnen u. Industriegesellschaften
 6 502 30.4 ı 48,6
Konvertierungen 24.0] 3,5 6,3] 22,3
[100,01 100,0! 100,0! 100,0] 100,0] 100,0 100,0| 100,0; 100,0| 100.0
        <pb n="223" />
        — 9205 —

Emissionen in Deutschland.
Nach dem „Deutschen Oekonomist“ von W. Christians.)
Millionen Mark.

Deutsche Papiere
Ausländ. Papiere

Gesamtemission.

darunter :
Anleihen von -
Staaten, Gemein-'
Jen und KEisenbahnen
 des ee
iandes \
Bankwesen und!
Industrie im In-]
und Auslande |
speciell: '
[Inländ. Industrieaktien
 |

1901

"000

1899

1898

SP | a
5 N SH
a3 | SE
©
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x Pr
ST | ae ER
= 5 5 Ca
82 SE1d®
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&amp;gt; —

5%
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- 1
SS &amp;amp; Da
78 | SH
3 £
A DD Md E

452,2
2582

460,8"
242,4

316,
280.4.

| 501,8‘ 2 001,
275.3) 2321

1377,6 „389,6/ 16974
2838|] 732.3| 709.7

i 710.4

1 703.2 11 596.7

1777.11 2 233,6] 2 611.Al 2 121,9/ 2 407.1

240,3

293.5

257,2

945.3)

184,1) 172,6l

673,5]

648,1

346.0

105,7

631.31 838,8)

817,0 1 242,2] 738,9 1 055,3

116.1 1 1643 I 2975| 461.1) 515.01 861.4] 310.2] 520.6

infolge dessen die Preise in Papierware völlig unabhängig von dem
thatsächlichen Verhältnis von Angebot und Nachfrage zu bestimmen
wären. Der Terminhandel ist nicht ein für sich selbst dastehender
Handel, sondern er ist nur eine Fortsetzung des thatsächlichen Umsatzhandels
 vermittelst einer feineren Wage. Sind Aussichten auf eine
günstige Ernte vorhanden, so wird dadurch die Spekulation &amp;amp; la Hauße
animiert. Zuerst wird lieferbare Ware für einen bestimmten Termin
von denjenigen ausbedungen, welche sie thatsächlich gebrauchen,
wie an dem Frühmarkt in Berlin. Dann bemächtigt sich die reine
Spekulation der Frage und es wird num mit größeren Massen Papierware
 gehandelt. . Die Parteien stehen sich gegenüber und wägen von
Tag zu Tag, von Woche zu Woche ab, wie sich nach Ablauf eines
Viertel-, eines halben Jahres das Verhältnis von Angebot und Nachfrage
 wohl gestalten wird; wie weit danach die Preise in die Höhe
gehen werden. Geht die eine Partei in ihren Hoffnungen zu weit,
30 bildet sich sofort eine Kontremine, um ä la Baiße zu spekulieren.
Je mehr ihre Auffassung der Wirklichkeit entspricht, um so mehr
Anhang gewinnt sie und erlangt ein Uebergewicht, bis auch sie die
angemessene Grenze überschritten hat, und wiederum die Haußeapekulation
 mehr Chancen gewinnt. Auf diese Weise findet eine viel Ausgleichengrößere
 Ausgleichung der Preise statt, als sie ohne dieses Mittel möglich de Wirkung
wäre, und die Untersuchungen von Gustav Cohn (Jahrb. f. Nat.-Oek. den Termin

1) Darunter (provisorisch in die Statistik eingesetzt) 250 Mill. M. Pfandbriefe
von Hypothekenbanken und anderen Pfandbriefinstituten. Der Verkauf dieser
Werte vollzieht sich durchweg unter der Hand auf Grund der Zulassung großer
Summen zum Börsenhandel, welche erst im Laufe mehrerer Jahre Absatz finden.
Die ‘Berichtigung der als verkauft angenommenen Summen erfolgt später auf Grund
Jer Hypothekenbankstatistik des „Deutschen Oekonomist“. Im Jahre 1900 sind
126.1 Mil. M. solcher Pfandbriefe verkauft worden.
        <pb n="224" />
        ., 206 —

Deutsche Emissionen 1895—1898,

[. Deutsche Staats-Dapilere


Staatsanleihen
Kommunalanleihen
Pfandbriefe
Eisenbahnobligationen

Eisenbahnaktien
Bankaktien
Versicherungsaktien

Industrieaktien
(einschl. Straßenbahnen)

Industrieobligationen

Deutsche Papiere
Summa

1895

1896

18097

1898

Nomi- | Kursnöl-
 wert
betrag ‘

No ale a Kursbetrag
 |! Wer t

Oel | Kürte | Sal | Künebetrag
 wert betrag wert

Millionen Marl

41,45' 42,69’ 59,001 58,66
95,31 96,79 101,50 101,34
500.00 500.00 487.55 48755

*

20,00
148,32
483.28

19,18
147,94
483/98

168,10
101,70
250.00

160,44
100,80
250.00

5,50
2:35
11299

5,56
2:62
148.12
250! 2721

47,50 |
26,05
157,98
215| 3.48

9,70
6,22
173.14

9,75
9,74
165/69

16,88 |
14:82
97995

16,96
17,93
372.77

161.17 | 223,25 | 245,34 |
40.43] 389.97: 4940|

333,88
42.79

190.92

318.20

310,22 | 520,60
139.75 .

56,94

58.01

143.12

961,70 1056,72 I1169,27 [1827,56 l1088,52 311,79 1274.77 1582.62

[T. Ausländische
Papiere

Staatsanleihen
Kommunalanleihen
Pfandbriefe
KEisenbahnobligationen

[ndustrieobligationen

Eisenbahnaktien
Bankaktien
Industrieaktien

76,50
26,00
16,92

73,10
24,83
46,54
155.25

272,88
10,00.
6910‘

261,74
2:80
66,51
139.49

250,00
66,50
81.00
268,97
34,86
12,00
10:00

166,87
65,89
78,10
969.44

253,20 280,08
47,48 | 47,30
43,23 | 42892

158.99 |

139.94

372.88

369.91

400| 5,21
5220| 911,
250 326

18,00| 18,12
110,95 | 4466
0,03| 0,06
27.731 3489

34,75
13,86
11.00

8,00| 9,48
7.62 9383

Ausländ. Papiere
Summa

319,34 | 317,90] 648.65 |

568,27

718,33 |

632.91

732,31 709,72

[. und II. Gesamt- | ; |
summe [1281.04 1374.62 [1817,92 [1805,83 [1806,85 1944,70 koo7.08 la292,34

a A

1867) und seinem Schüler Kantorowitch (Jahrb. f. Ges. u. Verw. 1891;
3. 1183) haben statistisch nachgewiesen, daß thatsächlich vermittelst
des Terminhandels die Vorausbestimmung der Preise für den Herbst
immer genauer geworden und die Fehldifferenz sich in sehr bedeutendem
Maße verringert hat. Damit hängt zugleich zusammen die Örtliche
Ausgleichung der Preise und Kurse, Noch vor wenigen Dezennien
war der Zinsfuß in den verschiedenen Teilen Deutschlands ein außerordentlich
 verschiedener und so auch der Kurs der Papiere mit einem
gleichen Zinsfuß. Die ostpreußischen Kommunalanleihen. und Pfandbriefe
 waren auf den Absatz innerhalb der Provinz angewiesen. und
        <pb n="225" />
        907 —

zeigten einen viel niedrigeren Kurs als z. B. die der Provinz Brandenburg.
 Heutigen Tages ist die Differenz eine nur unbedeutende und
verschwindet mehr und mehr, weil auch die ostpreußischen Papiere
hauptsächlich an der Berliner Börse umgesetzt werden und ihren lokalen
Charakter verloren haben. In der gleichen Weise haben in früheren
Zeiten die kleinen Getreidehändler in den Provinzen die dortigen Preise
beherrscht, und sie waren natürlich in ausgedehntestem Maße in der
Lage, sie zu ihrem eigenen Vorteile zu gestalten. In der Gegenwart
ist der Berliner Markt maßgebend für ganz Deutschland, auch der
kleine Landwirt liest die Börsenpreise in seinem Wochenblättchen
und hat damit ein Gegengewicht gegen die Willkür des Händlers,
Daher die allgemeine Beobachtung, daß die Kaufleute in der Provinz
große Gegner der Berliner Börse und vor allem des nivellierenden
Terminhandels sind. Einen schlagenden Beweis hierfür bietet die Vergleichung
 der Preisgestaltung von Gerste, namentlich Hafer, welche
wenig oder gar nicht dem Terminhandel unterworfen sind, deren Handel
überhaupt weniger zentralisiert ist, gegenüber Roggen und Weizen,
welche in verfeinerter Weise gehandelt werden, was später noch statistisch
 darzulegen sein wird,
Der Terminhandel ist auch nicht plötzlich und willkürlich eingeführt,
 sondern hat sich allmählich aus einem praktischen Bedürfnisse
heraus entwickelt. HKEinzelne Beispiele werden dieses leicht klarlegen,
ınd zwar das Bedürfnis nach zwei Richtungen hin, einmal freier über
die Ware zu verfügen und die Gewinnschwankungen um so besser ausnutzen
 zu können, auf der anderen, um das Risiko zu verteilen und
den Handel in ausgedehnterem Maße betreiben zu können, ohne darum
in der gleichen Weise das Risiko zu steigern. Mit anderen Worten, Risikoder
 Terminhandel ist als eine Versicherungsgelegenheit von der Handels- ausgleichung
welt benutzt, und dieses fiel um so mehr ins Gewicht, je massenhafter a ‚den
sich der Handel gestaltete, und jeder Markt konnte nur auf eine Ver- ‚ao bei
größerung und in dem Konkurrenzkampfe ‚mit anderen Märkten auf Effekten.
einen Sieg rechnen, der dieses Mittel mit heranzog, um die Gefahren,
die mit dem Engrosumsatze verbunden waren, auszugleichen.
Wo es sich um große Zahlungen handelt, die an einem bestimmten
Termine zu machen sind, sagen wir bei einem Gutskauf, Einzahlungen
bei einer Staatsanleihe oder der Gründung einer Aktiengesellschaft,
kann es für den Besitzer von Papieren mit schwankendem Kurse, wie
Bankaktien, rumänischen, griechischen, argentinischen Staatspapieren,
von großer Wichtigkeit sein, sich für den Zahlungstermin einen bestimmten
 Kurs für seine Papiere zu sichern. Er schließt deshalb ein
Lieferungsgeschäft für jenen Tag ab, also z. B. den 31. Juni, um am 1. Juli
zahlen zu können. Für den Fall aber, daß die Papiere in der Zeit
infolge eines allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwunges oder besonderer
 Spezialchancen eine starke Kurserhöhung erfahren, die noch für
die Zukunft anzuhalten scheint, ist ihm die Möglichkeit von Bedeutung,
jenes Lieferungsgeschäft in ein Differenzgeschäft umwandeln, oder
dieses von vornherein abschließen zu können, da er für diesen Fall
noch andere Papiere in Reserve hat. Erhält er in dem anderen Falle
2ines bedeutenden Kursrückganges umgekehrt vom Käufer die Kursdifferenz
 ausgezahlt, so hat er gleichfalls seinen Zweck erreicht, da
ihm jener Verlust erspart ist. Er verkauft entweder die Papiere und
deckt den Ausfall durch die erhaltene Differenz, oder er behält die
Papiere in der Hoffnung, sie in einiger Zeit hesser verkaufen zu
        <pb n="226" />
        208

Verteilung
des Risikos
beim Warengeschäft.


Kaffeetermin-



können; er hat damit noch eine Gewinnchance erlangt. Da aber bei
ainer großen Staatsanleihe von ein paar hundert Millionen Mark die
Zahl der Personen, die in der Lage unseres Beispiels sind, sehr groß
sein müßte, werden durch die Differenzgeschäfte bedeutendere Kursschwankungen
 und damit auch erheblichere Verluste verhindert. Es
haben nicht nur die Einzelnen einen Nutzen davon, sondern auch die
Gesamtheit.
Bei dem Warengeschäfte liegen die Verhältnisse ganz ähnlich.
Ein Berliner Kaufmann hat von Mähren und Schlesien einen größeren
Posten Weizen gekauft, der auf der Oder verschifft wird und langsam
Berlin zuwandert, inzwischen gehen die Preise in Berlin herunter,
während sich im Auslande über Stettin höhere Preise erlangen lassen.
Der Verkäufer bietet deshalb die Differenz an, um nicht nach Berlin
.jefern zu brauchen. Der Berliner Kaufmann ist natürlich froh darüber,
denn es lag die Gefahr vor, bei der Ueberfüllung des dortigen Marktes
durch die Ladung den Preis noch mehr zu drücken. Er bezieht die
Differenz als Gewinn und kann seinen Bedarf an Ort und Stelle
billiger decken. Der Verkäufer erlangt dagegen durch seinen Verkauf
äiber Stettin eine höhere Einnahme als jene Differenz war. Volkswirtschaftlich
 war dieses Vorgehen berechtigt, weil eine Ueberfüllung in
Berlin verhindert wurde, und das Getreide dorthin gelangte, wo ein
Bedarf dafür vorlag.
Als drittes Beispiel wählen wir ein Termingeschäft in Kaffee.
Ein Hamburger Kaufmann hat eine große Schiffsladung aus Java
anterwegs. Die Preise beginnen herunterzugehen, so daß er fürchten
muß, der ihm dadurch drohende Verlust überschreitet seine Leistungs-(ähigkeit,
 während er auf der anderen Seite immer noch hofft, daß
3ich die Preise bald wieder heben werden. Er sucht deshalb Deckung
durch ein Termingeschäft, indem er die halbe Ladung für den Moment
des Eintreffens derselben zu dem zu erlangenden Preise verkauft.
Gehen nun auch die Preise weiter herunter, so trifft dieses nur noch
die halbe Ladung. Das Risiko ist zur Hälfte auf andere Schultern
abgewälzt. Besonders wichtig aber ist für ihn, daß er seine Javaware
feinerer Qualität in der Hand behält, während es sich bei einem
Termingeschäfte um eine mindere Qualität handelt, die gar nicht geliefert
 zu werden braucht. Er kann deshalb seinen Kaffee zum "Teil
in Havre verkaufen, zum Teil in London und ihn dort absetzen, wo
er die höchsten Preise erlangen kann. Die Gewinnchancen, die in den
von ihm gewählten Sorten liegen, bleiben ihm ungeschmälert. Der
Warenumsatz wird durch diese Spekulation gar nicht berührt. Der
Terminhandel, der ihm Rückendeckung schaffte, ermöglichte ihm eine
Ausdehnung des Geschäftes, die ihn sonst leicht ruinieren konnte.
Das Geschäft wurde für ihn ein gefahrloseres, solideres. Wie die
Aeltesten der Kaufmannschaft Hamburgs in einer Petition zum Schutze
des Kaffeeterminhandels an‘ den Reichstag auseinandersetzten (s. auch
Bayerdörfer, Der Kaffeeterminhandel, Jahrb. für Nationalökon., 3. F.,
Bd. I, 1891), war es Hamburg nur durch die Heranziehung des Terminhandels
 möglich gewesen, den Kaffeehandel mehr und mehr bei sich zu
konzentrieren und ihn von Havre in höherem Maße abzuziehen, und
so der Centralmarkt für Deutschland zu werden, während bis dahin
Havre drohte der Vorort für den europäischen Kaffeemarkt zu werden.
Nbenso legten sie dar, daß Hamburg sicher die Ueberlegenheit wieder
        <pb n="227" />
        — 209 —

einbüßen würde, sobald man ihm den Terminhandel nähme, dadurch
den großen Umsatz erschwerte und gefahrvoller machte.
Man weist nun vielfach auf die Größe des Papierumsatzes hin,
der allerdings den realen Umsatz bedeutend zu übersteigen pflegt. Man
hat berechnet, daß im Termingeschäfte in einem Jahre wohl das dreißigfache
 an Santoskaffee umgesetzt ist, als überhaupt auf der Erde geerntet
 wurde, und Aehnliches ist für das Getreidegeschäft konstatiert.
Es liegt dann der Gedanke nahe, daß infolgedessen die thatsächliche
Ernte für die Preisbestimmung bedeutungslos sein müßte. Das ist
aber durchaus falsch; bleiben wir bei unserem letzten Beispiel. Der
Kaufmann, welcher die halbe Schiffsladung Kaffee an der Hamburger
Börse im Termingeschäfte verkaufte, setzte diese an einen Börsenspekulanten
 ab, der selbst gar keinen Speicher hat und die Ware gar
nicht kaufen kann. Er will vielmehr allein an Preisschwankungen profitieren.
 Sobald er daher Jemanden findet, der ihm schon am nächsten
Börsentage zu einem etwas höheren Preise den Kaffee abnimmt, so
schlägt er ihn auch los und begnügt sich mit dem Gewinn der Preisdifferenz.
 Ebenso macht es der Abnehmer, und so geht dieselbe
Schiffsladung an einem Börsentage häufig durch mehrere Hände und
wechselt während. der 6-—8 Wochen bis zur Ultimoregulierung vielleicht
10, 20, 30 Mal den Besitzer. Die Grundlage aber hierfür bleibt dieselbe
 Schiffsladung, die in den Ziffern des Terminhandels drei, vielleicht
dreißig Mal vorkommt, daher diese Zahlen das dreißigfache Quantum
aufweisen. Der Terminhandel stützt sich mithin durchaus auf den realen
Handel, er hat keinen anderen Ausgangspunkt,
Aus dem zuletzt Gesagten geht bereits hervor, daß der Terminhandel
 auf einer weiteren Ausbildung der Arbeitsteilung beruht. Dem
Kaufmann, der mit reeller Ware handelt, treten wiederum als Abnehmer
 der Ware Kaufleute gegenüber, und sie finden sich an der
Börse zusammen, Sie machen Zeit- und Lieferungsgeschäfte für bestimmte
 Fälle des Warenbedarfes, aber auch zugleich reine Spekulationsgeschäfte
 unter Benutzung des Terminhandels. Außerdem aber kommen
noch reine Börsenspekulanten hinzu, die von der Ware selbst vollständig
 absehen und nur aus den Preis- und Kursschwankungen Gewinn
 zu erzielen suchen, also dem eigentlichen Kaufmann entgegenzustellen
 sind. Auch diese Klasse der Händler erfüllt eine wesentliche
wirtschaftliche Aufgabe. Sie tritt da ein, wo ein realer Abnehmer der
Ware nicht zufinden ist. Sie macht ein Geschäft daraus, den Kaufleuten
 einen Teil des Risikos abzunehmen, und muß dafür natürlich
auch entsprechend entschädigt werden; sie bildet die Kraft, die das
Böse will und das Gute schafft.
Ganz besonders hat man gemeint, daß der Terminhandel in Getreide
 schädlich wirke, und einseitig zu gunsten der Spekulanten bald
die Preise zum Schaden der Landwirte zu sehr erniedrige, bald zum
Schaden der Konsumenten zu sehr erhöhe. Die Statistik giebt hierfür
durchaus keinen Anhalt, bezeugt vielmehr das Gegenteil, wie die schon
erwähnten Untersuchungen Cohns, wie dann unsere eigenen über die
Monatspreise des Brotgetreides und den engen Zusammenhang der
Preise der verschiedenen Börsen ergeben.
Es ist bei den Landwirten eine sehr allgemein verbreitete Ansicht,
daß die Preise in der ersten Zeit nach der Ernte künstlich von den Kaufjeuten
 gedrückt werden, um das Getreide billig in die Hand zu bekommen,
 und sie gegen Ende des Erntejahres übermäßig zu erhöhen.
MNonrad. Grundrifs der volit. Oekanomie. IL Teil 4 Aufl. '4

etreidetermin-
        <pb n="228" />
        210 —

weil sie dann allein über den Vorrat disponieren und von hohen Preisen
ausschließlich einen Vorteil haben. Unzweifelhaft ist es richtig, daß
nach dieser Richtung das Interesse der kaufmännischen Welt liegt.
Wenn sie also die Macht in Händen haben, einseitig die Preise zu
beeinflussen, so wird es unzweifelhaft in dieser Weise geschehen. Die
folgende Tabelle, welche die Verhältniszahlen der Monatspreise zum
Durchschnittspreise des Erntejahres zeigen, beweist nun das Gegenteil.
(S. Jahrb. f. Nat-Oekon. 1895, Bd. IX, S. 268.)

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Monatliche Weizenpreise in Verhältniszahlen.
Preuß. Staat
1865—93 101,0 99,0 | 99,5 99,5) 98,5 98,5 98,0| 98,5/100,0] 102,5l102,9 102,000! 4,9
Pen (nach | | ı
‚Reichsstat.)
1883-08 a 98,4 | 97,8 98,7 98.4] EI 99,0 eo elek nuchn
erlın
/Ultimopreise'
an der Börse)
1878—93
Gnesen
1888—93

| | I ı
98,3) 96.4 1 98,2! 98,1] 4 99,9] m an 1043 101,0 1086 100
102,7/ 97,8 | 96,7| 99,51 98,8 98:0] 96,7| 97,8:100 10501083110 ‚4 205
„=. 41
Roggenpreise

7,9
83

Preuß. Staat
1816—65
1865—93
Berlin
"MNtimopreise
1878—93
Gnesen
1888— 93

98 |s8 or jo 1100 100 10 98 F 102 106,1104,1 100
98,2 98,2 101,2 1OLB1006 99,4| 98,8! 98,2| 98,8 1066 10L8 10H 100
I I 1 ]
1606 Me 100,6/100,2| 98,9 100,8'100,4/100,7/ 987/100]
| 94,9 99,4 1101,5/105,7/101,91100,9| 99,41 97,4 741002 100 |100,6]100!
Gerstenpreise
Preuß. Sa] | | | | |
1865—93 | 97,4 97,4| 99,4/100,6'100 | 99,4/100 00 fo1,8|100,9101,3 100,6[100] 3,9
Haferpreise
Preuß. Staat k
1865—93 [10 , ; . s ; ; , ; 12,0
2 953] 96 | 97 3 96 7] 96 7] 97 3 99 alı02 04 71106 hor,slıco

8,1
36

3,0
10,8

Einmal ist der Preis am Ende des Jahres nur um einen Prozentsatz
höher, der kaum ausreicht, um die Kosten der Lagerung und Behandlung,
 sowie den Zinsverlust zu decken. Von 1883—93 stand in Berlin
der Weizen ‚im ersten Vierteljahr 176,3 Mk. per Tonne, im letzten
Vierteljahr des Erntejahres 182,6 Mk,, das ist eine Differenz von
rund 4%. Nach der Reichsstatistik war sie nur 4,8 Mk., bei den
Ultimopreisen war sie allerdings größer: 10,5 Mk., aber auch dieses
sind nur 6%; bei dem Roggen, wo die Börse und der Terminhandel
besonders dominierend waren, dagegen nur 2,3 Mk. (151,1 und 153,4 Mk.),
also noch nicht 2%. Außerdem aber ergiebt sich, was besonders bei
        <pb n="229" />
        911 —

dem Roggen schlagend hervortritt, daß sich das Verhältnis im Laufe
der Zeit für den Landwirt nicht verschlechtert, sondern im Gegenteile
erheblich verbessert hat, Von 1816/65 war die Preisdifferenz zwischen
den höchsten und niedrigsten Sätzen 8,1%, neuerdings nur 3,6 % und
noch geringer gerade bei den Ultimopreisen, Ferner ist in den Provinzialstädten
 die Verschiebung zu ungunsten der Landwirte weit
größer als in Berlin, und bei dem Hafer stärker als bei dem Brotgetreide,
also gerade da, wo der Terminhandel keine Rolle spielt. Von 1888
bis 1893 kostete der Weizen:

in Gnesen im I. Qu. 179,3, im IV. Qu. 188,7 Mk., Differ. 9,4 Mk,
in Insterburg » m» 1793, 194,7 » 15,4
Der Roggen in Gnesen „ „ 15538, 1588 n 26
» ” in Insterburg „ „ 155,3, 160,3 % 5
Der Hafer von 1883—93
im preußischen Staate „ „ 1400, „ 151,0 » 10,0
in Ostpreußen » ww 1268, 1383 m 13,0
Die graphische Darstellung (s. Beiblatt) läßt nun erkennen, wie die
Weizenpreise, besonders zwischen Berlin und London, aber auch zwischen
Wien und Mannheim, Hand in Hand gehen. Die Linien zeigen den
gleichen Gang, nur daß bald der eine, bald der andere Ort zuerst
eine Veränderung zeigt, welche in kurzer Zeit die Einwirkung auf
die andere Börse und Nachfolge des Preises beobachten läßt. Die Zollerhöhung
 Ende der 80er Jahre, die Ermäßigung im Jahre 1891 sind
durch das Auseinander- und Zusammengehen: der Linien klar zu erkennen,
 Im übrigen verfolgen sie gemeinsam denselben Weg. Wohl
läßt sich von Tag zu Tag, auch wohl von Woche zu Woche, mitunter,
wenn auch nur ganz ausnahmsweise selbst von Monat zu Monat ein
selbstständiges Vorgehen eines Börsenplatzes erkennen, dann aber hat
er sich dem Einfluß des Weltmarktes zu fügen. Es ergiebt. sich, daß
alle Plätze demselben Einfluß unterworfen sind, dem Verhältnis von
Angebot zu Nachfrage im Weltverkehre. Die einzelne Börse vermag
wohl momentane Schwankungen herbeizuführen, und diese sind unzweifelhaft
 durch den Terminhandel vergrößert, sie haben sich auf die
Dauer aber dem Einfluß der thatsächlichen Verhältnisse zu fügen.
Wenn nun die Untersuchungen von Cohn außerdem ergeben
haben, daß die Vorausbestimmung der Preise durch den Terminhandel
allmählich immer korrekter geworden ist, so kann man sich schwerlich
 dem Schluß entziehen, daß in dem Terminhandel ein Mittel sich
ausgebildet hat, die Monatspreise mehr und mehr den thatsächlichen
Verhältnissen anzupassen. Wie aber das Zünglein um so leichter
bald nach der einen, bald nach der anderen Seite abweicht, je feiner
die Wage ist, so müssen innerhalb kürzerer Fristen die Schwankungen
auch durch den Terminhandel größer sein als ohne denselben.
&amp;amp; 69.
Gefahren der Börse.

Nachdem wir so die Vorteile, ja die unbedingte Notwendigkeit
der Börse und der Börsengeschäfte darzulegen versucht haben, ist es
nun unsere Aufgabe, auch die Schattenseiten und Gefahren derselben
zu charakterisieren, die in der neueren Zeit mehr und mehr hervorgetreten
 sind und dazu geführt haben, daß man die Börse als den
„Giftbaum“ bezeichnet hat, der das wirtschaftliche Leben vergiftet
14%
        <pb n="230" />
        212

Beteiligung
Jnberufener.

Jobhertum.

und deshalb beseitigt werden müsse. Die Uebelstände liegen in zwei
Richtungen, einmal darin, daß die Oeffentlichkeit und Zugänglichkeit
der Börse dem großen Publikum die Spekulation ermöglicht hat und
weite Kreise dazu verleitet, die nur einen Schaden davon haben, so
daß die Gesamtheit dadurch geschädigt wird. Auf der anderen Seite
zeigt es sich, daß die berufsmäßigen Börsen-Spekulanten Gelegenheit
zum Mißbrauch der Börse finden und das Publikum in ihrem Interesse
quszubeuten vermögen.
Das erst erwähnte Moment hat wiederum in zweierlei Hinsicht
Bedeutung, einmal, indem Geschäftsunkundige und nicht genügend Bemittelte
 sich am Börsenspiel beteiligen und natürlich viel häufiger veräeren
 als gewinnen, und mehr einbüßen, als sie wirtschaftlich zu
tragen vermögen, wodurch nicht nur sie selbst, sondern auch weitere
Kreise, die mit ihnen in Zusammenhang stehen, leiden müssen. Auf
Jer anderen Seite liegt es nahe, daß die Beteiligung weiter Kreise
ohne Fachkenntnis und entsprechende Uebersicht Verschiebungen in
den Preisen, wie in den Kursen herbeiführen kann, die durchaus ungerechtfertigt
 sind, und doch kann naturgemäß die Börse die Beteiligung
 weiter Kreise nicht entbehren, und es liegt sehr nahe, daß der
Landwirt, der Industrielle auch die Preisentwickelung seiner Produkte
verfolgt und daraus an der Börse Nutzen zu ziehen trachtet, Hiergegen
 ist natürlich die Gesetzgebung völlig machtlos, und alle Gewaltmaßregeln,
 um ungeeignete Elemente von der Börse fernzuhalten, bleiben
dadurch wirkungslos, daß das Publikum sich der Vermittler bedient,
die ihre Aufträge ausführen, der Bankiers, Kommissionäre etc., die
man von der Börse nicht ausschließen kann.
Mehr klarliegend sind die Schäden, die sich in dem Mißbrauch
der Börse durch die berufsmäßigen Spekulanten, dann durch die
Bankiers herausgebildet haben.
Es handelt sich dabei um Manipulationen, um das Publikum über
len Wert der an der Börse gehandelten Gegenstände zu täuschen,
lurch Verbreitung falscher Nachrichten in einer bestechlichen Presse
der an der Börse selbst. Bei allgemein gehandelten Gegenständen,
wie Getreide, Staatspapieren etc. wird dies nur von vorübergehender
Wirkung sein. Nachhaltiger dagegen bei Aktien, wo die Rentabilität
ler Unternehmungen falsch dargestellt werden kann, wogegen nur die
nachhaltige Haftung der Beteiligten für ihre Veröffentlichungen eine
Hilfe zu gewähren vermag. Von besonderem Nachteil sind die Maßıahmen,
 die offiziellen Kurs- und Preisnotierungen fälschlich zu beainflussen;
 insbesondere durch Scheingeschäfte, indem Geschäftsfreunde
 an der Börse Käufe und Verkäufe abschließen, nur zu dem
Zwecke, die Preisnotierung zu veranlassen und damit die Kurse und
Preise zu beeinflussen. Noch allgemeiner ist die willkürliche Ver
schiebung der Preise durch momentane, bedeutende Verkäufe und Ankäufe,
 um dadurch die Preise künstlich in die Höhe oder herunter zu
lrücken, wenn z. B. bei bedeutenden Zahlungen Wertpapiere zum
Fageskurse in Anrechnung gebracht werden sollen oder dergl. Es
kommt ferner in Betracht die Ringbildung, um durch gemeinsame Ankäufe
 im großen nicht nur momentan, sondern auch nachhaltig Preise
and Kurse zu beeinflussen. Doch ist dabei im Auge zu behalten, daß diese
zünstliche Preistreiberei in großer Ausdehnung auch außerhalb der Börse
stattgefunden hat. Man braucht nur an die großen Schweinefleischaufzäufe
 zu denken, die vor einigen Jahren in Amerika stattfanden und die
        <pb n="231" />
        213

Fleischpreise gewaltig in die Höhe trieben, an den Kupferring durch
die Rothschildgruppe in Paris Ende der 80er Jahre etc., welcher
länger als ein Jahr die Preise beherrschte, die mit der Börse gar
nichts zu thun hatten,
Auf der anderen Seite ist es klar, daß, je massenhafter der
Artikel vorhanden ist, je mehr er nicht nur auf einer einzigen Börse,
sondern auf den verschiedensten Börsen gehandelt wird, um so schwerer
die Beherrschung des Preises durchzuführen ist. Dasselbe ist auch
von den sogenannten Schwänzen zu sagen. Darunter versteht man die
Ausbeutung des Publikums, indem bei einem nur in beschränkter
Menge vorhandenen Artikel, z. B. Mehl der feinsten Qualität, Lieferungsgeschäfte
 für einen bestimmten Termin in großer Ausdehnung
mit den verschiedensten Persönlichkeiten unabhängig von einander gemacht
 werden, während zugleich der betreffende Artikel in größerer
Menge unter der Hand aufgekauft wird, um die Lieferung unmöglich
zu machen, oder doch nur unter sehr bedeutender Preissteigerung geschehen
 zu lassen.
Bei den Termingeschäften in Waren liegt die Gefahr vor, einen
Druck auf die Preise durch übermäßige Herabsetzung der Lieferungsqualität
 zu veranlassen, und daß, wo die Quantität der Waren nicht
groß genug ist, die Preise von einzelnen Interessenten beeinflußt werden
können.
Schon seit Jahrhunderten ist man bestrebt gewesen, Maßregeln
von seiten des Staates zu ergreifen, um diesen Mißständen entgegenzuwirken,
 und gerade die neueste Zeit hat Versuche nach dieser
Richtung gezeitigt, besonders durch das deutsche Börsengesetz von
1896. Im großen Ganzen sind indessen die Erfahrungen dabei nicht
besonders günstige gewesen.
Alle Bestrebungen, das Publikum von der Beteiligung an dem
Börsenspiele zurückzuhalten, haben sich als erfolglos erwiesen. Um
das Termingeschäft einzuschränken, hat man nach dem erwähnten
deutschen Gesetze die Klagbarkeit der Geschäfte davon abhängig gemacht,
 daß die kontrahierenden Parteien mit ihrem Namen in ein bestimmtes
 Register eingetragen werden. Mit Recht glaubte man, dadurch
 Gutsbesitzer, Industrielle, Rentiers von der Beteiligung an
Börsenspekulationen ferne zu halten, da sie Bedenken tragen würden,
ihre Namen als Börsenspieler in das Register ausdrücklich eintragen
zu lassen. Die Wirkung ist indessen eine ganz andere gewesen, indem
die Kaufleute es gleichfalls unterlassen haben, sich einregistrieren zu
lassen, weil man das Register absichtlich als eine Art An-den-Pranger-Stellung
 angesehen hatte. Die Folge davon ist, daß die Geschäfte
auf Treu und Glauben abgeschlossen werden und nun gerade unehrliche
 Naturen sich unter den Schutz ’des Gesetzes stellen und ihre
rechtliche Verpflichtung der Zahlung bestreiten, was ganz unhaltbare
Zustände herbeigeführt hat. Daß das gänzliche Verbot des Terminhandels,
 wie es das Gesetz von 1896 für das Getreide ausspricht, nicht
als gerechtfertigt erscheinen kann, ist von uns oben dargelegt. Eher läßt
es sich rechtfertigen, daß von dem Bundesrat auf Grund des erwähnten
Gesetzes das Verbot auf Kammzüge ausgedehnt ist, weil hiervon nicht
so große Quantitäten im Handel sind, daß eine einseitige Beeinfiussung
 des Preises ausgeschlossen wäre, und weil von einem großen
Teil der Interessenten selbst die Beseitigung gewünscht wurde.

Gesetzliche
Schutzmaßregeln.
        <pb n="232" />
        214

Von einer strengeren Kontrolle .der Börsenordnung und deren
Handhabung durch Staatskommissare wird man sich nicht zu viel versprechen
 dürfen. Es wird ungemein schwer sein, passende Persönlichkeiten
 für die außerordentlich schwierige Aufgabe zu finden. Der
Staat nimmt damit eine Verantwortung auf sich, der er sich kaum gewachsen
 zeigen wird. Indessen war es bei dem großen Mißtrauen des
Publikums gegen die Börse wohl unumgänglich, damit den Versuch
zu machen, um namentlich eine Beruhigung darüber zu schaffen, daß
bei Aufstellung der Kurse und Preise mit der nötigen Gewissenhaftigkeit
 und Objektivität vorgegangen wird; ebenso in betreff der Lieferungsfähigkeit
 der Ware etc. Im übrigen ist von einer strengen
Börsenordnung und deren energischen Handhabung, um alle unlauteren
Elemente auszuschließen, das Meiste zu erwarten. Unumgänglich notwendig
 ist schließlich, wie es in dem (Jesetz von 1896 geschehen ist,
eine jede Ausbeutung der Unerfahrenheit des Publikums mit den
schärfsten Strafen zu belegen. Doch wendet sich das hauptsächlich
qagen die kleinen Bankiers und Kommissionäre, nicht aber gegen die
örse.

Kapitel VII,
Die Erwerbsgesellschaften,
Molle, Die Lehre von der Aktiengesellschaft. Berlin 1874.
Auerbach, Das Aktienwesen. Frankfurt 1878,
Gutachten im Auftrag des Vereins für Sozialpolitik. Leipzig 1873. Zur
Reform des Aktiengesellschaftswesens.
Van der Borght, Statistische Studien über die Bewährung der Aktiengesellschaften.
 Jena 1883.
Behrend, Lehrbuch des Handelsrechts I, II. Berlin 1896.
Lehmann, Recht der Aktiengesellschaften (Bd. I. Berlin 1898). .
Weyl, Handbuch des deutschen Aktiengesellschaftsrechts. Freiburg i. B. und
Leipzig 1896. 2. Teil.
L. Goldschmidt, Alte und neue Formen der Handelsgesellschaft. Berlin 1892.
Schmoller, Die geschichtliche Entwickelung der Unternehmung XVI. Die
Handelsgesellschaften des 17. und 18. Jahrh. Jahrb. f. Ges. u. Verw., Bd. XVII.

8 70.

Die verschiedenen Arten der Erwerbsgesellschaften.
Laband im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Art. Handelsgesellschaften,
 Formen derselben.

Schon früh hat man die Bedeutung der Vereinigung von Kräften
zu gemeinsamer wirtschaftlicher Thätigkeit erkannt und daher auch
nach den verschiedensten Richtungen solche Vereinigungen, vor allem
zur Durchführung größerer Handelsunternehmungen durchgeführt. Deshalb
 spricht man in der Jurisprudenz noch heutigen Tages von Handelsgesellschaften
 und hat für diese eine besondere Gesetzgebung geschaffen,
 die in einem Teile des Handelsgesetzbuches enthalten ist,
während es sich jetzt hauptsächlich um Vereinigungen handelt, die nicht
des Handels wegen errichtet sind, sondern wie die Aktiengesellschaften,
industrielle Unternehmungen betreffen. Wir wählen deshalb die allgemeinere
 Bezeichnung der Erwerbsgesellschaften, welche von älteren
 Nationalökonomen, wie Schäffle, schon seit Dezennien angewendet
ist. Das Wesen der Erwerbsgesellschaften liegt nun in der Vereinigung
        <pb n="233" />
        915 —

zum gemeinsamen Betriebe eines Erwerbsunternehmens für gemeinschaftliche
 Rechnung und unter gemeinsamer Firma, wobei es sich
bald um die Vereinigung von Personen zu gemeinsamer Arbeit unter
Zusammenschließung des Kapitals handelt, bald um Fälle, wo die Person
der sich Vereinigenden in den Hintergrund tritt und das Wesentliche
die Vereinigung des Kapitales bildet, um den Betrieb im großen mit
bedeutenderen Mitteln durchführen zu können. Die Gemeinsamkeit der
Gewinnbeziehung, wie der Uebernahme des Risikos kann dabei in verschiedener
 Weise abgestuft sein.
Das Wesen derselben wird am klarsten hervortreten, wenn wir
die verschiedenen Gesellschaftsformen, welche gegenwärtig eine Bedeutung
 haben, uns vergegenwärtigen, um dann ihre volkswirtschaftliche
Eigentümlichkeit und Bedeutung näher zu untersuchen.
1. Die offene oder Kollektivgesellschaft. Zwei oder mehrere
Gesellschafter betreiben das Geschäft gemeinsam und unter Gebrauch
aines Gesamtnamens, das ist einer Firma, z. B. H. Schultz &amp;amp; C. Schmidt
oder H, Schultz &amp;amp; Co. Die betreffenden Gesellschafter treten zusammen,
 um sowohl zu gemeinsamer. Arbeit die persönlichen Kräfte zu
vereinigen, wie ihr Vermögen gemeinsam dem Unternehmen zu gute
kommen zu lassen. Jeder Gesellschafter hat deshalb ein Recht, mit in
dem Unternehmen zu arbeiten und durch seine Unterschrift dasselbe
Dritten gegenüber zu verpflichten. Er kann natürlich auf sein Recht
verzichten, jedoch nicht gegen seinen Willen ausgeschlossen werden.
Wie Jeder Dritten gegenüber das Unternehmen verpflichten kann, so
hat er auch für das Unternehmen die volle Haftung mit seinem Vermögen
 auf sich zu nehmen. Da nun in einer solchen Weise das Publikum
Kenntnis davon haben muß, wer das Recht, die Gesellschaft zu verpflichten,
hat und wer für die Verbindlichkeiten derselben haftet, verlangt das
moderne Recht die Eintragung der Gesellschafter in das Handelsregister,
 und damit treten sie als offene Gesellschafter auf, was der
Gesellschaft Form und Namen gegeben hat. Das Wesentlichste ist
also die unbedingte Vereinigung der persönlichen Kräfte und Mittel
zu gemeinsamem Thun, was natürlich auch den Anspruch auf entsprechenden
 Anteil am Gewinne in sich schließt.
Diese Form ist am längsten üblich und besonders bei dem
Handelsbetriebe, wo eine einzelne Person nicht ausreicht, um allen Aufgaben
 gewachsen zu sein, und doch angestellte Hilfskräfte nicht Aushilfe
bieten, sondern ein solcher Grad des Vertrauens auf die Zuverlässigkeit
 erforderlich ist, daß eine Vervielfältigung des Leiters des Unternehmens
 wünschenswert erscheint. Ganz besonders kommt dieses in Beiracht,
 wo die Geschäftsthtätigkeit sich auf verschiedene Orte ausdehnt,
wie das schon im Mittelalter häufig der Fall war, und das Geschäft
an jedem Orte mit solcher Bedeutung durchgeführt wird, daß eine
mit unbedingter Vollmacht ausgestattete Persönlichkeit dort funktionieren
 muß, die aber nun auch auf das Engste mit dem ganzen
Unternehmen verknüpft ist, und dessen Wohl und Wehe nach allen
Richtungen hin teilt. Das war der Fall, wenn schon im. Mittelalter die
Wechsler und Kaufleute Geschäftsfilialen an anderen Orten gründeten
und dort einen Socius installierten. Das ist am ausgedehntesten in
England ausgebildet durch die Gründung von‘ Zweiggeschäften in den
Kolonien, in Deutschland in den Hansastädten. Die Form hat sich
aber auch für den Binnenverkehr in der größten Ausdehnung ausgebildet
 und findet sich auch in kleineren Geschäften, vielfach, indem

Offene
Gesellschaft,
        <pb n="234" />
        216 —

Geschwister oder sonst Verwandte sich vereinigen und besonders, wo
es sich um verschiedene Aufgaben handelt, die eine ungleiche Vorbildung
 und verschiedene Kenntnisse verlangen, Z. B. bei einem
Unternehmen, welches mehrere Handelsbranchen mit einander vereinigt,
oder eine Fabrik, die neben einem Techniker einen Kaufmann verlangt,
 die sich deshalb Beide zu einer offenen Gesellschaft vereinigen.
Kommandit- 2. Eine Kommanditgesellschaft liegt vor, wenn eine oder
gesellschaft, mehrere Personen als offene Gesellschafter mit voller Haftpflicht und als
thätige Gesellschafter, sog. Geranten auftreten, während daneben ein
oder mehrere Personen mit einer bestimmten Einlage in das Geschäft
eintreten, nur bis zur Höhe derselben Haftung für die .Verbindlichkeiten
 des Unternehmens übernehmen und dementsprechend an dem
Gewinne partizipieren, Diese Kinleger, Kommanditisten genannt, treten
dem Publikum gegenüber nicht offen hervor; sie übernehmen persönlich
keine Funktionen. Ist die Zahl dieser Kinleger eine größere, so
werden ihnen über ihre Einlagen besondere Urkunden in der Form von
Aktien oder Aktienanteilen ausgestellt, nachdem sich die Kommanditgesellschaft
 auf Aktien gebildet hat.
Diese Form hat namentlich in früherer Zeit eine gewisse Ausdehnung
 gewonnen, wo man auch bei größeren Unternehmungen auf
die persönliche Mitwirkung und Haftung ein besonderes Gewicht legte,
Sie kam namentlich in der Zeit aushilfsweise zur Anwendung, als die
Aktiengesellschaften einer besonderen staatlichen Genehmigung bedurften,
 was bei den Kommanditgesellschaften nicht der Fall war. Sie
haben auch heutigen Tages ihre besondere Bedeutung, wo einzelne
Personen durch eine spezielle Leistungsfähigkeit für das Unternehmen
unentbehrlich sind, die man deshalb als Geranten fungieren läßt,
während es sich außerdem nur um Kapitalzuschüsse von Personen
handelt, welche sich an der Geschäftsführung selbst nicht beteiligen
können. Hat z. B. ein Ingenieur eine bedeutsame Erfindung gemacht,
die er mit seinem eigenen Vermögen nicht realisieren kann, so wird
die Bildung einer Kommanditgesellschaft auf Aktien eine zweckmäßige
Form sein, indem er als Gerant die Gründung und Leitung der Fabrik
selbständig in die Hand nimmt, während eine Anzahl Aktionäre ihm
die notwendigen Mittel zur Verfügung stellen, in der Hoffnung, wenn
sich die Erfindung bewährt, hohen Gewinn zu erzielen. Reussiert der
Erfinder nicht, so übernehmen sie doch nur mit der Einlage die
Haftung, ohne darüber hinaus engagiert zu sein, während der Erfinder
mit seinem ganzen Vermögen für das Unternehmen einzutreten hat. Die
Kommanditisten haben nun weder ein Recht persönlicher Mitwirkung,
noch auch laufender Kontrolle der Geschäftsführung, sondern nur den
Anspruch auf Veröffentlichung einer jährlichen Geschäftsbilanz und
der Einsicht in die Bücher, um die Richtigkeit der Bilanz prüfen
zu können,
3. Die Aktien- oder anonyme Gesellschaft ist eine private
Korporation mit den Rechten einer juristischen Persönlichkeit. Sie ist
eine Einlagegesellschaft, wie auch die Kommanditgesellschaft, aber eine
reine Einlagegesellschaft, indem sämtliche Mitglieder sich nur mit einer
Einlage an dem Unternehmen beteiligen und (abgesehen von dem engl.
Recht) nur bis zur Höhe ihrer Einlage haften, Das Einlagekapital ist
in eine feste Anzahl von Teilen, „Aktien“ oder vor deren Ausstellung
„Interimscheine“, zerlegt, Sie bilden Urkunden, welche die Mitgliedschaft
 der Besitzer der Aktien verkörpern, um ihre Rechte ausüben
        <pb n="235" />
        und übertragen zu können. Die Geschäfte werden auf Rechnung der
Aktionäre durch bestimmte Organe nach Maßgabe des Gesellschaftsvertrages,
 der Statuten, geführt. (Direktoren, Verwaltungs- und Aufsichtsrat.)
 Nach dem deutschen Gesetze von 1884 müssen sich zur
Gründung einer Aktiengesellschaft wenigstens 5 Personen unter Uebernahme
 von mindestens je einer Aktie vereinigen und den Gesellschaftsvertrag
 in gerichtlicher oder notarieller Verhandlung feststellen. Der
Gesellschaftsvertrag muß 6 Punkte umfassen:
1. Die Firma, welche die Bezeichnung Aktiengesellschaft zu enthalten
 hat, und deren Bezeichnung den Gegenstand des Unternehmens
betreffen. muß, dann den Sitz der Gesellschaft.
2. Den Gegenstand des Unternehmens,
3. Die Höhe des Grundkapitals und der Aktie.
4. Die Art der Bestellung und Zusammensetzung des Vorstandes,
5. Die Form für die Berufung der Generalversammlung.
6. Die Form für die Bekanntmachung der Gesellschaft (Ring,
Handwb. d. Staatsw. Aktienrecht in Deutschland).
Die Form der Gründung ist in der Regel die, daß die Gründer
sämtliche Aktien bei Errichtung der Gesellschaft übernehmen, und ein
Viertel des Nennbetrages bar eingezahlt wird. Die Gründer bilden
dann die erste Generalversammlung der Aktionäre, welche den Vorstand
 und Aufsichtsrat wählen, resp. bestimmen, auf welche Art der
Vorstand gewählt werden soll. Erst dann kann die Eintragung der
Gesellschaft in das Handelsregister geschehen und kann sie selbst die
Thätigkeit übernehmen. Wird von den Gründern nicht der ganze Betrag
 der Aktien übernommen, so muß für die Zeichnung des Restes
Sorge getragen werden und müssen bestimmte Zeichnungsscheine dem
Gesetz entsprechend ausgefüllt sein, um für die Konstituierung der
Gesellschaft auszureichen.
Die Generalversammlung der Aktionäre ist die oberste Instanz
für alle das Unternehmen berührenden Fragen, die Grundlage für die
Bildung und Fortführung der leitenden Organe. Das Gesetz hat deshalb
 ihre Rechte und Funktionen in besonderer Weise bestimmt. Der
Vorstand ist das ausführende Organ der Gesellschaft; er kann nur in
der Gesamtheit der Gesellschaft verpflichten, und nur soweit der Gesellschaftsvertrag
 dieses bestimmt. Der Aufsichtsrat ist das Kontrollorgan
der Gesellschaft, er muß aus mindestens drei, von der (}eneralversammlung
 gewählten Personen bestehen. Er besitzt weitgehende Befugnis
zur Prüfung der Geschäftsführung. Der Gesellschaftsvertrag kann
ihm weitere Verpflichtungen auf-erlegen, namentlich gewisse Verwaltungsbefugnisse
 übertragen. Außerdem kann durch Vertrag noch ein besonderer
 Verwaltungsrat eingesetzt werden, doch ist derselbe durch das
Gesetz nicht ausdrücklich verlangt. ;
Die Aktien können auf einen Namen oder auf den Inhaber lauten.
Das Letztere ist in Deutschland das Gewöhnliche. Indessen ist die
Ausstellung auf den Namen da geboten, wo die Ausgabe der Aktien
vor der vollen Einzahlung geschehen soll, dann bei Interimsscheinen.
Die Aktien größerer Banken sind auch in Deutschland vielfach auf
einen bestimmten Namen ausgestellt, während dies früher in England
allgemein der Fall war.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Aktiengesellschaften soll im
folgenden besonders erörtert werden, wir gehen deshalb hier sofort zur Charakterisierung
 der übrigen hier in Betracht kommenden Gesellschaften über.

Rechtliche
Erfordernisse.


Vorstand.

Aktie,
        <pb n="236" />
        218

Gesellschaft
mit beschränkter

Haftung,

zewerkschaft.


Genossenschaften.


4. Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung nach dem
xesetz vom 20. April 1892 für das deutsche Reich. Sie ist auch eine
Handelsgesellschaft mit den Rechten und Pflichten der. Kaufleute und steht
zwischen der offenen und Aktiengesellschaft. Sie kann schon mit zwei
Mitgliedern ins Leben gerufen werden, tritt als juristische Person auf,
wird durch Geschäftsführer vertreten, die nicht Gesellschafter zu sein
rauchen, und haftet ausschließlich mit dem Gesellschaftsvermögen.
Die Mitglieder haften solidarisch nur für vollständige Einzahlung des
Stammkapitals, sowie für unberechtigte Minderung desselben. Die
Uebertragung der Geschäftsanteile kann nur durch gerichtlichen oder
notariellen Vertrag geschehen. Das Stammkapital ist auf mindestens
20000 Mk. angesetzt, die einzelne Einlage auf mindestens 500 Mk.
Erst durch Einzahlung von einem Viertel desselben und mindestens
250 Mk. pro Einlage kann die Gesellschaft in das Handelsregister eingetragen
 und damit geschäftsfähig gemacht werden. Sie kann in drei
Formen auftreten: 1. ohne Nachschußpflicht für die Mitglieder; 2. mit
anbeschränkter Nachschußpflicht; 3. mit statutarisch beschränkter Nachschußpflicht.
 In der ersten Form kann ein Mitglied sich durch Opferung
jes volleingezahlten Stammanteils von der Nachschußpflicht befreien,
Diese Form hat in wenig Jahren eine große Ausbreitung erlangt,
ein Zeichen, daß sie vorliegenden Bedürfnissen entspricht.
Bis 1902 sind insgesamt 5800 solche Gesellschaften gegründet; von
diesen sind aber 1400 wieder zu Grunde gegangen, so daß zur Zeit ca,
4220 mit ca. 21/, Millionen Mk. bestehen. 800 davon gehören der Industrie
 der Steine und Erden: an. Dann folgen Zuckerfabriken, Brauereien
 und Brennereien, darauf die Montanindustrie, die Elektrotechnik,
Textilindustrie etc. Die meisten Gesellschaften sind mit einem Kapital
von 20—100000 Mk. ausgestattet. 274 sind mit mehr als 1 Million
angelegt, und es sind solche mit 10—15 Millionen darunter. (Wendt
in Zeitschrift für das gesamte Aktienwesen. Jan. 1902.)
5. Die Gewerkschaft wird gebildet, sobald mehrere Besitzer eines
Bergwerkes vorhanden sind, und besitzt Körperschaftsrechte. Die Mitzlieder
 haften Dritten gegenüber überhaupt nicht. Sie können nur durch
lie Gewerkschaft in Anspruch genommen werden; hier aber nach den
ron dieser durch Majoritätsbeschluß ausgeschriebenen Beiträgen (Zuaußen).
 Die Gewerken können sich durch Verzicht auf ihre Beteilizung
 an dem Unternehmen befreien. Der Gewerke braucht nicht
anbedingt (wie der Aktionär) beim Eintritt etwas zu zahlen, er leistet
fortdauernd nach Bedarf, Die Gewerkschaft ist in idelle Anteile (Kuxe)
zerlegt, deren Zahl nach den Gesetzen in verschiedener Weise (100
oder 1000 in Preußen) beschränkt ist. "Nach außen wird die Gewerkschaft
 durch einen Repräsentanten oder einen‘ aus einer oder mehreren
Personen bestehenden Grubenvorstand vertreten. In alter Zeit wurden
die Bergwerke meistens in dieser Gesellschaftsform verwertet. Neuerdings
 ist sie mehr und mehr durch die Aktiengesellschaft verdrängt,
welche nicht zu Zubußen verpflichtet und daher weniger Risiko mit
sich bringt.
6. Die eingetragene Genossenschaft nach dem Gesetz vom
4. Juli 1868 für den norddeutschen Bund. (Vorschuß- und Kreditvereine
nach Schultze-Delitzschs Prinzip, Rohstoff- und Magazinvereine, Konsumvereine,
 Produktivgenossenschaften.) Dieselbe ist eine Gesellschaft
ohne geschlossene Mitgliederzahl, wobei nach dem Gesetz von 1889,
antweder wie ursprünglich sämtliche Mitglieder für die Geschäfts-
        <pb n="237" />
        2. 919 —

verbindlichkeiten der Gesellschaft solidarisch, oder nur beschränkt
haften... Sie muß eine Firma annehmen, deren Vertretung durch
sinen gewählten und in das Handelsregister eingetragenen Vorstand
yeschieht.

Art der Genossenschaften am 31. März 1899 in
Deutschland.

Kreditgenossenschaften
Rohstoffgenossenschaften: . gewerbliche
1 land wirtschaftliche
Werkgenossenschaften : gewerbliche
; landwirtschaftliche
Magazingenossenschaften: gewerbliche
landwirtschaftliche
Produktivgenossenschaften: gewerbliche z
landwirtschaftliche 20
Verschiedene Arten von Genossenschaften er
Konsumvereine t
Baugenossenschaften 24°
zusammen 16 912
mit mehr als 1! Millionen Mitgliedern.

Da wir in der Volkswirtschaftspolitik auf diese Genossenschaften
spezieller einzugehen haben, begnügen wir uns hier mit einer allgemeinen
 Charakteristik ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung. Der
Schwerpunkt derselben liegt in der nicht geschlossenen Mitgliederzahl,
bei welcher, ohne die Gesellschaft irgendwie zu berühren, so lange nicht
das gesetzliche Minimum erreicht ist, Mitglieder neu eintreten und ausscheiden
 können. Es soll dadurch die Möglichkeit geboten werden,
eine große Zahl von Personen zu einer speziellen wirtschaftlichen
Thätigkeit zu vereinigen, ‚ohne sie nachhaltig zu binden. Die Form
ist deshalb gewählt, um die Vereinigung kleiner Leute, Handwerker,
Kaufleute, selbst Arbeiter zu gemeinsamem Thun zu ermöglichen
und durch die Vereinigung einer großen Zahl doch eine erhebliche
Wirkung zu erzielen. Der Ausgangspunkt war auf deutschem Boden
infolge der Initiative des Kreisrichters Schultze in Delitzsch Ende der
vierziger Jahre die Solidarhaft, um damit eine solide Kreditbasis auch
den kleinen Leuten zu verschaffen, die durch die Summierung ihrer
kleinen Kapitalien schon eine: respektable Leistungskraft erlangten, die
aber wesentlich dadurch gehoben wurde, wenn Hunderte von Arbeitern,
Handwerkern etc. persönlich haftend eintraten, von denen wohl Einzelne
im Laufe der nächsten Zeit leistungsunfähig werden können, aber nicht
die Gesamtheit, wodurch das Eintreten Eines für Alle, Aller für Einen
die Gefahr der persönlichen Zufälligkeiten durch Krankheit, Tod, ungünstige
 Konjunkturen zur Ausgleichung brachte. Die Wirkung dieser
beiden Grundlagen war thatsächlich eine außerordentlich große, wie
sie in der bedeutenden Zahl namentlich der Konsumvereine und der
Volksbanken zur Genüge dargethan ist. Im Laufe der Zeit nahmen
aber eine Anzahl gerade der genossenschaftlichen Banken so bedeutende
 Dimensionen an, daß die Solidarhaft den Mitgliedern ein zu
großes Risiko aufbürdete. Schon der Begründer dieses Genossenschaftswesens,
 Schultze- Delitzsch selbst, hatte es deshalb für notwendig
 erachtet, derartige Genossenschaften auch mit beschränkter Haft
zuzulassen, wie sie das Gesetz von 1889 auch ausgesprochen hat.
        <pb n="238" />
        290

8 71.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Aktiengesellschaften.

Schäffle, Die Anwendbarkeit der verschiedenen Unternehmungsformen, Zeitschrift
 f. d. ges. Staatsw., Bd. XXV.
v. d. Borght, im Handwörterbuch d, Staatsw., Art. Aktiengesellschaften.
Oechelhäuser, Die Nachteile des Aktienwesens. Berlin 1876.
Jos. Körösy, Die finanziellen Ergebnisse der Aktiengesellschaften. Berlin
L300—1901.

Aktiengesetz-



Die Bildung der Aktiengesellschaft beginnt bereits in dem
14. Jahrhundert in Italien bei den genuesischen Kolonialgesellschaften,
and in dem folgenden Jahrhundert bei den italienischen Banken, doch
ohne daß dieses Vorgehen für die Entwickelung der Form von nachhaltiger
 Bedeutung gewesen wäre. Vielmehr wird man mit Recht die
Wiege der Aktiengesellschaften mehr im Norden in den großen privi-(egierten
 Handelsgesellschaften zu suchen haben, die sich wiederum aus
der Schiffspartnerschaft entwickelten, die bei dem großen Risiko des
damaligen Seeverkehres sich in Dänemark, Schweden, Holland, Frankreich
 und England bildeten, um den überseeischen Handel für den
Einzelnen weniger gefahrvoll zu machen. Höhere Bedeutung gewann
diese Form aber erst, als die Staaten in dem merkantilistischen Zeitalter
 begannen, die Bildung großer Kompagnien zu begünstigen, einmal,
 um dadurch in großem Maßstabe Kolonisationen durchzuführen,
dann aber, um dem Staate bei der Aufnahme großer Anleihen behilflich
 zu sein, und ihnen besondere Privilegien, ja Monopole in weitgehendem
 Maße übertragen wurden. So bildeten sie bald in jener
Zeit eine gewaltige Geldmacht. Das war der Fall in der niederländischostindischen
 Kompagnie, wie bei der berüchtigten Mississippigesellschaft
1717 von John Law, und in gleicher Form wurde auch die englische
Bank am Ende des 17. Jahrhunderts gegründet, Der Große Kurfürst
schuf die Handelskompagnie auf den Küsten von Neu-Guinea. 1819
entstand die Österreichisch - orientalische Kompagnie in Wien. In
Preußen hat besonders Friedrich der Große die Bildung großer
Haudelsgesellschaften begünstigt, so 1750 die asiatische Kompagnie in
Emden, um den chinesischen Handel zu betreiben. Seit jener Zeit
mehrte sich die Zahl der Gründungen allmählich und gewann eine
aachhaltige Bedeutung, insbesondere auch für heimische industrielle
Unternehmungen, wie außerdem 1770 die Bildung der Kanalgesellzchaften
 in England als Vorläufer der Eisenbahngesellschaften.
Alle diese erwähnten Gesellschaften beruhten auf dem Oktroysystem,
 d. h. sie werden durch landesherrliche Verfügung mit Spezialprivilegien
 und mit Körperschaftsrechten versehen, während ursprüng-‘ich
 die Statuten einer besonderen landesherrlichen Genehmigung,
wenigstens in Preußen, nicht bedurften, doch standen sie dauernd unter
staatlicher Aufsicht. Eine gesetzliche Regelung der Aktiengesellschaften
ist erst im 19. Jahrhundert und in den meisten Staaten erst in der
zweiten Hälfte desselben durchgeführt. In Preußen wurde der erste
Anlauf durch das Kisenbahngesetz von 1838 genommen, besonders aber
durch das Gesetz vom 9. November 1843 für die Aktiengesellschaften;
in Oesterreich durch das Vereinsgesetz von 1852. Auch hiernach bedurften
 die Aktiengesellschaften noch der staatlichen Genehmigung und
blieben als öffentliche Körperschaften unter staatlicher Aufsicht. Nur
        <pb n="239" />
        991 —

in Englandund Ungarn, in Deutschlandin Ham burg und Bremen
war schon damals die Gründung von Aktiengesellschaften frei gegeben.
Erst das Gesetz vom 11. Juni 1870 beseitigte den Unterschied der
Gesetzgebung innerhalb Deutschlands und gab die Gründung frei. Der
Mißbrauch, der sich dann in der Gründerperiode herausstellte, veranlaßte
 das Aktiengesetz vom 18. Juli 1884, das uns noch zu beschäftigen
 haben wird, während seit dem 1. Januar 1900 das neue
Handelsgesetzbuch vom 10. Mai 1897 maßgebend ist, welches in der
Hauptsache sich auf das vorerwähnte Gesetz stützt. In England ist
der Ausgangspunkt für die gegenwärtigen Verhältnisse die Compagnies-Act
 vom 7. August 1862, welche vielfache Abänderungen und KErgänzungen
 erfahren hat, hauptsächlich 1867 und 1892, In Frankreich
war das Gesetz vom 24. Juli 1867 grundlegend und wurde ergänzt
durch das Gesetz vom 1. August 1893. In Oesterreich ist in der
Hauptsache das ältere deutsche Handelsgesetzbuch maßgebend, in
Ungarn erschien 1875 ein besonderes Handelsgesetzbuch.
Unter dieser Gesetzgebung hat sich namentlich in der zweiten
Hälfte dieses Jahrhunderts diese Gresellschaftsform eine wachsende,
man kann sagen, dominierende Stellung in dem Wirtschaftsleben errungen,
 und es wird notwendig, sich die Eigentümlichkeiten derselben
zu vergegenwärtigen, um unser modernes Wirtschaftsleben richtig bearteilen
 zu können.
. Die Vorteile, welche aus dieser Form dem Kapitalisten erwachsen, Vorteile der
sind die folgenden: Aktienge-1.
 Durch die beschränkte Haftung und die Möglichkeit, nur einzelne Ep
Aktien zu erwerben, ist jeder Kapitalist in der I‚age, sich auch mit kston
einem kleinen Teil seines Vermögens an gewinnbringenden, aber
riskanten Unternehmungen zu beteiligen, und dieses ganz seinen Vermögensverhältnissen
 anzupassen. Ein Gutsbesitzer, Kaufmann, Rentier,
Handwerker kann durch Anlage eines Teiles seiner Ersparnisse sich
an einem industriellen Etablissement, einem Bergwerk, einer KHisenbahn
beteiligen, und dadurch eine hohe Verzinsung seines Kapitals erzielen,
ohne ein über seine Verhältnisse hinaus gehendes Risiko auf sich
zu nehmen. In seiner Einlage liegt die feste Begrenzung desselben.
Er kann seinen Verhältnissen entsprechend Unternehmungen fördern,
die, abgesehen von der Verzinsung, für ihn von hoher Bedeutung sind,
wie für den Gutsbesitzer der Bau einer benachbarten Zweigbahn oder
einer Zuckerfabrik; für den Rentier städtische Anlagen, die ihm den
Aufenthalt angenehmer machen und eventuell den Wert seines Hauses
heben,
2, In der Form der Aktien, die auf den Inhaber lauten, also
5hne alle Umstände durch einfache Uebergabe einem anderen Besitzer
rechtsgültig übertragen werden können, hat der Kapitalist die Möglichkeit,
 leicht über sein Geld zu verfügen. Die Aktien der größeren
Unternehmungen werden außerdem an der Börse gehandelt und finden
dort zu jeder Zeit entsprechenden Absatz. Die in Aktien angelegten
Kapitalien können deshalb zu jeder Zeit, wenn nicht besondere Hindernisse
 eintreten, wie schlechter Geschäftsgang oder gar Vermögensverfall,
aus dem Unternehmen durch Verkauf der Aktien herausgezogen werden.
In unserer schnelllebigen Zeit, wo fortdauernd neue Aufgaben an einen
herantreten können, ist diese freie Verfügbarkeit von besonderer
Bedeutung und führt den. Aktiengesellschaften beständig neue Liebaber
 zu.
        <pb n="240" />
        299

Volkswirtchaftliehe

Vorteile.

Ungleich bedeutsamer als für den einzelnen Kapitalisten sind die
Vorteile der Aktiengesellschaften für die Gesamtheit.
I. Durch die Zerlegung des Stammkapitales in eine große Zahl
von Aktien, die auf eine verhältnismäßig kleine Summe lauten, wird
as möglich, zerstreute Vermögensteile zu einzelnen größeren Unternehmungen
 zu konzentrieren, und damit die Durchführung des Großbetriebes
 zu erleichtern. Das hat gerade für Deutschland eine besondere
 Bedeutung, wo große Vermögen weniger in einer Hand vereinigt
 sind, als in den konkurrierenden Ländern, wo ferner die vermögenden
 Leute, infolge ihrer humanistischen Erziehung, einen nur geingen
 Erwerbstrieb zu besitzen pflegen und wenig Neigung haben, ihr
Leben gewerblichen Unternehmungen zu widmen.
Erst durch die Bildung von Aktiengesellschaften ist deshalb die
Entwickelung des Großbetriebes in zeiıtgemäßer Weise ermöglicht,
und hat Deutschland in der Entwickelung der Industrie nachholen
können, was es in der ersten Hälfte des Jahrhunderts versäumt hatte,
ınd die Konkurrenz vor allem mit Frankreich und England erfolgreich
zufgenommen,
2. Diese Entwickelung des Großbetriebes vollzieht sich nun bei
den Aktiengesellschaften — darauf ist ein besonderes Gewicht zu legen —
ohne eine gleichzeitige Konzentrierung des Ertrages in wenig Händen.
Gerade in einer Zeit, wo man die Zunahme des Reichtums Einzelner
mit besonderer Besorgnis beobachtet und die Erweiterung der Kluft
zwischen Arm und Reich befürchtet, ist es von besonderer Wichtigkeit,
zich zu vergegenwärtigen, daß die Form der Aktiengesellschaften der
Erhöhung des Einkommens Einzelner nicht Vorschub leistet, sondern
im Gegenteil entgegenwirkt. Auch der kleine Mann findet dadurch
Gelegenheit, von der Produktivität der GroBßindustrie entsprechenden
Nutzen zu ziehen, der ohne diese Form einzelnen wenigen reichen
Leuten ausschließlich vorbehalten wäre.
3. Die beschränkte Haftung erleichtert es, die Summen zusammenzubringen,
 um größere, gewagtere Unternehmungen ins Leben zu rufen,
oder auch solche, welche von vorn herein nur eine geringe Verzinzung
 in Aussicht stellen, aber von volkswirtschaftlichen Nutzen sind.
Vor allem würden wir mit der Ausbildung des Eisenbahnnetzes- noch
sehr bedeutend im Rückstande sein, wenn die Eisenbahnen nicht zum
größten Teile von Aktiengesellschaften gebaut wären. Der Staat war
zunächst gar nicht in der Lage, die zu einem schnellen Ausbau erforderlichen
 Kapitalien aufzubringen und das damit verbundene Risiko
auf sich zu nehmen, Die Kapitalisten standen der ersten Entwickelung
noch sehr mißtrauisch gegenüber, wo man die Folgen der außerordentlich
 starken Absorbierung von Kapitalien für den Bau nicht zu übersehen
 vermochte und ebenso wenig die zu erwartende Rentabilität.
Nur ganz ausnahmsweise verstanden sich deshalb große Geldmänner
dazu, ihr Vermögen auf eine solche Karte zu setzen, während es
jeicht wurde, die gesamte besitzende Klasse, Gemeinden und Korporationen
 zu veranlassen, kleinere Summen dafür zur Verfügung zu stellen,
sobald man einigermaßen die Bedeutung der Schienenwege erkannt
hatte. Auch da, wo auf Rentabilität nicht zu rechnen war, zeichneten
Gemeinden, Grundbesitzer und sonstige Interessenten erhebliche
Summen auf Grund der beschränkten Haft, a fonds perdu, nur um
lie Inangriffnahme dieses neuen Beförderungsmittels der wirtschaft-
        <pb n="241" />
        399

lichen Kultur zu ermöglichen, wodurch sie reichlichen Ersatz für den
Zinsverlust erhoffen konnten.
Eine Menge großartiger Unternehmungen von nachhaltigster Bedeutung
 sind nur auf diesem Wege zu stande gekommen. Man braucht
our an die Durchstechung der Landenge von Suez zu denken, deren
Ersprießlichkeit und Aufrechterhaltung noch bis zum letzten Spatenstiche
 bezweifelt wurde; oder an die Durchbohrung des Mont Coenis
and des Gotthards, die erhebliche Autoritäten für unmöglich hielten,
wegen der im Innern der Steinmasse zu erwartenden Hitze und
achlechten Luft. Noch als der „Great Eastern“ mit dem überseeischen
Kabel belastet unterwegs war, erschienen Schriften von wissenschaftchen
 Autoritäten, die die Unmöglichkeit nachzuweisen suchten, daß
der elektrische Strom durch das auf dem Meeresboden ruhende Kabel
bis nach Amerika durchdringen könnte. Und gleichwohl fanden sich
sine Menge Privatleute, die gerne bereit waren, einige 100 Pf. St. für
das Experiment zu opfern, welches eventuell eine eminente wirtschaftliche
 Förderung zu inaugurieren vermochte; wie in den vorerwähnten
Fällen der Tunnelbauten die Regierungen verschiedener Staaten vorweg
sine Anzahl Aktien übernahmen, um den Anfang zu ermöglichen und
auch die vielen Millionen, die erforderlich waren, durch die Beteiligung
les Privatkapitals leicht zusammengebracht werden konnten; aber nur
indem sich "Tausende, zerstreut in der ganzen civilisierten Welt mit
kleineren Summen, und mit darauf beschränkter Haft, daran beteiligen
onnten.
Handelt es sich um die Gründung eines Theaters, eines Kasinos,
aines städtischen Parks, einer Wohlthätigkeitsanstalt, z. B. eines Luftkurortes
 für arme Schwindsüchtige, wo auf eine Verzinsung nicht gerechnet
 werden kann, so finden sich wohl Leute, die bereit sind, ein
paar 100 Mk. dafür zu opfern, allein für den guten Zweck und unter
der Möglichkeit sich allen weitergehenden Anforderungen zu entziehen.
Sie kommen als Aktiengesellschaften wohl zustande, aber kaum auf
nem anderen Wege.
4. In den Aktiengesellschaften ist intelligenten Leuten Gelegenheit
geboten, als Direktoren, auch ohne selbst größeres Vermögen zu haben,
Joch sehr bedeutende Mittel im wirtschaftlichen Betriebe zur Verwertung
 zu erhalten, und damit ihre Kräfte in besonderer Weise für die
Gesamtheit nutzbringend zu machen. Wiederholt sind Männer aus
hohen Posten im Staatsdienste an die Spitze von Aktiengesellschaften
gezogen und haben dort eine bedeutende Wirksamkeit entfaltet.
Schließlich kann noch hinzugefügt werden, daß speziell die Staatsverwaltung
 wie die Wissenschaft daraus Nutzen zu ziehen vermag,
Jaß die Thätigkeit der Aktiengesellschaft durch ihre Jahresberichte
zur öffentlichen Kenntnis gelangt und damit Aufschluß über wirtschaftliche
 Fragen erlangt wird, der sonst nicht zu erzielen gewesen
 wäre. ,
Diese charakterisierten Vorzüge sind so bedeutend, daß man sagen
kann, die Form der Aktiengesellschaften ist heutigen Tages nicht zu
entbehren, und wir verdanken ihr sehr bedeutende Fortschritte in der
Entwickelung unseres Wirtschaftslebens. Aber diesen Vorzügen stehen
auch bedeutende Nachteile gegenüber, die nun noch besonders
oharakterisiert werden müssen, und die es erklärlich machen, daß in
der neueren Zeit die Aktiengesellschaften bedeutende Anfeindungen
erfahren haben.
        <pb n="242" />
        — 224 —

Nachteile der 1. Da ein Jeder an der Börse Aktien kaufen und sich damit an
Aktienge- solchen wirtschaftlichen Unternehmungen beteiligen kann, so ist es dem
sellschaften. Pupl;kum in außerordentlicher Weise erleichtert, ohne Arbeit und
Sachkenntnis Nutzen aus dieser Anlage zu ziehen. Auf der anderen
Seite bildet erfahrungsgemäß gerade diese Form besondere Gelegenbeit
 für unternehmende Köpfe, das Publikum auszubeuten und es in
schwindelhafte Unternehmungen nur zu dem Zwecke hineinzuziehen,
ihnen das Geld aus der Tasche zu locken. Das Publikum erweist
sich als außerordentlich leichtgläubig und läßt sich durch reklamehafte
Anpreisungen über zu erwartende hohe Dividende zum Ankauf von
Aktien bewegen, deren Sicherheit es garnicht zu übersehen vermag.
Zu allen Zeiten, wo viel Geld flüssig und eine lohnende Anlage
schwierig ist, wird es erfahrungsgemäß leicht, Kapitalisten dazu zu
bewegen, ihr Geld zu schwindelhaften Gründungen herzugeben, und zu
allen Zeiten, wo die Wogen der Spekulation hoch gingen, haben weite
Kreise große Verluste erlitten durch vertrauensselige Unterstützung
neu aufgetauchter schwindelhafter Aktiengesellschaften; wofür in den
verschiedensten Ländern in der Schwindelperiode Anfang der siebziger
Jahre Belege geboten sind. Ein vortreffliches Beispiel hierfür bot die
Gründung der Dachauer Bank im Jahre 1871. KEine bis dahin ganz
unbekannte Schauspielerin erließ eine Annonce, daß sie ein Darlehn
erbitte. Sie sei bereit 25% dafür zu zahlen. Daraufhin wurden ihr
von den verschiedensten Seiten, von Bauern, Handwerkern, Hausknechten
 wie Beamten aller Art und Kapitalisten bis in die höchste
Aristokratie hinein so bedeutende Summen angeboten, daß sie damit
eine Art Baubank gründete, Da sie die Zinsen zunächst pünktlich
zahlte, natürlich fast nur von den neu hinzutretenden Kapitalien,
strömten ihr immer neue Gelder in größter Ausdehnung zu, bis die
Polizei sich ins Mittel legte und die Bank schloß, die nur ganz unbedeutende
 Geschäfte machte und nie im stande gewesen wäre, auch
nur annähernd solche Zinsen herauszuwirtschaften. Die Darleiher haben
dabei den größten Teil ihrer Einlagen verloren.
In den Aktien sind der Börse sehr bedeutende Summen von Papieren
 mit schwankendem Kurse zugeführt, die zur Verallgemeinerung
der Börsenspekulation in außerordentlichem Maße beigetragen haben.
Wenn in Deutschland in dem einen Jahre 1872 allein 479 Ahtiengesellschaften
 mit fast anderthalb Milliarden Mark neugegründet wurden,
und diese Summen dem Börsenspiel überantwortet sind, so kann man
sich nicht verhehlen, daß dadurch der Spekulation in bedenklicher
Weise neue Nahrung gegeben ist. Und wenn sich ferner ergiebt, daß
schon nach einem Jahre von diesen Gründungen ein großer Teil wieder
zu Grunde gegangen war und der größte Teil des angeführten Kapitals
verloren gegangen ist, so kann man über die Gefahren nicht zweifelhaft
 sein, die mit dem Aktienwesen verbunden sind.
2. Die Aktiengesellschaften erleichtern, wie ausgeführt, die Durchführung
 des Großbetriebes und haben darin ihren wesentlichen Vorteil.
Dies schließt aber zugleich die Möglichkeit ein, vor allem durch Vereinigung
 einer Anzahl Aktiengesellschaften den Markt in ausgedehntem
Maße zu beherrschen und die Gesamtheit zu gunsten Weniger auszubeuten,
 wie wir das bei Betrachtung der Kartelle sogleich noch
näher zu erörtern haben werden. Die Gefahr einer Verdrängung des
Mittelstandes, wenigstens wie er bisher bestand, des Kleinbetriebes,
3owohl als Handwerk wie als Fabrik, der kleinen Läden gegenüber
        <pb n="243" />
        225

dien Großbazaren liegt auf der Hand, Doch sind wir nicht in der
Lage, diesem Punkte eine so hohe Bedeutung beizumessen, wie es von
vielen Seiten geschehen ist, in Anbetracht der Notwendigkeit des
Großbetriebes und der thatsächlichen Ueberlegenheit seiner Leistungen
über den Kleinbetrieb.
3. Dagegen ist noch auf eine andere Gefahr hinzuweisen, die in
der leichten Ausdehnung des Betriebes liegt, wie er in der Form der
Aktiengesellschaft zu Tage tritt. An und für sich liegt in der Form
der Aktiengesellschaften Anlaß zu verhältnismäßig großer Vereinigung
von Kapitalien vor, wodurch allein die ganze komplizierte Organisation
zich erst bezahlt machen kann, und außerdem ist es wesentlich erjeichtert,
 in kürzester Frist eine Erweiterung des Betriebes vorzunehmen.
 Die Ausgabe ‚neuer Aktien zur Erweiterung des Betriebskapitales
 hat bei einem gut fundierten Unternehmen keine Schwierigkeit.
 Sobald die Preise in die Höhe gehen, die allgemeinen Konjunkturen
 günstig erscheinen, dehnen deshalb vor allem die Aktiengesellschaften
 den Betrieb in kürzester Zeit wesentlich aus, während Privatanternehmungen
 weit langsamer dazu gelangen, die in der Hauptsache
auf eigene Mittel dabei angewiesen sind. Damit ist die Möglichkeit
und Gefahr gegeben, bei Verallgemeinerung der Form der Aktiengesellschaften
 Ueberproduktion herbeizuführen und diese weit länger bestehen
 zu lassen, als es ohne sie möglich wäre. Die Aktionäre sind
imstande, auch Jahre lang sich ohne Bezug der Dividende zu behelfen,
wenn sie nur einen kleinen Teil der gewöhnlichen Einnahmen ausmachen.
 Die Aktiengesellschaften können deshalb im allgemeinen. eine
Reihe von Jahren ihre Thätigkeit fortsetzen, auch wenn sie ohne jeden
Profit bleiben. Aus Furcht, Kapital einzubüßen, und in der Hoffnung
auf bessere Zeiten lassen die Aktionäre die Gesellschaft fortarbeiten,
während ein Privatunternehmer die Thätigkeit längst eingestellt hätte.
4, Der Geschäftsbetrieb der Aktiengesellschaften wird wesentlich Schwerbeeinträchtigt
 durch die Schwerfälligkeit und Kostspieligkeit des Ver- fälligkeit und
waltungsapparates, der unvermeidlich ist. Daher die häufige Erschei- Kostspielignung,
 daß Privatunternehmungen, die sehr prosperierten und ihrem “it der V SE
Besitzer hohen Ertrag ablieferten, sobald sie in eine Aktiengesellschaft &amp;amp;
ımgewandelt waren, nur geringe Dividende boten und nicht zu freudigem
 Aufschwunge gelangen konnten. Ein tüchtiger Direktor verlangt
 eine außergewöhnlich hohe Besoldung, da seine Stellung keine
gesicherte ist. Vielfach sind mehrere Direktoren erforderlich, wo es
sich um eine komplizierte Verwaltung handelt. Dem Direktorium steht
mitunter ein Verwaltungsrat zur Seite, der gleichfalls eine hohe Besoldung
 beansprucht, und schließlich der vom Gesetz verlangte Aufsichtsrat,
 zu dem man gerne bekannte Namen heranzieht, die nur
gegen hohe Remuneration zu gewinnen sind, während in einem Privatunternehmen
 an Stelle dieses Apparates häufig der Unternehmer allein
steht mit ein paar Unterbeamten, die nur mäßig besoldet sind. Es
ist klar, daß kleine Unternehmungen schon allein durch die Kosten
des Verwaltungsorganismus erdrückt werden können, weil diese einen
übermäßigen Prozentsatz der Einnahmen absorbieren. Er wird sich
daher nur bei großen Gesellschaften mit bedeutenden Kapitalien bezahlt
 machen. Loeb (Jahrb. f. Nat.Oek. III F. Bad. 23) berechnet die
Bezüge des Verwaltungsrates im Durchschnitt auf %,, % des Aktienkapitales,
 und von allen Gesellschaften in Deutschland auf gegen 60
Mill. Mk.

Nonrad, Grundrifs der polit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl.
        <pb n="244" />
        2926

Die so aus mehreren Instanzen bestehende Verwaltungsbehörde
muß natürlich wiederum besondere Schwierigkeiten verursachen. Der
Direktor, der von der Generalversammlung gewählt ist, kann von ihr
jeden Augenblick wieder entlassen werden. Die Generalversammlung
besteht häufig. aus Personen, die nur wenig Verständnis für das Ge-3achäft
 selbst haben, meistens die Aktien nur vorübergehend besitzen,
daher vor allem auf hohe Dividende sehen und wenig Rücksicht
auf die Zukunft nehmen, Daher die gewöhnliche Erscheinung, daß
die Aktionäre wenig geneigt sind, Schulden abzuzahlen und große
Reservefonds zu bilden, sondern die Einnahmen so viel als möglich
zur Verteilung zu bringen. Die Folge davon ist, daß die Aktiengesellschaften
 im allgemeinen Krisen schwer zu überdauern vermögen
und größeren Verlusten nicht gewachsen sind, Während bei Privatunternehmungen,
 Genossenschaften und solchen Aktiengesellschaften,
die durch Sachverständige vertreten sind, welche dauernd in dem Besitze
 des Unternehmens bleiben wollen, wie Gutsbesitzer, die gemeinsam
eine Zuckerfabrik gegründet haben, weit schärfer auf die Tilgung von
Schulden hingewirkt und dadurch die Widerstandskraft der Gesellschaften
 gefördert wird.
Die Direktoren haben sich natürlich den Aktionären unterzuordnen
und die Verwaltung ihren Wünschen anzupassen. Auch sie müssen
deshalb hauptsächlich auf den momentanen Erfolg bedacht sein.
Außerdem sind sie in ihrer Thätigkeit beschränkt durch Aufsichts- ev.
Verwaltungsrat, welche bei wichtigen Fragen die Entscheidung zu
treffen haben. Eine schnelle Handlungsweise, um eine augenblickliche
Konjunktur zu benutzen, ist deshalb vielfach ausgeschlossen, und die
Rücksicht auf die Generalversammlung verhindert oder erschwert die
Uebernahme eines Risikos. Aus diesen Gründen ist die Form der
Aktiengesellschaft da nicht am Platze, wo ein mehr kaufmäunischer
Betrieb eine große Selbständigkeit des Leiters verlangt. Sie wird nur
dann mit den Privatunternehmungen zu konkurrieren vermögen, wenn
die an der Spitze stehende Persönlichkeit sich einer außergewöhnlichen
Autorität erfreut und dadurch eine besondere Selbständigkeit erlangt
hat, oder wo der Gang des Geschäftes ein mehr gleichmäßiger ist,
und zugleich ein größeres Kapital für den Erfolg maßgebend ist.
Das ist der Fall bei Eisenbahnen, Straßenbahnen, Gasanstalten, Versicherungsanstalten
 , Bergwerken, Bankinstituten und einzelnen industriellen
 Unternehmungen wie Spinnereien, Maschinenbauanstalten ete.,
während bei einer sehr großen Zahl gewerblicher Betriebe die Form
sich nicht bewährt hat,
Aus dem Gesagten geht hervor, daß zwar die Aktiengesellschaften
von höchster wirtschaftlicher Bedeutung für die Gegenwart sind; daß
sie aber nicht überall mit Nutzen anwendbar sind, und eine Gefahr
darin vorliegt, daß sie in zu großer Ausdehnung und auch da gegründet
 werden, wo es wirtschaftlich nicht gerechtfertigt ist, allein, um
an dem Gründungsvorgange selbst zu profitieren und eventuell das
Unternehmen betrügerisch auszubeuten, Eine Beschränkung der Gründung
von Aktiengesellschaften, eine Kontrolle des Gründungsvorganges und
eine gewisse Normierung der Statuten durch die Gesetzgebung ist deshalb
 wünschenswert, ja unvermeidlich.
EEE Ansch, Man hat aber auch vorgeschlagen (besonders Adolf Wagner),
Kommunal- eine Beschränkung der Aktiengesellschaften dadurch herbeizuführen,
betrieb. daß der Staat und die Gemeinden, wo ein Bedürfnis vorliegt, selbst
        <pb n="245" />
        297

in möglichster Ausdehnung die betreffenden Unternehmungen in die
Hand nehmen und sie damit der Privatspekulation entziehen, Ganz
unzweifelhaft ist dieses in vielen Fällen erwünscht und in der neueren
Zeit gerade in Deutschland in erheblicher Ausdehnung auch geschehen.
Man braucht nur an die Uebernahme der Eisenbahnen durch den Staat
zu erinnern, wie an die Durchführung von Straßenbahnen, Gas- und
alektrischen Anstalten, Wasserwerken und dergleichen durch die Städte,
die im allgemeinen von großem Erfolge begleitet gewesen sind. Aber
all die Unternehmungen, die dabei in Betracht kommen, sind gerade
solche, bei denen auch die Form der Aktiengesellschaft anerkanntermaßen
 ohne jeden Nachteil ist, wo also durch dieses Vorgehen den
erwähnten Uebelständen des Aktienwesens kein Abbruch geschieht,
während jetzt allgemein wohl anerkannt ist, daß für sonstigen gewerbüichen
 Betrieb sich Staat und Gemeinde noch weniger eignen als die
Aktiengesellschaft; und nur sehr selten sind weitergehende Anstalten,
hie und da Bierbrauereien, Bäckereien mit nachhaltigem Erfolge von
Gemeinden betrieben. Gerade von Unternehmungen solcher Art werden
die Aktien aber auch nicht zur Börsenspekulation zu verwerten sein,
da sie weniger Kursschwankungen unterworfen sind.
Dazu kommt, daß keineswegs in allen Städten, namentlich in
kleinen Gemeinden, bei dem Magistrat und gar der Stadtverordnetenversammlung
 die Intelligenz und das richtige Verständnis vorauszuzetzen
 sind, um ein rechtzeitiges Inangriffnehmen der erwähnten Einrichtungen
 und eine sachgemäße Verwaltung voraussetzen zu können.
Die Furcht, Schulden zu machen, entgegenstehendes Interesse bei
einzelnen maßgebenden Mitgliedern, persönliche Rivalität zeigen sich
sehr häufig als unüberwindliche Hemmnisse für ein zeitgemäßes Vorgehen
 durch die Gemeinde selbst, so daß es eine Wohlthat sein
kann, wenn die Sache durch eine Aktiengesellschaft in die Hand genommen
 wird.
Es ist deshalb eine angemessene Einengung des Aktienwesens
von Staat und Gemeinde durch eigene Unternehmungen nicht zu erwarten,
 und besonders nicht da, wo sie am meisten wünschenswert ist.

Die Gründungsthätigkeit.
Nach Engel’s Berechnungen sind in Preußen gegründet worden:
vor 1800 6 Gesellschaften mit 1.40 Mill. Mk. Kapital
zon 1801—1825 16 N „3486 „ 0.
„ 1826—1850 102 5 5 68749 5 02}
” 1851—1870 336 N x 2581,88 2 02?
"n Deutschland?) wurden gegründet:
Gesellschaften Kapital Mill. Mk.
a 757
1478
544
106

871
872
873
1874
875
1876
1877
1878
1879
1880

A

4
7

99

Statistik.

1) Nach v. d. Borght im Handwb. d. Staatsw., dem deutschen Oekonomist
ınd Chronik der Jahrb. £ Nationalökonomie.
        <pb n="246" />
        298

881
1882
1883
1884
885
‚886
1887
‚888
889
‚890
1891
‚892
1893
894
‚895
1896
[897
1898
1899
L900
901

Gesellschaften Kapital Mill. Mk.
199
*6
13
1

1A

£

198
194
108
271
80,5
1028
77,3
88,3
250,7
268,6
380,5
463,6
544.4
340,0
172.0

A
N
es

LE“
254
329
364
261
178

Stand des deutschen Aktienwesens 1896
(nach van der Borght).

Gruppe

‚Jingezahl-" Oppioa,
Zahl der tes Aktien-  ORen u. Reserve.
Aktien- kapital(ein- “hnliche ! fonds
gesell- ey Anleihen
SS ien.
haften MillL Mk Mill MI

I. Banken und Kreditinstitute) 400 2136,87 5261,15 437,07
IL. Versicherungsgesellschaften J 131 110,02 104.34?)
II. Bergbau-, Industrie-, Bauu.
 sonstige Gesellschaften 3181 4598.87 | 1126.62] 625.99

Reingewino und Unterbilanz:

Gruppe I
; II
ILI

400 | 2136,87
118 100,25
2736 * 4924589

| Rein- Unter-Gewinn
 | bilanz
Mill. Mk. | Mill. Mk
215,92 4,13
| 4097 0:31
433.95 62.13

Dividenden:

jruppe I
IT
TIT

386 | 2127,77
110 97,42
994 | nm og

Dividende

Mill. Mk.
214,29 4,13 158,22
40,60 031 17,33
404 27 57.69 974.87

Loeb (Jahrb. f, Nat.-Oek. III. F. 23. Bd. 1902) zählte gegen
Mitte 1900 in Deutschland 5500 Aktiengesellschaften und excl. der
Notenbanken und Versicherungsanstalten mit 10,8 Milliarden Kapital
nach dem Nominalbetrage. Davon waren 3443 Industriegesellschaften

1) Ausschließlich Prämien- und Schadenreserve.
        <pb n="247" />
        ..np

mit 5,9 Milliarden, 442 Kreditbanken mit 2,4 Milliarden, 249 Baubanken
 mit 625 Mill, 288 Eisenbahnen und Straßenbahnen mit einer
Milliarde, 146 Dampfschiffahrtsgesellschaften mit 380 Mill. Mk.

1886/87 1891/92 1896
Gesamtzahl der berücksichtigten
 Gesellschaften 2134 = 100 Proz, 3124 = 100 Proz. 3700 = 100 Proz.
Darunter mit Kapital
bis 100 000 Mk
über 100 000—250 000 .
250 000—500 000
500 000 bis 1 Mill
1—21% ,
21—B
5—10
10.

504 — 13,62 ,
517= 1397 %
296 — 16,92 »
R5= 2067 ;
20.90 %
„757
343 *
10 — 2,92 Fa

ze

Körösy giebt in seiner überaus‘ sorgfältigen Schrift „über die
finanziellen Ergebnisse der ungarischen Aktiengesellschaften in dem
Jetzten Vierteljahrhundert“ sehr interessante Angaben, Das Aktien-Kapital
 stieg in Ungarn von 95 Mill. Gld. i J. 1874, auf 109 Mill.
i. J. 1889 und 353 Mill. i. J. 1898, Der Reingewinn nach Abzug der
Kapitalsverluste schwankte von 1874—98 zwischen — 1,2% (1876) und
413,1 % (1890 und 1893). Von 1889—94 hielt er sich durchschnittlich
auf 12% und sank dann allmählich auf 7,9% i. J. 1898. Im Durchschnitt
 der ganzen Zeit verteilten die verschiedenen Gruppen die folgende
 Dividende, die natürlich nicht mit dem thatsächlichen Reinertrage
 und noch weniger mit dem endgültigen Reingewinne der
Aktionäre (nach Abzug der Kapitalverluste) zu identifizieren ist.
Banken .. 0.0.0000... 723 Proz.
Sparkassen... .... 183
[ndustrielle Unternehmungen 6%
Versicherungsanstalten. .. 92
Verkehrsanstalten . 0. 0.0.0007
Sonstige Aktiengesellschaften 7
7 gesamt 8.0 Proz.

8 79,
Die Credits mobiliers oder Emissions- und Industriebanken.


Aycard, Histoire du Credit mobilier. Paris 1867. ;
Sattler, Die Effektenbanken, Leipzig 1890.
Model. Die großen Berliner Effektenbanken. Jena 1896.

Zu einer besonderen Kigentümlichkeit haben sich in der neueren
Zeit große Bankinstitute auf Aktien ausgebildet, die sich nicht darauf
beschränken, die früher charakterisierten eigentlichen Bankgeschäfte zu
machen, sondern im Gegenteil den Schwerpunkt ihrer Thätigkeit in
Börsengeschäften sehen. Durch die gewaltigen Mittel, mit denen sie
dabei auftreten, haben sie einen großen Einfluß auf das wirtschaftliche
Leben gewonnen. Um dieses klarzulegen, wird es gut sein, noch einmal
 den Unterschied zwischen Bank- und Börsengeschäften kurz zu
harakterisieren und gegenüberzustellen, ; |
Eine Hauptbanukthätigkeit ist es, wie wir sahen, Wechsel aufzu- sh
kaufen, was allerdings auch an der Börse geschieht. Die Bank aber dern
kauft die Wechsel. um sie bis zum Fälligkeitstermine liegen zu lassen geschäfte.
        <pb n="248" />
        930

Historische
Entwickelune.


und dann den Betrag einzukassieren. Das Börsengeschäft besteht
darin, Wechsel billig zu kaufen und zu einem höheren Preise wieder
zu verkaufen. Die Bank will nur den Zins in Anspruch nehmen, die
Börse am Wechselkurse gewinnen, Die Erstere sieht deshalb auf besondere
 Sicherheit, die zweite nur auf erfolgreiche Absetzbarkeit des
Wechsels.
Die Bank handelt mit flüssigen Betriebskapitalien, die im laufenden
 Geschäftsbetriebe umgesetzt werden, die Börse dagegen mit Anlagekapitalien.
 Auch hier will die Bank nur den Zins beziehen und
an der Differenz des Zinses für Depositen und Darlehen profitieren.
An der Börse will man an dem Kurse der Papiere gewinnen. Die
Bank kauft nur sichere Papiere zur Anlage von Reservekapitalien, die
Börse spekuliert mit Vorliebe mit unsicheren Papieren. Das Kaufen
der Papiere, um sie mit Vorteil zu verkaufen, ist kein bankmäßiges,
wohl aber ein hauptsächliches Börsengeschäft.
Von den kleineren Bankiers ist nun schon lange eine Vereinigung
beider T’hätigkeiten durchgeführt. In der neueren Zeit haben sich, wie
erwähnt, große Aktienbanken zur Aufgabe gestellt, gerade Börsengeschäfte
 zu machen, während sie es dabei nicht verschmähen, auch
die gewöhnlichen Bankgeschäfte für einen dauernden Kundenkreis zu
übernehmen, Das Bedenkliche dieses Vorgehens liegt vor allem darin,
daß die Sicherheit der Banken durch die Uebernahme von Börsengeschäften
 mehr und mehr gefährdet wird, und damit auch die Sicherheit
 für die Depositen der Bankkunden und die Unterstützung der
Geschäftswelt durch angemessenen Kredit. Auf der anderen Seite liegt
lie Gefahr einer einseitigen Beeinflussung der Börse durch jene großen
Anstalten vor, wie dann der Begünstigung von Gründungen aller Art
ıllein zum Zwecke der Spekulation. Wir haben deshalb diesen eigen-Ümlichen
 Unternehmungen näher zu treten.
Als Vorläufer dieser modernen Art von Banken ist wohl die
Gründung von John Law 1717 bei dem Uebergange seiner Banque
generale in die Banque royale anzusehen, mit der er die Aktien der
Mississippi-Gesellschaft an der Pariser Börse unterzubringen suchte.
Auch die von Friedrichdem Großen 1772 gegründete Seehandlungs-3ocietät
 hatte den gleichen Charakter, indem sie von vornherein sich
an industriellen Unternehmungen beteiligte und Emissionen von Staatspapieren
 übernahm. Indessen hat sie sich von eigentlichen Spekulationen
von je her fern gehalten, die ihr nach der Umwandlung in eine Staatsanstalt
 1810 naturgemäß prinzipiell untersagt waren. Dann ist die
1822 in Brüssel von König Wilhelm II. gegründete Soci6&amp;amp;t&amp;amp; generale
hier anzuführen, die ausdrücklich den Zweck hatte, industrielle Unternehmungen
 zu unterstützen und ins Leben zu rufen. Aber der Ausgangspunkt
 der eigentlichen Spekulationsbanken ist in dem 1852 von
den Gebrüdern Pereire in Paris gegründeten „Credit mobilier“ zu
sehen. Die Veranlassung zu dieser Gründung bot das Streben, die
Uebermacht des Hauses Rothschild zu brechen und ihm ein mit
ähnlichen Mitteln ausgerüstetes Institut entgegen zu stellen, welches
sich an allen größeren Börsenspekulationen beteiligte, um davon zu
profitieren. Das Aktienkapital betrug anfangs 60 Mill. Fres., während
außerdem noch der zehnfache Betrag durch Ausgabe verzinslicher
Obligationen aufgebracht werden sollte, was aber nicht zur Ausführung
gelangte, da die Regierung den Mißbrauch dieser Kapitalsmacht befürchtete
 und die Ausgabe nicht gestattete. Aher auch das Stamm-
        <pb n="249" />
        Sn
Rn

kapital reichte aus, die Kurse an der Börse in hohem Maße zu beherrschen
 und in einem Jahre (1855) einen Kursgewinn von 26 Mill, Fres,
zu erreichen. Daneben machte die Gesellschaft es sich zur Aufgabe,
wo sich irgend eine Gelegenheit bot, Aktiengesellschaften in das Leben
zu rufen, auch wo dafür ein Bedürfnis nicht vorlag, nur um Aktien
zur Spekulation in die Hand zu bekommen und sich einen Gründergewinn
 zu verschaffen. So gelang es ihr in mehreren Jahren 1855,
56, 62, 63, außerordentlich hohe Dividenden (25 % und darüber) zu verteilen
 und den Kurs ihrer Aktien in außerordentlicher Weise in die
Höhe zu treiben. 1866 kam die Gesellschaft indessen in große Verlegenheit
 und konnte sich nur durch Verdoppelung des Stammkapitals
aufrecht erhalten, um 1867 doch völlig zusammenzubrechen, wodurch
lie Aktionäre und ein weiter Kreis, der mit dem Credit mobilier in
Beziehung stand, außerordentliche Verluste erlitt. Eine ganz ähnliche
Erscheinung erlebte Frankreich im Jahre 1881 durch den Bankerott
ler „Union generale“, mit welcher Bontout wenige Jahre im In- und
Auslande mit bedeutenden Mitteln Gründungen und Börsenspekulationen
durchgeführt hatte, deren Folgen Zola in seinem „Vargent“ vorzüglich
dargestellt hat,
In ähnlicher Weise sind auch in Deutschland und Oesterreich in
den 60er und Anfang der 70er Jahre große Effektenbanken ins Leben
gerufen, die noch zum Teil in der Gegenwart eine bedeutende Rolle
spielen, weil sie mit großer Umsicht und Vorsicht vorgingen und
ihre Aufgabe darauf konzentrierten, einmal Anleihen von Staaten und
Gemeinden unterzubringen, dann wirklich nützliche Unternehmungen
mit ihren Mitteln zu unterstützen, dagegen sich von bloßer Kursspekulation
 mit Börsenpapieren fernhielten. Daneben aber sind
aamentlich Anfang der 70er Jahre eine große Zahl von Aktienbanken
gegründet, allein für Spekulationszwecke aller Art, zum Teil ohne solide
 Fundierung, die nur Geschäfte zu machen vermochten, wenn sie
zleichfalls unsolide Unternehmungen unterstützten und daher nur eine
kurze Zeit ihr Dasein fristen konnten, solange die Wogen der
Spekulation hoch gingen, und zusammenbrachen, sobald die Konjunkturen
 ungünstiger wurden.
In Oesterreich ist als Credit mobilier 1855 die k, k. privilegierte
österreichische Kreditanstalt für Handel und Gewerbe entstanden mit
60 Millionen Gulden, 1880 die k. k. privilegierte Länderbank mit
40 Millionen gegründet. In England ist eine große Zahl derartiger
Spekulationsbanken ins Leben gerufen. Für Deutschland greifen wir Crödit-mobinur
 zwei heraus, die eine nachhaltige Bedeutung erlangt haben. Das _ liers in
sind die Diskontogesellschaft und die Deutsche Bank in Deutschland.
Berlin. Die erstere ist von dem früheren Finanzminister und dem langjährigen
 Chef der preußischen Bank, David Hansemann, schon
1851 als Kommanditgesellschaft auf Aktien gegründet. Die Geschäftsthätigkeit
 erstreckt sich nach den Statuten zunächst auf das Diskontieren
 von Wechseln und das Depositengeschäft. Auch für jederzeit
zahlbare Guthaben wurde, nach der ursprünglichen Geschäftsnorm, eine
Zinsvergütung von 1*/ °%, gewährt. Erst im ‚Jahre 1855 gewann die
Bank modernen Charakter durch Erhöhung des Aktienkapitals, sowie
lurch Uebernahme größerer industrieller Unternehmungen und Ankauf
von Wertpapieren. Im Jahre 1864 bildete sie sich zu einer Emissions-9ank
 aus, indem sie namentlich die österreichische Silberanleihe jenes
Jahres ühernahm. und von diesem Momente an sich in Verbindung mit
        <pb n="250" />
        232 —

dem Hause Rothschild die Vermittelung von Staatsanleihen in auszedehntem
 Maße zur Aufgabe machte (für Argentinien, Rumänien u. s. W.).
Außerdem übernahm sie den Eisenbahnbau in verschiedenen überseeischen
 Ländern, eine große industrielle Unternehmung in Paris
a. dergl. Der Gesamtbetrag der Geschäftsanteile war 1852 circa 10
Millionen Mark, 1855 20 Millionen, 1857 schon 46 Mill. und ist allmählich,
 besonders in der neuesten Zeit infolge von Fusion mit anderen
Gesellschaften bis auf 150 Mill. erhöht, nachdem eine Reihe von Jahren
eine Reduktion des Kapitals stattgefunden hatte. Die Deutsche
Bank ist erst 1870 gegründet und stellte sich von vornherein die
Aufgabe, die internationalen Geldgeschäfte des deutschen Handels mehr
und mehr in die Hand zu nehmen nnd sie den englischen Banken zu
entziehen. Deshalb kommanditierte sie schon 1872 ein Bankhaus in
New-York, errichtete noch in demselben Jahre eine Filiale in London
unter dem Namen „deutsche Agency“ allein mit 45 Mill. Mk., und
beteiligte sich in dem folgenden Jahre kommanditarisch bei dem schon
seit längerer Zeit bestehenden Pariser Bankhaus „Weisweiler &amp;amp; Goldschmidt“,
 1874 beteiligte sie sich an der deutsch-belgischen Laplatabank,
 um auch in Südamerika festen Fuß zu fassen. Die 1872 in
Shanghai und Yokohama gegründeten Filialen konnten sich nicht halten.
Außerdem stationierte sie in Bremen und Hamburg Filialen als Stützpunkte
 für den internationalen deutschen Geldverkehr. Im Jahre 1886
wurde noch eine Filiale in Frankfurt, im letzten Jahre in Leipzig und
Dresden errichtet. Außerdem unternahm die Bank seit Ende der
achtziger Jahre erhebliche Eisenbahnbauten im Orient und gewann
dort eine wachsende und sogar eine dominierende Bedeutung. 1890
beteiligte sie sich an den deutsch-österreichischen Mannesmannröhrenwerken;
 seit 1894 an den südafrikanischen Goldfeldern.
Neben dieser ausgedehnten Thätigkeit zur Förderung neuer
industrieller Unternehmungen und der internationalen Kredit- und
Zahlungsvermittelung hat sich die Deutsche Bank von Anfang an
zur Aufgabe gestellt, den Depositen- und Checkverkehr in Deutschland
zu fördern und an sich zu ziehen. Durch die Errichtung einer
Anzahl Filialen in Berlin selbst suchte sie die Präsentierung der
Checks und damit die Anwendung derselben besonders zu erleichtern.
Während das Aktienkapital 1871 15 Mill. betrug, stieg es schon
1881 auf 56, 1894 auf 75, 1900 auf 130 Mill. Die Depositen waren
1871 8 Mill, 1884 27 Mill, 1894 75 Mill. Die Zahl der bei der
Bank gehaltenen Konti war 1883 10000, 1894 32716.
Die Dividenden der beiden erwähnten Banken haben sehr erhebliche
 Schwankungen gezeigt. Die Diskontogesellschaft zahlte von
1857—61 5%, in den folgenden Jahren 6%, 1868/69 9%, 1871/72
24 und 27%, 1876/77 4 und 5%, von 1879—87 mit unbedeutenden
Schwankungen 10%, 1889 14%, 1892/93 6%, 1899 10%, 1901 8%,
Die Deutsche Bank mußte sich in den siebziger Jahren mit dem durchschnittlichen
 Zinsfuß von 6%, begnügen. Anfang der achtziger Jahre
zahlte sie 10%, dann 6 Jahre 9% und blieb auf dieser Höhe bis
1894, 1899 stieg der Satz auf 11%, die auch in den letzten beiden
Jahren gezahlt wurden.
Die hier besprochenen Beispiele zeigen eine außerordentliche
Vereinigung der verschiedensten Bank- und Börsenthätigkeiten, und ihnen
treten mit ähnlichen Bestrebungen und bedeutenden Mitteln noch eine
ganze Anzahl andere Banken an die Seite, während die Anfang der
        <pb n="251" />
        233 —

siebziger Jahre in großer Zahl gegründeten Industrie- oder Gewerbevanken
 mit rein spekulativem Charakter gegenwärtig keine hohe Bedeutung
 mehr in Deutschland besitzen. Es ist dieses mehr Privatunternehmungen,
 d. h. Bankiers vorbehalten, die durch die erwähnte
Verbindung der Bank- und Börsengeschäfte „Credits mobiliers“ im
Kleinen repräsentieren. Nach dem früher Gesagten kann es keinem
Zweifel unterliegen, daß diese Verbindung ihre außerordentlichen Gefahren
 in sich schließt und doppelt in einem Lande, wo der Depositenverkehr
 im ganzen noch sehr schwach entwickelt ist, und Verluste
Jurch den Zusammenbruch einer solchen Spekulationsbank das Publikum
 wiederum mißtrauisch machen und vom Bankverkehr zurückschrecken
 müssen. Unzweifelhaft ist eine Scheidung und ausgedehnte
Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Banken weit wünschenswerter
 als diese Verbindung. Auf der einen Seite die großen Notenbanken,
 die sich auf den Giroverkehr und das Diskontogeschäft beschränken,
 wie das bei der deutschen Reichsbank und den anderen in
Betracht kommenden Zentralbanken der Fall ist. Daneben stehen besondere
 Depositenbanken, die den Schwerpunkt ihrer ganzen Thätigkeit
darin sehen, von einem großen Kundenkreis Depositeneinlagen heranzuziehen,
 und diese wiederum in demselben Kreise durch Erteilung von
Darlehen an die Kunden zur Verteilung zu bringen, wie dieses bei den
Schultze-Delitzschschen Volksbanken, den Schweizerischen Spar- und
Leihkassen, dann bei einer großen Zahl von Aktienbanken und
Bankiers in England und den Vereinigten Staaten von Nordamerika
der Fall ist. Sie sind es, welche in Deutschland vor allem eine immer
größere Ausdehnung verdienen. Daneben sind die großen Effektenbanken
 oder KEmissionsbanken nicht zu entbehren, die zugleich
Gründungen mit ihren reichen Mitteln im In- und Auslande unterstützen
 und dadurch außerordentlichen Nutzen stiften können, und es
ist jedenfalls ein gesunder Zustand, daß eine Anzahl solcher Unternehmungen
 vorhanden ist, die sich Konkurrenz machen, und deren
Thätigkeit durch öffentliche Berichterstattung allgemein kontrolliert
werden kann, als wenn allein ein großes Bankhaus, wie Rothschild.
unbedingt dominiert.
Zur Gründung eines großen Aktienunternehmens sind eine Menge
Vorbedingungen erforderlich: vor allen Dingen 1. Intelligenz und Umsicht,
 um zu erkennen, wo eine Gründung am Platze und wie sie in
Angriff zu nehmen ist; 2. technische Kräfte, um den Voranschlag
anzufertigen und das Projekt selbst zu entwerfen; Architekten, wenn
es sich darum handelt, ein neues Arbeiter- oder Villenviertel ins Leben
zu rufen ete. 3. Geld, schon zur Deckung dieser Vorarbeiten und zur
Sicherung der Gründung selbst, um die Aktien zu übernehmen, die im
Momente von anderer Seite nicht gezeichnet werden. 4. Ein bei dem
Publikum in Ansehen stehender Name, um dadurch bei demselben
von vornherein Vertrauen zu dem Unternehmen zu erwecken und es
damit zum Ankauf der Aktien zu bewegen. All dies vereinigen allerdings
 die großen „Credits mobiliers“ in ihrer Hand und können dadurch
 den Unternehmungsgeist in außerordentlicher Weise fördern.
Dagegen liegt für sie die Gefahr vor, daß bei den großen
Schwankungen, welche in dem wirtschaftlichen Leben fortdauernd eintreten,
 nicht nur einzelne Jahre, sondern längere Perioden vorkommen,
wie Ende der siebziger, Mitte der achtziger, Anfang der neunziger
Jahre. wo das Geschäftsleben in hohem Maße darniederlieet und es

Vorbedingung
 der
Gründung
ron Aktiengesell-
        <pb n="252" />
        — 934 —

deshalb schwierig ist, die bedeutenden Gelder, die bei ihnen konzeniriert
 sind, angemessen zu beschäftigen. In solchen Zeiten liegt die
Versuchung nahe, auch gewagte Unternehmungen zu unterstützen, nur
um die Gelder zur Verwertung zu bringen. Daran ging der Crö6dit
mobilier der Gebrüder Pereire zu Grunde, wie die Unternehmungen der
Union von Bontout; die großen deutschen Effektenbanken haben besondere
 akute Krisen von erheblicher Bedeutung seit Dezennien noch
nicht zu überstehen gehabt, und man kann einer solchen Prüfung nur
mit einiger Sorge entgegen sehen.

Statistik.

Die hauptsächlichsten deutschen Effektenbanken?.

Name der Bank

Jahr
der Aktienkapital | Werbendes
jrün- Kapital
lung | Anfangs | 1899 1899
5 Millionen Mark

Umsätze

Diskontogesellschaft
Jeutsche Bank
Jresdener Bank
Jarmstädter Bank
Berliner Handelsgesellschaft
Schaafh, Bankverein
Nationalbank
Mitteldeutsche Credit-Bank
Breslauer Diskonto-Bank
Deutsche Genossenschaftsbank
Berliner Bank

856
870
872
853
‚856
848
881
856
870
‚864
‚RRQQ

1
n
be |
171
45
15,6
20
24
6 |
0,8
3

50
130
120
105
90%)
100 2)
80
5
50 4) |
36 %)
42 6)

166,6
197,5
1641
128
110,2
105,6
725
49,5 —
50,9 9 898
36,9 3.293,7
388 60359

20 125,1
50 770,3
28 165,1
8400
8 604 1

Total

| - | 188,7 | 93879 | 1120,6 |135 292,2

Dividenden.

Name der Bank

Jiskontogesellschaft
)eutsche Bank
)resdener Bank
Jarmstädter Bank
Berliner Handelsgesellschaft
Schaafh. Bankverein
Nationalbank
Mitteldeutsche Credit-Bank
Breslauer Diskonto-Bank
Deutsche Genossenschaftsbank
Berliner Bank

1898

J
0

317,

}
m

Kurs Kurs
1899 | 1900 | 1901 ' 30. Dez. la März
4901 1902

)
a

+

‚92,75
207,30
163,40
144/75
16900
144.00
146,50
114,30
12000
115,00
117.60

195,00
209.00
139,00
140,00
157,00
123,40
110,60
110,25
92:60
103.00
. galns

all

+7

|

1) Nach Heinemann, Jahrb. £f. Nationalökonomie, 1900, 3. F., Bd. XX.
Fußnote 2—7. Davon diyidendenberechtigt: 2) 85 Millionen, 3) 87% Millionen,
 4) 45 Millionen, 5) 32 Millionen, 6) 36 Millionen und 7) 90514 Millionen Mark.
        <pb n="253" />
        235

8 73.
Der Staat und die Aktiengesellschaften.
Zur Reform des Aktienwesens, Drei Gutachten von Wiener, Goldschmidt,
Behrend. Schrift, d. V. £. Sozialpolitik 1878.
Wiener, Kritik des Gesetzentw. betr. die Aktienges. Leipzig 1883.
Behrend, Lehrbuch des Handelsrechts I, II. Berlin 1896.
Lehmann, Recht der Aktiengesellschaften, Bd. I. Berlin 1898. .
L. Weyl, Handbuch des deutschen Aktiengesellschaftsrechts. Freiburg i. B.
md Leipzig 1896. (2. Teil.)
"sack, Lehrbuch des Handelsrechts. 5. Aufß. Stuttgart 1900.

Bis zum Jahre 1870 war in Deutschland und in den meisten
anderen Ländern die Gründung einer Aktiengesellschaft, wie ausgeführt,
 von der staatlichen Konzession abhängig, und man hat vielfach
zemeint, daß gerade die Beseitigung dieser Schranke nach der Beandigung
 des deutsch-französischen Krieges die Hochflut und ebenso
den darauffolgenden Zusammenbruch einer großen Zahl derselben verschuldet
 hat. Es ist dies leicht als ein Irrtum zu erkennen, wenn
man sich vergegenwärtigt, daß in Oesterreich die Schranke zu jener
Zeit noch nicht gefallen war, und die Kalamität dort noch größere
Dimensionen angenommen hatte als in Deutschland. Der Staat kann
nicht im einzelnen Falle die Verhältnisse genügend untersuchen, um
richtig zu entscheiden, ob die Bedingungen für eine Gründung angemessen
 und die sich dazu meldenden Unternehmer die geeigneten sind.
Er nimmt damit eine Verantwortung auf sich, der er nicht gewachsen
ist. Mißgriffe sind unvermeidlich, und das Publikum, das dadurch
Verluste erleidet, macht ihn dann mit Recht dafür verantwortlich. Die
Zahl der Gründungen in Zeiten enragierter Spekulation zu beschränken,
ist dem Drängen des Publikums gegenüber außerordentlich schwierig
und die Auswahl überaus mißlich. Die Verzögerungen bis zur
Konzessionserteilung lassen leicht für die Unternehmer den günstigen
Moment verpassen, und die Gefahr der Ausbildung von Nepotismus
und Bestechlichkeit fällt gleichfalls ins Gewicht. Mit vollem Recht
ist daher das Konzessionssystem für die Aktiengesellschaften im allgemeinen
 beseitigt und wohl für alle Zeit. Nur bei gewissen Unternehmungen,
 wo es das wirtschaftliche Interesse der Gesamtheit und
die Schutzlosigkeit des Publikums besonders verlangt, erscheint es
das geringere Uebel, wie bei den Eisenbahnen, den Versicherungsgesellschaften
 etc, Als Ersatz ist eine besondere Gesetzgebung, „ein
Aktienrecht“ geschaffen, welches uns hier etwas näher zu beschäftigen
 hat.
In Deutschland suchte, wie erwähnt, das Gesetz von 1884 die
Verhältnisse allseitig zu regeln, besonders Betrügereien bei dem Gründungsvorgang
 zu verhüten und durch erweiterte Haftung der Gründer
das Publikum vor dem Gründungsschwindel zu sichern. Es hat dann
durch das Handelsgesetzbuch von 1897 eine weitere Ausbauung erfahren.
 1. Hiernach ist für die Gründung einer Aktiengesellschaft
die Vereinigung von wenigstens 5 Personen, in England und Frankreich
 7, mit mindestens je einer Aktie die Vorbedingung einer Gründung.
 Die Aktien oder Interimsscheine müssen auf einen Betrag von
mindestens je 1000 Mk. lauten. Namensurkunden zu geringerem Betrage,
 jedoch nicht unter je 200 Mk. sind nur ausnahmsweise, z. B. für
yemeinnütziee Unternehmungen oder bei sonst besonders erschwerenden

Deutsches
Atienrecht.
        <pb n="254" />
        vos
00

Bestimmungen zulässig, durch welche namentlich die Uebertragungsbeschränkung
 ausgesprochen ist, um auf diese Weise die Beteiligung der
kleinen Leute von der Aktienspekulation auszuschließen. In früheren
Zeiten, besonders in England und Amerika, sind Aktien zu einem
Pfund Sterling zur Ausgabe gelangt. Gegenwärtig ist in England eine
Begrenzung der Höhe der Aktien nicht normiert. In Frankreich ist
der Mindestbetrag der unteilbaren Aktien bei Gesellschaften mit einem
Grundkapital bis zu 200000 Fres, 25 Fres., bei größeren Gesellschaften
100 Fres, Es unterliegt keinem Zweifel, daß die deutsche Bestimmung
 sehr viel richtiger ist.
2, Das deutsche Gesetz verlangt Einzahlung von mindestens ein
Viertel des Betrages des Aktienkapitales zur Gründung, und dieses
ist auch von den meisten anderen Ländern acceptiert, nur für die
kleineren Aktien wird z. B. in Frankreich bei Aktien von 25 Fres.
volle Einzahlung verlangt. Man hat gemeint, durch den Anspruch
der vollen Einzahlung die leichtsinnige Gründung von Aktiengesellschaften
 erschweren zu können und ihnen eine größere Sicherheit zu
bieten. Das ist indessen illusorisch; dagegen erschwert man dadurch
solide Gründungen und führt sie in die Hand der großen Geldmänner
resp. der Credits mobiliers. Wollen z. B. eine Anzahl Gutsbesitzer
eine Zuckerfabrik gründen, so ist es für sie eine wesentliche Erschwerung,
 sofort bei der Gründung das Aktienkapital von 300000 Mk.
bar zusammenzubringen, während sie zunächst zum Beginne des Baus
nur vielleicht 50—100000 Mk. gebrauchen, den Rest erst in vierteljährlichen
 Raten während einer Zeit von anderthalb Jahren, wo es
ihnen leicht ist, allmählich die Summe zusammenzubringen. Durch
den Anspruch der vollen Einzahlung sehen sie sich möglicherweise
genötigt, die Vermittelung einer Bank in Anspruch zu nehmen, der
es natürlich leicht ist, die betreffende Summe im Momente zu deponieren,
 Nimmt aber eine solche Bank die Gründung selbst in die
Hand, so beherrscht sie auch die Generalversammlung, die sie aus
Strohmännern, d. h. aus Personen zusammenberufen kann, die sie mit
den nötigen Aktien ausrüstet und die von ihr völlig abhängig sind.
Diese Generalversammlung wählt auch das Direktorium und den Aufsichtsrat
 oder das erstere durch den zweiten, wodurch die ganze
Verwaltung in der Hand der Gründerbank sich befindet und für die
spätere Handhabung keine Sicherheit geboten ist. Um. hier eine gewisse
 Erschwerung des nachhaltigen Einflusses der Gründer herbeizuführen,
 ist mitunter bestimmt, daß die erste Wahl nur für ein Jahr
Gültigkeit hat, was Beachtung verdient,
3. Von der größten Wichtigkeit ist nach den gemachten Erfahrungen
 die Bestimmung des Gesetzes von 1884 in Deutschland, daß
die Vorgänge bei der Gründung, welche von irgend welcher Bedeutung
für die Beurteilung des Unternehmens sind, bei der Eintragung in das
Handelsregister niedergelegt und damit der Kenntnisnahme der Interessenten
 zugänglich gemacht sind, und zweitens, daß die Gründer 5
Jahre hindurch für die Richtigkeit der gemachten Angaben haften,
sowie für Schäden, welche durch die Verletzung der gesetzlichen Bestimmungen
 den Aktionären erwachsen, einzustehen haben. Hierher
gehören vor allen Dingen alle Scheingeschäfte, und. die Gerichte haben
weitgehende Befugnisse über die Auslegung des Begriffes eines Scheingeschäftes.
 Diese Bestimmungen sind besonders durch die Erfahrungen
der Gründerperiode Anfang der siebziger Jahre veranlaßt, indem die
        <pb n="255" />
        257

Gründer sich bei dem Gründungsvorgange in ausgedehntem Maße
Vorteile zu verschaffen wußten, die dem Publikum unbekannt waren,
das erst später die ihm dadurch zugefügten Schädigungen wahrnahm,
wo die Gründer selbst sich der Verantwortung durch Verkauf der
Aktien entzogen hatten.
Es wurde z. B. eine Aktiengesellschaft gegründet, um in der Nähe
von Berlin ein neues Villenviertel zu errichten. Der Bauplatz ist für
100000 Mk. zu kaufen, die Bank läßt denselben durch einen Strohmann
für diese Summe erwerben und kauft kurz darauf von demselben das
Land für 150000 Mk., welche Summe nun als erste Ausgabe dem
Unternehmen zur Last gelegt wird und von den Aktionären zu verzinsen
 ist, während die Bank bereits 50000 daran verdient hat. Sie
bedingt sich bei dem Gründungsvertrage außerdem eine Anzahl Aktien
zu einem Vorzugskurse von 95 oder 90 u. s. w. aus, während die
Aktien al parı auf den Markt gebracht werden. Die Kursdifferenz
ist ein weiterer Gründerverdienst, den die Beteiligten möglichst durch
Reklame für das Unternehmen, durch Agiotage, Scheinkäufe an der
Börse und dadurch künstlich herbeigeführte Kurssteigerung zu erhöhen
suchen. Gelang es ihnen dann, die Aktien teuer zu verkaufen, so
überließen sie das Unternehmen sich selbst, und es war ihnen gleichgültig,
 ob es überhaupt eine produktive Thätigkeit übernahm oder nicht.
Es ist einleuchtend, daß dieses Vorgehen durch obige Bestimmungen
wesentlich erschwert ist.
Wer vor der Haupteintragung oder in den ersten 2 Jahren nach
derselben, um Aktien in den Verkehr einzuführen, eine öffentliche Bekanntmachung
 erläßt, haftet mit den Gründern und Gründergenossen.
Ebenso haften Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder, die bei ihrer
Prüfung die Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsmannes verletzt
haben, gleichfalls für Schädigungen, welche die Aktionäre dadurch
erfahren. Jede falsche Darstellung behufs Reklame kann ihnen daher
teuer zu stehen kommen. Betrügereien,. wie sie in den siebziger
Jahren bei den Gründungen in großer Zahl vorgekommen sind, sind
jetzt nur selten zu befürchten, wenn sie auch nicht ganz ausgeschlossen
 sind, ,
4, Neben dem Vorstande ist von dem Gesetze ein Aufsichtsrat
verlangt, welcher erhebliche Ausgaben zu prüfen und der Generalversammlung
 Bericht zu erstatten hat,
5. Die Unterpariemission ist überhaupt unzulässig. Vor der vollen
Leistung des Nenn- oder höheren Emissionsbetrages dürfen nach
deutschem Rechte nur Namenaktien unter Angabe der Einzahlungssumme
 oder Interimsscheine ausgegeben werden, Die Namen der
Inhaber von Interimsscheinen und Namenaktien sind in ein Aktienbuch
einzutragen wie ebenso jede Uebertragung derselben. In der Generalversammlung
 gewährt nach deutschem Rechte jede Aktie das Stimmrecht.
 . Gestimmt wird aber nicht nach Köpfen, sondern nach Beträgen,
 so daß bei verschiedenen Aktien der‘ höhere Betrag entsprechend
 höheres Stimmrecht giebt. Für mehrere Aktien in einer
Hand kann aber der Gesellschaftsvertrag das Stimmrecht in Abstufungen
 oder durch einen Höchstbetrag beschränken, um damit also
das Uebergewicht einzelner Personen, welche viele Aktien in der
Hand haben, abzuschwächen. Es ist wohl zu beklagen, daß das Gesetz
 nicht selbst eine solche Abstufung verlangt. Allerdings liegt
stets die Gefahr vor, daß wiederum Aktien an Strohmänner verteilt
        <pb n="256" />
        9238 &amp;lt;=werden,

 um damit einen entsprechenden Einfluß auf die Abstimmung
zu gewinnen.
Der Aufsichtsrat muß mindestens drei Mitglieder umfassen. Er
kann erforderlichenfalls eine‘ Generalversammlung berufen und hat
die Gesellschaft gegen die Vorstandsmitglieder zu vertreten. Die
eneralversammlung kann mit einfacher Stimmenmehrheit Bestellung
von Revisoren zur Prüfung eines Vorganges bei der Gründung, oder
bei der Geschäftsführung verlangen. Bei Ablehnung der Revision
trotz starker Verdachtsgründe kann das Gericht auf Antrag von
Aktionären mit mindestens ein Zehntel des Grundkapitals dasselbe
verlangen, wenn es sich um Vorgänge bei der Geschäftsführung handelt,
die nicht länger als zwei Jahre zurückliegen.
6, Nach Abschluß des Geschäftsjahres ist der Generalversammlung
 ein Jahresbericht über die Führung und den Stand des Geschäftes
 zu unterbreiten, Eine Thatsache ist aber, daß diese Jahresberichte
 keinen ausreichenden Einblick in die Verhältnisse der Aktienzesellschaften
 gewähren, da Verschleierungen dabei außerordentlich
leicht sind. Wiederholt sind Aktiengesellschaften zur Liquidation gezwungen
 gewesen, die kurz zuvor einen sehr günstigen Jahresbericht
geliefert und eine hohe Dividende ausgezahlt hatten, weil derselbe nur
rechnerisch festgestellt war, z. B. durch eine höhere Taxation des Inventariums,
 des Strohvorrats etc. bei dem Gute einer Zuckerfabrik,
Aufführung eines Warenbestandes, der vorhanden sein sollte, aber
nicht vorhanden war. Man wird vielmehr daran festhalten müssen,
laß es eine Sicherung gegen Verluste bei Beteiligung an Aktiengesellschaften
 nicht giebt, und diese allein in der äußersten Vorsicht des
Publikums selbst zu finden ist. Die Beteiligung an einem Aktienunternehmen
 kann nur gerechtfertigt erscheinen, wo die ganzen Verhältnisse
vollständig bekannt und namentlich die Leitung als in sicheren Händen
anerkannt ist.

8 74.
Kartelle,

Kleinwächter, Die Kartelle. Innsbruck 1883.
Steinmann und Bucher, Die Nährstände und ihre zukünftige Stellung im
Staat. Berlin 1886.
Schriften des Vereins für Sozialpolitik. Ueber wirtschaftliche Kartelle.
Leipzig 1894.
Jenks, Die Trusts in den Verein, Staaten. Jahrb. £. Nat.-Oekon,, 1891, Bd. I
Ders., The Trust Problem. New York 1900. ’ .
Liefmann, Die Unternehmerverbände, ihr Wesen und ihre Bedeutung, Freiburg
 i. B., Leipzig und Tübingen 1897,
L. Pohle, Die Kartelle der gewerblichen Unternehmer. Leipzig 1898.
Aschrott, Die Trusts. Archiv für Soziale Gesetzgebung 1897.

Unter Kartellen versteht man freiwillige Vereinigungen der Unternehmer
 zur Vermeidung der gegenseitigen Konkurrenz und zu gemeinsamem
 Vorgehen zur Beherrschung der Konjunkturen. a
5 Das Bestreben der Unternehmer, durch ein organisiertes Zu-En
 wem menhalten sich wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen, ist natürlich
streDungen, sehr alt. Man braucht nur an die alten Zünfte zu denken, die gerade
        <pb n="257" />
        —- 239 —

diesem Streben in weitgehendster Weise dienten. Das ist ersichtlich
aus den Kämpfen der Zünfte mit dem Rate der Stadt, welcher die
Konsumenten gegen Ueberteuerung durch die Zünfte zu schützen
suchte, wie in den Kämpfen mit den Gesellenverbänden, die ihrerseits
ihre Lage den Meistern gegenüber dnrch scharfes Zusammenhalten zu
verbessern suchte. Das ist ersichtlich aus der Gesetzgebung, durch
welche der Staat die Macht der geschlossenen Zünfte zu brechen für
nötig hielt. So ist es begreiflich, daß bei der modernen Entwickelung
des Großbetriebes sich Erscheinungen herausbildeten, die nun in großartigem
 Maßstabe dasselbe Ziel zu erreichen suchten. Die modernen
Unternehmerverbände sind nicht, wie vielfach behauptet wird, ein Produkt
 der Schutzzölle, sondern vielmehr des Freihandels. Der gänzliche
 Mangel einer Organisation in der Produktion, eine damit verbundene
 extreme Konkurrenz, die sich als vielfach ruinös erwies, führte
naturgemäß zu dem Gedanken, statt sich gegenseitig in dem Konkurrenzkampf
 aufzureiben, sich zu gemeinsamem Handeln zu organisieren
und die Produktionsverhältnisse, wie die Preise und Löhne auf Grund
gemeinsamer Verabredung so zu gestalten, wie sie den Verhältnissen
antsprachen und wie sie eine gedeihliche Wirksamkeit für alle Teile
gestatten.
Sie sind ebenso gefördert und mitunter zu einer Notwendigkeit
zeworden durch die Arbeiterbewegung und insbesondere die Strikes,
um der organisierten Arbeitermasse gleichfalls in geschlossener Weise
antgegentreten zu können.
Der Gedanke ist daher an und für sich ein wirtschaftlich gesunder
und den Zeitverhältnissen entsprechender. Wie all dergleichen Unternehmungen
 können aber natürlich auch diese ins Extrem ausarten
ınd schließen Gefahren ein.
Sind derartige Organisationen vereinzelt auch in Eungland schon
im‘ vorigen Jahrhundert zu Tage getreten, wo zuerst auf Grund wirtschaftlicher
 Freiheit der Großbetrieb erwuchs und zugleich die Arbeiterklasse
 am frühesten sich zu organisieren begann, so ist doch das
moderne Kartell erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts zu
einer selbständigen wirtschaftlichen Existenz und zu allgemeiner Bedeutung
 gelangt.
Die Aufgaben, welche sich die Kartelle stellen, sind verschiedenartig
 und schon hiernach die Form derselben verschieden, und noch
mannigfaltiger gestaltet durch die wirtschaftlichen Verhältnisse und
die Gesetzgebung der einzelnen Länder.
Die verbreitetste Aufgabe derselben ist die, die Preisregulierung Beeinflussung
zu beeinflussen, insbesondere durch die Verabredung eines Minimal- der Preise.
satzes, unter dem die sich vereinigenden Unternehmer sich verpflichten,
Ware nicht abzugeben. Namentlich in Zeiten einer wirtschaftlichen
Depression, wo die Preise in wachsendem Rückgange begriffen sind,
ist‘ es eine sehr gewöhnliche Erscheinung, daß die konkurrierenden
Etablissements sich gegenseitig zu unterbieten streben, nur um noch
Bestellungen zu erhalten und damit ihre Thätigkeit, die Verwendung
der vorhandenen Maschinen etc. fortsetzen zu können. Insbesondere
ist es eine sehr verbreitete Erscheinung, daß. Unternehmer, die ihren
Ruin vor Augen sehen, nur um sich noch eine Zeit lang zu halten,
sich mit Schleuderpreisen begnügen und dadurch auch die soliden
Firmen zwingen, ev. unter die Herstellungskosten in ihren Forderungen
herabzugehen, wodurch auch ihre Stellung erschüttert wird. Unter
        <pb n="258" />
        - 240 —

solchen Verhältnissen wird es: nicht nur gerechtfertigt, sondern wirtschaftlich
 in hohem Maße wünschenswert sein, daß die soliden Firmen
sich vereinigen, um gemeinsam Minimalpreise zu verabreden, und zu
diesem Zwecke ein festes Kartell bilden, und jedes Mitglied sich unter
Kautionshinterlegung zu einer hohen Konventionalstrafe verpflichtet,
 wenn gegen die Verabredung gehandelt wird. In der gleichen
Weise haben Eisenbahnen in England, in den Vereinigten Staaten,
auch in Deutschland Vereine gebildet zur gemeinsamen Normierung
der Frachtsätze etc., während als Beispiele im Bergbau die Kartelle
der Westfälischen Kohlenbergwerke, wie der Kaliwerke zu nennen sind.
Zegelung der Da nun die übermäßige Erniedrigung der Preise im allgemeinen
Produktion. die Folge einer Ueberproduktion ist, so liegt der zweite Schritt nahe,
Vereinigungen der Unternehmer zu bilden, um die Produktion dem
Bedarfe anzupassen; und so liegen in der That Beispiele vor, wo zu
dem Zwecke der Beherrschung der Produktion Kartelle gebildet wurden,
entweder nur um eine weitere Ausdehnung der Produktion zu verhindern
 oder um bestimmte Schranken zu ziehen, eine allmähliche
Einschränkung derselben zu bewirken, oder schließlich dieselbe auf
Grund vereinbarter Normen fortdauernd den Bedarfsverhältnissen anzupassen,
 indem nach der Ausdehnung des Unternehmens und den bisherigen
 Leistungen jedem Einzelnen das Quantum zugeteilt wird, welches
er produzieren darf, ohne eine Ueberproduktion befürchten zu müssen,
Zeeinflussung Eine dritte Aufgabe, welche sich besondere Organisationen stellen,
der Froduk- oder auch die vorher betrachteten Kartelle zugleich mit als Aufgabe
"0NS40%°°P- übernehmen, ist die Regulierung der Löhne. Dies geschieht vor allem,
um einer Strikebewegung zuvorzukommen oder ausgebrochenen Strikes
antgegenzutreten, oder auch zur Zeit schlechter Konjunkturen gemeinsam
lie Löhne herabzusetzen, und durch die Organisation mit einer größeren
Macht auftreten und das Gewünschte erreichen zu können.
Gehen diese Bestrebungen bereits auf eine Verminderung der
Produktionskosten hinaus, so ist durch gewisse Kartelle dieses noch in
anderer Weise erstrebt, und zwar durch Ausbildung des Großbetriebes.
Dies kann durch Vereinigung einer Anzahl Unternehmungen zur Organi-3ation
 gewisser Hilfsmittel erreicht werden, wie die Standard-Oil-Company
 zur Anlegung einer gemeinsamen Röhrenleitung, um das Oel
nicht per Bahn verfrachten zu müssen, sondern direkt von den Quellen
nach den Häfen in fortlaufendem Strome leiten zu können, was natürlich
 nur durch die Vereinigung einer großen Zahl von Quellen und
großer Mengen von Oel rentabel sein konnte. Noch weitergehend ist
dann die Vereinigung einer Anzahl Fabriken zu einem Etablissement
anter Ausbildung erweiterter Arbeitsteilung, um sich zweckmäßiger
gegenseitig in die Hand zu arbeiten und sonst im Großbetriebe Arbeit
und Kapital zu ersparen. Das letztere hat in großartigem Maßstabe
der Shugartrust in der Nordamerikanischen Union erreicht, der die
Zahl der Fabriken in bedeutendem Maße verminderte, dagegen den
Betrieb der einzelnen Raffinerien außerordentlich vergrößerte, und
Jadurch die Produktionskosten in frappanter Weise zu vermindern
vermochte. .
Schließlich ist noch die Gewinnkartellierung zu erwähnen, die
allein darauf hinausgeht, eine Ausgleichung des Geschäftsbetriebes
herbeizuführen, wobei deshalb die sich beteiligenden Etablissements sich
vregenseitig eine Gewinnbeteiligung einräumen.
        <pb n="259" />
        941 —

Während einzelne Kartelle sich nur eine der betreffenden Aufgaben
 stellen und nur einen der erwähnten Zwecke zu erreichen streben,
verbinden andere mehrere dieser Ziele oder sämtliche. Die Organisation
muß dementsprechend eine verschiedenartige, bald nur lose, bald feste
zein, hier nur nach einer Richtung, dort eine allseitige Vereinigung in sich
schließen. So finden wir Nuancierungen von einfachen Vereinbarungen
für einen bestimmten Zweck auf kurze Zeit, nur um einem momentanen
Bedürfnis abzuhelfen, wodurch die Selbständigkeit des einzelnen Unternehmens
 nur in unbedeutender Weise und vorübergehend beschränkt
ist, bis zu der völligen Fusion und Opferung der Selbständigkeit des
Einzelnen. Das Erstere ist der Fall bei der vertragsmäßigen Feststellung
 eines Minimallohnes, eines Lohn- oder Frachttarifs, Wo dieses
nicht ausreicht, wird weiter gegangen und für die einzelnen Fälle der
Preis normiert, oder die Produkte gehen an eine gemeinsame Centralstelle
 über, welche den alleinigen Verkauf für alle kartellierten
Etablissements in der Hand hat. So errichtete das Kohlensyndikat des
Ruhrdistrikts eine besondere Aktiengesellschaft, die den Verkauf der
Kohlen für sämtliche Mitglieder gemeinsam zu bewirken hatte und
Allen ihre Produkte zu vereinbartem Preise abnehmen mußte. Noch
wesentlich weiter gehen die Trusts in den Ver. Staaten, die allerdings
in der Hauptsache ihre Einrichtung dem Bestreben verdanken, der
dortigen Gesetzgebung einen Eingriff zu erschweren. . Das Wesen derselben.
 besteht darin, daß die vereinigten Unternehmungen sich einen
gemeinsamen Vorstand wählen, der nach den vereinbarten Richtungen
die Geschäftsleitung für alle übernimmt, was vielfach zu einer völligen
Aufgabe der Selbständigkeit der einzelnen Unternehmungen geführt hat,
so daß, wie erwähnt, der Shugartrust eine Anzahl kleinerer Raffinerien
gegen entsprechende Entschädigung einfach zum Stillstand brachte und
dafür die Centralanstalten vergrößerte, während die expropriierten
Unternehmer weiter an dem Gesamtertrage participierten.
Die Wirkung der Kartelle ist bald in extremer Weise als nützlich,
 bald als schädlich hingestellt. Bald sind die weitgehendsten
Hoffnungen darauf gebaut (Brentano), bald die weitgehendsten Befürchtungen
 daran geknüpft, beides scheint uns wesentlich zu weit gegangen
 zu sein, wenn man auch erst eine Reihe von Jahren die
weitere Entwickelung abwarten muß, um sich ein endgiltiges Urteil
darüber bilden zu können, Der Bedeutung der Kartelle sind gewisse
Grenzen gezogen, die besonders in Deutschland noch als sehr enge zu
bezeichnen sind. Zur Bildung eines Kartells, das eine nachhaltige
Wirkung erzielen soll, ist vor allem nötig, daß der größte Teil der
in Betracht kommenden Unternehmungen der Vereinigung beitritt, da
sonst unmöglich ein tiefgreifender Eintluß zu erwarten ist. Thun sich
our einige Kohlenbergwerke zusammen, so werden sie eine Beherrschung
der Preise nicht gewinnen können; ob sie ihre Produktion einschränken
dder nicht, bleibt für die Gesamtheit bedeutungslos, es kann durch
die anderen Unternehmungen leicht ausgeglichen werden. Diese Voraussetzung
 wird aber nur erreicht werden, wenn die Zahl der betreffenden
 Etablissements verhältnismäßig klein ist, was wiederum nur
da der Fall sein wird, wo der Großbetrieb vorherrscht. Danach er-3cheinen
 von vornherein alle Erwartungen als übertrieben, welche von
der Kartellierung eine allgemeine Beherrschung der wirtschaftlichen Produktion
 im Marxschen Sinne befürchten, und ebenso eine allgemeine gedeihliche
 Regelung der Preise und Löhne unter Beseitigung aller störenden
Oonrad, Grundrifs der nolit. Oekonomie. I. Teil. 4 Aufl. e

Die volkswirtschaft-


Wirkung.
        <pb n="260" />
        242

Kämpfe erhoffen. So lange der Klein- und Mittelbetrieb noch immer eine
Voraus- höhere Bedeutung hat als der Großbetrieb, wie das auf dem europäisetzungen
 schen Kontinente der Fall ist und noch in absehbarer Zeit bleiben wird,
der Kartelle. -goheint all dergleichen ausgeschlossen. Dazu kommt, daß doch innerhalb,
 der GroBßindustrie zu viel Interessen individueller, wie lokaler
Natur zur Geltung kommen, um auch da die Kartellierung zu erschweren
und die durchgeführte wiederum zu gefährden. Voraussetzung ist ferner
eine gewisse Gleichartigkeit der Größe und sonstigen Beschaffenheit
der kartellierten Unternehmungen. Ebenso ist eine Vertretbarkeit
der produzierten Objekte Vorbedingung der Vereinigung, denn nur
dabei ist Massenvertrieb und Gleichartigkeit der Preise und somit eine
stete Vorausbestimmung der Preise möglich. Jedes solches Vorgehen
beschränkt den Unternehmer in der Verwertung seiner Intelligenz und
seiner Kapitalkräfte, zwingt ihn, sich da unterzuordnen, wo es auch
seiner Ansicht nach im HEinzelfalle nicht richtig ist, und raubt ihm Gewinne,
 auf die er sonst meint rechnen zu können. Kein Wunder, wenn
deshalb gerade unternehmungslustige Männer, die nicht zur Leitung
berufen werden, dem Kartelle fern bleiben und sich von bestehenden
möglichst bald wieder frei zu machen suchen. Auf der anderen Seite
ermöglichen es die durch die Kartelle günstig gestalteten Verhältnisse
Außenstehenden bei einem beginnenden Aufschwung der Konjunkturen
besonders günstige Geschäfte zu machen, wodurch neue Etablissements
entstehen, die dem Kartell erhebliche und schließlich leicht bedrohliche
 Konkurrenz machen. Daher die Beobachtung, daß verhältnismäßig
 nur wenige Kartelle von langer Dauer sind, sondern Veränderungen
 in den Konjunkturen, wie unter den leitenden Persönlichkeiten
 ihnen verhängnisvoll werden. Viel eher sind Fusionen, d. s.
Verschmelzungen, namentlich von Aktiengesellschaften zu befürchten,
wie sie bei den Eisenbahnen in England und in Amerika gebräuchlich
sind, als nachhaltige Kartellierungen bedrohlicher Art.
Die Gewinnung einer Uebermacht wird noch dadurch erschwert,
daß heutigen Tages die internationale Konkurrenz eine immer größere
Bedeutung gewinnt, und wenn es auch internationale Kartelle giebt,
diese doch stets nur zu den Ausnahmen gehören werden, weil natürlich
 die Interessen international bedeutend auseinandergehen und ebenso
die Größen- und Machtverhältnisse zu verschieden sind.
Freilich ist durch das schutzzöllnerische Abschließen der einzelnen
 Länder innerhalb derselben die Preisbildung bis zu einem gewissen
 Grade selbständig, und hier ist es mithin durch die Schutzzölle
erleichtert, durch Kartelle einen erheblichen Einfluß zu gewinnen,
damit ist aber auch zugleich der Regierung die Möglichkeit gegeben,
durch die Zollpolitik einen gewissen, wenn auch immerhin beschränkten
Einfluß auf die Kartelle zu gewinnen.
Bei der Verschiedenartigkeit der Interessen ist auch nicht eine
so feste Organisation der Unternehmer zu befürchten, daß sie nachhaltig
 eine Unterdrückung der Arbeiter und Herabdrückung der Löhne
durchzusetzen vermöchten. Bisher wenigstens haben die Arbeiterorganisationen
 weit festeres Gefüge gezeigt als die der Unternehmer.
Gefahren der Damit soll keineswegs gesagt sein, daß die ganze Kartellbewegung
Kartelle, keine ernstlichen Gefahren in sich schließe. Schon eine zeitweilige
Benachteiligung der Arbeiter, eine vorübergehende Ausbeutung des
Publikums zu Gunsten Einzelner ist von Nachteil und muß möglichst
verhütet werden. An und für sich ist eine Erhöhung der Preise in-
        <pb n="261" />
        — 243 —

dustrieller Produkte durchaus nicht als ein Unglück anzusehen; es
kommt vielmehr darauf an, wer den Nutzen davon hat. Wird die
Preiserhöhung nur durchgeführt, um die Löhne zu erhöhen, die Lage
der arbeitenden Klasse zu verbessern, so wird die Preiserhöhung, wenn
sie nicht die gewöhnlichen Lebensbedürfnisse betrifft, sogar als ein
wesentlicher Fortschritt anzusehen sein. Dient die Preiserhöhung aber
nur dazu, den Unternehmergewinn Weniger zu steigern, ohne daß
damit ein anderer wirtschaftlicher Vorteil erzielt wird, so z, B. eine
Erweiterung industrieller Unternehmungen, so wird sie ‘als nachteilig
bezeichnet werden müssen. Es kann nun kaum einem Zweifel unterliegen,
 daß die Kartelle in vielen Fällen diesem zweiten Zwecke dienen,
nicht aber dem ersteren, wenn es auch sehr falsch wäre, dieses in allen
Fällen oder überhaupt nur in der Regel anzunehmen. Es ist aber hier
ausdrücklich im Auge zu behalten, daß, wie oben ausgeführt, die Kartelle
 auch Organisationen ermöglichen, welche Ermäßigung der Produktionskosten
 und sonstige wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen.
Es wird deshalb wünschenswert sein, daß von seiten der Staatsgewalt
Maßregeln getroffen werden, welche einer einseitigen Verwertung der
Kartelle entgegenwirken.
Hierbei ist noch in das Auge zu fassen, daß die kartellierten
Unternehmer ihr Uebergewicht leicht zur Bedrückung, wo nicht Unterdrückung
 ihrer Konkurrenten verwerten können, also nicht sich gegen
die Konsumenten, sondern zunächst gegen die Produzenten selbst
wenden. Noch vor nicht langer Zeit erregte es Aufsehen, wie die
Standard - Oil- Company durch willkürliche, extreme Preisherabsetzung
des Petroleums die beiden bisher noch selbständigen Petroleumunternehmungen
 in Deutschland schließlich zur Unterwerfung unter ihren
Willen zwang.
Ganz besonders sind solche Zwangsmaßregeln von seiten der
Kartelle auch gegen die Zwischenhändler gerichtet, welche sie um ihre
Selbständigkeit bringen und zu Agenten- herabsetzen, die ihre Produkte
 zu den von ihnen vorgeschriebenen Preisen und nur, wo es ihnen
gestattet ist, absetzen dürfen. Auch hierfür bietet die Oil-Company
ein Beispiel, das 1897 im Reichstage zur Sprache kam. Daß dadurch
der Mittelstand gefährdet werden kann, ist nicht zu bezweifeln,
Von welcher Bedeutung die Kartelle gegenwärtig sind, ist außerordentlich
 schwer zu übersehen, da eine genaue Statistik derselben nicht
existiert und namentlich über die Größe und Bedeutung derselben alle
Zusammenstellungen fehlen. Für Deutschland schätzt man die Zahl der
gegenwärtig bestehenden Kartelle auf 250—8300, von denen die meisten
verhältnismäßig in der chemischen Industrie, einige 80, bestehen, etwa
ebensoviel in der KEisenindustrie, in der Industrie der Steine und
Erden 59, in der Textilindustrie 38. in der Kohlenindustrie 17 (Liefmann
 für 1897).
Diese Angaben lassen ersehen, daß wenigstens in Deutschland
die Kartelle bisher nur, eine beschränkte Anwendung gewonnen haben,
und zwar sind es in der Hauptsache Betriebszweige, welche Rohmaterialien
 oder doch Produkte zur weiteren Verarbeitung in anderen Industriezweigen
 liefern, die also noch nicht individualisiert und daher in
größeren Quantitäten gleicher Art auf dem Markte erscheinen. Damit
ergiebt sich aber auch, daß die Kartelle eine besondere Gefahr für
andere Industriezweige in sich schließen, denen ihr Material durch
solches Vorgehen verteuert wird, und es ist schwer zu berechnen, wie
10%
        <pb n="262" />
        244

Maßregeln
gegen die
Kartelle.

weit die Wirkung der Kartellierung sich verzweigt; und die darin
liegende Gefahr ist unverkennbar. Deshalb ist sowohl von seiten der
Wissenschaft, wie der Staatspraxis wiederholt erwogen, in welcher
Weise man die Kartelle einzuschränken vermag.
Am schärfsten ist man in dieser Beziehung in den Ver. Staaten
Nordamerikas vorgegangen, wo die Trustbildung auch den größten
Umfang und den tiefgreifendsten Einfluß durch ein rücksichtsloseres
Vorgehen erreicht hat als in anderen Ländern.
Man hat dort von seiten einer Anzahl Staaten ein einfaches Verbot
 eines jeden 'Trusts erlassen und jeden dahingehenden Versuch mit
harten Strafen belegt. Wie es drakonischer Gesetzgebung gewöhnlich
zu gehen pflegt, und wie es gerade in den Vereinigten Staaten sehr
häufig der Fall ist, behielten diese Gesetze eine Bedeutung allein auf
dem Papier, erlangten aber keine im praktischen Leben, weil sie über
das richtige Maß wesentlich hinausgingen.
Ein sehr beachtenswerter Versuch nach dieser Richtung ist 1897
in Oesterreich durch einen Gesetzentwurf gemacht, der hauptsächlich
in zweierlei Weise den Ausschreitungen der Kartelle entgegenzuwirken
suchte: einmal durch den Zwang der Veröffentlichung aller Bestimmungen
 des Kartellvertrages, die der Regierung vorgelegt und von
dieser der Oeffentlichkeit übergeben werden sollen. Es unterliegt
keinem Zweifel, daß mit solcher Veröffentlichung dem Mißbrauch von
vorneherein eine wesentliche Schranke gezogen wird. Das Streben, all
dergleichen Vorgänge an das Tageslicht zu ziehen, ist in hohem Maße
beachtenswert und zu unterstützen. Zwar werden gewiß Umgehungen
möglich sein, aber kaum allgemein werden können.
Die zweite Maßregel, welche der Entwurf enthielt, war die Bildung
einer Kommission zur Hälfte aus höheren Finanzbeamten, zur Hälfte
aus Sachverständigen bestehend, welche das Ministerium berufen sollte.
Auf Grund der Anträge dieser Kommission sollte dann das Ministerium
alle diejenigen Maßnahmen verbieten können, die von derselben als
schädlich bezeichnet waren. Diese zweite Maßnahme hat mit Recht
in der TLitteratur wenig Anklang, aber um so mehr Bekämpfung
erfahren; insbesondere weil man der Kommission nicht das nötige
Vertrauen entgegenzubringen vermochte, in so schwierigen Fragen eine
wirklich richtige Entscheidung zu treffen. Wir möchten noch hinzufügen,
 daß es uns ein polizeiliches Verfahren erscheint, welches schon
zu entschieden jedes Kartell mit Mißtrauen betrachtet, ohne weiteres
bei ihm eine Uebermacht voraussetzt und das Streben, dieselbe zu
mißbrauchen. In Deutschland wenigstens scheint hierzu eine Veranlassung
 noch nicht vorzuliegen, Giebt es doch Kartelle, an denen sich
auch Staatswerke beteiligen, womit wohl die Garantie geboten ist,
daß ein Mißbrauch dabei ausgeschlossen ist. Von Pohle ist nun
die Beteiligung fiskalischer Werke an Kartellen überhaupt bekämpft,
um ihnen nicht eine zu große Macht zu verleihen. Dazu scheint uns
ein Grund nicht vorzuliegen. Im Gegenteil ist sie wünschenswert. um
Ausartungen entgegenzuwirken,
Der österreichische Entwurf hat eine praktische Bedeutung bisher
nicht erlangt, er war wohl noch verfrüht. Aber sicher muß die Staatsgewalt
 die Vorgänge auf das schärfste beobachten und bei Zeiten an
Gesetzesvorschläge denken, um dem Ueberwuchern der Kartelle entgegenzuwirken,
 da an eine einfache Verstaatlichung derselben nicht gedacht
        <pb n="263" />
        245 —

werden kann, ohne die Grundlagen unserer individualistischen Volkswirtschaft
 anzutasten, wozu wahrlich ein Grund nicht vorliegt.
Ein jedes zu scharfe Vorgehen gegen die Kartelle wird aber
naturgemäß nur die Fusion verallgemeinern, die schon jetzt in England
und den Vereinigten Staaten häufig vorkommt und die bei den Aktiengesellschaften
 leicht auszuführen ist, die aber unzweifelhaft noch größere
Bedenken als die Kartellierung in sich schließt. Die Gesetzgebung
aber würde derselben fast machtlos gegenüber stehen.

Kapitel IX.

8 75.
Die volkswirtschaftlichen Krisen.
a) Historische Uebersicht.
Max Wirth, Die Geschichte der Handelskrisen. Frankfurt 1882,
Neuwirth, Die Spekulationskrisis von 1873. Leipzig 1874.
Schäffle, Der Wiener Krach. Tübinger Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft
 1874.
Wasserrab, Preise und Krisen, Stuttgart 1889.
J. Wolf, Die gegenwärtige Wirtschaftskrisis. Tübingen 1888.
Handw. der Staatsw. Art, Krisen von Herkner,
Rodbertus, Kleine Schriften. Berlin 1890, (Die Handelskrise und die Hypothekennot
 der Grundbanken 1858.)
von Bergmann, Die Wirtschaftskrisen. Geschichte der nat.-ökon. Krisentheorien.
 Stuttgart 1895,
M. von Tugan-Baranowsky, Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen
 in England. Jena 1901.
Wirtschaftliche Krisen sind vorübergehende, allgemeinere Stockungen
im volkswirtschaftlichen Leben, die als ein Rückschlag gegenüber besonders
 reger und gewinnbringender Thätigkeit auftreten. Je nach den
Ursachen und der Ausdehnung und je nach den ergriffenen Gebieten
des Wirtschaftslebens unterscheidet man 1. Börsenkrisen und sonstige
Spekulationskrisen, 2. allgemeine Kreditkrisen, 3, Handelskrisen,
4. industrielle Absatzkrisen und 5. Agrarkrisen,
Das Wesen derselben wird am besten erkannt durch Verfolg der
Geschichte derselben und somit der verschiedenen Erscheinungen, die
sich dabei beobachten lassen.
Ein eigentümliches Beispiel einer Börsenkrisis ergab sich schon
1637 in Holland, durch welche der Beweis geliefert ist, daß ein jedes
Objekt für Spekulationszwecke verwertet werden kann, und der Mensch
außerordentlich erfinderisch ist, die verschiedenartigste Gelegenheit
zur Spekulation zu finden, und auf der anderen Seite, daß schon vor
21, Jahrhunderten ähnliche Zeiten schlimmster Spekulationswut vorhanden
 gewesen sind wie Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts,
 und daß die Folgen damals ganz ähnliche waren wie in der
neueren Zeit. In den Niederlanden wurde schon im Beginne des 17.
Jahrhunderts die Tulpe mit besonderer Liebhaberei und in großer
Ausdehnung kultiviert und ein ausgedehnter Handel damit getrieben,
der bald börsenmäßigen Charakter annahm. Im Jahre 1634 gewann
derselbe eine ganz außergewöhnliche Ausdehnung und nahm bereits
Formen an, die sich allgemeiner erst in dem modernen Termingeschäfte
entwickelt haben. Man überbot sich gegenseitig in den Preisen, kaufte

Tulpenmanlıe.
        <pb n="264" />
        245

John Law

auf Lieferung, trieb künstlich die Preise in die Höhe, zahlte dann die
Differenz, ohne das Objekt selbst heranzuziehen, und lebte ein paar
Jahre in der Hoffnung, diese künstliche Preissteigerung, an der sich
eine große Zahl von Menschen -bereicherte, fortsetzen zu können, so
daß man schließlich für eine Species 2000 Gulden und mehr zahlte,
während die sonstigen Wertobjekte, Häuser, ländliche Grundstücke zu
Schleuderpreisen fortgegeben wurden, um die erlangten Summen für
Spielzwecke verwerten zu können. Im Jahre 1637 irat plötzlich
Ernüchterung ein, Niemand wollte mehr die bisherigen Summen zahlen,
Jeder suchte die Ware, die er in der Hand hatte, los zu werden, und
die Preise gingen auf das normale Niveau herab. Damit waren aber
weitgehende Verluste für alle diejenigen verbunden, die zuletzt die
Tulpen übernommen hatten, während die letzten Verkäufer außerordentliche
 Gewinne erzielt hatten, Die dadurch herbeigeführten Verschiebungen
 in den Besitzverhältnissen hatten eine nachhaltige Stockung
im Verkehre zur Folge, es bildete sich infolge der Tulpenmanie eine
Börsenkrisis schlimmster Art mit ihren Rückschlägen auf die allgemeinen
 volkswirtschaftlichen Verhältnisse aus,
Ein. zweites überaus lehrreiches Beispiel ist die Schwindelperiode
John Laws in Frankreich Anfang des 18. Jahrhunderts. Der
Schotte John Law, ein unzweifelhaftes Finanzgenie, kam 1716
nach Paris, wo der Staat und der Hof des Regenten in der größten
Finanznot schwebten, und erbot sich, in kürzester Frist die Kalamität
zu beseitigen, wenn man ihm für seine Finanzoperationen freie Hand
durch Privilegien gewährte. Sein Vorschlag ging dahin, durch Ausgabe
von Papiergeld und künstliche Steigerung des Wertes sonstiger Kreditpapiere
 sich neue Werte zu schaffen. Er erhielt zunächst die Genehmigung
zur Errichtung einer Privatnotenbank, die sofort großen Anklang fand
und gewaltigen Umsatz erreichte, weil er zu 6% Darlehen gewährte,
während bis dahin 12% gezahlt wurden. Doch dieses solide Vorgehen
wurde bald aufgegeben und zu extremeren Mitteln die Zuflucht genommen,
 Die Bank wurde in eine königliche Bank umgewandelt und
mit einer Notenausgabe von 110 Millionen Livres betraut, denen besondere
 Vorzüge vor dem Silber eingeräumt wurden. Im August 1717
gründete Law dann die sogenannte „Mississippigesellschaft“, um die
Mississippiländereien, die ihm vom Staate mit vielen Privilegien überlassen
 wurden, auszubeuten. Das Aktienkapital wurde in 200 000 Aktien
zu 500 Livres zerlegt, Da das Publikum anfangs die Aktien nicht
nehmen wollte, so sah sich Law veranlaßt, mit neuen Maßregeln vorzugehen;
 er inaugurierte ein künstliches Börsenspiel und sicherte den
Teilnehmern eine Dividende von 12%, zu. Durch Hinzuziehung der
in Verfall geratenen ostindischen und chinesischen Kompagnie zur
Mississippigesellschaft suchte er noch mehr Papiere an die Börse zu
bringen und bildete aus der Vereinigung die „Üompagnie des Indes“,
Hierzu gab er 50 Millionen neuer Aktien zu 500 Livres aus, auf
welche die Einzahlung in Raten geschehen konnte; und indem der
Kurs sofort auf 550 angesetzt wurde, zahlte man eine beträchtliche
Prämie für den Ankauf von Aktien, zumal mit 500 Livres barem
Gelde 10 Aktien gezeichnet werden konnten. Das Recht zur Zeichnung
 einer neuen Aktie machte Law wieder abhängig von dem Besitze
 der alten, der Mutteraktien, Außerdem eröffnete Law Tieferungsgeschäfte,
 indem er die Wiederabnahme von Aktien nach einiger Zeit
        <pb n="265" />
        247 —

zu einem höheren Kurse in Aussicht stellte. Dadurch gelang es, schon
im Juni die Aktien zu einem Kurse von 1000 abzusetzen,
Um die nötigen Mittel zu sichern, wurde der Notenumlauf allmählich
auf 400 Millionen erhöht, und die Kompagnie übernahm die Generalpacht
 der Steuern, wofür sie dem Staate 1500 Millionen zu 3% zur
Tilgung seiner fundierten Schulden lieh. Um allen Anforderungen gerecht
 zu werden, fuhr Law mit der Ausgabe neuer Aktien fort und
ebenso mit der weiteren Emission von Noten, die schließlich eine
Milliarde betrugen und noch mit Agio bezahlt wurden, weil man sie
zum Kaufe der Aktien haben mußte. Die Masse der Aktien, die nun
auf dem Markte war, ermöglichte einer immer größeren Zahl von
Menschen sich an der Spekulation zu beteiligen, und nicht nur Paris
war in eine wahre Spekulationswut geraten, sondern sie hatte sich auch
in die Provinzen übertragen. Schon bei der Zeichnung der letzten
300000 Aktien zu 500 Livres wurden dieselben zu einem Kurse von
5000 abgesetzt, der zeitweise für die alten Aktien auf 18000 stieg.
Am Ende des Jahres 1719 glaubte Law eine Gewinnverteilung von
40%, ankündigen zu können, was aber bei dem enormen Kursstande
im Durchschnitte wenig über 2% ausmachte, wodurch eine Ernüchterung
 unvermeidlich war. Plötzlich begannen die Aktien zu sinken;
um sie halten zu können, wird eine weitere Milliarde an Noten ausgegeben,
 die dadurch gleichfalls plötzlich entwertet werden, und Niemand
will sie mehr in Zahlung nehmen, Tag und Nacht lagern die Menschen
vor den Thüren der Bank, um die Noten zu präsentieren, so daß die
Einlösung überhaupt suspendiert werden muß. Dem Zusammenbruch
der Lawschen Bank folgte der Bankerott des Staates und eine allgemeine
 Stockung im Handel und Verkehr. Die größte Börsenkrisis
war hereingebrochen, die die Welt bisher gesehen hat.
Beachtenswert ist, daß die Spekulationswut von Paris aus auch
andere Länder ergriff, wie die Niederlande und England, und natürlich
mit denselben Folgen. Die englische Südseegesellschaft bot dem Staate
5 Millionen Pf. St. für das Recht, durch Rückkauf oder durch Austausch
 gegen ihre Aktien die Staatsschulden einzulösen und erlangte
das Recht Anfang des Jahres 1720. Die ersten Aktien wurden zu
300 %, die folgenden zu 400 und 500% auf den Markt gebracht, das
Publikum begann aber sofort in diesen Aktien in extremstem Maße
zu spekulieren, so daß sie schon im Juni auf über 1000°%, hinaufgetrieben
 waren, und in ähnlicher Weise waren die Aktien der ostindischen
 Kompagnie, der Bank von England und andere in die Höhe
getrieben. In wachsender Weise beteiligte sich das große Publikum
an dieser künstlichen Steigerung des Kurses. Aber schon im September
desselben Jahres begann der Aktienpreis zu sinken, so daß schon Ende
des Monats die Südseeaktien nur noch auf 175 standen, und damit auch
infolge der dortigen Ueberspekulation eine plötzliche Panik und allgemeine
 Zahlungsstockung, d. h. eine große Spekulationskrise, aus
brach.
Eine gleiche Erschütterung des Kredites im ganzen Lande, eine
allgemeine Zahlungsstockung, ergab sich nach der französischen Revolution
 1794—96 infolge der übermäßigen Ausgabe von Assignaten,
im Jahre 1790 zuerst mit 400 Millionen, die dann allmählich ins Unglaubliche
 bis auf 45 Milliarden vermehrt wurden, die natürlich weder
im Umlauf erhalten, noch jemals vollständig wieder eingelöst werden
konnten. Sobald das Publikum dies erkannte, sank das Papier im

Assignatenkrisis.
        <pb n="266" />
        ——. 9248 —

Das 19. Jahrhundert.


\grarkrise d
zwanziger
Jahre.

Werte, trotzdem die Regierung selbst mit Todesstrafe dagegen ankämpfte.
 1793 waren die Assignaten auf ein Drittel ihres Nominalwertes
 gesunken, Anfang 1796 unter 1%, bis sie am 19. Februar
desselben Jahres außer Kurs gesetzt wurden. Auch hier ergaben sich
ähnliche Zustände, wie sie im Beginne desselben Jahrhunderts in Frankreich
 beobachtet waren, aber nicht aus einer Ueberspekulation, sondern
zus einem Mißbrauch des Münzrechtes des Staates.
Die erste Krise des letzten Jahrhunderts war die von 1815 in
England, indem nach Beendigung des Napoleonischen Krieges die
Fabrikation zur Ausbeutung der damals eingetretenen Preissteigerung
weit über das richtige Maß hinausgegangen war, die Preise daher im
Uebermaße herabgingen, was Massenbankerotte zur Folge hatte. In
ganz ähnlicher Weise trat 10 Jahre später eine neue Krisis ein, die
wiederum von England infolge von Ueberproduktion und namentlich
massenhafter Gründungen veranlaßt war, und sich als eine Absatzkrise
 herausstellte, deren Wirkung aber weit über England hinausging
und die namentlich auch in Nordamerika große Verheerungen anrichtete.
Infolge des erheblichen Rückganges der Preise gingen viele der neuen
Gründungen ein, wodurch auch die Banken in Mitleidenschaft gezogen
wurden. Innerhalb 6 Wochen mußten 70 englische Provinzialbanken
ihre Zahlungen einstellen, was zu einer allgemeinen Erschütterung des
KXredites führte.
Zu gleicher Zeit war in Deutschland eine durchaus anders geartete
 Krise hereingebrochen, eine Agrarkrisis, indem von 1818—23
mit einer einzigen Ausnahme überreiche Ernten in Europa gewesen
waren, durch welche ein gewaltiger Ueberschuß an Getreide gewonnen
wurde, insbesondere weil nach Beendigung der Freiheitskriege, angeregt
durch sehr hohe Preise, eine außerordentliche Erweiterung der Ackerfläche
 stattgefunden hatte. Die Preise gingen deshalb unter die Hälfte
des Durchschnitts der vorhergegangenen 30 Jahre herunter. Die Folge
davon war, daß eine übergroße Zahl von Grundstücken zur Subhastation
 kam, am meisten im nordöstlichen Preußen. In Ostpreußen
mußte die Landschaft ein Viertel der von ihr beliehenen Güter in
Sequestration nehmen und ein Sechstel derselben zur Subhastation
bringen. Im Littauischen Departement kamen 1822 von 1600 Bauerngütern
 1000 zur öffentlichen Versteigerung, aber auch im Königreich
Sachsen sah sich die Regierung genötigt, durch ausgedehnten Pachterlaß
 an die Domänenpächter und direkte Vorschüsse die Not der
Landwirte zu lindern,
Hatten in dem letzten Beispiele reiche Ernten unmittelbar eine
Krisis herbeigeführt, so in den Jahren von 1836—39 indirekt. Große
Erträge bei leidlichen Preisen hatten Anfang der dreißiger Jahre die
Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung und dadurch den allgemeinen
Absatz wesentlich gehoben. Die dadurch herbeigeführte Preissteigerung
veranlaßte wiederum eine ausgedehnte Ueberproduktion, die von einer
Ueberspekulation begleitet war. Namentlich wurden viele Kreditinstitute
 gegründet, die in England und Amerika von der Freiheit, Noten
zu emittieren, übermäßigen Gebrauch machten. 1830 gab es in Nordamerika
 329 Banken mit 61 Millionen Dollars Notenumlauf, der nur
etwa zu einem Drittel gedeckt war, 1835 zählte man 704 Banken mit
104 Millionen Dollars Notenumlauf, 1837 sollen nun nicht weniger
als 600 Banken falliert haben, deren Noten natürlich gänzlich entwertet
 waren, so daß sich eine allgemeine Zahlungsstockung daraus er-
        <pb n="267" />
        — 249 —

gab. Diese Krisis übertrug sich auch auf England, wo die Unsicherheit
 der Banken infolge der freien Notenemission klar zu Tage trat,
Im Jahre 1847 kam eine neue Krisis zum Ausbruch infolge ausgedehnter
 Mißernten, sowohl an Getreide, wie auch besonders an Kartoffeln
nach Ausbruch der Kartoffelkrankheit, welche die Zahlungsfähigkeit
der Bevölkerung gewaltig schwächte. In den Vorjahren hatte sich außerdem
 eine ausgedehnte Eisenbahnspekulation entwickelt, welche eine
übermäßige Festlegung von Kapitalien mit sich brachte und eine Geldknappheit
 veranlaßte. Die Krisis ging von England aus und veroreitete
 sich von dort nach Frankreich, den Niederlanden, aber auch
nach Amerika und Deutschland, wo besonders Frankfurt heimgesucht
wurde, In den folgenden 10 Jahren entwickelte sich ein gewaltiger
Aufschwung des Wirtschaftslebens, indem in dieser Zeit die Wirkung
des erweiterten Eisenbahnnetzes und der Dampfschifffahrt zur Geltung
kam, und die Entdeckung der Goldlager in Kalifornien große Mengen
der Edelmetalle in Umlauf brachte. In. Frankreich regte der neugegründete
 Credit mobilier zu vielen großen Unternehmungen, an und
auch in Deutschland herrschte ein sehr reges industrielles Leben, bis
sich auch da ein Rückgang in den übermäßig in die Höhe getriebenen
Kursen der Bank- und Eisenbahnaktien unerläßlich zeigte, und infolge
einer Ueberproduktion die Preise der Waren in bedeutendem Maße
3anken. Zuerst mußte in Amerika eine größere Zahl von Häusern
die Zahlungen einstellen, darauf in England, und die Krisis dehnte sich
auch auf den europäischen Kontinent aus.
So war im vorigen Jahrhundert fast regelmäßig alle 10 Jahre eine
Krisis eingetreten, und auch im Jahre 1866 fehlte eine solche nicht,
als durch den Zusammenbruch einer der bedeutendsten Citybanken in
London eine allgemeine Panik und Kreditunsicherheit entstand. Diese
regelmäßige Wiederkehr gab zu der Konjektur Veranlassung, die
namentlich der englische Nationalökonom Jevons vertrat, daß die
Krisen hauptsächlich auf Mißernten zurückzuführen seien, die allerdings
bei vielen eine erhebliche Rolle spielten, und die Mißernten wiederum
auf die Sonnenflecken zurückzuführen seien, die sich mit ziemlicher
Regelmäßigkeit alle 10 Jahre in bedeutenderem Maße zu zeigen
pflegen. Indessen schon das Angeführte ergiebt, daß nicht immer
genau das Dezennium eingehalten wurde, und die hauptsächlichsten
Ursachen mehrfach anderer Art waren als Ernteausfälle. Seit 1866
haben sich dann die Krisen ganz anders gestaltet, so daß jene Annahme
seitdem als endgiltig beseitizat angesehen werden kann. Die nächste
Krisis ließ nämlich nicht 10 Jahre auf sich warten, sondern brach bereits
 den 3. Mai 1873 aus und nahm Dimensionen an, wie sie das
Jahrhundert noch nicht aufzuweisen gehabt hatte. Der Hauptnährboden,
auf dem sie sich entwickelte, war unzweifelhaft Deutschland, wo nach
der glorreichen Beendigung des Krieges und der Konstituierung des
Jeutschen Reiches eine Unternehmungslust Platz gegriffen hatte, wie
zie bis dahin noch nicht annähernd dagewesen war. Seit 1866 hatte
das Land unter einer großen Depression gelitten, weil man allgemein
einen neuen Krieg erwartete; sehr bedeutende Summen waren deshalb,
da sie im Inlande keine Verwertung fanden, in das Ausland gewandert;
aun glaubte man auf einen langen Frieden rechnen zu können; überall
stellte sich Mangel an Waren aller Art heraus. Die Preise stiegen
und stellten reiche Gewinne in Aussicht. Die Löhne wurden in außerordentlicher
 Höhe bewilligt, so daß die Kaufkraft auch der unteren

1847.

1866.

1873.
        <pb n="268" />
        150

Statistik.

QRQ9

Klassen gewaltig stieg. Die Gelder wurden vom Ausland zurückgezogen,
 und infolge der Milliardenzahlung Frankreichs tilgten die
deutschen Regierungen in großer Ausdehnung ihre Schulden, so daß
Geld im Ueberflusse vorhanden war. So wirkten hohe Preise mit
Geldüberfluß und Unternehmungslust zusammen, um überall neue
Fabrikanlagen aus der Erde wachsen zu lassen, besonders in Form von
Aktiengesellschaften. Infolge des Hinströmens der Leute in die Städte
entwickelte sich eine ausgedehnte Bauwut, die große Summen und
viele Arbeitskräfte in Anspruch nahm. Um all diese Unternehmungen
zu unterstützen, wurden dann noch große Bankunternehmungen, Gewerbebanken
 auf unsicherer Basis, gegründet. Das Publikum nahm
die massenhaften Aktien, die auf den Markt geworfen waren, kritiklos
auf und gab sich einer extremen Spekulation und Kurssteigerung hin,
die weit über das richtige Maß hinausging. Man rechnet, daß in
Deutschland von Mitte 1870 bis 1873 958 Aktiengesellschaften mit
3600 Millionen Mark gegründet wurden. Aber die gleichen Erscheinungen
 zeigten sich auch, wenn auch vielleicht nicht in dem gleichen
Maße, in Oesterreich, England und den Ver. Staaten von Nordamerika,
wo überall die Gründung von Aktiengesellschaften, und damit die Ausdehnung
 der Fabrikation, in übertriebenem Maße vor sich ging. In
Oesterreich waren in circa 5 Jahren 682 Aktiengesellschaften mit
21/, Milliarden Gulden ins Leben gerufen, und die Weltausstellung von
1873 hatte zu übertriebenen Hoffnungen und zu weitgehenden Bauspekulationen
 Anlaß gegeben. Am 3. Mai 1873 brach plötzlich an
der Wiener Börse eine allgemeine Panik aus, die einen jähen Sturz
aller Kurse zur Folge hatte, der sich sofort, wenn auch in abgeschwächter
 Weise auf die anderen Länder übertrug.
Der Kursverlust wurde in Oesterreich allein auf 300 Millionen
Gulden, in Deutschland auf mehr als eine halbe Milliarde Mark veranschlagt
 und riß nicht nur sofort eine große Zahl von Börsenspekulanten
 und neuaufgetauchten Banken zu Boden, sondern auch eine
bedeutende Zahl von industriellen Aktiengesellschaften und soliden
Firmen in den verschiedensten Branchen. Denn es stellte sich sehr
bald heraus, daß durch das Zusammenwirken aller in Betracht kommenden
Länder weit mehr Waren produziert waren, als konsumiert werden
konnten, so daß der Preis derselben mehr und mehr zurückgehen
mußte und schließlich unter die Produktionskosten sank, so daß die
Schließung einer großen Zahl Etablissements und die Einschränkung
der Produktion der übrigen notwendig wurde. War zur Zeit des Aufschwunges
 eine allgemeine Nachfrage nach Arbeitskräften vorhanden
gewesen, die durch die Inaussichtstellung bisher nicht gekannter Löhne
massenhaft vom Lande in die Städte gezogen wurden, so nahm jetzt
die Arbeitslosigkeit gewaltige Dimensionen an und brachte bittere Not
in weite Kreise der unteren Schichten der Bevölkerung,
Dieser Zustand hielt nun Jahre hindurch an. So akut die Krisis
begann, so schleichend war ihr weiterer Verlauf, und erst Ende der
siebziger Jahre trat ein neuer, wenn auch nicht erheblicher, Aufschwung
 ein.
Nur Frankreich war von den in Betracht kommenden Ländern
von der Krisis verschont geblieben, weil man dort noch Jahre lang
beschäftigt gewesen war, die durch den Krieg verursachten Schäden
auszugleichen, und man daher noch wenig zur Spekulation geneigt war.
Es holte dieses einigermaßen nach durch die Krisis von 1882. die
        <pb n="269" />
        ka Fn

mehr lokalisiert blieb, wie sie auch lokale Ursachen hatte. Wie 30
Jahre vorher die Gebrüder Pereire, so hatte 1879 Eugene Bontout
durch die Gründung eines „Credit mobilier“, der „Union generale“ einen
extremen Gründungsschwindel veranlaßt, indem ihm zur Bekämpfung
der Rothschildgruppe und des Judentums überhaupt von den katholischen
Parteien Frankreichs und auch des Auslandes sehr bedeutende Summen
zur Verfügung gestellt wurden, die er eine Zeit lang mit hohen Dividenden
 honorierte, bis auch ihn 1882 das Schicksal ereilte, und die
Union g6enerale zur Einstellung der Zahlungen genötigt ward. Enorme
Summen gingen dabei verloren.
Wieder folgten mehrere Jahre großer Geschäftsstille, die Ende
der achtziger Jahre einer unbedeutenden Bewegung Platz machte, um
Anfang der neunziger Jahre wieder der früheren Lethargie zu verfallen,
Nur fälschlich hat man in dieser Zeit von einer industriellen Krisis
gesprochen. Thatsächlich handelte es sich um eine längere Depression,
also nicht um einen Jähen Rückschlag der Verhältnisse, sondern nur
um einen schleichenden Gang des ganzen. Geschäftslebens.
Es wäre hier noch die neuere Agrarkrisis zu erwähnen, die aber
einen akuten Charakter längst nicht mehr hat und kaum als eigentliche
Krisis aufzufassen ist, sondern mehr als eine nachhaltige Depression
infolge eines erheblichen Rückganges der Preise landwirtschaftlicher
Produkte. Die Ursachen sind an anderer Stelle bereits dargelegt, und
wir fanden sie in der wachsenden Konkurrenz entlegener Länder, die
durch die Verbesserung der Kommunikationsmittel dem Weltverkehre
neu erschlossen sind.
Seit dem Jahre 1898 haben nun Handel und Industrie in der ganzen
zivilisierten Welt einen außerordentlichen Aufschwung genommen, der
gleichfalls über das richtige Maß hivausging. Besonders in Deutschland
 bewirkte er, daß eine ganz außerordentliche Geldknappheit entstand,
 die 1899 in der Erhöhung des Diskonts der Reichsbank auf
7%, zum scharfen Ausdruck kam. Auch die englische Bank erreichte
6%, was seit den Kriegsjahren nicht dagewesen war. Der Rückschlag
trat bereits Ende 1900 ein, und man fürchtete eine starke Krisis. Indessen
 haben nur wenige Geschäftsbranchen erheblich gelitten. Die Bankzusammenbrüche,
 die in Deutschland vorkamen, hatten mit den allgemeinen
 Konjunkturen nichts zu thun. Sie waren allein auf extreme
Spekulation einzelner gewissenloser Direktoren zurückzuführen. Es hat
vielmehr den Anschein, daß die Geschäftswelt doch aus den früheren
Vorgängen gelernt hat, sich in Schranken zu halten, während die
großen Banken das Ihrige gethan haben, um durch rechtzeitige Diskonterhöhung
 der Spekulation entgegenzutreten und später durch reichliche
 und billige Darlehn die Zahlungsstockungen überwinden zu helfen,
Im Winter von 1901/2 sind auch Arbeiterentlassungen eingetreten, aber
nicht in solcher Ausdehnung, daß sie zu einer allgemeinen Kalamität
führten, und im Frühjahre 1902 scheint die Arbeitslosigkeit in der
Hauptsache gehoben zu sein. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß
nicht später noch wieder tiefgreifendere Krisen infolge zu weit gehender
Produktion und Spekulation eintreten werden, doch erscheint die
Hoffnung begründet, daß sie seltener und weniger verheerend auftreten
werden.
        <pb n="270" />
        252

Verschiedene
 Arten
der Krisen.

Ursachen.

8 76.
b) Volkswirtschaftliche Bedeutung der Krisen.
Der von uns gegebene historische Ueberblick über die Krisen
der Jetzten beiden Jahrhunderte hat eine große Verschiedenartigkeit
der Ursachen wie des Verlaufes derselben gezeigt, und man wird
danach die im Eingange aufgestellten verschiedenen Kategorien zu
unterscheiden vermögen. In erster Linie sahen wir Krisen entstehen
Jurch gewaltige Spekulationen an der Börse, enorme Kurssteigerung,
der die reale Unterlage fehlte, und auf die ein Rückschlag eintreten
mußte, da eine Seifenblase sich dauernd nicht erhalten kann. Die
Folge davon ist überall während des Aufschwunges übermäßiger Luxus
bei den plötzlich reich gewordenen Personen, wodurch verschiedene
Industriezweige begünstigt, eventuell neu groß gezogen werden, während
sie nach einiger Zeit bei Rückgang der Kaufkraft jener Kreise in sich
zusammenfallen und einem erheblichen Teile der Bevölkerung sehr
bedeutende Verluste bringen. In der Hauptsache spielt sich der Vorgang
 an der Börse ab, und von ihr übertragen sich die Folgen auf
weitere Kreise, so daß daraus sich eine allgemeinere Kreditkrisis entwickeln
 kann, wenn die Kapitalsverluste sehr bedeutende Dimensionen
angenommen haben. Solche Krediterschütterungen können aber auch
auf andere Weise herbeigeführt werden, wie durch Münzverschlechterung,
übermäßige Papiergeldausgabe, zu ausgedehnte Notenemissionen durch
Privatbanken etc. Diesen erwähnten Krisen stehen, wie ausgeführt,
2, die Handelskrisen gegenüber, die in Stockungen des Warenverkehrs
 bestehen, die daher auch Absatzkrisen genannt werden, weil
ein Teil der produzierten Ware keine Abnehmer zu finden vermag.
Diese können von seiten der Konsumenten ausgehen, deren Kaufkraft
durch Kriege, durch Mißernten oder sonstige wirtschaftliche Verluste
in besonderer Weise gelitten hat, oder auch von Seiten der Produzenten
infolge einer zu ausgedehnten Produktion, welche den Bedarf überschritt.
Diese Erscheinung ist mehrfach verschärft, durch einen ausgedehnten
Gründungsschwindel, der nur an der Gründung von Aktiengesellschaften
gewinnen wollte damit eine Ueberproduktion förderte und zugleich
massenhaft unsichere Papiere auf den Markt warf, wodurch wiederum
lie Ueberspekulation an der Börse gefördert und so von verschiedenen
Seiten auf eine Krisis hingearbeitet wurde. Die Folge war dann
sowohl eine Absatz- wie Börsenkrisis.
Die Ursachen dieser Erscheinungen sind damit in der Hauptsache
jereits angegeben. Allgemein eigentümlich ist denselben ein plötzlicher
Rückgang der Preise und Kurse, nachdem vorher eine außergewöhn-‚iche
 Erhöhung derselben stattgefunden hatte. Die Ursachen wiederum
dieser Preis- und Kursschwankungen sind, wie sich ergab, sehr verschiedenartig.
 In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts stehen sie
unzweifelhaft in engem Zusammenhange mit den Ernteverhältnissen.
Die Landwirtschaft überwog mit ihrem Einfluß auf das ganze wirtschaftliche
 Leben, wenigstens auf dem europäischen Kontinent, gegenüber
 Handel und Industrie, Hatte der Bauer Geld, so hatte es die
ganze Welt. Reichliche Ernten erhöhten die Kaufkraft der Bevölkerung,
animierten Handel und Industrie, nachdem durch die erweiterte Nach.
frage die Warenpreise gestiegen waren. Dies führte zu einer Ueberproduktion,
 worauf ein Rückschlag unvermeidlich wurde. Umgekehrt
verminderten Mißernten die Kaufkraft, brachten deshalb den Absatz
        <pb n="271" />
        253

ins Stocken und Handel und Gewerbe zur Krisis. Wir fanden aber
auch ein Beispiel, wo gerade überreiche Ernten zu einer so bedeutenden
Preissenkung führten, daß sie gleichfalls zu einer allgemeinen Kalamität
 wurden, Bedeutsam ist es nun, daß die letzte große Krisis bereits
 völlig unabhängig von den Ernteverhältnissen gewesen ist, und
daß in den letzten Jahren sogar trotz der agrarischen Depression ein
bis dahin kaum dagewesener Aufschwung von Handel und Industrie
in Deutschland eingetreten ist. Der Einfluß der agrarischen Verhältnisse
 hat sich also enorm abgeschwächt, obgleich noch heutigen Tages
der Ernteausfall für den Volkswohlstand sehr maßgebend sein kann,
zumal derselbe nicht mehr immer wie in früheren Zeiten in umgekehrtem
 Verhältnis zu den Preisen steht, vielmehr reiche Ernten mit
hohen Preisen, Mißernten mit niedrigen Preisen Hand in Hand gehen
können. Aber gleichwohl zeigt es sich, daß heutigen Tages die Volkswirtschaft
 in einem höheren Maße von der Industrie beherrscht wird,
daß nicht mehr der größte Teil des Bedarfes die Nahrungsmittel betrifft,
 und am wenigsten die der heimischen Landwirtschaft entnommenen
Rohprodukte. Vielmehr besteht der größte Teil des Nationalertrages
aus den Produkten der übrigen Gewerbe, und diese müssen damit das
Wohl und Wehe der Volkswirtschaft in einem höheren Maße bestimmen
 als die Landwirtschaft,
Zwei Momente sind es nun, welche in der neueren Zeit auf Ursachen der
Handel und Industrie einen besonderen Einfluß ausüben können, um Preisschwan-Schwankungen
 in den Preis- und Absatzverhältnissen herbeizuführen. ““ngen.
Das eine Moment ist die Ausbildung der technischen Hilfsmittel infolge
der großartigen Erfindungen der Neuzeit, welche die Leistungsfähigkeit
 fast jedes Industriezweiges in der gewaltigsten Weise gesteigert
hat, so daß mit Hilfe der Dampfkraft, der Maschinen etc. in kurzer
Zeit in den verschiedensten Branchen mehr produziert werden kann
als Bedarf vorliegt. Dies wird durch das zweite Moment unterstützt:
die Ausbildung der Kreditwirtschaft, welche die Konzentrierung von
Kapital zur Erweiterung der Produktion in kurzer Zeit und in extremem
Maße ermöglicht. Durch beides kantı auf den verschiedensten Industriegebieten
 die Produktion in der kürzesten Frist vervielfältigt
werden, und es liegt die Möglichkeit vor, mehr Waren zu liefern, als
abzusetzen sind, d. h. eine Ueberproduktion zu erzielen, die notwendig
ainen erheblichen Preisrückgang zur Folge haben muß. Da nun zugleich
 die wirtschaftliche Kulturwelt sich in der neueren Zeit gewaltig
arweitert hat, die in der gleichen Weise zu produzieren vermag, so ist
damit die Gefahr der Ueberproduktion in bedeutendem Maße verschärft,
 während auf der anderen Seite die Nachfrage nach Industrieprodukten
 naturgemäß weit größeren Schwankungen unterworfen ist,
als die nach landwirtschaftlichen Produkten. Dazu kommt ferner, daß
bei der bedeutenden Ausbildung der Arbeitsteilung und danach der
Spezialisierung der Arbeit in den einzelnen Etablissements, welche die
ganze Einrichtung nur für die Herstellung ganz bestimmter Waren gesignet
 macht, der Uebergang zu einer anderen Thätigkeit außerordentlich
 erschwert ist. Der Handweber kann ev. von der Baumwolle zur
Wolle übergehen und die verschiedensten Arten von Zeugen herstellen,
während die heutigen Maschinen nicht nur sehr verschieden für jede
Art des Rohmaterials hergestellt sind, das sie verarbeiten, sondern
auch nur für ganz bestimmte Arten von Zeugen und Mustern, so daß
sie zum Stillstand gebracht werden, wenn die Nachfrage gerade nach
        <pb n="272" />
        254

ihren Produkten nachläßt, Dazu kommt, daß häufig durch neue Erfindungen
 die Herstellungskosten verschoben werden, damit die Preise
der Produkte, wodurch wiederum die Nachfrage erhebliche Veränderung
erleidet. Es treten hinzu die so außerordentlich häufigen und durchgreifenden
 Veränderungen .in den Geschmacksrichtungen, welche den
einen Industriezweig lahm legen, um einen anderen zu fördern und
wodurch bald die eine Gegend, ja das eine Iiand besonders benachteiligt,
 ein anderes bevorzugt wird,
Aus allem ergiebt sich die große Schwierigkeit, ein richtiges Verhältnis
 zwischen Angebot und Nachfrage herzustellen und damit die
großen Verschiebungen zu vermeiden, welche Krisen herbeiführen.
Es ist begreiflich, daß auf eine bedeutende Nachfrage und Preissteigerung
 infolge einer Ueberproduktion ein Preissturz und damit eine
Krisis eintritt, Die verbesserten Kommunikationsmittel, sowohl im Transport
 wie im Nachrichtenaustausch, sind bisher nicht imstande gewesen, die
nötige Ausgleichung herbeizuführen und damit die Krisen zu vermeiden,
ob überhaupt bereits den akuten Charakter zu mildern, wird erst die
Zukunft lehren.
Um einen Anhalt zur Beurteilung der Mittel zu gewinnen, den
Krisen entgegenzuarbeiten und ihre Folgen abzuschwächen, wird es
nötig sein, die theoretische Seite noch etwas näher zu erörtern.
Gegenüber den Anschauungen, wie sie in dem Vorhergehenden zusammengefaßt
 sind, daß die Krisen hauptsächlich zurückzuführen sind
auf den Großbetrieb mit Hilfe der Maschinen und den Mangel an
„..... Ordnung, um die Produktion dem Bedarfe anzupassen, wie sie schon
sche von Ricardo, John Stuart Mill und Anderen vertreten wurden,
der Krisen, Steht die sogenannte sozialistische Theorie, die zuerst von Robert
Owen in den Grundzügen formuliert, dann insbesondere von Rod bertus-Jagetzow
 vertreten, in etwas anderer Weise schon in dem kommunistischen
 Manifest von Marx und Engels des Näheren ausgeführt
wurde. Die Grundanschauung geht dahin, daß eine Ueberproduktion
an sich ein Unding sei, da es stets Menschen gäbe, die bereit wären,
jene Massen von Gütern zu verwerten, die unter den jetzigen Verhältnissen
 einen Absatz nicht zu finden vermögen; wie Leroy-Beaulieu
sich gelegentlich ausdrückte: eine wirkliche UVeberproduktion sei nur
an Wiegen und Särgen möglich, die allerdings einem bestimmten Belürfnis
 nach der Zahl der Geburten und Sterbefälle gegenüberstehen.
Unzweifelhaft ist es richtig, daß die Unverkäuflichkeit meist nicht
zurückzuführen ist auf die Unverwertbarkeit der Gegenstände, sondern
auf die Unverkäuflichkeit infolge der zu geringen Kaufkraft der Bevölkerung,
 und das ist eine Kigentümlichkeit der ganzen modernen
Volkswirtschaft, daß eben überall die Kaufkraft entscheidend ist, nicht
aber das Bedürfnis. Rodbertus und andere, z. B. auch Proudhon,
gehen nun davon aus, daß die geringe Kaufkraft nur auf die ungenügenden
 Löhne zurückzuführen sei, welche die arbeitende Bevölkerung
erhält. Mit Hilfe der Arbeiter werden Waren in einem höheren Werte
erzeugt als der Lohn ist, den die Arbeiter, welche die Waren hergestellt
 haben, erhalten. Die Kaufkraft der Arbeiter wird durch ihren
Lohn repräsentiert, sie können daher nur einen Teil der von ihnen erzeugten
 Ware kaufen. Der Kapitalist und der Unternehmer, welche
die Arbeiter beschäftigen und die Differenz zwischen dem Lohn und
dem Werte des Arbeitsproduktes für sich in Anspruch nehmen, reprä-3entieren
 nach der Meinung Vieler überhaupt nur eine unbedeutende
        <pb n="273" />
        255

Konsumtionskraft, die kaum in Frage kommt, oder doch nur eine
solche, die bei weitem nicht imstande ist, die geschaffenen Werte zu
absorbieren. Daher sieht sich der Kapitalist genötigt (Flürscheim),
einen erheblichen Teil des gewonnenen Wertes zu kapitalisieren und
wiederum zur Produktion zu verwenden, wodurch die Ueberproduktion
noch immer mehr verschärft wird.
Es ist nun ohne Weiteres zuzugestehen, daß es kein besseres Maßregeln
Mittel giebt, jede Ueberproduktion zu vermindern, als die Steigerung gegenKrisen.
der Kaufkraft der Bevölkerung, aber nicht nur der einfachen
Arbeiterbevölkerung , sondern der verschiedenen Klassen des Volkes.
Nicht genügend berücksichtigt wird aber, daß auch der Kapitalist
durch seine Ersparnisse eine erweiterte Nachfrage nach den mannigfaltigsten
 Produkten herbeiführt, wenn er neue Fabrikunternehmungen
unterstützt, Gelder für neue Kommunikationswege beiträgt und dergl.
mehr. Denn nicht nur die Konsumtion, auch die Produktion absorbiert
Güter aller Art. Wenn aber diese Neuanlage nur zu einer weiteren
Ueberproduktion führte, so müßte dieselbe in Permanenz geschehen,
was durchaus nicht der Fall ist. Sie tritt vielmehr nur zeitweise ein,
als Uebergang. Man kann auch nicht sagen, daß eine fortdauernde
Steigerung der Ueberproduktion zu beobachten ist, vielmehr tritt eine
Krise doch nur infolge von Ueberspekulation und Ueberschreitung des
gewöhnlichen Maßes ein, nicht schon bei regulärer Produktion, wo
natürlich auch Schwankungen in den Konjunkturen eintreten, aber ohne
akuten Charakter.
Auf die Einseitigkeit der sozialistischen Auffassung hat schon
Lexis in Schönbergs Handbuch aufmerksam gemacht, denn eine Lohnerhöhung,
 durch welche die Kaufkraft des Arbeiters gesteigert wird,
erweitert nicht die Nachfrage nach allen Produkten gleichmäßig,
vielmehr nur einseitig, nach bestimmten Bedarfsartikeln gerade des
Arbeiters; und auch bei diesem durchaus nicht bei allen Artikeln.
Die Nachfrage nach Kartoffeln wird sich vermindern, dagegen nach
Fleisch vermehren, ebenso nach groben Zeugen weniger zunehmen als
nach feineren. Hat in der Seidenindustrie eine zu starke Produktion
stattgefunden, so wird sie auch der besser situierte Arbeiter nicht mindern.
 Sind mehr Schienen gemacht, ist überhaupt mehr Eisen aus den
Hochöfen hervorgegangen, als momentan verwendet werden kann, und
das kann außerordentlich leicht geschehen, so ist auch die allgemeinste
Lohnerhöhung dagegen keine Abhilfe, also auch dann nicht, wenn, wie
bei Proudhon, jeder thätige Mensch unter die Arbeiterklasse gerechnet
wird. Der gesunde Kern, der in jener Grundanschauung liegt, ist durch
die Verschiebung ins Extrem zu einem krankhaften Zerrbild geworden.
Alle Maßregeln, welche einer Ueberspekulation entgegenwirken,
eine Gründung und Erweiterung von Aktiengesellschaften allein zu
Spekulationszwecken verhindern, werden in angemessener Weise den
Krisen entgegenwirken. Jede Einrichtung, welche über die Veränderungen
 der Produktions- und Bedarfsverhältnisse orientiert, z. B. genaue
Berichte der Konsulate, wie sie in England und den Vereinigten Staaten
geliefert werden, aber leider viel zu wenig in Deutschland, werden
dazu beitragen, Ueberproduktionen zu verhindern. Besonders wichtig
ist es, die Folgen der Krisen in höherem Maße von der Arbeiterklasse
abzulenken, denn es bleibt eine übermäßige Härte und Ungerechtigkeit,
daß der Fabrikant, der aus den hohen Preisen mit Hilfe einer großen
Zahl von ihm aus anderen Thätigkeiten herangezogener Arbeiter Gewinn
        <pb n="274" />
        - 256 —

Folgen der
Krisen,

bezogen hat, sich vor Verlusten schützt durch Einschränkung seiner
Thätigkeit und entsprechende Entlassung von Arbeitern, die damit
der. Not anheim gegeben werden. Doch ist dieses bei Betrachtung
der Arbeiterfrage des Näheren zu erörtern, aber nicht an dieser Stelle.
Die volkswirtschaftliche Wirkung der Krisen ist von vielen Seiten
sehr überschätzt, von anderer Seite unterschätzt. Max Wirth vergleicht
 sie mit dem Gewitter, das wohl auch das Getreide durch
scharfen Regen niederschlägt und Bäume umwirft, dabei aber im ganzen
befruchtend wirkt und weit mehr Nutzen als Schaden anrichtet. Dies
ist unzweifelhaft zu optimistisch geurteilt, wenn es auch als ein Segen
anzusehen ist, wenn eine Spekulationsphase schließlich durch den doch
unvermeidlichen Rückschlag zum Stillstande gebracht wird. Die Verluste
 durch plötzlichen Kursrückgang, Zahlungsstockungen und Bankerotte,
 Stillstand von Fabriken, Entlassung von Arbeitern sind doch zu
große und von zu nachhaltiger Wirkung, als daß sie so harmlos aufgefaßt
 werden dürften. Namentlich ist die Not, die dadurch in der
Arbeiterklasse herbeigeführt wird, eine sehr harte und erfordert umfassende
 Hilfe. Auf der anderen Seite ist es entschieden zu weit
gegangen, die Verluste eines Landes nach dem Kursrückgange bemessen
zu wollen, denn die Bedeutung z. B. der Aktiengesellschaft für den
Volkswohlstand ist nicht zu berechnen nach dem Nominalwert der
Aktien, sondern nach dem Reinertrage und der nachhaltigen Proluktionskraft
 derselben. Wer die Aktien einer gut situierten Gesellschaft
 vor dem Eintritt der Spekulationssteigerung kaufte, und sie
bis nach der Krisis in der Hand behielt, hat weder durch die Haussebewegung
 einen nachhaltigen Vorteil, noch durch den Sturz des Kurses
Verluste gehabt. Er befand sich eine Zeit lang in der Illusion, einen
Vermögenszuwachs gewonnen zu haben, der sich nachher als nicht
real herausstellte. Haben dazwischen dagegen Umsätze der Aktien
stattgefunden, so hat allerdings derjenige auf Kosten des Käufers einen
Gewinn erzielt, der im Momente der Kurssteigerung das Papier verkauft
 hat, und der Käufer dagegen einen erheblichen Verlust, der sie
teuer kaufte und nachher zu einem niedrigen Kurse wieder abgeben
mußte. Die Vermögensverschiebung kann dabei sehr wohl den letzteren
 zur Aufgabe seines Geschäftes zwingen und dadurch einen
zrößeren Schaden der Gesamtheit zufügen, als durch den Nutzen des
anderen Teiles die Gesamtheit gewonnen hat. Eine Ausgleichung
findet jedoch in großer Ausdehnung statt und mildert somit den Gesamtschaden.
 Aber die Aufgabe, mit allen Mitteln Krisen entgegenzuwirken,
 bleibt darum doch unzweifelhaft bestehen.
        <pb n="275" />
        Abschnitt Il.
Die Verteilung des Ertrages der Volkswirtschaft.

8 77.
Das Einkommen und seine Verteilung.
H. v. Treitschke, Der Sozialismus und seine Gönner. Preuß. Jahrb. 1875.
G&amp;amp;. Schmoller, Ueber einige Grundfragen des Rechtes und der Volkswirtschaft.
Jahrb. f, Nat.-Oekon. 1875 u. 76.
Ders., Lehre vom Einkommen, Zeitschr. £. d. ges. Staatsw., Bd. XIX.
Weifs, Das Einkommen. Zeitschr. f, d. ges. Staatsw. 1877.
Guth, Lehre vom Einkommen. 1878.
Robert Meyer, Das Wesen des Einkommens. Berlin 1887.
Fr. Jul. Neumann, Grundlage der Volkswirtschaftslehre. "Tübingen 1889.
Kleinwächter, Das Einkommen und seine Verteilung. Leipzig 1896.
H. Losch, Volksvermögen, Volkseinkommen und ihre Verteilung. Leipzig 1887.
W. Böhmert, Die Verteilung des Einkommens in Preußen und Sachsen:
Dresden 1898.
William Smart, Distribution of Income. London 1899.
Nachdem wir bisher die volkswirtschaftliche Produktion nach
allen Richtungen hin erörtert haben, also die Beschaffung der Güter,
welche zur Befriedigung der Bedürfnisse -des Volkes erforderlich sind,
haben wir nun die Verteilung der Güter zu berücksichtigen und die
Benutzung des Geschaffenen näher in das Auge zu fassen.
Die Werte, die aus einer wirtschaftlichen Thätigkeit eines Einzelnen
 oder eines ganzen Volkes hervorgehen, nennen wir den Ertrag
derselben. Die Gesamtsumme der erzielten Werte ist der Rohertrag,
ihm steht der Reinertrag gegenüber, der sich nach Abzug der Herstellungskosten
 von dem ersteren ergiebt, der also als Ueberschuß über
den Produktionsaufwand, als reiner Gewinn, Produit-net, wie ihn die
Physiokraten nannten, der Wirtschaft anzusehen ist.
Der Reinertrag der gesamten volkswirtschaftlichen Thätigkeit geht
nun in die Hände der wirtschaftenden Persönlichkeiten über, und
verteilt sich so in den Händen der in Betracht kommenden Bevölkerung.
 Die Summe von Werten, welche nun im Laufe einer gewissen
Zeit, gewöhnlich geht man hierbei von einem Jahre aus, in den Besitz
einer physischen oder juristischen Person als Reinertrag ihrer Wirtschaft
 übergeht, also verbraucht werden kann, ohne die Vermögenslage
 zu verschlechtern, nennen wir das Einkommen der betreffenden
Persönlichkeit. Der Nachdruck ist dabei darauf zu legen, daß die das
Einkommen ausmachenden Einnahmen als Reingewinn anzusehen sind,
also einen Zuschuß zu dem bisherigen Vermögensstamme bilden, und
daß sie aus der Wirtschaft der betreffenden Persönlichkeit stammen,
damit also im allgemeinen eine gewisse Nachhaltigkeit derselben an-Conrad,
 Grundrifs der polit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl, 7

Ertrag.

Rinkommen.
        <pb n="276" />
        258

genommen werden kann. Einnahmen, welche durchlaufönde Posten
ausmachen, d. h. die zur Erhaltung der Wirtschaft wieder verausgabt
werden müssen, gehören nicht zum Einkommen, und ebensowenig
diejenigen Einnahmen, welche nicht im Zusammenhang mit der Wirtschaft
 stehen, wie Erbschaften, Geschenke, Lotteriegewinne etc. Hiernach
 erkennen wir nur das sogenannte Reineinkommen an und sehen
in dem Ausdrucke Roheinkommen einen uneigentlichen Begriff, der
nur zur Verwirrung beiträgt. Das Einkommen einer Person kann sich
nun zusammensetzen aus den Reinerträgen einer größeren Zahl einzelner
Wirtschaften und verschiedenartiger Vermögensanlagen. Es kann
Jemand Einkommen beziehen aus einem selbstbewirtschafteten oder
rerpachteten Gute, außerdem aus einer Beteiligung an einer Aktiengesellschaft,
 aus einer Hypothek, also aus der Wirtschaft einer anderen
Person. Alle diese Summen zusammen aber gehören zur selben Hauswirtschaft
 einer Person und bilden ihr Einkommen. Dasselbe ist in
der Hauptsache Konsumtionsfonds für die betreffende Persönlichkeit,
bestimmt, zum Unterhalte derselben wie der Familie etc. zu dienen,
gleichviel, ob der ganze Fonds für diesen Zweck aufgebraucht wird,
oder ob ein Teil davon kapitalisiert, also zur Vergrößerung des Vermögens
 verwendet wird.
Wie man von dem Reinertrage der Volkswirtschaft sprechen kann,
so auch natürlich von dem Einkommen eines Volkes. Beides nehmen
wir mit einer noch zu erwähnenden Ausnahme als zusammenfallend
an. Der erstere ist die Summe der Erträge aller volkswirtschaftlichen
 Thätigkeiten, das andere die Summe der Einkommen aller
einzelnen Persönlichkeiten, welche aus jenen Reinerträgen bezogen
werden und nur aus ihr bezogen werden können. Hiernach ist kein
Unterschied gemacht, wer der eigentlich Produzierende ist. Als Ergebnis
 der Wirtschaft ist hierbei auch das angesehen, was von anderen
produziert ist, aber als Einkommen von der betreffenden Person bezogen
 ist, z. B. in der Form von Zinsen, Dividenden ete. Es wird
hier also die Finanzwirtschaft als die abgegrenzte Wirtschaft einer
Person angesehen. Daher ist natürlich auch bei dem Volkseinkommen
mit einbegriffen, was ev, aus. dem Auslande bezogen wird, während
nicht in Betracht kommt, was von dem inländischen Reinertrage an
das Ausland abgegeben werden muß. Wir haben hier die Summe
aller Hauswirtschaften im Auge, die nicht zusammenfällt mit der
Summe der einzelnen Produktionswirtschaften.
Der Ertrag eines großen Unternehmens, z. B. einer großen
Maschinenbauanstalt, liefert einer sehr großen Zahl von Personen ihr
Einkommen. Alle Arbeiter, Beamten, wie der Unternehmer selbst beziehen
 es daraus; die Ersteren aber aus dem Rohertrage, der Letztere
dagegen den Reinertrag, Jeder Arbeiter hat seine eigene Haus- und
Finanzwirtschaft, wie jeder Beamte und der Unternehmer, sie ist ein
für sich abgeschlossenes Ganzes; sie gewinnt Einkommen, verbraucht
as und erzielt eigene Ueberschüsse, Das Einkommen sämtlicher Personen
 ist, wie gesagt, dem Ertrage der Anstalt entnommen, die einzelne
Summe hat vom Standpunkte des Unternehmers eine andere Stellung
als von dem des Arbeiters und beansprucht eine andere Bezeichnung,
Gleichwohl läßt sich alles in der erwähnten Weise unter den Begriff
Verteilune Einkommen subsumieren, , |
les Binkom- Bedeutsam ist nun die Frage, welche Verteilung des Einkommens
nens. für das einzelne Land, wie für die gesamte Kulturentwickelung am
        <pb n="277" />
        959

zweckmäßigsten ist. Darauf ist zunächst negativ zu antworten: eine
gleiche Verteilung des Besitzes und Einkommens ist ebenso schädlich
wie eine zu große Verschiedenheit derselben, indem wenige außerordentlich
 reiche Leute der großen Masse des Proletariats gegenüberstehen;
 und die Konsequenz hieraus ist, positiv gefaßt, daß unter
Vermeidung der Extreme ein breiter Mittelstand,. der ein behäbiges
Dasein zu führen vermag, aber noch unter dem Druck lebt, durch
Arbeit für seinen Unterhalt und sein Fortkommen sorgen zu müssen,
und zugleich die Mittel besitzt, sich eine bessere Bildung verschaffen
and seine Arbeitskraft durch Kapital unterstützen zu können, als die
Hauptgrundlage für die Förderung der wirtschaftlichen wie geistigen
Kultur das zu Erstrebende ist.
_ Jeder Kulturfortschritt wird nach den Ergebnissen der Geschichte
und der Beobachtung der Gegenwart stets durch Einzelne, die der
Gesamtheit vorauseilen, angebahnt, und nur langsam können allmählich
die Massen nachgezogen werden. So lange die Gesamtheit auf der
gleichen Stufe steht, es an hervorragenden Individuen fehlt, bleibt ein
Land in Stagnation, weil das gleiche Vorschreiten eines ganzen Volkes
in der Kultur ebenso erschwert ist, wie der gleichmäßige Vormarsch
der breiten Front eines Heeres durch einen Urwald, während, sobald
ein schmaler Weg durchgeforstet ist, unter Vortritt Einzelner in
schmaler Reihe die Gesamtheit leicht nachrücken, das ganze Heer
schnell vorwärts kommen kann. Will man der Gesamtheit die gleiche
Bildung verschaffen, jedem Einzelnen die gleichen Mittel zur Verfügung
stellen, so gehören Jahrhunderte dazu, um den wirtschaftlichen Wohlstand
 zu erlangen und den Fortschritt zu ermöglichen, den man
heutigen Tages bei der Auswahl Einzelner zu höherer Bildung und
besserer Ausrüstung mit Kapital in wenig Jahren erreicht. Die Differenzierung
 der Bevölkerung durch die Ungleichheit des Besitzes, daher
der Bildung und Leistungsfähigkeit, ist die Vorbedingung eines angemessenen
 Kulturfortschrittes. .
Auf der anderen Seite wird eine zu große Ungleichheit und Schädlichdamit
 Konzentrierung des Besitzes und Einkommens kulturschädlich keit der Konwirken,
 und um so mehr, je größer der Gegensatz ist, und je mehr „zentration
die große Masse zur Dürftigkeit verdammt ist, die darbend und aus des Bositzes.
der Hand in den Mund lebend nicht die Mittel besitzt, um ihre Kräfte
zu höherer Leistung auszubilden, und durch die Sorge um den täglichen
 Unterhalt von jedem höheren Streben zurückgehalten wird,
während ein sehr großes Einkommen naturgemäß den Erwerbstrieb
unterdrückt und überhaupt leicht eine Erschlaffung der Energie zur
Folge hat, Zugleich entwickelt sich das Streben, die großen Summen
möglichst zu genießen und infolgedessen naturgemäß einen extremen
Luxus auszubilden, indem der Versuch gemacht wird, den Genuß zu
potenzieren durch Vergrößerung der Ausgaben für wertvolle Befriedigungsmittel.
 Solcher Luxus muß natürlich entsprechend die Verwendung
 von Mitteln nach anderer Richtung vermindern. und er wird
auf Kosten der übrigen Bevölkerung geführt.
Wir kommen damit zugleich auf die wichtige Frage, welche Ausgaben,
 resp. welche Lebensansprüche berechtigt sind, welche dagegen nicht.
Gerechtfertigt werden die Bedürfnisse sein, deren Befriedigung
notwendig ist, um das Leben und die Arbeitskraft zu erhalten und zu
fördern, außerdem diejenigen, welche ein Kulturbedürfnis befriedigen,
also in ethischer Hinsicht läuternd, hebend, veredelnd auf den Menschen
        <pb n="278" />
        260

Wirkungen
des Luxus,

zu wirken vermögen, wie das vor allem von Kunst und Wissenschaft
zu sagen ist, Darüber hinaus werden die Lebensansprüche allmählich
immer schädlicheren Charakter annehmen, indem sie Arbeit und Kapital
absorbieren, ohne einen entsprechenden Nutzen zu gewähren. In dem
einzelnen Falle aber wird es meistens schwer sein, zu unterscheiden,
wo die Grenzlinie liegt, die Nützlichkeit aufhört, die Schädlichkeit
beginnt. Dies wird am klarsten ersichtlich sein, wenn man von dem
äußersten Extreme beginnt und allmählich sich der Mittellinie nähert.
Wir können hier absehen von einem Aufwand, dessen Schädlichkeit
 ohne weiteres einleuchtet, der nur zerstörend wirkt, wie in jenem
Falle, wo Kleopatra dem Antonius eine in Pulver zerriebene kostbare
Perle zur Würze des Mahles vorsetzte, nur um den Kostenaufwand
zu erhöhen, oder wie bei übermäßigem Genuß alkoholischer Getränke etc.
Hierher gehören auch gutgemeinte Bestimmungen einzelner Fürsten, die
polizeilich einen Aufwand förderten, um den Verbrauch von Produkten
zu steigern und damit mehr Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Wenn
Karl I. von England eine Verordnung erließ, daß alle Leichen in
Wollenstoffe gekleidet begraben werden sollten, um den Verbrauch
derselben zu fördern und damit der Wollenindustrie erweiterte Arbeit
zuzuwenden, so liegt das Verkehrte klar zu Tage, denn der erweiterte
Verbrauch kam Niemandem zu gute, der Mehraufwand von Arbeit war
nur vergeudet. Als man im Jahre 1848 in Paris das Recht auf Arbeit
und die Verpflichtung der Regierung, die Arbeitslosen zu beschäftigen,
anerkannte, schaffte man Arbeitsgelegenheit, indem man in der Nähe
von Paris Neupflanzungen anlegte. Als der Zustrom Arbeitsloser aber
immer größer wurde, und man nicht mehr Bäume zur Anpflanzung hatte,
fuhr man fort, Gruben für Pflanzungen ausgraben zu lassen und sie nachher
 wieder zuzuwerfen. Man ließ gänzlich nutzlose Arbeit verrichten.
Die gleiche Vergeudung von Arbeit wird aber durch Maßregeln
herbeigeführt, die vielfach noch heutigen Tages empfohlen werden, um,
wie man sich ausdrückt, Arbeitsgelegenheit zu schaffen und Geld unter
die Leute zu bringen. Das liegt vor, wenn z. B. bei Hofe ein künstlicher
 Luxus gefördert wird, wie die Kaiserin Eugenie, um die Seidenindustrie
 in Lyon zu fördern, verlangte, daß ihre Hofdamen bei jedem
Hoffeste in neuen seidenen Kleidern erscheinen sollten; und leicht
wären die Beispiele zu vermehren, wo solche volkswirtschaftlich verkehrten
 Maßregeln zu gleichem Zwecke angewendet wurden.
Der Bau von Schlössern, für die kein Bedürfnis vorhanden ist,
und die fast gar nicht bewohnt werden, wird auf der gleichen Stufe stehen,
Monumentalbauten dagegen, die zur Förderung des künstlerischen
Sinnes und einer edleren Kunstrichtung beitragen sollen, werden nicht
den gleichen Bedenken unterworfen sein; sie haben eine besondere
höhere Aufgabe, Aber auch hier wird es darauf ankommen, ob die
Finanzverhältnisse des Landes dafür ausreichen oder nicht wichtigere
Aufgaben dadurch beeinträchtigt werden, z. B. Errichtung von Schulen,
an denen es fehlt etc. Es wird ferner darauf ankommen, ob die Bevölkerung
 reif dafür ist und das Gebotene entsprechend zu würdigen
weiß. Wie für den Reichen die Ausgabe für ein kostbares Anregungsmittel,
 wie Kaviar und Schaumwein, sich rechtfertigen läßt, die für den
Unbemittelten ein Verbrechen sein kann, wenn durch sie die Familie
zum Hunger verurteilt wird; wie die Anschaffung eines Kunstwerkes, der
Besuch eines teueren Konzertes für den Kunstverständigen berechtigt,
für den Ungebildeten dagegen ein verwerflicher Luxus sein kann, wird
        <pb n="279" />
        261

auch für ein Land je nach der Kulturstufe und je nach der Wohlhabenheit
 eine Ausgabe am Platze sein oder als verwerflich angesehen
werden müssen. Der Maßstab ist ein relativer und für den einzelnen
Fall besonders zu bestimmen. Gleichwohl 1äßt sich ein solcher Maßstab,
 wie angedeutet, prinzipiell aufstellen, und ebenso angeben, welche
Verteilung des Besitzes und Einkommens unter gegebenen Verhältnissen
 angemessen ist, welche dagegen nicht. Die Ungleichheit, welche
einen unverhältnismäßigen Luxus begünstigt, wird als zu weitgehend
bezeichnet werden müssen und ebenso eine solche, welche den Mittelstand
 verdrängt und die unterste Klasse zu einer unzureichenden
Lebenshaltung verdammt. Unbedingt wünschenswert wird es sein, daß
eine jede Arbeit reichlichen Lohn erhält, um eine Prämie für Fleiß
und Ausdauer zu gewähren und das Bewußtsein in Jedem rege zu erhalten,
 daß er sich durch Fleiß und Arbeitsamkeit auf eine höhere
Stufe emporzuheben vermag. Darin liegt der unendliche Vorzug, den
die neuaufstrebenden Länder, z. B. die nordamerikanische Union gegenüber
 der alten Welt haben, daß ihre hohen Löhne Jedem gestatten,
sich in die besitzende Klasse emporzuarbeiten, der Fleiß und Tüchtigkeit
 besitzt, während hier gerade die Hoffnungslosigkeit, die eigene Lage zu
verbessern, dauernde Unzufriedenheit und die sozialdemokratischen Ldeen
groß zieht, die unter amerikanischen Verhältnissen nicht aufsukommen
vermögen. Demgegenüber ist es wünschenswert, daß der arbeitslose
Gewinn aus Besitz, wie Kapitalzins und Grundrente, niedrig ist, um
nicht Genuß ohne Arbeit zu fördern, und die Produktionsmittel den
Strebsamen möglichst billig zur Verfügung zu stellen.
Unzweifelhaft ist in der Gegenwart nicht überall die Verteilung
des Besitzes und des Einkommens in idealer Weise zu beobachten, und
man hat vielfach eine künstliche Regelung durch die Staatsgewalt verlangt,
 wie es im Extrem die sozialistische Partei thut. Aber solch ein
Anspruch beruht auf Verkennung der menschlichen Natur, die verhältnismäßig
 leicht Härten erträgt, die als durch die Verhältnisse herbeigeführt
und unvermeidlich erscheinen; während diejenigen, welche zwar viel
geringer, aber durch menschliche Willkür herbeigeführt sind, weit
stärkere Opposition hervorrufen. Eine Ordnung der Einkommensverhältnisse
 durch die leitende Gewalt, wie sie die sozialistische Partei erstrebt,
ist nur unter Beseitigung der individuellen Freiheit möglich, und eine
gerechte Verteilung durch eine Centralgewalt ist als über menschliche
Kräfte hinausgehend nicht zu erwarten. Es wird deshalb das allein
Richtige sein, ım allgemeinen die Entwickelung der Einkommensverhältnisse
 sich selbst zu überlassen und von außen nur indirekt einen Einfluß
auszuüben. Dies kann allerdings durch die Staatsgewalt in mannigfaltiger
Weise geschehen; vor allem durch eine Erbrechtsgesetzgebung, welche
auf eine Verteilung des Vermögens hinwirkt (Beseitigung der Fideikommisse);
 durch eine Besteuerung, welche die Ausgleichung begünstigt
 (progressive Erbschafts- und Einkommensteuer); durch eine
hohe Besoldung der eigenen Angestellten, besonders der unteren Klasse;
durch eine angemessene Arbeiterschutzgesetzgebung, besonders Arbeiterversicherung;
 Tilgung der Staatsschulden zur Ermäßigung des Zinsfußes
und dergl. mehr. Zu Gewaltmaßregeln dagegen, welche die Grundlagen
 unserer Volkswirtschaft und Kultur erschüttern, liegt um so
weniger Veranlassung vor, als die neuere Entwickelung mehr optimistisch
als pessimistisch aufzufassen ist.

Eingriff der
Staatsgewalt
in die Einkommensver-
        <pb n="280" />
        2692

8 78.
Die neuere Entwickelung der Vermögensverteilung,
Neuere Ent- Von vielen Seiten, besonders von der Sozialdemokratie, aber nicht
wickelung. nur von dieser allein (Roscher, Wagner) ist die Behauptung aufgestellt,
 daß die auf dem Individualiamus und wirtschaftlicher Freiheit
aufgebaute Volkswirtschaft sich auf der abschüssigen Bahn befinde,
die zu wachsender Konzentration des Volksvermögens und Einkommens
in wenig Händen unter der Expropriation des Mittelstandes und der
Proletarisierung der großen Masse der Bevölkerung führe (Marx,
Engels, Kautsky).
Diese Auffassung ist, wie in der neuesten Zeit immer allgemeiner
anerkannt wird (Julius Wolf, G. Schmoller, W. Böhmert), entschieden
 unrichtig. Der Versuch aber, einen statistischen Beweis dafür
zu führen, kann kaum gelingen, da das Material zu unzulänglich
ist und zu neueren Datums, so daß man nicht weit auseinander liegende
Perioden miteinander vergleichen kann, was hierbei unumgänglich notwendig
 ist. Auch kann eine rein mathematische Beweisführung nicht
dem Wesen volkswirtschaftlicher Verhältnisse gerecht werden. Dagegen
bedarf es nur eines historischen Rückblicks und einer Vergleichung
der Verhältnisse in den verschiedenen Ländern mit ungleicher Kulturstufe
 in der Gegenwart, um sich davon zu überzeugen.
Auf primitivster Stufe der Kultur ist allerdings große Gleichheit
in den Besitzverhältnissen der Ausgangspunkt, wo Besitz überhaupt
eine untergeordnete Rolle spielt, und die Gesamtheit fortdauernd von
der Hand in den Mund lebt, also sich alle Glieder eines Stammes in
dem Zustande des Proletariats befinden. Sobald das wirtschaftliche
Leben auf eine höhere Stufe gelangt, der Besitz größere Dimensionen
annimmt, bilden sich bald die schärfsten Gegensätze aus, die denkbar
sind. Einzelne Wenige als Häuptlinge und Herrscher vereinigen den
Besitz in ihrer Hand, die große Masse bleibt Proletarier. Auch der
Grundbesitz, sei er gemeinsam ausgenutzt, sei er allmählich in Privateigentum
 übergegangen, ändert in der dürftigen Lage der großen
Masse wenig. Ein weiterer scharfer Gegensatz bildet sich zwischen
Freien und Sklaven, den gänzlich Besitzlosen aus. Man erinnere sich
der gewaltige Schätze aufhäufenden persischen Herrscher und ihrer
Satrapen einerseits und der großen Masse des dürftig lebenden Volkes
andererseits, der athenischen und römischen Bürger gegenüber der
Masse der Sklaven, und unter den Bürgern des Gegensatzes zwischen
einzelnen angesehenen reichen Bürgern und der Menge aus öffentlichen
Spenden Unterhaltener zur Zeit der höchsten Blüte beider Länder.
In der gleichen Weise bildete sich mehr und mehr im Mittelalter
der Gegensatz zwischen Grundherren und Bauern aus, von denen die
letzteren sich im großen Ganzen über die Lage unserer ländlichen
Tagelöhner nicht erhoben. ‘Auch in den Städten bestand ein krasser
Gegensatz zwischen Grundherren und den kleinen Leuten, an die sich
die große Masse der Bettler. und Vagabunden anschloß. In den
Hauptstädten freilich entwickelte sich ein reges Gewerbsleben, und die
Mitglieder der Zünfte gelangten vielfach zu Wohlstand. In den klei.
neren Städten dagegen waren auch bei den Handwerkern die Zustände
überaus kläglich. Das verschärfte sich besonders nach dem 30 jährigen
Kriege und 1äßt sich für das Ende des 18. Jahrhunderts schlagend
nachweisen. Seit jener Zeit hat sich die Verteilung von Besitz und
        <pb n="281" />
        263 —

Einkommen allgemein wesentlich günstiger gestaltet. Auch wissenschaftliche
 Vorkämpfer der Sozialdemokratie (Bernstein, Schönlank)
erkennen an, daß die Lage der unteren Klassen sich im Laufe des
letzten Jahrhunderts gewaltig gebessert hat. Aber ebenso unverkennbar
ist es, daß sich ein wachsender Mittelstand entwickelt hat, der ein
behäbiges Dasein zu führen vermag und über einen entsprechenden
Rückhalt an Besitz verfügt. Man braucht nur an das Aufblühen unseres
Bauernstandes zu denken, für den ein weit kleinerer Besitz an Grund
und Boden gegenüber früheren Zeiten genügt, um ihn als zur Mittelklasse
gehörig erscheinen zu lassen. Ebenso läßt die Beobachtung der Bauten
in den Städten, die erst neuerdings Bedeutung erlangt haben, die wachsende
 Zahl derer erkennen, die auf bessere Wohnungen Anspruch machen
und in der Lage sind, sie zu bezahlen. Es ergiebt sich daraus, daß
durch das allgemeine Wachsen des Wohlstandes eine größere Zahl tüchtiger
 Leute aus dem Handwerkerstande, wie auch aus der Fabrikarbeiterschaft
 Stellungen zu gewinnen vermögen, durch welche sie sich dem
Mittelstande einreihen, wobei die absoluten Zahlen in einem höheren
Maße ins Gewicht fallen als die Verhältniszahlen, d. h. auch da, wo
bei starker Zunahme der Bevölkerung die untere Schicht einen etwas
wachsenden Prozentsatz ausmacht, kann dieses reichlich ausgeglichen
werden durch die Erhöhung des Einkommens aller Schichten und
eine bedeutende Zunahme der absoluten Zahl der in behäbiger Lage
befindlichen Personen. Schon durch das Sinken des Preisniveaus der
Artikel des gewöhnlichen Bedarfes ist auch bei gleichem Einkommen
unter bescheidenen Verhältnissen die Kaufkraft gestiegen und hat sich
die Lebenshaltung verbessert. ;
Ganz besondere Bedeutung ist aber hierbei auf die Vergleichung
der verschiedenen Länder zu legen. Wo ist der Mittelstand am größten,
in den unkultivierten oder in den kultivierten Ländern? Die Antwort
kann nicht zweifelhaft sein. Nirgends steht sich unvermittelter Arm und
Reich gegenüber als in Rußland. Am meisten schreitet dort in neuerer
Zeit Polen vor, wo sich erst jetzt allmählich, hauptsächlich in den
Städten, ein Mittelstand entwickelt. Weit größer ist derselbe augenfällig
 in Deutschland und weit mehr im Westen als im Osten. Wie
jeder Reisende schon bei oberflächlicher Betrachtung zu konstatieren
vermag, nimmt der Mittelstand wiederum in Frankreich einen größeren
Spielraum ein als in Deutschland, in England mehr als hier, und entschieden
 am meisten in den Vereinigten Staaten von Nordamerika.
 Die große Masse der amerikanischen Farmer gehört dem
Mittelstande an und steht nur einer sehr geringen Zahl von Arbeitern
und einer verschwindenden Zahl von Großgrundbesitzern gegenüber. Es
ist. ein Irrtum zu meinen, daß es dort in den Städten nicht selbständige
Handwerker, kleine Kaufleute etc. gäbe, die vielmehr, namentlich ın
den mittleren und kleineren Städten, eine große Rolle spielen und vermöge
 ihres hohen Verdienstes der Mittelklasse zuzuteilen sind. Zu ihr
gehört auch außerdem ein bedeutender Teil der Arbeiter in den
Fabriken infolge ihres bedeutenden Lohnes und der Ersparnisse, die
sie zu machen vermögen, da der gewöhnliche Lebensunterhalt weit
billiger ist als in Europa.
Die Vorstellung, daß in England, wie in Amerika der Gegensatz
zwischen wenigen immens reichen Leuten und der großen Masse der
Besitzlosen weiter und unvermittelter sei, als auf dem europäischen
Kontinente. stammt aus dem Beginne des Jahrhunderts, wo er zutreffend

Vergleichung
verschiedener
 Länder
        <pb n="282" />
        FA

gewesen sein mag. Seitdem haben sich die Verhältnisse auch im britischen
 Reiche in dieser Hinsicht außerordentlich gebessert. Auf dem
Lande bildet der Pächterstand eine im Durchschnitt sehr wohl situierte
Mittelklasse bei einer sehr kleinen Zahl ländlicher Arbeiter und verschwindendem
 Parzellenbesitz. Diese Mittelklasse hat sich erst im
Laufe des letzten Jahrhunderts aus recht tiefer Stufe emporgearbeitet.
 Der Großbetrieb in den Städten, der mit der ganzen zivilisierten
 Welt in Beziehung steht, verlangt eine große Zahl gebildeter
Personen zur Mitwirkung als Buchhalter, Korrespondenten, Ingenieure,
aber auch gut besoldeter, handwerksmäßig ausgebildeter Arbeiter, die
durch ihre Löhne und den Anteil an ergänzendem Besitze einen neuen
Mittelstand bilden. In der gleichen Weise sehen wir auch in Deutschland
 mit dem Großbetriebe in.dem privaten Beamtenstande einen neuen
Mittelstand. herauswachsen, welcher mehr und mehr an die Stelle des
alten Handwerkers tritt. Ganz besonders kommt aber hinzu, daß die
Milliarden, die zinstragend in Papieren, Hypotheken, Aktien angelegt
sind, mehr und mehr in die Hände der mittleren und auch der unteren
Klassen eindringen und einen Zuschuß zu dem Arbeitsverdienst ergeben,
worüber es leider noch an der nötigen Statistik fehlt, um dies angemessen
 zu beleuchten.
Von einer Verdrängung des Mittelstandes kann in unserer Zeit
keine Rede sein, während zugleich die Lage der Arbeiterklasse sich
fortdauernd durch Erhöhung des Lohnes und Ermäßigung der Preise
der gewöhnlichsten Bedürfnisse, für welche die untere Klasse hauptsächlich
 ihr Geld ausgiebt, verbessert, Aber dabei kann sehr wohl ein excremer
 Reichtum sich in einzelnen Händen entwickeln, der immerhin
die Gesamtheit benachteiligend wirken kann. Ganz unzweifelhaft
werden heutigen Tages schneller als früher große Vermögen gewonnen,
wie das bei dem gewaltigen Umsatz in dem volkswirtschaftlichen Verkehre
 nicht anders zu erwarten ist. Das wird aber keine nachteilige,
sondern nur eine erfreuliche Erscheinung sein, wenn diese Vermögensbildung
 das Ergebnis hervorragender Leistungen und scharfer Arbeit ist,
und ferner, wenn diese großen Vermögen wieder einem fortdauernden
Verteilungsprozesse anheimfallen, nicht aber dauernd so konzentriert
bleiben und nur die Genußsucht unterstützen.
Auf Ver- Es ist nun eine ebenso verbreitete als irrige Auffassung, daß in
teilung der der neueren Zeit die großen Vermögen mehr durch Spekulation oder
zroßen Mn gar durch Schwindel und Betrug erzielt werden als durch redliche
"rrande Arbeit. Daß solche Fälle vorkommen, kann nicht bestritten werden;
Momente, sie bilden aber Ausnahmen. Zu den Höchstbesteuerten gehörten in
Preußen Männer wie Krupp, Siemens, früher Borsig und andere große
Industrielle, die der Gesamtheit durch ihre Leistungen den größten
Nutzen gebracht haben, und auch Männer, wie der Gründer des Hauses
Rothschild, Hansemann u. s. w. haben auf kaufmännischem Gebiete
abenso hervorragende Erfolge von allgemein volkswirtschaftlicher Bedeutung
 aufzuweisen, wie Jene auf industriellem. Ihr Reichtum war
nur der Lohn angestrengtester Arbeit und überlegener Intelligenz,
Bedenken würde derselbe, wie gesagt, nur erregen, wenn er sich in
dieser Höhe in Permanenz erhielte. Das ist aber durchaus nicht
der Fall, so lange nicht künstliche Maßregeln die Zusammenhaltung
bewirken, wie Verheiratung innerhalb eines engen Kreises von Familien
 oder ein Erbrecht, welches das Erbe einem einzelnen Mitgliede
ler Familie vorzugsweise oder ausschließlich zuwendet und die Ver-
        <pb n="283" />
        265 —

teilung durch Ausschluß von Verkauf, Verschuldbarkeit ete., wie durch
sonstige fideikommissarische Festlegung verhindert. Sind solche Schranken
nicht vorhanden, so gehen schon durch das gleiche Erbrecht bei stärkeren
 Familien auch sehr große Vermögen in der zweiten und dritten
Generation erheblich auseinander, und noch mehr wirkt in dieser Hinsicht
 das wirtschaftliche Leben selbst, welches fortdauernde Gefahren
für das Vermögen in sich schließt, so daß es großer Vorsicht und intensiver
 Thätigkeit bedarf, um den Besitz längere Zeit intakt zu erhalten.
 Es ist eine alte Erfahrung, daß in den großen Kaufmannsstädten
 nur selten eine bedeutende Firma bis in die dritte Generation
ohne einen Bankerott gelangt, und noch seltener in derselben Familie
erhalten bleibt. Dasselbe ist in der Industrie und in der neueren Zeit
auch in der Landwirtschaft zu beobachten, wo fortdauernd bedeutende
Vermögen verloren gehen, und der Besitzwechsel ein außerordentlich
rapider ist.
Dazu kommt, daß in unserer Zeit und ganz besonders in Deutschland
 die humanistische Schulbildung bei der heranwachsenden Jugend
der wohlhabenden Klassen den Erwerbsbetrieb künstlich erstickt durch
die Mißachtung, welche dem materiellen Erwerbsstreben als Banausentum
 auf unseren Gymnasien entgegengebracht wird. Daher wenden
sich verhältnismäßig selten Kinder reicher Häuser einem Gewerbe zu,
sondern dem Beamtentum, besonders dem Offizierstande, um eine
glänzende gesellschaftliche Stellung zu gewinnen, oder sie widmen
sich Kunst und Wissenschaft, wo die Arbeit selbst in höherem Maße
zum Genusse wird. In diesen Berufszweigen ist nur selten Gelegenheit
 gegeben, Vermögen zu erwerben oder dasselbe zu vergrößern, aber
sehr viel Veranlassung, dasselbe zu verkleinern. Durch die Gewohnheit
 des preußischen Adels, sich dem Dienste des Königs zu widmen,
hat derselbe sich mehr und mehr um den ursprünglichen Besitz gebracht.
 Friedrich der Große gestattete außer in Westpreußen dem
Bürgertum überhaupt nicht den Besitz von Rittergütern. Heutzutage
ist der größte Teil derselben in Händen von Bürgerlichen, und würde
es. noch in viel ausgedehnterem Maße sein, wenn nicht ein großer
Teil derselben durch Fideikommisse dem Adel gesichert wäre; und die
Verarmung des Adels würde noch eine viel weitergehende sein, wenn
er sich nicht in ausgedehntem Maße Töchter aus reichen industriellen
und Kaufmannshäusern holte, um damit in einer anderen Weise wieder
zur Verteilung der großen Vermögen beizutragen. Dazu kommt ferner
die anerkannt geringe Leistungsfähigkeit der jeunesse dor6e, die nur
zu häufig mit Arbeitsscheu extreme Genußsucht verbindet und dadurch
das Ergebnis saurer Arbeit der Väter in kurzer Zeit vergeudet.
So liegen eine Menge Verhältnisse vor, welche fortdauernd an
der Verteilung der Vermögen arbeiten, die heutigen Tages erworben
sein wollen, um sie nachhaltig zu besitzen. Die Gefahr einer fortdauernd
 zunehmenden Konzentration des Besitzes ist deshalb sehr gering,
 so lange sie nicht durch eine verkehrte Gesetzgebung einseitig
begünstigt wird. Auch nach der Richtung ist aber die Entwickelung
unseres volkswirtschaftlichen Lebens optimistischer aufzufassen als es
gewöhnlich geschieht, daß der Arbeitslohn verhältnismäßig mehr steigt,
als der Gewinn aus Besitz ohne Arbeit. a
Vier Bezüge sind es, in die der Ertrag zerfällt, aus welchem ein
das Einkommen stammt; wie er sich nach den verschiedenen Pro a an Den
duktionsfaktoren verteilt, von denen jeder eine besondere Rente ab- Kategorien.
        <pb n="284" />
        216

zuwerfen vermag. Das ist die Grundrente, die Kapitalrente,
die Arbeitsrente, zu denen dann aus der Vereinigung aller drei
in einer besonderen Weise der Unternehmergewinn hinzutritt.
Alle vier werden uns noch besonders zu beschäftigen haben. An dieser
Stelle ist nur darauf hinzuweisen, wie zwischen denselben die Verschiebung
 sich in der Hauptsache so vollzieht, wie es als kulturförderlich
 anzusehen ist. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ist
der Arbeitslohn wie das Gehalt des Beamten in außerordentlicher
Weise gestiegen, während ein Rückgang des Kapitalzinses damit Hand
in Hand ging, und, wenn nicht alles trügt, ist trotz der momentanen
entgegengesetzten Verschiebung nach kurzer Zeit die gleiche Entwickelung
 weiter zu erwarten. Die neuere Agrarkrisis hat zugleich
auf dem Lande einen Rückgang der Grundrente herbeigeführt. Nur
in den Städten und deren Umgebung ist dieselbe in weiterem Steigen
begriffen. Es ist aber wohl möglich, daß durch Straßenbahnen, Fahrräder
 etc. in der nächsten Zukunft auch da der Steigerung der Grundrente
 energisch entgegengewirkt werden wird. So vollzieht sich die
Verschiebung von selbst, welche die Sozialdemokratie durch Gewaltmaßregeln
 in Verkennung der menschlichen Natur und der volkswirtschaftlichen
 Vorgänge auf politischem Wege herbeizuführen trachtet,
oder nach der materialistischen Geschichtsauffassung sich gerade umgekehrt
 vollziehend vorstellt und schließlich zu dem großen Zusammenaturze
 führen soll, den sie so sehnsüchtig herbeiwünscht. Bei genauerer
Beobachtung zeigt wenigstens die neuere Entwickelung gerade die entyegengesetzte
 Strömung, als sie sie annimmt, sie scheint uns eine
lurchaus gesunde und dem Kulturfortschritt förderliche zu sein.

8 79.
Die Grundrente.

Pacht und
Grundrente,

308 Berens, Versuch einer kritischen Dogmengeschichte der Grundrente, Leipzig
Trunk, Geschichte und Kritik der Lehre von der Grundrente. Jahrb. f.
Nat.-Oekon. 1866 u. 68.
Rodbertus, Soziale Briefe an v, Kirchmann. Berlin 1851.
Schüffle , Die national-ökonomische Theorie der ausschließenden Absatzvergältnisse.
 Tübingen 1867.
Den Teil des Reinertrages der Grundstücke, welcher nach Abzug
les Zinses und der Amortisationsprämie für das mit dem Grund und
3oden verbundene Kapital und des Unternehmergewinnes übrig bleibt,
1ennt man vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus Grundrente.
Die Pacht, welche der Grundbesitzer bezieht, enthält mithin mehr als
Grundrente, nämlich: die Verzinsung für Gebäude, Meliorationen, ev.
les Inventars, welches dem Pächter mit übergeben wurde, und die
damit zusammenhängenden Unkosten. Sie sind erst in Abzug zu
bringen, um den Teil des Reinertrages zu erhalten, der auf den Produktionsfaktor
 Grund und Boden und seine Eigentümlichkeit zurückzuführen
 ist, und daher den Namen Grundrente verdient. Sie fällt
dem Grundbesitzer mithin ohne besonderen Aufwand von Arbeit und
Kapital infolge der Unvermehrbarkeit des Grund und Bodens und des
Jaraus erwachsenden Monopols durch allgemeine wirtschaftliche Konjunkturen
 zu.
Die Momente, welche eine Grundrente bedingen, sind verschiedener
Al
        <pb n="285" />
        267

1. So lange noch Boden im Ueberfluß vorhanden ist, und jeder
neue Ansiedler sich beliebig nach Lage und Qualität den Boden auswählen
 kann, den er für den zweckmäßigsten hält, wird bei spärlicher
Bevölkerung der Preis des Getreides in der betreffenden Gegend
den Arbeitskosten entsprechen, die die Erzielung desselben im Durechschnitt
 beansprucht. Bildet sich in der Gegend, die abgelegen von
sonstigen Kulturcentren liegt, durch gewerbliche Ansiedler etc. eine
Stadt heraus, die größere Ansprüche an Nahrungsmitteln macht, so
wird, wie Thünen das in seinem isolierten Staate unübertrefflich gezeigt
hat, der Preis des Getreides steigen, je größer die Entfernungen sind,
aus denen das Getreide geholt werden muß, um den Bedarf der Stadt
zu decken. Denn es müssen nicht nur die Herstellungskosten gedeckt
werden, sondern auch die Transportkosten nach der Stadt, die mit der
Entfernung fortdauernd wachsen, Da nun die nächste Umgebung für ihre
Produkte natürlich denselben Preis erhält, wie die entfernter gelegenen
Gegenden, ohne die Transportkosten derselben tragen zu müssen, so erhalten
 die Grundbesitzer dieser Gegend einen Ueberschuß über die
Produktionskosten, und dieser Ueberschuß ist eben die Grundrente, die
um so mehr steigt, je mehr die Bevölkerung der Stadt anwächst, und
je weitere Strecken das Getreide transportiert werden muß. So
kann nun eine entfernt gelegene Gegend, die bisher Grundrente
nicht erlangte, auf zweierlei Weise dieselbe erreichen: entweder
durch das Steigen der Bevölkerung in der Stadt, wodurch entferntere
Orte zur Lieferung herangezogen werden mußten, was eine Preissteigerung
 zur Folge hatte, oder, indem durch Verbesserung der Kommunikationsmittel,
 sagen wir durch Bau einer Eisenbahn oder eines
Kanals, die betreffende Gegend mit weniger Kosten die Lieferung
nach der Stadt zu bewirken vermochte, ohne daß darum größere
Quantitäten in die Stadt geschafft werden konnten, sondern indem die
Verhältnisse im übrigen die gleichen blieben. Der erstere Fall trat am
Schlusse des 18, und im Beginne des 19, Jahrhunderts eklatant in England
 hervor, wo die rapide zunehmende Bevölkerung schnell größere
Anforderungen an Nahrungsmitteln machte, alsdie heimische Landwirtschaft
 zu befriedigen vermochte. Die Getreidepreise stiegen außerordentlich,
 die Landwirtschaft gewann erhebliche Grundrente, die bei
den ausgebreiteten Pachtverhältnissen in der Steigerung der Pachtsumme
klar zu Tage trat. Dadurch sahen sich Robert Malthus und David
Ricardo veranlaßt, die Vorgänge genauer zu untersuchen und auf die
Eigentümlichkeit und die Bedeutung der Grundrente aufmerksam zu
machen. Verhältnisse, welche Grundrente zu Tage treten lassen, liegen
in Bezug auf den zweiten Punkt noch jetzt in den Vereinigten Staaten
von Nordamerika vor, wo fortdauernd durch Eisenbahnen neue Territorien
 der Kultur erschlossen und zur Lieferung von Getreide auf die
großen Märkte herangezogen werden, wodurch der bis dahin fast wertlose
 Grund und Boden plötzlich einen hohen Preis erlangt. Auf Grund
dieser Beobachtung hat Henry George den Anspruch erhoben, daß
diese den Grundbesitzern durch die Arbeit anderer, resp. durch die Entwickelung
 des Landes zufallenden Rentensteigerungen und Kapitalien
eben auch der Gesamtheit durch eine der Rentensteigerung sich anpassende
 Grundsteuer zu gute kommen sollen.
Noch schärfer tritt diese Grundrente bekanntlich bei den Bauplätzen
 in den Städten und der nächsten Umgebung derselben zu Tage,
wo die Preissteigerung bei dem Aufblühen der Städte schon in kurzer

Grundrente
'nfolge der
Gunst der
Lage.

Bauplätze.
        <pb n="286" />
        "88

zicardo’s
Theorie.

Zeit gewaltige Dimensionen annimmt, und-sich je nach der Gunst der
Lage zum Markte, zum Bahnhof, zu den Hauptverkehrsadern verschieden
 gestaltet, weil die Nachfrage beständig steigt, während das
Angebot, namentlich in den besonders begünstigten Gegenden ein sehr
beschränktes ist,
2, In der gleichen Weise wie die Entfernung vom Markte wirkt
auch die Bodengüte, welche denselben Aufwand von Arbeit und Kapital
in sehr ungleicher Weise belohnt. Dieses Moment hatte Ricardo zum
Ausgangspunkt seiner Grundrententheorie genommen, indem er es für
aatürlich hielt, daß die ersten Ansiedler zuerst den ertragsfähigsten Boden
ın Angriff nehmen, und erst wenn dieser allgemein okkupiert ist und
derselbe der wachsenden Bevölkerung nicht genügt, man zu immer leichterem
 Boden seine Zuflucht nimmt, der nur dürftigere Ernten zu liefern vermag.
 Mit Recht hat dem gegenüber der Amerikaner Carey darauf aufmerksam
 gemacht, daß die ersten Ansiedler nicht den absolut ertragreichsten
 Boden zuerst beackern, sondern den, den sie mit ihren unvollkommenen
 Instrumenten und geringen Arbeitskräften am besten zu
vewältigen, und dem sie die größten Erträge abzugewinnen vermögen.
Das ist aber mehr der leichtere Boden auf der Höhe, während erst nach
stärkerer Besiedelung die Landwirte gemeinsam Entwässerungen, Deichanlagen
 etc, durchführen und damit den weit ertragsreicheren humosen
Niederungsboden der Landwirtschaft gewinnen, wie ebenso erst nach
Fortschritten der Kultur durch Hinzuziehuug von Maschinen und sonstigen
 Hilfskräiten die großen Baumriesen auf dem schwereren Lehmboden
 bewältigt werden können, und dann der ertragsreichste Boden
ler Kultur allmählich gewonnen wird. Damit ist allerdings gezeigt, daß
ler Entwickelungsgang nicht überall ein gleichartiger, sondern nach den
Verhältnissen ein verschiedener ist; die Thatsache der Ungleichheit der
Bodenqualität bleibt aber darum doch bestehen, und das Ergebnis daraus
ist, daß, weil der bessere Boden vermöge seiner chemischen und physikalischen
 Beschaffenheit bei gleichem Aufwand von Arbeit und Kapital
größere Ernten liefert, er in diesem Ueberschusse wiederum Grundvente
 erzeugt, die der leichteste Boden nicht gewinnt.
Auch hier ist die zunehmende Bevölkerung genötigt, doch schließlich
 immer ungünstigeren Boden in Angriff zu nehmen, und, wenn eine
längere Zeit eine Preissteigerung vermieden werden kann, weil der
Niederungsboden .und der schwerere Lehmboden, der eventuell erst
spätere zur Kultur herangezogen wird, an Erträgen mehr gewährt als der
leichtere Boden, so hat auch dieses seine Grenze, und schließlich muß
teils sehr dürftiger, teils entfernter Boden mit zu Hilfe genommen werden;
denn, — und das ist eine weitere wichtige Lehre Ricardos, —
schließlich verteuert sich die Produktion auf dem ursprünglich bebauten
Boden durch gesteigerten Aufwand von Arbeit und Kapital erheblich,
und es wird vorteilhafter, solchen höheren Aufwand zu unterlassen und
dafür leichteren und dürftigeren Boden in Angriff zu nehmen, als ihn
die‘ ursprünglichen Ansiedler ihren Verhältnissen entsprechend für
lohnend erachteten. Auch hier hat Carey mit Recht gezeigt, daß
vielfach ein neuer Aufwand, z. B. an Dünger, an Arbeit zur Reinigung
des Ackers, Beseitigung des Unkrautes, Vertiefung der Ackerkrume,
größere Ausgaben für besseres Saatgut eine außerordentliche Steigerung
des Ertrages herbeiführen können, so daß nicht nur die Kosten gedeckt
werden, sondern ein höherer Reinertrag gewonnen wird, als er bisher
erzielt wurde, und daß gerade der gute Boden sich für solchen Auf-
        <pb n="287" />
        269 —

wand meistens dankbarer erweist als der schlechtere. Auch hier zeigt
es sich, daß der Gang in dem wirtschaftlichen Leben nicht ein gleichmäßiger,
 sondern sehr verschiedenartiger und oft sprunghafter ist.
Aber je mehr die Kultur vorschreitet mit Zunahme der Bevölkerung
und Verallgemeinerung des Ackerbaues, um so mehr tritt die Ricardosche
 Auffassung in ihr Recht, und die Differenzierung der Bodenqualität,
 die Ungleichheit der Erträge wird immer größer, und damit
muß der bessere Boden eine Grundrente erzielen, so lange die Preise
der landwirtschaftlichen Produkte noch ausreichen, um die Produktionskosten
 auf dem dürftigen Boden zu decken, und diese Verschiedenheit
bleibt auch bestehen, wenn infolge der Bevölkerungszunahme die Preise
so weit gestiegen sind, daß auch auf dem dürftigsten Boden mehr erzielt
 wird als nur die Deckung von Arbeits- und Kapitalsaufwand.
Mit Verallgemeinerung der verbesserten Kommunikationsmittel, Verwischung
Ausbildung eines Chaussee- und Eisenbahnnetzes wird nun im Laufe der Grundder
 Zeit die Verschiedenheit der Entfernung vom Markte in der FE m
mannigfaltigsten Weise verschoben und ausgeglichen. Durch Erfahrung eatwickeund
 Wissenschaft lernt man auch die ungünstigeren Produktionsbeding- lung.
ungen durch besondere Pflanzen oder Tiere höher ausnutzen, man
denke an gewisse Gemüse, wie Spargel, Teltower Rüben, Kartoffeln,
die auch auf leichterem Boden zu kultivieren sind; an Lupinen, Seradella
 etc., an die Gründüngung, die namentlich in feuchtem Sande
Außerordentliches zu wirken vermag, an Schaf- und Ziegenhaltung auf
dürftigen Weiden. Wird dadurch bereits die Bedeutung der ländlichen
Grundrente auf höherer Kulturstufe etwas abgeschwächt, so ist dieses
in noch weit höherem Maße durch die außerordentlich großen Kapitalien
der Fall, welche jetzt in Meliorationen, Gebäuden, totem und lebendem
Inventar mit dem Boden verbunden werden und die Erträge in der
außerordentlichsten Weise steigern, so daß dagegen die Leistung der
Natur allein erheblich zurücktritt. Ferner wird durch den fortdauernden
 Besitzwechsel, wobei der gesamte Ertrag und somit auch
die Grundrente kapitalisiert den Kaufpreis bestimmt, die Steigerung
der Grundrente in ihrer volkswirtschaftlichen Wirkung außerordentlich
 verteilt und damit abgeschwächt. Es ist deshalb begreiflich,
daß man ihr in Deutschland eine praktische Bedeutung nicht mehr
zuerkennt. Unrichtig ist es aber, ihre Existenz überhaupt leugnen zu
wollen. .
Gerade in der neueren Zeit ist nun nicht ein weiterer Fortschritt,
sondern sogar ein Rückgang der Grundrente auf dem Lande in Europa
Jurch die Ermäßigung vor allem der Getreidepreise herbeigeführt, und
wenn derselbe nicht in einem stärkeren Maße in den Pacht- und Grundpreisen
 zu Tage tritt, so ist dieses eben auf den Ausgleich durch
Kapitalsaufwand zurückzuführen und auf der anderen Seite durch die
Fortschritte der praktischen Erfahrung, welche es gestatten, mit denselben
 Mitteln dem Boden höhere Erträge abzugewinnen.
Daß innerhalb größerer Perioden eine Grundrente gewonnen Statistischer
wird, läßt sich auch statistisch nachweisen, indem, wie an anderer Nachweis der
Stelle gezeigt, die Produkte der Land- und Forstwirtschaft in den Grundrente.
letzten beiden Jahrhunderten weit stärker im Preise gestiegen sind als
die Manufakte. Und wenn dieses, wie erwähnt, in den letzten Dezennien
 einer rückläufigen Bewegung Platz gemacht hat, so ist doch mit
Zuversicht anzunehmen, daß die starke Zunahme der Bevölkerung in der
kultivierten Welt dieses noch in absehbarer Zeit ausgleichen wird.
        <pb n="288" />
        DC

Das mit dem Grund und Boden in Meliorationen und Gebäuden
verbundene Kapital nimmt in dieser Hinsicht den Charakter des Grund
ınd Bodens an und partizipiert an den Veränderungen der Grundrente,
wiewohl der dadurch unmittelbar erzielte Reinertrag selbst nicht Grundrente
 ist.
Wenn durch eine Drainage der Ertrag eines Gutes um 1000 Zentner
Getreide gesteigert ist, so nimmt dieser Mehrertrag an dem Vorteil einer
Preiserhöhung des Getreides ebenso teil, wie der übrige Ertrag. Alle
Konjunkturen kommen auch jenem in dem Grund und Boden angelegten
 Kapitale zu gute. Wird auf ein Haus noch eine weitere Etage
gesetzt, und die Miete steigt allgemein um 20°%,, so auch die der
neuen Etage, wie jedes Haus teilnimmt an der Steigerung des Wertes
des Bauplatzes, ;
‚tegner der Trotz des Dargelegten sind doch bedeutende Nationalökonomen
rundrente, 4]; Gegner der Grundrententheorie aufgetreten, auch abgesehen von
ÖÜarey, dem sich der Franzose Fr6deric Bastiat anschloß, und
auf dessen Einwendungen wir bereits eingegangen sind. In Deutschland
ist es besonders Schäffle gewesen, der die Existenz einer besonderen
Grundrente leugnete, indem er den Nachweis zu führen suchte, daß
diese Rente dem Grund und Boden nicht besonders eigentümlich sei,
sondern es sich dabei allein um einen Konjunkturengewinn handele, der
auch sonst in der Volkswirtschaft häufig vorkommt. Die Kurssteigerung
 eines Papieres trage auch zur Erhöhung des Vermögens eines
Rentiers bei, ohne daß er selbst darauf einen Einfluß ausübe. Auch
ler Fabrikant habe einen Vorteil davon, wenn eine Bahn gebaut und
in seinem Wohnort eine Station errichtet werde, er könne sein Rohmaterial
 dann billiger beziehen und die Waren gegen geringere Fracht
exportieren. Auch der Kaufmann, der nun Kolonialwaren billiger aus
einer Hafenstadt beziehe, könne nun noch eine Zeit lang die alten
Preise weiter fordern und Gewinn dadurch erlangen. Ueberall bilden
3ich Monopole, welche Konjunkturengewinne ermöglichen. Dies ist vollständig
 als richtig anzuerkennen, doch liegt ein prinzipieller Unterschied
zwischen diesen Beispielen des Konjunkturengewinnes und der Grundrente
 darin, daß die ersteren Gewinne fortdauernden Schwankungen
unterworfen sind, und sie nur vereinzelte Persönlichkeiten treffen, daß bei
dem Fabrikanten und Kaufmann die Wahrscheinlichkeit vorliegt, daß,
sobald sie außergewöhnliche Gewinne erzielen, sich Konkurrenten
neben ihnen niederlassen und ihnen den Gewinn durch Preisdruck
schmälern. Der Gutsbesitzer ist gegen eine solche Konkurrenz geschützt.
 Die ganze Klasse der Grundbesitzer ist außerdem mehr oder
weniger den gleichen Konjunkturen unterworfen, die sich nur außerordentlich
 langsam als Ergebnis der ganzen Kulturentwickelung verändern.
 Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Grundrente ist daher
eine völlig andere, als die sonstiger Konjunkturengewinne. Man ist
deshalb wohl berechtigt, ihr auch in der theoretischen Behandlung in
vetreff der Verteilung des Nationalertrages eine besondere Stellung
ainzuräumen.

$ 80.
Die Kapitalrente und der Kapitalzins.
von Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik der Kapitalzinstheorien, Innsöruck
 1884,
Ders... Art. Zins im Handwörterbuch der Staatsw.
        <pb n="289" />
        Kahn, Geschichte des Zinsfußes in Deutschland. Stuttgart 1884.
Knut Wichksell, Ueber Wert, Kapital und Rente. Jena 1893.
Ders., Jahrb. für Nat.-Oekon. 1892. Bad. IV

Da das Kapital den Ertrag der menschlichen Thätigkeit, wie wir Wesen der
nachzuweisen suchen werden, über die eigene Wertverminderung hinaus Kapitalrente.
zu steigern vermag, so kann man den Teil des Reinertrages eines
Unternehmens, welcher auf die Leistung des Kapitals zurückzuführen
ist, als besondere Kapitalrente bezeichnen. Sie läßt sich nur
selten isolieren und in ihrer Höhe genau bestimmen, ist aber darum
doch nachweisbar. Wenn ein Schneider bisher in der Woche nur
einen Anzug fertigzustellen vermochte und dann durch Zuhilfenahme
einer Nähmaschine das Doppelte fertig bringt, so wird eben diese
Mehrleistung der Maschine zugeschrieben werden müssen, wenn sie
auch allerdings allein nichts leisten kann, und der Schneider in einer
anderen Weise thätig war. Wenn in einer Kattundruckerei die bisherige
 Druckmaschine durch eine Walzenmaschine, die vier verschiedene
Farben auf einmal aufträgt, ersetzt und dadurch mehr als das Dreifache
 mit derselben Arbeitskraft der Dampfmaschine und der Hilfsarbeiter
 geliefert wird, so tritt auch da ihre Leistung so klar zu Tage,
daß sich die Rente (nach Abzug der Amortisations-, Reparaturkosten etc.)
der darin angelegten Geldsumme berechnen läßt. In großen gewerblichen
 Unternehmungen, auf Landgütern, in einem kaufmännischen Geschäfte,
 wo das Zusammenwirken der drei Faktoren ein außerordentlich
 kompliziertes ist, wird dagegen eine solche Isolierung nicht genau
durchzuführen sein.
Die aufgeführten Beispiele zeigen klar, daß das Kapital zur Erzeugung
 neuer Produkte beiträgt und die Werterhöhung in der Produktion
 steigert. Damit ist allerdings noch nicht gesagt, daß auch
eine Rente erzielt wird, die dem Kapital selbst zufällt, denn die Werterhöhung
 kann sich auf den Betrag beschränken, der nötig ist, um
das aufgewendete Kapital, das sich fortdauernd abnutzt, zu ersetzen.
Von seiten der sozialistischen Richtung, insbesondere Rodbertus,
wird auch die Erzielung eines solchen Ueberschusses geleugnet, oder
in Arbeitslohn aufgelöst, da ja Kapital nichts als geronnene Arbeit
sei (Marx). Der letztere Punkt kann unbeachtet bleiben, da er für
die vorliegende Untersuchung gleichgültig ist und bei der Besprechung
des Wertes und .der Produktionsfaktoren bereits berührt wurde.
Die Begründung dafür, daß das Kapital einen Wertüberschuß
liefern kann und im Durchschnitte erzielt, ist in sehr verschiedener
Weise. zu führen gesucht, was besonders Böhm-Bawerk in der
oben erwähnten Schrift ausführlich historisch-dogmatisch zusammengestellt
 und selbst geistvoll ergänzt hat. In der neueren Zeit ist ein
leidliches Einverständnis von seiten der Autoritäten darüber erzielt.
Die originelle Theorie Böhm-Bawerks verdient aber besondere Beachtung.
 Nach ihm legt der Mensch „den gegenwärtigen Gütern einen
gewissen Vorzug vor künftigen Gütern derselben Art und Zahl“ bei
und ist daher auch geneigt, ihnen einen höheren Preis als den später
zu erwartenden zu zahlen. „Die psychologischen Gründe wurzeln
hauptsächlich in der Unsicherheit der Zukunft und in dem geringeren
Bedacht, welchen die meisten Menschen auf die Sicherstellung ihrer
künftigen Bedürfnisse nehmen; die technischen Gründe hängen hauptsächlich
 mit gewissen Verhältnissen der Produktion, namentlich damit
zusammen, daß die technisch ergiebigsten Produktionsmethoden die-
        <pb n="290" />
        jenigen sind, bei welchen man sich weitaushebende und zeitraubende
Produktionsumwege gestatten kann“, wodurch die gegenwärtigen Güter
sine höhere Bedeutung in der Produktion als die künftigen, die noch
nicht als Hilfsmittel verwendet werden können, haben. Wir vermögen
lie Argumentation nicht zu acceptieren. Der Rentier wünscht vielfach
die Rückzahlung eines sicher angelegten Kapitals gar nicht und bedingt
 sich eventuell aus, daß die Hypothek ihm vor zehn Jahren nicht
zurückgezahlt werden darf, verlangt aber doch und mit Recht einen
Zins. Das Getreide ist bekanntlich bald nach der Ernte billiger als
am Schluß des Erntejahres, und Aehnliches findet sich sehr häufig in
der Volkswirtschaft. Jene Erklärung des Zinses erscheint aber auch
in den zutreffenden Fällen sehr gekünstelt, während sie sich nach Anarkennung
 der Produktivität des Kapitals von selbst ergiebt.
Wenn der Schneider, der bei unserem Beispiele sich eine Nähmaschine
 borgt, damit in der halben Zeit einen Anzug fertig stellt,
als bisher mit der Hand, so ist ein Wertüberschuß thatsächlich vorhanden,
 denn er ist in der Lage, sich für die Herstellung des Anzuges
denselben Preis zahlen zu lassen als bisher, und thatsächlich ist zunächst
 dieser Verdienst höher, als die Abnutzung der Maschine beträgt.
 Wenn nun allmählich die Nähmaschinen allgemeiner zur Anwendung
 gelangen, so wird dieser Ueberschuß durch die Konkurrenz
allmählich mehr und mehr herabgedrückt, und thatsächlich kommt es
vor, daß er schließlich verschwindet, ja unter die Herstellungskosten fällt,
aber dies kann nur vorübergehend sein, denn dann hört die Benutzung
der Maschine auf, wie das eine Zeit lang bei den Maschinen in der Schuhfabrikation
 in Deutschland der Fall war, gegen welche die Handarbeit
aine lange Zeit die Konkurrenz erfolgreich durchführte. Dann hört
patürlich auch entsprechend die Herstellung von solchen Maschinen auf,
denn sie erfolgt nur, wenn sie mit Vorteil, d. h. unter Erzeugung
eines Wertüberschusses bewirkt werden kann, so lange irgend ein Produktionszweig
 existiert, in dem das Kapital einen Ueberschuß erzeugt;
las wird aber in jeder aufblühenden Volkswirtschaft der Fall sein.
Ueberall liegt die Möglichkeit vor, durch Unterstützung der Arbeitskraft
 durch Kapital die Leistung zu erhöhen, sei es in der Landwirtschaft
 durch Meliorationen, Erweiterung oder Verbesserung des Viehstandes
 etc., in der Fabrikation durch Beschaffung besserer Maschinen,
durch Vergrößerung des Betriebes, in dem Handel durch erweiterten
Einkauf im Großen etec., so daß überall eine größere Nachfrage nach
Kapitalien vorliegt, als Vorrat an denselben vorhanden ist. Infolgedessen
 hat der Inhaber von Kapital stets einen Vorzug vor demjenigen,
welchem dasselbe nicht zur Seite steht, und da das Kapital durch die
Uebertragbarkeit in Geld fungiblen Charakter annimmt, und leicht aus
ainer Anlage in eine andere übergehen kann, so zieht es sich dort
zurück, wo es keinen Ueberschuß erlangt, und wendet sich dort hin,
wo ein solcher zu erzielen ist, und findet nur da eine Anwendung,
Im großen Ganzen können daher die Preise der Produkte so hoch gehalten
 werden, daß sie nicht nur die Unkosten decken, d. h. den
Arbeitslohn und den Ersatz für das aufgewendete Kapital, sondern
auch noch einen Ueberschuß liefern, das ist die Kapitalsrente, Die
Hauptursache also ist in der werterzeugenden Kraft des Kapitals zu
sehen, die sowohl in den Maschinen, wie in den Fabrikgebäuden ete.,
auf der anderen Seite in der Nutzbarkeit der Gegenstände liegt wie
in Wohngebäuden ete., welche natürlich in dieser Hinsicht völlige den
        <pb n="291" />
        =. 273

gleichen Charakter haben, weil sie für den Menschen ebenso bedeutsam
sind, wie jene, und weil sie wegen der erwähnten Fungibilität des
Kapitals wirtschaftlich auf demselben Boden stehen, Der Ziegelstreicher,
 wie ebenso der Baumeister verlangen dieselbe Bezahlung, ob
ihre Thätigkeit in Anspruch genommen war, um ein Wohnhaus oder
ein Fabrikgebäude herzustellen, oder ob es sich um Arbeiterhäuser
handelt, welche der Gutsbesitzer oder Fabrikant den von ihm beschäftigten
 Leuten überläßt; und ob der Besitzer des Hauses dasselbe selbst
bewohnte oder gegen eine Miete Anderen zur Benutzung überließ, ist
für die Betrachtung der Kapitalsrente völlig gleichgültig.
Diese Kapitalsrente ist nicht zu identifizieren mit dem Kapitalszins,
 d. i. dem Aequivalent für die Gewährung eines Darlehns, oder
der Verzinsung, welche man sich selbst nach dem allgemeinen Landeszinsfuße
 für die Kapitalien aus dem Erwerbsgewinn für das selbst benutzte
 Kapital berechnet.
Die Frage der Berechtigung des Zinsnehmens glauben wir in
Vorstehendem bereits beantwortet zu haben. Wir sehen sie in der
Produktivität resp. der Nutzbarkeit des Kapitals, infolge deren naturgemäß
 Jeder, der sich selbst der Verwertung des Kapitals zu Gunsten
eines Anderen begiebt, ein Aequivalent beanspruchen kann, das eben
der Zins repräsentiert. Und der Empfänger des Darlehns kann bei
der Voraussetzung des Produktionskredites auch einen Zins zahlen, da
er durch die Unterstützung seiner Arbeitskraft durch das Darlehn
auf einen höheren Ertrag derselben rechnen kann. Aristoteles wie die
Kanoniker, welche den Konsumtionskredit im Auge hatten, konnten
allerdings das Zinsnehmen als Wucher auffassen, wie jetzt die Sozialisten,
 welche von einer Unproduktivität des Kapitals ausgehen, das
Zinsnehmen als unberechtigt ansehen müssen. Die Unhaltbarkeit dieser
Auffassung suchten wir nachzuweisen.
Der Kapitalzins muß offenbar kleiner sein, als die Rente, welche
das Kapital liefert, weil er aus dem Ertrage zu zahlen ist. Niemand
wird für ein Darlehn 4%, zahlen, wenn er nicht eine größere Einnahme
 durch dasselbe zu erlangen hofft. Der Kaufmann unterläßt
ein Geschäft, wenn der Diskont, den er zu zahlen hat, so hoch ist,
daß er den zu erwartenden Gewinn nahezu erreicht oder gar übersteigt.
 Aber auch der Zins, der für ein Darlehn gezahlt wird, läßt
sich oft in verschiedene Teile zerlegen. Außer dem Aequivalent für
die Nutzung des Kapitals enthält er noch vielfach einen Lohn für die
Arbeit des Leihgeschäftes, wie das bei dem Bankdiskont der
Wall ist, oder wo es sich sonst um eine Kreditvermittelung handelt,
Allgemeiner ist dagegen darin noch eine Risiko- oder Versicherungsprämie
 enthalten, die je nach der Gefahr eines damit verbundenen
 Kapitalsverlustes eine verschiedene Höhe hat. Stehen auf
ainem Landgute oder städtischen Hause Hypotheken eingetragen, von
denen die erste die Hälfte des Wertes umfaßt, die zweite bis zu zwei
Drittel heranreicht, die dritte noch darüber hinaus geht, so wird für
die erste vielleicht ein Zins von 3*/, %, für die zweite von 41/, %,, für
die dritte vermutlich von 6% und mehr gezahlt. Denn die Gefahr
wird immer größer, daß bei einer Zwangsversteigerung des Pfandobjektes
 nicht die volle Summe des Wertes oder selbst der verpfändeten
Summe erreicht werden kann, und damit zuerst die letzte Hypothek
ausfällt und eventuell noch ein Fehlbetrag für die zweite bleibt.
Niemand wird daher geneigt sein, dieses Risiko ohne eine ent-Conrad,
 Grundrils der polit. Oekonomie, I. Teil 4. Auf, IR

Kamitalszins.

Berechtigung
 des
Zinses.
        <pb n="292" />
        374.

sprechende Entschädigung auf sich zu nehmen. Es ist bekannt, daß
diese Risikoprämie bei Wechseldarlehn oft eine ganz exorbitante Höhe
erreicht.
Die Höhe des Zinsfußes, d. h. das Verhältnis des Zinses zum
Kapitalswerte, ist hiernach in den einzelnen Fällen des Darlehnsgeschäftes
 außerordentlich verschieden, auch in demselben Lande zur
selben Zeit. Ein prinzipieller Unterschied liegt vor, wie wir sahen,
zwischen dem Bankdiskont, also für vorübergehende Darlehn flüssiger
Gelder, und der dauernden Anlage von Kapitalien, die allein nachhaltigen
 Zinsbezug bezweckt, wie es bei Hypotheken, zinstragenden
Papieren etc. zum Ausdruck gelangt, und zwar tritt der letztere als
reiner und allgemeiner Landeszinsfuß auf, wo eine. völlige Sicherheit
vorausgesetzt wird, also eine Risikoprämie nicht in Frage kommt.
Die Höhe des Zinsfußes wird nun bedingt durch Angebot von
den betreffenden Kapitalien und Nachfrage nach denselben Das Angebot
 von Kapital hängt ab von der Wohlhabenheit des Landes und
namentlich von der Zahl der Personen, welche Kapitalien besitzen,
sie aber nicht selbst verwerten wollen. Es wird beeinträchtigt durch
den Abfluß des Kapitals in das Ausland. Die Nachfrage wird bedingt
durch die Stärke der Bevölkerung, d. i. durch die Größe der Arbeitskraft,
 welche in der Volkswirtschaft thätig ist und Hilfsmittel in Anspruch
 nimmt, Sie wird aber außerdem wesentlich bedingt durch die
Intelligenz der Bevölkerung und deren Fleiß, die sich in der Unternehmungslust,
 dem Erfindungsgeist etc. des Volkes aussprechen. Sie
ist schließlich abhängig von den vorhandenen Gaben der Natur, zu
deren Ausbeutung Kapital erforderlich ist. Wo noch weite Landstrecken
 unbenutzt sind, unterirdische Schätze zu heben bleiben, wo es
noch an Kommunikationsmitteln fehlt, wird die Nachfrage eine größere
sein, als wo bereits nach allen Richtungen sich der Unternehmungsgeist
derselben bemächtigt hat.
Abweichung Hiernach richtet sich die Höhe des Zinses keineswegs unbedingt
ler Höhe des nach der Höhe der Rente, sondern behält innerhalb derselben einen
Br erheblichen Spielraum. In England z. B. ist der Zinsfuß niedriger
Rente. als in Deutschland, die Kapitalsrente dagegen dort sicher durch den
allgemeinen Weltverkehr erheblich höher als hier. Besonders durch die
Kolonien hat in England jeder, der sein Kapital selbst verwerten will,
ausgedehnte Gelegenheit dazu und Aussicht auf reichen Ertrag, während
infolge der großen Zahl von Personen, die ihre bedeutenden Kapitalien
nicht selbst verwerten wollen, Darlehn billig sind. In Deutschland
 begnügt man sich im Durchsehnitte mit einem so geringen
Geschäftsgewinn, wie kaum in einem anderen Lande, während bei dem
geringen Wohlstande Kapitalien knapp sind, und daher der Zinsfuß
verhältnismäßig hoch ist.
Wie erwähnt, ist der Zinsfuß begrenzt durch die mit dem Kapital
 zu erlangende Rente. Die untere Grenze liegt dagegen da, wo
der Reiz der Zinsprämie nicht mehr ausreicht, um zur Kapitalsbildung
 und zur Eingehung eines Darleihgeschäftes in erweitertem
Maße anzuregen. Mit der Entwickelung der Kultur ermäßigt sich
der Zinsfuß mehr und mehr. Eine genaue Statistik darüber fehlt
allerdings, weil es schwer ist, für denselben einen angemessenen Durchschnitt
 festzustellen. Den besten Anhalt dafür hat man in dem Zins
für erste Hypotheken und ferner in dem Kurs sicherer zinstragender
Papiere. Für die ältere Zeit fehlt es indes an derartigen Angaben.

Zinsfuß.
        <pb n="293" />
        A

Immerhin läßt sich feststellen, daß z. B. noch im 13. bis 14. Jahrhundert
 in England ein Zins von 20°, nichts Außergewöhnliches gewesen
 ist; in dem 16. Jahrhundert betrug er 10 %, Anfang des 17, Jahrhunderts
 8%, in der Mitte desselben 6%, ; Anfang des 18. Jahrhunderts
5%; in der Mitte zeitweise schon 3%, der im Beginne des 19. Jahrhunderts
 wieder erheblich höher stand und dann in der neueren Zeit
unter 27/, °%, gesunken ist. In Holland war schon Anfang des
vorigen Jahrhunderts eine längere Zeit hindurch der Zins auf 214, %
herabgegangen (d’Aulnis, Jahrb. für Nationalökon. 1889 Bd. 52).
In Preußen war noch im Beginne des 19. Jahrhunderts der hypothekarische
 Zinsfuß sehr allgemein 6—7%,, für zinstragende sichere
Papiere 5%. Er ging dann Ende der dreißiger Jahre bei den letzteren
 auf unter 3%, °% herunter und war eine lange Zeit für hypothekarische
 Darlehen 5%, . Bei den Obligationen war erAnfang der neunziger
Jahre auf weniger als 3°, % gesunken, um 1899 wiederum auf gegen
4 °% zu steigen, während der Hypothekenzinsfuß zwischen 3%, und 4%
anzunehmen ist. Der Diskont dagegen, namentlich der Privatdiskont,
ist in den neunziger Jahren in Deutschland wiederholt unter 2%, in
London sogar unter 1% gesunken und steht im Durchschnitte tiefer
als der Landeszinsfuß.

Statistik,

Die folgende Tabelle giebt in den Kursen einen Anhalt zur Verfolgung
 der Entwickelung des Zinsfußes.

Die Kurse sicherer Kreditpapiere in Preußen:

Jahreszahl

1811-—2)
1821—30
1831—40
1841—50
'851—60
'861—70
1871—80
L881—90
L891—99
1891
1892
1893
1894
1895
1896
1897
1898
1899
1900
1901
April 1902

Preuß,
Staatsschuld-



317.07.

62,69
34/57
99/20
94,50
26,00
35,97
91,62
99,81
„00,34
98,49
00,05
L00,54
102,65
100,94
100,45
100,15
100,05
99/75
95,82
99.45
101.70

Ritterschaftliche

Westpreuf(s.
Pfandhbriefe

3 0

60,82
84.49
97,40
86,87
79,95
83,91
83,91
96,2
98,39
95,40
95,58
97,05
99,27
101,66
100,20
100,22
00,17
97,16
94/25
96,00
98.70

Kur- und
Neumärkische

Pfandbriefe

EUR

93,96
101,87
102,94
97,75
92/82
83,44
88,69
98/43
99,53
98,65
98,91
98/91
100,44
102/44
01.45
100,98
„00,81
98,78
95,00
97,50
100.00

Preuß.
Staatsanleihe


107

92,05
97.77

105,62
105,50
106,12
107,10
106,39
105,30
05,29
'03:61

Deutsche
Reichsanleihe

31% 1 3

107,70
98:43
99,16
100,39
10256
104,42
104,49
103/56
102,64
99.65
95,80
99,54
101.75

92,25
85.11
85,57
86,35
91,25
98,89
99.18
97,67
95,61
90,61
86,74
89,27
92.70
        <pb n="294" />
        276

In mehr zurückgebliebenen Ländern finden wir noch jetzt, selbst
bei ganz sicherer Kapitalsanlage, einen sehr viel höheren Zins, z. B.
in Rußland. Inden Ver. Staaten von Nordamerika steigt er,
je weiter man nach dem Westen geht; während er sich im Osten in
der neueren Zeit dem europäischen wesentlich genähert hat und wohl
auf 4% und darunter anzunehmen sein dürfte; in Dakota werden
für sichere Hypotheken 7°%, und mehr gezahlt, und der kaufmännische
Kredit im Westen erreicht sehr allgemein 10 °% und übersteigt ihn vielfach.
{Aus- Die verschiedenen Arten der Kapitalsanlage, wie auch die im
gleichung , Verkehre stehenden Länder streben fortdauernd nach einer Ausgleichung
EEE des Zinsfußes. Die Verschiedenheit erscheint doch wegen der hohen
Zinsfußes. | Risikoprämie, die in unkultivierten Ländern gezahlt werden muß, und
die sich bei uns außerordentlich vermindert hat, vielfach geringer als
sie in Wirklichkeit ist. Seit den vierziger Jahren hat in der ganzen
zivilisierten Welt der Eisenbahnbau enorme Kapitalien absorbiert und
zuerst eine Steigerung des Zinsfußes herbeigeführt, dann ein rapides
Sinken aufgehalten, welches der gerade durch die Bahnen stark gehobene
 Wohlstand sonst herbeigeführt haben müßte. Außerdem kam
in Betracht die weitgehende Absorption von Kapitalien durch Staatsand
 Kommunalanleihen. Die weitere Entwickelung des Zinsfußes
hängt 1. davon ab, wie weit neue Erfindungen große Kapitalsanlagen
in Anspruch nehmen, wobei namentlich die elektrischen Anlagen in
Betracht kommen, welche bereits große Anforderungen an den Kapitalsmarkt
 gemacht haben und ein Hauptgrund der Zinssteigerung in
der letzten Zeit gewesen sind. Außerdem wird für die Weiterentwickelung
 des Zinsfußes 2. entscheidend sein, ob eine allgemeinere
Reduktion der Staats- und Kommunalschulden in Aussicht genommen
wird; 3. welche Summen die Anlage im Auslande, namentlich die
Kolonisation absorbieren und schließlich 4. ob wir eine weitere Friedenszeit
 behalten oder nicht.
Ein Rückgang des Landeszinsfußes wird im Interesse der ganzen
Volkswirtschaft in hohem Maße zu wünschen sein, um den Gewinn
ohne Arbeit zu vermindern, dagegen dem Strebsamen billig die Mittel
zur Unterstützung seiner Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen, wodurch
 die Produktionskraft der Gesamtheit gefördert wird und damit
en 1 nd allgemeine Wohlstand und eine angemessenere Verteilung
esselhben.

8 81.
Die Arbeitsrente und die Arten des Arbeitslohnes.
H. Frommer, Die Gewinnbeteiligung. Leipzig 1886.
Böhmert, Die Gewinnbeteiligung. Leipzig 1878.
E. Chevalier, Les salaires au XIX Siecle, Paris 1887.
\rbeitsrente Arbeitsrente ist der Ertrag der menschlichen Arbeit, soweit er
und Lohn. sich aus dem Reinertrage eines Unternehmens feststellen 1äßt, nach
Abzug des den anderen Faktoren zufallenden Teiles. Sie tritt zu
Tage, wenn auch nicht vollständig, in dem Gehalt, welches der bei
ainer Produktion beschäftigte Beamte bezieht, wie in dem Lohne des
Arbeiters. In der gleichen Weise muß sich der selbst arbeitende
Handwerker, Gutsbesitzer, Kaufmann, Fabrikunternehmer einen Lohn
für seine Thätigkeit in Anrechnung bringen, wie er ihn einem Ersatzmanne
 geben müßte. Richtig ist es, daß der thatsächliche Ertrag
der Arbeit höher sein muß als der Lohn, welchen der Arbeiter empfängt,
        <pb n="295" />
        277

äenn ohne einen solchen Ueberschuß würde der Unternehmer den
Arbeiter nicht beschäftigen. Diese Mehrleistung fällt aber mit der
Kapitalsrente zusammen, Ebenso wie der Arbeiter ohne Kapital Höheres
nicht zu leisten vermag, so auch das Kapital nicht ohne den Arbeiter.
Die Scheidung beider Renten ist hier natürlich eine rein theoretische.
Der Arbeitslohn wie das Gehalt ist nun als die Entschädigung
für die dem Interesse eines Anderen gewidmete Arbeitskraft und für
die dadurch erzielte Leistung anzusehen.
Die Lohnzahlung kann nun in verschiedener Weise geschehen:
in Naturalien oder in Geld, sowohl nach der Zeit wie nach der
Leistung.
Der Naturallohn war in früheren Zeiten der gewöhnliche. In
dem Feudalstaate wurde auch das Gehalt höherer Beamten in Naturalien
 gewährt, sei es durch Belehnung mit Grundstücken zur ökonomischen
 Verwertung oder durch Anweisung auf gewisse Domanialerträge
 und dergl. Noch bis in die Gegenwart hat sich Naturallohn
auf dem Lande bei den Tagelöhnern erhalten, ist aber leider im
Schwinden begriffen.
Auf den größeren Gütern der östlichen Provinzen Preußens erhalten
 die sog. Instleute, welche das ganze Jahr hindurch beschäftigt
werden, den größten Teil ihres Lohnes nicht in Geld, sondern in der
Form einer Wohnung mit Garten, außerdem Ackerland, ein halb bis
dreiviertel Morgen und mehr, meistens Weide und auch Winterfutter
für eine Kuh, Brennmaterial, Anteil am Dreschertrage, oder bestimmte
Quantitäten Getreide, welche zur Deckung des Bedarfes einer Familie
ausreichen. In einer ähnlichen Weise erhält bekanntlich das Gesinde den
hauptsächlichsten Lebensunterhalt auch in den Städten in Natura, z. T.
auch noch Lehrlinge und Gesellen in Form von Wohnung und Beköstigung.
Der Vorteil des Naturallohnes liegt hauptsächlich darin, daß
die Arbeiter unabhängig von den Preisschwankungen und den wirtschaftlichen
 Konjunkturen ihren Lebensunterhalt gleichmäßig erhalten,
damit der Sorge hierfür überhoben sind, und somit für eine gleichmäßige
 Ernährung gesorgt ist.. Durch die Gelegenheit, sich Vieh zu
halten, Kühe, Schweine, Ziegen, Geflügel, sind die Arbeiter in der
Lage, mehr tierische Nahrungsmittel zu erlangen und sich dabei auch
einen erheblichen Nebenverdienst durch die häusliche Thätigkeit zu
verschaffen, Gerade hierdurch ist die Lage der ländlichen Arbeiter
in der neueren Zeit wesentlich gebessert, auch wo die Löhne in Geld
nicht höhere geworden sind. Durch Verkauf von Eiern, Hühnern,
jungen Schweinen erhalten sie einen Zuschuß, der in früheren Zeiten
30 gut wie unbekannt war. Es ist deshalb im Interesse des Arbeiters
nur zu beklagen, daß die Umwandlung der Naturallieferungen in
Geldlohn mehr und mehr um sich greift, weil sie allerdings im Inter-3sse
 des Arbeitgebers liegt, und der Arbeiter sich in Ueberschätzung
des Geldwertes und Unterschätzung der Bedeutung der Naturallieferungen
 dem gerne unterwirft,
Gegenüber dem früher allgemein üblichen Zeitlohn: Tage-,
Wochen-, Jahreslohn hat sich in der neueren Zeit mit Entwickelung
des Maschinenbetriebes mehr und mehr der Stück- oder Akkordlohn
eingebürgert, indem also der Arbeiter nach der einzelnen Leistung bezahlt
 wird. Das ist natürlich nur da durchzuführen, wo unter Ausbildung
 der Arbeitsteilung eine Kette von Arbeiten sich in eine Reihe
von KEinzelleistungen zerlegen läßt, die sich isoliert leicht messen

Naturallohn.

Akkordlohn.
        <pb n="296" />
        &amp;gt;78

lassen, während der Einzelne dieselbe '"Thätigkeit längere Zeit zu
wiederholen hat. Die Qualität der Leistung muß ferner mehr gleichmäßig
 und leicht zu kontrollieren sein. So wird in einer Maschinenbauanstalt
 der Schlosser z, B. nach der Zahl der zurechtgefeilten
Schraubenmuttern oder sonstiger bestimmter Eisenteile bezahlt; in der
Spinnerei die Arbeiterin nach der Quantität abgehaspelten oder gesponnenen
 Garns; in der Weberei nach der Meterzahl hergestellten
Zeuges etc. In solchen Gewerben, wo es sich um mehr künstlerische
Leistungen handelt, wie Holzschnitzerei, gewisse Juwelierarbeiten, dann
in der Landwirtschaft bei den meisten Arbeiten, die nicht den Tag
über den Mann beschäftigen, oder wo sich die Leistungen nicht leicht
bestimmen lassen, ist der Stücklohn nicht anwendbar. Aber immerhin
finden sich auch dort Gelegenheiten dazu, wie bei dem Dreschen,
Mähen, Kartoffelausnehmen, Rübenhacken etc.
Der Vorteil dieses Verfahrens liegt darin, daß der Arbeiter
durch sein eigenes Interesse veranlaßt wird, seine Zeit und Kräfte
auszunutzen, und daher nicht beständiger Aufsicht bedarf, und die Gesamtleistung
 dadurch erhöht wird. Der Vorteil kommt nicht nur dem
Unternehmer, sondern auch dem fleißigen und tüchtigen Arbeiter zu
gute. Als Nachteil ist zu bezeichnen, daß der Lohn nach der Quan-Mität
 leicht zur Verschlechterung der Qualität führt, und aus diesem
Grunde haben schon die alten Zünfte wiederholt die Anwendung des
Akkordlohns verboten, aus Furcht, daß dadurch die Ware verschlechtert
 werden und der Ruf der Zünfte leiden könnte, Die Arbeiter,
namentlich die Arbeitervereine bekämpfen ihn dagegen, weil sie annehmen,
 daß eine Ueberanstrengung der Arbeiter dadurch herbeigeführt
wird, und zugleich der Unternehmer eine Gelegenheit findet, den Lohn
zu kürzen, wenn durch besonders fleißige Vorarbeiter höhere Leistungen
dadurch erzielt werden. Diese Befürchtungen sind im allgemeinen übertrieben,
 wenn sie auch im einzelnen Falle berechtigt sein können,
Zur Wahrung einer guten Qualität ist der Gruppenakkord zu
empfehlen, wo nicht das einzelne Stück, sondern das von einer ganzen
Gruppe von Arbeitern gemeinsam hergestellte Werk als Maßstab des
Lohnes gilt; also ganze Maschinenteile, wie sie aus der Formerei hervorgehen;
 Armaturen aus der Metallgießerei, schließlich die ganzen
Maschinen. Der Vorteil liegt darin, daß das fertige Stück leichter
nach allen Richtungen hin geprüft werden kann, und die Zahlung erst
stattfindet, wenn alles tadellos befunden ist. Die Arbeiter haben dann
untereinander nach gewissen Normen die Verteilung zu bewirken. So
wird in der Landwirtschaft einer Anzahl Arbeiter ein Rübenstück zum
Ausnehmen, Abputzen und Einmieten der Rüben, ein Getreidestück zu
mähen und in Stiegen zu setzen, übergeben und für das ganze Feld
eine ausbedungene Summe gezahlt, Es kann hierdurch die Zahlung
besser der Gesamtleistung angepaßt werden.
Um das Interesse an der Arbeit noch in einem höheren Maße
anzuregen, hat man vielfach mit der Lohnzahlung die Gewährung von
Prämien für besondere Leistungen verbunden, sowohl in betreff der
Quantität, wie der Qualität, namentlich wo ein Gruppenakkord sich
sicht durchführen ließ, eine Prämie für jede tadellos hergestellte
Maschine; in der Landwirtschaft dem Hirten für die Zahl der aufge-Teilnehmer.
 Z0genen Tiere unter Abzug für jedes gefallene Stück. .
schaft am In noch höherem Maße wird das Interesse des Arbeiters mit dem ganzen
Reingewinn. Unternehmen durch.die Teilnehmerschaft am Reingewinn (in-
        <pb n="297" />
        7

dustrial partnership) verbunden, die darin besteht, daß entweder in der
Form eines Bonus, außer dem gewöhnlich nach Zeit oder Stückzahl gezahlten
 Lohne, am Jahresschluß dem Reinertrage des Geschäfts gemäß den
Arbeitern eine Extravergütung gewährt wird; oder daß ein Teil des
Lohnes selbst in einem Prozentsatze von dem Geschäftsgewinne berechnet
 wird, der den Arbeitern nach dem im Laufe des Jahres verdienten
 Lohne erst am Schlusse desselben ausgezahlt wird. Der Vorteil
 dieses Verfahrens liegt für den Unternehmer darin, daß die Arbeiter
jetzt nicht nur ein Interesse daran haben, möglichst viel zu leisten,
sondern auch besonders in einer solchen Weise, daß dadurch der
Reinertrag des Unternehmens möglichst gefördert wird. Ein Kohlenbergwerk
 in England, welches eine solche Einrichtung traf, beobachtete,
daß die Arbeiter nun nicht mehr bestrebt waren, nur möglichst viel
Kohle an das Tageslicht zu fördern, sondern in möglichst großen
Stücken, die besser bezahlt wurden, unter Vermeidung einer Pulverisierung
 des Restes, wodurch die Kohle am meisten entwertet wird;
daß Geräte und Maschinen mit größerer Sorgfalt vor Beschädigung
behütet und besser konserviert wurden; daß an Oel und sonstigem
Material erheblich gespart wurde, um die Unkosten möglichst zu verringern.
 Der Unternehmer hatte eben solchen Vorteil davon wie die
Arbeiter selbst.
Besonders beliebt ist dabei das Verfahren, nur die Hälfte des
Bonus auszuzahlen, die andere Hälfte aber in gemeinsamer Kasse zurückzubehalten,
 die zu gunsten der übrigen Arbeiter‘ verfällt, wenn
der Arbeiter sich etwas zu Schulden kommen läßt, entlassen werden
muß oder vor einer gewissen Zeit (5 oder selbst 10 Jahren) ohne besonderen
 Grund die Stellung aufgiebt. Es ist klar, daß dadurch die
Arbeiter an das Unternehmen gefesselt werden, besonders auch Strikes
erheblich erschwert werden. Der Vorteil liegt daher mehr auf Seiten
des Arbeitgebers als des Arbeiters. Zu einem Mißbrauch wird geradezu
die Einrichtung, wenn die Teilnahme am Reingewinn Ersatz für den
gewöhnlichen Lohn bildet, und der Betrag in Form von Aktienanteilen
 ausgezahlt wird, um die Arbeiter zu Mitaktionären zu machen,
was namentlich dann mitunter beliebt ist, wenn die Aktien unsicher
sind und an der Börse keine Liebhaber finden,
Ist die Teilnehmerschaft am Reingewinn ein Zuschuß zu dem
gewöhnlichen Lohne, so wird sich der Arbeiter unzweifelhaft besser
bei diesem Verfahren stehen, und wenn er die nötige Reife besitzt,
um seinen eigenen Vorteil richtig zu erkennen, und die Tüchtigkeit,
dem nachzustreben, wie bei jenem Beispiel des englischen Kohlenbergwerks,
 so wird eine solche Einrichtung sich als segensreich erweisen,
Der Gegensatz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wird abgeschwächt
 und das ganze Verhältnis wird sich wohlthuend entwickeln.
Es liegen eine Menge Beispiele dafür in den verschiedensten Industriezweigen
 fast aller in Betracht kommender Länder vor; auch vereinzelt
in landwirtschaftlichen Betrieben. Wo dagegen die Arbeiter die nötige
Reife nicht besitzen, wird erfahrungsgemäß die Leistung derselben
nicht gefördert, dagegen Unzufriedenheit bei ihnen erweckt, wenn sie
in ungünstigen Jahren den. gewohnten Zuschuß nicht erhalten. Ks
antsteht leicht Mißtrauen gegen die Tüchtigkeit der Leitung, ja selbst
gegen die Redlichkeit derselben. Eine günstige Wirkung ist deshalb
im allgemeinen von dieser Einrichtung nur zu erwarten, wo der
Arbeiterstand einen hohen Grad sittlicher Reife und Intelligenz besitzt.
        <pb n="298" />
        280 —

Recht des
Arbeiters
auf den
teschäftsgewinn.


Fabrik.

wo er außerdem auf Grund eines patriarchalischen Verhältnisses dem
Leiter besonderes Zutrauen entgegenbringt, und wo das Unternehmen
prosperiert. Unter solchen Verhältnissen wird daher die Einrichtung
der Teilnehmerschaft am Reingewinn durchaus am Platze und mit
Freuden zu begrüßen sein, während eine allgemeine Einführung sich
schon deshalb verbietet, weil nur besonders günstig dastehende Unternehmungen
 einen Zuschuß zu dem gewöhnlichen Lohn gewähren
können, während eine Herabdrückung des laufenden Lohnes und ein
Ersatz desselben durch die Teilnehmerschaft am Reingewinn nichts
anderes heißt, als dem Arbeiter noch in erhöhtem Maße das Geschäftsrisiko
 aufzubürden, während es vielmehr die Aufgabe sein muß,
ihm dasselbe in erweitertem Maße abzunehmen und dem Unternehmer
zuzuschieben.
Dies führt uns zu ‚der Untersuchung, ob der Arbeiter, wie cs
von sozialistischer Seite behauptet wird, einen Anspruch auf solche
Teilnahme am Geschäftsgewinne oder gar auf den ganzen Geschäftszewinn
 hat. Es wird dieses auf das Entschiedenste zu verneinen sein,
lenn der Reingewinn eines Unternehmens ist nicht das Ergebnis der
Leistung des einzelnen Arbeiters, sondern allein durch die überlegene
Schaffenskraft des Unternehmers erzielt. Dies läßt sich leicht aus
ainzelnen Beispielen ersehen. Sind in einer Stadt zwei Spinnereien
der Maschinenbauanstalten von gleicher Größe unter den gleichen
Verhältnissen thätig; sind in beiden Arbeiter von völlig gleicher
Tüchtigkeit beschäftigt, so kann doch in beiden Unternehmungen das
pekuniäre Ergebnis ein durchaus ungleiches sein. Der eine Unternehmer
 ist geschäftskundig, intelligent und gewissenhaft, er hält daher
das Unternehmen auf der Höhe der Zeit, er arbeitet mit den besten
Maschinen, bezieht stets ein gutes Rohmaterial und giebt nur tadellose
Ware an Garnen, oder nur gutgehende, solide Maschinen ab, sein
Kundenkreis wird sich daher erweitern und er kann hohe Preise
nehmen; der Reinertrag wird sich in jedem Jahre günstiger gestalten,
Der andere ist nachlässig bei dem Bezuge des Rohmaterials, die
Hilfsmittel sind veraltet, er versteht es nicht, mit den Kunden umzugehen,
 das Geschäft geht mehr und mehr zurück, er schließt mit
einem wachsenden Defizit ab, obgleich bei ihm die einzelnen Arbeiter
mit derselben Gewissenhaftigkeit ihre Aufgaben verrichtet haben. Die
Spinner und Maschinisten in der Spinnerei, die Schlosser, die Former,
die Gießer, die Modelltischler, wie die Zeichner in der Maschinenbauanstalt
 arbeiteten mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit und boten die
gleichen Leistungen, An dem Reinertrage des ersten Beispiels sind
die Arbeiter ebenso unschuldig wie an dem Defizit des letzteren. Auch
hier hat der Arbeiter seine Schuldigkeit gethan, er hat daher ein Recht
auf denselben Lohn wie in der anderen Fabrik, und es wäre ein großes
Unrecht, wenn er für die Untüchtigkeit des Unternehmers büßen müßte.
Aber gerade so unrecht wäre es, ın dem anderen Falle von ihm einen
Teil des Unternehmergewinnes zu beanspruchen, der nicht sein Verdienst,
 sondern allein der des Unternehmers ist. Weshalb sollte der
Spinner darunter leiden, wenn der Unternehmer aus falscher Spekulation,
weil er glaubte, die Preise würden steigen, die Baumwolle vorzeitig in
großen Quantitäten eingekauft hatte, während sie in einiger Zeit bedeutend
 in dem Preise sank, damit auch der des Garnes, und der
Jahresabschluß infolgedessen ein sehr ungünstiger war. Es hieße das,
den Arbeiter für etwas leiden lassen, an dem er völlig unschuldig ist,
        <pb n="299" />
        -. 981 —

Er hat in diesem Jahre genau so gearbeitet wie in dem vorigen, er
hat deshalb auch denselben Lohn zu verlangen.
Nach allem ist unter unseren Verhältnissen das moderne Lohnsystem
 nach Zeit.oder nach der einzelnen Leistung das allein Richtige.
Die Verwertung des fertigen Produktes, wie die Uebernahme der Aufträge
 ist allein Sache des Unternehmers; der Arbeiter wird nicht mit
Unrecht von der von ihm hergestellten Ware getrennt, sondern mit
vollstem Recht. Der Unternehmer hat das Risiko zu tragen, wie ihm
das Verdienst des Gesamtergebnisses des Unternehmens zukommt.
Aber, könnte man einwenden, thatsächlich hat der Arbeiter das Risiko
des Geschäftsganges in vielen Fällen mit zu tragen, z. B. wenn der
Unternehmer Bankerott macht, oder bei ungünstigen Konjunkturen die
Arbeit eingeschränkt wird. Das ist leider richtig, und man soll daran
arbeiten, den Uebelstand zu mildern, aber nicht ihn durch die Teilnehmerschaft
 am Reingewinn noch mehr zu verallgemeinern.
Genau ebenso wie in dem Fabrikbetriebe liegt die Sache aber
auch in der Landwirtschaft und bei dem Handwerk. Zwei benachbarte
 Gutsbesitzer, welche Güter von gleicher Güte, gleicher Größe und
einen gleichen Arbeiterstamm haben, können sehr verschiedene Erfolge
erzielen. Es braucht der eine nur eine falsche Fruchtfolge einzuführen,
schlechtes Saatgut zu verwenden, so können die Arbeiter noch so gut
pflügen, säen und mähen, die Ernte wird doch mangelhaft ausfallen.
Verfügt der Herr eine unrationelle Fütterung, hält er eine ungeeignete
Viehrasse, so kann auch der beste Hirte keinen guten Nachwuchs,
reichliche Milch und guten Mastzustand erzielen. Ist der Arbeiter an
die falsche Stelle gesetzt, seiner Thätigkeit eine schiefe Richtung gegeben,
 so kommt er am unrechten Ziele an, trotz seiner eigenen Gewissenhaftigkeit.
 Die Anstellung ist eben Sache des Leiters. Macht
der Schneidergeselle auch noch so sorgfältige, saubere. Arbeit, hat der
Meister falsch Maß genommen, so sitzt der Rock nicht, und der Kunde
wendet sich das nächste Mal an ein anderes Geschäft. Stößt der
Meister durch Grobheit die feineren Kunden zurück, findet er in der
Auswahl der Zeuge nicht den richtigen Geschmack, so bleiben die
zahlungsfähigsten Kunden fort, und die Einnahme ist dürftig. Nun
liegt der Einwand nahe, daß, wenn der Geselle schlecht näht, auch
das gute Maßnehmen nichts hilft; aber Sache des Meisters ist es
wieder, nur gute Naht zu acceptieren; und ist allerdings mit unbrauchbaren
 Arbeitern ein guter Geschäftsgang nicht zu erreichen, so ist
doch wieder die Auswahl der Arbeiter Sache des Unternehmers.
Wer dem Arbeiter ein Recht auf den Unternehmergewinn zuspricht,
 überschätzt die Leistung des einzelnen Arbeiters und seine
Stellung im gewerblichen Betriebe und unterschätzt dagegen die Bedeutung
 des Unternehmers.

‚andwirtschaft.


dandwerk.


8 82.
Die Lohnhöhe und Lohnregulierung.
W. Th. Thornton, Die Arbeit. 1870.
Strafsburger, Kritik der Lehre vom Arbeitslohn. .Jahrb. f. Nat.- Oekon.,
Bd. XII, S. 298, a
Brentano, Das Arbeitsverhältnis gemäß dem heutigen Recht. Leipzig 1877
Ders., Die Lehre von den Lohnsteigerungen, Jahrb. f. Nat.-Oekon., Bd. XVI
v. Böhm-Bawerk, Grundzüge der Theorie des wirtschaftlichen Güterwertes
Jahrb. f. Nat.-Oekan. N. FF. Rd. 13.
        <pb n="300" />
        289

W. Me. Donnell, A history and eriticism of the various theories of wages,
Dublin 1888.
Taussig, Wages and Capital. London 1896.
Walker, The wages question. 2, Aufl. New York u. London 1891.
Marshall, Prineiples of Economics, 3. Ed. Londen 1898.
J. Ch. Lembke, Ueber einige Bestimmungsgründe des Arbeitslohnes. Jena 1899.
v. Zwiedineck, Lohnpolitik und Lohntheorie. Leipzig 1900,
Lohn nach Die Höhe des Lohnes ist von verschiedenem Standpunkte aus
dem Opfer, zu betrachten; erstens von dem des Arbeiters, nach dem von ihm
gebrachten Opfer. Je nach der körperlichen und geistigen Anstrengung,
wie nach den damit verbundenen Unannehmlichkeiten oder besonderen
Annehmlichkeiten wird dasselbe sehr verschieden sein, wie ebenso dieselbe
 Arbeit für verschiedene Persönlichkeiten mit ungleichen Kräften,
ungleicher Bildung ein sehr verschiedenes Opfer einschließt. Die Entschädigung
 dafür wird deshalb gleichfalls eine ungleiche sein müssen.
Arbeiten schmutziger Art, wie das Reinigen der Kloaken, das Zerzupfen
 und Sortieren der Lumpen in der Papierfabrik, werden einen
höheren Lohn erheischen, als gewöhnliche Gartenarbeit für Männer,
Näharbeit für die Frauen. Gesundheitswidrige Thätigkeit in chemischen
Fabriken, Kattundruckereien, Grabenarbeiten im Herbst und Winter an
nassen Orten beanspruchen eine besondere Entschädigung für die dadurch
 zu erwartenden Nachteile. In Deutschland ist aber die Lohnabstufung
 nach der Gesundheitsgefahr noch eine ganz unzureichende,
als Folge der mangelnden Uebersicht und Erkenntnis der Verhältnisse
bei den Arbeitern. Selbst Thätigkeiten, die notorisch einen frühen
Tod herbeiführen, z. B. die Steinmetzarbeiten werden nicht viel höher
bezahlt als feinere Maurer- und Tischlerarbeit, die durchaus gesund ist.
Mehr ausgebildet ist der Einfluß besonderer Unbequemlichkeiten und
der Beschränkung persönlicher Freiheit. Der Gesindelohn ist höher als
der Tagelohn für ähnliche Arbeit und steigt in der neueren Zeit in
weit stärkerem Maße als jener, weil das Gesinde den ganzen Tag zur
Verfügung der Herrschaft sein muß, unbedingt an die Hausordnung
gebunden ist und seine Unabhängigkeit aufgiebt, während die Arbeiterin
in der Fabrik, die Schneiderin, selbst das Ladenmädchen ihre Freistunden
 haben, selbständig wohnen und unter Niemandes Kontrolle
stehen. Für die Aufgabe der Freiheit bietet die bessere Wohnung und
Kost, verhältnismäßig bessere Geldlöhnung kein ausreichendes Aequivalent
 mehr, und die Zahl der Dienstboten nimmt ab. Es ist eine
sehr viel höhere Zahlung nötig, um nur einigermaßen die nötige Zahl
heranzuziehen. Dies tritt am schärfsten in Nordamerika hervor, wo
der Unabhängigkeitssinn am meisten entwickelt ist, und deshalb die
Eingeborenen nur ganz‘ ausnahmsweise Stellungen als Dienstboten annehmen,
 Umgekehrt können Stellungen mit besonderen Annehmlichkeiten
 nur geringere Honorierung gewähren. Der juristisch gebildete
Beamte, wie der Offizier, die bei uns eine bevorzugte gesellschaftliche
Stellung einnehmen, müssen sich mit einem verhältnismäßig niedrigen
Gehalt begnügen. Wer sich der künstlerischen oder der wissenschaftlichen
 Thätigkeit hingiebt, kann im Durchschnitte auf hohe Einnahmen
nicht rechnen, wenn er nicht durch hervorragende Leistungen eine
exceptionelle Stellung erlangt und Monopolpreise. fordern kann, wie
ein hervorragender Arzt, Maler, Sänger, Er muß in der Arbeit, die
ihm zum steten Genuß wird, eine Entschädigung für den fehlenden
pekuniären Gewinn sehen. Es ist daher nicht als eine Ungerechtigkeit
zu bezeichnen, wenn geistige Arbeit, die höhere Bildungskosten er-
        <pb n="301" />
        -. 983 —

forderte, schlechter bezahlt wird, als rein physische Thätigkeit, und je
mehr der Bildungsdrang in der Bevölkerung sich entwickelt, je mehr
Personen aus der unteren Klasse sich der geistigen Schulung und
Kopfarbeit widmen, um eine bessere gesellschaftliche Stellung zu
erlangen, um so mehr muß geistige Arbeit im Wert sinken, die physische
Aagogen erhöhten Lohn erlangen, um eine Ausgleichung herbeizuühren.

Der Lohn ist ferner im Verhältnis zur Leistung zu betrachten,
also vom Standpunkt des Arbeitgebers aus. Für ihn kann ein
Lohn hoch sein, der für den Arbeiter niedrig erscheint, wenn seine
Leistungen sehr unvollkommen sind, und ebenso umgekehrt. Daher ist
es außerordentlich schwer, in einer zurückgebliebenem Gegend mit
niedrig stehender Arbeiterbevölkerung einen neuen Industriezweig groß
zu ziehen, z. B. in den östlichen Provinzen Preußens, in dem Innern
von Rußland, obgleich dort der Tagelohn außerordentlich niedrig ist.
Aber der ungeschulte Arbeiter bringt wenig zu Wege, verdirbt viel,
so daß exakte Ausführung, feineres Produkt von ihm nicht erwartet
werden kann. Um gute Maschinen, feine Weberei, zarte Muster in
der Kattundruckerei herzustellen, wird eine Zuverlässigkeit, eine Präzision
 in der Ausführung verlangt, welche in jenen Gegenden nicht zu
finden ist. Die hohen Löhne in Westfalen, in Elsaß-Lothringen sind
deshalb verhältnismäßig immer noch billiger als die niedrigen Löhne
für den polnischen und russischen Arbeiter.
Von besonderer Bedeutung ist es, die Höhe des Lohnes vom
Standpunkte des Volkswirtes im Verhältnis zum Lebensbedürfnis
 des Arbeiters entsprechend der Kulturstufe des Landes
und im Vergleich zu dem gesamten Wohlstande desselben zu betrachten.
An und für sich wird ein hoher Lohn wünschenswert sein, um dadurch
ajine Lebenshaltung zu ermöglichen, welche die körperliche Gesundheit,
die physische Leistungsfähigkeit ebenso zu fördern, wie das geistige
und sittliche Niveau zu heben vermag. Es handelt sich nicht allein
darum, eine gute Wohnung und gute Nahrung zu ermöglichen, sondern
überhaupt den Zustand der Bedürftigkeit auf ein Minimum zu beschränken.
 Nichts demoralisiert so sehr als Not und Elend, nichts
hemmt den Kulturfortschritt in dem Maße als dauernde Dürftigkeit
der großen Masse der Bevölkerung. Wo hohe Löhne in Aussicht
stehen, ist der Fleiß angeregt; die Möglichkeit, sich in die besitzende
Klasse emporzuarbeiten, vermindert den Klassengegensatz und weckt
den Selbständigkeitssinn und das Selbstbewußtsein, was jedem Reisenden
in England und in den Ver, Staaten in wohlthuender Weise auffällt.
 Außerdem fördert eine große Kaufkraft der Arbeitermasse den
ganzen volkswirtschaftlichen Betrieb und bildet die Grundlage für eine
blühende Volkswirtschaft,
Wir geben in den folgenden kleinen Tabellen eine Vergleichung
der Lohnverhältnisse in verschiedenen Ländern, wie sie Dr. E. P. C.
Gould in den Jahrb. f. Nat.-Oekon., 3. F., Bd. V, gegeben hat. Es
handelt sich dabei um Beispiele, die nur als ungefährert Anhalt zur
Vergleichung verwertet werden können.

Lohn nach
der Leistung,

Lohn im Verhältnis
 zum
Lebensbedürfnis.
        <pb n="302" />
        D84

Kohlenarbeiter.

Familien

Wohnungen


Land

5. | Größe der
85 Familie,
„N
5 | Personen

Größe de;
Wohnungen.

Zimmer

Vereinigte Staaten 508 5,3 3,9
Großbritannien . . 166 5,4 3,8
Belgien . . . .]10 6,0 3,3
Deutschland . , . | 18 7.1 3,3

| Jährliche Bareinnahmen der Familie
Verdienst des ] Andere a
Mannes Bareinnahmen #52
'Pro- 333
Betrag ' zent | SE
satz A dal

Mk,
1706,92 77,5
1506.88 76.1
1166.00 , 683
1080'04. | @58

LK,
494,28
474,12
540,20
535.92

22,5
23,9
31,7
249

Alk.
2201,20
1981,00
1706,20
ı 1565 96

Kohlenarbeiter,

Nationalitäten

Fünf amerik. Bergmannsfamilien:
Durchschnittsberechnungen , .
Fünf engl. Bergmannsfamilien:
Durchschnittsberechnungen .
Fünf belgische Bergmannsfamilien:
Durchschnittsberechnungen  ®
Fünf deutsche Bergmannsfamilien :
Durchschnittsberechnungen .

xD
Fa
San.
ME Sl
25 5%
Se Er
BE ER
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|
8
S5
58
353
ä

Jährliche Bareinnahmen

Verdienst | Andere
des Mannes Bareinnahmen Gesamt-_—_
 einnah-Pro-
 men der
zent-| Familie
satz ?

A
er

Mk, Mk.
3,8 ı 3,2 | 2055,04 2055,04
5,8 3,8 1974,60 1974,60
5,4 | 3,0 | 1337,96 | 100 1337,96
18,2 | 3,6 [1154.20| 81.1] 267,72 | 18,9 | 1421.92

Fabrikation von Stangeneisen.

Land

Verein.Staaten 623
Großbritannien[1}4
Frankreich. ‚| 40
Belgien. . .| 75
Deutschland .! 22

Familien

zZ
X

HS
BEL
E82
S
578
PC
1%
9
FH

4,8
48
58
55
60

Wohnungen


Jährliche Bareinnahmen

Durch- „Verdienst "Andere Bar- 4.9
UTC” ges Mannes einnahmen 95
schnitt. a LLLLLLL 38 ;
Zimmer- [Pro- (Pro- YO
zahl pro Betrag zent-|Betrag zent-/5 Sr
Wamilie satz gatır 7 'ZE

Miete

] Pro-Betrag
 zentsatz


5,0
42
4.0
35
1’9

Mk.
2793,96| 89,1
1755,96| 84.4
1326,48) 71.4
854,04 594
975.68 864

Mk.
342,48
324,00
532,48
583,44
153 12

Mk. | Mk,
10,9 |3136,44| 429,32
15,6 2079,96 213,08
28/6 [1858,96 123,92
40,6 |1437,48| 137.48
13.6 112880 6996

16,0
111
77
97”
&amp;amp;
        <pb n="303" />
        285

Eisenarbeiter.

Nationalitäten

Durchschnittsberechnung für
fünf amerikan., Puddler .
Durchschnittsberechnung für
fünf englische Puddler. .
Durchschnittsberechnung für
fünf französische Puddler ,
Durchschnittsberechnung für
fünf deutsche Puddler . .
Durchschnittsberechnung für
fünf belgische Puddler. .

35 8,
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Jährliche Bareinnahmen

Verdienst | Verdienst Andere
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M:ı.

Mk.

3708,80
1927,52
3,3 | 1613,80
1114,36
| 1488.88

4.4 | 8,8 | 1693,92 /87,9! 233,60 12,1!
4,214,0|1504,16 93,2 55,60 3,5]
6,6 | 2,0 | 1002,44 /90,0/ 111,92 10,0!
563.6 1234.12 82,9 254,76 17,1

54.04.

Bessemer-Roheisenfabrikation.
Verhältnis zwischen Arbeitsverdienst und Arbeitskosten.
(Maßeinheit: Eine Tonne zu 2240 Pfund fenglisch].)

uand

Vereinigte Staaten .
Großbritannien . .
Belgien. .

Täglicher Verdienst eines

&amp;lt; m
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Durchschnittlicher
 Lohn
pro Tag

uk. “Ik,
10,36 ' 8,16
632 | 484
452 | 496

5,40
3,76
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K.
6,08
2,92
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Arbeitskosten

Betrag '

Prozentsatz
der ganzen
Produktionskosten


k.
5,56 9,04
2,68 | 6,48
1.88 4.35

* 1 '
Stangeneisenfabrikation.
Verhältnis zwischen Arbeitsverdienst, Arbeitskosten und Gesamtproduktionskosten,

(Maßeinheit: Eine Tonne zu 2240 Pfund Tenglischl \

Land

Vereinigte Staaten
Großbritannien .
Frankreich . . .
Belgien, .. ;}

Täglicher Verdienst eines

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Durchschnittlicher
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Lohn pro Tay Betrag

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20,20 17,16
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6,68 | 712
6721 5.20

Mk. Mk.
9,76 13,72
5,00 12,12
3,32 | 13,52
2.50 8,70

Arbeitskosten

Prozentsatz
der ganzen
Produktions:
kosten

Gesamte
Produktionskosten


Mk.
10,57 129,76
12,44 97,40
14,67 | 92,16
8.40 96,52
        <pb n="304" />
        9286

Die obigen Angaben zeigen, wie erheblich die Lohnverhältnisse
in Deutschland hinter England und Amerika zurückgeblieben sind,
Die verhältnismäßig hohen Zahlen der deutschen Lohnsätze und die
Angaben über die Wohnungsverhältnisse zeigen, daß man es nicht
mit gewöhnlichen, sondern qualifizierten Arbeitern zu thun hat, die auf
höherer Stufe stehen, sonst würde der Unterschied noch größer sein.
Die bessere Lage der amerikanischen und englischen Arbeiter wird
noch dadurch erhöht, daß die gewöhnlichen Lebensmittel und Wohnungseinrichtungen,
 in England auch die Kleidung weit billiger sind, als
in Deutschland, wofür Gould auch Beläge liefert, welche aber noch
hinter den thatsächlichen Verhältnissen zurückbleiben. Die Wohnungen
sind in Wirklichkeit dort nicht teurer wie hier. Die Zahlen müssen
natürlich für jene Länder an Miete höhere sein, da mehr Zimmer,
bessere Ausstattung und meist ein eigenes Haus verlangt werden,
während in Deutschland die Wohnungen gewöhnlich sehr beschränkt und
lürftig sind. Der Unterschied des für die Wohnung ausgegebenen
Prozentsatzes vom Einkommen dürfte zu extrem sein. Auch in Deutschland
 wird namentlich in den größeren Städten ein erheblich höherer
Prozentsatz ‚als 6%, für die Wohnung ausgegeben. Dagegen sind in
jenen Ländern die Schwankungen in der Beschäftigung stärker, weil
die Unternehmer mit viel größerer Rücksichtslosigkeit die Thätigkeit
ainschränken und Arbeiter entlassen, sobald die Konjunkturen ungünstiger
 werden, wie in Deutschland. Ebenso werden dort ältere
Arbeiter, die lange Jahre dem Unternehmen gedient haben, ohne Bedenken
 abgestoßen, sobald ihre Arbeitskraft nachläßt, und sich selbst
überlassen, was hier doch nur ausnahmsweise vorkommt, wo außerdem
die Arbeiterversicherung ihnen einen ergänzenden Alterslohn gewährt,
den man im Auslande nicht kennt.
Lohn- Wenden wir uns aber der Untersuchung zu, wodurch überhaupt
egulierung. die Höhe des Lohnes bestimmt wird und auf welche Weise und wie
weit eine Lohnsteigerung erzielt werden kann.
Die Minimalgrenze des Lohnes der einfachen Arbeiter bildet
naturgemäß der gemeingewöhnliche Lebensunterhalt, wie er nach der
Kulturstufe und den Gewohnheiten zur Unterhaltung der Familie in
den unteren Klassen gebraucht wird. Es handelt sich hierbei nicht nur
um das zur Existenz Notwendige, sondern auch um weitergehende Bedürfnisse,
 wie sie sich als der Kulturstufe des Landes entsprechend
allmählich thatsächlich und gemeingewöhnlich eingebürgert haben. Es
braucht also nicht eine Verringerung dieses Lohnes sofort eine Hungersnot
 herbeizuführen, und doch hält der Arbeiter an diesem Minimum
mit der außerordentlichsten Zähigkeit fest. Er wechselt den Beruf,
verläßt die engere Heimat und selbst unter unseren Verhältnissen das
Vaterland, ehe er sich unter jenes Minimum herabdrücken läßt; und
die öffentliche Meinung steht ihm zur Seite, um ihn darin zu unterstützen,
 Diese durchschnittliche Lebenshaltung (standard of life) kann
deshalb mit den Produktionskosten der Waren verglichen werden.
Der Lohn unterscheidet sich aber wesentlich von dem Preise der
Ware dadurch, daß, während bei der letzteren fortdauernd mit der
Kulturentwickelung eine Senkung der Produktionskosten erstrebt und
erreicht wird, bei dem Arbeitslohn in aufblühenden Völkern eine fort-Jauernde
 Steigerung sich durchringt, auch wenn die rein wirtschaftlichen
 Verhältnisse eine besondere Veranlassung dazu nicht geben.
Die alte Schule, insbesondere Ricardo, lehrten nun, daß die Lohn-
        <pb n="305" />
        — 087 —

regulierung ebenso wie die Preisregulierung nach dem Gesetz von Angebot
 und Nachfrage vor sich gehe. Sie übersahen, daß der Träger
der Arbeitskraft, für welche der Lohn gezahlt wird, der Mensch ist,
der auf höherer Kulturstufe als solcher eine besondere Berücksichtigung
erfährt. Ist eine gewisse Lebenshaltung in dem Volksbewußtsein als
notwendig anerkannt, so tritt die öffentliche Meinung, wie angedeutet,
für die Erhaltung derselben nachdrücklich ein, und ist sie infolge einer
längeren Lohnerhöhung erreicht, so pflegt sie auch als dauernde KErrrungenschaft
 erhalten zu bleiben, Aber freilich ist die Wirkung einer
Lohnerhöhung auf jeder Kulturstufe eine andere,
Auf primitiver Stufe wirkt, wie Malthus und Ricardo annahmen,
 eine jede Erhöhung des Verdienstes (wie bei den Tieren reichlichere
 Nahrung) auf eine schnellere Vermehrung der Gattung hin,
verallgemeinert vorzeitige Ehen und fördert die Großziehung einer bedeutenden
 Kinderzahl, wodurch bei begrenzten Verhältnissen sich ein
übermäßiges Angebot von Arbeitern herausstellt. Dadurch wird der
Lohn wieder herabgedrückt bis er unter den normalen Unterhalt
gefallen ist, wo verspätete Eheschließung und erhöhte Sterblichkeit die
Zahl der Arbeiter vermindern und das Verhältnis zur Nachfrage für
sie wieder günstig gestalten. Die erwähnten englischen Autoren
glaubten, hierin ein volkswirtschaftliches Gesetz gefunden zu haben,
welches allgemein so wirke, und wenn von beiden anerkannt wurde,
daß der Arbeiter bei höherer sittlicher Reife und Enthaltsamkeit wohl
ein anderes Ergebnis herbeizuführen vermöge, so hatten sie doch
wenig Hoffnung auf einen solchen Zustand und zogen ihn nicht in
Rechnung. Der thatsächlich gezahlte oder der Marktlohn oscilliere
um den natürlichen Lohn, der nach Ricardo der zum Leben zulängliche
 und notwendige Lohn ist. Ferdinand Lassalle knüpfte
an diese Lehre an und verkündete in seinem „Offenen Antwortschreiben
an den deutschen Arbeiterverein“ in.Leipzig das sogenannte „eherne
Lohngesetz“ Ricardo’s, wonach der Arbeiter in dem Zustande wirtschaftlicher
 Freiheit sich aus oben angegebenen Gründen niemals zu
einem Lohn emporarbeiten könne, der über das Maß hinausgehe, das
nötig ist, um die dürftige Fristung des Lebens zu ermöglichen. Eine
lange Zeit bildete dieses eherne Lohngesetz in der deutschen Sozialdemokratie
 ein Hauptagitationsmittel, bis in den letzten Jahren die
Führer selbst die Unhaltbarkeit erkannten und es über Bord warfen.
Sie hatten genügend wahrgenommen, daß in der Gegenwart eine
Lohnerhöhung keineswegs nur zur Volksvermehrung führe, sondern bei
nachhaltiger Wirkung zur Erhöhung der gesamten Lebenshaltung beitrage.
 Wenn die gewaltige Lohnsteigerung von 1871—73 zunächst
vielfach "Trägheit, Leichtsinn und Genußsucht förderte, öfters zunächst
ein, zwei Wochentage gefeiert wurde, weil der Verdienst von vier
Tagen zum Leben ausreichte, so blieb das doch Ausnahme. Die
große Masse gewöhnte sich daran, sich besser zu kleiden, die Wohnung
behaglicher einzurichten, und hat von dieser (jewohnheit nicht mehr
abgelassen. Als daher Ende der siebziger Jahre das Verhältnis von
Angebot und Nachfrage sich erheblich zu Ungunsten der Arbeiter verschob,
 hat nur bei den ungelernten Arbeitern eine erheblichere Reduktion
 des Lohnes stattgefunden und auch da nicht auf das frühere
Niveau herunter. Jede folgende günstige Konjunktur brachte aber
einen weiteren Fortschritt in den Lohnverhältnissen, wovon der größte
Teil sich nachhaltig erwies. So hat. sich‘ die Lage der arbeitenden

Ehernes
L;ohngesetz.
        <pb n="306" />
        um 988 —

Klassen in den letzten drei Dezennien mehr gebessert als im Laufe
von zwei Jahrhunderten vorher.
Eine Grenze des Lohnes ist nach der anderen Seite in der Leistung
des Arbeiters zu sehen. H. von Thünen und die Wiener Schule
halten nun überhaupt die Produktivität des letzten Arbeiters, der
noch zur Thätigkeit herangezogen wird, für entscheidend für die Lohnhöhe.
 Ein Fabrikant wird allerdings so lange noch weitere Arbeiter
anstellen, als dieselben über ihren Lohn hinaus Werte zu produzieren
vermögen. Er wird einen höheren Lohn nicht zahlen, als diese zuletzt
herangezogenen Arbeiter an Werten schaffen. Man weiß aber, daß
der Fabrikant vielfach in der Lage ist, auch bei sehr hohem Verdienst
den Lohn nicht zu erhöhen. Man wird daher in der Leistung des
Arbeiters nur nach einer Seite hin eine Grenze zu sehen haben.
Die zweite Voraussetzung der Ricardo-Lassalleschen Lehre
ist die naturgesetzliche Wirkung einer jeden Verschiebung des Verhältnisses
 von Angebot und Nachfrage auf den Lohn, wie er bei den
Warenpreisen oben erörtert ist. Es unterliegt keinem Zweifel, daß
auch der Lohn dadurch in weitgehendem Maße beeinflußt wird. Zur
Erntezeit sind die Löhne auf dem Lande höher als im Winter. Sie
steigen infolge eines Aufschwunges der Industrie, sie haben jedenfalls
die Neigung zum Sinken zur Zeit einer wirtschaftlichen Depression.
Aber schon das oben angeführte Beispiel der Lohnentwickelung während
 der siebziger Jahre zeigt, daß durchgreifende und bedeutsame
Abweichungen hiervon vorkommen, Der Arbeitgeber ist nicht in der
Lage, rücksichtslos seine Macht zu verwerten und bei dem Vorhandensein
 einer großen Zahl Arbeitsloser den Lohn entsprechend herabzudrücken,
 Er unterläßt dieses oft aus Menschlichkeit, noch öfter, weil
er sich sagt, daß er die Achtung seiner Nebenmenschen durch rücksichtslose
 Ausbeutung seiner Macht einbüßen und in Zeiten der
Arbeiternot nicht die entsprechende Zahl von Arbeitern finden würde,
aus Scheu derselben, früher oder später seiner Rücksichtslosigkeit zu
verfallen. Daher auch die fast allgemeine Erscheinung, daß selbst
bei Entlassung einer großen Zahl von Arbeitern aus einer Fabrik sehr
allgemein die noch weiter Beschäftigten den alten Lohn erhalten und
kein Versuch gemacht wird, denselben herabzudrücken. Der Usus spielt
hier eine außerordentlich große Rolle. Sowohl zwischen einzelnen Ländern,
 wie zwischen den verschiedenen Geschäftsbranchen herrscht hier
gine große Ungleichheit. Eine rücksichtslose Entlassung der im Momente
nicht gebrauchten Arbeiter, wie eine Herabsetzung der Löhne in Zeiten
ungünstiger Konjunkturen ist, wie erwähnt, in England und den Ver,
Staaten Nordamerikas sehr viel allgemeiner als in Deutschland.
 Die Löhne schwanken weit mehr in der Hausindustrie als in
dem Fabrikbetriebe, auf dem Lande mehr im Sommer als im Winter.
Einen wesentlichen Einfluß hierauf übt naturgemäß die Organisation
der Arbeiter aus und die Ausbreitung der Arbeiterbewegung unter der
Beteiligung der öffentlichen Meinung, einmal, weil dadurch das Verhältnis
 von Angebot und Nachfrage in hohem Maße beeinflußt werden
kann, dann aber durch die größere Wirkung des moralischen Drucks.
In England und Amerika, wo die Löhne überhaupt weit höher
sind, daher auch eine Lohnermäßigung noch nicht zur Not der Arbeiter
führt, ist trotz der besseren und verbreiteteren Organisation der Arbeiter
immer noch eine Lohnherabsetzung leichter durchzuführen als in Deutschland,
 wo immer allgemeiner von der öffentlichen Meinung eine Besse-
        <pb n="307" />
        — 9289 —

rung der Lohnverhältnisse als wünschenswert, ja notwendig anerkannt
wird. Diese Imponderabilien bei der Lohnregulierung hat die alte
Schule gänzlich unberücksichtigt gelassen, Sie haben allerdings auch
erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine höhere Bedeutung
 gewonnen und werden hoffentlich in diesem Jahrhundert noch
wesentlich an Einfluß gewinnen.
Karl Marx stellt die Behauptung auf, daß in dem Zustande
wirtschaftlicher Freiheit eine Besserung der Lage der arbeitenden
Klassen nicht zu erwarten sei, sondern vielmehr eine wachsende Verelendung
 derselben sich mit Notwendigkeit entwickeln müsse, weil sich
stets eine bedeutende ‚Reservearmee‘“ beschäftigungsloser Arbeiter in
den Kulturländern erhalte, die fortdauernd geneigt sei, für billigen
Lohn Arbeit zu übernehmen und ein überwiegendes Angebot herstelle,
 wodurch ein permanenter Druck auf den Lohn ausgeübt werde.
Die Annahme einer solchen beständigen Reservearmee ist aber, wie
so Vieles bei Marx, eine willkürliche und noch mehr in der
ihr beigelegten Bedeutung eine willkürliche Schlußfolgerung. Wird
auch die Statistik stets eine Anzahl Arbeitsloser nachweisen, so betreffen
 diese doch nicht alle Geschäftsbranchen und bilden im großen
Durchschnitt ein Angebot durchaus unterwertiger Qualität, sobald nicht
eine Ausnahmslage durch eine wirtschaftliche Depression vorliegt. Auch
in Zeiten des Arbeitermangels finden sich stets Arbeitslose teils wegen
körperlicher Unzulänglichkeit, teils wegen Untüchtigkeit und besonders
Arbeitsscheu. Die Konkurrenz dieser Elemente ist daher an und für
sich von geringer Bedeutung, und im Zusammenhange mit dem vorhin
Ausgeführten verschwindet ıhr durchschnittlicher Einfluß völlig.
Wir haben schließlich noch die sogenannte Lohnfondstheorie
zu erwähnen, welche hauptsächlich und zuletzt von John Stuart
Mill vertreten wurde. Sie besteht in der Auffassung, daß der Lohn
der Arbeiter aus dem Kapitale des Unternehmers gezahlt werde, und
hierzu aus dem Nationalertrage wiederum dem Unternehmer nur ein
bestimmter Teil zur Verfügung stehe, sodaß die Zahl der vorhandenen
Arbeiter sich darin zu teilen habe. Je größer die Zahl und damit
der Divisor, um so kleiner sei der Anteil des Einzelnen, um so niedriger
 der Lohn. Die Zahl der Arbeiter sei deshalb allein entscheidend
 für die Lohnhöhe. Mit vollem Recht ist dagegen eingewendet
und jetzt allgemein anerkannt, daß ein solcher in seiner Höhe beschränkter
 Lohnfonds nicht existiert, und ferner der Arbeiter durch seine
Thätigkeit fortdauernd neue Werte schafft, die zwar nicht immer, und
in dem Fabrikbetriebe wie in der Hausindustrie immer seltener, unmittelbar
 zur Konsumtion reif sind, aber doch zum großen Teile dem
Unternehmer fortdauernd einen Kapitalzuwachs gewähren. So schießt
der Unternehmer allerdings den Arbeitern im allgemeinen nicht unerhebliche
 Summen vor, von denen sie leben, während sie neue Werte
schaffen, bis dieselben im Verkehre umgesetzt werden können, aber
es wird nicht von ihm verlangt, den ganzen Lohn allein und aus
seinen vorrätigen Fonds zu zahlen, weil die fortlaufenden Produkte der
Arbeitsthätigkeit ihm nach kurzer Zeit die Auslagen heimzahlen und
je nach diesen Leistungen, die, wie wir sahen, keineswegs auf den
Arbeiter allein zurückzuführen sind, sondern auch auf das Kapital und
den Unternehmer, wird der Lohnfonds permanent gespeist und verändert,
 Es ist also nicht der bereits vorher bestehende Fonds maBgebend
 für den Lohn, der gezahlt werden kann, sondern er wird durch
Conrad. Grundrilfs der nolit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl. 19

KReservearmee.


Lohnfondstheorie.
        <pb n="308" />
        290 —

die fortdauernden Leistungen der Nationalarbeit selbst bestimmt, und
kann deshalb die erheblichsten Erweiterungen erfahren.
Eine Erhöhung des Lohnes kann aber auch bei stark zunehmender
Bevölkerung aus anderen Gründen erreicht werden, also eine erhebliche
 Steigerung des Angebotes von Arbeitskräften kann durch andere
Momente in der Wirkung auf die Lohnhöhe abgeschwächt und ausgeglichen
 werden.
Neue Arbeitsgelegenheit ist auf zweierlei Weise zu gewinnen;
einmal durch die Steigerung der Lebensansprüche der eigenen
Bevölkerung, und hier ist eine Grenze überhaupt nicht abzusehen,
Schon eine geringe Verbesserung in der Kleidung, z. B. des Schuhzeuges
 der unteren Klassen, in der Ausstattung der Wohnung, durch
Polstermöbel, Gardinen, Uhren etc., verlangt erheblichen Aufwand an
Arbeit. In zweiter Linie steht die Arbeit für den Export, um
vom Auslande eine höhere Bezahlung für die Waren zu erhalten als sie im
Inlande zu erwarten steht. Auch hier ist eine außerordentliche Ausdehnung
 möglich, wie vor allen Dingen England zeigt, dem Deutschland
 in der neueren Zeit energisch nacheifert.
Die Hebung der Lebensansprüche allein wird aber noch nicht
imstande sein, die entsprechende Hebung der Beschäftigung herbeizuführen,
 sondern es muß damit Hand in Hand auch eine Steigerung
der Kaufkraft der Bevölkerung gehen. Diese wird zur Voraussetzung
eine Hebung der Leistungsfähigkeit der Arbeiterbevölkerung im weiteren
Sinne des Worts haben. Dieses wiederum kann herbeigeführt werden
durch Heranziehung von mehr Kapital und durch Hebung der Intelligenz,
 wie durch Erfindung neuer Maschinen, durch welche die Arbeitskraft
 des Einzelnen gehoben wird. Fehlt es so nicht an Nachfrage nach
Arbeitsprodukten und werden auf der anderen Seite im Vergleich zur
Bevölkerung mehr Güter geschaffen, so ist es auch möglich, größeren
Ansprüchen Genüge zu thun und die Arbeitsleistung besser zu bezahlen.
Gerade dieses Moment der Erweiterung von Arbeitsgelegenheit, welches
in der Neuzeit gewaltig in den Vordergrund getreten ist, ignorierten
Ricardo wie Lassalle völlig, Dadurch wird aber das eherne
Lohngesetz völlig aus den Fugen gehoben.
Hiermit ist nun zunächst nur die Möglichkeit geboten, durch Steigerung
 des Ertrages der Nationalarbeit den Lohn zu erhöhen, aber noch
nicht gesagt, daß sich eine solche Erhöhung auch wirklich vollziehen muß.
Die Thatsache ist nicht zu bestreiten, daß noch in der ersten Hälfte
dieses Jahrhunderts die Löhne nicht höher, wahrscheinlich niedriger
gewesen sind, wenigstens unter Berücksichtigung ihrer Kaufkraft, als
vor dem dreißigjährigen Kriege, und daß sie 100 Jahre hindurch fast
völlig stationär geblieben waren. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
 haben in Deutschland sicher die Unternehmer einen überwiegenden
 Anteil an dem Nationalertrage gewonnen, wie in’ England
in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und in den ersten
Dezennien des letzten, ohne dem Arbeiter einen entsprechenden Anteil
zu gewähren. Von dem gewaltigen Aufschwunge, den die Landwirtschaft
 von den dreißiger bis in die siebziger Jahre des letzten Jahr-Lohn-
 hunderts genommen hat, bezog der Arbeiter nur verhältnismäßig
&amp;gt;rhöhung auf geringen Vorteil. Das nachzuholen war den letzten 50 Jahren vor-Men
 pr behalten, und sie haben es nachdrücklichst gethan.
duktions. Da der Ertrag der nationalen Arbeit in Grundrente, Kapitalfaktoren.
 rente, Arbeitsrente, von der sich wiederum der Arbeitslohn aus-
        <pb n="309" />
        901

scheidet, und Unternehmergewinn zerlegt wird, so kann der Arbeitslohn
 auf Kosten jener erhöht werden, und wir führten bereits aus, daß
namentlich auf Kosten der Kapitalsrente und vor allem des Kapitalzinses,
 etwa auch auf Kosten der landwirtschaftlichen Grundrente,
thatsächlich der Arbeitslohn in den letzten Dezennien gestiegen ist.
Eine solche Verschiebung ist also nicht nur möglich, sondern durch die
neueren "Thatsachen erwiesen.
Welches waren nun die Elemente, welche hierauf den entsprechenden
 Druck ausübten? Wenn wir auch dieses erst ausführlicher
 in der Volkswirtschaftspolitik darzulegen haben, so erscheint es
doch am Platze, wenigstens mit kurzen Worten darauf Antwort zu erteilen.
Es war vor allem die Arbeiterbewegung auf Grund der Koaliäonen,
 begünstigt natürlich durch den hohen Aufschwung von Handel
und Industrie infolge der Verbesserung der Kommunikationsmittel, der
Erfindungen etc., wodurch die Lohnentwicklung günstig beeinflußt wurde.
Die reichlichere Arbeitsgelegenheit allein würde nicht hierzu ausgereicht
haben, wie England seinerzeit bewiesen hat. Erst die Weckung des
Selbstbewußtseins der Arbeiterbevölkerung zur geschlossenen Vertretung
ihrer Interessen, sowie die Hebung der Intelligenz und Reife derselben
haben das Ergebnis geliefert, und werden in den folgenden Dezennien
noch in der gleichen Richtung wirken. Der Staat hat seinerseits vor
allem durch die Arbeiterschutzgesetzgebung mit dazu beigetragen,
speziell durch die Versicherungsgesetzgebung, welche unmittelbar den
Arbeitgeber zwang, höhere Summen zu Gunsten des. Arbeiters auszugeben.
 Ebenso zwang die Fabrikgesetzgebung die Unternehmer im
[nteresse des Arbeiters Anlagen zu machen, um seine Gesundheit
zu schützen, sich mit kürzerer Arbeitszeit zu begnügen, die Kinderarbeit
zu reduzieren, welches indirekt zu einer Lohnerhöhung beitragen mußte.
Die Thatsachen haben mithin in der neueren Zeit unzweifelhaft
dargethan, daß unsere ganze Kulturentwickelung der Arbeiterklasse
zünstig ist, und die Arbeitsrente in erheblicherem Maße gestiegen ist
als die Kapitals- und die ländliche Grundrente, Die Gegenwart liefert
fortdauernd den Beweis, daß die menschliche Arbeitskraft nicht rein
mechanisch, — naturgesetzlich — nach dem Verhältnis von Angebot
und Nachfrage bestimmt wird, sondern soziale Momente mitwirken,
die je nach der Kulturstufe einen sehr verschiedenen Einfluß ausüben.

8 83,
Der Unternehmergewinn.
Pierstorff, Der Unternehmergewinn, Göttingen 1876.
Wirminghaus, Das Unternehmen, der Unternehmergewinn ete, Jena 1886,
Mataja, Der Unternehmergewinn. Wien 1884.
4. Grofs, Der Unternehmergewinn. Wien 1884.
Walker, Franz Amasa, The source of business profits, New York 1887.
Wir haben bisher die drei Renten in ihrer Eigentümlichkeit erörtert,
 wie sie aus der volkswirtschaftlichen Arbeit hervorgehen und
sich aus den meisten Einzelwirtschaften ergeben. Diejenigen Einzelwirtschaften,
 welche nun die Produktion für fremden Bedarf auf eigene
Rechnung und Gefahr behufs Erzielung von Gewinn durchführen,
nennen wir „Unternehmen“, wobei der Sprachgebrauch die Hinzuziehung Untereiner
 größeren Zahl unselbständiger Arbeiter und eines erheblicheren nehmen und
Kapitals voraussetzt. Es ist indessen hervorzuheben, daß die wirt- Unterschaftliche
 Natur solcher Einzelwirtschaften dieselbe bleibt, ob sie in Cchmer.
19*
        <pb n="310" />
        — 292 —

Unteraehmer-



Unternehmer-

 als
Kapitalsrente.


größerem oder kleinerem Maßstab durchgeführt werden. Der Leiter
eines solchen Unternehmens, der die Durchführung des Betriebes bestimmt
 und das damit verbundene Risiko trägt, ist der „Unternehmer“,
Seine Stellung in der Volkswirtschaft, seine Bedeutung für die gesamte
Produktion wird sehr allgemein nicht genügend gewürdigt und vor
allem von der sozialistischen Richtung verkannt und unterschätzt. Die
Wissenschaft dagegen hat sie seit lange richtig beurteilt und durch die
Anerkennung eines besonderen Unternehmergewinnes, der außer der
Grundrente, dem Kapitalzius und der Arbeiterlohn einen selbständigen
Teil des Nationalertrages wie des Volkseinkommens ausmacht, zum
speziellen Ausdruck gebracht. Doch ist die Stellung in der einzelnen
Wirtschaft und gegenüber den Renten verschieden aufgefaßt und nicht
mmer genügend klar gelegt.
Als Unternehmergewinn ist nach dem Gesagten aufzufassen,
was von dem Reinertrage übrig bleibt, wenn die Verzinsung des in
lem Unternehmen thätigen Kapitales, gleichviel, ob es dem Unternehmer
 selbst angehört oder nicht, und der Arbeitslohn, den sich der
Unternehmer bei etwaiger eigener Thätigkeit anrechnen muß, abgezogen
wird. Er bildet daher nur einen Teil des Unternehmereinkommens,
 welches die letzterwähnten Bezüge mit umfaßt, so weit sie
dem Unternehmer verbleiben und nicht für Darlehen abzugeben sind.
Solch ein Unternehmergewinn wird keineswegs von allen Unternehmungen
 erzielt, vielmehr gewähren die meisten nur eine angemessene
 Verzinsung des Kapitales und einen Arbeitslohn. Auch wo in
einzelnen Jahren Ueberschüsse erzielt sind, werden sie durch Verluste
in anderen absorbiert, sodaß im Durchschnitt ein Zuschuß nicht verbleibt;
 ein solcher wird vielmehr nur durch außergewöhnliche
Leistungen erzielt, während im allgemeinen die Konkurrenz den Geschäftsgewinn
 derartig herabdrückt, daß er allein für jene Renten ausreicht.
 Nur wenn der Unternehmer durch besondere Intelligenz und
Tüchtigkeit sich über den Durchschnitt erhebt, wenn er ev. durch
Erfindungen billiger und besser arbeitet als andere, wenn er in der
Lage ist, Monopolpreise zu erlangen oder außergewöhnliche Ersparnisse
 an den Produktionskosten zu machen, wenn er durch Anwendung
größerer Kapitalien, Ausbildung des Großbetriebes etc, höheren Gewinn
zu machen vermag als seine Konkurrenten, bleibt ihm ein Ueberschuß,
und diesen nennen wir Unternehmergewinn. Er kann nicht ausbedungen
werden und steht darin dem Zins und dem Arbeitslohn gegenüber.
Der Unternehmergewinn muß nun als eine Zusammensetzung aus
den drei Renten, oder den beiden letzteren, wie wir sie gewöhnlich
anführten, der Arbeits- und Kapitalsrente aufgefaßt werden, indem der
Unternehmer das Kapital und die Arbeitskräfte zu höherer Verwertung
bringt. Man hat ihn sogar vielfach gar nicht besonders ausscheiden
and ihm keine selbständige Stellung einräumen wollen. Einzelne Vertreter
 fassen ihn allein als Kapitalrente auf, wie in der neueren Zeit
Schäffle, Pierstorff, während Andere, wie z. B. Roscher, ihn
wieder als einen Teil der Arbeitsrente betrachten. Beide Richtungen
scheinen uns etwas zu weit zu gehen. Die erstere stützt sich auf das
Beispiel der Aktiengesellschaften, wo allerdings der Unternehmergewinn
anscheinend ganz auf die Leistung des Kapitals zurückzuführen ist,
und die Aktionäre allein Kapital beisteuern und auf die Leitung
des Unternehmens vielfach gar keinen, oder doch nur einen indirekten
 Einfluß auszuüben pflegen, eine Arbeitsleistung also entweder
        <pb n="311" />
        ——_ 0903 —

yar nicht vorliegt oder nur verschwindend ist. Ist in einem solchen
Falle doch von einem besonderen Unternehmergewinne zu sprechen ?
Mit Recht hat man darauf hingewiesen, daß die Leistung der Aktionäre
 vor allem in der Uebernahme des Risikos liegt, wofür über den
Zins hinaus eine Entschädigung berechtigt sei. Wo nun die Aktiengesellschaft
 Hervorragendes leistet, wird aber die Thätigkeit der ersten
Aktionäre, d. h. der Gründer ins Gewicht fallen, welche in dem richtigen
 Momente die Initiative zur Bildung der Gesellschaft ergriffen
und ihr die rechte Richtung gaben. Die Leistung wird von den
Aktionären fortgesetzt durch die richtige Auswahl der leitenden Kräfte
und durch sonstige durchgreifende Maßregeln, welche für das Gedeihen
des Unternehmens von Bedeutung sind. Mag diese Einwirkung auch nicht
viel Zeit und Kräfte in Anspruch nehmen, so gehört sie immerhin
zur Arbeitsleistung und der daraus ersprießende Gewinn ist Arbeitsrente.
Auf der anderen Seite giebt es Unternehmungen, bei denen das
Kapital eine durchaus untergeordnete Rolle spielt. Man braucht nur
an ein großes Dienstmanninstitut oder an eine Privatschule zu denken,
wo es sich in der Hauptsache um die unter der Leitung des Dirigenten
 stehenden Personen unter Hinzuziehung ev. ganz unbedeutender
Summen handelt und doch infolge der Tüchtigkeit des Leiters große
Gewinne erzielt werden können.
Aus dem angeführten Beispiele geht hervor, daß trotz des
Gegensatzes der angeführten Unternehmungen sich doch als gemeinschaftlich
 ergiebt, daß ein jeder Ueberschuß, welchen der oder die
Unternehmer erlangen, sich aus Kapital- und Arbeitsrente zusammenzetzt.
 Wir haben es nicht etwa mit einer vierten Art der Rente zu
thun, sondern ein Teil der früher behandelten ist bei dem ‚Einkommen
als ein besonderer Teil eigener Art auszusondern und dem Kapitalzins
 wie dem Arbeitslohne gegenüberzustellen.
Daß derselbe im großen Ganzen seine unbedingte Berechtigung
hat, geht aus dem früher Gesagten genugsam hervor. Wenn ein Krupp
durch seinen Gußstahl, Gruson durch seinen Hartguß die Leistungen
ihrer Maschinenbauanstalten zu exceptioneller Blüte brachten, und nicht
in der Form eines einfachen Kapitalzinses oder Arbeitslohnes, sondern
durch weit darüber hinausgehende Einnahmen große Vermögen erlangten,
 so haben sie doch für die Gesamtheit durch die Erfindungen,
wie dann durch die Leitung in ihren Fabriken unendlich mehr geaützt
 und zur Steigerung des Gesamtwohlstandes beigetragen, als die
ihnen persönlich zugefallenen Summen betragen. Diese Summen sind
allein durch ihre persönliche Leistung geschaffen, Ohne sie würden
zie überhaupt nicht vorhanden sein. Es hat daher Niemand sonst
darauf Anspruch. In ähnlicher, wenn auch sehr viel unbedeutenderer
Weise schaffen die übrigen Unternehmer bis zum Handwerksmeister
herunter einen Unternehmergewinn, sobald sie durch ihre überlegene
Tüchtigkeit höhere Erträge erzielen als der Durchschnitt. Natürlich
kann die überlegene Leistung, wie schon oben angedeutet, auch durch
besonderen Großbetrieb mit Heranziehung größerer Kapitalien erreicht
 werden, als sie den Konkurrenten zur Seite standen, aber auch
dies ist ein Verdienst des Unternehmers, Das Maßgebende bleibt,
daß mehr erreicht wird als von dem Durchschnitt der Unternehmungen
und mehr, als für Kapitalzins und Arbeitslohn anzurechnen ist, und
zwar durch das persönliche Eintreten des oder der Unternehmer.

Unternehmer-

 als
Arbeitsrente,
        <pb n="312" />
        Abschnitt II.

Die Geschichte der Nationalökonomie.

Einleitung.

Kisenhart, Geschichte der Nationalökonomik, 2. Aufl, Jena 1891.
Ingram, John Kells, Geschichte der Volkswirtschaftslehre. Tübingen 1890,
Bruno Hildebrand, Die Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft, Frankfurt
 a, M. 1847.
Ad. Held, Zwei Bücher zur sozialen Geschichte Englands. Leipzig 1881,
an Wilh. Roscher, Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland. München
Kautz, Geschichte der Nationalökonomik. Wien 1861.
du Mesnil-Marigny, Histoire de l&amp;amp;conomie politigue. Paris 1871.
G&amp;amp;. Schmoller, Zur Litteraturgeschichte der Staats- und Sozialwissenschaften.
Leipzig 1888.
4. Oncken, Geschichte der politischen Oekonomie, Bd. I. Leipzig 1901
Die Geschichte der politischen Oekonomie ist zweckmäßiger
Weise nicht als eine Einleitung in die Wissenschaft zu behandeln,
sondern als eine Ergänzung zu dem Studium der thatsächlichen Verhältnisse
 und des gegenwärtigen Standes der Wissenschaft. Sie soll
einen allgemeinen Ueberblick über die Entwickelung der wirtschaftlichen
 Anschauungen in den verschiedenen Zeiten gewähren und wird
richtiger verstanden und auf Grund der Kenntnis des wirtschaftlichen
Lebens und einer Beherrschung der Errungenschaften der modernen
Wissenschaft kritisch besser aufgenommen werden. KEin solcher Ueberblick
 wird einmal das Verständnis für das Gewordene durch die
genaue Verfolgung dessen verschärfen, wie und warum es so geworden
ist, es werden dann auch die falschen Anschauungen der Gegenwart
in historischer Beleuchtung eine nachsichtigere und richtigere Würdigung
erfahren,
Die wissenschaftliche Beurteilung der wirtschaftlichen Vorgänge
wird naturgemäß nur auf Grund der Kenntnis der thatsächlichen Verhältnisse
 richtig verstanden werden können, aus denen sie erwachsen
sind. Die Geschichte der Nationalökonomie wird daher unmöglich von
der Geschichte der Entwickelung der Volkswirtschaft selbst völlig getrennt
 werden können. Vielmehr ist es die Aufgabe nachzuweisen,
wie die Anschauungen der verschiedenen Zeiten durch die Verhältnisse
bedingt waren; denn die Wissenschaft ist schließlich nichts anderes,
als die systematische Zusammenfassung der Wahrheiten, welche die
Zeit aus der wirtschaftlichen Erfahrung gewonnen zu haben glaubt,
        <pb n="313" />
        295

8 84.
Das klassische Altertum.
Ed. Meyer, Die wirtschaftliche Entwickelung des Altertums. Jahrb. f. Nat.-Oekon.,
 3. F., Bd. IX, 1895.
Bücher, Die Entstehung der Volkswirtschaft. 3. Aufl, Tübingen 1901.
Beloch, Die Bevölkerung der griech.-römischen Welt. Leipzig 1888.
n Ders Zur griech. Wirtschaftsgeschichte, in Wolfs Zeitschrift f, Sozialwissenschaft
 1902.

Unsere Wissenschaft ist eine durchaus moderne; weder das Altertum
 noch das Mittelalter kennen eine Lehre von der Volkswirtschaft.
Obwohl die gewerbliche Thätigkeit und das ganze wirtschaftliche
Getriebe im klassischen Altertume eine sehr hohe Ausbildung erlangten,
 unterließ man theoretische Untersuchungen derselben, und nur
ganz vereinzelt wurden von hervorragenden Männern praktische Fragen
des wirtschaftlichen Lebens näher betrachtet und allgemeine Schlüsse
daran geknüpft.
Die wirtschaftlichen Leistungen jener alten Zeit sind vielfach
sehr unterschätzt. Man braucht aber nur auf die enormen Bauten,
wie der Cyklopenmauern, der Pyramiden hinzuweisen, um zu erkennen.
daß die Vereinigung von Arbeitskräften schon damals Gewaltiges zu
leisten vermochte. Es erscheint uns rätselhaft, wie die gewaltigen Felsmassen
 und großen Quadern zum Teil aus entfernten Gebirgen, wie
zu den Grundmauern des Salomonischen Tempels, mit den geringen
Hilfsmitteln und auf ungeebneten Wegen herbeigeschafft und dann auf:
einander getürmt werden konnten. Nicht nur der Betrieb der Landwirtschaft
 ist bereits namentlich am Nil, in Sizilien und der italienischen
Halbinsel in großer Blüte gewesen, sondern auch das Handwerk hatte
eine Entwickelung erlangt, die in den Leistungen vielfach über die
modernen hinausging. Es genügt, an die Kunstschätze, die uns aus
jener Zeit, z. B. durch Ausgrabungen in Pompeji überliefert sind,
namentlich an die Arbeiten des Kunstgewerbes zu erinnern, an die uns
noch erhaltenen Vasen, Goldgeschmeide, die uns hauptsächlich durch
Abbildungen und Schilderungen bekannten Waffen, wie den Schild des
Achill. Dieses Gewerbe hatte zur Zeit des Perikles sogar vielfach
den Charakter des Großbetriebes angenommen, wie durch eine Anzahl
eklatanter Beispiele belegt ist.
Der ausgedehnte Handel jener Zeit 1äßt erkennen, daß auch nicht
nur für den heimischen Bedarf, sondern auch für den Export gearbeitet
wurde. Griechenland exportierte Getreide, Wein, Honig, Früchte,
dann Häute, Hausgerät aller Art und Waffen. Es bezog dafür aus
Phönizien, Aegypten, dem Orient Leinwand, kostbare Stoffe, wie die
Purpurzeuge, Teppiche, Salben und Gewürze; aus Phönizien speziell
Geschmeide und Glaswaren. Der außerordentliche Luxus des alten
Rom setzt nicht nur den verschiedenartigsten Gewerbebetrieb voraus,
sondern auch den ausgedehntesten Handel des weit verzweigten Reiches.
Aus allem geht hervor, daß die wirtschaftliche Thätigkeit im  Geringes
Altertum bereits eine außerordentlich vielseitige war und in hohem Interesse für
Maße volkswirtschaftlichen Charakter ‚angenommen hatte. Gleich- ak
wohl hat sie die Aufmerksamkeit der hervorragenden Männer nur wenig 16 EL
auf sich zu lenken vermocht. Der Grund dafür ist in einer gewissen "
Mißachtung der wirtschaftlichen Arbeit von seiten der leitenden Männer
zu suchen. die als die Aufgabe des hochentwickelten Staatswesens
        <pb n="314" />
        296

Plato.

Xenonohon.

Aristoteles.

die Erhöhung der politischen Macht, die angemessene Organisation
der Staatsverwaltung und Stärkung der Heeresmacht ansahen. Sie
setzten einen gewissen Wohlstand ohne weiteres voraus und untersuchten
 nicht, wie er zu heben, sondern mehr, wie er zweckmäßig
zu verwenden war. Unzweifelhaft ist dieses mit dadurch bedingt,
daß die Bürger ihre Wirksamkeit hauptsächlich auf politischem Gebiete
suchten, und der größte Teil der wirtschaftlichen Thätigkeit den Sklaven
überlassen wurde, wenn auch natürlich die meisten Bürger genötigt
waren, mit Hand anzulegen, um sich den täglichen Bedarf zu erarbeiten.
 Sie sahen aber, wie in dem Mittelalter der Adel, doch die
Landwirtschaft als das ihrer eigentlich allein würdige Gewerbe an.
Es fehlte in jener Zeit ferner an den Hilfsmitteln der Geschichte
und Statistik, damit an der Sammlung der Erfahrungen über thatsächliche
 Verhältnisse als Grundlage theoretischer Erörterungen; und die
Mißachtung des Auslandes, der Barbaren, verhinderte die Vergleichung
mit den Zuständen anderer Länder.
So finden wir wohl vereinzelte Betrachtungen volkswirtschaftlicher
 Natur, aber ohne jede systematische Zusammenfassung. Wir
begnügen uns, einzelne charakteristische Beispiele herauszugreifen.
Vor allen kommt Plato in Betracht, der in seinem Staatsideal
 uns ein Beispiel der Ziele eines der hervorragendsten Geister
seiner Zeit bietet, worauf wir aber an anderer Stelle zurückzukommen
haben, wo wir die Entwickelung sozialistischer und kommunistischer
[deen darstellen. Zu erwähnen ist aber, daß Plato schon Verständnis
für die Bedeutung der Arbeitsteilung zeigt und nachweist, wie die
Ausbildung der verschiedenen Gewerbe auf dem Prinzip der Arbeitsjeilung
 beruht.
Von besonderem Interesse ist für uns die Schrift Xenophons
„Ueber die Mittel, die Einkünfte Attica’s zu vermehren“. Wenn er
auch das Jandwirtschaftliche Gewerbe in erster Linie preist, so zeigt er
doch Verständnis für die Bedeutung des Handwerks wie des Handels
als Grundlagen des Wohlstandes, Die Sklaverei acceptiert er als wirksames
 Hilfsmittel, wie es seiner Zeit entsprach. Wichtig sind seine
Untersuchungen über das Geldwesen, bei welchen allerdings manches
Schiefe mit unterläuft; aber er erkennt bereits, daß der Wert des
eldes sich anders entwickelt, als der der gewöhnlichen Waren, und
steht über den merkantilistischen Anschauungen, indem er die Nützlichkeit
 auch eventuell einer Abgabe des Geldes an das Ausland anerkennt.
Wie Aristoteles die Anschauung und das Wissen seiner Zeit
überhaupt in seinem Werke über die Politik zusammenzufassen sucht,
so finden wir in demselben auch seine Grundanschauung politischer
und wirtschaftlicher Natur vertreten. Der Staat tritt bei ihm in
scharfer Weise als Selbstzweck hervor, dem sich das Privatinteresse
absolut unterzuordnen hat.‘ Und wenn auch nicht so scharf wie bei
Plato, so konzentriert sich auch bei ihm das Interesse hauptsächlich
darauf, wie die Macht des Staates zu heben sei. Dazu dient ihm auch
die Sklaverei, Die Sklaven sind ihm lebendige Werkzeuge, und er
deutet das Wünschenswerte an, dieselben durch mechanische Kräfte zu
ersetzen. Aus der Arbeitsteilung und Besitzverteilung haben sich nach
ihm die Berufsstände und die sozialen Klassen entwickelt. Die Gewerbe
 teilt er in die natürlichen, d. s. die Gewerbe der Rohproduktion
and der Okkupation ein, die er schärfer wie Xenophon als die eigentliche
 Grundlage des Wohlstandes hinstellt und ihnen gegenüber die
        <pb n="315" />
        — 9297

stoffveredelnden und Verkehrsgewerbe als die „chrematistischen“ mit
mehr Mißachtung behandelt. Wie Plato sieht er die Sucht nach
Gewinn und somit auch das Arbeiten des Gewinnes wegen als etwas
Unwürdiges an, welches möglichst in den Hintergrund zu drängen ist.
Eben deshalb vermag er dem Handel nicht gerecht zu werden. Daß
das Geld selbst nicht volkswirtschaftlichen Reichtum repräsentiert, hat
er klar erkannt, und sucht dieses durch den Hinweis auf die Midassage
 zu illustrieren. Die Natur desselben, wie die des Kapitals, hat er
noch nicht richtig erfaßt, wie aus seiner Bekämpfung des Zinsnehmens
hervorgeht, da Geld nicht Geld erzeugen könne. Schließlich ist noch
auf seine Erörterung des Wertbegriffes hinzuweisen, wobei er bereits
den Unterschied zwischen Tausch- und Gebrauchswert macht, wie ihn
später Adam Smith weiter ausgeführt hat.
Trotz der außerordentlichen Entwickelung der Volkswirtschaft
im alten Rom fehlt es dort, ebenso wie in Griechenland, an theoretischen
 Untersuchungen über dieselbe. Die Grundanschauungen sind
die gleichen, die besondere Hochschätzung der Landwirtschaft tritt in
einer größeren Zahl von Schriften zu Tage, welche die technische
Seite behandeln, aber nicht den Zusammenhang mit der Volkswirtschaft.
 Erst in der Zeit des Verfalles treten einige Untersuchungen
über die Ursachen desselben hervor, die indessen nur oberflächlicher
Natur sind.
Nach dem Gesagten war die Volkswirtschaft des Altertums nur
ein Naturprodukt, nicht das Ergebnis planmäßiger Einwirkung von
Staat und Gesellschaft auf (Grund eingehenden Studiums des wirtschaftlichen
 Lebens.

Rom.

8 85.
Das Mittelalter.

Wilh. Endemann, Die nationalökonomischen Ansichten des canonischen Rechts,
Jahrb. £f. Nat.-Oekon.. Bd. I. 1863.

Durch die Völkerwanderung und den Sieg der Barbarenhorden
wurde die Kulturentwickelung für eine lange Zeit zurückgeworfen und
aufgehalten. Durch die fortdauernden Kämpfe wurde nicht nur eine
große Entvölkerung herbeigeführt, sondern auch die Errungenschaft
der wirtschaftlichen Kultur, der Wohlstand auf eine außerordentlich
tiefe Stufe herabgedrückt. Immerhin blieb in Italien genug davon
zurück, um von dort aus nach dem Norden mit dem Christentum
Kultureinflüsse nach allen Richtungen zu übertragen, die aber natürlich
 erst sehr allmählich zur Wirkung kommen konnten,
In Mitteleuropa finden wir eine außerordentlich dünne, verstreut Wirtschaftwohnende
 Bevölkerung auf hauptsächlich bewaldetem Territorium mit LEE Zuausgedehntem
 Sumpflande, wodurch der Verkehr in besonderem Maße Deutschland
erschwert wurde; im großen Ganzen einfache Naturalwirtschaft, bei ;
äußerst geringen Bedürfnissen und untergeordnetem Tauschverkehr,
Die Herrscher waren fast ausschließlich mit der Wahrung der Selbständigkeit
 des Landes durch Verteidigung gegen die umliegenden Feinde
und deren Angriffskriege beschäftigt, während ihnen die Aufgaben der
inneren Wohlfahrt noch ferne lagen. Die Staats- und Hofhaltung, die
noch nicht zu trennen waren, wurden durch unmittelbaren Verbrauch der
Erzeugnisse des ausgedehnten Domanialbesitzes unterhalten; die Organi-
        <pb n="316" />
        298

Canonisten.

sation des Verwaltungsapparates beruhte auf dem Lehns- und Vasallenwesen.
 Erst in dem 10. Jahrhundert trat mit Entwickelung der Städte
eine neue Macht auf, die neben der Kirche eine wachsende Bedeutung
zu erlangen vermochte.
Der wichtigste Produktionsfaktor jener Zeit war der Grund und
Boden, die Basis des fast alleinigen Gewerbes der Landwirtschaft. Ein
übergroßer Teil des Grund und Bodens konzentrierte sich in der toten
Hand, oder blieb als Gemeindeeigentum zur gemeinsamen Verwertung
der Mark- und Dorfgenossenschaften.
Der eigentliche Träger und Förderer der Kultur war die Kirche,
die denn auch in ihren Rechtssatzungen, dem canonischen Rechte, die
Anschauungen der Zeit beherrschte, sie am besten zusammenfaßte und
wiedergab,
Die Grundlage der Anschauungen der Canonisten ist eine eigentümliche
 Mischung aus der aristotelischen und der einseitigen Auffassung
der christlichen Lehre. Beiden entspricht die Bekämpfung des Eigennutzes
 und der Gewinnsucht. Der letzteren entwuchs die Auffassung,
daß Gütergemeinschaft der ursprüngliche und natürliche Zustand sel,
der allerdings nicht für alle Zeiten aufrecht erhalten werden könne;
indessen sei es- das Wünschenswerte, daß Niemand mehr persönliches
Eigentum besäße, als zu seinem Unterhalte notwendig sei. Das
Uebrige sei als Gemeingut anzusehen und von der öffentlichen Gewalt
als solches zu erklären, wo es das Gemeindewohl verlangt. Auch hier
trifft man auf die Auffassung, daß nur der Ackerbau das allgemein
wünschenswerte Gewerbe sei, die stoffveredelnde Thätigkeit sei wohl
zu tolerieren, der Handel dagegen, d. h. das Kaufen, um des Gewinnes
wegen wieder zu verkaufen, sei unbedingt verwerflich. Das Geld wurde
allein als Münze aufgefaßt, die keinen anderen Zweck habe, als zur
Zahlung zu dienen, und nichts anderes leisten könne; da Münze nicht
wiederum Münze zu erzeugen vermöge, und man den Wert der Zeit
noch nicht zu schätzen vermochte, so war die notwendige Konsequenz
das Verbot jedes Zinsnehmens, das als Wucher angesehen wurde. In
einer Zeit, wo das Kapital nur in ganz geringen Quantitäten vorhanden
war und als Produktionsfaktor eine völlig untergeordnete Rolle spielte,
konnte der Produktionskredit keine Bedeutung erlangen, man borgte
im allgemeinen nur im Falle der Not zur weiteren Bestreitung der
laufenden Bedürfnisse, nicht aber um die geborgte Summe wirtschaftlich
 produktiv anzulegen und daraus größeren Nutzen zu ziehen,
Da der Borgende also selbst keinen Gewinn aus der geliehenen
Summe bezog, war es für ihn allerdings eine Härte, wenn er für das
Darlehn einen Zins zahlen sollte, während der Darleiher seinerseits
durch die Hingabe einer Summe, die doch bei ihm nur tot im Kasten
gelegen hätte, kein Opfer brachte, also auch auf eine Entschädigung
keinen Anspruch hatte. Es ist deshalb der canonistische Gedanke für
jene Zeit nicht ohne Berechtigung. In einzelnen Fällen war aber
schon damals das Zinsnehmen nicht zu umgehen, so daß bei Staats.
anleihen, bei dem kaufmännischen Wechsel, dem Rentenkauf
dasselbe gestattet wurde. Man fand es gerechtfertigt, daß derjenige,
welcher einem Anderen behufs Ankaufs eines Grundstücks eine Summe
vorschoß, auch entsprechend einen Anteil an dem Ertrage des
Grundstücks beanspruchte. Ebenso erkannte man, daß durch die
Gewährung eines Darlehns in Form einer Anweisung auf einen Dritten
an einem anderen Ort dem Betreffenden ein Dienst erwiesen würde.
        <pb n="317" />
        — 299 —

der nicht ohne Risiko war, wofür ein Zins nicht zu umgehen, da ohne
denselben ein solches Darlehen nicht zu erlangen gewesen wäre.
Ganz eigentümlich ist der Anschauung des canonischen Rechts
die Verwerfung des Tauschwertes und alleinige Acceptierung des
Gebrauchswertes als Grundlage des Preises, Es sei allein gerecht
einen Gegenstand nach dem Gebrauchswerte zu bezahlen, nicht aber wie
3ein Wert sich zufällig durch die Konkurrenzverhältnisse gestalte, daher
das Streben nach einer Normierung der Preise durch die Staatsgewalt.

8 86.
Der Beginn der neueren Zeit.

Wiskemann, Darstellung der in Deutschland zur Zeit der Reformation herrschenden
 nationalökonomischen Ansichten. Leipzig 1861.
&amp;amp;. Schmoller, Zur Geschichte der nationalökonomischen Ansichten in Deutsch-‚and
 während der Reformationsperiode. Tübing. Zeitschr, 1860.
Frank &amp;amp;G. Ward, Darstellung und Würdigung der Ansichten Luthers vom
Staat und seinen wirtschaftlichen Aufgaben, Jena 1898.
Ludw. Elster, Johann Calvin, in Jahrb, f, Nat.-Oekon. 1878, Ba. XXXI.
Wie nach vielen Richtungen, so ist auch für die Entwickelung
des Wirtschaftslebens das Mittelalter früher geschlossen, als es gewöhnlich
 angenommen wird: schon mit dem 13. resp. 14. Jahrhundert.
Durch die Ausbildung der Städte und den stärkeren Handelsverkehr
mit dem Orient nach den Kreuzzügen bürgerte sich der (Jeldverkehr
immer mehr ein, und entwickelte sich allmählich die Geldwirtschaft.
Die Erweiterung der individuellen Freiheit innerhalb‘ der städtischen
Mauern, die Entwickelung der Gewerbe unter der Zucht der Zünfte
brachten neues Leben in das gesamte Getriebe und bildeten erst
aine Volkswirtschaft, Durch die Ausbildung der absoluten Monarchie
zuerst in Frankreich gewann die Staatsgewalt neue Aufgaben, die auch
das wirtschaftliche Leben erfaßten. ‚Infolgedessen sehen wir schon in
jener Zeit Männer auftreten, welche die wirtschaftlichen Vorgänge
einer besonderen Untersuchung unterzogen; wie vor allen Thomas
von Aquino im 13, Jahrhundert mit stark ausgesprochenen kommu- Nationalnistischen,
 dann canonistischen Anschauungen, der Franzose Nicolaus ökonomische
Oresmius, der 1382 als Bischof von Lisieux starb und in seinem SS
„Tractatus de mutatione monetarum“ in einer Art Predigt eine Mittelalters
für jene Zeit ganz hervorragende Münztheorie aufstellte, schließlich und zur Re
Gabriel Bielin Württemberg Ende des 15. Jahrhunderts, der gleich- formationsfalls
 eine sehr einsichtige Untersuchung über das Geldwesen und die zeit.
Preisbildung lieferte, während er in der Beurteilung der Gewerbe noch
auf dem alten canonistischen Standpunkt stand.
Von nachhaltiger Bedeutung sind dann die Vertreter des Humanismus
 geworden, welche prinzipiell mit den alten Grundanschauungen
brechen und uns damit in die neuere Zeit hinüber leiten. Hier ist vor
allen Desiderius Erasmus (1467—1536) zu nennen, der zuerst der
kanonistischen Auffassung entgegentrat und die Ehre der Arbeit auf
die Fahne schrieb, die er hochhielt. Sein Hauptverdienst ist es, die
Nützlichkeit aller gewerblichen Thätigkeit und die Ehrenhaftigkeit derselben
 ausgesprochen zu haben, wie die Verderblichkeit des Müssiggangs
 sowohl bei Soldaten, wie bei den Mönchen und dem Adel. Die
bisherige Hochschätzung der Armut wird von ihm ebenso angegriffen
wie die Ueberschätzung des Reichtums. Im übrigen zeigt er sich noch
als ein Kind seiner Zeit.
        <pb n="318" />
        300

Luther.

Calrvin.

Auch Ulrich von Hutten (1488—1523) kann nicht ganz umgangen
 werden, dessen ausgesprochenes Nationalgefühl auch in der
Beurteilung der wirtschaftlichen Verhältnisse zum Ausdruck kommt,
indem er untersucht, wie Deutschland zu helfen sei. Er erkennt die
Notwendigkeit des Handels an, fürchtet aber durch ihn den Luxus
gefördert zu sehen, wie die Ausfuhr des Geldes, und beide Momente
sieht er als die Hauptfeinde der Entwickelung des allgemeinen Wohlstandes
 an,
Zeigt auch Luther in privatwirtschaftlichen wie volkswirtschaftlichen
 Dingen in der Hauptsache eine fast kindliche Auffassung, so hat
doch sein gesunder Sinn und sein Interesse für alle wichtigen Fragen
der Zeit ihn zu Aussprüchen und Lehren veranlaßt, die von einer so
bedeutenden Persönlichkeit ausgehend nicht ohne nachhaltigen Einfluss
geblieben sind und den Umschwung in den Zeitanschauungen vortrefflich
charakterisieren, Indem er die Berechtigung materiellen Genusses anerkennt,
 tritt er der mönchischen Verachtung der äußeren Güter, wie
ebenso durch den Satz „Der Mensch ist zur Arbeit geboren“ dem
mittelalterlichen Grundzuge entgegen. Das Wesen der Arbeitsteilung,
die Bedeutung des Handels sind ihm durchaus klar. Die obrigkeitlichen
Taxen verwirft er und hält die Preisbestimmung auf freiem Markte
für unerlässlich, Das hindert ihn freilich nicht, die Preissteigerung
des Brotes in seiner Zeit auf den verbreiteten Wucher zu schieben,
statt auf die allgemeine Geldentwertung. Wie Hutten eifert er gegen
Luxus und den auswärtigen Handel und vermag sich noch nicht mit
dem Zinsnehmen zu befreunden, hat also den canonistischen Standpunkt
noch nicht überwunden. Höchst bedeutsam sind dagegen seine Ausführungen
 gegen das planlose Almosengeben der Kirche, welches nur
Müssiggang und Vagabundentum großziehe, ohne wirklich wohlzuthun,
und rn hat er gleichfalls einen Bruch mit der Vergangenheit angebahnt.

Mehr im praktischen Leben stehend, mit weiterem Blick für
volkswirtschaftliche Fragen erscheint Calvin. Er tritt vor allem für
eine energische Staatsgewalt ein, welche auch die sozialen und wirtschaftlichen
 Verhältnisse des Landes zu regeln hat. Ihre erste Aufyabe
 geht dahin, die Bevölkerung zur Arbeit zu erziehen und sie dazu
anzuhalten. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ In zweiter
Linie sucht er selbst durch detaillierte Luxusverbote und KEinschränkung
 der Vergnügungen Sinn für Einfachheit und Arbeitsamkeit zu
fördern, Bedeutsam ist bei ihm die Anerkennung der volkswirtschaftlichen
 Gleichberechtigung der verschiedenen Gewerbe, besonders der
Produktivität des Handels. Er erklärt ausdrücklich, Geld kann so gut
Geld erzeugen wie der Acker. Das Zinsnehmen ist nach ihm ebenso
berechtigt wie der Anspruch auf eine Hausmiete, Hieraus ergiebt sich
ein wesentlicher Fortschritt in den Anschauungen,

$ 87.
Die erste Periode des polizeilich-cameralistischen
Zeitalters.

Mit Recht ist es ausgesprochen, daß das letzte Jahrhundert viele
Aehnlichkeit mit dem Reformationszeitalter hat und in gleicher Weise
eine wirtschaftliche Revolution erfahren hat, wie sie damals vor sich ging.
Kein Wunder, wenn in beiden Perioden das Interesse für volkswirt-.
        <pb n="319" />
        m 301 —

schaftliche Fragen in den Vordergrund tritt, und in jener Älteren
Periode sich daher die Anfänge unserer Wissenschaft zeigen.
Damals wie jetzt, nur noch in einem höheren Maße, regte sich Das 16. und
die Opposition gegen die gesellschaftliche Organisation, den Staat und 19. Jahrdie
 Kirche, wie sie damals in der Bauernbewegung, gegenwärtig in der undert.
zozialdemokratischen, zu Tage trat. Die Notwendigkeit einer anderen
Organisation des Staates führte in jener Zeit der Beseitigung des Feudalstaates
 zur Ausbildung der absoluten Monarchie und im letzten Jahrhundert
 zu der Ausbildung des Konstitutionalismus.
Wie in jener Zeit die Geldwirtschaft zur allgemeinen Herrschaft
gelangte, so in dem 19. Jahrhundert die Kreditwirtschaft mit ihren tiefgreifenden
 Folgen.
Die Ausbildung des Beamtentums, dann der Soldheere nach Beseitigung
 der persönlichen Vasallendienste steigerten die Bedürfnisse
der Staatsgewalt in der außerordentlichsten Weise, so daß die Schwierigkeiten
 immer bedeutender wurden, die nötigen Summen zusammen
zu bringen. Theorie und Praxis gingen Hand in Hand, um die
besten Wege ausfindig zu machen, durch Hebung‘ des Volkswohlstandes
 die wachsenden Lasten der Bevölkerung erträglich zu machen,
weshalb gerade finanzwissenschaftliche Fragen in dem Mittelpunkte der
Diskussion standen. Gerade so wie gegenwärtig der wachsende Druck
der Heeresrüstungen als eine Kalamität der Zeit anzusehen ist, und
die dadurch verursachte Steuerlast immer neue Probleme zu lösen
giebt, so sahen sich damals wie jetzt die leitenden Staatsmänner genötigt,
 methodische Untersuchungen über die Quelle anzustellen, aus
welcher die Staatskasse ihre Mittel zu schöpfen hat; praktische Volkswirte
 und Männer der Wissenschaft traten ihnen dabei zur Seite, Mit der
Ausbildung des absoluten Königtums ging Hand in Hand die schärfere
Abgrenzung der einzelnen Länder gegeneinander, die Ausbildung des
Nationalbewußtseins und damit eine Verschärfung des Gegensatzes
zwischen den einzelnen Ländern, nicht nur in politischer, sondern auch
in wirtschaftlicher Hinsicht, wie das auch in der Gegenwart zu bemerken
 ist. Die Staatsgewalt fühlte sich in einem höheren Maße
verantwortlich auch für die innere Entwickelung des Landes und
zuchte sie nach allen Richtungen hin zu beeinflussen, just wie in den
letzten Dezennien.,
Das Reformationszeitalter ist zugleich das der epochemachenden
Erfindungen und Entdeckungen, wie das Zeitalter des Dampfes und
der Elektrizität. Es ist nur nötig auf die Erfindung der Buchdruckerkunst,
 des Pulvers, die Eutdeckung Amerikas aufmerksam zu machen.
Handel und Industrie gewannen damals einen außerordentlichen Aufachwung
 und internationalen Charakter, wenn auch freilich im Vergleich
 zu dem gegenwärtigen nur in bescheidenem Maße. Immerhin
erlangten sie eine bisher nicht gekannte Bedeutung für die Volkswirtschaft
 gegenüber der Landwirtschaft und nahmen deshalb die öffentliche
 Aufmerksamkeit besonders in Anspruch. Hiermit ging Hand in
Hand die Entwickelung des Kapitals, welches sich besonders in einzelnen
 Händen konzentrierte und dadurch in besonderer Weise durch
einseitige Ausbeutung eines Monopols Angriffe von allen Seiten auf
sich zog, wie die gegen die sogenannte Fuggerei, dem unsere Zeit die
mannigfaltigsten Beispiele zur Seite stellen kann. Man braucht nur
an die Trustbewegung zu denken.
        <pb n="320" />
        — 302 —

Die Ueberschwemmung Europas mit Edelmetallen nach der Entdeckung
 Amerikas brachte bekanntlich eine kolossale Preissteigerung
hervor, und es entwickelte sich eine umfassende Litteratur, die Ursache
der steigenden Teuerung zu ergründen, die sehr wertvolle Arbeiten
über Preisbildung und das Wesen des Geldes in sich schloß. Dem
kann aus der neueren Zeit die bimetallistische Bewegung gegenübergestellt
 werden.
So fanden sich überall Anregungen zur Behandlung wirtschaftlicher
 Fragen damals wie jetzt, die in jener Zeit allmählich zur Ausbildung
 eines wissenschaftlichen Systems führten und in der neueren
Zeit unserer Wissenschaft eine besondere Bedeutung verschafft haben.

8 88.
Die merkantilistischen Anschauungen.
Biedermann, Ueber den Merkantilismus. Innsbruck 1870,
Cohn, Colbert, in d. Zeitschr. f. ges. Staatsw. 1869. 1870.

Stellung des
Ötagtes.

Die dargelegten politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse veranlaßten
 hervorragende Männer der Zeit, zur Lösung der wirtschaftlichen
 Probleme beizutragen, so daß sich im Laufe des 16. und 17.
Jahrhunderts eine reiche Litteratur über wirtschaftliche Fragen entwickelte,
 die, wie angedeutet, unmittelbar praktische Ziele im Auge
hatte, um besonders der Staatsleitung Ratschläge für ihr Verfahren
zu geben, wobei allmählich auch allgemeine theoretische Gesichtspunkte
gewonnen wurden. Man faßt dieselben unter dem Namen der merkantilistischen
 zusammen. Da nun kein Schriftsteller die g6-samten
 Anschauungen wiedergiebt und sie sämtlich vertritt, so hat
man in der neueren Zeit überhaupt die Existenz eines solchen Systems
leugnen wollen, doch mit Unrecht. Diese Ansichten schwebten, wie man
sich wohl ausdrücken kann, damals in der Luft. Es waren die Grundanschauungen,
 die hier mehr, dort weniger, sowohl in der Litteratur wie
in der Staatsverwaltung zu Tage traten und deshalb sehr wohl als
Zeichen der Zeit zusammengefaßt werden können. Die Hauptsätze
waren die folgenden:
1. Vor allem, daß das wirtschaftliche Leben von der Staatsgewalt
nach allen Richtungen beeinflußt und großgezogen werden könne, und
daß es die Aufgabe derselben sei, überall einzugreifen, um nicht nur
die Anregung und die Richtung für die wirtschaftliche Thätigkeit anzugeben,
 sondern auch dieselbe möglichst selbst in die Hand‘ zu
nehmen und den Staatsbetrieb zur Entwickelung zu bringen. In einer
Zeit, wo die große Masse der Bevölkerung noch auf einer außerordentlich
 tiefen Stufe der Kultur stand und von ihr die nötige Uebersicht
über die zeitgemäßen Bedürfnisse so wie die Intelligenz, in der richtigen
 Weise vorzugehen, nicht erwartet werden konnten, während in
der Hand der Staatsleitung sowohl die hervorragendsten geistigen
Kräfte sowie die nötigen Mittel vereinigt und vielfach allein vorhanden
waren, lag diese Auffassung nahe, und die bedeutsamen Resultate,
welche erleuchtete Staatsmänner, wie Colbert, Friedrich Wilhelm I,,
Cromwell, zu erreichen und der Umstand, daß sie die von ihnen geleiteten
 Gebiete in kurzer Zeit zu einer exzeptionellen Blüte zu bringen
vermochten, bewies den richtigen Kern der Anschauungen für jene
Zeit. Es schloß zugleich die Beurteilung und Behandlung der Volkswirtschaft
 vom Dprivatwirtschaftlichen. Standpunkte ein, was natürlich
        <pb n="321" />
        — 303 —

nur so lange als berechtigt anerkannt werden konnte, als es sich um
kleinere Territorien und streng abgegrenzte Gebiete handelte,
2. Dieser privatwirtschaftliche Standpunkt zeigt sich in der Art,
wie man meinte, den Volkswohlstand heben zu können. Wie der
Privatmann reicher wird, wenn er mehr Geld besitzt, so meinte man
auch, ein Land am schnellsten reich machen zu können durch die
Vermehrung des Geldes, welches man mit dem Edelmetall identifizierte,
 Da nun noch in dem 16. Jahrhundert in Mitteleuropa der
Vorrat an Edelmetall nicht ausreichte, um die Quantitäten von Münzen
in Umlauf zu setzen, die zur allgemeinen Durchführung der Geldwirtschaft
 notwendig waren, so mußte zunächst allerdings jede Zufuhr an
Edelmetall sich für die Volkswirtschaft als höchst ersprießlich erweisen,
und sehr begreiflich übersah man zunächst nicht die Grenze, wo die
Aufhäufung des Eidelmetalls aufhört segensreich zu wirken.
3. Da nun in den meisten europäischen Staaten das Edelmetall,
besonders das Gold, nicht in der Ausdehnung bergmännisch gewonnen
wurde, als Bedarf vorlag, untersuchte man, auf welche Weise der
Staat dasselbe am zweckmäßigsten gewinnen könnte. Als das beste
Mittel sah man den Handel mit günstiger Bilanz an, d. h. den internationalen
 Handel, welcher an das Ausland Waren in höherem Werte
verkauft, als er von demselben kauft, so daß das Inland die Differenz
in klingender Münze ausgezahlt erhält. Deshalb geht das Streben in
jener Zeit allgemein dahin, den internationalen Handel zu heben und
ihn so zu gestalten, daß die Bilanz eine möglichst günstige sei. Da
vor zwei Jahrhunderten noch nicht wie jetzt der internationale Verkehr
durch Kredit vermittelt wurde, so konnte man auch in der That auf
3ine derartige Wirkung rechnen, was heutigen Tages verfehlt ist.
4. Als den Weg, eine günstige Bilanz zu erlangen, erkannte man
die Hebung der Industrie, weil die Landwirtschaft allein einer bedeutenderen
 Entwickelung für den ‘internationalen Austausch nicht
fähig ist, daher die große Sorge, die man in jener Zeit der Entwickelung
 des Gewerbebetriebes zuwendete. Um aber ihre Aufgabe, Geld
in das Land zu ziehen, erfüllen zu können, erwies es sich als wünschenswert,
 die Herstellung möglichst kostbarer Gegenstände zu fördern,
lie leichter zu exportieren sind und höheren Gewinn in Aussicht
stellen. ;
5. All dies schloß bestimmte Konsequenzen in sich. Das Gewerbe
verlangt vor allen Dingen Arbeitskräfte. Daher ging die Aufgabe des
Staates dahin, die Volksvermehrung nach allen Richtungen zu fördern,
wodurch zugleich nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch politischen
Zwecken, durch Erhöhung der Zahl der Mannschaften für die Heeresmacht
 gedient wurde.
6. Eine strenge Gewerbeordnung, ergänzend unterstützt durch
Prämien und Privilegien, sollte die Gewerbe künstlich zur Blüte
bringen und in die Richtung leiten, wie sie für eine günstige Handelsbilanz
 erforderlich schien,
7. Al diese Maßregeln konnten aber erst eine höhere Bedeutung Stellung zum
arlangen in einem selbständig abgegrenzten und dem Auslande ent- Auslande,
gegengestellten Gebiete; daher ist es ein Grundzug des merkantilistischen
 Systems, die Abschließung des Landes durch eine starke Zollzrenze
 als bestes Mittel, die ganze Volkswirtschaft, insbesondere den
Handel, zu beeinflussen und ihn in die gewünschte Richtung zu bringen.
Man identifiziert deshalb sehr allgemein, wenn auch nicht ganz zu-Das

 Geld.
        <pb n="322" />
        — 304 —

treffend, die extrem schutzzöllnerische und merkantilistische Richtung.
Wie die Zölle zu handhaben, das ergab sich aus dem Ziele der
günstigen Handelsbilanz: freie Einfuhr für Rohprodukte, dagegen KErschwerung
 der Ausfuhr derselben, teils durch Verbot, teils durch hohe
Ausfuhrzölle, um sowohl die Nahrungsmittel der großen Masse, wie
die Rohmaterialien für die Gewerbe im Lande billig zu erhalten.
Daher die häufigen Ausfuhrverbote für Getreide und Wolle, dagegen hohe
Einfuhrzölle auf fertige Waren, um die Preise derselben im Inlande zu
steigern, deren Herstellung also vorteilhaft im Inlande zu machen und
zu verhindern, daß durch den Kauf vom Auslande Geld hinaus geschickt
 würde.
8. Streng merkantilistisch ist die in jener Zeit allgemein verbreitete
Auffassung, daß der Vorteil des eigenen Landes nur auf dem Schaden
der anderen Länder zu basieren sei. Daher der Antagonismus der
einzelnen Staaten gegen einander, der fortdauernde wirtschaftliche wie
politische Kampf zwischen denselben, der in Permanenz erklärt war.
Dies hatte zwar den Vorteil der Hebung des Patriotismus, aber auch
lie Entwickelung des Gegensatzes der Nationalitäten und Erleichterung
ler Kriege zur Folge.
9. Als Schlußstein des Systems ist gegenüber der Verhinderung
des Bezuges ausländischer Luxuswaren, die Begünstigung eines gewissen
Aufwandes im Inlande zu erwähnen, um damit die Geldzirkulation zu
steigern, die befruchtend auf die gesamte Produktion einwirken sollte.

8 89.
Die wissenschaftlichen Vertreter des Merkantilismus.
v. Erdberg, Joachim Becher. Jena 1896,

[taliener.

Aus der großen Zahl der Schriftsteller, welche im 16. und 17.
Tahrhundert über wirtschaftliche Fragen geschrieben haben und die
nerkantilistischen Anschauungen vertreten, können wir nur einzelne
aerausgreifen, welche eine nachhaltige Bedeutung erlangt haben. Vor
allem sind an Italienern zu nennen Antonio Serra, Breve tratato
lelle cause, che possono far abondare li regni d’oro e d’argento, dove
ı10n sono miniere, Napoli 1613 (Secrittori classici italiani di economia
golitica, .Milano 1803). Er untersucht die Bedingungen des Volkswohlstandes
 und findet sie in folgenden Quellen: 1. der Bodenfruchtbarkeit,
 um einen Ueberschuß an landwirtschaftlichen Produkten für
das Ausland zu erzielen; 2. in der Lage des Landes mitten im Weltverkehre,
 um einen umfassenden internationalen Handel zu entwickeln;
3. in der Industrie, besonders von Kunstwaren, welche teuer an das
Ausland verkauft werden können, um durch sie das Gold und Silber
in das Land zu bringen, wo die eigenen Minen dazu nicht ausreichen.
Tritt bei ihm die merkantilistische Einseitigkeit auch entschieden hervor,
 so zeigt er nach anderen Richtungen doch einen freieren Blick
als seine Zeitgenossen. So spricht er sich entschieden gegen Ausfuhrverbote
 des Geldes und ähnliche den Verkehr behindernde Beschränkungen
 aus. Kr weist zuerst auf die maßgebende Bedeutung der
menschlichen Arbeitskraft für die Volkswirtschaft hin und stellt manche
Lehren auf, die auch heutigen Tages noch ihre volle Berechtigung
haben. Antonio Broggia giebt in seinen Tratti dei tributi e delle
monete 1743 die Grundlehren der merkantilistischen Handelsbilanz und
        <pb n="323" />
        305

bietet Grundzüge einer guten Steuerlehre. Schließlich ist Antonio
x eNOVvesi zu erwähnen, der in seinen Lezioni di Commerzio e di
2conomia civile 1760, deutsch Leipzig 1776, zuerst ein systematisches
Handbuch der Volkswirtschaftslehre zu geben sucht und sich darin
doch schon von den hauptsächlichsten Einseitigkeiten des Merkantilismus
 frei gemacht hat.
Die englischen Schriftsteller jener Zeit hatten schon zu viel Gelegenheit,
 Studien im großen volkswirtschaftlichen Verkehr zu machen,
ım nach allen Richtungen den engen Anschauungen eines Serra zu
folgen. Die Neigung zum Freihandel tritt mehr oder weniger bereits
im Beginn des 17. Jahrhunderts hervor, wie z. B. bei Sir Walter
Raleigh, der eine Untersuchung darüber anstellt, worin die Ueberjegenheit
 Hollands über England liege, und er findet sie in der
größeren Freiheit des Verkehrs, besonders der Freiheit des Ackerbaues.
 Doch zeigt sich auch bei ihm eine schiefe Auffassung des
Geldes und seiner Bedeutung für den Reichtum. Baco von Veru-(am
 erweist sich noch als strenger Anhänger der Handelsbilanztheorie
and tritt für eine ausgedehnte Staatsthätigkeit in wirtschaftlichen
Fragen ein, lobt die vorhandenen Einfuhrverbote, erkennt aber die Unhaltbarkeit
 obrigkeitlicher Preisbestimmungen,
Als der eigentliche Vertreter des Merkantilisemus in England wird
Thomas Mun anerkannt, a discours of trade from England into the
East India 1609, 2, Auflage 1621, dann: Englands treasure by foreign
;rade or the balance of our foreign trade is the rule of our treasure,
1664. Er empfiehlt in sehr detaillierter Weise Regierungsmaßregeln
zur Herbeiführung einer günstigen Handelsbilanz. Namentlich in der
arsten Schrift verteidigt er die „statut of employment“ Heinrichs VIIL,
welche den fremden Kaufmann einer genauen Kontrolle unterwarfen,
ihm verboten, Geld aus England in das Ausland zu führen und ihn
zwangen, für die durch Verkauf ihrer Waren erlangten Summen inländische
 Waren zu kaufen und nur in diesen ihren Erlös auszuführen.
 Er sieht sich aber in der späteren Schrift bereits genötigt,
hiervon abzugehen und im Interesse der Verkehrsfreiheit jene Bestimmung
 zu bekämpfen. Doch auch hierin betont er: Der Konsum
ausläudischer Produkte müsse geringer sein als der Teil der inländischen
Produktion, der im Auslande verzehrt wird. Nur ein günstiger auswärtiger
 Händel sei imstande, dem Lande wesentlich dauernden Gewinn
zu schaffen. „Geld erzeugt den Handel und Handel vermehrt das
Geld.“
Nun erkennt er aber bereits sehr gut, daß zur Berechnung der
Handelsbilanz die bloße Vergleichung der Aus- und KEinfuhrwerte
aicht ausreicht, sondern daß auch die Frachtverdienste, sowie Handelsverluste,
 Schiffbrüche etc. mit in Anschlag gebracht werden müssen.
Er bietet eine glänzende Rechtfertigung der ostindischen Kompagnie
gegenüber den Angriffen seiner Zeitgenossen und sucht durch genaue
Untersuchung der Operationen der mit Indien handelnden Kaufleute
nachzuweisen, daß der anfängliche Geldexport nachher einen um-so
größeren Geldimport veranlasse, die Kompagnie also wesentlich dazu
beitrage, England eine günstige Handelsbilanz zu verschaffen.
Außerdem sind hier zu nennen: Josiah Child, Observations
soncerning trade and interest of Money, 1668 und: A new discourse
of trade, 1690. William Temple. Considerations sur le commerce
»% Vargent, 1672.
üoanrad, Grundrifs der polit, Oekonomie. I. Teil. 4, Aufl,

Engländer.
        <pb n="324" />
        306

Franzosen. In Frankreich erlangten besonders zwei merkantilistische Schriftsteller
 eine gewisse Bedeutung: Francois Melon, Essais politiques
sur le Commerce, 1731, deutsch: Jena 1740 und L. Forbonnais,
Elements du Commerce, 1754, Principes et observations &amp;amp;conomiques,
1767. Der Erstere behandelt noch Geld, Vermögen, Kapital durchaus
identisch. Er sieht zwar ein, daß nicht jedes Iiand alles erzeugen
kann, was es braucht, daher nicht immer die Interessen der Völker
sich feindlich gegenüber stehen, aber doch vertritt er ein entschiedenes
Hinarbeiten auf eine günstige Handelsbilanz. Als bestes Mittel hierfür
erscheinen ihm die Kolonial- und Handelskompagnien, also die Organisation
 des internationalen Großhandels unter Ausbildung ausgedehnter
Monopole. Den Binnenhandel sucht er durch polizeiliche Taxen zu
regulieren. Am meisten tritt sein merkantilistischer Standpunkt in
seiner einseitigen Ueberschätzung der Industrie hervor.
Der zweite Schriftsteller behandelt ausführlich die bekannte
Handelsbilanztheorie, geht aber über seine Vorgänger einen Schritt
hinaus, indem er das Geld doch hauptsächlich in seiner Eigenschaft
als Zirkulationsmittel, weniger als Repräsentant des Reichtums charakterisiert.
 In der Preisung der Industrie steht er seinem erwähuten
Landsmann wenig nach und führt die Notwendigkeit der Vermehrung
ler Bevölkerung eingehend als die Vorbedingung der Hebung der
Industrie an.
Die deutschen Merkantilisten können auf Originalität der Anschauungen
 kaum Anspruch machen. Sie sind hauptsächlich Staatsmänner,
 welche die augenblicklich praktischen Aufgaben ins Auge
fassen und dabei vielfach noch mehr in das Extrem gehen, als dies
bei den bisher betrachteten Männern der Fall war. In erster Linie ist
Kaspar Klock, Tractatus nomico-politicus de contributionibus, Nürnberg
 1634, und Tract. de aerario 1651, zu nennen. Bei ihm tritt die
Ueberschätzung der Bedeutung des Geldvorrates im Handel auf das
schärfste hervor. Direkt spricht er aus, der Staat müsse mit allen
Mitteln die Ausfuhr von Gold und Silber wie die von Rohstoffen
hindern, an deren Verarbeitung das Heimatland nur gewinnen könne,
und es sei natürlich, die Lebensnotwendigkeiten im Lande zurückzuhalten.
 Dagegen müsse die Einfuhr schädlicher Waren, wie da vor
allem aller Luxusartikel verhindert werden, und ebenso die Einfuhr
der Waren, welche den inländischen Gewerben Konkurrenz machen.
Veit Ludw. von Seckendorff, Teutscher Fürstenstat 1656,
zuletzt 1754 in 8, Auflage erschienen. Er stand in naher Beziehung
zu dem vortrefflichen Regenten Herzog Ernst von Gotha, für den er
die Schrift wohl hauptsächlich geschrieben hat. 1682 übernahm er
das Amt des Kanzlers der neu zu gründenden Universität Halle, deren
völliges Inslebentreten er leider nicht mehr erleben sollte. In Bezug
auf die Handelspolitik vertritt er mit größter Schärfe die oben ausgeführten
 merkantilistischen Anschauungen bis zum Verbot der Ausfuhr
 guter Münzen, indessen erkennt er, daß der Bergbau an Edelmetallen
 nicht unter allen Umständen zu fördern sei, sondern doch
nur, wenn die Kosten sich einigermaßen bezahlt machen. OÖbrigkeitliche
 Taxen für Lebensbedürfnisse, unter Umständen auch für den
Arbeitslohn, hält er für wünschenswert, wie ebenso Aufwands- und
Kleiderordnungen, um den Konsum in Schranken zu halten. Bin
Hauptsatz ist bei ihm: „In der Menge wohlgenährter Leute besteht
der größte Schatz des Landes“, deshalb spielt bei ihm die Sorge für

Deutsche.
        <pb n="325" />
        2307

die Volksvermehrung, z. B. durch Einrichtung großer Kinderhäuser,
eine hervorragende Rolle; eine Auffassung, die nach der Entvölkerung
des Landes durch den 30 jährigen Krieg verständlich ist. Sehr um-{assend.
 sind seine Erörterungen über das angemessenste Steuersystem,
wobei er energisch für Konsumtionssteuern und eine Vermögenssteuer
eintritt; er befürwortet schon die Freilassung des Existenzminimums
und ist deshalb gegen die Kopfsteuer.
Johann Joachim Becher, Politischer Diskurs von den eigentlichen
 Ursachen des Aufblühens und Abnehmens der Städte, Länder etc.,
1668. Er war ein Deutscher, der aber früh nach Oesterreich verpflanzt
 wurde und dort eine umfassende praktische, wie schriftstellerische
 Thätigkeit entwickelte. Auch er hält vor allem die Volksvermehrung
 für das dringendste Bedürfnis seiner Zeit; selbst die
Heranziehung von Negersklaven ist ihm recht. „In einer populosen
Stadt ist es leichter als in einem deserten Ort sich zu ernähren, inlem
 ein Mensch von dem anderen lebt, einer dem anderen durch
gemeinsamen Handel und Wandel zu seinem Stück Brot verhelfen.“
Er erkennt aber die Notwendigkeit aller drei Gewerbsarten, des
Bauern, Industriellen und der Kaufleute ‚ an, wenn es auch der
ersteren mehr geben müsse als der letzteren. Die Konsumtion ist nach
ihm „die Seele der drei Stände, der einzige Bindeschlüssel, welcher
sie aneinander heftet, auch voneinander leben macht“. Trotzdem er
den wahren Charakter des Geldes nicht völlig verkennt, äußert er
sich: „Man solle alle Zeit sehen, daß man das Geld im Lande behalte
 und von fremden Orten noch mehreres dazu bringe, dieweil das
Geld gleichsam der Nerv und die Seele eines Landes ist“,
Wilhelm, Freiherr von Schröder (Fürstliche Schatz- und Rentkammer,
 1686, 8. Auflage) erweist sich als der extremste Vertreter des
Merkantilismus, wie die folgenden Sätze ergeben: „Das Volk wird so
viel reicher, als entweder aus der Erde oder anders woher Geld oder
Gold ins Land gebracht wird, und so viel ärmer, als Geld hinausläuft,“
Es wäre aber falsch, ihn deshalb des Midasglaubens zu beschuldigen,
vielmehr geht aus seinen ganzen Ausführungen hervor, daß er die Befruchtung
 des Landes durch Geld allein von dem Umlauf und damit
ler Erleichterung des Umsatzes erwartet. Die größte Geringschätzung
iußert er über den Binnenhandel, um den auswärtigen umsomehr zu
preisen. „Das fruchtbarste Land ohne Kommerzien ist nicht im geringsten
 zu estimieren, höchstens insofern, als es zum Handel überzehend
 vor minder fruchtbaren einen Vorsprung gewinnen kann.“

$ 90.
Die merkantilistische Praxis.
Biedermann, Deutschlands Zustände im 18. Jahrhundert. Leipzig 1854,
Stadelmann, Friedrich der Große in seiner Thätigkeit für den Landbau
Preußens. Berlin 1876,
Schmoller, Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-, Verwaltungs- und
Wirtschaftsgeschichte bes. des preußischen Staates im 17. und 18. Jahrhundert.
LeIDZIE 1898.

Wesentlich schärfer noch als in der Litteratur treten die merkan- Persönliche
tilistischen Anschauungen in der Staatspraxis jener Zeit zu Tage. Das Willkür des
despotische Regiment, welches sich allgemein ausgebildet hatte, wurde Herrschers,
auch auf wirtschaftlichem Gebiete in der rücksichtslosesten Weise zur
9()*
        <pb n="326" />
        — 308 —

Teindschaft
gegen das
Ausland.

‚Schutzzollpolitik,


Anwendung gebracht. Die Auffassung des „l’etat c’est moi“ findet
sich überall, das Volk wird hauptsächlich als Mittel zur Bereicherung
des Hofes angesehen und in der willkürlichsten Weise ausgebeutet.
Die Person des Einzelnen war dem Herrscher gegenüber recht- und
wehrlos. Das zeigt sich auch bei den Hohenzollernherrschern, die eine
hervorragende Ausnahme bildeten und sich als die ersten Diener des
Staates ansahen. Friedrich Wilhelm I. ließ, um einem Wunsche Peters
des Großen entgegenzukommen, Stahlarbeiter, als sie sich nicht freiwillig
 zur Uebersiedlung nach Rußland bereit finden ließen, aufgreifen
und dort hinbringen, Um die Schafzucht in Ostpreußen zu fördern,
schickte er nicht nur spanische Schafe dorthin, sondern ließ Schäfer
aus der Provinz Sachsen mit Gewalt dorthin versetzen, und als einer
von ihnen aus Sehnsucht nach seiner Familie die Flucht ergriff und
zurückkehren wollte, verurteilte ihn der König eigenhändig zur „Spandauer
 Karre“, von der ihn erst Friedrich der Große befreite. Man
braucht ferner nur an das willkürliche Werbewesen zu denken, um sich
zu vergegenwärtigen, in welcher Weise der Einzelne der Willkür der
Regierung überantwortet war. Die rücksichtslose Ausbeutung der Bevölkerung
 zu gunsten der Regierung ergiebt sich aus folgenden Beispielen.
 Karl von Württemberg führte das Salzmonopol ein, und als
dadurch nicht genügend einkam, verfügte er, daß jeder Unterthan
mehr Salz kaufen mußte, als er gebrauchte. Im Fürstenbergischen
wurde jeder bei 10 Thaler Strafe gezwungen, den Staatskalender zu
kaufen, zu gunsten der Kasse des Fürsten,
Für das Bestreben, das einzelne Land möglichst abzugrenzen und
auf Kosten des Auslandes zu heben, bietet die Cromwellsche Navizationsakte
 den bezeichnendsten Beleg, wonach jedes Schiff, das in
zinen englischen Hafen gelangte, nur Erzeugnisse des eigenen Landes
rerladen durfte, um damit den Zwischenhandel Hollands mit einem
Schlage zu vernichten und denselben den englischen Schiffen selbst
vorzubehalten. Spanien behielt sich den Handel mit den neuen Kolonien
 ausschließlich vor, und um dieses kontrollieren zu können, wurde
der Handel auf drei Häfen, später auf Cadix allein beschränkt, und
aur spanische Schiffe durften in dieselben einlaufen, was freilich allzemein
 umgangen wurde. Unter Philipp ILL. wurde Todesstrafe über
len verhängt, der es unternahm, fremde Ware nach dem spanischen
Amerika zu importieren,
Die Abschließung des Landes durch eine scharfe Zollgrenze
bildete sich schon Ende des Mittelalters heraus. Im Jahre 1304 boten
lie Wollarbeiter in Frankreich der Regierung eine Abgabe vom Tuch
an, unter der Bedingung des Ausfuhrverbotes von Wolle. Philipp der
Schöne ging darauf ein und verbot zugleich die Ausfuhr noch verschiedenen
 anderen Rohmaterials etec., was 1380 durch eine Ausgangssteuer
 ersetzt wurde. Aber besonders in der Mitte des 17. Jahrhunderts
entwickelte sich zwischen den verschiedenen Staaten ein intensiver
Zollkrieg, besonders Spaniens und Englands gegen die französische
Konkurrenz,
Die kolossale Zufuhr von Edelmetallen aus Amerika regte, wie
bekannt, die Goldgier in besonderer Weise an. Man nimmt an, daß
von der Entdeckung Amerikas bis zum Ende des 17. Jahrhunderts der
Vorrat an Edelmetallen in Europa sich etwa vervierfacht hat, und
Spanien speziell suchte in extremster Weise jenen Goldstrom ausschließlich
 nach dem eigenen Lande zu leiten und ihn dort festzu-
        <pb n="327" />
        — 309

halten. Die Könige von Castilien hatten allerdings schon vorher in
der Mitte des 14. Jahrhunderts Verbote der Ausfuhr edler Metalle erjassen,
 die 1480 noch wesentlich verschärft wurden. Philipp IV. belegte
 sie 1624 mit Todesstrafe. Ausländer durften nur mit Scheidemünze
 bezahlt werden. Aehnliche Maßregeln ‚zur Zurückhaltung des
Geldes im Inlande unter Heinrich VIIL, von England lernten wir
bereits kennen. Sie bestanden ähnlich in den verschiedensten Ländern,
Die Förderung des Gewerbebetriebes zu gunsten einer entsprechenden
 Handelsbilanz finden wir in jenen Zeiten in allen Ländern;
am planvollsten in Frankreich unter Colbert, der deshalb auch als
Hauptvertreter des Merkantilismus angesehen wird, nur daß er sich von
den extremen Ausartungen desselben ferne hielt. Es ist sogar das
System auch als „Colbertismus“ bezeichnet. In einer Denkschrift
spricht er sich dahin aus: „Ich will Frankreich alle Manufakturen
geben, deren Produkte jetzt vom Auslande bezogen werden“, Ausfuhrverbot
 für Getreide bestand in Frankreich von 1598—1754. Auch
in Preußen ist dasselbe wiederholt ausgesprochen. Die Ausfuhr von
Wolle war in England eine lange Zeit untersagt, dagegen zu gunsten
der englischen Landwirte die Einfuhr von Schafen aus Irland 1663
und 1666 verboten. Und als sich nun die Verarbeitung der Wolle in
Irland zu heben begann, wurde 1699 der Export von Wollwaren aus
Irland verboten. Als Ersatz suchte man in Irland die Leinenindustrie
zu heben, durfte dies aber nur, soweit sie England nicht nachteilig
war. Erst 1705 gestattete man, aus Irland weiße und graue Leinwand
nach den Kolonien zu senden; gefärbte und gemusterte aber erst seit
1777. Friedrich Wilhelm I. von Preußen verbot die Ausfuhr von
Wolle 1723, wie schon vorher der Große Kurfürst zeitweise überhaupt,
 sonst den Juden und Händlern, Friedrich der Große verachärfte
 die Maßregeln noch 1774, und als einige Gutsbesitzer die
Schafherden zu verringern oder zu beseitigen begannen, wurde dies bei
1000 Dukaten Strafe untersagt. In dem gleichen Jahre wurde noch
für 28 Warenkategorien und 490 Artikel die Einfuhr verboten oder
Jem Staate resp. privilegierten Gesellschaften ausschließlich vorbehalten.
Für fertige Waren wurde allgemein ein Zoll verlangt, der vielfach
sine prohibitive Höhe erlangte, womit einzelne Verbote Hand in Hand
gingen, z. B. in England Ende des 17, Jahrhunderts das Einfuhrverbot
für französische Seidenwaren.
Umfassend waren dagegen die. Maßregeln, die inländische Künstliche
{ndustrie zu heben, einmal durch Exportprämen und sonstige materielle Förderung
Unterstützung einzelner Gewerbetreibender. Colbert verwendete dazu der Gewerbe.
jährlich über eine Million Livres und mit außerordentlichem Erfolge.
Dazu trat die Privilegierung einzelner Unternehmer, welche neue
Industriezweige einführen wollten. Die ersten Baumwollenfabrikanten
in Sachsen erhielten für 30 Jahre das Monopol für den alleinigen
Betrieb des Gewerbes, und in großer Ausdehnung nahm der Staat
selbst die Fabrikation in die Hand. Selbst in England war noch
unter Elisabeth die Herstellung von, resp. der Handel mit Eisen, Oel,
Essig, Kohlen, Salpeter, Blei, Stärke, Fellen, Leder, Glas monopolisiert,
Aber noch unter ihrer Regierung wurden sie infolge der energischen
Opposition des Parlaments freigegeben. Außerdem wurde unmittelbar
in die privatwirtschaftliche "Thätigkeit eingegriffen, um die Industrie
in solche Bahnen zu lenken, wie sie am zweckmäßigsten erschienen.
Colbert erließ verschiedene Reglements, wie in den Gewerben ge-
        <pb n="328" />
        310

Förderung
der Volksrermehrung


arbeitet werden sollte. In der gleichen Weise gab Friedrich Wilhelm I.
Bestimmungen über die Beschaffenheit des Garns, welches der Bauer
zu einem bestimmten, von der Regierung angesetzten Preise an das
Lagerhaus abliefern mußte. Er vermittelte selbst durch diplomatische
 Schritte in Petersburg Bestellungen für russische Militärtuche
und überwachte die Ausführung. Er verbot den Gebrauch gewisser
Baumwollenwaren, während er den litauischen Bauern den Anbau der
Kartoffeln befahl und körperliche Züchtigung über die verhängte,
welche dem Gebote nicht folgten. Von mehreren deutschen Fürsten
wurde das Tabakrauchen verboten, und Friedrich II. gab seinen Unterthanen
 die Weisung, lieber Warmbier statt Kaffee zu trinken und das
Geld lieber im Lande zu behalten, als es in das Ausland zu geben.
Karl I. von England gebot, die Leichen nur mit Wolle bekleidet
zu begraben, um die Wollenweberei zu fördern, und unter Friedrich
dem Großen waren 22 Gewerbe mit Lohn- und Preistaxen von der
Regierung versehen. Es ist bekannt, wie er bestrebt war, die Seidenzucht
 und Seidenweberei in Preußen zu forcieren, um auch hierin vom
Auslande unabhängig zu werden. Von 1721—1728 war in England
das Tragen gefärbter Baumwollenstoffe zu gunsten der Tuch- und
Seidenweberei bei 5 £ Strafe verboten.
Wenn es so überall zu Tage tritt, daß die Industrie besonders
bevorzugt wurde, so wäre es doch ein Irrtum zu meinen, daß die
Landwirtschaft völlig vernachlässigt worden wäre. Das war weder bei
Colbert, noch bei Friedrich Wilhelm I, und Friedrich II.
der Fall. Aber man vermochte damals der Landwirtschaft weniger zu
nützen, und die Förderung der Industrie war die Aufgabe der Zeit.
In der gleichen Weise blieb Colbert von einer einseitigen Ueberschätzung
 der Schutzzölle fern. Er hat es vielmehr wiederholt auszesprochen,
 daß er die Schutzzölle nur als Krücken ansähe, an denen
lie Fabrikation gehen lernen solle, und die beseitigt werden müßten,
wenn das erreicht sei.
Maßregeln zur Förderung der Volksvermehrung sind in jener
Zeit in Form von Begünstigung früher Ehen und großer Kinderzahl
äberall zu finden. Unter Ludwig XIV. wurde von den Steuern befreit,
wer 10 eheliche Kinder hatte, und auf fünf Jahre, wer vor dem
20. Jahre heiratete. Die Begünstigung der Findelhäuser stand hiermit
m Zusammenhange. Als Ergänzung sollte das Verbot der Auswanderung
 und die Begünstigung der Einwanderung wirken. Friedrich
Wilhelm I. bedrohte mit Todesstrafe Jeden, der aus Litauen auszuwandern
suchte oder Andere zur Auswanderung zu verleiten bestrebt war.
Friedrich IL, verbot den Gesellen das Wandern im Auslande aus
Furcht, daß sie sich dort niederlassen könnten. Colbert trug kein
Bedenken, Fabrikanten, die auswandern wollten, ins Getängnis zu
werfen. Arbeiter mit gleichen Neigungen wurden inhaftiert, bis die
Schiffe abgefahren waren. Dagegen machte Colbert belgischen
Fabrikanten große Konzessionen, um sie zur Einwanderung zu bewegen,
 Der Große Kurfürst zog die französischen Refugies in das
Land, wie Friedrich Wilhelm I. die Salzburger. .
So sehen wir überall die Regierung im merkantilistischen Sinne
vorgehen und jene Ideen die Zeit beherrschen.
        <pb n="329" />
        . 31]

8 91.

Der Umschwung der Anschauungenim freihändlerischen
Sinne im Laufe des 18. Jahrhunderts.

Unter dem Einfluß des Merkantilsystems entwickelten sich in
Jen verschiedensten Ländern überaus traurige wirtschaftliche Verhältnisse.
 Besonders schädigend wirkte die Willkür, mit welcher die
wechselnden Staatsmänner in das praktische Leben eingriffen, von
lenen der eine diesen, der andere jenen Gewerbszweig künstlich auf
Kosten eines anderen zu fördern suchte. Die strenge Abgrenzung der
einzelnen Länder und Ländchen gegeneinander, besonders in Deutschland,
machte eine höhere Entwickelung der Industrie unmöglich, während in
einem großen Lande wie Frankreich, wo schon Colbert die inneren
Zollschranken in großer Ausdehnung beseitigt hatte, ganz andere Chancen
vorlagen. Ebenso war in England durch die Beseitigung der Monopole
die Freiheit für die Entwickelung neuer Industriezweige schon seit
Elisabeth ausgesprochen, und da der Bauer dort stets direkt unter dem
Schutze der Krone und unabhängig von dem Adel stand, so konnte
sich auch die Landwirtschaft seit dem Beginne des 18, Jahrhunderts
zu außerordentlicher Blüte emporarbeiten, während die Knechtung und
Ausbeutung des Bauern in Frankreich und Deutschland die Landwirtschaft
 auf tiefster Stufe und Armut zurückhielt, Während in England
das Zunftwesen schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
jede thatsächliche Bedeutung verloren hatte, und es in Frankreich
lurch Colbert bereits auf das eigentliche Handwerk beschränkt war,
olieb es in Deutschland nicht nur in alter Kraft bestehen, sondern
bildete sich zu immer schlimmerem Zunftzwange aus. Während das
Eingreifen eines Colbert zur Förderung der Industrie höchst segensreich
 wirkte, verkümmerten die Monopolisierungen in dem zersplitterten
Deutschland durch die Unzahl kleiner Herrscher das gesamte Gewerbewesen
 in wachsendem Maße. Die schlimmsten Folgen ergaben sich
aber in Spanien, wo all die merkantilistischen Eingriffe in extremstem
Maße zur Durchführung gelangten. Die künstliche Anhäufung der Edelmetalle
 im Lande entwertete dieselben in der außerordentlichsten
Weise, so daß in den Cortes schon 1594 geklagt wurde, daß der
Wert des Geldes auf den fünften Teil gesunken sei. Infolgedessen
reichten die bisherigen Beamtengehälter zum Leben absolut nicht aus,
und die Folge war eine grenzenlose Korruption der Beamten. Die
extremen Vorschriften zur Knebelung von Handel und Gewerbe waren
nicht durchzuführen und wurden daher infolge Bestechung offenkundig
umgangen. Obgleich bei Todesstrafe das Einlaufen fremder Schiffe
in den drei spanischen Häfen, die für den Verkehr mit den
Kolonien reserviert waren, verboten war, wurden auf einmal 160
fremde Schiffe in einem Hafen mit Beschlag belegt, die unter
falscher Flagge segelten. Die unglaubliche Verschwendung des Hofes
brachte das Land in Schulden und nötigte zu den schärfsten und
selbst unvernünftigsten Steuermaßregeln, so daß man in den Cortes
klagte: wie solle man Handel treiben, wenn man von 1000 Dukaten
Kapital 300 Dukaten Abgaben zahlen müsse, Die Härte der KEintreibung
 war eine um so schlimmere, als ein großer Teil der Steuern
verpachtet war. Gleiches war auch in Frankreich und in Deutschland
zu finden.

Schlimme
Folgen des
Merkantilsystems
 für
die Volkswirtschaft.
        <pb n="330" />
        — 312 —

Opposition Es war begreiflich, daß sich gegen diese Staatspraxis, wie gegen
gegen den die Theorie, welche diese unterstützte, eine wachsende Opposition regte,
Folizeistaat. gig gerade in den besseren Verhältnissen in England eine besondere
Stütze erhielt, wo man sich von jenen Schranken mehr und mehr
emanzipiert hatte, und Frankreich war der Boden, auf dem diese
Opposition erst in der Theorie, dann in der Praxis eine wirksame
Bedeutung erlangte.
Wie Jean Jacques Rousseau das Gekünstelte in der Bildung
seiner Zeit geißelte und in der Umkehr zum natürlichen Zustande der
Menschheit das Heil suchte, um sich von der vorliegenden Unnatur zu
befreien; wie Voltaire und Diderot sich gegen den übermäßigen
Zwang der Kirche auflehnten; wie Mirabeau und Montesquieu
gegen den Absolutismus der Monarchie Front machten, so entwickelte
sich in Frankreich ein neues nationalökonomisches System, welches
gegen die Unnatur des wirtschaftlichen Zwanges auftrat, befürwortete,
 damit tabula rasa zu machen und einmal zu versuchen,
ob sich nicht die Verhältnisse sehr viel besser zu entwickeln vermöchten,
 wenn man sie völlig sich selbst überließe und jede Staatseinmischung
 vermiede. Man ging wesentlich über das Ziel hinaus, in
der Meinung, daß eine Verschlimmerung der Zustände unmöglich, und
die erste Aufgabe sei, mit dem unerträglichen Wust polizeilicher Bevormundung
 gänzlich aufzuräumen, um auf Grund der Freiheit ein neues
Gebäude zu errichten. Diese Lehre ist als die physiokratische bekannt.

8 92.
Das physiokratische System.
G&amp;amp;. Kellner, Zur Geschichte des Physiokratismus. Göttingen 1847.
Eug. Daire, Economistes financiers du XVIIL Sidcle. Paris 1843.
A. Oncken, Oeuyres 6conomiques et philosoph. de F, Quesnay, Frankfurt a. M.
und Paris 1888.
Ders. in_d. Zeitschrift für Litteratur und Geschichte der Staatswissenschaften
v. Frankenstein, Ludwig XVI. und das physiokrat. System, 1893. Entstehen und
Werden der physiokrat. Theorie, 1896,
a &amp;amp;. ‚Bauer, Zur Entstehung der Physiokratie. Jahrb. £. Nationalökon. N.F.,,

Boisguille
bert.

Vauban.

Schon im 17. Jahrhundert regte sich die Opposition gegen die
merkantilistischen Grundanschauungen. Ein Hauptvertreter war Pierre
Boisguillebert, besonders in seinen Schriften Detail de la France
sous le rögne prösent, 1697, und Dissertation sur la nature des richesses,
de Vl’argent et des tributs. Er wendete sich energisch gegen die Ueberschätzung
 von Handel und Industrie gegenüber der Landwirtschaft
und stellte dem Colbertismus das ältere System Sullys gegenüber.
Der Reichtum eines Volkes bestünde nicht im Gelde, sondern in den
Gebrauchsgegenständen, die hauptsächlich durch die Gewerbe der Roh.
produktion geliefert werden. Diese könnten aber nur bei wirtschaft«
licher Freiheit gedeihen, welche die natürlichen Gesetze wirtschaftlichen
Lebens zur Geltung kommen lasse, Er weist bereits darauf hin,
daß eine ganze Klasse der Bevölkerung, besonders der Adel, nichts für die
Hebung des Wohlstandes thue, während die produktivste, der Bauernstand,
die gedrückteste sei und unter den traurigsten Verhältnissen lebe,
Ihm schloß sich der Marschall Vauban (1633—1707) in seinem
„Project d’un dixme royal“ 1707 an, der für die Hebung der unteren
Klassen und besonders des Bauernstandes eintrat, vor allem die
        <pb n="331" />
        — 313 —

drückenden und ungerechten indirekten Steuern zu beseitigen trachtete
und sie durch eine einzige Steuer, einen Zehnten von den landwirtschaftlichen
 Produkten, wie von dem Ertrage von Handel und Industrie
ersetzen wollte,
Der Hauptvertreter des Physiokratismus war aber Francois
Quesnay (1694—1774), der Leibarzt Ludwigs XV., der besonders
durch sein „Tableau &amp;amp;eonomique“ (Versailles 1757) ein eigenes wissenschaftliches
 System aufstellte und methodisch begründete, welches dem
merkantilistischen diametral entgegengesetzt war und trotz seiner Paradoxien
 dadurch einen größeren Einfluß zu gewinnen vermochte, daß
es die Verkehrtheiten der bisherigen Regierungsmaximen rückhaltslos
aufdeckte und dafür einen natürlichen Weg zeigte, der leichter zum
Ziele führen konnte.
Die Grundlage seiner Lehre ist die schon bei Boisguillebert
angedeutete Behauptung, nur die Gewerbe der Rohproduktion vermögen
den Volkswohlstand zu heben. Nicht das Geld macht den Reichtum
aus, es wird nur in beschränkter Quantität gebraucht und verliert an
Wert, wenn es im Ueberfiluß vorhanden ist. Der Wohlstand wird
vielmehr durch den Vorrat an Gebrauchsgütern bestimmt, wie sie die
Gewerbe der Rohproduktion liefern. Auch die Thätigkeit des Handwerkers
 und Kaufmannes ist nützlich und nicht zu entbehren, aber sie
efern nicht neue Güter, wie vor allem die Landwirtschaft durch die
Naturkraft des Bodens; wohl erhöhen sie durch Arbeit den Wert der
tegenstände, aber sie verbrauchen dafür das Rohmaterial und verwenden
 weitere Güter zum eigenen Unterhalt, wodurch der Wert ihrer
Arbeit absorbiert wird, sie erlangen keinen Ueberschuß an Werten,
was der Landwirtschaft allein vorhehalten ist, die den produit net
liefert, durch den allein der Volkswohlstand gehoben werden kann.
Aus diesem landwirtschaftlichen Reinertrage, den die Klasse der Bauern
schafft, wird die Klasse der Grundbesitzer unterhalten, wie der Inlustrie
 das Rohmaterial geliefert und der ganzen Bevölkerung die
Nahrungsmittel. Alle Aufwendungen des Staates können nur aus
dieser Quelle gedeckt werden, auf der deshalb alle Steuern beruhen.
Auch diejenigen, welche von Handel und Industrie erhoben werden,
{allen auf die Landwirtschaft zurück. Es ist deshalb richtiger, die
Staatskasse allein durch eine einzige Steuer zu füllen, die von der
Landwirtschaft direkt erhoben wird. also in der Form einer einzigen,
allgemeinen Grundsteuer.
Die Landwirtschaft aber kann nur gedeihen, wenn ihr der Vertrieb
 ihrer Produkte frei gegeben wird, damit sie den Preis erhalten,
der den Verhältnissen entspricht. Der Kaufmann wird durch seinen
sigenen Vorteil dazu gebracht, die Waren dort zu kaufen, wo sie
im Ueberfluß vorhanden und daher billig sind, um sie dorthin zu
führen, wo Mangel daran vorliegt und sie deshalb teuer sind. Sein
Privatinteresse steht mit dem der Gesamtheit in Harmonie. Ebenso
liegt aber auch die Sache im internationalen Verkehr, indem die
Staaten nach ihren natürlichen Verhältnissen sich gegenseitig zu unterstützen
 bestimmt sind. Daher ist es die Aufgabe, alle künstlichen
Hemmnisse zu beseitigen, wirtschaftliche Freiheit herzustellen. In der
Volkswirtschaft walten natürliche Gesetze wie in der Entwickelung des
tierischen und menschlichen Organismus. Sich selbst überlassen
bringen diese Gesetze die beste Förderung für die Gesamtheit mit sich,
die Regierung vermag wohl zu hemmen und zu stören. aber nicht zu

Quesnay.
        <pb n="332" />
        „ 314 —

GdournaYy.

Die thatsächlichen
 Verhälfnisse.


fördern. Ihre Aufgabe geht deshalb nur dahin, alle Hemmnisse zu
beseitigen, natürliche Verhältnisse herzustellen, die Natur auch im
wirtschaftlichen Leben herrschen zu lassen. Daher stammt der Name
Physiokratie, und der Hauptsatz, durch den die Lehre nachhaltige
Bedeutung gewonnen hat, liegt in der Direktive „laissez faire, laissez
yasser, le monde va de lui möme“.
Dieses neue System erregte in Frankreich außerodentliches Aufsehen
 und fand dort sehr ausgedehnte Zustimmung. In gleicher Richng,
 in der Hauptsache schon vor Quesnay, trat Vincent Gournay
“1712—1759), Intendant der Handelskammer, in einer Reihe von Schriften
auf. Im freien Handel wird nach seiner Ansicht stets das vernünftige
Privatinteresse mit dem Gesamtinteresse verbunden. Er räumt übrigens
der Industrie produktive Kraft ein, weicht also damit von Quesnay ab.
Ein bedeutender Anhänger der physiokratischen Lehre war der ältere
Mirabeau. Im Grunde auf demselben Boden stand der zeitweilige
Finanzminister Turgot in seinen Röflexions sur la formation et la
distribution des richesses, 1766, der sich aber ebenso wie Colbert
von den Extravaganzen des Colbertismus, von denen des Physiokrasismus
 fernhielt und nicht mit Unrecht als ein Vorläufer, besonders
Vorarbeiter des Adam Smith bezeichnet ist. Die oben erwähnte
Schrift hat er in klassischer Form zum Unterricht für zwei Chinesen
yeschrieben, die in ihre Heimat zurückgekehrt für Frankreich wirken
sollten. Turgot zeigt sich zunächst als Schüler Quesnays, indem er
die Gesellschaft in drei Klassen teilt; 1. die produktive, d. s. die
Bauern, 2. die unproduktive, d. s. die Industriellen und Handwerker,
3. die disponible Klasse der Grundbesitzer, Rentiers und Beamten.
Auch nach ihm liefert nur die Landwirtschaft Ueberschüsse. Dagegen
zeigt er sich freier, umsichtiger und seiner Zeit voraus in der
Würdigung der Arbeitsteilung, des Geldes, des Kapitals und Lohnes,
wo er vielfach schon Lehren aufstellte, die später erst durch Adam
Smith und Ricardo allgemeine Verbreitung erlangt haben.
Sehr segensreich hat Turgot 13 Jahre als Intendant in Limoge
gewirkt. Unter Ludwig XVI. zum Finanzminister berufen, griff er
wohl zu tiefgehend und energisch die allerdings nötigen Reformen an,
um der bisherigen Verschwendung zu steuern, was ihm übermäßige
Feindschaft zuzog. Erfolgreich hatte er mit der Herstellung der Handelsreiheit
 für Getreide begonnen, Er dekretierte auch die Beseitigung
Jer Zünfte, setzte sie aber nur vorübergehend für Paris durch. Die
zroßen Hoffnungen, die von vielen Seiten auf seine Berufung gesetzt
vurden, gingen nicht in Erfüllung.
Die Anschauungen des Physiokratismus sind naturgemäß aus den
Verhältnissen der Zeit erwachsen. Anfang der zwanziger Jahre hatte
in Frankreich der Schotte John Law das Experiment gemacht,
durch eine kolossale Vermehrung des Geldes vermittels Notenemission
 den Wohlstand des Landes zu heben. Der klägliche Zusammenbruch
 seines Unternehmens hatte ebenso deutlich die Unhaltbarkeit
der merkantilistischen Lehre vom Gelde erwiesen, wie die Verarmung
 Spaniens trotz der Anhäufung der Edelmetalle im Lande, Das
Elend der Bauern und in der Hauptsache auch des Handwerkerstandes
in Frankreich trotz der merkantilistischen Praxis zeigte deutlich, daß
sie nicht gehalten, was man von ihr erwartet hatte. Quesnay war
auf dem Lande aufgewachsen und hat sich eine besondere Vorliebe für
die Landwirtschaft sein ganzes Leben hindurch bewahrt. Schon im
        <pb n="333" />
        — 315 —

jugendlichen Alter hatte er sich in einem Artikel „Grain“ über die Begünstigung
 der Manufakturen auf Kosten des Ackerbaues beklagt und
darzulegen gesucht, daß dieser traurige Zustand hauptsächlich künstlich
durch die unnatürliche Gebundenheit des Bauern herbeigeführt sei. Es
war deshalb wohl erklärlich, daß das Zurückgreifen auf die Landwirtschaft,
 als der eigentlichen Basis für die Volkswirtschaft, allgemeinen
Anklang fand. Wir haben das Unnatürliche und Geschraubte des
damaligen Polizeistaates auseinandergesetzt. Kein Wunder, wenn man
in der völligen Beseitigung aller Schranken eine Erlösung sah, von
der nur eine Besserung, aber keine Verschlimmerung zu erwarten
3el. Kins der größten Uebel der Zeit war die Steuererhebung. Zum
großen Teile war sie indirekter Natur, und wurde von dem Umsatze
der hauptsächlichsten Nahrungsmittel im Inlande erhoben. Ein Teil
der Steuern pflegte Steuerpächtern überlassen zu sein, die mit der
größten Rücksichtslosigkeit die Eintreibung bewirkten und die Bevölkerung
 nach allen Richtungen hin schädigten. Der Gedanke
einer Beseitigung dieses Krebsschadens und des Ersatzes durch eine
einzige allgemeine Grundsteuer mußte deshalb als ein wirklicher Fortschritt
 begrüßt werden. Eine praktische Bedeutung hat aber gerade
dieser Vorschlag als Konsequenz des ganzen Systems niemals erlangt.
Ein Versuch ist damit in drei Gemeinden in Baden gemacht. Die
Klagen über die unerträgliche Last waren aber so bedeutend und wurden
bald als so berechtigt anerkannt, daß man sich nach kurzer Zeit zur
Beseitigung genötigt sah.
Eine nachhaltige Bedeutung hat die physiokratische Lehre dagegen
in der Aufstellung des Freihandelsprinzips gewonnen, welches namentlich
 in England noch in demselben Jahrhundert einen weitgehenden
Ausbau und feste Begründung erlangte,

8 93.
Die Vorläufer des Adam Smith.

M. Klemme, Die volkswirtschaftlichen Anschauungen David Humes. Jena 1900.
Hasbach, Untersuchungen über Ad. Smith und die Entwickelung der nnolischen
 Oekonomie. Leipzig 1891.
Hatte in Frankreich Turgot sich mehr und mehr von den Einseitigkeiten
 des Merkantiliemus sowohl wie des Physiokratismus emanzipiert,
 so geschah dies noch viel mehr in England, wo man bei der
hohen Bedeutung von Handel und Industrie in jener Zeit naturgemäß
vor einer Unterschätzung derselben und einer Ueberschätzung der
Landwirtschaft der Quesnayschen Schule bewahrt blieb. Die englischen
 Philosophen haben sich, wie Hobbes und Locke, von jeher
in besonderer Weise mit nationalökonomischen F ragen beschäftigt.
dasbach hat außerdem auf die Naturrechtslehrer Hugo Grotius
and Pufendorf, dann Christian Wolff aufmerksam gemacht,
welche einzelne nationalökonomische Fragen behandelt haben, die von
Adam Smith verwertet sein können. Besonderen Einfluß haben
aber naturgemäß seine Lehrer Hutcheson und David Hume auf
ihn gehabt. Bei Ersterem finden wir die Arbeit als geeignetstes
Preismaß aufgestellt. Seine Erörterungen über den Zins sind von
aachhaltigem Werte gewesen, (Ganz besonders kommt hier aber
David Hume in Betracht, der zugleich ein langjähriger intimer
Freund des Begründers unserer Wissenschaft gewesen ist. mit dem er

Aume.
        <pb n="334" />
        — 316 —

HAHAumes
Geldtheorie,

viele Jahre in dem regsten Austausch gestanden hat und daher unsere
Beachtung in hervorragendem Maße verdient. Die Gesamtausgabe
seiner Werke ist von Green und Große, London 1889 veranstaltet.
Für uns sind besonders wichtig die 1752 erschienenen „Political discourses“,
 Er nimmt, man könnte sagen, eine moderne Stellung ein,
indem er die Arbeitsamkeit als die Grundlage alles Reichtums hinstellt.
Je größer der Arbeitsvorrat (stock of labor), um so größer auch die
Macht und der Reichtum des Landes, Eben deshalb erkennt er auch
die Produktivität des Gewerbebetriebes und des Handels neben der
Landwirtschaft an, da in allen dreien die menschliche Arbeitskraft in
der gleichen Weise wirkt. Besonders ausführlich behandelt er die Bedeutung
 des Handels für den Nationalwohlstand und räumt dabei dem
auswärtigen Handel und dem Binnenhandel in dieser Beziehung die
gleiche Wirkung ein. Er zeigt, wie die Landwirtschaft erst da zur
Blüte gelangt, wo Manufakturen vorhanden sind, und hier der Binnenhandel
 notwendig als Mittelglied eintreten muß. Aus der Geschichte
antnimmt er den Nachweis, daß wiederum vielfach und besonders in
England der Handel mit dem Auslande der Entwickelung der Manu-Fakturen
 vorausgegangen ist und dieselbe erst angeregt hat.
Eine besondere Beachtung hat Humes Lehre vom Gelde erlangt,
 ohne daß er darin als ganz originell anzusehen ist, ebensowenig
wie seine Anschauungen als richtig anerkannt werden können. Im
Gegensatz zum Merkantilismus faßt er das Geld hauptsächlich als
Wertzeichen und Wertmaß auf, als Mittel zur Schätzung und Verzleichung
 von Waren und Arbeit. Er legt ihm deshalb eine unmittelbare
 Bedeutung für den Volkswohlstand nicht bei, es ist ihm „kein
Rad im großen Räderwerk des Verkehrs“, sondern das Oel, das die
Bewegung der Räder erleichtert, und damit unterschätzt er unzweifelhaft
 die wirtschaftliche Bedeutung desselben. Er bleibt damit sogar
‘inter Locke zurück, der den inneren Wert des Geldes in der darin
anthaltenen Quantität Edelmetalles sucht, während Hume einfach
beides identifiziert. In betreff des Geldwertes ist Hume Anhänger
der schon älteren, bereits von Bodinus im 16. Jahrhundert aufgestellten
 und auch von Locke vertretenen Quantitätstheorie. Das ge-3amte
 Quantum der in einem Lande existierenden Ware steht nach
ihm der Gesamtheit des vorhandenen Geldes gegenüber, womit jene
Waren gekauft werden können. Wird die Quantität des Geldes vermehrt,
 so wird dadurch die gesamte Kaufkraft desselben nicht verändert,
 dagegen die jedes einzelnen Teiles, also jedes Geldstückes
entsprechend verringert, bei einer Verminderung des Geldvorrates entsprechend
 gesteigert, während der gesamte Geldvorrat auch dann dieselbe
 Kaufkraft behält, so lange der Warenvorrat derselbe ist, der ihm
gegenübersteht. "Trotz der darin liegenden Kinseitigkeit zeigen diese
Lehren gegenüber den bisherigen einen außerordentlichen Fortschritt.

8 94.
Adam Smith.
Hasbach, Untersuchungen über Adam Smith und die Entwickelung der poliüischen
 Oekonomie. Leipzig 1891,
Zeyfs, Adam Smith und der Eigennutz 1889.
Leser, Der Begriff des Reichtums bei Adam Smith. 1874.
Cliffe Leslie, The political economy of Adam Smith, in Essays in political
and moral philosophy. 1879.
        <pb n="335" />
        — 317 —

Der eigentliche Begründer unserer Wissenschaft ist unzweifelhaft Leben und
der Schotte Adam Smith, auf dessen Persönlichkeit wir deshalb Werke.
stwas näher eingehen. Er wurde in dem Städtchen Kirkaldy in
Schottland als Sohn eines Zollkontrolleurs geboren und ist unter beachränkten
 Verhältnissen aufgewachsen. Nach Absolvierung der
unteren Schule seiner Vaterstadt gelangte er 1737 auf die Universität
Glasgow und von dort nach Oxford. Auf den Wunsch seines Vormundes
 studierte er zunächst Theologie, warf sich aber bald völlig
auf die Philosophie. Nach Beendigung seiner Studien kehrte er in
lie Heimat zurück und hielt von 1748—50 in Edinburgh öffentliche
philosophische Vorlesungen, besonders über Rhetorik und Aesthetik.
Da dieselben großen Erfolg hatten, wurde er 1751 an die Universität
Glasgow berufen, wo er besonders die Vorträge über Moralphilosophie
übernahm und sonstige philosophische Vorlesungen hielt. In dieser
Stellung, die er bis 1764 einnahm, hat er sein erstes Hauptwerk
„Theory of moral sentiments“ 1759 herausgegeben und in den Grundzügen
 sein späteres Hauptwerk ausgearbeitet und in seinen Vorlesungen
vorgetragen, 1762 wurde er von der Universität Glasgow zum Doctor
f Laws ernannt. Im Beginne des Jahres 1764 gab er seine Professur
auf, um den jungen Herzog Buccleugh als Mentor auf Reisen in
Frankreich und der Schweiz zu begleiten und in Toulouse und Paris
3inen längeren Aufenthalt zu nehmen. In dieser Zeit hat er Gelegenheit
 gehabt, mit den hervorragenden Nationalökonomen, namentlich
den Physiokraten, in nähere Beziehung zu treten, und wenn auch, wie
Hasbach richtig nachgewiesen hat, seine Anschauungen in der
Hauptsache schon vorher allseitig entwickelt und in den Vorlesungen
festgelegt waren, so hat er doch durch diesen Verkehr, wie durch die
physiokratischen Schriften, die bereits erschienen waren, sicher bedeutsame
 Anregung für sein großes Werk gewonnen. Im Oktober 1766
kehrte er nach England zurück und ließ-sich nach kurzem Aufenthalt
in London in seiner Vaterstadt nieder; dort arbeitete er sein bedeutsamstes
 Werk aus, welches 1776 unter dem Titel „Inquiry into the
aature and causes of the wealth of nations“ erschien. Noch zu seinen
Lebzeiten hat dasselbe eine große Zahl von Auflagen und Ueberzetzungen
 in die Hauptkultursprachen erfahren. Zur Herausgabe
seines Werkes hielt er sich 1775 bis 1776 wieder in London auf,
kehrte dann aber in seine Vaterstadt dauernd zurück. 1778 wurde er
Mitglied einer höheren Zollbehörde, wodurch ihm ein ausreichender
Lebensunterhalt gewährt wurde. Noch in demselben Jahre wurde ihm
lie Ehre zu teil, zum Rektor der Universität Glasgow gewählt zu
werden. Schon früh begann er zu altern und starb am 17. Juli 1790,
Außer dem erwähnten Werke hat er nur noch wenige kleine
Artikel geschrieben und nach Vollendung seines großen Werkes überhaupt
 nichts mehr erscheinen lassen. Alle seine Papiere, die er zur
Hand hatte, vernichtete er kurz vor seinem Tode, dagegen sind noch
seine Vorlesungen zunächst auf Grund der Nachschrift eines seiner
Schüler, Millard, und neuerdings nach einem aufgefundenen Manu-Skript
 publiziert. Der Titel dieses Werkes lautet: Ad. Smith, Lectures
 on justice, police, revenues and arms. Delivered in the University
 of Glasgow. Reported by a student in 1763 and edited with an
introduction and notes by Edwin Cannan, Oxford 1896. (S. auch
darüber Diehl. Jahrb.. 3. F.. Bd. XVIIL. 8. 244.)
        <pb n="336" />
        318

Die beiden Hauptwerke Smiths behandelten zwei Teile des
Cyklus seiner Vorlesungen, die mit der natürlichen Theologie begannen,
daran die Ethik, das Naturrecht und die Politik knüpften. Sein erstes
Werk behandelt den Gegenstand der Ethik, das zweite den größten
Teil der Politik. Wir haben es hier zunächst nur mit dem zweiten
zu thun und kommen nur am Schluß der Betrachtung auf das erstere
Werk noch zurück. .
Das Buch zerfällt in fünf Teile. Der erste behandelt hauptsächlich
 die Lehre vom Werte, vom Preise und von den Arten des Einkommens,
 der zweite die Lehre von der Produktion, der dritte die
verschiedenen Arten gewerblicher Thätigkeit, der vierte den Handel,
der fünfte die Finanzwissenschaft.
Irsachen des Wie es der Titel‘ des Werkes besagt, sucht Smith darzulegen,
Volkswohl- worin der Reichtum eines Landes besteht und wodurch er gefördert
standes, erden kann. Der Reichtum besteht nach ihm in den fortdauernd
neu erzeugten und zur Befriedigung der Bedürfnisse disponiblen
Gütern, wobei der Wert der Güter entscheidend ist. In der Volkswirtschaft
 kommt es nicht nur auf die natürliche Brauchbarkeit der
Gegenstände an, sondern wie die Güter im Tauschverkehre geschätzt
werden; also auf den Tauschwert. Auf Werterhöhung ist mithin die
wirtschaftliche Thätigkeit gerichtet, in Werterhöhung besteht die Produktion,
 und diese wird durch menschliche Arbeit bedingt. Die auf
die Hervorbringung eines Gutes aufgewendete Arbeit bestimmte ursprünglich
 allein den Wert desselben, und da bei Ausbildung der
Arbeitsteilung Jeder den größten Teil seiner Befriedigungsmittel der
Arbeit Anderer verdankt, so richtet sich der Tauschwert einer Ware
nach der Menge der Arbeit, die er damit eintauschen kann. Die
Arbeit ist somit der Maßstab des Tauschwertes und bestimmte ursprünglich
 den Preis der Ware. Auf höherer Stufe der Kultur, nach
Ausbildung des Privateigentums und der allgemeinen Anwendung des
Kapitals bei der Produktion zerfällt aber der Preis der Ware in
Arbeitslohn, Kapitals- und Grundrente, da auch für die mitbenutzten
Produktionsfaktoren Grund und Boden und Kapital an die Inhaber
derselben ein entsprechender Anteil abgegeben werden muß. Die
Arbeit kann nun durch Arbeitsteilung produktiver gemacht und der
Volkswohlstand gehoben werden, vor allem durch Verallgemeinerung
der Arbeit, resp. Einschränkung der nichtproduzierenden Bevölkerung,
wie sie besonders in den Mönchen, der übermäßigen Zahl von Dienstpersonal,
 wie auch Beamten zu Tage tritt; dann durch Sparsamkeit
und durch Einschränkung des Bedarfs, um Ueberschüsse zu erzielen
und die Kapitalsbildung zu fördern.
Arbeitslohn, Der Arbeitslohn findet in den notwendigen Lebensbedürfnissen
des Arbeiters die untere Grenze und richtet sich nach dem Verhältnis
der Nachfrage nach Arbeitskräften gegenüber dem Bestande derselben,
Die Nachfrage aber wird durch den Vorrat an Kapitalien bestimmt,
die Arbeitskräfte zu ihrer Verwertung gebrauchen, und dieser Vorrat
ist wiederum bestimmend für die Höhe des Kapitalzinses. Mit dem
zunehmenden Wohlstande und dem Anwachsen des Kapitales steigt
daher der Lohn und sinkt der Kapitalzins.
In der Wirtschaftspolitik kommt Smith zu demselben Ergebnis,
wie die Physiokraten, indem er davon ausgeht, daß in dem wirtschaftlichen
 Leben Naturgesetze walten, die man sich selbst überlassen
müsse, Das Selbstinteresse des Einzelnen führe ihn von selbst darı.
        <pb n="337" />
        - 319 —

so zu handeln, wie es der Gesamtheit förderlich sei. Der kurzsichtige
 Egoismus werde durch die Konkurrenz im Zaume gehalten;
sie könne aber nur allgemein zur Wirkung gelangen und günstig sein
bei wirtschaftlicher Freiheit. Deshalb sei es die Aufgabe des Staates,
die bisherigen unnatürlichen Schranken zu beseitigen. Sehr eingehend
 behandelt er die Schädlichkeit aller Monopole, die Uebermacht
 der großen Grundbesitzer, die gewerbliche Gebundenheit durch
die Zünfte, die Beschränkung des internationalen Handels durch
Prohibitiv- und Schutzzölle. Alle diese mittelalterlichen Schranken
seien zu beseitigen. Der Einzelne, der am besten beurteilen könne,
wo und wie seine Kräfte am zweckmäßigsten zu verwerten sind,
müsse auf die eigenen Füße gestellt und ihm die volle Freiheit der
Handlung gewährleistet werden, Außerdem fürchtet er, daß der Adel
und die Reichen, welche den größten Einfluß im Staate haben, diesen
überwiegend im eigenen Interesse verwerten und den Schwächeren
bedrücken. Er sucht mithin das Interesse aller Einzelnen zu vertreten
und zum Ausgangspunkte zu nehmen, Die Regierung faßt er nur als
Mittel auf, das Wohl der Einzelnen zu fördern, während in dem Staate
des polizeilich kameralistischen Zeitalters im Gegenteile sie als Selbstzweck
 hingestellt war, dem das Wohl der Unterthanen meist in der
schmählichsten Weise untergeordnet wurde. Dabei ist zu bemerken,
daß er die völlige wirtschaftliche Freiheit als ein zur Zeit noch unerreichbares
 Ideal ansieht und ausdrücklich Ausnahmen anführt, wo
Schranken durchaus am Platze sind,
In dem Verkehr mit dem Ausland verlangt er Freiheit, um internationale
 Arbeitsteilung durchzuführen, die ebenso bedeutsam sei, wie
die Arbeitsteilung im Innern des Landes, Jeder Staat müsse produzieren,
 wozu seine Verhältnisse ihn am besten eigenen, und von
anderen Ländern beziehen, was da billiger und besser geliefert werden
könne,
Adam Smith ist in der früheren Zeit vielfach sehr überschätzt
worden; man hat sein Werk der Bibel gleich gestellt und die darin
ausgesprochenen Lehren als ewige Wahrheiten bezeichnet, Er ist in
der neueren Zeit sehr allgemein erheblich unterschätzt, und man ist
ihm nicht gerecht geworden, weil man ihn nur von unserm gegenwärtigen
 Standpunkte beurteilte, nicht aber historisch aus seiner Zeit
heraus. Man hat ihn herabgesetzt, indem man nachzuweisen suchte,
daß seine Lehren nicht originell, sondern schon früher von anderen
ausgesprochen wären, und darin hat man in der Hauptsache recht.
Aber sein unsterbliches Verdienst liegt darin, daß er zuerst den Zusammenhang
 der wirtschaftlichen Vorgänge nachwies und ihnen ein
wissenschaftlich begründetes Prinzip zu Grunde legte, die verstreuten
Lehrsätze der früheren Schulen von ihren extremen Einseitigkeiten befreite
 und zu einem geschlossenen Ganzen zusammenfügte. Er war
insbesondere der Erste, dem es gelang, alle diese Lehren in einer leicht
faßbaren, überaus interessanten Form zur Darstellung zu bringen, besonders
 das allerdings mehr deduktiv aufgeführte Gebäude durch historische
 Daten und Erfahrungssätze so zu stützen, daß es leicht übersehen
werden konnte und völlig fest begründet erschien. Wo man ihm zu
scharfes Urteil, extrem einseitige Schilderung vorwerfen kann, handelt
es sich gerade um Sätze, welche die größten Schäden der Zeit am
klarsten hervorhoben und den Leser zwangen, ihnen besondere Aufmerksamkeit
 zu schenken: und gerade diesem Vorgehen verdankt er den

Kritik,
        <pb n="338" />
        390

durchschlagenden Erfolg, der noch größer im Auslande war, als in
England selbst, wo das ganze Staatswesen bereits von einem freiheitsicheren
 Geiste durchweht war. Ihm vor allem ist es zu danken, daß
noch Ende des 18. Jahrhunderts das Interesse für wirtschaftliche
Fragen ein allgemeines geworden ist, die Erörterungen auf einer gesunden
 Basis gepflogen wurden und gerade für jene Zeit eine segensreiche
 Richtung nahmen.
Man hat Adam Smith einseitigen Materialismus vorgeworfen,
da er das ganze wirtschaftliche Leben auf den Egoismus zurückführte
 und sein rücksichtsloses Walten als natürlich und notwendig anerkannte.
 Der Vorwurf ist ungerechtfertigt und nur möglich, wenn
man sein zweites großes Werk isoliert betrachtet, während es als eine
Fortsetzung des ersteren und somit im Zusammenhange mit jenem aufzufassen.
 ist. Dort hatte er in idealster Lebensauffassung die ethischen
Aufgaben der Menschen auseinander gesetzt, die in der Vebung der
Gerechtigkeit und Tugend zu sehen seien. Er geht auch davon aus,
laß man die natürlichen Triebe des Menschen walten lassen sollte, denn
den Menschen beseele eine natürliche „Sympathie“, der entsprechend der
Mensch den christlichen Grundsatz als den allein richtigen Maßstab
ansieht, den Fremden zu behandeln, wie man selbst behandelt zu sein
wünscht,
Wenn er in der Behandlung des wirtschaftlichen Lebens das Privatinteresse
 als die natürliche Triebfeder überall voraussetzt, SO versteht
 es sich von selbst, daß dieses nur innerhalb der von ihm selbst
aufgestellten Schranken der Gerechtigkeit vorausgesetzt wird, und
daß der Egoismus überall als durch die Sympathie gemäßigt angea0mmen
 wird.
Dagegen ist ihm mit Recht der Vorwurf zu machen, daß er viele
Ausführungen zu unbestimmt gelassen hat, dadurch zu Mißverständnissen
 und schiefen Auffassungen Anlaß gab, um so mehr, als ihm
mancherlei Widersprüche nachzuweisen sind. Wenn man aber erwägt,
daß es sich um einen ersten Anlauf auf noch völlig ungeebneten Wegen
handelt, so wird man das begreiflich finden. Er hat ferner unzweifelhaft
 den Staat in seiner Bedeutung und seinen wirtschaftlichen Aufgaben
unterschätzt. In einer Zeit, wo es galt, den Uebergriffen der Staatszewalt
 entgegenzutreten, war es geboten, diesem durch Ueberspannung
des Bogens entgegenzuwirken, Er wirkte allerdings auf eine Atomisierung
der Gesellschaft hin, indem er den Einzelnen mit seinen Lebensansprüchen
in den Vordergrund stellte und Jeden sich selbst überlassen wollte. Aber
auch dieses mußte in jener Zeit die erste Forderung sein, um normale
Verhältnisse herbeizuführen. Er selbst zeigt durch die von ihm aufgestellten
 Ausnahmen, daß er stets geneigt, den thatsächlichen Verhältnissen
 Rechnung zu tragen, und auf dem Boden der Gewerbefreiheit
 würde er sicher auch dem Staate andere Aufgaben gestellt
haben. Die ihm vorgeworfenen Einseitigkeiten treffen hauptsächlich
3eine Schüler, die nach allen Richtungen hin über den Meister hinausgingen.

Um aber die Wirkung des Smith’schen Werkes richtig zu verstehen,
 haben wir vor allem einen Blick auf die wirtschaftlichen Verhältnisse
 nach dem Erscheinen seines Werkes zu werfen.
        <pb n="339" />
        321

8 95.
Die wirtschaftlichen Verhältnisse am Ende des 18. und
zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Ad. Held, Zwei Bücher zur sozialen Geschichte Englands. Leipzig 1880.

Zwischen England und dem europäischen Kontinent ist in der in
Betracht zu ziehenden Zeit ein gewaltiger Unterschied zu machen. In
dem ersteren Lande hat der Grundherr niemals die unbeschränkte
Macht über den Bauern gehabt, wie in Frankreich und Deutschland.
Der König hat dort stets unmittelbar seine schützende Hand über dem
Bauern gehalten und damit die Bedrückung verhindert, wie sie auf den
Kontinent stattfand. Ebenso haben die Städte und Zünfte in England
niemals die Unabhängigkeit gehabt, wie bei uns, sondern die letzteren
sind stets der Krone konzessionspflichtig gewesen und haben auch deshalb
 niemals zu dem Zunftzwange ausarten können, wie das hier der
Fall gewesen ist. Während des 18. Jahrhunderts verloren allmählich
 die zünftlerischen Schranken auch für das Handwerk ihre
Bedeutung, während neben dem. Handwerk in der zweiten Hälfte des
Jahrhunderts Hausindustrie und Fabrikbetrieb eine überwiegende
Stellung erlangten. Die Ausführungen Adam Smiths selbst, z. B.
über die Arbeitsteilung in der Nadelfabrikation, zeigen, daß der
maschinelle Betrieb schon erheblichen Umfang gewonnen hatte, und
dieser war frei von allen Schranken. Aus Parlamentsberichten geht
hervor, daß schon 1738 in der Leinwandindustrie sehr ausgedehnt
Kinder und Weiber beschäftigt wurden. Ebenso 1768 in der Seidenindustrie,
 wo die Arbeiter in Coventrie, die Meister in London lebten,
and schon Anfang des Jahrhunderts wurde die Seidenindustrie in geschlossenen
 Fabriken betrieben. In der Mitte des 18, Jahrhunderts lag
der Schwerpunkt in der Hausindustrie, während der Handwerkshetrieb
ganz zurückgedrängt war. .
Seit Cromwells Navigationsakte hatte sich der internationale
Handel außerordentlich gehoben, aber der Binnenverkehr war noch
wesentlich erschwert. Im Beginne des 18, Jahrhunderts wurden die
Warenversendungen zu Lande noch allgemein durch Packpferde bewirkt.
Noch in der Mitte des Jahrhunderts brachte man auf diese Weise die
Waren aus Sheffield. nach London; erst dann kamen die Wagentransporte
auf; aber .im Winter waren in einiger Entfernung von London die
Straßen meist unfahrbar. 1765 begann dann durch J. Metcalf der
künstliche Wegebau, und zur selben Zeit wurden überall Kanäle durchzeführt,
 während die Schiffbarmachung der Flüsse schon seit 1699
größeren Umfang angenommen hatte. Das waren die Grundlagen, durch
welche England in der Lage war, die Erfindungen der zweiten Hälfte
des Jahrhunderts sofort in größerer Ausdehnung zu verwerten. In den
sechziger Jahren begannen dann die großen Erfindungen. 1765 erfand
der Spulmacher Highs die erste Jenny, welche 6 Spindeln zugleich
in Thätigkeit setzte, bald darauf 25. 1767 verbesserte Hargraves
die Jenny erheblich, während derselbe Highs die „Waterframe“ erfand,
eine stärkere Maschine, die durch Wasser oder Dampf betrieben wurde
und haltbares Kettengarn aus Baumwolle lieferte, während bisher nur
Leinengarn als Ketten gebraucht wurde. Zugleich war damit die Produktion
 im Großen in Fabriketablissements mittelst Motorkraft angenahnt,
 und der Barbier Arkwright war es, der sich der Erfindungen
ANonrad. Grundrifs der nolit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl. »

England.

Die Erfindungen.
        <pb n="340" />
        — 322 —

Frankreich.


bemächtigte, sie sich patentieren ließ und den Fabrikbetrieb im Großen
einrichtete. Kurze Zeit darauf wurde die Krempelmaschine erfunden,
und 1757 stellte Samuel Crompton die Mule her, die eine Verbindung
 der Jenny mit der Waterframe bildete. 1790 wurde dann der
wesentliche weitere Schritt gethan, den Dampf an Stelle der Wasserkraft
 in den Dienst der Fabrik zu stellen, und damit war der GroBbetrieb
 inauguriert. 1785 trat er bei dem Maschinenbetrieb in der
Weberei an die Seite der Spinnerei. Der Geistliche Cartright
stellte 1785 einen durch Motorkraft bewegten mechanischen Webstuhl
her, was 1790 zur ersten Dampfweberei führte, die zwar nicht gedieh,
aber bald erfolgreichere Nachfolgerinnen erhielt; besonders nach der
Verbesserung durch Thomas Johnsons Erfindung der Dressingframe,
wodurch ein Kind zwei Webstühle bedienen konnte, 1818 gab es in
Lancashire 14 mechanische Webereien mit 2000 Webstühlen, 1821 bereits
 32 Fabriken mit 5700 Webstühlen. 1830 gab es in England
and Schottland noch eben so viele Handwebstühle, wie 1820, die Zahl
der Maschinenwebstühle war aber in jenen 10 Jahren von 14000 auf
55000 gestiegen. Von 1760—70 begann man die Steinkohle zum Ausschmelzen
 des HEisens zu benutzen. Infolge dieser Entwickelung
nahm vor allem der Kohlenbergbau, dann die Eisenindustrie einen
rapiden Aufschwung.
Unter diesen Verhältnissen schwanden die letzten inneren zünftlerischen
 und sonstigen Schranken, auch bevor die Gesetzgebung sie beseitigt
 hatte. Nur noch ein extremes Schutzzollsystem erhielt sich,
welches erst in den vierziger Jahren gemäßigt, in den sechzigern beseitigt
 werden sollte,
Die Entwickelung der Großindustrie gewährte sofort den Unternehmern
 im großen Ganzen außerordentliche Reichtümer und zog
massenhaft die ländliche Bevölkerung in die Städte, Eine Menge Grundbesitzer
 gaben ihren Grund und Boden auf, der mehr und mehr in der
Hand der alten Aristokratie, sowie der neuen Geldaristokratie konzentriert
 wurde. Die Arbeiterbevölkerung aber hatte zunächst keinen
Vorteil von der allgemeinen Entwickelung; die Löhne blieben niedrig
ınd verloren durch die Preissteigerung aller Lebensmittel erheblich an
Kaufkraft, so daß die Ansprüche an die Armenkasse fortdauernd
stiegen. Immer massenhafter wurden Kinder und Frauen in die Fabriken
hineingezogen und in extremer Weise ausgebeutet. Auch hier trat erst
un Umschwung in den dreißiger Jahren durch das Eingreifen der Gesetzgebung
 und die Organisation der Arbeiter ein.
Während so in dem britischen Reiche die Umgestaltung des Wirtschaftslebens
 sich um die Wende des Jahrhunderts allmählich vollzog,
and die Gesetzgebung, wie es England eigentümlich ist, soweit sie nicht
mehr den Verhältnissen entsprach, einfach außer Anwendung gesetzt
wurde, brach in Frankreich bekanntlich in dem letzten Dezennium des
L8. Jahrhunderts die politische Revolution los, die zunächst einen nachseiligen
 Einfluß auf die Volkswirtschaft ausüben mußte. Die gutsherrlich-bäuerlichen
 Verhältnisse wurden (4. August 1789 und 15. März 1790)
abenso wie alle zünftlerischen Rechte 2, März 1791 aufgehoben, nur
für die letzteren wurde eine teilweise Entschädigung für die eingebürgerten
 Kaufgelder der Zunftämter gewährt. Damit war die freie
wirtschaftliche Bewegung hergestellt. Der Bauer konnte seine Kräfte
ganz dem eigenen Lande widmen und über seinen Grund und Boden
frei verfügen. Durch das freie, gleiche Erbrecht wurde aber die Zer-
        <pb n="341" />
        — 38993 —

stückelung des Landes ausdrücklich begünstigt. Durch die Konfiskation der
Güter der Kirche und zum großen Teil auch des Adels unter Hinzuziehung
des Domanialbesitzes konnte die Zahl der Bauernstellen außerordentlich
vermehrt werden. Damit war dem Aufblühen der Landwirtschaft eine
bedeutsame Anregung gegeben, die allerdings erst nach Beendigung der
napoleonischen Kriege zur Wirkung gelangen konnte. Ebenso wirkte die
Gewerbefreiheit erst allmählich in dem folgenden Jahrhundert. Aus Mangel
an Geldmitteln konnte die Anwendung der Maschine erst erheblich später
als in England eine allgemeinere werden, und da in den übrigen Ländern
wegen der Beibehaltung der alten Schranken die Entwickelung noch viel
langsamer vor sich ging, mußte England einen außerordentlichen Vorsprung
 vor dem Kontinent gewinnen, der bei einer fortgesetzten Handarbeit
 mit den englischen Maschinen nicht konkurrieren konnte, so
daß England sich bis tief in das 19. Jahrhundert auf Kosten der
übrigen Welt bereicherte. War so im Innern des Landes in Frankzeich
 die wirtschaftliche Freiheit durchgeführt, so behielt man eben
wegen jener Uebermacht Englands ein strenges Schutzzollsystem bei.
Deutschland blieb im größten "Teile noch bis tief in das neunzehnte
 Jahrhundert in dem mittelalterlichen Fahrwasser. Nur Preußen
ging bekanntlich unmittelbar nach der Katastrophe von Jena durch die
Stein-Hardenbergsche Gesetzgebung in liberaler Richtung vor,
and es unterliegt keinem Zweifel, daß die physiokratischen und Adam
Smithschen Lehren darauf von großem Einfluß gewesen sind. Waren
doch Männer wie Schön und Thaer, die dabei eine wesentliche
Rolle spielten, ausgesprochene, begeisterte Schüler des Adam Smith.
Die Jahre 1807 und 1810 brachte dem preußischen Bauern die persönliche
 Freiheit; 1811 wurde mit den Zunftprivilegien aufgeräumt,
so daß wenigstens gegen 40 Jahre hindurch die Gewerbefreiheit zur
Geltung kam. Durch das Gesetz vom 14. September 1811 wurde die
Regelung der gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse auf Grund von
Entschädigungszahlung und durch Vermittelung der Staatsgewalt auszesprochen,
 welches durch das Gesetz von 1821 eine weitere wesentliche
 Ergänzung erhielt; und der Zolltarıf von 1818, namentlich durch
seine epochemachende Begründung, stellte sich prinzipiell auf den freihändlerischen
 Boden, So war hier nicht auf dem Wege der Revolution,
sondern der Reform durch die Staatsgewalt dem Geist des Smithianismus
Rechnung getragen, dem das übrige Deutschland erst in späteren Dezennien
 nachfolgte. Sehr lehrreich und bedeutsam ist es dabei zu sehen,
wie sich die Verhältnisse in Deutschland trotz der Verschiedenheit der
Gesetzgebung ziemlich gleichmäßig entwickelten. Auch in dem übrigen
Deutschland nahm die Landwirtschaft einen Aufschwung, während
Handwerk und Fabrikbetrieb trotz der Gewerbefreiheit in Preußen
mehrere Dezennien hindurch zu einer hervorragenden Blüte nicht zu
gelangen vermochten. Es fehlte hier noch in viel höherem Maße als
in Frankreich an den Kapitalien, vielfach auch an dem nötigen Unternehmungsgeist,
 der Gesamtheit der Bevölkerung an der nötigen Reife,
um die Zeitverhältnisse richtig zu verwerten. Das ist ein beachtenswerter
 Beleg, daß man die Wirkung der staatlichen Institutionen auf
das wirtschaftliche Leben nicht überschätzen darf, weder in positiver
aoch auch in negativer Hinsicht. Eine energisch aufstrebende Bevölkerung
 weiß sich über eine hemmende Gesetzgebung hinfortzusetzen,
3ine schlaffe dagegen weiß freiheitliche Institutionen nicht zu verwerten
 und folgt nicht der gebotenen Anregung.

Deutsch.
land.
        <pb n="342" />
        - 324

$ 96,
Die Pessimisten.
a) Robert Malthus.

Das Malth
 us’sche
Bevölkerungsgesetz.


Die Adam Smithsche Beurteilung der Kulturentwickelung war
eine wesentlich optimistische gewesen für den Fall, daß man zur wirtschaftlichen
 Freiheit überging. Man hatte dieselbe in der Hauptsache
in England Ende des 18. Jahrhunderts erreicht. Handel und Gewerbe
waren in noch nie dagewesener Weise gestiegen, gleichwohl zeigte sich,
wie erwähnt, in der großen Masse der unteren Bevölkerung Not und
Elend, und wenn dasselbe sich auch nicht vergrößert haben mochte,
so trat es in den wachsenden Städten sichtlicher zu Tage, und der
Gegensatz zu dem wachsenden ‚Reichtum der Unternehmerklasse war
arheblich verschärft. Infolge dieser Beobachtung unternahm es ein Geistlicher,
 Thomas Robert Malthus (1766—1834), die Ursachen dieser
Erscheinung zu ergründen, und er legte seine Anschauungen in einer
Schrift nieder: „An essay on the principle of population as its effects
the future improvement of society. London 1798“, Da die darin sehr
schroff ausgesprochenen Anschauungen nur eine kurze und unvollkommene
 Begründung erfahren hatten und deshalb vielseitige scharfe
Anfeindungen hervorriefen, sah sich der Verfasser veranlaßt, einige
Jahre darauf eine wesentlich erweiterte Ausgabe zu veranstalten, unter
äem Titel: „An essay on the principle of population or a view of its
past and present effects on human happiness etc, 1803“ in zwei Bänden.
Dieses ist die maßgebend gewordene Schrift, die bis zum heutigen
Tage ihre Bedeutung behalten hat.
Sowohl von den Merkantilisten wie den Physiokraten war den Zeitverhältnissen
 entsprechend eine starke Bevölkerung als die Grundlage
für Macht und Wohlstand angesehen, und deshalb die Förderung der
Volksvermehrung als wesentlich wünschenswert hingestellt. Auch
Adam Smith mußte diesen Standpunkt als gerechtfertigt anerkennen,
wenn er auch mit mehreren der Physiokraten künstliche Maßregeln der
Staatsgewalt, wie sie die Merkantilisten forderten, verwarf. Vielmehr
setzte er als selbstverständlich voraus, daß die Volkszunahme von
selbst größere und ausreichende Dimensionen annehmen würde.
Malthus stellte sich auf den entgegengesetzten Standpunkt, indem er
behauptete, daß in der Bevölkerung nach einem Naturgesetze fortdauernd
 die Tendenz vorliege, sich in einem stärkeren Maße zu vermehren,
 als es für die wirtschaftlichen Verhältnisse angemessen sei,
und dadurch stets die Gefahr einer Uebervölkerung vorliege. Es ist
die Auffassung, welche Charles Darwin, wie er es selbst erklärt,
die Anregung zu seiner Lehre von der natürlichen Zuchtwahl in der
Tierwelt gegeben hat. „Verschwenderisch“, sagt Malthus, „sät die
Natur in allen organischen Reihen den Samen des Lebens aus, sparsam
ist sie in der Anweisung der Nahrung. Die Keime, welche die Erde
jährlich gebiert, vermöchten, wenn ihnen eine allseitige Entwickelung
gestattet wäre, Millionen von Welten in wenig Jahrhunderten zu erfüllen;
aber das eiserne Scepter der Notwendigkeit zeichnet ihnen beengende
Grenzen vor, und auch der Mensch vermag durch keine Anstrengung
seines Verstandes diese Schranken niederzureißen“,
Ueberall kann man demnach eine rapide Zunahme der Bevölkerung
beobachten, wo die Verhältnisse derselben günstig sind. In den Ver-
        <pb n="343" />
        — 395 —

einigten Staaten von Nordamerika hat zeitweise die Bevölkerung sich
in 25 Jahren durch eigene Kraft verdoppelt. Diese Möglichkeit und
das natürliche Streben dazu ist nach ihm überall bei den Menschen
vorhanden, da ein Ehepaar überall 4—5 Kinder zu haben und aufzuziehen
 vermag. Daß die Bevölkerung nicht allgemein in einer solchen
Weise zunimmt, wird vor allem durch natürliche Hemmungen repressiver
 resp. positiver Art verhindert, vor allem durch Mangel an Nahrung
and infolge davon durch Krankheiten, welche die Bevölkerung vorzeitig
dahinraffen, Kriege zwischen den Völkerschaften, die sich die ernährenden
 Territorien streitig machen; dann durch Laster und Ausschweifungen,
wie Gewaltmaßregeln, welche das aufkeimende Leben vernichten. Er
führt aus der Geschichte die große Zahl der Epidemien an, welche
zeitweise die Bevölkerung dezimiert haben, er zeigt, wie die primitiven
Völkerschaften, z. B. die Indianer, in blutigen Kämpfen um die Jagdgründe
 ihre Zahl vermindern, und daß auch die Kämpfe der Kulturvölker
 hauptsächlich gleichen Ursachen entspringen. Ueberall in alter
Zeit, und noch jetzt bei allen unkultivierten Völkern, sind die Aussetzung
 der Kinder, Tötung der Greise und Kranken, die Abtreibung
der Leibesfrucht gebräuchlich gewesen und sind es noch. Krst in der
späteren Schrift fügt er diesen positiven die präventiven Maßregeln,
die vernünftige Vorsicht in der Eheschliessung und Kindererzeugung
hinzu, die in der gebildeten Klasse der Kulturvölker vorhanden, aber
eine allgemeine Verbreitung noch nicht gefunden haben und in absebbarer
 Zeit schwerlich finden würden.
Jene Hemmnisse der natürlichen Volksvermehrung treten aber Unzulängein
 und erweisen sich als unvermeidlich, weil die Produktion mit der ‚lichkeit der
natürlichen Volksvermehrung nicht Schritt zu halten vermag, denn die An de
Produktivkraft des Bodens hat ihre enge Grenze, und der gute Acker- mittel
boden ist nur in beschränkter Menge vorhanden. Wohl kann neues
Land in Kultur genommen, anderes‘ durch Meliorationen «kulturfähig
gemacht werden; wohl können dem Boden mit Aufwand von Kapital
reichere Ernten abgewonnen werden, aber das geht nur langsam und
auf Grund wachsenden Wohlstandes vor sich, während die Bevölkerung
weit schneller zunehmen kann und schneller zu wachsen das natürliche
Bestreben hat. Malthus sucht in der Einleitung diesen Grundsatz
Jurch eine mathematische Formel zum prägnanten Ausdruck zu bringen,
indem er sagt: die Bevölkerung hat das Streben, sich in geometrischer
Progression zu entwickeln, wie 1 zu 2—4—8-—16 etc., während dagegen
 die Nahrungsmittel höchstens in arithmetischer Reihe wie 1—2
—3—4—5—6 dem Boden abgewonnen werden können, weshalb früher
oder später sich die Unmöglichkeit einer solchen Fortentwickelung herausstellen
 muß und das Mißverhältnis nur durch jene erwähnten Hemmungen
 vermieden werden kann. Gerade dieser Satz ist sehr allgemein
 zum Ausgangspunkt der Angriffe gegen Malthus genommen,
and man glaubte, ihn widerlegt zu haben, wenn man nachwies, daß
diese angeführten Zahlen der Wirklichkeit nicht entsprachen, Das
ist indessen völlig unrichtig, denn aus dem ganzen Werke geht klar
hervor, daß es ihm völlig fern gelegen hat, diese Ziffern als der
Thatsächlichkeit entsprechend anzusehen, daß sie vielmehr nur die
Tendenz in einem Beispiele zum scharfen Ausdruck bringen sollten,
Die Konsequenzen, welche er aus den grundlegenden Sätzen zog, Konsequen
waren natürlich hochbedeutsam. Jede künstliche Förderung der Volks- zen der
vermehrung mußte ihm unsinnig und im höchsten Maße schädlich er- Lehre.
        <pb n="344" />
        = 326 —

Kritik.

scheinen; denn sobald die Verhältnisse irgend dazu angethan, nimmt
die Menschenzahl von selbst rapide zu. Ist die Bevölkerung sich selbst
überlassen, so ist im Gegenteil stets zu befürchten, daß gerade durch
schnelle Steigerung ihrer Zahl die untere Bevölkerung durch unzureichenden
 Verdienst und Mangel an Nahrungsmitteln in Not gerät,
weil es der großen Masse der Bevölkerung an der nötigen Vorsicht
und Enthaltsamkeit fehlt. Thatsächlich thue aber die Staatsgewalt
durch die öffentliche Armenunterstützung alles, die notwendige Vorsicht
 zu untergraben, das Gefühl der Selbstverantwortlichkeit abzustumpfen
 und eine unheilvolle Volkszunahme zu fördern. So greift er
lie Armengesetzgebung energisch an, welche die Kirchspiele verpflichtet,
 einem Jeden, der arbeitsfähig ist, Beschäftigung und überhaupt
 jedem Angehörigen angemessenen Unterhalt zu schaffen, und
die Armenvorsteher verpflichtet, die nötigen Mittel hierfür durch Gemeindesteuern
 zu beschaffen, Durch einige schroffe Aeußerungen,
uamentlich in den ersten Auflagen seines Werkes, hat er sich besonders
 viele Gegner groß gezogen, wie: „Es habe niemand ein
Recht auf Existenz, für den kein Platz an der Tafel gedeckt sei“ und:
Es sei ein Verbrechen, Kinder zu zeugen, die man nicht auch ernähren
könne. Der richtige Kern des Grundgedankens aber hat bis zur Gegenwart
 hin günstig gewirkt und die Warnung vor einer laxen und über-;rieben
 humanen Armenunterstützung war von höchster Bedeutung.
Er gab aber einer zu pessimistischen Auffassung Nahrung, indem
ar eine Besserung der Lage der Arbeiterklasse und eine Milderung
des Elends für ausgeschlossen hielt, solange die große Masse der Be-7ölkerung
 sich in dem Zustande der bisherigen Unreife befände und
auf eine baldige Hebung der Kultur nicht zu rechnen sei. Deshalb
versprach er sich von einer Hebung der Löhne keinen nachhaltigen
Erfolg, weil sie nur die Volkszunahme zu beschleunigen angethan sei,
Für den englischen Staat sah er eine große Gefahr in dem Ueberhandnehmen
 der Industrie über die Landwirtschaft, wodurch der Eraährung
 der Bevölkerung immer größere Schwierigkeiten erwachsen
nüßten, wobei er natürlich betonte, daß das meerumspülte britische
Reich sich noch in einer günstigeren Lage befände, wie andere Länder,
Er tritt deshalb für Gatreidezölle ein, um die Landwirtschaft zu bezünstigen,
 und trägt kein Bedenken, der Industrie dadurch einen
Hemmschuh anzulegen und der Arbeiterklasse damit eine Last aufzuyürden.
 Er hält es für nötig, Maßregeln dagegen zu ergreifen, daß
lie Industrie nicht die Landwirtschaft überwuchert.
UVeberall tritt der Fehler bei Malthus zu Tage, daß er zu ausschließlich
 die gewöhnlichen Nahrungsmittel als die maßgebende
Grundlage der Volkswirtschaft annimmt, die im Lande selbst erzeugt
werden muß, wenn das Land bestehen soll. Er konnte nicht ermessen,
wie dieser Teil des Volksbedarfs im Laufe der Entwickelung der
Kultur an Bedeutung einbüßen und die Besserung der Kommunikationsmittel
 den internationalen Austausch erleichtern würde, Er
anterschätzte die Möglichkeit der Produktionssteigerung, die auch einer
rapide wachsenden Bevölkerung Beschäftigung und sogar reichlichen
Unterhalt gewähren kann. Die Grundlagen seiner Lehre sind aber als
unbedingt wahr anzuerkennen, sie sind eine dauernde Errungenschaft
ler Wissenschaft und auch von nachhaltiger praktischer Wirkung.
Das Problem und die Malthus’sche Lehre selbst hat uns im 2. Teil
ıoch besonders zu beschäftigen.
        <pb n="345" />
        327

8 97.
b) David Ricardo,

Der scharfsinnigste Schüler des Adam Smith, der auf seinem
Boden stand, seine Lehre nach vielen Richtungen hin weiter ausgebaut
and damit den größten und nachhaltigsten Einfluß gehabt hat, ist
David Ricardo (1772—1823). Mit geringer Vorbildung wurde er
Kaufmann; erst privater Makler an der Londoner Börse, dann Bankier
and wußte mit außerordentlich praktischem Scharfsinn Spekulationen
so günstig durchzuführen, daß er mit nichts beginnend schon als junger
Mann von 25 Jahren ein großes Vermögen erworben hatte. Erst
dann suchte er seine mangelhafte Bildung zu vervollständigen und
wurde durch das Adam Smithsche Werk zu nationalökonomischen
Studien getrieben. Seine schriftstellerische Thätigkeit knüpfte an
Tagesfragen an. Auch sein größtes Werk ist nicht, wie es der Titel
voraussetzen läßt, ein abgerundetes Lehrbuch, sondern eine Sammlung
zelbständiger Untersuchungen über verschiedene wirtschaftliche Probleme.
Durch die außerordentliche Klarheit der Darstellung, die an die
nathematische Methode erinnerte, gewann er ein außerordentliches
Ansehen in wirtschaftspolitischen Fragen, so daß ihm bald ein Platz
im Parlament eingeräumt wurde. Obgleich aus der Praxis hervorgegangen
 und ausgerüstet mit ausgedehnter Erfahrung im wirtschaftlichen
 Leben, liebte er es, von abstrakten Voraussetzungen auszugehen
and in scharfer logischer Folgerung die Konsequenzen seiner Vorauszetzungen
 zu ziehen. - In viel höherem Maße als Adam Smith
und Malthus hat er die deduktive Methode in unserer Wissenschaft
zur Anwendung gebracht, was allerdings in einer Zeit besonders angebracht
 sein mußte, wo es an statistischem und wirtschaftshistorischem
Material fehlte. Bekundet Adam Smith trotz des von ihm aufgestellten
 sog. Industriesystems stets eine besondere Vorliebe und Bevorzugung
 der Landwirtschaft und tritt diese auch entschieden bei
Malthus hervor, so steht Ricardo durchaus auf dem Standpunkt des
Kapitalisten und Unternehmers, sieht diese als die eigentlichen Stützen
des Volkswohlstandes an und vertritt nachdrücklichst ihre Interessen,
vielfach mit größter Rücksichtslosigkeit. Nicht mit Unrecht ist ihm
Ungenauigkeit im Ausdruck vorgeworfen, wodurch er zu manchem
Mißvrerständnis Anlaß gegeben hat. Im Ganzen aber hat man es
mit einem bedeutenden Denker zu thun, dem die Wissenschaft einen
entschiedenen Fortschritt verdankt, wenn auch viele seiner Lehren
erheblicher Modifikationen bedurften.
Drei Schriften sind es insbesondere, die eine nachhaltige Bedeutung
 gewonnen haben. 1. High price of bullion, a proof of the
depreciation of banknotes, London 1810. 2. An essay on the influence
of a low price of corn on the profits of stock, showing the
inconveniency of restrictions on importation, with remarks on Mr.
Malthus’ two last publications. 1815. 3. On the principles of political
economy and taxation, London 1817, deutsch 1837 von Baumstark.
Die erste Schrift war eine Untersuchung, wie die entwerteten
Banknoten auf die normale Höhe gehoben werden könnten, und seine
Ausführungen sind wesentlich bestimmend für die spätere Aufnahme
der Barzahlung der Bank gewesen. In der zweiten Schrift macht
er energische Öpposition gegen die Bestrebungen, durch hohe Getreidezölle
 die Erträge des Grund und Bodens hoch zu halten, indem er

Leben und
Schriften.
        <pb n="346" />
        - 398 —

Lehre vom
Wert.

auf die Last hinweist, die damit der Industrie aufgebürdet werde, da
sie eine Steigerung der Löhne notwendig mache, und er tritt darin
noch schärfer als Adam Smith für den Freihandel ein. Beschäftigten
sich diese beiden Schriften unmittelbar mit praktischen Tagesfragen,
30 vertiefte er sich in dem größern Werke in mehr grundlegende
Probleme.
Die größte Bedeutung hat seine Lehre von den Ursachen des
Wertes erlangt, indem sie den Anlaß zu der mißverständlichen Auf-‘assung
 Lassalles und Marx’ gegeben hat. Der Begriff des Wertes
wird zunächst von ihm ganz im Anschluß an Adam Smith aufgefaßt.
 Er sagt dann weiter: „Diejenigen Dinge, welche Nutzen gewähren,
 erhalten ihren Tauschwert aus zwei Quellen, aus ihrer Seltenheit
 und aus der Quantität Arbeit, die erforderlich ist, um sie zu
erhalten. Es giebt Dinge, deren Wert einzig von ihrer Seltenheit abhängt,
 ihre Quantität kann nicht durch Arbeit vergrößert werden,
daher kann ihr Wert nicht durch ihre wachsende Menge verringert
werden.“ „Ihr Wert, gänzlich unabhängig von der Quantität Arbeit,
lie zu ihrer Hervorbringung nötig war, richtet sich einzig nach dem
Seschmack und der Liebhaberei derer, die nach ihrem Besitz streben.
Diese Klasse von Dingen macht indessen nur einen kleinen Teil derjenigen
 aus, welche täglich umgesetzt werden. Bei weitem der größte
Teil der Güter, die man zu besitzen wünscht, wird durch Arbeit hervorgebracht;
 nicht in einem Lande allein, sondern in mehreren kann man
ze vervielfältigen.“ „Wenn wir daher von Waren sprechen, von ihrem
Tauschwert und den Grundsätzen, die ihren relativen Preis bestimmen,
meinen wir stets solche Waren, die in Menge durch menschliche Arbeit
hervorgebracht und unter Konkurrenz ohne Hindernis vervielfältigt
werden können. In der Kindheit des wirtschaftlichen Zustandes hängt
der Tauschwert der Dinge oder die Regel, welche bestimmt, wieviel
von der einen Sache für eine andere im Tausche gegeben werden soll,
ainzig von der verhältnismäßigen Quantität Arbeit ab, die auf die
Hervorbringung einer jeden verwandt wurde.“ „Daß hierin die wirkliche
 Grundlage des Tauschwertes aller Dinge besteht, ausgenommen
diejenigen, welche durch menschliche Arbeit nicht willkürlich vervielfältigt
 werden können, ist in der politischen Oekonomie ein Satz
ron der größten Wichtigkeit.“ Aus dem Angeführten geht hervor,
daß Ricardo der Seltenheit des Gutes einen bedeutenden Einfluß
beimißt und sie keineswegs übersieht, wie das später von den Sozialisten
geschehen ist. Dagegen zieht er dieses Moment nur bei einer beschränkten
 Zahl von Gegenständen hinzu und ignoriert es bei den
weiteren Erörterungen, wodurch er dem späteren Mißbrauche einen
Anhalt gegeben hat. Auch bei der Wertbestimmung des Goldes und
Silbers hebt er den Einfluß neuer Entdeckungen von Minen ausdrücklich
 hervor, nur mit dem Zusatz, daß diese Entdeckungen selten und
ihre Wirkungen nur vorübergehend seien.
Nachdrücklich polemisiert er gegen die Adam Smithsche Anuffassung,
 daß der Wert eines Gegenstandes bestimmt werde durch die
Arbeit, welche man gegen den Gegenstand eintauschen könne, und daß
der Wert der Arbeit unveränderlich sei. Vielmehr sei der Wert der
Arbeit vielen Schwankungen unterworfen, schon die Hervorbringung
lesselben Gegenstandes erfordere fortdauernd eine andere Quantität
Arbeit, und die Schwierigkeit der Vergleichung infolge der Verschiedenheit
 der Arten von Arbeit und der Bestimmung der aufgewendeten
        <pb n="347" />
        329

Arbeit selbst sei außerordentlich groß. Freilich weicht er selbst schon
bald darauf von den aufgestellten Grundsätzen ab und setzt sich über
die Schwierigkeiten hinfort. Im Eingang machte er ausdrücklich die
Einschränkung, daß jener Satz nur im Beginne der wirtschaftlichen
Kultur maßgebend sei. Später indessen ignoriert er ihn. Er stellt
fortdauernd Behauptungen auf, führt willkürlich herausgegriffene Beispiele
 ins Feld, ohne einen eigentlichen Beweis zu liefern. Niemand
wird leugnen, daß die aufgewendete Arbeit häufig bestimmend für den
Preis ist. Nur auf Grund von Thatsachen kann aber klargelegt
werden, welche Rolle die Seltenheit spielt, wo und wie weit sie bei
der Wertbestimmung ausscheidet, und es unterliegt keinem Zweifel,
daß ihr Ricardo einen zu geringen Einfluß in der ganzen Volkswirtschaft
 beimißt. Er verschließt sich der Beobachtung nicht, daß
in einzelnen Fällen Abweichungen von der Regel stattfinden, doch hilft
er sich darüber hinfort, indem er sagt, das seien vorübergehende Preisverschiebungen,
 während der durchschnittliche Wert dadurch nicht beainflußt
 werde. So heißt es im Kapitel IV: „Im gewöhnlichen Lauf
der Dinge giebt es keine Sache, die lange Zeit hindurch in gleicher
Reichhaltigkeit und den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen
genügend, herbeigeschafft werden könnte; und folglich keine, die nicht
zufälligen und temporären Veränderungen des Preises unterworfen wäre.“
Ricardo greift damit auf die Unterscheidung zwischen „natürlichem“
und „Marktpreis“ zurück, wie sie Adam Smith aufgestellt hat, und
will seine Regel nur für den ersten gelten lassen. Die Bedeutung des
letzteren aber wird von ihm unterschätzt, wie die Unterscheidung überhaupt
 eine völlig willkürliche ist.
Nicht in den bisher herangezogenen beiden Kapiteln I und IV,
sondern im zweiten über die Grundrente berücksichtigt er die Verhältnisse
 unter verschiedenen Arbeitsbedingungen, indem er sagt: „Der
Tauschwert aller Dinge, mögen sie’ Produkte von Manufakturen, von
Minen oder vom Boden sein, bestimmt sich niemals nach der geringeren
Quantität Arbeit, die unter ungünstigen Umständen zu ihrer Produktion
hinreicht, z. B. bei besonderer Geschicklichkeit der Arbeiter, sondern
nach der größern, zu ihrer Produktion erforderlichen Quantität Arbeit,
welche von Menschen verrichtet wird, die nicht alle außerordentliche
Fähigkeiten‘ besitzen und die selbst die ungünstigen Umstände oft zu
bekämpfen haben, nämlich solche, die es höchst erschweren, die gewünschte
 Quantität Produkte zu erhalten.“ Wir geben hier ausnahmsweise
 wiederholt die wörtlichen Citate, da gerade die Ricardo’schen
Ausführungen so Oft falsch verstanden sind. Er giebt selbst die
Abweichungen von den aufgestellten Gesetzen an, ohne aus ihnen
die nötigen Konsequenzen zu ziehen, und seine Nachfolger haben sie
dann völlig bei Seite gelassen.
Die zweite Lehre, durch welche Ricardo das Smithsche System
verbessert und wodurch sein Name wohl am bekanntesten geworden ist, ist
die von der Grundrente, Dieselbe ist übrigens nicht originell, sie. waı
schon vor ihm von Anderson und Malthus aufgestellt, wenn auch
nicht so klar formuliert. Adam Smith hatte angenommen, daß ein
jeder Boden Grundrente abwürfe, weshalb sie stets einen Teil des
Preises bilde; Ricardo zeigte, daß, so lange guter Boden im Ueberfiluß
 vorhanden sei, die landwirtschaftlichen Produkte in ihrem Preise
nur einen Ersatz für aufgewendete Arbeit liefern, da Niemand für
dieselben mehr geben würde, als ihm die Erzeugung von Getreide auf

Grundrente.
        <pb n="348" />
        330 —

dem disponiblen Boden koste. Erst wenn die Bevölkerung sich mehrt,
der gute Boden knapp wird und man genötigt ist, zur Deckung des
Bedarfs geringere Bodenqualitäten heranzuziehen, müsse der Preis der
Ackerfrüchte so hoch steigen, daß auch die Kosten der Bearbeitung
des schlechteren Bodens aufgebracht würden. Da nun der bessere
Boden denselben Aufwand höher lohnt, so erlange der Eigentümer in dem
gesteigerten Preise einen Ueberschuß über den Arbeitslohn, und dieser
UVeberschuß repräsentiere die Grundrente, Seine Grundrentenlehre führt
ihn zu einem scharfen Gegensatz der Interessen des Grundbesitzers
und der übrigen Bevölkerung, die in den Forderungen einer Erhöhung
der Getreidezölle damals auf das schärfste zu Tage trat. Indem er
zeigt, daß die Grundrente nicht durch Arbeit erzielt wird, sondern ohne
Verdienst des Grundbesitzers ihm durch die allgemeine Entwickelung
zufällt, sucht er das Unberechtigte der Forderung hauptsächlich in der
oben erwähnten Schrift nachzuweisen.
In der gleichen Weise, wie die Verschiedenheit der Bodengüte
zu einer Grundrente führt, kann nach Ricardo eine solche auch durch
verschiedene Aufwendung von Arbeit und Kapital erzielt werden.
Jede weitere Aufwendung nach der gleichen Richtung liefert einen
etwas geringeren Ertrag und besonders einen geringeren Reinertrag;
das zuerst angewendete Kapital erzielt eine höhere Rente, als das
später verwendete, und auch hier ergiebt die Differenz eine Grundrente
 zu Gunsten des ersteren, Eben diese Abnahme der Produktivität
jedes weiteren Aufwandes zwingt bei zunehmender Bevölkerung dazu,
allmählich weitere Strecken Landes auch geringerer Qualität in Angriff
zu nehmen, weil dies immer noch billiger ist, als dieselbe Arbeit auf
den alten Boden zu konzentrieren. Mit Recht betont Ricardo dabei,
daß bei zunehmendem Nahrungsbedarf die mehr erforderliche Arbeit
den Preis des Getreides erhöht und dadurch die Grundrente gewonnen
wird, nicht aber umgekehrt die Steigerung des Getreidepreises die
Folge der Grundrente ist.
Wir finden später noch Gelegenheit, die Angriffe auf diese Lehre
des Näheren zu beleuchten, und bemerken nur, daß gerade in England
 das Steigen der Grundrente zur Zeit Ricardos besonders scharf
in der Steigerung der Pacht, die in England ganz allgemein verbreitet
ist, zu Tage trat, und besonders in der Zeit des allgemeinen wirtschaftlichen
 Aufschwungs und künstlich hoch gehaltener Getreidepreise,
wo zugleich durch die stark gewachsene Bevölkerung der Boden knapp
und teuer war, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Arbeitslohn. Schließlich ist noch die Lehre vom Arbeitslohn hervorzuheben,
auf welche Lassalle sein sogenanntes „ehernes“ Lohngesetz basierte,
wonach der Arbeiter sich bei wirtschaftlicher Freiheit niemals zu einer
gedeihlichen Existenz emporarbeiten könne. Er erreicht dies wiederum
durch eine einseitige Verschiebung der Grundanschauungen Ricardos
ins Extrem, wodurch sie zu einem Zerrbilde werden. Da es gerade
hier auf den Wortlaut selbst genau ankommt, führen wir den Text
Ricardos wörtlich an:
„Die Arbeit, sowie alle andern Dinge, die gekauft oder verkauft
werden, und deren Quantität vermehrt oder vermindert werden kann,
hat einen natürlichen und einen Marktpreis. Der natürliche Preis der
Arbeit ist der, welcher die Arbeiter in den Stand setzt. zu leben und
ihr Geschlecht fortzunflanzen.
        <pb n="349" />
        — 331 —

Daß der Arbeiter sich und seine Familie ernähren kann, hängt
nicht von der Quantität Geld ab, die er als Arbeitslohn empfängt,
sondern von der Quantität Lebensmittel und anderer Dinge, an die er
sich gewöhnt hat und die er für seinen Arbeitslohn einkaufen kann.
Der natürliche Preis der Arbeit hängt also vom Preise der Lebensmittel
 und sonstiger Bedürfnisse ab, die zum Unterhalt des Arbeiters
und seiner Familie erforderlich sind. HEin Steigen oder Fallen im
Preise dieser Gegenstände erhöht oder verringert den natürlichen
Preis der Arbeit.“
Mit der Entwickelung der Kultur, nimmt Ricardo an, steigen
im allgemeinen die Preise des Rohmaterials, insbesondere der Lebensmittel,
 wovon allerdings, wie er selbst hervorhebt, durch Verbesserungen
im Betriebe, Erweiterung des Marktes im internationalen Verkehr Ausaahmen
 eintreten können, und dadurch wird auch der Preis der Arbeit
arhöht, ohne dadurch natürlich die Lage des Arbeiters zu verbessern.
Der Preis der Manufakte verringert sich dagegen insbesondere durch
Jie Erweiterung der Maschinenanwendung.
„Der Marktpreis der Arbeit ist das, was, nach dem Verhältnis
des Angebots zur Nachfrage nach derselben, wirklich für sie gezahlt
wird; denn die Arbeit ist teuer, wenn keine Hände zu finden sind,
und wohlfeil, wenn ein Ueberfluß derselben vorhanden ist. Wie groß
auch die Abweichung des Marktpreises vom natürlichen Preis der
Arbeit sein mag, er pflegt auch hier, wie bei allen anderen Dingen,
sich immer wieder letzterem zu nähern.
Wenn der Marktpreis der Arbeit über den natürlichen Preis derselben
 sich zu erheben beginnt, dann nur kann die Lage des Arbeiters
blühen und glücklich werden; er kann in größerer Quantität alle Annehmlichkeiten
 und Bedürfnisse des Lebens sich verschaffen, folglich
aine gesunde und zahlreiche Familie erziehen und unterhalten. Wenn
aber nun die Zahl der Arbeiter durch wachsende Population — als
Folge des hohen Arbeitslohnes — vermehrt worden ist, so sinkt der
Arbeitslohn wieder auf seinen natürlichen Preis, und manchmal ist die
Wirkung dieser Reaktion von der Art, daß er noch tiefer sinkt.
Wenn der Marktpreis der Arbeit unter dem natürlichen Preis
steht, so ist die Lage der Arbeiter sehr bedauernswert, indem ihre
Armut sie dann derjenigen Dinge beraubt, die ihnen durch Gewohnheit
anentbehrlich geworden sind. Nur dann, wenn durch Entbehrungen
die Zahl der Arbeiter vermindert worden, oder die Nachfrage nach
Arbeitern wächst, steigt der Marktpreis der Arbeit wieder bis zu
seinem natürlichen Preis und der Arbeiter kann sich nun wieder die
mäßigen Genüsse verschaffen. die der natürliche Preis der Arbeit
erlaubt.
Ungeachtet der Arbeitslohn auf seinen natürlichen Preis wieder
herabzusinken pflegt, so kann doch der Marktpreis desselben in einem
Staate, welcher der Civilisation entgegenschreitet, eine gewisse Zeit
hindurch sich stets über demselben halten, denn wenn eben der Impuls,
der durch eine Kapitalvermehrung entsteht, die Nachfrage
 nach Arbeitern vermehrt hat, so kann wiederum
eine neue Kapitalvermehrung die nämliche Wirkung
hervorbringen. Geschieht diese Kapitalvermehrung in bestimmter
fortlaufender Folgereihe, so wird das Bedürfnis der Arbeiter dazu
dienen, fortdauernd die Ponulation zu befördern.“
        <pb n="350" />
        332 —

Wenn nach den ersten Ausführuugen unbedingt eine pessimistische
Auffassung überwiegt, daß nach einem Naturgesetze der Arbeitslohn
die Tendenz hat, sich den Subsistenzmitteln zu nähern, so schwächt
dies Ricardo selbst in durchgreifender Weise ab, indem er nachweist,
 der Marktpreis der Arbeit könne in einer vorwärtsschreitenden
Gesellschaft auch nachhaltig über dem natürlichen Preise gehalten
werden, insbesondere durch die Anhäufung von Kapital, welches mehr
Arbeitskräfte zur Verwendung beansprucht. Er sagt an einer anderen
Stelle ausdrücklich: das Unterhaltsminimum sei keine feste Größe,
sondern wechsele nach Ort und Zeit „und hängt wesentlich von den
Gewohnheiten des Volkes ab“, Ricardo räumt hiernach der Arbeiterklasse
 selbst die Fähigkeit ein, durch Hebung des „standard of life“
das Unterhaltsminimum, damit den Lohn und ihre ganze Lage zu
bessern. Er erkennt damit die Bedeutung der Kulturentwickelung an,
und es ist ein Mißbrauch von Seiten der sozialistischen Schule, wenn
sie diese Seite der Ricardoschen Lehre ignoriert und allein die
pessimistische für ihre Zwecke verwertet. Wenn von anderer Seite
Ricardo dieses Gegensatzes wegen heftig angegriffen und selbst
lächerlich gemacht ist, z. B. von Held, so ist das zu weit gegangen.
Die pessimistische Auffassung Ricardos wurde durchaus durch die
Verhältnisse, wie er sie in England beobachtete, gestützt, und er schrieb
als Kind seiner Zeit für seine Zeit. Sein klarer Blick zeigte ihm
wohl die Möglichkeit einer Aenderung der Verhältnisse, die er aber
in absehbarer Zeit nicht für erreichbar hielt, mit denen er deshalb
in seinen weiteren Ausführungen nicht rechnete. Die Einseitigkeit der
ganzen Adam Smithschen Schule tritt hier bei ihm in besonders
scharfer Weise hervor: Das Streben, allgemein gültige wirtschaftliche
Naturgesetze aufzustellen, deren Unabänderlichheit doch wieder nicht
vollständig von ihm selbst anerkannt werden konnte. Die Epigonen
waren es, die seine Lehren verunstalteten und daraus bedenklichen
Nonsens entwickelten.
Indem Ricardo aber die Regelung des Lohnes als naturgesetzlich
 hinstellte, mußte er zu dem Ergebnis kommen, daß vor allem der
Unternehmer seinerseits keinen Einfluß auf die Höhe des Lohnes habe,
daß er sich deshalb achselzuckend über das Elend der Arbeiterklasse
hinfortsetzen könne, und ebenso ergab sich aus seiner Lehre, daß
auch die Staatsgewalt darauf einen Einfluß nicht zu üben vermöge,
ihr deshalb Aufgaben zur Hebung der Arbeiterklasse nicht zufielen.
Indem er zugleich überall die volkswirtschaftliche Bedeutung des
Kapitals verherrlichte, trat er nachdrücklichst für die Unternehmerklasse
 ein. Man kann nicht verkennen, daß dies damals eine besondere
praktische Bedeutung hatte, wo die Wirkung dieses Produktionsfaktors
erst im Werden begriffen war und noch nicht genügend gewürdigt
wurde. Aber er begünstigte durch seine Lehre die rücksichtslose Verwertung
 der Kapitalmacht unter Ausbeutung der unteren Klassen.
Eine Ironie des Schicksals ist es, daß derselbe Mann dem sogenannten
wissenschaftlichen Sozialismus die Waffen zur Bekämpfung des Kapitalismus
 schmiedete.
        <pb n="351" />
        333

8 98,
Die Optimisten,
a) Frederic Bastiat.
Waren die beiden ersten volkswirtschaftlichen Systeme von Frankreich
 ausgegangen, Adam Smith und seine Schule dagegen auf
englischem Boden erwachsen, so beteiligten sich allmählich wieder
andere Länder an dem Ausbau jener Lehre. In Frankreich war es
besonders Jean Baptiste Say (1767—1832), der zwar nicht Adam
Smith wesentlich und nachhaltig ergänzte, der aber hauptsächlich
durch sein „Trait&amp;amp; d’&amp;amp;conomie politique“, 1803 die Smithschen
Lehren in höherem Maße systematisierte, kommentierte und im besten
Sinne popularisierte,. Simonde de Sismondi (1773—1842) haben
wir unter den Gegnern des Adam Smith zu betrachten. Charles
Dunoyer (1786—1862) „La liberte du travail“, 1825 und 1845 hat
keine nachhaltige Bedeutung gehabt und mehr indirekt durch seinen
Einfluß auf Fr. Bastiat gewirkt, Wir können uns deshalb sofort
diesem letzteren zuwenden, dessen hauptsächlichstes Werk „Harmonies
&amp;amp;conomiques“ erst in seinem Todesjahre erschien, während seine gesammelten
 Werke nach seinem Tode herausgegeben wurden.
Wie Ricardo knüpft Bastiat(1801—50) in seinen ersten Schriften
an Tagesfragen an. Unter diesen spielte die sozialistische Bewegung eine
Hauptrolle. Bastiat machte es sich zur Hauptaufgabe, dem englischen
Pessimismus entgegenzutreten, wie ebenso den Forderungen der sozialistischen
 Arbeiterfreunde. Er ist berauscht von den wirtschaftlichen
Fortschritten seiner Zeit und davon durchdrungen, daß diese der
Gesamtheit und zwar nach allgemeinen Naturgesetzen ganz besonders
den unteren Klassen zu gute kommen. Er fordert gleichfalls unbedingte
wirtschaftliche Freiheit, um das Privatinteresse frei walten zu lassen,
welches zu einer allgemeinen Harmonie führe, da ein Gegensatz zwischen
Privat- und Gesamtinteresse nicht vorliege.
Auch er geht von der Untersuchung aus, wodurch der Wert der
Güter bedingt werde, Mit Ricardo behauptet er, daß Werte nur
durch menschliche Arbeit erzeugt werden können. Der Wert wird
nach ihm bestimmt durch die Arbeit, die man dem Anderen durch
Ueberlassung des Gutes erspart. In dem Verkehre handelt es sich
um einen Austausch von Dienstleistungen; nach diesen gewährten, resp.
ersparten Dienstleistungen messe Jeder die Güter, die er eintauschen
will. Wir verwerten das bereits an anderer Stelle herangezogene
Beispiel von ihm auch hier: das von einem Fuhrmann in die Stadt
gefahrene Wasser erhält nach ihm nicht, wie Ricardo annimmt, den
Wert nach der Arbeit, die der Fuhrmann darauf verwendet hat, sondern
allein den, der der Mühe entspricht, die den Städtern dadurch erspart
wird, sich selbst das Wasser zu holen. Je mehr durch den Fortschritt
der Kultur die Beschaffung der Dinge erleichtert wird, je mehr Maschinen
zu Hilfe gezogen werden, um so mehr wird der Gesamtheit Arbeit
erspart und das Wohlbefinden Aller gefördert. Als Ergänzung tritt
bei ihm hinzu, und dies ist eine bemerkenswerte Konzession an den
Sozialismus, welche nachhaltigen Einfluß ausgeübt hat: da Werke nur
durch Arbeit erzeugt werden, ist auch das Eigentum nur auf Grund
der Arbeit zu erklären und zu rechtfertigen. Jeder hat Anspruch
auf das, was er erarbeitet hat und nur auf das. Die Naturkräfte

J. B. Say.

Zastiats
Schriften.
        <pb n="352" />
        - 334 —

hat kein Mensch hervorgebracht, Niemand hat darauf Anspruch, sie
müssen zur freien Verfügung der Gesamtheit stehen.
Bastiat liegt es ferne, die kommunistischen Konsequenzen aus
seiner Lehre zu ziehen, vielmehr erklärt er, daß auch in unserer Zeit
die menschliche Arbeit der alleinige Maßstab des Wertes der Dinge
sei, er bekämpft deshalb die Ricardosche Grundrentenlehre. Es
seien nicht die unzerstörbaren Kräfte im Boden, die nach Ricardo
dem Grundbesitzer vermöge seines Monopoles eine Rente ohne Arbeit
zuwiesen. Was der Boden liefere, sei ihm nur durch die Arbeit des
Landwirts abgerungen, der Preis des Getreides reiche überhaupt nur
hin, diese zu bezahlen, und biete nichts darüber hinaus, Was der
Boden geliefert habe, falle dem Menschen ohne Entgelt zu. Es bestehe
thatsächlich ein Kommunismus an den Gaben der Natur. Was der
Arbeiter seinerseits fordert, den vollen Ersatz für seine Arbeitsleistung,
werde ihm thatsächlich gewährt. Der Rentier habe in seinem Kapital
nur Produkt von Arbeit, der Grundbesitzer in seinem Acker dem
Wert nach nur dasselbe, sie seien deshalb durchaus berechtigt, der
Erstere einen Zins, der Zweite Pacht zu fordern. Mit der Entwickelung
der Kultur aber sinke durch das Steigen des Kapitalvorrates der
Zinsfuß, während der Arbeiter einen wachsenden Anteil am Ertrage
gewinne. Von selbst verbessert sich daher die Lage des Arbeiters
und er erhält, was ihm zukommt, vorausgesetzt, daß man die Konkurrenz
 frei walten läßt und alle Hemmnisse aus der Welt schafft.
Eine soziale Frage existiert nicht.
Ebenso wie Ricardo geht Bastiat vollständig von der Adam
Smithschen Lehre aus, gelangt aber von der gleichen Basis an einem
ganz anderen Ziele an, allerdings mit noch mehr Willkür als jener-Eine
 außerordentlich gewandte, gefällige Sprache, geistvolle, interessante
 Darstellungsweise haben ihm weniger bei den Männern der
Wissenschaft als der Praxis sowohl in Frankreich wie in Deutschland
großen Anhang verschafft. Zur Popularisierung der Freihandelsidee
bat kaum ein Anderer soviel beigetragen als gerade Frederic Bastiat.
Er beeinflußte Napoleon III. wie Richard Cobden und die
deutschen Führer des volkswirtschaftlichen Kongresses, seinen Uebersetzer
 Prince Smith, Volkswirte wie Schultze-Delitzsch,
Karl Braun, Staatsmänner wie Michaelis und den Staatsminister
Delhrück.

Franklin
ind A, Hamiltan.


Dr. J. W. Jenks, Henry C. Carey als Nationalökonom. Jena 1885.
A. Held, Carey und das Merkantilsystem. Würzburg 1866.
Schon früh hat Amerika zwei hervorragende sozialökonomische
Schriftsteller, die zugleich hervorragende Staatsmänner gewesen sind, gehabt:
 Benjamin Franklin, der in der Hauptsache auf Smith schem
Boden stand, aber in seinem praktischen Sinne auf Grund eigener
Beobachtungen unter anderen Verhältnissen selbständige beachtenswerte
 Aufstellungen gemacht hat (s. R. Hildebrand, Benjamin
Franklin, Jahrb. f. Nat,-Oekon. 1864) und Alexander Hamilton
in seinen 1791 erschienenen Reports presented to the house of
Representative of the United States, die er als Sekretär des
Schatzmeisteramtes über die Maßreseln zu liefern hatte. durch

&amp;amp; 99,
b) Der Amerikaner Carey.
        <pb n="353" />
        — 335 —

welche die inländischen Manufakturen gehoben werden könnten. Er
kritisiert darin das Adam Smithsche System des Freihandels,
hält es nur für durchführbar, wenn alle Staaten es acceptieren,
and da er durch Fabriken den Wohlstand des Landes schneller
zu fördern meint als durch die Landwirtschaft, so spricht er sich
für ein Schutzzollsystem für die Vereinigten Staaten aus, um die
Entwickelung der Industrie zu begünstigen. Zu einem ähnlichen Erzebnis
 kommt in den späteren Jahren der nun zu behandelnde Carey,
während er ursprünglich auf dem Boden des Freihandels stand. Er
weicht darin völlig von Bastiat ab, der absolut konsequent vorging,
was Carey nicht nachgerühmt werden kann.
In den Anschauungen vielfach Bastiat außerordentlich verwandt
ist der Amerikaner Carey, der sogar, wie wir glauben mit Unrecht,
Bastiat des Plagiats beschuldigte. Er gewinnt für uns ein besonderes
 Interesse dadurch, daß seine Anschauungen auf völlig anderem
Boden erwachsen sind, und er zeigt, wie die bisherigen nationalökonomischen
 Lehrbücher doch in der Hauptsache nichts anderes gewesen
sind als die Ergebnisse der Studien auf gegebenem Terrain und unter
beschränkten Verhältnissen, und daß das Streben, Lehrsätze von
dauernder allgemeiner Gültigkeit aufzustellen, bis dahin nicht erfolg:
reich gewesen ist. ;
Carey war 1793 in Philadelphia als Sohn eines irischen Buchhändlers
 geboren. Er wurde selbst Buchhändler und schon mit 12
Jahren in das Geschäft des Vaters eingereiht. Durch seinen praktischen
 Sinn und große Umsicht gelang es ihm früh ein erhebliches
Vermögen zu erwerben und sich dann hauptsächlich seinen Studien
und schriftstellerischer Thätigkeit widmen zu können. Er starb in
hohem Alter 1879 in seiner Vaterstadt. Die Zahl seiner Schriften ist
außerordentlich groß. Hauptsächlich kommt in Betracht sein zuzammenfassendes
 Werk späterer Zeit „principles of social science“,
3 Bde. 1858—59, Da er im Laufe der Zeit seine Anschauungen
aicht unbedeutend geändert hat, so kann man ihm nur gerecht werden,
wenn man die späteren Schriften zum Ausgangspunkt nimmt. Auch
in deutscher Uebersetzung sind eine Anzahl Schriften erschienen. Am
bekanntesten ist die Uebersetzung von Adler, Handbuch der Sozialwissenschaft.
 München 1866. Für die Verbreitung seiner Lehre in
Deutschland hat besonders Dühring gewirkt, der mit sehr einseitiger
Deberschätzung für ihn in verschiedenen Schriften eingetreten ist.
Der Ausgangspunkt der Careyschen Lehre ist, daß der National- vojksreichzeichtum
 nicht nach dem Tauschwerte, sondern allein nach den tum u. Wert
Nutzbarkeiten des Lebens gemessen werden könne, die der Bevölke- bei Carev.
zung zur Verfügung stehen. Zwischen Gebrauchs- und Tauschwert
bestehe ein bestimmter Gegensatz, den die Adam Smithsche Schule
nicht erkannt habe. Mit jedem Fortschritt der Kultur werden mehr
Nutzbarkeiten geschaffen und wird damit der Volkswohlstand gehoben,
während diese Nutzbarkeiten einen immer geringeren Tauschwert
3aben und dadurch der Gesamtheit leichter zugänglich sind. Werden
durch neue Maschinen die Herstellungskosten der gewöhnlichen Gebrauchsgegenstände
 verbilligt, so ermäßigt sich der Preis derselben,
die Gesamtheit aber hat davon einen erheblichen Nutzen, die Bevölkerung
 steht sich besser dadurch. Auf diese Verschiebung des Gebrauchs-
 und Tauschwertes durch jeden Fortschritt der Kultur beyründet
 er seine ontimistische Auffassung, daß auch die Lage der
        <pb n="354" />
        — 336 —

Besserung
ler Lage der
Arbeiter.

Geld.

großen Masse der Bevölkerung einer fortdauernden Verbesserung entzegengehe,
 aber nicht einer Verschlechterung, womit er den Pessimisten
 wie ebenso den Sozialisten in der gleichen Weise wie Bastiat
antgegentritt, Er begründet diese Auffassung noch durch eine besondere
 Auffassung des Wertbegriffes und des Wertgesetzes. Der Wert
wird nach ihm bestimmt durch den Widerstand, der zu überwinden ist,
um die Gegenstände zu erlangen. Je mehr die menschliche Kraft die
Natur zu überwinden zunimmt, um so geringer wird der Wert der
Güter. Der Wert der Güter richtet sich nicht, wie Ricardo anaahm,
 ‚nach den Produktionskosten, sondern nach den Reproduktionskosten.
 Man schätzt den Wert einer Sache nicht nach dem, was
bisher zur Beschaffung aufgewendet werden mußte, sondern nach dem,
was zur Neubeschaffung erforderlich ist. Wenn durch eine Erfindung
irgend ein Gegenstand, sagen wir Bessemerstahl, mit der Hälfte der
Unkosten hergestellt werden kann, so wird niemand für einen Stahlvorrat
 den bisherigen Preis bieten, sondern nur noch die Summe, mit
welcher nach der neuen Erfindung der Stahl hergestellt werden kann.
Es ist dies unzweifelhaft richtig, aber er überschätzt die Bedeutung
lieses Umstandes, die nur dann groß sein kann, wenn gerade besonders
große Fortschritte gemacht werden, wie sie allerdings zu seiner Zeit
in Amerika vorlagen.
Auch hierdurch beleuchtet er die Fortschritte der neueren Zeit
durch die Preisermäßigung aller Bedürfnisse infolge der Erfindungen,
lie der Gesamtheit, besonders auch der Arbeiterklasse zu gute kommen.
Das dritte Argument für seinen Optimismus sieht Care y in der
historischen Entwickelung, die klar ergebe, daß im Laufe der Zeit die
Lage der Arbeiterklasse sich fortdauernd verbessert habe. Im Alterum,
 wie bei den primitiven Völkerschaften herrschte Sklaverei, im
Mittelalter Hörigkeit, weil der Inhaber der Arbeitskraft ohne Anteil
ım Besitz seine Selbständigkeit nicht zu wahren vermochte. Je mehr
Kapital geschaffen wird, um so mehr Bedeutung erlangt die persön-;iche
 Arbeitskraft, ohne welche das Kapital nicht zu verwerten ist.
Je stärker sich das Kapital anhäuft, um so mehr macht es sich selbst
Konkurrenz, drückt damit den Zins und den Kapitalgewinn, während
ler Arbeitslohn gesteigert wird. Damit erlangt der Arbeiter nicht
aur seine Freiheit und Selbständigkeit, sondern eine wachsende Macht
m Staat und in der Volkswirtschaft. Ihm fällt auf Kosten der
Xapitalisten und Grundbesitzer ein immer größerer Teil des Nationalsrtrages
 zu. Carey belegt diese Behauptung auch für die neuere
Zeit durch den Nachweis der Lohnsteigerung in seiner Heimat.
Einen eigentümlichen Rückschlag auf den Merkantilismus zeigt
Carey in seiner Beurteilung der volkswirtschaftlichen Wirkung des
Geldes und der dabei zu Tage tretenden UVeberschätzung desselben.
Er faßt es als Cirkulationsinstrument auf, wogegen nichts zu sagen
ist; mißt ihm aber einen sehr viel größeren Einfluß als allen ähnlichen
Cirkulationsmitteln bei und hält daher die Vermehrung des Geldes
für den besten Weg, gewissermaßen als Selbstzweck, um den Volkswohlstand
 zu heben, Auch dieses entspringt der Beobachtung seiner
Umgebung, wo es überall an Geldmitteln fehlte, um die überschüssige
Naturkraft zu verwerten, und er läßt sich dadurch verleiten, dieses
allgemein vorauszusetzen. Das Verhängnisvolle der Generalisierung
der lokalen Beobachtung für die Wissenschaft tritt hier schlagend
1erroar
        <pb n="355" />
        m 337 —

Fast noch mehr ist dieses aber bei seiner Bekämpfung der Bekämpfung
Ricardoschen und Malthusschen Lehre zu beobachten. Gegen der Grundlie
 Ricardosche Grundrentenlehre wendet er ein, daß nach seinen Tente.
Beobachtungen in Amerika die Ansiedelung und der landwirtschaftiche
 Betrieb sich ganz anders entwickeln, als Ricardo es annimmt,
der in England eine höhere Kulturstufe zum Ausgangspunkt seiner
Betrachtungen nimmt. Die Pioniere, welche sich in unkultivierten
Gegenden vereinzelt niederlassen, wenden sich den höher gelegenen
Grundstücken mit leichterem Boden zu, den sie allein zu bewältigen
vermögen. HErst wenn die Zahl der Ansiedler wächst, die sich zu gemeinsamer
 Thätigkeit vereinigen können, sind sie im stande, fruchtbarere
 Niederungsgegenden in Angriff zu nehmen, um Entwässerungen,
Eindämmungen der Flüsse und Bäche durchzuführen, und erst, wenn
ihnen bessere Maschinen und Hilfskräfte zur Verfügung stehen, vermögen
 sie die großen Baumriesen zu bewältigen, die auf dem besten
Boden stehen und diesen erfolgreich gegen die ersten Ansiedler
verteidigen, Dieser bessere Niederungsboden belohnt dann aber jeden
Aufwand von Arbeit reichlicher, als der ursprünglich occupierte. Die
ersten Ansiedler leben unter den dürftigsten Verhältnissen. Mit der
größten Anstrengung können sie nur dürftig ihr Leben fristen; erst
allmählich wird auf dem erwähnten Wege ihre Arbeit reichlicher belohnt.
 Die Erträge wachsen, nehmen aber nicht ab, wie Ricardı
voraussetzt.
Mit der gleichen Argumentation wendet er sich gegen Malthus.
Die Zunahme der Bevölkerung erschwert dem Einzelnen nicht die
Existenz, sondern erleichtert sie ihm. Der isoliert lebende Mensch
vermag die Natur nicht zu bewältigen, er ist von ihr abhängig und
gerät leicht in Not; erst wenn eine größere Zahl von Menschen bei-3ammenwohnt,
 können sie sich durch Association unterstützen, Kommunikationsmittel
 schaffen und geistigen Austausch bewirken; erst bei
stärkerer Bevölkerung wird höhere Kultur möglich. Größerer Wohlstand,
 behagliches Leben sind im Osten der Vereinigten Staaten zu
finden, Armut und Not im dünnbevölkerten Westen, Große Strecken
Landes sind in den verschiedensten Weltteilen disponibel für die nur
erwünschte Volkszunahme. Er stellt außerdem die durchaus unerwiesene
 Behauptung auf, daß die Entwickelung und Anspannung der
geistigen Kräfte die Reproduktionskraft vermindern. Der Malthussche
 Pessimismus ist seiner Ansicht nach gegenstandslos.
Wer wollte leugnen, daß diese Ausführungen den thatsächlichen
Verhältnissen entnommen wurden und in hohem Maße beachtenswert
sind. Sie beweisen unzweifelhaft, daß der Ricardo-Malthussche
Pessimismus nicht allgemeine Berechtigung hat. Aber ebenso klar ist
a8, daß auch Carey in der Generalisierung seiner Beobachtungen zu
weit geht, daß auch sie nur für bestimmte Verhältnisse in der Entwickelung
 eines neuen Landes zutreffend sind, während in den alten
Kulturländern mit mehr geschraubten Verhältnissen die Malthus-Ricardosche
 Auffassung recht behält.
Es ergiebt sich, daß wir es überall in dem bisher HErörterten
nicht mit allgemeinen Naturgesetzen zu thun haben, sondern nur mit
Regeln, die unter ganz bestimmten Verhältnissen Platz greifen. Wir
haben es nicht mit allgemein gültigen Wahrheiten zu thun, sondern
nur mit Erfahrungen auf beschränktem Gebiete, die darum aber doch
Z3onrad, Grundrifs der polit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl. 22

Gegner des
Malthus.

Krltik.
        <pb n="356" />
        — 338 —

Schutzzoll.

als Beiträge zur Erkenntnis des ursächlichen Zusammenhanges zu verwerten
 sind.
Gerade für den Europäer sind die Erfahrungen auf amerikanischem
Boden von besonderer Bedeutung, um ihn vor Einseitigkeit und zu
weitgehender Generalisierung zu schützen,
Während alles bisher über Careys Lehre Gesagte dazu führen
mußte, Handelsfreiheit zu verlangen und gemäß dem ausgesprochenen
Optimismus in betreff der Entwickelung der Kultur, alles sich selbst zu
überlassen, eine staatliche Einmischung für überflüssig und daher
schädlich zu halten, gelangt Carey schließlich doch, wie erwähnt,
zur Befürwortung eines Schutzzollsystems und zwar, indem er sich auf
die Justus von Liebigsche Lehre von der Bodenerschöpfung stützt,
Die Natur leiht dem Menschen nur ihre Gaben und verlangt sie zu-Ttück,
 wenn sie nicht verarmen soll. Der Landwirt, der seine Produkte
 in entfernte Gegenden abgiebt, führt in den mineralischen
Pfianzennährstoffen sein Kapital aus, was zur Erschöpfung seines
Bodens führen muß. Deshalb ist es notwendig, in Agrargegenden Industrie
 großzuziehen, dadurch die Bevölkerung zu vermehren und in
unmittelbarster Nähe die Produkte des Bodens verzehren zu lassen.
Dadurch werden zugleich Transportkosten erspart, Um dieses nun zu
erreichen, ist ein Schutz für die aufstrebende Industrie gegen das
Ausland notwendig, wo bereits blühende, erstarkte und damit überlegene
 Geschäftszweige entwickelt sind. Er weist ausdrücklich darauf
hin, wie England sich nur durch ein energisches Schutzsystem von
der Uebermacht des holländischen Welthandels befreit hat und selbst
ein Industrieland geworden ist, welches seinerseits seine Uebermacht
die anderen Länder fühlen läßt, gegen welche sie sich schützen
müssen. Damit ist Carey in die Fußstapfen Alexander Hamiltons
 getreten und ein Genosse Friedrich Lists geworden,
Er geht aber über beide hinaus, durch die Forderung eines Ausfuhrverbotes
 für Getreide, um der amerikanischen Landwirtschaft ihre
Vollkraft zu erhalten. Zwar nicht in dieser letzten Hinsicht, wohl
aber in betreff eines Schutzzollsystems haben die Lehren Careys in
seiner Heimat allgemeinen Anklang gefunden und praktische Bedeutung
gewonnen.

$ 100.
Heinrich von Thünen.

Schuhmacher, Johanr. Heinrich von Thünen, ein Forscherleben. Rostock 1868.
Helferich, Tübinger Zeitschrift für Staatswissenschaft 1852.

Aeltere Ver- Bisher hatten wir auf die deutsche Litteratur näher einzugehen
treter der keine Veranlassung. Nicht daß es an Männern gefehlt hätte, welche
Smithschen auf diesem Gebiete gearbeitet und auch etwas geleistet hätten, aber
len a. es fehlte ihnen durchaus an Originalität, Für Verbreitung der physio-"kratischen
 Anschauungen war Johann August Schlettwein
(1731—1802) mit umfangreichen Schriften eingetreten, ebenso Schmalz
(1760—1831) und andere, ebenso der Schweizer Iselin, ohne indessen
eine nachhaltige Bedeutung zu gewinnen. An dem Ausbau der Ad.
Smithschen Lehre und vor allem ihrer Verbreitung arbeiteten Christian
 Jakob Kraus (1753—1807), Johann Friedrich Eusebius
Lotz (1771—1838), besonders in seiner Schrift über den Begriff der
Polizei und den Umfang der Staatspolizeigewalt 1807, Graf Julius von
        <pb n="357" />
        - 389 —

Soden (1754—1831), Ludwig Heinrich von Jakob (1759 bis
1827), der lange Zeit in Halle eine Professur bekleidete, J. G. Hoffmann
 (1765—1847), lange Zeit Direktor des statistischen Bureaus zu
Berlin und Professor an der Universität, der sich namentlich durch
seine Schrift über „das Geld“ und über „die Steuern“ eine dauernde
Stellung in unserer Wissenschaft erworben hat. Es gehört hierher
auch noch Karl Heinrich Rau, lange Zeit und bis zu seinem Tode
Professor in Heidelberg (1792—1870), der besonders für die Systematisierung
 unserer Wissenschaft für Deutschland eine durchgreifende Bedeutung
 gewonnen hat. Wenn sie auch von ihm nicht zuerst ausgesprochen
 ist, so hat er doch durch seine systematischen Handbücher eine
Scheidung der reinen Volkswirtschaftslehre von der in Deutschland
ganz verbreiteten Wirtschaftspolizei durchgeführt, und schon 1826
trennte er scharf sein großes Lehrbuch in die drei Teile: der Volkswirtschaftslehre,
 der Volkswirtschaftspolitik und Finanzwissenschaft.
eine Einteilung, die seitdem beibehalten ist,
Als ein strenger Schüler Smiths ist auch Fr. B. W. Herrmann
hier zu nennen (1795—1868), Professor. der Staatswissenschaft in
München und seit 1839 Vorstand des statistischen Bureaus. In seinem
hauptsächlichsten Werke „Staatswirtschaftliche Untersuchungen‘, 1832
und 1870, hat er Wesentliches zur Ausbildung und Präzisierung der
Begriffsdefinitionen geleistet, so daß in dieser Hinsicht sein Werk für
Deutschland als grundlegend und noch heutigen Tages als unentbehrlich
 bezeichnet werden muß, K, Fr. Nebenius (1784—1857), hauptsächlich
 im badischen Ministerium thätig, ist als intellektueller Urheber
des deutschen Zollvereins zu nennen; er hat sich durch sein Werk:
„Der öffentliche Kredit“ 1820 ein dauerndes Verdienst erworben.
Ein Schüler des Ad. Smith, der aber durchaus originell in seiner
Methode wie in einer Anzahl von ihm aufgestellter Lehrsätze ist, der
unzweifelhaft als ein Klassiker unserer Wissenschaft und als der bedeutendste
 Nationalökonom Deutschlands bezeichnet werden muß, ist
Johann Heinrich von Thünen, geb. 1783 auf einem Gute bei
Jever. Er lernte zunächst die praktische Landwirtschaft, studierte dann
in Celle bei Th aer theoretisch die Landwirtschaft und zwei Semester
in Göttingen Jurisprudenz. 1806 pachtete er zuerst ein Gut in
Pommern und kaufte 1810 den durch ihn klassisch gewordenen Boden
von Tellow in Mecklenburg. Dort schrieb er sein Hauptwerk: „Der
isolierte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie
oder Untersuchungen über den Einfluß, den die Getreidepreise, der
Reichtum des Bodens und die Abgaben auf den Ackerbau ausüben“.
Rostock 1826. Verbreiteter ist die zweite Auflage, die 1842 erschien
und zwei Bände umfaßt, die gewöhnlich benutzt und citiert wird.
1850 starb er auf seinem Gute. Thünen nennt selbst Ad. Smith
und Albrecht Thaer seine Lehrer, auf die er sich stützt. Aber
die Methode, die er anwendet, hat in unserer Wissenschaft durch ihn
zuerst eine Bedeutung gewonnen, und einzelne seiner Lehrsätze sind
als endgültige Errungenschaft und als entschiedener Fortschritt anarkannt,

Er geht von einer Abstraktion aus, um dadurch die Wirkung einzelner
 wirtschaftlicher Faktoren zu isolieren und den Zusammenhang
von Ursache und Wirkung erforschen zu können. Bei dieser Untersuchung
 bedient er sich der mathematischen Methode, zu welcher er
das rechnerische Material thatsächlichen Verhältnissen, hauptsächlich
99%

f. H. von
Thünen.

Der isolierte
Stant,.
        <pb n="358" />
        — 340 —

den Rechnungsbüchern seiner Wirtschaft auf Tellow entnimmt. Wo ihm
solche Unterlagen fehlen, setzt er Buchstaben an Stelle der Zahlen und
führt damit seine Berechnungen durch.
Wie es der Titel besagt, stellt er sich in seinem größeren Werke
die Aufgabe, den Einfluß zunächst der Getreidepreise auf den landwirtschaftlichen
 Betrieb festzustellen. Hierzu stellt er sich einen durch
eine Wüste von der Welt abgeschlossenen isolierten Staat vor, in dem
alle natürlichen und volkswirtschaftlichen Verhältnisse als völlig gleich
angenommen werden und nun die Wirkung eines einzigen Momentes
unter verschiedenen Modifikationen mathematisch berechnet werden
kann. So verfolgt er hier den Einfluß der Verschiedenheit der Preise,
welche der Landwirt in verschiedenen Entfernungen von der im Zentrum
gelegenen Stadt erhält, auf die Wirtschaftssysteme. Dabei legt er die
Produktions- wie die Transportkosten in Tellow und in: der Umgegend
zu Grunde. Er kommt zu dem Ergebnisse, daß der Landwirt gezwungen
 ist, will er den höchsten Reinertrag erlangen, je nach der Entfernung
 ein ganz verschiedenes Wirtschaftssystem zur Anwendung zu
bringen. Je entlegener der Grund und Boden ist, um so extensiver
muß gewirtschaftet werden; in der nächsten Umgebung erzielt man
dagegen durch den intensivsten Betrieb den höchsten Reinertrag. So
bilden sich um die Stadt die verschiedensten Th ünen schen Kreise,
die wir im zweiten Teile ausführlicher zu behandeln haben. Ebenso
stellt er die Bestimmung der Getreidepreise durch die Beschaffungskosten
 aus den entlegensten Gegenden fest, die noch zur Lieferung
des Bedarfs der Stadt herangezogen werden, da deren Produktionsund
 Transportkosten gedeckt werden müssen.
Weit klarer und einfacher wie bei Ricardo tritt in Thünens
isoliertem Staate ferner die Entstehung der Grundrente zu Tage, indem
die näher gelegenen Ländereien, die die gleichen Preise in der: Stadt
erhalten wie die entfernten, bei den geringeren Transportkosten einen
Ueberschuß über die gesamten Unkosten erlangen, welcher die Grundrente
 bildet. Die Wirkung einer Grundsteuer, welche das ganze Land
oder nur einen Teil desselben trifft, läßt sich in dem isolierten Staate
ebenso nachweisen wie die eines gesteigerten Arbeitslohnes. Die Wirkung
 der Verbesserung der Kommunikationsmittel, welche die Thünenschen
 Kreise vollständig verschiebt, ist durch nichts so klar zu erkennen
 als durch den Thünenschen Weg; ebenso die Bedeutung
ainer Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte, durch welche sie
eine größere Transporttähigkeit gewinnen.
Weitgehenden Einfluß hat seine Lehre von der Bestimmung der
Höhe des Kapitalzinses und des Arbeitslohnes gewonnen. Der erstere
wird nach ihm bestimmt durch die Nutzung des zuletzt angelegten
Kapitalteiles, der Letztere durch das Mehrerzeugnis, welches der zur
Erweiterung des Betriebes zuletzt angestellte Arbeiter liefert. Denn
solange wird, nach ihm, die Ausdehnung des Betriebes fortgesetzt
werden, als ein Ueberschuß über den Zins, der für das verwendete
Kapital gezahlt werden muß, erzielt wird. Und ebenso wird so lange
mit der Anstellung neuer Arbeiter vorgegangen, bis der zuletzt herangezogene
 einen Ueberschuß nicht liefert, und dieser letzte Ertrag bildet
auch die Grenze für den zu zahlenden Arbeitslohn mit rückwirkender
Kraft auf die Gesamtheit der Arbeiter. Unzweifelhaft finden wir in
dieser ganzen Lehre den Ausgangspunkt für die neuausgebaute Grenz-
        <pb n="359" />
        y

nutzentheorie der Wiener Schule, Sie ist aber von Anfang an auf nicht
aunerhebliche Opposition gestoßen.
Das Formalistische in dem ganzen Vorgehen Thünens, das Einseitige
 der mathematischen Methode in ihrer Ausdehnung auf das so
unendlich vielgestaltige wirtschaftliche Leben mußte sich bei der weiteren
Verwertung auf verwickelte Probleme immer mehr fühlbar machen und
sich als unzulänglich erweisen. Am wenigsten ist sein Weg geeignet, auf
dem Gebiete der Volkswirtschaftspolitik Klarheit über die Aufgaben
von Staat und Gesellschaft zu schaffen und gar ihr dabei bestimmte
Grenzen zu ziehen; es zeigt sich vielmehr unthunlich, das Wirtschaftsleben
 in die mathematische Schablone zu zwängen. Das trat zu Tage,
als Thünen es unternahm, eine Formel aufzustellen, nach welcher der
Lohn normiert werden sollte, um die Lage der arbeitenden Klasse zu verbessern,
 Schon vor seinem großen Werk hat er in einer Abhandlung „ein
Traum ernsten Inhalts‘ 1826 ausgesprochen, daß der Arbeiter einen zu
geringen Teil des Nationalertrages erhalte, der Kapitalist einen zu großen,
Er steht hier auf dem Malthus-Ricardo’schen Boden, daß der Arbeiter
 einstweilen auf zu tiefer Stufe stehe, um von einer Lohnerhöhung
etwas anderes zu erwarten als die Vermehrung der Volkszahl. Eine weitgehende
 energische Schulbildung der unteren Klassen kann nach ihm
hier eine Abhilfe schaffen. Er strebt aber nach einem Wege, schon
jetzt die Lage des Arbeiters zu verbessern, besonders ihn in höherem
Maße an den Fortschritten der wirtschaftlichen Kultur teilnehmen zu
lassen, und sucht deshalb den Anteil festzustellen, den die Arbeitskraft
neben Grund und Boden und Kapital an der Werterzeugung der verschiedenen
 Güter hat. Er will damit den naturgemäßen Lohn finden,
der ihm nach seiner Leistung mit Recht zukommt, ihm in der Gegenwart
 aber, wo das Verhältnis von Angebot und Nachfrage entscheidet,
zu Gunsten des Kapitalisten entzogen wird. Bezeichnet man das gemeinsame
 Produkt von Kapital und Arbeit mit „P‘“, den zum Unterhalt
 des Arbeiters nötigen Betrag mit „A“, so berechnet Thünen
den naturgemäßen Lohn gleich VAP. Hiernach steigt dann allerdings
der Anteil des Arbeiters mıt jeder Zunahme des Ertrages in einer bestimmten
 Proportion, und darauf kam es Thünen an. Er war so
durchdrungen von der Bedeutung seiner Formel, daß er sie auf seinen
Grabstein gesetzt zu haben wünschte, Gerade sie hat aber keine Anhänger
 gefunden; vor allem, weil der Verschiedenheit der Arbeit und
deshalb ihrer Leistung für den Ertrag gar nicht Rechnung getragen
wurde, In unserer Eintwickelungsperiode aber differenziert sich die
Arbeit immer mehr und damit auch der Anteil, welcher der Arbeitsleistung
 an dem Gesamtwerte der Produkte zuzusprechen ist. Unmöglich
 kann hier dieselbe Formel überall zur Anwendung gelangen.
Thünens Bedeutung liegt nach allem nicht hier, sondern in der
Aufstellung seiner Methode und dem Bilde des isolierten Staates, welches
zur Untersuchung verschiedenartigster wirtschaftlicher Probleme Anwendung
 finden kann.
8 101.
Die individualistischen Gegner der Smithschen Schule.
a) Jean Charles L6onard, Simonde de Sismondi.
Elster, Simonde de Sismondi, Jahrb. f. Nat,-Oekon. N. F., Bd. XIV, 1887,
Schon bald nach dem Erscheinen des großen Adam Smithschen
Werkes, welches eine fast allgemeine Begeisterung erweckt hatte,

Normierung
les Arbeitslohnes.
        <pb n="360" />
        — 342 —

Leben und
Werke.

Seine Lehre.

regten sich doch auch Bedenken nicht nur gegen einzelne Ausführungen,
sondern auch gegen die Grundlage des ganzen Freihandelssystems; und
wir haben im Folgenden diesen prinzipiellen Gegensatz in seiner Entwickelung
 während des 19. Jahrhunderts zu verfolgen. Hierbei sind
zwei Richtungen zu unterscheiden. Die eine acceptiert die Grundlagen
les modernen Staates, unserer sozialen Ordnung und infolgedessen auch
ınserer Volkswirtschaft als unantastbar, der Natur des Menschen
zonform und hält nur, von dieser Basis ausgehend, Modifikationen zur
Besserung der Verhältnisse für notwendig. Die zweite Richtung dazegen
 erkennt bereits die Basis nicht für berechtigt an, sondern bekämpft
 sie als unnatürlich, nur durch die herrschende Klasse zu ihrem
3igenen Vorteil künstlich so gestaltet, die daher von unten auf zu
revolutionieren sei. Diese letztere ist bekanntlich die kommunistische,
lie ältere sozialistische und schließlich die anarchistische Richtung.
Wir haben dann schließlich die dritte oder vermittelnde Richtung zu
betrachten, die man auch die modern-realistische genannt hat, welche
zwischen den Extremen zu vermitteln sucht; und während die früheren
nationalökonomischen Systeme auf französischem und englischem Boden
arwachsen sind, ist der Ursprung dieser letzteren auf deutschem Boden
zu suchen.
Einer der ersten und bedeutsamsten Kritiker des Smithianismus
war Simonde de Sismondi; 1773 in Genf als Sohn eines protestantischen
 Geistlichen geboren, gestorben 1842. Obgleich zum Kaufnannsstande
 bestimmt, gewährte man ihm eine gründliche klassische
Schulbildung und ließ ihn auch die Universität besuchen. Er lebte
längere Zeit in Frankreich, dann, von dort durch die Revolution vertrieben,
 in England und Toskana und reiste als Begleiter der Frau
von Sta&amp;amp;8&amp;amp;l durch Deutschland und Italien. Er trat auch vorüberzehend
 als Handelskammersekretär in seiner Vaterstadt in den prakischen
 Dienst und hatte so Gelegenheit, in dem Leben selbst unter
len verschiedensten Verhältnissen gründliche Studien zu machen, und
ar benutzte diese Gelegenheit in reichlichem Maße. Eine ihm an
der Sorbonne angetragene Professur schlug er aus, um seine schriftstellerische
 Thätigkeit nicht zu unterbrechen. Sein hanptsächlichstes
Werk erschien in Paris 1819 unter dem Titel: „Nouveaux principes
V’economie politique ou de la richesse dans ses rapports avec la popuation.“
 2 Bde. Die zweite Auflage erschien 1827,
Ursprünglich völlig eingenommen von dem Adam Smithschen
Werk wurde er durch die Beobachtungen der Zeitverhältnisse gegen die
Wahrheit der Lehre mißtrauisch. Wie er selbst ausspricht, war es die
Beobachtung der großen Krisis in England nach den Napoleonischen
Kriegen 1814, die ihn bedenklich gegen das Freihandelssystem machte,
anter welchem in so extremer Weise eine Ueberproduktion, damit Bankerotte
 und Not und Elend der Arbeiterklasse ermöglicht waren. In der
Gebundenheit der alten Produktionsverhältnisse war allerdings nicht der
Aufschwung möglich, wie er sich zu einer Zeit in England zeigte, aber
zuch nicht der grausame Rückschlag, wie er 1815 und dann wieder
1825 zu beobachten war, Es wird ihm zweifelhaft, ob die Förderung
ler Produktion in dieser völligen Ungebundenheit die schlimmen
Folgen aufzuwiegen vermag. Er wirft Adam Smith vor, allein
die Entwickelung der Produktion im Auge gehabt zu haben, ohne zu
untersuchen, welche Wirkung dieselbe auf die Bevölkerung habe, ob
sie auch eine entsprechende Förderung des Wohlseins in sich schließe.
        <pb n="361" />
        — 343 —

Er bezeichnet die von Adam Smith aufgestellte Wissenschaft als
sine Wucherlehre (Chrematistik), während sie eine ethische Wissenschaft
 sein solle, welche die menschliche Wohlfahrt im edleren Sinne
zu fördern sucht. Gerade dieser Auffassung wegen ist Sismondi
nicht mit Unrecht als der Vater des späteren Kathedersozialismus bezeichnet,
 der denselben Grundsatz auf seine Fahne schrieb. Unter
dem Prinzip des „laissez faire, laissez passer‘“ gehe eben die Wohlfahrt
der großen Masse der Bevölkerung verloren. Die schrankenlose Konkurrenz
 führe zu einem extremen Kampf, bei dem der Schwächere
unterliege, der nicht immer der Schlechtere sei. Vor allem ist der
Arbeiter dem Arbeitgeber, wie dem Kapitalisten gegenüber der
Schwächere und werde deshalb rücksichtslos ausgebeutet. Während unter
dem Feudalsystem der Grundbesitzer und bei dem alten Zunftwesen der
Handwerksmeister oder sonstige Unternehmer nicht nur in dem Momente
der Ausnutzung der Arbeitskraft den Arbeiter unterhalten mußten,
sondern. auch darüber hinaus, wenn er leistungsunfähig oder sonst verdienstlos
 war, findet ihn jetzt der Unternehmer endgültig mit dem
Lohne ab und wirft ihn auf die Straße, wenn er ihn nicht mehr zur
Erhöhung seines Reichtums verwerten kann. Aufgabe des Staates sei
es, hier einzutreten und den Schwächeren zu schützen; nicht durch
mittelalterliche Einrichtungen, durch Preis- und Lohntaxen etc., aber
durch Einrichtungen, welche den Unternehmer zwingen, den dauernden,
vollständigen Unterhalt nicht nur des einzelnen für ihn Arbeitenden,
sondern der Arbeiterklasse zu übernehmen. Wo, wie in England, die
Armenkasse eintritt, sollten wenigstens die Fabrikanten allein zu derselben
 beisteuern,
Die Hauptschwierigkeit einer Besserung sieht er als strenger Anhänger
 der Malthusschen Lehre in der rapiden Volkszunahme.,
[m Mittelalter durfte der Bauer ‚erst heiraten, wenn er in einen
Bauernhof einrückte, der Handwerker, wenn er Meister wurde. Die
Volkszunahme war daher beschränkt. In dem Zustande wirtschafticher
 Freiheit ist dagegen die Zunahme des Proletariats unbehindert
and greift in erschreckender Weise um sich. Daraus folgt die wachsende
 Zahl der Arbeitslosen, die wieder den Lohn herabdrückt.
Dem allem abzuhelfen sieht er sich selbst nicht im stande. Das Hauptübel
 scheint ihm in dem Gegensatze zwischen dem besitzenden Unternehmer
 und dem besitzlosen Arbeiter zu liegen. Er hält es deshalb
%ir eine Hauptaufgabe, wieder die Verbindung des Besitzes mit der
Arbeitskraft herbeizuführen und findet sein Ideal in dem bäuerlichen
Kleinbetriebe auf eigenem Grund und Boden, Daß die städtische
Industrie nicht wieder auf den kleinen, handwerksmäßigen Betrieb
zurückgeschraubt werden kann, sieht er ein, so sehr er dies bedauert.
So muß man wenigstens danach streben, eine Art Solidarität
zwischen Unternehmern und Arbeitern zu schaffen unter bedingter
Wahrung der individuellen Freiheit und des Privateigentums. Auch
ist das Besitzmonopol zu beschränken und dem Arbeiter ein wachsender
Teil an dem Wirtschaftsertrage zu sichern.
Das Wesentlichste in seiner Lehre ist, daß er dem Staate neue
wirtschaftliche Aufgaben zuteilt, vor allem den Arbeiter nicht schutzlos
sich selbst überlassen und als einfache Ware behandelt sehen, sondern
ihn unter die besondere Obhut des Staates stellen will, um damit
nicht nur die Produktion, sondern vor allem die geistige Kultur und
las Wohlbehagen der Gesamtheit zu fördern. Er verfolgt bereits mit
        <pb n="362" />
        - 344

scharfem Blick die Gegensätze zwischen Privat- und Gesamtinteresse,
welche die Smithsche Schule nicht kannte.

&amp;amp; 102,
Die romantische Schule der Nationalökonomie.
b) Adam Müller, K. L. von Haller.

A, Müller, In Deutschland hat der extreme Smithianismus nur bei verhältnismäßig
 wenigen vollen Anklang gefunden und ist vor Allem auf
deutschen Kathedern niemals unkritisch vertreten worden. Vielmehr
sind früh bedeutende: Staatsmänner demselben entgegengetreten. Der
zeistvollste unter ihnen war Adam Müller, später Ritter von Nittendorf.
 1779 in Berlin geboren, hat er seine Dienste hauptsächlich
Oesterreich gewidmet und hatte durch seinen Freund Friedrich
Gentz einen nicht unbedeutenden politischen Einfluß. In den letzten
Jahren seines Lebens war er unter Metternich in der geheimen
Staatskanzlei beschäftigt. Er starb in Wien 1829. Seine Hauptschrift
sind die „Vorlesungen über die Elemente der Staatskunst“, Drei Bände,
Berlin 1809. Er hat die Vorlesungen in Dresden vor dem Prinzen
Bernhard von Weimar gehalten. Ihm ist das Mittelalter mit seiner
ständischen Verfassung, den durch das Zunftwesen gebundenen Gewerben
 und der Verbindung der Menschen überhaupt in geschlossenen
Korporationen das Ideal. Die Atomisierung der Bevölkerung in der
Smithschen Volkswirtschaft erscheint ihm dagegen in hohem Maße
verwerflich. Er wirft Smith besonders vor, nur die einzelnen Konsumenten
 und ihren momentanen Bedarf im Auge zu haben, während
er demgegenüber die Entwickelung der Gesamtheit in den Vordergrund
 stellen will, und die Nachhaltigkeit der Leistungsfähigkeit des
Landes ihm die Hauptsache erscheint. Der Staat ist ihm selbstständiger
 Kulturzweck, ohne den der Mensch nicht gedacht werden
kann; dem Staate weist er daher auch die weitgehendsten Aufgaben zu.
Smith habe nur die materiellen Güter im Auge, von höherer Bedeubung
 seien die geistigen, denen Müller ebenso einen wirtschaftlichen
Wert beilegen will als jenen. Nur der Staat könne angemessen für
die Zukunft der Nation und ebenso für die Befriedigung der geistigen
Bedürfnisse sorgen. Der Staat müsse die Totalität aller menschlichen
 Angelegenheiten umfassen, in ihm müßten Familienleben, Wissenschaft
 und alle Erzeugnisse des menschlichen Geistes wurzeln und
aufgehen, Innerhalb des Staates müßte die Bevölkerung in eine
Reihe von Korporationen organisiert sein als Mittelglieder zwischen
Staat und Familie. Nur der Staat kann. ferner die verschiedenen
Generationen der Vergangenheit und der Zukunft verbinden. Die
Smithsche Lehre habe nur Anwendbarkeit für einen Handelsstaat
mit mehr städtischem Charakter wie England. Auf dem europäischen
Kontinent sei dagegen die Landwirtschaft die Grundlage. Der kontinentale
 Staat habe mehr ländlichen Charakter und sei deshalb anders
aufzufassen. Unzweifelhaft ist gerade dem deutschen Geiste die völlige
Trennung der materiellen Aufgaben von den sittlichen Grundlagen des
Lebens, wie sie in dem „wealth of Nations“ hervortritt, und dieses
Werk hat Adam Müller allein berücksichtigt, besonders entgegen,
Gerade diese Trennung greift er mit Schärfe an, weshalb seine Schrift
nicht ohne Eindruck blieb.
        <pb n="363" />
        — 345 —

Die gleichen Anschauungen vertritt Karl Ludwig von HallerL.v.Haller.
a Auch er steht mit seinen ganzen Anschauungen auf
em Boden des Mittelalters, idealisiert die damaligen Zustände in
Jurchaus unhistorischer Weise und bekämpft die neuere Entwickelung
und vor allem den modernen Industriestaat. Deshalb wünscht er in
seinem „Handbuch der allgemeinen Staatenkunde“, 1808 vor allem durch
Fideikommisse die großen Grundherrschaften für alle Zeiten festzulegen
und ebenso mit allen Mitteln den Bauernstand zu sichern. Den Gemeinden
 sollen weitgehende Rechte und große Selbständigkeit eingeräumt
 werden, um der lästigen Vielregiererei von oben entgegen zu
wirken. Gewerbefreiheit sei nicht zu dulden, den Gemeinden sei zu
überlassen, wen sie als Bürger aufnehmen und welche Beschäftigung
sie ihm gestatten wollen, Daß Haller bei dem geringen Verständnis
für die neue Zeit keinen tiefen Eindruck machen konnte, liegt auf
der Hand.

&amp;amp; 103.
ce) Friedrich List.

Lowis Katzenstein, Fr. List, Berlin 1896,
LZudw. Haüsser i.d. Vorrede zur Gesamtausgabe von Lists Werken. Tübingen 1850.
K. Th. Eheberg, Histor.-krit, Einl. z, 7. Aufl, Fr. List’s Nationales System der
pol. Oek. Stuttg. 1883
Die beiden soeben besprochenen Gegner Smiths standen zu sehr
auf veraltetem Standpunkte, um positiv einen Fortschritt in unserer
Wissenschaft zu erzielen und anders als durch ihre Kritik zu wirken.
Ganz anders steht der jetzt zu betrachtende Mann da, der mit klarem,
praktischem Blick die neuere Zeit richtig erfaßt und zugleich die
Einseitigkeit des Smithianismus erkannt hat. Er wollte nicht das
moderne Zeitalter zurückschrauben, sondern trat begeistert für dasselbe
ein und untersuchte, wie die modernen Förderungsmittel am besten
zu verwerten seien. Auch er trat dem Smith’schen Kosmopolitismus
entgegen und verlangte den Ausbau der einzelnen Nationen zu selbständigen
 Organismen mit eigener Geschichte und besonderer Eigentümlichkeit.
 Daher hat man das von ihm aufgestellte System das
„nationale“ genannt. Er sah aber in dem Staat nicht wie Ad. Müller
den Selbstzweck, sondern nur das Mittel, um dem Einzelnen gerecht
zu werden. Er entfernte sich damit nicht von Ad. Smith, wurde
aber dadurch sein Gegner, daß er dem Staate ganz andere wirtschaftliche
 Aufgaben stellte. Hatte Smith den Wohlstand hauptsächlich
in den Befriedigungsmitteln gesehen, so List in den Produktionskräften
 des Landes, die, allseitig zu entfalten und in ihrer nachhaltigen
Leistungsfähigkeit zu erhalten, die. Aufgabe des Staates sei, welche die
Einzelnen nicht genügend durchzuführen vermöchten. Auch er erkennt,
daß die Smithsche Lehre hauptsächlich für englische Verhältnisse
geschaffen und aus Beobachtungen auf englischem Boden erwachsen ist,
aber er sieht sie auch für verwertbar an, um zu beurteilen, wie die
Volkswirtschaft des Kontinents entwickelt werden müsse, um der englischen
 Suprematie entgegen zu wirken, Zugleich vermochte er seine
ganzen Lehren in ein geschlossenes System zu bringen, das nicht frei
von Einseitigkeiten ist, aber bis auf die Gegenwart hin in der Hauptsache
 seine Bedeutung bewahrt hat.
Es ist nun von besonderem Interesse, zu verfolgen, wie er auf
rein emPpirischem Wege und als Autodidakt zu seinen Anschauungen

Stellung zu
A. Smith.
        <pb n="364" />
        — 346 —

gekommen ist, und man muß seine Persönlichkeit und seinen Lebensgang
 kennen, um seinen Schriften gerecht zu werden. Wir treten desaalb
 seiner Persönlichkeit etwas näher. Fr. List wurde am 16. August
1789 in der damaligen freien Reichsstadt Reutlingen in Württemberg
als Sohn eines Handwerkers geboren. Bis zum 14, Jahre besuchte er
die lateinische Schule seiner Vaterstadt und begann zunächst das
Handwerk in der väterlichen Werkstatt zu erlernen. Da er sich dafür
als wenig geeignet erwies, wurde er zum Schreiber bestimmt und in eine
Kanzlei gegeben. Hier kam er schnell vorwärts, so daß er eine Anstellung
 am Oberamt in Tübingen erhielt, die ihm die Möglichkeit
schaffte, Techts- und staatswissenschaftliche Vorlesungen an der Universität
 zu hören, Dort war der damalige Kurator der Universität
von Wangenheim auf ihn aufmerksam geworden, und als er Minister
geworden war, zog er List zu seiner unmittelbaren Mitarbeiterschaft
heran. Beide vereinigten ihre Kräfte, um das verrottete Beamtentum
in Württemberg zu reformieren. Als List 1817 ein vortreffliches
Gutachten über die Gestaltung des staatswissenschaftlichen Unterrichts
abgegeben hatte, berief ihn Wangenheim als Professor der Staatspraxis
 an die neugegründete Fakultät für Staatswissenschaften., Um
das, was er auf dem Katheder lehrte, in weitere Kreise zu tragen,
und bei der Reform der Verwaltung eine Stütze in weiteren Kreisen
zu gewinnen, gründete er 1818 eine besondere Zeitschrift, worin er
die Zustände mit großer Schärfe kritisierte und sich dadurch natürlich
viele Feinde zuzog. Als er auf einer wissenschaftlichen Reise in
Frankfurt a. M. auf Ersuchen einer Anzahl Kaufleute und Fabrikanten
eine Kingabese wegen Aufhebung der Binnenzölle an die Bundesversammlung
 verfaßte und dort gar einen deutschen Handels- und Gewerbeverein
 gründete, dessen Leitung er übernahm, wurde er von der
württembergischen Regierung zur Verantwortung gezogen, weil dieses
Auftreten außerhalb des Landes als über die Kompetenz eines württembergischen
 Beamten hinausgehend angesehen wurde. Er sah sich infolgedessen
 zur Niederlegung seiner Professur veranlaßt und hatte
nun die Freiheit gewonnen, der Regierung noch schärfer entgegenzutreten,
 Die Reutlinger wählten ihn zu ihrem Abgeordneten in die
Ständekammer; die Wahl wurde aber von der Regierung annulliert.
Er wendete nun seine ganze Kraft dem deutschen Handels- und Gewerbeverein
 zu, um vor allem die inneren Zollschranken nach dem
Vorbilde Preußens durch den Tarif von 1818 auch in dem übrigen
Deutschland zu beseitigen. In einer besonderen Denkschrift schilderte
ar die nachteiligen Folgen, welche die 38 Zoll- und Mauthlinien für
den deutschen Handel haben müßten, welche die Waren von Hamburg
bis Oesterreich zu passieren hätten. Um nach dieser Richtung mehr
wirken zu können, gründete er einen Handelsverein mit dem Sitze in
Nürnberg und ein Organ für den deutschen Handels- und Gewerbestand,
 in dem er für die Zolleinigung aller deutschen Staaten eintrat.
Außerdem übernahm es List persönlich, bei den verschiedenen Ministerien,
 besonders in Wien und Berlin, zu wirken, aber zunächst mit wenig
Erfolg. Er sah sich deshalb bald von seinen Auftraggebern verlassen,
lenen er in der uneigennützigsten Weise seine ganze Kraft gewidmet hatte.
1820 trat er als Abgeordneter der Stadt Reutlingen in die
Württembergische Kammer, wo er mit einer sehr scharfen Petition
zegen das dortige Beamtentum auftrat und Reformvorschläge machte.
Da aber in der Kammer die Beamten die Maiorität besaßen. so
        <pb n="365" />
        stimmten sie einer Anklage des ‚Justizministers zu, welcher, in seiner
Eingabe eine Verleumdung der bestehenden Staatsverwaltung und ein
Staatsverbrechen sah, woraufhin List 1821 aus der Kammer ausgeschlossen
 und vor Gericht zur Verantwortung gezogen wurde. Zu
zehnmonatlicher Festungsstrafe und Zwangsarbeit verurteilt, entzog er
sich der Strafe durch die Flucht, reiste drei Jahre in Frankreich,
England und der Schweiz umher, kehrte dann aber unvorsichtiger
Weise in die Heimat zurück und wurde auf dem hohen Asperg in
Festungshaft genommen, aus der er 1825 nur gegen das Versprechen
auszuwandern entlassen wurde. Unmittelbar darauf ging er nach
Amerika; dort gelang es ihm schnell, ein angemessenes Arbeitsfeld zu
finden. In Pennsylvanien entdeckte er neue Steinkohlenlager und
gründete eine Gesellschaft zur Ausbeutung derselben. Durch die
Anlage einer verbindenden Eisenbahn wußte er ihr einen besonderen
Aufschwung zu verschaffen. Hier erkannte er nun die große wirtschaftliche
 Bedeutung dieses neuen Kommunikationsmittels, und sein
ganzes Streben ging dahin, in Deutschland dasselbe mit allen Mitteln
zu verallgemeinern, so daß er suchte, in die Heimat zurückzukehren,
Die Vereinigten Staaten wollten ihn 1832 in Hamburg zu ihrem Konsul
machen, doch wußte die württembergische Regierung dieses zu hintertreiben.
 Gleichwohl kam er 1832 mit seiner Familie nach Hamburg,
siedelte aber nach einem Jahre nach Leipzig über, wo er sowohl für
seine Hitterarischen Absichten, wie für den Ausbau eines nationalen
Eisenbahnsystems einen besseren Boden zu finden glaubte. Er veröffentlichte
 dort zu diesem Zwecke eine Reihe von Schriften und
hatte auch den praktischen Erfolg, den Bau der Leipzig-Dresdener
Eisenbahn ins Leben zu rufen. Da aber seine Pläne weit über den
engen Rahmen der Lokalbestrebungen hinausgingen, er stets das
nationale System im Auge hatte, welches den Privatinteressen der
einzelnen Bahnen vielfach entgegen war, und er seine Auffassung mit
großer Rücksichtslosigkeit und Schroffheit zum Ausdruck brachte, so
war es begreiflich, daß er dem Komitee bald unbequem wurde, und
man ihn mit einem Ehrengeschenke von 4000 Thalern abschüttelte.
Zur selben Zeit verlor er durch die Bankkrisis in Amerika sein dort
erworbenes Vermögen. "Trotz der schlimmen Leipziger Erfahrung blieb
er in der gleichen Richtung thätig. Durch ein besonderes Kisenbahnjournal
 wirkte er jetzt für den Ausbau des deutschen Eisenbahnnetzes
und wurde von verschiedensten Seiten als Sachverständiger herangezogen,
 so daß er thatsächlich einen großen Einfluß in dieser Hinsicht
 ausübte, Aber der pekuniäre Lohn, auf den er jetzt angewiesen
war, blieb aus, und als der Versuch, sich in seiner Heimat niederzulassen,
 fehlschlüg, ging er 1837 wieder in das Ausland, und zwar
nach Paris, wo er 3 Jahre hindurch litterarischer Thätigkeit oblag.
Als er 1840 nach Deutschland zurückkehrte, gelang es ihm, die
gerade in Angriff genommene Thüringer Bahn in andere als die bisher
 projektierten Richtungen zu lenken, wie es der volkswirtschaftlichen
 Entwickelung Thüringens am besten entsprach. Die juristische
Fakultät der Jenaer Universität verlieh ihm darauf „wegen seiner Verdienste
 um die Sache des deutschen Handelsvereins und des deutschen
Eisenbahnsystems“ die Doktorwürde honoris causa.
Im Jahre 1841 erschien sein Hauptwerk, „das nationale System
der politischen Oekonomie“, worin er in der erwähnten Weise dem
Smithianismus entgegentrat und einem gemäßigten Schutzzollsystem
        <pb n="366" />
        — 348 —

Würdigung
seiner
Leistungen.

Seine Lehre.

das Wort redete. 1843 gründete er das Zollvereinsblatt, worin er
nicht nur für die Erweiterung des Zollyereins, die (jründung einer
deutschen Flotte und Errichtung von Bundeskonsulaten eintrat, sondern
zuch eine Menge anderer Fragen eingehend erörterte, auf welche Weise
Deutschlands Entwickelung gefördert werden könnte. Aber überall
stieß er auf Opposition, was ihn in hohem Maß verbitterte. Zugleich
antergrub ein körperliches Leiden seine Widerstandskraft. Von Sorgen
aller Art gequält, nahm er sich am 30. November 1846 in Kufstein
selbst das Leben.
Wir sind auf das Leben dieses Mannes ausführlicher eingegangen
als bisher, weil seine Erlebnisse ungemein charakteristisch für die
zanzen Zeitverhältnisse sind.
Im Laufe der Zeit ist immer mehr anerkannt, daß List eine
abensolche Bedeutung für die volkswirtschaftliche Entwickelung Deutschlands
 gehabt hat, wie für die Wissenschaft, In ersterer Hinsicht
anterliegt es keinem Zweifel, daß er zu den bedeutsamsten Vorırbeitern
 des deutschen Zollvereins gehört und für die Ausbildung
aines Eisenbahnnetzes an den verschiedensten Orten Wesentfliches geleistet
 hat. Heutigen Tages ziemt es besonders in den Vordergrund
zu stellen, daß er vor mehr als 60 Jahren mehr als irgend ein Anderer
den nationalen Gedanken in Deutschland populär gemacht hat und ihn als
jedeutsamer Agitator auf den verschiedensten Gebieten zu verwirk-:ichen
 bestrebt gewesen ist. In seinem glühenden Patriotismus ist bei
ihm das Streben, sein Vaterland groß zu machen, überall der Auszangspunkt
 seiner Handlungsweise, Ueberaus tragisch ist es, zu verfolgen,
 wie er trotz seiner Erfolge überall Undank erntet und schließlich
 daran zu Grunde geht. Wohl hatte die damalige deutsche Kleinlichkeit
 und Engherzigkeit mit die Schuld daran, aber doch in der
Hauptsache er selbst mit seinem ungestümen, schroffen Wesen, indem
2r zwar in idealer Weise das Endziel in das Auge faßte, aber doch,
Jabei häufig die nächsten Aufgaben zu sehr in den Hintergrund treten
üeß. So wurden Konflikte unvermeidlich, die doch hauptsächlich in
jer Eigenart seiner Natur zu suchen sind, in Eigentümlichkeiten, die
las Korrelat der bedeutenden Eigenschaften des Mannes bildeten. Seine
schriftstellerische Bedeutung verdankte er der klaren, packenden Schreibweise,
 wodurch er wesentlich zur Popularisierung der Nationalökonomie
beigetragen hat, Dann wirkte er wesentlich durch die Anwendung der
historischen Methode, durch welche er überall seine Behauptungen zu
stützen suchte und seine Gegner zwang, gleichfalls auf die Geschichte
zu rekurrieren; hauptsächlich aber machte er Eindruck, indem er auf
Grund der Kenntnis des praktischen Lebens auch die praktische Nutzanwendung
 seiner theoretischen Aufstellungen versuchte. Er ist der
Begründer der modernen Schutzzolltheorie, die von der Wissenschaft
wie von der Praxis immer allgemeiner acceptiert wird.
Die Schranken seines Könnens ergeben sich daraus, daß er als
Autodidakt auftrat. Er hatte nicht die allgemeinen historischen Kenntısse,
 die sein Vorgehen voraussetzte. Manche Uebertreibungen und
Einseitigkeiten, über die man sich gegenwärtig aber leicht hinfortsetzen
kann, sind aus seiner agitatorischen Thätigkeit zu erklären.
Die Entwickelung der Volkswirtschaft vollzieht sich nach ihm
überall in der gleichen Weise. Die erste Stufe ist das Jäger- und
Hirtenleben, die zweite der Agrarstaat, die dritte der Agrar-Manufakturstaat,
 die vierte der Agrar-Manufaktur- und Handelsstaat. Auf der
        <pb n="367" />
        349 —

ersten Stufe ist von Volkswirtschaft noch keine Rede, auch auf der
zweiten ist eine höhere Entwickelung nicht möglich, es fehlt die
geistige Regsamkeit, und die Bevölkerung bleibt im Zustande der
Armut. Erst wenn sich Industrie entwickelt, kommt auch der geistige
Aufschwung und kann das Land zum Wohlstand gelangen, aber auch
die Industrie gewinnt erst höhere Bedeutung, wenn sie durch einen
internationalen Handel erweiterte Aufgaben erhält. Es ist deshalb
danach zu streben, die letzte Entwickelungsphase, auf der sich nach
ihm nur England befand, zu erreichen. Deutschland sah er wie die
Vereinigten Staaten Nordamerikas noch auf der vorletzten, Spanien
und Italien noch in der Ackerbauperiode stehen. Das Unrichtige
dieser historischen Darstellung ist schon an anderer Stelle auseinandergesetzt,
 wir können deshalb hier darüber hinfortgehen.
List untersucht nun, wie vor allem Deutschland sich auf die
höchste Stufe emporzuschwingen vermag. HEin jeder solcher Uebergang
hat seine besonderen Schwierigkeiten, und die Staatsgewalt hat die
Aufgabe, den Gewerbetreibenden darüber hinfortzuhelfen. Das hauptsächlichste
 Hilfsmittel dafür ist ein Schutzzollsystem, welches die aufkeimenden
 Unternehmungen gegen die übermäßige Konkurrenz des
stärkeren Auslandes schützt. Das Freihandelssystem ist hier von
Unheil. Man muß ein Kind gegen Angriffe eines starken Mannes
schützen, wenn es nicht unterliegen soll. Nur in der letzten Periode,
in der sich England befindet, das keinen überlegenen Gegner zu
scheuen hat, ist der Freihandel gerechtfertigt, der als Endziel allerdings
 im Auge behalten werden muß. Der Schutzzoll ist nur als
Mittel und Uebergang anzusehen. Die damit der Gesamtheit aufgelegten
 Opfer machen sich bei verständiger Handhabung sehr wohl bezahlt,
 dauernd aber wird die Last unerträglich und hat keinen Sinn.
Sehr lehrreich ist dabei die Auseinandersetzung über die verschiedene
Wirkung des Zolles, je nachdem fertige Waren, Halbfabrikate oder
Rohstoffe belastet werden. Mit den Ersteren ist zu beginnen und der
Nachdruck darauf zu legen. Er bekämpfte die Getreidezölle und reiste
nach England, um der Herabsetzung derselben durch Robert Peel
beizuwohnen und Studien darüber zu machen.
Die Schutzzölle werden aber um so wirksamer sein, je größer
das Territorium ist, welches sie umschließen; je mannigfaltiger die
Produktionsverhältnisse und die Produktionszweige innerhalb des abgeschlossenen
 Kreises sind, um sich gegenseitig ergänzen zu können,
um so schärfer wird die Abschließung sein können, ohne Nachteil
für die Bevölkerung, und um so mehr wird erreicht, worauf er den
ganzen Nachdruck legt, daß alle natürlichen Hilfsquellen des Landes
zur Verwertung gebracht werden, wodurch der Wohlstand am schnellsten
 und nachhaltigsten gefördert wird. Denn nicht in den erzielten
Genußmitteln, wie Ad. Smith es annimmt, sondern in den Produktionsmitteln
 liegt, wie schon oben erwähnt, nach seiner etwas gekünstelten
Unterscheidung, der Reichtum eines Landes.
Aus allen diesen Gründen erstrebt er die Erweiterung des
deutschen Zollvereins, insbesondere auf die Küstenstaaten, die für den
Exporthandel unentbehrlich seien.
Um aber alle Produktionsquellen zur vollen Ausnutzung zu bringen,
ist in dem Inlande nicht nur die Beseitigung aller künstlichen Schranken,
sondern auch die Verbesserung der Kommunikationsmittel erforderlich,
um die Transportkosten zu ermäßigen. die verschiedenen Produktions-
        <pb n="368" />
        — 350 —

zweige einander nahe zu rücken und den unmittelbaren Verkehr
zwischen Produzenten und Konsumenten zu erleichtern. Daher verlangt
 er Ausbau eines großen Kanalnetzes und dann Verallgemeinerung
ler Eisenbahnen, die das Land am besten erschließen und befruchten.
Mit diesen Lehren ist der Smithianismus für alle Zeiten aus
lem Felde geschlagen und ein endgültiger Fortschritt in unserer
Wissenschaft erzielt.

Sozialis-Mur


$ 104,
Das Wesen des Sozialismus, Kommunismus und
Anarchismus,
7. Cohn, Was ist Sozialismus? Berlin 1885,
an im „Nouveau Dietionnaire de l’6conomie politique“, Bd, II.
Rud. Stammler, Die Theorie des Anarchismus. Leipzig 1898,
Etzbacher, Der Anarchismus. Berlin 1900.
In den letzten Paragraphen haben wir die Schriftsteller besprochen,
 welche Gegner der Adam Smithschen Lehre waren, sich
aber voll und ganz auf den Boden des modernen Staats und der
modernen Gesellschaftsorganisation stellten und mit den Mitteln, die
diese an die Hand geben, die vorliegenden Verhältnisse zu bessern
‘rachteten. Wir haben nun dagegen einer Richtung näher zu treten,
die nicht wie die bisherigen reformierend, sondern revolutionierend
vorgehen will, oder eine völlige Revolutionierung der gegenwärtigen
Zustände als sich von selbst vollziehend annimmt. Sie sieht die gegenwärtige
 Organisation von Staat und Gesellschaft als unhaltbar an, weil
dem Gerechtigkeitsgefühl nicht entsprechend, gleichviel ob angenommen
wird, daß die gegenwärtige Ordnung willkürlich durch die herrschende
Klasse zu ihren Gunsten so gestaltet ist, oder sich naturnotwendig
im Laufe der Zeit historisch so entwickelt hat. In dem ersteren Falle
wird dann konsequenter Weise die Beseitigung der Klassenherrschaft
durch die große, bisher benachteiligte Masse der Bevölkerung angestrebt,
 in dem letzteren wird die Umgestaltung von der weiteren Entwickelung
 von selbst mit Bestimmtheit erwartet. Es ist klar, daß
dabei außerordentlich viele Abstufungen in der Auffassung möglich
und daher auch bei den Schriftstellern zu finden sind. Man hat
dieselben in drei Gruppen geteilt, die sozialistische, die kommunistische
und die anarchistische. Ueber die Begriffsbestimmung herrschen aber
ıoch die größten Meinungsverschiedenheiten, . ja man muß sagen, es
ı1errscht darüber noch die größte Verwirrung. Wir werden uns des-1alb
 zunächst mit der Begriffsbestimmung zu beschäftigen haben.
Das Wort Sozialismus kommt bekanntlich von dem lateinischen
Socius — Genosse, socialis — genossenschaftlich her. Die Uebertragung
 in die modernen Sprachen fand in den dreißiger Jahren statt,
wo in England ein Teil der Anhänger Robert Owens den Namen
„socialism“ für ihre Lehre acceptierten (Grünberg in W. d. V.),
und etwas später erklärte Pierre Leroux, man müsse dem modernen
 Individualismus den Sozialismus gegenüberstellen. Louis Repybaud
 acceptierte den Ausdruck 1840 in seiner Schrift: „Eitudes sur
les reformateures ou socialistes modernes“,
Schon Anfang der -vierziger Jahre ist der Ausdruck dann allgemein
 im Gebrauch und in alle modernen Kultursprachen übergegangen.
Eine lange Zeit hindurch sind die Ausdrücke sozial und sozialistisch

Paris
        <pb n="369" />
        Sa

als völlig gleichbedeutend behandelt. Sie finden sich z. B. in der
gleichen Bedeutung in kurz nacheinander folgenden Sätzen bei Bruno
Hildebrand in seiner „Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft“
1847. Er spricht z, B. S. 109 von „sozialen Wirtschaftstheorien“,
„Kenntnis der Sozialtheorien“ und den einschlagenden „sozialistischen“
Schriften, aus denen man die erstere entnehmen kann. Später hat in
dem deutschen Sprachgebrauch eine entschiedene Scheidung des Begriffes
 beider Ausdrücke stattgefunden. Sozial ist überhaupt eine einfache
 Uebersetzung für gesellschaftlich und, wie Rudolf Stammler
es erklärt, als „äußerlich geregelt“ anzunehmen. Unter Sozialismus
versteht man dagegen die KEigentümlichkeit einer ganz bestimmten
Gesellschaftsordnung und zwar einer staatlich organisierten Gesellschaft,
und das Adjectivum „Sozialistisch“ soll eben diese Higentümlichkeit
zum Ausdruck bringen. Wie das in der deutschen Sprache häufig
geschieht, so z. B. bei dem Begriff der Nationalökonomie, daß die
Lehre von einem Gegenstande mit demselben Ausdruck wie der Gegenstand
 selbst bezeichnet wird, so ist es auch bei dem „Sozialismus“ der
Fall. Was aber versteht man nun für eine Ordnung unter einer
sozialistischen? Fürst Bismarck erklärte in einer seiner Reden zu
gunsten des Sozialistengesetzes auf den Einwand, der Ausdruck
zozialistisch sei zu unbestimmt, um ihn: zum Ausgangspunkte einer
Gesetzgebung zu machen: Jeder Wähler habe wohl gewußt, wer Vertreter
 sozialistischer Ideen sei und was damit gemeint werde. Und
das ist unzweifelhaft richtig. Für den gewöhnlichen Verkehr hat sich
der Sprachgebrauch genügend geklärt. Ungemein schwierig dagegen
erweist sich die genaue wissenschaftliche Abgrenzung.
Es soll, wie es bei Pierre Leroux und Reybaud geschieht,
ain Gegensatz zum „Individualismus“. der Ad, Smithschen Lehre
zum Ausdruck gebracht werden. Nicht das einzelne Individuum, sondern
 die gesellschaftlich organisierte Gemeinschaft wird zum Ausgangspunkte
 der Wohlfahrtsbestrebungen gemacht. Diese gesellschaftliche
 Organisation wird innerhalb eines festgefügten Staates verlangt
und vorausgesetzt, und hierin liegt die scharfe Unterscheidung vom
Anarchismus, wie wir sehen werden, Wie weit die Organisation der
Gesellschaft ‘durch den Staat zu geschehen hat, darüber gehen bekanntlich
 innerhalb der sozialistischen Richtung die Anschauungen
wesentlich auseinander.
Aber dieses Moment allein ist nicht maßgebend. Der Sozialismus
verlangt eine ganz bestimmte Organisation, die im Gegensatz zur gegenwärtig
 waltenden steht. Allgemein wird derselbe in der Behandlung
der Eigentumsfrage gesehen, und zwar der Ersetzung des Privateigentums
 durch Kollektiveigentum, wobei natürlich eine Menge Abstufungen
 möglich und thatsächlich durchgeführt sind. Notwendig ist
es daher, hier eine Grenze zu ziehen, wo die Anschauung beginnt
sozialistisch zu werden, wo dagegen noch nicht. In England und Nordamerika
 wird jede Forderung der Verstaatlichung von Besitz und
Betrieb ohne weiteres als sozialistisch bezeichnet. Der Vertreter der
Verstaatlichung der Eisenbahnen, Forsten, des Versicherungswesens ist
dort ein Sozialist. Dadurch ist viel Verwirrung herbeigeführt, und
Leute, die jene Länder nicht aus eigener Anschauung kennen, lassen
sich daher durch Schriften, namentlich Zeitungen, verleiten, dort eine
Verbreitung sozialistischer Ideen anzunehmen, die thatsächlich nicht
avietiert. Nach unserem Sprachgebrauche., der hier durchaus korrekt
        <pb n="370" />
        — 352 —

ist, wird erst der als Sozialist anzusehen sein, welcher das Kollektiveigentum
 als die Regel, Privateigentum nur als Ausnahme verlangt,
während der, welcher eine Erweiterung des Staats- und Gemeindebe-3itzes
 verlangt, soweit derselbe nur eine Ausnahme bleibt, um bestimmte
 Zwecke besser erreichen zu können, den individualistischen
Boden nicht verläßt; sonst kommt man eben dazu, Jeden als Sozialisten
zu bezeichnen und ihn eventuell damit zu diskreditieren, der irgend eine
Veränderung unseres Erbrechts oder unserer Besitzverhältnisse anstrebt.
Hier sind wir aber bereits zu dem Punkte gelangt, wo wir den
Ausdruck „Kommunismus“ von dem des „Sozialismus“ scheiden müssen,
denn wir können in keiner Weise die Behauptung Georg Adlers
HA. W. d. St.) und Grünbergs (Wörterb. d. VE als
richtig anerkennen, daß in dem gegenwärtigen Sprachgebrauch beide
Ausdrücke als völlig gleichbedeutend angenommen sind, wenn auch
zuzugeben ist, daß früher eine solche Scheidung gewöhnlich nicht gemacht
 wurde, Niemand bezeichnet heutigen Tages Marx, Lassalle
u. s. w. mehr als Kommunisten ; jeder nennt sie dagegen Sozialisten.
Eisenhart hält allerdings die Ausdrücke nicht genügend auseinander.
 Mit vollem Rechte spricht R. Stammler von einer kommunistischen
 Richtung im Anarchismus, während ein sozialistischer
Anarchismus ein Unsinn ist. Der Sozialismus setzt einen fest organisierten
 Staat voraus, der Anarchismus dagegen negiert denselben.
Kommunismus aber kann ohne staatliche Regelung bestehen. Es muß
deshalb hier ein ganz bestimmter Unterschied vorliegen, und er scheint
uns nicht schwer zu finden. Kommunismus ist nichts anderes als
Gütergemeinschaft; eine Gesellschaft, in der völlige Gütergemeinschaft
herrscht, ist eine kommunistische. Die Gütergemeinschaft kann aber
eine vollständige oder eine unvollständige sein. Sie kann sich auf bestimmte
 Güterkategorien beschränken. Ein sozialistischer Staat kann
Kommunismus an den Produktionsgütern durchführen, wie das allerdings
 erstrebt wird. Es kann bekanntlich kommunistischer Gemeindebesitz
 bestehen, während daneben beschränktes Staatseigentum und
ausgedehntes Privateigentum die Grundlage in der Eigentumsverteilung
bildet und daher von einem sozialistischen Staate gar nicht die Rede
ist. Der neuere sogenannte wissenschaftliche Sozialismus erstrebt nur
Verstaatlichung der Produktionsmittel, nicht aber der Konsumtionsmittel.
 Wenn aber auch die letzteren zur Kollektivierung gezogen
werden, so bildet sich allerdings ein vollständiger Kommunismus aus,
der also das äußerste Extrem des Sozialismus nach dieser einen Richzung
 ausmacht.
Vergesell- Es scheint uns aber nicht die Behandlung des Eigentums allein als
ıchaftung des Maßstab für die Anwendbarkeit des Begriffes Sozialismus angesehen
mirtschaft- werden zu können. Ganz allgemein tritt in der sozialistischen Richtung
erebes” das Streben hervor, den privatwirtschaftlichen Betrieb durch den staatlichen
 oder gesellschaftlichen zu ersetzen, um die freie Konkurrenz einzuschränken
 oder zu beseitigen. Die Art der Durchführung bildet natürlich
 nur ein sekundäres Moment. Die ältere Richtung verlangte Verstaatlichung
 des Betriebes, die neuere dagegen Vergesellschaftung.
Das Ziel all dieser Maßregeln ist, weitgehende Gleichheit des
Lebensgenusses allen Gliedern der Bevölkerung zu teil werden zu
lassen. Ueberall tritt in sozialistischen Schriften dieser Gedanke hervor,
 daß die gegenwärtige Güterverteilung eine ungerechte sei, daß
die große Masse der Bevölkerung nur ein verkümmertes Dasein führe.

Kommunismus.
        <pb n="371" />
        353

and daß dieselbe aus Gerechtigkeitsgefühl geändert werden müsse.
Ueberall überwiegt die wirtschaftliche Seite der Frage, sie bildet den
Kernpunkt. Die politische wird nur sekundär als Mittel hinzugezogen.

Auch die Unterscheidung zwischen Sozialismus und Sozialdemokratie
 ist nicht überall eine klare, und zu häufig ist ein Zusammenwerfen
 der Begriffe zu beobachten. Die sozialdemokratische Richtung
will, wie es der Name besagt, die Volksherrschaft erlangen, um dadurch
 den sozialistischen Staat herstellen zu können. Sie wird durch
eine politische Partei vertreten, Ein Sozialist wie Rodbertus war
kein Sozialdemokrat, er setzte voraus, daß sich in der Monarchie und
Jurch dieselbe der Sozialismus allmählich Bahn brechen würde. Doch
ist diese Anschauung allerdings nur eine Ausnahme.
Am wenigsten Klarheit ist bisher über den Begriff des Anarchismus
 erzielt. Die neueste und schärfste Definition ist von Eltzbacher
aufgestellt, der wir in der Hauptsache folgen. Er findet bei den
hauptsächlichsten Anarchisten als das allein Gemeinsame die Verneinung
 des Staates für die Zukunft. Nach der Art aber, wie sie
den Staat ersetzt sehen wollen, findet er große Unterschiede, wie
ebenso, wie sie sich die Entwickelung zu ihrem Ziele denken. Mehrere
der Hauptvertreter des Anarchismus verzichten für die Zukunft auf
jedes Recht und jedes Eigentum. Diejenigen, welche noch Reste davon
 auch für die Zukunft annehmen, wollen dasselbe jedoch auf ein
Minimum reduzieren. Auf diese Weise liegt ein bestimmter Gegensatz
zum Sozialismus wie zum Individualismus unzweifelhaft vor. der erst
in den letzten Jahren genügend erkannt ist.
Wir haben geglaubt, unsere Auffassung hier ausführlicher ausainandersetzen
 zu müssen, als es sonst der Oekonomie der Schrift entspricht,
 um damit die Grenzen für.unsere Litteraturbesprechung zu
ziehen und die Einteilung zu rechtfertigen.
Es ergeben sich naturgemäß mehrere ganz verschiedene Gruppen
in der in Betracht kommenden Litteratur. Eine besondere Stellung
aehmen darin die sogenannten „Staatsromane“ ein, Phantasiebilder hervorragender
 Männer, in denen sie ihr Staatsideal aufstellen und damit
zugleich Kritik an den eigenen Zeitverhältnissen üben, die somit nach
zwei Richtungen das Interesse in Anspruch nehmen.
Erst dann treten wir unserer eigentlichen Aufgabe näher, indem
wir die ältere sozialistische Litteratur in dem 18. Jahrhundert und
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erörtern, woran dann die Besprechung
 der Litteratur des sogenannten wissenschaftlichen Sozialismus
 zu schließen ist. Schließlich ist noch ein Blick auf die hauptsächlichsten
 anarchistischen Schriften zu werfen.

Sozialdemokratie.


Anarchis-MNus.


8 105.
Die Staatsromane.

Rob. von Mohl, Die Stantsromane, Zeitschr. f. Staatsw., 1845. Bd. IL.
E. Kleinwächter, Die Staatsromane. Wien 1891.
Pöhlmann, Geschichte des antiauen Kommunismus und Sozialismus. München
1893 u. 2. Aufl. 1900.

Das erste hierher gehörige Beispiel, welches unzweifelhaft die
größte nachhaltige Bedeutung erlangt hat, ist das Staatsideal, welches
Plato in seiner Schrift über den Staat aufstellt, und das hier berück-Conrad,
 Grundrifs der nolit. Oekonomie. TI. Teil. 4. Auß, 23
        <pb n="372" />
        354

Plato’s
Staat.

zichtigt werden muß, obwohl es unter ganz anderen Voraussetzungen
geschrieben ist, als die späteren und daher nicht ohne weiteres mit
jenen zusammengestellt und verglichen werden kann.
Plato lebte in einer Zeit der Entartung Griechenlands, wo auch
unter den Bürgern der Gegensatz zwischen arm und reich in extremer
Weise zur Ausbildung gekommen war, wo damit die Interessengegensätze
 und der Kampf um die materiellen Interessen sich mehr und
mehr fühlbar machten. Er untersucht nun, wie ein Staat organisiert
sein müsse, um diese Uebelstände zu vermeiden, und legt seine Anschauungen
 in seinem „Staate“ nieder, wobei er ausdrücklich anerkennt,
 daß eine völlige Durchführung desselben für Menschen unmöglich
 sei, weshalb er in einer zweiten Schrift „Die Gesetze“ Vorschläge
für die vorliegenden Verhältnisse, die natürlich wesentlich von seinem
Ideal abweichen, macht.
Die Voraussetzungen, von denen er ausgeht, die man notwendig
beachten muß, um nicht zu einer falschen Auffassung seiner Ideen zu
gelangen, sind die folgenden: Er stellt sich vor allem die Neugründung
 eines Staates vor, hat ferner nicht einen Staat in unserem Sinne
im Auge, sondern mehr eine Stadt von etwa 5000 Bürgern und einer
nicht sehr ausgedehnten Umgebung. Die dritte Voraussetzung ist die
Scheidung der Bevölkerung in drei Klassen: die herrschende Kriegerklasse,
 die freie, aber nicht mit politischen Rechten versehene Klasse,
welche die gewöhnlichen wirtschaftlichen Aufgaben übernimmt, und
drittens die Sklaven.
Unter diesen Voraussetzungen sucht er nun festzustellen, wie unter
der kleinen Zahl der Kriegerklasse, welche allein die Landesverteidizung
 und die politische Leitung in der Hand hat, den „Wächtern“
des Staates, ein völliges Aufgehen in den politischen Interessen erzielt
werden kann. Den Staat faßt er als abgeschlossenen, fest gefügten
Organismus mit Selbstzweck auf, in dem auch die leitenden Bürger
nur als untergeordnete Glieder angesehen werden, die ihr ganzes Sein
der Gesamtheit zu widmen haben, individuelle Selbständigkeit nur in
beschränktem Maße beanspruchen dürfen, hauptsächlich als Mittel zur
Erreichung des höchsten Staatszweckes behandelt werden.
Die Aufgabe, die sich daraus ergiebt, ist: 1. die Interessen aller
Mitglieder der Hüterschaft des Staates, also der herrschenden Klasse,
völlig gleich zu gestalten und alle individuellen Neigungen zu unterdrücken.
 2. dieselben zur Verteidigung nach außen zur höchsten
Leistungsfähigkeit zu bringen, Das Mittel hierzu sieht er in der Beseitigung
 allen Privateigentums und Erziehung in völliger Einfachheit
und Gleichheit, in der Aufhebung der Familie und der Ehe, Auswahl der
passendsten Individuen zur Zucht, wie bei einer Herde, Aussetzung
aller unvollkommen entwickelten Kinder und nur Aufziehung körperlich
 allen Anforderungen entsprechender Individuen, und zwar nicht
durch die Mutter, sondern gemeinsam in großen Staats-Erziehungsanstalten.
 Die größte Sorgfalt soll auf die körperliche und geistige
Erziehung verwendet werden, und zwar für beide Geschlechter in der
gleichen Weise.
Wir haben es hiernach nicht mit einem Staate nach unserem Begriffe
 zu thun, sondern allein mit einer Art Beamtenklasse, welche
auf Kosten der Gesamtheit ernährt und zur Verwaltung und Verteidigung
 herangezogen wird. Die wirtschaftliche Thätigkeit kommt
hierbei überhaupt nicht in Betracht. Daß die ganze Auffassung
        <pb n="373" />
        — 355 —

unseren modernen, besonders christlichen Anschauungen von Menschenwürde
 und individueller Freiheit zuwider ist, bedarf keiner weiteren
Ausführung,
Ein zweiter Versuch, ein Staatsideal aufzustellen, welcher hier in Utopia des
Betracht kommt, taucht erst im 16. Jahrhundert in der berühmten Th. Morus
„Utopia“ von Thomas Morus, dem Lordkanzler Heinrichs VIII,
auf. Der Verfasser war geboren 1478 als Sohn eines der höchsten
Richter des Landes, er starb auf dem Schafott 1536 als Opfer seines
unbeugsamen Rechtlichkeitssinnes, mit dem er dem König entgegentrat.
Sein erwähntes Werk erschien 1516 in Löwen unter dem Titel: Libellus
 vere aureus nec minus salutaris quam festivus de optimo reipublicae
 statu deque nova insula Utopia.
Thomas Morus lebte in einer Zeit, wo sich ebenso wie zur
platonischen der Gegensatz zwischen arm und reich besonders scharf
erweitert hatte, Der Grund und Boden war zum großen Teil in der
Hand einer kleinen Zahl von Männern konzentriert, die in der rücksichtslosesten
 Weise die Verwertung ihres Besitzes nur im eigenen
Interesse und vielfach zum Schaden der Gesamtheit durchführten. Besonders
 wurde beobachtet, daß die Bauern verdrängt und die Aecker
in große Schaftriften und Jagdgründe verwandelt wurden, so daß sich
Heinrich VIIL genötigt sah, mit strengen Maßregeln dagegen Yorzugehen.
 Außerdem waren durch die Konfiskation der Klöster und
Kirchengüter, aus denen bis dahin Massen von Armen unterhalten
waren, viele Tausende um den bisherigen Unterhalt gebracht, die nun
als Bettler im Lande umher vagierten. Auch hier suchte Heinrich VIII.
durch Gesetzgebung, und zwar durch übermäßig strenge Bestrafung
des Bettelns und Stehlens, vergeblich zu steuern. Der dritte Uebelstand,
 der zwar nicht neu war, aber schärfer als bisher erkannt wurde,
war die große Zahl der Müßiggänger in dem Hofstaate der Fürsten
und Großen, die auf Kosten der Gesamtheit erhalten werden mußten.
Aehnlich wie Plato und unzweifelhaft durch ihn angeregt, suchte
Morus in seinem Idealstaate zu zeigen, wie die Bevölkerung durch
Erziehung und durch eine ganz neue Organisation von den Schäden
befreit werden könne, gegen welche die Gesetzgebung sich unwirksam
erwies. Er stellt sich dabei auf den christlichen Standpunkt und geht
umgekehrt wie Plato von der Familie als Grundlage auch des
Staatswesens aus. Bedeutsam ist dabei, daß auch er nicht ohne
Sklaven auszukommen vermag und nur kleine Staatsgebilde zur Grundlage
 nimmt.
Auf einer Insel der südlichen Halbkugel „Utopia“ sind 54 etwa
eine Tagereise von einander entfernte kleine Städte von 6000 Familien
gedacht, die in jeder Hinsicht gleiche Sitten und Einrichtungen haben,
An der Spitze jeder Familie steht der Aelteste als Leiter. Je 30
Familien wählen jährlich einen Syphogranten als Oberhaupt. 10 derselben
 wählen wiederum einen Vorsteher, den Traniboren, und diese
den Fürsten, der lebenslänglich das Amt erhält. Die Traniboren sind
wieder wählbar nach Ablauf ihres Amtsjahres, die Syphogranten nicht
unmittelbar. Die der Landwirtschaft obliegende Bevölkerung wird in
Familien zu 20 männlichen und 20 weiblichen Personen und zwei
Sklaven geteilt, die unter einem Hausvater und einer Hausmutter
stehen. Die gemeinsamen Angelegenheiten der ganzen Insel werden
von einem Senate geleitet, zu dem jede Stadt drei Abgeordnete aus
den weisesten Männern schickt. Privateigentum existiert nicht. Pro-D9*
        <pb n="374" />
        — 356 —-duktion

 und Konsumtion sind im großen Ganzen gemeinsam gedacht,
wenn auch Ausnahmen nicht ausgeschlossen sind. Jeder ist verpflichtet,
 die Landwirtschaft zu betreiben und außerdem irgend ein
Handwerk zu erlernen. Zum Betriebe der Landwirtschaft werden die
nötigen Personen auf zwei Jahre kommanundiert, worauf sie in die Stadt
zurückkehren und durch andere ersetzt werden. Jeder ist zur Arbeit
verpflichtet, mit Ausnahme der Beamten und derjenigen, welche auf
Empfehlung der Priester vom Volke dispensiert werden, um sich der
Kunst und Wissenschaft zu widmen. Die Arbeitszeit ist auf 6 Stunden
beschränkt. Das müsse hinreichen, wenn jeder Luxus verbannt, der
Arbeit die möglichste Annehmlichkeit beigelegt wird und Müßiggänger
nicht vorhanden sind. Niedere Arbeiten sollen, wie erwähnt, Sklaven
vorbehalten sein; das sind Sträflinge und Kriegsgefangene, zu denen
eventuell auswärtige Lohnarbeiter hinzugezogen werden,
Die Produktion wird associationsweise durchgeführt, das Ergebnis
ist an Staatsmagazine abzuliefern, aus denen den Haushaltungen das
Nötige und natürlich völlig gleichmäßig zugeteilt wird. Die Regelung
der Gütererzeugung und Güterverteilung im ganzen Lande hat der
Senat zu leiten und zu beaufsichtigen. Auch die einzelnen Städte
haben sich gegenseitig zu ergänzen und zu unterstützen. Der Handel
mit dem Auslande wird auf ein Minimum reduziert. Reisen im Auslande
 sind verboten, dagegen ist Auswanderung überschüssiger Bevölkerung
 als notwendig anerkannt.
Außerdem ist zu bemerken, daß unbedingte religiöse Toleranz
ausgesprochen ist. Doch kann nur Beamter werden, wer an eine
Seele und an eine Fortdauer nach dem Tode glaubt. Die Priester
werden wie die anderen Beamten gewählt,
Mit Recht sagt Robert von Mohl, daß für die damalige Zeit
der Gedanke der Priesterwahl, Beseitigung der Stände einen größeren
Gegensatz zu den allgemeinen Anschauungen ausmachte, als die Forderung
des modernen Sozialismus auf Beseitigung des Privateigentums. Wesentlich
 ist ferner die Unterdrückung des HErwerbstriebes, der ersetzt
werden soll durch Arbeitszwang, was sich in jedem sozialistischen
Staate als notwendig herausstellen muß, worüber aber die modernen
Schriftsteller gerne stillschweigend hinfortgehen. Das Endergebnis ist
wohl eine angemessene Fütterung der ganzen Bevölkerung, aber auch
die größte Oede und Gleichförmigkeit, da es an jeder Abwechselung
fehlt. „So wie jemand eine aus den Städten wohl gesehen und erkannt
 hat, der kennet die anderen alle, also seien sie einander durchaus
 gleich“. Morus hofft darüber durch Erziehung und Bildung
Aller, welche die ausgedehnte Muße ermöglicht, hinforthelfen zu
können.
Sonnenstaat Der nächstfolgende Versuch, der für uns Interesse hat, ist der
des Campa- des kalabresischen Dominikanermönches Campanella, der als Feind
nella. ger spanischen Herrschaft 25 Jahre im Kerker schmachtete und dort
die Schrift „Civitas solis, vel de rei publicae idea dialogus poeticus“
1630, zweite Ausgabe Paris 1637, verfaßte. Er schließt sich enger
als Morus an Plato an und beschränkt den Staat auf eine Stadt.
Er bekundet aber seinen geistlichen Standpunkt durch Einrichtung
einer strengen hierarchischen Ordnung, alle geistliche und weltliche
Gewalt ruht in den Händen eines gewählten Groß - Metaphysikers,
unter dem Beamte als Vertreter der Weisheit, Stärke und Liebe
fungieren. Auch er will völligen Kommunismus durchgeführt haben,
        <pb n="375" />
        — 357 —

unter Beseitigung des Geldes und des Binnenhandels. KEs herrscht
Arbeitszwang, der selbst mit körperlicher Züchtigung durchgeführt
wird. Nichts ist dem Zufall oder persönlicher Willkür der Einzelnen
überlassen. Wunderbar ist bei einem Geistlichen die Forderung der
Beseitigung der Ehe und Durchführung staatlich geregelter Zucht.
Es existiert noch eine große Zahl ähnlicher Beispiele, wie „Oceana“
von Jakob Harrington, welches allerdings nur die Verfassungsfrage
 berührt. Denis Vairasse „Histoire des S6varambes“, Paris
1677. Dann die Reise nach der Insel Caphar Salama, in deutscher
Sprache 1741 von einem unbekannten Verfasser protestantisch-pietistisch
 geschrieben. Morelly, Naufrage des iles flottantes, ou de la
Basiliade de Pilpai, Paris 1753. Cabet „Voyage en Jearie“, Paris
1840. Hierher gehört auch Fouriers Idee der Bildung von Phalanges
 und Phalansteres, auf welche aber besser im Zusammenhang
mit Fouriers Lehre zurückzukommen sein wird. Alle diese Romane
zeigen große Aehnlichkeit und können deshalb von uns übergangen
werden. Grünberg zählt in dem 16. Jahrhundert zwei derartige
Beispiele; in dem 17. 6, im 18. aber 12 Utopien, Auf England fallen
4, auf Italien 2, auf Frankreich 14.
Auch die neueste Zeit hat ein Beispiel aufzuweisen, das ist
Bellamys vielgelesenes „Looking backward“, New-York 1888.

8 106.
*
Die Entwickelung des Sozialismus und Kommunismus
in der neueren Zeit bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts.


L. Stein, Der Sozialismus und Kommunismus des heutigen Frankreichs,
Leipzig 1845. .
M. YV. Advielle. Histoire de Gr. Babeuf et du Babouvisme, IL. Bd,
Paris 1884.

Die Angriffe gegen das Privateigentum sind ebenso alt, wie die
erörterten Staatsideale. Es ist bekannt, daß dieselben auch auf Grund
der christlichen Lehre erwachsen sind und die mannigfaltigsten Blüten
gezeigt haben. Schon in den ersten Jahrhunderten des Christentums
 bildeten sich Sekten und Orden mit kommunistischen Tendenzen.
Eine neue Anregung gewann die Richtung durch den übermäßigen
Druck, welcher Ende des Mittelalters auf der unteren Bevölkerung,
besonders auf den Bauern lastete. Die eigentliche Bauernbewegung
in der Reformationszeit hatte unzweifelhaft keinen sozialistischen oder
kommunistischen Charakter, wie aus den‘ berühmten zwölf Artikeln
leicht zu ersehen ist, in denen die Forderungen der Bauern zusammengestellt
 sind, die nur auf Beseitigung der himmelschreienden Uebelstände
und Schutz vor einem unerhörten Druck gerichtet sind. Dagegen gehört
hierher die Bewegung der sogenannten Wiedertäufer, des Zwickauer
Tuchmachers Niklas Storch und des Thomas Münzer. Der
Letztere versuchte ein Reich brüderlicher Gleichheit, Freiheit und
Lauterkeit und der Rückkehr zum Urzustande der ersten Christengemeinde
 durchzuführen, was aber gänzlich mißlang, weil die Anhänger
nicht in Schranken zu halten waren und das Land zu brandschatzen
anfıngen.
Hier wie bei den meisten anderen Kritikern der Zeit und politischen
Reformatoren trugen die Anschauungen, wie wir sahen, speziell kommu-Th.

 Mün
ar
        <pb n="376" />
        — 358 —

nistischen Charakter, engherzigster, man kann sagen, kindlichster Art.
Eine mehr philosophische Grundlage ist der Richtung erst im 18. Jahrhundert
 und zwar in Frankreich gegeben.
Trotzdem dieses in der neueren Zeit auf das entschiedenste bekämpft
 ist, können wir nicht umhin, den eigentlichen Ausgangspunkt,
J.J. Rous- wie bisher, in Jean Jaques Rousseau zu sehen. Wenn es auch
95°%% Liepmann gelungen ist, den Nachweis zu führen, daß Rousseau
selbst niemals sozialistischen Anschauungen gehuldigt hat, und es längst
bekannt ist, daß er nie die Konsequenzen seiner Jugendlehre gezogen
3at, sondern ihnen selbst verschiedentlich entgegengetreten ist, so wird
lamit doch nicht die Thatsache aus der Welt geschafft, daß gerade
seine erste Schrift und die darin enthaltenen geistvollen, in wenig
szurzen prägnanten Sätzen zusammengefaßten Angriffe gegen das Privatsigentum
 den tiefsten Eindruck machten und die allgemeinste Verbreitung
 fanden, so daß sie zur Fortsetzung der Angriffe und der
kritischen Beurteilung der Zeitverhältnisse in dieser Richtung mit
größtem Erfolge anregten, und man in der nachfolgenden sozialistischen
Litteratur ihre Spuren immer wieder entdecken kann. Im Jähre 1753
arschien seine berühmte Preisschrift der Akademie von Dijon „Trait6
sur V’origine de l’in6galit@ parmi les hommes“. Hiernach ist die Unzleichheit
 der Lebenslage, des Besitzes, wie der geistigen und sittlichen
Eigenschaften nur ein künstliches Produkt der Kultur, und daber
sbenso die Not der großen Masse der Bevölkerung, Ursprünglich sind
ach ihm alle Menschen gut und gleich; erst die Erziehung und die
Bildung haben die Verschiedenheiten herbeigeführt, die wir gegenwärtig
veobachten. Das Privateigentum sei nichts Natürliches, sondern schaffe
our willkürliche Privilegien, worauf die berühmte Stelle folgt: „Der
Erste, der ein Stück Land umzäunte und erklärte: Dies gehört mir,
and Leute fand, die einfältig genug waren, ihm das zu glauben, war
der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viel Verheerungen,
 Kriege, wie viel Mord und Elend wären der Menschheit erspart
 geblieben, wenn Jemand die Umzäunung umgerissen, die Gräben
verschüttet und den Anderen zugerufen hätte: Hütet euch, diesem Be-:xüger
 zu glauben. Ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Früchte
les Bodens Allen gehören und dieser selbst Niemand gehört.“ Durch
Jas Privateigentum sind nach ihm überhaupt die modernen Begriffe von
Recht und Unrecht entwickelt, die Selbstsucht geweckt, und die Arbeitsteilung
 hat neue Uebel gezeitigt. Auch in seinem „Emile“ und in dem
1762 erschienenen „Contrat social“ finden sich noch eine Menge Stellen,
die zur Ergänzung dieser angeführten Sätze angewendet werden können,
wie: „Die bestehenden Gesetze kommen nur den Reichen zu gute,
den Armen sind sie schädlich.“ Daraus folgt, daß der Staat nur dann
den Menschen Vorteile gewährt, wenn, wie es sein soll, Alle etwas
'1aben, Keiner zu viel hat.
Von. ähnlichem Geiste beseelt ist die 1776 erschienene Schrift des
Mably und Abbe Mably „De la lögislation ou principe des lois“ und schon vor-Andere,
 her seine gegen die Physiokraten gerichtete Schrift „Doutes propos6s
 aux philosophes &amp;amp;conomistes sur l’ordre naturel et essentiel des
societes politiques (Paris 1768).
Noch zwei Männer erwähnen wir kurz, die, durchaus Anhänger der
erwähnten Rousseauschen Lehren, dieselbe weiter zu begründen und
auszubauen suchten: Linguet, „Theorie des lois civiles“, 2 Bde,,
Paris 1767, und Brissot de Warwille, „Recherches philosophiaques
        <pb n="377" />
        — 359 —

zur le droit de la propriet6@ et sur le vol, considere dans la nature et
dans la societe 1780. Beide erklären das vorliegende Eigentumsrecht
als Produkt der Gewalt und Willkür, welches keineswegs in der Natur
des Menschen seine Begründung finde, - Sie erkennen aber mit
Rousseau an, daß es nun nicht mehr beseitigt werden könne, weil
Jarauf die Kultur beruht. Mirabeau sah es allein als Produkt freier
Uebereinkunft an, welches jeden Augenblick geändert werden könne
and den Zeitverhältnissen nach auch in den Grundzügen umgestaltet
werden müsse, Es ist wohl zu beachten, wie auf Grund Rousseauscher
 Lehren und mit der gleichen Argumentation das Privateigentum
als die Ursache aller Zeitübel hingesteilt und angegriffen wird.
Die französische Revolution hatte in der Hauptsache unzweifelhaft
rein politischen Charakter. Man erstrebte, wenigstens in der stürmischsten
 Zeit, politische Gleichberechtigung, wirtschaftliche Freiheit,
soziale Brüderlichkeit und erhoffte damit allgemeine Wohlfahrt und
Zufriedenheit zu erzielen. Die wirtschaftliche Gleichheit wurde von den
Einen als selbstverständliche Errungenschaft vorausgesetzt, von den
Anderen nicht gefürchtet. Es ist daher nicht richtig, wenn neuerdings
so vielfach behauptet wird, daß überhaupt der Revolutionszeit der
zozialistische Charakter fern lag, er trat vielmehr wiederholt hervor,
nur daß er von der herrschenden Partei unterdrückt wurde.
Robespierre war unbedingt Sozialist, wenn auch ohne Klarheit
and Konsequenz, Der Grundzug zeigt sich in seiner affektierten
Schwärmerei für den antiken Staat, seiner Bekämpfung des Testatrechts,
der Proklamierung des Rechts auf Arbeit und Unterhalt, in der Fassung
der von ihm aufgestellten Menschenrechte. Den Kommunismus aller-Jings
 bekämpfte er. Saint Just war Kommunist, Marrat vertrat
aur ein einfaches Beraubungssystem.
Der Mann aber, der hier unsere besondere Aufmerksamkeit
beansprucht, ist Gracchus Babeuf, (1760—97), der während
seiner Gefangenschaft sich ein vollständiges kommunistisches System
ausdachte und dieses in einem engeren Kreise der „Societ&amp;amp; du Pan-‘h6on“
 und durch die Zeitschrift „Le Tribun‘“ zu verbreiten suchte,
Alle Güter, die materiellen und die geistigen, sollen der Gesamtheit
gehören. Niemand darf mehr genießen als die Uebrigen; ein Jeder
hat ein Recht auf eine glückliche Existenz, aber auch die Pflicht zur
Arbeit, die nicht der Willkür der Einzelnen überlassen bleiben darf,
sondern durch Gesetz geregelt werden muß. Die Zentralgewalt hat
jeden Menschen dem Beruf, dem Wirkungskreise zuzuweisen, dem er
gewachsen ist, und ihn zu verpflichten, die Frucht desselben in natura
in ein gemeinsames Magazin abzuliefern. Ein Verteilungsamt ist einzurichten,
 das über alle Individuen und Güter Buch führt, die Lebensmittel
 in peinlichster Gleichheit verteilt und sie jedem Bürger in sein
Haus liefert. Die Kindererziehung soll gemeinsam, höchst einfach
and gleich ohne Rücksicht auf individuelleBegabung sein. Große Städte
werden nicht geduldet, das ganze Leben ist hauptsächlich auf Landwirtschaft
 basiert. Kunst und Wissenschaft werden auf ein Minimum reduziert.
Babeufs Versuch, die Herrschaft in die Hand zu bekommen, mißlang
bekanntlich, er starb durch die Guillotine, und seine Lehren erlangten keine
nachhaltige Bedeutung. Die Revolutionszeit und die darauf folgende
Herrschaft Napoleons unterdrückten die Weiterverfolgung dieser Idee,
Nach der Restauration tauchten in Frankreich zwei Männer auf,
denen wir unsere besondere Aufmerksamkeit widmen müssen. Saint-1789.



Babeuf.
        <pb n="378" />
        — 360 —

Simon und Fourier, die eine Schule gründeten. In der gleichen
Zeit, z. T. schon früher vertrat in England Robert Owen sozialistische
Lehren, in Deutschland der Philosoph Fichte, mit denen wir uns nun
zu beschäftigen haben.

&amp;amp; 107,
Claude Henry de Saint-Simon und der Saint-Simonismus.

Lowis Reybaud, Etudes sur les röformateurs contemporains ou les socialistes
modernes, St. Simon, Charles Fourier, Robert Owen. II. Bd. Paris 1841.
Lor. Stein, Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich von 1789 bis
auf unsere Tage, III. Bd. Leipzig 1850.
Seb. Charlety, Histoire du Saint-Simonisme, 1825—64, Paris 1896.
Oeuvres de Saint-Simon, publies par Olinde Rodrigues, Paris 1841.

Leben und Der Graf Saint-Simon war in Paris 1760 als Sproß einer der
Schriften, 5]testen und reichsten Familien des Landes geboren. Er erhielt eine
vorzügliche Erziehung und zeigte früh außergewöhnliche Begabung und
großen Ehrgeiz. Angezogen von der freiheitlichen Bewegung der Vereinigten
 Staaten, stellte er sich Washington zur Verfügung und
machte den amerikanischen Befreiungskrieg mit, unternahm dann große
Reisen und widmete sich eine Zeit laug großartigen praktischen Plänen,
wie durch einen Kanal Madrid mit dem Meere zu verbinden, ja sogar
die Landenge von Panama zu durchstechen, ohne indessen praktisch
etwas durchzuführen. Die französische Revolution vernichtete seinen
Rang und sein Vermögen, so daß er eine Reihe von Jahren von
1790—97 eine untergeordnete Beamtenstellung annehmen mußte. Da
er einiges Vermögen zurückerhielt, widmete er sich längere Zeit dem
Studium der Politik und Naturwissenschaften und besuchte dabei England
 und Deutschland. Auch hierin fand er indessen keine volle Befriedigung
 und stürzte sich nun in den Strudel der Vergnügungen, wobei
er in kurzer Zeit das wieder erlangte Vermögen vergeudete und im
Beginne des 19. Jahrhunderts über 40 Jahre alt ein neues Leben beginnen
 mußte. Er wandte sich schriftstellerischer Thätigkeit zu. Dabei
mußte er die tiefste Armut kennen lernen, erlangte während seines Lebens
aur geringen Anhang und starb 1825 in den traurigsten Verhältnissen.
Es war ihm selbst nicht gelungen, sein System hinreichend abzurunden
 und der großen Masse zugänglich zu machen. Das war erst
seinen Schülern vorbehalten, so daß seine Lehre erst nach seinem Tode
eine gewisse Bedeutung und Verbreitung zu erlangen vermochte. Er
schrieb mit Geist und Phantasie, ließ aber wissenschaftliche Schulung
und daher Klarheit und Konsequenz vermissen. Es war in ihm eine
wunderbare Mischung eines religiösen Schwärmers und idealen Politikers,
der niemals genügend den realen Boden zu gewinnen vermochte. Seine
Hauptwerke sind „Re&amp;amp;organisation de la societ6 europeenne“ 1814,
„Catechisme des industrielles“ und das letzte Werk „Nouveau
Christianisme“, Paris 1825, Durch das Studium der Geschichte auf
die Bedeutung der Industrie aufmerksam geworden, erkennt er, daß
ihr im Staate nicht die Bedeutung zukommt, die sie verdient, wobei er
den Unterschied zwischen Unternehmer und Arbeiter nicht in Betracht
zieht; wie er überhaupt mehr die Mittelklasse als die unterste berücksichtigt
 und die erstere zur Herrschaft zu bringen strebt. So stellt er
die berühmt gewordene Frage auf, ob Frankreich mehr verlieren würde,
wenn die 3000 höchstgestellten Personen, die ganze königliche Familie.
        <pb n="379" />
        281

der Hofstaat, Klerus und oberste Beamte plötzlich von der Bildfläche
verschwänden, oder 3000 der größten Gelehrten und Industriellen. Er
beantwortet sie dahin, daß der Verlust der letzteren weit mehr zu beklagen
 sein würde, Er wurde deshalb verklagt, aber von den Geschworenen
 unter großer Teilnahme des Publikums freigesprochen.
Konsequenterweise hält er es für nötig, daß sich das Königtum auf die
produktiven Kräfte stützt. Die Gescheutesten der Ackerbauer, Kaufleute
 und Fabrikanten sollten die Staatsverwaltung in die Hände bekommen.
 Er untersucht historisch, warum sich dieses natürliche Verhältnis
 bisher nicht entwickelt hat. In alter Zeit hat der grundbesitzende
 Adel die Gewalt in die Hand zu bekommen vermocht, unter
Ludwig XI. bildet sich mehr die absolute Monarchie aus, unter
Ludwig XIV. entwickelt sich die Industrie; damit steigt der internationale
 Verkehr; das Geld gewinnt an Bedeutung, und der Besitzer des
Geldes erhält an Stelle des alten Adels die politische Macht, die dieser
früher gehabt hat. Neben diesen treten aber die L6gistes, das sind die
Advokaten, Schriftsteller etc. auf, die mit jenen die Mittelklasse bilden
und die Vertreter des reinsten Egoismus sind. Sie sagen zu den
Industriellen: „OÖte-toi, que je m’y mette‘“ und reißen thatsächlich die
Gewalt an sich, während die „Industrielles‘““ wieder die Herrschaft in
die Hand bekommen müssen,
In seinem letzten Werke entwickelt er seinen religiösen Standpunkt.
 Das einzige und wahrhaft göttliche Prinzip im Christentum
liegt nach ihm in dem Satze: Die Menschen sollen sich wie Brüder
lieben. Die katholische Kirche habe diesen Satz viel zu sehr ignoriert,
zum Teil in das Gegenteil umgekehrt. Der Protestantismus suchte
ihn wieder zu Ehren zu bringen, sei aber auf halbem Wege stehen
geblieben und habe keinen Einfluß, auf die Massen. Der Hauptfehler
 des Christentums sei die Erklärung „sein Reich sei nicht von
dieser Welt“, Saint-Simon hält sich für berufen, eine neue Religion
zu stiften, welche auf die christliche Brüderlichkeit basiert ist und
sowohl den geistigen, wie fleischlichen Bedürfnissen Rechnung trägt.
Die Ignorierung der letzteren durch das Christentum habe dasselbe zur
Wirkungslosigkeit verdammt. Wie die Regierungsgewalt aufzubauen,
ist ihm selbst keineswegs klar. Von der Volkssouveränität will er
ebenso wenig wissen, wie von der schrankenlosen Freiheit des Einzelnen.
Er bekämpft nicht das Privateigentum und strebt keineswegs absolute
Gleichheit an, so daß man ihm von unserem Standpunkte aus kaum
sozialistische Tendenzen zuschreiben kann, sondern nur liberalreformatorische.
 Gleichwohl haben seine Schüler auf seinen Lehren den
Sozialismus aufgebaut.
Die nachhaltige Bedeutung Saint-Simon’s liegt in seiner Einwirkung
 auf seine Schüler, die wenigstens zeitweise seiner Lehre eine
große Verbreitung verschafften. Wir erinnern daran, daß auch
Alexander Herzen, der Herausgeber des „Kollokol“ und der langjährige
 Führer des russischen Sozialismus in seinen Memoiren ausdrücklich
 angiebt, daß den größten Einfluß auf ihn das neue Testament
and Saint-Simon’s „Nouveau christianisme“ ausgeübt haben, und
daß er sich als einen Schüler Saint - Simons ansieht, In Frankreich
haben unmittelhar nach dem Tode des Letzteren zwei seiner Schüler, Bazard
 und Enfantin, in einer besonderen Zeitschrift „Le producteur“
seine Lehre zu systematisieren und auszubauen getrachtet. Bazard
hielt von 1828 bis 1830 öffentliche Vorlesungen über die Lehre Saint-Der

 Saint-Simonismus


Bazard.
        <pb n="380" />
        — 362 —

Enfantin.

Simons und faßte sie in einem zweibändigen Werke „Exposition de
la doctrine de Saint-Simon“, Paris 1830, zusammen. Die darin enthaltenen
 Anschauungen sind dann als Saint-Simonismus bekannt
geworden und verbreitet. Wir geben in dem Folgenden eine kurze
Uebersicht über dieselben.
Zwei Grundlagen des sozialen Lebens sind zu unterscheiden: die
Selbstsucht oder der Individualismus, dem die Assoziation gegenübersteht.
 Je nachdem die eine oder die andere das menschliche Leben
beherrscht, entwickeln sich verschiedene Zeitepochen, die „kritische“
oder die „organische“, Die letztere erfüllte den griechischen Staat bis
zur sokratischen Zeit und die erste christliche Periode mit allgemeiner
Harmonie in dem einheitlichen idealen Streben nach einem bestimmten
gemeinsamen Ziele. Die kritische Periode war die Zeit des Verfalls
des klassischen Altertums, sie herrscht dann seit dem Beginne der
Reformation bis zur Gegenwart, wo jedes gemeinsame Band fehlt, und
lie sich entfaltenden Gegensätze zu weit verbreitetem Elende geführt
aaben. Eine neue organische Periode sollte nun wieder durch den
Saint-Simonismus angebahnt werden, und zwar auf dem Wege der
Assoziation, wodurch die materiellen wie die geistigen Gegensätze gemildert
 werden, und sich ein gemeinsames höheres Streben entwickelt.
Zwar ist fortdauernd im Laufe der Zeit eine Besserung zu beobachten,
aber niemals war die Harmonie eine allseitige. Auf primitiver Stufe
werden die Besiegten getötet, Es ist schon ein Fortschritt, wenn die
Besiegten zu Sklaven gemacht werden, um ihre Kräfte zu verwerten.
Die Hörigkeit ist wiederum eine mildere Form der Abhängigkeit; auch
sie ist im Laufe der Zeit beseitigt und durch das Lohnverhältnis der
Arbeiter in der Gegenwart abgelöst. Aber auch in dieser Form wird
ein überwiegender Prozentsatz der Bevölkerung durch eine kleine Zahl
der Herrschenden ausgebeutet, und dieses ist ermöglicht und beruht auf
dem Privilegium des Eigentums, das gebrochen werden muß. Deshalb
ist das Erbrecht zu beseitigen. Nur die Gesamtheit soll Erbe sein,
nicht aber der Einzelne. Die Produktion und die Verwertung des
selbst Verdienten soll rein privatwirtschaftlich bleiben, damit Jeder
den Lohn seiner Leistung erhält, wie Enfantin sich ausdrückt:
„Jedem Arbeit nach seinen (Xaben und Belohnung nach seinen Werken.“
Nach seinem Tode aber soll das Vermögen der Gesellschaft zufallen,
wodurch dann jeder Einzelne nicht nur für sich selbst, sondern auch
für die Gesamtheit schafft. Hierdurch erhofften sie wieder allgemeine
Harmonie herzustellen und ein goldenes Zeitalter anbrechen zu sehen.
Aller Genuß würde nur auf Arbeit basiert sein, jede Ausbeutung
durch Bezug von Zinsen, Renten, Mieten etc. würde beseitigt sein.
Enfantin glaubte nun noch einen bedeutenden Schritt weiter
gehen zu müssen und die Frau dem Manne in allen Rechten gleich
stellen und ihre Selbständigkeit wahren zu sollen, um auch hier jede
Unterdrückung der Frau durch den Mann unmöglich zu machen. Als
er aber dabei zur Proklamierung der freien Liebe schritt, sprengte er
die Partei; Bazard und seine Anhänger verließen ihn. Enfantin
versuchte im Kleinen die Realisierung seiner Pläne. Als aber die
Polizei mit rauher Hand dagegen einschritt, löste sich die Schule
völlig auf. Gleichwohl sind die Grundgedanken derselben weiter wirksam
 geblieben; der Grundzug des Sozialismus ist durch sie erst klar
gelegt und hat begonnen, ein festes Fundament zu bilden. War durch
Rousseau der Besitz an Grund und Boden als ein Unrecht hinge-
        <pb n="381" />
        — 363 —

stellt, so wurde im Saint-Simonismus die Wirkung desselben für die
Arbeiterklasse klar gelegt und auf die Fahne geschrieben: „Die
Emanzipation der Arbeit vom Besitze.“ Die Idee, die Arbeitsmittel
dem Arbeiter vollständig zugänglich zu machen, um ihm damit seine
Selbständigkeit zu wahren, die Zuerkennung eines Rechtes auf die
Produktionsmittel und die Assoziation zur gemeinsamen Verwertung
derselben, was als die Grundlage des Sozialismus anzusehen ist, ist
erst durch den Saint-Simonismus begründet, Diese Ideen setzten sich
in den Massen fest, ohne in einer bestimmten Schule konzentriert
zu sein.

8 108,
Fourier,
Charles Pellarin, Fourier, sa vie et sa th6orie. Paris 1843.
Wie sehr die sozialistischen Anschauungen im Beginne des Jahrhunderts
 in der Luft lagen, tritt dadurch zu Tage, daß zur selben Zeit
wie Saint-Simon, völlig unabhängig von ihm, ein Mann, der unter
zerade entgegengesetzten Verhältnissen aufgewachsen ist, mit ganz
ähnlichen Ideen auftrat. Das ist Charles Fourier (1772—1837).
Er war der Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes in Besancon und
wurde selbst dort Kaufmann, verlor während der Revolution sein Vermögen
 und blieb sein Leben lang in engen Verhältnissen. Als Kommis
eines Handlungshauses spann sich sein Leben äußerst einförmig hin,
3o daß seine Bildung eine beschränkte, seine Lebenserfahrung eine
angenügende bleiben mußte. Schon früh empört ihn die Habsucht und
Betrügerei, die er in den kaufmännischen Kreisen beobachtet, und er
sinnt auf eine Aenderung der Zustände, Er steht zunächst völlig auf
dem Boden des Individualismus und geht von der einzelnen Persönlichkeit
 aus, der er zu ihrem Rechte verhelfen will. Der Mensch ist nur
ein Teil der Natur, und diese steht in engstem Zusammenhange mit
Gott. Alles ist denselben harmonischen Gesetzen untergeordnet. Die
Harmonie aber ist dem Menschen verloren gegangen; sie muß ihm
wieder verschafft werden; das wird nur möglich sein, wenn man den
Menschen Befriedigung gewährt. Die Naturtriebe im Menschen sind
ihm von Gott beigelegt, sie müssen deshalb als gut und berechtigt
anerkannt werden. Das Christentum verkannte dies, versagte dem
Menschen die natürliche Befriedigung und verwies ihn mit seinem
Streben nach Glück auf das Jenseits. Dadurch mußte die Harmonie
gestört werden, Alles Böse entsteht aus der Nichtbefriedigung, die
gegen die Harmonie der Natur ist. Fourier erstrebt daher eine
Organisation der Gesellschaft, die auf den Genuß basiert ist. Er
sucht eine materielle Ordnung herzustellen, in der „die Harmonie der
Leidenschaften zur Basis der Arbeit gemacht wird.“ Jeder solle
Gelegenheit haben und darauf hingeleitet werden, nur das zu thumn
und die Thätigkeit zu übernehmen, die ihm besondere Freude macht,
am die Arbeit selbst zum Genusse zu machen. Der Fleiß ergäbe sich
dann von selbst; zu Verbrechen sei kein Anlaß, die Produktivität
könne damit auf das höchste gesteigert werden. Er hofft dieses zu
erreichen durch die Organisation eines Staatswesens nach der Art der
Utopie des Thomas Morus, Die Gesamtheit soll in Gemeinden
von 1500—2000 Personen auf einem Terrain von je einer französischen
Auadratmeile geteilt werden (Phalanges), sie wohnen in Kasernen

Leben und
Lehren.

Praktische
Vorschläge.
        <pb n="382" />
        — 364 —

(Phalansteres) und gruppieren sich in freien Serien zur landwirtschaftlichen
 und gewerblichen Produktion. Das nötige Kapital wird durch
Aktien zusammengebracht; Grund und Boden, Werkzeuge etc. sind
Gemeineigentum, Der Arbeitsertrag wird zu */,2 als Kapitalsdividende,
zu */,2 als Arbeits-, zu %,, als Talentanteil zur Verteilung gebracht;
die Konsumtion ist infolgedessen keineswegs eine gleiche, der Betrieb
ist als Großbetrieb gedacht, weil dadurch ein größerer Erfolg erzielt
werden kann. Gemeinsame Erziehung der Kinder, völlige Gleichstellung
 der Frau mit dem Mann sind die weiteren praktischen Konsequenzen,
 Seine Hauptschriften sind „Theorie des quatre mouvements“
1808, „Traite de V’association domestique agricole“ 1822,
Auch Fourier bedurfte eines Helfers zur klareren Ausführung
und Ergänzung seiner Anschauungen. Er fand ihn in Victor
V.Conside-Considerant, in dessen Schrift „Destinege sociale“, 3 Bde., Paris
rant. 1886 und 1838, die Fourierschen Lehren in klarster Form zur Darstellung
 gelangt sind. Er suchte außerdem das Phalangensystem in
Texas von 1854—1863 zur praktischen Verwirklichung zu bringen,
hatte damit aber ebenso wenig Erfolg wie eine Anzahl ähnlicher Versuche
 in Frankreich, Algier und noch an anderen Stellen Amerikas.

$ 109,
Robert Owen.

Lloyd Jones, The life, times, and labours of Robert Owen. London 1891.
Owen, The life of Robert Owen written by himself, with selection from his
writings and correspondence, vol I und Ia. London 1857/58.

Leben und
Schriften.

Den Lehren Fouriers in vieler Hinsicht ähnlich sind die des
Engländers Robert Owen, nur frei von den Phantastereien des
Franzosen. Owen knüpft unmittelbar an die Beobachtungen des
praktischen Lebens in seiner Umgebung an und sucht zunächst da zu
bessern; und als dieses mit Erfolg geschieht, denkt er darüber nach,
wie dem Elend der unteren Klassen überhaupt zu steuern sei, stellt
eine "Theorie des Wirtschaftslebens auf und sucht derselben entsprechend
 Neuorganisationen im kleinen zu schaffen, von denen er
hofft, daß sie allmählich sich verallgemeinern lassen werden. 1771
in Nord-Wales als Sohn eines kleinen Geschäftsmannes geboren, trat
er selbst früh in ein kaufmännisches Detailgeschäft. Aus dieser untergeordneten
 Stellung arbeitete er sich noch in jungen Jahren zum
Direktor einer großen Feingarnspinnerei in Manchester empor. Im
Jahre 1800 kaufte er eine solche in New Lanark in Schottland, Hier
fand er eine äußerst verwahrloste Bevölkerung vor, die er durch
Schulen geistig zu heben suchte, durch Einführung eines Cottagesystems
 mit guten Wohnungen, Gärten ete. versah, für die er Konsumvereine,
 Speisehäuser etc, gründete. Namentlich machte er es sich zur
Aufgabe, in der Zeit wirtschaftlicher Krisen den Arbeitslosen den
Lohn weiter zu zahlen, um sie vor Verarmung zu schützen und sie zu
verhindern, durch ihr unbedingtes Streben nach Beschäftigung eine
Lohnerniedrigung herbeizuführen. Er erkannte schon damals die große
Gefahr, die darin liegt, daß eine große Zahl Arbeitsloser (als Reservearmee)
 nachhaltig auch die Löhne der Beschäftigten durch ihr Angebot
herabdrückt. Die Einrichtungen in New Lanark erhielten bald einen
großen Ruf, und von allen Seiten kamen Reisende herbei, um sie zu
prüfen und das Beispiel eventuell! nachzumachen. In zwei Schriften
        <pb n="383" />
        — 365 —

hat er besonders seine Anschauungen niedergelegt, welche einen weitgehenden
 Einfluß ausgeübt haben. 1812 erschien „A new view of society ;
Or essays on the principle of the formation of the human character and
‘he application of the principle to practice“, und 1820 „Book of the
New Moral World.“ Die englische Fabrikgesetzgebung ist durch
R. Owen in erheblicher Weise gefördert.
Owen hält zwar nicht wie Rousseau die Menschen für von Grundan-Geburt
 gleichgeartet, sondern erkennt an, daß sie auf unserer Schauungen,
Kulturstufe mit verschiedenen Anlagen und Neigungen auf die Welt
kommen; gleichwohl gelangt er zu demselben Ergebnis wie Rousseau.
 Er sieht daher den Menschen in dem ‚höheren Alter ganz
als Produkt der Umgebung an, in der er aufwächst. Jeder Mensch
kann durch die Verhältnisse gut oder schlecht werden. Er spricht
ihm den freien Willen ab und kommt daher zu dem Ergebnis, daß
der einzelne Mensch für seine Schlechtigkeit nicht verantwortlich gemacht
 werden kann, die Gesellschaft vielmehr dafür verantwortlich
zu machen ist. Ein böser Charakter sei wie eine Krankheit zu behandeln;
 durch angemessene Erziehung sei er zu bessern, deshalb sei
vor allen Dingen auf die Erziehung der Jugend das größte Gewicht
zu legen, die der Staat selbst in die Hand nehmen müsse, Dabei ist
zu betonen, daß er die Strafe nicht verwirft, sondern sie als Erziehungsmittel
 für unentbehrlich hält, denn die Begriffe von gut und schlecht
können nur dadurch anerzogen werden. Allen Menschen soll eine
möglichst gleiche Erziehung geboten werden. Sie sollen gleiche Rechte
haben, um ihre eigene Individualität frei zu entfalten. Jeder muß
arbeiten, und die gemeinsame Arbeit giebt gleiches Recht. Die verschiedene
 Leistung aber bedingt die Stellung in der Gesellschaft. Ein
Hauptgrundsatz bei ihm ist, Niemand soll von dem Anderen Arbeit
verlangen, die er nicht selbst ihm zu‘ bieten geneigt ist, und auf der
anderen Seite: Jedes Individuum kann mehr erzeugen, als es zu
konsumieren imstande ist, wenn ihm die entsprechenden Mittel dazu
geboten werden. Die Aufgabe ist daher, den Arbeitstrieb der Gesamtheit
 entsprechend anzuerziehen und eine Organisation zu schaffen,
durch welche Jeder Arbeitsgelegenheit findet. Ist das erreicht, so
aimmt er an, daß Unterhaltsmittel so reichlich erzeugt werden, daß
das Privateigentum überflüssig wird, während unter den gegenwärtigen
Verhältnissen die Produktion eine unzulängliche sei, und namentlich
die Konsumtion der arbeitenden Klassen durch den niedrigen Lohn
und zeitweise Arbeitslosigkeit künstlich niedrig gehalten werde und
sich dadurch ein Mißverhältuis zwischen Produktion und Konsumtion
herausstelle, welches die wirtschaftlichen Krisen bewirke.
Um die Krisen zu beseitigen, entwarf er den Plan zur Errichtung
einer Bank, die nicht auf Metallwährung, sondern auf „Arbeitswährung“
basiert sein sollte, da die Arbeit auch von ihm als das natürliche
Maß des Wertes angesehen wurde. Hierdurch hoffte er den Wert
der Waren der Leistung des Arbeiters gleich zu gestalten, damit seine
Kaufkraft mit der wachsenden Produktivität seiner Leistungsfähigkeit
Hand in Hand gehen zu lassen und eine Ueberproduktion zu vermeiden,
 wie dies später Rodbertus weiter ausführte.
Owen machte nun in seinen Schriften praktische Vorschläge zur
Realisierung seiner Ideen und ließ diesen praktische Versuche selbst
folgen. Zunächst suchte er für die Arbeitslosen kommunistische Kolonien
ainzurichten, von denen er hoffte, daß sie sich allgemein einbürgern

Praktische
Versuche.
        <pb n="384" />
        — 366 —

würden. Solche Kolonien sind an verschiedenen Orten Amerikas von
ihm ins Leben gerufen, die sich aber sämtlich nach einiger Zeit in
Folge der Unverträglichkeit der Mitglieder auflösten, sobald nicht
mehr darin O wens energische Hand selbst die Leitung führte.
Er starb 1858 in hohem Greisenalter. Wenn auch seine kommunistischen
 Versuche ohne jede Bedeutung blieben, so haben seine
Lehren vor allem in England eine nachhaltige Wirkung gehabt, und
umsomehr, da er eine jede Verbindung derselben mit politischen Tendenzen
 vermied. Er hat damit wesentlich dazu beigetragen, die Arbeiterbewegung
 in England in gesunden Bahnen zu halten.

$ 110,
Johann Gottlieb Fichte (1762—1814).
Schmoller, Fichte, Jahrb. für Nat.-Oekon, 1865.
Mar. Weber, Fichtes Sozialismus, Tübingen 1900.

Sozialistische
Anschauungen.


Schon vor Saint-Simon hat in Deutschland einer der hervorragendsten
 Philosophen ausgesprochen sozialistische Lehren vorgetragen,
die allerdings lange unbeachtet geblieben sind, aber besondere Beachtung
 verdienen, weil sie zeigen, daß ein konsequenter Kopf leicht
zum Sozialismus gelangt, sobald er in der Grundauffassung des wirtschaftlichen
 Getriebes, ja selbst nur hinsichtlich einzelner Grundbegriffe
irrtümliche Anschauungen acceptiert,
Von Fichtes Schriften kommen die folgenden drei in Betracht:
„Beiträge zur Berichtigung der Urteile über die französische Revolution“
1793. „Grundlagen des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre“,
 Jena 1796 und schließlich das für uns Interessanteste „Der
geschlossene Handelsstaat“, Wien 1801.
Die Grundlage seiner sozialistischen Lehre ruht in der Auffassung
 des Eigentumsrechts und des natürlichen Rechts eines jeden
Bürgers. Jeder Mensch hat ein Recht zu leben, aber auch, besser zu
eben, als das Tier, Dieses Recht steht nicht nur einzelnen Wenigen
zu, sondern der Gesamtheit aller Bürger, und das ist nur möglich,
wenn die Wohlstandsverhältnisse nicht große Differenzen zeigen.
‚Jeder will so angenehm als möglich leben, und da Jeder dies als
Mensch fordert, und Keiner mehr oder weniger Mensch ist als der
Andere, so haben in dieser Forderung Alle das gleiche Recht.“ In-Jessen
 erkennt er später ausdrücklich an, daß nach den Leistungen,
len Aufgaben und der Lebensstellung verschiedene Ansprüche gerechtfertigt
 sind... Der Staat habe die Aufgabe, jedem Einzelnen das Nötige
zu sichern. „Man hat bisher die Aufgabe des Staates nur einseitig
zufgefaßt, als eine Anstalt, den Bürger in demjenigen Besitzstande
durch Gesetz zu halten, in welchem man ihn findet, die tiefer liegende
Pflicht des Staates, Jeden in den ihm zukommenden Besitz erst einzusetzen,
 hat man übersehen.“ Zu diesem, jedem Menschen zu gewährleistenden
 Besitze rechnet er Gelegenheit zur Arbeit und die
Mittel, die Arbeitskraft zu bethätigen. Auf die rohe Materie hat jeder
Mensch ursprünglich ein Aneignungsrecht, auf die durch ihn modifizierte
ein Kigentumsrecht. Kigentum ist bei ihm nur ein ausschließendes Recht
auf eine bestimmte freie Thätigkeit, nicht ein solches an einer Sache.
Eigentum an Grund und Boden existiert nicht, sondern nur: ein
Recht auf ausschließliche Benutzung desselben, und nur innerhalb
        <pb n="385" />
        — 367 —

der Gesellschaftssphäre. Der Staat hat nun Jedem eine solche Rechts-3phäre
 zu garantieren, von der er Andere ausschließen, in der er
arbeiten und sich seinen Unterhalt verdienen kann. „Wer’nichts ausschließlich
 zu eigen bekommen hat, hat auf nichts Verzicht gethan,
er ist in Absicht des Rechtes isoliert, da er nicht mit gerechnet hat,
und behält seinen ursprünglichen Rechtsanspruch, allenthalben alles zu
thun, was er will.“ „Daher muß Jeder sein ausschließliches Besitztum
haben, weil man ihn nur dann verpflichten kann, das Eigentum Anderer
zu respektieren“, und als Ergänzung hierzu: Die Bildung der Dinge
durch eigene Kraft ist der wahre Rechtsgrund des Eigentums, aber
auch der einzige naturrechtliche. Wer nicht arbeitet, „darf wohl essen,
was man ihm schenkt, aber er hat keinen rechtskräftigen Anspruch
aufs Essen.“ Er darf keines Anderen Kräfte für sich verwenden.
Dieses Prinzip der Gegenseitigkeit kommt in anderer Hinsicht bei ihm
zur Geltung, indem er anerkennt, daß nur derjenige für sich das
Recht in Anspruch nehmen kann, als freies Wesen behandelt zu
werden, der selbst dieses Recht den Anderen einräumt.
Damit der Staat nun seine große Aufgabe erfüllen kann, muß Geschlosseer
 die gesamte Arbeitsthätigkeit wie die Bedarfsverhältnisse beherrschen 2er Handels
and organisieren. Das ist nur möglich unter Absperrung gegen das han,
Ausland, durch die Bildung eines geschlossenen Handelsstaates, der
allerdings die Voraussetzung hat, daß das Territorium ausgedehnt und
wohl abgerundet ist, um sich selbst genügen zu können. Freilich muß
dann auf manches verzichtet werden, was bisher vom Auslande bezogen
 ist, doch nicht auf alles, denn der Staat soll mit dem Auslande
weiter Handel treiben können, aber nicht der Einzelne. Nach dieser
Abschließung hat die Regierung jeden Einzelnen zu prüfen und danach
Jedem seinen Beruf anzuweisen. Handwerk und Handel sind in ihrer
Thätigkeit fest zu verpflichten und zu beschränken; die Preise setzt
der Staat fest. Als Geld dient entwertetes Material, welches von dem
Auslande nicht genommen wird, wodurch die Abschließung von demselben
 erleichtert ist. Der Staat soll berechnen, was gebraucht wird
und wie viele Menschen zur Herstellung des Bedarfes notwendig sind.
Große Niederlagen dienen dazu, Ausgleichungen zu erleichtern. Den
Wert der unentbehrlichen Nahrungsmittel stellt die Regierung fest nach
der Zeit, die man davon leben kann, bei annehmlichen Gütern nach
der Arbeit, die zur Herstellung notwendig ist, da die Annehmlichkeit
nicht gemessen werden kann. Annehmliche Güter dürfen erst hergestellt
 werden, wenn der Bedarf am Nötigen gedeckt ist, denn Niemand
hat ein Recht Luxus zu treiben, so lange noch Mitmenschen an dem
Notwendigsten Mangel leiden,
Fichte sucht hiernach auf Grund des Naturrechtes festzustellen,
was der Mensch bedarf, und auf Grund der praktischen Beobachtung
einen Staat herzustellen, der den als berechtigt anerkannten Anforderangen
 zu entsprechen vermag. Er wendet sich gegen den Smithianismus
und das Prinzip der wirtschaftlichen Freiheit, wodurch, nach ihm, nur
ein allgemeiner gegenseitiger Kampf herbeigeführt wird, der die größten
Ungerechtigkeiten in sich schließt. Er will dem gegenüber einen
Vernunftstaat gründen, der überall Gerechtigkeit herstellt und völlig
sozialistischen Charakter hat.
        <pb n="386" />
        - 368

8 111.
Louis Blanc und Lassalle.

£. Stein, Die industrielle Gesellschaft, der Sozialismus und Kommunismus
Frankreichs von 1789 bis auf unsere Tage, Leipzig 1850.
G4. Brandes, Ferdinand Lassalle. Berlin 1877.
Kleinwächter, Lassalle und Louis Blane. Zeitschr. f. Staatsw., Bd. XXVIIL

Bewegung in Weder die Staatsromane noch die bisher erörterten sozialistischen
Frankreich Theorien konnten tiefer in die Massen der Bevölkerung eindringen. Sie
bis 1848. ];eben ihnen in der Hauptsache unverständlich und zu wenig assimilierbar,
 um in höherem Maße ihr Interesse zu erwecken. Um sie in
Bewegung zu setzen, bedurfte es unmittelbarer praktischer Ziele, welche
einen baldigen oder doch absehbaren Vorteil in Aussicht stellten. Allgemeine
 Theorien verlieren bald ihren Reiz. Die Julirevolution wurde
durch die Bourgeoisie hervorgerufen, die ihre Errungenschaften durch
das Bourbonentum bedroht sah. Erst unter dem Julikönigtume begann
eine Bewegung entschieden republikanischen Charakters mit ausgesprochen
 wirtschaftlichen und zwar sozialistischen Zielen. Durch einen
Genossen Babeufs, Buonarotti, waren 1828 ‚die Anschauungen
Babeufs und seiner Anhänger, der „Egalite&amp;amp;er“, veröffentlicht, und
zwei Männer, Barbes und Blanqui, gründeten eine Gesellschaft
zur gewaltsamen Durchführung dieser Tendenzen und erlangten einen
gewissen Anhang. Als aber die Führer eingekerkert wurden, löste sie
3ich auf. Daneben tauchten aber in jener Zeit eine Menge Projekte
auf, um auf friedlichem Wege einen: sozialistischen Staat herbeizuführen.
 Es war das Erwachen des vierten Standes, der sich immer
energischer dem dritten Stande gegenüberstellte. Dadurch hatte die
Revolution von 1848 in Frankreich einen ganz anderen Charakter als
die von 1789 und 1830. Am 25. Februar 1848 wurde von der provisorischen
 Regierung das Recht auf Arbeit anerkannt und versucht,
lasselbe durch Einrichtung von Nationalwerkstätten, die allerdings nur
in sehr kurzes Leben hatten, zur Realisation zu bringen. Die Wiederarrichtung
 des Kaiserreiches brachte eine erhebliche Stockung in die
Bewegung, aber in der Litteratur läßt sich dieselbe weiter verfolgen,
Hier sind hauptsächlich zwei Namen zu nennen, Buchez (1796—1865)
ınd Louis Blanc (1813—82), die Beide vor allem den Associationszedanken
 der älteren Schule weiter auszuspinnen und zu verwirklichen
‘rachteten. Buchez sah in der Bildung von Produktivassociationen
das Mittel, allmählich den sozialistischen Staat durchzuführen. Er
zuchte die Arbeiter zu bewegen, durch eifriges Sparen die Summen
‚usammenzubringen, um damit selbständige Unternehmungen zu gründen,
Es ist das Prinzip der Selbsthilfe, für welches 1849 in Deutschand
 Schultze-Delitzsch eintrat, ohne darum sozialistische Tenlenzen
 zu verfolgen. Größere Bedeutung als Buchez hat Louis
Blanc gewonnen, sowohl durch seine praktische Thätigkeit als Mitglied
 der provisorischen Regierung im Jahre 1848 und als Vorsitzender
ler Kommission für die Organisation der Arbeit, wie durch seine
Schriften, insbesondere die „Organisation du travail“, dann „Histoire
de la Revolution francaise“, Von ihm rührt der Gedanke der „Atöliers
sociaux‘“ her, die, wie erwähnt, vorübergehende Realisation gewonnen
haben. Er vertritt das Prinzip der Staatshilfe. Der Staat soll allmählich
 einen Produktionszweig nach dem anderen in die Hand nehmen,
Bergwerke, Eisenbahnen, Banken durch Ankauf alter und Gründung neuer

L. Blane.
        <pb n="387" />
        369

verstaatlichen. Der daraus erzielte Gewinn soll dazu verwendet werden,
gleichfalls Produktivassociationen zu gründen, aber unter staatlicher Aufsicht
 und Leitung, und bei Konzentrierung derselben Produktionszweige
zu Centralbetriebsstätten, über denen wiederum ein oberster Rat zu
fungierenhabe. Preise und Löhne werden staatlich bestimmt. So sucht er auf
Grund und mit Hilfe des modernen Staates doch sozialistische Ziele zu erreichen,
 Zunächst bleibt Jedem freie Verfügung über seinen verdienten
Lohn, doch setzt er voraus, daß die Associierung sich allmählich freiwillig
auch auf die Bedürfnisbefriedigung erstrecken wird. Die nächste Aufgabe
 ist ihm Beseitigung der freien Konkurrenz und die allmähliche
Verstaatlichung der Betriebsmittel,
Ganz ähnliche Bestrebungen finden wir in Deutschland bei Ferdinand
 Lassalle (1825—64). Bis Anfang der sechziger Jahre war
hier von einer Arbeiterbewegung keine Rede, und auch die Versuche
im Jahre 1848 eine sozialistische Bewegung hervorzurufen, blieben ohne
Erfolg. Das „kommunistische Manifest“, welches 1847 von Marx und
Engels aufgestellt wurde, und auf welches wir noch zurückzukommen
haben werden, wurde zwar viel gelesen, vermochte aber keinen nachhaltigen
 Einfluß auszuüben. Wirkliches Leben brachte in die Arbeitermassen
 erst Lassalle durch die Gründung des „allgemeinen deutschen
Arbeitervereins“ in Leipzig 1863. Wir müssen ihm deshalb hier unsere
Aufmerksamkeit schenken. Seine Schriften sind „System der erworbenen
 Rechte, eine Versöhnung des positiven Rechts und der Rechtsphilosophie“.
 Leipzig 1861 und 1880, das einzige hergehörige Werk
von ihm, das auf Wissenschaftlichkeit Anspruch erheben kann. „Öffenes
Antwortschreiben an das Centralkomitee zur Berufung eines allgemeinen
deutschen Arbeitervereines zu Leipzig“. Zürich 1863. „Herr Bastiat
Schultze von Delitzsch, der ökonomische Julian oder Kapital und
Arbeit“. Berlin 1864. Eine Gesamtausgabe seiner Schriften ist von
Eduard Bernstein herausgegeben in Berlin 1891 erschienen.
Lassalle war ohne Zweifel einer der begabtesten Männer seiner
Zeit, und er konnte von sich sagen, daß er „ausgerüstet sei mit der
ganzen Bildung seines Jahrhunderts‘. Bewunderungswürdig war seine
schlagende Dialektik, wodurch er sich hervorragend zu einem Agitator
eignete. Zugleich war er von einem leidenschaftlichen Ehrgeiz beseelt,
der ihn zu einem jeden Mittel greifen ließ, um seine Zwecke zu erreichen,
 da er Gewissensskrupel nicht kannte, Es unterliegt keinem
Zweifel, daß er vieles gesprochen und gelehrt hat, woran er selbst nicht
glaubte. In wirtschaftlichen Fragen bewies er keine Originalität, er
stützte sich in seinen theoretischen Ausführungen auf Ricardo, dann
auf die noch zu besprechenden Männer Rodbertus und Marx, in
seinen praktischen Vorschlägen auf Louis Blanc. Wie dieser, wollte
er von dem modernen Staate ausgehen, und zwar trachtete er sich auf
den Hohenzollern-Staat zu stützen. Wenn es nicht gelang, die Herrscher
zur Uebernahme der Leitung der Arbeiterbewegung zu bewegen, so
sollte es geschehen vermittelst des allgemeinen direkten Wahlrechts
durch die Arbeiter selbst, die allmählich die Majorität in der Volksvertretung
 erlangen müssten, Da sie, wie er wieder und wieder den
Arbeitern vorrechnete, 95% der Bevölkerung ausmachten, so könne
ihrem geschlossenen Willen nicht entgegengetreten werden; es käme
nur darauf an, die Bevölkerung über ihre Macht aufzuklären und ihr
die Wege zu weisen, die sie zu gehen habe, um sich eine bessere
Existenz zu schaffen.
Conrad, Grundrifs der polit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl.

R

+ &amp;gt;

Lassalle,
        <pb n="388" />
        —. 370 —

Ehernes
Lohngesetz,

Produktiv-ASSOCIa-



Leben und
Schriften.

Von jeher haben, nach Lassalle, einzelne Klassen geherrscht
und sich auf Kosten der übrigen bereichert: so der Adel in dem
Mittelalter; nach der französischen Revolution die Bourgeoisie, für
welche die Arbeiter nicht nur die Kapitalien zusammenbringen, sondern
lann auch in den indirekten Steuern die Staatslasten tragen müßten.
In dem Zustande wirtschaftlicher Freiheit sei nun nach „Ricardos
ahernem Lohngesetz‘““ für den Arbeiter keine Möglichkeit, sich in eine
bessere Lebenslage emporzuarbeiten. Hierzu gebe es nur den einen
Weg der allgemeinen Gründung von Produktivassociationen, die der
Arbeiter aber nicht allein in Angriff nehme könne, weil ihm die
Kapitalien und der Kredit fehlen. Der Staat habe mit seinen Mitteln
änzutreten und dem Arbeiter die Kapitalien vorzuschießen. Sei der
Arbeiter so erst in den Sattel gehoben, so werde er schon selbst reiten
sönnen, und durch das eigene Interesse getrieben, so viel mehr leisten,
als die Privatunternehmungen, daß sie die Konkurrenz nicht ertragen
xönnten und gleichfalls in Produktivassociationen verwandelt werden
würden. Die Gefahr, daß Unternehmungen zu Grunde gehen, wäre
zering, wenn alle Unternehmungen einer Branche miteinander in Verhindung
 träten und gemeinsam operierten, so daß nicht mehr im Konzurrenzkampf
 das stärkere Unternehmen das schwächere zu Grunde
richtete. Wie ein Schiff auf zwei Wellen erhaben über die Schwanzungen
 der einzelnen sei, so werde durch die Verbindung der verschiedenen
 Unternehmungen auch das Risiko beseitigt. Die Konkurrenz
des Auslandes ignorierte er einfach.
Diese letztere Lehre haben nicht einmal seine Nachfolger acceptiert
und das eherne Lohngesetz, welches lange Zeit ein Hauptagitationsmittel
 war, ist von Liebknecht auf dem sozialdemokratischen
Kongreß in Erfurt ausdrücklich als unhaltbar anerkannt.

8 112.
Der sogenannte wissenschaftliche Sozialismus.
a. Rodbertus-Jagetzow.
Kozak, Rodbertus-Jagetzow’s sozialökonomische Ansichten. Jena 1882.
Dietzel, Karl Rodbertus, Darstellung seines Lebens und seiner Lehre. Jena 1886/87.
Sehr allgemein wird von den nun zu besprechenden Männern eine
neue Phase der Entwickelung des Sozialismus datiert in der Annahme,
daß es sich bei ihnen zuerst um eine systematische, wissenschaftliche
Begründung sozialistischer Anschauungen handele, die sich den übrigen
natienalökonomischen Systemen angemessen an die Seite stellen können.
Indessen scheint uns dies auf einer Unterschätzung der Vorläufer,
z. B. Fichte’s, zu beruhen, andererseits auf einer Ueberschätzung der
Vertreter der neueren Richtung, Auch einem Fichte wird Wissen.
schaftlichkeit nicht abzusprechen sein, während man in der neueren
Zeit zum Glück doch immermehr an der Wissenschaftlichkeit von
Rodbertus und namentlich Marx zu zweifeln und Unwissenschaftlichkeit
 in ihren Ausführungen zu erkennen beginnt.
Karl Johann Rodbertus wurde 1805 in Greifswald als Sohn
eines juristischen Professors geboren, studierte selbst Jura und widmete
sich eine Zeit lang dem Staatsdienste, ging dann auf Reisen und wirtschaftete
 seit 1836 bis zu seinem Tode auf dem Pommerschen Gute
Jagetzow. Das Vertrauen seiner Mitbürger berief ihn in verschiedene
Standes- und Provinzialämter, in denen er Gelegenheit fand, «seine
        <pb n="389" />
        977

Kenntnisse des praktischen Lebens zu erweitern, so namentlich in
seiner Stellung als Generallandschaftsrat des Pommerschen landschaftlichen
 Kreditinstituts. Ebenso wurde er Mitglied des zweiten verainigten
 Landtages und dann der ersten Kammer.
Im Jahre 1849 schied er aber gänzlich aus dem politischen Leben
aus und widmete sich bis zu seinem 1875 erfolgten Tode mit Eifer der
schriftstellerischen Thätigkeit. Unter seinen Schriften nehmen die erste
Stelle ein: „Soziale Briefe an von Kirchmann“, die zuerst in Berlin
1850 und 51 erschienen, in denen er seine sozialistischen Grundanschauungen
 niederlegte, Sein umfangreichstes Werk ist: „Zur Erklärung
 und Abhilfe der heutigen Kreditnot des Grundbesitzes“,
Jena 1868/69, worin er seine berühmt gewordene Grundrententheorie
aufstellte und ausführlich begründete, Wiederum nach ganz anderer
Richtung gelegen sind seine in den Jahrbüchern für Nationalökonomie
in den Jahrgängen 1864, 1865, 1867, 1870 und 1873 publizierten
Untersuchungen über die agrarische Entwickelung Roms, den Sachwert
des Geldes im Altertum und die Natur der Mediastini, welche seinerzeit
 auch in philologischen Kreisen in hohem Maße Beachtung gefunden
 haben. Wir gehen auf diese letzteren beiden schriftstellerischen
Leistungen hier nicht ein. Seine Aufstellungen sind neuerdings in
erheblichen Punkten modifiziert worden. Die Rodbertusschen Anschauungen
 über den landwirtschaftlichen Kredit haben .wir in dem
zweiten Teile des Grundrisses $ 21 näher beleuchtet. Uns interessieren
hier nur seine soziologischen Anschauungen. Es ist dann noch die
kleine Broschüre über den „N. ormalarbeitstag“, die zuerst in der Berliner
Revue, dann in Berlin 1871 erschienen ist, zu erwähnen.
Rodbertus war ein außerordentlich kenntnisreicher und überaus
 scharfer Kopf mit selbständigen. Ideen, aber kein systematisch
arbeitender Gelehrter. Sein ganzes Material war, wie sich in seinem
Nachlaß zeigte, aus kleinen abgerissenen Stücken, gelegentlichen Excerpten
 und Notizen zusammengesetzt, die er selbst kaum genügend
zu ordnen vermochte. So ist auch seine Schreibweise eine aphoristische,
die des nötigen Zusammenhangs und der gründlichen Ausführung
entbehrt. Es ist deshalb ein Verdienst Teophil Kozaks, jetzt
Professor in Basel, mit großer Mühe und Sorgfalt seine Anschauungen
aus den verschiedenen Schriften herausgezogen und systematisch zusammengestellt
 zu haben. Erst dadurch sind weitere Kreise mit ihm
bekannt geworden, denen bisher die schwer assimilierbare, trockene
Kost des Originals ungenießbar war. Die hauptsächlichsten sozialistischen
Agitatoren seiner Zeit, wie Lassalle und Marx, haben unzweifelhaft
einen Teil ihrer Weisheit aus ihm geschöpft.
Rodbertus geht von der Adam Smith-Ricardoschen Grundlehre
 aus, und das Fundament seines „neuen nationalökonomischen
Systems“ ist der Satz: „daß alle Güter wirtschaftlich nur als Produkt
der Arbeit anzusehen seien und nichts als Arbeit kosten“, da man es
mit wirtschaftlichen, nicht mit freien oder natürlichen Gütern in der
Wissenschaft zu thun hat, Die wirtschaftlichen Güter sind aber nicht
nur das Produkt unmittelbar darauf verwendeter Arbeit, sondern auch
der Arbeit, mit welcher erst das Werkzeug hergestellt ist, womit die
Güter produziert wurden. Wenn aber der Wert der Güter allein durch
die darauf verwendete Arbeit bedingt ist, so ist die Zeit dieser Arbeit
der beste Maßstab des Wertes. Nicht eine jede Aufwendung kommt
aber hierbei in Betracht, sondern nur diejenige, welche wirkliche Kosten
Da

Grundanschauungen
        <pb n="390" />
        — 8372 —

Gesetz der
fallenden
Lohnquote.

verursacht; das heißt, es muß von einer Persönlichkeit ein Aufwand
gemacht sein, welcher für sie unwiederbringlich verloren ist, so daß
sie dafür eine Entschädigung beanspruchen kann und muß. Dieses
trifft aber nur bei der materiellen Arbeit, der eigentlichen Handarbeit
zu, die nur in beschränktem Umfange gegeben werden kann, die für
den Leistenden ein Opfer in sich schließt und für ihn gänzlich verloren
 ist. Was die Natur bietet, ist unzerstörbar, kann deshalb nicht
verbraucht werden, sondern wirkt unendlich weiter (freilich in sehr
verschiedener Form); ebenso sind die Ideen unzerstörbar, wirken fort
und gelangen zu immer weiterer Verwendung. In beiden Fällen kann
von Kosten und Aufwendung nicht die Rede sein. Rodbertus
kommt deshalb zu dem Ergebnis, daß nur physische Arbeit Werte
arzeugt, und auch bei ihm liegt die Voraussetzung vor, daß Eigentum
nur auf Arbeit gestützt, nur durch dieselbe erworben werden kann.
Rodbertus erkennt nun wohl, daß unter den gegenwärtigen
Verhältnissen alle diese Voraussetzungen nicht zutreffen. Er giebt
deshalb nicht eine Erklärung unserer wirtschaftlichen Zustände in dem
Gesagten, sondern er stellt darin eine Forderung auf. Daß nun gegenwärtig
 der Wert der Dinge nicht nach der aufgewendeten physischen
Arbeit gemessen wird, dafür findet er zwei Ursachen: 1. die wirtschaftliche,
 daß die Arbeiter mehr produzieren, als sie zum Leben gebrauchen,
 also einen fortdauernden Ueberschuß bei ihrer Thätigkeit
erzielen. Es tritt 2. der rechtliche Grund hinzu: das Privateigentum
an Grund und Boden und Kapital, so daß die Besitzer der Produktionsmittel
 von denen, welche sie benutzen wollen, sich eine Rente auszahlen
 lassen können, ohne daß sie selbst arbeiten. Der Arbeiter
erhält nach der Ausbildung der Arbeitsteilung, wie der Stände nicht
den ganzen Ertrag seiner Arbeit, sondern muß an Grundbesitzer und
Kapitalisten einen erheblichen Teil abgeben. Ja, Rodbertus sucht
nachzuweisen, daß „ein Gesetz der fallenden Lohnquote“ existiert,
nach welchem bei steigender Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit
dem Arbeiter nur ein ziemlich gleichbleibendes Quantum zufällt, und
damit ein immer geringerer Prozentsatz des Gesamtertrages, während
Grundbesitzer und Kapitalisten einen wachsenden Teil erhalten, was nach
ihm ebenso ungerecht, wie kulturfeindlich ist. Ueberall zeige es sich
in der Geschichte, im Altertum, wie in der neueren Zeit, daß ein
immer kleinerer Prozentsatz der Bevölkerung einen immer größeren
Teil des Nationalertrages für sich in Anspruch nimmt, und dieses ergiebt
 sich mit zwingender Gewalt aus dem Zustande wirtschaftlicher
Freiheit, der nicht als natürlich, sondern als unnatürlich zu bezeichnen
ist. Nur in der Natur tragen die Dinge und Verhältnisse ihr vernünftiges
 Gesetz in sich, „in der Gesellschaft verlangen sie es vom
Menschen zu erhalten“. „Der Begriff natürlicher und gesellschaftlicher
Gesetze ist ein Widerspruch, ihre Herrschaft eine Unvernunft, die
deshalb auch nicht, wie Bastiat meint, harmonische Erfolge in den
Sphären des Rechtes und der Volkswirtschaft hervorbringen kann,
sondern dieselbe umgekehrt dergestalt verwirren kann, daß die meisten
und wichtigsten in der Gesellschaft geleisteten Dienste zu gar keiner
gerechten Vergeltung mehr gelangen und also die Grundsätze des
Eigentums und der wirtschaftlichen Wohlfahrt fortwährend und auf
das gröblichste verletzt werden.“
_ Die Hauptergebnisse, die sich in der neueren Zeit gezeigt haben,
liegen als Folge „der fallenden Lohnauote“ im Pauperismus und in
        <pb n="391" />
        — 378 —

den Handelskrisen. Während der Nationalreichtum fortdauernd steigt,
verarmen die arbeitenden Klassen, also diejenigen, die durch die
mechanische Arbeit den Wohlstand erzeugen, indem sie ausschließlich
ihren Unterhalt beziehen. So kommt Rodbertus auf Grund seines
Gesetzes der „fallenden Lohnquote“ zu demselben Ergebnis, wie
Lassalle auf Grund seines „ehernen Lohngesetzes“, Der Pauperismus
 der großen Masse der Bevölkerung ist nun wiederum die Ursache
der Handelskrisen, welche in periodischer Wiederkehr die entsetzlichste
Not in der Arbeiterberölkerung herbeiführen. Es zeigt sich der
Widersinn der gesellschaftlichen Organisation in der Gegenwart, daß
Elend herbeigeführt wird durch Ueberfluß. Die gesteigerte Produktionskraft
 liefert mehr Güter, als von der Arbeiterklasse, die fünf
Sechstel der Gesamtheit ausmacht, gekauft werden kann. Das Bedürfnis
 nach den Gegenständen ist vorhanden, die Bevölkerung leidet
unter dem Mangel an Befriedigungsmitteln, während die Unternehmer
an dem Mangel an Absatz leiden. Stiege die Kaufkraft der Arbeiter
in dem gleichen Maße, wie ihre Produktivität, so wäre beiden geholfen,
Weil aber der Arbeiter einen zu geringen Anteil an dem von ihm
produzierten Werte erhält, bleibt seine Kaufkraft zu gering, während
das wachsende Einkommen der Unternehmer und Kapitalisten ihre
Produktivkraft im Uebermaße steigen läßt.
Eine völlige Besserung und Gesundung der Verhältnisse erwartet Forderungen
Rodbertus erst durch die Beseitigung des Privateigentums an Grund für die Zuund
 Boden und Kapital, welches die eigentliche Ursache aller Miß-  kunft,
stände sei. Aber er erkennt an, daß dieses in absehbarer Zeit nicht
zu erreichen ist, vielleicht nach einem halben Jahrtausend, Deshalb
muß in der Gegenwart versucht werden, Reformen herbeizuführen,
und diese erwartet er allein von dem Staat und erhofft sie auch von
der modernen Monarchie. Alle seine Vorschläge zielen darauf hin,
die Lage der arbeitenden Klassen zu heben, ihnen einen höheren Anteil
 an dem Nationalertrage und dem Fortschritt der Zeit zu gewährleisten.
 Aehnlich wie Thünen sucht er den Anteil des Arbeiters an
der Produktion und damit den ihm gebührenden Prozentsatz an dem
Warte der erzielten Waren zu berechnen und stellt deshalb einen
„Normalarbeitstag“ auf, der als allgemeiner Maßstab für die Bestimmung
 der Leistungen eingeführt werden könne. Je nach der Art des
Betriebes soll für jedes Gewerk ein normaler Zeitarbeitstag von 6, 8
oder 12 Stunden festgesetzt werden und außerdem das „normale
Arbeitswerk“, welches in dieser Zeit durchschnittlich hergestellt werden
kann und hergestellt werden muß. Von dem Staate soll dann der
Lohnsatz für den normalen Werkarbeitstag festgesetzt und dies periodisch
 wiederholt werden. Der Architekt Peters hat daraufhin
„Hilfstafeln zu Preisberechnungen für Zimmerarbeiten, auf Grundlage
der durchschnittlichen Leistungen der Arbeiter“ aufgestellt, um die
praktische Durchführung zu erleichtern. Thatsächlich aber hat der
Versuch praktische Bedeutung nicht erlangt.
Rodbertus unterschied sich wesentlich von seinen Vorgängern,
Er hatte gründliche gelehrte Forschungen angestellt und war ein Idealist
im besten Sinne des Wortes. Sein Ziel war nicht Verallgemeinerung des
materiellen Genusses, um den es sich in der Hauptsache bei den älteren
Sozialisten handelt, sondern die Hebung der Kultur. Er war nicht beseelt,
 wie sein unmittelbarer Nachfolger Marx, in erster Linie von
unversöhnlichem Hasse gegen die herrschende Klasse. sondern von
        <pb n="392" />
        — 374 —

tiefem Mitleid mit der Arbeiterwelt. Er verlor über seinem schließlichen
Ideal die Wirklichkeit nicht aus dem Auge und vergaß über Zukunftsplänen
 nicht die Gegenwart. Er zeigte ein Verständnis für den modernen
Staat und seine Aufgaben. Auf seine Kinseitigkeiten werden wir noch
zurückzukommen haben.

$ 113,
b. Karl Marx.
G7. Adler, Die Grundlagen der Karl Marxschen Kritik der bestehenden Volkswirtschaft.
 Tübingen 1887.
Werner Sombart, Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx.
Arch. f. soz. Ges,, Bd. VII.
Karl Diehl, Ueber das Verhältnis von Wert und Preis im ökonomischen
System von Karl Marx. Jena 1898,
v. Böhm-Bawerk, Zum Abschlusse des Marxschen Systems. In der Festgabe
für K. Knies, 1896.
Ed. Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der
Sozialdemokratie. Stuttgart 1899.
KRud, Stammler, Wirtschaft und Recht nach der materialistischen Geschichtsauffassung.
 Leipzig 1896.
Simkhowitsch, Die Krisis der Sozialdemokratie. Jahrb. f. Nat.-Oekon. 1899
Ba. XYVYIL

Leben und
Schriften.

Karl Marx wurde 1818 zu Trier als Sohn eines jüdischen
Advokaten geboren. Er studierte in Bonn und Berlin Jurisprudenz
und Philosophie und promovierte 1841, Er beabsichtigte anfangs
sich in Bonn zu habilitieren, gab es aber auf, weil er schon damals
aine zu radikale Richtung eingeschlagen hatte, die mit dieser Stellung
unvereinbar war. Er widmete sich darauf der journalistischen Thätigkeit
 und redigierte eine Zeit lang die „Rheinische Zeitung“, aber so
oppositionell, daß dieselbe bald unterdrückt wurde; 1843 ging er nach
Paris, 1845 nach Brüssel. Schon in Paris befreundete er sich mit
Friedrich Engels, mit dem er dann fortan beständig zusammen
gearbeitet hat, und der nach seinem Tode sein Kommentator geworden
ist. Auch aus Belgien ausgewiesen, ging er zunächst wieder nach
Frankreich und siedelte 1849 nach London über, wo er bis zu seiffem
Lebensende 1863 geblieben ist. Sein Hauptwerk ist unter dem Titel
„Das Kapital, Kritik der politischen Oekonomie“ in drei Bänden in
Hamburg erschienen. Der erste Band erschien 1867, der zweite und
dritte sind aus dem Nachlaß 1894 von Engels herausgegeben. Außerdem
 nennen wir „Misere de la philosophie, röponse A la philosophie
de la misere de M. Proudhon“, Brüssel und Paris 1847, deutsch
2, Auflage Stuttgart 1892.
Marx ist unzweifelhaft durch Begabung, Energie und Dauer der
Wirksamkeit die bedeutendste Persönlichkeit der sozialistischen Litteratur,
 welche den nachhaltigsten und durchgreifendsten Einfluß auf die
Ideen und die Bewegung der Arbeiterklasse ausgeübt hat. Die scharfe
Denkkraft, mit der er sein System logisch durchgeführt hat, muß
einem Jeden imponieren, die Gehässigkeit, mit der er alle Zeitverhältnisse
 begeifert, die Hinseitigkeit, mit der er die Schattenseiten ausschließlich
 hervorhebt und durch gewaltige skrupellose UVebertreibungen
zu Gunsten seiner Auffassung verschiebt, um nicht zu sagen karrikiert,
die Willkür, mit der er Behauptungen aufstellt ohne sie zu begründen,
aber durch die Sicherheit des Auftretens dem Leser zu suggerieren
weiß, machten ihn zu dem gefährlichsten Agitator seiner Zeit, der
        <pb n="393" />
        — 375 —

namentlich in Deutschland in der wissenschaftlichen Diskussion eine
weit größere Rolle gespielt hat, als er es verdient,
Sein Hauptverdienst liegt, wie in der ganzen sozialistischen Litteratur,
 in dem scharfen Hinweis auf die Schäden der Zeit und in der
Kritik der nationalökonomischen Lehren. Als dauernde Errungenschaft
 für die Nationalökonomie wird schließlich von ihm wenig übrig
bleiben, und man wird ihn mehr und mehr hinter Rodbertus zurückstellen.
 In dem sozialistischen Lager selbst hat man bereits begonnen,
ilm mit Kritik entgegenzutreten und erhebliche Stücke seiner Lehre
abzubröckeln. Die erste philosophische Schulung gewann er durch
Hegel, dessen Einfluß er niemals ganz zu verleugnen vermocht hat,
Die Männer, die ihn in sozialistische Richtung leiteten, waren Feuerbach
 und Proudhon, von denen er sich allerdings im Laufe der
Zeit mehr und mehr abwandte, und dem letzteren trat er später sogar
heftig entgegen. Die Studien im praktischen Leben hat er hauptsächlich
 auf englischem Boden gemacht, und die Darstellung des Arbeiterelends,
 welches der Großbetrieb und die Ausbildung des Maschinenwesens
 in den ersten vier Dezennien des 19. Jahrhunderts. auf englischem
 Boden hervorgerufen, hat trotz ihrer Uebertreibungen einen
historischen Wert, .
Um Marx richtig zu verstehen, ist es notwendig, von dem „Kommunistischen
 Manifest“ auszugehen, welches er 1847 mit Engels zusammen
 ausarbeitete, um dem Bund der Kommunisten, der sich damals
 in Paris gebildet hatte, ein bestimmtes Programm zu geben. Als
Ziel wird darin aufgestellt, dem organisierten Proletariate die Staatsgewalt
 zu überantworten; in den Händen des Staates alle Produktionsmittel
 zu konzentrieren und die Produktionsverhältnisse zu organisieren.
Als Uebergangsmaßregeln zur Herbeiführung der neuen Wirtschaftsordnung
 (Grünberg, W.d. V, Art. Sozialdemokratie) durch die Diktatur
 des Proletariats werden folgende „despotische Eingriffe in das
Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse“ empfohlen:
 „Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der
Grundrente zu Staatsausgaben; starke Progressivsteuer; Abschaffung
des Erbrechts; Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen;
 Centralisation des Kredits in den Händen des Staates durch
eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol;
Centralisation des Transportwesens in den Händen des Staates; Vermehrung
 der Nationalfabriken und Produktionsinstrumente; Urbarmachung
 und Verbesserung der Ländereien nach einem gemeinschaftlichen
 Plane; gleicher Arbeitszwang für Alle; Errichtung industrieller
Armeen, besonders für den Ackerbau; Vereinigung des Betriebes von
Ackerbau und Industrie; Einwirkung auf die allmähliche Beseitigung
des Unterschiedes von Stadt und Land; öffentliche und unentgeltliche
Erziehung aller Kinder; Beseitigung der Fabrikarbeit der Kinder in
ihrer heutigen Form; Vereinigung der Erziehung mit der materiellen
Produktion ete.“
Zeigt sich hierin ein rücksichtsloser, revolutionärer Geist, der vor
keiner Gewaltmaßregel zurückschreckt, so hat sich Marx hiervon allmählich
 mehr und mehr abgewandt. Hielt er sie auch für unerläßlich,
 um, wie er sich ausdrückte, die Geburtswehen zu beschleunigen,
so legte er ihnen doch später keine große Bedeutung mehr bei, indem
er sich zu dem grundlegenden Systeme hindurcharbeitete, welches als
die „materijalistische Geschichtsauffassung“ bekannt ist. Alle Aeuße-Kommunis-


 Manifast.


Materialistische
 Geschichtsauf-
        <pb n="394" />
        - 376 —

Industrielle
Reserve-21rmee.


rungen des menschlichen Lebens werden hiernach bedingt durch die
wirtschaftlichen Grundlagen und die Organisation der wirtschaftlichen
Zustände, Die Produktionsweise des materiellen Lebens bestimmt den
sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt, und „die
jedesmalige ökonomische Struktur der Gesellschaft (bildet) die reale
Grundlage, aus der der gesamte Ueberbau der rechtlichen und politischen
 Einrichtungen, sowie der religiösen, philosophischen und
sonstigen Vorstellungsweise eines jeden geschichtlichen Zeitabschnittes
in letzter Instanz zu erklären ist.“ Die ökonomische Grundlage aber
ist beständiger Veränderung unterworfen, die sich nicht willkürlich
vollziehen läßt, sondern mit zwingender Gewalt und zwar, nachdem
die erste Entwickelungsphase überschritten ist, durch die Ausbildung
eines Gegensatzes zwischen beherrschten und herrschenden Klassen
zum Durchbruch kommt, der zu einem intensiven Klassenkampfe führt,
als Grundlage für eine allmähliche höhere Entwickelung.
Die Aufgabe, die er sich hauptsächlich gestellt hatte, ist nun, die
Entwickelungsgesetze zu finden, nach denen die Geschichte sich bisher
vollzogen hat, und welche Anhalte zur Beurteilung der Weiterentwickelung
 bieten, wenn er selbst sich auch mit der Zukunft verhältnismäßig
wenig beschäftigt. Er stellt es aber als möglich hin, daß, wie in der
Urzeit ein Klassenkampf nicht vorhanden gewesen ist, er auf der höchsten
Stufe wieder beseitigt werden kann. Und einer solchen Epoche dränge
unsere Zeit entgegen, die zu unhaltbaren Zuständen geführt habe. Die
Klassengegensätze sind durch die Ausbildung des Privateigentums
herbeigeführt, welches die Menschheit in Besitzende und Besitzlose
scheidet, wobei die letzteren durch die ersteren ausgebeutet werden.
In dem Mittelalter sei allerdings bei allgemeinem Kleinbetriebe sowohl
der Bauern wie der Handwerker die Ausbeutung noch eine geringe
gewesen, da der Besitz unbedeutend, die Produktion hauptsächlich auf
die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse gerichtet war; erst als unter
Ausbildung der Arbeitsteilung die Produktion mehr kapitalistischen
Charakter annahm, änderte sich dieses. Durch die mannigfaltigen Erfindungen
 werden immer mehr Maschinen zu Hilfe gezogen, welche die
Arbeiter teils verdrängen, teils in eine gedrücktere Lage herabsetzen,
indem sie in einzelnen großen Unternehmungen zusammengedrängt
and von einzelnen Unternehmern abhängig werden. An die Stelle der
zelbständigen Handwerker treten die Maschinenarbeiter. „Wenn die
Binführung und Vermehrung der Maschinerie Verdrängung von Milonen
 von Handarbeitern durch wenige Maschinenarbeiter bedeutet,
30 bedeutet Verbesserung der Maschinerie Verdrängung von mehr und
mehr Maschinenarbeitern selbst, und in letzter Instanz Erzeugung
ainer das durchschnittliche Beschäftigungsbedürfnis des Kapitals überachreitenden
 Anzahl disponibler Lohnarbeiter, einer vollständigen industriellen
 Reservearmee“,
Gestalten sich die Verhältnisse auch günstiger, mehrt sich die
Nachfrage nach Arbeitskräften, so kommt dieses der Gesamtheit der
Arbeiter nicht zu gute, weil die Reservearmee ihre Kräfte zur Verfügung
 stellt und dadurch die Löhne niedriger. erhält, als sie zur
Fristung des Lebens notwendig sind. Auf der anderen Seite ermöglicht
 es der Großbetrieb mit Maschinen, fortdauernd die Produktion
über den Bedarf hinaus zu forcieren, und da der einzelne Unternehmer
arbeitet, ohne die Gesamtproduktion und den Gesamtbedarf zu übersehen,
 eine jede Organisation fehlt, und nur ein wüster Konkurrenz-
        <pb n="395" />
        377 —

kampf herrscht, in dem Jeder durch möglichst billige und massenhafte
Produktion Gewinn zu erzielen trachtet, so kehren fortdauernd Absatzstockungen,
 wirtschaftliche Krisen wieder, welche periodisch das Elend
der Arbeiter noch erheblich vergrößern. Hierfür ist nicht der Einzelne
 verantwortlich zu machen, auch nicht der Staat, es vollzieht
sich dieses mit Notwendigkeit, so lange die gegenwärtige freie Konkurrenz
 und der Kapitalismus herrschen.
Der zweite Weg, auf dem Marx die Unnatur der gegenwärtigen
Verhältnisse nachzuweisen sucht, ist die Untersuchung über die Wertbestimmung
 und Lohnregulierung. Wie Rodbertus, so geht auch er
davon aus, daß der Wert aller Güter durch die zu ihrer Herstellung
erforderliche Quantität an gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit bestimmt
 werde. 10 Ellen Tuch, die 10 Stunden gesellschaftlich notwendiger
 Arbeit zur Herstellung erforderten, d. h. die bei der durchschnittlichen
 Arbeitsmethode von mittelmäßigen Arbeitern dazu gebraucht
 wurden, sind ebenso viel wert, wie vielleicht 15 Zentner
Roggen, welche einen eben solchen Arbeitsaufwand durchschnittlich
verursachen; mit anderen Worten, der Aufwand von menschlicher
Arbeitskraft, um die Dinge herzustellen, ist das gemeinsame Dritte,
mit welchem alle Güter auf ihren Wert verglichen werden können.
Er geht aber noch weiter und sagt: Ein Gut erlangt überhaupt erst
dadurch einen Wert, daß menschliche Arbeit in ihm vergegenständlicht
ist. Er unterscheidet sich aber hier von Rodbertus dadurch, daß er
die geistige Arbeit auch für werterzeugend ansicht, wie die rein physische,
Auch die Thätigkeit des Unternehmers kommt nach ihm hier ebenso
in Betracht; sie ist bei der Berechnung der Produktionskosten in Anrechnung
 zu bringen, aber allerdings nur in der gleichen Weise, wie die
die geistige Arbeit irgend eines der Beamten und Gehilfen. Wenn so
der Arbeiter in der Hauptsache den ganzen Wert der Waren erzeugt, so
ist die Konsequenz unvermeidlich, daß er auch den Anspruch auf die
von ihm erzeugte Ware oder auf den ganzen Wert derselben hat.
Hierin liegt nun nach Marx das Unrecht in der Volkswirtschaft, daß
der Arbeiter im Gegenteil faktisch stets nur einen kleinen Teil des von
ihm erzeugten Wertes erhält. Ohne Kapital vermag er seine Arbeitskraft
 nicht zu verwerten, er muß sie deshalb an den Unternehmer verkaufen,
 der das Kapital besitzt. Dieser ist nun bei dem übermäßigen
Angebot von Arbeitskräften in der Lage, ihm dafür nur so viel zu
bieten, daß er gerade sein und seiner Familie Leben zu fristen vermag.
Dazu sind vielleicht 5 oder 6 Stunden ausreichend, während der Arbeiter
gezwungen wird, 10 und 12 Stunden zu arbeiten, und das Produkt der
weiteren 5- oder 6 stündigen Arbeitszeit in die Tasche des Unternehmers
fließt. Das ist der Mehrwert, den der Arbeiter über den Lohn erzeugt,
und das ist die Profitrate, welche der Unternehmer von dem Arbeiter
erhält. Der Unternehmer hat natürlich kein anderes Interesse, als diesen
ihm zufallenden Mehrwert zu vergrößern, und dies geschieht einmal
durch Herabdrücken des Lohnes, dann durch eine wachsende Verwendung
 von Kapital. Bei dem Kapital unterscheidet Marx zwischen
„konstantem“ und „variablem“ Kapital. Das erstere besteht in den
Produktionsmitteln, welche bei dem Produktionsprozesse unverändert in
dem Werte der Ware wieder erscheinen, Das variable Kapital ist dagegen
 dasjenige, welches zur Bezahlung der verwendeten Arbeitskräfte
gebraucht wird. Dieses letztere ist es, durch welches nach Marx
allein Mehrwert erzeugt wird und welches der Unternehmer deshalh

Wertyesfimmung.


 Profitrate.
        <pb n="396" />
        — 378 —

Zunehmende
Verelendung.


Kritik.

ebenso wie die Zahl der Arbeiter zu vermehren bestrebt sein wird.
Eben deshalb liegt immer allgemeiner das Streben vor, die Unternehmungen
 zu vergrößern, eine wachsende Zahl von Arbeitern von
einem Unternehmer abhängig zu machen, während dabei zugleich die
Macht des letzteren steigt und er sie verwendet, um die Arbeitszeit zu
verlängern, sowie die Löhne so niedrig als möglich zu halten. Auf
Jliese Weise ist in der neueren Zeit der Klassengegensatz immer mehr
gestiegen und muß mit Naturnotwendigkeit auch weiter wachsen. Die
Zahl der Proletarier und die „Verelendung“ derselben wird gesteigert,
die Zahl der Besitzenden dagegen vermindert sich, und sie vereinigen
sich in Aktiengesellschaften, um dadurch den Betrieb noch weiter zu
vergrößern und zu konzentrieren. Dies führt aber nach Marx mit
Naturnotwendigkeit zu einer Katastrophe. Die übermäßig gedrückten
Volksmassen, welche die gleichen Interessen haben und den Zustand
nicht mehr ertragen können, schließen sich zusammen, reißen die
Macht an sich und nehmen die Zügel der Staatsgewalt, wie der
Produktion selbst in die Hand, indem sie sich der Produktionsmittel
bemächtigen. Gerade die Konzentrierung der Unternehmungen erleichtert
 es, dieselben in die Hand des Staates überzuführen, um damit
den Nutzen aller Arbeit der Gesamtheit in gerechter Weise zugänglich
zu machen. Damit ist dann die letzte Entwickelungsphase angebrochen,-
 welche wieder die allgemeine Harmonie herstellt.
Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, die Marxsche und die
sozialistische Lehre überhaupt einer eingehenden Kritik und Widerlegung
 zu unterziehen, das ist schließlich die Aufgabe dieses ganzen
Bandes, Nur mit ein paar Worten wollen wir darauf eingehen.
Die materialistische Geschichtsauffassung ist durch das geistvolle
Werk von Stammler „Wirtschaft und Recht“ als endgültig beseitigt
anzusehen. Die Lehre von der zunehmenden Verelendung der unteren
Klassen, die sich mit Naturnotwendigkeit in dem Zustande wirtschaftlicher
 Freiheit und auf Grund des Privateigentums vollziehen muß,
hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entschieden keine Bestätigung
 gefunden, sondern das Gegenteil ist eingetreten. Die Lage der
arbeitenden Klassen hat sich unendlich verbessert. Auf Grund der
Beobachtung englischer Zustände, wie sie namentlich in den 30 er Jahren
des 19. Jahrhunderts vorgelegen haben, ist hier von Marx und Engels
wiederum einseitig generalisiert und als unbedingt mit freier Konkurrenz
und Kapitalismus verbunden angesehen, was einem Lande unter bestimmten
 Verhältnissen eigentümlich war, und auch da nicht in dem
Maße, wie Marx es darstellt. Die letzten Dezennien haben das Entgegengesetzte
 so klar bewiesen, daß selbst innerhalb der sozialistischen
Schule (Eduard Bernstein, Dr. Schönlank) dies nicht mehr
verkannt und ignoriert werden konnte. Daß namentlich in der Landwirtschaft
 der Großbetrieb in der neueren Zeit mit dem Kleinbetrieb
nicht mehr. konkurrieren kann, die Entwickelung sich in der neueren
Zeit gerade umgekehrt, wie es Marx annimmt, vollzieht, wird gleichfalls
 immer allgemeiner (ron Vollmar) anerkannt. Thatsachen haben
mithin bewiesen, daß in der Marxschen Lehre etwas falsch sein muß,
Schon Anfang der siebziger Jahre hat Adolf Held in den
preußischen Jahrbüchern und nach ihm mancher Andere auseinandergesetzt,
 daß die Lehre von Rodbertus und Marx: nur die menschliche
 Arbeit erzeuge Wert und dieser sei nur nach der aufgewendeten
Arbeit zu messen. eine willkürliche und unhewiesene Behauptung sei,
        <pb n="397" />
        — 379 —

die in einer solchen Weise auch Ricardo ferngelegen hat. Auf diese
Behauptung aber stützt sich die Auffassung vom Mehrwert und von
der Profitrate, von der Ausbeutung des Arbeiters und der ungerechten
Bereicherung des Unternehmers. Acceptiert man die Marxsche Werttheorie
 nicht, so fällt das ganze sozialistische Kartenhaus in sich zusammen;
 und zu der Annahme derselben liegt, wie wir nachzuweisen
suchten. eine Veranlassung absolut nicht vor.

8 114.
Der Anarchismus.
Eltzbacher, Der Anarchismus, Berlin’ 1900.
E. Zenker, Der Anarchismus. Jena, 1895.
Stammler, Die Theorie des Anarchismus, Berlin 1894.
Mackay, Die Anarchisten, Berlin 1893.

Haben wir uns oben (in $ 104) bereits über das Wesen des
Anarchismus und den Gegensatz zum Sozialismus ausgesprochen, so
haben wir hier noch auf einzelne Hauptvertreter der Richtung und derer
Anschauungen näher einzugehen.
Als der Vater des Anarchismus ist unzweifelhaft P. J. Proud:
hon anzugeben. (Siehe über ihn Diehl, P. J. Proudhon, seine Lehre
und sein Leben, 3 Teile, Jena 1888—96, und Mühlbergenr, Studien
über Proudhon, Stuttgart 1891). Proudhon wurde 1809 in Besancon
unter den ärmlichsten Verhältnissen geboren und mußte sich bis zu
seinem 22, Lebensjahre seinen Unterhalt als Schriftsetzer verdienen,
Dann wurde er Litterat und suchte sich allmählich eine höhere, namentlich
 philosophische Bildung zu verschaffen. 1840 erschien veranlaßt durch
eine Preisaufgabe der Akademie seiner Vaterstadt seine erste Schrift
„Qu’est-ce que la propriete? ARecherches sur le principe du droit et
du gouvernement“, worin er das Privateigentum bekämpfte und den berühmten
 Satz aufstellte „La propriete c’est le vol“. 1846 erschien sein
Hauptwerk „Systöme des contradictions &amp;amp;conomiques‘“. Aus der großen
Zahl der späteren Schriften, in denen er zum Teil nicht unbedeutende
Modifikationen seiner früheren Ausführungen eintreten läßt, erwähnen wir
nur „Idees gönerales de la Revolution‘, 1852, worin er besonders seine
anarchistischen Anschauungen auseinandersetzt ; und das 1852 erschienene
Werk „Du principe federatif‘“, worin er wieder von den vorliegenden
Verhältnissen ausgeht und Reformvorschläge macht. Im Jahre 1848
wurde Proudhon in die Nationalversammlung gewählt, hatte aber in
seiner parlamentarischen Thätigkeit nur außerordentlich wenig Erfolg,
1849 gelang es ihm mit Hilfe seiner Anhänger eine Volksbank einzurichten,
 in welcher er durch Naturaltausch und Anweisung auf Waren
das Geld zu ersetzen suchte. Da er aber nach kurzer Zeit ins Gefängnis
wandern und damit die Leitung aufgeben mußte, ging sie nach zwei
Monaten wieder ein, nachdem die Vorbereitungen der Geschäftsthätigkeit
kaum beendet waren. Er starb in Paris 1865.
Auch Proudhon geht davon aus, daß Werte nur durch Arbeit Hauptlehren.
erzeugt werden können, und der Wert der Dinge sich allein nach der
aufgewendeten Arbeit richtet. Er greift die bisherigen national-ökonomischen
 Lehren an, daß sie diesen Grundsatz nicht genügend verwertet
 und auf der anderen Seite den Gegensatz zwischen Gebrauchsund
 Tauschwert nicht beachtet haben, indem sich überall herausstelle,
daß die Entwickelung der Gesellschaft und ihres Wohlstandes auf

Proudhon
        <pb n="398" />
        — 380 —

Anar-°histische

Anschauıncven.


einer fortdauernden Ermäßigung der Herstellungskosten beruht, während
 auf der anderen Seite die erzielten Produkte eine wachsende Bedeutung
 in dem menschlichen Leben gewinnen. In dem Zustande
wirtschaftlicher Freiheit sei in der Hauptsache die Seltenheit entscheidend.
 für den Wert, das heißt nach dem Verhältnis von Angebot
und Nachfrage, nicht aber, wie es das Natürliche sei, nach dem Anufwand
 von Arbeit. Hierdurch würden alle Uebel herbeigeführt, die
durch Arbeitsteilung, Anwendung von Maschinen zu Ungunsten des
Arbeiters verschärft würden. Die Hauptursache allen Uebels sieht er
im Gelde und im Zinse, welche den natürlichen Austausch und Darlehensverkehr
 stören, einem Teile der Bevölkerung das Uebergewicht verschaffen
 und auf Kosten des anderen ihm zu Reichtum verhelfen. Dazu
kommt das Geldlohnsystem, durch welches der Arbeiter mit zu geringem
Betrage abgefunden werde, welches wieder den Unternehmer schädige
durch die Verminderung der Kaufkraft der Arbeiter. Er suchte deshalb,
wie erwähnt, durch die Einrichtung einer Tausch- oder Volksbank unter
Beseitigung des Geldes und Zinses die natürliche Zirkulation wieder herzustellen.
 Jedem Produzenten sollte (Diehl) offenstehen, seine Produkte
gegen Tauschbons einzutauschen, z. B. ein Schuster liefert Stiefel und
erhält dafür einen Tauschbon im Betrage des Preises der Stiefel; für
diesen Tauschbon kann er in der Bank irgend welchen anderen Gegenstand
 im selben Preise erhalten. Bei der Festsetzung der Preise sollen
die Produzenten gegenseitig die auf die Waren verwendete Arbeitszeit
und die Auslagen berechnen, aber auf Gewinn verzichten. Die Preise
werden durch Taxatoren der Bank kontrolliert. Es war Proudhons
Hoffnung, daß die Volksbank allmählich immer mehr Mitglieder gewinnen
 werde, so daß schließlich alle Produzenten und Konsumenten
ihr angehören; dann sollte das Geld überflüssig sein; alle Umsätze
würden dann vermittelst jener Bons vorgenommen werden. Durch die
Volksbank wollte er aber außerdem die Unentgeltlichkeit des Kredites
arreichen.
So weit steht Proudhon auf sozialistischem Boden. Er greift
intensiv den Smithianismus an, aber ebenso den Kommunismus, welcher
die Ausbeutung des Starken durch den Schwachen in sich schließe,
wie bei dem jetzigen Kapitalismus der Schwache durch den Starken
ausgebeutet werde. Anarchistisch wird er durch Verwerfung fast aller
staatlichen Rechtsnormen, die durch das eine höchste „Gesetz der Gerechtigkeit‘“
 ersetzt werden sollen. An Stelle der bisherigen staatlichen
 Zwangsbestimmungen sollen freie Verträge zwischen einzelnen
Personen, Korporationen etc. treten. Nur der eine Zwang soll gelten,
daß alle Verträge erfüllt werden müssen; auch das Eigentum erkennt
er nur so weit an, als es auf Verträgen beruht. Als allgemeiner Grundsatz
 wird aber anerkannt, daß Jedem der Ertrag seiner Arbeit verbleiben
 solle. Den modernen Staat will er durch eine Federation ersetzen,
 das ist eine Organisation der Bevölkerung in kleinen politischen
Gruppen mit weitgehender Dezentralisation, die durch freie Verträge
ihre Verhältnisse ordnen, und wo die Zentralgewalt nur die Innehaltung
 der Verträge zu überwachen hat. In den Menschen bestehen
natürliche Triebe zur Ordnung und Gerechtigkeit, die zu einer naturgemäßen
 Harmonie führen, wie in dem Bienen- und Ameisenstaat,
wenn nicht eine willkürlich hergestellte Staatsgewalt hier schädlich
und störend eingreift. Die natürliche, harmonische Ordnung des freien
Verkehrs soll nach ihm die erwähnte Tauschbank herbeiführen und
        <pb n="399" />
        — 381 —

dadurch die Staatsgewalt das Recht auf Existenz verlieren. So will er
nicht durch Gewaltmaßregeln die bisherige Gewalt stürzen, sondern
hofft durch eine friedliche Revolution zum Ziele zu kommen.
Auf einem wesentlich anderen Standpunkt steht der extremsteM.Stirner.
Anarchist Johann Kaspar Schmidt, der unter dem Pseudonym
Max Stirner (Der Einzige und sein Eigentum. Leipzig 1845)
schrieb, Er wurde 1806 zu Bayreuth geboren, studierte in HKrlangen
und Berlin Philologie und Theologie, war bis 1844 Lehrer, dann
Litterat. War Proudhon zunächst Sozialist, so Stirner Individualist,
ja sein Anarchismus ist nichts als der auf die äußerste Spitze getriebene
 Individualismus. Er erkennt keine Pflichten, keine religiösen
Wahrheiten und keine beschränkenden Rechte an. Für einen Jeden
ist, nach Stirner, das höchste Gesetz sein eigenes Wohl. Jeder soll
nur seinem unbedingten Egoismus folgen. Niemand hat ein Recht,
einem Anderen Vorschriften zu machen und ihn in seinen Handlungen
zu beschränken. Daher ist jede Art von Herrschaft zu verwerfen und
somit auch der Staat. Wohl ist der Mensch auf ein geselliges Zusammenleben
 angewiesen, aber in der Form eines Vereins von Egoisten.
Man tritt dem Vereine bei, nicht wie bei dem Kommunismus, um sich
ihm unterzuordnen, sondern allein, um ihn für die eigenen Zwecke zu
gebrauchen, und Jeder schließt sich ihm nur so weit und so lange an,
als er ihn gebraucht. Das Eigentum verwirft Stirner völlig; es
eignet sich jeder Mensch an, was er zu erlangen die Kraft hat.
Eigentum eines Jeden ist, was man ihm nicht zu entreißen vermag,
und Jeder ist zu dem Eigentum berechtigt, zu dem er sich selbst ermächtigt.

Das Eigentum soll also nicht aufgehoben werden, es soll auch
keineswegs gleich verteilt werden. Der Eine braucht viel, der Andere
braucht wenig; womit sich ein Anderer begnügt, kann für mich ganz
ungenügend sein; ich muß deshalb soviel haben, als ich mir anzueignen
vermag. Vereine können hier das Mittel bilden, um dem Einzelnen
sein Eigentum zu sichern, aber auch Einzelnen zu entziehen, was
besser Gemeingut ist, so daß auch dieses sich ausbilden kann. Die
Umwandlung nun in den neuen Zustand kann nur durch gewaltsame
Erhebungen geschehen, Verbrechen heißt die Gewalt des Einzelnen,
und nur durch Verbrechen bricht er die Gewalt des Staates, wenn er
der Meinung ist, daß der Staat nicht über ihm, sondern er über dem
Staate stehe.
„Die Eigentumsfrage läßt sich nicht so gütlich lösen, als die Sozialisten
 und die Kommunisten meinen. Sie wird nur gelöst durch den Krieg
Aller gegen Alle.“ „Vor keiner That werde ich zurückbeben, weil ein
Geist der Gottlosigkeit, Unsittlichkeit, Widerrechtlichkeit darin wohne,
so wenig als der heilige Bonifazius von dem Umhauen der heiligen
Eiche abstehen mochte.“ „Die Gewalt über Leben und Tod, die Kirche
und Staat sich vorbehielten, ich nenne auch sie die Meinige.“ Wir
haben hier also die brutalste Form, die wir bisher beobachteten, rücksichtslos
 und extrem in den Zielen wie in den Mitteln sie zu erlangen.
Daß Anhänger dieser Lehre auch zu Verbrechen angeregt werden, liegt
auf der Hand. Thatsächlich aber ist eine solche Wirkung von Stirner
sicher nicht ausgegangen, da er bis in die neueste Zeit fast verschollen
war; und erst neuerdings, als der Anarchismus mit mehr Erfolg von
anderer Seite gelehrt wurde, erinnerte man sich, daß dergleichen schon
da gewesen wäre, und man suchte Stirner zur Vergleichung hervor.
        <pb n="400" />
        — 382 —

Bakunin.

Seine Schrift war auch nicht für die große Masse geschrieben, sondern
ist verhältnismäßig schwierig zu lesen.
Weit größeren praktischen Erfolg hatte Michael Alexandrowitsch
 Bakunin. Im Jahre 1814 im Gouvernement T'wer geboren,
wurde er 1835 Artillerieoffizier, nahm aber sehr bald seinen Abschied
und verließ 1840 Rußland. Er trug sich schon damals mit revolutionären
 Plänen, beteiligte sich 1848 in Sachsen an den Straßenkämpfen,
wurde gefangen und zum Tode verurteilt, aber an Rußland ausgeliefert,
wo er nach längerer Gefängnishaft 1857 nach Sibirien geschickt wurde.
1865 floh er über Japan und Amerika nach England. Sofort begann
ar wieder sich revolutionären Bewegungen anzuschließen und widmete
ihnen sein ganzes Leben; er starb 1876 in Bern. Von seinen
Schriften sind besonders hervorzuheben, da sie seine anarchistischen
Anschauungen am besten zusammenfassen (wir folgen hierin, da uns
die Schriften Bakunins nicht zugänglich gewesen sind, Eltzbacher):
 „Proposition motivee au comite central de la Ligue de la
Paix et de la Libert@ 1868, die Satzungen der „Alliance internationale
 de la d&amp;amp;mocratie socialiste“ 1868 und „Dieu et l’Etat“ 1871.
Ueber seine anarchistische Stellung drückt sich Bakunin sehr unamwunden
 aus. „Mit einem Worte, wir verwerfen die Gesetzgebung,
jede Autorität, jeden privilegierten, patentierten, offiziellen und legalen
Einfluß, auch wenn er durch das allgemeine Stimmrecht geschaffen
sein. sollte, in der Ueberzeugung, daß derartiges immer nur zum Vorteil
einer herrschenden Minderheit von Ausbeutern und zum Nachteil der
geknechteten, ungeheuren Mehrheit gereichen kann. In diesem Sinne
sind wir in Wahrheit Anarchisten.“ Bakunin geht von einem allgemeinen
 Entwickelungsgesetz aus, nach dem sich die Menschheit immer
mehr vervollkommnet,
„Der Mensch war ursprünglich ein wildes Tier, hat allmählich mehr
und mehr tierische Triebe abgelegt und schreitet zu einem immer vollkommneren
 Zustande vorwärts, was sich mit naturgesetzlicher Notwendigkeit
 vollzieht. Wir glauben an den endlichen Triumph der
Menschlichkeit auf Erden, wir sehnen diesen Triumph herbei und
suchen ihn mit vereinten Kräften zu beschleunigen. Die politische
Gesetzgebung gehört einer niedrigen Entwickelungsstufe an und muß
mit dem Fortschritt der Menschheit verschwinden.“ „Keine Gesetzgebung
 hat jemals einen anderen Zweck gehabt als den, die Ausbeutung
des arbeitenden Volkes durch die herrschenden Klassen zu befestigen
und zum Systeme zu erhöhen.“ So hat sie nur schädigend gewirkt,
Den Staat sieht er als ein geschichtlich notwendiges Uebel an, als eine
vorübergehende Form der Gesellschaft, er muß notwendig fallen, und
den Umschwung sieht er bereits herannahen. Die gegenwärtige Gesetzgebung
 wird dann beseitigt sein, aber ein Recht, welches auf dem allgemeinen
 Willen ruht, wird es auch später geben. Vor allem muß
jedem Einzelnen, jeder Gemeinde, jeder Provinz, jedem Volke das unbeschränkte
 Recht auf vollkommene Selbständigkeit gewahrt bleiben,
vorausgesetzt, daß die Selbständigkeit und Freiheit anderer Personen,
Gemeinden u. s. w. nicht bedroht wird. Verträge müssen erfüllt werden,
aber Rechte und Pflichten gründen sich auf Freiheit. „Das Recht
freier Vereinigung und Trennung ist das Erste und Wichtigste aller
politischen Rechte“, „Grund und Boden, die Arbeitswerkzeuge, sowie
alles andere Kapital werden auf der nächsten Entwickelungsstufe als
Kollektiveigentum der ganzen Gesellschaft ausschließlich dem Nutzen
        <pb n="401" />
        — 383 —

ler ackerbauenden und gewerblichen Vereinigungen dienen. Auch nach
Beseitigung des Staates werden die Menschen gesellig zusammen leben,
denn die vollkommene Menschlichkeit kann nur in einer Gesellschaft
erreicht werden. Nur durch gesellschaftliche Arbeit kann der Mensch die
Natur bewältigen. Von dem Joche seiner eigenen Natur wird er nur
durch Erziehung und Unterricht frei, wie sie nur in der Gesellschaft
möglich ist. Die vollkommene Menschlichkeit kann aber nur in einer
freien Gesellschaft erreicht werden. „Meine Menschenwürde besteht darin,
daß ich als Mensch berechtigt bin, keinem anderen Menschen zu gehorchen
 und nur nach eigenem Gutdünken zu handeln.“ HEine freie
Gesellschaft kann nun nicht durch Autorität, sondern nur durch Ver-Tag
 zusammengehalten werden. Die natürlichen Bedürfnisse, Neigungen
und Bestrebungen der Menschen müssen die Grundlage für eine neue
Organisation, an Stelle der alten bieten. Das Privateigentum in seiner
jetzigen Ausdehnung gehört nur der tieferen Entwickelungsstufe an.
An Konsumtionsmitteln wird es auch weiter bestehen, im übrigen aber
muß es beseitigt werden und zwar bald, denn die gegenwärtigen Klassengegensätze,
 die das Privateigentum erzeugt hat, sind bereits unhaltbar
geworden. Sind die Produktionsmittel Kollektiveigentum der ganzen
Gesellschaft geworden, so ist der Ertrag seiner Arbeit jedem Arbeiter
gewährleistet, und „Die Gerechtigkeit muß der neuen Welt zur Grundlage
 dienen; ohne sie keine Freiheit, kein Gedeihen, kein Friede“.
„Der Kollektivismus der künftigen Gesellschaft erfordert keineswegs
die Errichtung irgendwelcher höchsten Gewalt. Im Namen der Freiheit,
 auf die allein sich eine wirtschaftliche wie eine politische
Organisation gründen kann, werden wir immer gegen alles Einspruch
erheben, was auch nur von ferne dem Kommunismus oder Staatssozlalismus
 ähnlich sieht.“ „Ich will die Organisation der Gesellschaft
und des Kollektiv- oder Gesellschaftseigentums von unten nach oben
durch die Stimme der freien Vereinigung, nicht von oben nach unten
rermittels irgendwelcher Autorität.“
Der Uebergang in die neueste Entwickelungsphase wird nach
Bakunin durch eine soziale Revolution erfolgen, die durch die Macht
der Dinge herbeigeführt werden wird, aber sehr wohl beschleunigt und
arleichtert werden kann. „Die Revolution wird nicht gegen Menschen,
sondern gegen Verhältnisse und Dinge wüten.“ „Blutige Revolutionen
sind dank der menschlichen Dummheit manchmal notwendig, doch sind
sie immer ein Uebel, ein ungebeures Uebel und ein Unglück, größtes
Unglück, nicht nur.in Anbetracht der Opfer, sondern auch um. der
Reinheit und Vollkommenheit des Zieles willen, in dessen Namen sie
stattfinden.“
Im Gegensatz zu Stirner ist hier ein idealer Grundzug nicht
zu verkennen, Es wird nur der Menschheit zugemutet, was sie nie
and nimmer zu leisten vermag, geschweige denn, daß sie schon jetzt,
wie Bakunin meint, dafür reif wäre. Noch mehr ist das‘ von
Kropotkin zu sagen, unzweifelhaft der hervorragendsten Persönlichkeit
der ganzen Richtung, die aber noch‘ ganz der Gegenwart angehört.
Ueber seinen Entwickelungsgang hat er in seinen Memoiren ausführlichen
 und höchst interessanten Aufschluß gegeben. Seine Anschauungen
hat er besonders in den folgenden Schriften niedergelegt: Paroles d’un
r&amp;amp;volte, 1885 und La conquöte du pain, 1892. Sie sind ausführlich
and klar von Eltzbachera, a. O. S. 125 u. w. zusammengefaßt. Wie
in der ganzen Natur, so ist auch in der menschlichen Gesellschaft nach
        <pb n="402" />
        — 384 —

seiner Auffassung eine fortdauernde Bewegung und Entwickelung vorhanden,
 die zu einer immer größeren und allgemeineren Glückseligkeit
der Menschheit führt. Der gegenwärtige Zustand ist noch ein sehr
unvollkommener, der aber durch Evolution und Revolution sehon in
nächster Zeit und allgemein in den vollkommneren des Anarchismus
übergeführt werden wird. Zwar erfolgt dies mit zwingender Gewalt
von selbst, aber doch kann der Mensch den Uebergang vorbereiten und
beschleunigen, was ohne Gewalt maßregeln allerdings nicht möglich ist.
Aus dem christlichen Grundsatz: „Thu’ den Andern so, wie Du
willst, daß Dir in gleichem Falle geschähe“, den er zum ÄAusgangspunkt
 seiner Lehre nimmt, folgert er die Notwendigkeit unbedingter
Gleichheit, Billigkeit, Solidarität und Gerechtigkeit. Den jetzigen Staat,
die vorhandene Gesetzesordnung sieht er als ein Hemmnis der Entwickelung
 zu einem vollkommneren, glücklicheren Dasein der Menschen
an, da sie nur einem kleinen Teil derselben zu gute kommen und nur
bestimmt seien, die Privilegien Weniger zu schützen. An die Stelle
der herrschenden Rechtsinstitutionen soll ein Gewohnheitsrecht treten,
dessen Grundlage der Satz zu bilden hat, daß „Verträge erfüllt werden
müssen“ und daß Jeder „ein Recht hat, behaglich zu leben.“ „Durch
das Bedürfnis eines Jeden nach Mitarbeit, Hilfe und Zuneigung“ und
durch die Furcht vor Ausschließung aus der Gemeinschaft, event. aber
auch durch das Eingreifen der einzelnen Bürger würden die Rechtsnormen
 leicht genügend geschützt werden. KEiner Staatsgewalt bedürfe
es dazu nicht, denn alle Formen derselben verfallen bald der Entartung
 und werden gemißbraucht. Die gewählte Volksvertretung ist
dabei nicht besser, als ein Despot. „Freie Entfaltung der Einzelnen
in Gruppen und der Gruppen in Vereinigungen, freie Gliederung vom
Einfachen zum Zusammengesetzten nach Bedürfnis und Neigung“ werden
nach ihm harmonisch das gesellige Zusammenleben der Menschen in
der neuen Gesellschaft gestalten, und kein Zwang wird nötig sein, um
den Einzelnen zur Erfüllung der freiwillig eingegangenen Verträge und
der Pflichten gegenüber der Gesellschaft anzuhalten. Privateigentum
wird völlig beseitigt und durch Gesamteigentum ersetzt, also „kommunistischer
 Anarchismus“ ausgebildet. „Den ganzen aufgehäuften
Reichtum hat die Arbeit der Gesamtheit erzeugt, die des heutigen
Geschlechts wie aller früheren“. .... „Diese Maschine, die von Dir
erfunden und für Dich patentiert ist, trägt die Arbeit von fünf oder
sechs Geschlechtern in sich; sie hat einen Wert nur als Teil des
ungeheuren Ganzen, das wir die Industrie des neunzehnten Jahrhunderts
nennen. Schaffe Deine Spitzenklöppelmaschine zu den Papuas nach
Neuguinea und sie ist wertlos“. .... „Mit welchem Recht kann sich
da irgend Jemand den geringsten Bruchteil dieses ungeheuren Ganzen
aneignen und sagen: dies gehört mir und nicht Euch?“ ,.. „Man
hat zwischen dem Kapital, das zur Gütererzeugung dient, und demjenigen,
 welches die Notdurft des Lebens befriedigt, unterscheiden
wollen und gesagt, die Maschinen, Fabriken und Rohstoffe, die Transportmittel
 so wie Grund und Boden seien bestimmt, Eigentum der
Gesamtheit zu werden, dagegen würden die Wohnungen, die bearbeiteten
Stoffe, die Kleider und Lebensmittel Privateigentum bleiben. Diese
Unterscheidung ist irrig und undurchführbar. Das Haus, das uns beschützt,
 die Kohle, ... die Nahrung, die Kleidung, ... ja sogar das
Vergnügen, das wir genießen, alles das ist wesentlich für unser Dasein
und gerade so notwendig zur erfolgreichen Produktion und zur Weiter-
        <pb n="403" />
        . 8385 -

entwickelung der Menschheit, wie Maschinen, Fabriken, Rohstoffe und
sonstige Produktionsfaktoren. Mit dem Privateigentum an jenen Gütern
würden Ungleichheit, Unterdrückung und Ausbeutung bestehen bleiben;
und halbe Beseitigung des Privateigentums wäre von vorne herein in
ihrer Wirkung gelähmt.“
Er führt des Näheren aus, wie er sich die kommunistische Produktion
denkt.% Zunächst soll das Notwendigste produziert werden, wozu, da
Alle circa vom 20,.—50, Jahre zu arbeiten verpflichtet sind, 5 Stunden
am Tage genügen. Jeder kann die Gruppe wählen, an der er sich
beteiligen will, vorausgesetzt, daß sie notwendige Dinge schafft. Für
den Rest der Zeit mag Jeder sich mit wem er will, zu wissenschaftlicher
 oder künstlerischer Erholung vereinigen. An der Produktion
soll sich Jeder beteiligen nach seinen Kräften, an dem Ertrage nach
seinen Bedürfnissen, da Jeder behaglich leben soll. Wo Ueberfluß
vorhanden ist, steht Jedem zu benutzen beliebig frei. Was nur beschränkt”zur
 Verfügung steht, wird nach Rationen verteilt.
Der Uebergang kann, nach ihm, sich nur durch eine Revolution
vollziehen. „Aber auf das Werk der Zerstörung wird ein Werk der
Neugestaltung folgen.“ Den Moment des Zusammenbruchs aller gegenwärtigen
 Verhältnisse sieht er als nahe bevorstehend an, da er die
Zustände als unhaltbar, die Bevölkerung für die neue Gesellschaft reif
ansieht.

8 115.
Die neuere realistische Richtung.
Schon in den vierziger Jahren entwickelte sich auf deutschem
Boden eine Richtung, welche sich eben so sehr der alten klassischen
Schule des Smithianismus wie der des Sozialismus entgegenstellte und
in der Beurteilung der gegenwärtigen Entwickelungsphase im Staatsleben
 trotz mannigfaltiger Gegensätze bis zum heutigen Tage maßgebend
 geblieben ist, Ihre Hauptvertreter sind Bruno Hildebrand,
Karl Knies und Wilhelm Roscher, deren Schriften wir im
Laufe unserer Untersuchungen oft begegnet sind. Wir halten es nicht
für unsere Aufgabe, in dieser historischen Uebersicht auf diese Männer,
in deren Fußtapfen wir unmittelbar getreten sind, besonders einzugehen,
In der wissenschaftlichen Methode ist die Schule als die „historische“
bekannt und hat als solche eine extremere Fortbildung zur „neueren
historischen“ Schule, wie sie durch Schmoller begründet ist, erfahren.
 Sie ist bekämpft von der durch Carl Menger gegründeten
Wiener Schule. Die Gegensätze beider Schulen haben sich aber allmählich
 mehr und mehr ausgeglichen.
Es war eine natürliche und notwendige Reaktion gegen den
Smithianismus, daß man auf die Notwendigkeit einer gründlichen
Untersuchung der historischen Entwickelung des Wirtschaftslebens aufmerksam
 machte. Auch Adam Smith und Malthus hatten nicht
umhin gekonnt, Belege für ihre Ansichten aus der Geschichte heranzuziehen.
 Vieles davon erwies sich als unrichtig oder schief. Man erkannte,
 daß es unmöglich war, die Arbeiterverhältnisse richtig zu beurteilen,
 ohne eine Vergleichung mit den früheren Zuständen und eine
Ergründung der Ursachen der Veränderungen durchzuführen. Sozialistische
 Schriftsteller, wie Saint- Simon, ein Realpolitiker wie Friedrich
List stellten Gesetze für die historischen Vorgänge im Wirtschaftsleben
Conrad, Grundrifs der volit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl. 25

Die alte
ıistorische
Schule.

Notwendigkeit
 wirt-‚chaftshisto-


Torschune.
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        — 386 —

Auffassung
der wirtschaftlichen

Naturyesetze,


auf, wobei ihnen die nötige Uebersicht fehlte und sie zu unhaltbaren
Ergebnissen kamen. Es ergab sich daraus die Notwendigkeit, größere
Sorgfalt auf das historische Studium zu verwenden. Es hatte daher
diese historische Richtung ihre unbedingte Berechtigung. Dasselbe
ergab sich aus der Kritik des Sozialismus. Unzweifelhaft hat die
sozialistische Schule ihre außerordentlichen Verdienste, wie schon
früher hervorgehoben, sowohl für die praktische Sozialpolitik, wie für
die Wissenschaft. Schärfer als von irgend einer anderen Seite ist von
den sozialistischen Schriftstellern die Einseitigkeit des Smithianismus
nachgewiesen, und sind die Bedenken des Prinzips „Laissez faire, laissez
passer“ hervorgehoben. Aber ihre ganze Bedeutung lag eben in der
Kritik. Die Smith’sche Schule setzte sich völlig über den historischen
Entwickelungsgang hinfort und wollte das ganze Wirtschafts- und Staats-Jeben
 auf eine völlig neue Basis stellen, ohne an die bisherigen Zustände
 anzuknüpfen, Sie zeigte sich daher noch mehr unhistorisch als
die Smithsche Schule, Auch dem gegenüber war es nötig, auf die
Geschichte hinzuweisen, die allein zunächst eine Gesundung in den
Anschauungen herbeiführen konnte.
Die alte Schule glaubte allgemein gültige wirtschaftliche Naturzesetze
 gefunden zu haben. Die Beobachtung ergab, daß jene sogejannten
 Gesetze nur Regeln waren mit Geltung für eine bestimmte
Zeit und einen bestimmten Boden. Der ältere Sozialismus trug wesentlich
Jazu bei, diese Auffassung zu erschüttern, und setzte klar auseinander,
daß viele der als gesetzlich angenommenen Vorgänge nur einer bestimmten
 Klassenherrschaft entsprängen und daher wohl beseitigt
werden könnten. Er ging darin aber wiederum zu weit, als willkürlich
 anzusehen und die Beseitigung zu verlangen, wo es sich um Institutionen
 handelte, die einmal der menschlichen Natur analog sind
und dann, wie sich aus der Geschichte erweisen läßt, als Grundlage
unserer gesamten Kultur acceptiert werden müssen, wie das Privateigentum
 und die individuelle Freiheit. Infolgedessen erwies es sich
als notwendig, die Natur des Menschen selbst näher zu studieren, die
psychologischen Momente genauer zu berücksichtigen. Das ist nun in
der neueren Zeit sowohl von der Wiener wie von der Berliner Schule
anerkannt, und die Arbeiten speziell von Schmoller zeigen, welch
gründliches Studium er gerade der Philosophie zugewendet hat. Sein
neuestes Werk behandelt in dem bis jetzt nur vorliegenden ersten Teil
die Grundlagen der Volkswirtschaft, gleichwohl wird es durch die Vertiefung
 der Untersuchung und gerade die philosophisch - historische
Durchführung, sowie die besonders von Bücher erfolgreich begonnene
Heranziehung ethnologischer und anthropologischer Forschungen, als
ein bedeutsamer Fortschritt unserer Wissenschaft zu bezeichnen sein,
Ein abschließendes Urteil, ob es ihm gelingt, ein neues Gebäude aufzurichten,
 muß nach Vollendung des Werkes vorbehalten bleiben. Er
tritt hauptsächlich in die Fußstapfen von Knies, geht aber weit über
ihn hinaus,
Durch die neuere vermittelnde Richtung ist zu allgemeiner Anerkennung
 gebracht, daß es die Aufgabe unserer Wissenschaft nicht ist,
allgemeine Naturgesetze in dem Wirtschaftsleben zu ermitteln. Denn
dasselbe ist viel zu kompliziert, überall wirken eine so große Zahl von
Faktoren zusammen, daß die Isolierung nur ganz vereinzelt möglich
ist. Auf der anderen Seite ist die Grundlage desselben, der Mensch
mit seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten, fortdauernd solchen Ver-
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        — 387 —

änderungen unterworfen, daß jede Kulturstufe andere Erscheinungen
zeigen muß, und dieselben natürlichen Ursachen, dieselben politischen
Momente, dieselben gesetzgeberischen Maßregeln in durchaus verschiedener
 Weise zu wirken vermögen,
Damit ist auch die Grenze der Bedeutung historischer Forschung
für die politische Oekonomie gegeben, und es tritt klar zu Tage, daß
sie allein unsere Wissenschaft nicht zu fördern vermag. Wir haben
es mit einer praktischen Wissenschaft zu thun, deren Aufgabe ist, die
gegenwärtigen wirtschaftlichen Vorgänge, wie sie sind, darzulegen und
in ihrem Zusammenhange zu erklären, dann auf Grund dieser Thatzachen
 Schlüsse für die Aufgaben von Staat und Gesellschaft zu ziehen.
Deshalb ist von der Gegenwart auszugehen und die Geschichte
heranzuziehen, soweit sie zur Erklärung der Gegenwart notwendig ist.
Sie ist, wie wir schon an anderer Stelle dargelegt haben, erst in
zweite Linie zu stellen. Das geschah auch in der Hauptsache von
der älteren historischen Schule, erst die neuere ist darüber hinaus gegangen
 und hat den Schwerpunkt ‘nationalökonomischer Arbeit in
archivalische Untersuchungen gelegt, die als historische ihre außerordentliche
 Bedeutung haben und als Bausteine für die Zukunft dankbar
 zu acceptieren sind, die außerdem — das ist nicht zu unterschätzen
 — ein vorzügliches Mittel zur Schulung der jüngeren Gelehrten
bilden. Aber die Zustände in alter Zeit sind von den unsrigen viel
zu verschieden, als daß sich davon Ausreichendes für das Verständnis
der Gegenwart gewinnen ließe. Die Geschichte muß für die politische
Oekonomie nur eine Hilfswissenschaft bleiben, die letztere darf
aber nicht in der ersteren aufgehen.
Man hat der historischen Schule vorgeworfen, daß sie nur fördernd Stellung zur
auf die Theorie zu wirken gesucht und die Volkswirtschaftspolitik ver- Volkswirtnachlässigt
 habe; und richtig ist es, daß seit Rau eine systematische Schafts-Bearbeitung
 der Volkswirtschaftspolitik erst in dem Schönbergschen Politik,
Handbuch zu finden ist, dann von Philippovich in seinem Grundiß
 geboten wurde; ebenso daß Roscher erklärte, die Aufgabe der
Wissenschaft nur in der Darstellung zu sehen. Aber er erstreckte
diese Darstellung doch auch ausdrücklich auf die Gesetze und Anstalten,
 welche zur Förderung der Volkswirtschaft bestimmt sind,
und zwar in den verschiedenen Ländern; er schloß daran die Untersuchung,
 wie dieselben gewirkt haben und suchte durch die Vergleichung
 der Verhältnisse der verschiedenen Länder ein kritisches
Urteil daraufhin zu ermöglichen. Er vermied es allerdings, auf
schwebende Tagesfragen einzugehen und mit einem eigenen Urteil
darüber hervorzutreten. Das hat aber auch seine vollständige Berechtigung.
 In den Lehrbüchern soll nur zusammengestellt werden,
was einigermaßen als wissenschaftlich abgeschlossen und als dauernde
Errungenschaft der Zeit anzusehen ist, nicht aber, was nur rein
hypothetisch zu behandeln ist. Wenn man außerdem erwägt, daß auf
allen deutschen Kathedern seit Dezennien die praktische Nationalökonomie
 vorgetragen wurde und dieses auch von den Vertretern der
alten historischen Schule geschah, und dabei berücksichtigt, daß gerade
 solche Vorlesungen in anderen Ländern bis in die neueste Zeit
hin fast vollständig gefehlt haben, so wird man jene Beschuldigung,
daß die historische Schule nur einseitig theoretisch vorging, als völlig
unbegründet zurückweisen müssen, Der zweite und dritte Band des
Roscherschen Lehrbuches enthalten das Material in überreicher Fülle,
DR
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        — 388 —

Wiener
Schule.

Zerücksichäügung
 des
ethischen
Momentes.

am sich über die praktischen Aufgaben der Zeit genügend zu informieren.
Daß aber die neuere historische Schule in derselben Weise vorgegangen
ist, bedarf keiner weiteren Ausführung, und der beste Beleg dafür
war die (jründung des „Vereins für Sozialpolitik“ im Jahre 1872, der
sich zur Aufgabe stellte, dem freihändlerischen Treiben des „volkswirtschaftlichen
 Kongresses“ entgegenzutreten, durch gründliche, rein
wissenschaftliche Untersuchungen der wirtschaftlichen Zustände und
Drucklegung derselben zur Klärung der Anschauungen beizutragen
and durch öffentliche Diskussionen über die gesetzgeberischen Aufzaben
 in Deutschland die extrem liberalen Anschauungen zu bekämpfen.
Er stellte es sich zur besonderen Aufgabe, das Eingreifen der Staatszewalt,
 namentlich zum Schutze der unteren Klassen, als notwendig
nachzuweisen, und damit unmittelbar in das praktische Leben einzuzreifen.
 Die Gründer dieses Vereins waren hauptsächlich Dozenten
der Nationalökonomie, und unter ihnen auch die Hauptführer der
neueren historischen Richtung, Ja wir gehen einen Schritt weiter und
behaupten im Gegensatze zu der gewöhnlichen Auffassung; daß die
nistorische Schule weit mehr für die Volkswirtschaftspolitik als für die
Nationalökonomie geleistet hat, und daß sie ihre hauptsächliche Berechtigung
 gerade darin zu finden vermag, daß für die Fortbildung der
Gesetzgebung das Studium der historischen Entwickelung unerläßlich ist.
Die Theorie haben in der neueren Zeit auf deutschem Boden hauptsächlich
 Männer wie Neumann, Adolf Wagner, Dietzel u. a.
wesentliich gefördert, dagegen nur wenig die Historiker. Das ist hauptsächlich
 darauf zurückzuführen, daß sie der deduktiven Methode, dann
dem Ausbau der Begriffsdefinitionen, ein zu geringes Interesse, ja man
kann sagen, Mißachtung (Adolf Held, Brentano) entgegenbrachten,
jbwohl die Feststellung der Grundbegriffe naturgemäß die erste Aufzabe
 für eine jede Wissenschaft ist, wofür in der jungen Disziplin der
oolitischen Oekonomie noch unendlich viel zu thun ist, und Deduktion
ei keiner wissenschaftlichen Forschung entbehrt werden kann. Nach
lieser Richtung ist besonders die Wiener Schule, die sich die exakte
ıennt, (Carl Menger, von Böhm-Bawerk, Wieser u. a.) er-‘olgreich
 aufgetreten, der wir wesentliche Anregung und Aufklärung über
verschiedene theoretische Fragen verdanken. Die Wiener Schule geht
von dem einzelnen Menschen in seiner Isoliertheit aus und sucht aus
seiner Natur die wirtschaftlichen Handlungen zu erklären und vorauszubestimmen.
 Sie hat bewiesen, daß sich dadurch wichtige Aufschlüsse
 über komplizierte Vorgänge im Wirtschaftsleben gewinnen
assen, aber ebenso, daß man damit allein nicht auskommt. Sie hat
zerade der Volkswirtschaftspolitik im ganzen nur wenig Aufmerksamzeit
 zugewendet, schon mehr der Finanzwissenschaft. So ergänzen sich
ıeide Richtungen in vortrefflicher Weise.
Die Adam Smithsche Schule trennte in ihrer Untersuchung das
wirtschaftliche Leben von dem politischen und sozialen. Wir sahen,
laß dem gegenüber schon Sismondi mit Nachdruck hervorhob, daß
Jas ethische Moment dabei zu kurz gekommen sei und eine richtige
Beurteilung wirtschaftlicher Fragen nur möglich ist, wenn der Mensch
als gesittetes Kulturwesen aufgefaßt wird, dessen Handlungen ebenso
von ethischen Rücksichten geleitet werden, wie von denen der materiallen
 Bedürfnisbefriedigung. Diesen Anschauungen ’schloß sich auf
Jas Entschiedenste Bruno Hildebrand an. Sie sind in der ganzen
neueren deutschen Schule grundlegend gewesen. Hiermit steht im
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        _- 389

engsten Zusammenhange die Auffassung des Staates und seiner Aufgaben.

Wie gleichfalls bereits Sismondi im Gegensatz zum Smithianismus
 dem Staate höhere Kulturaufgaben stellte, die Harmonie zwischen
Privat- und Gesamtinteresse leugnete und das Eingreifen der Staatsgewalt
 zum Schutze des Schwächeren in dem allgemeinen Konkurrenzkampf
 für unumgänglich notwendig erachtete, so stand auf diesem
Boden voll und ganz die alte historische Schule und dann die ganze
neuere deutsche Richtung. Sie tritt aber damit in einen entschiedenen
Gegensatz zum Sozialismus, daß sie sich auf die Grundlage des Individualismus
 stellt, die individuelle Freiheit und Selbständigkeit im
allgemeinen als etwas Selbstverständliches voraussetzt und nur als
Ausnahmen durch Gesetzgebung und Verwaltungsmaßregeln Schranken
aintreten lassen will. Die Erkenntnis hat sich immer allgemeiner
durchgerungen , daß die höheren Kulturzwecke nur durch den Staat
arreicht werden können, dem damit wieder eine höhere Stellung mit
idealeren Aufgaben gegeben ist, als sie die alte Schule anerkannte,
Auf der anderen Seite wird dem Menschen nicht das Aufgeben seiner
Individualität und Menschenwürde und ein völliges Aufgehen im Staate
zugemutet, wie es der Sozialismus verlangt. Die neuere sozialpolitische
oder realistische Schule perhorresziert deshalb mit besonderer Schärfe
das schrankenlose Sich-Selbst-Ueberlassen des Einzelnen, wie es der
Anarchismus erstrebt, und acceptiert den modernen Staat, um das
Zurückfallen in das Chaos und die Versumpfung in den kulturlosen
Zustand zu vermeiden. Sie erkennt als das zu lösende Problem an:
die Individualität der Einzelnen zur vollen Entwickelung zu bringen
und in möglichster Freiheit das Gefühl der Selbstverantwortlichkeit in
jedem Mitgliede der Gesellschaft zu pflegen, aber doch die gesamte
Kultur in erster Linie zu fördern, das Interesse des Kinzelnen stets
dem Gesamtinteresse unterzuordnen.

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namentlich in Deutschland in der wissenschaftlichen Diskussion eine
weit größere Rolle gespielt hat, als er es verdient, en |
Sein Hauptverdienst liegt, wie in der ganzen sozialistischen Litteratur,
 in dem scharfen Hinweis auf die Schäden der Zeit und in der
Kritik der nationalökonomischen Lehren. Als dauernde Errungenschaft
 für die Nationalökonomie wird schließlich von ihm wenig übrig
bleiben, und man wird ihn mehr und mehr hinter Rodbertus zurückstellen,
 In dem sozialistischen Lager selbst hat man bereits begonnen,
ihm mit Kritik entgegenzutreten und erhebliche Stücke seiner Lehre
abzubröckeln, Die erste philosophische Schulung gewann er durch
Hegel, dessen Einfluß er niemals ganz zu verleugnen vermocht hat,
Die Männer, die ihn in sozialistische Richtung leiteten, waren Feuerbach
 und Proudhon, von denen er sich allerdings im Laufe der
Zeit mehr und mehr abwandte, und dem letzteren trat er später sogar
heftig entgegen. Die Studien im praktischen Leben hat er hauptsächlich
 auf englischem Boden gemacht, und die Darstellung des Arbeiterglends,
 welches der Großbetrieb und die Ausbildung des Maschinenwesens
 in den ersten vier Dezennien des 19. Jahrhunderts auf englischem
 Boden hervorgerufen, hat trotz ihrer Uebertreibungen einen
historischen Wert.
Um Marx richtig zu verstehen, ist es notwendig, von dem „Kom- Kommunismunistischen
 Manifest“ auszugehen, welches er 1847 mit Engels zu- tisches Manisammen
 ausarbeitete, um dem Bund der Kommunisten, der sich da- fest.
mals in Paris gebildet hatte, ein bestimmtes Programm zu geben. Als
Ziel wird darin aufgestellt, dem organisierten Proletariate die Staatsgewalt
 zu überantworten; in den Händen des Staates alle Produktionsmittel
 zu konzentrieren und die Produktionsverhältnisse zu organisieren,
Als Uebergangsmaßregeln zur Herbeiführung der neuen Wirtschaftsordnung
 (Grünberg, W. d. V. Art. Sozialdemokratie) durch die Diktatur
 des Proletariats werden folgende „despotische Eingriffe in das
Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse“ empfohlen:
 „Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der
Grundrente zu Staatsausgaben; starke Progressivsteuer; Abschaffung
des Erbrechts; Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen;
 Centralisation des Kredits in den Händen des Staates durch
eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol;
Centralisation des Transportwesens in den Händen des Staates; Vermehrung
 der Nationalfabriken und Produktionsinstrumente; Urbarmachung
 und Verbesserung der Ländereien nach einem gemeinschaftlichen
 Plane; gleicher Arbeitszwang für Alle; Errichtung industrieller
Armeen, besonders für den Ackerbau; Vereinigung des Betriebes von
Ackerbau und Industrie; Einwirkung auf die allmähliche Beseitigung
des Unterschiedes von Stadt und Land; öffentliche und unentgeltliche
Erziehung aller Kinder; Beseitigung der Fabrikarbeit der Kinder in
ihrer heutigen Form; Vereinigung der Erziehung mit der materiellen
Produktion ete.“
Zeigt sich hierin ein rücksichtsloser, revolutionärer Geist, der vor
keiner Gewaltmaßregel zurückschreckt, so hat sich Marx hiervon allmählich
 mehr und mehr abgewandt. Hielt er sie auch für unerläßlich,
 um, wie er sich ausdrückte, die Geburtswehen zu beschleunigen, U
so legte er ihnen doch später keine große Bedeutung mehr bei, indem Matorialiser
 sich zu dem grundlegenden Systeme hindurcharbeitete, welches als «hiehteauf.
die „materialistische Geschichtsauffassung“ bekannt ist. Alle Aeuße- fassung.

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